Kategorie-Archiv: Robert Müller

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Handgreifliches

Max (Name frei erfunden) arbeitete in einer großen Firmenzentrale, die in einem alten, dreistöckigen Haus mit langen Korridoren untergebracht war. Eines Tages traf er am Gang hinter einer verglasten Pendeltüre seinen Abteilungsleiter und wechselte einige Worte mit ihm. Nach der Abschiedsfloskel griff er – noch dem Chef zugewandt, hinter sich an den Türknopf, um seinem Boss die Türe aufzuziehen.

Aber inzwischen hatte – von ihm unbemerkt – eine junge Sekretärin hinter ihm bereits die Türe zu sich gezogen, um durchzugehen, und so ging sein tastender Griff nach dem Türknopf mitten hinein ins „volle Menschenleben“, nämlich ins üppige, hochsommerliche Dekolleté der knapp eineinhalb Meter „großen“ Kollegin.

Max drehte sich erschrocken um – was war denn das? Um Gottes willen – er hatte da, ohne hinzusehen und daher ohne „böse“ Absicht – eine Frau unsittlich berührt, ja geradezu unverschämt angefasst. Mit rotem Kopf konnte er nur mehr stottern: „Bitte, entschuldigen Sie vielmals – ich, ich habe Sie wirklich nicht gesehen! Das ist mir noch nie passiert – was müssen Sie jetzt von mir denken? Und das muss ja furchtbar unangenehm für Sie gewesen sein!“

Da antwortete das unverdorbene Naturkind mit himmelblauem Augenaufschlag: „Nicht so schlimm, unangenehm ist’s ja nur, wenn der Falsche hingreift.“ Der Abteilungsleiter lachte „Hands im Strafraum, das gibt Elfmeter!“ und ging seiner Wege, während Max sich erst einmal fassen musste. Er schluckte und sagte verlegen „Danke, Frau Kollegin, sehr freundlich von Ihnen“, und eilte in sein Büro zurück. Wo er den restlichen Nachmittag einen unkonzentrierten und tagträumenden Eindruck hinterließ.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22023

Verdächtige Überstunden

Max war ein fleißiger Mann und hatte dazu auch allen Grund: Als Alleinverdiener (die Gattin war mit dem Baby in Karenz) musste er für die ansehnliche Miete der neuen, größeren Wohnung und den Kredit für die Einrichtung aufkommen. Gott sei Dank war in der Firma – er arbeitete in einem großen Rechenzentrum – viel los und es fielen oft Überstunden an. Seit einem Jahr war er für den großen Einzelblatt-Laserdrucker verantwortlich, der pro Sekunde zwei Seiten DIN-A4 ausspuckte und somit technisch anspruchsvoll war. Die überschüssige Druckkapazität konnte Max am Markt frei verkaufen, wovon große Werbefirmen gerne Gebrauch machten.

Heute war endlich das Papier für einen dringenden Großauftrag angeliefert worden, und Max schlug verzweifelt die Hände zusammen: Nicht nur dass die Papierbögen einen Zentimeter zu lang waren, sie hatten vorgabewidrig auch noch eine glatte, glänzende Oberfläche – ein Papier also, das der Drucker in den vorgegebenen Sekunden-Bruchteilen nicht einziehen konnte, weil die schmale Gummirolle immer wieder „ausrutschte“ und daher die automatische Meldung „Papierstau“ mit Stillstand der Maschine auslöste. Die Überlänge wiederum bewirkte, dass der bedruckte Papierbogen am Ablagekorb anstieß und nicht sofort glatt hinunterfiel, was ebenfalls Papierstau verursachte.

Aber wie auch immer – der dringende Auftrag musste gedruckt werden, egal wie, denn der Kunde war eine namhafte Werbeagentur. Diese Aufgabe zu bewältigen, würde gute Nachrede, ein (wenn auch schuldloses) Versagen aber Ärger bringen. Also was tun? Der Techniker der Herstellerfirma entfernte zwecks breiteren Durchlasses ein Leitblech aus der Maschine, und Max programmierte den Drucker um, sodass die fertigen Blätter nicht in den Ablagekorb, sondern aus dem Probedruck-Schlitz herausfielen. Gut, die Überlänge war zu handeln, aber was tun mit dem rutschenden Einzug?

Womit könnte man wohl die weiche Einzugsrolle überziehen, damit das glatte Papier transportiert würde? Ein Test mit dem genoppten Überzug eines Tischtennisschlägers (vom Aufenthaltsraum) fiel negativ aus, das Gewebe war zu hart. Es müsste ein sehr schmiegsames, gummiartiges Material sein – wo bekam man sowas in der Eile her? Ein älterer Kollege hatte die Idee: „Warum nicht ein Kondom? Das wäre elastisch genug!“ Max sauste schon in die nächste Drogerie und besorgte zwei Sorten, einmal „naturfeucht“ und einmal „Reizpräservativ mit Noppen“. Was soll’s, der Zweck heiligt wohl das Mittel.

Das Kondom mit Relief ließ sich schlecht überziehen und schied somit aus, die „naturfeuchte“ Alternative zog wohl zufriedenstellend die glatten Blätter ein, aber nach ein paar Sekunden war das Material erstens trocken und zweitens von der Rolle „gewuzelt“. Wieder nichts, also was nun? Schade, die „naturfeuchte“ Schutzhülle war anfangs so vielversprechend. Halt, wäre das die Lösung – „naturfeucht“??? Max schnitt den Überzug herunter und hielt einen feuchten Lappen von oben an die Gummi-Einzugsrolle, der Kollege startete die Maschine und der Drucker lief wie ein Uhrwerk! Max stellte einen Wassernapf und zwei Lappen bereit, damit der Feuchtigkeitsspender immer blitzartig gewechselt werden konnte, der Kollege am Ausgabefach ließ die gedruckten Blätter in eine davorgehaltene große Schachtel fallen, und mit dieser „händischen“ Zusatzleistung war um zwei Uhr früh der Auftrag abgearbeitet.

Müde und steif von dieser stundenlangen verrenkten Körperhaltung kam Max mit dem Taxi nach Hause, zog Schuhe und Rock aus und schenkte sich in der Küche ein Glas Bier ein – das brauchte er jetzt. Es war drei Uhr früh, Frau und Kind schliefen schon lange. Aber als er gerade das Küchenlicht abdrehen wollte, um ins Schlafzimmer zu gehen, fiel ihm die ausgebeulte Außentasche seines Sakkos auf. Um Gottes willen, da waren ja noch die zwei angebrochenen Kondomschachteln drin! Also wenn morgens die Frau wie gewohnt zuerst aufgestanden und den Kaffee hingestellt hätte, wäre ihr das sicher aufgefallen, und sie wäre der Sache auf den Grund gegangen! Am Telefon spätabends zu erzählen, dass ein dringender Auftrag Überstunden erfordert hätte, und dann mit diesen „Beweisstücken“ – zwei aufgerissene Kondompackungen, einmal sogar „Reizpräservativ mit Noppen“ – um drei Uhr nach Hause zu kommen!!! Also das hätte auch die naivste Ehegattin nicht geglaubt. Rasch nahm er die verräterischen Packungen heraus und warf sie durch das Küchenfenster in die Büsche vor dem Haus.

Vier Stunden später hörte er beim Frühstück am offenen Fenster die unter ihm wohnende Hausbesorgerin schimpfen, welcher „Schweinigel“ da seine unappetitlichen Hilfsmittel weggeworfen hätte. Und der Chef der Werbeagentur bedankte sich vormittags bei der Abholung des Auftrags persönlich mit einem generösen „Schmattes“ bei Max, weil er den heiklen Auftrag pünktlich geschafft hatte. Ja, es ist eben nicht immer alles so, wie es scheint.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 22011

Leseratten für Leseratten

Gebrauchsanweisung für „Leseratten“ in der Volksschule:

Der Autor als „Lesepate“ an einer Wiener und einer Volksschule in NÖ zu seinen Schulkindern:

Leseratten (siehe Foto) sind sehr neugierige Tiere – sie wollen nicht wochenlang zwischen denselben Seiten liegen, sondern immer etwas Neues kennenlernen – das solltet ihr auch!! Lasst euch nie eure Neugier nehmen oder schlechtmachen! Nur solange ihr neugierig seid, etwas Neues kennenlernen wollt, lernt ihr etwas dazu.
Nur Menschen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen immer erweitern, erleben interessante neue Gebiete und können überall mitreden. Darum sollten Leseratten jeden Tag wenigstens zwei Seiten „Nahrung“ zu sich zu nehmen dürfen.

Jeder sollte mindestens eine Leseratte zu Hause haben!!!

Leseratten für Leseratten

Leseratten für Leseratten

Robert Müller
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21134

Lesen, ein Fenster in die Welt hinaus

„Die Sprache macht den Menschen – die Herkunft macht es nicht“, meinte im Film „My Fair Lady“ der erfolgreiche Sprachforscher Professor Higgins.

Ja, die Sprache formt den Menschen, und erst mit der Sprache kann er Bildung erwerben. Wobei die Sprache bereits Teil der Bildung ist. Und wie ein Mensch ist, weiß man erst, wenn man mit ihm gesprochen hat. Man wird eingeschätzt, wie man sich neben Erscheinung und Benehmen auch sprachlich gibt. Das Kind lernt von Eltern und Umgebung, sich auszudrücken und zu verstehen, was von ihm erwartet wird. Das genügt vorerst zum täglichen Gebrauch. Später wird verlangt (und auch vom Kind selbst gewollt), mehr von der Welt der Erwachsenen zu verstehen, auch seltener verwendete Wörter richtig zu interpretieren. Dafür sind die Gespräche der Erwachsenen untereinander so wichtig, bei denen die Kinder zuhören und mitlernen („Papa, was ist ein …?“). Hand in Hand geht damit auch das Erlernen und Anwenden des „kleinen Einmal eins“, der Umgang mit kleineren Zahlen fürs tägliche Leben. Spätestens mit der Schulreife wird ja das (eigene Taschen-)Geld sehr wichtig.

Lesen in der Praxis:

Ohne Lesefähigkeit könnte man in unserer westeuropäischen Welt kaum überleben: Nicht nur, dass Lesenkönnen selbstverständliche Voraussetzung für jede Arbeitsstelle ist; man könnte heute nicht einmal mehr den Einkauf für das tägliche Leben bewältigen. Bei Tiefkühlpackungen ist noch abgebildet, was enthalten ist, aber schon bei den vielen Molkerei- und Fertigprodukten weiß man, ohne Lesen zu können, wirklich nicht mehr, was drin ist. Wobei es uns oft – meinen Zyniker – bei den vielen Farb-, Geschmacks- und Haltbarkeitszusätzen aus den chemischen Labors manchmal den Appetit verderben würde, wenn man das alles lesen und verstehen könnte. Und natürlich ist zum Erlernen einer Fremdsprache die Grundvoraussetzung, lesen zu können. So hatte zum Beispiel in Dänemark eine englische Touristin das Pech, immer wieder „sauer gewordene“ Milch zu erwischen, wenn sie ihrem Kind einen Kakao machen wollte. Erst nach späterer Rückfrage bei ihrer Zimmerwirtin klärte sich auf, dass sie die grüne Packung, in der Sauermilch war, für Frischmilch („grün = frisch?“) gehalten hatte.

Einer der Gründe, warum die jungen Menschen von heute ihre Sprache nur mehr rudimentär gebrauchen können (beherrschen wäre hier wohl das falsche Wort) ist der Umstand, dass ihr Sprachschatz eher klein geblieben ist – und damit auch ihr Sprachverständnis und die Orthographiekenntnisse. Warum? Weil sie viel zu wenig gelesen haben. Denn je mehr man liest (gute Literatur natürlich), desto mehr Wörter lernt man kennen – und damit auch deren Schreibweise und Bedeutung. Ganz ohne Schule!!! Hier eignen sich die oft als ebenso unmodern wie unnötig empfundenen „Klassiker“ wie Schiller, Goethe, Lessing und die deutschen „Romantiker“ sehr gut als Meister einer flüssigen, einprägsamen und eleganten Sprache. Und erst die Märchenbücher! Schon in der Volksschule sollte man hier ansetzen und auch der Lyrik ihren Platz einräumen – schließlich gehen Gedicht und Phantasie Hand in Hand.

Lyrik merkt man sich nämlich sehr gut, Übung macht auch hier den Meister – es muss ja nicht gerade Schillers „Glocke“ sein, die man früher so manchem unwilligen Schüler als Strafarbeit zum Auswendiglernen zugemutet hatte. Und wer in der Schule die bei uns ehedem üblichen Lieder (zum Beispiel: „Wenn alle Brünnlein fließen“, „In die Berg bin i gern“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“ usw.) gelernt und gesungen hat, wird diese Texte (und deren Aussagen und Stimmungen) bis ins hohe Alter behalten.

Lese-Erfahrungen des Autors

Meine Mutter hat mich, seit ich laufen konnte, immer zum Einkaufen auf den Hannover-Markt in Wien-Brigittenau mitgenommen. Ich bin gerne dabei gewesen, weil es dort so viel zu sehen und zu riechen gab. Da waren das Fischgeschäft, der Kaffeeröster und der Sauerkräutler, und die vielen Obst- und Gemüsestandeln, wo es je nach Jahreszeit nach Erdbeeren, Pfirsichen, Äpfeln, Kohl oder Zwiebeln und Sellerie geduftet hat. Und natürlich auch nach Wurst, Selchfleisch und warmem Leberkäse beim Fleischhauer.

Aber eines hat mir immer gefehlt: Auf den Firmenschildern oben an den Kiosken waren Schriften in verschiedener Art und Farbe angebracht, die mich interessierten, welche ich aber nicht lesen/verstehen konnte. Oft und oft habe ich meine Mutter gefragt, welche Bedeutung denn diese Schilder hätten, aber sie hat mich immer auf die demnächst zu besuchende Schule vertröstet, und dass da nur der Name und Beruf der Geschäftsleute stünden. Nach zwei Klassen Volksschule stand endlich auch mir die Welt der (Druck-)Schrift offen – und einige der damaligen Kioskschilder sind mir ob der altmodischen Bezeichnungen bis heute in Erinnerung, wie zum Beispiel „Agrumen, Kolonialwaren, Grünwaren, Südfrüchte, Landesprodukte“ etc. Und etliche Namen der Händler spiegelten damals noch die Länder der K.- u.-k.-Monarchie wider.

Ich habe in meiner Nachkriegskindheit und -jugend, wo es die elektronische „Zerstreuung und passive Unterhaltung“, also den „Konsum“ geistloser Spiele, Shows und Werbung nicht gegeben hat, immer gerne und viel gelesen. Während meines „Seniorenstudiums“ habe ich besonders gerne halbe Tage in der National- und der Universitätsbibliothek verbracht. Einen Tisch, eine Leselampe und die ganze Welt der Bücher für sich zu haben, das hat schon was. Und rund um einen nur Ruhe und Menschen mit gutem Benehmen, welche diese geistvolle Umgebung ebenfalls schätzen. Man konnte förmlich hineinfallen in die Welt der Bücher. Ein angenehmer Nebeneffekt war auch, dass die Lesesäle der Nationalbibliothek und die der katholischen Fakultät unterirdisch angelegt, also in den heißen Sommern wohltuend kühl temperiert waren.

Warum Lesen?

Lesen ist nicht nur wichtig: Lesen ist schön, herrlich, interessant, phantastisch, ein Quell der Freude, ein angenehmer Zeitvertreib, ein gutes Werkzeug, ein Schlüssel zu vielen Türen, ein Fenster in fremde Welten, eine angenehme Art der Bildung, ein Zeichen von Würde und Menschlichkeit, ein Weg zum guten Leben und eine persönliche Stütze, wenn’s nicht so gut läuft. Oh ja, es gibt Bücher, die froh machen, Bücher, die Trost spenden, Bücher, die das Wissen erweitern und anregen u. v. m. Natürlich nur dann, wenn man sie auch liest! Und wenn sie „nur“ die trübsinnige Langeweile vertreiben, ist auch schon etwas gewonnen.

Wie schön, entspannend und gleichzeitig aufregend ist es doch, sich in einem schönen Wohnzimmer oder einer gut ausgestatteten Bibliothek mit einem dicken Buch in den Ohrenfauteuil zu setzen und beim Lesen die Zeit zu vergessen. Sich in die Geschichte hineinzuleben, die Gegend und Orte, die Personen der Handlung in der Phantasie auszumalen, ja zu erträumen, sich in die Gefühle und Denkmuster der Personen hineinzuversetzen, so quasi: „Was würde ich an deren Stelle tun“ oder so. Ein ganzer Nachmittag mit so einem Lese-Erlebnis ist ein Geschenk, ein die Phantasie bereicherndes und das Gefühl der Zufriedenheit hinterlassendes Abenteuer. Und ein erholsames Nervenbad obendrein. Der Autor hat einmal drei Wochen Spitalsaufenthalt mit Hilfe vieler schöner, interessanter Bücher sorglos und entspannt genossen. Endlich Zeit zum Lesen!

Sprachgefühl:

Wer viel (und sprachlich Gutes) liest, hat einen bedeutend größeren Wortschatz, kann sich „diplomatischer“ an verschiedene Gegebenheiten und Gesprächspartner anpassen und seine Ansichten und Wünsche besser, das heißt wirkungsvoller, präsentieren. Oder seine Verteidigung ohne Beleidigungen aufbauen, dem/den Anderen mit wirkungsvollen Argumenten und Einsichten eine bessere oder neue Sicht der Dinge ermöglichen. Und vor allem eine Prise Humor ins Gespräch einbauen, als immer willkommene Auflockerung im Dialog.

Gute Sprache ist auch ein Gleitmittel für ruppige Abläufe, ein Schlupfloch-Bohrer für ausweglose Situationen, ein Verbindungsseil zwischen auseinanderstrebenden Standpunkten, ein großer Pluspunkt bei Diskussionen und ein dicker Stein im Brett beim Kennenlernen/“Geneigt-machen“ des anderen Geschlechts, ein Türöffner und „Sympathisch-Macher“ beim noch unbekannten „Vis-à-vis“ u. v. a. An der Sprache seines Gegenübers erkennt/erfährt ein erfahrener, gebildeter Mensch auch viel über seinen Gesprächspartner, kann ihn besser einschätzen und mit ihm umgehen.

Was geschieht beim Lesen?

Ganz schön viel, und das nebeneinander, gleichzeitig, nacheinander und oft noch, nachdem man aufgehört hat zu lesen! So wie der Musiker beim Notenlesen den „chiffrierten“ Klang hört, sich im dafür vorgesehenen Teil des Gehirns die soeben „gelesenen“ Töne bilden, so wird das aus Buchstaben gebildete Wort, der ganze Satz, die Aussage im Gehirn als Bildfolge plastisch und färbig wahrgenommen – „Kino im Kopf“ nennt man es recht zutreffend. Lesen weckt – bei interessiertem Tun – sogar Gefühle im Menschen, er träumt, bekommt Sehnsucht, empfindet Hunger, Angst, Hass, liebevolle Gefühle, Wehmut, Einsamkeit, Hoffnung – die ganze Skala ist möglich. Konzentriertes Lesen kann blind und taub für die Umwelt machen, man hört nicht mehr, was im Raum los ist, was gesprochen wird, empfindet weder Hunger noch Müdigkeit, man ist gespannt, was weiter passiert, und nimmt intensiv Anteil daran, bis man „aufwacht“ wie aus einem Traum. Hoffentlich aus einem schönen.

Aber es ist auch „gedankenloses“ Lesen möglich und gebräuchlich; man sucht oft etwas Bestimmtes und überfliegt dann mehrere Seiten, ohne den Inhalt richtig wahrzunehmen, weil man auf eine ganz besondere „Botschaft“ programmiert ist. So zum Beispiel ein Jurist, der einen ganz bestimmten Paragraphen, ein uraltes oberstgerichtliches Urteil sucht o.Ä. Auch jagen besonders jüngere Leser in einem Buch nur der Handlung nach, ohne die Persönlichkeiten der Figuren, deren Umgebung und Ursachen für deren Handeln mitzunehmen. Ein älterer Leser nimmt auch die Zeit und Umgebung der Geschichte wahr, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Zusammenhänge und vieles andere.

Was auch bedacht werden sollte: Die „Rechtschreibung“, das rechte Schreiben also, lernt man ohne Mühe und wie von selbst durch das fleißige Lesen. Denn wenn man ein Wort zweihundertmal gelesen hat, dann weiß man ohne Regeln, wie das Wort zu schreiben ist. Auch das Gefühl für Satzzeichen entsteht beim Lesen (ein bibliophiler Freund von mir meint, überall dort, wo man beim Vorlesen Luft holt, gehört eines hin).

Wichtig und schön: Vorlesen

Bei Lesungen prominenter Autoren muss man sich schon rechtzeitig anmelden und Eintritt bezahlen, um den großen Schriftsteller original zu hören. Als Günter Grass aus seiner kompletten „Blechtrommel“ las, war das Theater tagelang ausverkauft.

Nicht nur Kinder lieben es, vorgelesen zu bekommen. Es war immer ein Festtag für Volksschulkinder und Lehrer/-innen, wenn vor den Ferien der Lesepate aus seinem großen Buch mit den schönen Bildern von der Mäusefamilie im Brombeerhag vorgelesen hat.

Vorlesen für Katzen:

Wissenschaftler in den USA fanden heraus, dass es Kindern mit Vorleseängsten und ähnlichen Problemen enorm helfen kann, wenn sie Katzen vorlesen. Dabei verspüren sie keinerlei Druck, und das macht das Lesen einfach und entspannt. Auch den Katzen bringt die Anwesenheit von Kindern im Tierheim viel. Dadurch, dass sie regelmäßig die menschliche Stimme in einem ruhigen, wohlwollenden Ton hören, lernen sie, dass von Menschen nicht zwangsläufig Gefahr ausgehen muss. Natürlich kommt auch das Kuscheln beim Lesen nicht zu kurz. Es gibt mittlerweile schon einige Tierheime, wo Volksschulkinder den dortigen Katzen vorlesen können.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 21123

 

 

Das Haarwuchsmittel

Ein modernes Märchen für Erwachsene

Herr Josef Glatz, 52, verwitweter Inhaber eines „Herren-Friseursalons“, hatte nach einem starken Samstagvormittag sein Lokal zugesperrt und sauber gemacht. Nun gedachte er, nach Mittagessen und Siesta, endlich das Hinterzimmer auszuräumen. Oft hatte er einen „Anlauf“ genommen, aber beim Anblick der unglaublich vielen großen und kleinen Flascherln aus Glas und Plastik, der Tiegel, Cremedosen und Zerstäuber aus dem vor drei Jahren aufgelassenen „Damensalon“ war er entmutigt davor zurückgeschreckt und kopfschüttelnd wieder hinausgegangen.

Vielleicht war es heute das zweite Achterl Veltliner zum Schnitzel, vielleicht der gut gemeinte Rat seines Schwagers Rudi, wieder „Ordnung“ in sein Leben zu bringen, die Erinnerung an seine Gattin und ihren Damensalon „loszulassen“. Also los! Mit zwei Kübeln, Kehrgerät und Staubtuch bewaffnet betrat er den muffig riechenden Raum, riss alle Fenster auf und ging ans Werk. Aber wohin mit diesen Shampoos, Haarpflege-Mitteln für trockenes, fettes, dünnes und gebleichtes Haar, den biologischen Säften, den Tönern, Färbemitteln und Entwicklern, all dieser flüssigen chemischen und „Natur“-Kosmetik? Das durfte man nicht in den Abfluss gießen! Aber die halbvollen Gläser und Plastikgebinde waren weder für den Restmüll noch Altglas-Container zugelassen. Deshalb schüttete er den Inhalt aller Gefäße in die beiden Plastik-Kübel, um diese dann montags am nächsten Mistplatz abzugeben.

Als er die fast vollen Eimer in die Ecke stellte, fiel ihm beim Bücken sein Kamm aus der Brusttasche in die schäumende braune Soße des einen Kübels. Beim raschen Griff danach spritzte ihm etwas davon auf den rechten Handrücken. Er spülte den Kamm ab, wusch sich die Hände und staubte die leeren Regale ab, bevor er für heute Schluss machte. Komisch – der betroffene Handrücken juckte leicht! Na ja, kein Wunder bei dieser Mischung. Herr Glatz (von bösen Freunden auch „Glatzen-Pepi“ genannt – er hatte tatsächlich nur mehr einen grauen Haarkranz um den Schädel) machte seinen Nachmittagsspaziergang, aß abends im Schanigarten eine „Saure Wurst“ zum Bier und ging nach dem Rapid-Match im TV schlafen.

Der Sonntag kam und ging ohne besondere Vorkommnisse; seinen noch immer leicht juckenden Handrücken cremte er mit dem Rest einer Cortison-Salbe ein, worauf das aufhörte. Und am Montagfrüh fuhr unser „Pepi“ die beiden Kübel zum Mistplatz. Man wies ihn an, das Gemisch in eine mit „Gefährlicher Sondermüll“ bezeichnete Tonne zu schütten – die Eimer musste er wieder mitnehmen. Aber als er sie – zwecks Reinigung – zu Hause zum Ausguss stellte, fiel ihm auf, dass sein rechter Handrücken mit einem feinen Flaum von dunklen Haaren bedeckt war! Verblüfft verglich er seine beiden Hände – der linke Handrücken war wie immer hell und glatt, der rechte schimmerte dünkler. Da gab es nur eine Erklärung: Das im Eimer mit dem braunen Inhalt (im anderen war eine erbsengelbe Mischung) musste ein zufällig entstandenes, wirksames Haarwuchsmittel sein!!

Herr Glatz fiel auf den nächsten Stuhl und atmete tief ein. Da hatte ihm der Zufall ein Wunder beschert – ihm war gelungen, worum sich die Wissenschaft seit langer Zeit bemühte – er hatte ein wirksames Haarwuchsmittel er-, nein ge-funden!!! Und siedend heiß fiel ihm ein, dass er dieses – ja, Wundermittel – vor einer halben Stunde als „Gefährlichen Sondermüll“ weggeschüttet hatte. Scheiße, warum hatte er nicht vorher auf seine Hände geschaut! Der Kübel wäre Millionen wert gewesen!! Aber zurückholen konnte er das nicht mehr – in der Tonne am Mistplatz waren doch viele andere giftige Stoffe wie Farben, Lösungsmittel und weiß Gott was alles enthalten, da war nichts mehr zu retten. Doch halt – im Kübel war ja noch ein Bodensatz. Dieser wertvolle Stoff musste sofort abgefüllt und aufbewahrt werden, dann wäre wohl noch ein zweiter Versuch am Platz! Sicher ist sicher!

Sorgfältig schabte er mit einer Teigspachtel die Reste aus dem Eimer über einen Trichter in einen leeren Bleikristall-Parfumflacon mit eingeschliffenem Stopfen, dann spülte er den Kübel mit wenig lauwarmen Wasser aus und goss die nunmehr wässrige Lösung in eine Halbliter-Vöslauer-Plastikflasche. „Haarexpress power“ schrieb er auf das Etikett vom Originalstoff, „Haarexpress light“ auf die Mineralwasser-Flasche. Um nicht versehentlich daraus zu trinken, malte er vorsichtshalber noch einen Totenkopf darauf, aber einen mit ein paar Borsten obenauf. Gut, und was wäre jetzt zu tun, um die Wirkung seines „Zauber-Elixiers“ nachhaltig zu testen?

Lange überlegte er hin und her, ob er eine „Testperson“ für dieses Experiment gewinnen sollte, kam aber dann zur Einsicht, dass ein Selbstversuch wohl verantwortungsvoller wäre! Schön. Aber auf welchem Körperteil? Am liebsten hätte er natürlich die volle Haarpracht seiner Jugend wieder am Kopf gehabt. Andererseits – seine Hände mussten doch bei der Arbeit gleich aussehen. Also die linke Hand mit ein paar Tropfen unverdünntem Stoff bestrichen, dann – wie vorgestern bei der rechten – nach fünfzehn Minuten lauwarm abwaschen. Gott sei Dank war bald darauf wieder ein leichtes Hautjucken zu spüren – die Lage war vielversprechend. Und wie beim „Erstfall“ bekämpfte unser Pepi erst am Dienstagmorgen den Juckreiz mit der gleichen Salbe. Vor dem Aufsperren seines Geschäftes reduzierte er noch den schon deutlicheren Haarwuchs am rechten Handrücken mit dem Rasierapparat.

Zwischen den wenigen Kunden dieses Dienstages hatte Herr Glatz Zeit, über die Verwendung seines „Wunderelixiers“ nachzudenken. Vor allem die begrenzte Menge machte ihm zu schaffen: Vom puren Saft war etwa nur 1/16 Liter vorhanden, und ob die „wässrige Lösung“ wirksam war, musste noch herausgefunden werden. An welcher Person wohl? Was konnte man dafür verlangen? Welchen Preis hat ein dermaßen begrenztes Monopol? Und vor allem – wenn das Mittel oder vielmehr dessen phantastische Wirkung nicht bekannt war, würde ja niemand viel Geld dafür bezahlen! Der Stoff musste – nach dem zweiten, positiven Test – bekannt werden!! Nur wie? Aber andererseits, wenn das Mittel bekannt wäre, würden wohl tausende Anfragen kommen – und er hatte nur die paar Tropfen im Bestand!! Also was tun??

Dr. Pöllgruber unterbrach als letzter Besucher diese Überlegungen. Der langjährige Kunde beklagte sich über seine immer größer werdende „Platte“ – man nenne ihn in seiner Redaktion schon öfter „Pröllgruber“, nach der ähnlichen „Frisur“ des ehemaligen niederösterreichischen Landeshauptmannes. So fragte er seinen Friseur, was dieser vom derzeit propagierten koffeinhaltigen Shampoo hielte. Ob das wirklich helfen könne? Glatzen-Pepi wiegte nachdenklich den Kopf: „Nun ja, das ist zwar schon einige Zeit am Markt, aber von einer durchschlagenden Wirkung habe ich noch nichts gehört. In der Innung ist man auch vorsichtig. Ja, Koffein soll die Durchblutung der Kopfhaut anregen, aber das würde eine Massage auch. Dann soll noch ein Medikament gegen Bluthochdruck, es heißt, glaub ich, Minoxidil, als leichte Nebenwirkung einen verstärkten Haarwuchs haben. Auf gesunde Menschen kann man das wohl nicht loslassen. Aber ich bin gerade einer Sache auf der Spur, die mir keine Ruhe lässt. Rufen Sie mich am Freitag an, dann weiß ich schon Näheres, ja?“ Herr Pöllgruber notierte das sofort im Kalender seines Handys und verabschiedete sich optimistisch: „Dann schau ma halt einmal, net?“ Und beim Zusperren streichelte unser Pepi den noch kaum spürbaren Haarwuchs am linken Handrücken. Sehr gut, das Mittel schien zu wirken!

In der Tat, seine nunmehr mit feinen dunklen Härchen bedeckten Handrücken fielen den Kunden auf und lösten sowohl deren Staunen als auch Befangenheit beim Friseur aus. Sollte er nun lügen, dass er seine Hände früher – seiner Frau zuliebe – immer rasiert hätte? Das würde doch kaum wer glauben. Oder die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Oh Gott, das würde ja sofort die Begehrlichkeit von älteren Männern wecken, die aber kaum viel dafür bezahlen würden (sein Salon lag in einem Arbeiterviertel). Fix nochmal, eine plausible Erklärung musste her. Da fiel ihm ein, was seine schlaue Gattin bei heiklen Anlässen immer gesagt hatte: „Mit nix lügt man besser als mit der halben Wahrheit!“ Also er habe unlängst beim Räumen des Damensalons einen Flacon ohne Etikett gefunden, es für Parfüm gehalten und etwas zur Probe auf seine Hände gesprüht – mit diesem erstaunlichen Ergebnis. Und nein, er könne das Mittel nicht „ung’schaut“ an seinen Kunden ausprobieren, weil er Zusammensetzung und Eigenschaften des Stoffs nicht kenne. Außerdem hätte er Eigenbedarf für den kleinen Rest, schließlich sei er auch kein „Struwelpeter“ mehr.

Diesen egoistischen Schutzwall durchstieß donnerstags der „Schweinemörder“ (so wurde der Fleischhauer Schallowitz von bösen Freunden genannt) wie ein Panzer. Der 130-Kilo-Koloss wollte, als er beim Rasieren die behaarten Hände des Friseurs sah, auch gleich seinen nur mehr dünn behaarten Kopf mit diesem Wundermittel behandelt wissen. Und legte, nach Abwehr von Herrn Glatz, glatte 1000 Euro aus der Brieftasche auf den Tisch. Nach neuerlichem Bedenken von Pepi, das Mittel sei nicht ausreichend getestet, es könnte auch Nebenwirkungen haben oder nicht auf jeden Hauttyp ansprechen, und er wolle nicht als Scharlatan verschrien werden, gelobte der Kunde Schweigen, er nehme alles auf sich und versprach, bei sichtbarer Wirkung des Mittels nach vier Wochen noch einen Tausender draufzulegen. Also in Gottes Namen – Herr Glatz sprengte ihm nach der Haarwäsche einige Spritzer des „Haarexpress-light“ auf die Kopfoberfläche und massierte es gründlich ein. Ein leichtes Hautjucken anfangs, so erklärte er, müsse der Kunde in Kauf nehmen. Hoch erhobenen Kopfes verließ Herr Schallowitz den Salon.

„Ist eh schon egal“, dachte der Friseur, als er abends seine Glatze im Spiegel betrachtete, „auf was warte ich noch?“ Und behandelte seine Kopfhaut nach dem Duschen sparsam mit „Haarexpress power“. Immerhin schon ein Extra-Tausender in der schwarzen Kasse! Vielleicht bekam er das Geld für ein neues Auto zusammen – sein uralter Golf hatte letzthin nur mehr mit „Bauchweh“ ein „Pickerl“ bekommen. Über die Shampoo-Reklamen im Fernsehen mit ihren gewagten Versprechungen konnte er nur mehr müde lächeln: „Ihr Schaumschläger mit euren Werbe-Millionen – ich, der kleine Vorstadtfriseur, kann das, was ihr nicht zustandebringt!“

Genau das hoffte auch Herr Dr. Pöllgruber, als er freitagmorgens den Salon betrat: „Guten Morgen, bin ich noch zu früh?“ Glatzen-Pepi begann zu schwitzen – er hatte noch nicht überlegt, wie er dem Stammkunden den Preis schmack- und glaubhaft machen konnte. Verlegen kratzte er sich am Kopf – oh Gott ja, der ersehnte Juckreiz war da! Alles in Butter, das Mittel wirkte! Also holte er den kleinen Bleikristall-Flacon hervor und erklärte: „Sehen Sie, diese Probe ist alles, was ich bekommen habe – mehr gibt’s nicht. Und das hat mich eine schöne Stange Geld gekostet. Ich schlage vor, Sie geben mir vor der Behandlung 1000 Euro als Einsatz; wenn sich innerhalb von vier Wochen Haarwuchs einstellt, gehört das Geld mir, wenn nicht, bekommen Sie es zurück. Und niemand erfährt davon, ja! Ist das okay?“ Der Kunde schluckte – so teuer hatte er sich das nicht vorgestellt; aber andererseits – eine bereits angedachte Haartransplantation kostete sicher mehr als das Doppelte, und dazu noch Auslandsaufenthalt und lange Dauer – also da war er bei seinem vertrauten Friseur wohl besser aufgehoben. „Ist in Ordnung, machen wir’s gleich? Weil ich hab heute einen sehr langen Tag.“ Glatzen-Pepi nickte und legte verschwörerisch den Finger auf den Mund, weil ein Kunde eintrat.

Nach der Behandlung mit dem unverdünnten Treibmittel empfahl er dem Kunden noch die Salbe gegen eventuellen Juckreiz und bat ihn, am Dienstag zum Rasieren wiederzukommen. Der Kunde staunte zuerst, verstand aber dann das zweimalige Augenzwinkern und sagte zu: „Ist in Ordnung, ich zahle gleich, muss noch zum Bankomat gehen.“ Pepi nickte. Prima, der zweite Tausender in der „Auto-Kassa“.

Das Wochenende verging ruhig, aber dienstags kam es dann dick: Als erster Besucher trat fröhlich grinsend der „Schweinemörder“ mit einem in blutiges Papier gewickelten Packerl ein: „Guten Morgen, Herr Glatz, was sagen Sie dazu?“ Er neigte den Kopf und präsentierte den winzigen dunkelblonden Flaum zwischen den vereinzelten längeren Haaren seines enormen Quadratschädels. „Ich hab’s ja kaum glauben können, dass da wieder was nachkommt – da sind zwei schöne Steaks und ein Beiried für Sie! Und den Rest wie besprochen, ja?“ Damit legte er seine Liebesgabe in das Waschbecken und verließ fröhlich pfeifend das Lokal.

Das Ganze hatte auch der soeben eingetroffene Chefredakteur Dr. Pöllgruber gehört und gesehen. Er wollte genauso seine hauchdünne neue „Wolle“ begutachten lassen – immerhin hatte er seinen „Eislaufplatz“ auf der Schädeldecke übers Wochenende fast blutig gekratzt, weil er auf die empfohlene Salbe vergessen hatte: „Was sagen Sie dazu, Herr Glatz, der Ansatz ist ja vielversprechend – aber wird das wieder wie meine früheren Haare? Es scheint mir ein bisserl ins Kräuseln überzugehen – ich meine, ich hab’ ja keine Verwandten in Afrika?“ Der Friseur nach einem Blick darauf: „Aber gehen S’, das kann man erst nach drei, vier Wochen beurteilen. Und was ich mich erinnere, haben Sie seinerzeit leicht gewelltes Haar gehabt. Das wird schon, und vor dem Schlafengehen die Kopfhaut massieren, das regt die Durchblutung an.“ Der Kunde verabschiedete sich beruhigt.

Und gerade beim Zusperren kam nochmals der Fleischhauer in Begleitung eines eleganten, aber total kahlköpfigen jüngeren Mannes: „Kommt eh niemand mehr? Nein? Also das ist der Herr Magister Neunteufel, der Geschäftsführer von Mercedes Wien-Nord. Ich hab vorhin meinen neuen Wagen abgeholt, und wie ich drin gesessen bin, hat er halt gesehen, dass bei mir wieder Haare nachwachsen. Und weil er so darunter leidet, als ein Junger schon glatzert zu sein, hat er mich gefragt, was mir geholfen hat. Sind S’ mir eh nicht bös’?“ Der junge Mann hob verlegen seine Hände: „Guten Abend, es tut mir leid, wenn ich Sie in Verlegenheit bringe, aber wissen Sie, in meiner Familie verlieren die Männer ab 30 schon die Haare, und weil nur ein Kranzl herum auch blöd ausschaut, bin ich lieber total rasiert. Aber welche junge Frau will schon einen Skinhead? Ich werde gerne einen guten Preis bezahlen, wenn Sie mir helfen können!“ Herr Glatz hörte schon an der Stimmlage, dass dieses Problem seelisch tief ging. Vorsichtig erwiderte er: „Wissen Sie, das ist nicht so einfach: Ich habe das Mittel zufällig gefunden, und es ist nur mehr ein winziger Rest da. Ob das bei allen Fällen wirkt, kann ich nicht garantieren, und was tu ich, wenn’s nicht wirkt?“ Herr Neunteufel bohrte gekonnt nach – denn der Schweinemörder hatte ihm einen Tipp gegeben: „Ein Tausender nur für einen Versuch ist okay. Und wenn es Erfolg hat – schauen Sie, den roten Wagen vor dem Lokal können Sie um den halben Preis haben.“ Glatzen-Pepi starrte entgeistert durch die Auslage: Da stand ein junger Mercedes Klasse A, weinrot und glänzend wie ein Neuwagen, mit 18.000 Euro angeschrieben. Wahnsinn – genau so einen eleganten Flitzer hatte er sich immer schon gewünscht! Verlegen meinte er: „Na dann versuchen wir’s halt, nehmen S’ Platz, und – guten Abend, Herr Schallowitz!“

Um es abzukürzen – der letzte Rest „Haarexpress power“ wirkte auch hier. Aber gleicherweise, wie den Friseur die eigene, ans Licht drängende Haarpracht erfreute, wucherten im Bezirk wildeste Gerüchte über sein Wundermittel. Die vorsichtshalber getragene „Tarnkappe“ nützte nichts mehr, ein kurzer Windstoß auf der Gasse hatte sein Geheimnis enthüllt, und die tratschsüchtige Trafikantin nebenan badete förmlich in ihren „Offenbarungen“. Immer wieder stürmten Glatzenträger seinen Laden, der Zettel in der Auslage: „Hier werden nur mitgebrachte Haare geschnitten – für Wunder wenden Sie sich an die Kirche ’Maria, Hilfe der Christen 1220 Wien‘“ – wurde zwar belächelt, aber kaum beachtet. Weshalb Herr Glatz die Tafel im Schaufenster austauschte mit dem konsequent befolgten Text: „Wegen Überlastung werden nur mehr Stammkunden bedient.“ Gott sei Dank ebbte die Gerüchtebörse infolge Nahrungsmangel nach zwei Wochen großteils ab. Pepi wagte sich (Herr Neunteufel hatte Wort gehalten) mit seinem roten Mercedes wieder auf die Gasse; die vereinzelten Anfragen nach seinem phantastischen Haarwuchsmittel wurden lakonisch mit der Mitteilung „Ich hab nichts mehr davon“ abgewürgt. Tatsächlich wartete nur mehr ein Lackerl von „Haarexpress light“ auf seine Anwendung.

Bis ein paar Wochen später eine gepflegte Dame mittleren Alters den morgens noch leeren Herren-Salon betrat mit der freundlichen Frage: „Sind Sie der Herr Glatz, der meinem Sohn geholfen hat? Wissen S’, ich hab ja so eine Freude, dass er wieder gut aussieht und tanzen geht, das ganze Leben ist wieder schöner geworden. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Sie haben eine Mutter und ihren Sohn glücklich gemacht. Und wenn ich schon so unverschämt sein darf, wir haben Samstagabends ein Konzert meiner Musikgruppe in Bisamberg, wozu ich Sie gerne mit Begleitung einladen würde.“ Sie legte eine schöne Karte „Eva Neunteufel lädt ein“ auf seinen Arbeitstisch. Pepi dankte verlegen – er war früher mit Gattin öfter zu feinen kleinen Veranstaltungen ausgegangen. „Ich komme gerne, nur mit Begleitung kann ich leider nicht dienen.“ Da schüttelte die Damen lächelnd den Kopf: „Das kann ich gar nicht glauben – so ein liebenswerter Mann im besten Alter! Also auf Wiedersehen, ich freue mich auf Ihren Besuch.“ Erst als sie – nach intensivem Blickkontakt – den Laden verlassen hatte, rekapitulierte der Friseur, dass die Dame sorgfältig getöntes und frisiertes, aber auch ein bisserl schütteres Haar hatte. Wollte sie ihn wirklich nur zur Musik einladen? Aber nein, das hatte echt geklungen; und es erinnerte ihn an seine selige Eva, die ihm auch dann und wann etwas mit Raffinesse abgeschmeichelt hatte. Rosige Gedanken keimten da auf – denn ja, stimmt, die Dame hatte keinen Ehering am Finger, und Eva hieß sie auch noch!

Die drei „Erstanwender“ blieben unserem Herrn Glatz weiterhin nicht nur beim Haarschneiden freundschaftlich verbunden: Jeden Freitag stellte sich der „Schweinemörder“ mit zwei schönen Schnitzeln ein, Herr Neunteufel jährlich mit kostenlosem §57-Pickerl für das Auto, und Dr. Pöllgruber mit einem Gratis-Abo seiner Zeitung. Was zuletzt eine regelmäßige Tarockpartie am ersten Sonntag des Monats zur Folge hatte. Und bei jedem riskanten „Farbsolo“, den Herr Glatz ansagte, lachten die Mitspieler und meinten: „Jetzt wird’s haarig!“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 21124

Der Schlüssel

Heute war ich rasch am Friedhof; mein Schwiegervater hat heute Sterbetag und so habe ich ihm ein Licht angezündet. Ich habe ihm ja einiges zu verdanken. Seit ich seine Tochter kennen- und lieben gelernt habe, ist in meinem Lebenskompass wieder eine Magnetnadel, die vorwärts zeigt. Dass er mich nicht mochte, war mir herzlich egal, ich war halt einfach da. Wie ich gerade die alte Kerzenhülle in den Kübel am Eingang werfen will, sehe ich daneben im Gras einen Schlüssel liegen. Einen altmodischen, großen Buntbart-Schlüssel mit einem Spagatschnürl daran. Ich sehe ihn genauer an: Am Griff ist er vernickelt, aber der untere Schaft und Bart sind abgeschliffen, und oben am Bartrand war da noch ein Schleifgrat. Ein ziemlich neu nachgemachter Schlüssel also, wie für ein altes Haustor, oder ein Plumpsklo, vielleicht auch für einen Weinkeller.

Gut, ich habe den Schlüssel analysiert – aber was mache ich jetzt damit? Bei der Gemeinde abgeben? Dank hat man eh keinen, und außerdem ist das Gemeindeamt jetzt geschlossen. Aber ich könnte den pensionierten Gemeindediener fragen, ob er den Schlüssel kennt. Er kennt ja jedes Haus und jedes Kind bei uns, und er wohnt gleich hinter dem Friedhof. Also gut, ich läute halt bei ihm an. „Der Josef is ned da!“, tönt eine ärgerliche Frauenstimme aus dem Fenster. Ich frage mutig zurück, wo ich ihn erreichen könnte. „Nau, wo wird er scho sei? Im Kölla natürlich!“, ist die bissige Antwort. Mein freundliches „Danke schön“ ist fast schon ein bisserl provokant.

Weil ein Spaziergang durch die Kellergasse etwas ausgesprochen Angenehmes ist, lenke ich meine Schritte hinaus. Irgendwie kommt mir beim Eintauchen zwischen die ersten Presshäuser und Kellerkappeln immer das Lied „Heut’ war die alte Zeit bei mir“ in den Sinn. Diese alten Zweckbauten mit ihren schlichten Formen ohne Pflanz und Protz habe ich immer geliebt. Da hat alles einen Sinn, das war genau für den eigenen Bedarf, also nicht größer als notwendig, gebaut, mit eigenen Händen gegraben und gemauert mit dem, was da war: Bruchsteine und Ziegel, oft mit ungebrannten Lehmziegeln dazwischen, ein Eichentram über der Tür, ein, zwei Luken zum Luftaustausch, eine Doppeltüre aus Brettern mit dem Latten-Z hinten, und ein Lüftungsgitter. Mit der Hand grob verputzt und mit Kalkmilch gweißent, das war’s – und hat auch 150 Jahre gehalten.

Langsam – weil hier hat man es nicht eilig – schlendere ich das holprige Pflaster hinauf. Da geht gleich der Puls zurück, und das Auge streichelt die schönen alten Häuser für den Wein, bleibt da und dort an einem eigenwilligen Detail hängen. Das Ohr nimmt nur Stille, Vogelzwitschern und das Flüstern des Windes in den vereinzelt stehenden Nussbäumen wahr.

Ich weiß nicht, wo der Josef seinen Keller hat. Also stolpere ich in den ersten offenen Keller-Eingang hinein und rufe „Hallo, ist wer da?“, und erhalte gleich die Antwort: „Fråg net so blöd, kumm owa!“ Unten steht der Josef mit dem Franz (meinem Rotwein-Lieferanten) bei einem Fass. Er schenkt mir ungefragt ein Achtel ein, und nach dem Kostschluck und darauffolgenden leisen „Ahhh“ riskiere ich die Frage: „Sag, weißt du, wem der Schlüssel g’hört? Er ist im Friedhof beim Mistkübel g’leg’n.“

Da leuchten die Augen des Franz auf wie Auto-Scheinwerfer bei Fernlicht: „Jö, der g’hört mir. Dankschön!!!“ Einige Achterl später weiß ich, dass dem Franz wegen anhaltender Bettflucht von der Frau der Schlüssel abgenommen worden ist. Aber er hat sich – in vorauseilendem Misstrauen – schon vor acht Tagen einen zweiten machen lassen. Und den habe ich heute gefunden.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 21117

Das Glücksschwein

Mit einem lebenden Glücksschwein spätnachts nach Hause kommen, ist schon was Eigenartiges, fast schon Unangenehmes! Welche Frau will schon ein Schwein zu Hause haben? „Als ob ich mit dir nicht schon genug hätte“, wäre wohl ihr zu erwartendes Statement um zwei Uhr früh im Schlafzimmer.

Wohin mit diesem Zappelphilipp? In die Küche wäre unhygienisch, eigentlich bliebe nur die Badewanne, mit Katzenstreu als saugfähiger Unterlage. Wirklich ein blöder Einfall, beim letzten Preisschnapsen im alten Jahr ein Ferkel als ersten Preis auszusetzen! Und gerade ich, der ich die letzten 20 Jahre nie über den vierten Preis hinausgekommen bin, muss diesmal gewinnen! Der Herbert, der den zweiten Preis gemacht hat – immerhin eine Kiste übriggebliebenes Weihnachtsbier –, der hätte wenigstens einen Stall gehabt, am Stadtrand, wo seine Tochter ihr Reitpferd hat.

In mir steigt ein finsterer Verdacht auf: Wie war das beim letzten Spiel? Hat sich der nicht absichtlich den „Vierziger“ zerrissen, um mich gewinnen zu lassen? Dieser falsche Hund! Aber ich kann nicht weiterdenken, weil jetzt quietscht das blöde Ferkel los und lässt sich nicht das Maul zuhalten. Wie ein Rache-Engel – das dazu passende lange Nachthemd tut das Übrige zu diesem Horrorbild – erscheint meine Frau in der Schlafzimmertür. Vom ungläubigen Staunen – sie presst die Augen zu und reibt mit den Händen darüber – bis zum haltlosen Zorn dauert es nur zwei Sekunden, dann geht die Schimpferei los. Nein, das will ich jetzt nicht wiedergeben, es sind zu viele Sünden meiner Vergangenheit, viele meiner schiefgegangenen „guten Einfälle“ und der Hinweis auf beginnende Altersblödheit dabei. Eigentlich – so fällt mir dabei ein – wäre ein kleines bisserl Alzheimer bei meiner Frau fast schon wünschenswert – vielleicht könnte sie sich dann an so manches nicht mehr erinnern.

Mein Hinweis auf Umwandlung des noch immer laut quiekenden Glückssymbols auf Spanferkel steigert die Wut und Verachtung meiner Eheliebsten zur Weißglut. Ich sei noch dazu brutal und blutrünstig – einen Schlächter werde sie an ihrer Seite nicht dulden –, dieses liebe, unschuldige Tierchen zu morden und gierig in meinen fetten Wanst zu stopfen! Aber in den Arm nehmen will sie dieses süße Ferkel auch nicht, denn gerade beginnt es der Natur ihren Lauf zu lassen: Da läuft etwas Warmes stinkend an meiner nagelneuen Hose hinunter auf den Parkettboden.

Schleunigst verlasse ich Frau, Wohnung und Haus, setze mich und das Ferkel ins Auto und rase durch die Nacht zu Herberts Pferdestall, um dort das Schwein zu verstecken, es also zu entsorgen. Leider hat der Stall eine Alarmanlage, die restliche Nacht im Polizeiarrest war unangenehm genug mit der nassen Hose, die Alkoholprobe war natürlich positiv und somit das Gegenteil der negativen Gardinenpredigt, mit der mich meine Frau dann abholte. Dafür hat sich die Tochter vom Herbert dann bei mir herzlich für das „geschenkte“ Ferkel bedankt.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21106

Übers Einhorn

Liebes Einhorn,

du siehst einem richtigen Pferd viel ähnlicher als einer Phantasie-Figur. Vielleicht hat dir ein übermütiges Mädchen die Mähne gefärbt und eine gedrehte Zuckerstange an die Stirn geklebt?

Als Pferd bist du mir viel lieber! Was kann man schon mit einem Einhorn anfangen? Eigentlich nichts, außer es zu bewundern. Wofür eigentlich? Wenn du Flügel hättest, als Pegasus wärest du mir hoch willkommen – jeder Dichter wäre dir ein ergebener Diener, wenn er ab und zu auf dir reiten könnte.

Aber wie schon gesagt, als Pferd wärest du mir viel lieber. Du hast einen gut geformten Kopf, schöne blaue Augen und aufgestellte Ohren – das heißt, du bist gutmütig und neugierig –, also genau mein Partner. Ich habe auch lange Jahre geackert wie ein Pferd, und bei meinem Bauern habe ich auch die Pferde betreut: gefüttert, getränkt, gestriegelt und ab und zu mit einem Stück Zucker verwöhnt. Ich mag deine Kraft, deinen Geruch, deinen gutwilligen Fleiß und deine Zutraulichkeit, Bruder Pferd. Ab und zu bin ich auch auf einem Pferd gesessen, im Schritt oder leichtem Trab; den Galopp habe ich eher gefürchtet, das war mir zu schnell und gefährlich.

Wie gern hast du dich streicheln lassen, deine weiche Schnauze in meine Hand geschoben, um einen Leckerbissen aufzunehmen. Wie hast du dich gefreut, wenn ich dir das Halfter abgenommen und das Tor zur Weide aufgemacht habe, damit du dich austoben und am frischen Futter sättigen konntest. Wie willig hast du mir den Huf aufs Knie gelegt, damit ich dir die eingetretene Erde oder kleine Steine herauskratze. Sogar zum Hufschmied, den viele Pferde fürchten, bist du voll Vertrauen gegangen, nur mit dem Halfter an meiner Seite, weil du wusstest, es wird dir nichts Böses geschehen, die schon lockeren Eisen werden erneuert und zum Schluss bekommst du ein großes Stück Brot für dein Wohlverhalten.

Liebes Einhorn, komm her zu mir, ich will dir diese blöde Zuckerstange von der Stirn lösen und in Stücken verfüttern, damit du auch eine Freude hast. Als Einhorn wirst du nur angestaunt, aber als Kamerad von guten Menschen wirst du gestreichelt, gelobt, gefüttert, geputzt und geschätzt.

Liebes Keinhorn, so bist du mir viel lieber!!! Ich grüße dich mit Sehnsucht und dem Wunsch auf ein Wiedersehen.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21105

Aufschreib’m

Weil’s sonst keiner tuat – werd ich euch heut derzähl’n
Mit was sich viel Menschen – beim Älterwerd’n quäl’n
Net nur, dass man fortschreitend – grau-schädlert wird
Auch unser Gedächtnis – wird umstrukturiert
Man weiß schon so viel – wie a Bibliothek
Aber wennst gach an Namen brauchst – dann ist er weg.

Dass des net so weitergeht – is ja ganz klar
Drum schreibt man sich Zettl’n – so ab 45 Jahr
Termine, zum Greißler – um Würstln und ’s Bier
Weil morg’n kommen drei Nachbarn – zum Schnapsen zu dir
Und dann noch d’ran denken – die Tant’ im Spital
Am Sonntag besuch’n – das g’hört sich einmal

So viel wichtige Sach’n – hätt ma glattweg vergess’n
Wär net unser „extended – memory“ g’wes’n
Dass der erweiterte Speicher – a Seg’n ist, ist wahr
Aber ’s bleibt net a so – wart noch ab a paar Jahr!
Kaum hast dich an Zettl-Schreib’m – g’wöhnt, lieber Mann
Dann fangt d’ Sucherei – nach die Zett’ln schon an

Am Nachtkastl ans – dass d’ ins Büro früher kimmst
Beim Kaffeehäferl, dass d’ dein – Magnesium nimmst
Am Schuachkastl ans, weil – die Schuach sind zum Hol’n
Und dass d’ von der Putzerei ’n Mantel – hätt’st mitnehmen soll’n
Aber am Zett’l im Mantelsack – kannst nachher les’n
Euer Hochzeitstag wär – vor zwei Woch’n schon g’wes’n!

Da tuat dich die Zettlwirtschaft – wirklich schon stör’n
Jetzt kaufst dir a Handy – und lasst dir’s erklär‘n
Weil am Handy ist immer – a Kalender dabei
Und was für dich wichtig ist – des tragst jetzt ei’
Und stellst den Alarm ein – halt rechtzeitig g’nua
Dann kannst nix mehr vergess’n – jetzt ist endlich a Ruah!

Wennst alles notiert hast – ist a Ruah, ganz bestimmt
Vorausg’setzt nur, dass ma – sei Handy a find’t
Einmal liegt’s im Auto – a ander’s mal ist’s stumm
Dann suacht d’ Frau hektisch in – alle Handtaschen um
Wenns net ohdraht ist – wär die Lösung recht g’scheit:
Ruaf dei’ Handy vom Festnetz – und horch dann, wo’s läut’.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 21111