- Abschied vom „Baum-Ausreißen“
- Adele Sauerzopf erbt ein Schloss
- Am Feuer
- Am Katzentischerl
- Die Amethyst-Kette
- Aufgeb’m tuat ma an Briaf
- Aufschreib’m
- Blaue Mitzi
- Der Butler 1
- Der Butler 2
- Der Butler 3
- Der Elefant
- Engel auf Erden
- Erdäpfel
- Erste Hilfe
- Falsch verstanden
- Der falsche Mönch
- Familiäre Wahrnehmung
- Der Fliesenleger – aus der Wiener Häuslbauer-Serie mit max, dem Bauherrn
- Der Fortschritt ins ewige Leben
- Fragment
- Das Glücksschwein
- Das Haarwuchsmittel
- Handgreifliches
- Herr Twaroch kauft ein Auto
- Ich bin halt ein Kriegskind
- K A F F E E
- Der kleine Tannenbaum
- Der Krebsengang
- Kübel ausleeren
- Lesen, ein Fenster in die Welt hinaus
- Die Leseratte
- Leseratten für Leseratten
- Liebe über den Wolken
- Der Lindenbaum
- Lob des Zornes
- Marmelade
- max, der Bauherr – Auf Rosen gebettet
- max, der Bauherr – Endlich fertig
- Max, der Kleptomane
- Nussdorfer Spaziergang
- Professor Biermanns Rosskur
- Roberts Schüttler
- Sauna im Schnee
- Schleim – eine Ehrenrettung
- Der Schlüssel
- Schuach
- Das Sonntagsgeschirr
- Die Steinsuppe
- Totes Meerschweinchen
- Übers Einhorn
- Der unverstandene Mann
- Verdächtige Überstunden
- Wald, Baum, Holz
- Die weinende Krähe – Begegnung im November
- Wenn’s einmal aus wird sein. Selbstmord auf Wienerisch
- Wider den Stachel löcken
- Wieder „Single“
- Ein Wiener zu Weihnachten
- Die Zeit
Archiv der Kategorie: Robert Müller
max, der Bauherr – Endlich fertig
Aus der Wiener Häuslbauer-Serie
max, der Bauherr, hatte es geschafft: Das Haus war fertig!!! Endlose Jahre der Grundstückssuche, der Würgerei mit den Kreditraten, der Planung und des mühsamen Stein-auf-Stein-Legens lagen hinter ihm. Gebaut hatte er größtenteils selbst, mit „erweiterter Nachbarschaftshilfe“ – und natürlich mit Hilfe von Verwandten und Freunden, denn jeder, der ihm am Wochenende als Maurer, Helfer, Elektriker oder Installateur gegen „Spesenersatz“ geholfen hatte, war mit der Zeit sein Freund geworden.
Was hatte es nicht für Schwierigkeiten gegeben: ewiger Geldmangel, chronische Überarbeitung (max freute sich jeden Sonntag aufs Büro, denn nach einem starken Tag Betonmischen oder Ziegelschleppen hatten seine Bandscheiben locker eine Woche Erholung gebraucht, bis er sich die Schuhe wieder schmerzfrei anziehen konnte), Ärger mit der Gemeinde, dem Baustoffhändler, den Handwerkern, die oft genug aussichtslose Terminkoordination, die er immer wieder mit der Geduld eines Stehaufmanderls irgendwie geschafft hatte – er wollte gar nicht mehr daran denken. Die gehabten Schmerzen sind die schönsten – aber nun aus, Schluss damit. Es war ihm mit Gottes Hilfe (denn es grenzte mehrmals an ein Wunder, dass alles doch noch geklappt hatte) gelungen, ein durchaus brauchbares und hübsches kleines Einfamilienhaus auf die Beine oder besser aufs selbstgegossene Fundament zu stellen. Ein Marathonläufer in der Zielgeraden ist ein ausgeschlafener Beamter gegen einen Häuslbauer, der fertig geworden ist. Alle Materialreste und sogar die Mischmaschine hatte max bereits an andere Leidensgenossen verschenkt, er konnte nichts mehr davon sehen.
Gestern abends hatte es eine sehr gelungene Fertigstellungs-Grillparty gegeben, wo alle am Werk Beteiligten mit ihren Familien eingeladen waren – das Buffet hatte max vom nächsten Heurigenwirt beistellen lassen, der ihm auch einige Bänke und Tische geliehen hatte. Auch dieser war sein Freund, denn er hatte dem wohlgelittenen langjährigen Stammgast mehrmals mit dem Traktor ausgeholfen, wenn nichts anderes mehr ging. Und um Mitternacht wurden in einem feierlichen Akt symbolisch die letzten Arbeitshandschuhe und die den ganzen Bau gebrauchte, von allerlei Rückständen schon „allein-stehende“ ehemals blaue Latzhose in einem großen Lagerfeuer aus kleingeschnittenem Bauholz verbrannt. Leider fiel dieses ziemlich groß aus, weshalb die von ängstlichen Nachbarn alarmierte Feuerwehr ausrückte, was größere Schwierigkeiten und Kosten verursacht hätte, wenn nicht deren Kommandant der Sohn des befreundeten Heurigenwirten gewesen wäre. Kurzerhand lud max den gesamten Löschzug ein mitzufeiern, was gerne angenommen wurde und neuen Schwung in die fröhliche Party brachte.
Die Kinder schliefen irgendwo in den improvisierten Matratzenlagern, nach und nach folgten deren Mütter, und schlussendlich fielen gegen drei Uhr früh auch die härtesten „Hackler“ todmüde, aber zufrieden zu den Frauen aufs Lager (wenn auch nicht immer zu den eigenen). max hatte vorsorglich einen großen Topf Gulaschsuppe und Brot für das Frühstück bereitgestellt und die Raumpflegerin aus seinem Büro für die morgendliche Kaffeeküche engagiert, sodass sich auch die „Wieder-in-Betriebnahme“ seiner Gäste geordnet vollzog. Alle versicherten ihm, dass dies die schönste Party gewesen wäre, an der sie je teilgenommen hätten, und verabschiedeten sich mit einem scherzhaften „Also bis zur nächsten Baustelle“, und dann war es soweit.
Das Haus stand, es hatte auch die Party unbeschadet überstanden, und nach den „Aufräumungsarbeiten“, die sich bis in den frühen Nachmittag hinzogen, waren alle Spuren getilgt, alles strahlte nagelneu, und auch der schön angelegte Garten war wie aus dem Schöner-Wohnen-Prospekt. Jetzt war es soweit, die Besitzerfreude und der Stolz auf das Selbstgeschaffene, der so lange ersehnte Genuss konnten stattfinden. max und seine Elli waren ganz gerührt, die große Terrassentüre wurde mit einer Girlande geschmückt, und max trug seine Gefährtin in guten und vielen weniger guten Tagen feierlich über seines Hauses Schwelle, küsste sie und sprach die bewegenden Worte: „Und jetzt hätt ich gern an g’scheiten Kaffee mit Schlag und an Guglhupf von deiner Muatter!“ Denn auf das hatte er sich jahrelang gefreut; immer, wenn es ihm schlecht ging (oder er nicht wusste, wie es weitergeht), hatte er sich ausgemalt, wie er künftig auf der Terrasse beim Kaffee sitzen würde und alles wäre geschafft.
Elli nickte und blitzte ihn mit strahlender Zustimmung an: „Jo, ich hab auch schon Zähnd‘ drauf, endlich einmal auf gepflegt und net auf einer dreckich’n Baustell’!“ Auch sie hatte viel entbehren müssen, bis es soweit war. Gemeinsam machten sie die paar Handgriffe in der Küche und trugen alles hinaus, um sich dann die wohlverdiente Jause in der neuen gelb-weiß gestreiften Sitzgarnitur auf der Terrasse schmecken zu lassen. Als krönenden Abschluss holte max eine Flasche Marillenschaumwein aus dem Kühlschrank und sie stießen auf den neuen, schönen Lebensabschnitt ohne schwere, schmutzige Arbeit an.
Und dann sagte die liebende Gattin mitten hinein in maxens blass werdendes Gesicht: „Ich fahr gach in die Wohnung noch ein paar Sachen holen, bist so lieb und hebst derweil die Waschbetonplatten unterm Garten-Wasserhahn um zwei, drei Zentimeter höher, weil da bleibt immer so eine Gatschlacken steh’n!“ Um Gottes Willen, das hieß ja schon wieder die schweren Platten heben (= Kreuzweh), vom Nachbarn einen Kübel Sand erbetteln (er hatte ja weder Arbeitsgewand noch Baumaterial mehr), in der ältesten Jean niederknien, mit Kelle und Wasserwaage herumhantieren und dann alles wieder saubermachen. Und wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel traf max die vernichtende Erkenntnis: Bisher hatte er geschuftet, um ein Haus zu haben. Und nun würde er sein Lebetag für sein Haus weiterarbeiten müssen. Und die einzige Erholung, die langersehnte schöne sorglose Zeit nach Bau-Ende – das war die Dreiviertelstunde beim Kaffee gewesen!
Man muss eine Frau sein, um nicht zu verstehen, warum sich max diesen Abend mit dem restlichen Maurerbier in den Schlaf trinken musste.
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 26054
Der Fortschritt ins ewige Leben
Eine bäuerliche Tragödie in drei Akten
Da war ein Bauer im Wechselgebiet – wo, weiß ich nicht mehr, ich habe die Geschichte in einem Wirtshaus am Nebentisch erzählen gehört.
Dieser Bauer hatte auf einem steilen Feld Roggen gemäht, die Garben den Hang hinunter geschleift und auf den von schweren Ochsen gezogenen Leiterwagen – es war Ende der 40er-Jahre – aufgeladen. Der Wagen muss dabei austariert gleichmäßig beladen sein, um auf den rumpeligen Wegen nicht umzukippen.
An Ende des Feldweges – vor der breiteren Fahrbahn – war eine Mulde, die man vorsichtig durchqueren musste. Der Bauer dachte sich nichts dabei, er war da schon jahrelang durchgefahren, und Ochsen haben ein gemächliches Tempo. Vielleicht hatte es auch drei Tage vorher geregnet, jedenfalls war die Mulde aufgeweicht, der schwer beladene Wagen kippte auf die Seite, die Ochsen ebenfalls, und der Bauer wurde vom Wagen geworfen.
Was war passiert? Den Ochsen nichts (gelobt sei deren Langsamkeit), der hölzerne Leiterwagen war auch ganz, der Bauer trug lediglich eine Schulterprellung davon, und das Getreide musste neu aufgeladen werden. Soweit alles gut.
Drei Jahre später wurden die Ochsen gegen junge Pferde getauscht – die waren einfach schneller. Erneut wurde am Hang hinter dem Hof das Heu geerntet, der Pferdewagen unten mit Sorgfalt beladen, die Ladung mit Seilen gesichert und die Pferde zogen an. Genau in der Mulde am Ende des Feldweges neigte sich der Leiterwagen und kippte langsam um. Die Pferde waren unverletzt (nur verschreckt) und wurden nach dem Ausspannen an einen Baum gebunden. Am Leiterwagen war lediglich die Deichsel gebrochen, und der Bauer hatte einen gefährlich aussehenden blutenden Schnitt über der Schläfe. Aber die ärztliche Untersuchung ergab keinen ernsteren Schaden. Die Deichsel wurde nächsten Morgen getauscht und der Wagen ein paar Meter weiter neu beladen.
Wieder einige Jahre später waren die Pferde von einem Steyr-15-Traktor ersetzt, der von der Tochter des nunmehrigen Altbauern gefahren wurde. Gerade zur Erntezeit war ein Kind unterwegs und so fuhr der 70-jährige Bauer selbst die Fechsung ein, auch von der oben erwähnten steilen „Leiten“. Zur Sicherheit belud man den Anhänger nur halbhoch, und der Bauer lenkte den Traktor eine Handbreit neben die Mulde. Das war ein Fehler, denn die Tochter hatte dieses gefährliche Wegstück schon mit Feldsteinen gefestigt, und der Ackerboden war weich. Also sank der Traktor mit dem linken Vorderrad ein und kippte mitsamt dem Anhänger um. Und diesmal blieb der Bauer unter dem Traktor liegen.
Ja, seinem Schicksal entkommt man nicht so leicht!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25236
Nussdorfer Spaziergang
Nussdorf ist Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, mit Weingärten am „Nussberg“.
Abends, nach dem Berufsstress, oder auch an ruhigen Sonntag-Vormittagen geht der Verfasser dieser Zeilen gerne am Nussberg spazieren. Der Weg ist festgelegt, die Zeit genau bemessen:
Vom „Nussdorfer Platzl“ geht es – durch einen „bis auf Widerruf gestatteten“ Durchgang – in die Hackhofergasse. Vor dem Haus Nr. 5 stehen drei Golf-GTI auf dem bisschen Gras herum, einer davon ohne Kennzeichen. Daneben das geschlossene Tor des ehemaligen Heurigen „Stift Schotten“,erbaut 1730, es weckt wehmütige Erinnerungen – wie an eine verlorene Geliebte. Viel zu selten ist man dort eingekehrt! Wie schön war es doch, mit der Frau bei einem Viertel Nussberger und einem saftigen Krautstrudel unter den großen alten Bäumen zu sitzen, ein gutes Wort zu reden, dem aufgehenden Mond zuzublinzeln und das Atmen der Zeit zu hören – eine blaue Stunde, eine Spanne der Schwerelosigkeit zu erleben. Was wird dem schönen alten Gebäude jetzt bevorstehen?
Links um die Ecke steht in der Nussberggasse 2b das „Schloss Dracula“. Als das Kind des Verfassers noch klein war und am Spaziergang teilnahm, war es ein beliebtes Spiel, den Häusern am Weg passende lustige Namen zu geben, und die wunderschöne Jugendstilvilla mit ihrer reichen Gliederung, den schmiedeeisernen Gittern und Laternen war infolge ihrer düsteren Lage hinter hohen Bäumen eben Schloss Dracula. Manchmal brannte ein einsames Licht oben im Dachgeschoß – da war Graf Dracula zu Hause. Seit einiger Zeit ist mehr Leben zu beobachten: Riesige Kristall-Luster brennen im großen Salon, schwere Limousinen fahren vor, an einem Sonntagvormittag drang sogar Klavierspiel aus einem offenen Fenster – eine neue Generation?
Nach der Hofeinfahrt des Schottenstifts in der Nussberggasse beginnt links das „Schiache-Leut-Ghetto“. Auf die Frage des Kindes, warum deren Reihenhäuser so tief unter dem abschüssigen Straßenniveau stünden, war die lustige Antwort, die Bewohner wären so hässlich, dass sie unterirdisch gehen müssten. Anschließend steht auf Nummer 11a-c das „Drei-Doktor-Haus“, ein brillant geplantes Dreifach-Reihenhaus, welches mit sehr wenig Platz in der Breite auskommt, aber vertikal und in die Tiefe des Areals genügend Raum bietet. Vom Beethovengang unten aus gesehen ist es ein stattlicher Besitz. Links wohnt ein praktischer Arzt. Der mittlere Bewohner hat keinen Titel am Türschild stehen, wird aber wohl auch ein Akademiker sein, um sich das schöne Haus leisten zu können, und rechts wohnt und residiert ein Augenarzt Dr. Heilig – welch ein schöner Name für einen Mediziner! Ein Heiliger hatte nichts mit Religion zu tun, sondern war ein Mann, der heilen, Kranke gesund machen konnte.
Gegenüber steht seit kurzem das „Stiegenhaus“, ein Neubau mit überdimensionaler Freitreppe, die aber auf einem winzigen Plateau mit je drei Stufen seitlich vom Hoftor endet – eine Freitreppe ohne freien Platz davor. Die gleichfarbige große Hundehütte daneben passt genau dazu. Neben dem „Drei-Doktor-Haus“ beginnt das „Schöne-Leut-Ghetto“, eine schöne weiße Wohnanlage mit viel braunem Holz, großen Fenstern und Loggien, extrovertiert auf Prestige gebaut. Es müssen hier – so der Verfasser zum Kind – lauter schöne Leute wohnen, die sich da wie in einer Auslage präsentieren. Die ehemalige Körperbehindertenschule vis-à-vis am Hang wird gerade abgerissen, vermutlich zugunsten einer neuen Bonzen-Siedlung an vornehmer Adresse.
Ein paar Schritte weiter steht (ohne Hausnummer) die „Arme-Leut-Villa“, eine große und einst stattliche, jetzt aber sehr verfallen und armselig wirkende Villa mit bis zum ersten Stock feucht abbröckelndem Verputz, die Fenster mit brauner Ölfarbe gestrichen. Die linke Mauer ist mit verwitterten Holzschindeln bedeckt, die Einfahrt vermoost.
Immer gut im Schuss ist hingegen – vor dem Friedhof – das „Milchreindl“, ein zeitlos moderner Bau: nahezu kreisrund, mit viel Glas und einem Flachdach. Die glaslosen Teile sind mit weißen Brettern vertikal verschalt. Souterrain und Erdgeschoß dienen Bürozwecken, der erste Stock ist Wohnung. Fallweise flattert – wie auf einem Bühnenbild – ein rotes Handtuch am Balkon.
An der Ecke Eroicagasse-Dennweg stößt man an das „Bettbrunzerhaus“, so genannt, weil vor einigen Jahren gegenüber ein offener Schacht gemauert wurde, in den lautstark ein Wasserstrahl plätschert. Krankenschwestern und Mütter wissen um die harntreibende Wirkung dieser Geräuschkulisse – und seither müssen, so die Vermutung, Bewohner mit schwacher Blase bei geschlossenem Fenster schlafen.
Das „Schwammerlhaus“ auf Dennweg 11a, das mit seiner gelblichen Farbe und dem dunklen, überstehenden Mansardendach an einen Herrenpilz erinnert, ist bei weitem schöner als die „Hatschek-Villa“ auf Nummer 15, die mit ihrer trostlosen Eternitverkleidung, dem Dach aus schwarzem Welleternit und mit rostigen Blechen eine negative Reklame für den bekannten Eternit-Hersteller macht.
Umso origineller ist das Nachbarhaus, der „Stadel“, dessen breite braune Holzverblendung über dem Eingang an eine Futterluke in einem Heustadel erinnert. Die „Garage“ mit ihrem großen orangefarbenen Blechschiebetor ist das sehr praktisch und raffiniert in den Hang gesetzte Nebenhaus des „Würfels“, der gleich breit wie hoch scheint und kein sichtbares Dach hat.
Das rustikale „Schweizerhäusl“ daneben würde wohl besser in den alpinen Raum über 1000 Meter Höhe passen und ist mit seinen rosigweißen, duftenden Rosenhecken ein Highlight des Dennweges. Das vorletzte Haus links ist die „Steuervilla“, in der – vermutlich wegen der steuerlichen Absetzbarkeit – gleich drei „Gesellschaften mit beschränkter Haftung“ ihre schwarzbesockten Managerzehen gegen den Kamin recken, während sie ihre abendliche Kartoffelsuppe schlürfen.
Der rosenstockbewachsene Bildstock des hl. Severin bildet den Abschluss des Dennweges gegen die Kahlenbergstraße. Rechts gegenüber liegt die „Hollywood-Villa“ in Schönbrunngelb und erinnert mit ihren vielen weißlackierten großen Terassentüren und Fenstern unter dem dunklen Mansardendach an eine nostalgisch-schöne Filmkulisse.
Nun ist der Umkehrpunkt erreicht, und beim Rückweg ist zu bedenken, ob nicht ein braunes „Whisky-Bier“ im Stüberl der Nussdorfer Brauerei ein passender Abschluss wäre. Bier ist ja bekanntlich gut gegen Herzinfarkt – und bei der Gesundheit sollte man besser nicht sparen!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25200
Am Katzentischerl
Eigentlich ist es eine Herabsetzung, am entlegenen kleinen Tisch zu sitzen – man weiß ja schon aus der Bibel, dass an der Tafel strenge Rangordnungen bestehen und eisern eingehalten werden. Wie vieler Überlegungen bedarf es oft, bei großen Feiern alle Gäste zufriedenstellend und sozial verträglich zu platzieren. Und trotz aller Sorgfalt passiert es immer einmal, dass da noch zwei, drei Gäste dazukommen, für die man eben noch einen Tisch ganz hinten zum Ausgang stellt.
Das kann von den dorthin Gesetzten manchmal schon als ein bisserl kränkend empfunden werden. Noch dazu, wenn man die hier zusammengewürfelten Tischgenossen nicht kennt. Also macht man gute Miene zum bösen Spiel, fragt nach der Getränkebestellung, in Gottes Namen und weil man ja nicht unhöflich erscheinen will, den Sitznachbarn oder die Frau vis-à-vis, von wo er/sie her ist und welcher Bezug zum Gastgeber da ist und so.
Und wenn man Glück hat und der andere Gast auch froh ist, jemanden zum Reden zu haben, entwickelt sich oft ein interessantes Gespräch, man kommt einander näher, ein Dritter bringt eine passende Wortspende ein, und dann lacht man auch einmal über einen neuen Witz, während an der großen Tafel das Eis erst langsam zu tauen beginnt. Dann schiebt man noch eine lustige Episode aus dem Urlaub ein: „Jö, Sie kennen auch den Kirchenwirt auf der Tauplitz?“ Und wenn jetzt die Frau vis-à-vis hellauf lacht, blickt die reservierte große Tafelrunde erstaunt und ein bisserl neidisch zum Katzentischerl hinüber, wo keine steife Etikette herrscht und man das tut, wozu ein Fest da ist – nämlich sich bei gutem Futter gut zu unterhalten. Auch am Katzentisch. Miau!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25126
K A F F E E
Aus den Erinnerungen eines Wiener Süchtigen
Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen – es war gegen Kriegsende und ich war circa zwei Jahre alt – ist der Geruch frisch gerösteter Kaffeebohnen. Mein Vater stand am Herd, hatte zwei Ringe herausgenommen, eine kugelige Apparatur in die Öffnung gesetzt und drehte an einer langstieligen Kurbel. Der brandig-beißende Geruch war mir kleinem Wurm noch nie begegnet und hat sich wohl deshalb auch in mein Gehirn eingebrannt. Die Nase leitet ja viel schneller als Worte oder Schrift, die erst ihren Umweg durch den Filter des Gehirns nehmen müssen, und auch viel tiefer ins Gemüt, wo die Bilder und Sehnsüchte ihren Platz haben.
In der Nachkriegszeit war karges Leben angesagt. Es war jedes Mal ein Freudentag für meine Mutter, wenn sie sich ein paar Schillinge für ein Achtelkilo Meinl-Dreistern abzwacken konnte. Ich hatte das Privileg, am Samstag „zum Meinl“ in die nahe Filiale zu gehen, wo es so gut roch. Ich sah genau zu, wie der Filialleiter mit dem roten Schnurrbart und dem braunen Mascherl aus dem großen goldfarbenen Behälter die Bohnen rieseln ließ, sie abwog und nach meiner Aufforderung „auf sieben bitte“ in die Mühle schüttete. Der Firmengründer Julius Meinl sah von seinem großen Foto, das in jeder Filiale hing (wie heute der Bundespräsident in den Amtsräumen), auch genau zu – es wurde damals großes Augenmerk auf Qualität und fachkundiges, höfliches Personal gelegt. So sehr, dass ich nach der Unterstufe Gymnasium als Lehrling abgelehnt wurde, weil ich einen Zweier in Betragen hatte. (Später war man nicht mehr so heikel, da sprachen die meisten Meinl-Mitarbeiter serbokroatisch oder arabisch.)
Am Samstagnachmittag, wenn mein Vater von der Arbeit kam, wurde das Kaffeewasser aufgesetzt, bevor es zum Kochen kam mit einem kleinen Bröckerl Titze-Feigenkaffee verbessert und in die vorgewärmte Karlsbader-Kanne „schluckweise“ aufgegossen. Erst Jahrzehnte später habe ich wieder Kaffee solcher Qualität bekommen. Und noch besser als der Geschmack war der Geruch!
Jahre später bekam meine Mutter im Konsum, wo sie Arbeit gefunden hatte, vom Inspektor einen gehörigen Rüffel, weil sie – im Konsum-Arbeitsmantel – mittags rasch zum Meinl um ein Packerl Kaffee gelaufen war! „Was sollen sich denn unsere Kunden denken? Dass Ihnen unser Kaffee nicht gut genug ist?“
Das war in den Fünfzigerjahren. Später wurden in der Konsum-Rösterei ausgezeichnete Kaffeemischungen hergestellt, deren „Cirkel-Diplomat“ zwanzig Jahre lang mein Frühstückskaffee war. Einmal konnte ich mich sogar persönlich von den Spitzenleistungen dieser Rösterei überzeugen. Als der vakuumverpackte Mahlkaffee aufkam, war der Konsum einer der ersten in Österreich, der sich so eine teure Verpackungsmaschine leistete, und ich gehörte einer Gruppe an, die zur Besichtigung zugelassen war. Nachdem ich die Vorzüge und technischen Daten der Maschine gesehen und gehört hatte, sah ich mich in der großen Halle etwas um. Eine Gruppe weißgekleideter Frauen arbeitete an einem langen Tisch, an dessen Ende eine große Karlsbader-Kaffeekanne stand. Ich fühlte mit einem Finger, sie war warm. „Dürfte ich bitte kosten?“, fragte ich höflich. Eine der Damen goß mir freundlich eine Tasse ein, und ich probierte pur, ohne Zucker und Milch. „Das ist der beste Kaffee, den ich bisher getrunken habe“, sagte ich begeistert, und die Frauen schmunzelten: „Was glauben Sie, wir nehmen doch nur vom Besten, wir sitzen ja an der Quelle.“
Nach der guten alten kaiserlichen Karlsbader-Kanne mit Porzellanfilter kam der Melitta-Aufsatzfilter auf den Markt, der weniger, weil feiner gemahlenen Kaffee verbrauchte und man konnte das ganze Wasser auf einmal aufgießen. Die Firma Lilienporzellan kreierte bald komplette Kannen, die sehr beliebt waren und so gut zum pastellfarbenen Geschirr „Melange“ passten. Mit der aufkommenden Motorisierung brachten dann immer mehr Italienurlauber die Aluminium-Espressomaschinen heim, die bald auch in den Büros unentbehrlich wurden. Und dann kam der Siegeszug der elektrischen Filterkaffeemaschinen, der bis heute andauert, nur in den Büros machten sich die moderneren Saeco-Vollautomaten breit. In den Haushalten haben sie sich nicht wirklich durchgesetzt, was wohl am infernalischen Geheule der eingebauten Mühlen liegt. Und der sogenannte „ice-coffee“ in Dosen ist wohl eher nur ein Sommerblüher, da ändert auch der plakative Aufschrei eines knochigen Models: „Kaffeekanne? Ich hab doch einen Kühlschrank“ gar nichts. Und wie wurde im Jahr 2003, als ich an einer Volkshochschule einen Kaffeesiederkurs machte, dort der Kaffee für die vielen Verkostungen zubereitet? Ja, in der alterprobten, geschmacksneutralen Karlsbader!!! Weil nämlich Kaffee von Fachleuten niemals heiß, sondern immer nur warm bis lauwarm verkostet wird – nur dann hat man den vollen Geschmack! Und wenn der Kaffee etwas grobkörniger gemahlen ist (wie für das Porzellansieb der Karlsbader erforderlich), enthält er auch weniger Bitterstoffe.
Aber trotz der gewaltigen Auswahl an Kaffeemaschinen in den heutigen Mega-Super-Elektro-Märkten, in Fachgeschäften und sogar schon in Baumärkten: Wer eine gute Kaffeemühle sucht, hat keine Qual der Wahl: Eine veraltete Messermühle und zwei elektrische Mahlwerksmühlen, das war’s. Da möchte man oft lieber Großmutters Handmühle wieder zwischen die Knie nehmen.
Apropos Handmühle: Vor Jahren feierte mein Arbeitgeber ein Firmenjubiläum, und alle Mitarbeiter wurden aufgefordert, kreativ daran mitzuwirken – es war ein „open-house“ mit warmem Büffet geplant. Ich entschloss mich spontan, in meinem großen Büro ein richtiges altmodisches Kaffeehaus aufzumachen: Eine Kollegin lieh mir einen leistungsfähigen Edelstahlwasserkocher, ich reaktivierte meine alte Handmühle sowie die beiden großen Karlsbader-Kannen, besorgte Zubehör, Milch, Schlagobers, Getränke, Geschirr, Zeitungen und – last, but not least – zwei Kilo hochwertige Kaffeebohnen. Dann buk ich je drei Guglhüpfe und Apfelstrudel, und das Fest konnte steigen. Gleich in der ersten Stunde kam es zur Nagelprobe – der oberste Konzernboss kam mit zwei Abteilungsleitern herein und bestellte drei große Braune – „aber rasch, ich hab nicht viel Zeit!“ Ich nickte und nahm die Handmühle zwischen die Knie, als er schon urgierte; „Ich hab gesagt rasch, wo ist unser Kaffee?“ Ich deutete auf die Mühle: „Ich reibe ihn gerade, in einer Viertelstunde wird er fertig sein, ein guter Kaffee braucht seine Zeit, und einen schlechten bekommen Sie sowieso jeden Tag.“ Nicht nur der Boss, auch seine Sekretärin erblasste. Aber er kam folgsam zwanzig Minuten später, und er hat es nicht bereut.
Mit der Sekretärin war ich sowieso auf Kriegsfuß, denn sie kochte den im ganzen Konzern berüchtigten „Fadbitter“, indem sie morgens eine gewaltige Kanne Kaffee zustellte und auf der Warmhalteplatte der Maschine den ganzen Tag warmhielt. Genauso hat er dann auch geschmeckt: Wenn er frisch war, war er heiß, wenn man viel Zucker hineintat, war er süß, und mit Milch wurde er heller. Kann man mehr verlangen? Es lief das Gerücht, dieser Kaffee werde zum Disziplinieren unbotsamer Mitarbeiter und schwieriger Kunden eingesetzt, und die Gastritis des Direktors wäre auch darauf zurückzuführen. Einmal dachte ich, besser der Fadbitter als gar nichts, und hatte ein Häferl davon am Schreibtisch stehen, als ein Techniker auffällig schnuppernd in mein Zimmer trat mit der Frage: „Mir wurde ein Kabelbrand gemeldet – ist das bei Ihnen?“ Ich antwortete – mit Blick auf den Bildschirm und daher geistesabwesend: „Nein, ich habe gerade einen Kaffee von der Frau Mitzi geholt.“ Dieser ungewollte Geruchsvergleich wurde rasch „ruchbar“ und die Frau Mitzi grub das Kriegsbeil aus.
Da war mir ja – nachträglich gesehen – der bäuerliche Frühstückskaffee lieber, den ich mit eingebrocktem Brot als Hüterbub in der buckligen Welt morgens und abends in den dicken „Bitschen“ mit Blümchenmuster von der Bäuerin auf den Tisch gestellt bekam. Dieser „Kaffee“ war sicher sehr gesund und man schlief mangels Koffein ausgezeichnet darauf.
Als ich in den Achtzigerjahren auf einem dänischen Bauernhof Urlaub machte, wunderte ich mich sehr, dass es – beim abendlichen Fernsehen – um circa 21 Uhr einen ausgezeichneten starken Mokka mit einem kleinen Stück Kuchen gab. Anfangs war das schlafstörend, aber bald gewöhnten wir uns daran. Erst dachten wir, das sei eine dänische Landessitte, aber eine deutsche Urlauberin glaubte dieses Rätsels Lösung anderswo gefunden zu haben: Der Bauer schlief nach seiner schweren Tagesarbeit beim Fernsehen immer ein, und um noch etwas von ihrem Mann zu haben, wäre seine junge Frau auf den Trick mit dem Mokka gekommen. Möglich wär’s ja.
Ich habe in meinem Leben schon viel und verschiedenartigen Kaffee getrunken, weit mehr mittelmäßigen als guten, und es waren oft genug Ausreißer nach unten dabei: So ist zum Beispiel der Frühstückskaffee auch von Viersternhotels in den großen SB-Kesseln am Büffet fast überall von grauenhafter „Qualität“, ich war ihm von Österreich über Deutschland, Italien, Belgien, Malta, Ungarn, Jugoslawien, Prag und sogar in Rio de Janeiro ausgeliefert. In Brasilien, wo doch jede Menge bester Kaffee geerntet wird! Und von England schweigen wir lieber – dieses Land hat vielleicht in den Gefängnissen, aber sicher nicht beim Kaffee die Folter abgeschafft.
Dieselbe Jauche gibt es auch bei Seminaren, wo in den Pausen von den Nirosta-Tanks gezapft werden darf. Dabei ist in denselben Hotels der Espresso von der automatischen großen Espressomaschine meistens trinkbar – vermutlich, weil er separat zu bezahlen ist. In einem teuren Restaurant in Saalbach habe ich erstmalig diesen flüssigen Sondermüll grantig zurückgeschickt – Sie sollten das Gleiche tun, damit die Gilde der Kaffeeverderber endlich einmal aufwacht!
Es geht aber auch anders! Im medizinischen Labor Dr. Birkmayer in 1090 Wien gab es – aus den gleichen Nirosta-Warmhaltekesseln wie in den oben angeführten Hotels – einen sehr guten aromatischen Kaffee – ich freute mich immer schon auf die nächste Blutuntersuchung. Und warum ist in der Wiener Konditorei Heiner der Kaffee so gut und in etlichen ansonsten renommierten großen Kaffeehäusern eher mittelmäßig? Wie sehr geht mir das nunmehr geschlossene „Haiti“, eine kleine Kaffeerösterei mit Ausschank in der Naglergasse in Wien, ab – da konnte man beim Rösten zusehen und „zuriechen“, und der Kaffee war erstklassig!
Aber auch in Rio de Janeiro gab es eine positive Erfahrung: In einer Seitengasse hinter unserem Hotel an der Copa Cabana war ein Zigarrengeschäft, und beim Kauf von einigen Zigarillos zog mich der Kaffeeduft in den überdachten Hinterhof, wo eine der sonderbarsten Kaffeeküchen etabliert war. Die Apparaturen sahen aus wie eine skelettierte Dampflokomotive, und in Trögen mit kochendheißem Wasser lagen die kleinen dickwandigen Kaffeetassen, welche mit langen Drahtzangen herausgefischt und dann gefüllt wurden. Dieser Mokka war wirklich heiß wie die Hölle, (mit viel Zucker) süß wie die Liebe und schwarz wie sonst etwas. Und umwerfend stark. Die Angestellten waren kaffeebohnenbraun, was mich an die alte Wiener Messe und deren Lebensmittelhalle erinnerte, wo beim Meinl oft ein melangefarbiger Student hinter der Espressomaschine stand – eben der Meinl-Mohr.
Wie viele meiner Erinnerungen und Erlebnisse hängen doch mit Kaffee zusammen, so der Kaffeeausschank in der seinerzeit von jungen Leuten besetzten „Arena“ am Alten Schlachthof, wo mangels Papierfilter eine zerschnittene Strumpfhose verwendet wurde. Oder der Espresso mit Rum, den ich als Externist an Prüfungstagen um drei Uhr morgens trank, bevor ich den Stoff wiederholte. Oder der um Mitternacht mit Freunden gebraute Türkische, wenn die Diskussion schon müde wurde …
Man könnte direkt nostalgisch werden, denn der Kaffee spricht nicht nur den Geist, sondern auch das Gemüt an – gäbe es sonst sogar Lieder über den Kaffee, „Der Kaffee ist fertig“, oder „… nach dem café au lait möchte ich ganz zärtlich dich verführ’n“, oder die Kaffeekantate von Johann Sebastian Bach?
Und so lassen wir das Lob des Kaffees ausklingen mit der Bemerkung einer resoluten Bürokollegin in den Vierzigern, die meinte: „Einen guten Kaffee und eine Zigarette dazu – da lass ich den schönsten Mann stehen!“
PS: Auch wer Kaffee nicht verträgt, kann sich einen kleinen Kaffeebaum im Topf kaufen und im Büro oder der Wohnung aufstellen, er blüht später weiß über lackgrünen, gewellten Blättern – und meiner hat schon zweimal getragen.
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 25076
Max, der Kleptomane
Jawohl, Hohes Gericht, ich gestehe: Ich bin ein Dieb!
Noch schlimmer: Ein Gewohnheitsdieb! Ich stehle seit meiner Jugend, und das noch heute. Vielleicht sogar hier am Gericht, nach dem Unterschreiben des Protokolls. Wenn keiner hinschaut. Weil: Ich kann nicht anders! Ich liebe schöne Kugelschreiber!!! Halten zu Gnaden, Herr Rat, sie sind so schön und praktisch.
Was habe ich mich damals in der Schule mit dem ewig undichten Füllfederhalter geplagt. Das Kratzen am Papier, dauernd war man blau an den Fingern. Und dann kam in den 50er-Jahren der Kugelschreiber aus Amerika zu uns. Herrlich! Da gleitet der Stift – ja, wie auf Kugellager – am Papier und hinterlässt nur einen zarten blauen Strich, ohne Patzen, und auch die Kurven gehen superleicht.
Sie waren anfangs ganz schön teuer, und man hat sie nicht überall bekommen so wie heutzutage. Am billigsten war dann der BIC-Kugelschreiber, mit der durchsichtigen sechskantigen Hülle. Ich kann mich noch an die Werbung erinnern: Da hat man sie vom Hochhaus auf die Straße geworfen, eingefroren, mit einem Luftgewehr in eine Holzplanke geschossen, und sie schrieben danach immer noch. Auf jedem Kontinent, in jedem Kiosk an der Küste oder tief im Niemandsland konnte man sie kaufen. Na ja, heute sind die BIC nicht mehr so begehrt, weil man Kugelschreiber überall, in jeder Form, Farbe und Ausführung bekommt. Die anfangs teuren Markenkugelschreiber von Mont Blanc und Pelikan mit vergoldeten Kappen haben ihren Begehrens-Wert verloren, wenn man an jeder Ecke, bei jedem Anlass diese Werbekugelschreiber geschenkt bekommt. Bei politischen Parteien, Interessensgemeinschaften und Firmen, beim Doktor, beim Greißler und beim Zahnarzt, überall stehen sie herum und werden einem nachgeworfen.
Das alles wäre ja ein Grund, keine mehr zu stehlen! Aber es sind immer wieder schöne, praktische und gut in der Hand liegende dabei, wenn man ein Auge dafür hat. Nur: Die ganz billigen mit der eh nur halb gefüllten dünnen Mine lehne ich geradezu angeekelt ab. Aber die stärkeren, mit der Großraum-Mine wie sie die Parker-Kugelschreiber haben, also die betteln geradezu danach, von mir mitgenommen zu werden. Ich habe in jedem Sakko einen farblich dazupassenden in der Brusttasche. Ja, wenn es nur das wäre! Meine Schreibtischschublade quillt schon über von meinen Sammlerstücken, und wenn ich in irgendeine Tasche meiner Kleidung greife, springen sie mir entgegen. Natürlich auch die „versehentlich“ eingesteckten, wenn wo was zu unterschreiben war, bei der Bank, bei der Versicherung, am Gemeindeamt, beim Mechaniker oder einmal auch bei der Bestattung – der war besonders schön, schwarz mit goldenem Kreuz.
Ja, es ist schlimm – ich habe alle Mühe, nicht in Verruf zu kommen. Einmal ist mir was Peinliches passiert: Da habe ich beim Doktor was unterschreiben müssen, und der Kugelschreiber war weg. „Bemühen Sie sich nicht“, habe ich gesagt und einen aus der Seitentasche gezogen. Und das war dann einer mit seiner Werbeaufschrift!!! „Der, äh, der ist noch vom vorigen Jahr“, habe ich mich herausgelogen. Hoffentlich hat er das geglaubt.
Sehen Sie, Hohes Gericht, es ist ein innerer Zwang. Ich bitte um Freispruch, weil es ist noch niemand zu Schaden gekommen – ich habe keine Gewinnabsicht dabei. Als tätige Reue werde ich dem Protokoll-Beamten ein Dutzend meiner schönsten Kugelschreiber auf den Tisch legen. Da ist sogar ein Parker ohne Werbeaufdruck dabei, den ich – nein, der mir beim Finanzamt geschenkt worden ist.
Danke vielmals, Hohes Gericht, für die bedingte Strafe. Ich werde ab heute keine Kugelschreiber mehr stehlen – weil meine Elli nämlich gesagt hat, sie lässt sich scheiden, wenn ich noch einmal einen nach Hause bringe. Auf Wiedersehen – äh, ich meine, auf Nimmer-Wiedersehen!!!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um … | Inventarnummer: 25040
Roberts Schüttler
Effizienter Urlaub
Weil wir jetzt am Strand san,
brauch ma z’Haus net Sand strah’n.
Harmonische Heimfahrt
Wenn wir uns net bes san,
fahrn ma mit der S-Bahn.
Der Lindenbaum
Am Brunnen vor dem Tore – stand einst die Linde, stolz
Heut’ ist der Brunnen vergiftet – die Linde abgeholzt
Sie stand dem Fortschritt im Wege – der Zubringer-Autobahn
Den Kinder- und Altenkasernen – dem Wirtschaftswachstums-WahnKannst du auf der Straße träumen – in Dreck und Lärm und Gestank?
Die Autos, die Straßen, der Fortschritt – machen die Menschen krank
Vielleicht hast du Glück und findest – noch eine Linde am Bach
Dann setz dich in ihren Schatten – und denke darüber nach!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 24164
Wieder „Single“
Ein Mann um die fünfzig steht an einer Wand, hält eine Tafel mit der großen Nr. 2518 mit beiden Händen vor die Brust. Man sieht nur sein Brustbild: Dreitagebart, Stoppelglatze, blauweiß-gestreiftes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Der Hintergrund ist unscharf.
„Guten Abend! Ich bin Insasse 2518 im größten österreichischen Gefangenenhaus. Wir sind fast eine Million Bewohner hier in der psycho-sozialen Haftanstalt ‚Zur Einsamkeit‘, mit Filialen in der ganzen Welt. – Nein, wir sind nicht hinter Mauern eingesperrt, wo denken Sie hin – es ist eine offene Anstalt!“
Die Kamera geht zurück, man sieht ein etwas verschlamptes Wohnzimmer, einen Wandverbau mit TV und Büchern, vis-à-vis eine Couch, daneben ein Tisch mit vier Sesseln. Der Mann geht zum Tisch, wo einige Zeitungen liegen, eine Kaffeetasse mit Rand, ein Schneidbrett mit Brotkrumen, ein fettiges Pfandl auf einer Zeitung, eine Gabel und ein Löffel. Der Mann dreht die Tafel um – vorne ist ein Hochzeitsfoto mit lachenden Gesichtern – und hängt sie an die Wand. Dann setzt er sich an den Tisch, legt die Unterarme auf die Platte und verschränkt die Finger:
„Wir haben ja den modernen Strafvollzug; und die meisten wissen gar nicht, warum sie gestraft werden – sie haben ja nichts getan. Diese Idioten – genau deshalb sind sie ja hier, weil sie nichts getan haben! Das war ja auch mein Verbrechen: Ich habe 25 Jahre nichts getan! Nichts, um meiner Frau, die ich ja aus Liebe geheiratet habe, das Gefühl von Wärme, Lebensfreude und Geborgenheit zu geben. Immer war nur Arbeit und Überstunden und Sparen wichtig – das mit dem schönen Leben, füreinander da zu sein, sich an den sogenannten kleinen Dingen zu freuen und so weiter – das hatte ja noch so unendlich viel Zeit! Zuerst muss eine Wohnung her – wenn man mit zwei Koffern in Untermiete anfängt, ist das ein langer Weg. Dann die ganze Einrichtung, das Leben wird nicht billiger, die Frau in den ersten Jahren beim Kind – als Alleinverdiener muss man da ganz schön strampeln. Ja, mit dem ersten Halbtagsjob der Frau ging es etwas leichter, aber der Kindergarten kostet auch was, und der alte VW ist ebenfalls nicht umsonst – doch schön langsam läuft es besser.
Und das Zusammenleben hat sich auch eingelaufen – nämlich auseinander. Ganz unmerklich ist aus der eingleisigen Strecke eine zweigleisige geworden, weil die Gewohnheit, das viele Schuften und der Egoismus und die Gedankenlosigkeit eine Eigendynamik entwickelt haben. Was der Körper verlangt, holt man sich in einem grausam monotonen Ritual. Dann umdreh’n und schlafen – wie schön. Dass die Frau, die einen mehr geliebt hat als sich selbst, die alles getan hat, um bei dir zu sein, ihr ganzes Leben nur mit diesem einen Ziel und Inhalt, die so viele Nächte auf dich gewartet hat, bis du endlich heimkommst, die von ihrem ohnehin nicht üppigen Wirtschaftsgeld monatelang ein paar Euro abgezwickt hat, um dir goldene Manschettenknöpfe zu kaufen, die so lange wie ein Gebrauchsgegenstand ganz selbstverständlich da war, dass diese Frau mit einem jungen Körper und einem Herz voll ungenützter Liebe nun mit großen, leeren Augen stundenlang jede Nacht neben dir liegt und sich verzweifelt fragt, ob das alles ist, was sie noch vom Leben erwarten kann, und was sie falsch gemacht hat, dass sie so lieblos behandelt wird – was heißt behandelt – ignoriert wird! Lieblos – das ist das Wort – ohne Liebe! Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern lieblos.
Experten sagen, dass sogar eine negative Zuwendung besser ist als Gleichgültigkeit und Weggeschobenwerden. Wenn man mit jemandem streitet, nimmt man ihn wenigstens ernst, man kann seine Sicht der Dinge, seine Gefühle vorbringen – es ist nicht unmöglich, sich zu versöhnen, sich erschöpft anzusehen und in einem langen Atemzug zu erinnern, dass man viel zu verlieren hat, … und sich schlussendlich zu fragen, warum man sich gegenseitig so ankeift? Na ja, das wäre ein unwirklich schönes Happyend in einem Film. Genau: unwirklich! Weil meistens dominiert das langjährige unnachgiebige Betonieren der eigenen Standpunkte! Aus die Maus! Aber wenigstens fragen hätt’ ma sollen!
Robert Müller
www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 24143

