Bayerischer Barock oder La vita è bella.

Behutsam schlug Alessandro Pavese die schmale gotische Holzfigur wieder in das weiche Tuch ein und verwahrte sie sorgfältig im Tresor. Es war bereits gegen Mittag und wie jeden Tag versuchte er, das Knurren seines Magens vorerst zu ignorieren; eine halbe Stunde noch, bis er seinen kleinen, feinen Kunst- & Antiquitätenladen inmitten der Innsbrucker Altstadt für eine Mittagspause schließen konnte.
Viktoria hatte ihm noch am Morgen nahegelegt, nur Kohlehydratarmes zum Mittagessen zu sich zu nehmen. „Ein wenig gebratenes Geflügelfleisch mit Salat“, war ihre wohlmeinende Empfehlung. „Und du verkneifst dir vorher die Grissini!“ Wer, wenn nicht sie, die diszipliniert seit Jahrzehnten ihr Gewicht hielt, sich Alkohol und Süßes konsequent untersagte und überhaupt Kalorienreduktion zur Maxime erhoben hatte, war wohl legitimiert, solche Ratschläge zu erteilen.

Ein wohlklingendes, deutlich bayerisch gefärbtes kräftiges „Grüß Gott“ ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Diese Frau hatte sicherlich die falsche Tür erwischt - seine Clientèle trat deutlich dezenter in Erscheinung.
„Dieses Bild dort im Schaufenster, das kleine rechts oben, ja, ja, das dunkle kleine Ölbild, das interessiert mich.“
Der Blick der fülligen bayerischen Touristin war entwaffnend direkt, und obwohl Alessandro sich sonst zurückhaltend gegenüber seinen Kunden verhielt – „devot“ nannte Viktoria das immer spöttelnd – lächelte er die Kundin freundlich an und stellte sich ihr mit einer kleinen Verbeugung formvollendet vor.
„Gestatten, Alessandro Pavese, ich bin der Geschäftsinhaber. Dieses Bild hängt hier seit zwanzig Jahren, gnädige Frau.“
„Emerenzia Weidinger aus München, sehr erfreut. Ich war schon einmal in Innsbruck, vor etwa drei Jahren, da habe ich es hier aber nicht gesehen.“
Die dunkle Stimme harmonierte mit ihrem Klangkörper, ja sie konnte geradezu nur von einer Gestalt dieses Ausmaßes hervorgebracht werden. Ein Dirndl hätte ihr gut gepasst, der Frau Weidinger aus München, dachte Alessandro lächelnd. Viktorias schmaler Körper nahm sich in ihrem neuen Designerdirndl dagegen lächerlich verloren aus. Er senkte den Blick kurz, als er merkte, dass er die Kundin immer noch unverwandt betrachtete.

Das kleine Bild stammte noch aus dem Geschäftsbestand seines Vaters in Trient. Seit Alessandro dessen Laden übernommen hatte, war ein Vierteljahrhundert vergangen. Aber schon kurze Zeit danach hatte er Viktoria kennengelernt. Mit ihr war er damals nach Innsbruck in ihre Heimat übersiedelt und seither lebten sie hier mit ihrem Sohn.

„Ich mag die Farben“, begann die Kundin.
„Aber es ist dunkel, da sind nun wirklich keine Farben zu sehen!“, entgegnete Alessandro.
Emerenzia Weidinger glaubte, ein Haus am See darauf zu erkennen. „Es ist Nacht, da sind diese Spiegelungen des Mondlichts, erkennen Sie es nicht, Signore Alessandro, ich darf Sie doch so nennen? Sagen Sie ruhig Emerenzia zu mir, wenn Sie es denn aussprechen können mit ihrem italienischen Zungenschlag“, antwortete sie lachend.
Alessandro nickte und musste seinerseits über die bayerische Aussprache seines Namens schmunzeln.
„Ja gerne.“ Und in Gedanken fügte er vorsichtig „Emerenzia“ hinzu. Was für ein Name! Viktoria würde sich lustig darüber machen. Urbayerisch, bodenständig, bäuerlich, erdig, gediegen, wie aus einem Heimatfilm entsprungen. Und was für eine Frau! Alessandro wusste gar nicht, wohin mit seinen Blicken, er fühlte sich deutlich von ihrem opulenten Körper angezogen.
Jetzt musste er aber erst einmal seinen eigenen, drahtigen Körper arg verbiegen, um sich zwischen der kleinen Empire-Kommode und der Etagère mit der Zierkeramik aus der Zeit der Monarchie hindurchzwängen und das Bild vom Haken nehmen zu können.

„Es ist nicht renoviert, die Firnisschicht gehört aufgearbeitet.“
„Ich nehme es, wie es ist.“
„Es hat keinen Preis.“
„Es bekommt einen Platz in meinem Häuschen am Chiemsee.“
„Es erinnert mich aber an meinen Vater, daher ist es nicht zu haben.“
„Es wird neben einem kleinen Original von Antoni Tàpies hängen. Über meinem Biedermeier-Sekretär.“
„Ich kann Ihnen seine Provenienz nicht nennen, ja nicht einmal seinen Künstler.“
„Von wem auch immer es ist, das Bild ist mir wichtig und schon jetzt ans Herz gewachsen.“
Sie zog ihre Lesebrille aus ihren vollen, mittellangen braunen Locken und hielt sie, wie zur Verdeutlichung, an ihren Busen, den Alessandro nun, sozusagen durch ihre Handbewegung legitimiert, zumindest kurz und maßvoll, ja beinahe ungeniert betrachten konnte. Das blau-weiß-kleingewürfelte Hemdblusenkleid bot Einblick auf das Ausmaß ihres Dekolletés und ihm Freude.
„Aber sehen Sie doch, Emerenzia, der Rahmen muss erst noch neu geleimt werden. So können Sie seinen Anblick nicht genießen.“
„Ach, Alessandro, in Wahrheit wollten Sie mir damit nur sagen, dass der leere Fleck in Ihrer Auslage Sie deprimiert.“

Was war nur los mit ihm? Jedes Gramm, das Viktoria nach Marcos Geburt kurzzeitig zugelegt hatte, war von ihm mit kritischem Blick und manch verletzender Bemerkung quittiert worden. Und jetzt fing sein Blick sich so unbedingt in diesem voluminösen bayerischen Busen.
Emerenzia Weidingers kräftige warme Hände, denen man Gartenarbeit ansah, streckten sich vehement nach dem Bild und berührten mit großer Selbstverständlichkeit bei dessen Übergabe seine schmalen, manikürten Finger. Wie angenehm.
„Wie man diese dunkle Fläche nur so zum Leuchten bringen kann – meisterhaft – da sind wir doch beide einer Meinung, Alessandro?“

Über den Preis ließe sich das Interesse von Emerenzia sicher nicht zerstreuen, wo sie doch vorhin das Bild von Tàpies erwähnt hatte, aber einen Versuch war es wert.
„Diese Qualität macht es aber zu einem hochpreisigen Kleinod, werte Emerenzia.“
„Nette Eröffnung der Verhandlung, Alessandro, mein Lieber, aber ich setze finanzielle Präferenzen, wie ich auch sonst recht genau weiß, was ich will“, brachte sie mit betont bayerischem Tonfall hervor, ihr Blick wurde direkter und auch etwas strenger.
„Es steht nicht zum Verkauf.“
„So schnell gebe ich nicht klein bei. Ich bin gewöhnt, zu kriegen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.“
Alessandros Tonfall wurde nun deutlich charmanter und er meinte ironisch: „Wir werden nie handelseins werden, Emerenzia, auch wenn Sie noch so stark sind. Ein bayerischer Sturschädel bringt keinerlei Vorteile in Verhandlungen mit einem wahren Italiener.“
„Ha, ich habe viele Jahre lang einen Marktstand geführt, das war mein Beruf und meine Berufung. Ich werde Sie überzeugen, obwohl Sie Italiener sind. Weil Sie Italiener sind“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.
Alessandro Pavese gab sich innerlich geschlagen, er mochte diese resolute Frau und stellte fest, dass er schon die längste Zeit breit vor sich hin grinste, und sein Blick immer wieder auf ihren weichen, fülligen Körper fiel, was ihr gar nichts auszumachen schien.
„Ich schließe jetzt mein Geschäft zur Mittagspause, würden Sie mir die Ehre erweisen, mich zum Essen zu begleiten, Madame Emerenzia?“ Ihr angenehmes glucksendes Lachen klang in seinen Ohren noch etwas nach.

Mit wie viel Freude und in welcher Gelöstheit sie ihr Lammfleisch mit Speckbohnen verzehrte! Alessandro konnte sich an diesem sinnlichen Vorgang gar nicht satt sehen und entwickelte seinerseits einen immensen Appetit, sodass er nach dem Antipasti-Teller noch eine Portion Ossobuco bestellte, die sich beide dann mehr oder weniger gemeinsam schmecken ließen.
„Oh, wie fantastisch das riecht, lassen Sie mich kosten, Alessandro.“ Und wieder ließ sie das „R“ bei seinem Namen vollmundig und bayerisch rollen.
Emerenzia langte ganz selbstverständlich mit dem Mund nach Alessandros gefüllter Gabel, die er ihr entgegenkommend hinhielt.
„Ich habe noch niemals zuvor jemanden mit solchem Vergnügen essen sehen“, parlierte er mit vollem Mund.
„Mit Ossobuco zwischen den Zähnen zu sprechen, ist ganz bestimmt ein erster Ansatz zum Genuss, glaub mir!“, wechselte Emerenzia mit perlendem Lachen zum vertrauten „du“.
Wie wohl es tat, mit dieser Frau zu lachen.

Das Leben seines quirligen Gegenübers war bunt und laut verlaufen, als Marktstandbetreiberin auf dem Münchner Viktualienmarkt. Und wenn sie von ihrem verstorbenen Mann und ihren erwachsenen Kindern erzählte, dann glänzten ihre Augen mit denen ihres aufmerksamen Zuhörers um die Wette. Alessandros Blick fiel immer wieder auf ihren herrlichen, vom Ossobucco fettglänzenden vollen Mund, und – ja – er glitt häufig auch abwärts, um auf ihrem wogenden Busen zu verweilen. Der gehaltvolle Rotwein erschwerte dabei die Kontrolle.
Geld war reichlich geflossen am Viktualienmarkt, ein Häuschen direkt am Chiemsee nach der Pensionierung rasch gekauft und ein Teil des Kapitals in wertbeständige Kunst investiert. Einsam war es halt, seit ihr Mann nicht mehr da war. „Ach weißt du, es ist nicht nur das Essen, ich bin einfach hungrig auf das Leben. Nachts gehe ich gerne schwimmen, ich spüre dann das Wasser auf der Haut, und es ist wie eine Berührung.“

Das Geschäft hätte er um 14 Uhr wieder öffnen sollen, doch zu diesem Zeitpunkt fütterten die beiden einander quer über den Tisch mit Panna cotta, wobei Alessandro mit seinem Zeigefinger etwas überschüssige Creme aus Emerenzias Mundwinkel barg und sich vom Finger leckte. Sein Blick sagte deutlich, dass er sie viel lieber direkt mit seiner Zunge von ihren Lippen geholt hätte.
„Du könntest es mir doch zustellen, das Gemälde. Es in meiner Handtasche zu transportieren, ist nicht zumutbar“, schlug Emerenzia anschließend beim Grappa vor.
„Du kannst mit mir rechnen, am Samstag bringe ich dir das gute Stück, dann sehe ich auch deine Kunst und dein Haus. Und meine Badehose nehme ich mit.“
„Und nach dem Schwimmen koche ich uns was Deftiges. Ich freue mich sehr.“

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 13005

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