Kategorie-Archiv: Robert Müller

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Ich bin halt ein Kriegskind

Als älterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach.

Nein, das wird keine rührselige Lebensgeschichte – die hat schließlich jeder. Aber schön langsam ist auch die Gruppe der „Zeitzeugen“, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausdünnen – und ich will die menschlichen (psychischen, soziologischen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Zeit beschreiben, damit deren Kenntnis nicht verloren geht, bzw. damit man diese unsere Generation besser versteht.

Erstaunlicherweise haben wir es gut gehabt – nicht in den ersten paar Lebensjahren, aber dann. Mein 1969 geborener Sohn hat einmal gesagt, er beneidet mich um „meine“ Zeit. Und tatsächlich: Wir haben – beginnend mit den 50er-Jahren – einen jahrzehntelangen Aufstieg erlebt. Es schien geradezu sicher, dass wir keinen Krieg mehr erleben werden, dass es mit der Wirtschaft und damit unserer sozialer Sicherheit, den Gehältern und Lebensumständen immer bergauf gehen, das Leben immer besser werden wird. Überall gab es steigende Konjunktur, Wirtschaftswachstum, neue Erfindungen, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen (kürzere Arbeitszeit, mehr Urlaub, mehr Einkommen) etc. Immer mehr gute Straßen, leistbare Autos, vielfältigere Freizeitmöglichkeiten, immer üppigere Angebote von preiswerten Fernreisen und so weiter.

Aber in den ersten Nachkriegsjahren war großer Mangel an Geld und Brennmaterial. Unser Vater war als gelernter Zimmermaler und Anstreicher im Winter meist arbeitslos und arbeitete daher wochenweise bei Abbruchfirmen – so hatte er Zugang zu Bauholz-Abfällen und damit konnten wir nachmittags unseren Zimmerofen einheizen Die Kinder von Hausparteien mit kalten Wohnungen sind deshalb zu uns spielen gekommen.

Wir Kinder haben uns von April bis Oktober auf der fast autoleeren Straße getroffen und dort sowie in den umstehenden Bombenruinen gespielt – was von unseren Eltern wegen Einsturzgefahr nicht gerne gesehen wurde. Aber in unserem Bezirk ist Gott sei Dank nichts passiert. Unsere Straßen-Spiele wie „Vater, Vater, leih mir d‘Scher“, „Räuber und Gendarm“, „Tempelhupfen“, mit billigen Tonkugerln „anmäuerln“, wenn es einen Ball gab, auch Völkerball, oder Fußball mit einem „Fetzenlaberl“ (einem aus Stoffresten zusammengeknoteten Stoffball) und vieles andere kennen unsere Enkelkinder nicht mehr. Ein oft von den Vätern selbst gebastelter Trittroller war schon Luxus, ebenso ein „Diabolo“ für die Mädchen, und ein abgeschnittenes Stück Wäscheleine ergab eine Springschnur. Bei Schlechtwetter bzw. im Winter gab es viele Kartenspiele, Schwarzer Peter, DKT oder „Mensch ärgere Dich nicht“, wo immer in einer Wohnung Platz für einige Kinder war.

Viel gefährlicher war es am naheliegenden Donaukanal, in dem zu baden mir und meinen Geschwistern wegen der Strömung strengstens verboten war – aber wir konnten ja Gott sei Dank noch nicht schwimmen und begnügten uns damit, ins seichte Ufer-Wasser zu steigen, um nach angetriebenem Gesträuch zu fischen, aus dessen Astgabeln sich die begehrten Steinschleudern herstellen ließen. Im Winter rodelten wir auf abenteuerlichen „Brettlhupfern“ (primitiv zusammengeschweißte Kufen und einige Sitzbretter darüber) die „schräge Wiese“ zum Kanal hinunter – und auch das war gefährlich, weil man bei zu viel „Schuss“ leicht über das vereiste Ufer hinaus in den Kanal rutschen und ertrinken konnte – was wirklich jemandem einmal passierte.

Das alles klingt heute ein wenig seltsam – aber was hätten wir Kinder denn sonst unternehmen können? Es gab weder Fernsehen noch Computer-Spiele, teure Sportarten konnten sich unsere Eltern nicht leisten, sogar richtiges Spielzeug oder für die Mädchen schöne Puppen war in den ersten Nachkriegsjahren Mangelware, und eine kostspielige Kinokarte war höchstens einmal monatlich erschwinglich. Unsere Eltern in der Vorstadt waren froh, uns halbwegs sattzukriegen und uns mit Schuhwerk und der notwendigsten Kleidung versorgen zu können – dies oftmals aus zweiter Hand, wenn man das Glück hatte, eine Mutter etwas größerer Kinder zu kennen, die nichts dafür verlangte.

Unser Vater hatte Bekannte „am Land“ im südlichen Niederösterreich, und dort malte er den Bauern die Stuben aus und brachte dafür Lebensmittel, meistens Erdäpfel und Schmalz, per Autobus nach Hause. Natürlich war auch in Wien – wenn es wieder wärmer war – fallweise ein Pfusch die Rettung unserer Haushaltskassa.

Überhaupt war in dieser Notzeit der sparsamste Umgang mit allen möglichen Ressourcen angesagt. Da wurde kein Stück Holz, kein Fetzen Papier, kein Lappen Stoff, der noch irgendeinen Nutzen abgeworfen hätte, zum Abfall geworfen. So wurden zum Beispiel von einem unbrauchbar gewordenen Herrenhemd zuerst die Knöpfe abgeschnitten und aufgehoben und der Stoff zu Putzlappen zerschnitten. Die eben auf den Markt kommenden Reißverschlüsse wurden beim „Ausmustern“ von Hosen sorgsam abgetrennt und für Reparaturen wiederverwendet. Zu Weihnachten wurde das bunte Papier der Geschenke sorgsam abgewickelt und für nächstes Jahr aufgehoben. Man war in dieser Zeit mit wenig zufrieden und schon der bescheidenste „Wohlstand“ (zum Beispiel ein Stück Fleisch am Sonntag und ein Pudding als Nachtisch) waren pures Glück. Denn viele andere hatten damals auch nicht mehr!

Dazu passt eine Urlaubsanekdote aus Zypern:

Vor einigen Jahren waren wir in den Bungalows eines schönen Garten-Hotels untergebracht. Im zentralen großen Speisesaal mit reichhaltigem Buffet war freie Platzwahl. Meine Frau und ich saßen am ersten Abend an einem Fenster-Tisch, als uns eine ebenfalls ältere Dame fragte, ob für sie noch Platz wäre, und sie wurde von uns freundlich eingeladen. Mit der Mittelschullehrerin in Ruhestand war angenehm zu plaudern, und wir blieben nach dem Essen noch eine Weile sitzen. Da fiel mir auf unserem Tisch etwas auf – und ich fragte die Dame, ob sie noch ein Kriegsjahrgang sei. Nach einer Schrecksekunde (denn es verriet doch das Alter) nickte sie: Gerade noch, sie wäre im Jänner 45 geboren – ob man ihr denn das ansehe. Ich lachte und deutete auf unsere beiden abgegessenen Teller in der Tischmitte – nein, das hätte es mir verraten! Da sah sie genauer hin und lachte ebenfalls: Im Gegensatz zu den Tellern der anderen Gäste waren mein und ihr Teller nicht nur ratzekahl leer – auch den Saft hatten wir noch mit Brot aufgetunkt. „Ja – ich verstehe“, meinte sie, auch sie hätte noch gelernt, dass immer genug zu essen zu haben nicht selbstverständlich sei, und dass Lebensmittel nicht in den Mistkübel gehörten. Worüber sich die Generationen nach uns kaum Gedanken machen.

In der Seele Gespeichertes:

Zu allererst ist noch für viele von „uns Kriegskindern“ die persönliche „Bedürfnislosigkeit“ typisch: Wer in dieser kargen Zeit aufgewachsen ist und aus der Situation heraus gelernt hat / gewohnt war, mit einfachen und wenigen Dingen auszukommen, steht dem heutigen Überangebot und der sinnlosen Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen oft verständnislos gegenüber. Was sollen, wozu braucht man alle paar Jahre neue Sachen, Möbel. Geräte, Kleidung, Auto und so weiter – und die noch gebrauchsfähigen, tadellos funktionierenden werden „entsorgt“! Zugegeben, bei der Kleidung sind die Männer noch sparsamer – sie sind ja die einzigen Menschen (so die spöttische Anmerkung einer Dame), welche abgetragenen Kleidungsstücken nachtrauern. Der Autor hat seinen zehnjährigen abgewetzten Hubertusmantel nur ungern in den Humana-Container gestopft und noch zwei Jahre lang vermisst; er ist auch mit dem neuen nicht zufrieden, weil er nicht so bequem wie der alte ist.

Auch bei der Nahrung – das heißt Einkaufen, Kochen, Essen und „Reste-Verwertung“ – sind die Kriegskinder eigen. Da gab es immer einfache, selbst gekochte Gerichte, nur am Sonntag mit Dessert, und alle „Überbleibsel“ wurden am nächsten oder übernächsten Tag wiederverwertet, die vom Sonntag übrigen Knödel wurden mit (oft nur einem einzigen) Ei angeröstet, aus den Nudeln vom Vortag wurde ein Nudelsalat, das Gemüse mit einer abgebratenen Knackwurst wieder aufgetischt und vieles mehr.

Apropos „Restlverwertung“: Viele Gleichaltrige vermissen heute noch den guten „Grenadiermarsch“, ein Pfannengericht aus Teigwaren oder Knödelresten, mit frisch gekochten/übriggebliebenen Erdäpfeln und fallweise auch mit etwas Zwiebeln gemischt und angeröstet – dazu Salat der Saison. Das wird heute fallweise in eleganten Restaurants als ganz besonderes Tellergericht serviert.
Wer gewohnt war, am Samstag (später am Freitag nachmittags) persönlich auf den nächsten Markt zu gehen, beim Standler, Fleischhauer und Bäcker einzukaufen und dieses Angebot an naturbelassenen Lebensmitteln mit allen Sinnen aufzunehmen, kann sich später mit Tiefkühl- und Fabriksnahrung nicht abfinden. Ich vermisse heute noch das bunte Bild der Marktstände, die Rufe der Händlerinnen, die Kommentare der einkaufenden Hausfrauen, die Geruchsmischung von Kaffeeröster, Sauerkräutler und Fischhändler und vor allem den herrlichen Duft nach warmem Leberkäse und geselchten Würsten beim Fleischhauer und den ebenso angenehmen Duft nach Brot, Semmeln und Feinbackware beim Bäckerei-Stand.

Da war der Gang mit der Einkaufstasche durch die Gassen des Wohnviertels, mit dem Grüßen und ein paar Worte mit den Nachbarn Wechseln schon eine angenehme Selbstverständlichkeit, das Beobachten der unmittelbaren Umgebung, der Blick in die Auslagen der damals noch existierenden Geschäfte, der politische Kurzkommentar des Trafikanten beim Zeitungskauf gewohnt und unentbehrlich – man hat nicht auf die Schnelle eingekauft, man hat gelebt und erlebt, wurde wahrgenommen und war Teil seines Bezirkes!

Ein kleiner Rest dieser damals noch deutlich langsamer laufenden Zeit ist bei uns im Weinviertel oder generell „am Land“ oft noch zu spüren und macht einen Teil der hiesigen Lebensqualität aus.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18143

 

Ein Wiener zu Weihnachten

Es sagen viele Menschen Jahr für Jahr:
„Weihnachten ist heut’ nimmer – was es einmal war
Der einzig stete Weihnachtsbrauch – war immer nur der volle Bauch
Die Hetze und das viele Geld – wo doch schon jeder alles hat
Mir reicht’s, ich fahre fort – was soll ich in der Stadt?
Wieder die Berge sehen – und den schönen Wald
Die neuen Schi probieren – und ein bisserl Hüttenzauber halt“

Und ist man angekommen – nach zwei, drei Stunden Stau
Dann wimmelt’s dort von Menschen – und die meisten sind schon blau
Wo immer man auch hingeht – die andern sind schon dort
Am Schilift und den Pisten – geht das Gedränge fort
Vom Jagertee „ermutigt“ – lässt man die Sau heraus
Und oft genug erwacht man – im nächsten Krankenhaus

Da ist die Luft dann draußen – auf einmal hat man Zeit
Wozu die ganze Hetze – der Trubel, und das Leid?
Was man so lang gesucht hat – hier findet man die Ruh
Und als Geschenk des Hauses – ein Gipsbein noch dazu
Der Wunsch ans Christkind lautet: – „Nur gehen, ohne Krücken
Die Schuhe selber anzieh’n können – und keinen Schmerz im Rücken“

Da sitzt man am Spitalsbett – und draußen liegt der Schnee
Vielleicht sieht man am Waldesrand – zur Dämmerung ein Reh
Man freut sich, wenn Besuch kommt – wenn jemand nach dir fragt
Und nicht nur mit dir redet – sondern auch was sagt
Deine Hoffnungen und Ängste – kannst du wem anvertrau’n
Und im Gespräch und Austausch – eine gute Brücke bau’n

Ich kenne eine kleine Wiener Bar – die Heiligabend stets am vollsten war
Von Menschen, die – von Heucheln und Geschenken satt
Wo miteinander fröhlich sein – ein schönes Schlupfloch hat
Der Cocktail schmeckt fantastisch – man fühlt sich endlich leicht
Und hat ohne Erwartungsdruck – sein Weihnachtsziel erreicht:
Ganz unbeschwert ein Mensch sein – mit jemand, den man mag
Nichts wollen und nichts müssen – ist schon ein Feiertag

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 17192

 

Der kleine Tannenbaum

Ich bin ein kleiner Tannenbaum – und steh im großen Wald
Und weil ich nicht alleine bin – drum ist mir gar nicht kalt
Die Mama sagt, ich bin ein Schatz – sie muss mich gar nicht tadeln
Ich hab in meiner Rinde Platz – und glänze mit den Nadeln
Die kleinen Kinder hab ich gern – wenn durch den Wald sie purzeln
Beim Schwammerlsuchen und beim Spiel – das kitzelt in den Wurzeln

Wir sind für Weihnacht angepflanzt – so sagt der Förster immer
Mein großer Bruder ist schon weg – im Doktor-Wartezimmer
Mein Papa steht am Rathausplatz – wo ihn ein jeder findet
Der Bürgermeister selber hat – die Lichter angezündet
Beim dicken Selchermeister steht – meine Tante ohne Bangen
Viel kleine Würstel statt Bonbons – hat er auf sie gehangen

Im Bäckerhaus gleich nebenan – wird meine Schwester stehen
Mit Kipferln und mit Keksen dran – kann sie ein jeder sehen
Nun kommt ein junges Elternpaar – das wird mich sicher kaufen
Ihr Mäderl ist ein Jahr erst alt – und fängt schon an zu laufen
Es ist so schön, das Kind zu seh‘n – wenn dann das Glöckchen bimmelt
Dann bleib ich bis Dreikönig noch – ich fürcht mich nicht vorm Ofenloch
Denn wenn ich brenne, werd ich Rauch – und schwebe in den Himmel

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 17181

Die Steinsuppe

Ein Märchen, das es vielen Variationen und Kulturkreisen gibt.

Eines Abends kommen ein paar arme, hungrige Fremde mit nichts als einem leeren Kochtopf in ein Dorf. Die Bewohner geben ihnen aber nichts zu essen. Da füllen die Fremden ihren Topf mit Wasser, werfen einen Stein hinein und bringen ihn am Dorfplatz zum Kochen. Das weckt die Neugier der Dorfbewohner und sie fragen die Fremden, was sie da machen.

„Steinsuppe“, erklären die Fremden, „sie ist köstlich, wie Ihr bald sehen werdet; aber sie würde noch besser schmecken, wenn Ihr irgendetwas übrig hättet, um sie zu würzen.“ Da gibt ihnen ein Dorfbewohner ein paar Stängel Petersilie. Eine Frau erinnert sich, dass sie zu Hause noch einige Kartoffel hätte, holt sie und wirft sie in den Topf. Eine andere steuert eine Zwiebel und eine große Karotte bei. Und ein weiterer Dorfbewohner bringt einen Schinkenknochen. Während es im Topf kocht, kommen immer mehr Leute vorbei, um einen Rest von diesem oder ein Stückchen von jenem hineinzuwerfen, bis sich sein Inhalt zu einer nahrhaften und wohlschmeckenden  Suppe verdickt hat. Alle – die Dorfbewohner und die Fremden – setzen sich hin und genießen zusammen ein Festmahl.

„Ihr habt uns das größte Geschenk gemacht“, erklärt einer der Dorfältesten, „das Geheimnis, wie man aus Steinen Suppe macht.“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 16154

Der falsche Mönch

Und es begab sich Anno Domini 1991, dass der fahrende Schüler Robert eine Studienreise ins Ursprungsland unserer Kultur, nämlich nach Irland machte. Bekanntlich waren es irische Mönche, die im Spätmittelalter zu uns Barbaren kamen, um uns Lesen und Schreiben zu lehren, womit sie (ohne es zu wissen oder gar zu wollen) dem Gottseibeiuns Microsoft und verwandtem Gelichter die spätere Basis schufen. Doch nicht um diese zu erforschen, sondern in sittlicher Einsamkeit (er hatte leider kein sündhaftes Weib überreden können mitzufahren) die frommen Urväter und deren romanische Behausungen kennenzulernen war sein Begehr. Unterwegs traf er einen Gesellen aus Ostdeutschland mit derselben Absicht – und so zogen sie miteinander fürbass, denn die Zeiten waren schlecht und die um Kaugummi und Pennies bettelnden Kinder lästig und zahlreich.

Eines Tages kamen sie an ein Kloster, das schon sehr verfallen war – und kein Führer da, der sie belehrt, keine Quelle, die sie getränkt hätte. So lagerten sie in der Mitte zwischen den eingestürzten Kreuzgängen und sogen den in einer Flasche Bushmill mitgeführten Heiligen Geist zur Gänze aus. Bald fielen sie in ein angenehmes Dösen, aus dem sie von einer anrückenden westdeutschen Großfamilie aufgeschreckt wurden: „Kuck doch mal, diese faulen Gesellen liechen da am hellichten Tach rum – und besoffen sind sie auch, das ist doch eine Whisky-Flasche da, oder?“ Blitzschnell dachte Robert „Management by situation ist angesagt“, und bevor sich sein Kollege noch hochgerappelt hatte, ging er schon auf die Gruppe zu: „I’m the guide here, the admission is one pound the adults, the kids 50 pee, it will last about half an hour!“ Gewohnt, einer Autorität zu gehorchen und für alles zu bezahlen, griff der fette Wohlstandsbürger ans Herz in der hinteren Hosentasche und spendete.

Was nun die deutsche Großfamilie Erstaunliches aus der Geschichte dieses Klosters zu hören bekam, weiß Robert heute nicht mehr genau, und Gott in seiner allwissenden Einsamkeit hielt sich gewiss manchmal die Ohren zu (er liebt die Menschen bekanntlich immer noch, überhaupt wenn sie ihn zum Lachen bringen) – aber es war Erstaunliches, Düsteres und teilweise auch gänzlich Unbekanntes für die Menschheit im Allgemeinen und die Kirchengeschichte im Besonderen.

Aber zum Teufel (der sicher auch grinsend zuhörte) noch mal, wo hätten die staunenden Touristen auch reklamieren wollen, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, das Gehörte nachzuprüfen. Und der stolze Preis rechtfertigte eine abenteuerliche Story – überhaupt die Einlage, dass die gewisslich im Grab rotierenden Mönche einmal im Jahr mit Alkohol und Frauen sündigen mussten, um hernach eine rechte Abscheu vor diesem Treiben zu bekommen.

Wie auch immer, der Herrgott sorgt nicht nur für die Sperlinge auf dem Dach, sondern auch für die fahrenden Schüler, die sein Wort – wenn auch manchmal arg verzerrt – verkünden und dafür den unverhofften Obulus für die notleidenden Pubs in der Umgebung spendeten.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 16032

Die Zeit

Woher kommt das Universum und wohin entwickelt es sich? Hatte es wirklich einen Anfang? Und wenn ja, was geschah davor? Was ist die Zeit? Wird sie je ein Ende finden? Neuere Erkenntnisse in der Physik legen einige Antworten auf diese alten Fragen nahe. Eines Tages werden uns diese Antworten vielleicht so selbstverständlich erscheinen wie die Tatsache, daß die Erde um die Sonne kreist. Nur die Zukunft kann uns eine Antwort darauf geben.
(Stephen W. Hawking)

Woher kummt es Weltall – und wo geht’s dann hin?
Und was war dann vorher – und was hat’s für an Sinn?
Wird die Zeit einmal aufhör’n – rennt das alles im Kreis?
Dös san Frag’n, wo a d‘ Wissenschaft – net weiterweiß.
Von die g’scheitesten Leut‘ – is ka Antwort zum hör’n.
Mei Schatzerl, ich kann Dir das – einfach erklär’n:
Vor Dir war gar nix – und nach Dir ist’s passé.
Und so lang Du bei mir bist – bleibt die Zeit einfach steh’!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude| Inventarnummer: 15084

Fragment

Der erste Absatz des Textes ist von Nobelpreisträger Patrick Modiano, den Rest habe ich ergänzt.

Oft hatte ich Angst, und um wieder Mut zu schöpfen, wäre ich gerne zu meiner Mutter gelaufen, aber ich hätte sie nur bei der Arbeit gestört. Heute weiß ich, sie hätte mich nicht ausgeschimpft, denn in jener Nacht, als sie mich vom Polizeirevier abholte, habe ich von ihr keinen Vorwurf gehört, keine Drohung, keine Moralpredigt. Wir gingen stumm nebeneinander. Mitten auf der Straße hörte ich sie mit teilnahmsloser Stimme sagen: „Meine arme Kleine!“ Ich fragte mich jedoch, ob sie zu mir sprach oder zu sich selbst. Sie hat gewartet, bis ich ausgezogen war und im Bett lag, dann kam sie zu mir ins Zimmer. Sie setzte sich ans Fußende und schwieg. Und ich ebenfalls. Schließlich lächelte sie. Sie hat gesagt: „Wir sind beide nicht sehr gesprächig!“ Und sie hat mir gerade in die Augen geblickt.

„Ich mache uns einen Kakao“, hat sie dann gesagt, „es gibt nichts Besseres zum Einschlafen.“ Ich wusste nicht, was ich sagen – wo ich beginnen sollte. Gerade weil sie mich nicht, wie früher als Volksschulkind, zum Beichten zwingen wollte, hatte ich eine Sperre im Hals. Aber vielleicht löst sie sich im warmen, süßen Kakao auf, diese Sperre im Hals? Ganz schön schlau, meine Mutter.

Aber vielleicht ist der Grund ein anderer? Vielleicht ist sie auch unsicher, verletzt, weil ihre liebevolle Erziehung solche stinkenden Früchte trägt? Enttäuscht, weil sie mich nicht mehr versteht? Ja, das ist es, sie versteht mich einfach nicht mehr – sie weiß nicht, was für mich wichtiger ist als das tägliche Geradeaus-Denken, die Pflichten, die ewige Routine, das langweilige immer gleiche harmlose „sicher“ Leben! Das kann ja nicht alles sein! Ich bin jung, ich will was erleben, andere Burschen und Mädchen kennenlernen, ohne dauernde Kontrolle, ob der oder die „in Ordnung“ ist. Wenn ich das schon höre „in Ordnung“! Nichts ist in Ordnung, außer dass es jeden Morgen hell und jeden Abend dunkel wird. Ich hasse die braven Klamotten und die langlebigen „guten“ Schuhe, ich will was Buntes, Ausgeflipptes, Aufregendes, ich will nicht immer angepasst, leise und höflich sein; wenn einer sich wie ein seniler Trottel aufführt, dann sage ich ihm das, auch wenn‘s der Schuldirektor ist.

Ja, es war Scheiße, dass ich mit dem Herbert von der Klasse über mir mitgegangen bin und mir in seiner Runde einen Joint aufdrängen hab lassen. Aber dass ich hinterher gekotzt habe wie ein Reiher, war wohl Strafe genug!
So, jetzt kommt meine Mutter mit dem Kakao, wie gut der riecht! Aber dass sie mein Kinderhäferl mit dem Elefanten genommen hat, ist echt ungeil. Ich bin doch kein Kind mehr, ich hab schon ein Jahr meine Periode.
Ja, danke Mama! Eigentlich ist es urkomisch – auf der einen Seite kotzt mich der gutbürgerliche Scheiß an, aber zu Hause im Bett mit einem Kakao ist wunderbar und urgemütlich. Wie passt das zusammen?

Wahnsinn, Mutter kann Gedanken lesen: „Ich weiß, es ist eine schwierige Zeit für dich“, sagt sie, „dein Körper wächst und die Hormone spielen verrückt, und ich wusste in deinem Alter auch oft nicht, wer ich bin und was ich will. Ich will dir nicht im Weg stehen, ich möchte, dass du deinen eigenen Weg gehst, aber zuerst musst du ihn finden.“ Sie lehnt sich zurück und trinkt einen Schluck Kakao, da sehe ich, dass ihre Augen nass sind. „Mama, was ist mit dir?“ frage ich. „Du wirst erwachsen, und das ist der Beginn unserer Trennung“, sagt sie leise, „aber ich will ja nur, dass du nur deinem eigenen Willen folgst, lass dich nie von anderen dumm machen und zu etwas überreden!“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15041

Der Krebsengang

Es war einmal ein Krebserich, – ein dicker, der verliebte sich
In eine flotte Krebsendame – Roswitha Zangerl war ihr Name
Die jung und hübsch, jedoch vor allem – dem Fortschrittsgeiste sehr verfallen
Drum war ihr ganz besonders leid – des Krebsengangs Rückschrittlichkeit

Sie grübelt‘ lang, sie dachte quer – wie das Problem zu lösen wär
Wo doch die Krebs seit ew‘gen Zeiten – Jahrmillionen rückwärts schreiten
„Und kamen immer an ihr Ziel – ob Fressen, Kampf, ob Liebesspiel“
Sagt ihr Papa, der Zangerl Kurt – wenn er über die Jugend murrt

Das stachelt ihren Ehrgeiz an – damit sie ihm beweisen kann
Dass Jugend mit dem Fortschritt geht – beginnt sie heimlich, abends spät
Zu üben, mit gar viel Beschwer‘ – ob es denn doch nicht möglich wär
Die Beine anders abzurollen – damit sie vorwärts laufen sollen

Und endlich hat sie es geschafft – mit unbeugsamer Willenskraft
Ist sie den Bach entlang ein Stück – vorwärts gelaufen, nicht zurück
Indem sie dachte, dass sie wisse – dass etwas sie von hinten bisse
Und in der Angst, die sie empfunden – hat sie den Vorwärtsgang gefunden

Stolz übt sie es des Morgens neu – und schau, da kommt ihr Freund vorbei
Dem fast vor staunendem Gefallen – die Augen von den Stielen fallen
Sie ruft voll Freude: „Komm, probier‘ – und lauf ein Stückerl neben mir!“
Er stellt sich gerne Wang‘ an Wange – und fasst behutsam ihre Zange

Nun will er laufen, doch oh Schreck – sie kommen nicht von ihrem Fleck
Er setzt die Beinchen Stück für Stück – und kann nicht anders als zurück
Sie schiebt nach vor und kommt in Schweiß – sie laufen trotzdem nur im Kreis
Bis sie sich gegenüberstehen – und traurig in die Augen sehen

Ein rechtes Weibchen wird nicht schwach: – „Ich zeig dir’s vor, du machst es nach.“
Sie fassen sich an beiden Zangen – und ganz von selber, ohne Bangen
Läuft sie nach vor und er zurück – und dabei blieb es auch zum Glück
Und die Moral von der Geschicht‘ – der Fortschritt scheu‘ den Rückschritt nicht!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 15039

Schleim – eine Ehrenrettung

Der Schleim ist üblicherweise negativ besetzt. Eklig, grauslich, unhygienisch, krankhaft und so weiter. Die schleimigen Tiere (Fische, Schnecken, Maden, Molche etc.) mögen wir genauso wenig wie die „schleimigen“ Menschentypen. Unangenehme Menschen „schleimen sich aus – oder ein“. Brrrr, wie ekelhaft.

Dabei ist Schleim der Ursprung unseres Lebens, ein Gottes-Geschenk, ein Labsal, etwas Herrliches und Köstliches, oft genug lange Ersehntes! Ohne Schleim wären wir alle nicht! Nur Steine haben und produzieren keinen Schleim. Ein Leben ohne Schleim kann beispielsweise  nur  ein Bergkristall schön finden. Was zu beweisen ist:
Zunächst einmal zum Lebenselixier Schleim. Wie sehen die Stoffe aus, welche menschliches Leben entstehen lassen? Der männliche Liebessaft ist schleimig, sonst könnten die Spermien nicht schwimmen. Die weibliche Empfangsgrotte ist ebenfalls rutschig, damit alles wie von der Natur vorgesehen flutscht.

Und zur Vorgeschichte des Lebens respektive zu den angenehmen Dingen auf der Welt:
Da sieht ein Mann ein angenehm aussehendes Weibchen und freut sich. Ohne die Schleimhaut der Augen, die niemals austrocknen darf, würde er sie nicht sehen können. Sollte er dann in die engere Wahl der Frau kommen, ist es ebenso natürlich wie angenehm, einander zu küssen. Mit der Schleimhaut der Lippen und womöglich noch ein bisserl tiefer. Ohne Schleim hätte Mann/Frau das Gefühl, ein Stück trockenes Leder zu reiben, oder so ähnlich – jedenfalls nichts Erstrebenswertes und Knie-erweichende Gefühle Auslösendes. Kein einziger Schmetterling würde im Bauch flattern. Trocken ist tote Hose.

Apropos Lippen und Goscherl: Sind sie nicht auch für die Aufnahme von höchst erwünschter, wohlschmeckender und gut duftender Nahrung vorgesehen? Eine Nase, die staubtrocken ist, vermöchte nicht die geringste Duftnote erkennen; sie ist freundlicherweise mit einer speziellen Schleimhaut ausgelegt, damit sich die Düfte einnisten können. Und auch der Geschmack ist vom Duft abhängig, denn ohne Riechvermögen könnte der Mensch nur süß, sauer, salzig und bitter empfinden.
Weiterhin ist der Weg der Nahrung durch den Körper stets von Schleimhäuten umgeben, bis zum dicken Ende. Gnade Gott dem Schlemmer, dessen „Output“ stecken bleibt wie ein Kolbenreiber.
Und wie sieht es mit der Nahrung selbst aus – ist sie wirklich gänzlich schleimfrei? Auch das Blut im Fleisch ist Schleim – ein bisserl dicklich, ein bisserl fettig, rutschig sowieso. Könnte es sonst durch die dünnsten Adern fließen und dabei noch jede Menge Stoffe transportieren? Und Fleisch ohne Blut gibt es nicht.

Aber auch Obst und Gemüse ist nicht ganz ohne Schleim. Wer je einen Kürbis aufgeschnitten und entkernt, wer je einen vollsaftigen Pfirsich gegessen oder die Kerne von Kirschen mit den Fingern weggeschnippt hat, weiß um die Schlüpfrigkeit dieser Dinge. Gott sei Lob und Dank dafür – es ist schon ein sinnliches Vergnügen, das die Schleimproduktion (Speichelfluss) im eigenen Mund anregt.
Und erst die Milchprodukte: Sie sind allesamt (im frischen Zustand) Schleim. Wer zum Beispiel einen mit Schlagobers (Schriftdeutsch: Sahne) gefüllten Baiser genossen hat, der hat höchst genussvoll mit Schleim (Schlagobers) gefüllten Schleim (das geschlagene und gezuckerte Eiklar) verzehrt. Wer sagt da, dass Schleim ekelhaft ist?
Nun möchte vielleicht jemand meinen, dass doch das Weizenkorn absolut schleimfrei ist – weshalb Gebäck wirklich etwas ohne Ekel Verzehrbares sei. Er hat auch unrecht. Denn die Hülle des Korns hat die Eigenschaft, Wasser auf- und damit eine schleimige Konsistenz anzunehmen. Würden sonst so viele hartleibige Menschen gerade das Vollkornbrot mit genügend Flüssigkeit zu sich nehmen? Der Verfasser kann es jedem raten – das ist besser, gesünder und zielführender als alle Pillen und Pasten der Pharma-Industrie.

Es lebe der Schleim – und wir mit ihm (und durch ihn)!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15024