Kategorie-Archiv: Robert Müller

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Der Butler 3

Halt! Kennen Sie bereits Teil 1 und Teil 2? Hier folgt der letzte Teil dieser Geschichte.

Ich habe jetzt einen Butler!

Zwei Tage später arbeitete ich wieder fleißig mit Richard und James an meinem Landhaus, immer nur von 8:00 Uhr bis 16:00, dann musste Richard zum Tee nach Hause, während aus James und mir wieder Butler und Gentleman wurden. Abends stellte James mich bei den umliegenden Häusern als neuen Nachbarn vor. Die Reaktionen reichten vom reservierten Handshake an der Tür bis zum Promilletest im Haus. Die liebenswürdige ältere Witwe Ivory-Smith lud uns sogar für nächsten Tag zum Tee ein. Es war ein sonniger September-Nachmittag, den wir in ihrem schönen Garten angenehm verplauderten. Mein Butler blieb mehr im Hintergrund, während ich ihr viel von Wien erzählte, was umso leichter ging, als diese kultivierte Lady auch rostiges Deutsch sprach – ihr Gatte war nämlich Berliner gewesen. James bewunderte insbesondere ihre phantastisch duftenden Rosen. Es mache ihr schon zunehmend Mühe, all diese Blumenpracht allein zu betreuen, seufzte sie, aber der Garten sei neben der Aquarell-Malerei eben ihr Lebensinhalt. Zu meiner „house-warming party“ in ein paar Wochen würde sie gerne kommen, sagte sie beim Abschied. Mein Butler war am Heimweg auffallend still und nachdenklich.

„No dinner today, James, after all these sandwiches and scones“, informierte ich meinen Butler am Abend, aber ich würde gerne mit ihm auf ein Bier in ein gutes Pub gehen, ob er mir eines zeigen möchte. Er nickte erfreut, aber wir sollten uns zuvor noch umziehen – so auf gepflegte Freizeit eben. Also führte ich meine nagelneue braune Lederjacke zu Jeans aus, während James in mausgrauem Tweed-Sakko und schwarzer Bügelfalte seriös unterwegs war. Das Pub war mit Mahagoni-Täfelung und viel Messing recht ansprechend, das Bier – na ja, englisch halt, und die Frau an der Theke hatte Freude an ihrem Beruf. Beim Tischgespräch erfuhr James, dass ich glücklich geschieden sei, und er fragte mich, ob mir die Blumenbilder von Mrs. Ivory-Smith im Salon auch so gut gefallen hätten. Er hätte ja berufsbedingt die meiste Zeit seines Lebens im Haus verbracht, aber so ein Garten wäre wohl ein schönes Hobby. Dann versandete das Gespräch – zwischen einem Butler und seinem Chef waren Vertraulichkeiten wohl nicht am Platz.

Nach einer Woche waren die „schmutzigen“ Arbeiten wie Fußboden rausreißen, Verputz abklopfen und Kacheln entfernen erledigt und die Handwerker konnten kommen. Richard kannte noch etliche ältere Professionisten, die steuerfrei verputzten, tischlerten, malten und Fliesen legten; James erneuerte die elektrischen Leitungen, während der örtliche Installateur eine moderne Gastherme einbaute. Nur der offene Kamin machte Schwierigkeiten – der Rauchfangkehrer wollte den kompletten Rauchabzug erneuert wissen. Weshalb ich die Feueröffnung zumauern ließ und einen großen Kaminofen davorstellte. In unglaublichen vier Wochen war der Großteil erledigt.

Seltsam nur, dass James nun öfter um ein paar Stunden Auszeit ersuchte, er hätte privat einiges zu erledigen. Anfangs war es mir wohl angenehm, fallweise ohne strenge Aufsicht zu sein. Dann traf ich im Supermarkt Mrs. Ivory-Smith, die mir herzlich für die Überlassung meines Butlers dankte – es wäre ihr eine große Hilfe gewesen, dass er ihr im Garten einige schwere Arbeiten abgenommen hätte. Ich schluckte meine Überraschung – also so ein Pharisäer – hinunter und lud die freundliche Nachbarin für übernächsten Tag zum Tee ein. Es wäre noch nicht alles fertig, aber ich bräuchte für meinen kleinen Garten ihre fachliche Beratung. Sie sagte gerne zu. James war die drohende Enttarnung wohl anzumerken, aber er meinte nur zögernd, dass mein Salon noch nicht besuchstauglich sei. Es fehle an Porzellan, Tischtüchern und sonst noch allerlei, auch die Möbel seien nicht vom Feinsten. In der Bezirkshauptstadt, Penzance, bekamen wir alles für gehobene Tischkultur, aber leider keinen geeigneten Tisch mit Stühlen. Der sogenannte „Antik-Shop“ war ein schlauer Altwarenhändler nach dem Motto: „Kaufe wertloses altes Gerümpel, verkaufe wertvolle Antiquitäten“. Aus dieser Misere rettete uns Sarah, die erfahren hatte, dass eine wohlhabende alte Dame in der Nachbarschaft verstorben war und nun deren Haushalt aufgelöst würde – vielleicht wäre da etwas dabei? Noch am selben Abend durften wir zur Besichtigung kommen, und der schöne alte Auszugtisch mit acht Stühlen war billig zu haben. Als Draufgabe erhielt ich von den Erben eine dazu passende reparaturbedürftige Bodenstanduhr und drei schwarze Kerzenleuchter.

Der nächste Tag war stressig: Zunächst mussten alle „besuchsrelevanten“ Räume entstaubt, geputzt und geschmückt werden, dann war auch die Menüfrage zu klären. Die „Tee-Zeremonie“ würde James in seine bewährten Hände nehmen, anstelle der ortsüblichen „scones“ buk ich einen Gugelhupf mit einem ordentlichen Schuss Jamaikarum und kaufte noch ein paar Zitronentörtchen des örtlichen Bäckers. Die geschenkten Kerzenleuchter erwiesen sich als uraltes Silber, das zu putzen James den ganzen Nachmittag kostete. Aber der stilgerecht gedeckte Tisch abends war umwerfend schön. Bei einem festlichen Dinner feierte ich mit Richard und Sarah die fast vollendete Renovierung meines Landhauses. Insbesondere das warme Flammenbild im Schwedenofen gab dem Salon eine behaglich-vornehme Note.

Auch James war zufrieden, als er mir spätabends seine „Ausflüge“ zu Mrs. Ivory-Smith beichtete. Als Ausgleich zu meinem scherzhaft-mahnend erhobenen Zeigefinger zählte er meine „lässlichen“ Benimm-Sünden beim Dinner auf, aber für die kurze Zeit hätte ich erhebliche Fortschritte gemacht. Und ja, er freue sich schon auf den morgigen Besuch der Nachbarin, nun wäre endlich wieder Leben im Haus.

Nächsten Morgen räumte ich mit James den Werkzeugschuppen auf, reinigte und ölte die brauchbaren Geräte und fuhr den Müll weg. Zum Lunch zauberte ich einen Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster. Meinem mitschreibenden Butler erklärte ich, das sei das Lieblingsessen unseres alten Kaisers gewesen. Was er mit drei Rufzeichen im Heft vermerkte. Nach der Siesta rüsteten wir uns für den Besuch. Trotz der frühen Stunde brannte ein kleines Feuer im Kaminofen, Sarah hatte einen großen Blumenstrauß für die Tafel vorbeigebracht, und nach der Dusche kratzte ich alle Erde aus den Fingernägeln und wurde zum Gentleman. Um James brauchte ich mir wohl keine Sorgen zu machen, nur dass er heute dezent nach teurem Aftershave duftete. Oh, oh, die Nachbarin war ihm wohl nicht egal!

Und sie wurde begrüßt wie ein Ehrengast. „Very lovely, how wunderschön“, lobte sie zweisprachig den frisch renovierten Salon, das wäre ja ein traumhafter Festsaal geworden. Bei geöffneter Terrassentür saßen wir wie in einem Wintergarten und freuten uns ganz einfach an der guten Jause und der angenehmen Gesellschaft, mit James als „Mitarbeiter“ gleichberechtigt bei Tisch. Erst nach einer guten Stunde standen wir im Garten herum und beratschlagten die Neugestaltung. James holte Schreibzeug, zeichnete einen kleinen Plan mit Meterangaben und notierte zu den Standorten die Pflanzen und deren Behandlung. Was stehenblieb, wurde mit Hakerl, die neuen Gewächse mit Kreuzerl versehen, die umzugrabenden Flächen schraffiert. Mrs. Ivory-Smith gab uns noch die Adresse des nächsten Gartenmarktes und bedankte sich herzlich für den schönen Nachmittag; ja, und das Rezept für diesen marvellous „Gugupf?“ – das Wort blieb ihr zwischen den Lippen stecken – also dieses Rezept wolle sie unbedingt ausprobieren. Sie würde uns auch gerne beim Einpflanzen helfen, wenn es so weit wäre, thank you, good evening. War da ein Zwinkern im Auge der Nachbarin beim Handshake mit James?

Nach einer arbeitsreichen Woche war das meiste geschafft – der Garten prunkte mit Fertigrasen, einigen blühenden Sträuchern (ich hatte große Containerpflanzen gekauft) sowie einem jungen Marillenbaum und etlichen dürren Besen, die erst im Frühjahr ihre Pracht entfalten. Es war ja schon Ende Oktober. Die angekündigte „house-warming party“ war nur ein Teilerfolg, weil lediglich zwei Ehepaare den Brauch kannten und Essbares beisteuerten, eine Nachbarfamilie brachten nur Chips und Soletti sowie ihre brüllenden Kleinkinder mit, und ein verspätetes uraltes Paar in schwarzer und silberner Abendkleidung drehte beim Anblick der sich am Tor übergebenden beiden Jungen geschockt um. Aber nach deren Abgang wurde es gemütlich. James servierte für die Damen den örtlichen „Strongbow-Cider“, für die Herren meinen mitgebrachten schweren Blaufränkisch. Richard hatte seine Gitarre dabei, der dicke Vis-à-vis-Nachbar eine rauchige Baritonstimme und zum Abschied sangen wir alle die inoffizielle Hymne von Cornwall, das Lied von Sir Trelawny:

And shall Trelawny live? – And shall Trelawny die?
Here’s twenty thousand Cornish men – Will know the reason why!

Dann verabschiedeten sich die Nachbarn. Es war inzwischen dunkel geworden, weshalb ich James ersuchte, Mrs. Ivory-Smith nach Hause zu begleiten. Was sie sich gerne gefallen ließ und mich einen „real gentleman“ nannte, den kennenzulernen sie sich sehr gefreut hätte. Na Gott sei Dank, dann war ja meine Ausbildung beendet. Dafür war mein Butler schon ein bisserl nachlässig, er ließ mich noch eine gute Stunde warten, obwohl die Nachbarin nur 100 Meter entfernt wohnte. Sie hätten sich so angeregt über die Gartenbetreuung unterhalten, entschuldigte er sein Ausbleiben, während er verdächtig rasch den Salon aufräumte. Na dann „good evening, James“, der Blaufränkisch entfaltete bereits seine Schwerkraft.

Übernächsten Tag musste ich zurück nach Wien. Die Fotos vom Cottage und Garten kamen gut an, mein Chef buchte sofort für 23. bis 31. Dezember, wodurch er noch die Betreuung meines Butlers genoss. Er habe sich da, erzählte er später, wie ein englischer Lord gefühlt, und seine Frau habe umgehend ihre Garderobe darauf abgestimmt. Auch ein sehr teurer langer Kaminrock aus schwarzem Samt sei ein Muss gewesen, seufzte er.

Nun ist das alles schon Vergangenheit, ich habe mein Cottage zwei Jahre später mit schwerem Profit verkauft. Butler James hat nach einem Jahr Mrs. Ivory-Smith geheiratet (als Brautführer durfte ich sie in einem Traum aus Silber und Blau zum Altar führen), und nun lebe ich hochzufrieden mit der Sekretärin des Maklers im Landhaus ihrer verstorbenen Tante am Bisamberg. Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, und ich denke gerne an diese verrückte Zeit zurück, denn: Ich hatte einen Butler!

PS: Und gelegentlich erinnert mich mein Schatzerl ein bisserl gekränkt, dass ich sie damals nie zum Dinner eingeladen hätte – sie wäre auch gerne einmal im Leben von einem Butler bedient worden. Vielleicht spielt James ja noch ein einziges Mal diese Rolle, wenn er uns mit Gattin im Sommer besucht.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 21036

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet
und der Text großteils im Original belassen.)

Der Butler 2

Stop! Haben Sie Teil 1 schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung.

Ich habe jetzt einen Butler!

Schlimm war für mich auch die zweite Woche, als ich James für ein paar Tage nach Wien mitnahm. Denn meine Zweieinhalbzimmer-Wohnung war nun wirklich nicht butlertauglich. Er verzog schmerzlich das Gesicht, als ich ihm das alte Kinderzimmer als Quartier zuwies, und war sichtlich erleichtert, dass ich umgehend (für guten Lohn) die Hausbesorgerin als Putzfrau gewinnen konnte. Und dann sahen wir uns ratlos an, mein Butler und ich. Es war schon Nachmittag, ins Büro konnte ich erst morgen. „James, would you attend me to the Supermarket, please? I think we need some food for the next days.“ Während ich die Einkaufsliste schrieb, räumte James seine Sachen in den Schrank, dann gingen wir los, ich mit der großen ledernen Einkaufstasche meiner Mutter und James mit meinem kleinen Aktenkoffer. Ein Butler schleppt sich doch nicht ab! Unterwegs erklärte ich ihm den Umrechnungskurs englische Pfund zu Euro und gab ihm einige Euro-Noten als Taschengeld. Am Heimweg kehrten wir beim Chinesen ums Eck auf ein Bier ein – ein Pub konnte ich James ja nicht bieten.

Wieder zu Hause übergab ich James meine Zweitschlüssel, meine Büro-Karte und den Wiener U-Bahn-Fahrplan. Eine Wochenkarte hatte ich ihm schon am Flughafen gekauft. Dann war die Essensfrage zu klären. James konnte nicht kochen, und von Tee und Keksen wollte ich nicht leben. Wir einigten uns, dass er fürs Frühstück und ein paar Sandwiches am Abend zuständig sei, bei meiner Abwesenheit möge er auf meine Rechnung essen gehen, und ansonsten mit meinen Kochkünsten Vorlieb nehmen. James nickte gottergeben, aber diese alte Küchen-Ausstattung wäre unakzeptabel. Nicht einmal ein einziges Silberbesteck, nur emaillierte Töpfe und abgestoßene Gläser, nein, das sei eines Gentleman nicht würdig. Aber wo treibt man in der Vorstadt ein preiswertes Silberbesteck auf? Da fiel mir das Dorotheum in der Wiener City ein.

„Okay James, please come with me, shopping!“ Glück muss man haben, ich bekam dort ein billiges Edel-Essgerät, weil nicht mehr vollständig. Rostfrei-Töpfe und Glas sowie eine Silberpolitur gab es bei einer Firma am Stephansplatz. Den Preisen nach war das früher wohl eine Apotheke. Nun konnte das stilvolle Dinner mit „Ham and Eggs“ und Gösser steigen. Die fehlenden Kerzenleuchter und Stoffservietten bat ich meinen Butler zu entschuldigen, ich würde sie demnächst besorgen.

Nie hätte ich geglaubt, dass ein einfaches Nachtmahl so anstrengend sein kann. Zuerst musste ich unter die Dusche, Rasieren, Kopf waschen, Maniküre; und was eigentlich zieht man zu Hause für diese, äh, „Zeremonie“ an? „A Dinner Jacket, what else?“, empfahl mein Butler, aber sowas habe ich doch nicht. Die Inspektion meines Kleiderschrankes war für mich – in Unterhosen davorstehend – sehr beschämend. Gut die Hälfte meiner Kleidung landete am Boden und sollte morgen in die Humana-Container, meinte James. Nur ein weinrotes neues Sakko und schwarze Hose, mit passender Fliege ergänzt, fand Gnade für diesen Abend. Auch war nur ein einziges Paar Schuhe Gentleman-tauglich, die anderen möge ich auf der Baustelle auftragen.

Mir knurrte schon der Magen, aber da fing die Prüfung erst an. Ich durfte nicht einmal in die Küche, sondern hatte mir im Wohnzimmer einen Sherry einzuschenken und auf die Ankündigung von James „Dinner is ready, Sir“ zu warten. Mangels Sherry hatte ich ein größeres Schnapsglas mit „Nussernem“ in der Hand, als er mich endlich zu Tisch bat. Seinen erstaunten Blick, von dezentem Schnuppern begleitet, erwiderte ich mit der Ausrede: „That’s the Austrian Sherry, a very special kind of.“

Man soll es nicht glauben, aber ein englischer Gentleman freut sich nicht aufs Essen!! Zumindest darf er es nicht zeigen! Kaum nahm ich mit freudig-erwartungsvollem Gesicht am festlich gedeckten Tisch Platz, als mir James auch schon mit langsam absinkenden Händen zu verstehen gab, dass wahrnehmbare Freude aufs Essen fehl am Platz sei, höchstens eine amüsierte Bemerkung, was die Köchin heute gezaubert haben könnte. Auf seine Frage, was für ein Getränk ich bevorzöge, erwiderte ich also brav: „A pint of bitter, please“, worauf mein Butler in Ermangelung eines Weinkühlers die Bierflasche aus einer irdenen Blumenvase zog und behutsam einschenkte. Natürlich nur dreiviertel voll. Aber die Bemerkung, dass üblicherweise zuerst ein Aperitif angebracht wäre, verkniff er sich doch nicht. Nach dieser bitteren Pille kam endlich der Lichtblick des Abends, das von James persönlich zubereitete „Ham and Eggs“, mit einer sogenannten Salatgarnitur und einer Semmel als Beilage. Die drei Blatt Schinken waren wohl einzeln geröstet und zusammengerollt worden, die zwei Spiegeleier bedeckten nur einen Bruchteil des großen Zwiebelmuster-Tellers, weshalb die auf einem eigenen Tellerchen liegende Semmel die Hauptlast der Mahlzeit tragen musste. Außerdem wachte James mit Argusaugen darüber, dass ich nur daumennagelgroße Stücke auf die Gabel nahm und die Semmel nicht wie gewohnt in vier, fünf Stücke riss und verschlang, sondern jeden kleinen Bissen endlos kaute. Auch das Bier durfte nur schluckweise getrunken werden. Während des Essens erinnerte ich mich an die Mathematikstunden im Gymnasium – die vergingen auch so quälend langsam.

Endlich war der letzte Rest auf dem Teller weg, die Semmel verzehrt und der bereits warme Bierrest im Glas geleert, mit der Serviette der Mund abgewischt und ich durfte aufstehen. „It was a good start, Sir“, lobte mich James und wurde zu seinem eigenen Abendessen in die Küche entlassen, während ich mir die Schuhe für den Abendspaziergang anzog. Jetzt brauchte ich ein Gulasch und ein Bier, um den Schock abzuarbeiten. Ich gab mir unterwegs einige unfreundliche Namen, weil ich mir diesen Unfug überhaupt angetan hatte. Aber als ich im ungelüfteten Wirtshaus beim zähen Gulasch saß, den lauten Gesprächen der örtlichen Trinkergemeinde zuhören musste und das Bier aus einem stark abgenutzten Krügel trank, fand ich erstaunlicherweise, dass ein üppigeres Dinner mit ein, zwei angenehmen Gästen auch seine guten Seiten haben könnte. Nach dem zweiten Bier kam ich ziemlich müde nach Hause, grunzte nur mehr ein „Good night, James“ und fiel ins Bett. Geträumt habe ich in dieser Nacht komischerweise, dass ich auf eine Südsee-Insel gezogen sei und mit einem braunen Mädchen ohne jede Zivilisation  jeden Tag mit der Sonne um die Wette strahlte.

Der folgende Bürotag war anstrengend genug, und abends musste ich noch zwei Tischtücher und Stoffservietten kaufen. Die von James urgierten Kerzenleuchter aus Silber haben schweres Geld gekostet; dass das auch eine gute Wertanlage sei, war nur ein schwacher Trost. Gott sei Dank gab es am Stephansplatz auch Kerzen. Endlich alles erledigt für heute, ich hätte mich beinahe schon aufs Heimkommen gefreut, da fiel mir ein, dass ich ja wieder ein Dinner zu überstehen hatte. Und was sollte da auf dem Speiseplan stehen? Die Standlerin bei der Haltestelle hatte schöne Zwetschken anzubieten – also Zwetschkenknödel! Fertigteig war zu Hause, und vom Chinesen nahm ich einen Behälter Suppe mit.

„Good evening, James, what about plum-dumplings for dinner? Would you like to watch me making them?“ Mein guter Geist nickte interessiert, und während ich die Brösel röstete und den Teig rührte, erzählte er mir von seinem Vienna-Sightseeing und dass ihm Wien sehr gut gefallen hatte. Inzwischen überlegte ich, ob ich heute noch einen Tischgast gewinnen könnte. Ein Ehepaar kam wohl so schnell nicht in Frage, aber halt, die Malerin vom 7. Stock könnte ich anrufen. Ihre unkonventionelle Künstlernatur wäre ein erfrischender Kontrast zum formellen Butler-Dinner. Sie sagte gerne zu, den ganzen Tag hätte sie gearbeitet, nun wäre ihr ein warmes Essen sehr angenehm. Ja, pünktlich um 19:30 Uhr. „James, please dinner for two at half past seven, a friend of mine, Lady Charlotte, will come“, teilte ich meinem Butler mit, während ich die Knödel formte und ihn unterwies, dass diese genau 15 Minuten im kochenden Wasser bräuchten, ehe sie in den Bröseln gewälzt würden. Und bitte den Zuckerstreuer nicht zu vergessen.

Um halb acht traf meine Nachbarin ein und meinen Butler fast der Schlag: Charlotte war auf Meerjungfrau unterwegs; sie trug ein Eigenbau-Kleid aus glänzenden grünblauen Stoffbahnen, das unten zu lang und oben zu kurz war; ihren großteils sichtbaren Oberkörper bedeckten mehrere Muschelketten. „Jö, Zwetschkenknödel“, jubelte sie und umarmte mich wie einen heimkehrenden Krieger. Erst dann erkannte sie die Situation – den steifen Butler und meine vornehme Gewandung. Das steckte sie mit einem „Na servas“ locker weg, ging voraus ins Zimmer und kippte den doppelten Nussernen wie einen Schluck Wasser. Inzwischen entzündete James die Kerzen und rückte meiner „Lady“ den Stuhl zurecht. Bei der Suppe war ihr der Schock noch anzumerken, aber bereits beim ersten „plum-dumpling“ war sie wieder unbeschwert, gratulierte mir zum Joker-Gewinn und wir plauderten gutgelaunt. Auch James taute auf und servierte nachsichtig lächelnd die Traminer Spätlese. Somit genossen wir ein fröhliches Dinner; schwierig war nur, Charlotte gegen neun wieder zu verabschieden, weil ich angeblich noch zu einem Freund musste. James begriff sofort und kam mit dem Mantel, während mein Gast sich für den schönen Abend bedankte. Nach einer Runde um den Häuserblock leistete ich James bei seinem Abendessen in der Küche Gesellschaft, wo er mir die richtige Besteck-Handhabung vorführte. „It was an interesting evening“, kommentierte er wohlwollend, nachdem ich meine „Lady“ als schräge Künstlerin klassifiziert hatte. Und diese herrlichen „plum-dumplings“ wolle er in Cornwall heimisch machen – ob ich noch mehr so gute Gerichte kenne. „Oh yes, James, a lot of.“

Am nächsten Tag im Büro erklärte ich meinem Chef, Dkfm. Sensenbrenner, die Situation, und dass ich jetzt sofort meinen ganzen Urlaub fürs Renovieren bräuchte. „Ein Cottage in Cornwall, ich gratuliere“, meinte dieser anerkennend, „da wollte ich schon lange einmal hin.“ Worauf ich ihm vorschlug: „Überraschen Sie doch Ihre Frau und feiern Sie Weihnachten dort – ich muss ohnehin „Bed and Breakfast“ anbieten, um die laufenden Kosten zu decken, würde Ihnen das gefallen? Ich kann gerne ein paar Fotos schicken, wenn wir fertig sind, ja?“ Er müsse natürlich noch seine Frau überzeugen, so mein Chef, aber ja, er würde mir Ende November Bescheid geben.

Robert Müller

Auf ins Finale: gleich weiterlesen bei Teil 3

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 21035

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet
und der Text großteils im Original belassen.)

 

Der Butler 1

Ich habe jetzt einen Butler!

Ich, das Vorstadtkind, habe einen Butler zu Hause, der mir die Tür öffnet, den Mantel abnimmt, mich fragt, ob ich einen guten Tag gehabt habe, und all das, wie man es in englischen Filmen und noch mehr in alten Fernseh-Komödien sieht und hört. Er fragt mich, wann ich zu Abend speisen will (manchmal sagt er „Dinner“, manchmal sagt er „Supper“, ich weiß nie genau, was der Unterschied ist. Wie ich damals in Cornwall als zahlender Gast bei einer Familie einquartiert war, hat deren kleine Tochter mich immer mit den Worten „Robert, tea is ready“ zum Abendessen geholt. Dieser Englischkurs ist nun dreißig Jahre her, und dementsprechend ist mein Englisch schon sehr dürftig.

Auch weiß ich nicht recht, was ich mit dem Butler anfangen soll – weil nicht nur der Butler, auch ich als sein Arbeitgeber sollte mit dieser Situation zurechtkommen, das macht uns wohl beide befangen. Aber eine Gebrauchsanweisung für einen Butler gibt es nicht, ich habe schon im Internet nachgeschaut. Da sieht man immer nur den uralten Film „Dinner for one“ und diverse Gesellschaften, die Butler vermieten und so – sehr verunsichernd und ein bisserl peinlich halt, wenn man es gewohnt ist, selbst ein Bier aus dem Kühlschrank zu nehmen und ein Schmalzbrot zu streichen. Und diese weißen Handschuhe den ganzen Tag – dass die nicht schmutzig werden? Ich habe vor zig Jahren, als grüner Jüngling in der Tanzschule, so was tragen müssen. Meine Mutter hat gemeint, dass viele junge Burschen beim Tanzen aus Verlegenheit schwitzige Hände haben, und das sei nicht gut für die Kleider der Mädchen.

Wie kam es nun dazu, dass ich einen Butler habe? Eigentlich wollte ich ja damals gar kein Los kaufen, aber da hatte im Supermarkt der Kunde vor mir ein falsches Los gekauft und den Irrtum zu spät bemerkt. Stornieren konnte es die Kassierin nicht mehr, so habe ich gutmütig gesagt: „Na dann geben Sie es mir“, und hatte nunmehr ein Los mit Quicktipp und einem Joker, was immer das bedeutet. Ich, der bis zum Geiz sparsame und dem Glücksspiel Abholde, hatte nun ein Los – und damit, natürlich mit der Wahrscheinlichkeit eins zu Millionen, die Chance auf einen hohen Gewinn, oder wenn es nur vier richtige Zahlen hatte, auf ein Trinkgeld. Und dann habe ich es achtlos in die äußere Rocktasche gesteckt und dort vergessen, weil ich dieses Sakko nur „für schön“ trage. Aber das Schicksal ist hartnäckig – als dann Monate später mein Alltagsrock in die Putzerei musste, habe ich das Los in der Tasche gefunden und beim nächsten Einkauf gefragt, ob es noch gültig sei. „Schau ma halt“, meinte die Kassierin und steckte es in die Maschine, um sich dann mit weit aufgerissenen Augen zu mir umzudrehen. Zuerst sagte sie, im Schock, eine Minute lang gar nichts, dann kam die Meldung: „Stelln’s Ihna vor, das is der Hauptgewinn!! Und jössas, der Joker is a no drauf, mit dreihunderttausend Euro!!!!“ Gott sei Dank war ich vor dem Zusperren der einzige Kunde im Laden und reagierte rasch: „Wenn ich das Geld noch bekomme und Sie niemandem was erzählen, gibt’s einen Tausender Weihnachtsgeld für Sie, was heißt, fünf Tausender, auf die Hand, ja?“ Sie schlug blitzenden Auges in meine hingehaltene Hand und meinte: „Mach ma, trifft sich guat, ich geh Weihnachten eh in Pension!“

Drei Wochen später hatte ich fast zwei Millionen Euro auf der Bank und begann zu überlegen, was damit geschehen könnte. Die kleineren Sachen waren schon erledigt: ein neues Auto, die Wohnung mit Parkettboden und Tapeten renoviert, Bad frisch gekachelt, Garderobe ausgemustert und mit guten Sachen ergänzt, drei Wochen Urlaub in der Karibik und der zickigen Freundin den Weisel gegeben. Vor meinem Lottogewinn hatte sie mir öfter zu verstehen gegeben, dass sie als Tochter aus gutbürgerlichem Haus eine bessere Partie verdient hätte. Und nun hatte sie begonnen, Ansprüche zu stellen. Nein, nicht mit mir. Dabei hatte ich sowieso nur den Joker Hauptgewinn und zusätzlich einen Vierer zugegeben, weil meine nunmehr besseren Verhältnisse in der Nachbarschaft aufgefallen waren. Und den Mann aus dem Nebenhaus, der mir damals das falsche Los überließ, hatte vor Gift und Galle fast der Schlag getroffen – er grüßt mich seither nicht mehr. Na, dann nicht, selber schuld!

Ja, und so habe ich in den nunmehr häufigeren stillen Stunden allein zu Hause überlegt, was ich mit dem Geld anfangen soll. Am Sparbuch bekommt man keine Zinsen und die Inflation nagt am Guthaben wie eine Ratte an den Erdäpfeln im Keller. Der auf einmal sehr freundliche Kundenberater meiner Bank wollte mir schöne Fonds mit Wertpapieren verkaufen, oder wenigstens Staatsanleihen. Aber zum Staat habe ich nicht viel Vertrauen – ich sehe und höre ja dauernd im Fernsehen, wie die Staatsschulden steigen. Und mit Aktien kenne ich mich nicht aus. Damals, beim letzten Bankencrash vor ein paar Jahren, hat mein Geldinstitut auch einige Millionen verloren – da hat sie der eigene Berater wohl falsch beraten. Nein, solchen selbsternannten Fachleuten, die schon stinkend faule Kredite nicht einmal direkt vor der Nase erkennen, traue ich nicht. Aber was tun?

Mein Abteilungsleiter, der Dkfm. Sensenbrenner, dessen ruhig-überlegte Art ich sehr schätze, hat sich vor drei Jahren ein Haus mit großem Grundstück gekauft, etwa 30 km außerhalb Wiens, „Nur ein Grundstück oder ein gut gebautes Haus“, hat er gesagt, „behält und steigert seinen Wert, wenn die Lage passt und es öffentlich gut erreichbar ist. Für Gold braucht man sehr viel Kapital, und bei Aktien muss man sich schon jahrelang gut auskennen und dauernd am Ball sein.“ Also gut, Immobilien wären die Lösung. Aber welche und wo? Und da fiel es mir wieder ein: Wo wollte ich schon vor langer Zeit einen eigenen Bungalow haben und in der Pension das halbe Jahr dortbleiben? In Cornwall – wo ich damals den Englischkurs gemacht habe und so begeistert war von der schönen Küste und den mit herrlichen Gärten umgebenen Häusern. Kilometerlange Fuchsien-Hecken, riesige Hortensien, überall die prächtigsten Lupinen- und Fingerhut-Rabatte, da und dort struppige Palmen und immer wieder der Ausblick aufs Meer und der gute Geruch der Brise. Und auch der weite Blick über die mit niedrigen, grün bewachsenen Mauern getrennten Felder und Wiesen. Cornwall heißt ja Kornfelder, mit Mauern umgeben.

Gleich am nächsten Samstagvormittag habe ich die Karte meines damaligen Vermieters hervorgesucht und ihn angerufen. Er hat sich echt gefreut, wieder von mir zu hören; und ja, ich sei gerne als Gast willkommen. Platz genug, die Tochter sei ja inzwischen in London verheiratet; seine Frau Sarah und er wären schon in Pension. Wann ich kommen wolle? Ich gab Bescheid, erst müsse ich eine Vertretung im Büro finden, ich werde mich rechtzeitig melden, liebe Grüße an die Gattin, danke.

Dann habe ich mir aus dem Internet zwei Makler herausgesucht und per Mail angefragt, ob in der Umgebung von Falmouth oder Penzance ein kleines Cottage zu haben wäre – mit Garten, zwei Schlafräumen und in gutem Bauzustand. Meerblick wäre nicht Bedingung, aber in Küstennähe. Es sollte aber bald sein, solange England noch in EU-Verbindung sei, da wäre ein Verkauf an Ausländer sicher einfacher.

Eine Woche später saß ich schon im Flieger. Der eine Makler hatte nur große, teure Häuser anzubieten, aber der zweite, dessen Sekretärin auch beinahe wienerisches Deutsch sprach, hatte etwas Passendes im Portefeuille. Ein kleines liebes Häuschen mit traumhaftem Garten und ein etwas größeres, äußerlich unansehnlicher, aber mit Blick aufs Meer. Und preiswert, weil dessen Besitzer rasch verkaufen müsse. Mein Gastgeber, ein pensionierter Maurer, hat mich gleich vom Bahnhof zum Cottage zwei gefahren, und dort hat uns ein älterer Herr in schwarzem Anzug höflich-reserviert begrüßt und durch das Haus geführt. Auf meine Frage stellte er sich als der Butler des Verkäufers vor: „James, zu dienen“.

Weil das kleinere Cottage nach dem Motto „Außen hui, innen pfui“ billigst gebaut und eingerichtet war, mit rostigen Installationen und verwahrlosten Böden, kam nur mehr das größere Objekt in Frage. Mein Gastgeber Richard meinte, mit knapp 20.000 Euro für die nötigen Instandsetzungen wäre das Haus wieder wie neu; wenn wir bald anfangen, könnte alles bis Weihnachten fertig sein. Also retour zum Makler und ich stellte mein Angebot: Kaufpreis minus 20.000 Euro, die Immobilie müsse lastenfrei sein und der Verkauf rasch abgeschlossen, Unterschrift gegen Bargeld. Die hübsche Sekretärin bat ich um Übersetzungshilfe beim Vertrag und schrieb ihr meine Telefonnummer auf einen Hundert-Euro-Schein, was sie mit erfreutem Lächeln dankte. Nach einer Woche konnte ich unterschreiben und hatte ein Haus in Cornwall.

Aber nicht nur das, ich hatte offensichtlich auch den Butler mitgekauft. Der Vorbesitzer hatte kürzlich sein großes Anwesen infolge Insolvenz verkaufen müssen, das Cottage wollte er zuerst behalten. Dort war auch James bis zu seinem baldigen Pensionsantritt einquartiert. Aber weil er noch Schulden hatte, ist der Verkäufer – mit meinem Geld in der Tasche – noch am selben Tag nach Neuseeland geflüchtet. Weshalb mich James um ein Gentlemen’s Agreement ersuchte: Ob ich ihn noch bis Jahresende weiter beschäftigen wolle, denn er könne erst zu Neujahr den Alterssitz bei seiner Nichte in Schottland beziehen. Er würde mir halbtags sogar beim Renovieren helfen. Nun ja, ich hätte das Haus auch gekauft, wenn es ein paar tausend Euro mehr gekostet hätte, also in Gottes Namen! Mein neuer Butler holte eine „vergessene“ Flasche Champagner aus dem Keller und schenkte mir formvollendet ein Glas ein. War ich nun wirklich ein englischer Gentleman?

Na ja, da fehlte noch eine ganze Menge. Nach der ersten Nacht im Cottage weckte mich James vereinbarungsgemäß, brachte mir eine Tasse Tee ans Bett und servierte dann ein traditionelles englisches Frühstück. Nur die Zubereitung von trinkbarem Kaffee musste ich ihm zeigen. Aber sonst war ich meinem neuen Status hilflos ausgeliefert. Weder Kleidung noch Umgangsformen passten – und der durchaus gutwillige James war mit meiner „Umerziehung“ ziemlich überfordert. Noch dazu bei meinem lausigen Englisch! Ich habe ihn gebeten mir zu sagen und notfalls auch vorzuzeigen, wie sich ein vornehmer Hausherr geben sollte. Zeitsparenderweise möge er auch alle kostspieligen Höflichkeiten weglassen, wenn wir allein waren, und mich in der dritten Person belehren: „A Gentleman should …“. So in der Art halt.

Es war eine schwere Zeit für uns beide, ich getraute mich in seiner Anwesenheit nicht einmal mehr zu schnäuzen, und James bekam starke Abnützungen in der Halswirbelsäule, vom vielen hilflosen Kopfschütteln. Gott sei Dank war Richard unsere Rettung. Er brachte beim ersten Gespräch über die geplante Renovierung heraus, dass James in seiner Jugend Elektriker gelernt hatte, und so wurde dieser – von acht bis 16 Uhr – taxfrei zum „Hackler“ ernannt und durfte sich in dieser Zeit auch so benehmen; er musste nun Bier aus der Dose trinken und hatte sichtlich Freude an diesem Rollenspiel, aber manchmal seufzte er, er fürchte schizophren zu werden. Mit neuem Overall, weißem Schutzhelm und Bauhandschuhen korrekt gekleidet half er mit und war vorbildlich bestrebt, die Baustelle und Werkzeug sauber und aufgeräumt zu halten. Es war rührend zu beobachten, wenn James mittags den von Richards Frau Sarah gebrachten Eintopf in die Plastikteller schöpfte und vorher die Schalungstafel abwischte, welche auf rostigen Gerüstböcken lag. Exakt im vorgeschriebenen Abstand lagen das Besteck und die Papierservietten. Lästig war mir nur, dass alle externen Arbeiter und Lieferanten infolge seiner sauberen Kleidung und souveränen Haltung James für den Bauherrn hielten.

Robert Müller

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www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 21034

Erdäpfel

Woran denkt man, was assoziiert man unwillkürlich beim Wort Erdäpfel? Auf diese Frage bekommt man wohl viele, sehr unterschiedliche Antworten. Denn jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen und Geschmackserlebnisse mit dieser Knolle, bis in die frühe Kindheit reichen diese Erinnerungen. Eine alte Bäuerin denkt vielleicht zuerst an die ehemals schwere Arbeit beim Ernten und das damit verbundene Kreuzweh, die herbstliche Kälte am Acker und den Geruch der Erde. Ein Kind ruft vielleicht begeistert „Pommes“, ein Gourmet denkt an die butterweichen „Heurigen“ Anfang Juni und die daraus hervorgegangenen Petersilienkartoffel als Beilage zum Spargel, ich weiß nicht, ob ich den Kartoffelpuffern oder den Waldviertler Knödeln (jeweils zur Hälfte rohe und gekochte Erdäpfel im Teig) meiner Kindheit den Vortritt lassen soll, und eine heutige Mehrkind-Mutter ist beim Zwetschkenknödel-Machen froh, dass es nun preiswerten Fertig-Kartoffelteig im Packerl gibt.

Meine Großmutter mütterlicherseits, geb. 1884 im Waldviertel, die immerhin zwei Weltkriege überlebte, hatte in der wirtschaftlichen Not ihrer Zeit von Kind an gelernt, mit Kartoffeln als immer verfügbarem Nahrungsmittel zu leben und aus dieser nahrhaften Knolle die verschiedensten schmackhaften Gerichte zu bereiten.

Diese Erdäpfelküche hat auch meine Mutter, geb. 1910, in den schlechten Zeiten bis in die 50er-Jahre sehr geschätzt und bis ins hohe Alter weiter kultiviert. Die billigste Ausführung waren die „eingebrannten Erdäpfel“, später fallweise mit Dille verfeinert, dann die vielfältigen Teige aus Kartoffeln und etwas Mehl für Nudeln, Strudel, Knödel und Krapfen. Das in der Nachkriegszeit sehr verbreitete süße „Erdäpfelbrot“ war ein beliebtes und preiswertes Gebäck (mit wenig Fett, Zucker und Eiern) zur Kaffeejause oder zum Sonntagsfrühstück.

Da waren die im Volkslied „Als Böhmen noch bei Österreich war“ apostrophierten „Skubanky“ oder wienerisch „Stubanken“, ein eher fester Brei aus Erdäpfeln und Mehl, mit Mohn oder bröseligem Topfen und Zucker bestreut und braune Butter darüber geträufelt, da gab es die bei uns Kindern beliebten Kartoffelpuffer (tschechisch „bramborak“), welche meine sparsame Großmutter immer als „Dieb im Schmalzhäfen“ bezeichnete, weil Fett in der Nachkriegszeit Mangelware war. Meine Mutter fand den Ausweg, diese auch „Reiberdatschi“ oder „Platzki“ genannten Fladen im viel billigeren Rindstalg herauszubacken – nur durfte dieses Fett nicht kalt werden.

Den „Waldviertler Grießsterz“ (aus Erdäpfeln und Grieß) und den „Erdäpfelbraten“ (je 1/3 kg Geselchtes, kalter Braten und gekochtes Rindfleisch, mit je 1 kg rohen und gekochten Erdäpfeln, ¾ kg Zwiebel und Gewürzen) kennen wohl nur mehr wenige …

Im Haushalt des Autors gilt noch der Brauch: Wer die (heißen) Erdäpfel schält, darf sich einen abzweigen, durchschneiden und die beiden Hälften gesalzen mit je einer Scheibe Butter sofort „von der Hand in den Mund“ essen. Es gibt nichts Besseres!!!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 20122

Die Amethyst-Kette

Frau Elfriede Buchta, 79, lag im Krankenhaus. Es war abzusehen, dass es zu Ende ging. Ihr tapferes Herz würde wohl nicht mehr lange durchhalten, meinte der behandelnde Arzt nach der ersten Untersuchung, und zu seinem Erstaunen breitete sich auf ihrem Gesicht ein befreites Lächeln aus: „Gott sei Dank“, sagte sie, „jetzt muss ich mich nicht mehr vor jahrelangem Siechtum und totaler Hilflosigkeit fürchten. Ja, das ist gut so.“

In der ersten Woche hatte Frau Buchta das Glück, mit der Bettnachbarin, einer Altbäuerin aus dem Marchfeld, eine verständige und angenehme Gesprächspartnerin über den Spitalsalltag und später auch über „ernstere“ Belange gefunden zu haben. Und in stillen Stunden – vorwiegend nachts, denn in einem Spital durchzuschlafen ist kaum möglich – überdachte sie die Stationen ihres Lebens:

Die Kindheit im Wiener Gemeindebau Schlingerhof, wo sie mit Schulfreundinnen im Hof gespielt hatte, mit der Mutter jeden Samstag den Markt besucht und von der Frau Stipic oft ein Stück Obst bekommen hatte. In einem Tümpel des Überschwemmungsgebietes hatte sie Schwimmen und im Winter Eislaufen gelernt. Als Lehrmädchen hatte sie im nächtlichen Haustor den ersten Kuss von einem jungen Arbeitskollegen bekommen. Die süßen Irrungen und Abenteuer der Liebe zogen in der Erinnerung vorbei, Gott, war sie jung, naiv und selig gewesen. Und wie sie bei einem Ball ihren späteren Mann kennengelernt und bald nach der bescheidenen Hochzeit ihr Mädchen zur Welt gebracht hatte. Nun war dieses auch schon Großmutter eines kleinen Buben, drüben in Australien. Weit, weit weg, viel zu weit.

Nach ein paar Tagen wurde sie in ein kleines Einzelzimmer verlegt, intern das „Sterbezimmer“ genannt. Dort wurde sie von der jungen Schwester Mira aufmerksam umsorgt. Als Mira einmal anzusehen war, dass sie Kummer hatte, sagte Frau Buchta zu ihr: „Kommen Sie, erzählen Sie mir was Sie bedrückt, bei mir brauchen Sie wohl keine Angst mehr haben, dass ich es weitersage.“ Es war Mira eine große Erleichterung, ihre Sorgen und Unsicherheiten der erfahrenen Frau am Rand des Lebens mitzuteilen, manchen guten Rat und tröstliche Einsicht bekam sie da mit nach Hause. Auch der junge Stationsarzt Dr. Nemec besuchte sie täglich, mehr aus ärztlicher Neugier, weil der Organismus dieser Patientin eigentlich schon seit Tagen nicht mehr funktionieren konnte – aber eine unbewusste leise Unruhe hielt sie ganz einfach noch in dieser Welt fest.

Als sie einmal den Wunsch nach einem Schluck Wein äußerte, schmuggelte Schwester Mira ein Stifterl gekühlten Weißwein ins Zimmer, Frau Buchta trank ein Glas davon und drehte sich dann behaglich auf die Einschlaf-Seite. In dieser Nacht träumte sie von ihrem verstorbenen Mann, und wie sie später von der Caritas seine Sachen abholen ließ. Beim Aufwachen erinnerte sie sich, dass sie danach ihre goldene Halskette mit Amethysten, ein Geschenk von ihrem Karl zur Silberhochzeit, vermisste. Es musste sie wohl einer der Caritas-Arbeiter „mitgehen“ lassen haben, vermutlich der größere der beiden, Bogdan genannt, weil er die Kleidung aus dem Schlafzimmer getragen hatte. Sie hatte damals geweint, aber keine Anzeige gemacht. Den ganzen Tag und auch am nächsten kamen ihr diese Bilder in den Sinn, und was sie mit den Männern gesprochen hatte, dass sie ihnen einen Kaffee serviert und ein schönes Trinkgeld gegeben hatte. Hatte da dieser Bogdan nicht ein wenig verlegen gewirkt? Immer wieder musste sie daran denken, und dass sie trotz ihrer Anständigkeit bestohlen worden war.

Als Doktor Nemec zu Beginn der Nachtschicht beim Pulsmessen ungläubig lächelnd fragte, was sie denn noch am Leben hielte, kam die leise Antwort: „Wissen Sie, ich habe da noch eine Rechnung offen, dann erst kann ich die Augen zumachen.“ Da schüttelte der junge Arzt den Kopf: „Liebe Frau Buchta, was wollen, ja was können Sie in Ihrer Lage denn noch unternehmen?“ Da atmete sie tief ein und sagte: „WissenS’, vielleicht kommt doch der Berg zum Propheten. Es gehören ja immer zwei dazu.“ Der Doktor ging kopfschüttelnd.

Gegen 21 Uhr gab es beim Spitalseingang Streit, denn ein Besucher beharrte darauf, jetzt noch einen Besuch zu machen. Der Nachtportier rief den diensthabenden Arzt, weil der Mann beteuerte, es wäre sehr dringend und er würde danach auch gleich wieder gehen. Als Doktor Nemec um den Namen des Patienten fragte, stammelte der Gastarbeiter den Namen „Frau Ruchter“ oder „Buchter.“ Sinnend blickte der Arzt in die Höhe: „Vielleicht kommt doch der Berg zum Propheten“, hatte Frau Buchta gesagt. Er beruhigte den Portier und nahm den Mann mit ins Krankenzimmer.

Frau Buchta war hellwach, als hätte sie den Besuch erwartet. Der Mann stürzte zum Bett, fiel in die Knie und reichte ihr ein Stoffsackerl, dabei unter Tränen beteuernd: „Bitte, Frau, bitte nicht böse sein, hab ich damals kein Geld, nix gehabt, wollte auch einmal Geld in Tasche haben und lustig sein, nicht nur arbeiten und schlafen. Hab ich das nicht mehr gefunden in Zimmer, bin wieder nach Zagreb heimgefahren. Erst heute habe ich alten Rock mit Loch in Tasche wieder angezogen und ist Kette rausgefallen. Nachbarin hat gesagt, Sie im Spital. Bitte nicht mehr böse sein, tut mir leid, hat mir das kein Glück gebracht. Bitte wieder nehmen und alles wieder in Ordnung, ja?“ Frau Buchta nahm ihre goldene Halskette mit den lila Steinen heraus und hielt sie in die Höhe: „Ja, Bogdan, jetzt ist alles in Ordnung, du hast mir das zurückgebracht. Wenn man etwas gutmacht, hat man wieder Glück im Leben, ich trage dir nichts nach. Lass es gut sein und fahr nach Hause.“ Sie legte die Kette aufs Nachtkasterl und strich ihm tröstend mit der Hand über den Kopf wie einem Kleinkind. Der Mann stand auf, verbeugte sich mit nassen Augen noch einmal und ging.

Als Doktor Nemec, der diese Szene im Türrahmen staunend beobachtet hatte, wieder gehen wollte, bat ihn Frau Buchta, noch kurz dazubleiben und Schwester Mira zu rufen. Als diese eintrat, winkte die Patientin sie ans Bett und legte ihr die Kette in die Hand: „Liebe Mira, du hast mich so liebevoll gepflegt, bitte behalt das als Dank und Andenken an mich.“ Die junge Schwester wollte verlegen ablehnen, das hätte sie nicht verdient und könne sie nicht annehmen, aber Frau Buchta erwiderte: „Dort wo ich jetzt hingehe, brauche ich sie nicht mehr, und wem sonst sollte ich sie geben? Nimm sie nur und freue dich daran. Der Herr Doktor hat ja gesehen, dass ich sie dir geschenkt habe.“ Verlegen errötend bedankte sich Mira und verließ mit dem Arzt das Zimmer.

Als sie um Mitternacht noch einmal zu Frau Buchta ins Zimmer kam, atmete diese nicht mehr. Aber auf ihrem Gesicht lag ein friedliches Lächeln.

Epilog:
Das echt Mystische an dieser Geschichte ist aber, dass der Autor am Ende in Wikipedia nachsah, ob man Amethyst wirklich mit „th“ schreibt, und dort las, dass diesem Stein eine (apotropäische) Negativwirkung auf den Dieb nachgesagt wird.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 20115

 

Abschied vom „Baum-Ausreißen“

Irgendwann kommt der Moment, wo man nicht mehr zu den Männern gehört, die Häuser bauen, im Wald Holz machen oder sonstige mit Schwerarbeit verbundene und damit prestigeträchtige Projekte bewältigen. Man ist eben älter geworden.

Vor einigen Wochen kuppelte der Pensionist Anton Kurz den kleinen Anhänger an sein Auto und fuhr zum nahe gelegenen Kieswerk, um einen viertel Kubikmeter Schotter für seinen Gartenweg zu holen.

Es versprach ein schöner Septembertag zu werden, als er frühmorgens gegen sieben Uhr über die Feldwege fuhr; die Vögel sangen in den Hecken und die Sonne hing als orangener Feuerball noch tief am Himmel. Herr Kurz erinnerte sich der vielen Male, die er – damals als Mittfünfziger – meistens um diese Tageszeit zu seiner Baustelle unterwegs gewesen war.

Ach Gott, war das eine schöne Zeit gewesen, trotz oder – so denkt er heute darüber – gerade wegen der schweren Arbeit beim Aufmauern seines Hauses im Grüngürtel außerhalb Wiens. Ja, es war eine Schinderei, den ganzen Tag bei Wind und Kälte (er baute größtenteils im Winter, wenn die bereits abgemeldeten Herren Maurer gerne einen Wochenend-Pfusch annahmen) Mörtel mischen, Ziegel schleppen, Wasser holen, Gerüst bauen etc. Aber am Abend, wenn er sich vor dem Heimfahren noch einmal müde umdrehte, sah er die Arbeitsleistung des Tages im nunmehr wieder höher gewordenen Mauerwerk, in den ausgesparten Fenstern und Türöffnungen. „Heute ist ganz schön etwas weitergegangen“, dachte er da befriedigt und vergaß das Kreuzweh und die zerschundenen Hände. Er hatte etwas geleistet, was nicht jeder konnte, er hatte schwere Arbeit getan und war in Gesellschaft von Männern, die als „Hand-Werker“ (Maurer, Zimmerleute, Elektriker, Installateure oder Dachdecker) Häuser entstehen ließen, Grundstücke planierten, Gärten anlegten, mit Krampen und Schaufel Wege bauten – mit einem Wort: Heimstätten schufen, aus dem nackten Boden Häuser bauten für ihre Familien und Freunde.

Jeden Sonntag, wenn er nachmittags müde und abgerackert in schmutziger Arbeitskleidung vor seinem Wiener Wohnblock aus seinem uralten Auto stieg, standen einige Bewohner in teurer Freizeitkleidung am Parkplatz herum, besprachen ihre Ausflüge und die Lokale, in die sie mit ihren Frauen eingekehrt waren, und sahen mitleidig lächelnd zu ihm herüber. Jedoch Anton Kurz grinste nur überlegen und winkte ihnen zu, bevor er zu seiner Wohnung hinaufstieg. Die Nachbarn waren zumeist Angestellte oder Beamte in seiner Einkommensklasse, sie gaben ihr Geld für die Annehmlichkeiten des Lebens aus und hatten vielleicht ein kleines Bankkonto, aber kaum einer von ihnen hatte jemals einen Ziegel auf den anderen gelegt – es waren eben Leute und keine Männer. Und offensichtlich schätzten diese Nachbarn ihre Mitbewohner nach Urlaubsreisen, Auto, Tennisklub und dem Outfit ihrer Frauen ein; somit gehörte Anton nicht zu den „Schönen und Reichen“ seines Wohnblocks.

Aber als ihn – gegen Ende der Rohbauphase – ein Nachbar zufällig beim Heurigen traf, wo Anton mit seinem Maurer und einem Helfer zu Mittag aß, ergab sich bei der Theke doch ein kurzes Gespräch, bei dem der erstaunte Mitbewohner erfuhr, dass Anton in dieser prominenten Heurigengegend einen Garten hatte und nun ein Haus baute. Was sich in seinem Wohnblock rasch herumsprach und zur Folge hatte, dass Anton nun von seinen Nachbarn freundlicher gegrüßt wurde und auch in deren Achtung deutlich gestiegen war. Man bedenke, ein Haus in diesem schönen Vorort Wiens! Aber er kümmerte sich nicht viel darum – wer vorher mit ihm auf gutem Fuß gestanden hatte, blieb es weiterhin, und die „Neu-Freundlichen“ begrüßte er genauso reserviert wie sie vorher ihn. Nur die Neid erregende Bemerkung, dass er gänzlich ohne Kredit baute, hatte er sich doch nicht verkneifen können.

Aber das war nun Vergangenheit, Anton hatte sein Werk getan: ein Haus gebaut, ein Kind aufgezogen, einen Garten angelegt, und nun war er auch schon aus den Erfordernissen des Berufslebens heraus, wo er 45 Jahre lang fleißig gearbeitet und manchen Erfolg verbucht hatte. Auch das fehlte ihm, das Bewältigen schwieriger Aufgaben und der Zeitdruck. So manches Mal war er mit einem ungelösten Problem zu Bett gegangen und hatte doch kaum Schlaf gefunden, weil er nicht wusste, wie der nächste Tag laufen sollte. Manchmal war ihm dann im Morgengrauen eine Lösung eingefallen, weil er sich bemüht hatte, die Sachlage alternativ zu sehen, das Problem von anderer Seite zu beleuchten. Oder er hatte seiner Frau auf ihre besorgte Rückfrage die schwierige Situation möglichst verständlich zu erklären versucht, was ihm manchmal einen verblüffend einfachen Lösungsansatz bescherte.

Je nun, vorbei ist vorbei – jetzt sollte er sich besser seiner noch passablen Gesundheit und der wohlverdienten Pension erfreuen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und an einem so schönen Morgen mit dem Auto unterwegs sein, ein paar Scheibtruhen Schotter holen und anschließend mit der Frau auf der selbst gemauerten Terrasse frühstücken – gab es was Schöneres? Schon war er auf der staubigen Brückenwaage, kletterte die Eisenstiege zum Vorarbeiter hinauf, sagte seinen Wunsch und fuhr dann hinunter ins Kieswerk, wo ihm der Baggerfahrer eine viertel Schaufel Kies in den Anhänger kippte. Nun wieder zurück auf die Brückenwaage und ins „Büro“ zum Zahlen. Hier musste er warten, bis die drei Fahrer der riesigen Betonmischer und zwei „Häuslbauer“ abgefertigt waren.

Anton hörte sie über ihre Arbeit reden, die Zeit- und Materialprobleme, und was sie alles noch vor bzw. bereits geleistet hatten. Als bauerfahrener „Hackler“ beteiligte er sich an einem Gespräch und riet einem „Leidensgenossen“, der gerade seinen Rohbau fertig hatte und schon einen Weg betonieren wollte, davon ab. Es wäre – so Anton – praktischer, den Zugang zwischen Gartentor und Haus provisorisch mit im Rasen liegenden Trittsteinen anzulegen, bis auch die Fassade fertig sei. Denn es passiert oft genug, dass der „Trampelpfad“, wo die Menschen wirklich zum Haus gehen, nicht immer eine gerade Linie ist. Einer der LKW-Fahrer stimmte zu, er hätte auch seinen befestigten, rechteckig angelegten Weg nach einem Jahr wieder mühsam herausreißen müssen, weil Frau, Kinder und Gäste daneben im Gras eine Kurve eingetreten hätten. Außerdem wäre das viel hübscher geworden als die harte gerade Linie. Was den betreffenden „Häuslbauer“ dann nachdenklich stimmte.

Da rief ihn der Vorarbeiter zur Kassa, Anton legte den kleinen Geldschein hin und warf die Wechselgeld-Münzen in die „Kaffee-Kasse“, ein abgestoßenes Keramik-Sparschwein neben dem Bildschirm. Mit „Alsdann pfüat euch“ kletterte er dann die Gitterstufen zum Auto hinunter und fuhr langsam nach Hause. Es rumorte noch immer leise in ihm, dass er jetzt nicht mehr zu den „produktiven, Schwerarbeit leistenden“ Männern gehörte, sondern ein „nicht mehr viel nützer“ und daher, wie er es empfand, auch weniger geachteter Pensionist war. Natürlich sagte er sich beim Heimfahren selbst mehrmals, dass er doch das Seine geleistet und viel geschafft hatte, mit Arbeit Tag und Nacht und allen dazugehörigen „Randerscheinungen“ wie Kreuzweh, Sorgen, Stress, eiserner Sparsamkeit und kaum „Freizeitvergnügen“. Ja, alles in Ordnung, er war stolz auf das Erreichte, auch Familie und Freunde anerkannten das.

Warum dann diese wehmütige Stimmung, wenn er andere dem Ziel zustreben sah, das er schon erreicht hatte? Traf für ihn die Redewendung „Der Weg ist das Ziel“ zu? Nein, Herrgott nochmal, sicher nicht! Er hatte geackert, um etwas zu erreichen und nicht, um ewig weiter ackern zu müssen! Ja, das war’s, er hatte seine Ziele erreicht und war damit zufrieden. Also warum zum Kuckuck beneidete er die noch aktiven Häuslbauer? Vielleicht, weil sie ein Ziel hatten, das ihm nun fehlte? Ja, das auch, gestand er sich ein. Aber da war noch was, etwas nicht so leicht zu Greifendes, das ihm keine Ruhe ließ.

Wieder zu Hause stellte er den Wagen in die Garage und den Anhänger zum Gartenweg, dann rief die Gattin schon: „Kaffee ist fertig!“ Anton liebte diese wichtigste Mahlzeit des Tages, in einem sonnigen schönen Garten am liebevoll gedeckten Tisch Platz zu nehmen und den ersten Schluck Kaffee zu genießen. „Was ist mit dir – du siehst irgendwie bedrückt aus?“, ermunterte ihn die Frau zum Sprechen.
Als Anton ihr von seinen Gefühlen erzählte, wie er die noch aktiven „Häuslbauer“ beneidet hätte und eigentlich nicht wusste warum, blickte sie eine Weile sinnend in die Luft und meinte dann: „Ich glaube, du beneidest sie nicht um die Arbeit, nein, du beneidest sie um das Können, dass sie dazu noch körperlich imstande sind. Ja, mein Lieber, wir sind älter geworden und das müssen wir akzeptieren! Heimweh ist ja auch nicht die Sehnsucht nach dem Ort, sondern nach der Zeit, als wir dort waren. Diese schwer arbeitenden „Häuslbauer“ würden dich beneiden, wenn sie dein Haus und den Garten sehen könnten, sie würden gerne mit dir tauschen und sich viel lieber an den gedeckten Tisch setzen, als schon wieder die Schaufel und die Scheibtruhe in die Hand zu nehmen, glaubst du nicht auch?“

Da stand Anton von seinem Platz auf, ging um den Tisch herum und gab ihr einen Kuss: „Ja, du hast recht, ich sollte das jetzt genießen und nach vorne schauen. Ich werde dann die Nachbarn fragen, ob sie nachmittags Zeit für eine Tarockpartie hätten, was meinst du?“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 20093

Adele Sauerzopf erbt ein Schloss

Frau Sauerzopf, eine ehrbare Straßenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal wöchentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Café und hatte sonst keine großen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im Gemeindebau und Grätzel wohlgelitten (sie wohnte seit ihrer Geburt dort) und von abgeklärt-heiterer Lebensart, war sie höchst überrascht, als sie am Mittwoch (13.6.) – vom Einkaufen heimkehrend – im Briefkasten das Schreiben einer Rechtsanwaltskanzlei fand. Sie wagte es erst gar nicht zu öffnen und durchforschte ihr kindlich-reines Gewissen, was denn die Ursache dieses bedrohlichen Briefes sein könnte; noch nie im Leben hatte sie mit Anwälten zu tun gehabt, weder hatte sie Böses getan, noch jemals selbst Anklage erhoben. Dann fuhr ihr wie ein Blitz die Angst ins Herz, der einzige Sohn (er lebte schon seit Jahren in Amerika) könnte etwas angestellt haben oder – Gott behüte – es wollte ihn jemand verklagen oder Ähnliches. Mit zitternden Händen riss sie den Umschlag auf, aber im Brief stand nur die lakonische Mitteilung, sie möge sich in der Erbschaftssache Ruggenthaler in den nächsten Tagen in der Kanzlei einfinden.

„Erbschaftssache Ruggenthaler“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, „ich kenn keinen Ruggenthaler, und zu erben gibt’s doch für so ein altes Möbel wie mich nix mehr?“

Aber der Brief lag gleichwohl am Küchentisch wie auf der Seele – und die zu röstende Zwiebel fürs Erdäpfelgulasch verkohlte fast, so sehr spukte die unbekannte Erbschaft im Kopf von Frau Sauerzopf. Sie erwog, eine in Purkersorf lebende Nichte zweiten Grades anzurufen, um sich zu erkundigen, ob ihr solch ein Name geläufig sei, kam aber davon ab, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr gehört hatte – und außerdem: Sie würde natürlich über den Grund ihres Interesses ausgefragt werden, und bevor sie nichts Genaueres wusste, konnte und wollte sie nichts sagen. Es gäbe doch gleich Gerüchte und Neid und Gerede – genau das, was sie verabscheute und demnach aktiv wie passiv immer zu vermeiden trachtete.

Der Donnerstagmorgen (14.6.) kam nach einer unruhigen Nacht, der Kaffee wurde nicht wie gewohnt in Ruhe und dabei Zeitung lesend getrunken, sondern geistesabwesend geschlürft. Hier ist zu bemerken, dass Frau Sauerzopfs gesunder Hausverstand und gute Menschenkenntnis keinen Platz für Phantastereien ließen – im Gemeindebau wurde sie manchmal ob ihrer treffend-knappen Ausdrucksweise die Frau Jolesch genannt (nach Torbergs Anekdotensammlung) –, aber ihr Leben war seit ihrer Pensionierung und dem Tod des Gatten arm an Neuigkeiten und Veränderungen, sodass dieser Brief und die damit verbundene Ungewissheit die gewohnte Alltagsroutine störten. „Jetzt will ich’s wissen“, sagte sie beim Ankleiden – was zieht man für einen Rechtsanwalt an? Schon etwas besser, aber halt seriös, das Dunkelblaue mit weißen Tupfen hat sie sowieso schon lange nicht mehr getragen. Und 10 Minuten nach 9.00 Uhr läutete sie energisch bei Mag. Dr. Strnad & DDr. Vlcek im 9. Bezirk.

„NehmenS’Platz, liebe Frau Sauerzopf, ein Schalerl Kaffee gefällig – oder ein Glas Güssinger? Ja, ein Momenterl, die Frau Srp wird gleich den Akt bringen“, sagte der dicke kleine Anwalt, ein guter Fünfziger mit goldumrandeter Brille, „das ist aber freundlich, dass S’so schnell kommen sind. WissenS’, der Fall ist ja schon fast ein Jahr im Laufen. Ja ja, eine Verlassenschaft im Ausland und ohne direkte Erben gibt schon ein paar Probleme, da heißt’s Geduld haben und nicht nachlassen. War gar nicht so leicht, Sie ausfindig zu machen – danke, Frau Srp, bitte jetzt eine halbe Stunde keine Anrufe – ja also, liebe Frau Sauerzopf, Sie werden ja schon neugierig sein, wieso wir Sie gebeten haben zu kommen. Kennen Sie eine Familie Ruggenthaler – eventuell aus der Verwandtschaft Ihres verstorbenen Gatten?“

Frau Sauerzopf schüttelte langsam den Kopf: „Nein, könnt ich wirklich nicht sagen – ich denk eh schon seit gestern nach, aber es fallt mir nix ein. Von meine Leut’ sicher nicht, aber mein Seliger war ein uneheliches Kind – die Mutter war eine Fabriksarbeiterin aus Teesdorf – und in der Nachkriegszeit hat man wohl andere Sorgen g’habt als die Ahnenforschung.“ Sie hob ratlos die Schultern.

„Tun S’Ihnen nicht plagen, liebe Frau Sauerzopf, ich kann ein bisserl nachhelfen – also der Erblasser, ein gewisser Karl Ruggenthaler, ist in der Schweiz verstorben, voriges Jahr – er war aber ein gebürtiger Österreicher, besser gesagt, ein Alt-Österreicher – aus Czernowitz in der damaligen Tschechoslowakei. Aber seine Leut’ sind seinerzeit aus Salzburg nach Czernowitz ausg’wandert – eine richtige Odyssee, nicht wahr? Ja, und besagter Karl ist im Tessin in der Schweiz Konditor gewesen, offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann, und als Witwer kinderlos verstorben – auch von seiner Gattin waren keine Angehörigen auffindbar – also hat man begonnen, die Familie des Erblassers auszuforschen. Kurzum, ein Onkel vom Karl Ruggenthaler, ein gewisser Eugen Navratil aus Pressburg, gewesener Mittelschullehrer, soll der Vater Ihres seligen Gatten gewesen sein.“

„WartenS’“, sagte Frau Sauerzopf sinnend, „ich glaub, ich erinner mich jetzt, dass mein Anton einmal erzählt hat, dass er als Schulbub auf einem Bauernhof im Mährischen auf Erholung war – er hat ein paar Wort’ Tschechisch können – aber das war ja damals nix Seltenes. Dass ich 40 Jahr’ mit an Böhm’ verheirat’ war, ohne dass ich’s g’wusst hab.“ Sie kicherte vor sich hin.

Dann gab sie sich einen Ruck und fragte den Anwalt: „Aber jetzt sagen S’mir doch endlich, warum ich da bin – wollenS’bloß eine Auskunft oder soll ich was erben?“ Obwohl sie mit resoluter Stimme sprach, klang etwas Unsicheres mit – schließlich ist es ja keine Kleinigkeit, nach einem bescheidenen Leben auf einmal mit einer eventuellen Erbschaft aus der reichen Schweiz konfrontiert zu sein.

„Sitzen S’gut, liebe Frau Sauerzopf?“, fragte der Advokat lächelnd „es ist zwar fast kein Geld da, aber – wenn die Formalitäten abgeschlossen sind, ich brauch noch ein paar Unterlagen und von Ihnen die Papiere des verstorbenen Gatten, Sie werden ja alles aufgehoben haben, nicht wahr, und wenn sich nicht noch ein anderer Erbberechtigter meldet – ja, also, dann könnten Sie ein Schloss erben!“

Frau Sauerzopf saß auf einmal stocksteif und kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet: „Was sagen S’da – ich soll ein Schloss erben – ich, die Frau von ein’ Hernalser Straßenbahner, soll eine Schlossbesitzerin sein?“ Sie drehte sich zur Seite und trank das vorhin abgelehnte Glas Güssinger in einem Zug aus. Ein paar Sekunden saß sie kopfschüttelnd stumm auf ihrem Sessel, schaute bald den geduldig wartenden Anwalt, bald ihre abgearbeiteten Hände an, bis sie wieder reden konnte: „Jetzt weiß ich nicht recht, was ich sagen soll – sowas kommt ja sonst nur im Film vor. Erst gestern hab ich einen neuen Vorzimmerteppich kauft – und morg’n brauchert ich vielleicht schon so neumodische Rollschuh’ für die endlos langen Gäng’ im Schloss. Also, wenn mein Seliger das noch erlebt hätt – der hätt schön g’schaut. Immer wollt er ein Häuserl hab’m am Stadtrand, aber es hat halt nie g’reicht für was Anständiges – und Schulden wollt’  er nicht machen. Und jetzt ein Schloss – aber sagn S’mir, Herr Doktor, wo wär denn das Schloss – in der Schweiz? Weil in mein’ Alter möchte ich nimmer ins Ausland übersiedeln, nein, das haltert ich nimmer aus, so ein alt’s Leut’ ganz allein in der Fremde! Da nutzt mir auch das schönste Schloss nichts!“

Der erfahrene Anwalt hatte taktvoll die Schockminute abgewartet und mit verständnisvollem Nicken den Ausbruch von Frau Sauerzopf begleitet: „Nein, nein, Frau Sauerzopf, da können S’beruhigt sein. Das Schloss liegt im südlichen Niederösterreich, also eine knappe Autostunde von Wien weg. Aber eigentlich ist es kein Schloss, sondern eine mittelalterliche Burg, aus dem 13. Jahrhundert – und für das Alter noch ganz passabel erhalten. Und ein paar Hinweise muss ich Ihnen schon noch geben, weil so unproblematisch ist so eine Erbschaft auch nicht!“ Er hob bedeutsam die rechte Hand mit dem abgewetzten Ehering, um seine mahnenden Worte zu unterstreichen: „Da ist immer wieder was zu reparieren und zu investieren, da sind Auflagen vom Denkmalamt und von der Gemeinde, und schließlich ist ja auch noch das Finanzamt da – gelln’S, Frau Sauerzopf, das sind schon rechte Haifisch’, diese Finanzer. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, ich hab Ihnen g’sagt, was voraussichtlich zu erwarten ist – und jetzt kommt’s zur entscheidenden Frage – nämlich, ob Sie überhaupt interessiert sind, das Erbe anzunehmen. Wie gesagt, es ist noch nichts endgültig spruchreif und entschieden, aber nach meiner Erfahrung schaut’s nicht mehr so aus, als ob sich noch was zu Ihren Ungunsten ändern könnt. Nein, nein, liebe Frau Sauerzopf, Sie brauchen jetzt noch gar nichts sagen. Ich würd Ihnen raten, Sie schlafen ein paarmal drüber, und was das Wichtigste ist – die Frau Srp hat Ihnen da im Kuvert die Adress’ und einen Lageplan hergerichtet, mit einem alten Foto, und wie Sie mit dem Autobus hinkommen. Schaun S’Ihnen die Sache einmal an, sozusagen unverbindlich und ohne dass wer davon weiß. Wenn jemand fragt, können S’ja sagen, dass die Burg nach dem 2. Weltkrieg ein Ferienlager war – das hab ich im Ort von einer alten Bäuerin g’hört – und dass S’als jung’s Mädel zwei Wochen dort war’n und neugierig sind, wie’s jetzt ausschaut. Da nehmen S’Ihnen meine Karte mit – bitte immer bei sich tragen, Sie können mich jederzeit anrufen, ich hab die Büronummer auch am Handy. Also auf Wiedersehen, Frau Sauerzopf – und rufen S’mich in ein paar Tag’ wieder an, wenn Sie einen ersten Eindruck haben! Und vorm Zurückfahren sollten S’unbedingt beim Grabner schräg vis-à-vis von der Autobushaltestelle auf einen Kaffee reinschaun“ – der Anwalt hob wieder die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formend, und schnalzte leise mit der Zunge „das ist die beste Konditorei auf 40 Kilometer Umkreis!“

Frau Sauerzopf erhob sich, noch etwas benommen von der Neuigkeit (man kann schließlich auch einen Koffer voll Geld mitten auf den Schädel bekommen) und von den vielen gutgemeinten Ratschlägen des freundlichen Advokaten. Sie lebte ja schon seit Jahren allein und war so viel konzentrierte Aufmerksamkeit nicht mehr gewohnt. „Ja, da weiß ich gar nicht, was ich tun soll, Herr Doktor, es ist alles viel auf einmal – ich werd wirklich ein paar Täg’ brauchen, bis ich das begreif. Und danke für die freundliche Beratung – hätt nie geglaubt, dass mir einmal ein Rechtsanwalt sympathisch sein könnt‘!“

Mit diesem zweischneidigen Kompliment gab sie dem Advokaten die Hand und wollte schon die Kanzlei verlassen, als ihr noch etwas einfiel: “T’schuldigen S’, Herr Doktor, Sie haben da so eine kurze Bemerkung g’macht, es ist fast kein Geld da – können S’nicht einmal ungefähr sagen, was das sein könnt?“

Herr DDr. Vlcek drehte sich – schon im Ledersessel vor dem Schreibtisch sitzend – mit Schwung um und sagte, dabei die auf den Lehnen liegende Hände nach oben öffnend: „Das ist noch nicht zu sagen, liebe Frau Sauerzopf, das Bankguthaben ist nicht hoch – und es können noch immer offene Verbindlichkeiten auftauchen – ich möchte Ihnen da wirklich keine Illusionen machen – wär momentan unseriös. Und die Gerichtsspesen und Schweizer Anwaltskosten sind auch noch nicht abgerechnet – ja, also rechnen S’lieber mit sehr wenig bis gar nichts – da können S’nur angenehm enttäuscht werden.“

Das Telefon läutete, und während Herr DDr. Vlcek abhob, wurde Frau Sauerzopf von der Sekretärin, Frau Srp, hinausgeleitet. Ein guter Vorzimmerdrache hat Augen und Ohren überall und tut selbständig und unauffällig seine Pflicht.

So war das nun – Frau Sauerzopf trat aus dem düsteren Treppenhaus in den sonnig-warmen Vormittag und blieb blinzelnd und ratlos auf dem Gehsteig stehen. Nach so einem Ereignis kann man nicht einfach nach Hause gehen und Fensterputzen oder Staubsaugen, als ob nichts geschehen wäre! Nein, dieser Tag war ein besonderer und sollte auch so durchlebt werden. Sie beschloss also – es war so angenehm im Freien – mit dem D-Wagen weiterzufahren bis Nussdorf und sich dort den seit dem Tod des Gatten nicht mehr gemachten Spaziergang zu gönnen: vom Nussdorfer Platzl in die Hackhofergasse, an den Spitzbuben und dem nunmehr geschlossenen Heurigen Stift Schotten vorbei – ewig schade, dieser weiträumige Garten mit den großen Bäumen, und den besten Krautstrudel von ganz Wien gab es dort – links hinauf in die Nussberggasse und deren Verlängerung, den Dennweg, weiter bis zur Kahlenbergerstraße. Dort war das dem Heiligen Severin geweihte Wegkreuz die natürliche Wende, um nunmehr genüsslich langsam mit dem schönen Ausblick auf Wien und die Donau bergab zu schlendern, im Mai ein paar Stammerln Flieder von einem Gartenzaun oder im Juni vor dem Schweizerhäusl – einer alpenländisch gebauten Villa am Weg – eine der fantastisch duftenden weißrosa Rosen zu stibitzen und ein gutes Wort zu reden, fernab von der häuslichen Enge, ohne Druck und Hast. An die 20 Jahre lang war das der wöchentliche Lieblingsspaziergang ihres seligen Anton gewesen – und mit ihm wollte sie nun stille Zwiesprache halten – genau das wollte sie jetzt tun, dort war sie ungestört. Es gibt für jeden Menschen wenigstens einen Platz, wo die Seele Raum zum Atmen hat, wo man Sorgen und Beruf und planendes Denken ablegt, wo man ganz einfach Mensch sein will und darf, wo man Herzbewegendes sagen und Gefühle empfangen kann wie sonst nirgendwo. Für sie war das am Nussberg in Wien. So fuhr Frau Sauerzopf im D-Wagen gemächlich an der Glasfassade der Wirtschafts-Uni in der Augasse vorbei, die Heiligenstädter Straße stadtauswärts – beim Karl-Marx-Hof gedachte sie seufzend der Steffi, einer jung verstorbenen Schulfreundin, die zuletzt dort gewohnt hatte – und schließlich stieg sie am Nussdorfer Platz aus. Es war alles wie gewohnt, als ob die Zeit stillgestanden sei, nur, dass ihr geliebter Mann nicht mehr an ihrer Seite war. „Toni, was sagst – jetzt wär’n wir auf einmal Schlossbesitzer – so was Verruckt’s – jahrzehntelang hätt’st so gern ein Schrebergartenhäuserl g’habt – grad ein paar Obstbäum’ und Rosenstöck’ und ein Fleckerl Wies’n für einen Sitzplatz zum Jausenkaffee oder zum Grillen am Abend – nicht und nicht hat’s g’reicht zu so was – und jetzt das!“

Ja, wie redet man mit einem verstorbenen lieben Menschen – Frau Sauerzopf hatte eine Mischung aus abwechselndem Denken und Murmeln entwickelt, was nicht sonderlich auffiel, wenn niemand in unmittelbarer Nähe war. Sie bog um die mit abbröckelndem Putz und Efeu bedeckte Ziegelmauer des ehemaligen Schotten-Heurigen – „Zwettler Hof, erbaut 1730“ stand auf einer Tafel neben dem Tor – in die Nussberggasse hinauf, welche tatsächlich eine schmale Allee von Nussbäumen war. Im September hatte sie mit ihrem Anton gerne ein paar abgefallene Nüsse zusammengeklaubt, um diesen wohlfeilen Schatz, ausgelöst und kleingehackt, in den nächsten handgezogenen Apfelstrudel zu mischen – ihr Strudel war im Freundeskreis berühmt und begehrt. Auch das kam ihr jetzt in den Sinn, als sie nach ein paar entgegenkommenden Passanten wieder in ihrem einsamen Zwiegespräch fortfuhr: „Ist ja kaum noch wer da, für den ich was bachen könnt – die Charwats sind schon im Altersheim, die Frau Göd vom 3. Stock ham s’vor vier Wochen eingrab’n, und unser Bua kommt höchstens alle zwei Jahr einmal auf Besuch – meiner Seel, ich verlern ja noch ’s Kochen und ’s Reden. Schön wär’s schon, stell dir vor, ich könnt in der Früh in ein’ großen Himmelbett aufwachen, die Sonn’ scheint ins Schlafzimmer, was so groß ist wie mei’ ganze Wohnung, und dann tät ich durch die Verandatür auf die Terrasse mit den Oleanderkübeln gehn und in Schlosspark rausschaun, wo alles so frisch und grün ist und nach Blumen und Gras riecht. Und dann kommt die Wirtschafterin und fragt mich, ob ich draußen frühstücken will, wo die Vogerl singen und wo kein Autolärm und kein Auspuffg’stank is! Da müsst ich mir halt so einen schönen wärmeren Schlafrock kaufen aus dem ganz dicken Frottee – aber nein, Frottee ist ein Armeleut’stoff, es g’hörert einer aus g’fütterter Seide, so ein lichter mit große Blumen drauf!“

Frau Sauerzopf verlor sich in schwärmerischen Gedanken und spann diese behagliche Vision mit Genuss weiter, bis ihr wieder etwas dem Toni Mitteilenswertes einfiel: „Ja freilich, da müsst’n auch ein paar Zimmern herg’richt werdn für unsern Buam und seine ganze Familie – da täten s’gern alle Jahr drei Wochen auf Urlaub kommen – das wär eine Freud und ein Leben in den alten Mauern, und die Zwilling’ könnten die ganzen Ferien bei mir bleiben und Ritter spiel’n und auf d’Nacht im Kamin ein Feuer machen, da lernetens’wenigstens wieder ein g’scheit‘s Deutsch und würden von ihren Schulkameraden beneidet. Allein wär ich da bestimmt nimmer so viel, da hätt ich Besuch, so oft ich wollt’ – aber da brauchert ich natürlich wen, der die ganze Arbeit macht – was hat der DDr. Vlcek g’sagt, ich soll mit kein’ Geld rechnen – ja wie soll man denn ein Schloss – oder in Gott’s Nam’ eine mittelalterliche Burg erhalten ohne Geld – mit meiner Rent’n komm ich zwar selber ganz gut aus, was brauch ich denn schon, aber für eine Burg brauchert ich ja mindestens zehnmal so viel, oder?“ Frau Sauerzopfs vordem euphorische Stimmung fiel zusammen wie ein Germteig im kalten Zug – und zunehmend kamen ihr höchst beunruhigende Gedanken: „Ja, und überhaupt, wer tät’ sich denn um alles kümmern – ich bin schon fast siebz’g, und so ein Schloss ist doch riesengroß – da müsst ich ja eine Hausbesorgerin und eine Putzfrau fürs Grobe und noch eine Wirtschafterin anstell’n, und die Hausverwaltung mit die Reparaturen und die Behörden – wer machert das nachher? Ich kann doch net alles selber machen – und außerdem – bin ich deppert, dass ich mir so ein’ Binkel Arbeit und Sorgen antu in mein’ Alter – da leb ich ja in Hernals in meiner Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung viel besser! Toni, was soll ich da machen, ich weiß mir nimmer ein und aus? Was hast immer g’sagt, wenn ich nervös war – ich soll erst einmal bis zehne zähl’n und dann nachdenken, was hintereinander g’macht g’hört – die Übersicht ist das Wichtigste, die Arbeit rennt dann ganz allein. Also gut, eins, zwei, drei, .... achte, neune, zehne – so, also was ist es Wichtigste – Toni, natürlich, vor lauter Luftschlösser bau’n“, hier musste Frau Sauerzopf nun wirklich lachen, „es ist ja gar kein Luftschloss – die Burg steht ja schon seit ein paar hundert Jahr’, hat der DDr. Vlcek g’sagt – also jetzt hab ich’s wieder – ich hab ja noch gar nicht ins Kuvert g’schaut – da ist eh gleich ein Bankerl – vis-à-vis vom Friedhof, das passt grad – jetzt schau ich mir’s einmal an, mein Luftschloss, hihi!“

Und genau das tat sie auch – kramte aus der Handtasche das alte Foto heraus, welches Frau Srp vorsorglich hergerichtet hatte: „Jö, ist das was Romantisches – wie im Film, so eine schöne Burg mitten im Wald auf an klein Kuvert Mugl, mit einer Schlosskapell’n und einer Fahne drauf – ich werd narrisch – so was gibt’s doch net. Toni, das muss ich mir anschaun – wo ist denn das Blatt’l mit’n Autobusfahrplan – wart, da brauch ich die Aug’ngläser, das ist so klein’druckt – also, wo sind die Abfahrtszeiten – da hammas – was ist denn heut – Donnerstag – aha, Montag bis Freitag um 7:30, 10, 12:30 und 17 Uhr – wie spät ist’s denn eigentlich – elfe, da könnt ich noch zum Mittagsbus z’rechtkommen, aber wann geht der z’ruck, und wie lang fahr ich denn da – aha, Ankunft 14:20 – und der nächste nach Wien geht um 16:30 – nein, nein, das wurd’ eine Hudlerei, das mag ich net. Für so was Wichtiges muss Zeit sein, da g’hört es sich vorbereitet und anständig anzog’n, Schirm hab ich auch kein’ mit – und überhaupt, mei’ selige Mutter hat immer g’sagt, früher derwart’ man sich was als dass man sich’s derrennt. Hihi, ein Schloss hätt ich mir mein Lebtag nie derrennt – aber derwart’ hab ich eins! Also, Toni, morg’n geh ich’s an, da schau ich mir’s an, unser Schloss! Muss ich halt z’Mittag wo essen gehn, das muss drin sein, hoffentlich halt es Wetter, g’sagt haben’s es im Fernsehen.“

Mit den letzten Worten erhob sich Frau Sauerzopf – und obwohl der Zweck erreicht war – sie hatte mit ihrem Anton gesprochen und wieder einen klaren Kopf – lenkte sie automatisch ihre Schritte weiter bergan in den Dennweg, wo sie träumerisch links die Häuser – aha, da war auf dem jahrelang verwilderten Grundstück gerade ein Rohbau hingestellt worden, aber viel zu groß für das schneuztüchelkleine Grundstück, dünkte es ihr – und rechts die Weingärten betrachtete, bis sie oben an der Kahlenbergerstraße war und wie gewohnt das Severin-Marterl umrundete zum Abstieg.

Robert Müller
Romanauszug aus "Adele Sauerzopf erbt ein Schloss" - in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20064

Aufgeb’m tuat ma an Briaf

Es kummt wohl für jed’n – einmal so a Zeit
Wo einfach nix glatt geht – und di nix mehr g’freut
Z‘erst strampelst und denkst dir – des kann’s ja net sei
Machst halt einmal Pause – und steigst wieder ei

Aber’s geht net, aber’s geht net – es hat ja kein Sinn
Da kannst di am Kopf stell’n – jetzt streikt die Maschin

Da fahrst auf der Autobahn – und bist no guat drauf
Und dann drängen s’ und blinken s’ – und fahr’n dir fast auf
Bis’s vorn wo an Crash gibt – und die Geg’nfahrbahn gafft
Und dei Tank ist bald leer und – im Handy kein’ Saft

Warum geht nix, warum geht nix – was is da vorn g’schehgn
Du hast seit aner Stund
– ka Bewegung mehr g’sehgn

Du baust an dein’ Häusl – am Samstag in Ruah
Da geht der Zement aus – und der Baumarkt hat zua
Jetzt denkst dir, beim Nachbarn – da burgst dir an aus
Aber der ist beim Heurig’n – und es ist niemand z’haus

Jetzt geht nix mehr, und du hast – an hilflos’n Zurn
Du kannst nimmer weiter – und der Tag ist verdurb
m

Es geht wohl bei jed’n – amal etwas schief
Damit dir was einfallt – denk alternativ
Oder drah die G’schicht um – weil des warat ja g’lacht
Und von dera Seit’n – hast es eh noch nie g’macht

Und auf einmal geht alles – du bist wieder guat drauf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf

Robert Müller

Dieser Text ist auch als Song zu hören, vertont und gesungen von Jimmy Schlager.

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 19110

Totes Meerschweinchen

Zeichnung von Norbert-Christoph Schröckenfuchs

Zeichnung von Norbert-Christoph Schröckenfuchs

Mein Meerschweinchen ist tot – ich kann es gar nicht fassen
Hier liegt es steif und kalt – ich fühl mich so verlassen
Nichts Pelzig-Warmes mehr – um es ans Herz zu drücken
Bracht‘ ich dir Löwenzahn – du quiektest vor Entzücken
Ich werd‘ dein Gartengrab – mit Wiesenblumen schmücken

Warst immer für mich da – du wecktest mich am Morgen
Hast meine Freud erlebt – und meine kleinen Sorgen
Ich war noch Windelkind – als du zu mir gekommen
Sechs Jahre kurzes Glück – schon wirst du mir genommen

Die Mama sagt, ich muss – jetzt endlich etwas essen
Adieu, mein kleiner Freund – ich werd‘ dich nie vergessen
Adieu, mein kleiner Freund – du liebes, braves Schwein
Ich werd‘ nie mehr so un – beschwert wie früher sein

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19092