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My personal Sandler (Die Geschichte geht weiter)

Heute, am 2. Mai 2018, um 11 Uhr 05, trete ich aus meinem Haustor auf die Wiedner Hauptstraße und sehe eine über eine Baumscheibe gebückte Gestalt. Graubraune Schlabberhose und graugrüner Pullover, die dunkelgraue Haarmähne im Nacken gerade geschnitten. Der Oberkörper ist in eindeutiger Pose nach vorne gebeugt, die Hände im Schritt, die Beine gespreizt über der Gehsteigkante und den immergrünen Büschen. Die Lache darunter ist so tief, als hätten die glorreichen Wiener Gärtner eben die Grünflächen geflutet. Zwei Frauen kommen mir entgegen, Ekel deutlich ins Gesicht geschrieben, die Lippen verzogen und die Augen hin- und wegbewegt mit einem Verständnis heischenden Halblächeln mir gegenüber; sie hatten von vorne kommend mehr gesehen als ich.

Eindeutig steht fest, als ich die Plastiklatschen an den dunkelbraunen Füßen sehe – er ist es, wieder aufgetaucht aus seinem unbekannten Winterquartier – mein Sandler. Er hat diesmal keinen Einkaufswagen dabei, sondern einige Taschen von Spar und Billa, die er am Gehsteig abgestellt hat wie andere einen Rollkoffer. Fantastisch finde ich, dass er neben seinen Plastiklatschen auch seiner ursprünglichen Kleidung treu geblieben ist, in der ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Nach einer Stunde beim Orthopäden trete ich wieder auf die Wiedner Hauptstraße; ich bin wegen meiner eben erhaltenen Diagnose etwas unaufmerksam gegen meine Umwelt, da knallen mir einige Ecken und Kanten in die Kniekehlen. Spar- und Billa-Taschen, und darunter graue Plastiklatschen. Sie biegen in das Portal des Spar Gourmet ein.
Mit diesem Blick kommt noch der letzte Gedanke: Werden sie ihn einkaufen lassen?
Einige Zeit warte ich, aber er kommt nicht so schnell wieder heraus.

Vielleicht haben sie ihm etwas verkauft, weil das Personal dort ausschließlich aus Ausländern besteht: Die meisten sind Ex-Jugos, an den Kassen abwechselnd ein Rumäne, eine Tschechin, ein Slowake, eine Kosovarin und eine Sri Lankerin.

Das Vorangegangene finden Sie unter http://www.verdichtet.at/?p=8068

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 18133

Erwarten können (Bühnenversion)

Drei Personen:
Sprecher/in (Text in Schwarz)
Marek, der tschechische Kellner (Text in Blau)
Jana, der Gast (Text in Rot)

Auch heute wurde Jana wieder der kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste Blick in das Lokal, von hier aus konnte man die anderen Gäste beobachten, aber auch hinaus auf den Hauptplatz blicken.
Das Pflaster der schmuck herausgeputzten Kleinstadt glänzte an diesem nasskalten, späten Winterabend. Die pittoresken, liebevoll beleuchteten Häuser mit ihren Fassaden, an denen die Jahrhunderte abzulesen waren, im Hintergrund der Turm des imposanten Schlosses.

Sie hatte sich hübsch gemacht, ihr festliches kirschrotes Jerseykleid brachte Rundes auf schmeichelhafte Weise zur Geltung.
Sie trug es nicht oft, denn meist war die Farbe stärker als sie selbst. Sie wählte das Kleid also nur, wenn sie dem Rot Kontra geben konnte. Etwa durch jene seltenen Gefühle von Ausgelassenheit und Übermut, die zu bündeln ihr in jungen Jahren gut gelungen war.
Heute war dem Rot aber auch beizukommen, mit ausgeprägter Gemütsruhe nämlich.
Genau so ein Abend war heute, mit innerer Balance bot sie dem Rot die Stirn.

Jana blätterte nahezu erwartungsvoll in der Getränkekarte, als ob diese heute ein gänzlich neues Angebot für sie beinhalten könnte.
Der Kellner näherte sich ihr nach einigen Minuten und fragte mit tschechischem Akzent: „Möchten Sie bestellen, gnädige Frau, oder warten Sie noch auf jemanden?“

„Ja, ich warte. Aber ich würde dennoch gerne bestellen.“

Das Restaurant war gut gefüllt. Die kleinen Tische waren fast ausschließlich mit jeweils zwei oder drei Personen besetzt, darunter einige, die Jana als Touristen zu erkennen meinte.
Der Kellner stellte einen Gin Tonic auf Janas Tisch und machte dabei eine angedeutete Verbeugung.
„Ich habe mir erlaubt, ein kleines Stück Limette zu ergänzen. Und wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Eine Dame wie Sie sollte man keinesfalls warten lassen.“
Sein Gesicht blieb dabei seltsam entspannt und er lächelte sie offen an.

Jana erwiderte überrascht:
„Danke sehr, schon gut. Aber ich warte gern. Noch dazu bei dieser prächtigen Aussicht.“

Er nickte und meinte zustimmend:
„Ja, wir alle haben gelernt zu warten, schon als Kinder, auf die Ferien, auf das Christkind, auf die Geburtstagsfeier.
Der Sehnsucht war man ja recht hilflos ausgeliefert. Es war richtig schwer zu warten. Aber es hat die kindliche Vorfreude nicht getrübt.“

Jana antwortete freundlich:
„Tja, so war es. Aber mittlerweile habe ich einen langen Atem. Man lernt schließlich dazu, die Leerläufe im Alltag mit Gleichmut hinzunehmen: bis der neue Badezimmerschrank geliefert wird, der PC hochgefahren ist, oder der träge Aufzug endlich eintrifft.“

Jana fühlte sich hier wohl. Sie aß ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren und trank ein Seidel Bier dazu. Danach genoss sie die Stille im Warten und das Nichts-zu-tun-Haben.
Sie sah von ihrem Tisch aus durch das großflächige Fenster auf die beleuchtete Stadt hinaus. Und sie hatte ausreichend Zeit, die hübschen Häuser der Stadt einzeln auszumachen und mit ihrem Blick am weihnachtlich beleuchteten Brunnen am Hauptplatz zu verharren.
Dann gab ihr Smartphone ein kleines Signal und sie hatte Zeit, eine Nachricht ihrer Tochter Tereza, die in Budweis auf sie wartete, in aller Entspanntheit zu beantworten.

Aus dem Nebenraum kommend, trug der Kellner einen Aschenbecher voller Zigarettenstummel an ihr vorbei, auf die Janas Blick fiel.
Er bemerkte es und flüsterte ihr zu:
„Schlechthin das Synonym fürs Warten.“

Er blieb kurz stehen und sinnierte laut weiter:
„Und es ist beileibe nicht immer Sehnsucht, die das Warten so schwer macht. Oft ist man dabei auch voller Furcht, beim Warten auf ein Prüfungsergebnis, auf den Pannendienst, die Polizei, auf Asyl in einem friedlichen Land.“

Jana setzte fort:
„Ja, oft ist die Furcht existenziell beim Warten auf eine Diagnose, eine Spenderniere, auf Regen bei Dürre, auf den Wasserhöchststand bei Überschwemmung.“

Er wirkte bestürzt angesichts der genannten Beispiele:
„Menschen warten praktisch immer auf bessere Zeiten, auf die große Liebe, das Glück.“

Sie erzählte:
„Ich fragte mich als junge Frau oft: Wann beginnt endlich das richtig schöne Leben, jetzt wo ich so viel abgenommen habe?“

Er lachte und sagte:
„Oder das Warten auf Antwort von dem Mädchen, in das ich mich als Jugendlicher verliebt hatte – das war schwerer zu ertragen als die spätere Erkenntnis, dass sie mich gar keiner Antwort für würdig hielt.“

Jana sah den Kellner erstaunt an, als dieser verschwörerisch fortfuhr:
„Und nicht zu vergessen, das Warten auf meine Frau, bis die sich endlich für die richtige Theatergarderobe entschieden hat.“

Er entfernte sich zügig Richtung Küche und Jana konnte gerade noch sehen, dass kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn glänzten. Die Arbeitskleidung war hochgeschlossen, die bodenlange dunkle Schürze sah zwar professionell aus, musste aber unpraktisch sein, so mutmaßte sie.
Ein Großteil des Personals ist der Gastronomie kam aus Tschechien.
Kellnern war harte Arbeit, viele Gäste blieben nur auf ein Getränk, die Tische wurden etwa halbstündlich neu vergeben, es wurde bestellt und serviert und kassiert, alles mit ausgesuchter Höflichkeit und dennoch hielt der Kellner immer wieder einmal auf einem seiner Wege bei Jana an (oder schlug sogar einen kleinen Umweg über ihren Tisch ein), um ihr gemeinsames kleines Gespräch über das Warten fortzuführen. Sei es auch nur mit einem Satz, dem sie aus Zeitmangel ihres Gesprächspartners manchmal gar nichts entgegnen konnte:
„Das Gefühl, wenn der Installateur nicht und nicht daherkommt.“

Ein paar Minuten später:
„Hatten wir eigentlich das banale Wartezimmer schon? Und den Zug? Auf Bahnsteigen steht die Zeit ja oft scheinbar still.“

Nach dem Abservieren am Nebentisch:
„Vom endlosen Warten auf den Sommer ganz zu schweigen.“

Nach dem Abkassieren einer aufwändig zu teilenden Zeche einer Gruppe Touristen murmelte ihm Jana zu:
„Nicht zu vergessen das Warten auf den Zahlkellner.“

„Oh, Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, gnädige Frau?“
Er wirkte müde, es war 23 Uhr.

„Nein, nein, aber ich hätte noch gerne ein Kännchen grünen Tee, bitte, wenn Sie so nett wären.“

Das Warten war für Jana heute kein unliebsamer Zustand. Sie fühlte sich nicht passiv oder einer Langeweile ausgesetzt, sondern es ermöglichte ihr auf eine entschleunigte, fast poetische Art, in sich selbst hineinzuhorchen und rückwirkend das nun schon fast vergangene Jahr zu betrachten.

Da sah sie den Kellner, der mit dem Tee auf sie zusteuerte und ihr beinahe keck zuraunte:
„Und erst das Warten auf die eine Gelegenheit!“
Er entfernte sich beinahe triumphierend angesichts ihres verdutzten Blicks.

Als die Glocken der Stadtpfarrkirche begannen, mit ihrem mahnenden Geläut zur Mette zur rufen, ging Jana kurz vor die Tür.
Diese Glocken luden nicht froh zum Feiern, nein sie forderten vehement die Disziplin zum Kirchgang ein. Und diesem übermächtigen Klang war nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen, er erfüllte den Raum und die Zeit aller, egal ob katholisch oder nicht.

Als sie wieder zurückging, hatte sich das Lokal beinahe geleert und die mitternächtliche Sperrstunde nahte.
Der Kellner sah auf seine Armbanduhr und löste seine Arbeitsschürze, während er – abwechselnd mit Jana – heiter und zusammenhanglos die eine oder andere Wartesituation aufzählte.

Plötzlich fasste Jana den Kellner spontan am Arm, er drehte sich überrascht zu ihr und folgte ihrem Blick durch das große Fenster hinaus auf den Hauptplatz:
„Oh, sieh nur, Marek, jetzt ist er da, der Schnee! Er kommt stets nach Belieben einfach irgendwann. Oder man wacht auf, und er ist plötzlich da, über Nacht.“

„Oder man rechnet nicht mit ihm, bis dich plötzlich jemand an der Schulter fasst und aus dem Fenster deutet.“
Der Kellner Marek fuhr Jana liebevoll über den Kopf:
„Aber jetzt komm, Jana meine Liebe, lass uns nach Hause fahren, Zeit für unser Weihnachten. Tereza wartet schon so lang auf uns. Ich möchte jetzt wirklich gerne meine Beine hochlegen. Wir haben doch noch die gestern angebrochene Flasche von dem Rotwein? Und Hunger habe ich auch.
Wie schön, dass du mir Gesellschaft geleistet hast und auf mich gewartet hast.“

Michaela Swoboda
Szenisch dargeboten bei Theaterzeit Freistadt 2018

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 18132

 

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Bisherige Redaktionsnachrichten:
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Archiv Juli 2018

29.7.18: Veronika Seyr: Die Taube vom Bologna Centrale (Italien 5)
29.7.18: Nives Farrier: Selbst verloren
29.7.18: Nives Farrier: Luftschlösser
22.7.18: Michael Timoschek: So war es eben
22.7.18: Nives Farrier: Unter meiner Haut
22.7.18: Nives Farrier: Demut
22.7.18: Florian Pfeffer: Laufen
18.7.18: Veronika Seyr: Was Pag mit uns macht
15.7.18: Veronika Seyr: Loblied auf eine Zwergenbahn II (Italien 4)
15.7.18: Nives Farrier: Sauberer Schlussstrich
15.7.18: Nives Farrier: Selbstvergessen
8.7.18: Harald Schoder: In den Schluchten der Altstadt von Genua
8.7.18: Veronika Seyr: Die Ohrfeige der Tante Fritzi
8.7.18: Nives Farrier: Unentschlossen
8.7.18: Nives Farrier: Versprochen ist versprochen
8.7.18: Florian Pfeffer: Xanax

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So war es eben

Am Morgen des achten November 2014 verließ Egon Pichler sein Haus am Rande eines Dorfes namens Gratwein. Es war kalt und der Wind wehte eisig, dennoch setzte sich Egon unter einen Apfelbaum auf seinem weitläufigen Grundstück. Vor genau einem Jahr war seine Ehefrau im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Karla, so hatte sie geheißen, war sieben Jahre jünger gewesen als er.

Den Besuch an ihrem Grab hatte er bereits am Vortag hinter sich gebracht. Seine Tochter Helene hatte ihn dorthin gefahren. Er hatte einen Strauß rote Rosen auf die Grabplatte gelegt und mit Helene über die beiden Toten gesprochen, die im Grab lagen. Neben seiner Frau ruhte sein Sohn Heinrich, dessen Leben im Alter von neununddreißig Jahren geendet hatte.

Helene hatte ihrem Vater ein schweres, in weiches Tuch gehülltes und mit festem Garn verschnürtes Bündel ausgehändigt.
„Das ist alles, was ich von Heinrich habe. Ich habe es über die Jahre aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät; und auch um ihn nicht zu vergessen“, hatte sie gesagt.
„Warum hast du es mir nicht schon früher gegeben?“, hatte Egon gefragt. Verständnislosigkeit hatte in seinem Blick gelegen.
„Weißt du, ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich dir und Mutter das zumuten kann.“
„Aber natürlich hättest du es uns zumuten können! Ich verstehe nicht, warum du so lange damit gewartet hast. Nun ist Karla tot und hat nichts mehr davon!“
„Ich denke, so ist es besser. Was Heinrich hinterlassen hat, hätte ihr bestimmt das Herz gebrochen, glaube mir.“
„Worum handelt es sich denn?“
Helene, Heinrichs Schwester, hatte plötzlich Tränen in den Augen.
„Einfach um die Wahrheit. Um nichts anderes als die Wahrheit.“
„Ich verstehe“, hatte er gesagt.
Seine Tochter hatte den Tonfall in seiner Stimme bemerkt. Es war der für ihn typische, mit dem er auf ebenso unangenehme wie unabänderliche Tatsachen zu reagieren pflegte.

Nachdem er von seiner Tochter wieder nach Hause gebracht worden war, hatte er das Bündel geöffnet und zu lesen begonnen, was sein Sohn geschrieben und dessen Schwester chronologisch geordnet hatte.
Er hatte mit dem Ende begonnen, mit dem letzten Blatt Papier, das von Heinrich beschrieben worden war. Es war der Abschiedsbrief seines Sohnes. Er war an Helene adressiert und ihr wurde darin freigestellt, ihn ihre Eltern lesen zu lassen.

Heinrich Pichler war im Alter von neununddreißig Jahren gestorben. Ein Unglück unter Alkoholeinfluss, hatte es geheißen, ein unglückliches Ausrutschen, ein tiefer Fall und vorbei war es. Heinrichs Mutter Karla hatte eine Weile an dieser Version gezweifelt. Ihr war die Not, unter der ihr Sohn gelitten hatte, durchaus bewusst gewesen und sie hatte den Verdacht, dass er keinem Unfall zum Opfer gefallen war. Nach einer gewissen Zeit jedoch hatte sie ihrer Tochter gerne Glauben geschenkt, die nie auch nur ein Jota von der Version eines Unfalls abgerückt war. Auf diese Weise konnte sie den Verlust ihres Erstgeborenen leichter verkraften.
Egon Pichler, der nie ein besonders gutes Verhältnis zu Heinrich gehabt hatte, war sich über all die Jahrzehnte nicht sicher gewesen, ob es ein Unfall gewesen war. Jedenfalls hatte er den Tod seines Sohnes als unveränderliche Tatsache akzeptiert und im hintersten Winkel seines Gehirns abgespeichert. Selten nur hatte er die Erinnerung an sein Kind daraus hervorgeholt und vor sein geistiges Auge geführt.
Diese Erinnerung war bald nach Heinrichs Tod verblasst.

Sein zweites Kind, Helene, hatte ihm vom Tage ihrer Geburt an näher gestanden, als sein Sohn dies je vermocht hätte.
In der Schule war sie strebsam gewesen, hatte danach Klavier studiert und dank der Beziehungen ihres Ehemannes eine einigermaßen respektable Karriere als Pianistin gemacht.
Heinrich hatte zwei Klassen wiederholen müssen, sein Studium abgebrochen und sich in Wien als Schriftsteller versucht.
Zeit seines Lebens waren ihm Ruhm und Erfolg versagt geblieben, erst nach seinem Tod hatte sein Werk ein wenig Anerkennung erfahren.
Für Egon Pichler war das nur allzu verständlich gewesen.
„Was Helene an Kunst erschafft, wird Heinrich in fünf Leben nicht zustande bringen!“, hatte er oft zu seiner Frau gesagt.
„Ja, leider“, hatte diese geantwortet.
„Welche Stücke sie spielen kann, und in welcher Perfektion – das ist allerhand! Sie wird eine große Karriere machen, da bin ich mir sicher!“
In der Tat hatte sie eine große Karriere gemacht, aus Gratweiner Sicht.

In kleinen Dörfern zählt es mehr, wenn ein Mensch aus der Mitte der Dorfgemeinschaft ein von einem anderen Menschen komponiertes Musikstück exakt zu spielen vermag, als wenn ein Mensch kraft seiner Kreativität ein noch nie dagewesenes Werk erschafft. Ersteres ist für Dorfmenschen sowohl leichter nachvollziehbar als auch nachprüfbar.
So war es auch bei Heinrich und Helene Pichler gewesen.

Diesen Umstand hatte Heinrich in seinem Abschiedsbrief sehr wohl angeführt, jedoch ohne Neid auf seine Schwester oder Vorwürfe an seine Eltern. ‚So war es eben‘, hatte der entsprechende Absatz im Brief geendet.
Nachdem er diesen zu Ende gelesen hatte, war Egon Pichler in seine Küche gegangen, um sich Gin einzugießen. Das Glas neben sich, hatte er die Kurzgeschichten gelesen, die sein Sohn kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Sie waren allesamt düster und, wie die Handschrift erkennen ließ, in angetrunkenem Zustand geschrieben worden. Sie handelten von Todesahnungen und von Verlust, jedoch legten sie nicht offen, worin Heinrichs erlittener Verlust bestanden hatte.
Egon hatte versucht sich vorzustellen, wessen sein Sohn verlustig gegangen war, doch keine Person oder Sache war ihm in den Sinn gekommen.
Nach dem Abendessen hatte er Heinrichs Texte weitergelesen.
Er war bald dahintergekommen, dass sie, je älter sie waren, desto lebensbejahender und voller Hoffnung auf eine gute Zukunft geschrieben worden waren.
In vielen Erzählungen hatte Egon Pichler sich und seine verstorbene Ehefrau erkannt, auch wenn sein Sohn seine Eltern niemals mit ihren wirklichen Namen erwähnt und sie auch nie an den Pranger gestellt hatte. Er hatte zwar sehr wohl Begebenheiten aus seiner Jugend angeführt, doch hatte er stets so formuliert, dass seine Verwandten deswegen nicht hätten böse sein können.
Die frühesten Texte seines Sohnes hatte Egon nur überflogen, denn es war bereits spät und er war müde.
Am nächsten Morgen las er auch diese. Sie waren ungelenk geschrieben, hatten keine klare Botschaft und bereiteten Egon keine große Freude beim Lesen.
Er war auf dem Gebiet der Literatur wenig bewandert, hatte nie viele Bücher gelesen, und nur selten die von seinem Sohn verfassten Texte. Dennoch war es ihm unmöglich, eine gewisse literarische Qualität zu negieren, vor allem in den Werken aus Heinrichs mittlerer Schaffensperiode, also jenen, die nach seinen dilettantischen frühen Werken entstanden waren.

Er las diese Texte ein zweites Mal und erkannte, dass sich zwischen den Zeilen einiges verbarg, was ihm bei der ersten Lektüre entgangen war. Das, was darin verborgen war und ihm nun mitgeteilt wurde, führte Egon vor Augen, wie wenig er seinen Sohn gekannt hatte. Er erfuhr, wer Heinrich Pichler wirklich, was für ein Mensch sein Sohn gewesen war.
Er schämte sich.
Er fand viele Parallelen zu sich selbst, was Gedanken, Gefühle und Handlungen anging. Er hätte in den entsprechenden Situationen auf die selbe Weise gedacht, gefühlt und gehandelt wie die jeweiligen Personen in den Kurzgeschichten, hinter welchen sich, wie er erkannt hatte, niemand anderer als sein Sohn Heinrich verbarg.

Er wurde sich einer Tatsache schmerzlich bewusst: Nämlich der, dass er sich mit Heinrich zwar unterhalten hatte, dies sogar oft, doch niemals mit ihm gesprochen hatte. Er hatte ihn in beinahe jedem Gespräch spüren lassen, dass er im Gegensatz zu seiner Schwester die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, jedoch ohne dies offen auszusprechen. Das wäre auch nicht notwendig gewesen, Heinrich hatte auch so verstanden, dass er weniger wert war als Helene, wie Egon einigen von Heinrichs Texten entnehmen konnte.
Sein Sohn hatte auf die selbe Art und Weise reagiert wie viele junge Männer in einer ähnlichen Situation. Er hatte es, wann immer das möglich war, vermieden, mit seinem Vater über Dinge zu sprechen, die nicht Wetter, Sport oder Politik betrafen. Egon Pichler war das nicht entgangen, doch hatte er einfach keine Lust gehabt, etwas daran zu ändern.

Das Telefon klingelte, Helene war am anderen Ende der Leitung.
„Wie geht es dir, Papa? Hast du Heinrichs Texte gelesen?“
„Ja, Helene, das habe ich. Einige sind wirklich gut.“
„Hast du schon alle gelesen?“
„Ja.“
„Was sagst du zu seinem Brief?“, fragte sie.
„Ich habe immer gewusst, dass er sich etwas angetan hat. Der Brief ist nur der Beweis, dass ich recht hatte.“
„Und seine Kurzgeschichten?“
„Nun.“ Egon Pichler zögerte. „Er hatte recht, in vielerlei Hinsicht.“
„Ja, das hatte er wohl. Siehst du ihn nun mit anderen Augen?“
„Ich sehe ihn zum ersten Mal so, wie er wirklich war. Also ja, ich sehe ihn mit anderen Augen.“
„Dann hat es etwas gebracht, dass ich dir die Texte gegeben habe.“

Egon Pichler saß unter seinem Apfelbaum und dachte erst an seine Ehefrau Karla und dann an seinen Sohn Heinrich. Nach etwa dreißig Minuten seufzte er „So war es eben“ und ging in sein großes einsames Haus zurück.
Er stieg auf den Dachboden und kramte in einer verstaubten Kiste. Darin hatte seine Frau die wenigen Literaturzeitschriften, die Texte ihres Sohnes abgedruckt hatten, verwahrt. Er zog sie heraus, wischte den Staub mit dem Ärmel seines Pullovers ab und ging mit den Heften unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort las er jene Kurzgeschichten von Heinrich, die von den Redaktionen für veröffentlichungswürdig befunden worden waren. Sie gefielen ihm gut, weit besser als vor vielen Jahren, als er sie das erste und bis zu diesem Tag einzige Mal gelesen hatte.
Er ging mit den Magazinen wieder auf den Dachboden, doch brachte er es nicht fertig, sie in die staubige Kiste zurückzulegen. So schuf er Platz auf seinem Nachttisch. Auf die frei gewordene Fläche legte er die Zeitschriften mit Heinrichs Beiträgen.
Dadurch war er seinem Sohn näher, als er es zu dessen Lebzeiten je gewesen war.

An sechzehnten Dezember schloss Egon Pichler seine Augen für immer.
Er hatte seinen Tod kommen sehen und entsprechende Vorkehrungen getroffen.
Als seine Tochter das Schlafzimmer ihrer Eltern betrat, fiel ihr sogleich der niedrige Stapel Magazine auf, der auf dem Tisch neben dem Bett lag. Darauf lagen, in ein Tuch eingewickelt, Heinrichs Texte, die sie ihrem Vater gegeben hatte, und auf dem Bündel ein Blatt Papier.
‘Liebe Helene!’, stand darauf. ‘Ich bitte dich um einen Gefallen: Lass in den Stein des Grabes, in dem ich mit Karla und Heinrich ruhen werde, folgende Worte einarbeiten: ‘So war es eben.’ Danke! Papa’

Leider ist es oftmals eben so, dass Nähe erst dann Eingang in das Leben eines Menschen findet, wenn ein anderes Leben bereits zu Ende gegangen ist.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 18131

Was Pag mit uns macht

Obwohl die fünftgrößte der Adria-Inseln, ist Pag ähnlich unbekannt wie die Rückseite des Mondes. Und so schaut sie auch aus. Und wenn berühmt, dann nicht für ihren Reichtum, sondern für ihre Kargheit. Und diese karge Schönheit muss man auch noch suchen.
Oder man hat Glück, und sie überfällt einen. Der Mai dieses Jahres machte es mir nicht schwer.

Der Weltuntergang hat hier schon vor langer Zeit stattgefunden, die Abholzung der Bäume für die römischen Galeeren und in Folge das Verschwinden der gesamten Vegetation. Das lässt den Großteil der Insel Pag seit 2000 Jahren wie eine Marslandschaft aussehen. Apokalypse heißt ja auch „Enthüllung“ (hab ich gegoogelt), und enthüllter kann eine Erdoberfläche nicht sein. Aber doch nicht ganz. Ihr nordwestlicher Zipfel mit dichten Steineichenwäldern und den ältesten wilden Olivenbäumen der Welt überrascht und versetzt einen dann in einen Olivenbaum-Wahn. Die wilden Oliven – diesen Unterschied muss man machen, denn die ältesten kultivierten wachsen auf Kreta. Sorry, Pag.

Auf den Hügeln hinter dem kleinen Hafendörfchen Lun erstrecken sich in lichten Wäldern die alten Baumriesen, die die Bewohner seit Generationen veredeln. Knorrig, vielfach in sich selbst verdreht und gewunden, manchmal wie Drachen am Boden geduckt, in alle Richtungen gestreckt und gequält wie Christusse am Kreuz, nehmen sie die Steine in ihre Stämme auf und leben in Harmonie mit ihnen. Offenbar bekommen sie etwas von ihnen. Ihre Früchte trotzen sie dem steinigen Boden ab und kämpfen Jahr für Jahr mit den Stürmen der Bora und des Scirocco, hier Jugo genannt. Auch in der gnadenlosesten Sonne harren sie aus, nichts anderes gewöhnt, die heiteren, silbergrauen Wächter des Paradieses, selig in ihrer Wildnis, von nichts umgeben als von Licht, Luft, Feld und Meer. Schafe, unsichtbar irgendwo hinter Natursteinmauern. In Gigantenarbeit graben die Inselbewohner die Felsblöcke aus der Erde, türmen sie auf und schaffen Reihen von Unendlichkeiten, mäandernde Traumlinien in Weiß, Grau und Rosa durch die Landschaft, dazwischen knallt sich baumhoher, goldgelber Ginster hinein.

Natürlich gedeihen die Oliven auch wegen der Liebe und wegen dem Stolz ihrer Besitzer. So einer ist Edo, unser Gastgeber und jetzt unser Führer.
Mit Ante Gotovina will er nichts zu tun haben. Er schüttelt unwillig den Kopf und macht eine wegwerfende Handbewegung, als ich auf das Denkmal hinweise. Unter einem 1600 Jahre alten Ölbaum haben Kameraden dem verurteilten Kriegsverbrecher des „vaterländischen Krieges in ewiger Liebe und Dankbarkeit“ einen Stein gesetzt.
Weiter oben sitzen wir dann unter dem ältesten mit 2000 Jahren, lange schweigend. Es sind auch einige Baum-Umarmer-Leute dabei.

In keiner Mythologie, in keinem Epos ist von Pag die Rede. Keine Helden sind hier gestrandet, keine Göttinnen an Land gestiegen oder in den Hades gefahren, keine Schlachten wurden geschlagen, es gibt keine Höhlen mit Riesen, auch keine schönen Mädchen am Strand, die die müden Krieger verzaubern oder laben. Auch ist nichts bekannt von Tempeln und Klöstern, in denen weise Männer Visionen hatten und aufschrieben, über die die Menschheit jetzt noch rätselt. Pag ist einfach nie ein Thema in der Weltgeschichte gewesen. Und in der Geografie nur ein unscheinbarer Steinhaufen. Ein zorniger Gott hat seinen Schlatz über diesem Meer hinterlassen, und er wurde zur Insel Pag. In Griechenland habe ich einmal die Geschichte des Schöpfungsmythos gehört, der auch auf diese Adria-Insel zutreffen könnte: Sie sind bei der Länderverteilung zu spät gekommen, da sagte Gott, er hat nur noch ein paar Gebirge und Felseninseln zu vergeben. Aber er schenkt ihnen den Olivenbaum, wenn sie ihn gut behandelten, würden sie nie Mangel leiden.

Noch eine andere Pager Delikatesse verdankt sich der Kargheit, der Schafkäse. Außer im kurzen Frühjahr gibt es kaum grünes Gras, die Tiere ernähren sich hauptsächlich von Strohblumen und Disteln, von Minze, Salbei und Thymian, was den Paski sir so besonders würzig macht. Wenn sie können, knabbern sie auch an Feigenbäumen, Steineichen und Rosen. Wahrscheinlich ist es genauso bei den Schweinen, die den köstlichen Paski prsut, den Pager Schinken, hergeben. Was Schafe und Schweine vielleicht nicht so wahrnehmen wie wir (aber wer weiß das schon so genau?), sind die Gerüche, die von diesen bescheidenen Felsenhaufen ausgehen.

Pag ist eine Duftinsel. Ich gehe die Straße hinunter zum Hafen unter Palmen, Feigenbäumen und Oleander, neben mir eine Hecke aus Rosmarin, höher als ich und dick wie ein Autobus, wuchert sie aus dem Zaun heraus, weiter ein Wäldchen aus hochgewachsenen Ginster- und Lavendelbüschen, ausladend wie Palmenkronen. Das sind nur die sichtbar auffälligsten, aber die vielen ebenso stark duftenden Kräuter und Gräser kann ich nicht beim Namen nennen. Wenn wir am frühen Morgen und am Abend von unseren Übungen zurückkommen, umgibt einen die Luft wie eine Geruchssymphonie, die einhüllt wie ein weicher, wohliger Mantel. Sie schmeichelt und streichelt so zärtlich, dass man sie umarmen und esstrinken möchte. Die Möwen mit ihrem Kampfgeschrei sind immer da.

Auch der dritte Reichtum wird der Natur nur mit Mühe entzogen – das Meersalz in den Salinen von Pag. An manchen Stellen ist die Insel so schmal, dass man glaubt, mit der Hand einmal auf dieser, einmal auf der anderen Seite eintauchen zu können. Überall sieht man übers Meer hinweg. Jenseits des tiefblauen Wassers fallen die schroffen Felswände des Velebit-Gebirges in einer Fülle von wechselnden Farben und Formen in die Fluten. Und auf der anderen Seite, zur offenen Adria hin, reihen sich Inseln an Inselchen, Vorgebirge an Halbinseln und große an kleine Buchten. Manche Landnadeln ragen so schmal und spitz ins Meer hinaus, dass man sich wundert, warum dort keine Schiffe und Segelboote aufgespießt sind wie Schaschlik.

Auf das Festland hinter dem Velebit schaue ich anfangs nur mit Scheu hinüber und schnell wieder weg. Mit Schaudern kommt die Zeit vor 25 Jahren zurück, als dort der jugoslawische Bruderkrieg tobte und ich dabei war. Die Linie von Karlobag bis Karlovac erobern, hieß damals die großserbische Losung. Bei der Bezirkshauptstadt Gospic lag ich anstatt an Adria-Stränden in kroatischen Schützengräben. Die Naturwunder der Plitwitzer Seen waren heftig umkämpft und vier Jahre lang von serbischem Militär besetzt. Als die kroatische Propaganda verbreitete, die barbarischen Tschetniks hätten angeblich den Nationalpark geflutet, zerstört, kämpfte ich mich dorthin durch, um festzustellen, dass das eben nur, wie vermutet, politische Gräuelpropaganda war. Für die Natur ein Glücksfall: Nie konnte sie sich so gut erholen, als damals, als die Touristenpestilenz ausblieb. Nie hab ich eine köstlichere Forelle gegessen, die mir ein illegaler Fischer zugesteckt hatte.

Und um den Vergleich auf die Spitze zu treiben, lassen sich noch die Pager Spitzen anführen. Die Inselfrauen zaubern aus einem dünnen Zwirnsfaden und sonst nichts außer Luft in den langen Wintermonaten Kunstwerke hervor. Die Touristen kaufen die Spitzendeckerl im Sommer gerne und legen sie dann im nördlichen Eigenheim unter ihre mickrigen Gummibäume und Philodendren.

Edo erzählt, dass auf den Inseln kein einziger Schuss gefallen ist, und trotzdem brauchten sie 15 Jahre, um sich zu erholen.
Erinnern, gedenken, nicht vergessen. Noch früher – aber gar nicht so lange her – war Pag die Hölle auf Erden: Das faschistische Ustasha-Regime ließ hier das KZ Slana anlegen und ermordete zwischen Juni und August 1941 tausende Menschen – Serben, Juden, Bulgaren, Armenier, Roma, Sinti und regimekritische Kroaten, Kommunisten und Agrarier. Das Nebenlager Metanja wurde extra für Frauen und Kinder errichtet. Sie ließen sie in den Saline-Feldern verrotten, warfen sie in Bergwerksschächte oder schlachteten sie einfach ab. Die Strände der neuen Party-Destination Novalija sollen meterhoch mit Leichen übersät gewesen sein. Die italienischen Besatzer waren so entsetzt, dass sie die KZs schlossen. Die kroatischen Ustasha-Schergen ließen sie aber zusammen mit ihren Opfern abziehen, die fast alle im innerkroatischen KZ Jasenowac ermordet wurden.

Man sieht es sofort, wenn man ankommt: Diese Insel ist eine Bezwingerin, Überwinderin, Überlebenskünstlerin. Sie hat nichts. Nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag von berühmten Söhnen und Töchtern. Sie hat keine berühmte Zauberin aufzubieten, sie ist selbst eine. Sie macht aus dem Mangel eine Fülle, aus Wirrnis Ordnung, aus Eintönigkeit Abwechslung, aus Einfachheit Komplexität, als wäre sie die Inkarnation der dialektischen Philosophie.
Der Mangel schärft die Sinne und macht empfänglich für alles, was möglich ist. Weckt das Schlummernde auf und befördert es ins Leben.

Das müssen die Entdecker und Erfinder der Pager Woche unmittelbar gefühlt haben, als sie sich hier niederließen und ihnen Gleichgesinnte seither freudig folgen. Vom Gefühl zur Erkenntnis und zur Tat, dass Qigong, Taiji und Shaolin besonders gut hierher passen, in eine Abstraktion von Natur, wie das Bild einer chinesischen Steinabreibung. Die Umwandlung von Energien in etwas Neues, Besseres, Reicheres.

Diese Insel strickt wie im Märchen aus leer gedroschenem Stroh Gold. Das macht demütig und dankbar.

Wien, 8.6.2018

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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Erstveröffentlichung: Der Standard, 14.7.18, Album, S. A4/5
unter dem Titel: "Eine Insel als Überlebenskünstlerin"

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18130

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