Kategorie-Archiv: Michaela Swoboda

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verlegt. bewegt.

Ich bin die, die auf dem Land wohnt, aber zugezogen ist.
Ich bin die, die gesiezt wird.
Unter all den anderen Kunden, die sich mit dem Personal duzen.
Dennoch ist über die Jahre eine Vertrautheit entstanden, die mich die Kassiererin, eine Frau in mittlerem Alter, fragen lässt, ob sie sich freut auf die anstehende Veränderung, was mit einem Seufzer, Achselzucken und einer skeptischen Äußerung beantwortet wird.
Ich reagiere aufmunternd.

Das Schild hatte mich aufgeschreckt: Diese Filiale wird geschlossen und in einhundert Metern Entfernung neu eröffnet.

Die vielbefahrende Bundesstraße.
Linkerhand der flache Baukörper, 08/15 Industriedesign, ohne ästhetische Botschaft. Einerseits sparsam in seinem Verhältnis zum Umfeld, was die schlichte Formensprache betrifft, gleicher Art klotzig und dominant.
Eine Supermarktfiliale mit den fünf charakteristischen gelben Lettern drauf. (Genauso gut könnte es eine anderer Provenienz sein.)
Dahinter hält sich eine Reihe von Wohnhäusern auf. Wer hätte bei der Grundsteinlegung des Familiendomizils vor Jahren gedacht, dass das Einkaufserlebnis so derart nahe rücken würde?
Ein Landstrich, der überfüllt wirkt mit den neuen Geschäftszubauten, die der in Bundesstraßennähe gelegenen Wohnsiedlung ihre dürftige Würde nehmen.
Kommerz und Bedürfnisbefriedigung kennen kein Feingefühl.

Nur einhundert Meter von der neuen entfernt lag die alte Filiale. An einem im Koordinatensystem der Supermärkte nicht so überzeugenden Standort. Die neue liegt vielversprechend an einer belebten Kreuzung.
Natürlich war der frühere Bau ebenso stillos.
Seine Einrichtung und das karge Umfeld boten sich leicht patiniert den Ansprüchen der Kundinnen und Kunden.
Der schlichte schwarz-weiße Terrazzoboden, das angenehme Bisschen Schlendrian beim Ordnungmachen, der entspannt freundschaftliche Informationsaustausch der Verkäuferinnen zwischen den Regalen.
Es hieß, den Leitern mit den halb ausgeräumten Schachteln rundherum auszuweichen.
Das alte Gebäude machte kein Aufhebens und ebensowenig taten dies die dort beschäftigten Frauen aus der Umgebung.
Das Angebot erfüllte den Zweck.
In angenehmer Abgrenzung zum Städtischen.
Eine unaufgeregte Poesie des Überholten.

Der neue Bau hingegen macht laut von sich reden.

Ein neuer, junger Filialleiter mit dynamischem Gesichtsausdruck begrüßt die anwesenden Kunden, manche davon auf ihrem Weg durchs Warenangebot mehrmals.
Das alte Personal, allesamt Frauen, wurde übersiedelt und aufgestockt. Ein neues Team, dazwischen die alten Gesichter unter neuen roten Schirmkappen, manche blass, manche müde, manche munter, so wie in der alten Filiale eben auch.
Was hatte ich erwartet? Die bisherigen Gesichter mit neuerwachtem inspiriertem Funkeln in den Augen, motiviert geschminkt und ambitioniert im Verkaufen. Ein kollektives Tuning?

Die Grundstückspreise im Gewerbegebiet sind leistbar, Bauwerk und Parkplätze entsprechend groß. Das von außen hauptsächlich seiner räumlichen Ausdehnung geschuldete optische Pathos des Baus macht neugierig, aber was bitte soll schon groß anders sein als im alten? Die Erwartungshaltung wird schon beim Eintreten gebrochen, der Glanz des Neuen wirkt im hellen Gebäude angenehm gedimmt. Noch weiß ich nicht warum und suche die Ursache in der Beleuchtung. Erst beim zweiten Besuch entdecke ich die hohe Holzdecke, die das Licht so freundlich färbt und ein beinahe gemütliches Mikroklima erzeugt.
Die Macht der Gewohnheit wird mich das bald nicht mehr wahrnehmen lassen.

Im neuen lässt sich Konsumlust auf zeitgemäßem Niveau exekutieren. Nach neuesten marketingwissenschaftlichen Erkenntnissen angeordnete Regalblöcke in extra großzügigem Abstand zueinander, beim Abschreiten des Sortiments Einblicke erlaubend in noch nicht besuchte Gänge mit Waren, deren Bedarf einem so leichter ins Auge drängt.

An der strahlend neuen Feinkosttheke unter den dauerwerbenden Flatscreens wirken die Verkäuferinnen plötzlich nicht mehr souverän, sondern ein bisschen unbeholfen, so kommt es mir vor. Die neuen Maschinen, das größere Angebot, der kulinarische Overkill wird etwas zögerlich, aber vorbildlich in Handschuhen, an die Kunden gebracht.
Der Filialleiter wirft gerade ein aufmerksames Auge auf die Bedienung und so wird das Sich-Erkennen auf ein wohlwollendes Nicken reduziert. Ob sie sich dort wohlfühlt, werde ich ein anderes Mal in Erfahrung bringen.

Der alte Bau, um seine gelben Lettern erleichtert, wartet auf den Abriss oder eine neue Verwendung. Eine Renaturierung hat es selten gegeben, Asphalt und Beton kommen meist, um zu bleiben.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18008

Auf den Pelz gerückt

Meinen Job, den hätte ich beinahe durch schlichte Schlamperei verloren. Sie wollen wissen, wie das in einer gemächlichen Kultureinrichtung wie dem Dorotheum passieren kann? Also gut.

Jeweils eine Woche vor den Versteigerungsterminen werden die Exponate zur Besichtigung dargeboten, potenzielle Interessenten können diese aus der Nähe begutachten und für sich eine Vorentscheidung treffen, manches verwerfen, anderes in die Wahl ziehen.
Mir oblag es, Räume für diese Besichtigungen vorzusehen, die zuständigen Kollegen anzuweisen, die Waren dort bereitzulegen und Datum und Uhrzeiten der Besichtigungen rechtzeitig öffentlich anzukündigen.

Eines Dienstags im Oktober sollten die Türen um zehn Uhr geöffnet werden. Ich begann meinen Dienst wie gewohnt so gegen neun und die Kollegen waren bereits seit den frühen Morgenstunden am Herbeischaffen der zu präsentierenden Objekte. Ich war alarmiert, denn schon als ich die Stufen hochstieg, hörte ich die Arbeiter fluchen. Auch meine Vorgesetzte hörte ich mit leicht erhobener Stimme Kalmierungsbeschwörungen von sich geben.

In mir stieg Unbehagen hoch, noch hätte ich umdrehen, heimgehen und mich krankmelden können. Doch nichts dergleichen geschah, und so wurde ich kurz darauf – noch bevor ich der Misere ansichtig wurde – von einem messerscharfen und enttäuschten Blick meiner Vorgesetzten getadelt: ein knapp und wortlos konstatiertes „Schade!“.
Noch wusste ich nicht warum.

Mir schlug ein recht strenger Geruch entgegen – die jährliche Pelzauktion stand an und heute wurden die guten alten Erbstücke dem Publikum präsentiert. Vor mir dicht behängte Kleiderstangen auf Rollen. Wieso hatten die Arbeiter nicht (wie sonst auch) vorher die Tische entfernt, um genügend Platz zu schaffen für die voluminösen Kleidungsstücke?
„Wir haben ein Problem“, raunte mir mein Assistent zu und wies mit dem Kopf auf die Tische, auf denen sich nummerierte Mappen in immenser Anzahl stapelten.

Muss ich extra erwähnen, dass Räume nicht doppelt gebucht werden sollten? Das genau war nämlich geschehen. Und dummerweise war ich daran schuld.

So geschah es also, dass es am Dienstag, dem 11. Oktober 2016, im Kolowrat-Saal im zweiten Stock des Wiener Dorotheums eng wurde: In weniger als einer Stunde würden Philatelisten aus nah und fern eintrudeln, um die dargebotenen Briefmarken zu sondieren, und gleichzeitig auf eine Schar aufgeregter Frauen treffen, die sich Pelzschnäppchen für den Winter sichern wollten.
Dass die Briefmarkenliebhaber das Besichtigungsprozedere in gebotener Ruhe vollziehen wollten und die pelzaffine Damenwelt an ebenjene nicht im Traum dachte, liegt auf der Hand.
Ja, wir hatten ein Problem, kurz: Wunderliche Kauzigkeit trifft auf kribbeliges Eventshopping.

Wir waren nervös, der doppelte Andrang musste irgendwie bewältigt werden.

Edel verarbeitete Pelze auf Kleiderhaken - das Angebot umfasste sorgfältig verarbeitete Nerze in vielen Modellen, sowie auch sonst hochwertige Pelze in modischen bis klassischen Schnitten. Während der Vorbesichtigung konnten alle Modelle begutachtet und auch anprobiert werden, was zusätzlich Platz erforderte.
Das pelzige Angebot ruft immer eine große Zahl von Frauen auf den Plan, oft allein, manchmal in männlicher Begleitung, aber auch in kleinen Grüppchen, die sich beim Probieren gegenseitig beurteilen, jedenfalls aber das zu Erwerbende ausgiebig kommentieren. Ob denn nicht besser doch der Ozelot statt des Zobels zur eigenen Persönlichkeit passend oder der Lammfellmantel in seiner Länge zur Körpergröße der Interessentin inadäquat, ja der Stilsicherheit abträglich wäre (ein kürzerer Mantel wirkt zudem jünger als ein langer), von der Inkompatibilität der Fuchsfell- mit der tizianroten Haarfarbe der Trägerin in spe ganz zu schweigen.
(Fehlte bloß noch das Auftauchen der vermummten Anti-Pelz-Aktivistin, die im letzten Herbst in einer Blitzaktion zwei Drittel der Exponate in Neongrün besprüht hatte und dermaßen schnell geflüchtet war, dass sie nur von hinten fotografiert und nicht belangt werden konnte, ein Schadensfall mit hämischer Presse für die ehrwürdige Institution.)

Der gemeine Briefmarkensammler wird gerne als ein wenig unbeholfen und schrullig dargestellt. Ich kann mich dem nicht anschließen, es sind angenehme Menschen, die unaufgeregt und sehr systematisch die Bestände sichten. Ein wenig eigen, nun denn, wer wäre das nicht, wenn viel Zeit mit Überlegungen verbracht wird, ob etwa für einen ungezähnten Viererblock mit „August dem Starken“ ein Online-Gebot abzugeben, eine gute Idee wäre; oder nachzudenken, ob eine Fünf-Pfennig-Marke der Reichspost mit diagonalem Aufdruck „Marschall-Inseln“ zu Hause schon vorrätig sei; oder mit anderen Experten über den Wert der Serie albanischer Briefmarken, die mit Aufdruckfehlern in den Handel kamen, zu debattieren.

Sie alle trafen im ehrwürdigen Kolowrat-Saal aufeinander. Dass sie nicht aneinander gerieten, dafür mussten wir sorgen, darauf hatten wir uns vor dem Öffnen der Tore eingeschworen.

Die Frauen waren die ersten, die die allesamt an den Wänden aufgereihten Felljacken und -mäntel ansteuerten. Sofort lagen Gemurmel und Gelächter in der Luft, und der modrig-muffige Pelzgeruch reicherte sich mit einer Duftvielfalt von Parfums an.

Befremdet von der ungewohnten Enge im Raum, dem zugleich strengen und blumigen Geruch, und natürlich der Schar der weiblichen Besucher drängten dann die Philatelisten, alle männlich, die meisten in unauffälligem Beige oder Grau gekleidet, eher zögerlich zu den verbliebenen Freiräumen an den Tischen in der Mitte des Raumes. Die vielen Ringordner hatten wir nicht wie sonst üblich in Regale an den Wänden einsortiert sondern einfach auf den Tischen aufgelegt, was zu Verstimmung und Murren der Kunden führte. Man merkte aus ihren Kommentaren, dass das alberne Getue der Frauen um die schnöde Mode und überhaupt deren Anwesenheit als deplatziert empfunden wurde.

Ich versuchte vor allem, den verstimmten Freunden der Postwertzeichen bei der Übersicht über das Angebot zu helfen.
Gerade war einer der Briefmarkeninteressierten dabei, die Sonderpostwertzeichen zu Gunsten der Berliner Währungsgeschädigten mit Sonderstempel vom ersten Verwendungstag, Rufpreis EUR 380,- mit der Lupe auf fehlende Zähnchen zu untersuchen, als hinter ihm eine exaltierte, nicht mehr ganz junge Frau mit wallenden blonden Locken beim fahrigen Überwerfen eines langfelligen gemusterten Capes ganz viel Wind und ein paar briefmarkenbestückte Steckblätter aufwirbelte.
Sie meinte echauffiert zu ihm: „Oh, entschuldigen Sie bitte, ich habe hoffentlich nicht Ihre Briefmarken vom Tisch gefegt?“, mit ungarisch anmutendem Akzent und einem unsteten Flackern im Blick, das der Angesprochene wahrscheinlich in so charmanter Ausführung und aus solcher Nähe noch nie gesehen hatte.
„Ich war unschicklich, verzeihen Sie.“
Er war aufgestanden und unbeholfen korrigierte er: „Ungeschickt.“
„Oh.“
„Aber das macht nichts.“
„Meinen Sie, die Schulternähte hängen zu sehr über, der Mantel ist schwer? Wie sehe ich aus?“
Sie drehte sich und machte wieder Wind und die männliche Umgebung unruhig.
„Hübsch. Wirklich sehr hübsch.“
Sie beugte sich deutlich näher zu ihm.
„Und riecht der Mantel nicht nach Keller? Er ist wirklich preiswert.“
„Äh, schon etwas, aber wenn man den Mantel im Garten auslüftet …“
„Sie haben einen Garten?“

Ich konnte den Dialog nicht verfolgen, denn ich musste zwei Tische weiter ein kleines Gezänk schlichten.
Etwas später sah ich die beiden gemeinsam im hauseigenen Café sitzen.
Die Vorstellung, er hätte letztendlich auch noch angeboten, ihr seine private Briefmarkensammlung zu zeigen, will ich hier nicht strapazieren, aber natürlich ist das denkbar.

Ein Kollateralnutzen, ausgelöst durch mein Missgeschick, war also gegeben, aber das macht mich nicht stolz. Schließlich hatte ich beinahe meinen Job verloren. (Mir wurde zum Glück verziehen, wobei ich aber die gesammelte Kollegenschaft auf ein Feierabendbier einladen musste.)

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 17147

 

 

Im Einundsechzigsten

Die Hauptperson fehlt.
Noch nicht alt. Nicht mehr jung.
Zu jung.

Eine gebrochene hochbetagte Mutter, deren Schmerz nur kurz Linderung erhält durch Momente der  Erleichterung darüber, nun nicht mehr Sorge für die Zukunft der kranken Tochter tragen zu müssen.
Kartenspielen mit der Mutter, beiderseitige Fürsorge.
Was wird sein, wenn die Mutter geht?
Wer rechnet schon mit der umgekehrten Reihenfolge?
Der heißgeliebte Kater in der Obhut der Mutter.

Ein ebenso alter Vater im jägerlichen Lodenrock, verkniffen, erschöpft.
Der Kontakt zur Tochter war nicht der beste.

Der Cousin, angereist aus Wien, der Jüngste und Letzte der Familie.

Zwei ehemalige Kolleginnen, zwei Kameradinnen aus der Kindheit und einige der Freundinnen, die später dazustießen. Gemeinsame Reisen, unbeschwerte Plauderstunden, Salzburgfahrten (zum Patenkind), bei denen erste Gehstörungen auftreten.
Besuche bis zuletzt, aber bestimmt zu selten! Keine Vorwürfe oder Klagen.

Eine feierliche Stimmung will nicht aufkommen, bedrücktes Schweigen.
Der Tross folgt der Urne in der Sommerhitze quer über den Friedhof. Auf knirschendem Kies und unter Verkehrsgetöse und Baustellenlärm.

Die Männer in ihrem Leben sind auch gekommen.

Die Verlobung mit dem ersten Freund empfindet sie gerade noch rechtzeitig als zu eng. Da war immer schon ein großer Wunsch nach Eigenständigkeit, danach, selbst zu entscheiden. Die Freundschaft bleibt dennoch bis zuletzt. Ich hab ihn mir anders vorgestellt, agiler, aber natürlich ist er ein grauer Mann.

Die Gesellige, stets Freundliche – es war Verlass auf sie.
Die Lebenslustige, Aktive und Sportliche war eine attraktive Frau und hatte schöne Zeiten.

Ihre große Liebe ist auch hier, ein elegant ergrauter Herr. Der, der sie vor Jahrzehnten einmal sehr verletzt hat. Dem verziehen wurde, und mit dem es danach weiterlief, so nebenbei, aus seiner Sicht in Teilzeit sozusagen.
(Zu der Zeit trat der erste Schub auf, die Sehbeschwerden wurden erst im Nachhinein auf  ihre Krankheit zurückgeführt.)
Wie gut, dass er gekommen ist, aber kurz sträuben sich meine Nackenhaare, wie er jetzt da eine Zeitlang so neben mir hergeht.
Er hat etliche Frauen in sein ruhmreiches Leben gepackt.
Die Freundschaft bleibt aber tragfähig bis zuletzt.

Danach eine Vollzeitbeziehung, im Nachhinein gesehen aber nicht mit dem Richtigen. Nachdem sie diese beendet hat, holt er sich eine junge Frau aus Thailand, empfindet als störend, dass sie ein Söhnchen nachholen will und auch, dass sie schiefe Zähne hat. Der falsche Partner, aber ein Freund, auf den sie zählen konnte. Auch er ist grau; er war es schon immer.

Der nächste und letzte Mann in ihrem Leben hat ihr gutgetan, in Teilzeit und unverbindlich – an ihre Unabhängigkeit hatte sie sich gewöhnt. Als das Leben beschwerlich wird, ist er ein Freund, achtsam in guten wie in schlechten Tagen. Eine gewisse Treue. Auch er ist unter jenen, die sie jetzt begleiten.

Die Tapfere, Zuversichtliche.
Der es dreckig ging, und die kaum geklagt hat.
Die bitteren Entscheidungen: das Auto aufgeben, von der Freiheit ganz zu schweigen!, sich Hilfe suchen, das Pflegebett, der verhasste Rollstuhl, der Badewannenlift, vorzeitige Pensionierung und Pflegegeld beantragen.
Und das niederschmetternde Aufwachen, nachdem im Traum das Gehen-Können wieder möglich war.

Hölzern absolvierte katholische Abschiedsrituale, Trauer nach Regieanweisung. Das Geschehen und der Schauplatz unter der sengenden Sonne und dem nahen Alltagslärm auf seltsame Weise surreal.
Die Mutter untröstlich.
Bei uns anderen wird die Beklommenheit dem Kummer erst später weichen.

Nach einem sehr schlechten Tag mit massiven Sprachstörungen beginnt der folgende mit viel Zuversicht und einem guten Gefühl. Aus diesem heraus verlangsamt sich in der Früh plötzlich der Herzschlag, ihr Sterben ein erstauntes Aus-dem-Leben-Gleiten ohne Kampf und Angst.

Wir sind traurig.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17137

 

 

 

 

 

 

Borromäus‘ Beistand

Zu Füßen des Heiligen liegen rechts zwei Putti und ich bin dabei, die beiden kleinen barocken Kerle wieder adrett herzurichten, konkret restauriere ich gerade, mit der Farbpalette in der linken und dem Pinsel in der rechten Hand, den linken bläulichen Flügel des hinteren Engels, dessen Blick träumerisch in Leere zu gehen scheint.
Es ist eine spannende Arbeit in luftiger Höhe, unsere Chefin ist umgänglich und kompetent und wir sind ein eingeschworenes Team.

Das war nicht von Beginn an so.

Am ersten Arbeitstag vor zwei Wochen gehe ich auf die Karlskirche zu. Der prachtvolle Fischer-von-Erlach-Bau aus dem 18. Jahrhundert liegt direkt am Karlsplatz und ist ein Glanzstück europäischer Baukunst und ein Wahrzeichen Wiens. Leider sind der Park davor und die nahegelegene U-Bahnstation ein frequentierter Drogenumschlagplatz. Die imposante Kuppel der Kirche prägt das Wiener Stadtbild. Die Mittelfront des Kirchenbaus hat die Form eines griechischen Tempels, die beiden Seitenkapellen erinnern stilistisch an die italienische Renaissance, mit Dächern, die chinesischen Pagoden ähneln. Unklar ist mir, ob die Triumphsäulen nach römischem Vorbild gemacht sind, lassen sie doch zugleich an islamische Minarette denken.

Ich sehe mich im Inneren des großen Sakralbaus in aller Ruhe um. Über dem Kirchensaal erhebt sich die riesige ovale Kuppel, darin das mächtige Fresko; es zeigt im Zentrum den Kirchenheiligen Borromäus, wie er um Abwendung der Pest bittet.

Langsam steige ich die Treppe am raumgreifenden Baugerüst empor. Und während ich an Höhe gewinne, umgibt mich eine Fülle plastischer Ornamente, und malerische Fresken mit kräftigen Farbakzenten bringen Leben in den Innenraum. Die rötlichgetönten Farben der Marmorsockel, die rosenholzfarben marmorierten Stuckpilaster und die gemalte Scheinarchitektur am Kuppelfuß erfüllen den Raum harmonisch. Barock assoziiert in verzerrter Form Täuschung, Trügerisches, das sich in Malerei und Stuck manifestiert. Eine Illusion von Plastizität, die den Raum größer erscheinen lässt.

Immer wieder werfe ich auch einen Blick hinauf zum großen Kuppelfresko, einer Vision der himmlischen Sphären. Ich bestaune den dramatischen Himmel des Malers Johann Michael Rottmayr, der als 70-Jähriger seine letzten fünf Lebensjahre in der Kuppel verbrachte, von 1725 bis zu seinem Tod. Aber ich würde lügen mit der Behauptung, der Anblick der Fresken sei ein spirituelles Erlebnis bei diesem ersten, langsamen Anstieg über die Treppen, deren Anzahl ich später von meinem Kollegen erfahre, es sind 118.
Das Ziel des Malers war, die unbegrenzte Weite hinauf zu Gott in der Kuppel abzubilden, indem er einerseits hinter seine Figurengruppen eine gelbliche bis blaugraue Wolkenwand fügte, die den Blick zum Himmel begrenzt, andererseits diese nach oben immer transparenter werden lässt. Das Himmelsblau wird zwischen den Figuren sichtbar, öffnet den Raum wieder und ermöglicht das Ausschwärmen des Blickes in die Unendlichkeit. Sonst nur vom Boden aus großer Distanz in ihrer lebensfrohen Interaktion sichtbar, sind die farbigen Figuren plötzlich zum Greifen nahe.

Ich ahne bereits aus halber Höhe die zahlreichen Wasserschäden und Verschmutzungen, die zu beseitigen sein würden, um danach auf die Originalsubstanz zu stoßen. In diffiziler Arbeit sollen die unübersehbaren Schäden eliminiert werden, Schollenbildung und Versalzungen, die verblichene Maloberfläche aufgefrischt werden. Über Monate werden wir nun im Auftrag des Denkmalamtes die Figuren reinigen und nachmalen, zum Teil ist die Schicht aus Staub und Ruß bis zu fünf Millimeter dick.

Nach Abschluss meines Studiums ist das mein erster Job als Restauratorin. Die Leitung der Renovierung des Deckenfreskos in der mächtigen Kuppel der Wiener Karlskirche hätte eine Universitätsprofessorin aus Salzburg bekommen sollen, sie wurde aber letztendlich einem italienischen Kunsthistoriker übertragen, einem  – wie sich später herausstellen sollte – arroganten Schnösel. Einem, der nicht müde wird, uns junge Restauratorinnen ständig anzumachen und zu belästigen. Ganz selbstverständlich bezieht er auch die arrivierte Forscherkollegin aus Salzburg, die mit im Team ist, in den Kreis der Bedrängten mit ein. Es ist frühlingshaft warm in der Kuppel, wir Frauen arbeiten in Shorts und im Top, ernten seine feixenden Blicke und vollmundigen verzichtbaren Komplimente.

Die Arbeit vollzieht sich in kleinen Schritten, bis zu vier Restauratoren sind gleichzeitig am Werk, um die über 1200 Quadratmeter große Fläche annähernd in ihren ursprünglichen Zustand zu bringen. Die weltberühmten Gemälde erscheinen nach und nach leuchtender und farbiger; der Unterschied zwischen bearbeiteten und unbearbeiteten Flächen ist bald klar wahrnehmbar.

Mit dabei ein liebenswürdiger junger Kollege aus Niederösterreich, ein ehemaliger Kommilitone, etwas tollpatschig, wohlbeleibt von zu viel Fastfood, das sich während der letzten lernintensiven Studienmonate um seine Körpermitte breitgemacht hat. Er könnte den Lift benutzen, nimmt aber die Stufen, was unseren Vorgesetzten, den wir unter uns nur den Imperator nennen, veranlasst, ihn jedes Mal lauthals mit einem scharfen „Presto, presto, andiamo!“ zu drangsalieren, das durch die Kuppel hallt und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, auch der Fremden, auf die schwerfälligen Schritte des jungen Mitarbeiters bei seinem Aufstieg auf 32 Meter Höhe lenkt. Das Besondere an unserem hochgelegenen Arbeitsplatz ist nämlich, dass dieser über einen Panoramalift auch für eine zahlende Öffentlichkeit zugänglich und somit von Touristen frequentiert ist.
Unser behäbiger junger Kollege kann nicht lange verbergen, dass er Angst vor Fahrstühlen hat, was unseren italienischen Chef dazu anspornt, dem armen Mann noch mehr zuzusetzen. Und in Anlehnung an Galileo Galilei kommentiert er belustigt seine angestrengten Bemühungen, zu seinem hochgelegenen Arbeitsplatz aufzusteigen, mit „Und er bewegt sich doch.“ Sein eigenes, darauf folgendes hämisches Gelächter bricht sich immer stakkatoartig in der Kuppel und ist weit zu hören.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir so einen widerlichen Menschen über die kommenden Monate aushalten sollen. Ich richte jedenfalls das eine oder andere Stoßgebet in den ellipsoiden Himmel über uns, direkt adressiert an Borromäus, auf dass er uns doch möglichst auch von dieser Pest befreien möge.

In der ersten Arbeitswoche beschließe ich eines Mittags, meine Pause oben in der Kuppel zu verbringen und nicht mit den anderen essen zu gehen. Ich nehme also die mitgebrachte Jause hoch oben auf der Plattform ein und genieße den Kirchenraum aus dieser Perspektive und vor allem die ungewohnte Stille und das Alleinsein – Touristen sind über Mittag nämlich auch keine in der Kirche.

Nach dem Essen lege ich mir meinen zusammengerollten Pullover unter den Nacken und mich auf den Rücken, um bis zur Rückkehr der Kollegen ein Nickerchen anzuschließen. Meine Augen wandern in die Kuppel knapp über mir, über diese pittoreske Welt aus Wolken und Heiligen, die ob ihrer räumlichen Unmittelbarkeit wahrlich eine Art Himmelszelt über meinem Lager bildet. Ich versuche, dem Blick des Borromäus‘ zu folgen und kurz bevor mir die Augen zufallen, registriere ich Gemurmel tief unter mir, und es gelingt mir einfach nicht, es auszublenden, zumal ich mir einbilde, den unverkennbaren italienischen Singsang unseres unliebsamen Teamleiters zu hören. Also stehe ich auf und versuche zu erkennen, wer sich da mit wem unterhält und meine Mittagsruhe irritiert. Zwei Personen sitzen in einer der Bänke nebeneinander und es will mir aus der großen Distanz nicht gelingen, die Gesichter deutlich auszumachen, zumal der eine Typ eine Kapuze trägt. Es ist – nach der Intonation zu schließen – keine Plauderei, eher ein Verhandeln, das da im sakralen Halbdunkel vor sich geht, aber worum geht es dabei bloß?

Meine Neugierde ist geweckt, ich schnappe mir die Kamera, mit der unser Imperator täglich die Schäden an den Fresken fürs Denkmalamt dokumentiert, und fokussiere aus luftiger Höhe das Zoom auf das Geschehen zwischen den Kirchenbänken. Ich sehe, dass der Kapuzentyp eine Sonnenbrille trägt und seinem Nachbarn – ja, es ist tatsächlich unser Chef! – mehrere Säckchen mit einem weißen Pulver zeigt und ihm diese schließlich in die Hand gibt. Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich begreife, dass dort unten offensichtlich ein Handel sehr weltlicher Natur abläuft.
Ich wage kaum zu atmen und obwohl ich so weit entfernt bin, habe ich plötzlich Angst, entdeckt zu werden. Geistesgegenwärtig drücke ich dennoch wiederholt den Auslöser, um das Unglaubliche zu dokumentieren. 32 Meter in senkrechter Luftlinie entfernt und dennoch beinahe vor meiner Nase passiert eine Straftat:  Ein Dealer verkauft unserem Vorgesetzten Kokain. Ja, mitten in der Kirche!

Aus der Kirchenkuppel hinabblickend, ist mir schlagartig bewusst, dass es keine große Höhe braucht, um tief zu fallen.
Ein Sündenfall, der nicht ohne Folgen bleibt: Wie jeden Abend – so auch an diesem – bringt der Chefrestaurator die volle Speicherkarte aus der Digitalkamera selbst zum Denkmalamt, wo die inkriminierenden Fotos gesichtet werden.

Mit dieser kompromisslosen Stringenz hätte ich offen gesagt nicht gerechnet: Bereits am nächsten Tag ist der Imperator seinen Job los! Wir bekommen ihn gar nicht mehr zu Gesicht, wohl aber seine verschmitzt strahlende Nachfolgerin: Die Salzburger Wissenschaftlerin wird gebeten, ihn in seiner Leitungsfunktion abzulösen, was sie nach klugem Verhandeln über die Dotierung auch gerne tut.

Und vor uns liegen nun ein paar lehrreiche und unbeschwerte Monate in der Karlskirche.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 16098

 

Let’s go

Dunkelheit, im Hintergrund schnelle Piano-Jazzklänge, darauf folgend Applaus

Djamal spielte Oboe in Damaskus.
Vor einem Jahr noch.

Zwanzig Jahre alt.
Ohne Mittel.
Ohne Familie.
Ohne Zuversicht.
Aber mit Oboe.
Djamal spielt nun in Österreich.

Es wird heller, drei Personen betreten eine Künstlergarderobe in einem Kulturzentrum einer oberösterreichischen Kleinstadt.
Saxophon, Flügelhorn und Kontrabass liegen/stehen herum.

Djamal:
Oh, Kurt, du Unglücksvogel, so sagt ihr doch?

Hanna:
Pechvogel heißt es, oder Unglücksrabe.

Djamal zu Kurt:
Was war mit deiner Brille?
Wieso hattest du sie überhaupt auf?

Kurt entschuldigend:
Meine Kontaktlinse hat gekratzt, ich musste sie in der Pause herausnehmen und dann hab ich eben die Brille gebraucht.
Und die ist mir dann immer wieder von der Nase gerutscht.

Hanna schiebt sich mit der Hand eine imaginäre Brille zurecht und sagt leicht tadelnd zu Kurt:
Ein Schlagzeuger braucht beide Hände.
Das hat schon komisch ausgesehen, als du die Brille immer wieder rasch zurechtgerückt hast.

Kurt:
Das war schon stressig, aber das Konzert war trotzdem ein schönes Erlebnis!
Das Improvisieren am Schluss hat richtig Spaß gemacht. Auch dem Publikum.

Djamal:
Ja, zwei Extras!
Die Menschen wollten zwei Songs mehr hören.

Djamal hatte Glück.
Hanna und Kurt fühlten sich verantwortlich.
Zwanzig Jahre alt.
Mit Oboe.
Hanna und Kurt fühlten sich verantwortlich.
Und Djamal erlaubte sich, wieder zu träumen.

Hanna:
Djamal, du hast ganz wunderbar experimentiert beim zweiten Stück.
Das hat mir besonders gut gefallen!

Djamal:
Und es war sold out, completely ausverkauft – so sagt ihr doch?

Hanna:
Ja, ja, genau, alle Karten restlos, so kann man das auch sagen.

Djamal zu Hanna:
Und du hast wieder so schön gesungen!

Kurt zu Hanna:
Bei deiner Gesangstechnik im Arabischen merkt man nicht, dass du eigentlich im Operngesang zuhause bist.

Djamal zu Hanna:
Das Arabische ist nicht dein Zuhause. Du machst, dass sie es aber nicht merken.

Hanna:
Seit ich dich kenne, Djamal, ist die arabische Musik für mich allgegenwärtig.
Sie fließt deshalb ganz automatisch in meine Improvisationen ein.

Djamal:
Im Jazz, da ist viel Freiheit.
In der Oper spielst du eine Rolle.
Und in der arabischen Musik liegt Passion <englisch ausgesprochen>, also Passion <deutsch ausgesprochen>. Wie sagt man?

Kurt:
Leidenschaft.
Natürlich hat jede musikalische Richtung ihre eigene Technik.
Aber entscheidend ist, den Charakter der Musik zu verstehen.
Denn jedem Stil liegt eine bestimmte Idee zugrunde, und wenn du die verstanden hast, kannst du die Musik auch darbieten.

Djamal ironisch:
Lucky me! To understand the character of music, I don’t need to understand German.

Lachen

Hanna hatte sie sich richtig feingemacht für diesen Abend.
Es waren viele Bekannte im Publikum.
Wenn sie auf der Bühne steht oder vor dem Klavier sitzt, dann möchte Hanna einfach hohe Schuhe anhaben.
Es fühlt sich gut an, seine Kunst in hohen Schuhen darzubieten.
Es ist eine Gratwanderung, sich größer zu machen, als man ist.
Und es ist immer eine Gratwanderung, mit solchen Schuhen Klavier zu spielen.
Jetzt aber die Haare hochbinden und die High Heels abstreifen.

Djamal:
Ich bin so froh, dass ich euch habe.
Ihr habt mir so geholfen und ich freue mich, dass ihr meine Freunde seid.
Und ich durfte anfangs sogar bei euch wohnen, ihr seid sehr herzlich.

Hanna berührt Djamal freundschaftlich an der Schulter:
Auch wir haben in dir einen Freund gefunden.
Warum denn auf einmal so ernst und nachdenklich, Djamal?
Du hast uns geholfen, in der Musik.
Ohne dich hätten wir heute nicht so einen Erfolg gehabt.
Jeder hat was beigetragen.
Alle sind wir unverzichtbar.

Kurt grinsend zu Djamal in scherzhaftem Unterton, und zu Hanna deutend:
Schon gut, dass ihr arabischen Männer jetzt endlich auch akzeptiert, dass bei uns eine Frau den Takt angibt.

Djamal mit einem schiefen Grinsen:
Meine Freunde verstehen das ehrlich nicht, aber ich muss es wohl …

Hanna unterbricht ihn und sagt scherzhaft drohend:
Hey, Djamal! Überleg dir, was du jetzt sagst!

Lachen

Djamal jetzt mit ernster Miene:
Ihr wisst doch, dass ich mein Studium der Oboe damals in Damaskus nicht abschließen konnte …

Hanna unterbricht:
Das wird dir dort in diesem Leben wohl auch nicht mehr gelingen.

Djamal:
Aber …. was ich sagen will …

Kurt unterbricht:
Gehen wir doch was trinken! Und Hunger hab ich auch.

Hanna:
So lass doch Djamal ausreden …

Djamal:
Habt Ihr diese elegante ältere farbige Frau gesehen in der ersten Reihe?
Diese große Erscheinung, hochgewachsen – so sagt man doch?

Kurt:
Die mit dieser Sonnenbrille mit den blauen Gläsern, ja großartig sah sie aus.

Hanna:
Und die kurzen weißen Haare. Der weiße Hosenanzug. Edel.
So cool möchte ich später auch einmal aussehen.

Djamal:
Ich wollte euch sagen, dass sie …

Kurt unterbricht wieder:
Also ich hab Hunger, so lasst uns doch essen gehen.
Djamal, du kannst uns das doch auch später erzählen.

Adrenalin im Übermaß.
Erschöpft. Verschwitzt. Zufrieden.
Durstig.
Hanna trinkt ein paar Schlucke aus der Wasserflasche.
Kurt schlingt ein Handtuch um den Hals.
Djamal legt das Sakko ab und streckt die Hemdsärmel hinauf.
Überdreht und zufrieden.
Alles ist gutgegangen.

Hanna:
Was wir da heute gespielt haben, das war eine ganz besondere interkulturelle Mischkulanz.

Djamal:
Ein Mischmasch – so sagt ihr doch?

Hanna:
Ja, genau.

Djamal:
Eine Mischung, aus allem, was wir gerne hören, und was unser Leben musikalisch ausdrückt.
Die Miles-Davis-Interpretation nach der Pause, die war very american.

Kurt:
Die Improvisation am Schluss hingegen war mehr arabisch.
Aber irgendwie auch klassisch.

Djamal:
Mischmasch.

Lachen

Seine Eltern haben ein Bild vor Augen: Djamal mit Oboe.
Ihr Sohn Djamal mit einer Oboe in Händen.
Eigentlich hätte Djamal in den Libanon gehen wollen. Das wäre nicht weit weg gewesen.
Aber dann ging alles ganz schnell: alle Ersparnisse dem Schlepper, dem verlässlichen, aus dem Nachbarort.
Damit ein anderes Bild nicht Wirklichkeit wird: Djamal mit der Waffe.
Ihren Sohn kämpfen zu sehen, das haben sie sich erspart.
Seine Eltern hatten ein Bild vor Augen: Djamal mit seiner Oboe.

Hanna:
Ich lese euch kurz nochmals vor, was über uns in der Zeitung stand:
Anregung zum interkulturellen Austausch: Ob kontemplative oder temporeiche Stücke - das Repertoire des Ensembles ist vielseitig und fasziniert nicht zuletzt durch seine mit Leidenschaft und Spielfreude vorgetragenen improvisierten Teile.

Djamal:
Kontemplativ?

Kurt:
Mehr besinnlich, voller Gedanken

Hanna liest weiter:
Das Trio verbindet traditionelle arabische Musik mit Jazz und klassischen Klängen, bricht traditionelle Genregrenzen auf und vereint Elemente unterschiedlicher Musikkulturen zu einem unverwechselbaren Klang. Die ursprüngliche Idee der Musiker war die eines musikalischen Dialogs: dass jeder relativ einfaches musikalisches Material auf unterschiedliche Art und Weise aufgreift und mit seinem Vokabular weiterentwickelt.
Das interkulturelle Jazztrio wurde vom Publikum begeistert gefeiert. Auch eine erste CD- soll in Kürze folgen.

Djamal lächelnd:
Ein musikalischer Dialog also.

Kurt:
Das hast du schön gesagt, mein Freund.

Djamal:
Listen to me, ich muss euch etwas sagen.
Aber ihr werdet es nicht hören wollen.

Hanna:
Sag schon, Djamal.

Kurt:
Heraus damit, so rede doch.

An Montagen in der Mittagspause zwischen den Vorlesungen an der Musikuniversität immer zu Tante Tamina.
Selbstgemachte Falafel und Tisqiye, ein Auflauf aus Kichererbsen mit viel Knoblauch und Pinienkernen.

Die orientalische Altstadt.
Die große Freitagsmoschee.
Der antike Kultbezirk.
Staubige Steinfassaden.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Neben dem Basar ihr prächtiges Hofhaus.
Der Innenhof mit Brunnen.
Der Zitronenbaum. Sein Großvater hat ihn gepflanzt.

Fußballspielen mit Khaled und Halim, nach der Schule.
Sich nach der Uni mit Khaled und Alisar vor der Bibliothek treffen.
Ein Blickwechsel mit Alisars Schwester Faizah wäre schön.

Als kleiner Junge einkaufen mit der Mutter im Suk.
Farbenpracht.
Gemüse, Gewürze, Damaststoffe.

Sich durch enge Gassen drücken.
Ein klebriges Stück Baklava in der kleinen Hand.
Der Geschmack nach Honig und Pistazien.
Musik. Vertraute orientalische Klänge.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Apokalyptische Zerstörung.
Verheerungen.
Verwüstungen.
Geschändete Heimat.
Verlassene Steinhaufen.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Djamal:
Ihr habt mir so geholfen, die Musik mit euch hat mich gerettet damals, als ich mir am Anfang hier in Österreich so klein vorkam. Ich fühlte mich wie ein Nichts.
Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht.

Kurt:
Welche Entscheidung?

Djamal:
Soll ich bleiben oder gehen?
Ich überlege schon viele Tage.

Hanna:
Was meinst du, Djamal?

Djamal:
Ich habe wirklich gedacht, ich habe hier in Österreich meinen Platz gefunden.
Aber … das ist nicht meine Endstation.
Ich liebe euch und ihr müsst mich besuchen kommen.

Kurt:
Wo? Was meinst du?

Djamal:
Die Amerikanerin ist wegen mir hier, sie ist auf der Suche nach Talenten und hat mir ein Stipendium angeboten, ich kann an der Universität von New Orleans promovieren, in Komposition und Oboe.
Das Angebot ist reizvoll, ihr müsst das verstehen.
So let’s go, hat sie gesagt.

Kurt:
Was redest du da?

Einige Sekunden vollkommene Stille.

Hanna:
Djamal verlässt uns.

Djamal:
Ich mache mich auf den Weg.
Let’s go, hat sie gesagt.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16080

Imres Vormittage

In jedem seiner großzügigen Wohnräume war über der Tür eine große Uhr angebracht. Auf rundem Weiß schlichte klare Ziffern in Schwarz, ein nervöser Sekundenzeiger, der pausenlos einem gemächlichen Minutenzeiger hinterherjagte, um ihn und den behäbigen Stundenanzeiger immer und immer wieder einzuholen.
Seit er vor einem Jahr das Gebäude einer ehemaligen Volksschule in einer kleinen Ortschaft erworben hatte, war die Zeit omnipräsent für Imre.
Der Schulbetrieb war seit Jahren eingestellt, die Anzahl der Kinder über die Jahrzehnte überschaubar und das Schulgebäude funktionslos geworden, schließlich zur Vermietung angeboten gewesen.

Die Ereignisse hatten sich geradezu überschlagen, als der Bankbeamte am Ende seiner beruflichen Laufbahn vor einem Jahr pensioniert worden war. Seine Ehe hatte nach vielen Jahren ein abruptes Ende gefunden, sich seiner indessen geballten Präsenz im gemeinsamen Haushalt als nicht gewachsen erwiesen, und seine nunmehrige Exfrau sich außerhäuslich amourös orientiert, was ihn zum Auszug aus dem gemeinsamen Domizil bewegt hatte.

Als ob das nicht schon genug wäre, nein, nicht nur das erwähnte Ungemach, sondern eben auch die schwarzen Zeiger auf weißen Ziffernblättern brachten eine Neuorientierung mit sich, vor allem, weil deren Position immer noch ein durchdringendes Läuten der Schulglocke auslöste.
Am ersten Morgen in seinem neuen Heim weckte ihn die Klingel um 7 Uhr 50. Das schrille Geräusch ließ ihn mit Herzrasen hochschrecken und tat ihm in den Ohren weh. Er drückte sich den Polster auf den Kopf, drehte sich im Bett wieder um und versuchte, nochmals einzuschlafen, schließlich war er im Ruhestand und hatte keine Termine. Doch das unangenehm Grelle klang noch lange nach. Er nahm sich vor, das störende Schellen auf Dauer abzustellen, was ihm aber nicht gelang, obwohl er an diesem Tag einiges an den Einstellungen der Elektrik ausprobierte. Wenn er die Sicherungen ganz herausschraubte, dann blieben die Uhren natürlich stehen, und das behagte ihm auch nicht.

Einer der Gründe für die Konflikte mit seiner Frau war, dass er seit seiner Pensionierung täglich bis 9 Uhr geschlafen hatte. Du lässt dich gehen, hatte sie vorwurfsvoll zu ihm gesagt, als er wieder einmal am helllichten Vormittag im Pyjama in der Küche sitzend seinen Frühstückskaffee getrunken hatte.
Vermutlich hatte sie recht damit. So plötzlich erstens auf sich allein gestellt, weiters der Arbeitswelt und der Gesellschaft seiner Kollegen entrissen und des bisherigen häuslichen Umfelds entwöhnt, musste Imre nun schauen, wo er blieb.
So beschloss er bereits am nächsten Tag nach dem Frühstück, zeitgleich mit dem Pausenklingeln um 8 Uhr 50, klar Schiff zu machen, sein Leben wieder in geregelte, anständige Bahnen zu lenken, möglicherweise würde das Geklingel ja so etwas wie ein Reglement in sein Leben bringen, Strukturen schaffen, denen er nur zu folgen brauchte, ohne selbst disziplinär gegen seinen inneren Schweinehund vorgehen zu müssen. Angewandte Pädagogik – nicht verwunderlich an so einem Ort.

Um 7 Uhr 50 schwang er sich also jetzt täglich aus dem Bett, die folgenden zehn Minuten verbrachte er im Bad und bereits als die Glocke die erste Schulstunde einläutete, war er dabei, sich Frühstück zu machen und danach kümmerte er sich um den Haushalt, der immer noch aus dem Ausräumen von Umzugskartons, Teppichausrollen und Möbelrücken bestand. Er wunderte sich beinahe – in fünfzig Minuten bringt man so einiges weiter.
Das Einläuten der Pause nutzte er dann auch dementsprechend, fürs Nichtstun nämlich: Er legte die Beine hoch und aß einen Apfel. Das Zusammenräumen setzte er in der nächsten, vom Glockengebimmel ein- und ausgeläuteten, knappen Stunde unbeirrt fort.

Und überraschend zügig fand er Gefallen am schrill tönenden Alarm. Die Uhr schwang ihre drei schwarzen Taktstöcke und dirigierte seinen Vormittag. Ein virtueller Regisseur füllte seinen Tag mit einem Plan. Er fühlte sich getaktet und mit Anweisungen versorgt, verstand sein Leben als sinnerfüllt und dachte nie mehr daran, das Geläut zu demontieren.

Imre konnte die Zeit nicht aus den Augen verlieren. Immer wenn die Schulglocke erklang, beendete sie irgendeine Aktivität oder eine Passivität des einzigen Schulbewohners. Ja, oft schnitt sie jemandem das Wort ab, mit dem er gerade ein Telefonat führte. Der letzte Satz musste dann rasch beendet, ja erstickt werden, was ihm bald als befremdliches Verhalten ausgelegt wurde.

Im Theater gäbe es das ja auch, rechtfertigte er sich einmal, als seine Tochter ihn mit der Enkelin besuchte und sich ärgerte, dass das Baby wach geworden war vom schrillen Geläut. Sie sprach von einer fragwürdigen pädagogischen Geißel.

Der Postbote an der Schultür zuckte beim Läuten zusammen, und als Imres Blick zu flackern begann, er rasch die Post entgegennahm und sich nervös verabschiedete, fragte er ihn mit einem Zwinkern: Rechnen?
Ergometertraining
, berichtigte dieser hastig mit einer entschuldigenden Geste und eilte in den früher als Turnsaal dienenden Raum, der vom Adrenalin und der Aufgeregtheit der Kinder immer noch auf fast heitere Weise ein klein wenig muffig roch. Die Sprossenwände zu seiner linken und den niedrig montierten Basketballkorb auf der rechten Seite, zog er nun bis zum nächsten metallischen Ordnungsruf konzentriert seine einsamen imaginären Runden auf dem Fahrrad, in der unumstößlichen Gewissheit, dass Geschwindigkeit das Leben nicht verlängert.

In der dritten Stunde ab 10 Uhr war immer die Stunde des Gärtnerns. Imres Marotten hatten sich herumgesprochen und die Nachbarin wusste, dass exakt diese Stunde oft ideal war für einen kleinen geselligen Plausch am Gartenzaun, er ließ sich gerne zum Plaudern hinreißen, wohlgemerkt neben der Arbeit, denn gänzlich untätiges Schwätzen während der Stunde war seine Sache nicht.

In den Pausen war es im Gegensatz zu offiziellen Schulen nicht laut und unruhig, sondern diese Auszeit galt wirklich als Rast. Das Militärische hatte er nie gemocht. Den schulischen Rhythmus, die stets gleichmäßigen Vorgaben der 50-Minuten-Einheiten, fand er hingegen äußerst adäquat für sich und seine periodischen Bedürfnisse. Die 10-minütige Unterrichtsunterbrechung bot etwa genug Zeit für Rauch- und Pinkelpause; ja, er rauchte dadurch sogar weniger!

Im Lagerhaus hatte er eines Tages Frieda kennengelernt, er hatte ihr geholfen, einen riesigen Sack Pflanzenerde in ihr Auto zu verfrachten, sie waren ins Plaudern geraten und über die Monate war mehr daraus geworden. Sie war in seinem Alter und alleinstehend, und die beiden unterhielten bald regelmäßigen Kontakt zueinander, sie war angetan von seinem wohlgeratenen Lebenswandel. Außerdem gefiel es ihr, in seinem aufmerksam kultivierten Garten dies und jenes einzelne, noch verbliebene Unkräutlein auszurupfen oder ebendort irgendetwas anderes Nützliches zu bewerkstelligen.
Imre hatte Stabilität und Orientierung gefunden, sein Haushalt war geordnet, sein Garten bestellt, die Kontoauszüge sortiert und vor allem: Er hatte wieder eine Partnerin gefunden.

Nicht nur das, auch eine Katze hatte er sich zugelegt, oder war es umgekehrt? Eines Vormittags – er wollte gerade die Schultüre schließen, denn es schellte zum Ende der Pause – da saß sie einfach auf der Schultreppe und miaute mit der Klingel in unwiderstehlichem Duett. Sie blieb und war willkommen, ganz bestimmt auch, weil sie viel Verständnis für Imres überambitioniertes Verhältnis zur Akustik der Zeit hatte und stets Contenance beim Klingelton bewahrte. Und bald wusste sie, dass sie ihr Fressen täglich am Beginn der Hauswirtschaftsstunde um 8 Uhr bekam. Und auch, dass Zeit für Streicheleinheiten erst der Nachmittag bot, wenn diese merk- und irgendwie unwürdigen Alarmierungen ihren Quartiergeber nicht mehr gänzlich im Griff hatten.

Die Volksschule war immer um eins zu Ende gewesen, daher war zu diesem Zeitpunkt das Läuten zum letzten Mal aktiviert. Die Taktung der fünf geordneten Stunden von acht bis eins entsprach ihm. Frieda – inzwischen nannte sie ihn liebevoll ihren Schulmeister – fand sich meist an Nachmittagen ein, sie bevorzugte die geläutfreie Zeit und schlug vor, die Festlegung zu ändern, in einer Weise, dass das eindringliche Klingeln um ein Uhr Mittag unterbliebe, um in Ruhe gemeinsam kochen und mittagessen zu können, doch eine Umprogrammierung der Uhr auf eine andere Stundenanzahl zog Imre nicht in Betracht.

Den Nachmittag nämlich, in seinem glockenlosen Laisser-faire-Zustand, konnte er zumeist nicht entspannt genießen, der Nachlässigkeit waren Tür und Tor geöffnet, das bereitete ihm Unbehagen, denn Arbeit, Muße oder auch sinnfreies Nichtstun mischten sich so zu einer konturlosen Melange.
Er wunderte sich zwar darüber, aber er liebte die schroff signalisierte Stundentaktung, die Gehorsam und Disziplin einmahnte und seine To-dos verwaltete.
Es kam nur ganz selten vor, dass er in unangenehm nervöser Erwartung des Läutens war. Eigentlich lag in seiner Grundstimmung meist eine freudige Bereitschaft, irgendetwas sofort zu beenden, sei es nun fertiggestellt oder nicht, und was auch immer auf der Stelle neu zu beginnen.
Ob er das Pausenklingeln mehr mochte als das Signal zum Stundenstart? Darüber konnte er lange sinnieren, vorzugsweise an den freien Nachmittagen, wenn er keine Vorgaben zu befolgen hatte.

Frieda drängte auf eine schulglockenfreie Ferienregelung, doch er wollte rein gar nichts davon wissen. Du bist so eingefahren in deinem Denken, musste er sich von ihr freundlich nachsichtig schelten lassen, dabei war er durchaus bereit zu Flexibilität, wenn sie ihm denn angebracht erschien: Beim Erstellen des Stundenplans für den Sommer wollte Imre etwa die ersten beiden Stunden austauschen, also die Gartenpflegeeinheit zugunsten der Hauswirtschaftsstunde gleich als erste disponieren, das könnte sich bei großer Hitze als praktisch, wenn nicht sogar als unumgänglich erweisen.
Jeder ringt auf seine eigene Art um Wohlgefühl.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16042

Madame Malerin

Der Sonntag begann kühl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den Hügel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Frühlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. Ihre Wangen waren gerötet von der Morgenluft und der hinter ihr liegenden Anstrengung, als sie zügig begann, die unter ihr liegende Stadt mit einem Graphitstift auf die Leinwand zu skizzieren. Sie hörte allerdings gleich wieder damit auf, da sie noch ein wenig von der Anstrengung zitterte, setzte sich auf einen Stein und atmete erst einmal tief durch. Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht mehr allein auf dem Hügel war.
»Ah, Madame Malerin sind aber schnell müde! Das waren doch erst zwei Striche. Ist der Stift zu schwer? Oder war die Nacht zu kurz?«

Vor ihr stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem Schnurrbart, der sie spöttisch anlächelte. Auffallend war vor allem, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine grünen Augen irgendwie lächelten, sie leuchteten Clara entgegen, und diese konnte sich gar nicht auf eine passende Antwort konzentrieren. Er trug einen auffallenden breitkrempigen Hut mit Feder, einen weißen Hemdkragen, einen breiten Gürtel, ein Gewehr, ein Schwert, ein Messer, Stiefel, die bis übers Knie reichten und seine Staffelei.

Er verbeugte sich kurz und zog den Hut.
»Gestatten, Georg Matthäus Vischer aus Tirol. Es ist doch erlaubt, dass ich meine Staffelei ebenfalls auf diesem schönen Hügel aufbaue, Madame Malerin?«

Clara lachte laut auf, er hatte so einen eigenartigen Akzent, das Tirolerische hatte sie schon einmal auf dem Paulimarkt gehört. Wegen des Lachens würde ihr die geplante gespielte Empörung ohnehin nicht mehr gelingen, also beschloss sie, sich freundlich zu geben.
»Ich bin Clara Hanff. Was macht ein Mann aus Tirol bei uns in Freistadt?«

»Ich helfe mit, unser Land zu verteidigen, sieht man das nicht? Die Schweden sind im nördlichen Land unter der Enns, die wiederholte Bedrohung des Mühl­ und Machlandviertels durch in Böhmen operierende schwedische Heere macht starke Verteidigungsmaßnahmen erforderlich und damit meine Anwesenheit in Freistadt.«
Er lächelte dabei so charmant, dass Clara einfach zurücklächeln musste. So eine geschraubte Ausdrucksweise und noch dazu auf Tirolerisch hatte sie nie zuvor gehört, vor allem nicht von so einem Burschen. Überhaupt war ihr noch niemals jemand begegnet, der so von sich eingenommen war und dabei nicht unsympathisch.
»Clara, ein schöner Name, er passt zu euch. Was macht ihr am Sonntag zu so früher Stunde hier heroben? Wart das nicht ihr gestern da unten mit dem anderen Mädchen?«

Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog er aus seiner Mappe eine Skizze hervor, die er gestern von ihnen beiden gezeichnet haben musste. Clara hätte schwören können, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Auf dem Papierbogen waren Martha und sie in der Ferne vom Hügel aus zu sehen, wie sie auf dem Baumstamm saßen und miteinander plauderten, dahinter die Stadt. Die Zeichnung war recht gut gelungen, wenngleich an der Perspektive so manches verrutscht war, aber dieser Georg Matthäus Vischer hatte zweifellos Talent, und er wusste es.

»Ja, das ist Martha, meine Freundin. Wir hatten ein ernstes Gespräch unter Frauen über unsere Zukunft, eure Zeichnung zeigt eher eine belanglose Plauderei unter Mädchen, trotzdem ist sie sehr gelungen. Ihr seid also im Krieg, um zu zeichnen? Wozu braucht ihr dann die vielen Waffen?«

»Clara, na na, ihr habt ja keine Ahnung. Hinter jedem Busch könnte ein Schwede auf mich lauern, mir zum Beispiel diese wertvolle Zeichnung entreißen, oder ich müsste euch verteidigen, was ich natürlich mit all meinen Möglichkeiten tun würde.« Wieder dieses charmante Lächeln, das Clara einfach erwidern musste.

Der halbe Vormittag verging damit, dass Georg Matthäus Vischer und Clara Hanff sich gegenseitig so einiges über sich erzählten und zum vertrauten »Du« übergingen.
Clara erfuhr, dass Georg in Wenns in Tirol geboren war und dass sein Vater Bauer und Verwalter des Getreidespeichers des Zisterzienserstiftes Stams, aber schon seit zehn Jahren verstorben war. Er selbst hatte im Stiftsgymnasium die Schule besucht. Seine Mutter hatte gerade wieder geheiratet, einen Mann, den er noch gar nicht kannte, weil er ja als Söldner unterwegs war.

»Das Stiftsgymnasium war interessant, es gibt dort wunderschöne Atlanten und Globen – du nickst, also weißt du auch, was das ist. Als ich fünfzehn wurde, habe ich mich heimlich aus dem Kloster weggeschlichen und bei den Soldaten gemeldet. Zuerst waren wir im Schwarzwald im Raum Schwäbische Alb unterwegs, dort habe ich mich einer Reitereinheit angeschlossen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, mir mathematische und kartografische Grundkenntnisse angeeignet. Ich möchte später einmal eine Landkarte meiner Reisen zeichnen. Und deshalb fange ich jetzt einmal damit an, Freistadt zu zeichnen und eine seiner hübschen Bewohnerinnen. Darf ich dich porträtieren?«
Clara nickte gottergeben, denn er hatte längst angefangen – noch während er redete – sie zu zeichnen. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und befragte ihn näher zur Technik des Landkartenzeichnens.

Der Tag verging schnell und überaus spannend. Clara brachte ihre Zeichnung der Stadt zu Ende und Georg beobachtete und zeichnete. Er fand die junge Frau bemerkenswert, die so gut mit dem Graphitstift umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut und Georg hatte nach kurzer Zeit auch seine Natürlichkeit wiedergefunden. Er merkte, dass sich Clara für ihn interessierte, auch ohne dass er sie auf übertriebene Weise beeindrucken musste. Dennoch blieb etwas Neckendes zwischen den beiden bestehen.

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16014

 

Aus der Vogelperspektive

Keiner der Mönche, auch nicht Bruder Thomas, hatte bemerkt, dass Georg Matthäus Vischer nach dem Komplet, dem letzten der sieben täglichen Stundengebete, den Schlüssel an sich genommen hatte.

Was der neunjährige Tiroler Bub zu tun beabsichtigte, war streng verboten. Es ging auf Mitternacht zu – alle anderen schliefen bereits – als er sich in die Bibliothek schlich und die Kerze anzündete, die er hinter einen mit Wasser gefüllten Becher gestellt hatte. Von überall her drangen Geräusche, besonders der Holzboden knarrte bei jedem seiner Schritte. Und als der Bub eine Lade des großen Schrankes öffnete und ihr einen Gegenstand entnahm, der in weiches Leder eingeschlagen war, ging auch das nur unter lautem Ächzen des Holzes vonstatten.

Die Kerze warf ihr Licht auf die blassen Linien, Georg packte das Vergrößerungsglas aus und hielt es vor den Globus. Seine Hände zitterten vor Aufregung. Jetzt, in besserem Licht, würde er es bestimmt sehen können!

Sein Blick fiel zuerst auf Arabien, dort – so hatte er im Unterricht erfahren – war der Lesestein erfunden worden. Er war aus Beryll, einem Kristall, der die Sehleistung des menschlichen Auges erweitern konnte. Der Lesestein des Klosters bestand aus Bergkristall und stellte ein wichtiges optisches Instrument für den Klosterbibliothekar dar, das er insbesondere bei der Abschrift von Büchern verwendete. Georg mochte es, Bruder Thomas bei dieser Tätigkeit über die Schulter zu schauen, leider wurde es ihm nicht oft gestattet. Normalerweise wurde der Lesestein mit der planen Seite direkt auf ein Blatt Papier aufgelegt, jetzt musste Georg ihn ständig mit der Hand im richtigen Winkel über die runde Oberfläche des Globus balancieren und gleichzeitig auf die Kerze aufpassen.
Bruder Thomas hatte ihn davor gewarnt, eine Kerze in der Bibliothek anzuzünden. Wie leicht konnte ein Feuer ausbrechen und die wertvollen Bücher vernichten. 1593 hatte ein Brand große Teile des Stifts zerstört, die älteren Brüder konnten sich noch gut erinnern und hatten ihm davon erzählt.

Das Licht der Umgebung wurde aufgrund der Wirkung der Linse im Objekt gesammelt. Am besten eignete sich eine diffuse Beleuchtung, also war eine allgemeine Helligkeit der Umgebung besser als eine auf den Lesestein gerichtete, punktförmige Lichtquelle. Die Helligkeit des Objektes war somit größer als die der Umgebung.
Georg schreckte hoch, schon wieder hatte er ein Geräusch gehört.

Er konzentrierte sich eine Minute auf seine Umgebung, die allerdings still blieb, um sich danach wieder der Betrachtung des Globus zuzuwenden, er gähnte und es fröstelte ihn. Seit dem Tod seines Vaters vor einem Jahr war er im Stiftsgymnasium nicht mehr wirklich gerne gesehen. Sein Vater war Kastenamtmann für das Zisterzienserstift hier in Stams und damit der für die Verwaltung des Getreidespeichers zuständige Beamte gewesen. Mit großer Selbstverständlichkeit durfte Georg als sein Sohn die stiftseigene Schule besuchen und wohnte seither im Internat, wo er jede Möglichkeit nutzte, seinem Interesse für geografische Fragen nachzugehen. Die Bibliothek besaß mehrere Atlanten und Globen, die ihm die Welt auf wunderbare Weise näherbrachten.

Seine Mutter hatte zwar versucht, das Amt des Vaters selbst weiterzuführen, konnte aber nicht die Zufriedenheit des Abtes erlangen. So nahmen die Dinge ihren Lauf, das Kastenamt wurde jemand anderem übertragen, die Mutter sollte für Georgs Aufenthalt im Klosterinternat plötzlich Kostgeld zahlen und blieb es gezwungenermaßen schuldig. Obwohl erst neun Jahre alt, wusste der Bub doch, dass seine Tage im Gymnasium gezählt waren.

Georg seufzte und besah sich die skizzierten Landmassen auf dem Globus. Er hielt mit der einen Hand den Kupferreifen umklammert, der die Kugel aus Lindenholz von Pol zu Pol umfasste. Der massive Holzsockel verlieh dem Instrument stabilisierendes Gewicht. Das aufkaschierte Pergament war hell und die Landesgrenzen waren mit gelber Farbe eingezeichnet, das Wasser blau gefärbt. Kreuz und quer verliefen in regelmäßiger Entfernung voneinander schwarze dünne Linien. Überhaupt – die Welt war aus der Sicht eines Vogels gezeichnet, obwohl ja wohl kein Mensch fliegen konnte! Wie war das möglich? Aber die Berge waren so skizziert, wie sie von unten aussahen, von oben sollten sie sich also anders ausnehmen.

Georg schüttelte den Kopf. Dann war da noch das Problem der Darstellung der runden Erde, wieso konnte man dann ebene Pläne machen? Ohnehin war ihm diese Vorstellung nicht geheuer, es war nichts von der Erdrundung zu sehen, selbst vom Kirchturm aus nicht.

Georg hob den Kopf, sein Nacken war verspannt. Er beendete seine Forschungen und löschte pflichtbewusst die Kerze, bevor er die Bibliothek verließ, retournierte den Schlüssel und schlich in den Schlafsaal. Er würde irgendwann einmal eine Karte zeichnen, wo die Berge aus der Vogelsicht zu sehen wären, ja, so etwas fehlte!

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16013

Heckenrosenrot

Rückblickend auf die ersten beiden Dekaden meines Erwachsenenlebens stelle ich mit Bitterkeit fest, dass das Liebesglück mich bisher nur tangential gestreift hat. Dies ist mir selbst zuzuschreiben.
Das mag abgeklärt und resignativ klingen – ich bin mit meinen 37 Jahren weder das eine in ausreichendem Maße noch erfreulicherweise das andere. Dennoch bin ich mir meines damaligen schwerwiegenden Fehlers klar bewusst. Noch heute bin ich davon überzeugt, es war eine Begegnung mit der Frau fürs Leben, ein Zusammentreffen mit dem wahren Glück.
Damals war ich ein smarter Student, unterwegs in angesagten Kreisen. Ich war unerfahren und unfreiwillig bereit, en passant den Fehler meines Lebens zu machen. In der dummdreisten Gewissheit, dass diese außergewöhnliche Frau nicht mein Niveau hätte, habe ich ebendieser nicht ausreichend Beachtung geschenkt.

Jetzt schaut sie mich an, aus der Wirtschaftsbeilage der Presse, direkt und aufmerksam, mit ihren hellen Augen. In der Zeitung und der pixeligen Schwarz-Weiß-Darstellung ist ihr intensives Blau nicht ersichtlich, aber auch nicht relevant für die Leserschaft, der geht es mehr um Zahlen. Betriebswirtschaftliche Firmenkennzahlen: Bilanzsumme, Jahresüberschuss, Umsatzrendite, Gewinn, Cash Flow. Wenn sie in den Gesellschaftsgazetten Erwähnung findet, was oft der Fall ist, dann interessieren sich die Leser mehr für die Persönlichkeit hinter dem bekannten Bio-Label. Denn die Frau, die eines der erfolgreichsten österreichischen Startups des letzten Jahrzehnts gegründet hat, ist eine wahrlich auffallende und aparte.

Die Crème-Tiegel dieser Rosie Reiser aus dem oberösterreichischen Mühlviertel stehen auch in unserem Badezimmer. Meine Frau cremt sich abends das Gesicht mit Rosenölcreme ein. Biologisch produzierte Grundstoffe, sorgfältig geerntet, ganz bestimmt recyclebar verpackt, Nachhaltigkeitszertifikat inkludiert. Rosenblättermarmelade oder Rosenessig derselben Marke finden sich in unserer Küche. Und da wären noch die vielen Gewürze und Tees, denen man die Wertschätzung der Produzentin für die Natur und die ökologische Verantwortung für die Region ansieht. Total Quality Management.

Ich studierte damals an der Universität für Bodenkultur in Wien und hatte stets ein kleines Mikrofon parat, das ich hübschen Mädchen unter die Nase hielt, und vorgab, im Auftrag der ÖH eine Umfrage zu machen. Das nahm mir die Hemmschwelle, Frauen anzusprechen. Meist folgte eine kleine Befragung in der Cafeteria oder auf einer Parkbank. Manchmal mehr.
So hatte ich auch Rosie Reiser kennengelernt. Sie war mir zuerst gar nicht aufgefallen und eine andere, die ich ansprach, war zu sehr in Eile. Da kam sie als Nächste daher und hatte diesen aufgeweckten Blick, den sie auch nicht verschämt senkte, als sie mein Mikrofon als solches erkannte. Sie war auf den ersten Blick nicht mein Typ, aber ich konnte irgendwie nicht anders, ging auf sie zu und fragte sie nach ihrer Work-Life-Balance.
„Ja, gut, wenn es dich interessiert, was ich denke, dann frag doch!“, meinte sie unbekümmert und lebhaft.
Mein Blick lag gebannt auf ihrem Gesicht, das mit Sommersprossen übersät war. Sie war nicht geschminkt, unauffällig mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Das ziegelrote lange Haar hatte sie mehr schlecht als recht locker auf ihrem Kopf aufgetürmt.
Schon der Anfang des Gesprächs war desaströs: Sie stellte sich mit einem freundlichen „Ich bin Rosie“ vor. Und mir fiel nichts Besseres ein als den urbanen Wiener Schnösel zu geben und überheblich zu artikulieren: „Und ich nenne dich Rosa.“ Sie verwehrte sich sogleich recht unmissverständlich dagegen.

Sie war – wie soll ich sagen – urwüchsig, sowohl in ihrem Aussehen als auch Auftreten. Ich stellte sie mir an meiner Seite und in Gegenwart meiner Freunde in unserem hippen Club vor, im stylishen Abend-Outfit und mit einem Drink in der Hand, und musste schmunzeln. ‚Die könnte mehr aus sich machen‘, war tatsächlich einer meiner respektlosen Gedanken, während ich ihr in der Cafeteria zuhörte. Dabei war sie hinreißend, wie sie angeregt erzählte, was sie für ihre Zukunft plante.

Meine Vorgangsweise war investigativ: „Wie viel Deiner in wachem Zustand verbrachten Zeit in Prozenten entfällt auf Studium, wie viel auf Familie, Freunde, Partner und Hobbies?“
So erfuhr ich viel Wissenswertes meist sehr rasch und in Rosies Fall darüber hinaus von ihrer Begeisterung für Heckenrosen.
„Sie werden nicht kultiviert und wachsen einfach wild. Es gibt sogar Sorten in hellem Orangerot, so wie es meine Haare sind. Und die ganzen Kräuter und Pflanzen, die auch naturbelassen wuchern – das sind Schätze!“
Sie hatte ihre Haarspange gelöst. Das wallende Ziegelrot auf ihrem Kopf war demnach ein Heckenrosenrot und stand ihr ganz wunderbar zu Gesicht. Letzteres gab sich bedeckt und war nicht leicht zu erforschen, die Sommersprossen forderten mich geradezu heraus.
„Rosenöl wird in der Parfüm- und Kosmetikindustrie verwendet. Es erhöht die Elastizität der Haut. Rosenblüten können als Tee zubereitet werden. Auch die Früchte der Rosen, die Hagebutten, finden in der Küche Verwendung. In der Heilkunde dient Rosenöl zur Krampflösung, es hebt die Stimmung, belebt und hilft bei Kopfschmerzen.“
Sie berührte mich kurz am Unterarm, um die Tragweite ihrer nächsten Aussage zu verstärken, und fügte ernst und nachdrücklich hinzu: „Und wenn Babys viel weinen und unruhig sind, dann helfen Massagen mit stark verdünntem Rosenöl.“
Als ob das für einen 22-jährigen Studenten von irgendeinem Belang gewesen wäre! Dennoch fand ich meine Gesprächspartnerin in besonderer Weise anziehend.
Doch mein Fokus lag damals auf den richtig coolen, modisch gekleideten Studentinnen in High-Heels und nicht auf sommersprossigen Biotanten. Nur so kann ich mir erklären, dass ich rasch das Interesse an ihr verlor, als eine Kommilitonin an einem Nebentisch direkt in meinem Blickfeld Platz nahm und mich mit ihrem aufreizenden Lächeln (oder war es das Dekolleté?) ablenkte.
So geschah es, dass diese Rosie sich furchtbar über meine dumme Unaufmerksamkeit ärgerte. Sie nahm das Objekt meiner Ablenkung kurz ins Visier, hörte auf zu sprechen und legte energisch ein paar Münzen auf den Tisch. Sie erhob sich entschlossen und klang sehr aufgebracht: „Schade, du hast echt den falschen Job. Das war vertane Zeit.“
Ehe ich noch etwas entgegnen konnte, war dieses unverfälschte Landmädel mit ihrer heckenrosenroten Mähne wütend auf und davon geeilt.
Meinen Kaffee trank ich damals ungerührt am Nebentisch weiter.

Aber unbewusst fand ich Rosie wohl damals schon bezaubernd, ich sah mich am Campus permanent nach ihr um. Einmal traf ich sie danach in der Bibliothek (nicht ganz zufällig im Bereich Wildpflanzen) wieder und ließ mich an einem Tisch in ihrer Nähe nieder. Als sie mich bemerkte, fühlte sie sich gestört und entfernte sich mit grimmigem Blick und entrüstet.
Rosie und ihre Sommersprossen ließen mich nicht los. Immer war ich seither auf der Suche nach ihnen.
Später hielt ich Ausschau nach einer Partnerin mit ähnlich unverfälschtem Temperament, erdverbundenem Verhalten oder was ich dafür hielt. Das brachte allerdings nichts als Verdruss und sogar eine Scheidung. Immer wenn ich damals an Rosie Reiser dachte, kam ich mir in einem unsäglichen Ausmaß emotional unzulänglich vor. Ich habe deshalb danach nie wieder einen Versuch der Kontaktaufnahme unternommen, obwohl es Gelegenheiten gegeben hätte. Und noch heute tut mir das leid.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15094