Kategorie-Archiv: Carmen Rosina

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Prädikat mit Auszeichnung

Im europäischen Osten, Ende der 1960er.
Eine streng frisierte Frau sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem ein hoher Stapel mit Schriftstücken wartet. Sie trägt ein schlichtes, dennoch nicht elegantes Kostüm in einem grauen Beige oder einem beigen Grau und beugt sich ein wenig nach vor, um den klobigen Telefonhörer in die linke Hand zu nehmen, während die rechte sich noch schnell mit einem dunkelblauen Füller ein paar Notizen auf einem schneeweißen Blatt Papier macht. Danach wählt der rechte Zeigefinger mehrere Ziffern hintereinander. Die Wahlscheibe dreht sich jedes Mal mit einem mechanischen Geräusch wieder an den Ausgangspunkt zurück;  ein letztes „Klick“, bevor die Frau zu sprechen beginnt.

„Magda hier. Ich habe hier eine Menge Mitteilsames vor mir liegen, aber noch keine Starterlaubnis für meine Arbeit bekommen. Wenn ich in eurem Sinne bis Ende der Woche damit fertig sein soll, und das nehme ich stark an, dann sollte eure Abteilung in die Gänge kommen und mir einen Boten schicken mit den notwendigen Anweisungen.“

Gemurmel am anderen Ende der Leitung.

„Gut, dann fange ich ausnahmsweise ohne die schriftliche Genehmigung an. Ich verlasse mich auf dich, dass ich sie heute Vormittag noch bekomme. Bis dahin!“

Das andere Ende der Leitung spricht drei bis fünf Worte. Magda legt auf.

Sie nimmt sich den ersten Bogen Papier, beginnt eine wackelige Handschrift zu entziffern und seufzt. Jede Menge Arbeit. Je länger die Insassen hier verweilen, desto mehr haben sie zu erzählen. Und umso mehr ist sie gefordert.

Die Originaldokumente sind bereits kopiert, ein aufwändiger Vorgang, der Mitarbeitern der Sicherheitsstufe 5 vorbehalten ist. So findet sich das Blatt in Kopie direkt unter dem jeweiligen Brief, der für die Lieben daheim bestimmt ist. Sie arbeitet auf dem Original. Sie ist sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst.

Das Übliche. Verhöre werden nicht beim Namen genannt, denn die Briefschreiber sind gewieft genug zu wissen, dass ihre Mitteilungen nicht einfach ungelesen nach außen wandern. Es wird umschrieben, was das Zeug hält. Auch die Unschuld wird stets betont, immer sei man treu den Interessen des Staates gefolgt, alles ein Missverständnis und werde sich ehebaldigst aufklären. Wie eine Beschwörungsformel, die Magda bereits zur Genüge kennt, in Kopie abgelegt zu Tausenden in ordentlichen, strotzenden Sammelmappen.

Magda tilgt sie nun alle, die Beschreibungen der Unterbringung und Personen, die mit der Inhaftiertenbetreuung beschäftigt sind. Sie stellt ohne große Verwunderung fest, dass ein bestimmter Mitarbeiter, Einheimischer hier aus der Stadt, neuerlich als menschlich sehr zugänglich beschrieben wird. Sie nimmt davon Notiz, sozusagen, bevor der schwarze Balken diesem Lob wie der angedeuteten Beschwerde ein Ende macht.

Die Zensorin blickt auf den vierseitigen Brief, ihr vollendetes Werk. Immer eine gerade Anzahl von dicht beschriebenen Seiten übrigens, denn Papier ist hier ein besonders wertvolles Gut.
Sie ist zufrieden. Nicht nur hat sie sämtliche offensichtlichen Übertretungen ausgemerzt, auch die verklausuliertesten Andeutungen sind ihr nicht entgangen. ‚Du weißt doch noch, Tante Anitas Katze? So fühle ich mich gerade.‘ Was immer Tante Anitas Katze zugestoßen sein mag, es wird nichts Gutes gewesen sein. Weg damit.

Doch dessen nicht genug. Sie kann auch die Passagen, in denen inhaltlich nichts Beanstandenswertes vorkommt, nicht einfach so lassen, wie sie sind. Rechtschreibung und Grammatik sind wichtig. Wenn jemand nicht weiß, wie man schreibt, soll er’s lassen. Ihre Meinung.

So landen auch Stellen, in denen es darum geht, wie groß die Vorfreude aufs Wiedersehen mit der Familie ist, unter Balken. Eigentlich schon egal, denn Briefe aus ihrem Büro ähneln eher einem schwarzen Meer mit einigen Einsprengseln. Was jemand mit so einem Schreiben anfangen soll, war ihr immer schon schleierhaft.

Es klopft. Der Bote mit der schriftlichen Genehmigung; das ist erfreulich rasch gegangen. Er überreicht ihr aber nicht nur das vereinbarte einzelne Dokument, sondern auch ein zweites amtliches Schriftstück in einem Kuvert.  Sie kommt seiner schüchternen Bitte um Gegenzeichnung des Erhalts für beides rasch nach, denn sie ist mehr als neugierig auf das Unangekündigte. Das Kuvert bedeutet: bedeutsam. Der Bote entfernt sich dezent.

Die Genehmigung wandert nach kurzem Kontrollblick sofort in die richtige Mappe.
Sie reißt das Kuvert auf.

 

„Sehr geehrte Frau Dr. T.,

in Anbetracht hervorragender Leistungen in der Zensurbehörde und außerordentlich gewissenhafter Durchführung der Ihnen zugeordneten Aufgaben teilen wir Ihnen mit, dass Sie ab 5. Juno  als neue Leiterin der Zensurbehörde als Nachfolge von Herrn M. vorgemerkt sind. Wir bitten Sie höflichst, sich mit allen notwendigen Unterlagen zur weiteren Vorgehensweise am  25.05. cr. um 9 Uhr 15 in der Abteilung 12, Zimmer 34 einzufinden.

Mit vorzüglichsten Grüßen

Hässliches Gekrakel

Dr. Z., Vorsitzender des Komitees für Datenbearbeitung“

 

Frau Dr. Magda T. lächelt zum ersten Mal an diesem Tag und streicht mit der Hand über das glatte Papier, bevor sie es vorübergehend links hinten neben dem Stapel ablegt. Sie greift nach dem nächsten Brief.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18136

Woanders erwachen

Sie ist ein süßes Baby, jeder will sie halten und kosen. Sie lächelt beim Einschlafen. Als sie die Augen wieder aufmacht, liegt sie in ihrem Bettchen. Alles ist warm, weich, vertraut. Sie ist daheim.

Er ist ein Teenager, der gerne einen draufmacht. Er geht fort und weiß danach oft nicht, wie er heimgekommen ist. Aber er erwacht auch diesmal zu Hause in seinem Bett. Glück gehabt, oder gute Freunde.

Sie ist erwachsen und hat alle möglichen Verpflichtungen. Richtig munter ist sie kaum. Richtig müde dafür häufig. Eines Tages wacht sie auf und stellt fest: Ich bin im Urlaub. Alles davor wird gestrichen, der Entspannung wegen. Eigenartig nur, dass aus der Wasserleitung in der Küche Kaffee fließt, und zwar egal, ob sie den Kalt- oder den Warmwasserhahn aufdreht.

Er ist sehr alt. Schließlich geht er ins Heim, er sieht es ein, daran hat kein Weg vorbeigeführt. Er schläft gut, aber im Laufe der Zeit immer weniger. Wenn er aufwacht, dann meistens wegen einer Schwester, die viel zu früh an seinem Bett steht. Wo ist er nur? Seine Frau ist nicht da. Und seine Hunde auch nicht. Wo er da hingeraten ist, ist ihm ein Rätsel. Im Laufe des Tages dämmert es ihm, dass das jetzt sein Zuhause sein soll. Als er schließlich wieder zu Bett gebracht wird, ist er sich sicher, dass er das nicht so gewollt hat.
Am nächsten Morgen erwacht er zu Hause. Schlaftrunken tapst er in die Küche und setzt sich an seinen Platz am Tisch. Seine Frau kommt dazu, stellt ihnen beiden das Frühstück hin und lächelt ihn an. Seine Hunde springen an ihm hoch und er stupst sie freundlich. Heute wird er eine Wanderung machen, darauf freut er sich schon die ganze Woche.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18015

 

 

 

 

Vierzig Minuten oder Einmal Parallelwelt und wieder zurück bitte

Wie sehr du dich auf deinen eigenen Bahnen kopierst, wird dir klar, wenn du einmal eine durch Zufall verlässt. Beinahe verloren findest du dich in einem Universum wieder, das zwar dem deinigen ähnelt, aber durchdringend befremdlich wirkt. Ein nicht greifbares Unbehagen: Was ist denn da bloß los? Dabei fing wie meistens alles ganz harmlos (wenn auch ungustiös) an.

Zwei Kater, die sich mit Diarrhö abwechseln (ja, das ist das Grausliche, wofür man sehr gerne ein Fremdwort verwendet …), seit Tagen schon. Leichte Besserung, aber dann genau am Freitagmorgen, merde alors. Eigentlich sollte der Bus um 6 Uhr 40 fahren. Er tut es auch, unbeeinträchtigt vom merde alors irgendwelcher Katerbrüder. Es sind ja deine Katerbrüder, und du willst nicht, dass sich das merde alors im ganzen Haus verbreitet durch Katerpfoten, also ran an die Handschuhe und den Putzkübel, und das um kurz nach halb 7 in der Früh. Brrrrrrr.

Die Segnungen der Gleitzeit ermöglichen es dir, nach dem Brrrrrrr eine Dusche sowie einen späteren Bus zu nehmen. Du sitzt also vierzig Minuten später als sonst im Beförderungskübel Richtung Arbeit.

Entweder du bist anders als sonst. Oder das Drumherum. Das ist nämlich viel agiler als gewohnt. Während gegen sieben Uhr morgens die zu Befördernden in ihren Sitzen hängen wie angezählt und kaum ein Auge offenhalten können, was dir sehr entgegenkommt (du bist schließlich eine von ihnen), bietet sich nun ein gänzlich anderes Bild. Wo ist er hingekommen, der junge Mann, der so selig vornübergebeugt mit dem Kopf auf der Brust schläft, von der ersten Sekunde an, wo du seiner ansichtig wirst? Er ist um diese Zeit längst am Ziel seiner Träume.

Du hingegen sitzt nun inmitten einer Schar Halbwüchsiger, die es gar nicht erwarten können, sich via Snapchat auszutauschen. Wäre ja an sich die Stillbeschäftigung par excellence, sollte man meinen, doch weit gefehlt! Zur Benützung dieses Dienstes gehört anscheinend, einander über mehrere Sitzreihen zuzurufen, wenn ein Bild besonders sehenswert ist, und es in einfachen Worten aber lautstark zu beschreiben. Damit der andere das ja nicht verpasst. Du denkst an die zweite Bedeutung von „verpassen“, doch es reicht nicht einmal fürs Zuendeführen des Gedankens, geschweige denn zur Ausführung.

Nach ungefähr zwanzig Minuten merkst du, wie du gezwungenermaßen munterer wirst. Es mag auch an dem Volksmusiksender liegen, den sich jeder Busfahrer, der halbwegs bei Trost ist, um diese Zeit verkneifen würde. Nein, nicht dieser. Der ist aus einem anderen Holz geschnitzt, outet sich gerne als Fan und versucht wacker, die muntere Meute zu übertönen. Schließlich gehört Lautstärke zu wahrer Hingabe einfach dazu. Dein Aggressionspegel, üblicherweise um diese Zeit nicht einmal in mikroskopisch nachweisbaren Ansätzen vorhanden, steigt in sehr wahrnehmbare Dimensionen.

Wo du ansonsten schlummernd und höchstens bei Sitznachbarwechsel kurz freundlichst und höflich aufmerkend (Ist da noch frei? Selbstverständlich …) den Einstieg in die morgendliche Umgebungswelt meisterst, bist du nun ein völlig anderer Mensch, ein genervter, unfreundlicher, der sich am liebsten wieder Richtung heimatliche Gefilde bewegen würde, anstatt weiter in feindliches Terrain vordringen zu müssen.

Du räsonierst. Warum diese vermaledeiten vierzig Minuten dich so aus der Bahn geworfen haben. Für die Erforschung dieser Innenwelten gibt es ein probates Mittel: Du zückst dein stets mitgeführtes Notizbüchlein und beginnst zu schreiben:

Vierzig Minuten oder Einmal Parallelwelt und wieder zurück bitte.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17183

Mutterskind

Wer hat wohl das letzte Stück Kuchen gegessen?
Wer ist auf deiner Bluse gesessen?
Wer hat vergessen,
dass Klodeckel zu schließen,
Blumen zu gießen sind,
wer war das, mein Kind?

Wer hat die Dinge beim Namen genannt
mit Worten, die nicht mal der Duden gekannt?
Wer hat nicht von allem gekostet,
was andere liebevoll vorgetoastet?
Wer war unaufmerksam und gedankenlos,
ja, mein Kind, wer war das bloß?

Wer hat schlecht zugehört,
kreative Prozesse durch Reden gestört?
Wer mag wohl dieses Wesen sein,
das lästig scheint und menschlich klein?
Wer, liebes Kind, was meinst du,
ließ Tag und Nacht dir keine Ruh?

Deine Mama war’s, das Muttertier.
Doch gibt es eine Erklärung dafür.
Sie liebt dich sehr, mein Kind, und das ist wahr.
Wenn auch etwas sonderbar.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17043

Katzennärrin

Heute hat meine Katze „danke“ gesagt. Laut und deutlich.
Sie hatte geniest, so einen hübschen, niedlichen Katzennieser von sich gegeben, bei dem einem immer ganz warm ums tierliebe Herz wird. Daraufhin ich natürlich: Gesundheit!

Und da sind wir nun. Da haben wir wohl beide nicht aufgepasst, sie noch weniger als ich. Wie weitertun?
Sollen wir uns so verhalten, als sei nichts geschehen? Ich hatte mich so erschrocken, dass ich beinahe mein Teehäferl fallen gelassen hätte (Alkohol war also auch nicht im Spiel, das hätte es irgendwie erklärbarer gemacht …). Daraufhin hat sie mir beschwichtigend die linke Hand abgeleckt. Gesagt hat sie nichts mehr. Und ich auch nicht.
Seitdem schweigen wir uns an. Wir mögen uns ja. Aber ganz geheuer ist sie mir seitdem nicht mehr. Und sie weiß genau, was ich gehört habe. Von wegen walnussgroßes Gehirn (sie, nicht ich)!
Schweigend fülle ich ihre Fressschüssel, erneuere ihr Wasser. Streichle gedankenverloren ihr weiches Fell am Rücken. Sie verhält sich unauffällig, wie sonst auch, stürzt sich auf das frische Futter, ignoriert das Wasserbehältnis, schlingt hinein und umstreift dann meine Hosenbeine.  Ganz klar: Sie macht auf Katze. Auf ganz normale Katze. Und ich mache auf Mensch, auf ganz normaler Katzenversorgungsmensch.

Ewig wird das so nicht weitergehen können, das ist uns klar, zumindest schließe ich Einvernehmen in dieser Angelegenheit aus ihrer demonstrativen Art, die unschuldige Katze raushängen zu lassen (lange hält sie das nicht durch, so viel steht fest). So viel Schmeichelkatze war nie. So viel Verwirrung bei mir auch nicht.

Ja, gelesen hatte ich schon von solchen Phänomenen, Tiere, ja, sogar Gegenstände sollen zu so manchem bereits gesprochen haben, und diejenigen, die nicht gerade als Pferde- oder Hundeflüsterer oder Gurus ihr Auskommen finden, bevölkern in beunruhigender Anzahl die psychiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen dieses Landes.

Da hat sie mir was Schönes eingebrockt, meine Katze.
Ich würde mich ja gerne mit ihr darüber unterhalten, aber ich fürchte mich vor den Antworten. So nehme ich das vorwurfsvolle Miauen (jaja, Tarnen und Täuschen!) zum Anlass, mich Richtung Katzenklo zu trollen, um dieses einer Reinigung zu unterziehen.
Anschließend mich, ab in die Dusche. An der Duschwand sitzt meine Katze und leckt die abgelenkten, quasi durch mein ausuferndes Duschverhalten über die Bande ausgetretenen Wassertropfen von der glatten Plastikfläche. Beim Abtrocknen sieht sie mich aufmerksam an. Ihre Augen verraten eine Schläue, die menschliche Wesen nur in Ausnahmefällen aufzubringen vermögen.
Anschließend legen wir uns auf die Couch.

In meinem Kopf rennt ein Rädchen, wohl mehrere, zu viel.
Denk dir nichts, sagt sie plötzlich, so im Übergang von Schnurren zur menschlichen Sprache: Ist vollkommen egal. Hauptsache, du schreibst keine Geschichte darüber.
Sie hat wie immer vollkommen recht.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 16144

Laubbläser im Sturm

Wo, mein Guter
Ist dein Sancho Panza?
Könntest ihn gut brauchen
Wenn ich dich so sehe
Laubblasend
Am windigsten Tag der Woche

Deine Rosinante hat dich
Wohl im Stich gelassen
Statt ihr trägst du die schwere Bürde
Laubbläser zu sein
Ist keine Kleinigkeit

Die Passanten passieren
Bei dir wirbeln die Blätter
Auch ohne dein Zutun
In jede Richtung
Außer die, die du möchtest

Das Laub ist gelb
Dein Laubbläser auch
Der Himmel blau
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Dass die Blätter dir folgen werden

Noch tun sie
Wie der Wind ihnen geheißen
Du bläst dagegen an
So geräuschvoll
Mit Hochdruck

Ein Herr mit Hut
Setzt sich auf eine Bank
In deinem Park
Er sieht dir zu
Du ihm nicht

Er tut auch nichts
Außer dir zusehen
Wie langweilig
Er würde so gerne
Das Laub verblasen

Dein Laub bekommt er nicht
Mit Verlaub
Das ist deines
Er schaut enttäuscht
Du bläst ihm den Hut vom Kopf

Er plustert sich auf
Es bläht sich der Hals
Der Hut nimmt seine Chance wahr
Er ist dahin
Besser im Sturmgebraus umtost
Als auf faden Köpfen zu sitzen

So ein Idiot, sagt der Mann.
Mein Held, sagt der Hut.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg| Inventarnummer: 16145

Drei Episoden und die Wahrheit

Da geht ein sportlich gekleideter Mann vor mir. Plötzlich beginnt er zu laufen, hastet Richtung Fußgängerübergang, die Ampel steht auf Rot. Er ignoriert die Warnfarbe, blickt einmal kurz nach rechts, dann nach links, wieder nach rechts und läuft einfach weiter, über die Fahrbahn. Drüben angekommen, bleibt er stehen. Atmet schwer, sieht über die Straße zu mir herüber, auf die Zurückgebliebene, steht einfach da, auf der anderen Seite und wartet aufs Grünwerden der Fußgängerampel. Inzwischen ist er wieder zu Atem gekommen.
Es ist grün, ich quere die Fahrbahn, er auch. In der Mitte der Straße sehe ich ihn fragend an. Er lächelt und schüttelt den Kopf, mehr für sich als für mich, und geht in die Richtung zurück, aus der er ursprünglich gekommen ist.

Eine Frau bewegt sich langsam schwankend vor mir. Sie scheint mit ihren High Heels noch auf Kriegsfuß zu stehen. Passenderweise zeigen sich diese angriffslustig in grellem Pink. Darauf abgestimmt erscheint ihr Mund üppig geschminkt, wie in schreiende Farbe getunkt. Was will er damit sagen? Was will sie damit sagen? Mir offensichtlich nichts, sie lächelt und schwankt hüftschwingend weiter.

Ein Kind wirft den Ball. Er landet wieder in meinem Garten. Der Bub schreit mir fröhlich zu: „Nochmal bitte!“ Sicher, ich werfe den Ball zurück. Er kann es nicht lassen, immer wieder ballert er so haargenau an unserem gemeinsamen Zaun entlang, dass das Geschoß bei mir landet. Seufzend erhebe ich mich zum x-ten Mal aus meiner Liege. Das Buch fällt zu Boden, der Ball rollt vor meine Füße. Ich trete ihn diesmal ordentlich, sodass er höher als sonst über den Zaun fliegt. Gleich noch ein Stückchen weiter, in den anderen Garten. Ich höre den Buben aus etwas weiterer Entfernung schreien: „Bitte den Ball! Die Nachbarin war’s!“ (Genau, die Nachbarin war’s. Ich bin die Nachbarin, die Bälle in anderer Menschen Gärten schießt …) Kurz darauf ertönt seine Stimme wieder, mit erfreulichem, weil mich nicht mehr betreffendem Abstand: „Nochmal bitte!“

Da frage ich mich plötzlich, wie diese drei Personen, mit denen ich an jenem Tag zu tun hatte, wohl sind oder auch, wie sie einmal waren, bis sie so wurden, wie sie nun sind.
Nach reiflicher Überlegung komme ich zu dem Schluss: Es gibt mehrere denkmögliche Varianten (und unzählige denkunmögliche noch dazu), ich gehe sie der Reihe nach durch.

Der Mann: Er hatte sich etwas zu beweisen. Er suchte die Gefahr. Bei Rot über die Straße zu rasen, hatte ihm einen Nervenkitzel verursacht, noch gesteigert durch die Gewissheit, erstauntes Publikum wie mich vorzufinden.
Oder er war einfach zu spät dran gewesen und dann draufgekommen, dass er nochmal zurück musste, den Schlüssel vergessen hatte, oder eine Herdplatte in Verdacht, nicht abgedreht worden zu sein.

Die Frau: Sie glaubte, eine maximale Wirkung zu erzielen, wenn sie auf Farbe und Höhe setzte. Sie war oft übersehen worden und machte sich nun größer und bunter, als sie tatsächlich war, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.
Oder aber sie war tatsächlich eine grelle, starke, ja, auch schreiende Person und ehrlich genug, dies sofort zu signalisieren: Wenn du damit nicht klarkommst, bin ich kein Umgang für dich! Ich gefalle mir, wie ich bin und lasse mich sicher nicht unterkriegen. Da geht es um mehr als um Lockbehübschung oder Kriegsbemalung.

Der Bub: Er wollte sich reiben, er wollte meine Geduld austesten. Er warf so oft den Ball über die gemeinsame Grenze, bis mir der Geduldfaden riss und ich über das Ziel hinausschoss. Er hatte mich provoziert und war damit erfolgreich gewesen. Darum wandte er sich dann den anderen Nachbarn zu, um deren Nervenstärke zu testen und sich dabei heimlich ins Fäustchen zu lachen.
Oder es war ihm unglaublich langweilig, bei ihm war niemand zu Hause, er freute sich, dass er mit jemandem reden konnte. Er suchte Kontakt, fand ihn auch wiederholt, und als er merkte, dass das zu viel des Guten war, suchte er anderweitig nach menschlichem Austausch (des Balles und von Worten). Eigentlich war es ein Ballspiel über die Zäune hinweg, aus diesem Blickwinkel betrachtet.

All diese Überlegungen bringen mich an einen Punkt, und zwar an einen, an dem ich über mich selbst nachdenken muss, nolens volens.
Bin ich die, die Menschen aufgrund einer Situation, aufgrund einer kurzen Szene einschätzen muss? Will ich etwa „die Wahrheit“ finden? Oder kann ich es bleiben lassen? Kann ich meiner so sicher sein, dass ich nicht bewerten muss, wer oder was auch immer meinen Weg kreuzt? Kann ich das, „nicht werten“?

Ich fange einmal damit an, meine eigene Rolle nicht zu bewerten, das ist das Einfachere. Ich hab hier einfach drei Episoden erzählt. Und nicht eine davon ist wahr.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16131

Ein gefährliches Alter

Ja, das haben Sie, Fräulein. Sie sind nicht richtig alt. Und richtig jung sind Sie auch nicht. Genau im Kinderkrieg-Alter, um genau zu sein. Also wir suchen etwas Bleibendes, Dauerhaftes, Beanspruchbares, etwas Lohnendes, etwas Kalkulierbares.

Nein, so haben sie es natürlich nicht gesagt, eh klar. Aber gemeint. Und ich hab weder gesagt, dass ich kein Fräulein bin, noch dass es sie einen feuchten Dreck angeht, ob ich einmal auch Mutter sein will oder nicht. Noch nicht. Die können mich mal.

So bin ich also wieder auf der Suche nach etwas Bleibendem, Dauerhaftem, etwas, was mich beansprucht, aber nicht zu sehr, etwas, was mein Leben finanziert, etwas Kalkulierbarem. Und außerdem möchte ich gerne wissen, ob ich einmal Mutter sein werde oder nicht. So verschieden sind meine Fragen also gar nicht von jenen, die in den Köpfen derer kreisen, die ich verachten muss.
Ich komme folglich zu dem zwingenden Schluss: Ich bin in einem gefährlichen Alter.

Wohin mit mir?  Erst einmal ab in das Gewohnte, die vier eigenen Wände, es sind zwar tatsächlich viel mehr, aber da hat sich wohl jemand die genaue Zählung ersparen wollen. Oder es waren damals wirklich nur vier Wände, in denen die Menschen gewohnt haben, als diese Floskel entstanden ist. Nein, das mit dem Fokussieren ist nicht so einfach. Vielleicht war es damals leichter, als die Menschen tatsächlich noch in vier Wänden wohnten, also von exakt vier Mauern begrenzt waren, nicht mehr. Weniger geht sowieso nicht. Und die waren sicher nicht so hoch wie heutzutage, das kommt noch dazu.

Es kommt heute sicher niemand vorbei, das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist zwar Freitagabend, übrigens der Abend nach dem fünfzehnten Vorstellungsgespräch in diesem Halbjahr, aber wer soll denn da vorbeikommen. Ich müsste rausgehen, um andere Menschen zu treffen. Dafür bräuchte ich Geld, das ich nicht habe. Vielleicht hätte ich mehr davon, wenn ich in nur vier Wänden wohnen würde, bestimmt sogar.

Es kommt doch jemand vorbei. Sachen gibt es. Er will bei mir übernachten. Soll sein, er braucht nichts zu bezahlen. Er hat nicht einmal vier Wände. Er hat gar keine eigenen Wände mehr. Null Wände. Ich habe keine Einwände. Er soll ruhig bei mir schlafen.

Beim gemeinsamen Frühstück erzählt er mir, dass er sich auf den Sommer freut. Eigentlich will er nämlich nicht mehr bei Bekannten übernachten. No offence, sagt er noch. Er ist nämlich mal ein Engländer gewesen, bevor er ein Niemand wurde, ein Staatenloser. Er hat also nicht nur keine Wände, sondern auch kein Land mehr, das behaupten könnte, er gehöre ihm. Die Freiheit sieht trotzdem anders aus. Meint er. Er muss es wissen. No offence.

Na gut, weiter geht es. Nächster Termin beim AMS. Wieder keine Ernte eingefahren, die Bemühungen der Betreuer haben nicht gefruchtet, sie sind schon recht frustriert. Wohl, weil ich in einem gefährlichen Alter bin. Oder weil es überhaupt sehr anstrengend ist, Menschen wie mich irgendwo reinpassend zu machen. Hm. Ich bin ihnen nichts neidig, wie meine Freundin immer sagt.
So einfach kann ich es mir aber auch wieder nicht machen. Ich muss schon selbst was tun. Ich geh jetzt erst mal heim, in die eigenen vielen Wände. Ein bisschen Anstarren, wird schon werden. Den Bus spare ich mir heute.
Beim nächsten Mal wird es härter werden, angekündigt ist es schon. Sie werden mir auch andere Jobs anbieten, die nichts mehr mit dem zu tun haben werden, wofür ich mich ausgebildet habe. Ich kann dann alles machen, abwaschen, putzen, finden sie, dabei mache ich lieber Dreck als ihn wegzumachen. Aber das wissen die noch nicht. Ich sage es ihnen besser nicht. Und in einem gefährlichen Alter bin ich auch. Widerspenstig außerdem.

Wenig brauche ich, das ist gut. Nicht so wenig wie der ehemalige Engländer, aber Kartoffeln esse ich gerne auch mehrmals pro Woche. Obwohl die Bioqualität nicht ganz billig ist. Ach, einen gewissen Standard möchte ich schon gerne halten.

Diesmal kommen zwei vorbei, ein älteres Geschwisterpaar. Sie können es sich leisten, mir Geld fürs Leihen meiner Schlafcouch zu geben. Ich kenne sie schon lange, damals waren sie noch kein älteres Geschwisterpaar, sondern ein mittelaltes. Sie sind freundliche Menschen; vor die Wahl gestellt, mit wem von ihnen allen ich dauerhaft wohnen wollen würde, wären sie momentan meine Favoriten.

Sie schnarchen nicht, sie essen leise. Beim Klogang schließen sie die Tür, bevor sie irgendetwas anderes machen. Ich weiß das sehr zu schätzen. Sie sind nicht so lange hier, dass ich ihre Fernsehgewohnheiten studieren hätte können. Ich glaube, wir kämen gut aus miteinander. Dass ich keinen Fernseher mehr habe, würde die Sache sogar noch vereinfachen, im Fall der Fälle. Kein Streit ums Programm. Was sie sonst so machen, außerhalb meiner vielen Wände, kann ich nicht sagen. Ich kann ja nicht mal sagen, was ich sonst so mache, abgesehen von meinen AMS-Terminen und Vorstellungsgesprächen.

Ah, was Neues. Ich mache einen Motivierungskurs. Zur Motivation nämlich. Ich ziehe mich dafür genauso an, als wolle ich zu einem Bewerbungsgespräch, das wollten sie so. Und bereue es sofort. Dort ist nämlich einer, der auch motiviert werden soll, so wie ich. Nur ist er cool angezogen, nicht so bieder wie ich. Er sieht aus wie ein Rockstar. Wie ein Rockstar früher ausgesehen hat. Knallenge Lederhosen. Drüber ein Etwas von einem T-Shirt, ein lockeres, abgefucktes Ding, und da drüber ist eine Jacke geworfen, die so speckig ist, dass sie fast so schön glänzt wie das schwarze Lederding, in dem seine langen Beine stecken. Die Füße übrigens in unspektakulären ausgelatschten Billigturnschuhen, aber das ist mir egal. Kann ich ausblenden, problemlos.

Wie auch das gesamte Motivationsprogramm, ebenso mühelos. Ist für die Katz‘. Brauche ich nicht. Ich bin ausreichend motiviert. Zumindest reicht es aus, um jeden zweiten Tag aufzustehen und mir diesen Mist zu geben. Der Ex-Rockstar langweilt sich dort auch sehr schön. Manchmal gähnt er mir verschwörerisch zu. Da klopft mein Herz dann jedes Mal ganz wild.

So kann es ein Weilchen dahingehen, von mir aus. Gelegentlich schaut wieder jemand bei mir zu Hause vorbei. Forcieren möchte ich das Übernachten aber gerade nicht. Irgendwie laugt es mich aus, wenn so viele andere Menschen, noch dazu verschiedene, in meinen vielen Wänden und damit notgedrungen auch um mich sind. Früher hat mir das nichts ausgemacht. Meine Adresse geht anscheinend noch selbsttätig reihum, aus der Zeit, in der das für mich noch gepasst hat. Das mit dem Zuverdienst kann ich mehr denn je brauchen, doch die Anstrengung ist unterbezahlt, finde ich mittlerweile.

So geht es mir auch mit jedem Jobangebot, das für mich ausgegraben wird. Der Arbeitsmarkt verlangt mir inzwischen auch schon einiges ab, ohne dass ich ihm noch wirklich angehöre. Von der Ferne ruft er mich. Und er stresst mich ganz schön damit.

Es ist geschehen, der schöne Gelangweilte hat mich angesprochen, er hat mich gefragt, ob ich auch was vom Automaten möchte, und ich hab gleich gesagt, ich geh einfach mit und schau mal. Das war einigermaßen schlagfertig in Anbetracht der Umstände, dass ich jedes Mal nervös werde, wenn er mich nur ansieht, zufällig. So sind wir zum Automaten geschlendert, schön langsam, man hat schließlich Motivationspause und keine Eile, so schnell zurückzukommen. Und dann waren wir uns einig, dass eine Cola-Dose nicht so viel kosten sollte, schon gar nicht, wenn sie in einem Automaten herumlungert, der nur zwei Gänge entfernt von einem Motivationskurs für Langzeitarbeitslose steht und zum Konsumieren verführt.

So was von einig waren wir uns, und schließlich haben wir uns eine Dose geteilt, haben sie zwischen uns und unseren sehr kleinen Schlucken und durstigen Mündern hin- und hergereicht, im stillen Einvernehmen und Gedanken daran, dass eine Rotweinflasche besser wäre, irgendwie. Dann auch die Schlucke größer, bestimmt.

Und dann sind wir Richtung Kurszimmer zurückgegangen, der Schöne und ich, und ich wollte aufs Klo, weil ich schon dringend musste, vor dem Kurs, dann ja wieder so lange sitzen. Ich dachte, er geht in seins, weil er auch musste, aber nein, er geht nicht in seins, weil er lieber in Frauenklos pinkelt. Die Männerklos sind ihm zu dreckig, sagt er. Aha.

Tja, und kaum bin ich fertig und er auch, rauschen die Spülungen hier und dort in den benachbarten Kabinen und ich wasche mir die Hände, da steht er hinter mir, weil ich schneller am Waschtisch bin … Da streckt er seine langen Fast-Musiker-Hände nach vorn zum Waschbecken und zu meinen unter mein genau richtig warmes Wasser, steht dabei noch direkter hinter mir, ich spüre schon die glatte Lederhose sich an meine Jeans schmiegen (ja, inzwischen hab ich im Kurs auch andere Sachen an, Schluss mit Blusen und Blazern …). Und auf einmal waschen seine Hände die meinen und meine die seinen, und seine Hose und meine Hose wollen keinen Millimeter Luft zwischen einander lassen. Und das wollen wir auch nicht.

Im Nachhinein gesehen war es wohl nicht besonders gescheit, gemeinsam in eine der Kabinen zurückzuhasten, den Inhalten der jeweiligen Hosen ihren Willen und die Beinkleider runter zu lassen, zur Vereinigung von Leder und Baumwolle am Boden und sonstigem auf dem Klodeckel. Aber was ist schon gescheit. Es ging einfach nicht anders und anders sollte es auch nicht sein. Hand in Hand haben wir nachher das Klo verlassen. Ich musste nochmal schnell ins Kurszimmer, weil ich meine Tasche dort hatte und entschuldigte mich, mir sei schlecht geworden und mein Kurskollege bringe mich  heim.

Ich glaube fast, er hat wie ich gerade ein gefährliches Alter. Da kann alles Mögliche passieren, habe ich mir sagen lassen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16099

 

 

 

 

Nordsee-Exkurs

Eine spröde Geliebte ist sie, die Nordsee. Hat sie den gerade angekommenen Bewunderern eben noch zugeblinzelt, sich in der Abendsonne schmeichelndem Licht präsentiert, so entzieht sie sich den erlebnisgierigen Blicken alsbald wieder. Was schert sie der Verehrer, sie überzieht ihn erst mit düsteren Wolkengebilden – soll er sich doch der Ehre, an ihrer (Küsten-)Seite zu weilen, würdig erweisen, testen will sie ihn und seine standhaften Absichten, so scheint es.

Wer sich davon nicht abhalten lässt, weiterhin die Schönheiten der Angebeteten zu suchen, dem bietet sie gleich die Gelegenheit, sich zu bescheiden, sich abzukühlen von der glühenden Begeisterung, am besten durch ausgiebige Regengüsse der eher unangenehmen Art.

Noch immer auf ein Einsehen der Holden hoffend, flüchtet sich der (im doppelten Wortsinn) arme Tropf in seine bescheidene Behausung. So ihrem Zugriff entzogen, lässt sie sich etwas Neues einfallen, ihn zu prüfen: Windböen, die sich gewaschen haben, umbrausen ab da den Werber.

Es müsste eine sehr stürmische, heftige, um nicht zu schreiben rasende Liebelei sein, der sich der Besucher so hingeben könnte. Doch – er zögert. Er wankt in seiner aufrechten Bewunderung, es ist ein bisschen gar viel verlangt, allem Unbill zu trotzen und dabei anhaltend Begeisterung zu empfinden, zu erleben, zu äußern. Da denkt er an andere Küsten, an andere Meere, an andere Strände, die einem nicht ganz so viel abverlangen, also etwas einfacher zu haben sind.

Sie merkt es sofort, dass der Strom der Anbetung abzuschwellen beginnt, sie nimmt wahr, dass sie mitnichten die einzige Option auf einen verträumten Urlaubsflirt ist. Und schon zaubert sie aus einem ihrer Ärmel einen der gigantischsten Sonnenuntergänge, die das durchschnittliche Mitteleuropäerauge jemals zu sehen bekommen hat.

Halb versöhnt zieht der Verehrer nächsten Tags von dannen, gen Süden. Nicht ohne dass sie ihm, dem Treulosen, in der Nacht noch einmal ordentlich den Marsch geblasen hätte, versteht sich.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16097