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Walpurgisnacht

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.

„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“

Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.

„Wieder was gefunden?“

„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“

Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.

„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.

„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.

Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:

„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.

Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.

Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.

„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.

„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“

Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.

„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.

Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“

Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.

„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.

„Tick, tack, tick, tack.“

Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

„VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com“

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.

„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.

„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“

„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“

„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“

„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“

„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“

Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18160

24 Tage

Manche stehen nur herum,
andere lassen sich hängen.
Viele sind eher langweilig,
was ihr Erscheinungsbild anbelangt.
Auf ihrem weißen Gesicht sind einige Striche,
die als Felder erscheinen.

Manche sind in einen dicken Ledermantel gehüllt.
Etliche sind schwer zu ertragen,
ihre Tage sind voll von Terminen.
Einzelne zeigen sich mit Bildern
oder mit lustigen Sprüchen,
das sind die, an denen wir uns erfreuen.

Wir mögen gerne in ihnen blättern
und sie wollen uns an Geburts-, Namens- und andere Festtage erinnern.
Manche haben Stunden, die nie zu enden scheinen.
Und andere sind wieder sehr kurzweilig.
Manchmal sind die Wochenenden, Feiertage und Ferien
das Einzige, was uns an ihnen gefällt.

Sie haben alle eines gemeinsam,
sie begleiten uns das ganze Jahr.
Und dann gibt es da noch einen besonderen,
der hat an Tagen weniger.
Es sind nur 24.

24 erscheint uns eine magische Zahl.
Manchmal sind es Sackerl oder Packerl,
die kleine Überraschungen in sich tragen.
Un- oder sinnige.
Aber das ist wie das meiste im Leben:
An-sichts-sache.

Manchmal ist einfach nur ein kleines Bildchen,
das in einem Fenster erscheint,
und auch hier ist es wieder die Sache des Betrachters
Ob er sich freut,
oder auch nicht.

Manuela Johanna Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 18159

 

 

Maxhütte: Denkmal – Kainsmal – Vielmal

Augen lassen durch den Zaun sich locken
Kein Panther zieht dahinter seinen Kreis
Rost steigt auf Stiegen in Gefilde
Gefahr heißt dieser Ort gefährlich

Kalt flirrt der Atem, Finger klamm
Erfroren der Hochofen schon lang
Man weiß von einer großen Zeit
In der die Männer Eisen kochten
Bedrängt die Glieder von der Glut
Das Brot verzehrt in der Kantine
Kurz lockt das Leben, Kinder zeugen
Es kommt schon der Tod

Maxhütte - Industriepalast
Seine Majestät thront, wird mit Eisen entlohnt
das für den Frieden nicht taugt
Die Nacht ist der Tag, keine Zeit für die Ruh‘
Arbeit adelt! Ach was
Klammnasses Schuften ein Leben lang
Ehre und Ruhm, was kostet das?
Väter, Söhne geschunden
Verschwunden – mal still, mal laut
Siech, malad, krank und marod
Dem Himmel sei Dank

Als Ungetüm kniest du nun auf dem Acker
Die Hände gefaltet, die Flügel gestutzt
Stumm sind Gebete und still dein Gesang
Feige war der, der die Stimme dir nahm
Verlassen, verloren, mit ruhenden Händen
Wie dich erhören,
erwecken, verstecken, begraben?
Zeit heilt die Wunden, doch wann?

Nackt bist du, zahnlos, allein
Die Feuer der Nacht
haben die Scham dir verbrannt
Wer kann Recht dir verschaffen, sag wer?
Der erkaltete Himmel sieht deine Not
Mag Hilfe dir kommen von dort

Rost frisst deine müden Knochen
Du dauerst mich
Gott erbarm

im Februar 2018

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18156

 

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Archiv November 2018

24.11.18: Claudia Kellnhofer: Sisyphos gelangt an den Anfang der Welt
24.11.18: Giorgi Ghambashidze: Lebe wohl, Lakritz - Teil III
24.11.18: Nives Farrier: Geisterherz
24.11.18: Nives Farrier: Skulptur
18.11.18: Giorgi Ghambashidze: Lebe wohl, Lakritz - Teil II
18.11.18: Veronika Seyr: Ein Sommer in Kirchstetten
18.11.18: Nives Farrier: Beinahe wurde alles gut
18.11.18: Nives Farrier: Meeresrauschen
11.11.18: Giorgi Ghambashidze: Lebe wohl, Lakritz - Teil I
11.11.18: Nives Farrier: Gelöscht
11.11.18: Veronika Seyr: Wie das Blut in die Orange kam
11.11.18: Nives Farrier: Nimmst mir mein Leben
4.11.18: Johannes Tosin: Die ZDF-Hitparade
4.11.18: Nives Farrier: Wenn ich dich nicht mehr kenn
4.11.18: Nives Farrier: Zu wenig

Sisyphos gelangt an den Anfang der Welt

Unverhofft nahm man Sisyphos den Felsbrocken fort, als er ihn zum abermillionsten Mal die steile Böschung hinauf an den Rand des Abgrunds gerollt hatte. Plötzlich war der Stein weg, der nach dem schier endlosen Nach-oben-Wälzen und Nach-unten-Kullern schon fast zu einer Kugel geschliffen worden war. Die scharfen Kanten waren verschwunden, an denen sich Sisyphos anfangs noch die Finger wundgerissen hatte. Immer wieder musste er im Lauf der Zeit mitansehen, wie ihm, nachdem er mühevoll sein Werk vollendete hatte, der Felsbrocken aus den Händen glitt und in der Tiefe verschwand.

Einem geheimen Plan folgend stieg er stets gehorsam hinab und begann sein aussichtsloses Werk aufs Neue. Was hätte er auch sonst tun sollen? Es gab keine Alternative. Klaglos fügte er sich in sein Leid, und hätte er geklagt, hätte ihn niemand gehört, außer den Göttern vielleicht, die aber waren mit Anderem beschäftigt und hatten vermutlich die Ohren mit Wachs verschlossen. Niemand war da, dem Sisyphos seinen Kummer hätte erzählen können. Einsam war er mit seinem Los, das ihm unglücklicherweise in Gestalt eines Steins auferlegt war. Zum Glück gibt uns die Mythologie davon Kunde. Andernfalls wäre der arme Sisyphos völlig im Geheimen seiner Vorsehung gerecht geworden. Niemand hätte je davon erfahren. Nun wissen wir aber um seine Tragik und sie gereicht uns bisweilen zum Trost, wenn wir uns an unser Schicksal gekettet fühlen.

Diesem bemitleidenswerten Mann aus der griechischen Sage war also der Felsbrocken weggenommen worden. Sisyphos wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich war da nichts mehr, wogegen er sich mit aller Kraft hätte stemmen müssen. Seine Hände waren frei und hingen nutzlos und schwer an den Armen. Staunend blickte er auf seine leeren Handflächen. Er bewegte die Finger und begann zu ahnen, dass es da noch etwas Anderes geben musste, das es zu tun gab. Da stieg er aus dem Erdloch und freute sich über die blühende Vegetation und den Sonnenschein. Niemand hatte ihm bis dahin Kunde von der Schönheit der Welt gebracht. Hungrig sog er das Licht mit jeder Faser seines Körpers ein, schlenderte zum nahen Fluss, wo er, nachdem er sich mit der Freundlichkeit des Wassers vertraut gemacht hatte, untertauchte, allen Schmutz von seiner Haut gründlich abwusch und sich nach Herzenslust aalte.

Deutlich spürte er, dass nun etwas Neues anfing. Die schwer drückende Dunkelheit, die er bislang in Gesellschaft des stummen Steins verbracht hatte, war von ihm genommen. Jetzt war er ins Licht getreten, und das Leben umarmte ihn mit goldenem Sonnenschein und Schwerelosigkeit. Bunte Farben, duftende Blumen und Vogelgezwitscher hüllten ihn ein. So entstieg er frisch und munter dem Fluss. Aus Gräsern, Blättern, Farnen, Binsen, allen möglichen Pflanzen, deren Namen ich genau so wenig kenne wie Sisyphos, und aus mannigfaltigen Blumen, die er am Ufer vorfand, flocht er sich ein prächtiges Gewand, das er sich überzog.

Als er seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche ansichtig wurde, staunte er nicht schlecht. Hatte er doch bis dahin nie Gelegenheit gehabt, sich selbst zu betrachten. Während das Wasser sich lustig kräuselte, entdeckte Sisyphos seine Gestalt. Die Bewegungen seiner Hände, seiner Beine, seines ganzen Körpers sah er und wunderte sich darüber. Sisyphos schüttelte seinen Kopf und ließ seine langen Haare durch die Luft wirbeln. Zustimmend nickte er, dann öffnete und schloss er den Mund, und bemerkte, dass er in der Lage war, Laute hervorzubringen. Zunächst schnalzte er mit der Zunge, doch bald schon gelang es ihm, den ausströmenden Atem mit Hilfe seines Gaumens, seiner Zunge und der Lippen zu regulieren und gezielt zu leiten, sodass auch andere wohlklingende Geräusche seinen Mund verließen. Fröhlich experimentierte er mit dieser neu entdeckten Fähigkeit und trat mit den Geräuschen seiner Umgebung in einen klanglichen Austausch. Auch wenn er das Wort dafür noch nicht kannte, so war es ein wunderbares Konzert, an dem er mitwirkte. Ich wage zu behaupten, dass er auf dieser Bühne im Grünen zu diesem Zeitpunkt bereits die erste Geige spielte.
Mehr und mehr wurde er Teil der Welt, in die er nun einmal getreten war, und er gab seinen Ton an. Mit jedem Schritt, den er machte, verblasste die Erinnerung an die unterirdische Dunkelheit, in der er so lange den unförmigen Stein mühsam vor sich hergeschoben hatte. Finsternis hatte er eingeatmet und Schweiß mit jeder Pore ausgeatmet. In Staub war er eingehüllt, und nicht enden wollende Qual war sein düsteres Geschäft gewesen.

Jetzt hingegen glänzte sein Haar und seine Augen strahlten. Kraftvoll atmete er ein, füllte seine Lungen bis zum Anschlag und spürte, wie das sauerstoffreiche Blut fröhlich seine Adern durchfloss. Besser ist es, wenn ich sage, es hüpfte ihm durch die Glieder und ließ seine Bewegungen beschwingt werden. Wie von selbst fingen seine Füße an zu tanzen. Er richtete seinen Körper auf, hob die Arme, bewegte die geöffneten Hände und streckte sie voll Güte nach oben. Sein Angesicht wandte er strahlend dem Himmel zu. So, als wollte er allen, die sich dort in Unsichtbarkeit hüllten, bedeuten: Seht mich an, ich wandle im Licht. Meine Hände werfen euch alles zu, was ich an Bewegung zu geben habe, und aus meiner Kehle kommen die Laute, die die Vorsehung in mich hineingelegt hat. Wenn ihr Mut habt, nehmt das Wachs aus euren Ohren, um mein Lied zu hören. Es wird euch die Augen öffnen, und dann schaut mir in die Augen.

Aber die da droben hatten noch nicht genug Schneid. Sie baten sich Bedenkzeit aus und schickten vorerst die Sonne vor. Ihr kam das gerade recht und sie scheute sich nicht, ihre Chance zu ergreifen. Sie ist als gute Lehrmeisterin bekannt und fing flugs ihre Lektion damit an, Sisyphos das Lachen beizubringen. Kein einfaches Unterfangen, wie jeder weiß. Aber er erwies sich als gelehriger Schüler und lachte nach ersten zögerlichen Versuchen bald aus Herzenslust, dass es auch denen da droben nicht verborgen blieb, und sie wussten nicht recht, wie sie das verstehen sollten. Vorsichtshalber wandten sie sich ab. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht fertigbrachten, ihre Neugier komplett zu unterdrücken. Bestimmt blinzelten sie verstohlen zwischen den Sonnenstrahlen hindurch und erhaschten, mit verhohlenem Neid, einen Blick auf den der Unterwelt Entronnenen. Seine lebensfrohe Gestalt führte ihnen unmissverständlich die verborgenen Möglichkeiten vor Augen und ihnen wurde rasch klar, dass das die Zeichen für den Anfang sein mussten. Weil sie aber seit alters her ängstlich vor jedem Anfang waren, taten sie so, als würden sie nichts mitbekommen, zogen sich zurück und begnügten sich aus sicherer Entfernung mit heimlichen Beobachtungen.

Sisyphos wusste davon nichts. Er machte sich auf, dem Flusslauf zu folgen. Das Wasser tanzte lustig neben ihm her, hielt unaufhörlich Zwiesprache mit dem wagemutigen Gesellen und versäumte nicht, ihn recht durch die Landschaft zu geleiten, so dass es ihm nicht schwerfiel, sich seine Neugier und freudige Erwartung zu bewahren. Offensichtlich wich ihm nun das Glück nicht mehr von der Seite, und so kam es, dass er völlig ohne Gefahr an ein einsam gelegenes Gehöft gelangte. Gänse, Hühner, Enten begrüßten ihn schnatternd, krähend und quakend. Eine Katze umschmeichelte maunzend seine Füße und hieß ihn näher treten. Ein braunes Pferd wieherte ihm freudig zu, Schafe blökten, Kühe muhten und eine weiße Ziege nahm ihn neugierig beschnuppernd in Empfang.
So ging Sisyphos mit seinem auffälligen Gewand der einladend rot gestrichenen Haustüre entgegen. Bunte Blumen umkränzten sie, und noch bevor er sie erreicht hatte, wurde sie aufgetan. Ein lächelndes Gesicht hieß ihn eintreten. An einem Tisch nahm er Platz, durch die Fenster in seinem Rücken fielen die freundlichen, hellen Sonnenstrahlen, die das Zimmer in durchsichtiges Gold tauchten und ihm bedeuteten, dass er hier richtig sei. Die Dame, die ihn eingelassen hatte, trug köstliche Speisen auf, von denen er erst zögerlich, sogleich aber bereitwillig nahm. Indem sich seine Gastgeberin ihm gegenübersetzte, tat er es ihr gleich und kostete von Käse, Fleisch, Brot und Gemüse. Er trank Milch und probierte süße Früchte. Alles war ihm neu. Den Genuss der Speisen hatte er bislang eben so wenig gekannt wie die Sonnenstrahlen und die herrlichen Töne. Während die Frau mit ihm sprach, lernte er ihre Worte verstehen.

Ihm wurde klar, dass all die Jahrhunderte und Jahrtausende in ihm die Ahnung vom Reichtum der Welt geschlummert hatte. Die stets gegenwärtige Sehnsucht, der dunklen Ödnis entfliehen zu wollen, war an einem geheimen Fleckchen seines Geistes anwesend gewesen, aber sie war verkapselt im Kokon, der verschlossen und versiegelt war. Nun hatte der seidene Faden sich zu lösen begonnen. Zentimeter für Zentimeter wickelte er sich rasch ab und wurde Sisyphos zum Lebensfaden, der ihn durch die Herrlichkeiten des Daseins lotste. Wie reich und schön doch alles war, das ihn begleitete und erwartete, das ihn umgab und in ihn einging durch Augen, Ohren, Mund und Nase, das ihn an Füßen, an Händen berührte, ihn kitzelte und ihm vermittelte, dass er aufzunehmen in der Lage sei und dass sich alles unaufhörlich neu in seinem Inneren zu verändern und zu formen anschickte. Ja, das ist das Leben.
Durch alle Sinne dringen die Eindrücke und formen den Geist, der wiederum neugierig auf alles wartet und ebenfalls seine Möglichkeiten nutzen will, um nach Kräften Neues zu schaffen, mit den Händen, mit Worten, mit der Stimme, mit allem eben, was einem Menschen zur Verfügung steht.

Sisyphos staunte und strahlte die freundliche Dame an, die ihm als erster Mensch begegnet war. Mit einem Male wurde ihm klar, dass ein Schatz von Möglichkeiten für ihn in einem goldenen Topf bereitstand, den er zu suchen und zu finden hatte. So erhob er sich, küsste der schönen Dame mit vollendeter Höflichkeit die zierliche und doch so kraftvolle Hand und verabschiedete sich zutiefst dankbar für die Erfahrung, Gastfreundschaft genossen zu haben und beherbergt worden zu sein. Weil sie wusste, wie lange der Weg sich noch erstreckte, ehe Sisyphos sein Ziel erreichen würde, holte sie aus einer schön bemalten Truhe ein Paar grüner Wanderstiefel aus geschmeidigem Leder. An den einstigen Besitzer gibt es keine Erinnerung mehr. Er muss von weit hergekommen sein und hier seine Bleibe gefunden haben, sodass er die liebevoll geschusterten Stiefel nicht mehr brauchte. Er hatte sie ausgezogen, um sie nie mehr wieder zu benützen. Im Stillen hatten sie hier sicher verwahrt auf Sisyphos gewartet, und die freundliche Dame Amaryllis streifte sie ihm über die bloßen Füße und band flink die Schnürsenkel.

So war Sisyphos wohlgerüstet. Ein neues Gefühl beflügelte seine Schritte. Hatte er auch den unmittelbaren Kontakt mit dem Untergrund eingebüßt, so waren nun seine Fußsohlen vor Verletzungen geschützt. Ihm war klar, dass er einen weiten Weg vor sich hatte. So machte er sich Richtung Osten auf. Amaryllis begleitete ihn ein Stück der Sonne entgegen. Wenn man an den Anfang der Welt gelangen will, muss man immer der Sonne entgegengehen. Erkennt sie, dass man es ernst meint, wird sie einen auflesen und in ihrem Schiff mitreisen lassen. So marschierte Sisyphos zuversichtlich nach Osten. Als er mit seiner Begleiterin den Waldrand erreichte, verließ ihn die gnädige Dame Sie musste zurück zu ihrem Anwesen und nach weiteren Besuchern Ausschau halten. So hat jeder seinen Platz in der Welt.

Während sie zurückging, schritt Sisyphos mit neuer Kraft voran. Er trat auf dem bemoosten Pfad tiefer in den Wald ein. Hohe Bäume ragten links und rechts neben ihm auf. Seine Schritte federten auf dem weichen Untergrund und er fühlte sich behütet. Schon stimmten all die hier ansässigen Vögel ein Willkommenskonzert an und kündigten den durchreisenden Gast auch den anderen in tieferen Regionen beheimateten Bewohnern an. Neugierig steckte der eine und andere Fuchs und Hase seinen Kopf aus dem Gestrüpp, betrachtete Sisyphos neugierig in seinem aus Blattwerk gefertigten Outfit, schickte ihm einen freundschaftlichen Gruß entgegen und entwischte rasch, eifrig seinem Tagwerk nachgehend. Bisweilen sah er noch Rehe äsend beieinanderstehen, die ihn ob seines eilfertigen und zielstrebigen Schrittes musterten, ihm aber zu verstehen gaben, dass er ihr Reich sehr wohl zu durchqueren habe. Der Ort seiner Bestimmung war noch weit. Keines von ihnen war je so weit gelaufen. Vom Hörensagen wussten sie, es gebe diesen Ort, wo es sich hinzugehen lohne.

Und Sisyphos wanderte ohne Hast, aber doch schnell, weil ihn die Sehnsucht nach dem in der Ferne liegenden Ziel lockte. Als er den Blick in den Äther schweifen ließ, sah er die klaren Strahlen der Sonne erscheinen. Sie war also schon auf ihn aufmerksam geworden. Wer weiß, wer ihr seine Ankunft verraten hatte? Aber die Sonne kannte sehr wohl das Schicksal des armen Sisyphos, genauso, wie ihr das einer jeden geknechteten Kreatur nicht verborgen bleibt, und sicher führt sie den ins Licht, der es braucht. Gleich oder später. Und Sisyphos, der so lange im Dunkeln die Kugel gerollt, hatte ganz gewiss eines gelernt: zu warten. Und so ging er seinen Weg entlang. Bestimmt ist es der einzig richtige. Frau Sonne schickte ihm mit ihren warmen und hellen Strahlen alle Hoffnung der Welt und auch noch ein gutes Stück der himmlischen Zuversicht. Und ehe er sich versah, wurde er emporgehoben zum Sonnenschiff.

Fragte man ihn später nach den Eindrücken dieser Reise, so vermochte er nichts weiter zu sagen, als dass es wunderschön war, schwerelos dahinzugleiten, gedankenverloren und unendlich glücklich. Eine lichte Leere habe ihn umfangen, wie er sie nicht beschreiben könne. Die Worte für Derartiges hatte er noch nicht kennengelernt. So fuhr er eine geraume Weile im Sonnenschiff am Rande des Himmels gen Osten und Frau Sonne raunte ihm so manches Helle zu, das er mit geweiteten Augen und Poren aufnahm. So kam Sisyphos wohl zu dem, was die Menschen bisweilen eine Glückshaut nennen, in Ermangelung eines besseren Begriffs.
Und flugs war er viele hundert oder gar tausend Kilometer weit gereist. Wer scherte sich schon um derartig kleinmütiges Zählen? Sanft setzte ihn die gnädige Sonne auf einer Wiese an der Peripherie einer Metropole ab. Ganz andere Geräusche drangen hier an sein Ohr. Scharf und schnell und schneidend. „Hab keine Furcht!“, sang ihm die Sonne Abschied nehmend zu. „Du wirst das Licht, das ich in dich hineingelegt habe, verbreiten. Es ist nicht schwer, denn jeder verlangt danach. Sei großzügig und geize nicht damit.“

Sisyphos hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Mit seinen grünen Wanderstiefeln stapfte er durch das lange Gras und gelangte zu einer schwarz asphaltierten Fläche, die sich als Straße herausstellte. In seiner floralen Kleidung erschien er den zahlreichen Autofahrern in der Tat wie von einem anderen Stern. Sie glotzten ihn aus den blankgeputzten Scheiben ihrer bunt lackierten Karossen an und fingen an zu hupen, denn er versperrte ihnen die freie Fahrt und sie hatten es eilig. Einer betätigte den automatischen Fensterheber an der Fahrertür per Knopfdruck und brüllte heraus: „Verpiss dich, du seltsamer Vogel, sonst rufe ich die Polizei!“

Und Sisyphos fing schon an, an der Redlichkeit der Frau Sonne und auch an der Liebenswürdigkeit der Dame Amaryllis zu zweifeln, weil er sehr wohl spürte, dass dies trotz der augenscheinlichen Helligkeit ein Ort der Finsternis war. Starr vor Schreck stand er da, als ein dicker Mensch aus der Führerkabine eines LKWs kletterte, auf Sisyphos zuging, ihn energisch unterhakte und ihn hoch in sein bescheidenes Heim hievte. „Hier bist du erst mal in Sicherheit!“, sagte er zu ihm. „Mir scheint, du kommst aus dem Reich der Träume! Trägt man dort neuerdings organische Klamotten? Pflanzenfasern mit Blumen durchwirkt, aus Madeira und Gott weiß woher noch; eine erneute Flower-Power-Welle?“

Sisyphos verstand alle Worte des Fahrers, schaute ihn aber vorerst nur groß an und vermied es zu sprechen. Er wollte sich ein genaueres Bild der Lage machen. „Woher hast du die Mokassins aus marokkanischem Leder? Kommst du aus Marrakesch?“, fragte der freundliche und offensichtlich seine Umgebung sehr aufmerksam beobachtende Fahrer weiter und reichte ihm eine rote Dose, die, nachdem sie geöffnet war, zischend eine herbe Flüssigkeit herausschäumen ließ. „Trink, du hast bestimmt Durst!“, lud er ihn ein. So nahm Sisyphos den ersten Schluck und erfuhr, dass das Bier sei. Während der Fahrer von seiner Herkunft aus dem hohen Norden bereitwillig erzählte, knauserte Sisyphos mit seinen Worten. Tief drinnen in seiner Erinnerung saß noch das Wissen um die geheime Kraft der Worte, und es schien ihm ratsam, sie kostbar bei sich zu verwahren und wie Perlen zu zählen. So verriet er nur, dass er gekommen sei, um Licht zu machen. Das verstand der hilfsbereite freundliche Mann am Lenkrad des Trucks, das Sisyphos übrigens an den Stein erinnerte, den er so lange vor sich her gewälzt hatte, und weil auch der Fahrer einer war, der Bescheid wusste, versprach er, ihn an den Ort zu bringen, wo Licht benötigt wird.

Er startete den Motor, lenkte aus der Raststätte auf die Autobahn und steuerte auf die große Stadt zu. Sisyphos fühlte sich an den Fluss zurückerinnert, dessen Lauf er, nachdem er dem Erdloch entschlüpft war, eine Tagstrecke weit gefolgt war. Auf der dreispurigen Autobahn schoben sich die Fahrzeuge rasch vorwärts. Sie schienen ebenfalls von einer geheimen Kraft getrieben zu sein. So gelangte der LKW an einem gelben Schild vorbei, auf dem etwas in schwarzen Lettern stand. Die beiden Männer befanden sich in einem Häusermeer, das von Straßen wie Spinnweben durchzogen war. Sisyphos fiel auf, dass sich der LKW gen Osten bewegte. Die Richtung stimmte also noch, und das beruhigte ihn inmitten all dieser Geschäftigkeit.
Irgendetwas musste hier schiefgegangen sein, denn hier gab es von allem zu viel und gleichzeitig auch von allem zu wenig. Es fehlte das rechte Maß. Sisyphos beschlich die leise Angst, hier verloren zu gehen, und er entschloss sich, ein paar Worte aus seinem kostbaren Schatz an den Fahrer zu verschenken und stellte die Frage: „Bringst du mich bitte an den Anfang der Welt? Einer wie du kennt bestimmt den Weg!“  Mit großen Augen schaute ihn Lars an. „Freilich kenne ich den Weg zum Anfang der Welt. Es ist bloß aus der Mode gekommen, danach zu fragen. Heute bildet sich jeder ein, von sich aus dorthin zu gelangen. Aber die meisten verirren sich, weil sie zu eingebildet sind und zu stolz, um zu fragen. Leicht geht man in die Irre. Du siehst ja selbst, wie viele Straßen es hier gibt, die nach überall führen.“

Geschickt lenkte Lars aus dem Norden seinen schweren Truck auf den Straßen Berlins gen Osten und brachte Sisyphos in seinem Paradieskleid an einen Ort, der Kreuz des Ostens heißt. Das muss schon ganz in der Nähe vom Anfang der Welt sein. Umringt von hupenden Autos parkte er in Seelenruhe, zeigte Sisyphos die Richtung, die er einzuschlagen hatte, schubste ihn freundlich aus der Fahrerkabine und verabschiedete sich in stillem Einverständnis von ihm, indem er bedeutungsvoll mit den Augen zwinkerte.
Sisyphos hingegegen gelangte bald an ein zweiflügeliges Holztor, über dessen geschwungene Oberseite sein Name in großen Lettern zu lesen war. Nicht schlecht staunte er, dass man ihn hier am Anfang der Welt bereits erwartete und ihm schon ein Haus gebaut hatte. Auf jedem Flügel der beiden Tore war eine große Ente geschnitzt. Sie schauten sich an und die beiden Schnäbel schienen sich zu küssen. Da fühlte sich Sisyphos an das freundliche Haus der Frau Amaryllis erinnert, in deren Hof auch quakende Enten ihn empfangen hatten. Beherzt pochte der Heimgekehrte mit beiden Fäusten an das Tor. Unverzüglich hörte er eine Stimme fragen: „Wer bittet um Einlass?“ „Ich kann Licht machen“ entgegnete Sisyphos, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Und da es bereits dämmerte, schien es dem Türsteher einleuchtend, dass es nun an der Zeit sei, mit der Illumination zu beginnen.

Das Tor ging auf, Sisyphos trat in sein Reich und wusste sofort, dass er zu Hause, am Anfang der Welt angekommen war. Rasch liefen Leute im Hof zusammen und bedeuteten ihm, dass man ihn seit Langem schon sehnsüchtig erwarte. Man löcherte ihn mit Fragen nach seinem Verbleib, worauf er lächelnd und achselzuckend wortlos antwortete. Niemand fragte ihn nach seinem Namen. Offensichtlich wussten alle schon, dass er der Hausherr persönlich sei. Zwei Herren in salopper Kleidung begleiteten ihn über das Gelände.
Bedauernd teilte man ihm mit, dass während seiner unerwartet langen Abwesenheit in diesen Gebäuden Hundekuchen produziert worden seien. Sisyphos lächelte nur und entgegnete, dass ihm Hundekuchen allemal lieber seien als Kalaschnikows.

So war alles geklärt, und Sisyphos wollte ebenso wie die beiden Herren keine Zeit verlieren. Die Dunkelheit stand vor der Tür und der heimgekehrte Hausherr wollte damit beginnen, Licht zu machen. Es war höchste Zeit, um den Anfang der Welt, nachdem er endlich gefunden war, aus seinem langen Dämmer zu erwecken, ihn in Licht zu tauchen und die Menschen von überall her anzulocken. Sisyphos fing an, die eilig montierten Scheinwerfer auszurichten. Unter seiner geheimnisvollen Regie entstand an der Fassade des Backsteinbaus eine wahrlich himmlische Lichtsymphonie in den strahlendsten und phantastischsten Farben. Schnell war klar, dieser Mann im Phantasiekleid musste von weit her gewandert sein, um diesem Ort seinen vergessenen Zauber zurückzugeben und den verwirrten Menschen Heimat.

In Windeseile verbreitete sich die Kunde, dass hier etwas Neues und ganz Großes entstand. Musiker fanden sich ein, das Licht mit Klang zu verbinden. Feuerkörbe wurden an den nachtschwarzen Himmel gezaubert und farbstarke Blitze durchfuhren die Finsternis, um allen den Weg zu zeigen und ihrer Sehnsucht eine Richtung zu geben. Viele kamen und täglich wurden es mehr, weil alle suchen und nach einem Platz verlangen, wo ihre Seele Ruhe findet.

Sisyphos ist Gott sei Dank angekommen und hat es geschafft, diesen verwunschenen Ort in Helligkeit zu tauchen. Jetzt herrscht dort der nicht leicht fassbare Geist, der durch die Gabe des Lichts entsteht. Manche nennen ihn Esprit, andere wagen das Wort nicht in den Mund zu nehmen. Sisyphos zählt seine Worte wie Perlen. Er schweigt und spricht mit fein dosiertem Funkenregen, mit Lichtkegeln und kletternden Lichtmenschen – seine Sprache ist das Licht. Und wer sie beherrscht, mag an jeden Ort reisen, sei es der undurchdringliche Dschungel mit all den Lianen, die sich von tropischen Bäumen baumeln lassen und den Affen zum Spiel dienen, sei es die Wüste, durch die sich eine Karawane schlängelt, oder sei es das Eis, das man früher das ewige nannte, auf dem Pinguine und Eisbären tollen.

Sisyphos kann alle diese Bilder an den Nachthimmel zeichnen. Nur wer seine Herkunft kennt, versteht, warum er den Menschen Strahlen bringen muss und warum er seine Freude daran hat, all die Hungrigen im Licht stehen zu sehen. Langsam werden sie, so beschienen, lebendig und fangen an sich zu bewegen, anmutig und rhythmisch zu tanzen, sich im Takt der Musik zu wiegen. Aber damit ist es nicht getan. Das Leben in der Metropole ist hart. Hundekuchen ist out und Schokoladensoße will keiner.
Wer zu Sisyphos kommt, will den Anfang der Welt spüren, und der ist heftig. Wer aus der Unterwelt kommt, weiß das. Wer unzählige Male seinen Felsbrocken vergebens den steilen Hang hinaufgerollt hat, um anschließend machtlos zusehen zu müssen, wie er bockstarrig wieder hinabrollt, der weiß, dass man das Leben festhalten muss mit beiden Fäusten, dass man mit aller Macht jede Regung in sich aufsaugen muss, um sie im schwer zugänglichen Inneren zu beheimaten.

Menschen kommen ins Sisyphos, weil sie hungrig sind nach Leben. Vom alltäglichen Zuviel haben sie schon genug, mehr als das. Weder in den überbordenden Einkaufszentren noch in den beruflichen Selbstverwirklichungsstätten pocht der Puls der Lebens. Alles ist zu viel und zu wenig. Es scheint, als wäre überall die Luft zum Atmen dünn geworden. Jeder sucht das Glück, aber die Glückshaut ist nicht zu kaufen und nicht zu verdienen und auch nicht zu erbitten oder per Opfer zu erwirken. Das Leben lässt sich nicht ergaunern und nicht erarbeiten, man kann es weder ansparen noch erben.
Das Leben pocht am Anfang der Welt und bisweilen findet man einen Ort, wo man ihm gegenübersteht oder es wenigstens für möglich hält, dass es so sei. Ein Augenblick in diesem Gefühl zu leben, ist es allemal wert, sich dem Rausch von Licht und Klang in Extremen hinzugeben. Nur allzu gern lässt man sich forttragen von der schwerelosen Schwere und erwacht mit der Sehnsucht, an diesen Ort zurückzukehren, so oft und so lange wie nur immer möglich. – Sisyphos wahrt sein Geheimnis gut. Niemand kennt seinen Namen und weiß, wohin sein Gesteinsbrocken so urplötzlich verschwunden ist. Wer mag ihn weggenommen haben? Wer verwahrt ihn? Hat er sich gar in Luft aufgelöst oder hat er sich wie ein Ballon mit Luft gefüllt und ist davongeflogen? Sisyphos ist ihn auf jeden Fall los und verbreitet am Anfang der Welt Licht. Hier nennen ihn alle Or, was in der Sprache des Anfangs Licht bedeutet, und er hat vor, diesen Ort nicht mehr zu verlassen.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18157

Passagier

Du lebst dort, wo es keinen Anfang und kein Ende, wo es keine Zeit gibt und weder oben noch unten. Du bist an Bord eines Raumschiffs, welches das All durchmisst, in seiner Schwerelosigkeit, als Pilot und einziger Passagier. Schon so lange bist du auf der Reise, dass du vergessen hast, wie Wolken aussehen, wie Schnee sich anfühlt, wie es ist, zu schwimmen und zu tauchen. Im astronomischen Koordinatensystem sind dein Raumschiff und du nur ein Punkt. Worauf du dich ständig konzentrierst, ist: Kurs halten, seit 32 Jahren und 186 Tagen.

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18154