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Der Gefangene von Schloss Weyerburg

Nachdenken über Rache, die Fälle Skripal, Litwinenko, Beresowski u.v.a.

Es ist eine dunkle, stürmische Novembernacht des Jahres 1717. Vier Kutschen rasen aus der Reichshauptstadt hinaus durch die Ebene nach Norden. Die erste, ein Militärtransporter mit schwarzem Doppelgespann von kräftigen Rössern, ist voll besetzt mit Soldaten. Die zweite eine reichverzierte Staatskarosse, die dritte Kutsche ist mit schwarzen Tüchern verhangen, auf dem Kutschbock sitzen Soldaten, und auch auf den Trittbrettern sind ungarische Husaren postiert. Die vierte ist so wie die erste ein Armeetransporter. Eine geheime Staatsaktion. Wer versteckt sich in diesem seltsamen Begleitzug zu nachtschlafener Zeit? Warum diese Eile? Was ist das Ziel der Fahrt?

Dahinter verbirgt sich eines der monströsesten Kapitel der an Schrecknissen wahrlich nicht armen Geschichte Russlands. Die Verfolgung und die Ermordung des Zarewitsch durch seinen eigenen Vater, Peter den Großen. Der Familienkonflikt beginnt schon in der Kindheit. Peter erkennt früh, dass Alexej von Natur aus missraten ist und stellt ihm strenge Erzieher zur Seite, die ihm aber nichts beibringen außer Duckmäuserei, Verstellung, Heuchelei und Intrigenspinnen. Alexej will nichts lernen, interessiert sich nicht für Politik und Militär, was dem Zaren am meisten am Herzen liegt. Ausschließlich die Religion hat es ihm angetan, beeinflusst von seiner frommen Mutter. Er versenkt sich in katholische Mystiker wie Thomas von Kempten und liebäugelt einmal mit den geächteten Altgläubigen, einmal mit dem verhassten Katholizismus.

In seiner Umgebung treiben sich allerhand zwielichtige Popen herum, die ihn gegen die Reformen seines Vaters aufstacheln. Er gefällt sich darin, dass ihn das Volk als wiedergekehrten Demetrius feiert. Bald vermutet der Zar Verschwörungen gegen sich und schickt den Zarewitsch auf Reisen. Gegen seinen Willen wird er mit einer hässlichen, protestantisch-deutschen Prinzessin verheiratet, die er ignoriert, wenn er sie nicht misshandelt. Sie stirbt nach nur fünf Jahren Ehe, nachdem er die Schwangere getreten und eine Treppe hinuntergestoßen hat.
Er nimmt sich eine Mätresse ins Haus, huldigt Völlerei und Sauferei im Palast und in den Vorstädten. Dort sammelt er das Moskauer Volk um sich im Widerstand gegen die neue Hauptstadt und Peters Staatsumbau. Bald droht ihm der Vater an, ihn von der Thronfolge auszuschließen, ihm seine Mätresse zu nehmen und ihn ins Kloster zu schicken. Seine verstoßene Mutter hat Peter schon früh nach Susdal zu den Nonnen verbannt. Als Alexej sie einmal heimlich besucht und Peters Spione das herausfinden, bestraft er den Sohn derart mit Prügeln und Auspeitschen, dass der nur knapp überlebt.

In seiner Not flüchtet der Zarewitsch zu Kaiser Karl VI. nach Wien. Der kann den lästigen Gast nicht einfach abweisen, weil Alexej über seine verstorbene Frau Charlotte von Braunschweig-Wolffenbüttel mit den Habsburgern verwandt ist. Verkleidet als polnischer Offizier Kremenetzky steigt er zusammen mit seiner Mätresse Afronisia, einer leibeigenen Bauernmagd, ihrem liederlichen Bruder und einem idiotischen Diener im Gasthof zum Schwarzen Adler beim Freihaus ab. In Breslau, Frankfurt/Oder, Dresden und Prag hat er sich noch als Oberstleutnant Kochanowski mit Frau und Bediensteten ausgegeben. Es ist zehn Uhr abends, der Vizekanzler Schönborn ist schon im Schlafrock und will sich zu Bett begeben, als „Kremenitzky“ hereinstürmt, sich auf die Knie wirft, zittert und stottert, Speichel fließt aus dem Mund, und ihn anfleht, dass der Kaiser ihn vor dem schrecklichen Vater und Herrscher retten soll. Es ist der 10. November 1717.

Kaiser Karl VI. erteilt seinem Vizekanzler Schönborn den Befehl, den ungebetenen Gast schnellstens verschwinden zu lassen, möglichst ohne Spuren und Wissen anderer. Graf Friedrich Karl Schönborn hat zwei Jahre zuvor eine Burg im Weinviertel erstanden, die Weyerburg in der Nähe von Hollabrunn. Das ist nur eine kurze Strecke von der Hauptstadt entfernt, die Burg ist schwer befestigt, hat dicke Mauern und tiefe Keller, Verliese und Tunnelsysteme. Die Umgebung ist nur dünn besiedelt, und es konnte gut sein, dass niemand etwas von diesem Gast mitkriegen würde. Der Kaiser hat sich noch nicht endgültig entschieden, wie er sich gegenüber der Forderung des Zaren, den Flüchtling auszuliefern, verhalten soll.
Peters Botschaft ist eindeutig: Sollte der Kaiser seinem Wunsch nicht nachkommen, würde er seine Truppen in die österreichischen Länder Böhmen und Schlesien verlegen. Oder sich den ungehorsamen und verräterischen Sohn selbst holen. Also Krieg. Staatskrise. Blamage vor ganz Europa. Für Karl eine ganz besonders unangenehme Lage. Also, der Schönborn soll sie lösen. Ab nach Weyerburg, den Flüchtling dort lebendig begraben und Gras über die Sache wachsen lassen. Habsburgisch.

Der Zarewitsch soll sich in einer schönen, ruhigen Weinviertler Burg ausrasten, nicht zuletzt braucht auch die schwangere Afronisia Erholung. Alexej und seine bunte Entourage werden in die Weyerburg verfrachtet. Wie beschaulich die Ruhepause war, ist nicht bekannt, sie dauerte aber nicht länger als sechs Wochen.
Karl hat nicht mit dem unaufhaltbaren Zorn und Rachegelüsten des Zaren gerechnet. Der lässt nicht locker und schickt seine Agenten nach Wien. Sie sind reichlich mit Geld und Spitzeln ausgestattet und können einen Bediensteten in der Hofburg bestechen. Bald tauchen fremde Gestalten um die Weyerburg auf. Es ist klar, Alexej ist dort nicht mehr sicher. Der Zar bombardiert den Kaiser mit Briefen und mit immer dreisteren Forderungen und Drohungen.

Wieder ein geheimer Transport bei Nacht und Nebel, diesmal in die Festung Ehrenberg in Tirol. Eine uneinnehmbare Burg auf einer einzeln stehenden Felsnadel ohne Zugang in einer unwirtlichen Berglandschaft.
Die Bewohner werden über Körbe an Seilen versorgt. Sogar trainierte Falken und Seeadler werden eingesetzt, um notwendige Güter über Ehrenberg abzuwerfen. Alexej und seine Gesellschaft hausen in Felszellen mit Gittern vor den Fenstern. Es nützt alles nichts. Peters Jäger und Spürhunde nehmen die Fährte auf. Die Geheimdienstoffiziere Wjesselowski, Rjumanzew und Tolstoj sind unermüdlich und fintenreich. Wieder können sie einen Referendar der Hofkanzlei bestechen und erfahren, dass Alexej in Tirol verborgengehalten wird. Karl will keinen Krieg wegen einer Person, die für ihn nicht wichtig ist und die er verachtet, er will jeden Skandal vermeiden und nicht zum Gespött Europas werden.

Im Bezirk Reutte werden die Menschen schon unruhig, weil so viele fremde Gestalten auftauchen. Sie schleichen um die Burg herum und machen die ganze Gegend unsicher. Zwielichtige Personen treiben sich herum, mit falschen Pässen jüngstens Datums, fraglicher Nationalität und verteilen Geld. Russische Spione wollen den Zarewitsch entführen, berichtet der Staatssekretär Kühl, für einen Beamten ungewöhnlich aufgeregt, nach Wien.
Die Feste in Tirol ist nicht mehr sicher.
Große Achtung vor Peters Jagdaktionen hat der Kaiser nicht. Zorn steigt in Karl hoch, und er fühlt sich in seiner Ehre gerührt. So schreibt er an Prinz Eugen von Savoyen auf Französisch:
Keiner dieser barbarischen Moskowiter soll sich des Zarewitschs bemächtigen oder Hand an ihn legen. Diese Schurken – und das sind diese Moskowiter allesamt – sind zu allem fähig.
Bei Prinz Eugen denkt er natürlich an die Armee.

Am liebsten wäre ihm, wenn der Sohn die Verzeihung des Vaters erlangen könnte und schreibt in diesem Sinne an Peter.
Kaiser Karl denkt nach und wendet sich an den Vizekönig von Neapel, den Grafen Daun. Sie beraten sich miteinander.
Du Daun, ich hab da eine russische Wanze im Pelz. Der missratene Sohn vom moskowitischen Peter. Barbaren, Barbaren durch und durch. Hast du dort irgendetwas, wo ich diese Ratte verschwinden lassen kann. Nicht wirklich wichtig, aber sehr lästig. Wanze, Laus, Moskowiter eben.

Ja, Daun hat etwas. Das Schloss Sant'Elmo auf einer Felseninsel im Golf von Neapel.
Von Mantua an sind die Jäger ganz nahe an den Flüchtlingen, von Station zu Station. Bis nach Neapel, bis nach Sant‘Elmo. Daun tut, was er kann, aber die Agenten belagern die Burg und bestechen halb Neapel. Peter droht in endlosen Briefen an Kaiser Karl weiter und immer intensiver. Einmal kündigt er sogar an, von Petersburg aus durchzumarschieren bis nach Neapel, um sich seinen Sohn mit der Armee zurückzuholen. Sein heiliges Recht, als Vater und Alleinherrscher, wie er meint. Der Vater- und Staatsverräter muss gerichtet werden. Was kann mich aufhalten? Karl knickt ein. Für einen Trottel und Unhold wie Alexej, den missratenen Zarensohn, will er nicht mehr riskieren. Schließlich gelingt es Peters Agenten, die schwangere Afrosinia zu kaufen, die Alexej zur freiwilligen Rückkehr bewegen kann. Sie verrät ihren Liebhaber. Was man ihr bei Widerstand alles angedroht hat, kann man sich leicht vorstellen.

Das Ende ist so unendlich schrecklich, dass die russische Geschichtsschreibung darüber hinweggeht, die die Romanows in eine ungebrochene Geschichtstradition stellt. Unter Putin, der sich gern als moderner Peter sieht, ist das wieder besonders modisch geworden.

Peter holt schließlich seinen Sohn aus Sant‘Elmo heraus, mit Hilfe der Spione und von falschen Versprechungen auf Verzeihung und Milde. In Moskau wirft er ihn ins Gefängnis, lässt ihn foltern und unterzieht ihn einem grausamen Prozess. Dann darf ihn die Kirche öffentlich aburteilen. Eines Tages liegt Alexej tot in seiner Zelle. Herzversagen. Manche sagen, Peter, der Vater, hat ihn eigenhändig stranguliert. Auch die Rechtmäßigkeit dieser Art von Bestrafung lässt er von der Kirche absegnen. Er richtet ein pompöses Begräbnis aus und gleich danach ein Volksfest mit Feuerwerk, Zirkus, Flüssen von Freibier und Wodka. Die Moskowiter dürfen auf Alexejs Grab tanzen.

23.3.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18144

Ich bin halt ein Kriegskind

Als älterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach.

Nein, das wird keine rührselige Lebensgeschichte – die hat schließlich jeder. Aber schön langsam ist auch die Gruppe der „Zeitzeugen“, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausdünnen – und ich will die menschlichen (psychischen, soziologischen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Zeit beschreiben, damit deren Kenntnis nicht verloren geht, bzw. damit man diese unsere Generation besser versteht.

Erstaunlicherweise haben wir es gut gehabt – nicht in den ersten paar Lebensjahren, aber dann. Mein 1969 geborener Sohn hat einmal gesagt, er beneidet mich um „meine“ Zeit. Und tatsächlich: Wir haben – beginnend mit den 50er-Jahren – einen jahrzehntelangen Aufstieg erlebt. Es schien geradezu sicher, dass wir keinen Krieg mehr erleben werden, dass es mit der Wirtschaft und damit unserer sozialer Sicherheit, den Gehältern und Lebensumständen immer bergauf gehen, das Leben immer besser werden wird. Überall gab es steigende Konjunktur, Wirtschaftswachstum, neue Erfindungen, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen (kürzere Arbeitszeit, mehr Urlaub, mehr Einkommen) etc. Immer mehr gute Straßen, leistbare Autos, vielfältigere Freizeitmöglichkeiten, immer üppigere Angebote von preiswerten Fernreisen und so weiter.

Aber in den ersten Nachkriegsjahren war großer Mangel an Geld und Brennmaterial. Unser Vater war als gelernter Zimmermaler und Anstreicher im Winter meist arbeitslos und arbeitete daher wochenweise bei Abbruchfirmen – so hatte er Zugang zu Bauholz-Abfällen und damit konnten wir nachmittags unseren Zimmerofen einheizen Die Kinder von Hausparteien mit kalten Wohnungen sind deshalb zu uns spielen gekommen.

Wir Kinder haben uns von April bis Oktober auf der fast autoleeren Straße getroffen und dort sowie in den umstehenden Bombenruinen gespielt – was von unseren Eltern wegen Einsturzgefahr nicht gerne gesehen wurde. Aber in unserem Bezirk ist Gott sei Dank nichts passiert. Unsere Straßen-Spiele wie „Vater, Vater, leih mir d‘Scher“, „Räuber und Gendarm“, „Tempelhupfen“, mit billigen Tonkugerln „anmäuerln“, wenn es einen Ball gab, auch Völkerball, oder Fußball mit einem „Fetzenlaberl“ (einem aus Stoffresten zusammengeknoteten Stoffball) und vieles andere kennen unsere Enkelkinder nicht mehr. Ein oft von den Vätern selbst gebastelter Trittroller war schon Luxus, ebenso ein „Diabolo“ für die Mädchen, und ein abgeschnittenes Stück Wäscheleine ergab eine Springschnur. Bei Schlechtwetter bzw. im Winter gab es viele Kartenspiele, Schwarzer Peter, DKT oder „Mensch ärgere Dich nicht“, wo immer in einer Wohnung Platz für einige Kinder war.

Viel gefährlicher war es am naheliegenden Donaukanal, in dem zu baden mir und meinen Geschwistern wegen der Strömung strengstens verboten war – aber wir konnten ja Gott sei Dank noch nicht schwimmen und begnügten uns damit, ins seichte Ufer-Wasser zu steigen, um nach angetriebenem Gesträuch zu fischen, aus dessen Astgabeln sich die begehrten Steinschleudern herstellen ließen. Im Winter rodelten wir auf abenteuerlichen „Brettlhupfern“ (primitiv zusammengeschweißte Kufen und einige Sitzbretter darüber) die „schräge Wiese“ zum Kanal hinunter – und auch das war gefährlich, weil man bei zu viel „Schuss“ leicht über das vereiste Ufer hinaus in den Kanal rutschen und ertrinken konnte – was wirklich jemandem einmal passierte.

Das alles klingt heute ein wenig seltsam – aber was hätten wir Kinder denn sonst unternehmen können? Es gab weder Fernsehen noch Computer-Spiele, teure Sportarten konnten sich unsere Eltern nicht leisten, sogar richtiges Spielzeug oder für die Mädchen schöne Puppen war in den ersten Nachkriegsjahren Mangelware, und eine kostspielige Kinokarte war höchstens einmal monatlich erschwinglich. Unsere Eltern in der Vorstadt waren froh, uns halbwegs sattzukriegen und uns mit Schuhwerk und der notwendigsten Kleidung versorgen zu können – dies oftmals aus zweiter Hand, wenn man das Glück hatte, eine Mutter etwas größerer Kinder zu kennen, die nichts dafür verlangte.

Unser Vater hatte Bekannte „am Land“ im südlichen Niederösterreich, und dort malte er den Bauern die Stuben aus und brachte dafür Lebensmittel, meistens Erdäpfel und Schmalz, per Autobus nach Hause. Natürlich war auch in Wien – wenn es wieder wärmer war – fallweise ein Pfusch die Rettung unserer Haushaltskassa.

Überhaupt war in dieser Notzeit der sparsamste Umgang mit allen möglichen Ressourcen angesagt. Da wurde kein Stück Holz, kein Fetzen Papier, kein Lappen Stoff, der noch irgendeinen Nutzen abgeworfen hätte, zum Abfall geworfen. So wurden zum Beispiel von einem unbrauchbar gewordenen Herrenhemd zuerst die Knöpfe abgeschnitten und aufgehoben und der Stoff zu Putzlappen zerschnitten. Die eben auf den Markt kommenden Reißverschlüsse wurden beim „Ausmustern“ von Hosen sorgsam abgetrennt und für Reparaturen wiederverwendet. Zu Weihnachten wurde das bunte Papier der Geschenke sorgsam abgewickelt und für nächstes Jahr aufgehoben. Man war in dieser Zeit mit wenig zufrieden und schon der bescheidenste „Wohlstand“ (zum Beispiel ein Stück Fleisch am Sonntag und ein Pudding als Nachtisch) waren pures Glück. Denn viele andere hatten damals auch nicht mehr!

Dazu passt eine Urlaubsanekdote aus Zypern:

Vor einigen Jahren waren wir in den Bungalows eines schönen Garten-Hotels untergebracht. Im zentralen großen Speisesaal mit reichhaltigem Buffet war freie Platzwahl. Meine Frau und ich saßen am ersten Abend an einem Fenster-Tisch, als uns eine ebenfalls ältere Dame fragte, ob für sie noch Platz wäre, und sie wurde von uns freundlich eingeladen. Mit der Mittelschullehrerin in Ruhestand war angenehm zu plaudern, und wir blieben nach dem Essen noch eine Weile sitzen. Da fiel mir auf unserem Tisch etwas auf – und ich fragte die Dame, ob sie noch ein Kriegsjahrgang sei. Nach einer Schrecksekunde (denn es verriet doch das Alter) nickte sie: Gerade noch, sie wäre im Jänner 45 geboren – ob man ihr denn das ansehe. Ich lachte und deutete auf unsere beiden abgegessenen Teller in der Tischmitte – nein, das hätte es mir verraten! Da sah sie genauer hin und lachte ebenfalls: Im Gegensatz zu den Tellern der anderen Gäste waren mein und ihr Teller nicht nur ratzekahl leer – auch den Saft hatten wir noch mit Brot aufgetunkt. „Ja – ich verstehe“, meinte sie, auch sie hätte noch gelernt, dass immer genug zu essen zu haben nicht selbstverständlich sei, und dass Lebensmittel nicht in den Mistkübel gehörten. Worüber sich die Generationen nach uns kaum Gedanken machen.

In der Seele Gespeichertes:

Zu allererst ist noch für viele von „uns Kriegskindern“ die persönliche „Bedürfnislosigkeit“ typisch: Wer in dieser kargen Zeit aufgewachsen ist und aus der Situation heraus gelernt hat / gewohnt war, mit einfachen und wenigen Dingen auszukommen, steht dem heutigen Überangebot und der sinnlosen Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen oft verständnislos gegenüber. Was sollen, wozu braucht man alle paar Jahre neue Sachen, Möbel. Geräte, Kleidung, Auto und so weiter – und die noch gebrauchsfähigen, tadellos funktionierenden werden „entsorgt“! Zugegeben, bei der Kleidung sind die Männer noch sparsamer – sie sind ja die einzigen Menschen (so die spöttische Anmerkung einer Dame), welche abgetragenen Kleidungsstücken nachtrauern. Der Autor hat seinen zehnjährigen abgewetzten Hubertusmantel nur ungern in den Humana-Container gestopft und noch zwei Jahre lang vermisst; er ist auch mit dem neuen nicht zufrieden, weil er nicht so bequem wie der alte ist.

Auch bei der Nahrung – das heißt Einkaufen, Kochen, Essen und „Reste-Verwertung“ – sind die Kriegskinder eigen. Da gab es immer einfache, selbst gekochte Gerichte, nur am Sonntag mit Dessert, und alle „Überbleibsel“ wurden am nächsten oder übernächsten Tag wiederverwertet, die vom Sonntag übrigen Knödel wurden mit (oft nur einem einzigen) Ei angeröstet, aus den Nudeln vom Vortag wurde ein Nudelsalat, das Gemüse mit einer abgebratenen Knackwurst wieder aufgetischt und vieles mehr.

Apropos „Restlverwertung“: Viele Gleichaltrige vermissen heute noch den guten „Grenadiermarsch“, ein Pfannengericht aus Teigwaren oder Knödelresten, mit frisch gekochten/übriggebliebenen Erdäpfeln und fallweise auch mit etwas Zwiebeln gemischt und angeröstet – dazu Salat der Saison. Das wird heute fallweise in eleganten Restaurants als ganz besonderes Tellergericht serviert.
Wer gewohnt war, am Samstag (später am Freitag nachmittags) persönlich auf den nächsten Markt zu gehen, beim Standler, Fleischhauer und Bäcker einzukaufen und dieses Angebot an naturbelassenen Lebensmitteln mit allen Sinnen aufzunehmen, kann sich später mit Tiefkühl- und Fabriksnahrung nicht abfinden. Ich vermisse heute noch das bunte Bild der Marktstände, die Rufe der Händlerinnen, die Kommentare der einkaufenden Hausfrauen, die Geruchsmischung von Kaffeeröster, Sauerkräutler und Fischhändler und vor allem den herrlichen Duft nach warmem Leberkäse und geselchten Würsten beim Fleischhauer und den ebenso angenehmen Duft nach Brot, Semmeln und Feinbackware beim Bäckerei-Stand.

Da war der Gang mit der Einkaufstasche durch die Gassen des Wohnviertels, mit dem Grüßen und ein paar Worte mit den Nachbarn Wechseln schon eine angenehme Selbstverständlichkeit, das Beobachten der unmittelbaren Umgebung, der Blick in die Auslagen der damals noch existierenden Geschäfte, der politische Kurzkommentar des Trafikanten beim Zeitungskauf gewohnt und unentbehrlich – man hat nicht auf die Schnelle eingekauft, man hat gelebt und erlebt, wurde wahrgenommen und war Teil seines Bezirkes!

Ein kleiner Rest dieser damals noch deutlich langsamer laufenden Zeit ist bei uns im Weinviertel oder generell „am Land“ oft noch zu spüren und macht einen Teil der hiesigen Lebensqualität aus.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18143

 

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Archiv September 2018

29.9.18: Claudia Kellnhofer: Ostsee
29.9.18: Nives Farrier: Doppelgänger
29.9.18: Nives Farrier: Satt gegessen
29.9.18: Florian Pfeffer: Daten verursachen Lärm
23.9.18: Bernd Remsing: Warum warten?
23.9.18: Nives Farrier: Wunden
23.9.18: Nives Farrier: Lügendetektor
16.9.18: Veronika Seyr: Lautsprecherdurchsagen - Impressionen aus dem Gänsehäufel
16.9.18: Florian Pfeffer: Kein Wort
16.9.18: Nives Farrier: Ich warte draußen
16.9.18: Nives Farrier: Steiniger Weg
9.9.18:  Manuela Murauer: Die Mondgöttin
6.9.18:  Carmen Rosina: Prädikat mit Auszeichnung
6.9.18:  Michaela Swoboda: Flamboyant
6.9.18: Nives Farrier: Generalprobe
6.9.18: Nives Farrier: Liebestrunken
2.9.18: Anna Bartl: Über ein Verbrechen, das keines war, und die Willkür, die beständig ist
2.9.18:  Veronika Seyr: Killer-Kühe (wäre der Titel in der Kronenzeitung)
2.9.18:  Nives Farrier: Als sich unsere Flügel streiften
2.9.18: Nives Farrier: Burnout
2.9.18: Florian Pfeffer: Nachtmahr

Ostsee

Meer
Wolken und Wasser
Wasser und Wolken
Meer

Herr Wind hat da und dort zu tun
Wasser schubst er
in Wellen ans Ufer
Emsig laufen sie
sich aufbäumend
schicksalsgetrieben

Im Sand werden sie zahm und lahm
und müd
Doch es gibt keine Rast
Kaum Atem geholt
eilen sie zurück ins Meer
Gezogen von unsichtbarer Hand

Wasser, wirst du nicht müd?
Wasser, wann ist dein Sonntag?
Die Wolken haben den besseren Part
Sie kennen kein Ufer

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18142

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Warum warten?

Ich kann nicht länger auf dich warten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Wenn ich noch länger auf dich wart
Bin alt und grau ich, hochbejahrt
Und wächst mein Bart zu langer Länge
Des Eifelturmes Flechtgestänge
Könnt ich glatt damit bestricken
Den tiefen Riss im Weltgepränge
Mit meines Bartes Wolle flicken

So stünd‘ es dann um meinen Bart
Wenn ich noch länger auf dich wart
Drum rette mich auf alle Arten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Ich lief‘ ja schleunigst dir entgegen
Auf allen Straßen, allen Wegen
Dich in meine Arm‘ zu schließen
Von Kopf bis Fuß dich zu genießen

Ist mein brennend heiß Verlangen
Doch hindert mich, ich sag’s mit Bangen
Ein verfluchtes Hindernis
Ein Schicksalsschlag, ein Drachenbiss
Ein mörderisches Bergtrollkegeln
Das wider alle bessren Regeln
Durch meine armen Ganglien rollt.
Ich weiß, ich hätt es nicht gesollt
Doch nachdem du heimgegangen
Musst ich, um mich zu erfangen
Die eine oder andre Flasche köpfen
Ein wenig viel zur Brust mir schöpfen

Dieses also ist der Grund
Warum ich jetzt und hier zur Stund
Ziemlich hilflos festgenagelt
Habe mich schon selbst getadelt
Drum denk ich, dass du mir verzeihst
Da du jetzt ja alles weißt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 18141