Kategorie-Archiv: Michael Bauer

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Vielleicht klingt es wie Thomas Bernhard

Also sagte sie, nachdem sie den Lehrling, der ahnungslos war, nämlich von so einer großen Ahnungslosigkeit, wie sie nur den Lehrlingen eigen sei, und diese Lehrlingsahnungslosigkeit, das sei doch eigentlich das Schlimme, nicht wahr, es gebe nur Weniges, was von ebendieser Ahnungslosigkeit übertroffen werde, dieser Dumpfheit und Gleichgültigkeit. Ebenjener Lehrling, dieser Dümmling, der es doch fertiggebracht habe – und das müsse man sich einmal vorstellen –, ja, das könne man sich eigentlich gar nicht vorstellen, wenn man es recht bedenkt, so wie die meisten Leute es eben bedenken, dieser Lehrling hat es doch fertiggebracht, dass er diesen Waschlappen, diesen Fetzen Stoff von billigster Ausschussqualität, diesen Wegwerflappen –  und es seien dies heutzutage nur noch Wegwerflappen, so wie alles heutzutage nur noch Wegwerfprodukte von billigster Ausschussqualität –, in die Wäscherei bringt und dafür noch eine Rechnung von zwei Euro neunundneunzig bekommt. Diesen Waschlappen, diesen billigen Ausschusstextilwegwerflappen habe sie sich, weil sich die Gelegenheit biete, und diese biete sich ja und umso mehr als studierte Kunsthistorikerin, das solle man sich einmal vorstellen, sie habe, sagte sie mir, sich diesen Wegwerflappen in ihr Büro hängen und rahmen lassen, und der Rahmen, nicht wahr, verändere ja alles und mache diesen Wegwerflappen zu einem Kunstobjekt und – das wäre nicht das  Erstaunliche – jetzt sehe er ja aus wie Kunst und es könnte ja von Joseph Beuys, was ja der ungelernte, der ahnungslose Betrachter nicht wissen könne, und da sei sie jetzt stolz, und nachdem sie das sagte, notierte ich mir diese dümmliche Geschichte, wie beinahe das ganze dümmliche Geschwätz, das sich ja letztlich nur noch um sich selbst im Kreise drehe, um den eigenen Status zu bestätigen, denn den Dümmlichen sei ihr Status gewissermaßen heilig und ebenjene  Person, deren Stolz jene verblödete Geschichte, die sie mir erzählte, und heutzutage häuften sich diese verblödeten  Geschichten ja, ebenjene Person brachte mich auf die Idee, eine Idee, die vielleicht selbst dieser Verblödung nichts entgegenzusetzen hätte, aber immerhin hätte es mich auf die Idee gebracht, diese Geschichte, wie sie sagte, zu erzählen (und durch meine Worte, meine jämmerlichen Worte bewegten doch nichts, eben das sei ja das Tragische) und sich dabei zu denken, dabei sei das Denken in diesem Moment überhaupt nicht förderlich, ja das Denken sollte in solchen Fällen verboten werden: Immerhin klingt es jetzt ein wenig wie Thomas Bernhard.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 22065

Understanding Mölzer. Ein Essay

In den letzten Wochen ist es immer wieder zu Diskussionen über die Äußerungen von Andreas Mölzer gekommen. Wie ist damit umzugehen? Es gibt die eine Fraktion, die zu Recht empört ist und die Äußerungen Mölzers als neuesten verbalen Tiefpunkt in der österreichischen Politik ansieht. Beschweren sich nun Erstere über die unhaltbaren und unerträglichen Sätze, werden diese wiederum als linkslinke Wortverdreher abqualifiziert und Mölzer als deren Opfer stilisiert.

Was können wir als langfristig daraus lernen? Dass wir mit unserer medialen Empörung der FPÖ in die Hände spielen, möglicherweise.

Versuchen wir doch einmal, Mölzer wortwörtlich zu nehmen und uns in seine Gedankenlogik hineinzuversetzen. Als Erstes wäre da der Textausschnitt aus dem SZ-Magazin. Darin behauptet der EU-Abgeordnete:

Es ist eine Frage auch des gestalterischen, des Arbeitsethos, was aus diesem Europa wird:
Entweder sind wir ein Negerkonglomerat, totales Chaos, sage ich jetzt bewusst brutal
politisch nicht korrekt. Wo das Chaos sich vermehrt, wo Massenzuwanderung, wo
institutionelles Chaos, wo wirre Konzerninteressen ...(SZ-Magazin)

Was will uns Mölzer also damit sagen? Er entwirft in diesen Sätzen ein Krisenszenario, das er durch seine Wiederwahl ins Europäische Parlament zu verhindern hofft: also ein durch ein wie auch immer beschaffenes Konglomerat ausgelöstes oder kultiviertes Chaos, das Massenzuwanderung und Konzerninteressen nichts entgegenzusetzen habe. Dies sage er „bewusst brutal politisch nicht korrekt“. Andererseits beklagt er sich wieder darüber, dass es „sicher nicht so viele Regeln und Vorschriften, Gebote und Verbote“ in den „düstersten Systemen“ des 20. Jahrhunderts gegeben hätte. Wie passt dies alles zusammen?

„Und allmählich dämmerte es ihm, ... dass er von jetzt an, falls es ein Von-jetzt-an für ihn
geben sollte, sein krankhaftes Streben nach Ordnung aufgeben und sich ein wenig Chaos
gönnen musste; denn Ordnung war nachweislich kein Ersatz für Glück …“ (John Le Carré)

Schon ein Blick in den Duden „Abwesenheit, Auflösung aller Ordnung; völliges Durcheinander“ hätte genügen müssen, um zu sehen, dass ein Konglomerat, das totales Chaos in sich birgt, nicht viel mit „Regeln, Ge- und Verboten“ zu tun haben kann. Weitere Quellen oder Beispiele für seinen eigenartigen Vergleich nennt er natürlich keine. Was kann es denn dann sein, das den EU-Abgeordneten Mölzer so sehr an seiner Institution zweifeln lässt? Wozu möchte Mölzer dann in das EU-Parlament gewählt werden? Und wie stellt er sich eigentlich die EU vor, für die er doch kandidieren möchte?

Gehen wir dafür nun einen Schritt weiter mit unserer Analyse und nehmen wir uns die Interpretationsansätze zu Hilfe, die Mölzer selbst nachgeliefert hat. Es könnte ja Mölzer durchaus – und besonders als Österreicher – ein Freudscher Versprecher unterlaufen sein und er sich „zu den Wünschen bekannt“ haben, welche er als seiner „Persönlichkeit nicht gemäß und als peinlich abgewiesen hat“.

Setzt man nun in den oben genannten Text ein – Zitat „nekrophiles Konglomerat“ ein, so könnte auch Mölzer selbst – immerhin mit seinen 61 Jahren auch nicht mehr der Jüngste – und seinem Wunsch nach – ich zitiere: „nicht so viele[n] Regeln und Vorschriften, Gebote[n] und Verbote[n]“ in den düstersten Systemen (Stichwort: Nekrophilie!) vielleicht ja selbst Teil dieses Problems sein, ohne es sich überhaupt bewusst geworden zu sein. Wie heißt es doch im Matthäusevangelium 7, 3 (Jawohl, Abendland in Christenhand!): „Den Splitter im fremden Auge sehen, aber nicht den Balken im eigenen.“

Auch die Phonetik birgt manchmal größere Schwierigkeiten in sich, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt: Trotz oberflächlicher Ähnlichkeit kommt das N-Wort von „niger“ (schwarz), „nekrophil“ hingegen von „nekros“ (tot). Und dann wären wir wieder einmal beim Thema Freudscher Versprecher: Vielleicht hat das Ausländerbild der FPÖ schon dazu geführt, beides in eine  besorgniserregende semantische Nähe zu rücken: Omofuma oder die jüngsten Ereignisse im Mittelmeer zeigen es ja.

Es ist darum fast schon schade, dass Mölzer sich nicht so elegant und einfach – dem Vorbild seines Parteivorsitzenden Strache folgend – aus der Sache herausredet, er habe doch nur so ganz spontan während des Interviews etwas Trinkbares bestellen wollen (Drei Bier! – Konglomerat).

Spätestens hier aber rudert Mölzer zurück und entschließt sich für eine andere Argumentationsstrategie: Er geht noch einmal zurück zum N*-Wort und behauptet offensiv:

„Das Wort Neger als solches ist ein normales deutsches Wort, das weder eine Wertung noch sonst etwas beinhaltet. Das kann man verwenden, genauso wie das Wort Zigeuner.“

Was heißt das? Will Mölzer etwa damit sagen, dass nur ein „normales deutsches Wort“  die Weltsicht des „normalen Deutschen (oder Österreichers)“ im FPÖ-Sinn repräsentieren darf? Dann scheint diese Aussicht logisch. Vielleicht ist auch Mölzer jemand, der sich im Gegenzug sehr gerne als Gringo, Gadscho, Langnase, Bleichgesicht bezeichnen lässt, denn wenn schon biologische und rassische Taxonomien, dann bitte richtig!

Warum stand Mölzer dann anfangs nicht zu seinem N*-Wort,wenn es doch so ein „normales deutsches Wort“ ist? War es für sein Über-Ich vielleicht nicht ebenfalls ein genauso „normales deutsches Wort“? Oder war es ebenfalls wieder nur der Freudsche Versprecher, der im Übrigen besonders häufig im Vergessen fremdsprachlicher Worte zu Tage tritt: Natürlich bedeutet die metasprachliche Äußerung „brutal politisch nicht korrekt“ auch dasselbe wie „satirisch-ironisch“. Ist ja eh wurscht, sind ja alles Fremdwörter. Da kann man ruhig auch mal „satirisch-ironisch Tacheles“ reden, wie er auf seiner Webseite schreibt.

Was sollte dann auch der Begriff N* für Mölzer beinhalten? Einen Menschen, möglicherweise? Vielleicht definiert ja der freiheitliche EU-Abgeordnete „normale deutsche Wörter“ einfach so, dass sie „weder Wertungen noch sonst etwas beinhalten“. Damit ist schon einmal ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur De-Chiffrierung Mölzers getan. Sollte es sich am Ende gar noch herausstellen, dass es sich bei ihm um einen Sprachskeptiker Wittgensteinscher Prägung handeln sollt?

Vielleicht hat die sprichwörtliche FPÖ-typische Gedankenfreiheit einfach schlicht Angst vor der bösen EU und der noch viel böseren NSA und dafür eine dem Laien unverständliche Chiffrensprache entwickelt?

Es stimmte übrigens auch: Das N*-Wort ist rückwärts gelesen, ein ganz normales deutsches Wort: Es bedeutet nämlich „Regen“. Diese Lesart (engl.: Backward Messaging) ist natürlich berechtigt – ein jeder Fan von Led Zeppelin, Nirvana und Co. weiß das. Vielleicht sei das N*-Wort ja als dezenter Hinweis darauf gedacht gewesen. In diesem Sinne:

„Tkerrok tchin hcsitilop laturb tssuweb tztej hci egas, soahC selatot, taremolgnokregeN nie riw
dnis redewtne.“ (saerdnA rezlöM)

Quellen:

Geschrieben im Vorfeld der EU-Wahl 2014 anlässlich der Kandidatur Andreas Mölzers

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 22058

Über dem Meer

Und plötzlich finde ich mich
wieder. Hier. Im Reich der Mitte.
Angebunden. An einen Stuhl.
In der Geschlossenen.

Nihao, zhi zhi, nicht viel.
Aber alles, was ich sagen kann.
Ich höre der Stille zu.

Ein alter Mann (so genau weiß
ich das Alter nicht mehr) gibt mir
Suppe, Bonbons, Kirschen
„Where do you come from?“
„That’s taboo!“

Ich zeige auf meine Wunden.
„Who did this to you?“
„That’s taboo!“

Er öffnet meine Fessel. Geht
mit mir ins Bad. Lässt Wasser
in ein Gefäß und reinigt mir
die Wunden. Ein Labsal.
„Where do you come from?“
„From the German consulate.“
Er trocknet mich sanft ab.
Es fühlt sich so schön an.

„What did these people do with you?“
„I don’t know.“
Ein kurzer Moment des Innehaltens.
„Why these people brought you here?“
„They said that I was an extremely dangerous person.“
Ich lächle, dann umarme ich ihn.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22054

 

Wild

St. Pölten, 21. August 2011

Liebe Natalia!

Wenn man sich eine Vorgeschichte ausdenken wollte, die immerhin gut genug sein sollte, um als glaubwürdige Wahrheit durchgehen zu können, so müsste man zuallererst deutbare Fakten aus der Vergangenheit finden, an denen man die eigenen Theorien festmachen könnte. Steige ich wie Orpheus hinab in das Vorherige? In das Leere, Unbedachte? Geschichtslose und Existenzlose? Die Geschichte vom Goldenen Zeitalter, vom Garten Eden? Darauf gehe ich nicht ein! Es ist irgendetwas Verstörendes geschehen und eine Oktave tiefer beginnt wieder alles von Neuem:

Wir saßen zu zweit abends beim Chinesen vor einer Landschaftsmalerei, und es hätte sich gerade in diesem Zusammenhang etwas auftun müssen: dass das Bild in seiner Einfachheit, in seiner Selbstverständlichkeit alles, ja wirklich alles wiedergibt, was von Relevanz für uns ist. Damals war alles so schwer, so naiv, so erdlastig. Es war so furchtbar. Jedenfalls nicht alles. Aber der ganze Kontext. So wie alle Farben gemischt irgend entweder Weiß oder etwas Ähnliches wie Kackbraun ergeben.

Die doppelte Unschärfe zwischen dem Erhabenen und dem Niederen. Zwischen dem verbrennenden und dem wärmenden Feuer, zwischen der holden und der vernichtenden Natur. Das wievielte chinesische Sprichwort war das schon wieder? Die Stadt kannst du wechseln, den Brunnen nicht!

Da könnte ich schon einmal nachhaken: Wo genau soll sich eine solche Landschaft befinden: China? Taiwan? Korea? Hat das innere Auge des Zeichners sich diese für uns ausgedacht und wenn ja, was waren die Gründe dafür?

Du, ich habe da eine schöne Idee, was das darstellen könnte nicht. Und vergiss bitte mal den Schrott mit der Naturmimesis. Mir ist, als ob dieses Bild – und wahrscheinlich gäbe es eine viel bessere Vorlage eines bekannteren Meisters –, mir ist so, als wäre dies eine Drohung. Als ob die Berge, der Fluss die Wolken irgendetwas Schlimmes verbergen würden, das man nicht sehen kann. (Sollten wir sicherheitshalber den Restaurantchef fragen, ob er es woanders hinhängen könnte.) Also mir macht das Angst. Ich führe das aber nicht mehr weiter aus. Berge sind übrigens Scheiße. Das Schöne ist nicht des Furchtbaren Anfang und selbst Rilke hätte dieser Kitsch nicht gefallen, da bin ich mir aber sowas von sicher. Bach und Agricola und Arsen. Das Feuer brennt, aber es kann für einen Moment nichts passieren. Du hast fremden Menschen gegenüber immer ein Messer in der Tasche dabei und du würdest es – ich weiß es – auch mir gegenüber einsetzen.

Wenn es denn tatsächlich ein früheres Leben gegeben haben könnte, dort in – sagen wir mal: Sichuan –, dann wäre es auch der Grund, warum ausgerechnet dieser verdammte Platz unter diesem verdammten Landschaftsbild unser beider Stammplatz geworden wäre. Das Bild war uns natürlich noch nie so richtig aufgefallen, der gewohnte China-Kitsch eben.

Die Orientierung im Raum. Wir hätten jetzt einen Walzer anfangen können und die Bilder hätten uns geholfen, dass uns nicht schwindlig geworden wäre. Das Chop-Suey wäre uns gerade recht gewesen, unsere Körper zu besudeln, warm, animalisch und süß-sauer. Du hättest mir die Brust geben können. Und deine Schuhe, die aussahen, als wären sie nur für Tanzabende gemacht worden, wären mir auch gerade recht gekommen. So etwas trägt man heutzutage im Büro? Dein Kleid aus China mit den Tigerzeichnungen? Bach und Donau und Flow. Man steigt nur einmal in denselben Fluss.

Und während des Tanzes zogen wir Linien wie mit dem Pflug, die mählich gerader und gerader werden würden, so dass sie uns mit Früchten beschenkten und erfreuten.
Apropos Fruchtbarkeit: Wir verloren uns ein zweites Mal wie beim Tanz in diesen uralten Fluss: Du bist nicht Tanja W. und ich bin es auch nicht. Eine völlig unscheinbare Angestellte, ein völlig unscheinbarer Angestellter. Aber irgendetwas entstand damals, ein Werdegang, nicht wahr. Es war letztlich deine Idee, das mit dem Import. Nicht für Europäer gemacht, nur Exotik. Rosenblattmarmelade aus den Rosenblüten vom Frühjahr. Sollten wir sie nicht einmal selbst machen?

(Wir könnten im Internet, du, ich habe vorhin im Internet nachgeschaut, wie das gehen müsste.)

Auch die eigenartigsten Vergleiche, die du mir entgegenbringen musstest, als Zeichen deiner Liebe. Obst, Gemüse, Bäume, Vieh: alles, was in der bäuerlichen Gesellschaft wertvoll und prächtig erscheinen muss. (Man muss loben können und zuvörderst den Wein, den Wald und die einfachen Sachen, die uns wichtig sind, das einfache Leben loben.) Meine Überzeugungskraft war nicht so, wie ich es mir erwünscht hatte, aber ein uralter Trieb, der uns zwingt, den Barbaren überlegen, aber dennoch neidisch angesichts ihrer Freiheit und ihrer wilden Bräuche zu sein. Erfanden wir die Marmeladenrevolution, den gemeinsamen Tanz ums Feuer.

Vielleicht sind das letzte wortlose gemeinsame Kochen und Tanzen Bleibendes in unserem kollektiven Gedächtnis.

Man war nicht füreinander gedacht und bemühte die angestrengteste Mythologie: Es waren einmal zwei Menschen, in einem früheren Leben ein glückliches Ehepaar, die genau am selben Tag, genau zur selben Minute geboren, an zwei verschiedenen Orten wiedergeboren worden sind, aber nicht voneinander wussten, aber durch die gegenseitigen Ahnungen, die beide voneinander gehabt hatten, hätten  – wenn sie sich nur ein einziges Mal getroffen, oder voneinander gehört oder das Bild des anderen gesehen hätten, sofort erkannt, dass sie für immer und ewig füreinander bestimmt gewesen sind. Da das Glück dieser beiden Menschen, sich wiedergefunden zu haben, so groß gewesen wäre, dass alle anderen Menschen, die dieses Paar sehen würden oder von ihrem Schicksal erfuhren, auf der Stelle ihren Lebtag lang todunglücklich werden würden, ist jenes Paar mit dem Fluch belegt worden, sich nie in ihrem Leben auch nur einen Millimeter in den gemeinsamen Wahrnehmungsraum zu geraten und sich geradewegs durch eigenartige Zufälle auf Reisen oder sonstigen Treffen um Haaresbreite zu verpassen. Das Schicksal wollte es, dass beide ihr Leben lang unglücklich sein und immer unsympathische Menschen kennenlernen mussten. Schön ist sie aber, ohne Zweifel, die Gleichzeitigkeit: Irgendwo einen unglücklichen Zwilling zu besitzen und mit ihm aus derselben Quelle getrunken zu haben. Genauer: Milchverwandte, dieselbe Milch noch trinkend …

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22051

 

Das Leben schenkt uns so viel

„Ich musste in jenen Augenblicken, in denen ich an dieses eine Jahr zurückdachte, häufig an die verpassten Gelegenheiten denken. Gott bewahre, meine Schüchternheit.
Meine Gedanken gingen in die Ferne, einmal nahm ich sogar eine Landkarte aus der schuleigenen Kartothek heimlich mit nach Hause. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Später fragte ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns nachmittags bei dir zuhause getroffen hätten. Unter dem Vorwand, dir mit dem Deutschen zu helfen und bei formalen Schwierigkeiten, die der Alltag in einer deutschen Kleinstadt eben mit sich bringt, hätte ich glänzend dein Vertrauen gewinnen können. Und das verspätete Nachhausekommen wäre für mich ein Grund gewesen, noch motivierter zu sein.
Du warst mir mit Sicherheit doch weit überlegen.

Jedenfalls verabrede ich mich hier, zehn Jahre später, wieder mit dir. Der Wunsch nach der Wirklichkeit der Bilder. Um einfach zurückzugeben, was ich für dich empfand: Wie wäre es mit einer Einladung ins Kino gewesen? Ich hätte dir irgendetwas beibringen können  –  zusammen kochen.

Später wurde mir klar, dass eines der schönsten Dinge, die ich dir anbieten hätte können, ein Ausflug zum Wandern oder an einen Badeteich gewesen wäre. Absichtslos das Sein genießen. Eigenes oder fremdes oder beides. Ohne Blicke und ohne Worte und ohne Berührungen und ohne Gedanken.
Mein inneres Auge begann genau in diesem Moment mit Sehnsucht die Landkarte entlangzuwandern. Das Leben schenkt uns so viel.“

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 22050

Marlies-Momente

Und manchmal erinnerte ich mich noch an sie. Wir kannten uns ziemlich gut, damals noch, in der elften Klasse, als wir uns zum ersten Mal sahen: Marlies und ich. Als sie plötzlich und unvermittelt neben mir Platz nahm. Natürlich krümmte sich der Raum um sie herum. Sie hatte das, was man als das „gewisse Etwas“ bezeichnen könnte. Jedenfalls waren die anderen nicht so aufregend. Sie hatte auch andere Interessen als die anderen: Als sie einmal in der Klasse nach ihrem Lieblingsfilm gefragt wurde, nannte sie „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“. Ein anderer Mitschüler kannte nur James Bond.

Jahre vergingen und wir verloren uns aus den Augen. Doch ich hatte gelernt, Menschen wie Marlies zu schätzen, die es vollbrachten, dass sich alles rund um sie veränderte. Schnell begann ich ein Studium und merkte, wie mich meine Kommilitonen anödeten. Sicher, ich hatte das falsche Fach studiert, ohne es zu merken. Dies fiel mir lange Zeit aber gar nicht auf, und ich nahm teil an den anderen Späßen. Doch auf einmal kamen diese Austauschstudierenden und wollten in der Mensa mit uns über Bücher reden. Was sie alles kannten. Dante. Boccaccio, Shakespeare. Eine Studienkollegin sagte, sie kenne nur „Lord of the Flies“. Bzzzz. Und das, ohne rot zu werden.

Manchmal – aber das ist eher schon die Ausnahme – treffe ich Menschen wie Marlies. Menschen, die aus der Masse hervorstechen und eben den Raum krümmen. So jemandem zu begegnen, ist mir manchmal unheimlich, dann fühle ich mich verletzt, eingeschüchtert. Aber hin und wieder verspürte ich den großen Wunsch, genauso zu werden wie sie.

Marlies studierte jetzt irgendeine Geisteswissenschaft. Und was sie machte, das musste ja gut sein. Sie war jedenfalls keine dieser oberflächlichen Studierenden, die, sobald die Schule zu Ende war, kein Buch mehr in die Hand genommen hatten. Und es war ja nicht nur das. Klar, dass sie einen besseren Musikgeschmack und Lebensstil hatte als die anderen.

Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, hätte ich solche Leute wie Marlies nicht getroffen. Ich würde noch immer dieselben dummen Späße machen wie die anderen aus meiner Klasse und würde mich nicht genieren, dumm zu schwadronieren, und das noch mit vierzig.

Sicher, es gibt in der Soziologie so etwas wie das „kulturelle Kapital“. Dies wird durch die Eltern gewissermaßen vererbt. Manche haben mehr davon, manche weniger. Gerade am Beginn des Studiums gibt es ein Aussortieren zwischen den prestigeträchtigen Fächern Jus und Medizin, den als „brotlos“ verschrienen Geisteswissenschaften und einigen biederen Alternativen. Klar bedeutet es für Menschen aus einem bildungsungeübten Haushalt überhaupt schon einen Aufstieg, studieren zu können. Nach einiger Zeit müsste man aber doch merken, dass man manchmal für dumm verkauft wird. Und irgendwann gehen, wenn es einem zu blöd wird.

Meine ganzen Jahre verbrachte ich damit, Leuten wie Marlies zu imponieren. Und genau das war auch meine Motivation: dass es viel schöner war, Zeit mit geistreichen Menschen zu verbringen als mit anderen. Leider waren solche Begegnungen wie die mit Marlies viel zu selten und manchmal wusste ich auch nicht die Chance zu nutzen.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich. Sie zu hinterfragen hat keinen Sinn“: So oder so ähnlich heißt es in der Bibel. Ich hoffte innerlich auf mehr Marlies-Momente, doch die kamen immer sehr unerwartet. Und ich habe gelernt, diese Momente auch anzunehmen, in Dankbarkeit und Demut. Denn das Schöne auf der Welt ist eine sehr zarte Pflanze auf einem unwirtlichen Planeten ...

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 22038

Bioskop

„Hast du eine lieblingsschauspielerin?“, fragte ich und damals hätte ich noch nicht wissen können, dass alles, was ich bisher über zwischenmenschliches wusste, aus ebenjenen filmen entstammte, die ich spätabends nach meiner arbeit im kino angesehen habe. Und die traumfabrik. Wo träume hergestellt wurden  (träume sind schäume) und doch: als sechzehnjähriger hat das alles noch ein versprechen. Und du wolltest genauso leben, mit diesen lockeren sprüchen, mit diesen kameraeinstellungen und schnitten. Und du wolltest etwas erleben, im auto entlang an der costa del sol oder so ähnlich, in der hand eine zigarette. Und du wolltest lieben, so leidenschaftlich (woher wusstest du eigentlich, was das war …?) und erfahren, wie das geht, das schöne leben, oder das schönere, vielleicht. Und als du diese filme zuerst sahst, warst du ergriffen und erst jahre später, als du sie wieder sahst, wurde dir klar, worum es überhaupt ging. Und als dein späteres ich in diesen roten klappsesseln versank (kannst du mal die klappe halten …?) mit getränk und snacks und diese hundertundnochwas minuten, die alleine dir gehörten. (warum gab es im theater, in der oper kein popcorn …?). Versunken im abendhimmel danach, mit sich allein …

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n| Inventarnummer: 22017

Hale-Bopp oder: Die Chance seines Lebens

Es war die Zeit, als ich mich in der Schule für Katharina interessierte. Ich war damals in der neunten Klasse, die Mädchen waren verrückt nach Boygroups wie den Backstreet Boys, die Tamagotchis eroberten die Pausenhöfe, die ersten Handys kamen auf den Markt (vom Smartphone konnte man noch nicht einmal träumen), man bezahlte noch mit Schilling und es bahnte sich mit dem Internet eine Revolution an, die wir zunächst skeptisch sahen. Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, war damals noch nicht so. Wir schreiben, der geneigte Leser mag es schon geahnt haben, das Jahr 1997. Da sich Erinnerungen im Nachhinein immer stärker von der erlebten Wirklichkeit unterscheiden, möchte ich hier doch versuchen, zumindest das Gröbste der Wahrheit getreu zu erzählen und hin und wieder etwas zu erfinden, um die Geschichte ein wenig spannender zu machen.

  1. Die Aufbruchstimmung.

Wenn es eine Zeit gab, die einen gewissen Vorgeschmack auf die Zukunft geben sollte, dann diese. Ich fieberte dem neuen Jahrtausend entgegen und dachte noch, dass wir 2001 eine Odyssee im Weltall erleben und 2010 Kontakt aufnehmen würden. Von dem Kometen erhoffte ich mir einen Auftakt gewissermaßen für die Zukunft und irgendwann würden ja die Ufos landen. Aber warum war ich damals so darauf erpicht, in Kontakt mit Außerirdischen zu kommen? Na ja, das Leben schien mit fünfzehn sich doch allmählich in seinem Alltagstrott einzupendeln. Sah man von den ersten Discobesuchen und Tanzkursen ab. Und wie gesagt, dass Jahr 2000 war zum Greifen nahe, aber dennoch eine jahrzehntealte Utopie. Ich kann mich noch gut an die alten Fernsehdokus und Zeitschriftenbeiträge erinnern, die fliegende, atombetriebene Autos, schwimmende Städte oder ganze unterirdische Zivilisationen auf dem Mars voraussahen.

  1. Die Sache mit Katharina.

Wie bereits erwähnt, begann damals mein Interesse für Katharina. Wie es zunächst in diesem Alter ist, eher beiläufig, aber dann spürte ich, dass, jedes Mal wenn ich sie auf dem Pausenhof oder dem Gang vor unserer Schule sah, mir das Herz zu klopfen anfing. Ich heimlich meinen Blick von ihr abwendete und ich bei Gott nicht gewagt hätte, sie anzusprechen. Und wie ich es damals aushielt, eine unerwiderte Liebe, die sich damals zweifelsohne anbahnte, zu überstehen, weiß ich nicht mehr. Ich versuchte jedenfalls Wege, dies zu kompensieren. Aber ich wollte ihr auf jeden Fall nicht imponieren, so viel weiß ich im Nachhinein. Vielmehr suchte ich mir Gebiete, in denen sie keine Rolle spielte und versuchte auch des Öfteren, sie zu vergessen oder die Liebe zu ihr zu leugnen.

  1. Was sonst noch wichtig war.

In der Schule fingen wir an, in Geschichte die Neuzeit durchzunehmen. Also Antike und Mittelalter hatten wir schon durch, Renaissance und Barock auch und wir waren bei der Aufklärung und der Französischen Revolution angelangt. Dies war das Zeitalter der Vernunft, auf der unsere ganze heutige Welt aufbaut, so erklärten es uns jedenfalls die Lehrer. Es gab die ersten Diskussionen und ich begann mich zu politisieren. Das Erwachsensein hatte schüchtern begonnen hervorzukriechen. Im Englischunterricht entdeckten wir die Songs der Beatles und der Doors und die Vorfreude auf die erste Französischstunde im nächsten Jahr überdeckte doch die Langeweile, die sich über den alltäglichen Schulbetrieb legte wie eine Staubschicht.

  1. Was das Ganze miteinander zu tun hatte (I).

Wie gesagt, wir haben jetzt drei Handlungsstränge. Aber wie wird daraus eine Geschichte. Klar, Katharina und ich trafen uns in der Schule, in der wir begannen, erwachsen zu werden. Jedenfalls bemerkte ich, wie Katharina heimlich rauchte und sich damenhafter kleidete. Über die Zukunft und die Raumfahrt fiel in der Schule kein Wort. Und doch war es mein Leib- und Magenthema. Ich hätte – da bin ich mir sicher – in einem Schulfach „Raumfahrt und Astronomie“ eine glatte Eins bekommen. Aber für die Lehrer, wie auch für die meisten Mitschüler schien es, dass das Leben am bequemsten sei, wenn es auch in hundert Jahren noch vor sich hinplätscherte.

  1. Die Aufbruchstimmung (II).

Meinen Wissensdurst konnte ich damals natürlich nicht angemessen stillen. In die Universitätsbibliothek traute ich mich nicht. Das Internet hat mich abgeschreckt, in der ersten Stunde in der Schule, als ich vor dem PC saß und nichts fand. Und der Computer zweimal abgestürzt ist, ob der langen Ladezeit. „Internet? Nein, danke! So was mach ich nie wieder“, blaffte ich zum Lehrer. Und dann blieb da nur das Fernsehen. Da sah ich ein paar interessante Dokus, jedoch nicht bis zum Schluss, denn die Schule war damals wichtiger. Aber ich wusste es, wenn ich Hale-Bopp nicht beobachten könnte, war es das letzte Mal für eine sehr, sehr lange Zeit. Mein Plan, den Kometen zu beobachten, war geboren.

  1. Was sonst noch wichtig war (II).

Ein anderes Hobby von mir war Geschichte. Klar, wird ja der ein oder andere sagen, ist ja auch sehr spannend. Aber mich interessierte auch, ob irgendwelche dunklen Mächte im Spiel waren. Ob das Mittelalter wirklich so finster war, wie es uns die Lehrer weismachen wollten und der Philosoph Seneca, immerhin der Erzieher Kaiser Neros, wirklich so weise. Und solche Dokus liefen ja sogar auf den Öffentlich-Rechtlichen. „Universum“, „Schliemanns Erben“ und wie sie alle hießen. Schließlich war ja damals alles, was auf ORF lief, höchstwissenschaftlich legitimiert, dachte ich jedenfalls.

  1. Die Sache mit Katharina (II).

Natürlich merkte ich, dass mir Katharina auch in meiner Zukunftsbegeisterung immer ähnlicher wurde. So kam sie einmal ganz in Schwarz und auch mit einem schwarzen Lippenstift in die Schule. Da langsam die Spannung mit Hale-Bopp begann, dachte ich, es könnte am Kometen liegen, dass sie sich so verändert hat. Und ich merkte, dass sich Katharina als Einzige in der Klasse ebenfalls für den Kometen interessierte – aber aus einem ganz anderen Grund. Wie immer, ich war zu schüchtern, um mit ihr zu sprechen, und hätte wahrscheinlich ihr Gelächter kaum ausgehalten, wäre rot angelaufen, beim Versuch, ein paar Worte zu finden. Aber ich fand Katharina wenigstens rätselhaft und dies war ein Rätsel, das ich bis in seine letzten Einzelheiten ergründen wollte.

  1. Die Aufbruchstimmung (III).

In diesen Wochen entwickelte ich mich immer mehr zu dem, was man später einen Nerd nennen sollte, jedenfalls von meinen Interessen. Ich dachte, dass die Zukunft besser werden wird, und hoffte auf die Technik, auf Computer und Roboter. Und aus irgendeinem Grund dachte ich, dass der Komet Hale-Bopp ein Fanal sein würde. Jedenfalls begann ich damit, in den Nächten, statt zu schlafen, mit kleineren Ausflügen im Haus. Ich bewaffnete mich mit einer Taschenlampe und hoffte, niemanden zu wecken. Wenn mir das gelingen würde, würde es mir vielleicht leichter fallen, mich für mehrere Stunden zu einem Platz, möglicherweise zu einer Lichtung im Wald zu begeben, um den Kometen ungestört zu beobachten. Jedenfalls musste ich mit den Übungen anfangen, um mich Schritt für Schritt vorzutasten.

  1. Erste Schwierigkeiten.

Wie gesagt, wenn man in seinem Zeitplan sein wollte, musste man es rechtzeitig schaffen, um unbemerkt an einen geschützten Ort zu kommen, um in aller Ruhe den Kometen zu beobachten. Und es geschah, dass es doch leichter wurde, als gedacht, eine Lichtung in der Nähe meines Hauses zu finden, auf der ich Hale-Bopp beobachten könnte. Dazu kam ich mehrmals vom Schulweg ab und nahm eine Standpauke meiner Eltern in Kauf, die von mir eine Erklärung wollten, warum ich so spät nach Hause kam. Ich erzählte, ich hätte den Bus verpasst, und war in diesem Moment so glaubhaft, meiner Willensstärke sei Dank, dass es mir die Eltern abkauften und mich in Ruhe ließen. Aber trotzdem bekam ich von jetzt an ein mulmiges Gefühl. Was war, wenn ich jemanden im Schlaf aufweckte? Oder meine Eltern in mein Zimmer mit dem leeren Bett kamen und die Polizei riefen? Ich war auf nichts vorbereitet und doch drängte mich die Zeit, denn ich hatte nur noch wenige Monate, um in den Genuss des Kometen zu kommen.

  1. Was sonst noch wichtig war (III).

Der Schultrott ging seinen Gang. Auf dem Pausenhof erzählte ich von Hale-Bopp, doch die anderen schien es nicht zu interessieren. Natürlich hoffte ich, wenn ich in Anwesenheit der Freundinnen Katharinas darüber sprach, dass sie es ihr in irgendeiner Form weitererzählten, aber es war lediglich eine Hypothese von mir, dass sie sich ebenfalls für den Kometen interessieren könnte. Aber es gab keine Zwischenfälle. Weder positive noch negative. Und das war für mich in irgendeiner Form gut, in irgendeiner Form auch schlecht: Ich war weit und breit der Einzige, der sich für Astronomie interessierte, und hatte keinen Gesprächspartner, mit dem ich mich austauschen, Wissen teilen oder Irrtümer bereinigen konnte.

  1. Was mich eigentlich antrieb.

Der geneigte Leser könnte es schon erahnt haben: Natürlich ging es mir nicht darum, eine romantische Nacht zu verbringen. Gott bewahre, das war das Letzte, woran ich denken konnte. Vielmehr wuchs in mir die Hoffnung, Hale-Bopp könnte ein Codewort für den Erstkontakt sein. Die unheimliche Begegnung der dritten Art. Zu der nur wenige Zugang hätten. Alles schien möglich in diesen Tagen. Und ich musste vorbereitet sein. Natürlich wusste ich nicht das Geringste von Außerirdischen, und die Bilder aus Science-Fiction-Filmen kamen mir zu reißerisch und zu verlogen vor. Ich wusste lediglich, dass, wer die Einstein’sche Zeitdilatation überwinden könnte, unserer Zivilisation mindestens um einige Tausend Jahre voraus sein musste. Und solch große Zahlen bereiteten mir immer einen gewissen Schwindel, der mich letztendlich auch davon abhielt, weiter den Gedanken zu verfolgen, denn der Schwindel riss mich ins Bodenlose.

  1. Was das Mittelalter damit zu tun hatte.

Immer interessanter wurde mir der Gedanke, dass es einige Jahrhunderte des Mittelalters nicht gegeben haben könnte. Man spricht auch vom „Erfundenen Mittelalter“. Die Gelehrten der Renaissance waren darin recht erfinderisch. Das Mittelalter sollte als Antithese zur vernunftorientierten Neuzeit werden und die Erinnerung daran sollte den Menschen Angst machen. Ich aber glaubte seit einiger Zeit nicht mehr daran. Wer weiß denn schon, dass die Hexenverbrennung keine Erfindung des Mittelalters, sondern erst der Neuzeit war und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts beendet wurde? „Der Schlaf der Vernunft produziert Ungeheuer“ wusste schon einst Goya zu sagen und ich glaubte, da war auch ein Kern Wahrheit dran. Hat nicht jedes Aufklärerisch-Rationale seine dunklen Nachtseiten? Und ist die scheinbare Unvernunft nicht im Grunde logischer, als sie auf den ersten Blick erscheint? Bei meiner Beschäftigung mit dem Mittelalter waren mir besonders die Leistungen der Mystiker aufgefallen. Gab es nicht ein geheimes Wissen, an das ich auf diese Weise gelangen könnte? Aber ich wusste nur keinen Weg, und wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1997, die Wikipedia gab es noch nicht und ich hattest sonst keine Quellen für mein Wissen.

  1. Der Tag rückt näher.

Ich hatte den 15. März  als den Tag auserkoren, an dem ich Hale-Bopp beobachten wollte. Es waren das die sogenannten „Iden des März“, der Tag, an dem Cäsar ermordet wurde. Solche Zahlen hatten für mich etwas Heiliges: Die ganze Weltgeschichte hat sich an einem Tag entschieden, wo sonst vielleicht hundert Jahre lang Stillstand geherrscht hätte. Vielleicht wäre unsere Welt heute eine andere, hätte es solche Tage nicht gegeben. Aber was würde ich an diesem Tag sonst noch tun? Würde ich etwas Bestimmtes tragen, vielleicht einen selbstgebastelten Raumanzug? Ich hatte noch wenige Ideen, aber wusste: In ein paar Wochen würde der Tag anbrechen.

  1. Was andernorts geschah.

Sie langweilte sich im Unterricht. Obwohl es ihr leicht in der Schule fiel, sie gute Noten hatte und wegen ihres sozialen Engagements von den Lehrern gelobt wurde – es schien irgendwie ein trüber Schatten auf ihrer Seele zu liegen. Schon als sie einmal an einem Wandertag kollabierte, wussten die anderen Mitschüler, dass sie verletzlich war, in einer sonst so perfekten Verpackung. Anfang des Jahres 1997 begann sie, sich für Goth Rock und die Gruftie-Kultur zu interessieren. Ihre latente Angst vor dem Tod, die Beklemmung, obwohl sie ansonsten ihr Leben im Griff hatte. Und das Leben als Goth schien ihr in irgendeiner Form einen Sinn, einen Aufschrei ihres seelischen Leidens zu geben. Sicher, sie begann sich auch für Mystery zu interessieren. Verfolgte gebannt „Akte X“, die dunklen Fälle der CIA. Aber in erster Linie reizte sie die Ästhetik. Das Morbide, Zombiehafte. Sie begann sich in diesen Tagen den Tod lebhaft vorzustellen und erfuhr, dass der Komet Hale-Bopp, der in diesem Jahr zu sehen war, ihr die Chance auf Erlösung gab. Zumindest war es ein Zeichen. Ob es ein gutes oder schlechtes war, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Aber ebenfalls wie der Ich-Erzähler schmiedete sie einen Plan, was sie in der Nacht tun könnte, in der sie Hale-Bopp am Himmel sehen würde.

  1. Erste Schwierigkeiten (II).

Ich wusste, dass ein längeres Verschwinden geplant sein wollte. Mein Alptraum wäre es gewesen, wenn meine Eltern die Polizei gerufen hätten. Andererseits – wenn ich tatsächlich Kontakt aufnehmen würde, wäre mir das auch schon egal. Aber irgendein komisches Gefühl zwang mich dazu, auch einen Plan B zu entwerfen, falls Plan A nicht aufging. Es hätte ja eine Riesenenttäuschung werden können und dann wäre der Erstkontakt nicht eingetreten. Und für den Fall, dass mir die Aliens feindlich gesonnen sein würden, konnte ich nichts machen. Das war Risiko. Es gab keine Laserschwerter wie in Star Wars. Denn das war Mittelalter. Und Star Wars war im Grunde Mittelalter, nur wurde es in die Zukunft verlegt. Ob die Außerirdischen schon irgendetwas von uns wussten? Schließlich hatten wir Erdlinge ja die „Goldene Schallplatte“ auf der Voyager-1-Sonde in den Weltraum geschickt. Oder die Außerirdischen beobachteten uns schon seit Jahrtausenden und waren auf alles vorbereitet. Vielleicht waren sie auch außerordentlich begabt und konnten in Sekundenschnelle unsere Sprache lernen. In Science-Fiction-Filmen sieht man ja immer diese Echsenmenschen, die „kleinen grünen Männchen“. Aber das stimmt nicht. Weil es ja auch ein Paradoxon ist. Eine Zivilisation, die uns so haushoch überlegen ist, aber dann so primitiv ist, das konnte einfach nicht stimmen.

  1. Und dann wären wir wieder beim Mittelalter.

In der Schule lernten wir über das Mittelalter relativ wenig. Unsere Lehrer bewunderten die alten Römer und Griechen, die als Erste, ja, als Allererste das Licht erblickt und die große Antwort gefunden hatten. Auf alle Fragen des Lebens. Ich war in dieser Zeit sehr misstrauisch. Hatte nicht alles, was auf den ersten Blick perfekt zu sein schien, einen Haken? Wie wurden denn Frauen, Sklaven und Nichtgriechen im antiken Griechenland behandelt? Eben. Und entstanden nicht die ersten Universitäten im dunklen Mittelalter? Hatten nicht die Literatur und die Theologie eine erste Blüte? Aber das lernten wir in der Schule natürlich nicht. Das vermittelten uns Filme, Romane und Fernsehdokus. Und mehr und mehr lernte ich zu kombinieren. Es gibt ja bekanntlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als es sich die Schulweisheit je erträumen wird.

  1. Wenn ich doch nicht so oft an Katharina denken möchte.

Katharina und ich, wir beide, waren im selben Monat geboren. Und ich wusste, dass Mann und Frau, die zur selben Zeit am selben Ort geboren wurden, früher mal ein glückliches Ehepaar gewesen sein könnten – jedenfalls in einem anderen Leben. Einmal fiel mir auf, dass Katharina im Religionsunterricht von der Wiedergeburt sprach. Mich machte das perplex. Dass jemand, der so makellos im Unterricht war, so düstere Gedanken haben könnte. Aber ich hätte ihr nicht helfen können. Denn ich war ein introvertierter Nerd und obendrein auch noch in sie ein bisschen verliebt. Dennoch machte es mich auf irgendeine  seltsame Art und Weise glücklich, dass sie solche tiefsinnigen Gedanken hatte.

  1. Ein Plan war drauf und dran zu gelingen.

Ich bereitete mich in den folgenden Tagen immer stärker auf den Tag vor, an dem ich Hale-Bopp beobachten würde. Für meine Abwesenheit im Bett lieh ich mir eine aufblasbare Gummipuppe aus, die ein Schulfreund von mir unter waghalsigen Umständen aus einem Sex-Shop mitgehen hatte lassen. Dafür gab ich ihm im Austausch meine ganzen Sammelkarten. Die Taschenlampe hatte ich schon und für den Weg zu meiner Lichtung hatte ich ein Waldstück ausgesucht, das über einen Trampelpfad recht gut zu erreichen war. Ich brauchte nur noch ein Kostüm. Zuerst überlegte ich eine Zeit lang, ob es mir gelänge, wie ein Außerirdischer auszusehen. Auch ein Mittelalterkostüm in Form einer Rüstung hatte ich auf dem Plan. Zum Schluss machte ich eine Kombination aus beiden– also ich machte mir aus Alufolie einen Umhang. Da ich Star Wars doch immer sehr mochte und es in gewisser Weise auch eine Kombination aus Science-Fiction und Mittelalter darstellte, bastelte ich mir ein Laserschwert. Ich suchte nur noch nach einem Ort in unserem Haus, wo ich das ganze möglichst unauffällig verstecken könnte. Und ich fand einen Platz hinter einem Regal im Keller, an das man nur schwer herankommen konnte.

  1. Jemand anderes schmiedete auch einen Plan.

Katharina hatte sich vorgenommen, Mitte März den Kometen Hale-Bopp anzusehen. Am besten um Mitternacht und auf einem Friedhof. Da ihre Eltern relativ antiautoritär eingestellt waren, hatte sie kaum Schwierigkeiten, diesen Plan zu verwirklichen. Jedenfalls fast. Da man ihr am nächsten Schultag etwas anmerken könnte, dass sie die Nacht woanders als in ihrem Bett verbracht hatte, brauchte sie ein verdammt gutes Gegenmittel gegen die Müdigkeit. Sie versuchte es mit etwas Make-up, das sie am nächsten Tag auftragen könnte, und kaufte sich vorher einen 5-Liter-Wasserkanister, den sie austrinken würde, um den müden Eindruck zu verbergen. Wenn alles gutginge, könnte die Nacht, die sie alleine auf dem Friedhof verbringen würde, ein Fanal sein. Ein Aufbruch in eine andere bessere Welt. Oder auch der Weltuntergang. Wie bei den Dinosauriern. Und nach dem Untergang fängt ja bekanntlich die neue Zeitrechnung an. Die Erlösung, oder wie immer man auch das nennen möchte.

  1. Was in der Schule stattfand.

Auch an den anderen Mitschülern war es inzwischen nicht spurlos vorbeigegangen, dass zwei ihrer Mitschüler Pläne schmiedeten. Das war zum einen der Plan des Ich-Erzählers mit der Alufolie und der Gummipuppe. Das war auch das seltsame Verhalten Katharinas in ihrem Freundinnenkreis. Was sie nur ständig von Weltuntergang und „Ragnarök“, „Armageddon“ und so faselte. Irgendjemand hatte vielleicht mitbekommen, dass gerade diese zwei Schüler anders waren, und es wurde schon getuschelt, ob sie vielleicht auf irgendeine Art miteinander Kontakt hätten. Auffällig war, dass jeder auf seine Art sich verändert hatte. Die eine mit immer morbideren Vorstellungen von Erlösung und Aufbruch. Der andere redete von Erstkontakt und Begegnungen der dritten Art. Einen Zusammenhang mit Hale-Bopp konnte keiner erkennen, wer weiß, vielleicht hatten die anderen auch gar nicht gewusst, was Hale-Bopp ist oder dass es 1997 wieder einen Transit gab. Viel hätte nicht gefehlt und Katharina und mir hätte eine Einbestellung zum Schulpsychologen gedroht, aber glücklicherweise hatte jeder seine Pläne für den fünfzehnten März für sich behalten können.

  1. Eine ganz besondere Nacht.

Den vierzehnten März neunzehnhundertsiebenundneunzig behalte ich aus mehreren Gründen in guter Erinnerung. Erstens war es ein Tag, in dem ich in der Schule komplett abwesend schien und mir auch einen Tadel vom Lehrer einhandelte. Andererseits kann ich den Nachmittag und den Einbruch der Nacht noch minutiös schildern: Nachdem ich die Hausaufgaben gemacht hatte und mir wieder bei den Geschichtsaufgaben aufgefallen war, dass nur die Geschichte der Mächtigen erzählt wird und nicht die der einfachen Leute, fing ich an, mich an meinen Plan zu machen: Ich holte den selbstgebastelten Raumanzug mitsamt dem Laserschwert hinter dem Regal aus dem Keller hervor. Ich blies die Gummipuppe auf und stülpte ihr den Pyjama über, versteckte sie aber noch für die erste Zeit. Meine Eltern riefen mich zum Abendessen und wollten heute besonders deutlich wissen, was wir in der Schule durchnähmen, schließlich sei der Schulstoff doch hochinteressant. Ich versuchte die Eltern abzuwimmeln und täuschte Normalität vor. Was immer dann schwierig ist, wenn natürlich keine Normalität vorliegt. Nach dem Abendessen stellte ich meinen Wecker. Ich wollte punktgenau um Mitternacht auf meiner Lichtung sein. Zuvor wollte ich mir noch ein Nickerchen genehmigen.

  1. Was das eine mit dem anderen zu tun hat.

Punktgenau um Mitternacht fand sich auch Katharina auf dem Friedhof ein. Sie hatte ihren Discman dabei und hörte Gothic Rock. Zudem hatte sie auch eine Flasche Wein, denn sie wollte sich Mut antrinken. Es dauerte eine gefühlte kleine Ewigkeit, bis sie den Kometen zu sehen begann. Doch innerlich hatte sie sich schon auf alles eingestellt. Donner, Schwefelgestank. Einen unfassbaren Lärm. Explosionen. Jene Nacht aber schien friedlicher zu sein, als sie angenommen hatte. Sie erblickte den Kometen mit seinem Schweif aus Staub und Gas. Obwohl sie doch sehr enttäuscht war, gefiel ihr die Anmut des Kometen. Sie wusste, dass sie weiterleben musste und dass es nur einen Alltag geben wird. Der Traum vom Kometen war für sie geplatzt und in ein paar Stunden würde sie wieder in ihr altes Leben zurückfinden. Demgegenüber gab es aber noch eine andere Katharina. Die gleichzeitig auf einer abgelegenen Lichtung eine Person, komplett in glänzende Silberfolie verpackt, mit einem Laserschwert bewaffnet tanzen sah. War es ein Alien? Angst kroch in ihr hoch. Hatte der Komet Hale-Bopp doch seine Bedeutung? Die Person in dem Aluanzug kam immer näher. „Verdammt, wenn dieser Alien doch etwas im Schilde führt. Und nur alles wegen Hale-Bopp.“ Doch in diesem Moment erinnerte sie sich, dass sie sich doch auf dem Friedhof befand und nicht auf der besagten Lichtung. Von dem Mann im Aluanzug keine Spur mehr, jedoch sah sie ein paar Fledermäuse umherfliegen. Sie schaute auf das Etikett ihres Weines. Der war dann doch eine Spur zu stark gewesen. Erleichtert schlief sie ihren restlichen Rausch auf einem Grab aus und war glücklich ob der Begegnung mit dem Außerirdischen.

  1. Was der Ich-Erzähler tatsächlich gemacht hat.

In jener Nacht stand auch der Ich-Erzähler auf, vollführte, wie beschrieben, auf der Wiese ein paar Tänze und erblickte plötzlich ein Ufo. Ein silbrigglänzender Außerirdischer kam heraus und sprach in der Menschensprache. „Willkommen. Das der Erstkontakt es ist. Wir in Frieden kommen.“ „Wer seid ihr?“, frug ich. „Wir vom Planeten Plörbul kommen. Wir die Erkenntnis für auch haben.“ Plötzlich merkte ich aber, dass mir der Erstkontakt mit Katharina wichtiger wäre. Dummerweise hatte ich ja eine Vorahnung, was sie heute machen könnte – aber es war ja lediglich eine Vorahnung, sonst nichts. Ich merkte, wie sehr ich mich nach dem Kuss eines Toten oder eines Zombies sehnte. Es war ja schließlich die Nacht des Kometen Hale-Bopp. Aber ich wurde nicht geküsst. Auch nicht gebissen. Da machte es auf einmal einen lauten Knall. Ich wachte auf. Die Gummipuppe war geplatzt und ich hatte die ganze Nacht in meinem Zimmer verträumt. Auf der Lichtung war ich nicht und auch das Treffen mit den Außerirdischen war nicht real. Aber dafür war ich glücklich. Ich hatte ja über den Umweg des Traumes meinen Erstkontakt gehabt. Aber der Kuss einer toten Person oder der eines Grufties wäre mir lieber gewesen. Dennoch merkte ich, dass ich jetzt ein größeres Probleme hatte: Ich musste die Aluverkleidung und die Reste der Gummipuppe verschwinden lassen. Also stopfte ich die Folie und die Gummipuppenreste in meinen Schulranzen in der Hoffnung, sie am nächsten Tag entsorgen zu können. Kein Problem für mich. Ich versuchte mich schlafend zu stellen, um am nächsten Tag in die Schule zu kommen.

  1. Wie alles miteinander zusammenhängt.

Der Schultag war gewohnt langweilig. Katharina sah ganz normal aus. Aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick konnte der Kenner sehen, dass sie die Nacht durchgemacht hatte. Vielleicht bemerkten das auch die Lehrer, doch sie drückten bei ihr ob ihrer guten Leistungen manchmal ein Auge zu. Vielleicht trauten sie ihr das aber auch nicht zu und es blieb unbemerkt. Egal, was genau Katharina getan hatte, wusste ich nicht. Ich hatte eine Ahnung, aber auch nicht mehr. In der Pause schlich ich mich dann zu den Mülltonnen, denn ich wollte dort die Gummipuppe und die Alufolie loswerden. Als ich den schweren Deckel hochhievte, kam plötzlich Katharina in die Nähe. Sie verschwand hinter der Mülltonne und  musste sich übergeben. Als sie wieder hervorkam, war ich baff. In diesem Moment erkannte sie, dass ich die Alufolie und die Reste der Gummipuppe loswerden wollte. Sie sagte: „War eine spannende Nacht.“ „Für dich auch?“, fragte ich. Dann kramte sie ihren schwarzen Lippenstift aus der Tasche und malte mir einen schwarzen Kussmund auf den Arm.

Michael Bauer

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Ein Notizblock in meiner Jeansjacke

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Es sind Erfahrungen, die man nur in der Silvesternacht hat: Im Fernsehen laufen alte Komödien und du findest das reichlich amüsant. Auch wenn du dir im Rest des Jahres diese Filme nicht anschauen würdest, jedenfalls nicht mit Genuss, erheitern dich solche Filme am Jahreswechsel ungemein. Genauso die Unmengen an Chips, Erdnüssen und Bier, die du in dich hineinbeförderst. An manche Filme erinnerst du dich noch. So zum Beispiel „Four Rooms“ oder „Was gibt’s Neues, Pussy?“ An letzteren erinnere ich mich noch. Ich war gerade siebzehn, als ich ihn sah. Was mich damals beeindruckte? Die unglaublich lässige Art von Woody Allen. „Im Kühlschrank ist noch Fischsalat. Ist schon am Stinken, aber mit etwas Pfeffer schmeckt der noch“, war mir damals so etwas wie ein Vorbild. So wollte ich werden, wenn ich erwachsen war. Und die Architektur der Villa. Aus heutiger Sicht ist „Was gibt’s Neues, Pussy?“ Ein alberner Klamaukfilm; bei weitem nicht der beste Film von Woody Allen und alles in allem noch relativ verkrampft.
Du siehst den Film: „Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen. Und denkst, dass er sich weiterentwickelt hat. Du liest, dass er 1978 seinen ersten ernsten Film gedreht hat und bist bass erstaunt, dass es das gibt: ernste Filme von Woody Allen. Auch überrascht es dich, dass er fast vierzig Filme geschaffen hat.

Andernorts
Sie hatte damals die ersten Wochen an der Universität hinter sich. Ihre Vorstellungen, Erwartungen konnten mit der Realität nicht schritthalten. Sie träumte vom Orient, von der Türkei, von Persien. Das Studium war ihr zu trocken, zu weltfremd und zu theorielastig. Und doch hatte sie die Hoffnung auf ein besseres Leben in der malerischen Universitätsstadt nicht aufgegeben. Nach einiger Zeit hatte sie schon ihre Lieblingscafés und Lieblingsläden gefunden. Bald wurde es für sie zum Ritual, dass sie sich manchmal mehrere Stunden darin aufhielt.

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Er musste jeden Tag länger an der Universität bleiben, um abends den Bus zu erwischen, der ihn in seinen Vorort, ungefähr 30 Kilometer entfernt, brachte. Um sich die Zeit zu vertreiben, verbrachte er oft lange Zeit in der Bibliothek und schaute sich viele Bücher und Zeitschriften an. Auch solche, die mit seinem Studium nicht das mindeste zu tun hatten. Zum Beispiel las er viele Zeitschriften aus dem Jahre 1992 und musste sich an diese Zeit zurückerinnern. Als er seine Recherche abgeschlossen hatte, fuhr er mit dem Stadtbus hinunter zum Hauptgebäude der Universität, wo er im Treppenhaus des Hintergebäudes ein kurzes Abendessen einnahm. Trotz dieser Unannehmlichkeiten fühlte er damals eine große Aufbruchstimmung. Diese entschädigte ihn auch für die entstandenen Strapazen.

Andernorts
Sie hatte schnell Freunde an der Universität gefunden und einen muttersprachlichen Tandempartner. Einen für Türkisch und einen für Persisch. Die Gespräche waren meistens sehr interessant, sie lernte vieles über deren Heimat und wurde sogar einmal bei einem zum Essen eingeladen. Sie liebte orientalische Küche. Obwohl sie sich im Studium meistens langweilte, arrangierte sie sich mit der Situation. Sie gab sich ganz dem Lernen der Sprachen hin. Zudem interessierte sie sich sehr für orientalischen Tanz und Musik. Das gab ihrem Leben Halt. Abends vergnügte sie sich hin und wieder in einer der vielen Kneipen der Stadt. Abgesehen von einigen Unpässlichkeiten ging es ihr meistens recht gut. Sie verspürte immer noch eine gewisse innere Leere, die sie aber ganz gut ausfüllen konnte, zumindest meistens. Aber ihr Leben bewegte sich auf etwas hin. Auf ein Ziel. Oder so etwas Ähnliches. Und sie kannte dieses Ziel noch nicht. Dass sie dieses Ziel nicht kannte, machte ihr auch manchmal Angst. Sie hatte eine gewisse Vorahnung, dass etwas in ihr Leben eintreten könnte, das sie aus der Bahn werfen würde. Zum Beispiel eine Lernblockade. Oder dass sie die Lust an ihrem Freund verlieren könnte und sie auch beim besten Willen und unter größter Anstrengung nicht in der Lage wäret, wieder das selbe für ihn zu empfinden wie am Anfang ihrer Beziehung, als sie sich das erste Mal getroffen hatten, zum Beispiel.

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Obwohl er sich für den Film interessierte oder jedenfalls zugab, sich für den Film zu interessieren, kannte er jedoch erschreckend wenige anspruchsvolle Filme. Und die, die er kannte, kannte er auch größtenteils nur vom Titel her. Ihn bewegten Titel wie beispielsweise „Der erste Tag der Freiheit“, wie ihn überhaupt Pathos seltsam ergriff. Er hatte noch keine Vorstellung, dass man ihm, einige Bildung vorausgesetzt, meistens aus dem Weg gehen sollte, jedenfalls dann, wenn der Anlass zu gering für solche hehren Worte war. Er hatte große Pläne für sein Studium und war auch sehr interessiert. Doch die Umstellung von der Schule zur Universität und die wissenschaftliche Ausdrucksweise schienen ihn trotzdem ein wenig zu überfordern. Und er wollte sich Geld für einen Urlaub, für seinen ersten längeren Aufenthalt in einem anderen Land, verdienen. Nachdem er diese Reise abgeschlossen hätte und wieder zuhause angekommen wäre, wollte er ein großes Poster in seiner Wohnung aufhängen.

Andernorts
Klar war sie in Ahmet, ihren Freund, verliebt. Sie glaubte, dass dies Liebe auf den ersten Blick sei. Kennengelernt hatten sie sich im Türkischkurs, für den er das Tutorium gab. Schnell merkte er, dass ihr Interesse für den Orient tiefgründiger war als das der anderen Studierenden. Auf welche Art und Weise ihr Interesse profunder war, konnte er nicht sagen. Auch sie fand rasch an ihm Gefallen, an der Art wie er Wörter wie merhamet oder özgürlük aussprach. Der sehnsuchtsvolle Blick seiner blauen Augen oder die melancholische Art, wie er an seiner Zigarette zog. All das rief in ihr ein Bild wach, wie es wohl schon seit ihrer frühen Jugend als Traumbild in ihrem Gedächtnis gespeichert war. So und nicht anders sollte ein Mann sein, alle anderen Schwächen könne man ihm dann nachsehen. Doch je länger sich ihre Freundschaft hinzog, desto klarer wurde es für sie, dass etwas fehlte, dass diese Beziehung auf Dauer besiegeln konnte. Den ersten gemeinsamen Geschlechtsverkehr hatte sie noch vor sich, aber mehr und mehr kam jener besagte Schmerz, dass es irgendwann mit ihnen vorbei sein könnte.

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An Frauen zeigte er ein gewisses Interesse, aber gleichzeitig auch ein gewisses Desinteresse, so komisch das klingt. Es war eine Zeit, in der so vieles für ihn wichtiger war als eine Beziehung. Aber hätte er auch die Chance gehabt, eine Beziehung eingehen zu können? Sein Interesse war sicherlich in der Vergangenheit stehengeblieben, und er trauerte manchmal den verpassten Chancen seiner Kindheit und Jugend nach. Was einen Partner ausmacht, wusste er nur im Groben. Er hatte keinen besonderen Geschmack oder Vorlieben, was er für eine Frau empfinden konnte. Oder doch, vielleicht waren es ältere Vorlieben, die er noch nicht korrigiert und seinem Lebensalter angepasst hatte. In manchen besinnlichen Stunden erinnerte er sich an seine Jugendliebe, in die er leider sehr unglücklich und einseitig verliebt gewesen war. Zu einem Gespräch war es damals nie gekommen. Aber die Sehnsucht blieb und sie kam erstaunlicherweise in den Wochen nach seinem Abitur zurück, jedoch umso heftiger. Er hatte keine Adresse und wusste nicht, wo sich seine Jugendliebe aufhielt. Dennoch versuchte er ihr näherzukommen. Gedanklich natürlich. Hätte es einen Menschen gegeben, mit dem er sich in diesem Jahr am meisten beschäftigt hatte, dann wäre es sie gewesen. Chancenlosigkeit blieb jedoch Chancenlosigkeit.

Andernorts
Ahmets Zärtlichkeit war schier grenzenlos. Als er sie wieder einmal zu einem gemeinsamen türkischen Abendessen, das er selbstverständlich selbst für sie in seiner Wohnung zubereitet hatte, bei sich einlud, spürte sie die Hingabe, mit der er den Fisch gebraten und passend dazu den türkischen Salat abgeschmeckt hatte. Ahmet hatte sogar andere Glühbirnen in die Lampe eingesetzt, um so für ein sanfteres Licht zu sorgen. Nach dem gemeinsamen Essen und einigen Wortwechseln bot er ihr an, sie zu massieren, denn er hatte dies in der Türkei einmal gelernt. Sie machte ihren Körper frei und legte sich auf Ahmets Bett. Er erwärmte ein Schälchen mit Olivenöl und begann, mit sanft kreisenden Bewegungen zuerst ihre Schultern zu massieren, später arbeitete er sich zu ihrem Rücken und schließlich zu ihren Beinen vor. Sie empfand das alles als sehr angenehm. Natürlich war er darüber erstaunt, wie leicht er sie dazu bewegen konnte, sich für ihn auszuziehen und er war von ihrer Zutraulichkeit auch ein bisschen eingeschüchtert. Ahmet fragte, ob er nun, da die Massage abgeschlossen sei, mit ihr Sex haben könnte, und sie bejahte diese Frage.

Hier
Nachdem er einige Wochen an seiner Universität relativ sparsam gelebt hat, hatte er genug Geld gespart, um seinen Wunsch, in eine andere Stadt zu fahren, wahr zu machen. Er wusste natürlich, dass dies kein Ersatz für eine Auslandsreise sein könnte, aber immerhin gab es einen Ortswechsel, was ihn erfreute. Er hatte mit Bekannten telefoniert, und sie hatten ihn zu einer Party in ihrer Stadt eingeladen. Am Bahnhof kaufte er sich ein Ticket und wusste, dass er am nächsten Tag schon sehr früh aufstehen musste, um den ersten Zug nicht zu verpassen. Dies würde noch vor Anbruch des Tages stattfinden, sodass es bei der Abfahrt des Zuges noch dunkel sein würde.

Andernorts
Nach ihrem ersten Mal mit Ahmet, ergab sich ein weiterer Termin in ihrem Kalender: Ein Bekannter hatte sie zu einer Party eingeladen, zu der Freunde aus verschiedenen anderen Städten kommen würden. Unter ihnen auch ein Soziologiestudent, Studienanfänger wie sie.

Hier & Andernorts
Er wurde am Bahnhof in der anderen Stadt von seinem Freund abgeholt. Sie war auch dabei. Sie stellte sich vor und erklärte, dass sie sich auf die Party freute, wie er sicherlich auch. Er bejahte.
Während des Festes konnte er seinen Blick nicht von ihr lassen. Obwohl sie an dem Abend nur noch wenig mit ihm sprach, war etwas mit ihm geschehen. Auf der Party wurde ein Foto geknipst, das sie und ihn in einem Raum zeigte. Das Foto ließ er sich später einrahmen. Trotzdem geriet es wenig später schon in Vergessenheit.

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Und ich kramte aus meiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Stift hervor. Ich zeichne etwas. Ein Bild, auf dem sie zu sehen ist. Ihren Namen habe ich schon lange vergessen. Dabei fiel mir auf, dass ich sie anders in Erinnerung behalten hatte. Heute würde ihr Anblick keine so starken Emotionen mehr hervorbringen. Es ist schon 14 Jahre her. Und ich sehe sie noch vor mir vor dem Tisch mit den Chipspackungen, Saftflaschen. Kaum kann ich mich daran erinnern, was damals gesprochen worden ist, jedoch, dass ich mich heute hier unwohl fühlte. Und du siehst diese Halskette und denkst: „ Das war ein Fleck in deiner Erinnerung, der, obwohl verdrängt, doch immer präsent war. Seltsam, dass du damals so angetan warst, aber keinen Gedanken mehr an sie verschwendetest.“
Was draußen noch passiert: Nebel vor dem Fenster, es ziehen graue Wolken auf, bald kommt ein Gewitter, es beginnt zu regnen. Erst tröpfelt der erste Regen an deine Scheibe, dann wird er immer heftiger. Du knipst das Licht an und klappst deinen Laptop auf, öffnest die Datei und beginnst zu schreiben. Wo beginnst du wieder? Bei der Zeichnung, die du erstellen wolltest, als du aus deiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Bleistift zogst und begannst, das Foto abzuzeichnen. Hat etwas inzwischen deinen Geist erhellt? Wahrscheinlich nicht. Und was du noch tun könntest, um wenigstens ein Andenken zu haben. Hast du eine Idee?

Andernorts
Die besagte Silvesternacht geriet schon kurz danach in Vergessenheit. In diesem Jahr stand die erste Exkursion in den Orient bevor, auf die sie sich schon Monate vorher riesig freute. Am Ende des Jahres ging die Beziehung zu Ahmet in die Brüche. Irgendwann, so viel ist sicher, wird sie das Foto aus der damaligen Silvesternacht wieder ansehen.

Michael Bauer

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