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Der U4z-Schienenersatzverkehr-Blues

Vorausgeschickt: Bei den Wiener Linien funktioniert fast alles fast immer gut.

U4 gesperrt vom Karlsplatz bis zur Längenfeldgasse! Oh Schreck! Schienenersatzverkehr vom 1. Juli bis 2. September. Die U4-Teilsperre würde mich direkt betreffen, hatte ich doch gerade einen Schrebergarten in den Hügeln von Hütteldorf gepachtet.
Diese Aufzeichnungen habe ich nach der ersten Woche begonnen, also nach 14 mal hin und zurück vom Karlsplatz mit dem U4z zur Längenfeldgasse und weiter mit der alten U4 nach Hütteldorf. Und zurück.
Aber heute, nach der 66. Fahrt im U4z des Schienenersatzverkehrs, bin ich begeistert, gratuliere allen Planern, Mitarbeitern und uns Wienern zu solchen Verkehrsbetrieben. Die Fahrt ist übrigens kostenlos.

Die WL haben ein lückenloses Leitsystem eingerichtet auf der wahrscheinlich wichtigsten Touristenlinie in diesem Sommer, zum Schloss Schönbrunn und zum Tiergarten. Überall stehen Mitarbeiter, verteilen Flyer und antworten geduldig. Sie sind an jeder Station präsent. Wie sie „Schienenersatzverkehr“ den deutschen Gästen ausdeutschen oder gar in die anderen Hauptsprachen übersetzen, das blieb mir bislang verborgen. Die Busse fahren nonstop, kreisen wie ein Perpetuum mobile. Niemand wartet länger als drei Minuten. In diesem heißen Sommer besonders angenehm – die meisten Busse sind gekühlt und nie überfüllt. Wer nicht ein notorischer Meckerer ist, kommt gut durch. Für mich ist die Strecke etwa fünfzehn Minuten länger als mit der normalen Durchfahrt auf der U4 – Busse haben nun mal Ampeln und andere Verkehrsteilnehmer.

Alles im Leben ist eine Frage der Perspektive. Dieses Prinzip der systemischen Theorie beweist sich wieder einmal auf den Fahrten mit dem Uvierzet. Sie haben mir viele neue, ungeahnte Einblicke und spannende Ausblicke eröffnet. Und Pläne: Ich weiß, was ich tun werde und nie wieder tun sollte.
Geschätzte 45 Jahre bin ich, von der Autobahn kommend, über die Westeinfahrt in den 4. Bezirk gefahren, mit dem Auto. Für die Autolenker stehen natürlich der Verkehr, die Ampeln, Fußgänger, Bodenzeichungen und Abzweigungen im Fokus. Der Blick reicht meist nicht weiter hinaus als über die Ampeln, Schilder, parkende Autos und bei den Gebäuden vielleicht noch bis zum 1. Stock. Aha, muss ich mir merken, vielleicht zwei Sekunden auf ein neues indisches Lokal. Ein Blick mit Scheuklappen wie ein Fiakerpferd.
Immer war ich sicher, ich könnte blind oder schlafend von Auhof zum Karlsplatz kommen.
Nachdem ich jetzt also 66 mal diese Strecke im Bus sitze, habe ich den Verdacht, dass ich früher immer blind durch diese Bezirke gebraust bin. Dazu gestehe ich, dass ich vorher noch nie in meinem Leben in der Station Längenfeldgasse ausgestiegen bin und dort das Licht der Oberwelt erblickt habe.

Ich versuche immer, einen erhöhten Sitz ganz hinten zu ergattern. Ein Rundumausblick auf die beiden Wienzeilen, die Schönbrunner Straße, die Hannover Straße und den Naschmarkt.
Ob hin oder zurück: Für mich ist die Baustelle ein Glücksfall. Aber sie macht mich auch schwindelig. Ein neuer Kontinent hat sich aufgetan. Ein Genuss, dieser unverstellte Blick auf die Prachtgebäude ohne das Gewusel unten am Markt. An der Station Karlsplatz beim Marc-Aurel-Denkmal neben der Sezession gellen Kinderschreie durch den Bus: Löwen, leoni, lwi! Die Eltern in allen Sprachen: Wart nur, bald siehst du lebendige im Zoo.
Werden wir Wiener auch bald in Käfigen ausgestellt?

Kurz nach der Station Längenfeldgasse biegt der Bus auf die Schönbrunner Straße. Das ist der 12. Bezirk. Ich weiß nicht, wo es in Wien noch so einen vernachlässigten Straßenzug gibt.
Fast alle Häuser sind räudig und von unbestimmter dunkelgrauer Farbe. Die Farbe Grün in Form von Bäumen und Büschen scheint hier vollkommen unbekannt zu sein. Vom U4z-Bus aus geschätzt, sind mehr als die Hälfte der Straßenlokale geschlossen, schon sehr lange, weil vielfach von vergilbten, zerfetzten Plakaten und Grafitti verunziert, manche sind zum Kauf oder zur Miete angeboten, die begonnenen Renovierungsarbeiten verfallen schon wieder, die Gerüste sind verrostet und windschief. Man hat das Gefühl, dass kein einziges Haus einen ansieht, alle blind.
Wo bin ich? In Harlem? Fensterlose Lokale bieten Thai-Massage, Ironfist, Osman-Tattoo oder eine türkische Taxischule Arslan an. Dazwischen ein verstaubter Mini-Laden von Nadel und Zwirn, in dem tatsächlich Zwirnsfäden und Nähnadeln im Fenster hängen. Genauso traurig der verdorrte Oleander-Busch davor. Eine Autobelehnung „BARGELD SOFORT!“ macht mit grellen gelb-schwarzen Plakaten Reklame und ist so einladend wie ein Wespennest.

Jetzt schon im oberen 5. Bezirk, wo er noch nicht Bobo ist. Das Jugendberatungszentrum und der Pensionistentreff sehen so düster aus, als bekämst du die Probleme erst, wenn du sie betrittst. Der Clean-Green-Waschsalon hätte beides bitter nötig, außen und innen, ist aber gut besucht. Der Sex-Shop Alpha bietet Gummiwaren an – mit Massenrabatt. Zum Rudelpudern? Der Schanigarten des Funny Colombo mit Srilanka-Küche hinter einer mickrigen Thujen-Hecke ist brechend voll. Albaner, Pakistani, Chinesen, Vietnamesen – alles gibt es, nur kein einziges Wiener Eckbeisl mehr, keine einzige Gastwirtschaft. Wo gehen all die Alkis des 12. und 5. Bezirks jetzt hin?

Sogar die Monopolisten, die Spars, Billas und Hofers, sehen in dieser Bandlwurmstraße mickriger aus als anderswo. Die Schilder mit ihren Logos sind kleiner, und ihre Sackerl drehen sich nicht. In den Fenstern sind keine bunten Leckereien ausgestellt, sondern die Rückseiten von Regalen mit den Rückseiten von Konservendosen und Klopapierpackungen.
Solches hab ich zuletzt im untergegangenen Ostblock gesehen. An den Kinderwägen der Einheitszeltfrauen hängen mindestens noch drei Kinder, auf den Rollern nie weniger als zwei. Aber wenn der U4z kurz nach dem Margaretengürtel hält, bemerke ich zum ersten Mal, wie breit und weitläufig die Grünanlagen sind: dichter, dunkler Schatten über den Wiesen, die Bänke voll besetzt mit Menschen aus der ganzen Welt, Wiesenlager mit Hügeln aus Kopftüchern und bunten Kleidern aus Subsahara: Kindergewusel, Hunde, Rad- und Rollschuhfahrer, Hängematten zwischen den Bäumen, pulsierendes, südliches Leben mitten in der Stadt.

Hallelujah, ich muss nicht auf die Donauinsel zum Afrika-Fest und teuren Eintritt bezahlen. Einfach nur einmal auf den Margaretengürtel! In den Käfigen herrscht rasender Basketball-Betrieb hinter einer gigantischen Mann-Brot-Reklame-Wand. Manche der jungen Athleten dürften sich schon zu Mannschaften zusammengefunden haben, denn die Spieler tragen einheitlich grüne oder orange Leiberl. Rundum Publikum. Ich schwör es mir, einmal steig ich aus und sehe diesen Super-Sportlern zu. Phantastisch, diese Akrobatik und Begeisterung. Warum spielen sie nicht in der NBA? Wann werden sie entdeckt?
Nichts ist ganz wirklich und sicher, fahre ich doch nur in einem Bus durch diese Straßen und sehe so viel, wie wenn ich mich durch die TV-Kanäle zappen würde.

Neue Blicke, neue Gefühle, neue Pläne. Früher im Auto, dann im Untergrund, waren die Fahrten immer nur davon bestimmt, geradlinigst und schnellstens aus der Stadt raus oder nach Hause zu kommen. Plötzlich taucht eine neue Welt dazwischen auf. Die Zwischenwelt des U4z. An einer Ecke am Margaretengürtel hat er eine neue Station. Ich, auf meinem Hochsitz mit einem Rundumblick, nehme zum ersten Mal ein wunderschönes, schmiedeeisernes Eingangstor wahr. Ich kann mich gar nicht daran sattsehen und mache mit meiner Kamera Fotos. Ein Kleinod an einem verwahrlosten Haus mit verstaubten Antiquitäten in den Auslagen. Nach so vielen Stops dort kenne ich alles und habe ich mich in eine Jugendstillampe verliebt. Aber leider: Vorübergehend geschlossen – und das schon sieben Wochen.
Weiter rein in den 5. Bezirk. Mein Blick geht an den Gebäuden hoch: Viele haben ausladende Fassaden und Dachlandschaften, Türme und Türmchen mit Zinnen, Kuppeln, Erkern, Säulen, Figuren, Halbreliefs und Balkonen, alle stilvoll übereinstimmend renoviert und die Dächer mit Sonnenpaneelen versehen. Wie ein Senkrechtschnitt durch die Gedärme der Stadt.

Die Fahrten vom Karlsplatz hinaus zur Längenfeldgasse haben mir, von meinem Hochsitz aus, dank des U4z neue Ein- und Aussichten gewährt. Zwischen Kettenbrücken- und Pilgramgasse steht unten in der Baustelle ein wahnsinnig hoher und wahrscheinlich sehr starker Kran. Er ist pink, aber so was von pink, wie es nichts gibt in ganz Wien. Die Rosa-Lila-Villa gegenüber wirkt dagegen sehr blass mit ihren abgeblätterten Fassaden.
Vom Bus aus sehe ich zum ersten Mal in den Schacht der U4 hinunter und die schreienden, viele Meter langen Grafitti-Malereien an den Wänden. Phantastische Gemälde. Ich hoffe, jemand macht eine Dokumentation. Dazu noch Aufschriften für Fußballclubs in allen Sprachen Osteuropas. Kracowia und Crvena zvezda Beogr. Es geht zu schnell, ich habe noch immer nicht alles entziffert, geschweige denn fotografiert. Ich frage mich, wie diese Sprayer-Künstler dorthin gelangen konnten.

Dass der von mir geliebte Rüdigerhof einen schönen, nicht ganz so spektakulär ausgestalteten Zwilling hat, habe ich noch nie wahrgenommen, weil der Autofahrer in der Linkskurve von der Wienzeile in die Hamburgerstraße abbiegen muss. Ein Haus weiter werde ich wie vom Blitz getroffen, vom Hanna-Hof, einem dotterblumengelben fünfstöckigen Haus mit Schmuck, aufgebaut wie eine Hochzeitstorte. Erst die Baustelle und mein Hochsitz im U4z geben den Blick frei auf diese gelungene Ménage à trois. Und auch auf das Open-Air-Lager der osteuropäischen Internationale von Obdachlosen (OIO), die mit ihren Hunden unter den Bäumen den Schatten genießen. Einer improvisiert auf der Ziehharmonika, andere schlafen im vergilbten Gras ihren Rausch aus.

Als Autofahrerin konzentrierst du dich auf die Rechte oder Linke Wienzeile, als U-Bahn-Fahrerin bist du eben unten. Nun, als U4z-Benutzerin, siehst du plötzlich die dem Wienfluss zugewandten Seiten der Gebäude. Welch Wunder, es gibt begrünte Pawlatschen und Balkone mit phantastischen Gittern und Säulen, üppige Dachgärten und Baumstreifen die ganze Linie entlang. Ich kannte bisher nur den Garten um den Rüdigerhof. Irgendjemand sollte eine Tour anbieten, nach dem U4z, und zu Fuß.

Dann das akkustische Vergnügen: den asiatischen Touristen zuzuhören, wie sie um die Aussprache Kettenbrückengasse ketblga und der Längenfeldgasse legefega ringen.
Wie anfangs gesagt: Es funktioniert alles fast immer gut: Aber einen Vorschlag für die Wiener Linien hätte ich gehabt: eine akkustische App für die Aussprache von Karlsplatz einzurichten. Er hat mit rlspl sagenhafte fünf Konsonanten hintereinander. Die Russen machen ihn einfach zum Kalplaz. Auch für Schönbrunn – Shen-blun – und Hietzing. Mit arabischer, chinesischer oder russischer Phonetik. Gizig, Gizig?, fragen die russischen Touristen, weil sie ja kein H haben und NG nicht aussprechen können. Shen-blun-Shen-blun? Wie oft habe ich das in diesem Sommer gehört.
Nur das Fragezeichen scheint allgemeinmenschlich zu sein. Alle haben ihre Handys fest im Griff, keine Ahnung, in welcher Transkription sie Kettenbrückengasse, Margaretengürtel und Längenfeldgasse auf den Schirm und in die Ohrstöpsel bekommen. Die Länge dieser Namen wird nur Touristen aus Wales nicht überanstrengen. Über Hietzing hinaus zur Braunschweiggasse fährt ohnedies kein Tourist. Die arabischen Gäste lassen gleich alles weg: Leflstr? Schnbrnn? Der Naschmarkt ist einfach, wird zu Naschma, sogar Aschma und Nama sind verständlich. Die Chauffeure nicken zu allem freundlich und bleiben immer cool. In der Station Schönbrunn leeren sich die U-Bahn-Waggons meist vollständig.

Einmal mache ich einen spontanen Ausritt in den Schlosspark, was ich bis an mein Lebensende bedauern werde. Ich war seit den Kindertagen meiner Tochter nicht mehr dort. Mir kommen Zweifel, ob die Rosen hier noch von Bienen bestäubt werden. Ich kann beim besten Willen keine Rosen entdecken, denn jeder Rosenstrauch ist von mindestens zehn Chinesen umringt, die mit ihren Handys fotografieren und einander danach in Massen-Selfies ablichten. Gibt es in China keine Rosen? Ich habe immer gedacht, diese Gewächse stammen ursprünglich von dort. Vielleicht hören sie aus den Stöpseln in ihren Ohren, dass schon Kaiserin Sisi hier gewandelt ist und auf die Rosen geschaut hat.

CHINESEN, DIE AUF ROSEN STARREN. Manche Mädchen verkleiden sich blitzschnell in Sisis, für die Fotos und Videos, die gelbe Torte des Shen-blun im Hintergrund. Einmal werde ich wortlos, aber gestenreich eingeladen mitzuposieren. Offenbar eine seltene Eingeborene. Eine Aborigine. Auf welchen Kanälen des www werde ich erscheinen? Ich fühle mich so wohl und zu Hause wie wahrscheinlich die Exoten immer schon im nahen Tiergarten. Vielleicht kriegen wir auch noch Gitterstäbe. (Wie der Panther von Rilke, eh schon wissen.)

Nach siebeneinhalb Wochen mit dem U4z bin ich trotz allem hauptsächlich glücklich und dankbar. Mit dem Anfang am Karlsplatz bis zum Kaiserschloss und zurück durch die Slums rund um die Schönbrunner Straße: Welches Bild von Wien bekommen diese Besucher aus aller Welt? Was erfahren sie über uns? Ich habe keine Ahnung. Aber von mir weiß ich: Ich habe mich in den U4z verliebt und werde ihn vermissen, wenn am 2. September die renovierte U4 wieder öffnet. Für mich wieder normal 17 Minuten vom Karlsplatz nach Hütteldorf, oder jetzt sogar noch schneller. Wir sollten den WL dankbar sein, dass sie zwei Monate lang kostenlose Führungen durch unbekannte Teile von Wien geboten haben. Und durch unsere Seelen.

30.8.19

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 19111

Aufgeb’m tuat ma an Briaf

Es kummt wohl für jed’n – einmal so a Zeit
Wo einfach nix glatt geht – und di nix mehr g’freut
Z‘erst strampelst und denkst dir – des kann’s ja net sei
Machst halt einmal Pause – und steigst wieder ei

Aber’s geht net, aber’s geht net – es hat ja kein Sinn
Da kannst di am Kopf stell’n – jetzt streikt die Maschin

Da fahrst auf der Autobahn – und bist no guat drauf
Und dann drängen s’ und blinken s’ – und fahr’n dir fast auf
Bis’s vorn wo an Crash gibt – und die Geg’nfahrbahn gafft
Und dei Tank ist bald leer und – im Handy kein’ Saft

Warum geht nix, warum geht nix – was is da vorn g’schehgn
Du hast seit aner Stund
– ka Bewegung mehr g’sehgn

Du baust an dein’ Häusl – am Samstag in Ruah
Da geht der Zement aus – und der Baumarkt hat zua
Jetzt denkst dir, beim Nachbarn – da burgst dir an aus
Aber der ist beim Heurig’n – und es ist niemand z’haus

Jetzt geht nix mehr, und du hast – an hilflos’n Zurn
Du kannst nimmer weiter – und der Tag ist verdurb
m

Es geht wohl bei jed’n – amal etwas schief
Damit dir was einfallt – denk alternativ
Oder drah die G’schicht um – weil des warat ja g’lacht
Und von dera Seit’n – hast es eh noch nie g’macht

Und auf einmal geht alles – du bist wieder guat drauf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf

Robert Müller

Dieser Text ist auch als Song zu hören, vertont und gesungen von Jimmy Schlager.

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 19110

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Zwischen Ernst und Sarkasmus. Anne Mary Evans / George Eliot zum 200sten Geburtstag am 22. November 2019

Und hätte sie nur diesen 1871 erschienenen Roman geschrieben, wäre ihr doch ein herausgehobener Platz im englischen Literaturgeschehen des 19. Jahrhunderts sicher. Sie besaß ihre Stellung bereits zu Lebzeiten, wenn auch naturgemäß nicht unwidersprochen, und sie behielt sie bis dato: Gerade dieses Buch soll erst vor wenigen Jahren von zahlreichen Anglisten zum besten seiner Epoche gerechnet worden sein.
Der Autorin eignende gesellschaftliche Unstimmigkeiten von mehrfacher Selbstbenennung bis zu einer «wilden Ehe», die als Makel ihren Ruf im puritanischen Umfeld erheblich beeinträchtigten, wirken aus heutiger Sicht kaum mehr kompromittierend. Und doch spielten diese Rankünen durchaus eine literarische Rolle, denn zum einen benutzt sie immer wieder von neuem ein männliches Pseudonym, vornehmlich den George Eliot, zum anderen verarbeitet sie aus einem deutlichen Beobachterinnenstatus heraus das Verhalten der bürgerlichen Sozietät in ihrem Werk.

Einen gedanklichen Hintergrund stellte ihre Beziehung (über Richard Owen) zu den «Freidenkern» dar, der zu ihrer Übersetzung von D.F. Strauß und L. Feuerbach ins Englische führte. Ihr geht indessen missionarischer Eifer ab: Bei einzelnen beschreibenden Passagen des Buchs weiß man nicht recht, inwieweit die Bewertungen nun effektiv im direkten wörtlichen Sinn gemeint sind oder doch nicht ganz so ernst: britischer Humor eben.

Das hier im Fokus stehende oder besser: liegende Opus hat es wahrlich in sich: Schon äußerlich beindrucken die gut 1100 Seiten (im «normalen» Buchformat). Über die ganze Länge wird eine übersichtliche Gruppe der Handelnden in kleinstädtischem Umkreis und begrenztem zeitlichen Rahmen weniger Jahre vorgestellt; Abweichungen (wie eine Romreise) erscheinen nur peripher, freilich als spezifisch figurenbezogen verifiziert. Obwohl die Vorgänge sich verweben, verwirren sie sich kaum und bleiben über die gesamte Abfolge übersichtlich.
Demgemäß legt die Autorin den höchsten Wert der Ausführungen auf die Entwicklungen ihrer Gestalten, in denen, mittels eines ungeachtet der laufenden Erzählung deutlich auktorialen Sich-Hineinversetzens, nachdrücklich die innere Haltung das Handeln bestimmt. Konsequent stehen diese Personen abwechslungsweise im Fokus der Erzählung, einzelne – nicht zuletzt Frauen – in ihrem im doppelten hintergründigen Sinnieren und somit als eigentliche Handlungsträger herausgehoben.

Wobei sich die Roman-Handlung primär auf die Beziehungswelten, zu Sachfragen ebenso wie zu den Mitmenschen, bezieht und in zahlreichen Dialogen zu Wort kommt. Hierin zeigt die Autorin, wie erheblich sie von den vorangehenden anderen spezifisch femininen Sichtweisen in der englischen Literatur beeinflusst ist, etwa von Jane Austens älteren antipodisch aufgebauten Entwicklungsromanen und namentlich der Brontë-Schwestern jüngeren romanhaften Zuspitzungen. Indem sie noch zu der Schwestern-Generation gehört (!), ist es kaum ein Zufall, wenn Anne Mary Evans beim Schreiben trotz des erheblichen zeitlichen Abstands sich in etwa die selbe Epoche vornimmt. Dadurch erweisen sich (im heutigen Rückblick aus Mitteleuropa) viele inhaltliche Abhandlungen als in hohem Maß für die 1830er Jahre zeitgebunden, so insbesondere der Dauerschatten der Parlamentswahl im Gezerre von Torys und Whigs sowie die Frage medizinischer Forschung jenseits akademischer Institutionen.

Dass die Personen nicht nur in Verhaltens-, Sprach- und, kaum vermeidbar, Kleidungsfragen, sondern letztlich in ständigen ständischen Beziehungs- und Zuordnungsfragen stark dem Milieu und Jahrzehnt verquickt verbleiben, erstaunt beim Lesen demnach weit weniger. Andererseits, und darin liegt ein spürbarer Unterschied, beurteilt A.M.E. resp. G.E. die damalige Gesellschaft eben aus der Distanz von vier Jahrzehnten: Wobei die Gegenwart der streng viktorianisch geprägten Epoche von der Autorin offenbar nur graduell verstanden wird.
Zumindest auf diese Weise erklärt sich (für mich) der Untertitel A Study in Provincial Life, «Studie» dabei als Tableau in der (notwendig?) ausschnittsweisen Komposition verstanden und den Sinn des Haupttitels erheblich beeinflussend: Middlemarch, eine fiktive Kleinstadt Mittelenglands, die das erwünschte Spektrum an Aktivitäten ermöglicht, während zugleich das leicht erreichbare London den direkten Bezugsspiegel erlaubt. Eigentlicher Hauptträger des Geschehens ist somit der Kern einer Mittelschicht mit «Ausfransungen» nach oben und unten, die trotz aller Aktualitäten sich auf dem Marsch in eine spätere Jetztzeit (siehe noch einmal das Datum der Publikation) befindet.

Aus diesem Blickwinkel erscheint des Volumens Umfang nicht zu groß, obwohl im Verlauf des Lesens manches zumindest für heutige Nichtengländer etwas langatmig scheint, während umgekehrt der Schluss als Ausblick auf das Werden der Hauptfiguren etwas arg abrupt wirkt. Beides hingegen ist beileibe nicht auf dieses Buch beschränkt, man nehme sich nur einmal Thomas Manns Zauberberg vor (für den er sich den Nobelpreis erhoffte).
Es scheint also aus sozialphilosophischer Sicht durchaus eine gewisse Ausführlichkeit nötig, soll die Study nicht in eine akademische Abhandlung abgleiten, sondern in einen lebensvollen Bericht in der allzu menschlichen Atmosphäre weniger Jahre münden und in einer einfühlsamen, die jeweiligen Handlungsweisen in ihrer Bindung an Zeit, Raum und persönlichen Eigenheiten in literarischer – gut und gerne lesbarer – Schilderung verbleiben. Überdies liegt in der ansatzweisen Vorwegnahme (um im Angelsächsischen zu bleiben) späterer Entwicklungen wie Henry James’ feingliedrig-feinsinniger Schilderungen oder Virginia Woolfs innerem Monolog ein weiterer hoher Wert von Anne Mary Evans Werk.

Rund ein Jahrzehnt zuvor, 1860, veröffentlichte sie – nach journalistischer und Rezensionstätigkeit und dem (eher späten) literarischen Beginn mit Kurzgeschichten in Zeitschriften – einen zweiten, bereits sehr umfangreichen und erfolgreichen Roman Die Mühle am Floss (Anm.: Floss ist weder Floß noch Schreibfehler, sondern der Fluss-Name). Er gilt ebenso als eines  d e r  klassischen Bücher Englands. Im Grunde genommen finden sich bereits die Charakteristika des Hauptwerks von A assoziative Gedankengänge über F fiktionale aber konkret erlebbare Handlungsstätten, G starke Gewichtung inneren bürgerlichen Empfindens bis Z durch eine frühere Handlungsepoche zeitbedingte äußere Einwirkungen.
Die Palette der Personen bleibt enger als in Middlemarch, handelt es sich doch im Grunde genommen um einen Familienverband, wird aber zugleich eingehender herausgearbeitet.

Der Ernst des in sieben Teilbüchern intensiv geschilderten Werdegangs vor allem aus der Sicht eines Geschwisterpaars – vom Leben im Wohlstand über den Nieder- bis zum Untergang (darin cum grano salis ein Vorläufer von Manns Buddenbrooks) – erweist sich in der durchdringenden Darstellung, der lebensphilosophischen Auslegung, in der minutiösen Wiedergabe der Reaktionen von allerhöchster Intensität. In die weibliche Hauptfigur Maggie soll viel Autobiographisches eingeflossen sein; womöglich deshalb sind der sarkastische Unterton und die spitzfindigen (manchmal kapriziösen, manchmal bissigen) Randbemerkungen gar nicht zu überlesen – nicht zuletzt auch, weil hier die Autorin noch da und dort als auktoriale Erzählerin in Ich-Form Kommentare zum Verhältnis von gestern und heute einschiebt.
Der in der und für die Entstehungszeit wohl gerade aus seiner facettenreichen Aufführung resultierende «packende» sozial aufbereitete Durchblick in einer Mischung von Darstellung der sich entwickelnden Gegebenheiten einer- und von steter eingehender Bewertung der Ereignisse andererseits erweist sich für eine nicht «irgendwie» enger mit Britannien verbundene Leserschaft allerdings als etwas überdetailreich-ausholend, und an dieser deutlichen Temporeduktion kann die, die Gesellschaft aufspießende spitze Feder nicht viel ändern.

In die Zwischenzeit (1860 – 1871) fallen in dichter Folge zahlreiche Romane, und es schließen sich bis 1876 (vier Jahre vor ihrem Tod) weitere an, sie erreichen die darstellerische Dichte, die zielorientierte Durchführung, die eingehende Erschließung der beiden hier vorgestellten Werke aber im Großen und Ganzen nicht unbedingt.

[Insbesondere liegen dem Essay zugrunde: G.E., Die Mühle am Floss, übersetzt von Eva-Maria König, Stuttgart 1983/2000 Reclam UB 2711; G.E., Middlemarch, übersetzt von Irmgard Nickel, Leipzig 1979/Köln 2010.]

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 19109

Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersere im Winter

Der Wörthersere im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108