Kategorie-Archiv: Michael Bauer

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Alles blüht

Irgendwann ist mein Leben stehen geblieben: Wenn man die ersten vierzig Jahre lebte und die nächsten vierzig Jahre das Leben verstand, war das bei mir schon nach zwanzig Jahren der Fall. Und was mich am meisten beschäftigte, waren die vielen verpassten Chancen in den ersten Jahrzehnten meines Lebens. Ich wurde am Neujahrstag 1978 geboren. Mein Gedächtnis setzt aber erst eine ganze Weile später ein. Ein Kind, das am Beginn eines neuen Jahres geboren wird, ist zwar in vielen Kulturen ein Zeichen der Hoffnung oder der Auferstehung, aber ich bin nichts davon. Vielleicht war mein Leben ein ewiges Neujahr, und ich konnte weder zurück an den Anfang noch an das Ende. Wird mein Todestag auf Silvester fallen? Wer weiß? Ich jedenfalls glaube nicht an Wunder und auch nicht an Zufälle.

Nun bin ich vierzig Jahre alt und habe, wie gesagt, zwanzig Jahre des Lebens und zwanzig Jahre der Reflexion hinter mir. Was in den kommenden vierzig Jahren sein wird, weiß ich noch nicht. Vielleicht beginnt dann alles wieder von vorne oder etwas Neues, Unerwartetes geschieht. Ich hoffe noch immer auf eine alles verändernde Begegnung mit einem anderen Menschen oder auf das Wiedersehen, wäre ich diesem Menschen schon einmal früher begegnet und hätte nichts von der Bedeutung unseres Treffens gewusst.

Als Sechzehnjährigen bewegten mich Gedanken an solche Begegnungen noch nicht. Erst Jahre später, als die Erinnerung verblasst war, kamen die Gedanken wieder hoch. Es waren die Jahre, in denen ich nachts immer vorm Fernseher hing. Die Handlungen in Filmen hielt ich für Vorahnungen auf mein Leben als Erwachsener. (Hatte ich damals schon einen Lieblingsschauspieler oder kannte ich einen guten Regisseur? Wohl eher nicht!)

Beruflich hatte ich später die Laufbahn als Journalist eines kleinen Nachrichtenmagazins eingeschlagen und war häufig im Ausland unterwegs. (Mir kamen die Landungen des Flugzeugs oft vor wie kleine Geburten: mal sanft und äußerst angenehm, manchmal abrupt und manchmal war ein Unwohlsein da und man wünschte sich, einige Minuten nach der Landung wieder in den Bauch des Flugzeuges zurückkehren zu dürfen. Auf diese Weise wurde ich wohl einige dutzendmal wiedergeboren, scherzte ich manchmal.)

Vor meiner letzten Dienstreise schrieb ich Anja, einer Bekannten aus meiner Schulzeit, ein SMS: „Du kannst mich ruhig einen Clown nennen, aber weil du dich in der elften Klasse einmal so lange mit mir unterhalten hast, dachte ich, du hättest Interesse an mir gehabt, jedenfalls damals. Die Schulzeit ist schon eine Weile her und es kann sein, dass du dieses Treffen und mich schon lange wieder vergessen hast. Aber ich muss dir sagen: Ich war damals anders und so bin ich heute nicht mehr. Wie gerne würde ich dir schreiben, dass mir dieses Treffen gefallen hat und ich angenehm überrascht gewesen bin, mit dir diskutieren zu können, auch wenn du ganz anderer Meinung als ich gewesen bist.“

Nach kurzer Zeit hatte ich das SMS wieder vergessen und bereitete mich auf die Reise vor, indem ich die Preise der Fluggesellschaften verglich, beim günstigsten Ticketpreis zuschlug und inzwischen auch meine Koffer gepackt hatte.

Zweck der genannten Reise war ein Treffen mit einer Schriftstellerin. Es handelte sich allerdings um eine bei uns wenig bekannte Autorin, die in ihrem Heimatland zudem mit einigen Jahren Schreibverbot sanktioniert worden war und nur – halb in die Illegalität gezwungen – ihre Bücher über Mittelsmänner im Ausland veröffentlichen konnte.

Nachdem ich ihre Adresse, die sie verständlicherweise nur den wenigsten Leuten weitergibt, gefunden und mit ihr einen Termin ausgemacht hatte, traf ich sie in ihrer ganz beträchtlichen Privatbibliothek und machte mit ihr ein Interview. Ich begann zuerst mit allgemeinen Fragen, ob sie als Schriftstellerin, die keine Bestseller und auch keine Krimis schreibt, überhaupt beim Publikum Gehör findet; woran die moderne Gesellschaft krankt und ob es überhaupt noch große Provokationen in der Literatur gäbe. (Das Politische klammerte ich so weit es ging in diesem Gespräch aus.) Sie antwortete mir, die Welt müsse wieder einen Sinn haben, wir bräuchten etwas Größeres, Erhabeneres, für das es sich zu leben – und falls es sein muss, zu sterben – lohne. Die großen Erzählungen, Homer, Vergil, Dante und so. Außerdem bräuchte unsere Welt wieder einen Sinn für das Phantastische. Ja, genau: „Wir brauchen eine zweite Romantik ...“ Mir ging ihr kluges Gefasel zwar schon jetzt gehörig auf die Nerven, aber ich durfte mir nichts anmerken lassen, schließlich war ich ja nicht als Privatperson, sondern dienstlich hier. Sie fuhr weiter fort:

„Der Held meines neuen Romans kann sich nicht so recht entscheiden zwischen einer bürgerlichen Laufbahn oder einer Künstlerkarriere. Er fühlt sich zu etwas Höherem berufen, muss aber mit irgendetwas sein Geld verdienen und möchte – verständlicherweise – ein Haus, Auto und Familie mit Hund und allem, was dazugehört. Das bringt ihn natürlich in einen Gewissenskonflikt – man könnte fast sagen, in ein Dilemma: Denn wie er sich entscheidet, er kann sich nur falsch entscheiden. Machte er das eine, kann er das andere nicht machen und umgekehrt ... Aber, durch einen erzählerischen Trick versuche ich, dass beides funktioniert, ich habe bereits beide Lebensentwürfe ausgearbeitet. Ich will zeigen, dass es doch möglich ist ...“

„Wie das?“, fragte ich erstaunt.

„Ich habe überlegt, einen Werdegang zu erzählen, und den anderen z. B. in den Fußnoten gleichberechtigt zu erzählen. Ich weiß aber noch nicht, welcher Lebensweg in den Haupttext und welcher in die Fußnoten kommt.“

„Sie glauben ehrlich, dass das geht: den einen Lebensweg leben, aber die andere Option, die ja im Extremfall das genaue Gegenteil sein kann, kann man gleichzeitig auch leben?“

„Genau. Man müsse nur wollen und natürlich wissen, wie es geht.“

„Und was muss man genau wissen?“, fragte ich neugierig.

„Das habe ich mir noch nicht genau überlegt. Aber ich denke, man muss nicht alles tatsächlich leben. Es reicht doch auch, wenn man Dinge nur symbolisch tut.“

„So wie ich eine Lederkluft zuhause habe, die ich nur einmal getragen habe, weder Gitarre spielen kann noch einen Motorradführerschein besitze.“

„Genau das meinte ich mit: symbolisch.“

„Ich wollte auch immer Schriftsteller werden. Ich habe deshalb auch Publizistik studiert. Meine Vorbilder waren ... lassen Sie mich kurz nachdenken: Kafka und Hesse. Aber jetzt bin ich Journalist und denke, jetzt im Nachhinein war es die bessere Entscheidung.“

Die Schriftstellerin schlug vor, zum Abschluss des Interviews in ihre Stammkneipe zu gehen und uns zu betrinken, die Zeche gehe auf ihre Kappe. Als wir uns auf den Weg begaben, blühten auf den Alleen die Kirschbäume. Menschen kamen uns entgegen, alte, junge, Familien mit Kinderwägen. Sie finde in dieser Stadt alles, was sie für ihre Romane bräuchte, sagte sie beiläufig, alte Kalender, Groschenromane, überall fände man heutzutage Anregungen. Vor einem Gebäude sah ich eine Menschenansammlung, Fähnchen in den Landesfarben, laute Sprechchöre. „Sie demonstrieren hier gegen unsere Regierung und unseren Präsidenten. Er ist aber bei den meisten Menschen in diesem Lande sehr beliebt. Wissen Sie, politisch ist für jeden was dabei. Vom 'Nationalromantiker' bis zum Altanarchisten. Jeder kann sich was aussuchen von seiner Ideologie, wie gesagt: Für jeden ist etwas dabei. Und er ist sehr sprachbegabt, einfache, wirkungsvolle Sätze. Inszenierte Fototermine. Meistens mit Kindern. Das wirkt. Und das macht ihn auch so gefährlich. Jedenfalls für uns Intellektuelle.“ Tränengas. Die Menge wurde auseinandergetrieben. Wir änderten unsere Pläne und kehrten zu ihrer Wohnung zurück. Sie zitterte am ganzen Leib und holte eine Flasche Whisky aus einem Schrank. „Das ist die Wirkung des Tränengases. Zudem bin ich Asthmatikerin, das macht es doppelt schlimm“, sagte sie nachdenklich. Wir prosteten uns beide zu, ich verlor den Faden und schlief ein, erst am nächsten Tag erwachte ich in meinem Hotelbett wieder.

Was dann am nächsten Tag geschah, nachdem ich aufgewacht war, überraschte mich außerordentlich: Ich merkte, dass ich anscheinend auf einer Party gewesen sein musste. Mein Diktiergerät, mit dem ich das gestrige Gespräch mitgeschnitten hatte, war gelöscht. Ich kleidete mich daraufhin hektisch an und beschloss, zu meiner Schriftstellerin zurückzukehren. Im Frühstückssaal des Hotels nahm ich neben einem alten Ehepaar Platz. In der Eile fiel mir der Teller mit den Käsescheiben herunter und zerbrach in tausend Stücke. Ich sagte: Das ist doch kein Weltuntergang! Wobei das alte Ehepaar dermaßen in Rage geriet. Ich muss wohl eine Vorahnung für den Tod in ihnen geweckt haben.

Also nahm ich nach dem Frühstück ein Taxi und ließ mich zur Wohnung der Autorin fahren. An ihrem Türschild prangte nun das Logo der Regierungspartei. Ich klingelte, aber niemand ließ mich in die Wohnung. Resigniert kehrte ich zurück zum Hotel. Dort packte ich meine Siebensachen, kramte mein Rückflugticket hervor und stieg vor dem Hotel in die hinterste Sitzbank des Hyundai-Starex-Kleinbusses, der mich zum Flughafen bringen sollte.

Auf der Fahrt fuhren wir über eine kurvige Gebirgsstraße. Ein Tunnel nach dem anderen. Mir kam das Licht wie eine Vorahnung auf den Tod vor. Gleich würde es passieren, dachte ich. Ich erinnerte mich an meine Kindheit, wie ich zu den Großeltern gefahren bin und wir genau so einen Tunnel passierten. Dazwischen wurde es wieder hell, als wir aus dem Tunnel herausfuhren. Nach jedem Tunnel fühlte ich mich um einige Jahre jünger und irgendwann musste ich den Status wie vor meiner Geburt erleben. Und ich fühlte eine seltsame Vorfreude: Warten auf die Geburt. (Oder war es die Wiedergeburt?) Was kommt nach dem Tod? Ist dann alles schwarz? Fegefeuer? 72 Jungfrauen? Das weiß niemand!

Plötzlich meldet mein Smartphone ein SMS. Anja hat geantwortet: „Ich nenne dich ruhig einen Clown. Aber das war doch zu flüchtig, um in Erinnerung zu bleiben, oder? Ich meine, ich habe das Ganze inzwischen vergessen. Womit beschäftigst du dich sonst noch? Ist denn damals nichts anderes passiert? Ich bin inzwischen glücklich verheiratet und habe drei Kinder. Dein Leben muss ganz schön fad sein, nicht wahr. In alten Erinnerungen schwelgen. Hast du sonst kein Leben oder warum hast du ausgerechnet an mir so einen Narren gefressen?[1]

Das ältere Ehepaar auf der Sitzbank vor mir schien indessen immer älter zu werden. Nach der letzten Fahrt aus dem Tunnel war das Ehepaar eingeschlafen und rührte sich nicht mehr.

In diesen Minuten verpasse ich meinen Flug. Ich habe vor langer Zeit einmal einen Film gesehen, in dem jemand einen Flugzeugabsturz überlebt, aber dermaßen traumatisiert ist, dass er glaubt, er sei bereits tot und nur noch als Geist auf der Erde, und somit verliert er auch jede Angst. Es vergeht eine halbe Ewigkeit, in der der Kleinbus von Tunnel zu Tunnel rast.

„Du bist schon tot. Das ist die letzte Reise“, höre ich meine innere Stimme. „Ich bin der Tod. Du weißt nicht, dass du schon tot bist.“

Nach dem kurdischen Kalender ist der heutige Tag der Beginn des neuen Jahres.

Neujahr. Neujahrsfeiern. Alles blüht.

 

[1]    Zur selben Zeit kommt der Erzähler andernorts am Flughafen an. Nach einem kurzen Aufenthalt im Wartebereich geht er nach Aufruf mit seinem Gepäck und Ticket zum Check-in-Schalter. Eine merkwürdige Vorahnung macht ihm bewusst, dass es auch anders hätte sein können: Erlebte er nicht auf der Fahrt zum Flughafen ein seltsames Déjà-vu? Schien es nicht so, als ob das alte Ehepaar immer jünger geworden sei und sich schließlich bei der Ankunft am Flughafen geweigert hatte, aus dem Wagen zu steigen, sondern darauf bestand, wieder zum Hotel zurückzukehren und die Reise zu verlängern. Kam nicht wieder ein mulmiges Gefühl, von wegen: Flugzeugabsturz und was wäre wenn, auf? Gerade in diesem Moment erreichte ihn ein SMS von Anja: „Ich kenne dich eigentlich nicht, und dieses Ereignis ist schon über zwanzig Jahre her, aber was soll’s. Du hast mir geschrieben, also schreibe ich dir: Dein SMS zeigt, dass du so ein großes Interesse an mir haben musst, das zudem auch noch ernsthaft ist, dass ich nicht Nein sagen kann. Ich bin seit einigen Jahren eine mittelmäßig erfolgreiche Schriftstellerin. Merkwürdig: Es kommt mir so vor, als hätte ich vor kurzem jemanden getroffen, den ich für den Verfasser dieses SMS hielt. Warst du vor kurzer Zeit im Ausland ...“

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques| Inventarnummer: 21058

Die Trödelverkäuferin

Jeden ersten Samstag im Monat sah ich auf der Unteren Brücke die Trödelverkäuferin, wenn ich von meiner Wohnung in die Stadt ging. Ich nahm mir vor, mit ihr ins Gespräch zu kommen, traute mich aber nicht. Als ich mich doch einmal überwand, lud ich sie zu einem Spaziergang ein und sie sagte zu.

Ich hatte eigentlich vor, ihr meine Stammkneipe zu zeigen, doch dummerweise war auf dem Weg dorthin eine Baustelle, sodass wir einen Umweg nehmen mussten.

Wir kamen in eine dunkle Unterführung, in der man nicht bis zum anderen Ende sehen konnte. „Da müssen wir jetzt durch“, sagte sie, „aber keine Angst, ich kenne mich aus, es sind nur einige hundert Meter. Und ein Zug kommt auch nicht, da die Strecke vor einiger Zeit stillgelegt worden ist.“ Ich überwand meine Angst und ging mit ihr. „Lass uns über etwas quatschen, das ist gut gegen die Angst“, empfahl sie.

Also fiel mir ein, dass ich vor sehr langer Zeit, an meinem ersten Schultag, einen Film gesehen hatte, der in der New Yorker U-Bahn spielt. „Das ist ein sehr gutes Thema. Und es passt ja ausgezeichnet zu unserer jetzigen Situation.“ „Als ich diese U-Bahn-Station sah, es war ein Film, glaube ich, aus den späten 1960er oder frühen 1970er Jahren, diese alte, schäbige Haltestelle, zertretene Dosen und alte Zeitungsreste wehte der Windstoß der einfahrenden Züge umher. Menschen stiegen ein, stiegen aus. Fast niemand schien mit dem anderen zu sprechen, geschweige denn, jemandem in die Augen zu sehen. In dieser Situation dachte ich, wie wohl mein letzter Schultag aussehen wird.“ „Und an was dachtest du?“, fragte sie. „Ich konnte mir die Situation schlicht nicht vorstellen, aber es muss etwas Schönes, Befreiendes gewesen sein.“ „Ich konnte ja damals unmöglich so weit in die Zukunft denken.“

„Und heute denkst du an die alte Zeit zurück und kannst dich beim besten Willen nicht mehr zurückversetzen.“ „Genau. Es waren das die Jahre, in denen ich immer nachts vor dem Fernseher hing. Nicht, dass mir einige Filme besonders in Erinnerung geblieben wären. Was würde ich dafür geben, die alte Zeit noch einmal zu erleben. Und sei es nur, um das Fernsehprogramm zu sehen.“ „Und was hast du in der Zwischenzeit erlebt?“ „Das ist mehr oder weniger auf ein paar Gedanken zusammengeschrumpft, also nichts Weltbewegendes.“ „Denk doch mal scharf nach.“

„Ich wollte immer einmal nach Amerika. Am besten in das Amerika der 1960er, 1970er Jahre. Aber das war nur so eine Idee, gemacht habe ich das nie. Ich könnte mich auch nicht erinnern, ob ich einmal irgendein Souvenir oder irgendetwas spezifisch Amerikanisches gekauft habe, wie beispielsweise eine dieser Campbell’s Suppendosen ...  Ach ja, meine Tante fuhr in dieser Zeit für ein, zwei Jahre einen roten Chevrolet Corsica. Das war vielleicht das Amerikanischste, was ich mir damals hätte vorstellen können.“

„Vor einiger Zeit habe ich zwei alte Postkarten aus New York verkauft, aber mir ist Amerika ziemlich egal. Ehrlich gesagt, habe ich an meinem ersten Schultag nicht so weit in die Zukunft gedacht, aber so genau weiß ich das heute nicht mehr. Ich dachte, in vierzehn Jahren sind wir doch schon auf dem Mars oder haben Kontakt aufgenommen, was weiß ich.“  Weiter entgegnete sie: „Mein Interesse für die Raumfahrt begann, und ich habe alles aufgesogen. Star Trek. Star Wars. Aber das verging wieder. Und die Zukunft ist ja dann doch eine andere geworden, nicht wahr?“

Es war jetzt völlig dunkel. Weder konnte ich nach vorne blicken noch nach hinten oder zur Seite. Da die Trödelverkäuferin immer wieder verstummte, kam es mir vor, dass ich die ganze Zeit mit Monologen beschäftigt war und ich mich so vergewisserte, noch nicht tot zu sein. Jede Pause in meinen Worten kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich fragte sie mehrmals, ob sie diese Situation nicht gruselig fände, doch sie antwortete nicht. Auch der Tunnel schien sich verlängert zu haben, denn innerlich schien die Zeit, die wir drinnen verbrachten, auf mehrere Stunden angewachsen zu sein.

„Warum verkaufst du eigentlich alte Spielsachen und Ansichtskarten. Waren es deine eigenen?“
„Ein zwei Stücke sind von mir, den Rest verkaufe ich nur so. Welches die beiden Sachen von mir sind, verrate ich nicht.“

Mit einem Schlag wurde es wieder hell. Zuerst fühlte ich mich vom gleißenden Licht geblendet. Wir hatten das Ende des Tunnels erreicht, und ich fand es fast schon etwas bedauerlich, dass die gruselige Atmosphäre im Dunkeln vorbei war. Dennoch empfand ich Erleichterung. Meiner Gesprächspartnerin war nichts anzumerken. Kein Grusel, kein Gefühl der Befremdung. Und doch fiel mir nach genauerem Hinsehen etwas auf: Die Trödelverkäuferin hatte nun plötzlich ein anderes T-Shirt in Batikoptik an, dessen Saum sie in ihre Hose gesteckt hatte, und am Ausgang des Tunnels stand das Schild „New York Central Park“.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 21055

In der Stille wächst das Vertrauen

I.

Sag, wann warst du dir das letzte Mal so nahe: Vor vier Jahren saß ich, Tobias Bonifatius Kotschitsch, Protagonist dieser Erzählung, hier in B. in einer dieser billigen Absteigen, von denen es schon allein in dieser Stadt viel zu viele gibt. Die Vorgeschichte: Flug verpasst, stattdessen eine halsbrecherische Fahrt mit einer versifften Karre von Taxi und dem Fahrer in seinem penetranten Ronaldo-Trikot. Abgelenkt von seinem ständigen Gelaber und dem seichten Plastikpop-Gedudel aus dem Radio wäre er fast in einen SUV gekracht. Bei mir hat andauernd das Handy geklingelt. Fast zu spät gekommen. Gepäck vergessen, kein Wechselgeld parat. Das Mittagessen in einem schäbigen Vorstadtrestaurant, völlig versalzen, fett und überteuert – eine Frechheit in diesem Land. Dazu das ewig gleiche arrogante Getue meiner Kollegen hier vor Ort. Und die Bullenhitze. Mir ist der Schweiß in Strömen heruntergelaufen. Na ja, da kannst du halt nichts machen.

Eigentlich ging mir diese ganze Reise schon jetzt gehörig auf den Zeiger, und ich sah schon viel zu lange keinen Sinn mehr darin, mich von meinen ausländischen Verhandlungspartnern regelmäßig übers Ohr hauen zu lassen. Eine Dienstreise ist nun mal kein Kindergeburtstag.

Aber jetzt zurück zur eigentlichen Geschichte: Nach drei gepflegten Single Malt in der Bar sitzt du hier in deiner Bude und weißt nichts mehr mit dir anzufangen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, du bist das Alleinsein ja schließlich gewohnt. Ziehst dir irgendeinen Film rein, aber nicht so Schwarz-Weiß-Zeugs mit Ingrid Bergman, vielleicht eher einen amerikanischen Psychothriller aus den Neunzigern. Liest ein paar Seiten im Schahname und fällst dann hundemüde in die Kiste, denn morgen ist wieder ein neuer Tag. Tja, aber diesmal war das nicht so. Und warum das diesmal nicht so war, kannst du dir auch nicht erklären. Und am Single Malt lag es höchstwahrscheinlich auch nicht.

Aber ich helfe euch mal auf die Sprünge:

Ich fühlte mich damals einsam und erschöpft. Ich blickte auf die Straße. Nichts Besonderes mehr um elf Uhr nachts, das Leben da draußen hatte sich davor abgespielt. Du sprichst die Sprache nicht und so fällt die Kultur für dich flach. Und ich überlegte, ob ich noch ein oder zwei Flaschen Bier und eine Dose geröstete Erdnüsse aus einem „Convenience Store“ – die ja hier bekanntlich 24 Stunden offen haben – holen sollte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Ich ging hin und öffnete sie. Draußen stand ein hagerer älterer Herr mit Vollbart und Glatze, in Badelatschen, karierten Bermudas, einem ausgeblichenen Led-Zeppelin-T-Shirt und fragte mich, ob ich ihm zufällig eine Schachtel Aspirin oder ein Ladekabel für sein Handy borgen könne und: „ob ich nicht mal nach dem Deckenventilator schauen kann, der macht seit ungefähr ’ner halben Stunde so ein eigenartiges Geräusch, mach mir Sorgen, dass der bald den Geist aufgibt und mir auf den Schädel plumpst.“ Ich bejahte, fragte ihn zudem nach seinem Namen und er verriet mir, dass er Kevin McArthur hieß.

Ich ging mit in sein Zimmer, lieh ihm die Sachen, inspizierte den Ventilator, und er lud mich dann noch auf einen Gin Tonic ein, um ein wenig zu plaudern. Er erzählte zuerst so Sachen wie: „Im Leben kommt immer alles anders, als man denkt, und die schlechten Erfahrungen lehrten uns die guten zu schätzen, ob du es glaubst oder nicht.“ Oder „ An so was wie Gerechtigkeit glaube ich zwar schon lange nicht mehr, aber an der Sache mit dem Karma, da ist hingegen schon was dran.

Als er die Flasche Gin geköpft hatte und aus seiner Kühlbox ein paar Eiswürfel hervorkramte, sagte er zu mir: „Erzähl mir mal von dir. Aber dass das klar ist, komm gleich zur Sache und erzähl mir nicht so’n langweiliges Zeug, ja.“

Also fing ich an:

„Ich war schon als Kind anders. Was heißt anders, ich hatte halt keinen Bock auf das, was die anderen machten. Fußballspielen, Rollerfahren und den Kram. Auch wurde ich von den anderen nie zu Geburtstagen eingeladen. Aber besonders gestört hat es mich früher nicht oder nicht so, dass du es als Problem bezeichnen konntest. Noch einmal zurück zu dem, was ich vorhin gesagt habe: Ich wusste nicht, worum es im Leben wirklich geht, und gab mich schon mit guten Schulnoten, einem Himbeer-Stracciatella-Eis oder einer kompletten Sammlung von Star-Wars-Sammelkarten zufrieden. Andere Menschen waren mir zuwider oder bestenfalls gleichgültig. So war das eben.

Jedenfalls nahm dann alles seinen Lauf. In der Schule biss ich mich Jahr für Jahr so durch, war zwar nicht besonders faul, hatte aber auch nie so richtig für etwas Talent. Außer vielleicht für Jahreszahlen. Ich studierte auf Wunsch meiner Eltern Geographie, weil ich Lehrer werden wollte. Nicht dass ich das Studium besonders mochte, aber das ist ein anderes Thema. Später bekam ich als Quereinsteiger meinen Beruf in einem Unternehmen für Rasenmäher und verdiente ganz ansehnlich.

Warum ich das erzähle: Du hast es wahrscheinlich schon erraten, geneigter Zuhörer, mich machte mein Leben nun einmal nicht glücklich. Und das konnte mich wahnsinnig machen. So wahnsinnig, dass ich manchmal die Decke hochgehen wollte vor lauter Wahnsinn. Was hatte ich denn sonst schon in meinem Leben wirklich verbockt? Ich habe mit harter Arbeit alles kompensieren wollen, jeden Misserfolg. Es konnte doch nicht sein, dass ich in dieser Hinsicht ein Versager war.

Und warum war ich ein Versager?

Oder präziser gesagt: Warum wurde ich ein Versager und blieb auch einer?

In zwischenmenschlichen Beziehungen – wie bereits gesagt – hatte ich in meiner Schulzeit einfach keinen Erfolg. Und damit meine ich keine langanhaltenden Freundschaften – nein, das wäre auch nicht nötig gewesen, sondern irgendeine schöne Begebenheit. Vielleicht mal ins Kino oder auf ein Eis oder ins Schwimmbad. Aber auch schon ein Gespräch, ein Lächeln, ein Blickkontakt, eine Berührung, so etwas ...“

„Quatsch, du warst vielleicht einfach nur mit dir selbst beschäftigt. Oder deine Eltern haben dir das mal verboten: ‚Spiel nicht mit diesem, spiel nicht mit jenem’, ‚Konzentriere dich auf den Schulstoff’, ‚Das andere kommt noch früh genug’, einfach idiotisch“, raunzte Kevin, als er gerade die Pappbecher mit dem Gin anrichtete. „Was waren deine drei bisher schönsten Erlebnisse, denk mal scharf nach“, fuhr Kevin weiter fort und reichte mir meinen Becher.

Ich nahm den Becher, sprach einen Toast auf die Sehnsucht und begann zu erzählen.
„Als ich Aniko kennenlernte, obwohl es eine flüchtige Bekanntschaft war. Erinnere mich noch genau, als ich auf dem Weg zur Schule meinen Regenschirm aufspannte und mit ihr zusammen in die Schule ging.“

„Aber gesprochen hast du mit ihr nichts, oder?“

„Kurz darauf hat sie die Schule gewechselt.“

„Was ist dir noch in Erinnerung geblieben?“

„Hast du später noch einmal was von ihr gehört?“, fragte Kevin, nahm einen Schluck von seinem Gin.

„Nein. Überhaupt nichts“, antwortete ich.

„Was kam danach?“

„Danach kam Christina“, sagte ich „aber das war über sechs Jahre später. Christina war ein Engel, so warmherzig, so reif für ihr Alter. Ich erinnere mich noch gut an den Tag in der Bücherei, als sie sich so darüber gefreut hat, dass ich das älteste Buch – das übrigens noch in Fraktur gedruckt war – gefunden habe. Oder sie half mir auch einmal, als ich während der Klassenarbeit Kopfschmerzen bekam und sie den Lehrer davon überzeugte, dass ich die Arbeit wiederholen konnte. Aber sie sagte auch einmal in Religion, dass sie verstehe, warum sich Menschen vor Engeln fürchteten – das war seltsam, nicht wahr?

Kevin hörte mir andächtig zu und sagte: „In der Tat“, dabei musste er kräftig husten. „Was ist mit dem dritten Erlebnis?“, fuhr er fort.

„Ich erinnere mich am besten an Nathalie, die ich im Sommer vor vierzehn Jahren in einem Portugiesischkurs traf. Zuerst saß sie in der letzten Reihe, und ich habe öfter zu ihr heimlich hinübergeblickt. Aber ich war nicht sicher, ob sie es gemerkt hat. In einer der folgenden Lektionen setzte sie sich unvermittelt neben mich und gab mir ihre Adresse, da ich für sie in der nächsten Woche mitschreiben sollte. Nathalie saß tatsächlich neben mir und kicherte, und ich war so perplex, dass ich es nicht einmal realisiert habe.“

„Das ist aber nicht gerade viel, was du über sie weißt. Und es ist außerdem schon verdammt lange her. Klar, danach machtest du noch mehrere Bekanntschaften, aber so intensiv wie bei den ersten drei wurde es nie wieder, nicht wahr?“

„Vielleicht hatte ich auch Angst vor Zurückweisung. Überlege dir mal, was passiert wäre, wenn irgendein Kontaktversuch danebengegangen wäre. Oder ich rot geworden wäre und um Worte ringen hätte müssen. Das ist in jungen Jahren schwer auszuhalten. Da ist es immer angenehmer, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, auch wenn einem etwas entgeht. Aber lange Zeit bereitete mir das Fehlen solcher Kontakte auch keinen großen Schmerz, und ich wäre einer Beziehung nicht gewachsen gewesen. Und ob mich mein Gegenüber auch so interessant gefunden hätte, das steht natürlich auf einem anderen Blatt.“

Kevin nahm noch einen letzten kräftigen Schluck von seinem Gin. Er inspizierte die Eiswürfel in seinem leeren Becher.
„Tja, da kann man eben nichts machen“, sagte Kevin. Aber ich kenne da einen Trick: Du musst nicht hoffen, dass du ein und denselben Menschen noch einmal im Leben triffst. Aber manchmal triffst du Leute, die erinnern dich an andere Leute und mit denen kannst du es versuchen. Vielleicht trifft ja auch die andere Person dich auf diese Weise noch einmal. Irgendetwas gibt dir schon die Antwort. Ansonsten musst du versuchen, die Stille auszuhalten, so schwer es dir auch fällt. Es reicht, sich auf die Suche zu machen. Ob man ans Ziel gelangt, ist natürlich eine andere Frage, aber man muss sich zuerst auf die Suche machen.“

Ich hatte jetzt auch meinen Gin Tonic ausgetrunken und war gerade im Begriff zu gehen, als Kevin fortfuhr:
„Und da wäre noch die Sache mit den Außerirdischen?“

„Außerirdische, komm mir doch nicht mit diesem Blödsinn!“, rief ich verdutzt.

„Ja, Außerirdische. Es wäre ja absoluter Topfen zu glauben, da kämen welche oder wir könnten jemals mit irgendwelchen Kontakt aufnehmen, man denke nur an die Relativitätstheorie. Einstein und so, das weißt du bestimmt. Aber die meisten Menschen glauben trotzdem an Aliens und das gibt ihnen eine gewisse Hoffnung. Dummerweise wird für die Astrophysik viel zu viel Geld ausgegeben. Damit könnte man genauso gut in Alaska nach dem Bernsteinzimmer suchen, genau the same fuckin’ shit. Das Geld fehlt dann an anderer Stelle, beispielsweise in der medizinischen Forschung, ist ja logisch.“ Kevin machte eine kurze Kunstpause und kratzte sich am Rücken, dann redete er weiter:
„Und doch denkt fast jeder, dass die Suche einen Sinn hat. Was für einen genau, kann er mir natürlich nicht verraten, aber er denkt trotzdem, dass alles nicht umsonst war.“

Dabei nahm er den Beutel mit dem Tabak aus der Hosentasche und drehte sich die erste von mehreren Zigaretten.
„Bei manchen Leuten ist das die einzige Hoffnung, um weiterzuleben“, sagte er. „Verstehst du: weiterleben“, fügte er hinzu.

Ich fragte Kevin nach einem anderen Beispiel und er antwortete mir, dann gab er mir drei Oliven in die Hand und sagte: „... Schließ jetzt die Hand und denk mal eine Zeit lang darüber nach.“

Aus dem Fernsehlautsprecher vernahm ich auf einmal, obwohl der Bildschirm nicht lief, eine tiefe, geheimnisvolle Männerstimme:
„Ein samisches Sprichwort: In der Stille wächst das Vertrauen.“

Da fiel plötzlich der Strom aus. Das ganze Zimmer wurde zu einer schwarzen, lautlosen Wüste. Auch Kevin war verstummt. Plötzlich wurde es ganz still in meinem Kopf. Ich wollte wieder zurück in mein Zimmer, doch als ich den Türgriff in der Hand hatte, brach dieser ab. Die Stunden wurden zu Tagen, zu Monaten, zu Jahren: Nichts passierte. Nada.

Als der nächste Tag anbrach, fand ich mich wieder in meinem Zimmer vor. Ich öffnete meine Zimmertür und ging in Kevins Zimmer. Er war spurlos verschwunden. Von den Oliven in meiner Hand waren nur noch die Kerne übrig. Diese warf ich in meinem Zimmer in den Papierkorb.

II.

Lange Zeit nach dieser Dienstreise war bei mir alles wieder beim Alten und über die Sache in B. war schon lange Gras gewachsen, so schien es. Manchmal dachte ich an Kevin zurück, aber sein Ratschlag hörte sich für mich in etwa an wie: „Geh nach Ich-weiß-nicht-wohin, bring mir Ich-weiß-nicht-was.“

Also versuchte ich, das Beste aus Kevins Worten zu machen: N. aus dem Sprachkurs schrieb ich eine freundliche E-Mail, in der ich ihr von meinem Erlebnis erzählte und auch davon, wie glücklich es mich gemacht hatte – natürlich auf Portugiesisch. Diese wurde aber nicht beantwortet. Weiters kaufte ich mir eine Geldbörse in der Pastellfarbe des Pullovers, den Christina in der Bücherei getragen hatte, und schrieb einer Regenschirmsammlerin eine E-Mail und erzählte ihr meine Geschichte mit Aniko. Das war nicht viel, aber immerhin etwas.

Dann, eines Tages im Februar, begegnete ich jemandem, der Aniko ähnlich sah, als ich die Porzellangasse in Wien entlangschlenderte. Ein kurzer Blick in die Augen. Ein paar hundert Meter später blieb ich an einem Schaufenster stehen. Darin eine Tasse mit der Aufschrift: „Ich so: Och bitte. Und dann mein Leben so: Nö.“

III.

In diesem Sommer erblühten in Island die ersten drei Ölbäume, was als kleines Wunder galt, und im tiefsten Süden Usbekistans wurde angeblich ein UFO gesichtet. Es stand jedenfalls so im Internet.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques| Inventarnummer: 21049

Vier Aventiuren

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Ich biege noch einmal bei der Fiktion ein und überlege die Leseerfahrung von Roman. Da er aus Deutschland stammt, sind seine Vorbilder wahrscheinlich Kafka und Hesse. Er ist aufgeschlossen für die Weltliteratur, jedoch kein Vielleser, Gott bewahre. Roman ist glücklich, wenn er von einem Buch gefesselt  und bei Bedarf unterhalten wird. Roman liebt dicke Bücher, die ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Während ich sehe, dass am Nebentisch zwei Espressi getrunken werden, ich könnte mir vielleicht noch eine Geschichte über diese Leute ausdenken, aber ich bin ehrlich gesagt froh, keine weitere schreiben zu müssen, denn eine reicht. Alles ist Übung, und für die Schriftstellerei braucht man wahrscheinlich einen langen Atem. Ich habe Bedenken, ob das Erfinden von Figuren auf Dauer gelingen wird. Und dann wäre da noch meine Abneigung gegen Abenteuergeschichten. Das einzig wahre Abenteuer ist doch – mit Verlaub gesagt – der Alltag.

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Ich erinnerte mich an Menschen, die ich sah und die blöde aussahen, beispielsweise an den Menschen, der einen Menschen mit einem Taschenmesser aß. Er erinnert sich daran, dass vieles blöde aussieht, was tagtäglich, jahrjährlich getan wird. Was von den Reisen übrigblieb. Ein Blick über die Gracht in Holland, ein Blick über eine Brücke in Stockholm. In Erinnerung geblieben ist mir das Öffnen von Karten auf Motorhauben. In Erinnerung geblieben ist mir das Aufbrauchen des Reiseproviants. Das Grün der Wälder - nur sehe ich darin auch keine Geschichte. Ich erinnere mich daran, dass das ganze Leben aus Nebensächlichkeiten besteht und dass sie als Bilder mehr oder weniger fest in deinem Gedächtnis gespeichert sind. Wieder einen Eiskaffee trinken. Und zwischenzeitlich wieder auf Roman zurückkommen. Und ich gebrauche noch ein Wort Wolfs: Horror vor dem Vergessen.

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Ich sehe Roman an meinem Nebentisch mit einer Frau sprechen. Roman trägt eine Brille mit dickem schwarzen Rand, er hat graue Haare und trägt zudem einen blauen Pullover. Er unterhält sich mit einer Frau, die sich etwas in einem Buch angestrichen hat.

Romans Gespräche sind irrelevant und außerdem möchte der Erzähler nicht so genau hinhören - es langweilt ihn zu sehr. Ich als Erzähler habe in einem anderen Café Platz genommen. Stellen Sie sich jetzt einmal das Unterschiedlichste vor, über Roman, und versuchen Sie, mit diesen Vorstellungen ein Buch zu füllen, das wäre meine Definition von Schriftsteller.

Ihm ist es zur Zeit noch nicht wichtig, ob sein Schreiben gut oder mittelmäßig ist. Ihn interessiert einzig, die Bezeichnung Schriftsteller für sich zu beanspruchen. Es liegt nun wieder in der Hand des Erzählers, den Text neuerlich ein Stück weit voranzubringen. Mir fällt ein, dass literarische Versuche über Depressionen meist kein Happy End nehmen, man nehme nur Sylvia Plath “Die Glasglocke“ als Beispiel. So wie ich angesichts meiner ausgetrunkenen Kaffeetasse schon wieder ganz perplex bin, ob es sich lohnt, eine fiktive Geschichte weiterzuschreiben, der geneigte Leser möge entscheiden.

Zum Deutschen möchte ich so viel sagen, dass das Imperfekt die Erzählzeit schlechthin ist. Das Tempus ist das größte Statement des Schriftstellers. Die drei Möglichkeiten stark/schwach/gemischt lassen sich dadurch umgehen, dass die starken Verben durch eine schwache Tempusbildung ersetzt werden können und das in 90% der Fälle mühelos verstanden werden kann. Die Bezeichnung unregelmäßige Verben ist nicht präzise (man vergleiche springe/sprang/gesprungen mit singe/sang/gesungen). Die starke, also ablautende Imperfektbildung ist allen Germanen mit Ausnahme der Afrikaaner zu Eigen.

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Über die vielen Nebensächlichkeiten sprechen. Mir ist nicht wichtig, ob Roman zu Mittag beim Asiaten ein Sushi-Set mittel bestellt hat (oder auch nicht). Auch andere Kleinigkeiten entgehen mir, obwohl gerade ein kriminalistisches Auge darin das Wichtigste sehen könnte: Welches war die Mordwaffe, wie sah der Fluchtwagen aus etc. Ich persönlich bin jemand, der solche Schilderungen gerne überliest. Stattdessen unterstreiche ich mir lieber gelungene Satzkonstruktionen und lerne sie auswendig. Ich bin übrigens wieder in meinem Stammcafé und sehe herüber zu den anderen Tischen. Interessante Begegnungen hat es heute nicht gegeben, wahrscheinlich müsste ich mich erneut mit Roman verabreden. Er war gestern im Museum und im Kino. Das hilft ihm – so sagt er – eine Katharsis zu erreichen. Er betont, dass es sich um Bildträger und nicht um Bilder handelt. Das Bild an sich ist ephemer und flüchtig wie Musik. Ich werde auf Roman wieder zurückkommen, sobald er mir einen Brief hinterlegt hat. Er braucht wahrscheinlich auch wieder Ruhe. Unterdessen kann ich den Raum des Textes tatsächlich mit Nebensächlichkeiten füllen. Ein Nachbar im Café telefoniert mit einem Smartphone, das in einer Kuhfleckenschale steckt. Ich kann schreiben, dass an einem anderen Tisch ein Kind mit einem gelben Auto spielt und gleichzeitig von seiner Mutter ein gelbes Auto in einer Werbeanzeige aus einem Magazin gezeigt bekommt. Nebensächlich ist weiterhin der Fakt, dass ich beim Schreiben eine graue Weste trage. Auch der Salzstreuer neben meinem Heft ist nebensächlich.

“Aber in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen ihre absolute Einsamkeit, das Gefühl einer universellen Leere und die Ahnung, dass ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endgültiges Desaster zuläuft, Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen“. Michel Houellebecq

Michael Bauer

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Ich muss es auch erst lernen

Wie es sich für jedes Lehrbuch gehört, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst möchte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrbücher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das eigentlich: Deutsch? Deutsch und Dutch - kann man das verwechseln? Warum ist Deutsch schwer - oder anders gefragt: Warum ist Deutsch so wie es ist? Warum verstehen die Schweizer Deutsch, aber die Deutschen keine Schweizer?

So viel ist bereits sicher: Deutsch ist eine indoeuropäische Sprache (früher nicht ohne Grund: indogermanische Sprache). Das liegt zum einen daran, dass sich das Deutsche – um einen bildlichen Ausdruck zu verwenden – einen möglichst elitären Freundeskreis gesucht hat. Und da sind Französisch, Altgriechisch und Latein natürlich interessanter als Uigurisch, Tatarisch oder Tagalog.

Halt, wird jetzt der eine oder andere fragen, was ist denn mit dem Sanskrit? Nun ja, es hat erst die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gebraucht um zu beweisen, dass diese Sprache noch altertümlicher als das Lateinische oder Griechische ist und zudem über eine viel größere Literatur als das Lateinische und Griechische zusammen verfügt. Bescheiden, wie es nun mal so ist, das Deutsche, hat es von nun an die Bekanntschaft mit den Indern gesucht und vorlaut behauptet, dort seinen verlorenen Bruder wiedergefunden zu haben.

Doch lassen wir Indien jetzt vorerst beiseite. Die europäischen hermanos und hermanas des Deutschen sind Niederländer, Engländer und die Skandinavier. Umso interessanter ist das gegenseitige Verhältnis: Das Deutsche hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus verständlichen Gründen seine relative Beliebtheit als Wissenschaftssprache an das Englische abgeben müssen. Auch die restlichen hermanos des Deutschen haben eher ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse mit dem Englischen betont, worin der Witz liegt, dass ohne die Hilfe des sehr latinisierten Englischen die Germanen nicht mehr miteinander kommunizieren können. Kaum ein Deutscher weiß zudem, welchem Nebenverdienst seine deutschen Wörter in den dänischen, isländischen oder schwedischen Wörterbüchern nachgehen.

Deutsch und Dutch, kann man das verwechseln? Um die Frage zu beantworten: Ja, man muss es sogar. Denn erstens stammen beide Ethnonyme vom althochdeutschen theodisk ab und zweitens: Haben Sie jetzt nicht das besserwisserische Gelächter eines Deutschen beim Lesen (wohlgemerkt: nur beim Lesen) einer niederländischen Zeitung im Kopf? Warum aber das Englische das theodisk gerade den Niederländern zuspricht? Vielleicht liegt es daran, dass im englischen German bestenfalls das schon erwähnte hermano durchklingt, schlechtestenfalls, dass sie das Niederländische für würdiger befanden, die Bezeichnung „deutliche Sprache“ zu verwenden. Apropos theodisk. In seiner althochdeutschen Form hat es für das Deutsche in einer Sprache überlebt - im Italienischen als tedesco. Das ist wahrscheinlich ein Beweis, dass die Italiener doch noch päpstlicher als der Papst sind.

Um wieder zu den Germanen zurückzukehren: Die genauere Unterteilung der germanischen Sprachen erfolgt nach Lautverschiebungen und der Geographie. Deutsch, Niederländisch und Englisch sind westgermanische Sprachen. Das ostgermanische Gotisch hingegen zählt als ausgestorben. Die skandinavischen Sprachen nennt man auch nordgermanische Sprachen - wenn Sie sich jetzt nun fragen, wo die südgermanischen Sprachen sind: Nun, es hat sie nie gegeben.

Warum ist Deutsch schwer - oder: Warum ist Deutsch so wie es ist?

Dafür gibt es zwei Gründe, die ich kurz nennen möchte: Warum ist Kernphysik schwer oder warum ist Theologie schwer? Weil man gelernt hat, Dinge als schwer zu bezeichnen, die einem langweilig sind oder für die man die Motivation nicht aufbringt, sich genauer damit zu befassen. Vielleicht liegt es daran, dass Deutsch und Englisch nicht dasselbe sind oder dass auch die restlichen Sprachen nun einmal so sind wie sie sind. Machen Sie doch folgendes Experiment: Sagen Sie sich jedes Mal vorm Schlafengehen auf: Grundrechenarten sind schwer. Vielleicht zeigt es irgendwann seine Wirkung.

Warum verstehen die Schweizer die Deutschen, aber die Deutschen die Schweizer nicht?

Nun, das ist eine ganze einfache Rechnung. Ist es besser, nur vier Millionen Menschen zu verstehen oder vier Millionen plus zweiundachtzig Millionen? Und nun umgekehrt: Sind vier Millionen von 86 Millionen es wert, sich einmal reflexiv mit seiner eigenen Sprache auseinanderzusetzen? Eben!

Michael Bauer
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Vorläufige Grabungsergebnisse

Vorläufig. Und um nicht an ein Ende gelangt zu sein: das Abgeschlossene eines Prozesses, der wahrscheinlich – wäre er nicht von uns ins Leben gerufen worden – nie existiert hätte. Wir nehmen es hin, dass wir immer und immer wieder nur die halbe Wahrheit wissen können. Wir nehmen es hin, dass vielleicht unsere Gedankenübungen überhaupt keine Ergebnisse zu Tage fördern werden. Wir nehmen alles so hin. Man hätte sich einmal und nur einmal auf die Suche machen müssen, nach all dem Opaken, das unterhalb unserer Wirklichkeit sich befände. Das Bewusstsein, dass wir nicht die Ersten waren und nicht die Letzten sein werden. Unser Boden der Tatsachen sollte von nun an seine Tragfähigkeit unter Beweis stellen oder ein letztes Mal unter Beweis gestellt haben. Du kannst dir kaum vorstellen: Wir hier oben leben so vor uns hin und dort unten ist vielleicht alles ganz anders. Die Reste der Zivilisation von zehntausenden Jahren und ein Zeitrahmen, der für die Erde nur ein Tag gewesen sein muss. Vielleicht, so dachte er, werde die Zukunft vorhersehbarer, hätte man nur ein genaueres Bild von der Vergangenheit und deren Vorvergangenheiten. Aber auch dies war nur eine Spekulation. Eine nichtstattfindende Grabung. Vielleicht unabgeschlossen, in Gedanken, als ob man diese Grabung nur so unternehmen könnte.

Oberflächlichkeit des eigenen Denkens, immer nur auf kürzere Zeit, ein paar Tage im Voraus, ein paar Tage im Nachhinein. Längere Pläne waren nicht mehr zu erstellen, und vielleicht war es mal einer jener Tage, in denen dir kalt wurde vor der Welt draußen, draußen, das heißt: außerhalb deines Lebensmittelpunktes. Worte, gesagte, die nichts ausdrücken sollen; Arbeit, bezahlte, die zu nichts weiter mehr führen sollte als zur Verwaltung und zu bloßem Wiederkäuen eines Apparates, der außerhalb deiner Erinnerung angestoßen worden ist. Du hättest ja noch nicht einmal gewusst, was er auf die Ausgrabung hätte mitnehmen können. Es war nicht immer so wie im Film so leicht, und kaum würdest du ein paar Meter weitergraben, würdest du vielleicht überhaupt nichts finden. Boden, der auch vor tausend Jahren hier gewesen ist. Du denkst nicht darüber nach.

Ruhend in sich an ein Ende auch der Geschichten der letzten Monate gelangen: dieselbe Stille, die du gebraucht hättest, um deine Arbeit zu beginnen und um das Um-sich-Rauschen der Welt näher wahrnehmen zu können. Nicht viele Gedanken darüber machen, nicht vieles außerhalb deines Inneren in dich hineinbringen. Das In-dich-Hineingebrachte und das, was in deiner Grundstimmung, deiner suchenden, nichts verloren gehabt hätte: Geld ausgeben zu müssen, um Erlaubnis fragen zu müssen; alles noch einmal von vorne zu beginnen, sollte es nicht funktionieren. Das Ganze bedingt sich und Zuschüsse, die man zwar bekommt, aber immer öfter noch ist darüber nachzudenken, dass man nicht alleine deswegen damit anfangen sollte.
Leider hätte sich alles nicht so ergeben, wie das Ergebnis am Anfang in der Vorstellung hätte aussehen sollen, und auch die ganze Nachzukunft dieses Ergebnisses, das noch weit außerhalb deiner Reichweite gelegen ist. Stellten wir uns Menschen vor, vielleicht vor einhundertfünfzig Jahren zu Zeiten Schliemanns und Dörpfelds. Die hätten wahrscheinlich auch einmal so drauflosgegraben, draußen, wahrscheinlich auf irgend so einem Acker. Bei Vollmond. Trunken. Hineinphantasieren die Schlachten um Troja, den Untergang Pompejis in die Erde. Unter Umständen hätte man das Ganze in einem anderen Land fortsetzen können, wenn man hier mit den Trockenübungen begonnen hätte.

Äußerlich war alles noch beim Alten: Der Grabungstag hätte ein Montag werden sollen, der fünfundzwanzigste September um acht Uhr dreißig. Was haben wir eigentlich vor dem Internet gemacht? Und immer noch nicht das Zurückkehren in die Vergangenheit, das eigentlich Beschlossene in einer Zeit, in der wir mehr Ruhe gehabt haben. Bis zum dreißigsten Grabungstag irgendwelche Ergebnisse. Und wenn nicht: Erfand man nicht für uns welche? Das Einzige, was ich hätte machen können damals, ausgeschlossen von allem. Eingeschlossen und das Ganze, was noch nicht einmal geschehen war und nicht hätte geschehen können. Das Äußere noch, was nur die Scheinwelt einer anderen Welt sein soll. Oder ist das Innere die Scheinwelt?

Und wenn es nicht so gewesen wäre, wie wir es uns vorgestellt hätten, damals? Und wenn alles anders gewesen sein muss, wie es jetzt den Anschein erweckt von der Vorvergangenheit, von der wir nichts mehr wissen können außer der bilderlosen Ahnung, dass es sie gegeben haben muss. Das Wenigste, das noch hätte geschehen können, war vorauszuahnen gewesen: Zu einem inneren Nachdenken hätte es aber dennoch nicht reichen können. Wenn am heutigen Tag irgendetwas geschehen wäre, das erwähnenswert genug gewesen wäre, um erwähnt werden zu können, dann ist es das, was uns jener fünfundzwanzigste September gelehrt hatte, nämlich, dass eine Ausgrabung das Wort GRAB enthält und Sarg und Gras und Grab verbarg. Vorläufig, und um nicht an ein Ende gelangt zu sein. Wiederlebendigwerden aus der herausgetropften Ahnenbrühe. So wortlos in sich versunken in sein Elend in vier Holzwänden. Überwältigbar. Leicht. Auferstehend auferstanden. Amen.

Freilich hättest du auch anderes unternehmen können als diese Grabung, die doch zu keinem Abschluss wird führen können. Und in einigen Wochen wäre sowieso alles wieder vergessen worden. Alltag in deinen vier Wänden. Gewöhnlichkeit innerhalb der selbstauferlegten Komfortzone. Was freilich nicht heißt, dass nur in der Archäologie und im Tiefbau gegraben werden muss. Hätte man nicht den Pflug erfunden, gäbe es keine Häuser, keinen Sinn für Ordnung in der Welt. Erst der Gedanke an die gerade Linie, die bewirkte, dass wir Zeit als Entwicklung sehen, dass wir Menschen die Erde beherrschen könnten und nicht umgekehrt. Dass nichts wie im Kreise zurückkehrt und alles sein Ende, Ziel und seinen Sinn hat. Es hat kein Ziel, keinen Sinn, kein Ende sagst du dir und denkst:
Irgendwann. Wenn es dunkel wird, weitergraben und berauscht sein von der Nacht, die nun einen Schatten wirft auf den Tag und das Mondlicht, das uns dann scheinen wird und dann wird sicherlich die Öffnung des Grabens stattfinden und hervorbringen: Leichen, Knochen, Ähnliches. Fauliges, Gärendes, Schlammiges. Zu Tage aus dem In-der-Erde aber nicht In-der-Welt sein. Ähnliches: Erdöl für den ganzen Bedarf, wie viel Erdöl schon aus der Erde genommen worden ist und hoffentlich hört es irgendwann einmal auf. Den Rest kann man sich ausmalen.

Geschichten, von denen es schon genug zu geben scheint: ein Mörder, der eine Leiche verschwinden lassen muss, Zurückgelassenes von anderen Menschen, deren Leben schon vorbei war, als deine Welt nur eine Ahnung war. Erde, Erde, nichts als Erde und Gestein. Und Gefäße und das Gequassel der Mitarbeiter. Die wunderbare Entdeckung, das Unerwartete: Grabraub. Der Fluch des Pharao. Tod und Leben und Wiederauferstehung.

Es kann durchaus sein, dass etwas entdeckt wird, das noch niemand entdeckt hat, und schon die kleinsten Abweichungen von den bisherigen Funden könnten die Theorien der Wissenschaft in Staub und Asche legen. Das zum Neuen gewordene Uralte: ein Knöchel des Neandertalers, der doch anders war, ein unbekanntes Zeichen auf Münzen. Das Wetter macht sich seinen Reim drauf, du kannst auch noch schreiben, ach herrje. So man es nicht einfach zur Seite legen kann, das Ganze. Wiederlebendigwerden und die Zeit, die vergangene, nicht auf einer Achse, nicht in Zyklen. Ernten, Sommer. In dir die alten Gewissheiten deines Lebens: das Geldverdienen, das Erwachsenenwerden, die Pennälerweisheiten. Alles, was an einem gewissen Punkt nicht mehr tragfähig sein wird.

Michael Bauer
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