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Der Schlüssel

Heute war ich rasch am Friedhof; mein Schwiegervater hat heute Sterbetag und so habe ich ihm ein Licht angezündet. Ich habe ihm ja einiges zu verdanken. Seit ich seine Tochter kennen- und lieben gelernt habe, ist in meinem Lebenskompass wieder eine Magnetnadel, die vorwärts zeigt. Dass er mich nicht mochte, war mir herzlich egal, ich war halt einfach da. Wie ich gerade die alte Kerzenhülle in den Kübel am Eingang werfen will, sehe ich daneben im Gras einen Schlüssel liegen. Einen altmodischen, großen Buntbart-Schlüssel mit einem Spagatschnürl daran. Ich sehe ihn genauer an: Am Griff ist er vernickelt, aber der untere Schaft und Bart sind abgeschliffen, und oben am Bartrand war da noch ein Schleifgrat. Ein ziemlich neu nachgemachter Schlüssel also, wie für ein altes Haustor, oder ein Plumpsklo, vielleicht auch für einen Weinkeller.

Gut, ich habe den Schlüssel analysiert – aber was mache ich jetzt damit? Bei der Gemeinde abgeben? Dank hat man eh keinen, und außerdem ist das Gemeindeamt jetzt geschlossen. Aber ich könnte den pensionierten Gemeindediener fragen, ob er den Schlüssel kennt. Er kennt ja jedes Haus und jedes Kind bei uns, und er wohnt gleich hinter dem Friedhof. Also gut, ich läute halt bei ihm an. „Der Josef is ned da!“, tönt eine ärgerliche Frauenstimme aus dem Fenster. Ich frage mutig zurück, wo ich ihn erreichen könnte. „Nau, wo wird er scho sei? Im Kölla natürlich!“, ist die bissige Antwort. Mein freundliches „Danke schön“ ist fast schon ein bisserl provokant.

Weil ein Spaziergang durch die Kellergasse etwas ausgesprochen Angenehmes ist, lenke ich meine Schritte hinaus. Irgendwie kommt mir beim Eintauchen zwischen die ersten Presshäuser und Kellerkappeln immer das Lied „Heut’ war die alte Zeit bei mir“ in den Sinn. Diese alten Zweckbauten mit ihren schlichten Formen ohne Pflanz und Protz habe ich immer geliebt. Da hat alles einen Sinn, das war genau für den eigenen Bedarf, also nicht größer als notwendig, gebaut, mit eigenen Händen gegraben und gemauert mit dem, was da war: Bruchsteine und Ziegel, oft mit ungebrannten Lehmziegeln dazwischen, ein Eichentram über der Tür, ein, zwei Luken zum Luftaustausch, eine Doppeltüre aus Brettern mit dem Latten-Z hinten, und ein Lüftungsgitter. Mit der Hand grob verputzt und mit Kalkmilch gweißent, das war’s – und hat auch 150 Jahre gehalten.

Langsam – weil hier hat man es nicht eilig – schlendere ich das holprige Pflaster hinauf. Da geht gleich der Puls zurück, und das Auge streichelt die schönen alten Häuser für den Wein, bleibt da und dort an einem eigenwilligen Detail hängen. Das Ohr nimmt nur Stille, Vogelzwitschern und das Flüstern des Windes in den vereinzelt stehenden Nussbäumen wahr.

Ich weiß nicht, wo der Josef seinen Keller hat. Also stolpere ich in den ersten offenen Keller-Eingang hinein und rufe „Hallo, ist wer da?“, und erhalte gleich die Antwort: „Fråg net so blöd, kumm owa!“ Unten steht der Josef mit dem Franz (meinem Rotwein-Lieferanten) bei einem Fass. Er schenkt mir ungefragt ein Achtel ein, und nach dem Kostschluck und darauffolgenden leisen „Ahhh“ riskiere ich die Frage: „Sag, weißt du, wem der Schlüssel g’hört? Er ist im Friedhof beim Mistkübel g’leg’n.“

Da leuchten die Augen des Franz auf wie Auto-Scheinwerfer bei Fernlicht: „Jö, der g’hört mir. Dankschön!!!“ Einige Achterl später weiß ich, dass dem Franz wegen anhaltender Bettflucht von der Frau der Schlüssel abgenommen worden ist. Aber er hat sich – in vorauseilendem Misstrauen – schon vor acht Tagen einen zweiten machen lassen. Und den habe ich heute gefunden.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 21117

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Im Wachs der Seele … Ludwig Thoma zum 100. Todestag am 26. August 2021

Obwohl buchstäblich landläufig, erscheint es falsch, Ludwig Thoma auf die Art seiner Klassiker wie «Lausbubengeschichten» (1905/07), den «Münchner im Himmel» (1911) oder «Jozef Filsers Briefwexel» (1912) zu beschränken. Zu solcher Eingrenzung trug maßgeblich die Rezeption der deutschen Wirtschaftswunderzeit mit ihrer (Sehn-)Sucht nach einer heilen Vergangenheit bei, die neben dem Verlagswesen – auch – in einem halben Dutzend Filmen wirksame Verbreitung fand. Aber natürlich gab Thoma solcher Interpretation reichlich Nahrung.

Thomas Werk erscheint – mir – wesentlich geprägt von einem Beobachterstatus. Dieser begründet sich, bei ihm stark ausgeprägt, in einer Mischung aus gewünschter Einbindung und eigensinnigem Nicht-Dazugehören. Zur Renitenz trugen wesentlich chaotische Lebensumstände bei, die erst in seinen mittleren Jahren dank literarischem Erfolg und dementsprechender finanzieller Absicherung in ein – äußerlich – ruhigeres Fahrwasser gelangten. Paradigmatisch steht dafür das unter eigener planerischer Beteiligung 1907 erbaute Haus »Auf der Tuften» in Rottach-Egern am Tegernsee: ein zutiefst traditionelles, halb bäuerliches (mit Bauernstube und «Kuchl»), halb bürgerliches Anwesen (mit Biedermeierzimmer) als Treffpunkt arrivierter Künstler (wie Slezak, Ganghofer, Richard Strauss).

Noch einmal zurück: Früh verlor er den Vater, einen Förster; seine Mutter, die ihren Lebensunterhalt in wechselnden Gastwirtschaften bestritt, sah für ihn eine klerikale Laufbahn vor, wohl kaum vom Jungen gewollt, was zu stets kurzfristigen Schulaufenthalten in halb Süddeutschland führte. Aus dem zunächst anhaltenden Wanderleben verblieb eine Unruhe, die in der jahrelangen unbefriedigenden Suche nach Zugehörigkeit, ob bei studentischen Corps, ob bei zahlreichen Frauenbekanntschaften, und nach beruflicher Basis, die immerhin in einigen Jahren Rechtsanwaltskanzlei in Dachau (1894–97) mündeten.
Der Wechsel nach München verlegte die Unrast in das Schriftstellerische. Er beginnt zum einen die im Umgang mit Landbevölkerung und Boheme erworbenen Erfahrungen umzusetzen in seinen Komödien und zahlreichen Kurzgeschichten. Zum anderen nimmt er die für ihn bornierte Gesellschaft aufs Korn; er wird zum entscheidenden Motor des Satiremagazins «Simplicissimus».

Einen offensichtlichen Wandel gebiert der Erste Weltkrieg. Thoma ist beileibe nicht der einzige freiwillige Kriegsbegeisterte unter Künstlern und Literaten, er überlebt, behält allerdings die deutschnationale Gesinnung bei, die ihn gepaart mit dem Erlebnis der kurzfristigen Münchner Räterepublik zum Antidemokraten macht, der im Miesbacher Provinzblatt einem rüden Antisemitismus Platz gibt. Wiederum zeigt sich das merkwürdig Ungebundene in, wie mir scheinen will, noch zunehmender Ambivalenz: Denn gleichzeitig betreibt er nach dem Ende seiner Ehe mit der Tänzerin «Marion» (1911) nunmehr ausgerechnet eine emotional aufwallende Beziehung zur aus jüdischem großem Haus stammenden Maidi Liebermann und behält in seinen Texten jetzt – vor allem – die halb beschönigende, halb reservierte Sicht auf die alte Heimat bei. Gibt er sich äußerlich als stämmiger bodenständiger Bajuware mit Schnauzbart, ländlicher Kleidung, Pfeife mit langem Rohr und Jagdleidenschaft, rutscht er psychisch in Depressionen und beginnt, an Magenkrebs zu leiden, an dem er 54-jährig stirbt.

Eine Art Zusammenfassung seiner literarischen Ambitionen – Im Wachs der Seele hat sich auch alles Äußere so abgedrückt, daß ich dadurch immer noch die treuesten Bilder von Menschen und Dingen geben konnte – und seines inneren Zustands bietet nach meinem Dafürhalten der Roman «Altaich» (1918). Der Untertitel «Eine heitere Sommergeschichte» wirkt fast provokant, denn es geht im Dachauer Umfeld um das Aufmotzen eines neuerdings durch Lokalbahn angebundenen stattlichen Dorfs zum Luftkurort. Während einer Saison treffen hier Auswärtige ein, Münchner(!) Beamte, Schweizer Poet, habsburgischer Offizier, Berliner Kaufmann mit Gattin und Tochter, eine halbseidene Dorfstämmige, ein überkandidelter Kunstgeschichtler, denen einige Dorfgranden und Hausdiener in derselben, nicht zuletzt sprachlichen Überzeichnung gegenübergestellt werden mit dem einzigen Antipol einer ehrbaren Müllerfamilie. Das Karikaturenhafte einer altbaierischen Verwurzelung gegenüber städtischem Milieu erinnert an die Simplicissimus-Zeiten, in dem solche Wesensarten bereits mit spitzer Feder aufgespießt wurden, nunmehr allerdings durch das gutmütig dramatische, rückwärtsgewandt-utopische Geschehen und durch eingewobene persönliche Erinnerungen wie jene an seinen Bruder gemildert.

Letztlich zieht Thoma selbst (s)ein Fazit: Leute, die meine Bücher beurteilen, sehen über ein paar lustigen Dingen nicht die Hauptsache, in der allein die Schwierigkeit und darum auch das Können liegt. Das ist, daß alle Menschen leben müssen, nach ihrem Typus denken und handeln.[1] Da winkt nicht nur der von ihm geschätzte Fontane, dessen «Jenny Treibel» er verehrte, von fern, diese Haltung rückt ebenfalls vieles heimattümelnd Ehemalige, vieles In-sich-Kreisende, auch mehrstimmige Ungeordnete, vieles etwas aufstoßende Durchsichtige in ein von uns Heutigen leidlich akzeptabel nachvollziehbares literarisches Licht. Dass er in einem Testament seine Nächsten reich bedachte, mag zudem über seinen schwierigen, nicht gerade geradlinigen Charakter hinweghelfen.

[1] Die beiden Zitate stammen aus Briefen an Maidi von Liebermann vom 8. 9. und 4. 10. 1919; in L. Th., Ausgewählte Briefe, München (Langen) 1927

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wurde veröffentlicht in: «Der Literarische Zaunkönig» Nr. 2/2021

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 21115

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