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Loblied auf eine Zwergenbahn I (Italien 1)

Lecce, 14.2.18, 16 Uhr 50, Bahnsteig 6

Jetzt fahre ich also in den Stiefelabsatz hinein, ins äußerste Spitzerl im Südosten. Nicht Fahren, sondern Schlüpfen ist mein Vorgefühl, wie mit den Fingern in einen Handschuh oder mit einem Schuhlöffel. Mühsam. Ich bin aufgeregt und angespannt wie vor einer Himalaya-Expedition, obwohl nichts auf ein Abenteuer hindeutet. Alles spielt sich nur im Kopf ab, in alten Bildern. Der schmale Bahnsteig ist gefüllt mit Schülern und Pendlern, darunter viele Afrikaner. Einer verkauft Regenschirme. Kann man brauchen, es beginnt zu nieseln. Die Bahn besteht aus einem einzigen Waggon, außen blau-grün-türkis gestreift, drinnen 32 abgewetzte Plastiksitze, fast vollbesetzt. Das Bähnlein muss der Traum eines jeden Kleinbahnliebhabers sein, eins zu eins. Der könnte sie in seinem Garten um die Zwerge kreisen lassen.

Außer mir und einem jungen Liebespaar sind alle Passagiere mit ihren Handys beschäftigt. Das Bähnlein fährt im Schritt hinaus aus den öden Vororten von Lecce auf die Halbinsel Salento, in den Stiefelabsatz zwischen Adria und Ionischem Meer. Weißgekalkte Trulli, Masserien und Trockensteinmauern säumen den Weg, Scharen von Elstern flattern darüber, lassen sich auf Oliven- und Feigenbäumen nieder und schrecken ohne sichtbaren Anlass wieder auf. Ohne sie hören zu können, weiß ich, dass sie genauso hysterisch kreischen und in Schwarz-weiß flattern wie ein alter Stummfilm. Viele Olivenbäume sehen krank aus oder sind schon gefällt. Lange Reihen am Boden wie Grabhügel auf einem Friedhof. Das böse Bakterium Xylella hat sie befallen. Obwohl Abgase in den Waggon gelangen, dringt der säuerliche Geruch von den ausgepressten Oliven der jüngsten Ernte herein; sie liegen in dunklen Hügelgebirgen links und rechts der Strecke. Wie heißen Olivenreste, Trester? Die blühenden Mandel- und Pistazienbäume besprenkeln in weißen und rosa Tupfern die Landschaft.

Das Bähnchen tuckert, pfaucht, rattert und stinkt wie ein alter Steyrer Traktor. Aber es ist sehr musikalisch. Wenn es hält, tutet es wie ein Ozeandampfer; solange die Türen offen sind, rasselt und scheppert es wie ein Blechwecker, und wenn es abfährt, ertönt ein Martinshorn. Aber manchmal musiziert sie auch unterwegs, ein lauter Knall – Fehlzündung, langgezogenes Pfeifen – Anfahrt, klingt wie ein Tuberkulosepatient. So klein es ist, will es doch alles gleichzeitig sein.
Es hat sogar einen Schaffner. Der kontrolliert aber nicht die Fahrkarten, sondern schaut ab und zu aus dem Führerhaus bei den Passagieren vorbei, fragt, wie es geht, va bene? und plaudert mit dem einen oder anderen familiär. Nach einer Stunde Fahrt beginnt es zu regnen, und ein dunkler Abend zieht heran. Für die Strecke von 60 Kilometern braucht das Züglein zwei Stunden und zehn Minuten, fährt also mit 30 Stundenkilometern. Da es aber die Hälfte der Zeit steht, in den Stationen, aber auch unterwegs, werden es nur 15 Stundenkilometer sein. Ein Radfahrer könnte daneben mithalten. Und ich mit meinem Notizbuch kann eins zu eins mitschreiben, was ich sehe, höre und rieche. Analoger geht‘s nicht.

Jetzt weiß ich es, es ist ein „Triebwagen“! Ich habe lange nachgesonnen und hineingefühlt, es ist ein Triebwagen wie an der Donauuferbahn meiner Kindheit, dieses Gemisch aus Geräuschen und Gerüchen, das leise Erzittern aus dem tiefen Inneren des Dieselmotors heraus beim Halten und Anfahren in Weißenkirchen oder Spitz, Persenbeug oder Sarmingstein – ein langsamer Express in die Zeit zurück. Wenn man die Farben weglässt – sie verblassen ohnedies immer mehr – kann man die schwarz-weißen Filme des italienischen Verismo hier ansiedeln, im Mezzogiorno. Einige Bahnhofsgebäude sehen so aus, als hätten sie schon im „Leoparden“ mitgespielt.

Zwei Besonderheiten fallen mir auf: In jeder Station stehen Männer herum, die nicht ausgestiegen sind und nicht einsteigen; die winterliche Gegenwart der Dörfer ist so ereignislos, dass die Ankunft des Bähnleins begrüßt wird. Und jedes Mal, bevor das Bähnlein in eine Station einfährt, bleibt es rasselnd stehen, wie um Atem zu holen, putzt seine Kehle durch, um sich dann langsam an den Bahnhof heranzupirschen. Vielleicht spielt es so etwas wie „Räuber und Gendarm“ auf Apulisch? Ich horche ihm ins Herz hinein, ob es sich nicht etwas von der Tarantella angeeignet hat.

Irgendwann muss ich eingenickt sein, der Schaffner hebt mein zu Boden gefallenes Notizbuch auf, ich sitze mit zwei Frauen allein im Abteil, und das Bähnlein lässt ein endloses Martinshorn ertönen – Endstation Gagliano del Punto. Rocco holt mich ab und bringt mich zu Klaras Wohnturm in der Via Monte Grappa. Schöne Adresse, vor dem Haus kreuzen sich die Via Settembrini und die Via Galileo Galilei, stelle ich am nächsten Morgen fest. Was kann da noch schiefgehen?

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18122

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Schreibend

Um zu schreiben, so dachte er, muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Dass dies Arbeit erfordern könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Henrik hatte mit seinen 59 Jahren von Camus bis Kehlmann alles gelesen und hatte die letzten Jahrzehnte damit verbracht, eine beachtliche Sammlung von Erstausgaben der klassischen Literatur anzulegen. Sein besonderer Stolz war eine signierte Erstauflage von Madame Bovary, die er in Paris bei einem Stand auf der Porte de Clignancourt zu einem Spottpreis von dreißig Francs ersteigern hatte können.

Seiner Frau hatte Henrik angekündigt, einen Roman zu schreiben. Einen Roman, von dem man leben könne. Also sprich, ein außerordentliches Epos, das sowohl Kritiker als auch das Lesepublikum in nachhaltige Begeisterung versetzen sollte. Sechs Wochen, hatte seine Frau gesagt. Du hast sechs Wochen. Nimm dir Urlaub. Nach sechs Wochen würde sich die Sache schon weisen.

Die erste Woche verging wie im Flug, er schlief lange, so lange, wie er es seit dreißig Jahren nicht mehr getan hatte. Dann frühstückte er ausgiebig, las die Zeitung und marschierte mit breitem Sonnenhut, einem Stapel Papier und seiner Federschachtel unterm Arm in den Garten. Dort in der Laube, umgeben vom Duft der Rosen und des wilden Weines, ja, dort sollte er seinen Roman beginnen.

Schriftsteller wollte er immer schon werden. Seit er ein kleiner Bub gewesen war und die ersten Zeilen der Wild-West-Romane seines Bruders gelesen hatte. Schreiben, so, dass die staubige, menschenleere Weite der Prärie vor dem geistigen Auge auftaucht, so, dass man die Schüsse knallen hört und die Cowboys und Indianer bluten sieht. Doch weder sein Vater noch seine Mutter waren begeistert. Schriftsteller, das war kein Beruf. Das war kein Leben.

Dennoch begann Klein Henrik alles aufzuschreiben, was ihm in den Sinn kam. Er kritzelte bis spät in die Nacht auf dem alten Zeitungspapier, das eigentlich schon zum Verheizen hinterm Ofen gelegen hatte. Wenn die Mutter es fand, las sie es und lobte ihn für sein „schönes Talent“, aber es landete dennoch jedes Mal in den unerbittlichen Flammen des Kachelofens.

Als er in der Schule durch seinen immer verträumten Blick aus dem Fenster auffiel, empfahl man den Eltern, dem Jungen jegliche Ablenkung zu entreißen. Seine Bücher wurden in einer Kiste auf den Dachboden verbannt, seine Bleistifte wurden in Mutters Kleiderschrank Nacht für Nacht versperrt und in der Früh zurück in den Rucksack gesteckt und jeder gelesene Zeitungsabschnitt wurde sofort verbrannt, damit keinerlei Ideen in dem Kopf des Jungen nisten könnten. Die einzigen Bücher, die ihm geblieben waren, waren die Schulbücher. Ein Stapel unscheinbarer, lustleerer Ansammlungen von quälend langweiligen Vorstellungen, wie das Leben zu lernen und zu leben war. Leidend büffelte er Mathematik und Chemie, er hasste Zahlen. Sie waren unschön, unromantisch und farblos. Er hatte nie einen hässlicheren Klang gehört als das Wort Substitution.

Im Gymnasium schrieb er die schönsten Texte, wurde gelobt und durfte sogar einmal ein Gedicht vor der versammelten Schulgemeinde nach der Weihnachtsmette vortragen. Gut, sagten seine Eltern. Du kannst schreiben, das wird dir beim Studium helfen. Also studierte Henrik Jura. Er schrieb lange Gesetzestexte, formulierte Klagen, konzipierte Briefe und hatte in seiner Karriere abertausende Aktenblätter ausgefüllt.

Er hatte während seines Studiums, bei der ersten Stelle am Gericht und bis er dann endlich seine eigene Kanzlei eröffnet hatte, kein einziges Mal allein zur Freude seiner Schriftstellerseele geschrieben. Erst als er Mitte dreißig war, schrieb er ein paar Leserbriefe und Kommentare an verschiedene Zeitungen, deren Veröffentlichung ihn immer in Höchstlaune versetzte.

Dann, einem lang verdrängten Trieb folgend, begann er wieder zu lesen. Und die ersten Bücher waren wie Tropfen auf einen heißen Stein. Es waren Bücher seiner Frau gewesen, die er immer am Nachttisch vorfand und zu denen er aus reiner Neugierde gegriffen hatte. Geschichten voller Herzeleid und flacher Charaktere, die zu erforschen zu blass waren.

Dennoch las er sie, saugte die Worte auf wie ein Verdurstender das Wasser in der Wüste. Danach las er alles, wofür er nie Zeit gehabt hatte. Ein, zwei Bücher in der Woche lesend bis spät in die Nacht. Jeden Samstag ging er in die Bibliothek, durchstreifte die Gänge, wie ein Raubtier auf der Suche nach seiner nächsten Beute.

Nun, endlich. Mit 59 Jahren sollte er seinen ersten Roman schreiben. Und was für einen noch dazu! Er saß nun mit ausgestreckten Beinen unterm Blätterdach der lieblichen Gartenlaube und sinnierte. Es fiel ihm ein, dass sein Großvater immer mit Pfeife sinniert hatte und wie sehr ihn das immer beeindruckt hatte. Also fuhr er in die Stadt und kaufte sich Tabak und Pfeife.

Als die erste Woche vorbei war, hatte er kein einziges Wort geschrieben. Doch anstatt zu verzweifeln, fühlte er sich so befreit wie noch nie. Er summte, kochte seiner Frau Abendessen und putzte sogar die Fenster, mähte den Rasen und pflanzte Blumen ins Balkongitter.

Nach der zweiten Woche fragte ihn seine Frau, ob sie denn schon etwas lesen dürfe. Henrik schüttelte den Kopf. Es sei noch zu abstrakt, die Ideen seien noch luftleer, und er hätte noch keinen konkreten Handlungsbogen.

Als er bei der Hälfte der vereinbarten sechs Wochen angekommen war, wurde Henrik unruhig. So, sagte er sich, setzt dich hin und schreib. Also setzte er sich hin. Also schrieb er. Er schrieb übers Wetter, über den Garten, über seine Frau. Dokumentarisch. Wie ein Jurist zählte er Vor- und Nachteile auf und schilderte detailgetreue Verläufe von Ereignissen. Das war keine Schriftstellerei. Das war Beamtendeutsch. Wütend zerriss Henrik jeden Abend, was er geschrieben hatte, und verbrannte es im Griller.

Zu dieser Zeit begann er intensiv zu träumen. Charaktere und Ideen flogen wirr in seinem Kopf herum, doch als er aufwachte verblassten sie. All die ungeschriebenen Worte, all die Geschichten und Abenteuer, die ihm als Junge so leicht aus der Feder gekommen waren, schienen jetzt versiegelt und vergraben unter den Jahren seines Lebens.

Während die fünfte Woche anbrach, weinte Henrik sich in den Schlaf. Hatte er es verlernt? War das, was er immer aus tiefster Seele geliebt, ja, was sein innerstes Wesen ausgemacht hatte, ihm nun für immer abhandengekommen?

Panik stieg in ihm hoch, und er las bis spät in die Nacht, begann seine Lieblingsromane, verwarf sie wieder, griff zu neuen Büchern, suchend nach Ideen, nach Inspiration, bis er erschöpft in seinem Ohrensessel und umgeben von knisterndem Papier einschlief.

Er verfluchte seine Eltern, seine Frau und sich selbst. Wie hatte er es zulassen können, dass er sein Leben der niedrigen Laufbahn eines Juristen widmete und nicht der eines Schöpfers, eines Fantasten und Verseschmiedes?

Ende der sechsten Woche resignierte Henrik. Geknickt saß er vor einem Stapel unbeschriebenen Papiers und gestand sich sein Versagen ein. Er würde seiner Frau alles erzählen, er würde am Montag wieder in die Kanzlei gehen und bis zum Ruhestand als braver Diener des Staates sein Bestes geben. Vielleicht in der Pension dann, wenn er wirklich Zeit hätte. Ja, tröstete er sich, dann würde er seine Glanzstunde als Autor haben.

Henrik ging durch den Garten, atmete die süße Schwere der Abendluft ein und atmete tief aus. Er betrachtete den Mond und die ersten aufglimmenden Sterne und empfand eine allumfassende Seelenruhe. Dann schritt er gemächlich hinein, setzte sich an den Küchentisch und schrieb bis zum Morgengrauen.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18121

But something whispers to my mind …

Emily Brontë (1818-1848) zum 200sten Geburtstag am 30. Juli

Es sind wohl für eine «gerechte» Beurteilung keine guten Voraussetzungen, wenn man – oder besser, hier: frau – gerade einmal 30 Jahre lebt und nur einen großen Roman hinterlässt. (Wobei es, gemäß Verlegerbrief, ein knapp beendetes zweites Manuskript gab, das jedoch nie aufgefunden wurde.) Bekannt ist überdies ein 1846 gedruckter Sammelband unter dem (männlichen) Pseudonym Currer, Ellis, and Acton Bell mit Gedichten auch zweier Schwestern, die eine älter, die andere jünger.

Die drei Brontë-Schwestern empfanden sich mit dem vorwiegend malenden Bruder nicht zuletzt durch die äußeren Lebensumstände – von den identischen Verhältnissen im elterlichen Pfarrhaus im Norden Englands (Yorkshire) mit einem ebenfalls als Verfasser tätigen Reverend-Vater und einer einfühlsamen Tante als Mutterersatz über eine lang anhaltende, an Holzfiguren sich entzündende Phantasiewelt bis zum Sitzen für (Gruppen-)Bildnisse – zumindest bis nach der Pubertät als eine enge Gemeinschaft. So wie, stets aufs Neue herausgearbeitet, dies Gemeinsame auch späterhin in ihren literarischen Werken im Vordergrund gestanden haben soll.

Was sich aber, sieht oder besser: liest man genauer hin, inhaltlich als etwas arg summarisch und, nimmt man einige Äußerungen (gerade der ältesten über die mittlere, eben Emily) hinzu, durchaus als etwas arg eingeschränkt herausstellt. Gleichwohl blieb inklusive des frühen, rasch aufeinander folgenden Ablebens fast aller Geschwister reichlich Stoff für mehr oder minder einfühlsame Hypothesen, die nicht zuletzt zwischen 1943 und 2016 in phantasievollen Filmen einen Niederschlag fanden, und an mehr oder minder gehaltvollen Thesen, deren Wahrheitsgehalt offen, wenn nicht fragwürdig bleibt. Noch bewunderte Virginia Woolf die Leistungen, die aus nicht mehr Lebenserfahrung entstanden, als das Haus eines achtbaren Geistlichen betreten durfte. Solchen Standpunkten lässt sich auch dank wachsendem Dokumentationsmaterial widersprechen, in diesem Fall etwa, indem sich eine erhebliche Bildung außer Haus und der Auslandsaufenthalt in einem Erziehungsheim in Brüssel mit nachfolgendem Plan einer eigenen Schule festhalten lässt.

Besonders bekannt wurden, bei uns, zwei ihrer Bücher, Jane Eyre von Charlotte und Wuthering Heights von Emily, jeweils eine Mischung aus frühromantischer Empfindung und gesellschaftlicher Realistik. Bei Wuthering Heights, 1847 wieder als von Ellis Bell verfasst und erst posthum 1850 unter eigenem Namen herausgegeben, in mehrfacher deutscher Übersetzung als (Die) Sturmhöhe erschienen, ist der Titel trotz der Bezeichnung eines zentralen Ansitzes Programmansage: Es geht zutiefst um leidenschaftliche Gefühle und ihre nicht ausbleibenden Auswirkungen. Ein Mitglied der Gentry bringt von einer Reise ein Waisenkind mit, das trotz ungebärdigen Wesens zum bevorzugten Sohn wird, in den sich, vollkommen erwidert, die Tochter des Hauses vernarrt. Was in der Familie zu erheblichem Missvergnügen und, nach des Oberhaupts Tod, zu starken Gegenmaßnahmen, zur Trennung und zur bitteren indes örtlich nahen Verheiratung von Catherine führt.
Das Unglück nimmt seinen Lauf, als der Findling Heathcliff nach einigen Jahren als gemachter Mann zurückkehrt und sich nun in schockierender Weise als Rabauke ohne Manieren manisch-obsessiv dem finanziellen und menschlichen Ruin aller vor Ort Verbliebenen widmet, in den er die nachfolgende Generation mit einbezieht. Nach dem Triumph im allseitigen Elend lebt er nur noch im Bann seiner heißen, bereits bald verstorbenen Liebe bis hin in den Untergang im (shakespearehaften) Wahn. Was jedoch ein knapp geschildertes, deshalb umso überraschenderes glückliches Ende in dem allein überlebenden jungen Paar ermöglicht.
Berichtet wird, in schriftstellerischer Hinsicht zugleich spannend wie bewunderungswürdig, aus einer zweifachen Perspektive: einer Rahmengeschichte und der sämtliche Ereignisse abhandelnden Erzählung durch die Haushälterin, infolge der mehrfach in die Gegenwart mündenden Erinnerung trotz der (scheinbaren) Kontinuität eine vielfache Verschränkung von Personen, Ereignissen, Reaktionen und feinnervig durchleuchteten Beweggründen.

Zu diesem Roman gehört unbedingt die Rezeptionsgeschichte dazu, weil sie seinen Wert mitbestimmt. Da sind die Zeitgenossen, die zwischen Faszination und Bedenken schwanken; der Mode entsprechende, starke, die gesamte Handlung bestimmende und sensitiv entfaltete Gefühle stehen dem Herausarbeiten einer in ihrem Wirken geradezu abstoßenden, wie die Kritik monierte, amoralischen Hauptperson mit vielfältig konkretisiertem negativen Heldengestus gegenüber. Kritische Äußerungen Charlottes – die die Schwester als eigensinnig bis leicht tyrannisch (bzw. a solitude-loving raven, no gentle dove) beschrieb – führten gemeinsam mit dem Blick auf die zweifellos in das Geschehen unmittelbar miteinbezogene autobiographische Landschaft, einer feuchten stürmisch-windigen Moorgegend, zu die Mystifizierung nur anheizenden Versuchen, des Romans Hauptfigur mit der Autorin enger zu verbinden.

Die Gewalt der sich allein am Fortgang der Geschichte ausrichtenden psychologischen Studie, in der theoretisierende Erklärungen fehlen, allenfalls dann und wann durch leicht altklug anmutende Bemerkungen ersetzt, blieb in der kompromisslosen Darstellung erst späteren Lesern zugänglich. Sodass der Roman schließlich als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der vorviktorianischen Epoche, gar als Teil der englischen «Klassik» bewertet wurde und wird.

Die feministischen Würdigungen konnten – vor dem Hintergrund einer weiteren schwesterlichen Charakterisierung, die Emily stärker als ein Mann, einfacher als ein Kind empfand – nicht ausbleiben; noch einmal Virginia Woolf: Nur Jane Austen und (…) Emily Brontë (…) schrieben wie Frauen schreiben, nicht wie Männer schreiben, (…) setzen nur sie allein sich völlig über die unaufhörlichen Ermahnungen des ewigen Pädagogen hinweg – schreibe dies, denke jenes. (…) Man muß etwas von einer Aufrührerin haben, um sich zu sagen: (…) Die Literatur steht allen offen. Nicht zuletzt von dieser Warte aus folgten über die Jahrzehnte – bis hin zu Elfriede Jelinek – mehr oder minder freie Adaptionen des Stoffs und wiederum zahlreiche Verfilmungen, zuletzt in Irland 2011 durch die Regisseurin Andrea Arnold, und zusätzlich der Song von Kate Bush 1978 mit mindestens sechs späteren Adaptionen.

Versuchen wir bei all diesen Transkriptionen, Umformungen, Umwandlungen uns aufgrund einiger Porträts durch ihren Bruder ein Bild Emilys aus anderer Perspektive zu machen. Da ist die häufige abgebildete, traditionelle Büste im Profil: ein schmales Gesicht mit auffallend hoher Stirn, geradlinig langer, keineswegs überlanger Nase, abgesetztem schmallippigen Mund, weich zum Hals überleitendem Kinn, das volle dunkle Haar kompakt auf die rasch sich senkenden Schultern herabfallend – und, im weißlichen, nur stellenweise «Farbe» annehmenden Inkarnat-Ton des Pastells speziell auffallend die dunkelbraunen Augen unter geraden kurzen Brauen, insbesondere Träger des Ausdrucks: in die Welt blickend, studierend-nachdenklich und zugleich ebenso stark auf das Innere der Person bezogen. Ein früheres Bild, zusammen mit den Schwestern, erfasst, fast frontal, eher mädchenhafte Züge, die «halbe» Strenge verliert sich, der Mund wirkt weicher und der Augenausdruck heller, die etwas größer angegebene Figur bleibt schmal, wodurch, wenn Emily in einem dritten Beispiel ein Buch mit langgliedrigen Händen vor die Brust hält, die Kontur fast silhouettenhaft geschlossen wirkt.

Auch wenn, im deutschsprachigen Raum, der eine, jedoch umwälzende Roman sicherlich die Bedeutung Emily Brontës «ausmacht», erscheinen ihr literarisches Gewicht und ihr literarischer Verdienst in den angloamerikanischen Ländern mindestens gleich groß bezüglich ihrer Gedichte, die, sehe ich es richtig, bei nur wenigen Übersetzungen hierzulande eher unbekannt blieben. 74 an der Zahl, naturgemäß in verschiedener Kürze oder Länge, schrieb man ihr zu, ein sehr respektables Opus also, partiell bis 1850 von Charlotte, 1908 als Gesamtedition herausgegeben.
Emily empfand sehr stark ihre inspiration, für sie eine die Phantasie übersteigende Vorstellungskraft, die sie sogar personalisiert zu sehen vermochte. Der Inhalt der Poems orientiert sich erneut oft an der heimatlichen landschaftlichen Umgebung: I know not how it falls on me, / This summer evening, hushed and lone; / Yet the faint wind comes soothingly / With something of an olden tone. Hochsensibel erfasste Stimmungen rufen auf zu Meditationen über das Leben, in denen die Lyrikerin insbesondere die Endlichkeit besingt. It will not shine again: / Its sad course is done; / I have seen the last ray wane / Of the cold, bright sun. Sie ist stets präsent wie – auch – die Romanfiguren früh, was heißt etwa im eigenen Alter der Autorin, die Erde wieder verlassen.

Was macht das (mein) Dasein aus? Emily Brontë gibt in ihrer Biografie und in ihrem Werk eine überraschend(e) klare Antwort: Der Wert besteht darin, das jeweils individuelle Leben in seinem singulären Lauf anzunehmen. Damit ist kein Laissez-faire, kein simples Es-drauf-ankommen-Lassen gemeint, sondern ein Akzeptieren, was «es» mit sich bringt und dieses «es» nicht nur ernst zu nehmen, sondern in der Annahme voll auszuloten, mehr noch: ein volles Auskosten.
In dieser Fülle relativiert sich die Zeit: Nicht ein möglichst langes Leben (wie heute häufig bis hin zu den Anti-Aging-Versprechen) ist anzustreben, sondern ein zutiefst, genauer: in der Tiefe erfülltes Leben. There is not room for Death / Nor atom that his might could render void / Since thou art Being and Breath / And what thou art may never be destroyed. Erfüllt bedeutet dabei buchstäblich in der gesamten Bandbreite, die es bereithält, in der wach erlebten Spannweite von innen und außen, von Himmel und Erde, von Gefühlen und Realität(en). Dazu gehört Mut: No Coward Soul is Mine, heißt der Anfang ihres wohl letzten Gedichts.

Just in den Tagen, in denen dieser Essay entstand, macht eine neue Studie in Fachkreisen Aufsehen, die dank vieler Belege mit der These aufräumt, die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit sei mit dem Alter von 30 Jahren abgeschlossen. Wenn sich die nunmehr (gemäß Poppers Methodik) falsifizierte These gleichwohl bis dato als gültig «hielt», wirft das immerhin ein, wenn man will: sehr positives, Schlaglicht auf Emilys Erdenleben, zu dessen Länge auch diejenige anderer Künstler (allen voran Schubert mit knapp 32 Jahren) hinzugedacht werden muss. Und, rufe ich mir die zahlreichen Äußerungen von und über Emily auf, zeigt sich das eindeutige Bild eines Menschen mit hohem Selbstbewusstsein, genauer: einer Frau, die sich in beeindruckendem Maß des eigen-artigen Selbst bewusst war. Das gilt ungebrochen bis zu ihren letzten Tagen, als eine Krankheit ausbricht, die mit der Verunreinigung des Wassers in unmittelbarer Friedhofsnähe in Verbindung gebracht oder/und als Tuberkulose diagnostiziert wurde.

Entscheidend bleibt Emilys Verweigerung von Arzt und Medizin. In diesem Sinn lautet die erste Strophe des genannten Gedichts: No Coward Soul is Mine / No trembler in the world's storm-troubled sphere / I see Heaven's glories shine / And Faith shines equal arming me from Fear … Und nicht von ungefähr wünschte sich die große amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson diese Zeilen bei ihrer Beerdigung 1886, ebenfalls ein Hinweis auf die starke Wirkung, die bis heute anhält: Das Pfarrhaus in Haworth ist ein aus aller Welt vielbesuchtes Museum der Brontë-Schwestern.

(Verwendet wurden Die Sturmhöhe, übersetzt von Grete Rambach, Frankfurt/Main 1975 insel tb 141 und verschiedene Gedichteditionen, auch im Internet verfügbar. Die Zitate Virginia Woolfs stammen aus: Ein eigenes Zimmer, übersetzt von Heidi Zernig, Fischer tb 50906, Frankfurt/Main 2005, S. 70 und 74/75; das engl. Original 1929.)

Martin Stankowski
www.stankowski.info

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