Kategorie-Archiv: Robert Müller

image_print

Abschied vom „Baum-Ausreißen“

Irgendwann kommt der Moment, wo man nicht mehr zu den Männern gehört, die Häuser bauen, im Wald Holz machen oder sonstige mit Schwerarbeit verbundene und damit prestigeträchtige Projekte bewältigen. Man ist eben älter geworden.

Vor einigen Wochen kuppelte der Pensionist Anton Kurz den kleinen Anhänger an sein Auto und fuhr zum nahe gelegenen Kieswerk, um einen viertel Kubikmeter Schotter für seinen Gartenweg zu holen.

Es versprach ein schöner Septembertag zu werden, als er frühmorgens gegen sieben Uhr über die Feldwege fuhr; die Vögel sangen in den Hecken und die Sonne hing als orangener Feuerball noch tief am Himmel. Herr Kurz erinnerte sich der vielen Male, die er – damals als Mittfünfziger – meistens um diese Tageszeit zu seiner Baustelle unterwegs gewesen war.

Ach Gott, war das eine schöne Zeit gewesen, trotz oder – so denkt er heute darüber – gerade wegen der schweren Arbeit beim Aufmauern seines Hauses im Grüngürtel außerhalb Wiens. Ja, es war eine Schinderei, den ganzen Tag bei Wind und Kälte (er baute größtenteils im Winter, wenn die bereits abgemeldeten Herren Maurer gerne einen Wochenend-Pfusch annahmen) Mörtel mischen, Ziegel schleppen, Wasser holen, Gerüst bauen etc. Aber am Abend, wenn er sich vor dem Heimfahren noch einmal müde umdrehte, sah er die Arbeitsleistung des Tages im nunmehr wieder höher gewordenen Mauerwerk, in den ausgesparten Fenstern und Türöffnungen. „Heute ist ganz schön etwas weitergegangen“, dachte er da befriedigt und vergaß das Kreuzweh und die zerschundenen Hände. Er hatte etwas geleistet, was nicht jeder konnte, er hatte schwere Arbeit getan und war in Gesellschaft von Männern, die als „Hand-Werker“ (Maurer, Zimmerleute, Elektriker, Installateure oder Dachdecker) Häuser entstehen ließen, Grundstücke planierten, Gärten anlegten, mit Krampen und Schaufel Wege bauten – mit einem Wort: Heimstätten schufen, aus dem nackten Boden Häuser bauten für ihre Familien und Freunde.

Jeden Sonntag, wenn er nachmittags müde und abgerackert in schmutziger Arbeitskleidung vor seinem Wiener Wohnblock aus seinem uralten Auto stieg, standen einige Bewohner in teurer Freizeitkleidung am Parkplatz herum, besprachen ihre Ausflüge und die Lokale, in die sie mit ihren Frauen eingekehrt waren, und sahen mitleidig lächelnd zu ihm herüber. Jedoch Anton Kurz grinste nur überlegen und winkte ihnen zu, bevor er zu seiner Wohnung hinaufstieg. Die Nachbarn waren zumeist Angestellte oder Beamte in seiner Einkommensklasse, sie gaben ihr Geld für die Annehmlichkeiten des Lebens aus und hatten vielleicht ein kleines Bankkonto, aber kaum einer von ihnen hatte jemals einen Ziegel auf den anderen gelegt – es waren eben Leute und keine Männer. Und offensichtlich schätzten diese Nachbarn ihre Mitbewohner nach Urlaubsreisen, Auto, Tennisklub und dem Outfit ihrer Frauen ein; somit gehörte Anton nicht zu den „Schönen und Reichen“ seines Wohnblocks.

Aber als ihn – gegen Ende der Rohbauphase – ein Nachbar zufällig beim Heurigen traf, wo Anton mit seinem Maurer und einem Helfer zu Mittag aß, ergab sich bei der Theke doch ein kurzes Gespräch, bei dem der erstaunte Mitbewohner erfuhr, dass Anton in dieser prominenten Heurigengegend einen Garten hatte und nun ein Haus baute. Was sich in seinem Wohnblock rasch herumsprach und zur Folge hatte, dass Anton nun von seinen Nachbarn freundlicher gegrüßt wurde und auch in deren Achtung deutlich gestiegen war. Man bedenke, ein Haus in diesem schönen Vorort Wiens! Aber er kümmerte sich nicht viel darum – wer vorher mit ihm auf gutem Fuß gestanden hatte, blieb es weiterhin, und die „Neu-Freundlichen“ begrüßte er genauso reserviert wie sie vorher ihn. Nur die Neid erregende Bemerkung, dass er gänzlich ohne Kredit baute, hatte er sich doch nicht verkneifen können.

Aber das war nun Vergangenheit, Anton hatte sein Werk getan: ein Haus gebaut, ein Kind aufgezogen, einen Garten angelegt, und nun war er auch schon aus den Erfordernissen des Berufslebens heraus, wo er 45 Jahre lang fleißig gearbeitet und manchen Erfolg verbucht hatte. Auch das fehlte ihm, das Bewältigen schwieriger Aufgaben und der Zeitdruck. So manches Mal war er mit einem ungelösten Problem zu Bett gegangen und hatte doch kaum Schlaf gefunden, weil er nicht wusste, wie der nächste Tag laufen sollte. Manchmal war ihm dann im Morgengrauen eine Lösung eingefallen, weil er sich bemüht hatte, die Sachlage alternativ zu sehen, das Problem von anderer Seite zu beleuchten. Oder er hatte seiner Frau auf ihre besorgte Rückfrage die schwierige Situation möglichst verständlich zu erklären versucht, was ihm manchmal einen verblüffend einfachen Lösungsansatz bescherte.

Je nun, vorbei ist vorbei – jetzt sollte er sich besser seiner noch passablen Gesundheit und der wohlverdienten Pension erfreuen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und an einem so schönen Morgen mit dem Auto unterwegs sein, ein paar Scheibtruhen Schotter holen und anschließend mit der Frau auf der selbst gemauerten Terrasse frühstücken – gab es was Schöneres? Schon war er auf der staubigen Brückenwaage, kletterte die Eisenstiege zum Vorarbeiter hinauf, sagte seinen Wunsch und fuhr dann hinunter ins Kieswerk, wo ihm der Baggerfahrer eine viertel Schaufel Kies in den Anhänger kippte. Nun wieder zurück auf die Brückenwaage und ins „Büro“ zum Zahlen. Hier musste er warten, bis die drei Fahrer der riesigen Betonmischer und zwei „Häuslbauer“ abgefertigt waren.

Anton hörte sie über ihre Arbeit reden, die Zeit- und Materialprobleme, und was sie alles noch vor bzw. bereits geleistet hatten. Als bauerfahrener „Hackler“ beteiligte er sich an einem Gespräch und riet einem „Leidensgenossen“, der gerade seinen Rohbau fertig hatte und schon einen Weg betonieren wollte, davon ab. Es wäre – so Anton – praktischer, den Zugang zwischen Gartentor und Haus provisorisch mit im Rasen liegenden Trittsteinen anzulegen, bis auch die Fassade fertig sei. Denn es passiert oft genug, dass der „Trampelpfad“, wo die Menschen wirklich zum Haus gehen, nicht immer eine gerade Linie ist. Einer der LKW-Fahrer stimmte zu, er hätte auch seinen befestigten, rechteckig angelegten Weg nach einem Jahr wieder mühsam herausreißen müssen, weil Frau, Kinder und Gäste daneben im Gras eine Kurve eingetreten hätten. Außerdem wäre das viel hübscher geworden als die harte gerade Linie. Was den betreffenden „Häuslbauer“ dann nachdenklich stimmte.

Da rief ihn der Vorarbeiter zur Kassa, Anton legte den kleinen Geldschein hin und warf die Wechselgeld-Münzen in die „Kaffee-Kasse“, ein abgestoßenes Keramik-Sparschwein neben dem Bildschirm. Mit „Alsdann pfüat euch“ kletterte er dann die Gitterstufen zum Auto hinunter und fuhr langsam nach Hause. Es rumorte noch immer leise in ihm, dass er jetzt nicht mehr zu den „produktiven, Schwerarbeit leistenden“ Männern gehörte, sondern ein „nicht mehr viel nützer“ und daher, wie er es empfand, auch weniger geachteter Pensionist war. Natürlich sagte er sich beim Heimfahren selbst mehrmals, dass er doch das Seine geleistet und viel geschafft hatte, mit Arbeit Tag und Nacht und allen dazugehörigen „Randerscheinungen“ wie Kreuzweh, Sorgen, Stress, eiserner Sparsamkeit und kaum „Freizeitvergnügen“. Ja, alles in Ordnung, er war stolz auf das Erreichte, auch Familie und Freunde anerkannten das.

Warum dann diese wehmütige Stimmung, wenn er andere dem Ziel zustreben sah, das er schon erreicht hatte? Traf für ihn die Redewendung „Der Weg ist das Ziel“ zu? Nein, Herrgott nochmal, sicher nicht! Er hatte geackert, um etwas zu erreichen und nicht, um ewig weiter ackern zu müssen! Ja, das war’s, er hatte seine Ziele erreicht und war damit zufrieden. Also warum zum Kuckuck beneidete er die noch aktiven Häuslbauer? Vielleicht, weil sie ein Ziel hatten, das ihm nun fehlte? Ja, das auch, gestand er sich ein. Aber da war noch was, etwas nicht so leicht zu Greifendes, das ihm keine Ruhe ließ.

Wieder zu Hause stellte er den Wagen in die Garage und den Anhänger zum Gartenweg, dann rief die Gattin schon: „Kaffee ist fertig!“ Anton liebte diese wichtigste Mahlzeit des Tages, in einem sonnigen schönen Garten am liebevoll gedeckten Tisch Platz zu nehmen und den ersten Schluck Kaffee zu genießen. „Was ist mit dir – du siehst irgendwie bedrückt aus?“, ermunterte ihn die Frau zum Sprechen.
Als Anton ihr von seinen Gefühlen erzählte, wie er die noch aktiven „Häuslbauer“ beneidet hätte und eigentlich nicht wusste warum, blickte sie eine Weile sinnend in die Luft und meinte dann: „Ich glaube, du beneidest sie nicht um die Arbeit, nein, du beneidest sie um das Können, dass sie dazu noch körperlich imstande sind. Ja, mein Lieber, wir sind älter geworden und das müssen wir akzeptieren! Heimweh ist ja auch nicht die Sehnsucht nach dem Ort, sondern nach der Zeit, als wir dort waren. Diese schwer arbeitenden „Häuslbauer“ würden dich beneiden, wenn sie dein Haus und den Garten sehen könnten, sie würden gerne mit dir tauschen und sich viel lieber an den gedeckten Tisch setzen, als schon wieder die Schaufel und die Scheibtruhe in die Hand zu nehmen, glaubst du nicht auch?“

Da stand Anton von seinem Platz auf, ging um den Tisch herum und gab ihr einen Kuss: „Ja, du hast recht, ich sollte das jetzt genießen und nach vorne schauen. Ich werde dann die Nachbarn fragen, ob sie nachmittags Zeit für eine Tarockpartie hätten, was meinst du?“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 20093

Adele Sauerzopf erbt ein Schloss

Frau Sauerzopf, eine ehrbare Straßenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal wöchentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Café und hatte sonst keine großen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im Gemeindebau und Grätzel wohlgelitten (sie wohnte seit ihrer Geburt dort) und von abgeklärt-heiterer Lebensart, war sie höchst überrascht, als sie am Mittwoch (13.6.) – vom Einkaufen heimkehrend – im Briefkasten das Schreiben einer Rechtsanwaltskanzlei fand. Sie wagte es erst gar nicht zu öffnen und durchforschte ihr kindlich-reines Gewissen, was denn die Ursache dieses bedrohlichen Briefes sein könnte; noch nie im Leben hatte sie mit Anwälten zu tun gehabt, weder hatte sie Böses getan, noch jemals selbst Anklage erhoben. Dann fuhr ihr wie ein Blitz die Angst ins Herz, der einzige Sohn (er lebte schon seit Jahren in Amerika) könnte etwas angestellt haben oder – Gott behüte – es wollte ihn jemand verklagen oder Ähnliches. Mit zitternden Händen riss sie den Umschlag auf, aber im Brief stand nur die lakonische Mitteilung, sie möge sich in der Erbschaftssache Ruggenthaler in den nächsten Tagen in der Kanzlei einfinden.

„Erbschaftssache Ruggenthaler“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, „ich kenn keinen Ruggenthaler, und zu erben gibt’s doch für so ein altes Möbel wie mich nix mehr?“

Aber der Brief lag gleichwohl am Küchentisch wie auf der Seele – und die zu röstende Zwiebel fürs Erdäpfelgulasch verkohlte fast, so sehr spukte die unbekannte Erbschaft im Kopf von Frau Sauerzopf. Sie erwog, eine in Purkersorf lebende Nichte zweiten Grades anzurufen, um sich zu erkundigen, ob ihr solch ein Name geläufig sei, kam aber davon ab, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr gehört hatte – und außerdem: Sie würde natürlich über den Grund ihres Interesses ausgefragt werden, und bevor sie nichts Genaueres wusste, konnte und wollte sie nichts sagen. Es gäbe doch gleich Gerüchte und Neid und Gerede – genau das, was sie verabscheute und demnach aktiv wie passiv immer zu vermeiden trachtete.

Der Donnerstagmorgen (14.6.) kam nach einer unruhigen Nacht, der Kaffee wurde nicht wie gewohnt in Ruhe und dabei Zeitung lesend getrunken, sondern geistesabwesend geschlürft. Hier ist zu bemerken, dass Frau Sauerzopfs gesunder Hausverstand und gute Menschenkenntnis keinen Platz für Phantastereien ließen – im Gemeindebau wurde sie manchmal ob ihrer treffend-knappen Ausdrucksweise die Frau Jolesch genannt (nach Torbergs Anekdotensammlung) –, aber ihr Leben war seit ihrer Pensionierung und dem Tod des Gatten arm an Neuigkeiten und Veränderungen, sodass dieser Brief und die damit verbundene Ungewissheit die gewohnte Alltagsroutine störten. „Jetzt will ich’s wissen“, sagte sie beim Ankleiden – was zieht man für einen Rechtsanwalt an? Schon etwas besser, aber halt seriös, das Dunkelblaue mit weißen Tupfen hat sie sowieso schon lange nicht mehr getragen. Und 10 Minuten nach 9.00 Uhr läutete sie energisch bei Mag. Dr. Strnad & DDr. Vlcek im 9. Bezirk.

„NehmenS’Platz, liebe Frau Sauerzopf, ein Schalerl Kaffee gefällig – oder ein Glas Güssinger? Ja, ein Momenterl, die Frau Srp wird gleich den Akt bringen“, sagte der dicke kleine Anwalt, ein guter Fünfziger mit goldumrandeter Brille, „das ist aber freundlich, dass S’so schnell kommen sind. WissenS’, der Fall ist ja schon fast ein Jahr im Laufen. Ja ja, eine Verlassenschaft im Ausland und ohne direkte Erben gibt schon ein paar Probleme, da heißt’s Geduld haben und nicht nachlassen. War gar nicht so leicht, Sie ausfindig zu machen – danke, Frau Srp, bitte jetzt eine halbe Stunde keine Anrufe – ja also, liebe Frau Sauerzopf, Sie werden ja schon neugierig sein, wieso wir Sie gebeten haben zu kommen. Kennen Sie eine Familie Ruggenthaler – eventuell aus der Verwandtschaft Ihres verstorbenen Gatten?“

Frau Sauerzopf schüttelte langsam den Kopf: „Nein, könnt ich wirklich nicht sagen – ich denk eh schon seit gestern nach, aber es fallt mir nix ein. Von meine Leut’ sicher nicht, aber mein Seliger war ein uneheliches Kind – die Mutter war eine Fabriksarbeiterin aus Teesdorf – und in der Nachkriegszeit hat man wohl andere Sorgen g’habt als die Ahnenforschung.“ Sie hob ratlos die Schultern.

„Tun S’Ihnen nicht plagen, liebe Frau Sauerzopf, ich kann ein bisserl nachhelfen – also der Erblasser, ein gewisser Karl Ruggenthaler, ist in der Schweiz verstorben, voriges Jahr – er war aber ein gebürtiger Österreicher, besser gesagt, ein Alt-Österreicher – aus Czernowitz in der damaligen Tschechoslowakei. Aber seine Leut’ sind seinerzeit aus Salzburg nach Czernowitz ausg’wandert – eine richtige Odyssee, nicht wahr? Ja, und besagter Karl ist im Tessin in der Schweiz Konditor gewesen, offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann, und als Witwer kinderlos verstorben – auch von seiner Gattin waren keine Angehörigen auffindbar – also hat man begonnen, die Familie des Erblassers auszuforschen. Kurzum, ein Onkel vom Karl Ruggenthaler, ein gewisser Eugen Navratil aus Pressburg, gewesener Mittelschullehrer, soll der Vater Ihres seligen Gatten gewesen sein.“

„WartenS’“, sagte Frau Sauerzopf sinnend, „ich glaub, ich erinner mich jetzt, dass mein Anton einmal erzählt hat, dass er als Schulbub auf einem Bauernhof im Mährischen auf Erholung war – er hat ein paar Wort’ Tschechisch können – aber das war ja damals nix Seltenes. Dass ich 40 Jahr’ mit an Böhm’ verheirat’ war, ohne dass ich’s g’wusst hab.“ Sie kicherte vor sich hin.

Dann gab sie sich einen Ruck und fragte den Anwalt: „Aber jetzt sagen S’mir doch endlich, warum ich da bin – wollenS’bloß eine Auskunft oder soll ich was erben?“ Obwohl sie mit resoluter Stimme sprach, klang etwas Unsicheres mit – schließlich ist es ja keine Kleinigkeit, nach einem bescheidenen Leben auf einmal mit einer eventuellen Erbschaft aus der reichen Schweiz konfrontiert zu sein.

„Sitzen S’gut, liebe Frau Sauerzopf?“, fragte der Advokat lächelnd „es ist zwar fast kein Geld da, aber – wenn die Formalitäten abgeschlossen sind, ich brauch noch ein paar Unterlagen und von Ihnen die Papiere des verstorbenen Gatten, Sie werden ja alles aufgehoben haben, nicht wahr, und wenn sich nicht noch ein anderer Erbberechtigter meldet – ja, also, dann könnten Sie ein Schloss erben!“

Frau Sauerzopf saß auf einmal stocksteif und kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet: „Was sagen S’da – ich soll ein Schloss erben – ich, die Frau von ein’ Hernalser Straßenbahner, soll eine Schlossbesitzerin sein?“ Sie drehte sich zur Seite und trank das vorhin abgelehnte Glas Güssinger in einem Zug aus. Ein paar Sekunden saß sie kopfschüttelnd stumm auf ihrem Sessel, schaute bald den geduldig wartenden Anwalt, bald ihre abgearbeiteten Hände an, bis sie wieder reden konnte: „Jetzt weiß ich nicht recht, was ich sagen soll – sowas kommt ja sonst nur im Film vor. Erst gestern hab ich einen neuen Vorzimmerteppich kauft – und morg’n brauchert ich vielleicht schon so neumodische Rollschuh’ für die endlos langen Gäng’ im Schloss. Also, wenn mein Seliger das noch erlebt hätt – der hätt schön g’schaut. Immer wollt er ein Häuserl hab’m am Stadtrand, aber es hat halt nie g’reicht für was Anständiges – und Schulden wollt’  er nicht machen. Und jetzt ein Schloss – aber sagn S’mir, Herr Doktor, wo wär denn das Schloss – in der Schweiz? Weil in mein’ Alter möchte ich nimmer ins Ausland übersiedeln, nein, das haltert ich nimmer aus, so ein alt’s Leut’ ganz allein in der Fremde! Da nutzt mir auch das schönste Schloss nichts!“

Der erfahrene Anwalt hatte taktvoll die Schockminute abgewartet und mit verständnisvollem Nicken den Ausbruch von Frau Sauerzopf begleitet: „Nein, nein, Frau Sauerzopf, da können S’beruhigt sein. Das Schloss liegt im südlichen Niederösterreich, also eine knappe Autostunde von Wien weg. Aber eigentlich ist es kein Schloss, sondern eine mittelalterliche Burg, aus dem 13. Jahrhundert – und für das Alter noch ganz passabel erhalten. Und ein paar Hinweise muss ich Ihnen schon noch geben, weil so unproblematisch ist so eine Erbschaft auch nicht!“ Er hob bedeutsam die rechte Hand mit dem abgewetzten Ehering, um seine mahnenden Worte zu unterstreichen: „Da ist immer wieder was zu reparieren und zu investieren, da sind Auflagen vom Denkmalamt und von der Gemeinde, und schließlich ist ja auch noch das Finanzamt da – gelln’S, Frau Sauerzopf, das sind schon rechte Haifisch’, diese Finanzer. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, ich hab Ihnen g’sagt, was voraussichtlich zu erwarten ist – und jetzt kommt’s zur entscheidenden Frage – nämlich, ob Sie überhaupt interessiert sind, das Erbe anzunehmen. Wie gesagt, es ist noch nichts endgültig spruchreif und entschieden, aber nach meiner Erfahrung schaut’s nicht mehr so aus, als ob sich noch was zu Ihren Ungunsten ändern könnt. Nein, nein, liebe Frau Sauerzopf, Sie brauchen jetzt noch gar nichts sagen. Ich würd Ihnen raten, Sie schlafen ein paarmal drüber, und was das Wichtigste ist – die Frau Srp hat Ihnen da im Kuvert die Adress’ und einen Lageplan hergerichtet, mit einem alten Foto, und wie Sie mit dem Autobus hinkommen. Schaun S’Ihnen die Sache einmal an, sozusagen unverbindlich und ohne dass wer davon weiß. Wenn jemand fragt, können S’ja sagen, dass die Burg nach dem 2. Weltkrieg ein Ferienlager war – das hab ich im Ort von einer alten Bäuerin g’hört – und dass S’als jung’s Mädel zwei Wochen dort war’n und neugierig sind, wie’s jetzt ausschaut. Da nehmen S’Ihnen meine Karte mit – bitte immer bei sich tragen, Sie können mich jederzeit anrufen, ich hab die Büronummer auch am Handy. Also auf Wiedersehen, Frau Sauerzopf – und rufen S’mich in ein paar Tag’ wieder an, wenn Sie einen ersten Eindruck haben! Und vorm Zurückfahren sollten S’unbedingt beim Grabner schräg vis-à-vis von der Autobushaltestelle auf einen Kaffee reinschaun“ – der Anwalt hob wieder die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formend, und schnalzte leise mit der Zunge „das ist die beste Konditorei auf 40 Kilometer Umkreis!“

Frau Sauerzopf erhob sich, noch etwas benommen von der Neuigkeit (man kann schließlich auch einen Koffer voll Geld mitten auf den Schädel bekommen) und von den vielen gutgemeinten Ratschlägen des freundlichen Advokaten. Sie lebte ja schon seit Jahren allein und war so viel konzentrierte Aufmerksamkeit nicht mehr gewohnt. „Ja, da weiß ich gar nicht, was ich tun soll, Herr Doktor, es ist alles viel auf einmal – ich werd wirklich ein paar Täg’ brauchen, bis ich das begreif. Und danke für die freundliche Beratung – hätt nie geglaubt, dass mir einmal ein Rechtsanwalt sympathisch sein könnt‘!“

Mit diesem zweischneidigen Kompliment gab sie dem Advokaten die Hand und wollte schon die Kanzlei verlassen, als ihr noch etwas einfiel: “T’schuldigen S’, Herr Doktor, Sie haben da so eine kurze Bemerkung g’macht, es ist fast kein Geld da – können S’nicht einmal ungefähr sagen, was das sein könnt?“

Herr DDr. Vlcek drehte sich – schon im Ledersessel vor dem Schreibtisch sitzend – mit Schwung um und sagte, dabei die auf den Lehnen liegende Hände nach oben öffnend: „Das ist noch nicht zu sagen, liebe Frau Sauerzopf, das Bankguthaben ist nicht hoch – und es können noch immer offene Verbindlichkeiten auftauchen – ich möchte Ihnen da wirklich keine Illusionen machen – wär momentan unseriös. Und die Gerichtsspesen und Schweizer Anwaltskosten sind auch noch nicht abgerechnet – ja, also rechnen S’lieber mit sehr wenig bis gar nichts – da können S’nur angenehm enttäuscht werden.“

Das Telefon läutete, und während Herr DDr. Vlcek abhob, wurde Frau Sauerzopf von der Sekretärin, Frau Srp, hinausgeleitet. Ein guter Vorzimmerdrache hat Augen und Ohren überall und tut selbständig und unauffällig seine Pflicht.

So war das nun – Frau Sauerzopf trat aus dem düsteren Treppenhaus in den sonnig-warmen Vormittag und blieb blinzelnd und ratlos auf dem Gehsteig stehen. Nach so einem Ereignis kann man nicht einfach nach Hause gehen und Fensterputzen oder Staubsaugen, als ob nichts geschehen wäre! Nein, dieser Tag war ein besonderer und sollte auch so durchlebt werden. Sie beschloss also – es war so angenehm im Freien – mit dem D-Wagen weiterzufahren bis Nussdorf und sich dort den seit dem Tod des Gatten nicht mehr gemachten Spaziergang zu gönnen: vom Nussdorfer Platzl in die Hackhofergasse, an den Spitzbuben und dem nunmehr geschlossenen Heurigen Stift Schotten vorbei – ewig schade, dieser weiträumige Garten mit den großen Bäumen, und den besten Krautstrudel von ganz Wien gab es dort – links hinauf in die Nussberggasse und deren Verlängerung, den Dennweg, weiter bis zur Kahlenbergerstraße. Dort war das dem Heiligen Severin geweihte Wegkreuz die natürliche Wende, um nunmehr genüsslich langsam mit dem schönen Ausblick auf Wien und die Donau bergab zu schlendern, im Mai ein paar Stammerln Flieder von einem Gartenzaun oder im Juni vor dem Schweizerhäusl – einer alpenländisch gebauten Villa am Weg – eine der fantastisch duftenden weißrosa Rosen zu stibitzen und ein gutes Wort zu reden, fernab von der häuslichen Enge, ohne Druck und Hast. An die 20 Jahre lang war das der wöchentliche Lieblingsspaziergang ihres seligen Anton gewesen – und mit ihm wollte sie nun stille Zwiesprache halten – genau das wollte sie jetzt tun, dort war sie ungestört. Es gibt für jeden Menschen wenigstens einen Platz, wo die Seele Raum zum Atmen hat, wo man Sorgen und Beruf und planendes Denken ablegt, wo man ganz einfach Mensch sein will und darf, wo man Herzbewegendes sagen und Gefühle empfangen kann wie sonst nirgendwo. Für sie war das am Nussberg in Wien. So fuhr Frau Sauerzopf im D-Wagen gemächlich an der Glasfassade der Wirtschafts-Uni in der Augasse vorbei, die Heiligenstädter Straße stadtauswärts – beim Karl-Marx-Hof gedachte sie seufzend der Steffi, einer jung verstorbenen Schulfreundin, die zuletzt dort gewohnt hatte – und schließlich stieg sie am Nussdorfer Platz aus. Es war alles wie gewohnt, als ob die Zeit stillgestanden sei, nur, dass ihr geliebter Mann nicht mehr an ihrer Seite war. „Toni, was sagst – jetzt wär’n wir auf einmal Schlossbesitzer – so was Verruckt’s – jahrzehntelang hätt’st so gern ein Schrebergartenhäuserl g’habt – grad ein paar Obstbäum’ und Rosenstöck’ und ein Fleckerl Wies’n für einen Sitzplatz zum Jausenkaffee oder zum Grillen am Abend – nicht und nicht hat’s g’reicht zu so was – und jetzt das!“

Ja, wie redet man mit einem verstorbenen lieben Menschen – Frau Sauerzopf hatte eine Mischung aus abwechselndem Denken und Murmeln entwickelt, was nicht sonderlich auffiel, wenn niemand in unmittelbarer Nähe war. Sie bog um die mit abbröckelndem Putz und Efeu bedeckte Ziegelmauer des ehemaligen Schotten-Heurigen – „Zwettler Hof, erbaut 1730“ stand auf einer Tafel neben dem Tor – in die Nussberggasse hinauf, welche tatsächlich eine schmale Allee von Nussbäumen war. Im September hatte sie mit ihrem Anton gerne ein paar abgefallene Nüsse zusammengeklaubt, um diesen wohlfeilen Schatz, ausgelöst und kleingehackt, in den nächsten handgezogenen Apfelstrudel zu mischen – ihr Strudel war im Freundeskreis berühmt und begehrt. Auch das kam ihr jetzt in den Sinn, als sie nach ein paar entgegenkommenden Passanten wieder in ihrem einsamen Zwiegespräch fortfuhr: „Ist ja kaum noch wer da, für den ich was bachen könnt – die Charwats sind schon im Altersheim, die Frau Göd vom 3. Stock ham s’vor vier Wochen eingrab’n, und unser Bua kommt höchstens alle zwei Jahr einmal auf Besuch – meiner Seel, ich verlern ja noch ’s Kochen und ’s Reden. Schön wär’s schon, stell dir vor, ich könnt in der Früh in ein’ großen Himmelbett aufwachen, die Sonn’ scheint ins Schlafzimmer, was so groß ist wie mei’ ganze Wohnung, und dann tät ich durch die Verandatür auf die Terrasse mit den Oleanderkübeln gehn und in Schlosspark rausschaun, wo alles so frisch und grün ist und nach Blumen und Gras riecht. Und dann kommt die Wirtschafterin und fragt mich, ob ich draußen frühstücken will, wo die Vogerl singen und wo kein Autolärm und kein Auspuffg’stank is! Da müsst ich mir halt so einen schönen wärmeren Schlafrock kaufen aus dem ganz dicken Frottee – aber nein, Frottee ist ein Armeleut’stoff, es g’hörert einer aus g’fütterter Seide, so ein lichter mit große Blumen drauf!“

Frau Sauerzopf verlor sich in schwärmerischen Gedanken und spann diese behagliche Vision mit Genuss weiter, bis ihr wieder etwas dem Toni Mitteilenswertes einfiel: „Ja freilich, da müsst’n auch ein paar Zimmern herg’richt werdn für unsern Buam und seine ganze Familie – da täten s’gern alle Jahr drei Wochen auf Urlaub kommen – das wär eine Freud und ein Leben in den alten Mauern, und die Zwilling’ könnten die ganzen Ferien bei mir bleiben und Ritter spiel’n und auf d’Nacht im Kamin ein Feuer machen, da lernetens’wenigstens wieder ein g’scheit‘s Deutsch und würden von ihren Schulkameraden beneidet. Allein wär ich da bestimmt nimmer so viel, da hätt ich Besuch, so oft ich wollt’ – aber da brauchert ich natürlich wen, der die ganze Arbeit macht – was hat der DDr. Vlcek g’sagt, ich soll mit kein’ Geld rechnen – ja wie soll man denn ein Schloss – oder in Gott’s Nam’ eine mittelalterliche Burg erhalten ohne Geld – mit meiner Rent’n komm ich zwar selber ganz gut aus, was brauch ich denn schon, aber für eine Burg brauchert ich ja mindestens zehnmal so viel, oder?“ Frau Sauerzopfs vordem euphorische Stimmung fiel zusammen wie ein Germteig im kalten Zug – und zunehmend kamen ihr höchst beunruhigende Gedanken: „Ja, und überhaupt, wer tät’ sich denn um alles kümmern – ich bin schon fast siebz’g, und so ein Schloss ist doch riesengroß – da müsst ich ja eine Hausbesorgerin und eine Putzfrau fürs Grobe und noch eine Wirtschafterin anstell’n, und die Hausverwaltung mit die Reparaturen und die Behörden – wer machert das nachher? Ich kann doch net alles selber machen – und außerdem – bin ich deppert, dass ich mir so ein’ Binkel Arbeit und Sorgen antu in mein’ Alter – da leb ich ja in Hernals in meiner Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung viel besser! Toni, was soll ich da machen, ich weiß mir nimmer ein und aus? Was hast immer g’sagt, wenn ich nervös war – ich soll erst einmal bis zehne zähl’n und dann nachdenken, was hintereinander g’macht g’hört – die Übersicht ist das Wichtigste, die Arbeit rennt dann ganz allein. Also gut, eins, zwei, drei, .... achte, neune, zehne – so, also was ist es Wichtigste – Toni, natürlich, vor lauter Luftschlösser bau’n“, hier musste Frau Sauerzopf nun wirklich lachen, „es ist ja gar kein Luftschloss – die Burg steht ja schon seit ein paar hundert Jahr’, hat der DDr. Vlcek g’sagt – also jetzt hab ich’s wieder – ich hab ja noch gar nicht ins Kuvert g’schaut – da ist eh gleich ein Bankerl – vis-à-vis vom Friedhof, das passt grad – jetzt schau ich mir’s einmal an, mein Luftschloss, hihi!“

Und genau das tat sie auch – kramte aus der Handtasche das alte Foto heraus, welches Frau Srp vorsorglich hergerichtet hatte: „Jö, ist das was Romantisches – wie im Film, so eine schöne Burg mitten im Wald auf an klein Kuvert Mugl, mit einer Schlosskapell’n und einer Fahne drauf – ich werd narrisch – so was gibt’s doch net. Toni, das muss ich mir anschaun – wo ist denn das Blatt’l mit’n Autobusfahrplan – wart, da brauch ich die Aug’ngläser, das ist so klein’druckt – also, wo sind die Abfahrtszeiten – da hammas – was ist denn heut – Donnerstag – aha, Montag bis Freitag um 7:30, 10, 12:30 und 17 Uhr – wie spät ist’s denn eigentlich – elfe, da könnt ich noch zum Mittagsbus z’rechtkommen, aber wann geht der z’ruck, und wie lang fahr ich denn da – aha, Ankunft 14:20 – und der nächste nach Wien geht um 16:30 – nein, nein, das wurd’ eine Hudlerei, das mag ich net. Für so was Wichtiges muss Zeit sein, da g’hört es sich vorbereitet und anständig anzog’n, Schirm hab ich auch kein’ mit – und überhaupt, mei’ selige Mutter hat immer g’sagt, früher derwart’ man sich was als dass man sich’s derrennt. Hihi, ein Schloss hätt ich mir mein Lebtag nie derrennt – aber derwart’ hab ich eins! Also, Toni, morg’n geh ich’s an, da schau ich mir’s an, unser Schloss! Muss ich halt z’Mittag wo essen gehn, das muss drin sein, hoffentlich halt es Wetter, g’sagt haben’s es im Fernsehen.“

Mit den letzten Worten erhob sich Frau Sauerzopf – und obwohl der Zweck erreicht war – sie hatte mit ihrem Anton gesprochen und wieder einen klaren Kopf – lenkte sie automatisch ihre Schritte weiter bergan in den Dennweg, wo sie träumerisch links die Häuser – aha, da war auf dem jahrelang verwilderten Grundstück gerade ein Rohbau hingestellt worden, aber viel zu groß für das schneuztüchelkleine Grundstück, dünkte es ihr – und rechts die Weingärten betrachtete, bis sie oben an der Kahlenbergerstraße war und wie gewohnt das Severin-Marterl umrundete zum Abstieg.

Robert Müller
Romanauszug aus "Adele Sauerzopf erbt ein Schloss" - in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20064

Aufgeb’m tuat ma an Briaf

Es kummt wohl für jed’n – einmal so a Zeit
Wo einfach nix glatt geht – und di nix mehr g’freut
Z‘erst strampelst und denkst dir – des kann’s ja net sei
Machst halt einmal Pause – und steigst wieder ei

Aber’s geht net, aber’s geht net – es hat ja kein Sinn
Da kannst di am Kopf stell’n – jetzt streikt die Maschin

Da fahrst auf der Autobahn – und bist no guat drauf
Und dann drängen s’ und blinken s’ – und fahr’n dir fast auf
Bis’s vorn wo an Crash gibt – und die Geg’nfahrbahn gafft
Und dei Tank ist bald leer und – im Handy kein’ Saft

Warum geht nix, warum geht nix – was is da vorn g’schehgn
Du hast seit aner Stund
– ka Bewegung mehr g’sehgn

Du baust an dein’ Häusl – am Samstag in Ruah
Da geht der Zement aus – und der Baumarkt hat zua
Jetzt denkst dir, beim Nachbarn – da burgst dir an aus
Aber der ist beim Heurig’n – und es ist niemand z’haus

Jetzt geht nix mehr, und du hast – an hilflos’n Zurn
Du kannst nimmer weiter – und der Tag ist verdurb
m

Es geht wohl bei jed’n – amal etwas schief
Damit dir was einfallt – denk alternativ
Oder drah die G’schicht um – weil des warat ja g’lacht
Und von dera Seit’n – hast es eh noch nie g’macht

Und auf einmal geht alles – du bist wieder guat drauf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf
Wia die Großmuatter g’sagt hat – nur an Briaf gibt ma auf

Robert Müller

Dieser Text ist auch als Song zu hören, vertont und gesungen von Jimmy Schlager.

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 19110

Totes Meerschweinchen

Zeichnung von Norbert-Christoph Schröckenfuchs

Zeichnung von Norbert-Christoph Schröckenfuchs

Mein Meerschweinchen ist tot – ich kann es gar nicht fassen
Hier liegt es steif und kalt – ich fühl mich so verlassen
Nichts Pelzig-Warmes mehr – um es ans Herz zu drücken
Bracht‘ ich dir Löwenzahn – du quiektest vor Entzücken
Ich werd‘ dein Gartengrab – mit Wiesenblumen schmücken

Warst immer für mich da – du wecktest mich am Morgen
Hast meine Freud erlebt – und meine kleinen Sorgen
Ich war noch Windelkind – als du zu mir gekommen
Sechs Jahre kurzes Glück – schon wirst du mir genommen

Die Mama sagt, ich muss – jetzt endlich etwas essen
Adieu, mein kleiner Freund – ich werd‘ dich nie vergessen
Adieu, mein kleiner Freund – du liebes, braves Schwein
Ich werd‘ nie mehr so un – beschwert wie früher sein

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19092

Ich bin halt ein Kriegskind

Als älterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach.

Nein, das wird keine rührselige Lebensgeschichte – die hat schließlich jeder. Aber schön langsam ist auch die Gruppe der „Zeitzeugen“, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausdünnen – und ich will die menschlichen (psychischen, soziologischen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Zeit beschreiben, damit deren Kenntnis nicht verloren geht, bzw. damit man diese unsere Generation besser versteht.

Erstaunlicherweise haben wir es gut gehabt – nicht in den ersten paar Lebensjahren, aber dann. Mein 1969 geborener Sohn hat einmal gesagt, er beneidet mich um „meine“ Zeit. Und tatsächlich: Wir haben – beginnend mit den 50er-Jahren – einen jahrzehntelangen Aufstieg erlebt. Es schien geradezu sicher, dass wir keinen Krieg mehr erleben werden, dass es mit der Wirtschaft und damit unserer sozialer Sicherheit, den Gehältern und Lebensumständen immer bergauf gehen, das Leben immer besser werden wird. Überall gab es steigende Konjunktur, Wirtschaftswachstum, neue Erfindungen, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen (kürzere Arbeitszeit, mehr Urlaub, mehr Einkommen) etc. Immer mehr gute Straßen, leistbare Autos, vielfältigere Freizeitmöglichkeiten, immer üppigere Angebote von preiswerten Fernreisen und so weiter.

Aber in den ersten Nachkriegsjahren war großer Mangel an Geld und Brennmaterial. Unser Vater war als gelernter Zimmermaler und Anstreicher im Winter meist arbeitslos und arbeitete daher wochenweise bei Abbruchfirmen – so hatte er Zugang zu Bauholz-Abfällen und damit konnten wir nachmittags unseren Zimmerofen einheizen Die Kinder von Hausparteien mit kalten Wohnungen sind deshalb zu uns spielen gekommen.

Wir Kinder haben uns von April bis Oktober auf der fast autoleeren Straße getroffen und dort sowie in den umstehenden Bombenruinen gespielt – was von unseren Eltern wegen Einsturzgefahr nicht gerne gesehen wurde. Aber in unserem Bezirk ist Gott sei Dank nichts passiert. Unsere Straßen-Spiele wie „Vater, Vater, leih mir d‘Scher“, „Räuber und Gendarm“, „Tempelhupfen“, mit billigen Tonkugerln „anmäuerln“, wenn es einen Ball gab, auch Völkerball, oder Fußball mit einem „Fetzenlaberl“ (einem aus Stoffresten zusammengeknoteten Stoffball) und vieles andere kennen unsere Enkelkinder nicht mehr. Ein oft von den Vätern selbst gebastelter Trittroller war schon Luxus, ebenso ein „Diabolo“ für die Mädchen, und ein abgeschnittenes Stück Wäscheleine ergab eine Springschnur. Bei Schlechtwetter bzw. im Winter gab es viele Kartenspiele, Schwarzer Peter, DKT oder „Mensch ärgere Dich nicht“, wo immer in einer Wohnung Platz für einige Kinder war.

Viel gefährlicher war es am naheliegenden Donaukanal, in dem zu baden mir und meinen Geschwistern wegen der Strömung strengstens verboten war – aber wir konnten ja Gott sei Dank noch nicht schwimmen und begnügten uns damit, ins seichte Ufer-Wasser zu steigen, um nach angetriebenem Gesträuch zu fischen, aus dessen Astgabeln sich die begehrten Steinschleudern herstellen ließen. Im Winter rodelten wir auf abenteuerlichen „Brettlhupfern“ (primitiv zusammengeschweißte Kufen und einige Sitzbretter darüber) die „schräge Wiese“ zum Kanal hinunter – und auch das war gefährlich, weil man bei zu viel „Schuss“ leicht über das vereiste Ufer hinaus in den Kanal rutschen und ertrinken konnte – was wirklich jemandem einmal passierte.

Das alles klingt heute ein wenig seltsam – aber was hätten wir Kinder denn sonst unternehmen können? Es gab weder Fernsehen noch Computer-Spiele, teure Sportarten konnten sich unsere Eltern nicht leisten, sogar richtiges Spielzeug oder für die Mädchen schöne Puppen war in den ersten Nachkriegsjahren Mangelware, und eine kostspielige Kinokarte war höchstens einmal monatlich erschwinglich. Unsere Eltern in der Vorstadt waren froh, uns halbwegs sattzukriegen und uns mit Schuhwerk und der notwendigsten Kleidung versorgen zu können – dies oftmals aus zweiter Hand, wenn man das Glück hatte, eine Mutter etwas größerer Kinder zu kennen, die nichts dafür verlangte.

Unser Vater hatte Bekannte „am Land“ im südlichen Niederösterreich, und dort malte er den Bauern die Stuben aus und brachte dafür Lebensmittel, meistens Erdäpfel und Schmalz, per Autobus nach Hause. Natürlich war auch in Wien – wenn es wieder wärmer war – fallweise ein Pfusch die Rettung unserer Haushaltskassa.

Überhaupt war in dieser Notzeit der sparsamste Umgang mit allen möglichen Ressourcen angesagt. Da wurde kein Stück Holz, kein Fetzen Papier, kein Lappen Stoff, der noch irgendeinen Nutzen abgeworfen hätte, zum Abfall geworfen. So wurden zum Beispiel von einem unbrauchbar gewordenen Herrenhemd zuerst die Knöpfe abgeschnitten und aufgehoben und der Stoff zu Putzlappen zerschnitten. Die eben auf den Markt kommenden Reißverschlüsse wurden beim „Ausmustern“ von Hosen sorgsam abgetrennt und für Reparaturen wiederverwendet. Zu Weihnachten wurde das bunte Papier der Geschenke sorgsam abgewickelt und für nächstes Jahr aufgehoben. Man war in dieser Zeit mit wenig zufrieden und schon der bescheidenste „Wohlstand“ (zum Beispiel ein Stück Fleisch am Sonntag und ein Pudding als Nachtisch) waren pures Glück. Denn viele andere hatten damals auch nicht mehr!

Dazu passt eine Urlaubsanekdote aus Zypern:

Vor einigen Jahren waren wir in den Bungalows eines schönen Garten-Hotels untergebracht. Im zentralen großen Speisesaal mit reichhaltigem Buffet war freie Platzwahl. Meine Frau und ich saßen am ersten Abend an einem Fenster-Tisch, als uns eine ebenfalls ältere Dame fragte, ob für sie noch Platz wäre, und sie wurde von uns freundlich eingeladen. Mit der Mittelschullehrerin in Ruhestand war angenehm zu plaudern, und wir blieben nach dem Essen noch eine Weile sitzen. Da fiel mir auf unserem Tisch etwas auf – und ich fragte die Dame, ob sie noch ein Kriegsjahrgang sei. Nach einer Schrecksekunde (denn es verriet doch das Alter) nickte sie: Gerade noch, sie wäre im Jänner 45 geboren – ob man ihr denn das ansehe. Ich lachte und deutete auf unsere beiden abgegessenen Teller in der Tischmitte – nein, das hätte es mir verraten! Da sah sie genauer hin und lachte ebenfalls: Im Gegensatz zu den Tellern der anderen Gäste waren mein und ihr Teller nicht nur ratzekahl leer – auch den Saft hatten wir noch mit Brot aufgetunkt. „Ja – ich verstehe“, meinte sie, auch sie hätte noch gelernt, dass immer genug zu essen zu haben nicht selbstverständlich sei, und dass Lebensmittel nicht in den Mistkübel gehörten. Worüber sich die Generationen nach uns kaum Gedanken machen.

In der Seele Gespeichertes:

Zu allererst ist noch für viele von „uns Kriegskindern“ die persönliche „Bedürfnislosigkeit“ typisch: Wer in dieser kargen Zeit aufgewachsen ist und aus der Situation heraus gelernt hat / gewohnt war, mit einfachen und wenigen Dingen auszukommen, steht dem heutigen Überangebot und der sinnlosen Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen oft verständnislos gegenüber. Was sollen, wozu braucht man alle paar Jahre neue Sachen, Möbel. Geräte, Kleidung, Auto und so weiter – und die noch gebrauchsfähigen, tadellos funktionierenden werden „entsorgt“! Zugegeben, bei der Kleidung sind die Männer noch sparsamer – sie sind ja die einzigen Menschen (so die spöttische Anmerkung einer Dame), welche abgetragenen Kleidungsstücken nachtrauern. Der Autor hat seinen zehnjährigen abgewetzten Hubertusmantel nur ungern in den Humana-Container gestopft und noch zwei Jahre lang vermisst; er ist auch mit dem neuen nicht zufrieden, weil er nicht so bequem wie der alte ist.

Auch bei der Nahrung – das heißt Einkaufen, Kochen, Essen und „Reste-Verwertung“ – sind die Kriegskinder eigen. Da gab es immer einfache, selbst gekochte Gerichte, nur am Sonntag mit Dessert, und alle „Überbleibsel“ wurden am nächsten oder übernächsten Tag wiederverwertet, die vom Sonntag übrigen Knödel wurden mit (oft nur einem einzigen) Ei angeröstet, aus den Nudeln vom Vortag wurde ein Nudelsalat, das Gemüse mit einer abgebratenen Knackwurst wieder aufgetischt und vieles mehr.

Apropos „Restlverwertung“: Viele Gleichaltrige vermissen heute noch den guten „Grenadiermarsch“, ein Pfannengericht aus Teigwaren oder Knödelresten, mit frisch gekochten/übriggebliebenen Erdäpfeln und fallweise auch mit etwas Zwiebeln gemischt und angeröstet – dazu Salat der Saison. Das wird heute fallweise in eleganten Restaurants als ganz besonderes Tellergericht serviert.
Wer gewohnt war, am Samstag (später am Freitag nachmittags) persönlich auf den nächsten Markt zu gehen, beim Standler, Fleischhauer und Bäcker einzukaufen und dieses Angebot an naturbelassenen Lebensmitteln mit allen Sinnen aufzunehmen, kann sich später mit Tiefkühl- und Fabriksnahrung nicht abfinden. Ich vermisse heute noch das bunte Bild der Marktstände, die Rufe der Händlerinnen, die Kommentare der einkaufenden Hausfrauen, die Geruchsmischung von Kaffeeröster, Sauerkräutler und Fischhändler und vor allem den herrlichen Duft nach warmem Leberkäse und geselchten Würsten beim Fleischhauer und den ebenso angenehmen Duft nach Brot, Semmeln und Feinbackware beim Bäckerei-Stand.

Da war der Gang mit der Einkaufstasche durch die Gassen des Wohnviertels, mit dem Grüßen und ein paar Worte mit den Nachbarn Wechseln schon eine angenehme Selbstverständlichkeit, das Beobachten der unmittelbaren Umgebung, der Blick in die Auslagen der damals noch existierenden Geschäfte, der politische Kurzkommentar des Trafikanten beim Zeitungskauf gewohnt und unentbehrlich – man hat nicht auf die Schnelle eingekauft, man hat gelebt und erlebt, wurde wahrgenommen und war Teil seines Bezirkes!

Ein kleiner Rest dieser damals noch deutlich langsamer laufenden Zeit ist bei uns im Weinviertel oder generell „am Land“ oft noch zu spüren und macht einen Teil der hiesigen Lebensqualität aus.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18143

 

Ein Wiener zu Weihnachten

Es sagen viele Menschen Jahr für Jahr:
„Weihnachten ist heut’ nimmer – was es einmal war
Der einzig stete Weihnachtsbrauch – war immer nur der volle Bauch
Die Hetze und das viele Geld – wo doch schon jeder alles hat
Mir reicht’s, ich fahre fort – was soll ich in der Stadt?
Wieder die Berge sehen – und den schönen Wald
Die neuen Schi probieren – und ein bisserl Hüttenzauber halt“

Und ist man angekommen – nach zwei, drei Stunden Stau
Dann wimmelt’s dort von Menschen – und die meisten sind schon blau
Wo immer man auch hingeht – die andern sind schon dort
Am Schilift und den Pisten – geht das Gedränge fort
Vom Jagertee „ermutigt“ – lässt man die Sau heraus
Und oft genug erwacht man – im nächsten Krankenhaus

Da ist die Luft dann draußen – auf einmal hat man Zeit
Wozu die ganze Hetze – der Trubel, und das Leid?
Was man so lang gesucht hat – hier findet man die Ruh
Und als Geschenk des Hauses – ein Gipsbein noch dazu
Der Wunsch ans Christkind lautet: – „Nur gehen, ohne Krücken
Die Schuhe selber anzieh’n können – und keinen Schmerz im Rücken“

Da sitzt man am Spitalsbett – und draußen liegt der Schnee
Vielleicht sieht man am Waldesrand – zur Dämmerung ein Reh
Man freut sich, wenn Besuch kommt – wenn jemand nach dir fragt
Und nicht nur mit dir redet – sondern auch was sagt
Deine Hoffnungen und Ängste – kannst du wem anvertrau’n
Und im Gespräch und Austausch – eine gute Brücke bau’n

Ich kenne eine kleine Wiener Bar – die Heiligabend stets am vollsten war
Von Menschen, die – von Heucheln und Geschenken satt
Wo miteinander fröhlich sein – ein schönes Schlupfloch hat
Der Cocktail schmeckt fantastisch – man fühlt sich endlich leicht
Und hat ohne Erwartungsdruck – sein Weihnachtsziel erreicht:
Ganz unbeschwert ein Mensch sein – mit jemand, den man mag
Nichts wollen und nichts müssen – ist schon ein Feiertag

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 17192

 

Der kleine Tannenbaum

Ich bin ein kleiner Tannenbaum – und steh im großen Wald
Und weil ich nicht alleine bin – drum ist mir gar nicht kalt
Die Mama sagt, ich bin ein Schatz – sie muss mich gar nicht tadeln
Ich hab in meiner Rinde Platz – und glänze mit den Nadeln
Die kleinen Kinder hab ich gern – wenn durch den Wald sie purzeln
Beim Schwammerlsuchen und beim Spiel – das kitzelt in den Wurzeln

Wir sind für Weihnacht angepflanzt – so sagt der Förster immer
Mein großer Bruder ist schon weg – im Doktor-Wartezimmer
Mein Papa steht am Rathausplatz – wo ihn ein jeder findet
Der Bürgermeister selber hat – die Lichter angezündet
Beim dicken Selchermeister steht – meine Tante ohne Bangen
Viel kleine Würstel statt Bonbons – hat er auf sie gehangen

Im Bäckerhaus gleich nebenan – wird meine Schwester stehen
Mit Kipferln und mit Keksen dran – kann sie ein jeder sehen
Nun kommt ein junges Elternpaar – das wird mich sicher kaufen
Ihr Mäderl ist ein Jahr erst alt – und fängt schon an zu laufen
Es ist so schön, das Kind zu seh‘n – wenn dann das Glöckchen bimmelt
Dann bleib ich bis Dreikönig noch – ich fürcht mich nicht vorm Ofenloch
Denn wenn ich brenne, werd ich Rauch – und schwebe in den Himmel

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 17181

Die Steinsuppe

Ein Märchen, das es vielen Variationen und Kulturkreisen gibt.

Eines Abends kommen ein paar arme, hungrige Fremde mit nichts als einem leeren Kochtopf in ein Dorf. Die Bewohner geben ihnen aber nichts zu essen. Da füllen die Fremden ihren Topf mit Wasser, werfen einen Stein hinein und bringen ihn am Dorfplatz zum Kochen. Das weckt die Neugier der Dorfbewohner und sie fragen die Fremden, was sie da machen.

„Steinsuppe“, erklären die Fremden, „sie ist köstlich, wie Ihr bald sehen werdet; aber sie würde noch besser schmecken, wenn Ihr irgendetwas übrig hättet, um sie zu würzen.“ Da gibt ihnen ein Dorfbewohner ein paar Stängel Petersilie. Eine Frau erinnert sich, dass sie zu Hause noch einige Kartoffel hätte, holt sie und wirft sie in den Topf. Eine andere steuert eine Zwiebel und eine große Karotte bei. Und ein weiterer Dorfbewohner bringt einen Schinkenknochen. Während es im Topf kocht, kommen immer mehr Leute vorbei, um einen Rest von diesem oder ein Stückchen von jenem hineinzuwerfen, bis sich sein Inhalt zu einer nahrhaften und wohlschmeckenden  Suppe verdickt hat. Alle – die Dorfbewohner und die Fremden – setzen sich hin und genießen zusammen ein Festmahl.

„Ihr habt uns das größte Geschenk gemacht“, erklärt einer der Dorfältesten, „das Geheimnis, wie man aus Steinen Suppe macht.“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 16154

Der falsche Mönch

Und es begab sich Anno Domini 1991, dass der fahrende Schüler Robert eine Studienreise ins Ursprungsland unserer Kultur, nämlich nach Irland machte. Bekanntlich waren es irische Mönche, die im Spätmittelalter zu uns Barbaren kamen, um uns Lesen und Schreiben zu lehren, womit sie (ohne es zu wissen oder gar zu wollen) dem Gottseibeiuns Microsoft und verwandtem Gelichter die spätere Basis schufen. Doch nicht um diese zu erforschen, sondern in sittlicher Einsamkeit (er hatte leider kein sündhaftes Weib überreden können mitzufahren) die frommen Urväter und deren romanische Behausungen kennenzulernen war sein Begehr. Unterwegs traf er einen Gesellen aus Ostdeutschland mit derselben Absicht – und so zogen sie miteinander fürbass, denn die Zeiten waren schlecht und die um Kaugummi und Pennies bettelnden Kinder lästig und zahlreich.

Eines Tages kamen sie an ein Kloster, das schon sehr verfallen war – und kein Führer da, der sie belehrt, keine Quelle, die sie getränkt hätte. So lagerten sie in der Mitte zwischen den eingestürzten Kreuzgängen und sogen den in einer Flasche Bushmill mitgeführten Heiligen Geist zur Gänze aus. Bald fielen sie in ein angenehmes Dösen, aus dem sie von einer anrückenden westdeutschen Großfamilie aufgeschreckt wurden: „Kuck doch mal, diese faulen Gesellen liechen da am hellichten Tach rum – und besoffen sind sie auch, das ist doch eine Whisky-Flasche da, oder?“ Blitzschnell dachte Robert „Management by situation ist angesagt“, und bevor sich sein Kollege noch hochgerappelt hatte, ging er schon auf die Gruppe zu: „I’m the guide here, the admission is one pound the adults, the kids 50 pee, it will last about half an hour!“ Gewohnt, einer Autorität zu gehorchen und für alles zu bezahlen, griff der fette Wohlstandsbürger ans Herz in der hinteren Hosentasche und spendete.

Was nun die deutsche Großfamilie Erstaunliches aus der Geschichte dieses Klosters zu hören bekam, weiß Robert heute nicht mehr genau, und Gott in seiner allwissenden Einsamkeit hielt sich gewiss manchmal die Ohren zu (er liebt die Menschen bekanntlich immer noch, überhaupt wenn sie ihn zum Lachen bringen) – aber es war Erstaunliches, Düsteres und teilweise auch gänzlich Unbekanntes für die Menschheit im Allgemeinen und die Kirchengeschichte im Besonderen.

Aber zum Teufel (der sicher auch grinsend zuhörte) noch mal, wo hätten die staunenden Touristen auch reklamieren wollen, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, das Gehörte nachzuprüfen. Und der stolze Preis rechtfertigte eine abenteuerliche Story – überhaupt die Einlage, dass die gewisslich im Grab rotierenden Mönche einmal im Jahr mit Alkohol und Frauen sündigen mussten, um hernach eine rechte Abscheu vor diesem Treiben zu bekommen.

Wie auch immer, der Herrgott sorgt nicht nur für die Sperlinge auf dem Dach, sondern auch für die fahrenden Schüler, die sein Wort – wenn auch manchmal arg verzerrt – verkünden und dafür den unverhofften Obulus für die notleidenden Pubs in der Umgebung spendeten.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 16032