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Archiv für den Autor: Redaktion verdichtet.at

Immer am Meer

Immer am Meer wird mein Herz so schwer.
Dann fühlt es sich an, als ob darin nur Ballast wär,
der sich aufgetürmt hat und an den Wänden drückt,
es in die Tiefe zieht und auf den Narben zwickt,
und ich lauf gebückt und mit gesenktem Blick rastlos umher,
kann mein Herz kaum noch tragen, weil sich der Kummer
in jeder Kammer durch die Täler frisst, in die Schluchten gräbt,
will an mir nagen, bis mein Herz vergisst zu schlagen.

Dann hilft mir das Meer und schlägt mit den Wellen
meinen Takt, so horche ich auf und sehe es an,
atme den Wind und fühle dann, wie es aufschäumt in mir,
sich in mir verströmt, und wie die Wellen durch mein Blut schnellen, meine Adern
anschwellen, und das Leben in mich schießt, alles fließt, Gefühle erwachen,
weil die Wellen mein Herz neu entfachen, es am Zipfel packen, daran rütteln,
es ausschütteln, bis mein Kummer weicht, klammheimlich
zu den Wolken schleicht, und ich atme auf.

Und bin federleicht.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22096

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BOOMER

Nun hast du jeden Feind besiegt
Deinen Anteil abgekriegt
Deine Frau sitzt neben dir
Und nippt an ihrem warmen Bier

Die Band da vorne lässt dich kalt
Die Nummern sind auch richtig alt
Grade fast so alt wie du
Und man spielt sie immerzu

Du hast noch zehn bis zwanzig Jahr
Wenn dein Entzug erfolgreich war
Es geht dir langsam an den Kragen
Man sollte jeden Arzt verklagen

So hebst du langsam deinen Krug
"Alles Leben ein Betrug!

Nieder mit dem scheiß System!"
Und ich denk: "Ach, wie bequem!"

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 22095

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

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Kleinbürgers Nachtgesang

Es findet doch der Wettlauf dauernd statt!
Und jeder schweigt und tut als ob nichts wär

Ich habe diesen Wettlauf langsam satt!
Drum kauf ich mir jetzt bald ein Schießgewehr!

Dann knall ich meine Konkurrenten einfach nieder!
Dann kehrt vielleicht der Frieden endlich wieder!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22094

Familiäre Wahrnehmung

Beim jährlichen Familienfest im Wochenendhaus des wohlhabenden Autohändlers Emmerich stehen viele Verwandte mit einem Glas Sekt im Garten oder auf der Terrasse und plaudern in kleinen Gruppen. Es ist ein warmer Frühsommertag. Herbert, der jüngste Sohn des Hausherrn, hat erstmalig seine neue Freundin Gaby mitgenommen, um sie seiner Familie „an kurzer Leine“ vorzuführen. Sie wird freundlich begrüßt und dann von jedem Familienmitglied, je nach Profession und Neigung, beschnuppert und taxiert:

Schwester Susi, Friseurin: „Auf billig geschnittener Bubikopf und vermutlich in Eigenregie nachgebleicht – nicht gerade Klasse.“

Schwägerin Liselotte, Verkäuferin bei einem Juwelier: „Die Halskette ist sehr schön, nicht unter 600 Euro, den Rest kannst vergessen. Aber süße rosige Ohrläppchen hat sie, da würden goldene Sternchen mit Türkis gut dazupassen.“

Norbert, der älteste Bruder, Gynäkologe: „Na ja, ein bisserl eng, das Becken – hoffentlich gibt’s da bei einem größeren Kind kein Problem.“ Und nach einem zweiten Blick: „Aber verhungern wird das Kind sicher nicht!“

Tante Johanna (die „Hansitant“), Inhaberin eines Textilgeschäftes: „Ein billiger und zu kurzer Fetzen! Die grellen Frühjahrsfarben passen überhaupt nicht zu ihrem blassen Teint. Und die schlamperten Nähte werden auch nicht lange halten. Sehr fabriksneu, das Ganze. Ich werd’ ihr halt einmal was G’scheits zeigen, wenn’s beiander bleiben. Bei der Figur kann s’ ja eh alles tragen.“

Cousin Melchior (nach seinem afroamerikanischen Taufpaten „Murli“ genannt), Zahnarzt: „Na endlich einmal feste weiße Beißerchen in dieser kariösen Familie.“

Joschi-Onkel (Orthopäde): „Na ja, ein bisserl Hohlkreuz hat’s, macht aber einen knackigen Hintern. Aber diese grauslich spitzigen Sandalen mit hohem Absatz!! Also in spätestens zehn Jahr’ hat s’ Kreuzweh und Hammerzech’n. Das muss ich dem Herbert gelegentlich sagen. Wo ja die Krankenkassa eh jedes Jahr weniger zahlt!“

Hausherr Emmerich: „Hmhm, Kolarik heißt’s, das Mäderl. Lieb ist’s ja. Also wenn’s aus der Familie vom Schweizerhaus ist, wär’ eine stramme Mitgift denkbar. Unwahrscheinlich, ja, aber wenn’s so wär’ – und der Herbert endlich sein’ Magister schon hätt’ ...?“

Urgroßonkel Ferdinand, 95, pensionierter Bahnhofsvorstand: „Also stundenlang könnt’ ich mir diesen wunderschönen langen schlanken Hals anschauen.“ Warum dieser Blick auf den Hals? Die Gerüchteküche der Familie will wissen, dass sich Onkel Ferdinand in der Hungerzeit nach 1945 ein paar Jahre in Nordafrika als Scharfrichter (wortwörtlich) durchgeschlagen hat.

Auch anatomische Gedanken, aber mütterlicher Art, hat die Großtante Anna, verwitwete Fleischhauerin in Pension („Grammel-Tant“ genannt, weil sie nach dem Krieg ihren hungernden Verwandten immer Pakete frischer Grammeln zusteckte) beim Anblick des Mädchens: „Mein Gott, so ein Henderl. Na ja, wir werden’s schon aufpapperln, wenn s’ erst einmal zu uns g’hört!“

Herbert: „Hoffentlich können wir bald geh’n, jetzt haben s’ die Gaby eh schon alle g’seh‘n!“

 

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22093

Atlantik

Ich darf nicht immer tiefer sinken.
Deshalb muss ich auftauchen,
an die Oberfläche des Atlantiks.
Ich werde die Fische verlassen
und wieder Mensch sein.

Das Wasser hinter der Brücke

Das Wasser hinter der Brücke

Johannes Tosin (Text)
und
Michael Tosin (Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22084