Schlagwort-Archiv: hin & weg

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Ferien

Ferien sind
ein anderer Raum
mit einer Fototapete
an der Wand.

Ferien mach ich
ein paar 1000mal im Jahr.
Polynesien.
Auf meiner eigenen Insel.

Das gelbe Tretboot und das weiße Segelboot auf dem dunklen Wörthersee

Das gelbe Tretboot und das weiße Segelboot auf dem dunklen Wörthersee

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19131

Der Raumfahrer

Im Licht aus Erinnerungen der Strahl der Zeit.
Heute ist gestern und gestern ist morgen.
Ins All geschossen und sich dort verloren.
Zu weit entfernt ist erdiger Boden.

Vielleicht gibt es ja einen Planeten,
auf dem er landen kann irgendwann.
Atmen fremde Luft über Gewächsen spiegelndrot.
Als Einziger seiner Art.

Als Mensch außerhalb der Erden Sicht.
Gegangen und nie mehr wiedergekommen.
Nun ihn wärmend eine unbekannte Sonne.
Ihre Strahlen lösen seine gefrorene Haut.

Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke

Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19098

 

 

(Foto: Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke.jpg von Johannes Tosin)

Drei Freunde

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Gum, der in Wirklichkeit David heißt, wurde munter. Sein Spitzname Gum kommt vom Warenhaus Gum in Moskau. Der damalige Freund seiner älteren Schwester nannte ihn einmal so, nachdem David auf dem Hemd das Preisschildchen vergessen hatte. „Hallo Gum!“ „Wie?“ „Sieh mal“, wie hieß er doch nur? Er zeigte David das Preisschildchen. Aber jetzt zurück in die Gegenwart. Gum wusste anfangs nur, dass heute frei war. Sonntag würde Kirche bedeuten. Nun, gestern war noch Schule. Heute war Samstag.

Ein gemeinsames Frühstück gab es vielleicht eine Generation zuvor. Gums Mutter bereitete ihm einen Kakao zu und schmierte ihm ein Honig-, ein Marmelade- und ein Nutellabrot.
Er müsste Mathematik lernen, am Dienstag würde Schularbeit sein. „Musst du nicht Mathematik lernen, Davidchen?“, frage ihn seine Mutter. „Ja, muss ich“, sagte Gum, „später.“

Gegen elf tauchten Eric und Fred mit ihren Skateboards auf. Gum schnappte sich seines, und sie fuhren mit gelegentlichem Absteigen auf ihren Boards zum Skatepark, den heute wieder einmal die Kleinen mit ihren Rollern in Beschlag genommen hatten. Auch war nur ein einziges Teenagermädchen hier, Paula, aber die war schon vergeben.

Die Kleinen mit ihren Rollern im Skatepark

Die Kleinen mit ihren Rollern im Skatepark

Also fuhren die drei ohne besondere Tricks nur ein bisschen in der Halfpipe hin und her. Eigentlich kam das Gum sogar zugute, denn mit Tricks hatte er es nicht so wirklich.

Später fragte Fred: „Sollten wir nicht etwas Mathe machen?“ „Habt ihr eure Sachen mit?“, fragte Gum. „Klar“, sagte Eric. Wieder zuhause bei Gum beschäftigten sie sich eineinhalb Stunden mit dem Metier. „Das reicht für eine Vier“, stellte Eric danach fest. „Würde ich auch sagen“, meinte Gum. „Vielleicht geht sich sogar mehr aus“, befand Eric. „Gut, hören wir auf, ja?“, fragte Gum. „Ja“ und „bestimmt“ sagten Eric und Fred.

Eric und Fred ließen ihre Boards bei Gum, und sie fuhren mit dem Bus in die Stadt. Ein paar Burger, Pommes und Cola bei McDonald‘s und hinterher Eis beim Italiener. Ein bisschen Sommer, heute am 3. Mai.

Am Abend dann sahen sie sich „The Assassin“ im Cineplexx-Kino an, einen historischen Actionfilm aus Taiwan. Sie teilten sich eine gewaltig große Portion Popcorn. Da bemerkte Gum, als er seine linke Hand zum Popcorn-Sackerl auf Freds Schoß ausstreckte, dass sie groß war und knochig und von Papierhaut umspannt.

„Er fügt sich gut in unsere Gemeinschaft ein“, erklärt der Leiter des Pflegeheims Gums Tochter Natalija und dem Schwiegersohn Anton, „aber wir wissen sehr oft nicht, wo er denkt, sich zu befinden.“

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19079

abwesenheitsnotiz : auf urlaub

ich habe keine gegenwart, nur verlorene gefühle, auf einem balkon ohne haus, moos oder sand unter den füßen (meine unfähigkeit, zwischen beidem zu unterscheiden), ein leben in abwesenheitsnotizen, im nachtkästchen, gespräche nur in den entwürfen, im mailaccount, wir blättern nicht mehr zurück, wir scrollen nach unten, mir fehlt das rascheln der seiten oder seine notizen auf meinen rändern oder die scheinbare leere in unseren atemzügen dazwischen, manchmal.

ich trete vom balkon, zurück in einen anderen raum, in eine andere vergespensterung, alles ist verfärbt, die vorhänge sind altrosa, der bettüberwurf minzgrün, wir fotografieren das zimmer, wir fotografieren uns, verlaufen im spiegel, bevor wir die kofferinhalte, bevor wir uns über den raum verstreuen, ich google den schnellsten weg zum meer oder ich lese ihr vor, von touriseiten, was wir uns alles ansehen könnten, die castello di duino, den rilkeweg, triest, point portopiccolo, wir reden und lachen und reden und ich schiebe die ungeschriebenen gedichte im kopf zur seite, schiebe es zur seite, ich verschmerze das heute nicht.

wir spielen strandurlaub im märz, wir spielen außerhalb der saison, vor geschlossenen lokalen und ohne gäste, zwischen zwei steinen treibt eine qualle an der wasseroberfläche. „glaubst du, dass die tot ist?“, fragt sie mich, dann schaut sie auf ihr handy. ihre locken, meine zigaretten, unsere strandkleider, nur ich ziehe mich aus, obwohl das meer zu kalt ist, mein bikini passt nicht mehr, der busen quillt über, jeder schritt ins wasser ist ein abrutschen, an den steinen, an mir selbst, ich bin froh, dass nur sie mich beobachtet, kein anderer blick ruht auf mir, auf meinem unförmigen körper, auf meinem fehlenden gleichgewicht, der abweisende untergrund, kein halt zu finden, sie fotografiert mich, als nur mehr mein kopf aus dem wasser schaut, ein beweisfoto gegen die ungezählten porträtfotos, die ich später von ihr festhalten werde, am steg, in perfekter pose, wir reden und lachen und reden, an meinen beinen klebt sand, zwischen unseren wörtern verkleben sich die abwesenheiten, die menschen, die uns fehlen, sie sind ohne absicht verblieben, sie wollten ja nicht, dass wir eigenständig weiterfühlen: es war nur ihr versehen, unser gefühl.

„mir tut das herz so weh“, sagt sie und ihr glaube ich das. „manchmal hilft es schon, nicht mit der eigenen geschichte alleine zu sein“, antworte ich, weil ich nach etwas suche, das groß genug sein könnte. ich warte auf ein enden, sie meint: „ich hab einen stein auf die qualle geworfen. sie ist wirklich tot.“

Julia Knaß

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19070

Hey, Mercedes!

Sie steht müde in der neuen Designerküche und schaltet die Nespresso-Maschine ein. Vor dem Küchenfenster wirbeln dicke Schneeflocken im Halbdunkel, die Fensterläden klappern gedämpft und halten dem starken Wind stand. Leise surrt Kaffee in die kleine Espressotasse, der würzige Duft steigt ihr in die Nase, sie muss an George Clooney denken. Während sie ihren ersten Schluck zu sich nimmt und ihren Gedanken nachhängt, poltert ihr pubertierender Sohn in die Küche. Die Kopfhörer im Ohr, den Blick aufs Smartphone gerichtet, tastet er nach der Kühlschranktür.

„Guten Morgen, Jonas.“ Ohne eine Antwort nimmt er Orangensaft aus dem Kühlschrank, trinkt in einem Satz die halbe Flasche leer und stellt sie auf die Anrichte. Sie kippt um und ein dünnes Rinnsal tropft auf die Steinplatte und anschließend über die weiße Hochglanzfront. „Really, George?“, denkt sie und schmunzelt.

„Alexa, setze Orangensaft auf die Einkaufsliste“, murmelt Jonas und verlässt die Küche.
Beate wischt sauber und entsorgt die PVC-Flasche. Sie atmet tief durch und sieht sich das Schneetreiben an.

„Wie soll ich heute bloß zu meinem Meeting kommen?“, stöhnt sie.
„Nimm meinen Wagen, ist ein Allrad“, ihr Mann betritt den Raum. In der einen Hand hält er ein Tablet, in der anderen eine Mappe.

„Der ist nagelneu, ich bin mit dem noch nie gefahren!“
Ralf lacht laut auf und schüttelt den Kopf.
„Du brauchst nur drinsitzen, das Auto macht alles selber. Ich habe heute eine Telefonkonferenz von zu Hause aus, brauche den Wagen also nicht.“

Beate wählt einen dunkelblauen Hosenanzug und ein buntes Seidentuch, sieht sich in ihrem großen Ankleidezimmer um und überlegt, welche Schuhe sie anziehen soll bei diesem Mistwetter. „Egal, ich werde in einer Tiefgarage parken, da kann ich dann auch die Highheels anziehen, ich werde ja nicht im Schnee rumlaufen müssen.“

„Alexa, schalte die Alarmanlage aus.“ Ihr Sohn schlurft am Schrankraum vorbei, öffnet die Haustür und weg ist er Richtung Bushaltestelle.
An der Küchentheke sitzt ihr Mann am Barhocker, trinkt Espresso und sieht ins Tablet. „Pling …“, das Signal für eine eingehende Mail ertönt.
„Alexa, öffne das Garagentor.“
„Alexa, sag Mercedes starte die Standheizung.“ Ralf dirigiert Alexa, während er weiter in seinem Tablet liest.
Ein lauter Signalton surrt aus Beates iPhone. Anschließend ein „Pling“ und gleich hinterher ein „Sssrrrrrum“.
„Eine WhatsApp Nachricht, ein neuer Facebookbeitrag und eine Mail“, denkt sie, steckt das Telefon in ihre Gucci-Tasche und verlässt die Küche.
„Bis heute Abend dann. Ich nehme uns etwas vom Koreaner mit, okay?“
„Ja, ist gut.“

Beate fühlt schon angenehme Wärme im Auto. Sie legt ihr Smartphone auf den Beifahrersitz und sucht am Cockpit des Wagens nach dem Schalter „Navi“. Das hochauflösende Display kann via Touch bedient werden, das findet sie schon mal prima, damit kann sie umgehen.
Schnell sucht sie in ihrem Handy unter den Mails nach der Adresse, die ihr die Kundin mitgeteilt hat, und tippt sie in die Navigationsleiste.
Der Motor startet sanft schnurrend, und sie biegt in die Straße ein.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ am Beifahrersitz.
„Hey, was für ein Sauwetter!“ Beate lehnt sich weiter vor in der Hoffnung, so besser durch das Schneetreiben blicken zu können.
„Wie bitte?“, ertönt es von irgendwoher im Auto.
„Was zum Geier … wer redet hier?“ Beate versucht, sich zu konzentrieren.
„Wie bitte?“  —— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
„Diese Reiseroute enthält Verkehrsbehinderungen. Bitte wählen Sie eine andere Strecke.“ Das muss die Dame aus dem Navi sein, denkt sie, denn die Navigationsroute am Display blinkt auf.

In einer Kurve kommt das Auto leicht ins Schleudern, fängt sich aber sofort wieder.
„Hey, Mercedes, gut gemacht.“ Beate lächelt.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, wieder diese freundliche, andere Frauenstimme aus dem Irgendwo.
Plötzlich erkennt Beate blinkende Rücklichter vor sich, sie drückt etwas umständlich aufs Bremspedal und spürt ein Rattern unter ihrem Stöckelschuh, kurz darauf verstärkt das Auto die Bremse selbständig.
„Mist, Stau!“ Beate schlägt auf das Lenkrad. Ihr Handy läutet.
„Beate Lauterbach“, nimmt sie den Anruf entgegen.
„Guten Tag, Frau Lauterbach. Ohlsberg spricht. Ich habe Ihnen heute schon einige Mails geschickt, haben Sie diese erhalten? Ich brauche dringend ein Angebot von Ihnen …“, die ihr bekannte quietschende Frauenstimme am anderen Ende schmerzt in ihrem Ohr. „Frau Ohlsberg, ich muss mich später darum kümmern. Ich bin unterwegs in ein Meeting und stecke im Stau fest.“
„Aber es ist wirklich dringend …!“

Beate beendet das Gespräch, denn im Rückspiegel sieht sie das gelbe Warnlicht der Straßenräumungsgesellschaft und sie weiß nicht, wie diese weiter durchkommen soll.
„Verdammt!“
„Wie bitte?“ ——— „Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Beate fährt ein paar Meter nach vorn zu einer Bushaltestelle, lässt den Räumungsdienst vorbei und wendet den Wagen.
„Die Route enthält Verkehrsbehinderungen …“, wieder diese vorwurfsvolle Stimme des Navis.
Beate will es über die Autobahn versuchen, das ist zwar ein Umweg, aber die ist sicher besser geräumt.
„Bitte wenden Sie jetzt.“
„Halt einfach die Klappe!“ Beate spürt ein krampfendes Gefühl in der Magengegend, und es wird ihr abwechselnd kalt und heiß.
„Wie bitte?“ ———
„Du sollst auch die Klappe halten. Seid BEIDE einfach ruhig!“, schreit Beate jetzt.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Die Scheibenwischer arbeiten auf Höchststufe, das Schneetreiben nimmt zu. Beate fährt vorsichtig weiter und sucht auf den Verkehrsschildern nach dem Wegweiser zur Autobahn, doch es sind alle Schilder durch die Schneeverwehungen unlesbar.
„In 500 m rechts halten und auf die A3 auffahren!“
„Na endlich!“, denkt Beate.
Sie beugt sich wieder nach vorne, setzt den Blinker …
„Oh nein!“ Beate springt auf die Bremse. Zwei LKW stehen quer über die Auffahrtsstraße.
„Jaaaa, klar! So ohne Schneeketten wird‘s nicht klappen, ihr Idioten!“
„Wie bitte?“ ———
„Mercedes, du nervst!“
„Wie kann ich behilflich sein?“ Freundlich und ruhig, wie immer.
Beate möchte wieder wenden, sie muss den Gegenverkehr abwarten.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Beate überlegt lange Zeit, sie weiß nur mehr eine weitere Strecke, die sie aber über schmale Nebenstraßen führen wird. Ob die geräumt sind?
Sie nimmt ihr Handy und wählt Ralfs Nummer, er soll ihr weiterhelfen. Besetzt! Natürlich, war zu erwarten!
Sie tritt aufs Gaspedal und der Wagen kommt leicht ins Schleudern, ein Warnlicht auf der Tachoanzeige.
„Vielleicht soll ich einfach wieder heimfahren und das Meeting abblasen?“, denkt sie. Doch sie kommt halbwegs gut vorwärts und es ist nur wenig Verkehr auf diesen Straßen.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.
Kurz darauf ein Anruf, leider nicht Ralf. Sie geht nicht ran.
„Bitte wenden Sie nach Möglichkeit jetzt!“
„Hey, ich wende nicht! Blöde Kuh!“ Beates Fingerknöchel leuchten weiß am Lenkrad, sie hält es fest und verkrampft in beiden Händen.
„Wie bitte?“, fragt die Autodame höflich.
„Pling“, „Sssrrrrrum“ – Vibrationen am Beifahrersitz.

Beate bremst abrupt, sie sucht verzweifelt nach dem Schalter für das Seitenfenster, drückt ihn fest, der rote Gelnagel löst sich von ihrem Fingernagel, wütend nimmt sie das iPhone vom Beifahrersitz und wirft es aus dem Fenster in den Schnee.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaah, ich werde verrückt hier!“
„Wie bitte?“
Sie holt tief Luft, vereinzelt verirren sich die Schneeflocken auf ihrer Kostümjacke, blitzen kurz auf und schmelzen dahin.
Beate schließt das Fenster, drückt den „Off-Schalter“ der Mittelkonsole, das Display verdunkelt sich. Sie legt den Gang ein und fährt langsam weiter. Ziellos, planlos, sie fährt einfach. Es ist nun ganz still im Auto. Nur das leise Summen des Scheibenwischers ist hörbar und das Knarzen der Autoreifen auf der Schneefahrbahn.

Beate spürt Tränen über ihr Gesicht laufen. Sie wischt sie mit dem Handrücken weg.
Nach einigen Kilometern langsamer Fahrt lässt der Schneefall nach. In der Ferne erkennt sie eine kleine Ortschaft.
„Nein, das ist nicht möglich, oder?“, fragt sie leise ins nun stumme Auto. „Das muss Kneidelsdorf sein … es ist Jahre her, Jahre …!“
Wieder ein paar Tränen, die sie schnell wegwischt. Der schneebedeckte Zwiebelturm der Kirche glitzert, Beate fährt durch schmale Straßen, vereinzelt sieht sie ältere Frauen mit Kopftuch die Gehwege freischaufeln.

Der Mercedes surrt an ihnen vorbei. Sie weiß genau, welche Abbiegung sie nehmen muss, kurz nach der Ortstafel. Wie lange hatte sie ihn nicht mehr besucht?
Sie lenkt den Mercedes in einen Innenhof, die Dachschindeln der Stallgebäude sehen schäbig aus. Das Mauerwerk des Wohnhauses ist renovierungsbedürftig, die Fensterrahmen und die Holztür wirken blass. Beate steigt der Duft von Heu und Mist in die Nase.
„Also noch immer Tiere hier?“

In Gedanken sieht sie sich als kleines Mädchen jungen Katzen hinterherlaufen, barfuß durch hohe Wiesen, Bilder von Schafherden auf Weideflächen, von einem alten Schäferhund bewacht, erscheinen. Sie erinnert sich an viele Sommertage hier auf dem Hof, spürt den Geschmack von Butterbrot mit Schnittlauch auf ihrem Gaumen, schmeckt warme, frisch gemolkene Kuhmilch, die sie damals mit einer großen Suppenkelle aus der Kanne schöpfte.
Aus einer klapperigen Stalltür kommt ein alter Mann, er schlurft in Gummistiefeln stark gebückt Richtung Wohnhaus. In seinem Mundwinkel hängt eine Pfeife. Erst jetzt bemerkt er das Auto im Innenhof stehen.

Er lächelt, nimmt die Pfeife aus dem Mund und die Mütze vom Kopf.
Beate öffnet die Tür, versinkt mit ihren Highheels im Schneematsch, bleibt stecken. Sie entledigt sich der Schuhe und läuft in Seidenstrümpfen über den Hof.
„Schicker Wagen!“, ruft er ihr mit heiserer Stimme entgegen.
Beate fällt ihm um den Hals, sie riecht Tabak und Heu.
„Hey, Mädel, was führt dich hierher in die Einöde?“ Er drückt sie fest an sich.
„Ich will mein altes Leben wieder zurück, Opi!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19063

 

Die Reisen des Regenschirms

Es gab einmal Zeiten, in denen es so heftig und beständig regnete, dass die Straßen auch noch Stunden danach nass waren, die Passanten durch Pfützen waten oder mit einem weiten Schritt darüber springen mussten. An diesem Morgen hatte es endlich geregnet, eine lang ersehnte Abkühlung nach der erdrückenden Hitze der letzten Wochen. Als ich am Vormittag zu meinem Garten aufbrach, waren die Straßen noch nass, und die Leute liefen mit Regenschirmen herum.

Ich fuhr mit der U4 nach Heiligenstadt und von dort mit dem 256er Bus nach Klosterneuburg-Kierling auf den Ölberg, wo ich zu dieser Zeit einen Garten hatte. Ich war ebenfalls mit einem Schirm unterwegs, den ich gleich nach dem Niedersetzen im Bus unter meinen Sitz legen wollte. Damit ich ihn nicht vergäße, würde ich einen Fuß darauf stellen. Als ich hinunterlangte, stieß ich mit der Hand auf einen anderen Schirm, den dort offenbar jemand vergessen hatte. Ich zog ihn heraus, öffnete ihn leicht und sah, dass er eine Reklamegabe der skandalösen Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank war, wie ein weißer Schriftzug am unteren Rand verriet.

Dieser Regenschutz war aus nachtblauer Fallschirmseide, der Mittelmast und das Gestänge waren aus Metall, der handliche Verschluss rastete leicht aus, und der ideal geschwungene, geriffelte Silbergriff schien aus einer eleganteren Zeit zu stammen. Er wirkte neu und unbenutzt, außer dass bei einem Schriftzug der Hypo das H fehlte. Viel schöner als mein eigener, der einmal aus einem Obi-Baumarkt bei mir gelandet war. Knallgrün und orange, OBI für ALLES quer drüber, mit plumpen, Holz imitierenden Plastikperlen an den Enden des Gestänges, genauso wie der viel zu lange und breite Griff. Ich gebe es offen zu, dass ich kurz versucht war, meinen Bastard einfach gegen dieses Edelexemplar auszutauschen – vielleicht war es ja der so lang gesuchte Hypo-Alpe-Adria-Rettungsschirm? Ein kurzer, heftiger Kampf in meinem Gewissen: Ein Reklameartikel, niemand hatte ihn gekauft, sondern geschenkt bekommen, also bereitete ich niemandem einen Schaden. Und bei der allgemein bekannten Großzügigkeit dieser good bank wird sie hunderte, wenn nicht gar tausende von solchen Reklamegeschenken im Land verteilt haben. Aber was, wenn sich jemand genauso schnell und intensiv wie ich in dieses Utensil verliebt hatte und jetzt unglücklich auf dem Ölberg herumlief oder in Klosterneuburg und seinen Schirm suchte?

Wir waren jetzt schon zwischen den Stationen Langstögergasse und Kreuzstadl auf der Bus-Linie. Die Häuser und Gärten wurden immer reicher und üppiger. Reicher und immer reicher, aber das dachte ich nicht wirklich. Bald musste ich eine weitreichende, moralische Entscheidung treffen. Oh Gott, wie schwer, fast so wie bei dem Bauern in Roseggers Erzählung von seinem Schirm und seiner Frau mit ihrer schwierigen Fragen: „Nimm ihn mit oder loss ihn do?“ Mein praktischer Geist siegte über das schlechte Gewissen, ich nahm beide mit, als ich an meiner Station Ulrikendorf ausstieg.
Denn wenn ich mein OBI-Unding im Bus 256 gelassen hätte, wäre der Chauffeur sicher ungehalten gewesen, vielleicht sogar ärgerlich, zornig oder böse: „Immer die Ausländer, zoehn nix, oba lossn ollan Dreck do.“
(Weil dort jetzt immer häufiger Mitbürger aus den Nachbarländern Busfahren, muss man das entsprechend ins Serbokroatische oder Tschechische übersetzen.)

Das OBI-Gebilde blieb fortan im Garten, fürs Grobe, und das Hypo-Findelkind durfte zu mir in die Stadt, wo es im Ständer meiner beachtlichen Schirmsammlung als ein Glanzlicht herausstach. Der geriffelte Silbergriff war natürlich nicht aus Silber, sondern auch nur oberflächlich mit einem silbrigen Kunststoff überzogen, was ich beim Putzen mit Idol schmerzlich bemerkte, als so viel davon abging, dass auch nur hässliches Plastik darunter hervorkam und ich Fußboden und Finger besudelte.

Einige Zeit danach hatte ich beruflich in Bratislava zu tun, wieder regnete es, und meine neue Hypo-Errungenschaft wählte ich aus, sie durfte in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes mitfahren. Allerdings vergaß ich ihn dort in der Garderobe meiner Geschäftspartnerinnen Jana und Anja, was mir nicht gleich auffiel, weil in Bratislava eitel Sonnenschein herrschte, als ich aus dem Geschäftsgebäude in den kleinen Park trat; und danach auch lange nicht, weil es bei uns wieder eine regenlose Zeit gab.

Irgendwann in den Wochen danach, beim Putzen meines Vorzimmers und Verschieben meines russischen Birkenrindenbehältnisses, fiel mir das Fehlen des mitternachtsblauen Stabes mit Silbergriff doch auf. Ich versuchte mich zu erinnern, und ich erinnerte mich richtig, wo er abgeblieben sein könnte; ich simste Jana sofort an, die das Regending aber längst aufbewahrt und es richtig, trotz ihrer zahlreichen Kunden, mir zugeordnet hatte.
Sie kennt ihre Kunden offenbar in- und auswendig, bis in die tiefsten mitternachtsblauen Falten eines geklauten Regenschirms.

Beim nächsten Termin in Bratislava, etwa ein Monat später, kam eine Freundin mit, die weder den neuen Zentralbahnhof noch Bratislava kannte. Gleich beim Eintreten ins Büro überreichte mir eine strahlende Jana die Hypo-Gabe und ich nahm sie glücklich an mich. Es regnete nicht in Bratislava an diesem Tag, in Wien auch nicht, und niemand brauchte einen Regenschirm.
Zurück am Wiener Hauptbahnhof wollten wir einen Kaffee trinken, aber meiner Freundin gefiel hier nichts, mir auch nicht, nirgends durfte man rauchen, alles sah steril und abstoßend aus. Wieder oben, über den Gürtel und die schrecklich verunglückte Kreuzung und den verlotterten Südtiroler Platz, konnten wir uns auf kein Lokal einigen. Ich sehnte mich nach den alten Lagerhallen der Baumärkte zurück – ich hatte sie so lange gesehen, dass sie mir schon vertraut waren, heimisch. Nun – Übergangsstadium, hoffe ich – ein absolutes Nichts an Stadt, eine Unstadt.

Die Freundin und ich zogen immer weiter auf der Suche nach einem gemeinsam gewünschten Kaffeehaus, alles lehnte sie ab, da und dort war‘s nicht gut, dann und damals, mit bösen Erinnerungen an schlechte Erfahrungen mit dummen, unhöflichen oder unaufmerksamen Kellnern marschierten wir die Favoriten- und die Wiedner Hauptstraße fast im Zickzack der Gassen und ihrer Lokale hinunter, so lange, bis wir uns endlich auf das Café Wortner auf der Wiedner Hauptstraße einigen konnten, mein seit 41 Jahren meiner Wohnung vorgelagertes Wohnzimmer.
Wie originell, stellten wir beide fest, und mussten kichern darüber, wie beharrlich und konservativ wir Menschen sind – immer wollen wir in den selben Stall zurück, genauso wie das Vieh oder Fiakerpferde. Irgendwann trennten wir uns, meine Freundin fuhr mit der U1 heim, ich ging ein paar Schritte weiter zu mir nach Hause.
Aber der so mühsam errungene Schirm war nicht da, stellte ich fast im Schock fest, als ich die Bratislavaer Einkäufe sichtete und verstaute. Aber kein Schirm. Wo war der Schirm?
Der Hypo-über-alles-Rettungsschirm?
Meine Freundin Helga vermutete ihn im Zug, in der S-Bahn, mit der wir um 9 Uhr früh nach Bratislava und um 16 Uhr nach Wien zurückgefahren waren. Ja, das war das Wahrscheinlichste.

Perdu, der Rettungsschirm von Hypo-Alpe-Adria, dachte ich, das ist die Strafe für das unrechtlich angeeignete Eigentum. Die Fundstelle der ÖBB traute ich mich nicht anzurufen, wegen der zweifelhaften Vorgeschichte. Und sicher hatte sich schon der ursprüngliche Besitzer aus dem 256er Bus gemeldet. Außerdem hatte ich die Erfahrung gemacht, in einem anderen, ganz anders gelegenen Fall, bei der Hotline ewig lange warten zu müssen, während das Tonband einem auf aggressive Weise die „Kleine Nachtmusik“ ins Ohr plärrte und dann, wenn man endlich durchgedrungen war, keine Auskunft oder eine falsche zu bekommen. Außerdem hatte die ÖBB jetzt sicher Wichtigeres zu tun, da sie sich daranmachte, die griechischen Staatsbahnen umsonst zu kaufen.

Die Cafés rund um den Hauptbahnhof abzuklappern, naja, das war mir das geklaute, verlorene, wiedergefundene und endgültig verlegte Hypo-Ding auch wieder nicht wert.
Kurz danach sitze ich, wie so oft, auf dem Platzerl vor dem Wortner mit dem plätschernden Teufelsbrunnen, genieße den Ort unter den Bäumen, wo die wunderbaren Wiener Gärtner aus Blumen bunte Rondeaux zaubern, ich lese Zeitungen und schreibe ein bisschen was auf, ärgere mich über die zu lauten Straßenbahnen auf der Wiedner Hauptstraße, den 1er, den 62er, die Badener Bahn, die Busse, ich denke, die Ampeln sind etwas zu kurz geschaltet, aber vor allem aber die Autos, die vor den Ampeln immer zu schnell, zu laut bremsen und starten.

Da kommt ein plötzlicher Regenguss mit Wind über die untere Wiedner Hauptstraße herein, zerrt an Bäumen und am rot-weißen Coca-Cola-Dach, die Kellner und Kellnerinnen laufen, kurbeln am Coca-Cola, was das Zeug hält, bringen aus dem Inneren des Cafés Stöße von Fleecedecken heran und umgeben die Gäste fürsorglichst damit.
Dabei müssen sie fliegende Menükarten, Blumenstöcke, Servietten und Besteckkörbchen einsammeln und die Gäste mit Regenschirmen beschützen, obwohl sie unter den flatternden Dächern einigermaßen grotesk aussehen, so wie die meisten Besucher des Café Wortner. Kinder, Frauen und Alte – immer zuerst, wie auf der Titanic.

Auf dem Weg zurück von der Toilette kam ich wie immer an der Garderobennische rechts vor der Eingangstür vorbei. Ich war entweder zu wenig alt, zu wenig Kind, zu wenig Mann oder gut konsumierender Kunde – ich sitze ja schon zwei Stunden mit einem einzigen Drink – genannt Hugo-Drink – da.
Noch einmal gebe ich etwas zu, weil ich doch ein bisschen verletzt war, durch alle Rettungskategorien des Café Wortner, oder überhaupt demnächst durch alle durchzufallen, schaute ich genauer in den Regenschirmständer hinein. Da lehnten fünf vergessene Exemplare, unter den ich einen wählen wollte. Aber was glänzte mir da entgegen?
So ist er, stolz und demütig, heimgekehrt, mit all seinem Stoff, der Aufschrift und dem silbrigen Griff, zusammengeklappt im Eimer. Ein Jammer, leider es hat seit damals nie mehr geregnet. Aber Hauptsache, er ist wieder da, der Hypo-Alpe-Adria-Regenschirm!

27.7. 15

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19041

In den Schlaf gleiten

Nervös wälzte ich mich im Bett,
ich warte, bis die Passionsblume
mich mitnimmt

Zwei schöne Mädchen,
unverständlich deren Sprache,
Hand in Hand
gehen wir eine bekannte Straße entlang,
ein veränderter Ort

Dort reden wir über
Irgendetwas
im
Irgendwo,
welches kein
Irgendwann hat

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19023

Sieben Leben hat die Katze - Teil II

I

In dem Bierzelt war es laut. Eine Musikgruppe spielte lieblos altbekannte Lieder, Männer grölten, wieder trinkende Männer, doch diesmal in anderer Umgebung, dazwischen Frauen, einige Pärchen tanzten.
Der kleine dicke Mann erzählte Anna von seiner Frau und den Kindern und dass er ein Haus gebaut hatte. Er sah traurig aus dabei. Anna hörte nicht mehr zu. Sie hörte die klagende Melodie seiner Sätze. An seinen Blicken und Gesten erkannte sie, wann er ein freundliches Lächeln, eine ermutigende Geste erwartete und sie spielte mit.
Ein großes dunkles Mädchen setzte sich neben Gert und sprach Anna an: „Ich bin die Beatrice. Ich habe in dem Gasthaus, wo du jetzt bist, gearbeitet. Der Wirt hat mich an dem Tag, bevor du gekommen bist, entlassen.“ Anna sah sie bestürzt an. Sie hatte sich bisher noch nicht überlegt, dass dieser Ort, dieses Gasthaus schon vor ihrer Ankunft dagewesen waren und dableiben würden, wenn sie ging. „Es tut mir leid“, sagte sie unentschlossen.
Beatrice lachte. „Mach dir keine Gedanken, der Wirt macht das immer so, wenn er weiß, dass er eine ausländische Studentin kriegt für den Sommer. Ihr seid einfach billiger. Er bezahlt keine Steuern für euch. Und ich, ich arbeite bis Herbst eben in Basel.“

Hans nahm Annas Hand und zog sie mit sich fort. Anna tanzte mit ihm. Schüchtern und stolz hielt er sie im Arm. „Lass uns weggehen von hier. Ich habe ein eigenes Zimmer im Haus meiner Eltern.“ Anna antwortete ihm nicht und Hans sah unglücklich zu Boden. Anna bemerkte es nicht.
Sie setzten sich wieder zu den anderen. „Sind sie nicht merkwürdig, die Leute hier, sie saufen und saufen und denken, sie feiern, aber sie tun ohnehin jeden Tag das Gleiche. Ich hatte sie schon satt, bevor ich zurückkam“, sprach Gert sie an. „Wo warst du?“, fragte Anna. „Überall und nirgendwo, ich habe gearbeitet auf einem Schiff, habe mir ein wenig die Welt angeschaut.“ Gert sah sie direkt an und grinste wieder.
Zaghaft meinte Hans zu Beatrice: „Ihr könntet mit zu mir kommen. Ich habe noch eine Flasche Gin zu Hause und bessere Musik.“ Beatrice war einverstanden. Anna wollte fort von diesem Fest, das keines war, weg von Gerts Blick.
Beatrice fuhr vorsichtig mit ihrem Auto hinter Hans her, der mit einem Mofa vorausfuhr und ihnen den Weg zeigte. Anna war betrunken. Wenn sie die Augen schloss, wirbelte sie herum. Sie klammerte sich an den Autositz.

Dann saßen sie in dem engen Zimmer von Hans. Große dunkelbraune Betten verdeckten eine Wand, ein riesiges dunkelbraunes Bett füllte den Raum, an einem niedrigen Tischchen in der Ecke nahmen sie Platz. Hans machte mit seinem Kassettenrekorder Musik und brachte Gin. Sie tranken aus der Flasche reihum. Anna verstand kaum, was die beiden erzählten, worüber sie sprachen. Gert stand in der Tür. Anna taumelte und sank auf das Bett.
Jemand zog und zerrte an ihr. Sie war nackt. Eine warme Hand griff von hinten zwischen ihre Beine, streichelte sie. Anna drückte die Hand fort. Ein Mann drang in sie ein, gesichtslos blieb er hinter ihr, Anna stieß nach ihm, doch sie tauchte nicht auf aus ihrem Dämmer.

Unter Wasser, alles gleichgültig, ein Stein, ein Tier, eine Pflanze, sie selbst ein gallertiges Wesen, azurblau, türkis, sie trieb fort zwischen Meergras und Tang, Koralle war sie und Blüte, sie lebte, an Land gespült, kein Zusammenhang, die Erde rutschte, sie lebte.
Jemand rüttelte an ihren Schultern. Eine dunkelhaarige Frau, stark geschminkt, hochtoupiertes Haar, hob Anna aus dem Bett und stellte sie unter die kalte Dusche. Immer wieder sackte sie zusammen.
Jemand half ihr auf, zog sie an. Beatrice war da. „Weshalb hast du bloß mit Gert geschlafen, mit diesem elenden Herumtreiber? Hans lag neben mir und weinte die ganze Nacht und du hast laut gestöhnt!“
Anna sah Beatrice fassungslos an.
„Es ist schon bald sieben!“, rief eine Frau ins Zimmer. „Das ist die Mutter von Hans“, stellte Beatrice vor.
Die Frau mit dem toupierten Haar, die Hans‘ Mutter war, brachte Anna mit dem Auto zum Gasthaus. Anna hatte noch Zeit, sich umzuziehen und begann wie immer mit der Arbeit.

Es war Sonntag, ein strahlender Tag. Der Wirt ließ Anna auch im Gastgarten servieren. Eine Gruppe von Radwanderern kam, Ehepaare aßen zu Mittag, eine Hochzeitsgesellschaft feierte.
Anna rannte und brachte Getränke und Essen, mechanisch rannte sie zwischen den Menschen, mehr und mehr aufgelöst, mit rotem Gesicht verlor sie die Übersicht.
Als Anna in dieser Nacht mit dem Wirt in der Küche das Geld zählte, fehlte etwas mehr als der Betrag, den sie an diesem Tag verdient hätte. In dieser Nacht erhielt Anna kein Geld, sie musste dem Wirt etwas bezahlen.
Anna ging hinaus aus der Küche in die Gaststube, der Schlüssel steckte noch in der Tür, sie sperrte auf, ging hinaus in den Gastgarten. Der Himmel war hoch und fern, die Sterne glitzerten eisig.

II

Der Mond versank blutrot im Meer. Die Nacht schlief. Der Ruf eines Käuzchens durchbrach die Stille.
Mit einem plötzlichen Ruck erhob sich Anna, nahm sorgsam Gläser, Weinflasche und Teller mit in die Küche und ging zu Bett. Noch lange starrte sie ins Dunkel, bis sie endlich einschlief.
Wieder erwachte sie spät.
Wolken hatten sich auf den Bergen niedergelassen, die Welt war grau. Sie schritt rasch den Hügel hinab. Entschlossen verließ sie ihren Pfad und nahm den Weg zu Sordos Haus.

Schon von ferne sah sie den hohen, dunklen Bretterzaun, der Hund bellte, Hühner gackerten, im Haus hörte sie ein Klopfen, ihr Herz pochte. Sie rief nach Sordo.
Nach einer Weile öffnete er das Tor. Er sah sie von der Seite an, als wollte er vermeiden, sie richtig anzusehen. Finster und verschlossen schien er. Aber er ließ sie eintreten, führte sie durch den Hof zum Haus, ließ sie dort stehen und verschwand in einem der niedrigen Ställe, die dem Haus gegenüber standen. Mitten im Hof gab es einen alten Ziehbrunnen. Anna setzte sich auf eine Holzbank mit dem Rücken zur Steinwand des Hauses. Ruhig und friedlich war es hier. Sie schloss die Augen, das Leben in ihr wurde still, kam endlich zur Ruhe. Aus dem Stall hörte sie Sordos leises Hämmern.

Sordo arbeitete ruhig, aber innerlich irritiert. Sie war gekommen, um ihm nahe zu sein, das wusste er. Er hatte sich nach ihr gesehnt. Sie war so sanft, so warm, so lebendig. Aber jetzt, wo sie von sich aus gekommen war, schreckte er zurück vor der Begegnung.
Anna kam zu ihm in den Stall. An den Wänden stapelten sich Hasenkäfige. Weiche, stille Tiere, die mit großen Augen schauten. Sordo baute einen Käfig. Unwillig blickte er auf, doch sie lächelte. Sie reichte ihm den Nagel, den erbrauchte, das nächste Brett. Er ließ es geschehen.
So arbeiteten sie schweigend, bis der Käfig fertig war. Er stellte ihn in eine Ecke, holte vorsichtig zwei junge Hasen aus einem Käfig und setzte sie in ihren neuen Stall. Anna freute sich an der Zärtlichkeit, mit der er die Tiere berührte. „Darf ich?“ Sie nahm einen Hasen und streichelte ihn. „Wie weich und schön er ist ... Du verkaufst sie?“ „Ja, ich töte sie und dann verkaufe ich sie im Dorf“, sagte er grob. „Du tötest sie selbst?“ „Irgendjemand muss es ja tun.“ „Wenn du sie aufziehst, liebst du sie dann nicht?“ „Ja, ich liebe sie und dann töte ich sie, so ist das.“ Er lachte.

Dann nahm er sie wie schon einmal an der Hand und führte sie in sein Haus. Er zeigte ihr, was er alles verbessert und verändert hatte. Und sie sah, dass es klug war und gut.
Anna spürte, wie in Sordo langsam die Freude erwachte, weil irgendjemand, nein, weil sie da war und achtete, was er tat, diese seltene Kraft in ihm, mit der er sich dem Tun, der Auseinandersetzung mit den Tieren und den Dingen hingab.
Sie lächelte ihn strahlend an, als hätte er ihr ein großes Geschenk gemacht. „Danke“, sagte sie. “Wofür?“, fragte er erstaunt. „Für die schönen Momente dieses Tages.“
Etwas in ihm stockte, ihre Worte trennten ihn ab von der verschwiegenen Vertrautheit, die still und unbemerkt zwischen ihnen entstanden war. Anna spürte sein Unbehagen, doch sie verstand es nicht, sie drückte seine Hand und lächelte, dann ging sie hinaus in ihren Tag.

Sordo blieb wütend zurück. Er hasste die leichtfüßige Art, mit der sie kam und ging. Er hatte Zeit gebraucht zu ertragen, dass sie so selbstverständlich in seine Welt eingebrochen war, schließlich hatte er sich zurechtgefunden, dann war es schön gewesen. Er war wütend, dass sie so einfach fortgehen konnte.
Er schloss die Tür, sperrte Anna und die Welt aus und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Mit einer Axt spaltete er Holz. Die Arbeit entspannte ihn. Sorgfältig sammelte er die Holzscheite ein und stapelte sie bedächtig an dem dafür vorgesehenen Platz im Verschlag neben dem Hasenstall.

Anna war leicht und glücklich, als sie Sordos Haus verließ. Die Welt war verwandelt. Der Himmel war tief und blau wie der Streifen des Meeres, den sie vom Hügel aus sehen konnte. Weiße Wolken wurden vom Himmel hin und hergeworfen. Die heißen flirrenden Felsen hoben sich dem Himmel entgegen, das flimmernde Gleißen der Hitze wie eine sichtbare Liebkosung, die sanften Hügel, dicht gepolstert mit Thymian und Salbei, ein zarter Duft hüllte sie ein. Das Sonnenlicht drang langsam in ihr Fleisch, das Haar um ihr Gesicht wurde warm und sie seufzte vor Vergnügen. Sie wollte diesen Nachmittag an sich vorübergleiten lassen, wollte keines der Bilder festhalten, wollte das Glücksgefühl speichern, das sie ganz ausfüllte. Langsam ging sie weiter.

Ein Mann hockte am Wegrand und rastete im Schatten eines Johannisbrotbaumes. Sein schwer beladener Esel stand ergeben im Schatten und döste. Unverwandt starrte der Mann Anna an. Anna nahm sein Bild in sich auf, er war dunkel gekleidet, neben ihm lag ein verkrüppelter Stock zwischen den Steinen. Unendlich alt musste er sein, dieser Mann, sein Gesicht zusammengeschrumpft, durchpflügt von Runzeln und Falten, seine hellen Augen klar, er hockte auf seinen untergeschlagenen Beinen, ein Bild der Ruhe, doch schien sein Körper gespannt, unverwandt schaute er Anna an, als betrachtete er einen Stein. Dann lächelte sein Mund. Seine Augen hafteten fest an ihr. Ein goldener Zahn blitzte in der Sonne. Sein Bild sank zugrunde in Anna. Sie grüßte ihn leise.

Nach der nächsten Biegung des Weges ließ sie sich auf einem der Steine nieder. Sie hatte das undeutliche Gefühl, keine Zeit zu haben, sie musste etwas entscheiden, etwas tun. Sie sehnte sich nach einem jener Momente, in denen alles klar war, nach einem Wendepunkt, die Vergangenheit sollte abgetan, abgeschlossen hinter ihr im Schatten, die Zukunft deutlich und sonnenklar vor ihr liegen. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie wollte nicht nachdenken, nichts entscheiden. Entschlossen stand sie auf und ging zu Sordo zurück.
Sordo starrte sie fassungslos an, als sie leuchtend und scheu vor ihm im Sonnenlicht stand. Sie lächelte. „Ich habe dir frische Feigen mitgebracht.“ Ihre Stimme war hell und fröhlich. Sordo war überrumpelt, er nahm die Früchte, unbefangen kam Anna in den Hof und in sein Haus. Doch sie war viel zu empfindsam, um seine Verwirrung nicht zu bemerken und so setzte sie sich still und fügsam auf einen der großen hölzernen Sessel. Sordo verließ das Haus, den Hof, sperrte das Hoftor von außen zu. Anna rührte sich nicht von ihrem Platz.
Nach längerer Zeit kehrte Sordo zurück. Sorglos warf er Gemüse auf den Tisch. „Ich habe in der Nähe einen kleinen Garten angelegt!“ Er lächelte stolz, er war verändert, sein Blick drang an die Oberfläche seiner Augen, sie glänzten wieder, offen und freundlich sah er sie an. Annas Beklemmung war fortgewischt. Ihr Leuchten kehrte zu ihr zurück.

Anna holte Wasser und ein Messer. Selbstvergessen wusch und putzte sie das Gemüse. Sordo schnitt Zwiebeln und briet diese in heißem Fett. Anna gab das Gemüse dazu. Sie sprachen nicht. Wieder arbeiteten sie schweigend, einer die Absicht des anderen erratend. Sordo deckte den Tisch, brachte Brot und Wein, dann saßen sie einander gegenüber.
Den würzigen Geschmack des gebratenen Gemüses auf der Zunge, Sordos feine Hand lag entspannt auf dem Tisch, sie griff nach dem Glas, Sordo lächelte ihr zu, Thymian und Knoblauch, Sordos Lippen, der Wein schmeckte nach sauren Trauben, sein Haar wild gekraust, das Brot, Sordos Blick, eine sanfte Berührung. Sie hob den Blick und fiel in seine Augen, tiefe Augen, vor denen sie zurückwich, sie senkte den Kopf, sein Blick brannte Löcher in ihre Haut, er stand auf, berührte sorgsam ihre Schultern, wie eine Katze dehnte sie sich unter seiner Hand, ihr Körper drängte sich an seinen, sie stand auf, er küsste sie, ließ ihr Zeit, nahm Abstand, schaute sie lange an, mit seinen Augen erspürte sie ihre Schönheit, sie erwiderte seinen Blick, sie hob ihre Arme, langsam und bedächtig zog sie sich aus, etwas in ihm erschrak vor ihrer Freiheit, ihrer Freiheit von Scham.

Er schaute weg, zog sich selbst aus, nüchtern und sachlich. Sie schaute ihm so genau zu, dass er unsicher wurde. Er überwand rasch die Entfernung zwischen ihnen, nahm sie an der Hand und führte sie zu seinem Bett.
Sie schmiegte sich an seinen glatten dunklen Körper. Sie schloss die Augen und überließ sich seinen Händen. Jeder feinen Linie ihres Körpers spürte er nach, andächtig zeichnete er ihre Schönheit auf ihren Körper mit derselben zärtlichen Sorgfalt, mit der er Dinge und Tiere berührte, er fand sie in jedem geheimen Winkel, sie atmete mit seinen Händen, sie folgte einem Sog, den sie nicht verstand. Die Welt zerbarst in einem Moment der sättigenden Erleuchtung. Anna kuschelte sich in Sordos Arme, sie schliefen ein.

Als Sordo erwachte, hörte er Anna draußen im Zimmer hantieren. Sie hatte sich angezogen und briet Speck und Eier. Sie strahlte. Er schaute in die Pfanne, lächelte mit dem Körper und ging, um sich zu waschen und umzuziehen.
Sie aßen miteinander. Die Freude schwang zwischen ihnen wie das Pendel einer Uhr.
„Es ist gut, dass du da bist“, sagte Sordo, ohne sie anzusehen. Sie lächelte. Er stapelte das schmutzige Geschirr in einer Ecke des Raumes und holte mit einem Eimer Wasser vom Brunnen, er stellte den Eimer ab, kam zu ihr, berührte zärtlich ihr Gesicht mit den Fingern. „Ich werde jetzt gehen“, sagte sie leise. Sie spürte nicht, wie er erstarrte, sie schmiegte sich an ihn. „Ich bin glücklich“, sagte sie und wünschte, dass er sie küsste. Dass sie das sagte, schien sie noch stärker von ihm zu trennen. Ihm fiel ein, dass sie eine Fremde war, die nicht zu ihm gehörte. Er drehte sich weg, holte den Eimer, goss das Wasser in eine Schüssel und begann das Geschirr zu waschen. Wortlos ging Anna hinaus. Offenbar wollte Sordo allein sein. Sie wischte ihre kleine Enttäuschung fort und nahm den Weg hinunter zum Meer, spürte sich eins mit der Erde, wehrlos und offen.

Ohne Carlo und Christine zu besuchen, ging Anna direkt zu ihrem Platz am Meer, zog sich aus, warf sich dem Wasser entgegen, es leckte an ihrer Haut, sie ließ sich treiben, glitt geschmeidig über die Wellen, ließ sich sinken, eins war das Leben in ihr und die Welt. Sie legte sich in den heißen Sand und fühlte in sich die bedächtige träge Bewegung der Erde, uralte Bewegung der Schildkröte.
Sie drehte sich auf den Bauch, stützte den Kopf auf einen Arm und schaute in den weißen Sand, zeichnete Linien.
Sie sah sich in Basel – nach den endlosen drei Monaten, die sie im Gasthaus eingesperrt gewesen war, verschüchtert – wieder in den zu weiten Kleidern, in denen sie dort angekommen war – die Reisetasche über die Schulter geworfen – das Geld, das sie verdient hatte, im linken Schuh versteckt, damit niemand es stahl. Anna mochte die Gestalt, die der weiße Sand ihr zeigte. Sie hatte ein Reisebüro betreten und einen Flug ans Meer gebucht, egal wo, irgendwo am Mittelmeer, sie hatte den nächsten Flug genommen, der frei war, noch am selben Abend hatte sie die Insel erreicht, den nächsten Bus genommen, war in dem kleinen Fischerdörfchen ausgestiegen, das ihr gefiel, hatte ihre Reisetasche in das Lokal am Meer gestellt und war hinausgelaufen, hatte sich ins Wasser gestürzt und herumgetobt, bis sie schrie vor Vergnügen. Sie war frei.

Anna lächelte und verwischte die Linien im Sand, rollte sich in den Schatten eines kleinen, verkrüppelten Olivenbaums. Ihr Körper war leicht, ihr Geist, auch er wie ein Körper, genoss mit Behagen die Ruhe. Sie schaute ins endlose Meer, eine Möwe schaukelte auf dem Wasser und tauchte mit Wollust ihren Körper ein.
Christine und Carlo, die kleine Anita waren sehr freundlich zu ihr gewesen, hatten sie bei sich im Haus behalten, obwohl sie eigentlich keine Zimmer vermieteten. Sie hatten wohl gespürt, dass Anna Wärme brauchte und Schutz. Anna hatte ihnen bei der Arbeit geholfen. Nach einer Woche hatten sie das kleine Häuschen auf dem Hügel für sie gefunden. Seit drei Wochen wohnte sie nun dort.
Anna rollte wieder in die Sonne und streckte sich. Die Freude dieses Tages flutete aus den Tiefen ihres Daseins zurück, verzweigte sich, tränkte und sättigte sie. Ausgestreckt, mit geschlossenen Augen empfand sie, wie ihr Wesen sich dehnte und weitete, die Erde trug sie, sie gestattete ihrem Geist nicht, ihr Empfinden in seine Formen zu pressen. Am ganzen Körper spürte sie tierhaftes Wohlsein.
Noch einmal warf sie sich ins Wasser, löste sich auf in den Wellen, zerfloss. Sie existierte und war doch nicht da. Sie war nichts. Dann fügte das gleiche Etwas, das sie in viele Teilchen aufgelöst hatte, sie wieder zusammen.

Anna trocknete sich ab und zog sich an. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange so weitermachen konnte wie bisher. Sie wollte nicht all das Geld, das sie in der Schweiz verdient hatte, hier ausgeben. Wenn sie weiter hier bleiben wollte, dann musste sie arbeiten.

Sie ging zu Carlo und Christine, es war ohnehin schon spät, Giorgio saß bei den beiden in der Küche, er hatte sich offenbar mit ihnen angefreundet, was Anna ein wenig überraschte.
Nach dem Essen erzählte Anna, dass sie gerne so lange wie möglich hier auf der Insel bleiben würde, dass sie Arbeit finden müsse. Giorgio war begeistert, übereifrig erzählte er, er hätte Häuser, die er an Touristen vermietete, Oliven- und Weingärten, da gäbe es viel Arbeit. Er könne sie gut gebrauchen. Anna vereinbarte, mit ihm am nächsten Tag seinen Besitz zu besichtigen, um zu sehen, was sie erwartete. Christine sah Anna neugierig an. Sie war beinahe sicher, dass Anna nicht Giorgios wegen länger bleiben wollte. Doch sie hielt ihre Fragen zurück. Anna wurde unruhig. Sie nützte den nächsten geeigneten Moment, sich zu verabschieden, bat Giorgio, der sich ihr aufdrängte, sie alleine gehen zu lassen und ging so schnell sie konnte zu Sordo.

Es war schon spät. Der Mond stand hoch über der Sternenflut, als sie Sordos Haus erreichte. Der Hund bellte aufgeregt.
Sie hörte Sordo die Tür seines Hauses öffnen, sie rief nach ihm. Sordo blieb still.
Er fand es schön, wenn sie da war, es war gut, wenn sie fortblieb. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie kam und ging nach ihrem Belieben. Er hasste sie dafür.
Anna rief wieder. Nach einer Weile kam er und öffnete das Tor einen Spalt. „Was willst du?“ Kalt und fremd sah er sie an. „Ich muss dir etwas erzählen, es ist wichtig!“ Sie verstand nicht, was mit ihm los war, in ihrer Verwirrung senkte sie den Kopf. Wehrlos sah sie aus und scheu und da nahm er sie wieder an der Hand und führte sie in sein Haus. Auf dem Gaskocher bereitete er Tee.

„Ich werde auf der Insel bleiben. Ich werde arbeiten“, sagte Anna in die Stille. „Ich habe heute Giorgio getroffen bei Carlo und Christine, er sagt, er hat Arbeit für mich. Ich werde arbeiten. Ich weiß noch nicht genau, wo, sooft ich kann, werde ich kommen, um dich zu besuchen. Wir werden Zeit haben.“
Mit einem Ruck drehte sich Sordo zu ihr um, feindselig und hasserfüllt sah er sie an. Er verstand nicht, weshalb sie Arbeit suchte. Er hatte doch Gemüse und Fleisch und ein Haus. Dass sie für Giorgio arbeiten wollte, brachte ihn völlig aus der Fassung. Er machte einen Schritt auf sie zu, er wollte sie schlagen, doch er beherrschte sich, drehte sich weg und stürmte aus dem Zimmer.

Mit einer Schnur fesselte er die Beine seiner Ziege, sorgsam legte er ihren Kopf auf einen Baumstrunk. Mit beiden Händen umklammerte er die Axt, er holte weit aus und schlug mit aller Kraft zu. Blut spritzte, mit einem Hieb hatte er seiner Ziege den Kopf abgeschlagen. Entsetzt starrte er einen Moment lang auf das tote Tier. Dann raste es wieder in ihm. Er nahm den blutigen Schädel, rannte in das Zimmer, warf ihn vor Anna auf den Tisch. „Morgen werde ich das Fleisch verkaufen im Dorf. Dann habe ich auch Geld. Das kannst du dann haben!“, schrie er und stürzte davon.

„In dieser Nacht starb Anna“, so schloss ich meine Geschichte. „Vielleicht bin ich in die Nacht hinausgerannt und habe mich an den Beinen verletzt. Am nächsten Tag, als die Sonne brannte und die Fliegen zu Tausenden an mir klebten, habe ich mich vielleicht unter einem Felsen verborgen. Ich schrie und als niemand kam, mich mit einem Stein zu erschlagen oder mich zu retten, starb ich. Vielleicht starb ich auch anderswo.“
„Es dauerte viele Jahre, bis neues Leben in mir erwachte“, sagte ich in den Spiegel. Erschöpft sank ich zurück auf mein Bett.
Hohläugig schaute die Alte mich an und hielt zärtlich meine Hand. „Du erinnerst Anna, doch so heißt du nicht. Du weißt gar nichts. Du bist doch nur verletzt wegen ...“
Es lachte schrill.
Dann tanzte ich für meinen Tod.
Als der Tanz zu Ende war, rührte er mich an.

Unterdessen hatte die alte Frau die Stücke meiner Geschichte eingesammelt und neu  zusammengesetzt. Sie verkaufte sie an einen Filmproduzenten.
Die Geschichte begann mit den Worten:
„Sieben Leben hat die Katze."

Marianne Peternell

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18162

Sieben Leben hat die Katze - Teil I

„Sieben Leben hat die Katze.

Wenn es wahr ist, dann gibt es noch ein Leben für mich. Das ist gut zu wissen, denn gerade jetzt fühle ich mich sterben. Als hilflose Zeugin betrachte ich von außen meinen mühsamen Tod. Eine Kraft, die ich nicht mehr verstehe, ist mir verloren gegangen. Ich laufe nicht, ich springe nicht, ich lasse mich nicht treiben. Zäh, langsam und zuverlässig strebe ich wie ein Wurm Stück für Stück meinem Tod zu“, schrieb ich in mein Heft.

„Was für ein Unsinn!“ Die alte Frau, die ich im Spiegel sah, schüttelte den Kopf und lachte ärgerlich. „Du bist nur verletzt wegen ...“ „Sei still!“, unterbrach ich sie. “Erinnerung ist Wissen, nur Wissen öffnet die Tür zum Vergessen. Ich werde mich erinnern, damit mein Geist zu mir zurückkehrt. Ich werde die Geschichte von Anna erzählen, die in einen unbegriffenen, jähen Tod stürzte. Es ist die Geschichte meines vergangenen Lebens. Ich war jung damals, etwa 24 Jahre alt und damals hieß ich Anna.“

I

Die dunklen Hosen und der dunkle Pullover schlotterten um Annas Körper. Das zottelige Haar verdeckte beinahe ihr Gesicht. Anna hatte sich unsichtbar gemacht, um nicht belästigt zu werden.
Die Fahrt sollte zwei Tage dauern.
Im Zug drängten sich die Menschen. In den schmalen Gängen saßen junge Leute auf Koffern und Rucksäcken, die Abteile waren überfüllt.

Kurz entschlossen kletterte Anna ins Gepäcksnetz und legte sich auf ihre Reisetasche. Ihr Körper entspannte sich in der Melodie der Worte, die an ihr vorüberglitten.
Von oben schaute sie in das Gesicht eines Mannes, braune Altersflecken auf der Haut, das Gesicht zu einem Lächeln verzerrt; das Fleisch war aus diesem Gesicht gewichen, Kanten von Knochen und Knorpeln zeichneten sich scharf auf der welken Haut ab. Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment erschraken beide. Er wandte sich ab und lächelte weiter, Unruhe in den tief liegenden Augen, und Anna vergaß ihn.
Das Stampfen und Rattern des Zuges gab dem Stimmengewirr einen Rhythmus. Rasch fiel sie in Schlaf.
Worte waren für Anna schon immer ungenau und schwierig gewesen. Erleichtert und froh lag sie, nun wach, inmitten der vielen Menschen schweigend in ihrem Gepäcknetz und achtete nicht auf den Sinn der Sätze.

Als sie den kleinen Bahnhof eines Dorfes in der Nähe von Basel verließ und sich nach dem Weg erkundigen musste, fiel es ihr schwer zu sprechen. Die ersten Laute misslangen, dann kehrte sie in die Welt der Worte zurück.
Da stand sie vor einem gedrungenen Mann mit rundem Kopf und flinken gewitzten Augen, die sie enttäuscht von Kopf bis Fuß musterten. Anna wurde sich der Wirkung ihrer merkwürdigen Kleider wieder bewusst.
„Du bist also die neue Kellnerin?“, fragte er zweifelnd. Anna gab ihm die Hand. Dann seiner Frau, einer Italienerin, etwa 50, rothaarig, scharf geschnittenes Gesicht, schmaler Körper im engen Kleid.

In der Gaststube saßen etwa 40 Männer mit untersetzten Körpern, schwieligen Händen und breiten Gesichtern aus der Stahlfabrik des Dorfes und tranken Schnaps und Bier. Die Frau brachte ein Glas Wein. Der Wirt knetete unaufhörlich seine Hände, als er ihre Arbeit erklärte. Arbeitszeit von 7 Uhr morgens bis etwa 2 Uhr nachts, keine Mittagspause, kein freier Tag, aber Fixum plus Umsatzbeteiligung und Trinkgelder. Er nahm den lauernden Blick nicht von ihr, während er sprach. Anna blieb gleichmütig. Noch immer seine Hände knetend leckte er sich die Lippen, neigte seinen Kopf und sah sie schräg an:
„Die Männer bringen ihre Frauen nur an Sonn- und Feiertagen zum Mittagessen mit. Die übrige Zeit bist du allein im Wirtshaus, meine Frau zählt nicht. Lass dich einladen, aber trink nicht. Schütt die Getränke weg oder bring sie meiner Frau. Ist gut fürs Geschäft. Eine gute Kellnerin hält die Männer bei Laune. Mach dich hübsch und sei freundlich, die brauchen das.“

Anna sah sich um: hölzerne, große Tische und Sesseln, Plastiktischtücher, eine verspiegelte Bar, davor die Frau. Die Männer sprachen laut. Es gelang ihr nicht, sie zu verstehen.

II

Diese Zeit lag nun schon bald zehn Wochen zurück. Anna sah von ihrem Glas auf. Die Bilder waren so lebhaft, als wäre der Leim, der die Zeit zusammenhält, zerbröckelt. Verwundert sah sie, wie das Meer schäumte. Der Wind rüttelte an ihr und erzeugte fiebrige Unruhe. Der Mann am Nebentisch sah sie nicht an. Anna spürte seine Nähe, er tastete sie ab.
Carlo kam und brachte Seeteufel mit Tomaten und Kartoffeln. Anna kaute langsam, genießerisch. Sie liebte den Geschmack von Carlos‘ Essen. Sie nippte vorsichtig am „Wasser des Lebens“, einem hausgebrannten Traubenschnaps, von dem sie einmal schon zu viel getrunken hatte.

Der Mann am Nebentisch lachte und trank ihr zu. „Your drink is hard stuff. Has about eighty percent.” Er kam zu ihr an den Tisch und lächelte. „I am Giorgio.“ Nach kurzem Zögern erwiderte Anna sein Lächeln. „I am Anna.” Giorgio verneigte sich leicht und setzte sich. „Where do you come from?“ Anna hasste diese Fragen, die die Männer hier jeder einigermaßen hübschen Touristin stellten. „I come from Europe and you?” „I am born here.” Er deutete mit der Hand in die Landschaft. „So I come from good old Europe, too. You are on holidays?” Anna schüttelte ärgerlich den Kopf. Es reichte jetzt. „It is late. I must leave. See you.” Giorgio spannte sich einen kurzen Augenblick, dann nickte er ihr zu. Anna bezahlte bei Carlo in der Küche.

Langsam ging sie den Berg hinauf zu ihrem Häuschen. Die roten Felsen glühten in der Dämmerung, die Zikaden in den Olivenhainen gaben lauthals ein ohrenbetäubendes Konzert, wilder Thymian und Oleanderbüsche dufteten. Annas Blick haftete auf dem steinigen Boden. Geführt vom wiegenden Gleichmaß ihrer Schritte glitt sie wieder aus ihrer Gegenwart.

I

Um etwa zwölf Uhr nachts waren nur noch acht Männer im Lokal. Betäubt saß Anna auf einem Stuhl und achtete darauf, ob einer von ihnen ein weiteres Bier oder einen weiteren Schnaps haben wollte. Hin und wieder leerte sie unauffällig Aschenbecher, wusch und trocknete Gläser. Die Wirtin stand gelangweilt hinter der Theke und starrte ins Leere.
Ein Mann, der seine Rechnung schon bezahlt hatte, blieb an der Tür gegenüber der Theke stehen, wandte sich zur Seite, ließ sich gegen die Lehne der Holzbank fallen und stützte sich dort ab, um den Männern noch etwas zu erzählen. Anna sah von ihrem Platz aus seine Arme und seinen Kopf. Er war betrunken. Plötzlich stürzte die Wirtin schreiend mit einem Schirm bewaffnet hinter der Theke hervor und ging auf den Mann los. „Du Sau du, du Schwein!“

Anna, die sofort dort war, sah, dass der Hosenschlitz des Mannes offen stand, sein Schwanz hing heraus, breitbeinig lehnte er über dem Schirmständer. Er hatte offenbar gepinkelt, während er den anderen Männern seine Geschichte erzählt hatte. Die Wirtin hieb gezielt mit dem Schirm nach seinem Schwanz und schimpfte lauthals. Der Mann lachte und ergriff die Flucht.
Um ihr Schmunzeln zu verbergen, empörten sich die Männer lauthals über ihren Arbeitskollegen und beruhigten die Wirtin. Dann gingen auch sie.
Anna spülte die letzten Gläser und Aschenbecher, putzte den Schirmständer, wischte die Tische und den Boden, zählte mit dem Wirt in der Küche das Geld, erhielt ihren Tagesverdienst, stieg die steile Treppe hinauf in ihre kleine, schäbige Kammer mit dem Bett, dem Tisch, dem Kasten, dem kleinen Fenster und dem Waschbecken.

Achtlos verstreute sie ihre Kleider im Raum, stellte sich ans Waschbecken und wusch sich, während sie – wie jede Nacht – durch das Fenster den steilen dunklen Hang und den Fleck Himmel betrachtete, der voller Sterne war.
Ein Punkt glomm rot auf. Plötzlich wachsam geworden starrte Anna hin und erkannte in dem Schatten am Hang die Gestalt des Wirts, der offenbar durch das erleuchtete Fenster beobachtete, wie sie sich wusch.
Anna fühlte sich unbestimmt bedroht, nahm ein Kleid aus dem Schrank und hängte es vor das Fenster.

II

Die Farben der Landschaft verloschen, die Sonne war fort.
Am Wegrand stand ein hagerer alter Mann in tiefschwarzen Kleidern. Er starrte Anna an.
Anna ging schneller. Eine weiße Ziege kam auf sie zu, blickte sie aufmerksam an und leckte ihre Hand. Ein Pfiff rief die Ziege zurück. Anna folgte dem Tier bis zu einer kleinen, verfallenen Kirche.
Der Blick des Mannes dort streifte sie, dann beugte er sich hinunter zu seiner Ziege, scherzte mit ihr, wiegte sich lachend, hielt sein Ohr an ihr Maul und flüsterte ihr etwas zu. Anna war nicht sicher, ob er verrückt war.
Noch immer vorn übergebeugt sah er kurz zu Anna auf. „Sie hat mich nicht verstanden“, meinte er ernst. Dann lächelte er schalkhaft in ihr überraschtes Gesicht. „Komm mit. Ich zeige dir, wo ich wohne. Es ist nicht weit.“ Er erhob sich rasch. Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging. Die kleine Ziege trippelte hinter ihm her wie ein Hündchen. Und Anna folgte den beiden.

Nach einem beschwerlichen Fußmarsch erreichten sie ein Haus, das von einem hohen Bretterzaun umgeben war. Anna hatte auf der Insel noch nie ein versperrtes Haus gesehen und wunderte sich, als der Mann das Hoftor mit einem großen Schlüssel öffnete.
Ein hochbeiniger schwarzer Hund zeigte seine Zähne und knurrte feindselig. Der Mann nahm Annas Arm und tätschelte das Tier. Der Hund entspannte sich, ab nun beachtete er Anna nicht mehr.
„Ich heiße Sordo“, sagte der Mann ganz nahe an ihrem Gesicht. Er ließ sie los. „Die Menschen hier glauben, ich bin verrückt, ich rede nicht viel mit ihnen. Sie haben hier rundum Bäume gefällt, um Brennholz zu machen. Ich habe Stecklinge gekauft und sie angepflanzt, damit es bald wieder Bäume gibt.“ Sein Blick irrte ab, er wurde wieder still. Nach einigen Minuten kehrte seine Aufmerksamkeit zu ihr zurück. Sie schaute ihn unsicher an. Da nahm er sie an der Hand und führte sie in sein Haus.

Sorgfältig zündete er Kerzen und Petroleumlampen an. Ein großer Raum, alles aus Stein und Holz grob zusammengefügt. Sie setzte sich auf einen der riesigen Holzsessel, die rings um einen klobigen, hölzernen Tisch standen. Sie betastete den Tisch und war sicher, dass er ihn gebaut hatte.
Sordo bereitete in der Ecke des Raumes auf einem Gaskocher Tee zu. Anna mochte seine Bewegungen. Behutsam, fast zärtlich berührte er die Dinge. Er brachte den Tee in großen Schalen und setzte sich ihr gegenüber. Anna fühlte sich in seinem Schweigen geborgen und genoss die Bedächtigkeit, mit der er sie betrachtete. Die kleine Ziege zu seinen Füßen schien zu schlafen. Als Sordos Hand sanft den Kopf der Ziege berührte, zuckte Anna zusammen.

Sordo sah sie lauernd an. Sein Blick war hart und direkt. Die warme Bedächtigkeit war verschwunden. Sie stand auf, durchquerte den Raum, sah aus dem Fenster.
Die Nacht war schwarz. Der Wind fauchte. „Ich möchte gehen.“ Ihre Stimme war rau. Sie räusperte sich. Sordo verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Wortlos führte er sie hinaus, den steilen Weg hinab bis zur verfallenen Kirche, deutete mit der Hand in die Nacht und verschwand.
Anna begann zu laufen, sie kam außer Atem, sie riss sich die Füße an Disteln wund, stolperte, fiel. Schweißüberströmt kam sie in ihrem Häuschen an. Die vertrauten Dinge beruhigten sie, sie wusch sich, trank etwas Wein, legte sich hin und schlief rasch ein.
Während dieser Nacht schrak sie mehrmals aus dem Schlaf. Das Brummen des Kühlschranks, der sich einschaltete, das Knarren des Holzbodens, ein Fensterladen, der vom Wind hin- und hergeschlagen wurde und dann ein unbekanntes Scharren, ein Schatten am Fenster, ein Lichtstreif beleuchtete kurz das blasse Gesicht Sordos, der ins Zimmer starrte, sie riss die Augen auf, aber niemand war da.

Als Anna am nächsten Tag erst mittags erwachte, war sie nicht sicher, ob sie von Sordo und seiner Ziege nur geträumt hatte. Es war heiß und friedlich, der Wind hatte sich gelegt, die Bienen summten, die Zikaden sangen. Beschwingt ging Anna ihren Pfad den Hügel hinunter ans Meer. Carlo und Christine würden sie schon erwarten. Sie wollte schwimmen und faul in der Sonne liegen.
Sie lag am Rücken im heißen Sand und schaute direkt in den Himmel. Sie überließ sich dem ruhevollen Rauschen des Meeres, das sie mit sich trug und wiegte, sie ließ sich von ihm wie eine Möwe heben und senken, sie dehnte sich vor Behagen, die sanfte Schaukel löschte ihr Denken. Sie schwebte und sah sich von weit oben, sie lag im Sand auf dem Rücken, sie schwebte, die Zeit stürzte ein.

I

Hans war sehr jung, vielleicht siebzehn oder achtzehn, hochaufgeschossen, zart, fast dünn mit kurzem blondem Haar und großen roten Händen. Er war fast jeden Tag in das Gasthaus gekommen, um Anna zuzuschauen. Sie trug Jeans und T-Shirts. Nichts Besonderes. Ihre blonden Locken ringelten sich um ihr Gesicht und sie bemühte sich zu lächeln und freundlich zu sein. Hans trank ein Coca Cola, hob ab und zu sein Glas und lächelte sie an. Der Wirt bemerkte, dass Hans noch Lehrling war in der Fabrik und wenig Geld hatte. Er kommt nur, weil er in dich verliebt ist.
Diese Erklärung machte Anna befangen. Verliebt! In ihren Träumen servierte sie Unmengen von Bier und Essen. Sie konnte keine Zeitung, kein Buch mehr lesen, dünn war sie geworden, nervös und fahrig.

Hans war da, als der Wirt ein dreitägiges Fest mit Musik veranstaltete und im Garten zusätzliche Holzbänke aufstellen ließ. Zwei weitere Kellnerinnen wurden angestellt. Anna begann wie immer um sieben Uhr morgens mit der Arbeit. Abends um sieben kamen die beiden anderen Frauen, sie waren über vierzig und stark geschminkt. „Wir bekommen nur selten Trinkgelder. Ein hartes Geschäft. Wenn man älter wird, muss man sich was anderes suchen.“

Das Fest dauerte täglich bis vier Uhr morgens. Um seine Gläser vor betrunkenen Gästen zu schützen, gab der Wirt nur Pappbecher aus. Die Stammgäste revoltierten. Da sah sie Gert zum ersten Mal. Er hatte sich seit Tagen nicht rasiert, sein blondes Haar war ungewaschen, sein Hemd stand offen. Er grinste, nahm den Pappbecher und schüttete sein Bier vor Annas Füße auf den Boden. „Sag dem Wirt, ich will ein Glas!“ Der Wirt schimpfte. „Nimm ein Tuch und wisch es auf!“, und Anna kroch am Boden zwischen den Männern und wischte, es stank. Den Männern, die schon betrunken waren, gefiel das, einer nach dem anderen leerte sein Bier auf den Boden, sie lachten: „Wisch das auf!“, und Anna wischte den Boden, kroch auf Knien, wischte. „Wir wollen Gläser!“, schrieen die Männer. Der Wirt meinte, sie könnten ihr Bier ruhig verschütten, sie müssten es Anna bezahlen oder er würde es Anna vom Lohn abziehen. Gert hatte an der Theke einen neuen Becher Bier besorgt. Er schüttete es vor Anna auf den Boden, grinste: „Wisch, ich bezahl das!“ Anna stand auf.

Hans war da. Von hinten griff er Gert an und schlug auf ihn ein. Gert drehte sich um, nach einer kurzen Rangelei packte er Hans und warf ihn über den Tisch. Er lachte, Hans blieb liegen, er schien verletzt. Die Wirtin kam, schreiend, packte Gert am Kragen, der Wirt verbot ihm das Haus. Einer der Männer half Hans auf die Beine und brachte ihn fort.

Während dieser Tage verlor Anna ihr Zeitgefühl. Sie kannte nur noch dieses Lokal, ihre Kammer, sie wusste nur noch, wie man bonierte und servierte, sie war noch niemals irgendwo anders gewesen als hier.
Der erste Abend nach dem Fest erschien Anna gemütlich und langsam. Einige gut gekleidete Männer betraten das Gasthaus. Der Wirt verließ seine Küche, wischte den Tisch im Extrazimmer persönlich sauber, rückte dort und da ein paar Sessel zurecht. Einer der Männer fasste Anna ins Auge. Er lachte sie an, fasste sie um die Hüfte. „Wein her, Weib her, ich will feiern!“ Anna machte sich unwillig los. Der Wirt nahm die Bestellung persönlich entgegen.
In der Küche schärfte er Anna ein, ja nicht zickig zu sein. „Das ist der Fabrikbesitzer! Ich habe das Wirtshaus von ihm gepachtet!“

Anna musste ein weißes Tischtuch auflegen, servierte die Speisen, Getränke, die Arbeiter am Stammtisch wurden ungehalten. Sie bekamen ihren Nachschub an Bier und Schnaps nicht rechtzeitig wie sonst. Sie brüllten Anna an, der Wirt befahl Anna, sich nicht darum zu kümmern. Alles der Reihe nach.
Anna brachte die zweite Flasche von dem teuersten Wein, entkorkte sorgfältig die Flasche, schenkte dem Fabrikbesitzer ein Schlückchen zum Verkosten ein.
Einer seiner Freunde fasste von hinten zwischen Annas Beine, Anna drehte sich spontan um und schlug den Mann hart ins Gesicht, der Mann sprang auf, Anna rannte zur Theke, der Wirt schrie „Bist du verrückt?“, die Stammgäste johlten und klatschten, der Fabrikbesitzer warf Geld auf den Tisch und verließ mit seinen Freunden wütend das Gasthaus.

Der Wirt war fassungslos. Er schimpfte nun auf Anna ein, warum sie nicht überhaupt anders, schneller, geschickter, vernünftiger, witziger sei, sie sei für nichts gut. Die Arbeiter mischten sich ein: „Setz dich hin, da hast du ein Glas Schnaps und eine Zigarette, jetzt wollen wir sehen, was der Wirt kann ohne dich!“
Anna setzte sich und rauchte, sie entspannte sich nicht, der Wirt schimpfte noch immer, „Lass ihn ruhig schreien“, sagten die Männer und bestellten zwölf Halbe und zwölf Korn bei dem Wirt und möglichst fix, sie wollten sehen, wie schnell er denn wäre.
Der Wirt lenkte ein, er rannte und machte, schimpfte mit seiner Frau, die ihm zu langsam einschenkte. Die Arbeiter bestellten weiter. Der Wirt schwitzte. Die Männer lachten. „Du bist aber auch nicht der Schnellste, na siehst du. Setz dich also und spiel nicht verrückt!“

Ein kleiner, dicker Mann redete freundlich mit Anna: „Morgen ist ein Zeltfest im Dorf. Es gibt dort Musik. Geh hin, es tut dir sicher gut, wenn du mal rauskommst.“ „Sie kann raus, ja, aber nicht rein!“, rief der Wirt grob. „Wenn sie in ihr Zimmer will, muss sie durch das Lokal. Sie bekommt aber keinen Schlüssel. Schließlich könnte sie was stehlen. Geh also ruhig aus, aber wiederkommen kannst du erst morgens um sieben!“ „Ich gehe, ja gut, ich gehe!“, rief Anna.
Mit dem kleinen Mann fuhr sie nach zwei Uhr, sie hatte sich gewaschen und umgezogen, zu dem Fest. Fast alle Stammgäste waren dort. Anna setzte sich zu ihnen. Hans kam und setzte sich neben sie. Gert saß ihr gegenüber und sah sie unverschämt an.

II

Das Meer wehrte sich klatschend gegen den Wind. Anna erwachte aus ihrem Halbschlaf, sie fror. Sie zog sich an und besuchte Carlo. Christine hatte gekocht. Sie aßen zusammen.
Anita, die kleine Tochter der beiden, zeigte Anna ein Steinchen, ihre Augen leuchteten. Sie drehte es hin und her, bis Anna dessen Schönheit mit den Augen des Kindes sah. Anna strahlte, das kleine Mädchen jubelte und zupfte Anna am Ohr.

Ganz still in der Ecke saß Carlos‘ Vater. Anna wusste, er hatte nur ein Auge, er trug dicke Gläser. Doch Anna war es, als hätte dieser Mann zehn Augen, er sah und befühlte alles. Er saß still da, Anna spürte ihn plötzlich tief in sich, als würde er sie von innen her erforschen. Da wusste Anna wieder, dass sie sich fürchtete. Sie verabschiedete sich rasch.
Draußen saß Giorgio an einem Tischchen unter der Platane. Er schien auf sie zu warten. „Darf ich dich begleiten?“ „Warum nicht?“, fragte Anna, sie war froh, dass jemand ihre Angst verscheuchen würde. Nebeneinander gingen sie den Hügel hinauf.

Graublaue Steine, rote Felsen, eine strahlende Nacktheit, die Berge herb und kahl. Zwischen den Linien dieser Landschaft sah Anna eine seltene Empfindsamkeit und Zartheit. In dem windgeschützten Tal blühte noch der Oleander. Vom Dorf herauf zogen ausgedehnte Weingärten über die Hügel, wuchsen silberblättrige Oliven- und grasgrüne Feigen- und Zitronenbäume, Falter gaukelten über dem Ginster, der nur noch vereinzelt Blüten trug. Aus dem harten Boden krochen vereinzelt feine Blüten hervor und funkelten in der Abendsonne.

Unweit der verfallenen Kirche hockte Sordo am Weg und sprach mit seiner Ziege. Er blickte nicht auf, als sie kamen. Nur die Ziege drehte den Kopf nach Anna. Anna bewunderte ihre schön geschwungenen Augenbögen, ihre bernsteinfarbenen Augen mit der dunklen Iris, ihr Blick war warm und berührend.
Anna ging mit Giorgio an Sordo vorbei, blieb dann stehen. Giorgio unterbrach seine Rede, er wusste, sie hörte ihm nicht zu. Anna drehte sich um und sah Sordo lange an.
Sein Körper war schmal und geschmeidig, seine Füße steckten in festen Schuhen, er trug Jeans und einen grünen, kurzen Pullover, sein Haar stand dunkel um seinen Kopf, eine gekrümmte große Nase beherrschte sein Gesicht. Seine Augen unter den dunklen Brauen waren fast schwarz, seine Lippen von einem dunklen Braun. Wie ein Relief hob er sich ab von den goldgelben Disteln zwischen den blaugrauen Felsen.
Und wieder sah er sie hart und direkt an. Anna ertrug diesen Blick nicht. Sie drehte sich weg, sah Giorgio an.

„Er ist verrückt!“, sagte Giorgio. „Er lebt hier ganz einsam. Niemand weiß, woher er kommt, wer er ist. Er spricht nicht viel, manchmal flüchtet er vor den Leuten.“ Sie gingen weiter. „Ich glaube, er spricht vor allem mit seiner Ziege.
Die hat er gefunden – unter einem Stein. Sie war verletzt und schrie. Den Kopf hatte sie weit nach hinten gebeugt, die Zunge hing aus ihrem Maul, Tausende Fliegen klebten an ihrem Körper. Sie starb. Er zerrte sie unter dem Felsen hervor, wollte sie mit einem Stein erschlagen. Da nahm er sie auf seine Arme, nahm sie mit sich und pflegte sie gesund. Das hat er jedenfalls im Dorf erzählt, als sich die Leute darüber stritten, wem er die Ziege gestohlen habe. Er erklärte, die Ziege gehöre seither ihm allein. Die Leute haben sich nicht beruhigt, sie wollten wissen, wem die Ziege rechtens gehöre und meinten, Sordo habe auf keinen Fall Anrecht auf sie.
Da kam Sordo nur mehr ins Dorf, um Essen zu besorgen. Er baute einen hohen Zaun um sein Haus und verschloss sich darin. Die Leute sagen, dass er verrückt ist. Auch weil die Frau, die lange bei ihm war, ihn verließ und niemand bei ihm ist.“
Giorgio spürte, dass Anna ihm zum ersten Mal gespannt zuhörte und freute sich darüber.

Sie erreichten Annas Haus.
Anna wollte, dass er ging, doch sie bat ihn zu bleiben. Er setzte sich triumphierend auf die Terrasse des Häuschens, von der aus man die karge Landschaft und die Buchten des Meeres überblickte. Die Abenddämmerung senkte sich herab, die Landschaft fing Feuer und erglühte.
Mit allen Sinnen sog Anna das Bild in sich ein. Minutenlang stand sie gespannt und schweigend. Ihr leuchtendes Haar bewegte sich in der Abendluft.
Dann holte sie Wein aus der Küche.
Schweigend saßen sie da, beide ein wenig befangen. Giorgio fühlte sich unbehaglich.
Anna sah den Mann, der aus der Ferne zu ihnen heraufstarrte. Sie musste zwinkern. Ihre Augen brannten, so lange hatte sie sie aufgerissen, um zu erkennen, wer da war. Da war der Mann fort. Sekunden später sah sie ihn einige Meter weiter, er starrte zu ihr herauf. Jemand rüttelte am Gatter, es waren Ziegen, deren Beine lose zusammengebunden waren. Anna ging hin, um sie aus der Nähe zu betrachten, es schien, als würden die Tiere ihr freundlich zunicken. Die Ziegen flohen, als Anna ihnen zu nahe kam.

„Wenn die Bauern in die Berge kommen, um den Ziegen Wasser zu bringen, pfeifen sie. Die Tiere unterscheiden die Pfiffe genau. Es kommen nur die zur Tränke, die dem Bauern gehören, der gepfiffen hat“, erklärte Giorgio.
Er kletterte über das kleine Mäuerchen, das die Terrasse umgab. Im leeren Stall nebenan fand er eine gelbe Schlange. „Diese Schlangen sind harmlos. Sie wohnen nur bei guten Häusern. Sie trinken die Milch aus dem Euter der Ziegen.“ „Das hast du gesehen?“ „Ja, ja, sie saugen sich an einer Zitze fest und trinken Milch, ich habe das gesehen. Es sind gute Tiere. Nur die, die dunkelbraun sind wie Kaffee und schwarz gezeichnet, schlag tot. Sie sind gefährlich.“ „Ich würde gerne wissen, was die Ziegen empfinden, wenn eine Schlange ihre Milch saugt“, meinte Anna versonnen.
Giorgio hatte seinen Stuhl näher zu dem ihren gerückt. Wenn er sprach, suchte sein Körper ihre Nähe. Als Anna seine Annäherung bemerkte, stand sie auf.

Wieder sah sie den Mann am Hügel, sein Körper zeichnete sich dunkel gegen die Farben des Himmels ab. Da sah sie neben ihm die Ziege. Sie spürte sich lächeln.
Rittlings setzte sie sich auf das Mäuerchen, Giorgio kam näher und berührte sie im Nacken. Sie warf den Kopf zurück. Sie bat ihn zu gehen. Sie würden sich morgen bei Carlo und Christine treffen. „Aber ja, ja“, meinte Giorgio ehrerbietig, er blieb noch ein bisschen, um seinen Stolz zu beruhigen. Er freute sich über ihre Sperrigkeit, denn er liebte es, widerspenstige Frauen zu erobern. Anna wusste das in diesem Moment.
Giorgio ging und Anna blieb sitzen auf ihrer Terrasse. Mit den Augen suchte sie die Landschaft ab, doch Sordo und die Ziege blieben verschwunden. Sie holte Käse und Wein, lehnte sich zurück in ihren Sessel, legte ihre Beine auf das Mäuerchen und sank in die Landschaft, die sie liebte.

Großzügig schwangen die welligen Hügel zum Meer hinab. Die Felsen schimmerten. Ein hellerleuchtetes Boot kreuzte durch die Bucht. In den Ginsterbüschen raschelte der Wind. Sonst war es still. Niemand kam.
Anna aß ein wenig Käse und trank Wein. Sie wartete nicht mehr. Sie trank dem Mond zu wie einem Freund, sie trank auf sich, auf das Leben, bis ihr Denken verstummte. Sie schwamm gegen die Zeit, die stillstand.

Marianne Peternell

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18161

Ostsee

Meer
Wolken und Wasser
Wasser und Wolken
Meer

Herr Wind hat da und dort zu tun
Wasser schubst er
in Wellen ans Ufer
Emsig laufen sie
sich aufbäumend
schicksalsgetrieben

Im Sand werden sie zahm und lahm
und müd
Doch es gibt keine Rast
Kaum Atem geholt
eilen sie zurück ins Meer
Gezogen von unsichtbarer Hand

Wasser, wirst du nicht müd?
Wasser, wann ist dein Sonntag?
Die Wolken haben den besseren Part
Sie kennen kein Ufer

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18142