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Archiv für den Autor: Redaktion verdichtet.at

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Die narzisstische Fledermaus

Die Grenze zwischen Tag und Nacht
Hab ich zu meinem Raum gemacht

Kaum fleder ich aus meiner Gruft
Schlag ich Haken in der Luft

Fleder hin und fleder her
Gelsen fressen mag ich sehr

Mücken, Motten, Maienkäfer
Bin hungrig, denn bin Winterschläfer

Mensch, du interessierst mich nicht
Weil’s dir an meinem Sinn gebricht

Was dunkel dir, mir wird’s zu Licht
Weil mein Echo zu mir spricht

Zu mir spricht in Raum und Räumen
Davon kannst du Mensch nur träumen

Fleder her und fleder hin
Weil ich was Besondres bin

Träum nur weiter auf Beinpaaren
Ich spiel derweil mit deinen Haaren

Auch ich bin Säuger, Mensch, wie du
Aber was für einer, huh!

Hab mir das Fliegen beigebracht
Und das Sehen in der Nacht

Hab den besten Schlaf erfunden
Schlafe mit dem Kopf nach unten

Fleder huch und fleder hach
Fleder um dein Häuserdach

Ich weiß wohl, Mensch, du magst mich nicht
Weil’s dir an meinem Flug gebricht

Fleder huch! Und fleder hach!
Weich doch aus, du Häuserdach – krach!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19141

It’s pretty nice, my dear!

Barfuß ist sie ins Haus geschneit und hat mit ihren fliegenden Schritten eine frische Brise mitgebracht. Tina aus dem Hause Eisenknappl von und zu Arresting, wo auch immer das genau liegen mag. Eine Perle in der niederbayrischen Landschaft bist du. Oh Arresting, deine Namensbestandteile „a Rest“ und das furchteinflößende „Arrest“ haben damit gar nichts zu tun. Traumhafte Erinnerungen birgst du. Freilaufende Meerschweinchenscharen, die freiwillig im Areal bleiben, bis sie der Jagdleidenschaft des Fuchses allesamt zum Opfer fallen. Leben und Tod liegen nicht nur dort nahe beieinander.

Oma zieht im Leiterwagerl das Frühstück zum Baumhaus, wo die Kinder, stets auf Abenteuersuche, die Nacht verbracht haben. Ein anderes Mal schleicht sie zu nachtschlafender Zeit mit ihnen aus dem Haus, um das Silvesterfeuerwerk anzuschauen.
Schwimmen lernt man im Amazonas, der dort Donau heißt. Angeblich züchtet der Papa sogenannte Indianerbananen, vermutlich die Einzigen dieser Gattung fernab ihrer südlichen Heimat. All das wächst in Arresting heran und gedeiht, auch Tina.
Jetzt kommt sie aber mit einer Flasche Radler in der Hand, die sofort in den Kühlschrank muss, dann fliegt sie dem Liebsten in die Arme. Elegant dreht sie mit geschickten Fingern, deren Nägel vornehm lackiert sind, Zigaretten. Das hauchdünne Papier befeuchtet sie mit der Zungenspitze. Zwischen Tinas Fingern reißt es nicht. Und ich verstehe zum ersten Mal, warum in Osteuropa die Zigaretten Papirossy heißen.

Ein anderes Mal hat Tina Zucchini, Gelbe Rüben und Tomaten dabei. Der Kürbis baumelt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Alles aus den Paradiesgärten von Arresting.
Früher, als die Oma noch gelebt hat, gab’s am Freitag immer Rohrnudeln und die Oma hat die Verserl, die sie zu Kindertagen einmal gelernt hat, nicht mehr aus dem Kopf gebracht. „Adolf Hitler liebt die Kinder. … Wir schenken ihm Blumen.“ Später haben aber die amerikanischen Soldaten der Oma eine Zigarette gegeben. Oh, war das aufregend! Und jetzt dreht Tina die Papirossy zwischen ihren zarten Fingern. Die Zeit ist ein Fluss, in dem sich die Generationen tummeln.

Unter den Füßen muss Tina den Boden spüren, selbst wenn der Boden Beton, Holz oder Teer ist. Der Kontakt zur Muttererde ist ganz wichtig, wie auch immer sie beschaffen sein mag. Tina ist nicht zimperlich oder möchte es nicht sein.  So ist das.
Ins leere, bauchige Marmeladenglas pflanzt sie ein zartes blutrotes Röschen, das von einer anderen Welt kündet, die auch irgendwo da sein muss. Schade, dass wir die Tür zu dieser Welt nicht finden können. Das ganze Leben lang suchen wir nach dem Schlüssel.
Rot wie Blut sind Tinas Lippen und schwarz wie Ebenholz ist ihr Haar.

Während gelbe Zucchini, Ochsenherz-Tomaten und rote Kartoffel heranwachsen, flirrt die Sommerhitze über Blumen, Rosen und Bäumen. In diesem Jahr ist der Sommer groß wie kaum zuvor. Die ersten Feigen färben sich lila. Im Tonelefanten reifen vereinzelt winzige süße Erdbeeren. Im nächsten Jahr werden sie üppig wachsen, wie auf Tinas T-Shirt und von den Lippen wird der rote, süße Saft tropfen, wenn sie die Früchte mit den Fingern in den Mund schiebt.

Aber bis dahin muss noch der Winter überstanden werden. Die Feigen reifen bis in den Herbst hinein und wen Gott liebt, den lässt er davon kosten. Die Erdäpfel müssen wir ausgraben. Sie retten uns.

Wer im Herbst geboren ist, braucht ein warmes Herz. Tina stammt aus dem Geschlecht der Eisenknappl. Der Name erzählt von einem mittelalterlichen Rittergeschlecht, vielleicht geadelt aufgrund besonderer Tapferkeit während der Kreuzzüge auf dem Weg ins Heilige Land. Ein Knappe zieht seinem Ritter Tag für Tag die schwere Eisenrüstung an und aus. Der Eisenknappe! Er schrubbt seinem Herrn geduldig die Rostflecken von der Haut.
Ja, bestimmt ist es so gewesen. Und für die treuen Dienste hat der Knappe den fruchtbaren Landstrich an der Donau zum Lehen bekommen. Seit Jahrhunderten wachsen dort die Eisenknappls auf inmitten der Wiesen und Felder, auf denen alles gedeiht, sogar die Indianerbanane neben den Roten Rahnern, ihrem Ahnherrn zur Ehre.

Wer auf seine Tradition zurückblickt, hat es schwer, sei es eine reale oder eine fiktive. Immer lastet etwas auf den Schultern, etwas unbestimmt Großes und in den Jahresringen der Erinnerung ist das Fernweh eingewachsen, das mit Expandern an der Heimat hängt. Ein Weh, das in den Äther fleht  und nach den Sternen greift, im Morgendunst mit einer Papirossa dem Sehnen Ausdruck verleiht. Auch die Indianerbananen künden vom Fernweh, und mit den Feigen kommt das Paradies nach Hause.

Wenn sich der Schnee mit seinen weichen Flocken niederlassen wird, bildet er eine schützende kalte Decke, die alles unter sich bedeckt und vor dem Erfrieren bewahrt. Für ein paar Monate findet alles seinen Frieden und kann dem Frühling entgegendämmern. Ich weiß nicht, ob Tina, die jung und stark ist, Ruhe braucht, ob sie die Ruhe aushalten kann. Bestimmt fliegen ihre Schritte über die Schneedecke, ohne die Kälte zu spüren. Ich glaube, die roten Lippen und das ebenholzfarbene Haar werden im Winter erst recht von jener unbestimmten Sehnsucht künden.
Alles in ihr drängt nach Leben, nach Erwachen. Doch das kommt immer unverhofft. Plötzlich, wenn man es am wenigsten erwartet, merkt man, dass die Tür, für die man lange vergebens den Schlüssel gesucht hat, schon immer offenstand.
Tinchen ist die Rose, die hervorwächst aus dem rostigen Eisen des knappen Stammbaums. Das „l“ braucht sie nicht.

So steckt die Verletzlichkeit in allen Dingen, und wie sollen wir es uns abgewöhnen, sie verbergen zu wollen. Unverhofft taucht da einer auf, der dich an der Hand nimmt und dich führt und sich gleichzeitig bereitwillig führen lässt. Du musst es nur zulassen. Aber die einfachsten Dinge sind bekanntlich die schwersten.

Tinchen  Eisenknappl, dein Gesicht ist vom schwarzen Haar gerahmt. Du kostest Erdbeeren und liebst Zitroneneis. Im Rauch der Papierrosen blickst du hinter die Zeit und liest die geheimen Zeichen vom Faden, der die Welt im Innersten zusammenhält.
Ein Engel hält dich an der Hand und geleitet dich, damit du nicht strauchelst oder gar fällst und stürzt. Jener Engel an deiner Seite lässt dich auch schweben und deswegen sind deine Fußtritte mit der Schwerelosigkeit der Schneeflocke vergleichbar. Barfuß schneist du herein und verbreitest überall im Zimmer Rosenduft.

Das wird ein Fest werden, wenn wir gemeinsam mit der Zwergziege, der Graugans und dem Wadlbeißer im Schatten des Feigenbaums Radler trinken!

Für Tina zum Geburtstag am 8. September 2019

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 19140

 

Herbstkind

Im wunderschönen Herbst
bin ich geboren
fühlte mich in dieser Zeit
niemals verloren

Diese Farben
Nuancen von Gelb und Rot, satt
Den Waldweg säumt jetzt
Blatt um Blatt

Es raschelt, riecht erdig
um mich herum
spüre Melancholie, ganz zart
macht mich stumm

Windstille
nur Mückenschwärme sind zu hören
Spinnwebenfäden
verfangen sich im Haar, sie stören

Wärmende Sonne
auf meinem Gesicht
vorm Haus die Linde
die zu mir spricht

Sanft reckt sie
ihre Zweige empor
Erinnerungen erscheinen
vom Jahr davor

Sehe ihn, den Ahornbaum
vorm Krankenzimmer
in unseren Gesichtern
schwindende Hoffnungsschimmer

Gefühle kommen hoch
etwas verschwommen
diese Zeit macht mich
nun so benommen

Pferdegewieher, Hundegebell
reißen mich aus den Träumen
zarte Windspiele ertönen
die den Holzbalken säumen

Vermisse dich so sehr
spüre den Schmerz
ein Herbstkind war ich
mit Leib und Herz

Ein Jahr zog ins Land
das Vergängliche ist gekommen,
Herbst! Wieso hast du mir
den Vater genommen?

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19138

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Archiv Oktober 2019

28.10.19: Manuela Murauer: Haus am Meer
27.10.19: Florian Pfeffer: Abgerissene Worte
27.10.19: Johannes Tosin: Tausendfüßler
20.10.19: Johannes Tosin: In der Zukunft
20.10.19: Florian Pfeffer: Von den Spinnen und Steinen
12.10.19: Florian Pfeffer: Oktober
12.10.19: Johannes Tosin: Ferien
5.10.19: Florian Pfeffer: In Grün bist du am schönsten
5.10.19: Manuela Murauer: Logbuch der Pinta
5.10.19: Johannes Tosin: In der Fertigung

Haus am Meer

Eine sanfte Brise lässt die Gardinen an der Verandatür flattern, Antonia genießt die kleine Abkühlung nach dem heißen Sommertag. Sie legt das Buch zur Seite und tritt auf die Terrasse. Nur das Rauschen des Meeres ist zu hören, dann senkt sich die Nacht über die kleine kroatische Insel.

Im benachbarten Gebäude sieht sie Licht im Obergeschoß, leise Musik ist zu hören.
Seit zwei Tagen ist sie hier.
„Mache Urlaub am Meer, das wird dir gut tun! Und lass um Himmels Willen Smartphone und Tablet daheim, du bist überarbeitet und kommst sonst noch auf blöde Gedanken“, meinte ihr Cranio-Therapeut bei ihrer letzten Sitzung. Er reichte ihr ein Prospekt, auf dem drei kleine Häuser direkt am Meer zu sehen waren. Sie sind in einem Halbkreis angeordnet und liegen ca. zehn Minuten Fahrzeit von einer kleinen Ortschaft entfernt. Antonia war sofort begeistert, sie liebt das Meer.

Gestern ist im Nachbarhaus jemand eingezogen, das dritte Haus steht leer. Antonia konnte nur kurz einen Blick auf die Frau werfen. Lange, mahagonifarbene Haare, die in leichten Wellen den ganzen Rücken bedecken, ein weißes, wehendes Sommerkleid um den schlanken, hochgewachsenen Körper und Flip-Flops an den zarten Füßen. Sie schätzt die Frau auf dreißig Jahre.

Ein lautes Klappern lässt Antonia hochschrecken. Die Frau im Nachbarhaus hat die Fensterflügel geöffnet und dabei eine Blumenvase umgestoßen. Kurz ist sie zu sehen, sie stützt sich mit einer Hand auf das Fensterbrett, mit der anderen hält sie eine Seite des Gesichtes bedeckt. Sie schüttelt sachte den Kopf. Die Musik dringt an Antonias Ohr. Sie erkennt „Die Moldau“ von Friedrich Smetana. Antonia geht zum Gartenzaun:
„Hallo? Ist alles in Ordnung?“ Die Frau erschrickt und starrt Antonia an, dann dreht sie sich um und verschwindet im Raum.
„Wer nicht will, der hat schon“, denkt Antonia kopfschüttelnd.

Am nächsten Morgen geht sie eine ausgedehnte Runde schwimmen. Das macht sie gerne vor dem Frühstück. Im Nachbargebäude ist es noch ruhig. Die Sonne glitzert im spiegelglatten Meer, es scheint wieder ein heißer Tag zu werden. Um die Mittagszeit, Antonia liest gerade in einem Buch, steht dann plötzlich die Frau im Garten und schaut auf das Meer hinaus. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand umwickelt sie Strähnen ihrer langen Haare, ihre Bewegungen sind monoton und der Blick ist starr aufs Wasser gerichtet. Leise summt sie ein Lied. Antonia macht sich durch ein Rücken des Gartensessels bemerkbar. Die Frau dreht sich um und lächelt:
„Ein schöner Tag, oder?“, ihre Stimme ist leise und zittrig.
„Guten Tag, ich heiße Antonia. Ja, es ist wunderschön hier auf der Insel.“
„Mein Name ist Elisa.“ Sie nähert sich dem Gartenzaun, hält den Kopf nun seitlich und begutachtet Antonias Verandatisch.
„Acht Stufen.“
„Wie bitte?“, fragt Antonia verwundert.
„Acht Stufen, vom Garten bis zum Meer. Endlich und unendlich. Eine magische Zahl.“

Antonia sieht nun die wunderschönen, smaragdgrünen Augen ihrer Nachbarin und den ebenmäßigen Teint. Sie wirkt zart und zerbrechlich. Ohne ein weiteres Wort verschwindet Elisa im Haus und dreht die Musik wieder an. „Die Moldau“, die mit einer Querflöte leise plätschernd beginnt und dann Fahrt aufnimmt. Antonia schüttelt den Kopf, geht ins kühle Haus, schließt Fenster und Türen und genießt die Ruhe.

„Jetzt reicht es aber!“ Sie kann es nicht fassen. Die Musik im Nachbarhaus will und will nicht enden, mit zunehmender Tageslänge steigt auch die Lautstärke des ewig gleichen Orchesterwerkes. Kurz vor Sonnenuntergang ist der Lärm unerträglich und Antonia geht in den Garten, will mit Elisa sprechen. Das Fenster des Schlafzimmers ist geöffnet und die Frau steht vor dem Spiegel, in einer Hand hält sie eine große Schere, in der anderen ihre Haare.

Antonia öffnet die Gartentür und betritt das Grundstück.
„Elisa! Hallo? Bitte könntest du die Musik leiser machen?“
Elisa reagiert nicht, langsam und mit konstanten Bewegungen schneidet sie Strähne für Strähne ihrer Haare ab. Tränen laufen über ihre Wangen, ihre Augen sind weit geöffnet und starren in den Spiegel, sie schneidet weiter ihre Haare, bis nur noch eine wirre, ungepflegte Kurzhaarfrisur übrig bleibt.
Antonia drückt die Türklinke nach unten, die Tür ist verschlossen. Sie klopft und ruft, doch Elisa hört sie nicht.
„Himmel noch eins!“ Wütend stapft Antonia wieder in ihr Haus.

Ein gellender Schrei lässt sie aus dem Schlaf hochschrecken. Sie lauscht. Hat sie geträumt? Sie hört nur das Meeresrauschen, plötzlich ein weiterer lang anhaltender, schriller Schrei, der die Nacht durchbricht. Sie tritt ans Fenster und späht ins Dunkel, kann nur einen hellen Farbklecks am Strand erkennen. Im Nachbarhaus ist es finster und der Schrei kam definitiv aus der Richtung des Meeres. Stille. Nur das leise Plätschern der Wellen am Felsen. Antonia wirft einen Blick auf die Uhr, es ist 03:30, sie beschließt, nochmal ins Bett zu gehen.

Das Badetuch umgehängt, in Badeanzug und Strandschuhen schlendert Antonia frühmorgens müde über die Stufen zum Strand. Sie erstarrt. Vor ihr liegt ein weißes Kleid auf den Felsen, daneben Flip-Flops und Unterwäsche. Es sind Elisas Sachen, das erkennt sie sofort. Antonia sucht das Meer ab, es ist niemand zu sehen, kein Schwimmer, kein Boot, nichts. Sie läuft die Treppe wieder hoch, sucht Garten und Umgebung des Hauses ab.

„Elisa?“, ruft sie durch das noch immer offen stehende Schlafzimmerfenster. Langsam drückt sie die Türklinke hinunter, es ist offen, sie späht in den Wohnraum. „Elisa?“, fragt sie nochmals. Sie sieht die Unordnung auf dem Sofa und dem Couchtisch. Leere, umgekippte Gin-Flaschen, benutzte Gläser, Kleider, Schuhe, alles wild durcheinander auf Boden und Möbeln. Antonia überlegt kurz, ob sie eintreten soll, entscheidet dann aber, dass sie zur Polizei fährt.

„Policajac Branko Paravić“, steht auf dem Schild an der Tür. Der Händedruck des Kommissars ist kräftig, seine dunklen Augen sind aufmerksam auf Antonias Gesicht gerichtet.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragt er in ausgezeichnetem Deutsch.
„Mein Name ist Antonia Steger. Ich habe ein Haus in der südlichen Bucht gemietet. Mit meiner Nachbarin muss etwas passiert sein, ihre Kleider liegen am Strand und sie antwortet nicht, wenn ich nach ihr rufe.“ Antonia spricht mit zittriger Stimme.
„Ah, in DER Bucht. Heißt ihre Nachbarin zufällig Elisa?“, fragt er.
„Ja, genau. Also ich kenne sie nicht so gut, sie ist erst seit zwei Tagen hier, aber irgendwas stimmt da nicht.“
„Ich werde mir das am besten vor Ort ansehen. Aber sie müssen wissen, dass uns diese Frau schon bekannt ist. Es gab wegen ihr so manche Anfragen, Beschwerden. Wissen Sie, wie die Bucht noch genannt wird?“
„Nein, das weiß ich nicht?“
„Die Bucht der Verrückten.“

Antonia richtet ihren Blick aus dem Fenster. Die bunten Häuser in der engen Gasse stehen dicht aneinandergereiht. Geklapper von Geschirr ist aus den Küchen zu hören und ein verlockender Geruch nach mediterranem Essen dringt an ihre Nase.
„Wir fahren jetzt gemeinsam zum Haus, in Ordnung?“ Der Kommissar nimmt den Autoschlüssel vom Schreibtisch und hält Antonia die Tür auf.

Branko Paravić hockt neben der Kleidung am Felsstrand. Antonia bemerkt den breiten, kräftigen Rücken des Mannes und die grau melierten, dichten Haare. Er macht einen sportlichen Eindruck, ein Mann in den besten Jahren, der sich fit hält.
„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?“
„Nun, ich wollte Elisa abends zur Rede stellen, weil sie die Musik so laut aufgedreht hatte ...“
„Die Moldau? Von Smetana?“, fragt Paravić und richtet sich wieder auf.
„Ja, genau. Dann habe ich beobachtet, dass sie sich die Haare ganz kurz geschnitten hat. Die schönen Haare …“
„Für mich hört sich das eher nach Suizid an, wenn ich ehrlich bin“, entgegnet der Kommissar.
„Aber warum dann die Schreie in der Nacht?“, fragt Antonia.
„Welche Schreie? Davon haben Sie nichts gesagt.“
„Ich bin um drei Uhr nachts wach geworden. Zweimal hörte ich eine Frauenstimme vom Meer herüber, die Stimme klang sehr ängstlich und beunruhigend!“
„Sind Sie ganz sicher? Nicht geträumt?“
„Aber ja!“

Der Kommissar legt Antonia die Hand auf die Schulter und führt sie über die Treppe in den Garten.
„Sie müssen wissen, diese Urlaubshäuser hier gehörten dem Mann von Elisa. Er ist leider vorigen Sommer mit dem Motorboot verunglückt. Seine Leiche wurde nie gefunden, das Boot ist am Festland gestrandet. Er ist spät abends alleine rausgefahren, nach einem Streit mit seiner Frau.“ Branko Paravić betrachtet die Häuserfassaden, massiert sich den Nacken und fährt fort:
„Darum kam ich auf den Gedanken, dass sich Elisa vielleicht das Leben genommen hat. Sie kam nicht darüber hinweg. Also, ich fahre jetzt mal ins Kommissariat und komme später nochmal vorbei. Geht es Ihnen gut?“
„Ja, ja, alles in Ordnung.“

Später holt Antonia ihre Badesachen, sie will noch eine Runde schwimmen nach diesem aufregenden Tag. Die angenehme Wärme des Wassers umhüllt sie, sie schwimmt hinaus, holt tief Luft, taucht unter und zieht kräftig ein paar Meter unter Wasser. Als sie auftaucht, spürt sie eine seltsame kalte Strömung an den Beinen, ein eigenartiger Wirbel umspült sie und zieht sie hinunter. Mit geöffneten Augen erkennt sie zahlreiche kleine Fische, die dem Strudel zu entrinnen versuchen. Sie kann wieder an die Oberfläche gelangen, schnappt nach Luft, nimmt die plötzliche Trübung des Meeres um sie herum wahr. Ganz verzweifelt paddelt sie mit den Armen, um ans Ufer zu gelangen. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie sehr weit vom Land entfernt ist. Wieder wird sie von einer unsichtbaren Gewalt in die Tiefe gerissen, tosendes Rauschen in ihrem Kopf, sie strampelt, paddelt mit aller Kraft, kommt wieder an die Oberfläche. Antonia sieht das Auto des Kommissars in die Einfahrt fahren, wieder scheint sie etwas an den Beinen zu fassen. Eine Hand, sie umklammert fest ihren rechten Knöchel, zieht an ihrem Fuß, sie taucht wieder unter, strampelt, kurz lässt die Hand ihr Bein los, um, nachdem sie für Sekunden auftauchen und schreien kann, sie wieder in die Tiefe zu ziehen.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 19137

Die Frau vom Fluss

Sie wollte nur kurz vorbeikommen.
Aber zu viele Schilder.
Sie hatte sich verirrt.
Es blieb ihr nichts übrig,
sie musste bleiben.

Ihren Fluss im Zweimorgenland
würde sie nicht wiedersehen.
Unsicher war sie zwischen den Menschen,
die anders waren als sie.

Sie war traurig und wurde bitter.
Dem, der sie liebgewonnen hatte,
sagte sie Worte, die ihn
schnitten wie Farn.

Das gelbe Vorsicht!-Schild schwebt über dem Stiegenhaus mit dem roten Geländer

Das gelbe Vorsicht!-Schild schwebt über dem Stiegenhaus mit dem roten Geländer

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19136