Kategorie-Archiv: Michael Bauer

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Schulgeschichten

Der Lateinlehrer, der dem Schüler sagte, er sei ein „Radfahrer“, und bemerkte „nach oben buckeln, nach unten treten“ und ein paar Klassenstufen später war es ebenjener Lehrer, der diesen Schüler bei einem Referat bloßstellte und einem anderen Schüler, der wegen seines frechen Verhaltens bei den anderen Lehrern sehr unbeliebt war, ständig Komplimente machte („du, dein Vater ist doch Universitätsprofessor“).

Der Geschichtelehrer, der in seinem Unterricht das Prinzip der Hitlerjugend erklärte („und dann marschierten die Hitlerjungen draußen fröhlich und die restlichen Schüler/innen wurden in der Schule mit schweren Aufgaben schikaniert“). In einem Zeitungsinterview über sein Schultheaterprojekt erklärte er später, die Schüler/innen, die dieses Wahlfach gewählt hatten, durften mit ihm viele Städte in Europa besuchen, während die restlichen Schüler im Unterricht saßen.

Der Religionslehrer, der immer vor der Faszination des Nationalsozialismus und der Ideologie der Herrenrasse warnte und später ein Zitat eines modernen griechischen Schriftstellers über die angebliche Überlegenheit der griechischen Sprache verbreitete.

Und ich habe noch heute Hochachtung vor der zierlichen Französischlehrerin, die sich zu unserer Verwunderung am Wandertag im Biergarten Strammen Max bestellt hat und dann auf dem Rückweg verdächtig lange hinter dem Kriegerdenkmal verschwunden ist.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 23041

 

Schulanfang

An einem meiner letzten Kindergartentage, an dem wir das Schulgebäude gezeigt bekamen, regnete es. Ich hatte zu meinem Schulranzen den farblich passenden Regenschirm bekommen und ihn parat. Die Erzieherinnen haben mir ein anderes Kind zugeteilt, mit dem ich mir auf dem Weg zur Schule den Schirm teilen musste.

Es war ein Mädchen, für das ich mich immer interessiert habe, das mich aber nicht mochte. Als ich ihr beim Gehen den Regenschirm hielt, merkte ich, dass sie schön gekleidet war und sich dankbar fühlte, dass sie nicht nass wurde.

Zum ersten Mal merkte ich, dass ich mich in sie verliebt hatte. Leider besuchte sie eine andere Schule und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 22137

Ziel. Punkt.

Damals wollte ich nur noch schnell etwas einkaufen, ich weiß nicht mehr so genau was. Es muss nicht viel gewesen sein, denn damals, im März 2013, war das Geld knapp. Ich ging in die „Zielpunkt“-Filiale in der Alserbachstraße in Wien und kaufte etwas ein. Was ich auf dem Weg zum Supermarkt gedacht haben muss, weiß ich nicht mehr, vielleicht war es etwas Berufliches. Ich legte mehrere hundert Meter zu Fuß zurück und betrat das Geschäft. Da ich bereits Läden dieser Kette kannte, war es ein routinemäßiger Besuch, der mir zunächst keiner weiteren Beachtung würdig schien. Ich ging durch die gläserne Schiebetür hinein, zunächst zu den Obst- und Gemüsekisten, dann zur Milchtheke und zum Brotregal. Eine Handvoll Sachen hatte ich, denn ich benutzte keinen Einkaufswagen oder Korb. Alles, was ich in meiner Hand halten konnte.

Als ich zur Kasse ging, legte ich meine Sachen aufs Band, es kann sein, dass noch mehrere Kunden im Laden waren. Wann ich die Kassiererin zum ersten Mal erblickte, weiß ich nicht. Es kann sein, dass sie ihr Haar rot gefärbt hatte, aber da bin ich mir nicht so sicher. Ob ich sie schon bemerkte, als sie meine Sachen durch den Scanner zog, weiß ich nicht. Ich könnte auch nicht sagen, ob sie mir beim Bezahlen schon aufgefallen wäre. Aber kurz nachdem ich und wahrscheinlich ein anderer Kunde bezahlt hatten, verließ sie ihren Stand und betätigte mit dem Schlüssel die elektrische Türöffnung, da der Laden schon von außen verriegelt war. Ich schaute ihr in die Augen, verabschiedete mich und sie verabschiedete sich auch, dabei lächelte sie mich an. In diesem Moment war es um mich geschehen. Es war das letzte bewusste Mal, dass ich diesen Laden besucht hatte.

Auf dem Nachhauseweg war ich glücklich ob der Begegnung, aber ich wusste nicht, ob es andere Gedanken gab, die wichtiger waren. Vielleicht habe ich die junge Verkäuferin auch in meinem Tagebuch erwähnt, aber so genau weiß ich das nicht mehr. Was ich am nächsten Tag, in der nächsten Woche, im nächsten Monat tat, ist mir nicht mehr so bewusst.

Einige Jahre später, im August 2017, sah ich in einem Supermarkt eine junge Frau, die Käse aus einer Selbstbedienungstheke holte. Obwohl sie ganz anders aussah, als ich die Zielpunkt-Verkäuferin in Erinnerung hatte, erlebte ich ein Déjà-vu. Ich weiß nicht, welche Gemeinsamkeit sie mit der anderen Frau hatte, jedenfalls fühlte ich eine starke Nähe. Auch diese Erinnerung verblasste.

Erst im Sommer dieses Jahres kam mir die Erinnerung an die Zielpunktverkäuferin. Was ich nicht alles hätte tun können, den Laden häufiger besuchen, ihr ein Kompliment oder ein Geschenk machen. All dies hatte ich nicht getan, aber ich wusste nicht den Grund, warum ich es unterlassen hatte. Und warum wurde das Ganze mir erst jetzt, nach neun Jahren und einem Ortswechsel wieder bewusst? Ich versuchte, über diesen Laden zu recherchieren. Die Supermarktkette Zielpunkt hat 2016 Konkurs angemeldet und die Mitarbeiter*Innen mussten sich eine neue Arbeitsstelle suchen. Ich hatte demnach keine Chance mehr, diese Mitarbeiterin nochmals zu kontaktieren. Auch machte ich mir Sorgen wegen der Kündigung und der prekären Situation zur Zeit der Insolvenz.

Aber ich musste, da die Verkäuferin sehr charmant gewesen war, mir etwas überlegen, wie ich ihr meine Gefühle übermitteln konnte. Ich erschuf folgendes Szenario: Was hätte ich getan, wenn ich dieser Verkäuferin noch einmal begegnet wäre? Hätte ich meine große Schüchternheit überwinden können? Ich dachte zuerst, dass ich eine kleine Süßigkeit hätte kaufen können, die ich ihr nach dem Bezahlen hätte schenken können. Oder einen Zettel mit meiner Adresse. Was ich bevorzugt hätte, weiß ich nicht, aber es hätte Tage geben können, an denen diese Verkäuferin nicht an der Kasse saß und ich Pech gehabt hätte. Also hätte ich auch noch viel Geduld einplanen müssen.

Für den Fall, dass diese Verkäuferin mein Kontaktgesuch angenommen hätte, was hätte ich ihr vorschlagen können? Ein gemeinsames Gespräch, einen Spaziergang? Manche Menschen glauben daran, dass Gedanken übermittelt werden können. So dass die eigenen Gedanken nicht sinnlos um einen kreisen und den anderen doch – auf welche Art auch immer – erreichen. Es gab Versuche, die bestätigten, dass alle Menschen miteinander über ein paar Personen verbunden seien. Warum nicht einfach einmal eine Flaschenpost an die Verkäuferin schreiben? Ich tat es sogar und schickte meine Gedanken an sie an ein unbekanntes Ufer.

Als ich am Samstag, dem 24. September 2022, um 8.00 Uhr aufwachte, wurde mir der Gedanke immer klarer, dass ich diese charmante Verkäuferin in einem kleinen Text verewigen könnte. Ich fuhr meinen Laptop hoch und gab unter Google das Schlagwort „Schreibwettbewerbe“ ein. Nach einigen Klicks wurde ich auf eine Seite weitergeleitet.

Das Thema „Bewusstheit“ der Ausschreibung sah ich am geeignetsten an. Ziel. Punkt.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22105

An und für sich nichts Ungewöhnliches

I.

Seit einiger Zeit wusste ich, dass ich, wenn ich etwas nicht erreichte, mir das Ziel schlechtredete und mich lieber mit etwas weniger zufriedengab. So zum Beispiel, als ich mir die langersehnte Urlaubsreise nicht leisten konnte und meinen Urlaub lieber im Schrebergarten verbrachte. „Das ist doch egal, kommt doch alles auf dasselbe raus“, sagte ich zu mir. Aber manchmal kam doch wieder dieses Unbehagen. Was, wenn ich etwas Schönes verpassen könnte, was sich jetzt, genau in diesem Zeitpunkt zutragen könnte, während ich hier saß und meine Zeit totschlug. Und sofort musste ich wieder an eine Begegnung in der Stadt denken, die sich so vor einigen Jahren zugetragen hatte und die ich an dieser Stelle gerne noch einmal erzählen möchte: Auf einem Trödelmarkt lernte ich einen älteren Herrn kennen, mit dem ich nach einiger Zeit ins Gespräch kam. Er stellte sich nicht vor und machte zunächst auf mich einen eher mürrischen Eindruck, aber nach ein paar Sätzen sagte er: „Weißt du, dass ich jetzt schon 78 Jahre alt bin und in meinem Leben nichts bereut habe. Nicht das Geringste!“ „Wie ist das möglich?“, entgegnete ich ihm. „Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches“, sagte er „Jetzt bin ich aber neugierig“, erwiderte ich. „Ich werde dir nicht mehr verraten, als sein muss, aber zuerst möchte ich, dass wir uns in drei Wochen wiedersehen.“ Darauf beendete er das Gespräch und ging seiner Wege.

Einige Wochen später musste ich immer wieder an seine Worte denken. „Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches“, ratterte es durch meinen Kopf wie ein Mantra. Kurze Zeit später hatte ich diesen Mann vergessen und ich ging wieder meinen Alltagsgeschäften nach. Ich wusste, dass ich früher gegenüber vielen Dingen des Lebens eine große Gleichgültigkeit, ja, eine erschreckende Gleichgültigkeit gezeigt hatte. Es war ja sicherlich nichts Neues, dass sich in meinem Leben eher wenig ereignete, ich aber den Grund nicht genau kannte, warum dies so war. Ich machte mir einmal eine Liste, in die ich die Dinge eintrug, die ich am meisten bereute. Zuerst sollte dies ein kurzes Brainstorming sein, aber später würde ich mich daranmachen, die Ereignisse zu nummerieren. Also nahm ich ein Blatt weißes Papier und schrieb darauf: Was ich schon immer einmal tun wollte (mich aber nicht zu tun getraut habe). Einige Minuten lang merkte ich eine gähnende Leere, mir wollte wieder und wieder nichts einfallen. Als ich kurz davor war, etwas zu schreiben, verwarf ich es, weil es mir zu albern erschien.

Nach langer Zeit besann ich mich wieder und machte den Anfang. Dieser lautete: „Mehr Bücher lesen.“ Ich war ein bisschen stolz auf mich, dass ich mich getraut hatte, dies aufzuschreiben, aber sicher würde mir – wenn ich nur lange genug nachdenken würde – noch etwas Wichtigeres einfallen. Aber hey, ‚Mehr Bücher lesen‘ war doch schon einmal ein guter Anfang. Mir fiel ein, wie sehr ich Menschen immer beneidet habe, die viele Bücher gelesen hatten. Gerne wäre ich auch so geworden, aber ich wusste Erstens nicht: Mit welchen Büchern sollte ich anfangen, wenn ich noch nichts kannte, und Zweitens: Woher sollte ich die große Disziplin nehmen, auch Bücher zu lesen, die auf den ersten Blick langweilig waren, aber doch wichtig als Einstiegslektüre. Dies frustrierte mich ein Weilchen und ich begann mich auf den nächsten Punkt zu konzentrieren.

Was hätte ich als Nächstes bereut, zu tun? Ich merkte, dass ich eigentlich so vieles wüsste, mir aber nichts einfiel. Nach einiger Zeit des Überlegens nahm der zweite Punkt überraschend Gestalt an: Spontaner sein. Ich dachte, dass es sehr gut war, denn ich war es in meiner Familie gewohnt, dass Ideen, die eigentlich gut waren, immer wieder zerredet wurden. „Das kann man doch nicht machen.“ „Was ist, wenn etwas schiefgeht.“ „Man braucht doch nicht alles.“ Das hat mich früher immer frustriert. Aber von alleine fand ich keinen Ausweg. Ich brachte es einfach nicht fertig, einmal etwas außerhalb meiner vorgefertigten Routine zu unternehmen. Und manchmal wusste ich gar nicht, was das sein sollte. Sicher wusste ich, dass das schwieriger war als gedacht. Damals hielt ich mich von kulturellen Veranstaltungen fern: „Für so etwas geben wir kein Geld aus“, „Dafür haben wir keine Zeit“. So hieß es oft von meinen Eltern.

Für den nächsten Punkt nahm ich mir wieder Zeit. Diesmal dauerte es etwas länger. Was hat mich früher am unglücklichsten gemacht? Mir wurde klar, dass mich am unglücklichsten die Abwesenheit von Freunden gemacht hatte. Aber zu dieser Zeit wusste ich nicht, wie ich dies am besten ausdrücken sollte. Nun dachte ich, dass ich das Brainstorming für heute sein lassen sollte.

II.

1.
Wir befinden uns im Jahr 1998. Der Ich-Erzähler ist noch Schüler und zeigt Interesse an einer Mitschülerin, die ihm nach jeder Klausur im Fach Musik ihre eigene Lösung als Musterklausur gibt, um die Fehler verbessern zu können. Natürlich zeigte der Ich-Erzähler Interesse, wie bereits gesagt. Aber dieses Interesse ist noch zu schüchtern. Er hätte es nicht fertiggebracht, auch wenn er sie täglich sah, ihr beispielsweise einen Liebesbrief zu schreiben und ihr diesen Brief unter die Bank zu legen. Wäre ihm etwas eingefallen, was er in diesen Liebesbrief hätte schreiben können? Ein paar Jahre später versuchte er für die Schublade einen solchen Brief, den er als Dreizehnjähriger gerne geschrieben hätte. Er begann so: „Liebe C., wie Du sicher weißt, hast Du mir immer Deine Musikklausuren geliehen, und es gab auch sicher andere Momente im Schulleben, in denen ich Deine außerordentliche Freundlichkeit zu schätzen gelernt habe. Dies wollte ich Dir nur einmal schreiben und ich hoffe, dass Du mich ebenfalls als sympathisch wahrnimmst. Über einen weiteren Austausch mit Dir würde ich mich sehr freuen! Dein B.“ Leider habe ich einen solchen Brief nie geschrieben und C. wechselte sehr früh die Schule. Bis heute habe ich keinen Kontakt zu ihr.

2.
Es war schon im Studium, als ich diesen überfüllten Sprachkurs besuchte. In der letzten Bank saß N. ganz alleine, und ich begann immer wieder heimlich, zu ihr hinüberzublicken. Sie gefiel mir sehr, auch wenn ich nicht viel von ihr wusste. In einer Stunde geschah es, dass sie sich ganz unvermittelt neben mich setzte und mir sogar Ihre E-Mail-Adresse gab. Ich war ganz baff und konnte die Situation nicht zuordnen. Wegen meiner Schüchternheit kam es aber zu keinem weiteren Austausch. Auch für N. formulierte ich später ein E-Mail, das ich ihr gerne geschrieben hätte: „Hallo N., ich fand es ganz toll, dass Du Dich neben mich gesetzt hast. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Du nur die Hausübungen haben wolltest, oder ob ich Dir sympathisch bin ;-). Wenn Du Lust hast, können wir uns gerne einmal treffen. LG, B.“ Im Gegensatz zu C. war die E-Mail-Adresse von N. noch nach neun Jahren gültig. Leider habe ich von ihr keine Antwort mehr erhalten.

3.
Und die vielen beiläufigen Begegnungen. Als ich Studienkolleginnen traf, die mir sehr gefielen oder die sehr nett zu mir waren, aber es mir nicht gelang, Kontakt mit ihnen aufzubauen. Und im Nachhinein war das immer sehr schade für mich, dass sich nichts ergeben hat. Und wie bei C. und N. formulierte ich manchmal Briefe, die ich schreiben könnte. Aber das ist alles nun vergebens. Dennoch habe ich gelernt, achtsamer mit solchen Begegnungen umzugehen und mich mehr zu trauen. Auch schätze ich andere Menschen mehr als vorher.

III.

Zurück zu meinem Brief: Den dritten Punkt ließ ich aus und verstaute den Brief in einer Schublade. Nach einiger Zeit hatte ich sogar vergessen, dass ich ihn geschrieben hatte. Ich erinnerte mich aber wieder an den alten Mann, der mir sagte, das sei ja „an und für sich nichts Ungewöhnliches“. Was ich ihn wohl diesmal fragen sollte? Den ersten Schritt mit der Liste hatte ich ja gemacht und mir fiel doch ein, wie viel mir in meinem Leben entgangen ist. Ich habe mir auch eine zweite Liste mit meinen häufigsten Ausreden erstellt. „Das wird doch nie etwas“, „Das kommt alles noch von allein“, „Du schaffst es nicht“, die ich dem alten Herrn zeigen wollte. Aber zuerst war ich auf die erneute Begegnung mit dem Mann gespannt.

IV.

An einem Freitag traf ich ihn tatsächlich, zuerst hatte er mich gar nicht erkannt und dann nicht kennen wollen. „Ach so, haben wir uns wirklich schon einmal gesehen?“, fragte er misstrauisch. „Ich denke doch. Und ich habe das letzte Gespräch sehr ernst genommen. Aber leider weiß ich immer noch nicht, was Ihr Geheimrezept ist, dass Sie im Leben nichts bereuen. Ich habe mir sogar zwei Listen gemacht“, sagte ich. Er erwiderte: „Das ist doch fürs Erste schon einmal ein guter Anfang. Und was hast du in die beiden Listen denn geschrieben?“, fragte er. „In der ersten Liste steht, was ich am meisten bereue, und in der zweiten stehen meine häufigsten Ausreden.“

Er zögerte einen Moment. Dann fuhr er fort: „Und weißt du schon, was du in deinem Leben ändern möchtest. Ich denke, dass du damit sofort anfangen musst, sonst hast du später keine Zeit mehr.“ Ich entgegnete, dass ich sofort in eine Bücherei gehen werde und mit dem Lesen anfange und auch mein großes Zögern beim Besuch kultureller Veranstaltungen einstellen möchte. Zum dritten Punkt fällt mir allerdings nichts mehr ein. „Was war dein dritter Punkt?“ „Die verpassten Gelegenheiten, Mitschülerinnen oder Mitstudentinnen Briefe oder E-Mails zu schreiben.“ „Und was könntest du aus deinem Fehler lernen?“ „Das weiß ich nicht.“ Der alte Mann entgegnete mir: „Ich gebe dir mal einen Rat, aber nur einen kleinen, auf den Rest musst du leider selbst draufkommen: Wozu hat man denn das Internet erfunden?“

Dann nahm er aus seiner Tasche ein Smartphone und tippte eine App an. „Diese App habe ich selbst programmiert. Sieh mir zu, was passiert, wenn ich sie öffne!“ Gespannt sah ich ihm zu, und ehe ich genau realisieren konnte, was geschehen war, tat es einen lauten Schlag und der alte Herr explodierte. Vor lauter Qualm konnte ich zunächst nichts sehen, aber dean nahm ich eine junge Frauenstimme wahr, die zu mir sagte: „Hallo B., es ist schön zu hören, dass du dich damals so sehr für mich interessiertest. Vielen Dank dafür!“ Als sich der Qualm lichtete, merkte ich, dass es sich um C. handelte, die mich noch schüchtern auf die Wange küsste und dann von dannen schritt. In diesem Moment piepte mein Handy, und als ich nachschaute, sah ich, dass ich ein SMS von N. bekommen hatte, das ebenfalls sehr freundlich formuliert war. Vor meinem inneren Ohr hörte ich noch einmal die Stimme das alten Mannes: „An und für sich nichts Ungewöhnliches.“ Dabei musste ich laut und herzhaft lachen.

V.

Wie die oder der geneigte Lesende es richtigermaßen schon bemerkt haben dürfte: Diese Geschichte war natürlich von Anfang bis Ende erstunken und erlogen. Und am Anfang habe ich es doch noch ein bisschen glaubwürdiger formuliert, um den Lesenden auf eine falsche Fährte zu locken. Was ich aber dennoch mit der Liste ausdrücken wollte: Es ist nichts Schlechtes daran, sich seine Versäumnisse und Ausreden noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Und gelegentlich bietet sich doch noch die Chance auf Veränderung. Wenn sich diese Chance nicht zeigt, sollte man auf eine weitere warten, sich aber gut darauf vorbereiten, so widersprüchlich es klingt. Es geschehen manchmal Wunder, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht so spektakulär aussehen wollen wie in der Geschichte, aber der Alltag kennt viele Überraschungen. Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort (sofern ich es mir nicht selbst ausgedacht habe), die erste Liebe sei doch immer die wahre Liebe ...

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 22099

Vielleicht klingt es wie Thomas Bernhard

Also sagte sie, nachdem sie den Lehrling, der ahnungslos war, nämlich von so einer großen Ahnungslosigkeit, wie sie nur den Lehrlingen eigen sei, und diese Lehrlingsahnungslosigkeit, das sei doch eigentlich das Schlimme, nicht wahr, es gebe nur Weniges, was von ebendieser Ahnungslosigkeit übertroffen werde, dieser Dumpfheit und Gleichgültigkeit. Ebenjener Lehrling, dieser Dümmling, der es doch fertiggebracht habe – und das müsse man sich einmal vorstellen –, ja, das könne man sich eigentlich gar nicht vorstellen, wenn man es recht bedenkt, so wie die meisten Leute es eben bedenken, dieser Lehrling hat es doch fertiggebracht, dass er diesen Waschlappen, diesen Fetzen Stoff von billigster Ausschussqualität, diesen Wegwerflappen –  und es seien dies heutzutage nur noch Wegwerflappen, so wie alles heutzutage nur noch Wegwerfprodukte von billigster Ausschussqualität –, in die Wäscherei bringt und dafür noch eine Rechnung von zwei Euro neunundneunzig bekommt. Diesen Waschlappen, diesen billigen Ausschusstextilwegwerflappen habe sie sich, weil sich die Gelegenheit biete, und diese biete sich ja und umso mehr als studierte Kunsthistorikerin, das solle man sich einmal vorstellen, sie habe, sagte sie mir, sich diesen Wegwerflappen in ihr Büro hängen und rahmen lassen, und der Rahmen, nicht wahr, verändere ja alles und mache diesen Wegwerflappen zu einem Kunstobjekt und – das wäre nicht das  Erstaunliche – jetzt sehe er ja aus wie Kunst und es könnte ja von Joseph Beuys, was ja der ungelernte, der ahnungslose Betrachter nicht wissen könne, und da sei sie jetzt stolz, und nachdem sie das sagte, notierte ich mir diese dümmliche Geschichte, wie beinahe das ganze dümmliche Geschwätz, das sich ja letztlich nur noch um sich selbst im Kreise drehe, um den eigenen Status zu bestätigen, denn den Dümmlichen sei ihr Status gewissermaßen heilig und ebenjene  Person, deren Stolz jene verblödete Geschichte, die sie mir erzählte, und heutzutage häuften sich diese verblödeten  Geschichten ja, ebenjene Person brachte mich auf die Idee, eine Idee, die vielleicht selbst dieser Verblödung nichts entgegenzusetzen hätte, aber immerhin hätte es mich auf die Idee gebracht, diese Geschichte, wie sie sagte, zu erzählen (und durch meine Worte, meine jämmerlichen Worte bewegten doch nichts, eben das sei ja das Tragische) und sich dabei zu denken, dabei sei das Denken in diesem Moment überhaupt nicht förderlich, ja das Denken sollte in solchen Fällen verboten werden: Immerhin klingt es jetzt ein wenig wie Thomas Bernhard.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 22065

Understanding Mölzer. Ein Essay

In den letzten Wochen ist es immer wieder zu Diskussionen über die Äußerungen von Andreas Mölzer gekommen. Wie ist damit umzugehen? Es gibt die eine Fraktion, die zu Recht empört ist und die Äußerungen Mölzers als neuesten verbalen Tiefpunkt in der österreichischen Politik ansieht. Beschweren sich nun Erstere über die unhaltbaren und unerträglichen Sätze, werden diese wiederum als linkslinke Wortverdreher abqualifiziert und Mölzer als deren Opfer stilisiert.

Was können wir als langfristig daraus lernen? Dass wir mit unserer medialen Empörung der FPÖ in die Hände spielen, möglicherweise.

Versuchen wir doch einmal, Mölzer wortwörtlich zu nehmen und uns in seine Gedankenlogik hineinzuversetzen. Als Erstes wäre da der Textausschnitt aus dem SZ-Magazin. Darin behauptet der EU-Abgeordnete:

Es ist eine Frage auch des gestalterischen, des Arbeitsethos, was aus diesem Europa wird:
Entweder sind wir ein Negerkonglomerat, totales Chaos, sage ich jetzt bewusst brutal
politisch nicht korrekt. Wo das Chaos sich vermehrt, wo Massenzuwanderung, wo
institutionelles Chaos, wo wirre Konzerninteressen ...(SZ-Magazin)

Was will uns Mölzer also damit sagen? Er entwirft in diesen Sätzen ein Krisenszenario, das er durch seine Wiederwahl ins Europäische Parlament zu verhindern hofft: also ein durch ein wie auch immer beschaffenes Konglomerat ausgelöstes oder kultiviertes Chaos, das Massenzuwanderung und Konzerninteressen nichts entgegenzusetzen habe. Dies sage er „bewusst brutal politisch nicht korrekt“. Andererseits beklagt er sich wieder darüber, dass es „sicher nicht so viele Regeln und Vorschriften, Gebote und Verbote“ in den „düstersten Systemen“ des 20. Jahrhunderts gegeben hätte. Wie passt dies alles zusammen?

„Und allmählich dämmerte es ihm, ... dass er von jetzt an, falls es ein Von-jetzt-an für ihn
geben sollte, sein krankhaftes Streben nach Ordnung aufgeben und sich ein wenig Chaos
gönnen musste; denn Ordnung war nachweislich kein Ersatz für Glück …“ (John Le Carré)

Schon ein Blick in den Duden „Abwesenheit, Auflösung aller Ordnung; völliges Durcheinander“ hätte genügen müssen, um zu sehen, dass ein Konglomerat, das totales Chaos in sich birgt, nicht viel mit „Regeln, Ge- und Verboten“ zu tun haben kann. Weitere Quellen oder Beispiele für seinen eigenartigen Vergleich nennt er natürlich keine. Was kann es denn dann sein, das den EU-Abgeordneten Mölzer so sehr an seiner Institution zweifeln lässt? Wozu möchte Mölzer dann in das EU-Parlament gewählt werden? Und wie stellt er sich eigentlich die EU vor, für die er doch kandidieren möchte?

Gehen wir dafür nun einen Schritt weiter mit unserer Analyse und nehmen wir uns die Interpretationsansätze zu Hilfe, die Mölzer selbst nachgeliefert hat. Es könnte ja Mölzer durchaus – und besonders als Österreicher – ein Freudscher Versprecher unterlaufen sein und er sich „zu den Wünschen bekannt“ haben, welche er als seiner „Persönlichkeit nicht gemäß und als peinlich abgewiesen hat“.

Setzt man nun in den oben genannten Text ein – Zitat „nekrophiles Konglomerat“ ein, so könnte auch Mölzer selbst – immerhin mit seinen 61 Jahren auch nicht mehr der Jüngste – und seinem Wunsch nach – ich zitiere: „nicht so viele[n] Regeln und Vorschriften, Gebote[n] und Verbote[n]“ in den düstersten Systemen (Stichwort: Nekrophilie!) vielleicht ja selbst Teil dieses Problems sein, ohne es sich überhaupt bewusst geworden zu sein. Wie heißt es doch im Matthäusevangelium 7, 3 (Jawohl, Abendland in Christenhand!): „Den Splitter im fremden Auge sehen, aber nicht den Balken im eigenen.“

Auch die Phonetik birgt manchmal größere Schwierigkeiten in sich, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt: Trotz oberflächlicher Ähnlichkeit kommt das N-Wort von „niger“ (schwarz), „nekrophil“ hingegen von „nekros“ (tot). Und dann wären wir wieder einmal beim Thema Freudscher Versprecher: Vielleicht hat das Ausländerbild der FPÖ schon dazu geführt, beides in eine  besorgniserregende semantische Nähe zu rücken: Omofuma oder die jüngsten Ereignisse im Mittelmeer zeigen es ja.

Es ist darum fast schon schade, dass Mölzer sich nicht so elegant und einfach – dem Vorbild seines Parteivorsitzenden Strache folgend – aus der Sache herausredet, er habe doch nur so ganz spontan während des Interviews etwas Trinkbares bestellen wollen (Drei Bier! – Konglomerat).

Spätestens hier aber rudert Mölzer zurück und entschließt sich für eine andere Argumentationsstrategie: Er geht noch einmal zurück zum N*-Wort und behauptet offensiv:

„Das Wort Neger als solches ist ein normales deutsches Wort, das weder eine Wertung noch sonst etwas beinhaltet. Das kann man verwenden, genauso wie das Wort Zigeuner.“

Was heißt das? Will Mölzer etwa damit sagen, dass nur ein „normales deutsches Wort“  die Weltsicht des „normalen Deutschen (oder Österreichers)“ im FPÖ-Sinn repräsentieren darf? Dann scheint diese Aussicht logisch. Vielleicht ist auch Mölzer jemand, der sich im Gegenzug sehr gerne als Gringo, Gadscho, Langnase, Bleichgesicht bezeichnen lässt, denn wenn schon biologische und rassische Taxonomien, dann bitte richtig!

Warum stand Mölzer dann anfangs nicht zu seinem N*-Wort,wenn es doch so ein „normales deutsches Wort“ ist? War es für sein Über-Ich vielleicht nicht ebenfalls ein genauso „normales deutsches Wort“? Oder war es ebenfalls wieder nur der Freudsche Versprecher, der im Übrigen besonders häufig im Vergessen fremdsprachlicher Worte zu Tage tritt: Natürlich bedeutet die metasprachliche Äußerung „brutal politisch nicht korrekt“ auch dasselbe wie „satirisch-ironisch“. Ist ja eh wurscht, sind ja alles Fremdwörter. Da kann man ruhig auch mal „satirisch-ironisch Tacheles“ reden, wie er auf seiner Webseite schreibt.

Was sollte dann auch der Begriff N* für Mölzer beinhalten? Einen Menschen, möglicherweise? Vielleicht definiert ja der freiheitliche EU-Abgeordnete „normale deutsche Wörter“ einfach so, dass sie „weder Wertungen noch sonst etwas beinhalten“. Damit ist schon einmal ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur De-Chiffrierung Mölzers getan. Sollte es sich am Ende gar noch herausstellen, dass es sich bei ihm um einen Sprachskeptiker Wittgensteinscher Prägung handeln sollt?

Vielleicht hat die sprichwörtliche FPÖ-typische Gedankenfreiheit einfach schlicht Angst vor der bösen EU und der noch viel böseren NSA und dafür eine dem Laien unverständliche Chiffrensprache entwickelt?

Es stimmte übrigens auch: Das N*-Wort ist rückwärts gelesen, ein ganz normales deutsches Wort: Es bedeutet nämlich „Regen“. Diese Lesart (engl.: Backward Messaging) ist natürlich berechtigt – ein jeder Fan von Led Zeppelin, Nirvana und Co. weiß das. Vielleicht sei das N*-Wort ja als dezenter Hinweis darauf gedacht gewesen. In diesem Sinne:

„Tkerrok tchin hcsitilop laturb tssuweb tztej hci egas, soahC selatot, taremolgnokregeN nie riw
dnis redewtne.“ (saerdnA rezlöM)

Quellen:

Geschrieben im Vorfeld der EU-Wahl 2014 anlässlich der Kandidatur Andreas Mölzers

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 22058

Über dem Meer

Und plötzlich finde ich mich
wieder. Hier. Im Reich der Mitte.
Angebunden. An einen Stuhl.
In der Geschlossenen.

Nihao, zhi zhi, nicht viel.
Aber alles, was ich sagen kann.
Ich höre der Stille zu.

Ein alter Mann (so genau weiß
ich das Alter nicht mehr) gibt mir
Suppe, Bonbons, Kirschen
„Where do you come from?“
„That’s taboo!“

Ich zeige auf meine Wunden.
„Who did this to you?“
„That’s taboo!“

Er öffnet meine Fessel. Geht
mit mir ins Bad. Lässt Wasser
in ein Gefäß und reinigt mir
die Wunden. Ein Labsal.
„Where do you come from?“
„From the German consulate.“
Er trocknet mich sanft ab.
Es fühlt sich so schön an.

„What did these people do with you?“
„I don’t know.“
Ein kurzer Moment des Innehaltens.
„Why these people brought you here?“
„They said that I was an extremely dangerous person.“
Ich lächle, dann umarme ich ihn.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22054