Kategorie-Archiv: Anna Bartl

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Lampen, Uhren und Geschichten

Es ist 22 Uhr 24. Grell. Der Schein meiner Schreibtischlampe irritiert mich. Seit genau einer Stunde starre ich nun auf das leere Blatt Papier vor mir. Nichts. Immer noch nichts. Eine Stunde und nichts. In ziemlich genau zwanzig Minuten wird sie nach Hause kommen, und ich muss meine Arbeit beenden. Gezwungenermaßen. Sie hält nicht viel von meinen Geschichten. Vermutlich zu Recht. Charakterlose Figuren in seelenlosen Räumen mit fragwürdigen Motiven, die langweiligen Tätigkeiten nachgehen. Unspektakulär. Mit einem Wort: real. Sie erkennt sich in meinen Erzählungen wieder, deswegen kann sie nichts mit ihnen anfangen. Absurd eigentlich. Als würde man in einen Spiegel sehen und sein Gegenüber nicht wahrhaben wollen.

22 Uhr 26. Ich drehe meine kleine Stereoanlage auf das Maximum der minimalen Lautstärke, um meine Lieblingsstelle im „Schwanensee“ von Tschaikowsky einigermaßen genießen zu können. Ich schalte die Lampe aus und schließe die Augen. Dunkelheit. Tschaikowsky, immer noch zu leise, im Hintergrund. Augen auf, Lampe wieder an. 22 Uhr 27, falsche Stelle. Grell. Ich muss mich erst wieder an das Licht gewöhnen. Eine Weile blicke ich einfach auf den Zettel vor mir, bis ich die Anlage schließlich zurück auf ein Minimum stelle. Mit klassischer Musik habe ich eigentlich nicht viel am Hut. Mozart, Beethoven und Bach. Die drei Großen ihrer Zeit kenne ich natürlich. Oder waren es Bach, Mozart und Haydn? Ich weiß es nicht. Aber Tschaikowsky finde ich trotzdem schön.

Ich prüfe die Spitze meines Bleistifts. Perfekt. Nicht zu spitz, sodass er abbrechen könnte, sobald man ihn auf das Papier setzt. Genau richtig. Wenn mir jetzt nur irgendetwas einfallen würde. Etwas Großes. Es muss schon etwas Großes sein. Natürlich ist mir klar, dass ich weder Tolstoi noch Hemingway noch Schnitzler bin, aber Kehlmann würde ich hinkriegen. Vielleicht. Oder nicht? Von ihm ist doch dieser Roman über die beiden Herren, die durch die Welt reisen und etwas abmessen sollen? So oder so ähnlich, glaube ich. Oder war der von Köhlmeier? Jedenfalls soll die Geschichte ziemlich gut gewesen sein. Aber wer möchte sich schon mit anderen vergleichen. Man ist schließlich einzigartig. Und so sollen auch meine Texte sein. Nicht so wie von diesem Kehlmann oder Köhlmann.

Ich lehne mich zurück, lege den Kopf in den Nacken. Obwohl die Musik läuft, höre ich das unablässige Ticken der Uhr. Tick, tick, tack, tick, tack, tick, tick, tick, tack. Einmal tief einatmen und ausatmen. Weiter geht‘s. Nur womit? Es gibt noch nicht einmal einen Anfang. Beunruhigt wandert mein Blick auf die silberne Taschenuhr, die ich vor mir auf den Tisch gestellt habe. 22 Uhr 33. Zumindest einen Absatz möchte ich heute schaffen. Einen kurzen. Ein paar Sätze nur. Meinetwegen etwas Banales, wie die Fahrt in der Straßenbahn. Oft sind die langweiligsten Einstiege die mit der besten Geschichte im Gefolge. Ich setze den Stift auf das Papier und halte die Luft an. Wieso? Grell. Das Licht ist beinahe unerträglich. Wenn sie nach Hause kommt, werde ich sie um eine neue Lampe bitten. Unmöglich, so zu arbeiten. Mit einem Stoß lasse ich die Luft wieder aus meinen Lungen. Mein Glaube, dass mit der Luft auch die Ideen aus mir herauskommen würden, hat sich leider nicht verwirklicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Tick, tick, tack. Der Schwanensee ist aus. Die Aufnahme ist relativ kurz. Ich habe gehört, dass sie eigentlich viel länger ist. Ich wüsste gerne, was fehlt.

Immer noch liegt die Mine des Bleistifts am Papier auf. Aber viel mehr als ein Punkt ist es noch nicht. Weit entfernt davon, ein Wort zu sein. Wie beginnt noch gleich Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“? „Im Jahr achtzehnhundertirgendwas wohnte in dem Haus, in dem jemand gestorben war, ein Mann namens Phileas Fogg.“ So ungefähr war das doch. Auch kein bahnbrechender Anfang. Aber es ist einer. Und wer hätte damals gedacht, dass dieser simple Satz der Beginn eines der erfolgreichsten Werke der klassischen Literatur werden würde? Verne selbst vermutlich nicht. Wie lange das wohl gedauert hat? Diesen ersten Satz zu schreiben, meine ich. Ob er auch so lange überlegt hat? Gut Ding braucht eben Weile, sagt man doch.

Ich hätte vorher Ideen sammeln, meine Gedanken aufschreiben sollen. Viel zu selten mache ich mir Notizen. Und was ich notiere, findet selten Verwendung. Wenn ich nur einen klaren Gedanken fassen, ihn formulieren könnte. Mein Blick wandert im Raum umher. Viel gibt es nicht zu sehen. Nur wenig erinnert mich überhaupt an irgendetwas. Auch in den Schubladen meines Schreibtischs werde ich nicht fündig. Unnötiger Krimskrams, sonst nichts. Ich lege den Bleistift weg und nehme den kleinen Papierkranich, der viel mehr wie ein Pferdchen mit Flügeln aussieht, in die Hand. Ein paar Mal drehe ich ihn herum, dann lege ich ihn wieder zurück. Ich sehe ihn weiter an. Eine Erinnerung, die ich nie vergessen werde. Vor langer Zeit hat ihn mir jemand geschenkt. Einfach so war er in meiner Westentasche, den Moment weiß ich noch genau. Plötzlich war es in meinem Leben, das Mädchen, von dem ich dachte, dass ich niemals einen Tag ohne es sein könnte. Das letzte Mal habe ich es vor fünf oder sechs Jahren gesehen. Wann und wo, weiß ich nicht mehr. Wie wichtig diese ersten Male sind, während das letzte Mal oft keine Bedeutung hat. Irgendwann ist es einfach so weit. Ohne es zu merken, ist der wichtigste Mensch in deinem Leben gar nicht mehr so wichtig und nur noch eine Erinnerung auf einem Bild an der Wand oder eben ein Origami auf deinem Schreibtisch. Vielleicht sollte ich das aufschreiben.

22 Uhr 41. Jede Sekunde könnte ich den Aufzug hören, den Schlüssel, das Schloss dreht sich um, Tür auf, sie steht in der Wohnung, in meinem Zimmer. Nein. So weit darf es nicht kommen. Ich möchte sie heute nicht mehr sehen. Sobald ich den Lift höre, sofort Licht aus und ins Bett unter die Decke, Augen zu und ruhig atmen, wenn sie die Zimmertür aufmacht, soll sie glauben, ich schlafe. So mach ich das. Tick, tack, tick, tick, tack.

Man sollte meinen, heutzutage besitzt man keine Taschenuhr mehr und wenn, dann ist es ein Erbstück oder ein Geschenk vom Großvater oder Ähnliches. Ich wünschte, ich hätte eine tolle Geschichte zu dieser Uhr, hab ich aber nicht. Vor einem Jahr etwa habe ich sie in einem Uhrengeschäft gekauft, kein Second-Hand-Laden, sie ist neu, schlicht, ohne großartige Verzierungen, innen ist ein einfaches Ziffernblatt. In regelmäßigen Abständen muss man sie aufziehen. Wenn mich die Leute danach fragen, erzähle ich, sie sei von meinem Urgroßvater, der sie im ersten Weltkrieg einem gefallenen Soldaten abgenommen hat. Alle glauben sie mir. In Wahrheit weiß ich gar nicht, ob einer meiner Urgroßväter oder Großväter in irgendeinem Krieg gekämpft hat. Darüber werde ich wohl nicht schreiben.

Mein Blick haftet wieder am Papier, der Stift ist in meiner Hand. Je einfacher, desto besser. Einen Moment schließe ich meine Augen, mein Kopf ist völlig leer. Die Sekunden verstreichen. Dann öffne ich sie wieder. Und es geht los. Endlich habe ich eine Idee. Ein Wort, eine Phrase, ein Satz nach dem anderen. Ich kann gar nicht aufhören. Wie ich es geplant hatte, beschreibe ich die Menschen, die Räume, die Absichten dieser Menschen, so wie ich sie kenne. Es soll möglichst realistisch sein. Keine Fantastereien. Eine Milieustudie sozusagen. Längst sind aus einem Absatz zwei, sogar drei oder vier geworden. Der Bleistift ist immer noch spitz genug, von ihr keine Spur. Normalerweise ist sie pünktlich. Genau um 22 Uhr 47 schließt sie für gewöhnlich die Wohnungstür auf. Seit ich mich erinnern kann, war das nie anders. Jeden Mittwochabend. Sie steigt um 22 Uhr 24 in die Straßenbahn, fährt achtzehn Minuten bis zur Endstation und von dort geht sie die restlichen fünf Minuten zu Fuß bis zu unserem Haus, in unsere Wohnung. Ich lege den Bleistift zur Seite. Drehe meinen Kopf in Richtung Uhr.

Ein Knall. Ich schrecke auf. Grell. Das Wasserglas, das ich auf den Schreibtisch gestellt habe, ist zu Boden gefallen und zerbrochen. Wasser überall. Ich muss eingeschlafen sein. Das Licht blendet mich. Mein Blick fällt auf das Blatt Papier. Es ist leer. Es wäre zu schön gewesen. Die Stille um mich herum beunruhigt mich. Ich schaue auf die silberne Taschenuhr vor mir. 22 Uhr 41. Die Uhr tickt nicht mehr. Sie muss stehengeblieben sein. Meine Augen brennen. Ich schalte das Licht aus.

Anna Bartl

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen | Inventarnummer: 17162

Schnee

Es schneit. Seit Tagen fallen, mal größere, mal kleinere, mal schnell, mal langsam, Schneeflocken vom Himmel herab. Am Anfang bildete sich nicht mehr als eine dünne, weiße Schicht am Boden, die in den kurzen Pausen des Schneefalls innerhalb weniger Minuten wieder verschwunden war. Nasse Straßen, wie nach leichtem Regen, waren das Einzige, was zurückblieb. Das ist allerdings schon eine Weile her. Mittlerweile schmilzt der Schnee nicht mehr. Stellenweise liegt er sogar einen Meter hoch. Das ist ungewöhnlich. Jahrelang gab es nicht mehr einen derart starken Wintereinbruch. Zumindest nicht in dem kleinen Dorf im Nordosten Niederösterreichs. Natürlich ist die Gemeinde auf diese Schneemassen nicht vorbereitet, was zur Folge hat, dass die Straßen nicht ordentlich geräumt werden können, was wiederum die Einwohner in ihrer Mobilität sehr einschränkt. Vor allem sind jene Menschen betroffen, die in höher gelegenen Teilen des Dorfes leben, da ein Auto hier noch weniger zu gebrauchen ist, falls man es denn überhaupt schafft, es freizuschaufeln.

Wie auch immer. In diesem Dorf, auf eben einem dieser höheren Plätze, wohnt eine kleine Familie. Sie waren mal zu fünft, also Mutter, Vater und ihre Kinder, aber jetzt sind es nur noch drei Personen, deren Lebensmittelpunkt hier verankert ist. Die beiden Töchter und der Sohn sind nach und nach ausgezogen, vor vier Jahren wurde dann die letzte Kiste aus dem Haus ins Auto gehievt. Jetzt sind nur noch die Eltern übrig. Plus der Vater der Mutter, der nicht mehr alleine leben kann. Alfred ist 86, klein und stämmig gebaut und leidet an zunehmender Demenz. Seit seine Frau vor drei Jahren verstorben ist, geht es immer schneller bergab. Deshalb hat seine Tochter ihn kurz nach dem Tod seiner Gattin zu sich geholt, in den kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze. Er fühlt sich wohl. Er muss sich um nichts kümmern, kann einen sorgenfreien Lebensabend bei seiner Familie verbringen. So gut es geht, versucht er niemanden zu stören, hilft, wo er kann, und bemüht sich in eigentlich allen Dingen, die er tut. Trotzdem ist es nicht immer einfach, zum Beispiel ist die Mülltrennung immer wieder ein großes Problem, genauso wie die Rücksicht auf die zahlreichen Haustiere. Nicht nur einmal sind die zwei Hunde aus dem Tor gelaufen, weil Alfred es offen gelassen hat, oder ist eines der Meerschweinchen verloren gegangen und wurde von einer der fünf Katzen als Spielmaus verwendet. Auch sind die Gesprächsthemen nichts für jedermann, schon gar nicht während des Mittagessens. Zu hören, wie gut oder schlecht sein Stuhlgang im Moment läuft, während man eine extra große Portion Gulasch essen möchte, ist nicht gerade ein Genuss. Zusehen zu müssen, wie er sein Essen hineinschlingt und ihm die Hälfte wieder aus dem Mund herausfällt, ist allerdings auch nicht besser.

Jedenfalls ist der Hausherr mit seiner Frau für die nächsten drei Wochen auf Reisen. Indien. Schon der sechseinhalbstündige Hinflug war eine Katastrophe. Der Snack, der serviert wurde, hat nicht geschmeckt, die Stewardess war unfreundlich, die Toilette schmutzig und der Inder neben ihnen hat sich permanent im Schritt gekratzt (eine Eigenheit der Kultur, die für Außenstehende zu Beginn für Befremden sorgt). Während also Vater und Mutter den Subkontinent erkunden und da Alfred das Haus alleine nicht bewirtschaften kann, muss noch jemand auf den alten Mann und den Rest aufpassen. Das Los traf Marie, die mittlere Tochter. Die beiden Geschwister haben leider zu viel mit dem Studium oder der Arbeit zu tun. Marie nimmt das Studium und die Arbeit ein bisschen lockerer, schaut nur vorbei, wenn es unbedingt sein muss. Die Eltern wissen das natürlich nicht, sie denken Marie pendelt jetzt vier Mal in der Woche und ist auf dem besten Weg, Ärztin zu werden. Dass sie schon vor zwei Jahren das Medizinstudium abgebrochen hat, um Germanistik zu studieren, wissen sie nicht. Es scheint sie auch nicht besonders zu interessieren. Dennoch wollte sie ihren Eltern einen Gefallen tun, packte das Notwendigste in ihre Reisetasche, setzte sich ins Auto, das sie sich von ihrem Bruder ausgeliehen hatte und fuhr aufs Land.
Nach fünfzigminütiger Fahrt war Marie nur noch wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Von der Landstraße aus konnte man schon die üppige Kirche sehen, die über dem Dorf auf dem Kirchberg thront, als wollte sie die kleine Gemeinde zu jeder Zeit daran erinnern, dass Gott zusieht.

Kurz abgelenkt von dem Anblick der Kirche bemerkte Marie nicht, dass von den Feldern neben der Straße ein Sprung Rehe, es waren ungefähr vier oder fünf, gerade dabei war, ihren Weg zu kreuzen. Es war fast zu spät, als sie die Tiere endlich sah. Sie bremste scharf ab, nicht zu stark, um einen Schleudervorgang zu vermeiden, denn man wusste ja nie, wie das Auto bei solchen Temperaturen, es hatte schließlich elf Grad unter null, reagieren würde. Nacheinander hopste das Wild über die Straße. Eines der Rehe blieb stehen und blickte in Richtung der Lenkerin. Nur noch wenige Meter bis zum Aufprall. Marie schloss die Augen. Sie erwartete den dumpfen Knall. Nichts geschah. Als sie die Lider wieder aufschlug, war das Reh verschwunden. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sie drehte den Kopf nach links und da war es. Lebendig. Frisch-fröhlich lief es zu seiner Gruppe, die sich im Windschutzgürtel am Ende des Feldes versammelt hatte. Glücklich darüber, dass dem Tier und dem Auto nichts passiert war, trat sie aufs Gas und erreichte bald die Ortseinfahrt.

Die Strecke von der Hauptstraße zum Wohnhaus war schwieriger als gedacht, die Seitenstraßen waren vollkommen vereist, vor allem der Weg den kleinen Berg hinauf gestaltete sich äußerst riskant. Marie ist es allerdings gewohnt, hierher zu fahren, schließlich verbrachte sie achtzehn Jahre ihres Lebens an diesem Ort und kennt die Verhältnisse zu dieser Jahreszeit. Mit mehr oder weniger gewagten Manövern bugsierte sie den Wagen ans Ende der Straße, wo ihr ehemaliges Zuhause aufragte wie eine Burg.

Als Marie ankam, waren ihre Eltern schon weg. Drei Wochen allein mit einem demenzkranken Mann. Nicht gerade die ultimative Auszeit von Arbeit und Studium, aber immerhin würde sie ein bisschen an ihrem Roman schreiben können. Sie parkte das Auto mitten auf der Garageneinfahrt, da jetzt sowieso niemand hinein- oder hinausfahren würde, und steigt aus. Der kalte Wind nahm ihr fast den Atem, ihre Augen begannen zu tränen. Schnell holte sie das Gepäck aus dem Kofferraum, gleichzeitig kramte sie in ihrer Jackentasche nach dem Hausschlüssel. Nachdem sie den Wagen abgeschlossen und das auch noch einmal kontrolliert hatte, machte sie sich durch den Vorgarten auf zum Eingang, wobei sie sich ein bisschen ärgerte, da die Tür im Gartenzaun offen war. Wahrscheinlich hatte ihr Großvater vergessen, sie wieder zu schließen, als er nach den Mülltonnen sehen wollte. Für Marie war das unbegreiflich, warum musste er auch hinausgehen? Wozu muss er immer Dinge kontrollieren, die keine Kontrolle brauchten? Bestimmt war auch das Tor in den großen Garten offen und die Hunde längst über alle Berge. Das wäre typisch. Marie packte den Schlüssel zurück in ihre Jacke und machte sich auf, um von der anderen Seite in das Haus zu gelangen, da sie durch diesen kleinen Umweg sehen konnte, ob wenigstens diese Tür verschlossen war. Sie war nicht offen. Also kein Grund zur Sorge, nichts passiert. Insgeheim hätte sich Marie das Gegenteil gewünscht, nur um sich noch mehr über ihn aufregen zu können. Zähneknirschend umrundete sie also den kleinen Palast, der für ihre Eltern mittlerweile viel zu groß war. Nach wenigen Metern kam ihr schon die Hundestaffel, alle mit wedelndem Schwanz, entgegen. Eine kurze Begrüßung musste natürlich sein, danach ging es weiter zur hinteren Tür, die in die Küche führte.

Alfred begrüßte sie als wäre sie erst heute Morgen aus dem Haus gegangen, obwohl sie sich seit zwei Monaten nicht mehr gesehen hatten. Seelenruhig blätterte er in seiner Tageszeitung von gestern, vermutlich nicht zum ersten Mal, und nickte Marie kurz zu, dann wollte er noch wissen, ob sie denn etwas zu Essen mitgebracht hätte. Das war alles.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Heute ist ein grauer Dienstagnachmittag. Wenn man aus dem Fenster sieht, kann man beobachten, wie die Schneeflocken langsam zu Boden rieseln. Dicke Flocken, die es beinahe unmöglich machen, irgendetwas anderes als eine einzige weiße Wand wahrzunehmen. Marie und Alfred sitzen im Esszimmer. Vor Marie steht ein Laptop, vor Alfred liegt eine Tageszeitung. Seit zwei Stunden sitzen sie sich gegenüber und sind beide in ihre eigene Arbeit vertieft. Weitere zehn Minuten später ist Alfred mit der letzten Seite des letzten Artikels fertig. Er lehnt sich zurück. Ein Blick auf seine Armbanduhr, auf sein aufklappbares Pensionistentelefon, dann aus dem Fenster. Nichts davon kann ihn länger als vier Sekunden unterhalten. Er sieht seine Enkelin an, deren Augen starr auf den Bildschirm vor ihr gerichtet sind.

„Schlimm, das mit dem Schnee“, Alfred spricht den ersten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kommt.
„Hmmm“, Marie hat ihm nicht zugehört.
„Was schreibst du? Zum Studieren was?“
Marie antwortet nicht. Alfred hakt nach: „Schreibst sicher was für den Doktor.“
„Hmmm?“, Marie sieht auf.
„Was du schreibst?“, wiederholt er.
„Was für mich.“
„Nichts fürs Studieren?“
„Nein, Opa, ich bin ja schon fertig“, Fragen über das Studium beantwortet Marie immer ein bisschen sarkastisch. Sie mag es nicht, von Familie, Verwandten und Bekannten in die Schublade der „perfekten Studentin“ gepackt zu werden, so wie ihre Geschwister.
„Achso, jaja“, Alfred tut so, als würde er wissen, wovon sie spricht. Müde schlägt er seine Zeitung zu und betrachtet die Titelseite. Ist das Blatt von heute oder von gestern? Er ist sich nicht sicher. Ein weiteres Mal öffnet er es und beginnt zu lesen. Marie kann es kaum fassen.

Sie widmet sich wieder ihrem Romanversuch. Erst hätte es nur eine Kurzgeschichte werden sollen, drei, vielleicht vier Seiten, ist aber mittlerweile auf das Dreißigfache herangewachsen. Jeden Tag zwei. Mehr nicht. Thomas Glavinic macht das auch so, wenn er ein Buch schreibt. Nicht zu viel, sonst verliert man die Lust. Jetzt hat Marie den Faden verloren. Das Gespräch mit Alfred und die Gedanken an Thomas Glavinic haben sie aus dem Konzept gebracht. Sie liest den letzten Absatz. Gar nicht so schlecht. Aber wie geht es weiter? Sie atmet tief ein, hält kurz die Luft an und stößt sie wieder heraus. Ein Espresso. Das wird helfen.

„Magst du auch einen Kaffee?“, fragt sie, als sie vor der Nespresso-Maschine steht, die sie ihrem Vater vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt hat.
„Aber ja“, gleichgültig blättert Alfred weiter. Sieht sich vermutlich das arme Mädchen auf Seite sechs an, kommt es Marie in den Sinn. Johannistrieb nennt man das. Also das Bedürfnis älterer Männer oder Frauen nach sexuellen Beziehungen oder besser gesagt, das bloße Reden davon. So hat ihr das zumindest ihr Vater erklärt. Genauso ist es auch bei Alfred. Seit Jahren gibt es für ihn kein anderes Thema, alles erinnert ihn an das Eine. Sogar Marie und ihre ältere Schwester. Sätze wie „Wenn ich dich seh, könnt‘ mir was einfallen“, sind noch von der harmlosen Variante. Natürlich meint er nicht wirklich, was er sagt, oder vielleicht schon, aber er weiß eben nicht mehr so genau, was er von sich gibt und wie schmal der Grat zwischen Humor und Perversion in diesem Fall ist.

Marie serviert den Kaffee. Für Alfred mit Milch und Süßstoff, für sich selbst kurz und schwarz. Sie widmet sich wieder dem unvollendeten Satz. Immer noch weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Ohne aufzusehen nimmt sie einen Schluck von ihrem Espresso. Sie verzieht das Gesicht. Zu bitter. Wie sie es am liebsten hat.

„Hast einen Freund?“, fragt Alfred, wie aus dem Nichts.
„Bitte?“ Sie hat ihn schon verstanden, ihr ist aber nicht klar, warum er das schon wieder wissen möchte. Erst gestern hat er sie nach ihrem Liebesleben gefragt.
„Na, einen Mann? Einen Liebhaber?“, er spezifiziert seine Formulierung, falls Marie ihn wirklich nicht verstanden hat, „Oder hast du keine Zeit für sowas?“
„Nein, Opa, ich hab keinen“, genervt hämmert sie auf ihre Tastatur ein, ohne wirklich Worte zu produzieren, nur um Alfreds Fragerei aus dem Weg zu gehen. Leider versteht er einen solchen Wink nicht und spricht ungeniert weiter: „Du musst dir schon Zeit nehmen für die Liebe, sonst verkommst!“
„Das seh ich nicht so.“

Alfred zuckt mit den Schultern, nimmt einen letzten Schluck von seinem großen Braunen, steht auf und geht ins Wohnzimmer, wahrscheinlich um ein bisschen fernzusehen. Marie ist erleichtert. Trotzdem muss sie ihm schnell folgen, denn Alfred kann den Fernseher nicht alleine einschalten, das heißt, er würde sich in seinen Sessel setzen, die Beine hochlegen und in den ausgeschalteten Apparat starren, auch ein paar Stunden, wenn es sein muss. Als Marie das zum ersten Mal sah, fand sie das unglaublich traurig. Als sie ihn fragte, warum er denn nicht Bescheid gebe, es wäre schließlich kein Problem für sie, den Fernseher anzumachen, meinte er bloß: „Ach, ich wollte dich nicht belästigen.“ Der Gedanke, dass dieser alte Mann einfach ins Leere blickt, nur um sie nicht zu stören, zerriss ihr beinahe das Herz. Marie nimmt dieses kleine Ereignis als den Beweis für die Gutmütigkeit ihres Großvaters. Es hilft ihr ein bisschen, über die zahlreichen Ärgernisse hinwegzusehen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wird. Er tut sein Bestes, dafür sollte man ihn nicht bestrafen.

Ohne ein Wort tut sie ihm den Gefallen, schaltet den Fernseher ein und stellt sogar Alfreds Lieblingssender ein: ORF 2. Alfred nickt ihr dankend zu. Nachdem Marie wieder im Esszimmer verschwunden ist, schließt er die Augen. Eine Weile hört er noch, wie Wolfram Pirchner irgendeinen Sportler interviewt – Alfred kennt ihn nicht – bevor er endgültig in einen tiefen Schlaf versinkt. Die meiste Zeit, die er vor dem Fernseher zubringt, schläft er. Sein einziges Interesse gilt den Nachrichten oder alten Filmen, die allerdings nur an Sonntagen und Feiertagen laufen. Er würde Marie gerne sagen, dass er nur ins Wohnzimmer geht, um ein kleines Nickerchen einzulegen, also eigentlich seine Ruhe haben möchte, aber er befürchtet, sie könnte es falsch verstehen und wütend oder gar traurig werden. Sie will ihm doch nur helfen. Alfred weiß das zu schätzen, daher wird er wohl weiterhin den Lärm ertragen.

Marie steht im Esszimmer und sieht aus dem Fenster. Sie denkt an ihren Exfreund. Warum hatten sie sich nochmal getrennt? Es wurde ihm zu ernst. Nach sechs Monaten hat er sie verlassen. Einfach so. Sie wollten Freunde bleiben, aber es funktionierte nicht lange. Seit fünf Wochen haben sie sich nicht mehr gesehen, voneinander gehört oder gelesen. Am Anfang war es für Marie schwer, ihm nicht zu schreiben oder ihn anzurufen. Aber mit jedem Tag wurde es leichter. Heute würde sie sich gerne bei ihm melden, nur um zu fragen, wie es ihm denn geht, was er so tut, warum er nichts von sich hören lässt. Letzteres möchte sie nicht wissen. Vielleicht hat er eine andere. Das wäre unerträglich für sie. Was ist, wenn er eine Neue hat? „Please don't be in love with someone else“, eine Zeile aus einem Song, allerdings weiß sie nicht aus welchem. Große Worte, die sie selbst gerne gesagt hätte, aber es eben nicht getan hat. Bevor die Gedanken zu tief gehen, wankt Marie in die Küche und macht sich noch einen Espresso. Sie versucht, nicht zu weinen, es gelingt nicht ganz, ein paar Tränen laufen doch herab. Um sich wieder zu beruhigen, setzt sie sich zurück an den Tisch und macht da weiter, wo sie vor wenigen Minuten aufgehört hat. Die Tasse Kaffee stellt sie neben die, die sie vorhin schon gemacht hat.

Während die beiden ihren Nachmittagsbeschäftigungen nachgehen, wird das Schneetreiben immer heftiger. Irgendwo, weit hinten im Garten, rollt sich der Husky der Familie auf dem zugefrorenen Teich zusammen und lässt sich von den größer werdenden Flocken einschneien. Die Schnauze tief im buschigen Schweif vergraben, genießt die zehn Jahre alte Hündin die Kälte. Langsam erscheint auch der Mond am Himmel. Erst nur schemenhaft, man kann ihn nur erahnen, aber mit jeder verstreichenden Minute wird er deutlicher. Es ist Vollmond. Innerhalb von fünfundzwanzig Minuten ist es stockdunkel geworden. Auf dem Teich sieht man nur noch eine beinah ebene Fläche, mit einer kleinen Erhebung in der Mitte. Plötzlich bewegt sich das weiße Etwas, steht auf, streckt sich ausgiebig, schüttelt den Schnee ab und läuft schnellen Schrittes zum Haus. Zurück bleibt nur ein aufgewühlter Haufen gefrorenes Wasser. Auch dieser wird bald verschwunden sein.

Marie hat das Schreiben für heute aufgegeben. Auf Youtube hat sie eine ziemlich gute Aufnahme von Johnny Cash Live at Folsom Prison gefunden. Sie wollte sich schon längst die Platte kaufen, allerdings hat sie noch keinen Plattenspieler, beides muss warten, bis sie wieder mehr Geld auf dem Konto hat. Nummer vierzehn dieses Auftritts von Cash ist ein Duett mit June Carter: „Jackson“. Zu dieser Zeit waren sie noch gar nicht verheiratet. Marie schmunzelt. Sie findet die Geschichte von Johnny und June sehr romantisch. Sie gemeinsam singen zu hören, macht die junge Frau immer wieder glücklich. Ihr Exfreund hat nie verstanden, warum sie die Liebesgeschichte zweier Menschen, die sie nicht kennt und die mittlerweile seit über zehn Jahren tot sind, so fasziniert. Es gibt eben nicht für alles eine Erklärung, war Maries Standpunkt. Sie hätte wahrscheinlich selbst gern eine solche Geschichte. So einen Mann. So ein Leben.

Im Zimmer nebenan schläft Alfred immer noch. Sein Kinn ruht auf seiner Brust, auf seinem Schoß hat es sich eine der Hauskatzen gemütlich gemacht. Er träumt von seiner Frau. Es gibt keinen Traum ohne sie. Diesmal sitzen sie gemeinsam in ihrem alten Haus im Wohnzimmer und sehen fern. Sie löst nebenbei ein Kreuzworträtsel, er beobachtet sie dabei. Er spricht mit ihr, aber sie ignoriert ihn, versucht sich weiter an dem Rätsel. Alfred steht auf und schreit sie an. Keine Reaktion. Nach einer Weile blickt sie auf, sieht ihm direkt in die Augen. Alfred dreht sich um und geht aus dem Zimmer in den Garten. Einen Moment bleibt er in der Sonne, es ist warm. Ein Knall. Alfred wacht auf. Im Fernsehen läuft ein Bericht über eine Jagd. Der rote Kater auf ihm zwinkert ihm zu, auch er ist durch den Schuss erschrocken. Alfred streicht ihm über den Kopf. Müde rollt sich das Tier wieder zusammen. Durch das Fenster sieht der alte Mann die Schneemassen. Jemand sollte die Terrasse freiräumen, fällt ihm ein. Vielleicht kann er das morgen machen. Oder Marie. Von hinten kommt gerade der Husky gelaufen. Alfred fragt sich, was der Hund wohl alleine am anderen Ende des Gartens getan hat. Während er darüber nachdenkt, fallen ihm langsam die Augen zu.

Marie hört immer noch Musik. Im Moment ist es „Knocked Up“ von Kings of Leon, eines ihrer Lieblingslieder. Es war sogar im Repertoire ihrer Band, die sich vor fünf Jahren aufgelöst hat. Was der Rest der Gruppe jetzt macht? Schon vor einer Weile hat sie den Kontakt zu ihnen verloren. Zwei von ihnen haben eine neue Band, aber ob es die noch gibt? Ein Blick auf die Uhr verrät Marie, dass es schon längst Zeit für das Abendessen ist. Ihr Großvater ist bestimmt schon hungrig. Schnell geht sie in die Küche und macht ihm einen Schinken-Käse-Toast. Für sich selbst schneidet sie ein bisschen Obst in das Naturjoghurt, das sie im Kühlschrank gefunden hat.

Wieder sitzen sich der alte Mann und die junge Frau gegenüber. Schweigend essen sie, was Marie zubereitet hat. „Schmeckt‘s dir?“, fragt sie, als Alfred fast fertig ist. Er nickt. Ohne aufzublicken isst er weiter. Zwischendurch nimmt er einen Schluck von seinem weißen Spritzer. Marie schmunzelt, seine Tischmanieren sind wirklich mehr als dürftig. In ein paar Tagen ist es endlich vorbei. Sie sieht aus dem Fenster. Es dauert einen Moment, bis sie merkt, dass es aufgehört hat zu schneien.

Anna Bartl

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16018

15 Stunden

„In Kürze erreichen wir unsere letzte Station, den Salzburger Hauptbahnhof“, eine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, ich nehme die Kopfhörer ab, „Vielen Dank, dass Sie sich bei Ihrer Reise für uns entschieden haben. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend! Auf Wiedersehen!“ Ohne Pause fährt der unsichtbare Sprecher fort, seine Rede in gebrochenem Englisch zu wiederholen: „In a short while ...ehm... we're reaching our final station: Salzburg … ehm... main station. Thank you for ...ehm... choosing... traveling with us … ehm... have a nice evening, good bye!“ Die letzten Worte kamen so schnell, dass man sie kaum verstehen konnte. Irgendwie finde ich die Stimme oder doch eher das Nicht-Beherrschen einer Sprache, die sie wahrscheinlich jeden Tag gebrauchen muss, um die immer gleichen Phrasen zu wiederholen, sympathisch. Irgendwie halte ich diese Menschen für ehrlich. Oder für ehrlicher. Zumindest finde ich sie aufrichtiger als Menschen, die ständig darum bemüht sind, den Schein des Beherrschens aufrechtzuerhalten, obwohl sie absolut kein Gefühl für eine andere Sprache als die eigene haben, vielleicht nicht einmal für die eigene.

Nachdem die Durchsage vorüber war und ich mir kurz Gedanken über Menschen und Sprachen gemacht habe, schalte ich meinen iPod aus, der während der gesamten Fahrt auf ungefähr einem Viertel der vollen Lautstärke lief, und man kann sich vorstellen, dass ich nur wenig von der Musik, aber dafür mehr von der Geräuschkulisse, die sich um mich herum auftat, mitbekam. Natürlich können auch die Klänge der Umgebung einiges hergeben, oft komme ich sogar absichtlich in den Genuss, diesmal allerdings war dem nicht so. Dass ich mir gut zwei Stunden anhörte, wie Elisabeth sich zwischen Leben und Tod bewegt und alle in ihrem Umfeld zurückstößt, außer den Tod selbst, war mir zwar nicht peinlich, aber ich befürchtete belustigte Blicke oder gar eine hochgezogene Augenbraue. Vor allem in dem Moment, als Annemieke van Dam „Ich gehör nur mir“ schmettert, denn spätestens hier wissen die meisten Bescheid, dass es sich um das Musical Elisabeth handelt, und ich befürchte eine Fehleinschätzung meines Charakters. Bin ich kitschig, anspruchslos, hochintelligent oder nichts von alledem? Wahrscheinlich Letzteres. Wahrscheinlich ist es den Leuten auch herzlich egal, was ich in meiner Playlist habe. Wahrscheinlich werde ich die Lautstärke weiter auf einem Minimum halten.

Ich verstaue, besser gesagt ich werfe meinen iPod in meine 20 Euro teure H&M-Handtasche aus braunem, nennen wir es „Leder“. Noch einmal checke ich mein Spiegelbild im Zugfenster, wobei ich eigentlich nur meinen Lidstrich kontrollieren möchte, da ich mir vor kurzem einen neuen Liquidliner gekauft hatte, dem ich noch nicht vertraue – alles bestens. Mit meinen Haaren bin ich nicht ganz zufrieden, aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Ansonsten trage ich ein schwarzes, kurzes Kleid, schwarze Schuhe und ein paar Ringe aus Silber. In Schwarz fühle ich mich immer am sichersten. Ich weiß nicht, warum.

Der Zug hält. Ich schnappe meine Reisetasche und bereue es, für ungefähr fünf Tage gepackt zu haben, obwohl ich nur zwei Tage hier bin.
Ich betrete den Salzburger Bahnsteig um 17 Uhr 9. Jetzt heißt es, den mir beschriebenen Ausgang zu finden, was eine nicht sonderlich schwierige Aufgabe sein sollte. Wie sich herausstellt, ist es wirklich keine schwierige Aufgabe. Sofort finde ich den richtigen Ausgang, entscheide mich für den linken Stiegenaufgang und hoffe, es ist der richtige. Es ist der richtige. Drei Minuten, nachdem ich aus der Bahn gestiegen bin, sehe ich ihn zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Ohne es kontrollieren zu können, beginne ich zu lächeln. Er steigt aus dem Mini Cooper, den er sich von seiner Nachbarin aus Wien ausgeliehen hat. Mit einem lockeren „Hallo, Anna“, das ich mit einem langgezogenen „Hallo“ erwidere, geht er um das Auto herum, und zum ersten Mal seit fast vier Wochen darf ich ihn berühren. Wie immer begrüßen wir uns wie zwei alte Freunde: eine Art kleine Umarmung mit Küsschen links und rechts auf die Wange. Er verstaut meine Tasche im Kofferraum. Noch bevor ich die Beifahrertür aufmachen kann, eilt er an meine Seite und öffnet sie für mich. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, wie sehr ich das schätze.

Während der dreißigminütigen Fahrt zu seinem Haus „am Berg“, wie er es selbst nennt, bewegen sich unsere Gespräche zwischen Erzählungen von meiner zweiwöchigen Indienreise, von der ich letzte Woche zurückgekommen war, der starken Darmentzündung, die ich am Tag der Heimreise bekommen habe und meiner langsamen Genesung. Er erzählt mir von seiner jüngeren Schwester und ihrer Familie, die auf Lanzarote leben und ihn besuchen gekommen waren, von ihren Kindern, den damit einhergehenden großen und kleinen Problemen, er spricht über seine Freunde, die ich nur von Fotos kenne, und dann reden wir auch über das Wetter. Wie jedes Mal hoffe ich, nichts Falsches zu sagen. Wie jedes Mal hoffe ich, dass er mich nicht als „Kind“ betrachtet. Wie jedes Mal, wenn er schweigt, frage ich mich, ob er sich die Sache mit uns nochmals überlegt. Jedes Schweigen frage ich mich, warum er mich wollen sollte. Ich bin auf den Tag genau zwanzig Jahre jünger. Er ist 41 und ich bin 21. Ich bin Studentin, er ist Schauspieler. Oft vergesse ich den Altersunterschied, da es ohnehin keine Rolle spielt, was mich viel mehr verunsichert, ist sein Interesse an mir. Warum ich? Ihn zu fragen, hab ich mich bisher nicht getraut. Auch diesmal nicht. Ich sehe ihn an und bin froh, dass er nicht weiß, wie es mir eigentlich geht. Dass er nicht weiß, wie sehr ich ihn mag und wie groß meine Angst ist, ihn zu verlieren.

Endlich kommen wir oben an. Wieder bin ich von dem Ausblick überwältigt, dennoch versuche ich cool zu bleiben. Er holt meine Tasche aus dem Auto und wir gehen ins Haus. Ob ihm auffällt, dass ich viel zu viel eingepackt habe? Falls ja, lässt er sich nichts anmerken.
Das Erste, was er mir drinnen anbietet, ist ein Haselnuss-Schnaps, den ich von meinem ersten Mal hier kenne. Natürlich lehne ich nicht ab. Er selbst gießt sich auch einen Kurzen ein. Vor und während des Trinkens kommt mir vor, als wäre er nervöser als ich. Dieses Gefühl habe ich häufiger. Sicher bin ich mir dessen aber nicht.

Mir fällt ein, dass ich ihm etwas aus Indien mitgebracht habe. Bevor ich ihm den kleinen Smaragd-Ganesha gebe, habe ich das Bedürfnis ihm zu erklären, von wo ich diesen und warum ich gerade dieses Geschenk für ihn ausgewählt habe, doch alles, was aus meinem Mund kommt, ist Chaos. Alles, was ich mir vorher an Erklärungen zurechtgelegt habe, ist aus meinem Kopf verschwunden, sodass ich ihm die Figur einfach in die Hand drücke. Er freut sich mehr darüber, als ich gedacht hätte. Ich bin erleichtert. Mehr als das. Ich bin in diesem Augenblick so glücklich, dass ich mir fast sicher bin, mich mehr als er über mein Geschenk zu freuen.

Nachdem er mir in seinem Schlafzimmer die neue, dunkelbraune Wandfarbe gezeigt hat und die neue LED-Lichterkette hinter seinem Bett, fragt er mich, ob ich Hunger hätte, ich sage ja. Er fragt mich, ob ich gerne ein Bier hätte, auch dazu sage ich nicht nein.
In der Küche holt er die verschiedensten Zutaten aus dem Kühlschrank und erkundigt sich immer wieder bei mir, ob er dies oder jenes machen solle oder lieber nicht. Ich sage zu allem einfach ja. Was Essen betrifft, verlasse ich mich auf ihn, denn im Gegensatz zu mir hat er Ahnung vom Kochen. Während er also mit der Zubereitung von gut fünf verschiedenen Gerichten beschäftigt ist, versuche ich, schon leicht angetrunken, ihn durch Geschichten zu unterhalten. Leider bin ich keine gute Erzählerin und nur die wenigsten meiner Erlebnisse kann ich so wiedergeben, dass sie den gewünschten Effekt erzielen. Meist scheitere ich an witzigen Begebenheiten. Nicht selten endet eine solche Geschichte mit dem Satz: „Du hättest dabei sein müssen, um es lustig zu finden.“ In solchen Situationen wird mir der Altersunterschied doch wieder bewusst. Die Angst, ihn zu verlieren steigt wieder an. Aus Verlegenheit spricht mein Mund weiter. Jedoch ohne Kontrolle von oben. Die nächste Peinlichkeit ist im Anmarsch.

Irgendwann schaffe ich es doch, still zu sein. Ich sehe ihm einfach beim Kochen zu. Er blickt auf und sieht mich an. Er beginnt zu lächeln. Ich tue es ihm gleich.
„Du bist lustig“, sagt er, „Ein bisschen was Katzenhaftes hast du schon.“ Das habe ich von ihm schon ein paar Mal gehört. Ich bin nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht, weil zu Hause zwei Katzen auf mich warten, oder es ernst meint.
„Warum?“, ich lache. Wahrscheinlich, um zu verstecken, dass mir die Antwort wichtiger ist als er ahnt. Vielleicht mache ich mich auch nur über mich selbst lustig. Ich finde mein Verhalten lächerlich.
„Nur so“, mit einem Schmunzeln wendet er sich wieder seinen Gerichten zu. Ich bin beruhigt. Er schafft es immer wieder, dass ich mich wohlfühle. Genauso wie er es schafft, das Gegenteil in mir auszulösen.
„Warst du schon mal verliebt?“
Ich zögere. Die Frage überrascht mich. Ich antworte mit „Ja“.
„Und du?“
Er zählt lachend an den Fingern ab, dann sagt er ebenfalls nur schlicht „Ja“. Ich wäre schockiert gewesen, wenn er „Nein“ gesagt hätte. Damit ist das Thema beendet.

Beim Essen reden wir über unsere Familien, die guten, aber auch die schlechten Seiten. Die meiste Zeit spricht er. Ich finde es wunderschön, seine Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen zu hören. Im Gegensatz zu mir kann er das, was er denkt, gut in Worte fassen. Das bewundere ich. Ich bewundere viele Dinge an ihm, zum Beispiel seine Selbstsicherheit, ohne überheblich zu sein. Ich wünschte, ich wäre auch nur annähernd so selbstbewusst. Mein Selbstbewusstsein fußt auf der Tatsache, dass es nicht echt ist. Viele Menschen sind der Meinung, ich wäre mir meiner Selbst sicher. Die Fassade aufrechtzuerhalten, ist nicht schwer, außer bei ihm. Er hat schon früh gemerkt, dass ich eher von Unsicherheit und Selbstzweifel getragen werde. Trotzdem (oder gerade deswegen?) hat er mich gern.

Ich helfe ihm, den Tisch abzuräumen. Mehrmals gehen wir hin und her, tragen Teller, Gläser, Schüsseln und Besteck in die Küche. Er berührt mich kurz am Arm und ich spüre, wie mein Herz sich fast überschlägt, aus Freude über dieses Bisschen Nähe. Als er beginnt, all das Geschirr abzuwaschen, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm dabei nicht helfen kann. Es ist zu wenig Platz, um zu zweit sauberzumachen. Geschichten, bei denen ich mich im Nachhinein sowieso gefragt hätte, warum ich sie erzählt habe, fallen mir nicht ein. Nicht eine. Mein Kopf ist völlig leer. Ich stehe einfach nur da und komme mir unglaublich nutzlos vor. Was er in diesem Moment denkt, ist mir ein Rätsel. Ich hoffe nur, es ist nicht dasselbe wie das, was ich gerade über mich denke.

Er geht unter die Dusche. Ich leg mich auf die Couch. Im Hintergrund läuft Loungemusik. Es gelingt mir, trotz ansteigender Müdigkeit wach zu bleiben. Fünfzehn Minuten nachdem er im Badezimmer verschwunden war, kommt er gutaussehend wie immer, aber deutlich frischer wieder zurück und setzt sich zu mir. Er fragt, ob ich noch ein Bier möchte. Ich verneine, zum einen, weil mir das Abendessen fast zu viel war, zum anderen aber, weil ich mir ein bisschen Gedanken über die hohe Anzahl an Kalorien mache. Selbstverständlich würde ich das nie zugeben. Sogar vor mir selbst versuche ich diese eine Sorge zu verbergen oder sie so gut wie möglich zu verdrängen.

Wir reden. Er philosophiert über das Leben. Ich finde es faszinierend, dass er genau das ausspricht, was ich mir schon seit langem denke. Meine Freude darüber, dass wir die gleichen oder ähnliche Ansichten haben, verstecke ich. Ich schweige. Er sieht mich an. Er nimmt meine Beine und legt sie über seinen Unterkörper. Seine Hände ruhen auf meinem Ober- und Unterschenkel. Er spricht weiter. Innerlich bin ich erleichtert, dass er mich immer noch gern hat, obwohl ich von einem Fettnäpfchen ins nächste trete. Ich mag seine Berührungen. In diesen Momenten fühle ich mich sicher. Oder sicherer.

Wir schweigen. Ich sehe meine Beine an. Er sieht mich an.
„Du magst Berührungen nicht so, oder?“, wow. Wie kann meine Körpersprache so sehr von dem abweichen, was ich tatsächlich empfinde? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ein unsicheres „Doch“ ist das Einzige, was mir dazu einfällt.
Nach einer kurzen Pause fragt er mich, mit einem Blick auf seine Hände und meine Beine: „Ist das okay?“ Mehr als ein schlichtes „Ja“ kommt auch diesmal nicht raus.
„Ich mag Berührungen. Es ist ja okay, wenn man jemanden gern hat und denjenigen berühren möchte. Du hast aber schon mehr positive Gefühle als negative?“ Das Thema macht mich verlegen. „Ja sicher!“, leider weiß ich immer noch nicht, wie ich mein Verhalten erklären soll. Vielleicht weiß ich das schon, ich kann es nur nicht in Worte fassen.
„Es ist nur“, beginne ich endlich, „Ehm... keine Ahnung... ich...“ Gott sei Dank vibriert in diesem Moment sein Handy. Er fragt mich, ob er kurz rangehen könnte, da er einen Anruf erwartet. Beruhigt darüber, dass das Thema damit ein Ende hat, sage ich, es wäre kein Problem für mich.

Er begrüßt seinen Freund, und eines der ersten Themen, die er anspricht, ist meine Hemmung, ihn zu berühren. Ein humorvoller Seitenhieb. Ich versuche, diesen zu ignorieren und bin froh, als sie über etwas anderes sprechen. Während des Gesprächs steht er auf und verschwindet aus meinem Sichtfeld, in Richtung Tür. Wie vielen Menschen, mich selbst eingeschlossen, fällt es ihm schwer, beim Telefonieren still zu sitzen.
Fünf Minuten später kommt er wieder ins Wohnzimmer, setzt sich neben mich und legt seine Hand auf mein Knie. Wieder spricht er meine Schwäche an. Noch einmal möchte ich mich rechtfertigen.

„Naja... du weißt ja, meine letzte Beziehung war nicht so toll“, ich sehe ihn fragend an. Er nickt. Ich fahre fort: „Ich hab immer das Gefühl gehabt ... ehm..., dass jede Berührung irgendwie zu viel war...“
„Von dir?“
„Ja schon... Keine Ahnung. Seitdem tu ich mir schwer.“ Seitdem hab ich Angst vor Ablehnung. Wir haben keine richtige Beziehung. Ich hab Angst, dass ich dich zu nahe an mich ranlasse und du irgendwann einfach gehst. Auf der anderen Seite habe ich auch Angst vor einer festen Beziehung und deinen Erwartungen. Ich wünschte, die Zeit würde stillstehen und mir mehr Raum geben. Ich wünschte, ich könnte meine Barriere aus Distanz abstellen und dir all die Dinge sagen, die ich empfinde und dir meine Gefühle zeigen. Aber das kann ich nicht.
Das alles sage ich natürlich nicht. Das ist mir zu theatralisch.

„Hmmm... aber wenn wir uns so noch näher kommen“, sagt er mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, „Hab ich nicht das Gefühl, als würde ich dich überfallen...?“
„Nein, eh nicht. So ist es ja auch nicht“, sage ich schnell.
Nach einer kurzen Pause meint er: „Naja, das ist ja nicht schlimm. Wenn es dich nicht stört, dass ich das mag. Du willst mich halt nicht angreifen.“

Ich sehe ihn schräg an. Ich möchte nicht mehr darüber sprechen. Er lächelt mich an. Ich lächle zurück. Er philosophiert weiter über das Leben. Ich höre ihm zu.
Es wird wieder still. Den Blick, den er mir zuwirft, kenne ich schon gut. Er lehnt sich zu mir und küsst mich, zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Es ist der perfekte Kuss. Ich erinnere mich an unseren ersten Kuss, der für mich genauso schön war. Mit meiner Hand halte ich sein Handgelenk fest, erst nach einer Weile fällt mir auf, mit welchem Druck, und ich lasse nach.

Er liegt auf der Couch. Ich sitze mit angezogenen Knien neben ihm. Unsere Kleidung ist am Boden verteilt. Wir schweigen für einige Minuten. Ich frage mich, was er gerade denkt.
„Sollen wir dann rübergehen?“, er deutet mit seinem Kopf in Richtung Schlafzimmer.
„Klingt gut.“
Er streichelt noch einmal meinen Unterschenkel, geht in die Küche und holt mir ein Glas Wasser, bevor er im Badezimmer verschwindet.
Ich sammle meine Sachen zusammen, werfe sie im Vorraum auf meine Tasche und suche darin das T-Shirt und die kurze Hose, die ich zum Schlafen mitgebracht habe. Da der Raum dunkel und mein Pyjama schwarz ist, dauert es entsprechend lange, bis ich ihn gefunden habe. Er streicht mir über den Rücken und geht an mir vorbei ins Schlafzimmer. Ich ziehe mich an und folge ihm.

Seit ungefähr einer Stunde liege ich wach im Bett. Meine Gedanken kreisen. Ich frage mich, wie lange das mit ihm und mir noch so weitergeht. Wie lange es weitergehen kann. Haben wir überhaupt eine Zukunft? Immer mehr muss ich daran denken, wie zerbrechlich die ganze Situation ist. Zumindest empfinde ich es so. Ich wüsste gerne, wie ernst ihm die Sache zwischen uns ist. Was bin ich für ihn? Eine gute Freundin mit Vorzügen oder einfach nur eine Bekannte, die sofort da ist, wenn er ruft, oder bin ich doch mehr? Ich habe ihn noch nie gefragt. Auch diesmal werde ich es nicht tun.

Irgendwann zwischen sieben und acht Uhr früh wache ich auf. Durch den geschlossenen Vorhang scheint die Sonne und taucht den Raum in schwaches Licht. Ich drehe mich um. Er schläft noch. Ich lege meine Hand auf seine Brust und schließe die Augen. Sein Herzschlag ist alles, was ich in diesem Moment wahrnehme. All die Fragen und all die Zweifel, die ich vor ein paar Stunden noch im Kopf hatte, sind vergessen. Es ist egal, ob es morgen vorbei ist oder nicht. Es ist egal, ob ich nur eine Freundin oder seine Freundin bin. Es ist egal, ob wir eine Zukunft haben, oder nicht. In diesem Augenblick ist es perfekt.

Meine Naivität erschreckt mich, als ich einige Wochen später wieder an diesen Moment denke. Er und ich, wir stehen immer noch am selben Punkt. Wir sind in der Küche und er kocht, während ich zusehe. Es ist still. Die Angst vor dem (unvermeidlichen?) Ende wächst ins Unermessliche. Endlich bringe ich die Frage hervor:
„Was bin ich eigentlich für dich?“
Er schweigt.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich gesagt oder nur gedacht habe.

Anna Bartl

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Sonntag

Noch zwei Minuten. Dann stehe ich seit zehn Minuten in der Einfahrt meiner Eltern. Also starre ich seit acht Minuten auf das braune, bestimmt vierzig Jahre alte Tor, das mich, meine Person, mein Leben von der seelenlosen Tristesse, die man auch einfach als „die Welt von Herrn und Frau Mitterer“ bezeichnen kann, trennt. Obwohl sich mir bei dem Gedanken, dass hinter diesem Tor der kleine betonierte Innenhof liegt und sich anschließend daran das leicht desolate Haus, mein Elternhaus befindet, der Magen umdreht, zieht es mich doch jede Woche wieder hierher. Warum ich die eineinhalbstündige Reise jedes Mal auf mich nehme, habe ich nie hinterfragt. Sie sind eben meine Eltern. Man muss doch seine Eltern besuchen. Oder?

Es ist Sonntag. Zum ersten Mal seit langem ein sonniger Sonntag. Gegen mein Auto gelehnt, lasse ich die letzten Sekunden, die mir noch bleiben ohne unpünktlich zu sein, verstreichen. Ich blicke auf meine Armbanduhr. Fünf, vier, drei, zwei, eins und „Herzlichen Glückwunsch, liebe Katharina Mitterer! Sie haben soeben einen Schlag mit dem Bügeleisen auf den Schädel gewonnen!“ So sieht's aus. Ich bin eben ein echter Gewinner.

Ich drehe mich noch einmal nach links und rechts, nur um festzustellen, dass immer noch niemand auf der erst seit wenigen Jahren asphaltierten Straße zu sehen ist. Noch einmal atme ich tief ein und wieder aus. Und wie jeden Sonntag seit acht Jahren gehe ich möglichst lautlos durch das alte Tor,  bahne mir einen Weg durch den Innenhof, der mit allen möglichen Gartengeräten und anderen Dingen, die ich nicht identifizieren kann, übersät ist, in Richtung Eingangstür.

„Ja grüß dich, Kathi!“, ruft jemand hinter mir quer über den Hof. Meine Mutter. Während sie in ihren verdreckten Gummistiefeln auf mich zuläuft, frage ich mich, wo sie hergekommen ist, denn es gab nur einen Weg in den Innenhof, nämlich das Tor, durch das ich gerade gekommen war. Bevor ich irgendetwas sagen kann, umarmt sie mich auch schon. So fest,  dass mir kurz die Luft wegbleibt.
„Hallo, Mama“, presse ich hervor.
Nach weiteren sechs Sekunden, die mir allerdings länger vorkommen als die Zeit, die ich vor dem Tor gestanden habe, lässt sie mich endlich los. Sie macht einen Schritt zurück und sieht mich von oben bis unten an. In ihren Augen sind Tränen. Wie jeden Sonntag, ob sonnig oder nicht, gibt sie mir das Gefühl, seit Jahren nicht mehr hier gewesen zu sein. Mich überkommt das schlechte Gewissen und ich wende mein Gesicht ab. Warum ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, weiß ich nicht.

„Jetzt sag einmal, wie geht’s dir denn?“, fragt sie, nach der wöchentlichen Musterung.
„Ja eh, passt ...“, noch bevor ich meinen Satz zu Ende bringen kann, drängt mich meine Mutter weiter zur Tür, „komm, Kathi, geh‘ ma schnell rein, der Papa schaut schon.“ Durch das Fenster sehe ich den weißhaarigen, altgewordenen Mann, in gewohnter buckliger Haltung am Esstisch sitzen. In der einen Hand hält er eine filterlose Zigarette, in der anderen eine Tageszeitung. Sein Blick ist auf mich gerichtet. Meine Glieder werden steif. Am liebsten würde ich mich einfach wieder umdrehen, über den Haufen Gerümpel hinwegsteigen, durch das Tor marschieren, mich ins Auto setzen und nach Hause fahren. Aber ich bin doch zu Hause. Oder?

Auf dem Weg ins Haus wischt sich die Frau, mit der ich absolut keine Ähnlichkeit habe und die ich doch „meine Mutter“ nenne, ihre feuchten Augen mit ihrem Ärmel trocken.
Sie schiebt mich durch die Tür und geht an mir vorbei in die Küche. Ich bleibe stehen.
„Schau wer heut‘ wieder gekommen ist!“, höre ich sie freudig sagen. Sie versucht, die Angst vor ihrem eigenen Ehemann zu überspielen. Es gelingt ihr ausgesprochen gut.
„Hob‘s eh g‘sehn!“, nuschelt mein Vater ärgerlich. Ich kann ihn kaum verstehen. Es klingt, als hätte er wieder den üblichen Promillewert.

Während ich mir die Schuhe ausziehe, richtet meine Mutter das Mittagessen an. Mein Herz schlägt so laut, dass ich das Geschepper, das sie dabei macht, nur vage und irgendwie verzerrt wahrnehme. In dem Moment, in dem ich das Zimmer betrete, werde ich durch einen ungeheuren Lärm aus meiner Trance gerissen. Ein Teller ist zu Boden gefallen und in scheinbar tausend Stücke gebrochen. Aufgeschreckt durch den Krach schießen zwei Katzen an mir vorbei. Eine dritte  erwischt, bevor sie es durch die Tür schafft, zunächst meine Beine. Sie schaut für den Bruchteil  einer Sekunde auf. Ihre gelben Katzenaugen treffen mein Gesicht. In diesem Augenblick habe ich das Gefühl, als würde sie mir die Schuld an diesem Zusammenstoß geben. Das tut sie wahrscheinlich wirklich.

„Jajetzglaubisned! Hostjetzanvogl!“, brüllt mein Vater. Ich habe große Mühe, ihn zu verstehen. Er steht kurz auf, muss sich aber gleich wieder hinsetzen. Anscheinend ist er zu betrunken, um aufrecht zu bleiben. Mir wird etwas leichter.
„Ist ja gut. Ich räum‘s schnell weg“, sagt meine Mutter ruhig, um ihn nicht noch mehr aufzuregen. Ein Grunzen, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es Worte sind oder tatsächlich nur eine Art bestätigender Laut sein soll, ist alles, was er von sich gibt.
„Ich helf dir“, nach einer kurzen Pause habe ich die Kontrolle über meine Beine wieder und gehe weiter in die Küche, knie mich auf die altmodischen Fliesen aus den Sechzigern und versuche, die kleinen Teile des ehemaligen Tellers aufzulesen.
Mein Vater grunzt nur weiter vor sich hin. Es scheint heute doch noch ein ruhiger Sonntag zu werden.

Wir beseitigen alle Scherben, dann bittet mich meine Mutter mich hinzusetzen, „Wir essen jetzt. Dein Vater hat Hunger!“ Sie sagt es so, als würde sie mir die Schuld daran geben, dass wir nicht schon längst gegessen haben. Und wahrscheinlich tut sie das wirklich.
Ich setze mich auf den Stuhl neben meinem Vater. Er sieht mich an. Ich sehe ihn an. Im Hintergrund tickt die Küchenuhr. Kurz habe ich das Gefühl, er weiß nicht, wer ich bin.
„Guad schauma aus“, er ist einer jener Menschen, die es offensichtlich lieben, den Plural zu missbrauchen. Ich sage nichts. Er spricht weiter. Ich verstehe kein Wort.

Mein Blick schweift durch das kleine, düstere Zimmer und bleibt an einem alten Foto hängen. Es zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau in einem Innenhof stehend. Sie sehen glücklich aus.  Es sind meine Eltern. Das Foto ist eine Lüge. Meine Eltern waren nie glücklich. Mein Vater war ein Schläger. Meine Mutter war schwach. Und es hat sich nichts geändert.
Ein anderes Foto an der Wand zeigt fünf Kinder. Mich und meine vier älteren Geschwister. Keiner  von ihnen kommt mehr hierher. Seit Jahren schon nicht mehr. Aber man muss doch seine Eltern besuchen. Oder?

Endlich kommt meine Mutter mit drei voll beladenen Tellern an den Tisch.
Ohne ein Wort fangen meine Eltern an zu essen. Stumm stopfen sie Brocken von Fleisch und Gemüse in sich hinein. Mir wird schlecht.
„Was ist denn das?“, frage ich vorsichtig.
„Awüd“, würgt mein Vater hervor. Meine Mutter sagt nichts.
„Was?“, ich habe nichts verstanden und schaue erwartungsvoll auf seine Lippen.
„AWÜD!“, brüllt er, dabei fällt ihm eine bräunliche Masse aus dem Mund. Ich kann meinen Ekel kaum verbergen.
„Wild“, mischt sich meine Mutter endlich ein, „Das ist Wild. Ich glaub Reh. Bin nicht sicher,
haben's vom Mayer Karl kriegt, der ist jetzt Jäger.“
„Aha. Na sehr schön. Ist sicher eine tolle Idee, ihm eine Waffe zu geben“, ist alles, was mir dazu einfällt.

Mein Vater hustet. Es klingt widerlich.
Meine Mutter spricht weiter über den Mayer Karl. Mein Vater hustet lauter, ich kann sie nicht hören. Es ist mir auch egal. Ich will nicht über den Mayer Karl sprechen.
Mein Vater lässt sein Besteck fallen, klirrend landet es am Boden. Meine Mutter stockt, sieht ihn an.
Ich sehe ihn an. Er würgt. Er bekommt keine Luft.
Wir starren ihn nur an.
Es ist Sonntag.
Zum ersten Mal seit langem ein sonniger Sonntag.

Anna Bartl

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