Kategorie-Archiv: Julia Knaß

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zerrspiegeln

unsere blicke sind zerbrochen, ich schneide dich aus den scherben, du versprichst uns, ein spiegelkabinett zu bauen, prunkvoll, wir haben überhaupt keinen fokus.

und ständig will ich dich immer, wir verlaufen auf uns zu, aber dann ist da doch nur ein spiegel, das kabinett wird unser gefängnis, unsere blicke sind verbrochen.

unsere blicke sind gesprochen, ich setze das kabinett unter wasser, wir liebten uns, aber farblos, wir spiegelten uns, aber stimmlos, wir werden zu eis, das alles auftreibt.

Julia Knaß

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 17194

 

 

 

 

Aufknüpfen

Im Herbst zieht sich der Knoten in unserem Erzählfaden weiter zu und ich fliehe vor ihm nach Wien. Zu ihm. Wenn ich bei ihm bin, fixiert er mich. Ob das genug Milch sei, ob das meinen Geschmack treffe, will er wissen, als er mir Kaffee kocht. Und ich sage, ja. Ob das fest genug sei, ob das meinen Geschmack treffe, will er wissen, als er meine linke Brustwarze zwischen seine Finger nimmt. Und ich sage, fester.

Er hat in seinem Regal nur vier Bücher stehen, aber eines davon ist Wunschloses Unglück. Darüber reden wir nicht, als wir auf seinem Balkon sitzen, sondern über die Fassade. „Das Fenster, da, hat so eine seltsame Verfärbung im Glas“, zeige ich auf das Haus gegenüber und wir rätseln, warum. Dann beschäftigt mich die Asymmetrie der Kamine. Die leeren Kaffeetassen vergessen wir draußen.

Wir essen Spiegeleier gleich flüssig, stellen wir beim Frühstück fest. Er hat heute ein Meeting, ich treffe mich mit einer Freundin. Wir sind spät dran und müssen zur U-Bahn rennen. Ich lache und sage, dass ich mich wie eine Wienerin fühle, und er meint: „Richtig angekommen bist du hier erst, wenn dich die U-Bahn das erste Mal in einer ihren Türen eingezwickt hat.“ Wir fahren zwei Stationen gemeinsam, dann steigt er aus.

Meine Freundin zeigt mir die Stadt. Wie eine Katze kennt sie die besten Plätze. Zwischen Rüdigerhof und Café Drechsler versuche ich mich erstmals an einem Anfang. Wenn wir schweigend nebeneinander gehen, dann macht sie „Miau“. Irgendwann frage ich, warum sie das tue, und sie meint, weil es Spaß mache. In unserem Lachen finde ich meine Sprache wieder. Glück liegt in Katzenlauten.

Währenddessen bin ich unruhig, weil ich Angst habe, dass er sich nicht meldet. Wir wollen uns wieder treffen, wenn er mit der Arbeit fertig sei, erzähle ich ihr und zeige ihr sein Foto. Sie meint, er sehe lieb aus und dass es ja logisch sei, dass er mir während der Arbeit nicht schreibt. Als er sich meldet, fragt er, ob ich Milch mitbringen könne. Ich habe wenig Ahnung von Alltag, aber ich kaufe die, die am längsten hält.

„Meine Liebe, wenn du hier wärst, dann könnten wir jeden Tag so verbringen“, meint er und ich stelle mir eine Welt vor. Von seiner Wohnung bis zum Bahnhof sind es zwanzig Minuten zu Fuß. Er fragt, ob er mich begleiten solle. Ich verneine lachend und meine, ich sei ja schon groß, ich würde das alleine schaffen. Als ich im Zug sitze, reißt der Faden schließlich doch, nur die Schlinge um den Hals bleibt.

Julia Knaß

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 17187

 

sich verbohren

eine spirale: die ist ROSTIG, windet sich, die hat ZACKEN, die sind SPITZ, immer weiter, dreht sich langsam durch meine SCHÄDEL:decke, dann, durch mein gehirn,

zersplittert meine gedanken: „es ist nicht zu ertragen, ertragen es ist nicht zu, zu ertragen es ist nicht, nicht zu ertragen es ist, ist nicht zu ertragen es : uns“, mein körper:

SUCHT zu entkommen, er läuft davon, weil: der körperliche schmerz ist LEICHTER – wie mir ALLES weh tut – aber auch mein körper wird NASS in unserem regen,

die spirale : dreht sich weiter, bohrt sich tiefer, durch den kopf, sie will weiter, sie will zu meinem blinden fleck für?, die spirale nennen wir auch sehnsucht, my love

Julia Knaß

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 17170