Kategorie-Archiv: Michael Bauer

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Vier Aventiuren

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Ich biege noch einmal bei der Fiktion ein und überlege die Leseerfahrung von Roman. Da er aus Deutschland stammt, sind seine Vorbilder wahrscheinlich Kafka und Hesse. Er ist aufgeschlossen für die Weltliteratur, jedoch kein Vielleser, Gott bewahre. Roman ist glücklich, wenn er von einem Buch gefesselt  und bei Bedarf unterhalten wird. Roman liebt dicke Bücher, die ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Während ich sehe, dass am Nebentisch zwei Espressi getrunken werden, ich könnte mir vielleicht noch eine Geschichte über diese Leute ausdenken, aber ich bin ehrlich gesagt froh, keine weitere schreiben zu müssen, denn eine reicht. Alles ist Übung, und für die Schriftstellerei braucht man wahrscheinlich einen langen Atem. Ich habe Bedenken, ob das Erfinden von Figuren auf Dauer gelingen wird. Und dann wäre da noch meine Abneigung gegen Abenteuergeschichten. Das einzig wahre Abenteuer ist doch – mit Verlaub gesagt – der Alltag.

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Ich erinnerte mich an Menschen, die ich sah und die blöde aussahen, beispielsweise an den Menschen, der einen Menschen mit einem Taschenmesser aß. Er erinnert sich daran, dass vieles blöde aussieht, was tagtäglich, jahrjährlich getan wird. Was von den Reisen übrigblieb. Ein Blick über die Gracht in Holland, ein Blick über eine Brücke in Stockholm. In Erinnerung geblieben ist mir das Öffnen von Karten auf Motorhauben. In Erinnerung geblieben ist mir das Aufbrauchen des Reiseproviants. Das Grün der Wälder - nur sehe ich darin auch keine Geschichte. Ich erinnere mich daran, dass das ganze Leben aus Nebensächlichkeiten besteht und dass sie als Bilder mehr oder weniger fest in deinem Gedächtnis gespeichert sind. Wieder einen Eiskaffee trinken. Und zwischenzeitlich wieder auf Roman zurückkommen. Und ich gebrauche noch ein Wort Wolfs: Horror vor dem Vergessen.

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Ich sehe Roman an meinem Nebentisch mit einer Frau sprechen. Roman trägt eine Brille mit dickem schwarzen Rand, er hat graue Haare und trägt zudem einen blauen Pullover. Er unterhält sich mit einer Frau, die sich etwas in einem Buch angestrichen hat.

Romans Gespräche sind irrelevant und außerdem möchte der Erzähler nicht so genau hinhören - es langweilt ihn zu sehr. Ich als Erzähler habe in einem anderen Café Platz genommen. Stellen Sie sich jetzt einmal das Unterschiedlichste vor, über Roman, und versuchen Sie, mit diesen Vorstellungen ein Buch zu füllen, das wäre meine Definition von Schriftsteller.

Ihm ist es zur Zeit noch nicht wichtig, ob sein Schreiben gut oder mittelmäßig ist. Ihn interessiert einzig, die Bezeichnung Schriftsteller für sich zu beanspruchen. Es liegt nun wieder in der Hand des Erzählers, den Text neuerlich ein Stück weit voranzubringen. Mir fällt ein, dass literarische Versuche über Depressionen meist kein Happy End nehmen, man nehme nur Sylvia Plath “Die Glasglocke“ als Beispiel. So wie ich angesichts meiner ausgetrunkenen Kaffeetasse schon wieder ganz perplex bin, ob es sich lohnt, eine fiktive Geschichte weiterzuschreiben, der geneigte Leser möge entscheiden.

Zum Deutschen möchte ich so viel sagen, dass das Imperfekt die Erzählzeit schlechthin ist. Das Tempus ist das größte Statement des Schriftstellers. Die drei Möglichkeiten stark/schwach/gemischt lassen sich dadurch umgehen, dass die starken Verben durch eine schwache Tempusbildung ersetzt werden können und das in 90% der Fälle mühelos verstanden werden kann. Die Bezeichnung unregelmäßige Verben ist nicht präzise (man vergleiche springe/sprang/gesprungen mit singe/sang/gesungen). Die starke, also ablautende Imperfektbildung ist allen Germanen mit Ausnahme der Afrikaaner zu Eigen.

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Über die vielen Nebensächlichkeiten sprechen. Mir ist nicht wichtig, ob Roman zu Mittag beim Asiaten ein Sushi-Set mittel bestellt hat (oder auch nicht). Auch andere Kleinigkeiten entgehen mir, obwohl gerade ein kriminalistisches Auge darin das Wichtigste sehen könnte: Welches war die Mordwaffe, wie sah der Fluchtwagen aus etc. Ich persönlich bin jemand, der solche Schilderungen gerne überliest. Stattdessen unterstreiche ich mir lieber gelungene Satzkonstruktionen und lerne sie auswendig. Ich bin übrigens wieder in meinem Stammcafé und sehe herüber zu den anderen Tischen. Interessante Begegnungen hat es heute nicht gegeben, wahrscheinlich müsste ich mich erneut mit Roman verabreden. Er war gestern im Museum und im Kino. Das hilft ihm – so sagt er – eine Katharsis zu erreichen. Er betont, dass es sich um Bildträger und nicht um Bilder handelt. Das Bild an sich ist ephemer und flüchtig wie Musik. Ich werde auf Roman wieder zurückkommen, sobald er mir einen Brief hinterlegt hat. Er braucht wahrscheinlich auch wieder Ruhe. Unterdessen kann ich den Raum des Textes tatsächlich mit Nebensächlichkeiten füllen. Ein Nachbar im Café telefoniert mit einem Smartphone, das in einer Kuhfleckenschale steckt. Ich kann schreiben, dass an einem anderen Tisch ein Kind mit einem gelben Auto spielt und gleichzeitig von seiner Mutter ein gelbes Auto in einer Werbeanzeige aus einem Magazin gezeigt bekommt. Nebensächlich ist weiterhin der Fakt, dass ich beim Schreiben eine graue Weste trage. Auch der Salzstreuer neben meinem Heft ist nebensächlich.

“Aber in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen ihre absolute Einsamkeit, das Gefühl einer universellen Leere und die Ahnung, dass ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endgültiges Desaster zuläuft, Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen“. Michel Houellebecq

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 16079

 

Ich muss es auch erst lernen

Wie es sich für jedes Lehrbuch gehört, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst möchte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrbücher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das eigentlich: Deutsch? Deutsch und Dutch - kann man das verwechseln? Warum ist Deutsch schwer - oder anders gefragt: Warum ist Deutsch so wie es ist? Warum verstehen die Schweizer Deutsch, aber die Deutschen keine Schweizer?

So viel ist bereits sicher: Deutsch ist eine indoeuropäische Sprache (früher nicht ohne Grund: indogermanische Sprache). Das liegt zum einen daran, dass sich das Deutsche – um einen bildlichen Ausdruck zu verwenden – einen möglichst elitären Freundeskreis gesucht hat. Und da sind Französisch, Altgriechisch und Latein natürlich interessanter als Uigurisch, Tatarisch oder Tagalog.

Halt, wird jetzt der eine oder andere fragen, was ist denn mit dem Sanskrit? Nun ja, es hat erst die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gebraucht um zu beweisen, dass diese Sprache noch altertümlicher als das Lateinische oder Griechische ist und zudem über eine viel größere Literatur als das Lateinische und Griechische zusammen verfügt. Bescheiden, wie es nun mal so ist, das Deutsche, hat es von nun an die Bekanntschaft mit den Indern gesucht und vorlaut behauptet, dort seinen verlorenen Bruder wiedergefunden zu haben.

Doch lassen wir Indien jetzt vorerst beiseite. Die europäischen hermanos und hermanas des Deutschen sind Niederländer, Engländer und die Skandinavier. Umso interessanter ist das gegenseitige Verhältnis: Das Deutsche hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus verständlichen Gründen seine relative Beliebtheit als Wissenschaftssprache an das Englische abgeben müssen. Auch die restlichen hermanos des Deutschen haben eher ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse mit dem Englischen betont, worin der Witz liegt, dass ohne die Hilfe des sehr latinisierten Englischen die Germanen nicht mehr miteinander kommunizieren können. Kaum ein Deutscher weiß zudem, welchem Nebenverdienst seine deutschen Wörter in den dänischen, isländischen oder schwedischen Wörterbüchern nachgehen.

Deutsch und Dutch, kann man das verwechseln? Um die Frage zu beantworten: Ja, man muss es sogar. Denn erstens stammen beide Ethnonyme vom althochdeutschen theodisk ab und zweitens: Haben Sie jetzt nicht das besserwisserische Gelächter eines Deutschen beim Lesen (wohlgemerkt: nur beim Lesen) einer niederländischen Zeitung im Kopf? Warum aber das Englische das theodisk gerade den Niederländern zuspricht? Vielleicht liegt es daran, dass im englischen German bestenfalls das schon erwähnte hermano durchklingt, schlechtestenfalls, dass sie das Niederländische für würdiger befanden, die Bezeichnung „deutliche Sprache“ zu verwenden. Apropos theodisk. In seiner althochdeutschen Form hat es für das Deutsche in einer Sprache überlebt - im Italienischen als tedesco. Das ist wahrscheinlich ein Beweis, dass die Italiener doch noch päpstlicher als der Papst sind.

Um wieder zu den Germanen zurückzukehren: Die genauere Unterteilung der germanischen Sprachen erfolgt nach Lautverschiebungen und der Geographie. Deutsch, Niederländisch und Englisch sind westgermanische Sprachen. Das ostgermanische Gotisch hingegen zählt als ausgestorben. Die skandinavischen Sprachen nennt man auch nordgermanische Sprachen - wenn Sie sich jetzt nun fragen, wo die südgermanischen Sprachen sind: Nun, es hat sie nie gegeben.

Warum ist Deutsch schwer - oder: Warum ist Deutsch so wie es ist?

Dafür gibt es zwei Gründe, die ich kurz nennen möchte: Warum ist Kernphysik schwer oder warum ist Theologie schwer? Weil man gelernt hat, Dinge als schwer zu bezeichnen, die einem langweilig sind oder für die man die Motivation nicht aufbringt, sich genauer damit zu befassen. Vielleicht liegt es daran, dass Deutsch und Englisch nicht dasselbe sind oder dass auch die restlichen Sprachen nun einmal so sind wie sie sind. Machen Sie doch folgendes Experiment: Sagen Sie sich jedes Mal vorm Schlafengehen auf: Grundrechenarten sind schwer. Vielleicht zeigt es irgendwann seine Wirkung.

Warum verstehen die Schweizer die Deutschen, aber die Deutschen die Schweizer nicht?

Nun, das ist eine ganze einfache Rechnung. Ist es besser, nur vier Millionen Menschen zu verstehen oder vier Millionen plus zweiundachtzig Millionen? Und nun umgekehrt: Sind vier Millionen von 86 Millionen es wert, sich einmal reflexiv mit seiner eigenen Sprache auseinanderzusetzen? Eben!

Michael Bauer
https://mb85inbox.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 16062

 

Vorläufige Grabungsergebnisse

Vorläufig. Und um nicht an ein Ende gelangt zu sein: das Abgeschlossene eines Prozesses, der wahrscheinlich – wäre er nicht von uns ins Leben gerufen worden – nie existiert hätte. Wir nehmen es hin, dass wir immer und immer wieder nur die halbe Wahrheit wissen können. Wir nehmen es hin, dass vielleicht unsere Gedankenübungen überhaupt keine Ergebnisse zu Tage fördern werden. Wir nehmen alles so hin. Man hätte sich einmal und nur einmal auf die Suche machen müssen, nach all dem Opaken, das unterhalb unserer Wirklichkeit sich befände. Das Bewusstsein, dass wir nicht die Ersten waren und nicht die Letzten sein werden. Unser Boden der Tatsachen sollte von nun an seine Tragfähigkeit unter Beweis stellen oder ein letztes Mal unter Beweis gestellt haben. Du kannst dir kaum vorstellen: Wir hier oben leben so vor uns hin und dort unten ist vielleicht alles ganz anders. Die Reste der Zivilisation von zehntausenden Jahren und ein Zeitrahmen, der für die Erde nur ein Tag gewesen sein muss. Vielleicht, so dachte er, werde die Zukunft vorhersehbarer, hätte man nur ein genaueres Bild von der Vergangenheit und deren Vorvergangenheiten. Aber auch dies war nur eine Spekulation. Eine nichtstattfindende Grabung. Vielleicht unabgeschlossen, in Gedanken, als ob man diese Grabung nur so unternehmen könnte.

Oberflächlichkeit des eigenen Denkens, immer nur auf kürzere Zeit, ein paar Tage im Voraus, ein paar Tage im Nachhinein. Längere Pläne waren nicht mehr zu erstellen, und vielleicht war es mal einer jener Tage, in denen dir kalt wurde vor der Welt draußen, draußen, das heißt: außerhalb deines Lebensmittelpunktes. Worte, gesagte, die nichts ausdrücken sollen; Arbeit, bezahlte, die zu nichts weiter mehr führen sollte als zur Verwaltung und zu bloßem Wiederkäuen eines Apparates, der außerhalb deiner Erinnerung angestoßen worden ist. Du hättest ja noch nicht einmal gewusst, was er auf die Ausgrabung hätte mitnehmen können. Es war nicht immer so wie im Film so leicht, und kaum würdest du ein paar Meter weitergraben, würdest du vielleicht überhaupt nichts finden. Boden, der auch vor tausend Jahren hier gewesen ist. Du denkst nicht darüber nach.

Ruhend in sich an ein Ende auch der Geschichten der letzten Monate gelangen: dieselbe Stille, die du gebraucht hättest, um deine Arbeit zu beginnen und um das Um-sich-Rauschen der Welt näher wahrnehmen zu können. Nicht viele Gedanken darüber machen, nicht vieles außerhalb deines Inneren in dich hineinbringen. Das In-dich-Hineingebrachte und das, was in deiner Grundstimmung, deiner suchenden, nichts verloren gehabt hätte: Geld ausgeben zu müssen, um Erlaubnis fragen zu müssen; alles noch einmal von vorne zu beginnen, sollte es nicht funktionieren. Das Ganze bedingt sich und Zuschüsse, die man zwar bekommt, aber immer öfter noch ist darüber nachzudenken, dass man nicht alleine deswegen damit anfangen sollte.
Leider hätte sich alles nicht so ergeben, wie das Ergebnis am Anfang in der Vorstellung hätte aussehen sollen, und auch die ganze Nachzukunft dieses Ergebnisses, das noch weit außerhalb deiner Reichweite gelegen ist. Stellten wir uns Menschen vor, vielleicht vor einhundertfünfzig Jahren zu Zeiten Schliemanns und Dörpfelds. Die hätten wahrscheinlich auch einmal so drauflosgegraben, draußen, wahrscheinlich auf irgend so einem Acker. Bei Vollmond. Trunken. Hineinphantasieren die Schlachten um Troja, den Untergang Pompejis in die Erde. Unter Umständen hätte man das Ganze in einem anderen Land fortsetzen können, wenn man hier mit den Trockenübungen begonnen hätte.

Äußerlich war alles noch beim Alten: Der Grabungstag hätte ein Montag werden sollen, der fünfundzwanzigste September um acht Uhr dreißig. Was haben wir eigentlich vor dem Internet gemacht? Und immer noch nicht das Zurückkehren in die Vergangenheit, das eigentlich Beschlossene in einer Zeit, in der wir mehr Ruhe gehabt haben. Bis zum dreißigsten Grabungstag irgendwelche Ergebnisse. Und wenn nicht: Erfand man nicht für uns welche? Das Einzige, was ich hätte machen können damals, ausgeschlossen von allem. Eingeschlossen und das Ganze, was noch nicht einmal geschehen war und nicht hätte geschehen können. Das Äußere noch, was nur die Scheinwelt einer anderen Welt sein soll. Oder ist das Innere die Scheinwelt?

Und wenn es nicht so gewesen wäre, wie wir es uns vorgestellt hätten, damals? Und wenn alles anders gewesen sein muss, wie es jetzt den Anschein erweckt von der Vorvergangenheit, von der wir nichts mehr wissen können außer der bilderlosen Ahnung, dass es sie gegeben haben muss. Das Wenigste, das noch hätte geschehen können, war vorauszuahnen gewesen: Zu einem inneren Nachdenken hätte es aber dennoch nicht reichen können. Wenn am heutigen Tag irgendetwas geschehen wäre, das erwähnenswert genug gewesen wäre, um erwähnt werden zu können, dann ist es das, was uns jener fünfundzwanzigste September gelehrt hatte, nämlich, dass eine Ausgrabung das Wort GRAB enthält und Sarg und Gras und Grab verbarg. Vorläufig, und um nicht an ein Ende gelangt zu sein. Wiederlebendigwerden aus der herausgetropften Ahnenbrühe. So wortlos in sich versunken in sein Elend in vier Holzwänden. Überwältigbar. Leicht. Auferstehend auferstanden. Amen.

Freilich hättest du auch anderes unternehmen können als diese Grabung, die doch zu keinem Abschluss wird führen können. Und in einigen Wochen wäre sowieso alles wieder vergessen worden. Alltag in deinen vier Wänden. Gewöhnlichkeit innerhalb der selbstauferlegten Komfortzone. Was freilich nicht heißt, dass nur in der Archäologie und im Tiefbau gegraben werden muss. Hätte man nicht den Pflug erfunden, gäbe es keine Häuser, keinen Sinn für Ordnung in der Welt. Erst der Gedanke an die gerade Linie, die bewirkte, dass wir Zeit als Entwicklung sehen, dass wir Menschen die Erde beherrschen könnten und nicht umgekehrt. Dass nichts wie im Kreise zurückkehrt und alles sein Ende, Ziel und seinen Sinn hat. Es hat kein Ziel, keinen Sinn, kein Ende sagst du dir und denkst:
Irgendwann. Wenn es dunkel wird, weitergraben und berauscht sein von der Nacht, die nun einen Schatten wirft auf den Tag und das Mondlicht, das uns dann scheinen wird und dann wird sicherlich die Öffnung des Grabens stattfinden und hervorbringen: Leichen, Knochen, Ähnliches. Fauliges, Gärendes, Schlammiges. Zu Tage aus dem In-der-Erde aber nicht In-der-Welt sein. Ähnliches: Erdöl für den ganzen Bedarf, wie viel Erdöl schon aus der Erde genommen worden ist und hoffentlich hört es irgendwann einmal auf. Den Rest kann man sich ausmalen.

Geschichten, von denen es schon genug zu geben scheint: ein Mörder, der eine Leiche verschwinden lassen muss, Zurückgelassenes von anderen Menschen, deren Leben schon vorbei war, als deine Welt nur eine Ahnung war. Erde, Erde, nichts als Erde und Gestein. Und Gefäße und das Gequassel der Mitarbeiter. Die wunderbare Entdeckung, das Unerwartete: Grabraub. Der Fluch des Pharao. Tod und Leben und Wiederauferstehung.

Es kann durchaus sein, dass etwas entdeckt wird, das noch niemand entdeckt hat, und schon die kleinsten Abweichungen von den bisherigen Funden könnten die Theorien der Wissenschaft in Staub und Asche legen. Das zum Neuen gewordene Uralte: ein Knöchel des Neandertalers, der doch anders war, ein unbekanntes Zeichen auf Münzen. Das Wetter macht sich seinen Reim drauf, du kannst auch noch schreiben, ach herrje. So man es nicht einfach zur Seite legen kann, das Ganze. Wiederlebendigwerden und die Zeit, die vergangene, nicht auf einer Achse, nicht in Zyklen. Ernten, Sommer. In dir die alten Gewissheiten deines Lebens: das Geldverdienen, das Erwachsenenwerden, die Pennälerweisheiten. Alles, was an einem gewissen Punkt nicht mehr tragfähig sein wird.

Michael Bauer
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 16054