Kategorie-Archiv: Claudia Kellnhofer

image_print

Bisher auf verdichtet.at zu finden

Maxhütte: Denkmal – Kainsmal – Vielmal

Augen lassen durch den Zaun sich locken
Kein Panther zieht dahinter seinen Kreis
Rost steigt auf Stiegen in Gefilde
Gefahr heißt dieser Ort gefährlich

Kalt flirrt der Atem, Finger klamm
Erfroren der Hochofen schon lang
Man weiß von einer großen Zeit
In der die Männer Eisen kochten
Bedrängt die Glieder von der Glut
Das Brot verzehrt in der Kantine
Kurz lockt das Leben, Kinder zeugen
Es kommt schon der Tod

Maxhütte - Industriepalast
Seine Majestät thront, wird mit Eisen entlohnt
das für den Frieden nicht taugt
Die Nacht ist der Tag, keine Zeit für die Ruh‘
Arbeit adelt! Ach was
Klammnasses Schuften ein Leben lang
Ehre und Ruhm, was kostet das?
Väter, Söhne geschunden
Verschwunden – mal still, mal laut
Siech, malad, krank und marod
Dem Himmel sei Dank

Als Ungetüm kniest du nun auf dem Acker
Die Hände gefaltet, die Flügel gestutzt
Stumm sind Gebete und still dein Gesang
Feige war der, der die Stimme dir nahm
Verlassen, verloren, mit ruhenden Händen
Wie dich erhören,
erwecken, verstecken, begraben?
Zeit heilt die Wunden, doch wann?

Nackt bist du, zahnlos, allein
Die Feuer der Nacht
haben die Scham dir verbrannt
Wer kann Recht dir verschaffen, sag wer?
Der erkaltete Himmel sieht deine Not
Mag Hilfe dir kommen von dort

Rost frisst deine müden Knochen
Du dauerst mich
Gott erbarm

im Februar 2018

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18156

 

Sisyphos gelangt an den Anfang der Welt

Unverhofft nahm man Sisyphos den Felsbrocken fort, als er ihn zum abermillionsten Mal die steile Böschung hinauf an den Rand des Abgrunds gerollt hatte. Plötzlich war der Stein weg, der nach dem schier endlosen Nach-oben-Wälzen und Nach-unten-Kullern schon fast zu einer Kugel geschliffen worden war. Die scharfen Kanten waren verschwunden, an denen sich Sisyphos anfangs noch die Finger wundgerissen hatte. Immer wieder musste er im Lauf der Zeit mitansehen, wie ihm, nachdem er mühevoll sein Werk vollendete hatte, der Felsbrocken aus den Händen glitt und in der Tiefe verschwand.

Einem geheimen Plan folgend stieg er stets gehorsam hinab und begann sein aussichtsloses Werk aufs Neue. Was hätte er auch sonst tun sollen? Es gab keine Alternative. Klaglos fügte er sich in sein Leid, und hätte er geklagt, hätte ihn niemand gehört, außer den Göttern vielleicht, die aber waren mit Anderem beschäftigt und hatten vermutlich die Ohren mit Wachs verschlossen. Niemand war da, dem Sisyphos seinen Kummer hätte erzählen können. Einsam war er mit seinem Los, das ihm unglücklicherweise in Gestalt eines Steins auferlegt war. Zum Glück gibt uns die Mythologie davon Kunde. Andernfalls wäre der arme Sisyphos völlig im Geheimen seiner Vorsehung gerecht geworden. Niemand hätte je davon erfahren. Nun wissen wir aber um seine Tragik und sie gereicht uns bisweilen zum Trost, wenn wir uns an unser Schicksal gekettet fühlen.

Diesem bemitleidenswerten Mann aus der griechischen Sage war also der Felsbrocken weggenommen worden. Sisyphos wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich war da nichts mehr, wogegen er sich mit aller Kraft hätte stemmen müssen. Seine Hände waren frei und hingen nutzlos und schwer an den Armen. Staunend blickte er auf seine leeren Handflächen. Er bewegte die Finger und begann zu ahnen, dass es da noch etwas Anderes geben musste, das es zu tun gab. Da stieg er aus dem Erdloch und freute sich über die blühende Vegetation und den Sonnenschein. Niemand hatte ihm bis dahin Kunde von der Schönheit der Welt gebracht. Hungrig sog er das Licht mit jeder Faser seines Körpers ein, schlenderte zum nahen Fluss, wo er, nachdem er sich mit der Freundlichkeit des Wassers vertraut gemacht hatte, untertauchte, allen Schmutz von seiner Haut gründlich abwusch und sich nach Herzenslust aalte.

Deutlich spürte er, dass nun etwas Neues anfing. Die schwer drückende Dunkelheit, die er bislang in Gesellschaft des stummen Steins verbracht hatte, war von ihm genommen. Jetzt war er ins Licht getreten, und das Leben umarmte ihn mit goldenem Sonnenschein und Schwerelosigkeit. Bunte Farben, duftende Blumen und Vogelgezwitscher hüllten ihn ein. So entstieg er frisch und munter dem Fluss. Aus Gräsern, Blättern, Farnen, Binsen, allen möglichen Pflanzen, deren Namen ich genau so wenig kenne wie Sisyphos, und aus mannigfaltigen Blumen, die er am Ufer vorfand, flocht er sich ein prächtiges Gewand, das er sich überzog.

Als er seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche ansichtig wurde, staunte er nicht schlecht. Hatte er doch bis dahin nie Gelegenheit gehabt, sich selbst zu betrachten. Während das Wasser sich lustig kräuselte, entdeckte Sisyphos seine Gestalt. Die Bewegungen seiner Hände, seiner Beine, seines ganzen Körpers sah er und wunderte sich darüber. Sisyphos schüttelte seinen Kopf und ließ seine langen Haare durch die Luft wirbeln. Zustimmend nickte er, dann öffnete und schloss er den Mund, und bemerkte, dass er in der Lage war, Laute hervorzubringen. Zunächst schnalzte er mit der Zunge, doch bald schon gelang es ihm, den ausströmenden Atem mit Hilfe seines Gaumens, seiner Zunge und der Lippen zu regulieren und gezielt zu leiten, sodass auch andere wohlklingende Geräusche seinen Mund verließen. Fröhlich experimentierte er mit dieser neu entdeckten Fähigkeit und trat mit den Geräuschen seiner Umgebung in einen klanglichen Austausch. Auch wenn er das Wort dafür noch nicht kannte, so war es ein wunderbares Konzert, an dem er mitwirkte. Ich wage zu behaupten, dass er auf dieser Bühne im Grünen zu diesem Zeitpunkt bereits die erste Geige spielte.
Mehr und mehr wurde er Teil der Welt, in die er nun einmal getreten war, und er gab seinen Ton an. Mit jedem Schritt, den er machte, verblasste die Erinnerung an die unterirdische Dunkelheit, in der er so lange den unförmigen Stein mühsam vor sich hergeschoben hatte. Finsternis hatte er eingeatmet und Schweiß mit jeder Pore ausgeatmet. In Staub war er eingehüllt, und nicht enden wollende Qual war sein düsteres Geschäft gewesen.

Jetzt hingegen glänzte sein Haar und seine Augen strahlten. Kraftvoll atmete er ein, füllte seine Lungen bis zum Anschlag und spürte, wie das sauerstoffreiche Blut fröhlich seine Adern durchfloss. Besser ist es, wenn ich sage, es hüpfte ihm durch die Glieder und ließ seine Bewegungen beschwingt werden. Wie von selbst fingen seine Füße an zu tanzen. Er richtete seinen Körper auf, hob die Arme, bewegte die geöffneten Hände und streckte sie voll Güte nach oben. Sein Angesicht wandte er strahlend dem Himmel zu. So, als wollte er allen, die sich dort in Unsichtbarkeit hüllten, bedeuten: Seht mich an, ich wandle im Licht. Meine Hände werfen euch alles zu, was ich an Bewegung zu geben habe, und aus meiner Kehle kommen die Laute, die die Vorsehung in mich hineingelegt hat. Wenn ihr Mut habt, nehmt das Wachs aus euren Ohren, um mein Lied zu hören. Es wird euch die Augen öffnen, und dann schaut mir in die Augen.

Aber die da droben hatten noch nicht genug Schneid. Sie baten sich Bedenkzeit aus und schickten vorerst die Sonne vor. Ihr kam das gerade recht und sie scheute sich nicht, ihre Chance zu ergreifen. Sie ist als gute Lehrmeisterin bekannt und fing flugs ihre Lektion damit an, Sisyphos das Lachen beizubringen. Kein einfaches Unterfangen, wie jeder weiß. Aber er erwies sich als gelehriger Schüler und lachte nach ersten zögerlichen Versuchen bald aus Herzenslust, dass es auch denen da droben nicht verborgen blieb, und sie wussten nicht recht, wie sie das verstehen sollten. Vorsichtshalber wandten sie sich ab. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht fertigbrachten, ihre Neugier komplett zu unterdrücken. Bestimmt blinzelten sie verstohlen zwischen den Sonnenstrahlen hindurch und erhaschten, mit verhohlenem Neid, einen Blick auf den der Unterwelt Entronnenen. Seine lebensfrohe Gestalt führte ihnen unmissverständlich die verborgenen Möglichkeiten vor Augen und ihnen wurde rasch klar, dass das die Zeichen für den Anfang sein mussten. Weil sie aber seit alters her ängstlich vor jedem Anfang waren, taten sie so, als würden sie nichts mitbekommen, zogen sich zurück und begnügten sich aus sicherer Entfernung mit heimlichen Beobachtungen.

Sisyphos wusste davon nichts. Er machte sich auf, dem Flusslauf zu folgen. Das Wasser tanzte lustig neben ihm her, hielt unaufhörlich Zwiesprache mit dem wagemutigen Gesellen und versäumte nicht, ihn recht durch die Landschaft zu geleiten, so dass es ihm nicht schwerfiel, sich seine Neugier und freudige Erwartung zu bewahren. Offensichtlich wich ihm nun das Glück nicht mehr von der Seite, und so kam es, dass er völlig ohne Gefahr an ein einsam gelegenes Gehöft gelangte. Gänse, Hühner, Enten begrüßten ihn schnatternd, krähend und quakend. Eine Katze umschmeichelte maunzend seine Füße und hieß ihn näher treten. Ein braunes Pferd wieherte ihm freudig zu, Schafe blökten, Kühe muhten und eine weiße Ziege nahm ihn neugierig beschnuppernd in Empfang.
So ging Sisyphos mit seinem auffälligen Gewand der einladend rot gestrichenen Haustüre entgegen. Bunte Blumen umkränzten sie, und noch bevor er sie erreicht hatte, wurde sie aufgetan. Ein lächelndes Gesicht hieß ihn eintreten. An einem Tisch nahm er Platz, durch die Fenster in seinem Rücken fielen die freundlichen, hellen Sonnenstrahlen, die das Zimmer in durchsichtiges Gold tauchten und ihm bedeuteten, dass er hier richtig sei. Die Dame, die ihn eingelassen hatte, trug köstliche Speisen auf, von denen er erst zögerlich, sogleich aber bereitwillig nahm. Indem sich seine Gastgeberin ihm gegenübersetzte, tat er es ihr gleich und kostete von Käse, Fleisch, Brot und Gemüse. Er trank Milch und probierte süße Früchte. Alles war ihm neu. Den Genuss der Speisen hatte er bislang eben so wenig gekannt wie die Sonnenstrahlen und die herrlichen Töne. Während die Frau mit ihm sprach, lernte er ihre Worte verstehen.

Ihm wurde klar, dass all die Jahrhunderte und Jahrtausende in ihm die Ahnung vom Reichtum der Welt geschlummert hatte. Die stets gegenwärtige Sehnsucht, der dunklen Ödnis entfliehen zu wollen, war an einem geheimen Fleckchen seines Geistes anwesend gewesen, aber sie war verkapselt im Kokon, der verschlossen und versiegelt war. Nun hatte der seidene Faden sich zu lösen begonnen. Zentimeter für Zentimeter wickelte er sich rasch ab und wurde Sisyphos zum Lebensfaden, der ihn durch die Herrlichkeiten des Daseins lotste. Wie reich und schön doch alles war, das ihn begleitete und erwartete, das ihn umgab und in ihn einging durch Augen, Ohren, Mund und Nase, das ihn an Füßen, an Händen berührte, ihn kitzelte und ihm vermittelte, dass er aufzunehmen in der Lage sei und dass sich alles unaufhörlich neu in seinem Inneren zu verändern und zu formen anschickte. Ja, das ist das Leben.
Durch alle Sinne dringen die Eindrücke und formen den Geist, der wiederum neugierig auf alles wartet und ebenfalls seine Möglichkeiten nutzen will, um nach Kräften Neues zu schaffen, mit den Händen, mit Worten, mit der Stimme, mit allem eben, was einem Menschen zur Verfügung steht.

Sisyphos staunte und strahlte die freundliche Dame an, die ihm als erster Mensch begegnet war. Mit einem Male wurde ihm klar, dass ein Schatz von Möglichkeiten für ihn in einem goldenen Topf bereitstand, den er zu suchen und zu finden hatte. So erhob er sich, küsste der schönen Dame mit vollendeter Höflichkeit die zierliche und doch so kraftvolle Hand und verabschiedete sich zutiefst dankbar für die Erfahrung, Gastfreundschaft genossen zu haben und beherbergt worden zu sein. Weil sie wusste, wie lange der Weg sich noch erstreckte, ehe Sisyphos sein Ziel erreichen würde, holte sie aus einer schön bemalten Truhe ein Paar grüner Wanderstiefel aus geschmeidigem Leder. An den einstigen Besitzer gibt es keine Erinnerung mehr. Er muss von weit hergekommen sein und hier seine Bleibe gefunden haben, sodass er die liebevoll geschusterten Stiefel nicht mehr brauchte. Er hatte sie ausgezogen, um sie nie mehr wieder zu benützen. Im Stillen hatten sie hier sicher verwahrt auf Sisyphos gewartet, und die freundliche Dame Amaryllis streifte sie ihm über die bloßen Füße und band flink die Schnürsenkel.

So war Sisyphos wohlgerüstet. Ein neues Gefühl beflügelte seine Schritte. Hatte er auch den unmittelbaren Kontakt mit dem Untergrund eingebüßt, so waren nun seine Fußsohlen vor Verletzungen geschützt. Ihm war klar, dass er einen weiten Weg vor sich hatte. So machte er sich Richtung Osten auf. Amaryllis begleitete ihn ein Stück der Sonne entgegen. Wenn man an den Anfang der Welt gelangen will, muss man immer der Sonne entgegengehen. Erkennt sie, dass man es ernst meint, wird sie einen auflesen und in ihrem Schiff mitreisen lassen. So marschierte Sisyphos zuversichtlich nach Osten. Als er mit seiner Begleiterin den Waldrand erreichte, verließ ihn die gnädige Dame Sie musste zurück zu ihrem Anwesen und nach weiteren Besuchern Ausschau halten. So hat jeder seinen Platz in der Welt.

Während sie zurückging, schritt Sisyphos mit neuer Kraft voran. Er trat auf dem bemoosten Pfad tiefer in den Wald ein. Hohe Bäume ragten links und rechts neben ihm auf. Seine Schritte federten auf dem weichen Untergrund und er fühlte sich behütet. Schon stimmten all die hier ansässigen Vögel ein Willkommenskonzert an und kündigten den durchreisenden Gast auch den anderen in tieferen Regionen beheimateten Bewohnern an. Neugierig steckte der eine und andere Fuchs und Hase seinen Kopf aus dem Gestrüpp, betrachtete Sisyphos neugierig in seinem aus Blattwerk gefertigten Outfit, schickte ihm einen freundschaftlichen Gruß entgegen und entwischte rasch, eifrig seinem Tagwerk nachgehend. Bisweilen sah er noch Rehe äsend beieinanderstehen, die ihn ob seines eilfertigen und zielstrebigen Schrittes musterten, ihm aber zu verstehen gaben, dass er ihr Reich sehr wohl zu durchqueren habe. Der Ort seiner Bestimmung war noch weit. Keines von ihnen war je so weit gelaufen. Vom Hörensagen wussten sie, es gebe diesen Ort, wo es sich hinzugehen lohne.

Und Sisyphos wanderte ohne Hast, aber doch schnell, weil ihn die Sehnsucht nach dem in der Ferne liegenden Ziel lockte. Als er den Blick in den Äther schweifen ließ, sah er die klaren Strahlen der Sonne erscheinen. Sie war also schon auf ihn aufmerksam geworden. Wer weiß, wer ihr seine Ankunft verraten hatte? Aber die Sonne kannte sehr wohl das Schicksal des armen Sisyphos, genauso, wie ihr das einer jeden geknechteten Kreatur nicht verborgen bleibt, und sicher führt sie den ins Licht, der es braucht. Gleich oder später. Und Sisyphos, der so lange im Dunkeln die Kugel gerollt, hatte ganz gewiss eines gelernt: zu warten. Und so ging er seinen Weg entlang. Bestimmt ist es der einzig richtige. Frau Sonne schickte ihm mit ihren warmen und hellen Strahlen alle Hoffnung der Welt und auch noch ein gutes Stück der himmlischen Zuversicht. Und ehe er sich versah, wurde er emporgehoben zum Sonnenschiff.

Fragte man ihn später nach den Eindrücken dieser Reise, so vermochte er nichts weiter zu sagen, als dass es wunderschön war, schwerelos dahinzugleiten, gedankenverloren und unendlich glücklich. Eine lichte Leere habe ihn umfangen, wie er sie nicht beschreiben könne. Die Worte für Derartiges hatte er noch nicht kennengelernt. So fuhr er eine geraume Weile im Sonnenschiff am Rande des Himmels gen Osten und Frau Sonne raunte ihm so manches Helle zu, das er mit geweiteten Augen und Poren aufnahm. So kam Sisyphos wohl zu dem, was die Menschen bisweilen eine Glückshaut nennen, in Ermangelung eines besseren Begriffs.
Und flugs war er viele hundert oder gar tausend Kilometer weit gereist. Wer scherte sich schon um derartig kleinmütiges Zählen? Sanft setzte ihn die gnädige Sonne auf einer Wiese an der Peripherie einer Metropole ab. Ganz andere Geräusche drangen hier an sein Ohr. Scharf und schnell und schneidend. „Hab keine Furcht!“, sang ihm die Sonne Abschied nehmend zu. „Du wirst das Licht, das ich in dich hineingelegt habe, verbreiten. Es ist nicht schwer, denn jeder verlangt danach. Sei großzügig und geize nicht damit.“

Sisyphos hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Mit seinen grünen Wanderstiefeln stapfte er durch das lange Gras und gelangte zu einer schwarz asphaltierten Fläche, die sich als Straße herausstellte. In seiner floralen Kleidung erschien er den zahlreichen Autofahrern in der Tat wie von einem anderen Stern. Sie glotzten ihn aus den blankgeputzten Scheiben ihrer bunt lackierten Karossen an und fingen an zu hupen, denn er versperrte ihnen die freie Fahrt und sie hatten es eilig. Einer betätigte den automatischen Fensterheber an der Fahrertür per Knopfdruck und brüllte heraus: „Verpiss dich, du seltsamer Vogel, sonst rufe ich die Polizei!“

Und Sisyphos fing schon an, an der Redlichkeit der Frau Sonne und auch an der Liebenswürdigkeit der Dame Amaryllis zu zweifeln, weil er sehr wohl spürte, dass dies trotz der augenscheinlichen Helligkeit ein Ort der Finsternis war. Starr vor Schreck stand er da, als ein dicker Mensch aus der Führerkabine eines LKWs kletterte, auf Sisyphos zuging, ihn energisch unterhakte und ihn hoch in sein bescheidenes Heim hievte. „Hier bist du erst mal in Sicherheit!“, sagte er zu ihm. „Mir scheint, du kommst aus dem Reich der Träume! Trägt man dort neuerdings organische Klamotten? Pflanzenfasern mit Blumen durchwirkt, aus Madeira und Gott weiß woher noch; eine erneute Flower-Power-Welle?“

Sisyphos verstand alle Worte des Fahrers, schaute ihn aber vorerst nur groß an und vermied es zu sprechen. Er wollte sich ein genaueres Bild der Lage machen. „Woher hast du die Mokassins aus marokkanischem Leder? Kommst du aus Marrakesch?“, fragte der freundliche und offensichtlich seine Umgebung sehr aufmerksam beobachtende Fahrer weiter und reichte ihm eine rote Dose, die, nachdem sie geöffnet war, zischend eine herbe Flüssigkeit herausschäumen ließ. „Trink, du hast bestimmt Durst!“, lud er ihn ein. So nahm Sisyphos den ersten Schluck und erfuhr, dass das Bier sei. Während der Fahrer von seiner Herkunft aus dem hohen Norden bereitwillig erzählte, knauserte Sisyphos mit seinen Worten. Tief drinnen in seiner Erinnerung saß noch das Wissen um die geheime Kraft der Worte, und es schien ihm ratsam, sie kostbar bei sich zu verwahren und wie Perlen zu zählen. So verriet er nur, dass er gekommen sei, um Licht zu machen. Das verstand der hilfsbereite freundliche Mann am Lenkrad des Trucks, das Sisyphos übrigens an den Stein erinnerte, den er so lange vor sich her gewälzt hatte, und weil auch der Fahrer einer war, der Bescheid wusste, versprach er, ihn an den Ort zu bringen, wo Licht benötigt wird.

Er startete den Motor, lenkte aus der Raststätte auf die Autobahn und steuerte auf die große Stadt zu. Sisyphos fühlte sich an den Fluss zurückerinnert, dessen Lauf er, nachdem er dem Erdloch entschlüpft war, eine Tagstrecke weit gefolgt war. Auf der dreispurigen Autobahn schoben sich die Fahrzeuge rasch vorwärts. Sie schienen ebenfalls von einer geheimen Kraft getrieben zu sein. So gelangte der LKW an einem gelben Schild vorbei, auf dem etwas in schwarzen Lettern stand. Die beiden Männer befanden sich in einem Häusermeer, das von Straßen wie Spinnweben durchzogen war. Sisyphos fiel auf, dass sich der LKW gen Osten bewegte. Die Richtung stimmte also noch, und das beruhigte ihn inmitten all dieser Geschäftigkeit.
Irgendetwas musste hier schiefgegangen sein, denn hier gab es von allem zu viel und gleichzeitig auch von allem zu wenig. Es fehlte das rechte Maß. Sisyphos beschlich die leise Angst, hier verloren zu gehen, und er entschloss sich, ein paar Worte aus seinem kostbaren Schatz an den Fahrer zu verschenken und stellte die Frage: „Bringst du mich bitte an den Anfang der Welt? Einer wie du kennt bestimmt den Weg!“  Mit großen Augen schaute ihn Lars an. „Freilich kenne ich den Weg zum Anfang der Welt. Es ist bloß aus der Mode gekommen, danach zu fragen. Heute bildet sich jeder ein, von sich aus dorthin zu gelangen. Aber die meisten verirren sich, weil sie zu eingebildet sind und zu stolz, um zu fragen. Leicht geht man in die Irre. Du siehst ja selbst, wie viele Straßen es hier gibt, die nach überall führen.“

Geschickt lenkte Lars aus dem Norden seinen schweren Truck auf den Straßen Berlins gen Osten und brachte Sisyphos in seinem Paradieskleid an einen Ort, der Kreuz des Ostens heißt. Das muss schon ganz in der Nähe vom Anfang der Welt sein. Umringt von hupenden Autos parkte er in Seelenruhe, zeigte Sisyphos die Richtung, die er einzuschlagen hatte, schubste ihn freundlich aus der Fahrerkabine und verabschiedete sich in stillem Einverständnis von ihm, indem er bedeutungsvoll mit den Augen zwinkerte.
Sisyphos hingegegen gelangte bald an ein zweiflügeliges Holztor, über dessen geschwungene Oberseite sein Name in großen Lettern zu lesen war. Nicht schlecht staunte er, dass man ihn hier am Anfang der Welt bereits erwartete und ihm schon ein Haus gebaut hatte. Auf jedem Flügel der beiden Tore war eine große Ente geschnitzt. Sie schauten sich an und die beiden Schnäbel schienen sich zu küssen. Da fühlte sich Sisyphos an das freundliche Haus der Frau Amaryllis erinnert, in deren Hof auch quakende Enten ihn empfangen hatten. Beherzt pochte der Heimgekehrte mit beiden Fäusten an das Tor. Unverzüglich hörte er eine Stimme fragen: „Wer bittet um Einlass?“ „Ich kann Licht machen“ entgegnete Sisyphos, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Und da es bereits dämmerte, schien es dem Türsteher einleuchtend, dass es nun an der Zeit sei, mit der Illumination zu beginnen.

Das Tor ging auf, Sisyphos trat in sein Reich und wusste sofort, dass er zu Hause, am Anfang der Welt angekommen war. Rasch liefen Leute im Hof zusammen und bedeuteten ihm, dass man ihn seit Langem schon sehnsüchtig erwarte. Man löcherte ihn mit Fragen nach seinem Verbleib, worauf er lächelnd und achselzuckend wortlos antwortete. Niemand fragte ihn nach seinem Namen. Offensichtlich wussten alle schon, dass er der Hausherr persönlich sei. Zwei Herren in salopper Kleidung begleiteten ihn über das Gelände.
Bedauernd teilte man ihm mit, dass während seiner unerwartet langen Abwesenheit in diesen Gebäuden Hundekuchen produziert worden seien. Sisyphos lächelte nur und entgegnete, dass ihm Hundekuchen allemal lieber seien als Kalaschnikows.

So war alles geklärt, und Sisyphos wollte ebenso wie die beiden Herren keine Zeit verlieren. Die Dunkelheit stand vor der Tür und der heimgekehrte Hausherr wollte damit beginnen, Licht zu machen. Es war höchste Zeit, um den Anfang der Welt, nachdem er endlich gefunden war, aus seinem langen Dämmer zu erwecken, ihn in Licht zu tauchen und die Menschen von überall her anzulocken. Sisyphos fing an, die eilig montierten Scheinwerfer auszurichten. Unter seiner geheimnisvollen Regie entstand an der Fassade des Backsteinbaus eine wahrlich himmlische Lichtsymphonie in den strahlendsten und phantastischsten Farben. Schnell war klar, dieser Mann im Phantasiekleid musste von weit her gewandert sein, um diesem Ort seinen vergessenen Zauber zurückzugeben und den verwirrten Menschen Heimat.

In Windeseile verbreitete sich die Kunde, dass hier etwas Neues und ganz Großes entstand. Musiker fanden sich ein, das Licht mit Klang zu verbinden. Feuerkörbe wurden an den nachtschwarzen Himmel gezaubert und farbstarke Blitze durchfuhren die Finsternis, um allen den Weg zu zeigen und ihrer Sehnsucht eine Richtung zu geben. Viele kamen und täglich wurden es mehr, weil alle suchen und nach einem Platz verlangen, wo ihre Seele Ruhe findet.

Sisyphos ist Gott sei Dank angekommen und hat es geschafft, diesen verwunschenen Ort in Helligkeit zu tauchen. Jetzt herrscht dort der nicht leicht fassbare Geist, der durch die Gabe des Lichts entsteht. Manche nennen ihn Esprit, andere wagen das Wort nicht in den Mund zu nehmen. Sisyphos zählt seine Worte wie Perlen. Er schweigt und spricht mit fein dosiertem Funkenregen, mit Lichtkegeln und kletternden Lichtmenschen – seine Sprache ist das Licht. Und wer sie beherrscht, mag an jeden Ort reisen, sei es der undurchdringliche Dschungel mit all den Lianen, die sich von tropischen Bäumen baumeln lassen und den Affen zum Spiel dienen, sei es die Wüste, durch die sich eine Karawane schlängelt, oder sei es das Eis, das man früher das ewige nannte, auf dem Pinguine und Eisbären tollen.

Sisyphos kann alle diese Bilder an den Nachthimmel zeichnen. Nur wer seine Herkunft kennt, versteht, warum er den Menschen Strahlen bringen muss und warum er seine Freude daran hat, all die Hungrigen im Licht stehen zu sehen. Langsam werden sie, so beschienen, lebendig und fangen an sich zu bewegen, anmutig und rhythmisch zu tanzen, sich im Takt der Musik zu wiegen. Aber damit ist es nicht getan. Das Leben in der Metropole ist hart. Hundekuchen ist out und Schokoladensoße will keiner.
Wer zu Sisyphos kommt, will den Anfang der Welt spüren, und der ist heftig. Wer aus der Unterwelt kommt, weiß das. Wer unzählige Male seinen Felsbrocken vergebens den steilen Hang hinaufgerollt hat, um anschließend machtlos zusehen zu müssen, wie er bockstarrig wieder hinabrollt, der weiß, dass man das Leben festhalten muss mit beiden Fäusten, dass man mit aller Macht jede Regung in sich aufsaugen muss, um sie im schwer zugänglichen Inneren zu beheimaten.

Menschen kommen ins Sisyphos, weil sie hungrig sind nach Leben. Vom alltäglichen Zuviel haben sie schon genug, mehr als das. Weder in den überbordenden Einkaufszentren noch in den beruflichen Selbstverwirklichungsstätten pocht der Puls der Lebens. Alles ist zu viel und zu wenig. Es scheint, als wäre überall die Luft zum Atmen dünn geworden. Jeder sucht das Glück, aber die Glückshaut ist nicht zu kaufen und nicht zu verdienen und auch nicht zu erbitten oder per Opfer zu erwirken. Das Leben lässt sich nicht ergaunern und nicht erarbeiten, man kann es weder ansparen noch erben.
Das Leben pocht am Anfang der Welt und bisweilen findet man einen Ort, wo man ihm gegenübersteht oder es wenigstens für möglich hält, dass es so sei. Ein Augenblick in diesem Gefühl zu leben, ist es allemal wert, sich dem Rausch von Licht und Klang in Extremen hinzugeben. Nur allzu gern lässt man sich forttragen von der schwerelosen Schwere und erwacht mit der Sehnsucht, an diesen Ort zurückzukehren, so oft und so lange wie nur immer möglich. – Sisyphos wahrt sein Geheimnis gut. Niemand kennt seinen Namen und weiß, wohin sein Gesteinsbrocken so urplötzlich verschwunden ist. Wer mag ihn weggenommen haben? Wer verwahrt ihn? Hat er sich gar in Luft aufgelöst oder hat er sich wie ein Ballon mit Luft gefüllt und ist davongeflogen? Sisyphos ist ihn auf jeden Fall los und verbreitet am Anfang der Welt Licht. Hier nennen ihn alle Or, was in der Sprache des Anfangs Licht bedeutet, und er hat vor, diesen Ort nicht mehr zu verlassen.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18157

Ostsee

Meer
Wolken und Wasser
Wasser und Wolken
Meer

Herr Wind hat da und dort zu tun
Wasser schubst er
in Wellen ans Ufer
Emsig laufen sie
sich aufbäumend
schicksalsgetrieben

Im Sand werden sie zahm und lahm
und müd
Doch es gibt keine Rast
Kaum Atem geholt
eilen sie zurück ins Meer
Gezogen von unsichtbarer Hand

Wasser, wirst du nicht müd?
Wasser, wann ist dein Sonntag?
Die Wolken haben den besseren Part
Sie kennen kein Ufer

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18142

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Finden

In einen Garten hat er dich gesetzt
dein Herr
voll Grün und Farben
Sonnenstrahlen wärmen deine Glieder
und räkeln kannst du dich
im wohlig warmen Licht

Warum nur spürst du’s nicht

Kummer hat ein Nest in deinem Herzen sich gebaut
lähmt dir die Glieder und die Sinne
Wie soll das Raunen an dein Ohr gelangen
und die Stimme, die dich trägt, die Hand dir reichen
sanft flüstert sie
Ich halte dich
Ich liebe dich
Ich bleib bei dir
Hier bin ich
Schau, so schau doch, schau

Warum nur hörst du’s nicht

Es gibt das Glück, das ich dir zugedacht
so nimm es doch mit beiden Händen
oh weh, es rinnt dir durch die Finger
und nur ein Schimmer bleibt
der dich erinnert und auch quält

Du bist doch hier
zu kosten aus dem Garten
Du bist mein Kind
das ich so gerne herze
und dem ich meine Liebe schenke
die vom Verschenken lebt

Du siehst sie nicht und fühlst sie nicht
und das ist all dein Leid
Wie kann es sein
dass so viel Wohlergeh’n vergeht
entschwindet
Es ist doch da und doch ist’s nicht
zu greifen
zu spüren nicht
und auch nicht anzuschau’n

wie schmerzt es
deine inn’re Einsamkeit zu spüren
wo sind die Wölfe,
die sich darauf versteh’n
sie zu verjagen

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 18034

Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen

Ich habe viele Stühle in meinem Haus, viel mehr, als meine Familie braucht. Immer schon habe ich herrenlose Stühle aufgelesen, die auf Dachböden, in Kellern oder Garagen ihr vorläufiges Ende gefunden hatten. In mir regt sich bis heute das Mitleid, wenn ich einen ausrangierten Stuhl sehe. Er tut mir unendlich leid und ich nehme ihn mit, repariere ihn oder lasse ihn reparieren und gebe ihm ein neues Zuhause. Auch ein Stuhl braucht ein Zuhause! Einen liebevoll geschreinerten Stuhl setzt man nicht aus, wenn seine Bauart aus der Mode gekommen ist, wenn die geflochtene Sitzfläche zerrissen ist, wenn die Lehne abfällt. – Nein, das tut man nicht. Ich habe also eine kleine Sammlung von verschiedenen Stühlen. Zu jedem einzelnen kann ich eine Geschichte erzählen und die Geschichte betrifft nur die kurze Zeit, die ich mit dem jeweiligen Stuhl verbringe. Jeder Stuhl könnte also selber auch noch eine viel längere Geschichte erzählen, wenn die Stummheit nicht zum Wesen der Stühle gehörte.
Ein guter Stuhl muss leicht sein, sodass er jederzeit hochgehoben und an einen anderen Platz gestellt werden kann. Die Qualität eines Stuhles erkennt man an seiner Leichtigkeit.

Wenn ein Gast kommt, gehört es zur guten Sitte, ihm einen Stuhl, einen Sitzplatz anzubieten, sodass er verweilen und sich erholen kann. Bei den Juden ist es am Sederabend Brauch, ein Gedeck zu viel aufzulegen und einen zusätzlichen Stuhl an den Tisch zu stellen, damit der Prophet Elija, sollte er vorbeikommen, einkehren kann. Jederzeit kann der Messias kommen, wir kennen weder Zeit noch Stunde, aber wir wollen doch gerüstet sein.
Auch ich will gerüstet sein, wenn ein Fremder kommt und um Einlass bittet. So ist die Geschichte mit den Stühlen für mich auf ganz besondere Weise lebendig geworden. – Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen, so lautet ein Sprichwort. – Ich habe viele Stühle, auf denen sich das Glück niederlassen kann. Aber das ist wahrscheinlich zu aufdringlich für das Glück, und es geht lieber vorbei. Auch das Glück mag es, wenn es sich nicht entscheiden muss, wenn gleich der richtige Platz gefunden ist. Zu viele Stühle sind ein Gottversuchen.

Beim Sperrmüll habe ich einmal einen ausgesetzten Stuhl gefunden. Die Sitzfläche – aus Bast geflochten – war zerrissen. Offensichtlich ist ein Rüpel oder gar ein Brackel mit dem Fuß daraufgestiegen.  Als die filigrane Sitzfläche unter der Last stöhnte und ächzte, nachgab und riss, zeigte sich eine klaffende Wunde. Der Stuhl wurde ausrangiert, auf die Straße gestellt. –Herzlos! Gott sei Dank hat mich mein Weg daran vorbeigeführt, mein mitleidiges Herz hat sich sofort geregt und ich habe dem siechen Stuhl Obdach gegeben. – Monate später fand ich einen Korbmacher, der sich noch auf die Kunst des Flechtens versteht. Er hat meinen maladen Stuhl repariert. – Wohlgemerkt für teures Geld!
Ein andermal bin ich an einem Tag, an dem Sperrmüll gesammelt wurde, auf einen kleinen Sessel aufmerksam geworden, der mich gedauert hat, und ich habe ihn vor der Müllpresse bewahrt. Jetzt hat er in meinem Haushalt eine neue Heimat gefunden und jeder Gast nimmt gern auf ihm Platz.

Nun hat es sich ereignet, dass seit geraumer Zeit ein junger Mann, der im Jahr 2015 seine Heimat Afghanistan verlassen hat, in mein Haus kommt. Er möchte Deutsch besser lernen und wir sprechen und lesen miteinander. Ich mühe mich, Wörter wie Rückbank, Ersatzreifen, Aufgabe oder noch viel schwieriger Schicksal und Paradies zu erklären. Wir kommen auch auf Himmel und Hölle zu sprechen, auf Gott und Teufel. –  Mir wird wieder einmal klar, wie schwer es ist, eine fremde Sprache zu lernen. Es geht ja nicht nur um die Worte. Hinter jedem Begriff verbirgt sich eine Geschichte und jedes Volk erzählt sich andere Geschichten, weil es in anderen historischen Gegebenheiten lebt. Will oder muss man also in einem fremden Land heimisch werden, so muss man sich mit den Worten vertraut machen, deren Herkunft auch sehr kompliziert ist. Wer denkt zum Beispiel daran, dass der Ausdruck: „Ich halte mich bedeckt“ mit „der Decke“ und „zudecken“ zusammenhängt. Während ich mich mühe, derartige Zusammenhänge zu erklären und auch zu zeigen, was sich hinter manchen Worten verbirgt, lerne ich selber die Tiefe und Schönheit meiner Muttersprache erneut kennen. Gleichzeitig fange ich an zu erahnen, wie in einer mir völlig fremden Sprache wie Paschtu manches ausgedrückt wird und welch anderer Erfahrungshintergrund dem zugrunde liegt.

Der junge Mann, von dem ich hier erzähle, hat den auch für unsere Ohren schön klingenden Namen Khushal. Schon bei einem unserer ersten Treffen erzählte er mir, dass seine Mutter diesen Namen von einer anderen Frau, deren Sohn so hieß, gestohlen hat. Es ist ein besonderer Name.
„Meine Mutter hat wirklich Probleme mit dieser Frau bekommen, weil sie einfach den Namen von ihrem Sohn geklaut hat.“ – Manchmal kann man einfach keine Kompromisse eingehen!
Wenn man einen Namen bekommen hat, kann man ihn nicht mehr wegnehmen. Wenn er einmal gegeben ist, bleibt er. Die andere Frau mochte schimpfen und zetern, der schöne Name Khushal hat einen zweiter Träger bekommen. Ich weiß nicht, was aus dem ersten Khushal geworden ist, den zweiten habe ich kennengelernt. Er erzählt mir von seiner Heimat und ich bin von meiner Unwissenheit erschüttert.

Khushal sagt: Ich habe keine Angst, ich bin im Krieg gewachsen.
Als ich ihm erzähle, dass meine Söhne als Kinder Auseinandersetzungen gescheut haben, sich nicht mit anderen geprügelt haben, lieber nachgegeben haben, da entgegnet mir Khushal, dass ein afghanischer Mann nie sagt, dass er schwach ist. Ein Mann ist stark und muss kämpfen. – Als aber am Bahnsteig einmal ein großer Hund neben uns Platz nimmt, beobachtet Khushal ganz genau die Augen und Bewegungen dieses Tieres und geht auf die andere Seite, hinter mich.

Auf verschlungenen und abenteuerlichen Wegen ist Khushal tausende Kilometer im Alter von fünfzehn Jahren nach Europa gewandert und in einem Land angekommen, von dem er nur den französischen Namen Almani kannte. Er ist ohne Eltern, Geschwister und Verwandte hier und dieses unbekannte Land hält erneut viele Probleme für ihn bereit. Hätte er zu Hause davon gewusst, wie schwierig es ist, als Asylbewerber anerkannt zu werden und einen Pass zu bekommen, so hätte er vermutlich die Strapazen der Reise nicht auf sich genommen. Oft zweifelt er, ob die Entscheidung zu gehen, richtig war. – Ich sage: Jetzt bist du hier! Das ist dein Schicksal.
Khushal stimmt mir zu: Allah hat meinen Weg auf meine Stirn geschrieben. – Was auf meine Stirn geschrieben ist, das kommt. – Emah patandi jelikuli harasi, so habe ich die Worte verstanden.
Ja genau, so ist es. Wer kann sich seinen Lebensweg schon aussuchen?
Jetzt sitzen wir hier zusammen und ich lasse mir erzählen, was Khushal auf der Flucht alles erlebt hat.

Im Kofferraum eines Autos war er versteckt, so eng eingezwängt, dass er jegliches Gefühl für Raum und Zeit verlor. Im Bus ist er durch Intuition einer Verhaftung entgangen, indem er sich einfach wieder hingesetzt hat und nicht der Weisung des Polizisten gefolgt und ausgestiegen ist. – Glück gehabt! Hundertmal!
Ohne Pass hat er eine „boarder“ nach der anderen überschritten, im Dschungel, wie Khushal den Wald nennt, hat er tagsüber an Bäume gelehnt versucht zu schlafen oder zu dösen.
Angespannt hat er auf einen verabredeten Pfiff gehorcht und ist unter Tränen, wie er mir gesteht, aufs Geratewohl losgeschlichen, in der Hoffnung, den Treffpunkt zu finden. Er hat ihn gefunden. Sein Schutzengel, Malaike, wie er sagt, hat die schützenden Flügel über ihn gehalten. – Tausendmal!

Im Sommer 2015 ist Khushal in Passau gelandet oder gestrandet. Als unbegleiteter Jugendlicher ist er zuerst nach Geiselhöring, dann nach Mallersdorf ins Wohnheim gekommen. Er geht in die Schule, lernt Deutsch und Mathematik und Staatsbürgerkunde. Was ist eine Demokratie, welche Versicherungen gibt es, wie viele Bundesländer hat die Bundesrepublik, von wie vielen Ländern ist Deutschland umgeben oder eingeschlossen? Fragen über Fragen, auf die ich auch nicht immer gleich eine Antwort habe. Nichts ist einfach, auch nicht in Deutschland. Besonders die Bürokratie.
Khushal hat seine Freude am Kickboxen entdeckt. Er trainiert eifrig und möchte darin richtig gut werden. – Disziplin, Kraft und Geschicklichkeit sind wichtig, damit man im Wirrwarr nicht so leicht die Nerven verliert. Es bieten sich viele Gelegenheiten, zu straucheln, schwach zu werden, aufzugeben, davonlaufen zu wollen, aber wohin?

Wir sind uns in der Schule begegnet und einmal hat mich Khushal vorsichtig gefragt: „Haben Sie bisschen Zeit? Ich möchte Deutsch lernen mit Sie.“ Wer hätte gedacht, wie schwer das ist. Bin ich froh, dass ich mich in meiner Muttersprache verständigen kann.

Khushal kommt nun regelmäßig in mein Haus und setzt sich auf einen freien Stuhl. Inzwischen weiß ich auch, dass man in seiner Heimat auf Kissen am Boden sitzt, auf einem schönen weichen Teppich, aus dem Iran. Dort ist immer Platz für einen Gast.
Wir trinken Tee oder Cola, backen zusammen Bulani, wie in Paschtu das Brot genannt wird, lesen zusammen ein Buch und sprechen über dieses und jenes.
Ich erzähle ihm von meinen Kindern, von Sebastian, der ein Haus baut und dessen Freundin ein Reitpferd hat, von Jonas, der wieder aus Berlin zurückgekehrt ist, und davon, dass Jakob eine türkische Freundin hat, die – im Spaß, hoffe ich – von ihm 83 Kamele als Brautpreis fordert.

Khushal setzt sich auf einen freien Stuhl, isst mit meiner Familie am Tisch. Oh, vieles wird nicht nach seinem Geschmack sein, vieles wird ihm seltsam vorkommen. So ist das in der Fremde!
Er erzählt mir von der großen Enttäuschung, der Abschiebung. Ich möchte ihn trösten und erfahre die Schwäche und Machtlosigkeit meiner Worte. Was soll ich sagen? Ich bin hilflos. Es wird weitergehen, es wird gut werden. Ich helfe dir. Aber wie?

Khushal bedeutet in unserer Sprache Glück. Wie weise deine Mutter deinen Namen gewählt hat. Khushal bedeutet Glück!

November 2017

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 18033

 

Glück

Ein flatternder Vogel ist das Glück, getragen von unsichtbarer Hand.
Im Schwarm zieht er vorbei, die Sonne verdunkelnd.
Hoch oben lässt er sich nieder.
Sonnenstrahlen schlüpfen in sein Gefieder
und machen ihn trällern und tirilieren.

Schreckhaft ist das Vögelchen, immer auf dem Sprung,
zirpend und auf der Hut.
Kaum habe ich deine Stimme vernommen,
kaum haben meine Augen dich ausgemacht,
kaum habe ich angefangen, mich an deinem Anblick zu erfreuen,
da bist du schon wieder auf und davon.
Meine Augen können dir nicht folgen.
Du entschwindest dem Blick.
Ach, bleib doch, bleib,
mein kleines Vögelchen, Zippora!

Fangen möchte ich dich.
Sei mein, ja, für immer und darüber hinaus.
Vögelchen, bleib doch, sieh, hier bei mir hast du’s gut!
Sorgen will ich für dich, dich kosen.
Gut sollst du’s haben, gut wirst du’s haben!
Mein sollst du sein, mein ganz allein.

Scheu ist das Vögelchen, scheu.
Kurz nur verweilt es an einem Ort.
Vorsichtig ist das Vögelchen, vorsichtig.
Schnell hebt es sich auf und flattert davon,
getragen von unsichtbarer Hand.
Einen Lidschlag lang vernehme ich deine Stimme,
deinen betörenden Gesang.
Für einen Augenblick erhasche ich deine grazile Gestalt.
Fliegen musst du, von hier nach dort.

Das Glück ist ein Vogel, es folgt dem Ewigen.
Mal legt es sich mir auf die Haut,
mal eilt es mir voraus, mal ist es mir auf den Fersen.
Ich will nach ihm greifen, ich will es bergen.
Ehe ich mich versehe, ist es entschwunden,
weitergezogen, davongeflogen,
immer in Eile.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 18032

 

 

 

 

 

Kamele

Ich saß mit Jakob in der kleinen Küche. Es war Sonntagabend im frühen Herbst. Wir hockten auf zu hohen Stühlen am niedrigen runden Tischchen, in die Ecke gedrängt. Über das Tischchen war die wunderschön handbestickte und etwas fleckige Decke gebreitet, die ich im Sommer mit Nadja in Berlin am Flohmarkt gekauft hatte. Ich saß mit angewinkelten Beinen, eingezwängt zwischen Speisekammertür, Spülmaschine, Tisch und Fensterbrett im Rücken. Jakob saß etwas komfortabler. Er hatte Beinfreiheit und war nur von drei Seiten beengt, wobei der kolossale kirschrote Bosch Kühlschrank zu seiner Rechten einen mächtigen, sanft surrenden Schutzwall bildete. Wir tranken Kaffee.

Jakob sollte aus Regensburg kommen, weil wir das Esszimmer haben ausweißeln lassen. – Robert, der Maler, hatte mit den Mäandern, die ich als Umrahmung für den Durchgang zur Küche wollte, seine liebe Not. Er gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er nie mehr einen derartigen Auftrag annehmen werde. – Blödes Muster! – Keine Kundschaft außer mir will diese greißliche Bordüre an der Wand haben. Zur Besänftigung der hinuntergeschluckten Flüche serviere ich ihm einen Kaffee nach dem anderen, was die Situation nur geringfügig entschärft, bis er schließlich auch keinen Kaffee mehr mag und immer einsilbiger wird. Das mit den Mäandern will und will einfach nicht hinhauen. Er macht wortlos fertig, packt um Punkt fünf sein Zeugs zusammen und räumt das Feld. Ich sehe es ihm an, er denkt: Auf Nimmerwiedersehn! Ich kann es ihm nicht übel nehmen.
Ein paar Tage später kam die Sigrid, seine Chefin, übermalte die windschiefen Mäander und zauberte rechtförmige darüber. Wir waren uns einig, dass Robert diese Schmach nie erfahren soll. – Jetzt gleicht mein Eingang zur Küche einem griechischen Tempel. Vielleicht hätte ich doch auf Roberts Einschätzung der Lage hören sollen.

Diese Vorgeschichte erzähle ich nur nebenbei. Robert hat es auch verdient, einmal in einer Geschichte vorzukommen. Und ich entschuldige mich bei der Gelegenheit auch für den ekelhaften Auftrag und den vielen starken Kaffee!

Jetzt kehre ich aber zu Jakob und mir in der Küche zurück. Aus diversen, hier nicht näher zu erklärenden Gründen hat es Jakob erst am frühen Nachmittag geschafft, nach Hause zu fahren. Die Hauptarbeit, das Einräumen des Esszimmers, war bereits erledigt, und so reichte es aus, dass Jakob eine symbolische Tat vollbrachte, beim Kanapee mit anpackte, und sich anschließend kaffeetrinkend davon und von manch anderen Strapazen des Studentenlebens erholte.
Gleichzeitig pflegte er eine gehobene Unterhaltung mit mir. Die zentralen Themen AfD, Conti, einen wirklich nur ganz kurzen Exkurs zu den geschriebenen Klausuren in den verschiedenen Studiengebieten. Schließlich bereicherte Jakob unsere gepflegte Konversation wesentlich, indem er mir seine neue App vorstellte. Die Kamel App! – Das traf natürlich sofort mein Interesse, und ich vergaß blitzschnell alle Fragen das Studium betreffend. – Wie hat man sich nun so eine Kamel App vorzustellen? Sie bietet dem Nutzer die Möglichkeit, den Wert einer Person durch die Eingabe bestimmter Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Haarlänge und Haarfarbe, Brustumfang, Bildungsgrad, Alter usw. zu ermitteln. Interessanterweise ist die dafür verwendete Währung weder Euro, Rubel, Schekel noch Dollar, sondern Kamel. Zugegeben für unsere Region ungewöhnlich, aber im Sinne der Globalisierung durchaus innovativ und zukunftsträchtig.

Warum sollte man sich eigentlich nicht – angesichts der fortschreitenden Inflation – auf altbewährte und zudem wertbeständige Tauschgüter zurückbesinnen. Kamele gefallen mir, obwohl ich ehrlich gesagt abgesehen vom Tierpark noch kaum ein lebendiges zu Gesicht bekommen habe. Auch auf der Israelreise habe ich vom Bus aus in der Ferne Kamele erahnen können, und einmal bei einer Tankstelle eins von der Nähe bestaunt. Es stand dort als beliebtes Fotoobjekt für Touristen bereit.
Ich schämte mich aber angesichts meiner Körperfülle, vom zierlichen Kameltreiber auf den Rücken des armen Tieres gewuchtet zu werden. Deshalb lehnte ich das Angebot ab, mich auf dem schmucken Kamel sitzend fotografieren zu lassen. Das war damals dumm von mir. Wie schön wäre es doch jetzt, so ein Foto neben dem Bosch Kühlschrank hängen zu haben. – Eine verpasste Gelegenheit!

Nun aber wieder zurück zur Kamel App. Jakob erzählt mir, dass seine Freundin Aysun laut App einem Gegenwert von 83, in Worten dreiundachtzig, Kamelen entspricht. Ich bin beeindruckt und spüre meinen eigenen Wert sinken.

„Woher nehmen?“, frage ich. „Ja mei, die muss der Papa auftreiben!“ Oh mei, das wird schwierig. Alles könnte der Papa auftreiben: Kaffeemaschinen, Kühlschränke, Küchenherde, original Schreibtischlampen und Telefonapparate im Nazi-Design, vielleicht sogar eine Waschmaschine, aber ein Kamel? – Das erscheint mir unmöglich. Aber wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Schließlich will Aysun gefreit werden. Ich halte meine Augen offen.

PS: Mein Wert beläuft sich laut App übrigens trotz meines fortgeschrittenen Alters immer noch auf stattliche 53 Kamele. Ich möchte nicht versäumen, abschließend noch darauf hinzuweisen.

PS: Am Weihnachtsfeiertag hat übrigens eine Neuberechnung vor Zeugen ergeben, dass sich bei der ersten Kalkulation ein Fehler eingeschlichen haben muss. Der Wert von Aysun beträgt nach eingehender Prüfung 73 Kamele. Auch sehr beachtlich!

Weihnachten 2017

 Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18012

Mach es so, dass jeder auf dich stolz sein kann

Es ist gefährlich, in der Provinz Logar im östlichen Afghanistan zu leben. Seit Jahrzehnten kennen die Menschen dort keine Normalität. Die russischen und amerikanischen Besatzungstruppen sind gekommen und gegangen. Sie haben Hoffnungen geweckt, Enttäuschungen beschert und unaufhaltsam größere Not über die Bevölkerung gebracht. An Arbeit und Schule ist seit Langem nicht mehr zu denken. Alle sind mit der Sorge um den täglichen Lebensunterhalt beschäftigt. Jeder hat Angehörige zu betrauern, die einem Attentat, einem Bombenangriff oder einem willkürlichen Schusswechsel zum Opfer gefallen sind. Ein Menschenleben verliert in solchen Zeiten an Wert. Pläne für die Zukunft kann man nicht machen. Dennoch heiraten auch in Afghanistan junge Paare und bekommen Kinder. Dennoch wachsen auch in so einem Land junge Leute heran, die von einem Leben in Frieden und Freiheit träumen. Wie kann man es ihnen verdenken?

Im Jahr 2015 hören die Bewohner von der Möglichkeit wegzugehen. Aber wohin soll man gehen? Es ist ein großes Risiko, die letzte Sicherheit, die Familie oder den kläglichen Rest davon zu verlassen. Was soll mit den Zurückgelassenen in der Heimat geschehen? Welche Gefahren lauern im Ausland, in der unbekannten großen Welt? Die Not und Verzweiflung muss unerträglich groß sein, dass man diese Gefahren auf sich nimmt.

Keramat Akachel erzählt mir im Februar 2017 davon, wie seine Mutter für ihn, ihren jüngsten Sohn, die Entscheidung gefällt hat, dass es keine Alternative zur Flucht gibt. In regelmäßigen Abständen kommen die Taliban in die Stadt, um Kämpfer zu rekrutieren. Keramat steht auf ihrer Liste. Der ältere Bruder hat bereits die Familie verlassen und ist untergetaucht. Niemand weiß, ob er noch lebt oder wo er sich versteckt. Jedes Lebenszeichen ist lebensgefährlich für ihn und für seine Angehörigen. Der Vater ist schon vor Jahren ermordet worden, weil er seine Familie nicht im Stich lassen wollte und sich geweigert hatte, sich den Taliban anzuschließen.
Die allgegenwärtige Not hat Keramats Mutter gelehrt, diplomatisch zu verhandeln. Sie bat um Aufschub. Schließlich gibt man den jüngsten Sohn nicht einfach so weg. Sie war sich dessen bewusst, dass ein Menschenleben in ihrer Heimat schon lange nicht mehr viel wiegt. Und so bereitete sie unbemerkt nebenher die Flucht ihres jüngsten Sohnes vor. Die einzige Chance für einen jungen Menschen besteht darin, irgendwie ins sichere Ausland zu gelangen. Die Gefahren müssen gewagt werden. Es gibt keine Alternative. Sie besprach sich mit dem Schwiegersohn und kam zu dem Entschluss, ein Stück Land zu verkaufen, um das nötige Geld zu bekommen.

Alles geschah hinter dem Rücken Keramats. Vielleicht wollte ihn seine Mutter die letzten Tage zu Hause noch möglichst unbeschwert verbringen lassen. Vielleicht wollte sie ihm auch die Qual des Abschiednehmens erleichtern.
Schließlich drängte die Zeit. Die Taliban würden bald zurückkommen, und bis dahin musste der Junge weg sein, unauffindbar. Wenige Tage vor dem Aufbruch in die ungewisse Zukunft wurde Keramat in die Pläne der Mutter, die sie zusammen mit seinem Schwager gefasst hatte, eingeweiht. Alle waren der Meinung, dass Deutschland ein gutes Ziel sei, obgleich sie so gut wie nichts über dieses Land im Westen wussten. Die Kunde von Frieden und Freiheit war bis nach Logar gedrungen, und so machte sich Keramat auf, dorthin zu gehen.
Seine Mutter sagte beim Abschied: „Sei ein guter Sohn aus Logar! Geh weg und mach es so, dass jeder auf dich stolz sein kann!“

Er nahm die überlegte und weise Entscheidung seiner Mutter ohne Widerspruch an. Wusste er doch, dass das Weggehen die einzige Möglichkeit auf ein annähernd normales Leben war, das sich nicht nur er, sondern seine Mutter für ihn erträumte. Vielleicht würde er ja auch eines Tages vom Ausland aus seiner Familie hilfreich beistehen können. Alle Hoffnungen lagen nun auf ihm und er wollte sich dafür würdig und stark erweisen, auch wenn er Angst hatte.
So packte er seine Sporttasche mit dem Nötigsten. Einen Bildband über die Geschichte Afghanistans und einen schönen Spiegel legte er als kostbare Schätze, die ihn an zu Hause erinnern sollten, mit hinein. Dachte er doch, im fernen Deutschland bald studieren zu können. Gerne klammerte er sich an den Gedanken. Hatte er doch gehört, dass dort alle den Beruf erlernen konnten, den sie gern ausüben möchten. Er würde in Deutschland arbeiten und Geld verdienen. Er würde es schaffen.

So brachte ihn der Mann seiner Schwester, der als Taxifahrer arbeitete, mit dem Auto zum verabredeten Treffpunkt, wo er mit fünfzehn weiteren Flüchtlingen einen Bus bestieg, der ihn über die Grenze in den Iran brachte. Ihm war klar, dass es überaus gefährlich war, dieses Land unbehelligt zu durchqueren. Wenn die Polizei Flüchtlinge aufgreift, werden sie geschlagen und zurückgeschickt.
Die Polizeikontrollen mussten geschickt umgangen werden. Die Angst aller war groß, die Schlepper handelten rücksichtslos. Für sie ist es ein Geschäft, und noch dazu ein lukratives, die Flüchtlinge außer Landes zu schaffen. Gleichwohl laufen auch sie ständig Gefahr, geschnappt und womöglich inhaftiert zu werden. Auf Mitleid und Hilfe durfte man nicht hoffen. Dessen war sich Keramat gewiss. Es kann auch verhängnisvoll sein, Vertrauen zu schenken.
Jeder will es schaffen und jeder muss auf sich selber aufpassen. So spürte Keramat während dieser zwei Wochen, die er in der Obhut Fremder, denen er ausgeliefert und auf deren Hilfe er dennoch angewiesen war, wie alleingelassen er mit seinem jungen Leben war.

Er erzählte mir, dass er im Kofferraum eines Autos stundenlang von Checkpoint zu Checkpoint transportiert worden war, immer in Angst, doch kontrolliert, herausgezerrt, geschlagen und zurückgeschickt zu werden. Er erlebte die eigene Ohnmacht und wurde teilnahmslos. Kein Laut durfte nach außen dringen, und seine Gliedmaßen schmerzten in der bewegungslosen Enge. Ihm war in diesem Moment völlig gleichgültig, was mit ihm geschehen würde. Er fühlte sich dem Tod sehr nahe.

Schließlich nahm diese höllische Fahrt doch ein Ende, und er wurde mit seinen Leidensgenossen aus dem Kofferraum befreit. Es dauerte, bis er wieder so weit zu sich kam, dass er sich bewegen konnte und die Kraft aufbrachte, sich auf den weiteren Fluchtweg einzulassen. Da stellte er fest, dass aus seiner Tasche das Buch über seine Heimat und der Spiegel verschwunden waren. Man darf eben niemandem vertrauen. So war ihm wieder ein Stück Zuhause genommen worden. Ihm wurde klar, dass er sich an nichts klammern durfte. Er wird mit wenig zurechtkommen müssen. Die Erinnerungen bleiben, aber es muss viel Platz für all das Neue sein, das auf ihn zukommt. Wehmut und der Blick zurück können tödlich sein. Und Keramat spürte, dass er leben will und zwar in Frieden und Freiheit. So rüstete er sich für die nächsten Etappen seiner Flucht.

Die Türkei erreichte er in der Nacht. In den Bergen war es trotz des Sommers eiskalt. Er erfuhr, dass drei Leute aus seiner Gruppe inzwischen aufgegriffen und zurückgeschickt worden waren. Außerdem hörte er die Schüsse der Grenzposten. Sie mussten sich trennen, um möglichst unauffällig das unwegsame Gelände passieren zu können. Er hielt sich an den Größten, der vorgab, den Weg zu kennen, und hatte Glück. Jetzt sei das Schlimmste geschafft, dachten alle und schöpften neuen Mut. Irgendwo wartete ein Bus, der sie nach Istanbul brachte. Die großen Häuser und Schiffe ließen ihn staunen. Niemals zuvor hatte er Derartiges gesehen. Doch es war keine Zeit, um zu verweilen. Schließlich war das Ziel noch gut tausend Kilometer entfernt, die möglichst rasch zurückgelegt werden mussten.

Ein Auto brachte seine Gruppe an die bulgarische Grenze. Von dort aus ging es zu Fuß durch einen großen Wald weiter. Man konnte sich darin leicht verirren.
Sie gingen während der Nacht und kauerten untertags an Bäume gelehnt. Nach vierundzwanzig Stunden trafen sie todmüde auf einen LKW, der sie nach Serbien brachte. Die Aufregung unter den Flüchtlingen wurde ständig großer.
Jeder behauptete etwas anderes, und keiner wusste wirklich Bescheid. Sie hatten längst die Orientierung und den letzten Rest von Sicherheit verloren. Sie mussten sich selber Mut machen und darauf hoffen, dass nun diese beschwerliche Reise bald ein Ende nehmen möge, bevor sie noch alle die Kraftreserven verließen.

Zum Glück hatte einer ein Handy mit GPS, das sie mit verlässlicher Richtungsangabe zu Fuß durch drei oder vier Dörfer geleitete. Sie hatte Angst davor, nach Rumänien zu gelangen. Gerüchte von den feindseligen Polizisten dort machten die Runde. Schließlich blieb es Keramat und seinen Fluchtkollegen erspart, Erfahrungen mit diesem Land zu machen. Mit dem Bus gelangten sie nach Belgrad, mit dem Zug weiter Richtung Ungarn.
Zwischendurch gingen sie zu Fuß entlang der Gleise, bis sie wieder ein Kleinbus ein Stück mitnahm. Sie näherten sich Österreich. Es konnte nicht mehr weit sein. Gefährlich war es noch, die stark befahrene Autobahn zu überqueren.
Immer durfte nur einer gehen. Aber auch das schaffte jeder in Keramats Gruppe.

Am 15. Juli 2015 kam Keramat in Passau an. Dieses Datum hat sich ihm eingebrannt. Ähnlich seinem Geburtstag wird er diesen Tag sein Leben lang besonders feiern.

Wenn er sich heute daran erinnert, sagt er, dass er damals erleichtert dachte, dass nun alles okay sei. Als er aber die Autos in Passau sah und auf den Nummernschildern ein D las, war er sehr verwirrt. Hatte er doch immer nach Germany gewollt. Was hatte nun dieses D zu bedeuten. So lernte er erst an diesem Tag das Wort Deutschland kennen.

Ich lernte Keramat im September 2015 kennen. Mit zwei Freunden und seinen Betreuern kam er in die 10. Klasse des Burkhart Gymnasiums und erzählte bereits mit einigen deutschen Wörtern von seinen Eindrücken und Plänen. Der Kontakt ist geblieben, und inzwischen ist er einigermaßen heimisch geworden.
Er lernt fleißig Deutsch und will Elektriker werden. Ich freue mich, mich inzwischen mit ihm schon gut unterhalten zu können. Manchmal erzählt er mir auch von Afghanistan. Das werde ich dann auch für ihn aufschreiben. – Seine Mutter kann auf ihren Sohn stolz sein.

 Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17124

 

Andrej Krementschouk

Freistadt im Mühlkreis / Österreich  Festival - Der Neue Heimatfilm – 28. August 2016

Andrej Krementschouk
Jahrgang 1973
Geburtsort Gorky, Russland
(Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, im Atlas nachzusehen, wo Gorky genau liegt.)

Den russischen Fotografen Andrej Krementschouk kennengelernt. Er steht fest auf dem Boden, in Sandalen und knielanger Hose, aufrecht, kräftig. Da, wo ich herkomme, nennt man so einen ein g‘standnes Mannsbild. Ich habe gelesen, er hat in seiner Jugend geboxt. Sein Blick ist gerade, unverstellt, zugewandt. Er schaut direkt in den Raum, auf die Menschen, in die Gesichter, und er sieht. Fassaden durchschaut er, sein Blick geht tiefer, und er ist auf dem Weg zu erkennen, aber beiläufig, intuitiv, ohne Absicht, und das ist entscheidend.

Aufrichtig schaut er, ohne zu werten. Er hat schon viel gesehen, vielleicht schon alles, wer kann es wissen, und er hat gelernt, die Menschen, das Leben, die Welt, die Sehnsüchte wie die Süchte, die Katastrophen, die Waffen, die Maschinen, die Katzen, die Hunde, die Ratten und den Goldfisch so zu nehmen, wie sie eben sind. Dinge passieren, weil sie passieren. Wichtig ist das Beobachten, und Krementschouk kann beobachten. Ihm gelingt es sogar, den entscheidenden Augenblick mit der Kamera festzuhalten und auf Zelluloid zu bannen. Sagt man das heute überhaupt noch so? Krementschouks Fotos zeigen einen Ausschnitt aus dem Leben, aus dem wahren, dem unverstellten, dem bloßen, das bar aller westlicher Illusion ist, in der wir uns ach wie bequem eingerichtet haben: mit unserer Arbeit, unseren Berufen, unserem Wohlstand, unseren schönen Wohnungen und Autos, unserem Fortschritt, unserer Wirtschaft und Industrie, die alle Lebensbereiche steuert - die Nahrungsproduktion und das Sterben - , alles muss sich rentieren.

In Krementschouks Fotografien sehe ich das Leben, einfach so, ungeschönt und unmittelbar, nackt. Und da fängt es an, mich wieder zu interessieren. Es sind Bilder, in die man eintauchen kann, die mich in den Bann ziehen, wo es so viele Details zu entdecken gibt, die Erinnerungen wecken, Assoziationen schaffen, schmunzeln und sogar lachen lassen, Hoffnungen wecken, aber auch vor der Unausweichlichkeit des Abgrunds nicht Halt machen. Die Neugier des Fotografen ist überall zu erkennen. Es ist seine eigene Neugier, die ihn aufbrechen lässt, an Orte zu gehen, die anders sind. Seine Heimat Russland, die ich nicht kenne, in der Menschen leben, die ohne Fürsorge und Vorsorge ihr Auskommen suchen und mitunter nicht finden. In ihren Gesichtern ist so viel zu lesen. Sie machen neugierig auf das Leben, das augenfällig schwer ist, aber dennoch so verlockend und unbedingt wert, daran festzuhalten.

Der Fotograf schaut, bevor er durch die Ausstellung führt, beiläufig in die Runde. Ich habe das Gefühl, dass er die aufgesetzten Gesichter durchschaut, derer es viele gibt, er blickt auf das, was jeder gern verbergen möchte, und das ist es, was den Menschen ausmacht.

Die Fotografien zeigen weder Kulissen noch Inszenierungen, in denen Menschen posieren. Es sind scheinbar beliebige Momentaufnahmen, in denen so viel Menschliches zu sehen ist. Ich glaube sogar, dass darin alles enthalten ist, was es gibt. Ich wüsste nicht zu sagen, was fehlt. Es ist das, was man in der Religion seit alters als Seele bezeichnet, und ich kenne kein anderes Wort, das es besser trifft, was ich meine. Krementschouks Bilder sind beseelt. Jeder Winkel, jedes Detail, jede Flasche und jeder Stofffetzen erzählt eine Geschichte. Genauso verhält es sich mit der Haltung des Körpers, der Neigung des Kopfs, der Kleidung, ganz zu schweigen von den Gesichtern, dem Mund, den Augen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes beredt. Der Fotograf zaubert die Seele hervor, die immer und in allem da ist, aber eben erkannt sein will. Im richtigen Augenblick, ich habe mal gelernt, dass man den Kairos nennt, aber wen interessiert so ein Begriff?, im rechten Augenblick drückt der Fotograf ab, löst er aus, erwischt die Seele, wie sie gerade unbeobachtet spazieren geht und macht etwas sichtbar, das mich ungemein anspricht.

Krementschouk wählt seine Motive nicht geschäftstüchtig, wenigstens möchte ich das gerne glauben. Er überrascht mit einem Schnappschuss, und das Objekt weiß gar nicht, dass es vom Objektiv ausgewählt und festgehalten ist. Welches Glück! Etwas kann nur gelingen, wenn keine Absicht dahinter steckt, wenn es umsonst geschieht, einfach so.

Da ist das Bild mit dem nackten Mädchen. Der Unterleib steht im beengten Raum eines kleinen Zimmers. Vor dem Oberkörper hält es das bekannte Bild mit den drei reitenden Tataren, sicher eine billige Reproduktion. Der Kopf des Mädchens ist abgeschnitten, so nennt man es doch in der Sprache der Fotografen, wenn etwas nicht im Bild ist. Der Kopf des Mädchens ist abgeschnitten. Links daneben sitzt die weiße Katze auf einem Podest neben dem Fenster, vornehm, adelig, weise, schicksalverheißend, schön und lieb, kuschelig, mit aufmerksamem Blick in die Linse. Das Futterschälchen steht vor den nackten Beinen des Mädchens. Auf der rechten Seite Bügelbrett und Bügeleisen. Alles muss seine Ordnung haben. - Vor dem Fenster ein Vorhang wie beim Theater, golden, zur Seite gezogen. Aber die Szene spielt sich hinter der Bühne ab, mit Blick ins Zimmer. Das Draußen, die Straße, die Welt ist ausgesperrt.

Und dennoch ist in diesem Ausschnitt alles, die ganze Welt: die bloße Scham des Mädchens und die wohlfeile Wohnung, bereit für den Mann, der nicht eintritt. Schwer, anstrengend, mühsam ist es, sich hartnäckig bereitzuhalten für den Mann, der nicht kommt, der nicht zu finden ist an diesem Ort, in dieser Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Der Fotograf erwähnt erklärend, dass die Stadt am Meer liegt, aber an keinem Meer, wo man Urlaub macht, sich beim Schwimmen erfrischt und dem Rauschen lauscht. Es ist ein Meer mit einer U-Bootwerft, in der die Männer hart arbeiten und ihre Kräfte verbrauchen. Sie vergeuden ihre Kräfte für billiges Geld. Sie unterdrücken ihre Sehnsucht für hart verdienten und geringen Lohn. Was bleibt ihnen anderes übrig, als madigen Wodka zu trinken und darin Stück für Stück das Leben zu ersäufen. Wo ist der Mann zu finden, auf den das Mädchen mit der Katze Jahr um Jahr sehnsüchtig wartet?

Andere Fotografien erzählen andere Geschichten. Auf ihnen sind Gesichter eingefangen, Gesichter, die noch nicht zur Ikone geworden sind. Gesichter, in denen noch die Sehnsucht funkelt. Die bereit sind, das Glück mit beiden Händen zu ergreifen und für immer festzuhalten, wenn es sich denn einmal dazu herabließe, sich blicken zu lassen. Menschen, die aufbrechen wollen, und da es keinen rechten Grund und kein wahres Ziel für diesen Aufbruch gibt, nützen sie die Gelegenheit zu einer Wallfahrt, die tagelang durch die ländliche Natur und durch Dörfer führt. Dem Popen ist es nicht wert mitzupilgern, das Ziel vermag ihn nicht mehr zu locken. Wer kann es ihm verübeln?

Militärparaden geben vor, Boten einer besseren Zukunft zu sein. Es ist aufregend, ihnen beizuwohnen. Krementschouk fotografiert die Zuschauer, die auf Absperrungen klettern, auf martialische Denkmäler, um einen guten Blick zu haben. Eine Frau im Vordergrund trägt einen grünen Sommermantel mit Rüschen am Kragen, tadellos gebügelt. Daneben ein Mädchen mit dem gleichen Modell bekleidet. Die Gesichter der Zaungäste sind freudig, erfrischt, zuversichtlich, vielleicht euphorisch, wenn sie es nicht bereits besser wüssten.

Menschen sind in Bewegung, eilen und hetzen durch die Stadt, jetzt ist es Moskau, sie haben es wichtig, müssen etwas erledigen, ganz dringend. Vielleicht ist es auch eine Sonderzuteilung begehrenswerter Güter, die es unbedingt zu ergattern gilt, um es leichter, bequemer, genussvoller zu haben. Sie eilen sich, sie hetzen. Und mir wird immer klarer, dass alle danach trachten, das Leben zu spüren, so viel wie irgend möglich. Sie wollen das Leben zu Gesicht bekommen, es einatmen, es trinken, essen, schmecken, hören, spüren, irgendwie und möglichst viel davon. Und wenn das Leben nicht zu dir kommt, musst du dich selbst auf den Weg machen, und wenn zufällig einer wie Krementschouk beim Umherschweifen seiner weichen Adleraugen auf dich aufmerksam wird, ist das ein Glück. Er kann den Augenblick einfangen, in dem du dem Leben auf der Spur bist, rastlos, nimmermüde.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 16160