Gegenwind

Es gibt Dinge, die ich nicht ändern kann, doch es dauert lang,
bis die Rebellin in mir schweigt, und solang
lass ich nichts unversucht, wenn ich, das Herz in der Hand,
mit wachem Verstand und Bärenkraft den Wind einfang,
um ihn zu drehn, auch wenn’s sein kann, dass ich ihn dann gegen mich hab.
Doch ich gebe nicht auf, fließe bergauf, tune meinen Gang, maskier meine Hände
und gehe durch Wände. Lass die Luft aus den Wolken und lebe das Leben
von hinten nach vorn, will es durchschaun, in Momente zersägen,
bis ich den einen erwische, die einzige Lücke, in die ich flieh, und mit Macht und Tücke
die Kraft, die mir bleibt, verschwende und alles zum Besten wende.

Doch manchmal reicht das alles nicht aus, weil ich als Sklavin des Systems
längst Teil des Problems bin, die Wildheit in mir dämpfen muss,
das Aufbäumen bekämpfen muss, besser stumpf ertrage, bevor ich mir selbst schade,
mich verliere und mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Sackgasse manövriere.
Das zu erkennen, ist nicht leicht und ein bisschen wie Sterben inmitten von Scherben
einer Illusion. Lebendigkeit weicht, anstelle der Rebellion tritt Resignation,
danach eine wachsende Gelassenheit, denn meine eigenen Grenzen sind erreicht.
Doch die fühl ich nur, weil ich nicht stehen geblieben bin, dann aber rechtzeitig erkannte,
dass der Sturm zu stark war, um an ihm zu wachsen, lass in Liebe los, mach meinen Frieden und kann mit offenen Händen und weiten Flügeln schwingend neue Blüten anfliegen.

Claudia Lüer

Diesen Text können Sie hier auch hören, gelesen von der Autorin.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt und unerHÖRT!| Inventarnummer: 22111

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