Kategorie-Archiv: Renate Müller

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Mülltrennung

Ralf steht auf dem Steg am See. Er sieht den Hund von dem Mann, der die Yacht des Clubs pflegt. Der Hund geht auf und ab, macht hier und dort hin, riecht an dem Busch, dem Baum, er hat kein Ziel, ist nie im Stress. So wünscht sich auch Ralf zu sein.
Ralf träumt vom Meer und von dem Boot, das er baut. So lang schon baut er an dem Boot, nur der Mast fehlt noch, dann geht die Fahrt los. Das Boot ist sein Traum, seit er ein Kind war. Nur er weiß von dem Traum, kein Mensch sonst. Kein Mensch weiß von dem Boot, auch Liz nicht, grad Liz nicht. Liz, die Frau, die er liebt, Liz, sie soll nicht mit auf das Boot, weil er ganz für sich sein will auf dem Schiff, das er sich so wünscht und für das er so viel gibt. Doch er weiß nicht, wie er ihr das klar macht. Drum denkt er nach, stets von vorn, doch das führt zu nichts. Wie so oft schon dreht er sich nur im Kreis und weiß den Weg nicht raus.

Er kehrt um und läuft nach Haus. Dort setzt er sich an den Tisch und tut gar nichts, blickt nur vor sich hin. Bald wird sie da sein. Ralf fühlt sich nicht wohl, er will ihr nicht weh tun, doch er weiß, so sehr, wie sie ihn liebt, wird ihr Schmerz groß sein. Doch er ist nicht froh, so wie er mit ihr hier lebt. Er will weg, er fühlt, er ist nicht der Mann, der im Paar sein kann, er will für sich sein. Ralf schwamm stets nur mit dem Strom, war nie ein Mann, der für sich selbst sorgt, meist legt Liz Weg und Ziel fest. Doch jetzt muss Schluss sein, er will nicht mehr faul und sie soll nicht mehr der Boss sein. Er will nicht mehr tun, was sie will, er will der Mann sein, der denkt und lenkt.
Er schluckt und denkt: Sie joggt noch, ich wart nur, bis sie kommt, dann fällt mir schon was ein.

Dann kommt Liz, schwitzt vom Lauf durch den Wald. Sie schnauft, schaut sich um und fragt:  „Was tust du?“ Sagt er: „Na, nix.“ Sie merkt, es stimmt was nicht mit ihm, doch sie lacht und meint: „Das ist nicht viel!“
Ralf gibt ihr Recht und fragt: „Was denkst du, was soll ich denn tun?“ Liz grinst und schlägt vor: „Wie wär’s mit dem Müll?“
Er starrt sie an und mault: „Nein. Ich geh nicht raus und bring den Müll weg, mach es doch selbst.“
Da wird Liz bös und dreht sich zu ihm um. „Nie machst du was, nie hilfst du mit, meist mach ich es selbst. Mal kannst doch du was tun, meinst du nicht auch?“, sagt sie und schaut ihn an mit dem Blick, den er so hasst. Der Blick, den sie hat, wenn sie was von ihm will, das er nicht will. Mal ist es der Müll, kann auch sein, dass sie Schmuck will oder Sex, so oft will sie was von ihm, was er nicht kann oder nicht will. Wenn sie es nicht kriegt, dann weint sie und geht ins Bett, ist still und stumm und bockt. Er hasst das, doch er weiß auch, dass sie ihn liebt, nur nervt sie ihn halt oft.
Da fällt es ihm auf, das kann der Trick sein, jetzt find ich den Weg fort von ihr.

Ralf rennt raus in den Flur, nimmt den Sack mit dem Müll und wirft ihn durch den Raum. Dort, wo Liz steht, platzt der Sack auf. Sie ruft: „Was soll das jetzt, bist du irr?“
„Nimm den Müll, da hast du ihn. Nie mehr bring ich den Müll raus für dich!“ Ralf brüllt jetzt, brüllt sie an voll Zorn, doch nicht auf sie hat er Wut, auf sich hat er Wut, weil er so lang nichts tat, so lang blieb, wo er doch längst schon so gern so weit weg wär.
„Mach es selbst, ich mach es nicht, nie mehr. Ich hab es satt, stets willst du was, ich mag nicht mehr. Von nun an trägst du den Müll selbst raus. Ich geh jetzt und lass dich hier. Ich geh fort von dir. Dann muss ich nichts mehr tun für dich und du hast Ruh’ vor mir und dass ich nie was tu für dich und für uns. Ich lass dich in Ruh’ und du lässt mich in Ruh’, das ist doch gut für uns, für dich und mich. Ich pack gleich ein, viel hab ich nicht, das meins ist, da reicht ein Sack für mein Hab und Gut.“

Er dreht sich um und geht raus durch den Flur in das Bad und schließt die Tür. Sie starrt ihm nach und glaubt nicht, was er sagt. Das kann doch nicht sein, so geht das nicht, das tut man doch nicht, so kalt und knapp geht er doch nicht weg von ihr. Sie klappt den Mund auf und zu, doch fällt ihr nichts ein. Sie weiß, sie sagt nichts, sie sagt nie was, stets hält sie den Mund, klagt nie und macht viel nur mit sich selbst aus. Oft tut sie, was er will, folgt ihm, statt zu tun, was sie selbst will.  Doch hier geht das nicht, sie weiß, sie muss was tun, so dass er bei ihr bleibt, weil sie ihn doch so liebt und er sie doch auch, das weiß sie ganz fest. Nur, sie steht ganz starr, hat Angst, dass er geht, dass er meint, was er sagt. Kein Glied rührt sie vor Schreck, kriegt nur ganz schwer Luft. Dann hebt sie den Arm, greift nach der Tür, hält sie fest, hält sich dran fest, so dass sie nicht fällt vor Schmerz, den sie hat im Bauch, im Kopf und im Herz.

Er kommt aus dem Bad mit dem Sack, in dem er das hat, was sein ist. Er sieht sie an, sagt nichts. Sie will ein Wort nur von ihm, doch sein Blick ist so hart, dass sie sich nicht traut, sie fragt nicht, sie sagt nichts, ruft ihm nicht zu, wie sehr sie ihn liebt, dass sie nur ihn will, stets nur ihn. Und jetzt will er weg von ihr, wie hart und streng er sein kann. Das kennt sie von ihm, das ist nicht neu für sie, so war er oft im Streit. Schon so oft, er ist kalt und schroff, sie bleibt stumm und weint. So auch jetzt.
Sie tritt an die Wand, hält sich an der Tür fest, blickt ihn an und nickt: „Dann geh, ich halt dich nicht, wenn du weg willst von mir. Du weißt, wie lieb ich dich hab. Mein Herz schlägt wie deins, wir sind eins, du und ich.“
Er sieht sie nicht an, als sie spricht. Er weiß, dass er ihr weh tut und er ist ganz platt, wie sehr es auch ihn schmerzt.
Liz sagt: „Wenn du frei sein willst, kann ich nichts tun. Ich lass dich los, ich wünsch dir viel Glück, was du auch tun willst. Ich bleib hier und ich bin stets hier. Wenn du mich willst, dann such mich hier.“
Sie dreht sich um, geht jetzt auch ins Bad, schließt die Tür. Sie hört nicht, wie er geht.

Er geht aus dem Haus, durch den Hof zum Tor, dann den Weg, der zur Stadt führt. Er blickt sich nicht um, sieht nur nach vorn. Doch im Herz, da sieht er nur sie, Liz, wie sie an der Tür steht. Er merkt nicht, dass er weint.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 20091

Zwischen zwei Gefühlen

In den vergangenen Stunden hatte Charlotte den Heizungskeller porentief gereinigt, ihren Hund gebürstet, alle Möbel im Wohnzimmer umgestellt, den Hund gebürstet, ihren Kleiderschrank aus- und wieder eingeräumt, ihren Hund gebürstet, ihre Bücher alphabetisch geordnet, den Hund gebürstet – und 17-mal angefangen, einen Brief an ihren Mann zu schreiben.
Jetzt versteckte sich Dackel Hermann hinter dem Sofa und Charlotte saß verschwitzt und staubig an ihrem Schreibtisch und wusste nicht weiter. Sie las, was sie bisher geschrieben hatte.
„Es gibt einen anderen Mann, den ich traf vor einigen Monaten. Du kennst ihn nicht. Aber ich fühle, ich muss zu ihm. Es tut dir weh und es tut auch mir weh. Ich liebe ihn, obwohl ich dir gehöre.“ Hier hielt sie inne und starrte vor sich.
Wie sollte sie Sebastian klarmachen, was in ihr vorging? Wie sollte er sie verstehen, wo sie sich doch selbst nicht verstand?

Sie las weiter, was sie geschrieben hatte: „Er gibt mir etwas, von dem ich nicht wusste, dass ich es suche. Ich habe bei dir in all den Jahren nie etwas vermisst und doch spüre ich, dass etwas fehlte. Du bist das Wichtigste in meinem Leben und alles, was zwischen uns gewesen ist, bleibt wahr und richtig. Er weiß, dass ich nicht frei bin und dass ich es nicht sein möchte. Und doch zieht es mich zu ihm.“
Das klang so schwülstig, so kitschig. Wie sollte sie die richtigen Worte finden, ihre Gefühle beschreiben, ohne ihm furchtbar weh zu tun?
Charlotte stand wieder auf, ging zum Fenster und starrte blicklos hinaus. Sie kaute an der Nagelhaut ihres Zeigefingers, zog und zupfte mit den Zähnen, bis es blutete.
Durch das Fenster drang das Tirilieren eines Vogels, es klang wie: „Entscheide dich, entscheide dich …“

Lukas würde sie mit einem roten Teppich empfangen, er wartete auf sie. Sie fühlte die Wärme seiner Hände auf ihrer Haut, das Kitzeln seiner Finger, die über ihre Wirbelsäule strichen. Sie roch den Duft nach Tieren und Desinfektionsmitteln, der sie umwehte, wenn er ihr seine Jacke umhängte, sobald er glaubte, ihr wäre kalt. Seine Stimme war wie ein Kaschmirpullover und seine Umarmung schien ihr wie ein magischer Mantel, der alles Böse von ihr abwendete.
Charlotte spürte einen Kloß im Hals und schluckte. Sebastian verlassen? Sie liebte ihn doch, sich ein Leben ohne Sebastian vorzustellen, gelang ihr nicht. Es war ihr unendlich schwergefallen, ihn in den letzten Wochen anzulügen. Nicht nur deshalb hatte sie sich vorgenommen, eine Entscheidung zu treffen, jetzt, solange er auf Klassenfahrt war. Sie hatte geplant, ihm danach den Brief zu geben, aber heute Abend würde Sebastian nach Hause kommen und der Brief war nicht fertig und sie zu keinem Entschluss gekommen.

Charlotte ging zum Schreibtisch und blickte auf den angefangenen Brief. Was sie hier aufgeschrieben hatte, würde Sebastians Welt zerstören.
Sebastian, der nie etwas forderte, sie nie bedrängte. Er war da, wenn sie Halt brauchte und ließ ihr Luft, wenn sie nach Freiraum verlangte. Sebastian, der ihr, sollte sie je einen Mord begehen, unaufgefordert ein Alibi geben würde, überzeugt, dass sie stichhaltige Gründe für ihre Tat gehabt hätte.
Charlotte blinzelte. Lukas dagegen, dachte sie, würde bedingungslos den Mord für sie begehen.
Charlotte schluckte und drehte das Blatt in den Händen. Sie liebte beide Männer und doch musste sie sich für einen entscheiden.

„Verdammt“, Dackel Hermann zuckte vor Schreck und stieß sich die Schnauze an der Sofaecke. „Verdammt“, noch einmal fluchte Charlotte und mit einer heftigen Bewegung wischte sie alles vom Schreibtisch. „Komm, Hermann“, rief sie, schnappte sich Handy und Schlüsselbund und verließ das Haus durch die Tür zur Garage. Dort setzte sie Hermann in den Korb am Lenker, schob ihr Fahrrad nach draußen, stieg auf und fuhr los.
Immer schneller, immer fester trat sie in die Pedale. Der Wind zerrte an ihren Haaren. Hermanns Ohren flatterten. Ihre Finger umklammerten den Lenker.
Sie wollte sich zwingen, das rational zu entscheiden, obwohl sie eher der der Typ für spontane Bauchentscheidungen war.

Charlotte wusste, in der Agentur war sie bei den Kollegen gefürchtet für ihre plötzlichen Ideen, mit denen sie die anderen in den Strategiesitzungen oft überrollte – vorsichtiges, taktisches Abwägen war nicht ihr Stil.
Doch jetzt fühlte sie sich eher wie eine Maus, die sich nicht entscheiden konnte, welche Käseecke sie fressen sollte, als wie der Tsunami, mit dem Sebastian sie so oft verglich.
Mittlerweile hatte sie die Mühle im Wald erreicht. Charlotte hob Hermann aus dem Fahrradkorb und ließ ihn laufen, während sie ihr Fahrrad vor dem geschlossenen Café ankettete. Sie ging zum Mühlenbach und setzte sich mit dem Rücken zum Weg auf die Felsbrocken, die quer im Wasser lagen.
Auf der anderen Seite des Baches hatte sich ein Luftballon mit der Schnur im Gestrüpp verfangen und torkelte im Wind.

Tja, wäre sie eine Französin, dann wäre das natürlich etwas anderes. Dann würde sie ihre Louis-Vuitton-Handtasche schlenkernd auf hohen Prada-Absätzen über die Champs-Elysée stöckeln, auf dem Weg zu ihrem aufregenden Liebhaber, nachdem sie gerade mit ihrem Ehemann eine heiße Liebesnacht verbracht hätte. Eine Französin würde nicht zwischen den beiden Männern wählen, sie würde eine solche Ménage à trois wahrscheinlich vollauf genießen – und ihren Freundinnen gegenüber damit prahlen.
Charlotte meinte, Sebastian lachen zu hören, als sie dies dachte. Sie liebte sein Lachen, in das sie eintauchen konnte wie in einen glitzernden Sonnenstrahl, sein Lachen, das nie völlig aus seinen Augen verschwand.

Charlotte knabberte an ihrem Fingernagel und beobachtete den Ballon, der an seiner Schnur auf und ab hüpfte.
Ihre Mutter hatte Knöpfe abgezählt, wenn sie sich nicht entscheiden konnte.
Als Teenager hatte Charlotte mit ihren Freundinnen Blütenblätter abgezupft: „Er liebt mich, er liebt mich nicht …“ Ein Orakel.
Ein Orakel? Ein Orakel!
Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie laut gesprochen hatte. Hermann kam angerannt und legte sich hechelnd neben sie.
Ihr Handy pfiff. Als sie es aus der Tasche zog und sah, dass eine SMS eingegangen war, fiel es ihr ein. Sie hatte eine Verabredung vergessen, eine Verabredung mit Lukas. Das war ihr noch nie passiert. Mit keiner Windung ihres Hirns hatte sie daran gedacht, dass sie ihm versprochen hatte, ihn heute Nachmittag in der Galerie zu treffen. „Wo bist du“, schrieb er, „ich warte auf dich. Ist dir etwas passiert?“ Sie stellte sich vor, wie er durch die Ausstellung wanderte auf der Suche nach ihr, wie immer um sie besorgt, nie verärgert. Charlotte schaltete ihr Telefon stumm und steckte es zurück in die Hosentasche, ohne zu antworten.

Ein Windstoß zerrte an dem Ballon und blies ihn flach über das Wasser, ohne ihn vom Busch zu befreien.
Ein Orakel. Sollte sie eine Margeritenblüte abzupfen: ein Blütenblatt für Sebastian, ein Blatt für Lukas, das nächste für Sebastian …? Sie könnte auch eine Münze werfen, Kopf für Lukas, Zahl für Sebastian. Oder Hermann das Orakel sein lassen: Hebt er beim Pinkeln das rechte Bein, bleibt sie bei Sebastian, hebt er das linke ...
Alles nicht das Richtige, Charlotte stöhnte, Hermann blickte sie an, seufzte tröstend und … pinkelte. Dabei senkte er sein Hinterteil und alle Pfoten blieben fest auf der Erde. Charlotte prustete und zupfte Hermann am Ohr.

Da hörte sie, wie sich auf dem Weg hinter ihr Schritte näherten. Hermann legte den Kopf schief und lauschte ihr interessiert, als sie ihm zuflüsterte:
„Jetzt oder nie, Hermann. Wenn das ein Mann ist, der da kommt, bleib ich bei Sebastian, ist es eine Frau, gehe ich zu Lukas.“ Hermann sah ihr in die Augen und schien zu fragen: „Und wenn es ein Paar ist?“ Dann lerne ich Französisch, dachte sie.
Hermann lugte um sie herum. Charlotte starrte ihn an, holte tief Luft, hielt den Atem an.
Und da wusste sie es, in diesem Moment wusste sie, was sie tun würde.
Charlotte stieß den Atem aus, stand auf, nahm Hermann auf den Arm und ging, ohne sich umzusehen, den Weg zurück, den sie gekommen war.
Auf der anderen Seite des Baches löste sich der Ballon und flog über dem Wasser davon.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 20080

Boxer oder Eingriff?

Blau war seine Lieblingsfarbe. So viel war klar. Das war einfach.
Aber wie viele verschiedene Blaus gab es? Himmelblau, Nachtblau, Marineblau, Veilchenblau usw. Was würde ihm gefallen?
Robert stand auf der Straße und haderte mit sich. Boutique oder Kaufhaus? Amazon oder Otto Versand? Boxer oder Slip? Microfaser oder Feinripp? Eingriff oder Knöpfe? Seide oder Spitze? Nein, das dann doch nicht.

Erstmal eine Runde über den Marktplatz, eine Tasse Kaffee bei Tante Käthe. Und dann vielleicht Onkel Google fragen.
Strategisch angehen die Sache. So wie er es immer machte, so wie es immer zu guten Ergebnissen führte. Genau. Ein Projektplan musste her, eine Pro-und-Kontra-Liste, ein Gantt-Chart, Milestones definieren, Etat aufstellen, Stakeholder benennen.
Robert atmete auf. Das war der richtige Weg. Das wäre doch gelacht, wenn Ruth Recht behalten würde. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie die Sache für ihn erledigen könne. Sie traute ihm eben nie etwas zu. Dabei war er der geborene Problemlöser. Der Stratege. Der durchsetzungsstarke Strippenzieher.

Wie lange stand die Bedienung schon neben seinem Tisch und wartete auf seine Bestellung?
„Ein blauer Kaffee mit Spitze, bitte.”
„Sie meinen doch wohl einen schwarzen Kaffee mit Milch, oder?”
„Hab ich doch gesagt. Und bringen Sie mir bitte etwas zu schreiben, ja? Einige große Blätter und mehrere Stifte in verschiedenen Farben.”
Als seine Bestellung kam, der Kaffee und das Schreibzeug, musste Robert erstmal den Platz wechseln. Die plakatgroßen Blätter, die der Kellner besorgt hatte, passten nicht auf den winzigen Bistrotisch. Robert zog mit allen Sachen in das Nebenzimmer des Cafés und entschied: „Hier kann ich gut arbeiten.”

Doch ohne Flipchart ging das nicht. Robert schaute sich um und entdeckte den kauenden Kellner: „He, kommen Sie mal. Geben Sie mir Ihren Kaugummi.“ Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Robert juckte es in den Fingern, sich den Kaugummi selbst zu nehmen. Dann zuckte der Kellner mit den Schultern und spuckte den Kaugummi in Roberts Hand.
Der pappte damit den großen Bogen Papier an die Wand und vergaß sogar, sich zu ekeln.
Den anderen Bogen riss Robert in etliche kleine Stücke. Nun konnte er seinen Masterplan ausarbeiten.

Fünfzehn Minuten später stand Robert in unveränderter Haltung vor der weißen Wand, nur der Stift in seiner Hand war beinahe durchgenagt. Es war zum Mäusemelken, zum Das-Blaue-  vom-Himmel-Runterfluchen. Er kam keinen Schritt voran.
Aber noch würde er nicht aufgeben. Von vorne denken, nicht mittendrin anfangen. Geplant vorgehen, nicht impulsiv wie Frauen. Er war nicht emotional, er handelte stets rational.
Robert schrieb das Wort „Blau” mit blauem Stift oben auf das Blatt. Darunter mehrere Pfeile: ein roter führte zu Baumwolle, ein grüner zu Microfaser, der dritte in Violett zu Satin. Der vierte führte ins Leere, mehr Stoffarten fielen Robert nicht ein.
Nächste Stufe: Form Fragezeichen. Boxer, Slip oder großes Fragezeichen. Gab es noch andere?

Der Kellner brachte die fünfte Tasse Kaffee.
„Bitte bringen Sie mir einen Schnaps. Schnell”, flehte Robert.
Er kam nicht weiter. Und dabei war er noch gar nicht zur alles entscheidenden Frage vorgedrungen: Einzelstück oder Mehrfachpackung?
Der Schnaps kam und erschien ihm wie ein himmlisches Labsal, wie Manna, wie von Göttern gesandter Nektar. Jetzt würde es besser gehen.
Jetzt.
Jetzt klingelte sein Handy.
Ruth.
Sie rief so laut, als wollte sie ohne Satellitenhilfe kommunizieren: „Wo bleibst du denn? Die Besuchszeit in der Klinik ist fast vorüber. Hast du die Unterhosen für deinen Vater?”

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 20044

 

Kanonenfutter

Bin auf der Durchreise. Kehre beim Deichwirt ein. Bestelle das „All-you-can-eat“- Angebot: Gulaschsuppe bis zum Abwinken.

Löffele meine Suppe. Herzhaft, würzig. Sämig. Fleisch etwas zäh.

Das Lokal dämmrig, im Hintergrund dudelt ein Radio. Am Stammtisch in der Ecke ein Rentnertrio: einer dick wie Calmund, einer mit Glatze wie Kemmerich, einer Strickjackenträger. Alle drei mit Suppentellern vor sich. Der Dicke schiebt eine Scheibe Brot quer in den Mund, Glatze füllt konzentriert Suppe vom Teller in seinen Rachen. Und Strickjacke hält einen Vortrag:

„Das Fleisch hätte sorgfältiger ausgewählt werden müssen, findet ihr nicht? Ein ganzes Rind, sagt Jupp, hat er billig bekommen, vor vier Tagen. Davon gibt es jetzt die Suppe.“

„Wenn das mal nicht einen unnatürlichen Tod gestorben ist“, der Kommentar dazu von Glatze.

Der Dicke schweigt und isst.

Strickjacke weiter: „Sogar eine Gulaschkanone hat er extra dafür gemietet. Darin kann man ja gar nicht schmackhaft kochen. Viel zu groß. Kochkunst hat etwas mit Sensibilität zu tun, mit Feingefühl. Mit wohldosierten Prisen, nicht mit schaufelweisen Zutaten. Mit zarter Hand, die sanft das Filet zerteilt, statt mit grobem Zerhacken von altem, zähem Fleisch.“ Er gerät ins Träumen.

„Dafür haust du aber ordentlich rein, Kalle“, sagt Glatze, ohne von seinem Teller aufzusehen.

„Na ja, für den Preis kann man wohl nicht mehr erwarten“, Strickjacke fuchtelt mit seinem Löffel wie ein Lehrer mit dem Rohrstock. „Auch nach vier Tagen Kochen wird aus billigem Fleisch kein Drei-Sterne-Gulasch, aus Jupps Lokal kein Michelin-Restaurant. Sehr bedauernswert, das. Dem Alten, Jupps Onkel Kurt, dem wäre das gar nicht recht. Der ist sehr streng und anspruchsvoll mit seiner Küche.“

„Deswegen lässt Jupp den ja auch nicht mehr rein“, nuschelt der Dicke mit vollem Mund, „da fliegen jedes Mal die Fetzen, wenn Kurt in seine Küche eindringt“, sagt er. Aus seinem Mund fliegen Brocken.

„Trotzdem“, doziert Strickjacke weiter, „wird der Jupp das hier mal erben. Leider. Da kann Kurt nichts dagegen unternehmen, er hat sonst keine Verwandtschaft.“

„Halte mich da raus.“ Glatze beugt sich tiefer über seinen Teller. Im Radio läuft Meat Loaf.

Strickjacke setzt seine Ansprache fort: „Wie auch immer, von billigen Zutaten kann man nichts anderes erwarten, daraus wird nun mal kein Gourmet-Menu. Da hilft auch kein starkes Würzen.“

Weiß gar nicht, was er hat. Finde die Suppe durchaus genießbar. Werde mir einen Nachschlag bestellen.

„Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unser Radioprogramm für eine Vermisstenmeldung der Polizei. Gesucht wird der 84-jährige Kurt Sämig. Der Vermisste ist 1,72 m groß und von hagerer Statur. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens trug er einen grauen Anzug und schwarze Schuhe. Auffallend an Kurt Sämig sind seine langen grauen Haare. Der Vermisste wurde zuletzt vor fünf Tagen in der Nähe seines Restaurants in Tückensiel gesehen.
Zweckdienliche Hinweise zum Verbleib von Kurt Sämig nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.“

Kratze den letzten Tropfen aus meiner Suppentasse. Führe den Löffel zum Mund.

Weiß, dass ich nie wieder Gulaschsuppe bestellen werde: An meinem Löffel hängt ein langes graues Haar.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 20030