Kategorie-Archiv: Bernd Watzka

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Die Heiligen Drei Kühe

Wir sind die Heiligen Drei Kühe,
wir schleppten uns mit großer Mühe
nach Bethlehem, suchten die Krippe
mitsamt der dreifaltigen Sippe,

zu kredenzen dem heiligen Knilch
unsre wertvollste Gabe: frische Milch.
Doch wir Kühe – es ist kaum zu fassen! –
wurden beim Stall nicht vorgelassen.

So erging’s auch Schweinen und Hennen;
wir mussten alle schmerzlich erkennen:
Mit Milch, Fleisch, Eiern ist Gott dir nicht hold;
es zählen nur Weihrauch, Myrrhe und Gold.

Bernd Watzka
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 23003

Rudolph das Rentier

Ich bin ein altes Rentier;
Rudolph werd ich genannt,
und meine Säufernase
ist im ganzen Land bekannt.

Sie leuchtet nachts im Dunkeln,
dennoch riss ich einen Stern;
seitdem bin ich traurig,
niemand hat mich seither gern.

Es war ein blöder Unfall
im Nebel der Weihnachtsnacht.
Bin damals sturzbesoffen
in einen Schlitten gekracht.

Am Kutschbock saß Santa Claus,
selbst auch schon illuminiert,
er erwachte im Krankenhaus,
Weihnachten war ruiniert.

Bernd Watzka
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 22128

Die Raupe im Tequila

„Wünsch dir nichts, denn Wünsche
können in Erfüllung gehen“,
sprach der Schmetterling
zur trinkfreudigen Raupe,
deren Traum es war, einmal im Leben
in Tequila ein Bad zu nehmen.

Bernd Watzka
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aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22142

Der Echte Fuchs (Vulpes vulpes)

Der Echte Fuchs erblickt
auf einem Spielplatz Fräulein Fuchs.

Sein Herz fängt Feuer lichterloh.
„Ich will sie haben – nein, ich muss!
Mit Reimen hol ich mir den Kuss.

„Fräulein Fuchs, seid mein Begehren,
lasst mich Euch die Liebe lehren!
Wir wollen eins werden hier auf Erden.
Frönt der Lust oder seid mein Verderben.“

Fräulein Fuchs bleibt ungerührt.
Sie starrt ins Nichts mit leeren Augen,
ohne Herz und Hirn; ihr Fell aus Polyester,
„Made in China“ – vergiss sie, mein Bester!

Bernd Watzka
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aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23005

Der Teddybär

Der angesabberte Teddybär
hat genug, er mag nicht mehr.
Ihm fehlt ein Ohr, ein Aug ist lose,
zerrissen die einst hübsche Hose.

Er geht zurück in die Spielzeugfabrik
Sein Auftritt dort ist nicht sehr schick.
„Ich will nochmals von vorn anfangen“,
ruft er stolz mit heißen Wangen.

Er sagt: „lch geb mich selbst zurück!“
Dann sieht er ein: Das ist verrückt.
„Ein Auslaufmodell bist du – zu alt“,
erklärt ihm der Sachbearbeiter kalt.

Teddy geht aufs WIFI – es muss her
eine flotte Umschulung zum Stachelbär.
Beim Infoabend flüstert ihm sein Nachbar:
„Das ist genetisch noch nicht machbar.“

Oh Gott! Irgendwann muss dieser Idealist
ein Plätzchen finden, wo er glücklich ist!
Wo man ihn aufnimmt, so wie er ist –
auch wenn der Reim derselbe ist.

Teddy gelangt in den finsteren Wald.
Er ist einsam, doch dann trifft er bald
eine Herde mit plüschernen Rehen –
nun wird er glücklich, ihr werdet sehen!

Bernd Watzka
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aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22130

Die Hausstaubmilbe

Ich wag es kaum, mich vorzustellen,
bin doch beliebt wie Salmonellen.
Um euch den Tag nicht zu verderben,
müsst ich auf der Stelle sterben.

Ich bin eine Hausstaubmilbe,
Betonung auf der ersten Silbe.
Bin euch näher, als ihr glaubt,
viel näher als der Liebsten Haupt.

Zwar bin ich mikroskopisch klein,
halte ich eure Polster rein –
indem ich, wie wohl jeder weiß,
eure Hautschuppen verspeis.

Also bitte, kein böses Wort,
sonst bin ich irgendwann mal fort.
Sind unsere Bande auch sehr lose,
leben wir doch in Symbiose!

Bernd Watzka
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aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 23001

Der Transgender-Zwölfender

Das brünftige Röhren im Herbst,
die ewigen Kämpfe ums Revier
und dieses Imponiergehabe –
das hängt mir längst zum Hals heraus.

Ich verrat euch was: Ich spür’s in mir,
mit jeder Faser meines Leibes:
In mir drin, da schlägt das Herz
einer sanftmütigen Frau Hirsch.

Sehr feminin, sehr fürsorglich,
gefühlsbetont und liebevoll;
stets aufopfernd für das Rudel,
kurz: die perfekte Hirschkuhfrau.

Ich muss wohl einen Tierarzt finden,
der gern was dazu verdienen will –
mit einem neuen Spezialgebiet:
wildtierische Geschlechtsangleichung.

Er kann, er soll am OP-Tisch machen,
was mich vom Hirsch zur Hirschin macht –
nur eine Sache muss ich deponieren:
Ich möcht mein schönes Geweih behalten!

Bernd Watzka
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aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22127