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Archiv für den Autor: Redaktion verdichtet.at

Hey, Mercedes!

Sie steht müde in der neuen Designerküche und schaltet die Nespresso-Maschine ein. Vor dem Küchenfenster wirbeln dicke Schneeflocken im Halbdunkel, die Fensterläden klappern gedämpft und halten dem starken Wind stand. Leise surrt Kaffee in die kleine Espressotasse, der würzige Duft steigt ihr in die Nase, sie muss an George Clooney denken. Während sie ihren ersten Schluck zu sich nimmt und ihren Gedanken nachhängt, poltert ihr pubertierender Sohn in die Küche. Die Kopfhörer im Ohr, den Blick aufs Smartphone gerichtet, tastet er nach der Kühlschranktür.

„Guten Morgen, Jonas.“ Ohne eine Antwort nimmt er Orangensaft aus dem Kühlschrank, trinkt in einem Satz die halbe Flasche leer und stellt sie auf die Anrichte. Sie kippt um und ein dünnes Rinnsal tropft auf die Steinplatte und anschließend über die weiße Hochglanzfront. „Really, George?“, denkt sie und schmunzelt.

„Alexa, setze Orangensaft auf die Einkaufsliste“, murmelt Jonas und verlässt die Küche.
Beate wischt sauber und entsorgt die PVC-Flasche. Sie atmet tief durch und sieht sich das Schneetreiben an.

„Wie soll ich heute bloß zu meinem Meeting kommen?“, stöhnt sie.
„Nimm meinen Wagen, ist ein Allrad“, ihr Mann betritt den Raum. In der einen Hand hält er ein Tablet, in der anderen eine Mappe.

„Der ist nagelneu, ich bin mit dem noch nie gefahren!“
Ralf lacht laut auf und schüttelt den Kopf.
„Du brauchst nur drinsitzen, das Auto macht alles selber. Ich habe heute eine Telefonkonferenz von zu Hause aus, brauche den Wagen also nicht.“

Beate wählt einen dunkelblauen Hosenanzug und ein buntes Seidentuch, sieht sich in ihrem großen Ankleidezimmer um und überlegt, welche Schuhe sie anziehen soll bei diesem Mistwetter. „Egal, ich werde in einer Tiefgarage parken, da kann ich dann auch die Highheels anziehen, ich werde ja nicht im Schnee rumlaufen müssen.“

„Alexa, schalte die Alarmanlage aus.“ Ihr Sohn schlurft am Schrankraum vorbei, öffnet die Haustür und weg ist er Richtung Bushaltestelle.
An der Küchentheke sitzt ihr Mann am Barhocker, trinkt Espresso und sieht ins Tablet. „Pling …“, das Signal für eine eingehende Mail ertönt.
„Alexa, öffne das Garagentor.“
„Alexa, sag Mercedes starte die Standheizung.“ Ralf dirigiert Alexa, während er weiter in seinem Tablet liest.
Ein lauter Signalton surrt aus Beates iPhone. Anschließend ein „Pling“ und gleich hinterher ein „Sssrrrrrum“.
„Eine WhatsApp Nachricht, ein neuer Facebookbeitrag und eine Mail“, denkt sie, steckt das Telefon in ihre Gucci-Tasche und verlässt die Küche.
„Bis heute Abend dann. Ich nehme uns etwas vom Koreaner mit, okay?“
„Ja, ist gut.“

Beate fühlt schon angenehme Wärme im Auto. Sie legt ihr Smartphone auf den Beifahrersitz und sucht am Cockpit des Wagens nach dem Schalter „Navi“. Das hochauflösende Display kann via Touch bedient werden, das findet sie schon mal prima, damit kann sie umgehen.
Schnell sucht sie in ihrem Handy unter den Mails nach der Adresse, die ihr die Kundin mitgeteilt hat, und tippt sie in die Navigationsleiste.
Der Motor startet sanft schnurrend, und sie biegt in die Straße ein.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ am Beifahrersitz.
„Hey, was für ein Sauwetter!“ Beate lehnt sich weiter vor in der Hoffnung, so besser durch das Schneetreiben blicken zu können.
„Wie bitte?“, ertönt es von irgendwoher im Auto.
„Was zum Geier … wer redet hier?“ Beate versucht, sich zu konzentrieren.
„Wie bitte?“  —— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
„Diese Reiseroute enthält Verkehrsbehinderungen. Bitte wählen Sie eine andere Strecke.“ Das muss die Dame aus dem Navi sein, denkt sie, denn die Navigationsroute am Display blinkt auf.

In einer Kurve kommt das Auto leicht ins Schleudern, fängt sich aber sofort wieder.
„Hey, Mercedes, gut gemacht.“ Beate lächelt.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, wieder diese freundliche, andere Frauenstimme aus dem Irgendwo.
Plötzlich erkennt Beate blinkende Rücklichter vor sich, sie drückt etwas umständlich aufs Bremspedal und spürt ein Rattern unter ihrem Stöckelschuh, kurz darauf verstärkt das Auto die Bremse selbständig.
„Mist, Stau!“ Beate schlägt auf das Lenkrad. Ihr Handy läutet.
„Beate Lauterbach“, nimmt sie den Anruf entgegen.
„Guten Tag, Frau Lauterbach. Ohlsberg spricht. Ich habe Ihnen heute schon einige Mails geschickt, haben Sie diese erhalten? Ich brauche dringend ein Angebot von Ihnen …“, die ihr bekannte quietschende Frauenstimme am anderen Ende schmerzt in ihrem Ohr. „Frau Ohlsberg, ich muss mich später darum kümmern. Ich bin unterwegs in ein Meeting und stecke im Stau fest.“
„Aber es ist wirklich dringend …!“

Beate beendet das Gespräch, denn im Rückspiegel sieht sie das gelbe Warnlicht der Straßenräumungsgesellschaft und sie weiß nicht, wie diese weiter durchkommen soll.
„Verdammt!“
„Wie bitte?“ ——— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Beate fährt ein paar Meter nach vorn zu einer Bushaltestelle, lässt den Räumungsdienst vorbei und wendet den Wagen.
„Die Route enthält Verkehrsbehinderungen …“, wieder diese vorwurfsvolle Stimme des Navis.
Beate will es über die Autobahn versuchen, das ist zwar ein Umweg, aber die ist sicher besser geräumt.
„Bitte wenden Sie jetzt.“
„Halt einfach die Klappe!“ Beate spürt ein krampfendes Gefühl in der Magengegend, und es wird ihr abwechselnd kalt und heiß.
„Wie bitte?“ ———
„Du sollst auch die Klappe halten. Seid BEIDE einfach ruhig!“, schreit Beate jetzt.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Die Scheibenwischer arbeiten auf Höchststufe, das Schneetreiben nimmt zu. Beate fährt vorsichtig weiter und sucht auf den Verkehrsschildern nach dem Wegweiser zur Autobahn, doch es sind alle Schilder durch die Schneeverwehungen unlesbar.
„In 500 m rechts halten und auf die A3 auffahren!“
„Na endlich!“, denkt Beate.
Sie beugt sich wieder nach vorne, setzt den Blinker …
„Oh nein!“ Beate springt auf die Bremse. Zwei LKW stehen quer über die Auffahrtsstraße.
„Jaaaa, klar! So ohne Schneeketten wird‘s nicht klappen, ihr Idioten!“
„Wie bitte?“ ———
„Mercedes, du nervst!“
„Wie kann ich behilflich sein?“ Freundlich und ruhig, wie immer.
Beate möchte wieder wenden, sie muss den Gegenverkehr abwarten.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Beate überlegt lange Zeit, sie weiß nur mehr eine weitere Strecke, die sie aber über schmale Nebenstraßen führen wird. Ob die geräumt sind?
Sie nimmt ihr Handy und wählt Ralfs Nummer, er soll ihr weiterhelfen. Besetzt! Natürlich, war zu erwarten!
Sie tritt aufs Gaspedal und der Wagen kommt leicht ins Schleudern, ein Warnlicht auf der Tachoanzeige.
„Vielleicht soll ich einfach wieder heimfahren und das Meeting abblasen?“, denkt sie. Doch sie kommt halbwegs gut vorwärts und es ist nur wenig Verkehr auf diesen Straßen.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Kurz darauf ein Anruf, leider nicht Ralf. Sie geht nicht ran.
„Bitte wenden Sie nach Möglichkeit jetzt!“
„Hey, ich wende nicht! Blöde Kuh!“ Beates Fingerknöchel leuchten weiß am Lenkrad, sie hält es fest und verkrampft in beiden Händen.
„Wie bitte?“, fragt die Autodame höflich.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Beate bremst abrupt, sie sucht verzweifelt nach dem Schalter für das Seitenfenster, drückt ihn fest, der rote Gelnagel löst sich von ihrem Fingernagel, wütend nimmt sie das iPhone vom Beifahrersitz und wirft es aus dem Fenster in den Schnee.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaah, ich werde verrückt hier!“
„Wie bitte?“
Sie holt tief Luft, vereinzelt verirren sich die Schneeflocken auf ihrer Kostümjacke, blitzen kurz auf und schmelzen dahin.
Beate schließt das Fenster, drückt den „Off-Schalter“ der Mittelkonsole, das Display verdunkelt sich. Sie legt den Gang ein und fährt langsam weiter. Ziellos, planlos, sie fährt einfach. Es ist nun ganz still im Auto. Nur das leise Summen des Scheibenwischers ist hörbar und das Knarzen der Autoreifen auf der Schneefahrbahn.

Beate spürt Tränen über ihr Gesicht laufen. Sie wischt sie mit dem Handrücken weg.
Nach einigen Kilometern langsamer Fahrt lässt der Schneefall nach. In der Ferne erkennt sie eine kleine Ortschaft.
„Nein, das ist nicht möglich, oder?“, fragt sie leise ins nun stumme Auto. „Das muss Kneidelsdorf sein … es ist Jahre her, Jahre …!“
Wieder ein paar Tränen, die sie schnell wegwischt. Der schneebedeckte Zwiebelturm der Kirche glitzert, Beate fährt durch schmale Straßen, vereinzelt sieht sie ältere Frauen mit Kopftuch die Gehwege freischaufeln.

Der Mercedes surrt an ihnen vorbei. Sie weiß genau, welche Abbiegung sie nehmen muss, kurz nach der Ortstafel. Wie lange hatte sie ihn nicht mehr besucht?
Sie lenkt den Mercedes in einen Innenhof, die Dachschindeln der Stallgebäude sehen schäbig aus. Das Mauerwerk des Wohnhauses ist renovierungsbedürftig, die Fensterrahmen und die Holztür wirken blass. Beate steigt der Duft von Heu und Mist in die Nase.
„Also noch immer Tiere hier?“

In Gedanken sieht sie sich als kleines Mädchen jungen Katzen hinterherlaufen, barfuß durch hohe Wiesen, Bilder von Schafherden auf Weideflächen, von einem alten Schäferhund bewacht, erscheinen. Sie erinnert sich an viele Sommertage hier auf dem Hof, spürt den Geschmack von Butterbrot mit Schnittlauch auf ihrem Gaumen, schmeckt warme, frisch gemolkene Kuhmilch, die sie damals mit einer großen Suppenkelle aus der Kanne schöpfte.
Aus einer klapperigen Stalltür kommt ein alter Mann, er schlurft in Gummistiefeln stark gebückt Richtung Wohnhaus. In seinem Mundwinkel hängt eine Pfeife. Erst jetzt bemerkt er das Auto im Innenhof stehen.

Er lächelt, nimmt die Pfeife aus dem Mund und die Mütze vom Kopf.
Beate öffnet die Tür, versinkt mit ihren Highheels im Schneematsch, bleibt stecken. Sie entledigt sich der Schuhe und läuft in Seidenstrümpfen über den Hof.
„Schicker Wagen!“, ruft er ihr mit heiserer Stimme entgegen.
Beate fällt ihm um den Hals, sie riecht Tabak und Heu.
„Hey, Mädel, was führt dich hierher in die Einöde?“ Er drückt sie fest an sich.
„Ich will mein altes Leben wieder zurück, Opi!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19063

 

Guten Appetit, ihr Ratten - Teil II

„Wo ist die Liebe?“

Ich stand im kalten Treppenhaus und wartete, bis Linda die Tür aufmachte. Dann, als es endlich passierte, schlug ich ihr während unseres Gesprächs vor, zusammenzusein, aber sie schlug es aus.
Du lebst nicht!
Sie war kalt wie ein Fisch, anscheinend war ich pervers, weil ich sie liebte.
Ihr Gesicht war ganz blass, und ich fragte sie, was mit ihr los war.
„Ich habe meine Tage“, sagte sie ohne jegliche Scheu.
Sie sah mich nicht wie einen Mann an. Ihre Augen wie zwei Eisberge, und noch mehr Kälte in deren Tiefe. Mit Verachtung lachte ich über mich, weil ich so verzweifelt war, zu ihr zu kommen.
Ich wollte von ihrem Balkon springen oder sie runterschmeißen. Vielleicht würde sie auch mit mir springen wollen? Aber da sie mit mir nicht leben wollte, würde sie auf keinen Fall mit mir sterben wollen.
Diese Welt ist zu kalt, dass Liebe wachsen und blühen kann.

Einmal ging ich alleine zum Mittagsbuffet im Chinesischen Restaurant. Bevor ich meine Wohnung verließ, bildete ich mir ein, dass ich riesige Willenskräfte hatte, größer als das Haus, und als ich das Restaurant betrat, glaubte ich, dass ich seine Wände mit meiner persönlichen Energie zerstören könnte, aber plötzlich bemerkte ich, dass fast an allen Tischen schöne Mädchen saßen, die vermutlich zu einer Modelagentur gehörten. Nur in einer Ecke sah ich einen älteren Mann mit einer Zeitung. Weder war er an den Mädchen noch sie an ihm interessiert. Sie folgten mir mit ihren Blicken, und ich spürte, wie meine Kräfte wie ein müder Pimmel zusammenschrumpften. Kaum konnte ich einen Tisch in der anderen Ecke erreichen. Ich sah den Mann an, der mir mit seinem warmen Lächeln verständnisvoll zunickte. Er hatte schon die Ängste der Jugend durchlaufen.

Ich saß in der Ecke, wie eine gefangene Ratte, und wurde von der Existenz der Mädchen immer mehr unterdrückt. Dann musste ich unbedingt auf die Toilette. Ich machte Schritte, hatte aber den Eindruck, dass ich an der selben Stelle stehen blieb, wie in einem Albtraum. So schlabbrig waren meine Beine.
Mit kaltem Wasser wusch ich mir mein Gesicht und schaute mir mein bleiches Spiegelbild an. Der Typ im Spiegel tat mir leid, er war schwach, bedauernswert, ekelerregend.
Ich versuchte, mir wieder einzubilden, dass ich stark und allmächtig wäre. Tatsächlich verspürte ich die Energiewelle wieder, allerdings war sie mit dem Tsunami, mit dem ich meine Wohnung verlassen und alles auf meinem Weg verwüstet hatte, nicht zu vergleichen.

Ich nahm einen Teller und machte ihn mit verschiedenen Gerichten voll, aber als ich zu meinem Tisch kam, hatte ich ein Kloßgefühl in meinem Hals. Der Mann mit der Zeitung schaute mich besorgt an. Ich warf mich auf den Stuhl und versuchte mich zu zwingen, etwas zu essen, aber es wollte nicht runter. Ich fühlte mich wie eine Kuh, die immer wieder das Essen zerkaute.
Ich schaute die Mädchen absichtlich nicht an, trotzdem spürte ich ab und zu ihre Blicke.
Auf einmal wurde mir ganz übel, und mit aller Kraft rannte ich aus dem Gebäude, verfolgt von der chinesischen Kellnerin, die mit lustigem Akzent schrie.
„Bezahlen, bezahlen!“
Und das Schlimmste daran war das kollektive Lachen, das ich beim Flüchten hörte.

Ich habe das alles deswegen erzählt, weil ich das selbe Ritual vollbrachte, bevor ich heute rauskam, und mich jetzt wieder wie ein NICHTS fühlte.
Früher mochte ich keine belebten Orte, aber bei einigen Menschen ging es mir komfortabel. Heutzutage fiel es mir schon schwer, mich mit einem zu unterhalten. Wenn es so weitergeht, werde ich mich selbst beim Alleinesein als einer zu viel betrachten.
Ich verließ die Frau für immer und schweifte auf den Straßen rum, dabei versuchte ich mich an etwas zu erinnern, was mir keine Ruhe ließ.
Ich fand keine Liebe in den Menschen, deswegen suchte ich sie in Gegenständen, indem ich sie berührte. Verkehrsschilder und Laternen waren eisig, Bäume dagegen viel freundlicher.

Mein Vater dachte immer ans Geld. Er kaufte die Wohnung auf Kredit und jeden Monat sagte er, wieviel noch abzubezahlen wäre. Er verteilte sein ganzes Leben auf Raten. Immer diese gesichtslosen, schrecklichen Ziffern.
Vermutlich hatten er und meine Mutter absolut trockenen Sex. Mein Vater hatte vielleicht den Eindruck, dass er mit einem Schleifpapier kopulierte, und meine Mutter dachte wahrscheinlich, dass es gleich sei, ob sie mit ihm oder mit einer Luftpumpe schlief. Beide sind gleich tot, und ich wohne jetzt alleine in der Wohnung, in der sie so unglücklich waren.
Die Seelen im Gefrierfach.

Ich kannte einen Mann, der Frauen nie ins Gesicht schaute, stattdessen hatte er nur ihre Beine, Pos und Brüste im Kopf, deswegen war er immer alleine, weil das Gesicht der Mensch ist, aber er bevorzugte das Fleisch, das nicht lieben kann.
Eine Frau fragte mich:
„Willst du mein Sklave werden?“
Ich lutschte die Brüste einer Frau zu lange, und sie fragte mich:
„Hältst du mich etwa für deine Mutter?“
Sex – ein gescheiterter Versuch, in verlorene Sorglosigkeit zurückzukehren.

Ich hatte ein sehr niedliches Mädel und ich sagte zu ihr.
„Ich liebe es, wenn du mich mit deinen Lippen anlächelst.“
„Mit welchen?“
„Allen!“
Am Ende ging sie trotzdem, wie alle. Ich weiß nicht warum, sie vermutlich auch nicht. Da ist eine Kraft in der Luft, die uns auseinanderbringt. Moleküle der Zeit. Liebkosung des Todes zerstört alles in dieser Welt.

Mein Verhalten erschien den Leuten auf der Straße merkwürdig, und jetzt laufe ich weg von dem großen Polizisten. Ich laufe nicht, weil ich schuldig bin, sondern weil ich es möchte. Ich laufe fort von Menschen, die einander nicht zuhören und nicht sehen, von Menschen, die nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Ich laufe fort von mir, der Angst hat, sich zu bewegen, um etwas zu ändern, der Angst hat, laut zu atmen, um damit nicht jemanden zu stören, von mir, der von seiner Vergangenheit gequält, von der Gegenwart verwirrt und von der Zukunft erschreckt wird, von mir, der von den sinnlosen Träumen verfolgt wird oder der nicht genug Verstand besitzt, die verborgene Botschaft darin zu verstehen. Ich laufe fort von Fehlern, aus denen ich keine Lehre rausholen konnte, wobei ich mich weiterhin täusche, dass ich sie nie wieder begehen werde. Ich laufe weg von dem Nachbarn, der mich anlächelt, aber dem ich in Wirklichkeit egal bin, weg von der Dunkelheit, in der ich mich früher so gerne aufhielt.
Ich laufe schnell, und mir entgegenwehender Wind befreit mich stückweise von meiner alten Haut, die wie Herbstblätter langsam und in Kreisen auf den kalten Asphalt abfällt, und ich fühle mich wie Gott, der in allen Dingen und gleichzeitig frei ist.

Diese Straße, dieser Polizist, diese Geräusche, dieser Duft aus der Bäckerei, das alles bin ich, und auch mehr. In Wirklichkeit gehöre ich woandershin, ich bin nur auf der Durchreise hier, ein Gast für eine Weile, für einige Jahre, die wie Sekunden vergehen. Ich bin gekommen, um mir diese Absurdität anzusehen, um mich über diesen Schwachsinn, der sich in den Mantel der Wahrheit gekleidet hat, zu Tode zu lachen.
Ich strecke meine Arme zur Seite und laufe so. Von der Seite muss ich lächerlich aussehen. Ich sehe mich mit den Augen der Katze, die auf der Fensterbank sitzt und mich mit ihrem allessehenden Blick erstaunt anschaut. Ich sehe mich mit den Augen der alten Frau, die auf der Gartenbank sitzt und die Tauben mit dem trockenen Brot füttert, das sie vorhin selbst mit dem Tee zu essen versucht hatte, wobei fast ihre Zahnprothese zerbrochen wäre. Ich sehe mich mit den Augen des Polizisten, und ich muss von hinten noch lustiger aussehen, als ob ich kein Gesicht hätte. Zuletzt sehe ich mich mit den Augen der Krähe, die mich bemitleidet, weil sie weiß, dass ich nie fliegen werde – nie?

Alles ist ganz schnell geschehen. Entweder habe ich die Bremsen gehört oder ich habe mir danach eingebildet, sie gehört zu haben. Die Tatsache ist, dass ich von einem Auto angefahren wurde, und jetzt liege ich auf der Erde ganz alleine. Ich spüre überhaupt nichts, und ich denke, dass es ein schlechtes Zeichen ist. Ich betrachte die Welt aus der Sicht eines Wurmes. Vor Kurzem war ich wie der Schöpfer, aber jetzt hat sich meine echte Essenz enthüllt.
Ich erinnere mich, wie einer meiner Lehrer mir von einem überfahrenen und von Menschen umzingelten Hund erzählte, den er gesehen hatte. Es gibt keine größere Einsamkeit, dachte mein Lehrer, zu sterben, während um dich herum Müßiggänger wie Fliegen kreisen, denen es gleichgültig ist, was mit dir passiert. Sie sind woanders, in ihrer boshaftigen Freude, ihr Tag ist gelungen, weil sie jemanden sterben sehen konnten, und sie kehren glücklich nach Hause zurück mit dem Gedanken, dass sie immer noch atmen. Es ist egal, dass sie nichts daraus machen, Hauptsache, sie atmen und verpesten die Luft.
Hoffentlich werde ich nicht so umzingelt. Ich ziehe vor, alleine zu bleiben, für mich in Ruhe.
Die Autofahrerin ist eine sehr hübsche, junge Frau.
Sie ist so wunderschön und gütig, sie würde mich bestimmt lieben. Sie ist wie eine vergessene Melodie, Duft aus der Kindheit, Erinnerung an einen warmen Traum.
Ich entferne mich von ihr, als ob ich in eine unendliche Tiefe fallen würde, aber mit der Hoffnung, dass ich sie im nächsten Leben treffen und erkennen werde.

Ich war mit der Vorlesung fertig, aber mein Kollege schwieg.
„Na, was sagst du, hat sie dir gefallen?“
„Es gibt keine Achse, alles ist irgendwie oberflächlich und flüchtig erzählt. Allerdings denke ich, dass es etwas Großartiges werden kann. Du kannst über dieses Thema ein ganzes Buch schreiben. Es ist doch das ewige Problem der Menschheit. Die Kälte der Einsamkeit. Dafür musst du aber der Sache auf den Grund gehen, und das erfordert sowohl eine gewisse Lebenserfahrung als auch das Feingefühl zum Detail.“
Ich hörte ihm zu und wollte den Aschenbecher nach ihm schmeißen.
„Was verstehst du schon davon? Bist du etwa ein Literaturkritiker?“
„Warum bist du so sauer, du musst doch für konstruktive Kritik offen sein, nur so wirst du besser.“
Ich wollte nichts mehr hören, ich wollte weinen, und ich saß da und guckte mir die bunten Blätter der Bäume an und wusste überhaupt nicht, warum sie sich im Herbst so färbten. Trotzdem genoss ich ihre Schönheit, die mich beruhigte.

„Und warum springst du so hin und her von Perfekt zu Präteritum?“
Jetzt war er schon ein Grammatiklehrer, aber ich würdigte ihn keiner Antwort.
Nach einer Weile erzählte er mir von einem Jungen, der in England lebte und sein ganzes Leben lang die Menschen um sich herum vergiftete. Zuerst waren es seine Eltern und dann, als er „rehabilitiert“ und wieder auf freiem Fuß war, seine Kollegen.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie viel Hass in ihm von Anfang an stecken musste oder woher dieser kam. Woher kommen unsere Gefühle überhaupt, und was sind sie? Sind sie echt? Gehören sie uns, oder werden sie uns einfach von jemandem ohne unsere Erlaubnis angehängt?
Mein lieber Kollege merkte mir die Nachdenklichkeit an.
„An was denkst du?“
„An nichts, an ein unendliches, überall vorhandenes und alles umfassendes Nichts!“

Die sinnlosen Tage liefen an mir vorbei wie Bilder in einem Schnellzug-Fenster, bis ich eines Abends todmüde nach Hause kam und von meiner weinenden Mutter erfuhr, dass mein bester Freund, Sohn ihrer besten Freundin aus der Heimat, wegen eines Mädchens erstochen worden war.
Wir besuchten die Familie jedes Jahr, sie uns ein paarmal. Bei unseren Reisen blieb mein Vater immer zuhause. Er verließ Deutschland nicht so gern, er hatte eine gewisse Nervosität.
Mein bester Freund war ein Sportler, und er hatte immer gute Laune. Er war wirklich ein toller Kerl. Die Ferne war überhaupt kein Hindernis für unsere Freundschaft.
Ich stellte mir vor, wie ich seinen Mörder, der jetzt auf der Flucht war, fand und umbrachte. Ich war sehr zornig, und mein Zorn wuchs wegen meiner Machtlosigkeit.
Mein Hirn wiederholte ständig: ES GIBT IHN NICHT MEHR!

Am nächsten Tag musste ich wieder arbeiten, aber ich wollte nicht, dass jemand mir meine Traurigkeit, die so persönlich wie Genitalien sind, anmerkte, deswegen war es doppelt schwer für mich. Ich bin kein Exhibitionist. Ich versuchte, nicht an meinen armen Kumpel zu denken, ich schob ihn in die Peripherie meiner Gedanken und fühlte mich deswegen wie ein Verräter.
Ich putzte schon die Spülmaschine, als mein Kollege mir zwei Teller brachte, auf denen vor Kurzem Rumpsteaks gelegen hatten, und mir überzeugend erklärte, warum ich sie über Nacht nicht so lassen durfte. Also musste ich die bereits zum Glänzen gebrachte Maschine wieder benutzen und erneut putzen, aber bevor ich sie anmachte, sagte mein lieber Kollege:
„Ich hab dich verarscht, lass sie ruhig.“
Ich habe meine Prinzipien und wusch trotzdem ab.
Allerdings bei der zweiten Putzerei, während ich zur Hälfte in der geöffneten Maschine war, war ich so sauer, dass ich mir meinen Kopf gegen eine Kante stieß und er blutete. Wie immer ließ ich mein Problem unbemerkt bleiben und ging leise.

Während des Schlafens konnte ich meinem Kumpel nicht mehr weglaufen. Ich war in seiner Welt.
Ich versuchte ihn verzweifelt anzurufen, aber es gab keinen Summton, und als ich den Hörer auflegte und schon die Hoffnung auf die Verbindung völlig verloren hatte, fing das Telefon an zu leuchten. Ich nahm den Hörer ab und hörte ihn glücklich lachen, wie er es immer tat, und da wurde ich auch überglücklich, weil ich seine Stimme so vermisst hatte. Es war ein Wunder, ihn wieder hören zu können, und dafür war ich sehr dankbar, ich weiß nicht wem, einfach dankbar. Nachdem er sich satt gelacht hatte, fragte er mich mitfühlend:
„Wolltest du mich anrufen?“
„Ja, und wie.“
„Ich weiß, aber ich habe jetzt eine andere Nummer.“ Dann schwieg er.
„Wie lautet sie?“ Aber die Verbindung war zu Ende.

Ich wachte mit großen Schmerzen in der Brust auf, weil ich wusste, dass es nur ein Traum gewesen war und ich mit ihm nie wieder sprechen würde. Mit seinem Tod war auch ein Teil von mir gestorben, ein Teil, der in seinen Erinnerungen an mich existierte, ein Teil von mir, den nur er kannte.
Warum sind wir dem Tode geweiht? Warum?
Zu allem Überfluss stritten sich meine Eltern wieder – Gott sei Dank, dass ich gleich schuften durfte, weg von denen, einfach weg.
Mein Kopf war total blockiert, ich arbeitete maschinell, wie ein Roboter, ich verlor mich, ich war nirgends und nie.

Der Arbeitstag war vollendet, und bevor ich ging, fügte ich ziemlich viel Rattengift in die Suppeneimer, die für die morgige große Veranstaltung vorbereitet wurden.
Ich ging raus und stieg auf mein Fahrrad auf, um durch die frostige deutsche Nacht zu gleiten, dabei fand ich es sehr schade, dass die Bretzings meine Kreation nicht kosten durften.

2017

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19062

Guten Appetit, ihr Ratten - Teil I

Heute stritten sich meine Eltern wieder. Mein Vater stand, wie immer, mit dem Sabber im Mund, und beschimpfte meine Mutter, die sich, wie immer, nervend beweinte. Dabei war das ein Theaterstück, das ich mir leider öfter ansehen durfte. Sie stritten sich nie, wenn ich nicht zu Hause war. Sie brauchten einen Zuschauer, und diese ätzende Rolle hatte ich bekommen, ohne dass mich jemand gefragt hätte. Ich musste bloß schweigend dasitzen, oder -stehen, oder -liegen, kurz gesagt, einfach da sein, um alles mitzukriegen. Die beiden wollten mir eine Botschaft übermitteln, dass sie nämlich unglücklich waren, und ich wusste nach wie vor nicht, was ich damit anfangen sollte. Es war nicht meine Schuld, ich hatte in meinem Leben genug Fehler gemacht, aber dass ich in diese Familie geboren wurde, war keiner davon. Ich meine doch, aber nicht meiner. Darüber wurde ich vorher auch nicht informiert, zack in den dunklen Sack, und da war ich.

Es gab immer das selbe Muster, wie ihr Streit anfing. Zuerst provozierte meine Mutter meinen Vater – komisch, wenn ich sie so nenne, weil ich überhaupt keine seelische Verbindung zu ihnen verspüre. Die sind nur zwei Menschen, die mich mit ihren Problemen ständig belästigen, und ich kann nicht weglaufen. Ich brauche mein Bett, um zu schlafen, so sentimental bin ich nun mal.
Also meine Mutter wollte das Mittagessen kochen, und nahm zwei Packungen Putenfleisch aus dem Kühlschrank. Und als sie die aufmachte, wurde die Luft im Raum verpestet. Es roch schrecklich, ich dachte schon, dass ich mich übergeben müsste, so intensiv roch es nach dem Gammel. Selbst mein Vater, der sein hässlisches Gesicht im Badezimmer rasierte, witterte es sofort und kam mit dem Rasierschaum im Gesicht zu uns.
„Wer ist da gestorben?“
Eure Träume, wollte ich ihm antworten, schwieg aber lieber.
„Ist das unser Mittagessen?“, fragte er.
Meine Mutter nickte ganz blöd, nach ihrer persönlichen Art. Anders konnte sie nicht, das war die Form ihrer Existenz.
„Schmeiß es sofort weg!“
„Warum?“, fragte meine Mutter.
„Warum?!“, wiederholte mein Vater erstaunt.

Ich wollte lachen, aber blieb ruhig, ich konnte mich kontrollieren, und zwar sehr gut – ich blieb zumindest äußerlich kühl.
„Weil es wie ein Kadaver riecht, darum!“
Das ist es auch, hätte ich am liebsten gesagt.
„Ich denke, dass es noch essbar ist.“ Sagte meine „Mami“ und probierte ein Stück rohes, gammeliges Fleisch.
Mein Vater war schockiert. Jedenfalls spielte er den Schockierten, obwohl es mir unglaubwürdig schien, dass man sein ganzes Leben von ein und demselben Ding schockiert werden kann, aber er war schon in seiner Rolle, also es ging bereits los.
„Du Idiotin, schaust mich wie eine Ziege an, hörst du nicht, was ich sage? Schmeiß das weg, habe ich gesagt. Verstehst du denn nach so vielen Jahren immer noch kein Deutsch?“ Sie war eine Ausländerin.
„Doch.“
„Warum hast du das dann getan?“
„Weil es schade wäre.“
„Es ist kein Essen mehr du Idiotin, du Kaukasische Ziege, dein Platz ist an einer Klippe, nicht hier in meiner europäischen Küche, du, duuu, ich weiß nicht, was du bist, aber ich wünsche dir, dass du dich vergiftest und verreckst.“

Da fing meine Mutter an zu weinen, und ich ging zum Fenster, um rauszuschauen, aber da war nichts, nur eine leere, kalte Straße. Von diesen negativen Schwingungen wurde mir übel. Ich hatte einen ziemlich empfindlichen Magen. Das war schon immer so, aber ich wollte nicht, dass jemand es mir anmerkte. Ich schwörte, dass ich mich rächen würde.
Mein Vater beschimpfte sie noch gute zehn Minuten, und ich spürte schwarze Galle, die von der Decke und den Wänden runtertropfte. Alles war so verschmutzt und eklig. Wie konnte das Glück in einer Wohnung wie dieser überleben?
Ich wollte woanders sein, mit anderen Menschen, egal mit wem, aber nicht mit denen da, die mein Leben zerstörten. Das dürften sie eigentlich nicht, keiner darf das, besonders die Eltern nicht. Ich wollte von ihren Sado-Maso-Spielchen nichts mehr wissen, sie sollten mich einfach in Ruhe lassen.

Wenn ich eine Freundin hätte, würde ich zu ihr ziehen, aber ich hatte keine. Nach der Zankerei meiner Eltern war ich so gestresst, dass ich oft masturbierte, um mich ein wenig zu entspannen, aber es half mir nur kurz, danach fühlte ich mich noch schlimmer. Diesmal tat ich es nicht, ich blieb Gewinner des Tages, und so fing mein zweiwöchiger Urlaub an.
Ich hatte vor Kurzem eine Beschäftigung in einem Restaurant angenommen, die mich ziemlich kaputt machte. Einmal schälte ich die Äpfel und wurde gehetzt, infolgedessen ich meinen halben Nagel abschälte und mein Finger blutete. Ich musste dann den ganzen Arbeitstag Latexhandschuhe tragen, ansonsten tat es beim Geschirrabwasch höllisch weh, aber es half nicht ganz. Beim Blechabwasch gelangte das fettige, heiße Wasser trotzdem in die Wunde, deswegen musste ich immer wieder neues Pflaster draufkleben.
Als ich endlich nach Hause fahren durfte und mich im Umkleideraum befand, roch meine Hand wie Plastik. Außerdem hatte ich ständige Muskel- und Rückenschmerzen. Meine Füße taten vom vielen Stehen weh, und mein großer Zeh wurde dauernd taub.

Einer meiner Kollegen sah schon wie ein Untoter aus. Er arbeitete da seit einem Jahr, hatte einen vielversprechenden Buckel, ein grünes Gesicht und er war ganz schmächtig. Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn. Selbst wenn wir den ganzen Tag zusammen arbeiteten, tat er in den Pausen nichts außer zu rauchen oder Kaffee zu trinken, er aß überhaupt nicht. Im Gegensatz zu ihm fühlte ich mich wie ein unersättliches Schwein, weil ich mich richtig und möglichst regelmäßig ernährte.
Der Chef war davon nicht ganz begeistert, aber wir hatten eine Abmachung. Er war eine Nummer für sich. Ein meistens ruhiger Psychopath. Einmal warf er sogar mit Pfannen um sich. Danach wurde mir klar, dass vom Herd kommende Hitze so etwas bewirken kann.
Sehr oft beendete er seinen Auftritt mit folgenden Worten:
„Mach es richtig, sonst muss ich dich aufhängen!“
„Keine Folie im Essen, sonst bist du tot!“
„Kein Haar in der Suppe, sonst stirbst du!“
„Und zwar schnell, sonst war es das mit dir!“
„Mach nichts kaputt, sonst mach ich dich!“
Ich lächelte ihn an und dachte gleichzeitig an was völlig anderes, aber das wusste er nicht. Seine irren Augen schimmerten glücklich wegen etwas mir Unbekanntem, was mir egal war.

Er konnte zum Beispiel von etwas Uninteressantem ziemlich lange und wortreich erzählen und einen dann aufmerksam anschauen, als ob er Beifall oder totale Zustimmung erwartete. Seine Frau, meine Chefin, kam oft in die Küche, und sie flüsterten irgendwelche versauten Sachen, ich konnte nichts hören, spürte es aber in der Luft. Manchmal umarmte er sie und presste ihre Hinterbacke mit seiner dicken und kräftigen Hand ganz fest. Sie war eine Sadistin, die mich immer wieder alle Teller polieren ließ, dabei sagte sie,
„Du musst meine Teller wie ‚Ladies‘ behandeln, und sie ohne Gummi betasten, dann wirst du spüren, was ich meine.“

Meine freien Tage verbrachte ich im Schlaf und hatte Albträume, in denen ich unendliche Mengen Teller abwusch. Ab und zu zuckte ich in der Nacht, was ich vorher nie getan hatte. Noch eine Sache bedrückte mich schwer. Vor dem Urlaub hätte ich Rattengift verteilen müssen, was ich aber aufgrund meiner buddhistischen Weltanschauung nicht gemacht hatte, und jetzt hatte ich Angst, dass er es erfuhr. Deswegen entschied ich, das nach dem Urlaub als Erstes zu tun. Zwischen mir und den Ratten wählte ich mich aus.
Mein Chef hatte noch ein großes Haus in der Nähe der Stadt, wo ich der Gärtner war. Er brachte mich mit seinem Wagen dahin und verließ mich dort, ohne das Haus aufzuschließen. Im Falle der Notwendigkeit erleichterte ich mich im Gebüsch. Das Haus war riesig, wie das Feld, auf dem ich mit einem alten, roten Trecker den Rasen mähen musste, und zwar stundenlang, alleine, vielleicht beobachtet von Geistern, die sich im leeren Haus zu Tode langweilten. Ich hoffte es zumindest.
Eigentlich hatte er zwei Felder. Eines war frei, und es war viel leichter, auf dem zu arbeiten, aber das andere war voll von Apfel-, und Birnenbäumen, und ich musste da ziemlich vorsichtig sein, wenn ich keinen Schlag von einem Ast ins Gesicht abkriegen wollte.

Während ich mit dem Trecker die Muttererde im Kreis rasierte, dachte ich viel über den Sinn des Lebens, über Gott, meinen Platz in dieser Welt und den Tod nach, also alles, an was man so denkt, wenn man ganz alleine ist oder sich so fühlt, aber meine Gedanken drehten sich auch im Kreis, und es schien mir keinen Ausweg und keine Antwort zu geben.
Das letzte Mal, als ich dort war, regnete es stark, aber der Chef hielt es für lebenswichtig, dass ich den Rasen an dem grauen und nassen Tag mähte und brachte mich trotzdem dahin. Als Schutz gab er mir seine alten Jacken, die mir zu groß waren und die ich ständig umziehen musste, so schnell wurden sie durchgenässt.
Außerdem gab er mir blaue Müllsäcke, die ich wie ein Kondom überziehen sollte, und das tat ich auch, aber ich wurde trotzdem immer wieder nass. Dabei verlangte er noch, dass ich jede Ecke mit dem Rasentrimmer vom Unkraut befreie und das gereifte Obst vom Boden sammle. Am Ende pflückte ich etwa zwanzig Kisten Äpfel, aus denen er später Saft machte, wovon aber ich keinen Schluck probieren durfte.

Als er mich abholte, fragte er mich, wie es war.
„Nass“, antwortete ich ihm ganz kurz und deutlich.
„Ich hätte nie gedacht, dass du es so gut schaffst“, sagte er und schaute zufrieden um uns herum, während ich da ganz nass stand und nicht zu zittern versuchte. Danach brachte er mich ins Restaurant, wo ich trotz meiner nassen Klamotten noch eine Weile arbeiten durfte. Meine Kollegen waren empört, sie schüttelten den Kopf, aber es half mir überhaupt nicht – ganz im Gegenteil, ich mochte es nicht, wenn ich jemandem leid tat.
Nach drei Tagen fingen mein Urlaub und die Halzschmerzen an. In der ersten Woche war ich sehr krank und hatte keine Kräfte mehr. Ich dachte schon, dass er sein Versprechen so erfüllt hätte und es mit mir schon gelaufen wäre.
Meine Mutter schnitt eine Zwiebel, verstreute darauf Zucker und übergoss sie mit Honig. Die entstandene Flüssigkeit sollte ich vor dem Schlafen mit dem Esslöffel einnehmen, aber sie war so klebrig, dass ich kaum noch schlucken konnte, und es ließ mich einfach nicht einschlafen. Außerdem versuchte ich durch die Nase zu atmen, was in meinem Zustand unmöglich war. Ich stellte mir vor, dass mich jemand erwürgte, und musste mich im Bett aufsetzen. Ich hatte Panikattacken.

Bei der Arbeit durften wir den Namen Bretzing nicht erwähnen, weil diese Familie uns immer Schwierigkeiten machte. Zum Beispiel reservierten sie den Tisch nie früher als für 20 Uhr und hatten immer Verspätung, außerdem kamen ein paar mehr Bretzings als angemeldet, ich weiß nicht, wo sie die unterwegs aufgabelten, dann bevor sie ihre Drei-Gänge-Menüs bestellten, tranken sie zuerst unbedingt ihren Kaffee, und wenn es endlich mit dem Essen so weit war, verlangten sie längere Pausen zwischen den Gängen. Beim Hauptgang wollten sie stets den Nachservice haben, und zwar den kompletten, und es war noch nie vorgekommen, dass sie einen Cent Trinkgeld gegeben hatten.
Alle meine Kollegen hassten sie unbegrenzt, und ich auch, ohne sie je gesehen zu haben.
Ich musste mehrere Male am Mittagsbuffet als „Buffettante“, so nannte es mein Chef, stehen. Diese Aufgabe mochte ich sehr, weil ich dafür eine weiße Kochjacke und eine lange Schürze kriegte. In dem Outfit sah ich wie ein Karatemeister aus.
„Siehst wie ein Mensch aus“, sagte der Chef.
„Ja“, stimmte ich ihm zu, „endlich.“
Er nickte ganz befriedigt.

Beim Ausgeben des Essens musste ich immer lächeln und bekam Krämpfe im Gesicht. Die Menschen, die zum Buffet kamen, waren sehr verschieden. Manche waren mit allem zufrieden, manche wollten reden, manche wussten selber nicht, was sie essen mochten, manche wollten hören, dass ich sie bei uns gerne wiedersehen würde, wobei das überhaupt nicht stimmte, und manche waren einfach so pingelig, dass ich Verlangen spürte, sie mit der Kelle auf den Kopf zu schlagen.
Eine Frau, die von mir ein paar mehr Kroketten bekam, sagte mir sogar, dass ich wüsste, wie man eine Frau glücklich macht, und dieser Satz war mir besonders wichtig, weil ihn Linda auch hören konnte.

Linda war eine sehr große, schlanke und schöne Kellnerin, die ab und zu auch modelte. Sie hatte lange Beine, und ihre runden Hüften waren auf meiner Brusthöhe. Ich wollte unter ihren schwarzen Rock kriechen und mich da für immer verstecken. Ich wollte ihre Kniescheiben küssen, und an ihren Waden knabbern. Ich wollte ihre glatte Haut lecken und ihre Schenkel streicheln.
An dem Tag stand sie auch am Buffet neben mir, und ich konnte ihren Duft riechen. Sie roch immer sooo gut. Einmal fragte ich sie sogar, welches Parfum sie benutzte.
„Keins, es ist mein Natural“, sagte sie auf Englisch.
Später verstand ich, dass es ihre Haare waren.
Manchmal pfiff sie wie ein Kerl, zeigte gerne den Stinkerfinger und leckte Sahne von ihm.
Einst, als wir das Brot für die Gäste zusammen schnitten, fragte ich sie.
„Wollen wir etwas zusammen unternehmen?“
Sie sah mich einige Sekunden schweigend von oben an, und mir wurde irgendwie ungemütlich in meiner Haut.
„Was schwebt dir denn da vor?“, fragte sie mich.
„Wir könnten zum Beispiel beim Italiener Eis essen, ich lade dich ein.“
„Das hört sich zwar gut an, aber ich weiß nicht, wie ich das zeitlich schaffe.“
„Dann sag mir Bescheid, wenn du es kannst.“

Sie nickte und ging. Und ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Oh, wenn sie bloß gewusst hätte, dass ich ein weltberühmter Schriftsteller sein würde, der als Sklave der Gastronomie seine Erfahrungen sammelte.
Sie sah mich nicht, sie hatte einfach keine Ahnung, was für eine reiche Welt ich in mir trug, und es tat wirklich weh. Ich dachte, dass ich solche Empfindungen schon seit Jahren überwunden hätte, aber sie waren schon wieder da, und es gefiel mir ganz und gar nicht.
Ich musste ständig an Linda denken, selbst in einem Traum waren wir zusammen, und als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, dass es wirklich geschehen war. Dann erinnerte ich mich an meine echten Beziehungen und konnte sie von meinem Traum nicht unterscheiden.
Mein Verlangen nach ihr wurde unerträglich, und als ich sie beim Besteckpolieren sah, ging ich schnell auf sie zu und umarmte sie von hinten. Sie beschwerte sich beim Chef, und er rief mich zu sich ins Büro.
„Was machst du hier?“
„Arbeiten, nehme ich an.“
Ich sah mir die Wanduhr hinter ihm an. Ich könnte jetzt eigentlich mein Abendbrot vernaschen.
„Und was sollte deine heutige Aktion?“
„Ein Aussetzer, nehme ich an.“
„Ganz genau, und wenn sowas nochmal passiert, dann ...“
Ich ließ ihn nicht ausreden.
„Dann bin ich geliefert“, er erstarrte, “nehme ich an“, beendete ich meinen Satz.
Eine Weile sah er mich so an, dann lächelte er zufrieden. Anscheinend, weil ich seine Denkweise gut verstand.

Wir alle wünschen bloß, von unseren Mitmenschen verstanden zu werden.
Einmal sagte er zu mir, dass er sein Leben wegen der Hektik, in der er war, nicht genießen könne, und er tat mir leid, aber wenn er beim Tellereinrichten seine Finger gründlich leckte, hasste ich ihn und hörte auf, das Personalessen zu mir zu nehmen. Es war ein nobles Lokal, aber ich schätze, dass man da trotzdem was Falsches verzehren konnte.
Er erzählte mir noch, dass er und seine Frau früher ziemlich viel Alkohol getrunken hatten, und es gab die Zeit, als sie dachten, dass sie es nicht mehr schaffen würden. Seitdem waren sie trocken, aber mir war es egal, ich hatte einen sehr schwierigen Arbeitstag und wollte nur nach Hause.
Während der zweiten Urlaubswoche schrieb ich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Wo ist die Liebe?“, die ich Linda widmete, aber davon durfte keiner erfahren. Ich las sie meinem Arbeitskollegen in der Mittagspause vor.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19061

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24.2.19: Florian Pfeffer: Kaltes Papier
24.2.19: Veronika Seyr: Der Pope und sein Hund
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