Eine Freitagsgeschichte

Der Freitag ist der Tag des Fisches und ich möchte darüber erzählen. Nun lebe ich weder an der Ostseeküste noch habe ich die sieben Weltmeere durchstreift. Nicht einmal ein Fluss steht mir besonders nahe, in dem Fische zu Hause sind. Meine Begegnung mit Fischen ist ganz anderer Art. Ich stamme aus einem Kramerladen und meine Mutter war die Kramerin. Die einen nannten sie Kuni, andere wieder Kunerl. Die kannten sie schon aus ihrer Kindheit. Ich fand das immer seltsam, wenn man sie so verniedlichend ansprach, denn das passte überhaupt nicht zu ihrem Wesen. Trotz ihrer Einfachheit besaß sie bis ins hohe Alter eine innerer Größe, vielleicht sogar etwas Aristokratisches, freilich im guten Sinne. Aber das ist eine eigene Geschichte.

Die Kuni war also die Kramerin und stets bemüht, ihren Kunden besondere Waren in das dörfliche Einerlei zu bringen. So bot sie feinste Angorawolle an und Büstenhalter in allen Größen, aber auch Zigarren, deren Marke mir entfallen ist. Sie müssen aber etwas Besonderes gewesen sein, weil sie nur der Friseur gekauft hat, der immerhin während seiner Jugend in Berlin Haare geschnitten und dort einiges an feiner Welt miterlebt hat, was aber im Dorf keinerlei Wertschätzung erfuhr.
Auch die Zigarettenmarken „Salem ohne“, im grünen Päckchen, und „Mokri“, im gelben, zählten zum exquisiten Warenangebot. Erstere rauchte mein Vater, und zwar zwei Schachteln täglich, was mich zum Nicht-Raucher machte. Mokri rauchte sein Jugendfreund, ein Kriegsheimkehrer aus russischer Gefangenschaft. Leider oder Gottlob kennt man diese Zigaretten heute nicht mehr. Sie bilden aber einen erheblichen Teil meiner Kindheitserinnerungen.

Neben derartigen Luxusgütern gab es im Laden natürlich auch Dinge des täglichen Gebrauchs, wie Rasierklingen und Palmoliv-Rasierseife sowie Lebensmittel aller Art. Während der Wintermonate waren die Bratheringe der Firma Anker sehr beliebt. Die rote runde Dose mit der mutig geschwungenen Aufschrift in gelb stand direkt an der Budl, wie wir den Verkaufstisch nannten. Alle im Dorf liebten den Anker-Brathering. Besonders die Leute von den Einöden gönnten sich am Wochenende einen, meistens nach der Freitagsbeichte, die sie übrigens noch im Laden mit meiner Mutter nachbesprachen, was ich hinter den Regalen verborgen und mit Babykleidung spielend mit Interesse verfolgt habe. Diese Gespräche haben wesentlich zu meiner Lebensfähigkeit beigetragen. Allerdings muss ich hinzufügen, dass sich mir vieles aus diesen Beichtgesprächen erst später und oft viel später erschloss. Aber nun zurück zu den Bratheringen, die am Freitag nach Beichte und Buße gekauft wurden.
Die frisch geöffnete Dose ließ ihren Duft entströmen, der den Kunden verführerisch in die Nase stieg. Der Essiggeruch löste sofort die herrlichsten Gelüste aus. Verstärkt wurde die Begierde noch durch das ansprechende Bild, das sich dem Betrachter beim Blick in die Dose bot. Die braune ölige Flüssigkeit wurde von oben schwimmenden Lorbeerblättern und Wacholderbeeren bekrönt, sodass die Heringe ihren letzten Weg in betörender Lake antreten konnten. Kaum einer widerstand dem aufsteigenden Duft und dem Anblick der schwimmenden Fische, sodass die Dose mit den fünfzig Stück bald leer war. Was meine Mutter mit Stolz erfüllte, und sie entweder die nächste öffnen ließ oder eben nicht, und dann die Leute darben mussten. Manch Verfressener sollte nicht jeden Freitag einen Brathering haben und ruhig mal eine Woche auslassen, das schade gar nicht. Und meine Mutter nahm sich jederzeit die Freiheit zu sagen, dass die Bratheringe ausverkauft seien oder die letzten am Dosengrund bereits bestellt. Die von den Einöden und Dörfern sollten auch noch einen Fisch bekommen. Da war die Kuni absolut konsequent. Verärgert zogen die Zurückgewiesenen ab. Sie hatten ja auch keine andere Möglichkeit, sie mussten in der nächsten Woche wiederkommen, weil es sonst nirgends Anker-Heringe gab. Die Konkurrenz bot nur „Unser Fisch“ an, der wesentlich billiger war, aber geschmacklich überhaupt nicht an „Anker“ herankam.

Lieferant war ein gewisser Herr Sabrowsky, ein Heimatvertriebener mit schlesischem Akzent und Glatze, der bereits in seiner Heimat mit Fischen gehandelt hatte und als Kenner galt. Ich weiß nicht, ob dieses Schlesien am Meer gelegen ist. Auf jeden Fall belieferte Herr Sabrowsky, ein feiner Herr mit guten Manieren, der offensichtlich bessere Zeiten gekannt hatte, meine Mutter mit Vorzug. Er brachte gewissermaßen die große untergegangene Welt dieses Schlesien mit seinen Fischen zu uns in den Laden und ins Dorf. Alles an Herrn Sabrowsky war fremd, nicht nur sein Name und seine Sprache. Er war so vornehm und freundlich und immer in Eile und behandelte meine Mutter stets wie eine Dame. Das alles befremdete mich und ich hoffte immer, dass er mich nicht ansprechen möge, was er auch meistens nicht tat. Dieser fremde Mann also brachte die exotischen Bratheringe der Güteklasse A. Er fühlte sich aber auch selbst so fremd und verließ deshalb möglichst schnell wieder unseren Laden. Heute glaube ich, dass er ein sehr trauriger Mensch war und hinter dem Fischhandel seinen Kummer versteckt hat. Trotz der gut gehenden Geschäfte ist er nie heimisch geworden. Der Bayerische Wald war einfach nicht Schlesien.
Herr Sabrowsky verfügte auf jeden Fall über einen exquisiten Qualitätsgeschmack, außerdem kannte er die besten Grossisten und lieferte zuverlässig. Ein Geschäftsmann mit Ehre. Am wichtigsten für die Kuni war aber, dass er allein sie im Dorf und der näheren Umgebung belieferte. So war sie außer Konkurrenz. Das war ihr auch immer ein kleines Geschenk in Form von Zigaretten oder einem original Arnschwanger Brotlaib aus der Backstube meines Onkels wert.

Die Kunden, die einen Brathering kauften, hatten meist ein Geschirr dabei, in das der Fisch mithilfe eines gelben oder orangen Plastiklöffels umgebettet wurde. Ganz vorsichtig natürlich, er musste ja ganz bleiben. Wenn das Gefäß zu schmal war, blieb dem Brathering nichts anderes übrig, als auf dem Kopf stehend in Schräglage auf den Esstisch der Kunden transportiert zu werden.
Manche wollten viel Soße, andere wieder wenig, und manche nahmen gleich drei Fische. Es gab auch Kunden, meist waren es Männer, die sich eigentlich nur Zigaretten kaufen wollten, dann aber durch den Essigduft verführt, nicht mehr widerstehen konnten und einfach sagten: „Kuni, gib mir einen Hering.“ Mangels Geschirr musste der Hering manchmal völlig unwürdig, wie ich fand, in eine Plastiktüte verfrachtet werden. Damit er sich nicht gar so verraten und verloren fühlte, erhielt er auch noch etwas Soße und schaukelte an der Hand seines künftigen Verzehrers heim, wo er hoffentlich noch in einen Teller umgebettet wurde, ehe er verspeist und verdaut wurde.
Weil das Geschäft so prächtig lief, bedankte sich die Kuni alljährlich mit einem Weihnachtsgeschenk bei ihren Kunden, einem Plastikbecher in verschiedenen Farben. Orange, Gelb und Grün waren damals modern. Diese Becher brachten die Leuten zum Bratheringkauf mit und sie erinnerten noch lange in den Haushalten an den Kramerladen, auch als es ihn nicht mehr gab.
Meine Familie liebte natürlich auch Bratheringe, aber es gab nicht immer welche zum Essen. Die Kunden gingen vor. Hin und wieder blieb aber einer übrig. Ich habe auf jeden Fall so viele gegessen, dass mir der Geschmack auf ewig eingeprägt bleibt.

Herr Sabrowsky vertrieb auch andere Fischkonserven, wie etwa den wesentlich billigeren Sulzfisch, der einen, zu Quadraten geschnitten, mit seinem Karottenauge anstarrte. Manchmal gab es auch geräucherte Fische, die sehr teuer waren und rasch verkauft werden mussten. Meine Mutter plagte immer die Angst, auf den Räucherfischen sitzenzubleiben und viel gutes Geld zu verlieren. Ich glaube aber, dass ihre Sorge unbegründet gewesen ist. Diese Fische gab's nur selten, vor den Weihnachtsfeiertagen und später auch am Karfreitag, wenn es kalt genug war. Sie blieben etwas Besonderes und der Herr Sabrowsky pries sie zudem als etwas Seltenes an. So sollte es auch sein.
So feine Sachen isst man eben nicht alle Tage!

Mich haben an den Räucherfischen immer die Gräten gestört. Das Essen war unheimlich anstrengend, und es gab ja auch die vielen Geschichten von fastenden Mönchen, die beim Verzehr eines Fisches an einer Gräte erstickt oder in letzter Sekunde durch Gottes Hilfe gerettet w orden waren. Für mich war der Räucherfisch nichts. Es fehlte auch die Soße, die einfach zum Fisch dazugehört.
So hat sich mir der Brathering in der roten 50-Stück-Dose als Freitagsessen eingeprägt. Die leeren Dosen waren übrigens unheimlich begehrt, weil sie sich als Futternapf für die Gänsezucht hervorragend eigneten. Meine Mutter führte Listen, wer die nächste leere Dose für die Gänse bekommen sollte, welche für Sankt Martin und Weihnachten großgezogen wurden. Die haben mir aber nie geschmeckt.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 15001

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *