Kategorie-Archiv: Carmen Rosina

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Frau F. leidet an Briefangst oder Warum Herr N. nicht mehr bei der Post arbeitet

Also es gibt so Geschichten, die glaubt man kaum. Wenn ich Ihnen das erzähle … Aber aus nächster Nähe hab ich das mitbekommen. Meine Nachbarin, die Frau F. nämlich, die war immer schon ein bisschen anders. Einen Fernseher hatte sie nie, braucht sie nicht, hat sie gesagt. Und einen Computer hat heutzutage jeder, aber sie nicht. Und statt einem Smartphone hat sie ein Handy, das man aufklappen muss zum Telefonieren. Ich glaube, eine App hat das dann auch nicht. Die gab es damals noch nicht, als Frau F. ihr Mobiltelefon, wie sie es nennt, gekauft hat.

Jedenfalls, ich bin ja ein toleranter Mensch. Dann soll sie halt ohne das alles leben, hab ich mir gedacht. Ist ja ihre Sache, und sie tut niemandem was zuleide damit. Hab mich also öfter unterhalten mit ihr, so übern Gartenzaun drüber, über Serien nicht, das war ja sinnlos, aber sonst eh ganz nett. Mir ist schon aufgefallen, dass sie viel Post bekommt. Und Zeitungsabos, zwei sogar. Alles, was wir so online haben, war bei ihr halt im Postkasten. Rechnungen, vermutlich, reingeschaut hab ich nicht, aber manchmal gesehen, was sie so rausgenommen hat aus dem Briefkasten, Briefe auch. Manchmal eine Postkarte, hatte ich sonst ewig nicht mehr gesehen, so etwas.

Ihre Kinder leben im Ausland, vielleicht bekam sie deswegen Ansichtskarten. Ich hab mir schon öfter Gedanken gemacht, wie ihr Leben aussieht. Alt ist sie ja nicht. Aber anders schon. Und ich hab ja mehr Zeit jetzt, seit der Pension. Der Briefträger hat auch immer gern mit ihr geredet. Der Herr N., ein freundlicher Mensch. Ich glaube, der war froh, dass er mal keine Pakete herumschleppen musste bei ihr. Weil sie kein Internet hatte, hat sie ja auch nichts online bestellt. Da war ihm ihre leichtere Post und hie und da ein eingeschriebener Brief schon lieber.

Ja, und weil er ja auch ein gemütlicher Mensch ist, hat sie ihn, wenn sie sich zufällig oder beim Unterschreiben einer Empfangsbestätigung trafen, zu sich in den Garten eingeladen, die Gespräche hab ich dann nicht gehört, weil sie hinters Haus sind, das ist auf der anderen Seite zu meinem Garten, aber gesessen sind sie schon immer ein Neichterl dort. Also die haben sich verstanden, das hat man einfach gemerkt.

Und dann kam der Tag, an dem Herr N. der Frau F. einen Brief persönlich brachte und darauf wartete, bis sie ihn geöffnet hatte. Ich war zufällig im Garten und sah, wie Herr N. sie zu ihrer Terrasse begleitete, nachdem sie den Brief gelesen hatte. Und dann kam er ewig nicht mehr heraus auf die Straße, ich glaube, an dem Tag hatte er dann Stress mit seiner restlichen Runde.

Von dem Tag an war alles anders. Der Briefkasten von Frau F. ging über. Sie holte anfangs noch die Zeitungen heraus, und nach einigen Wochen lagen dann auch die herum, als ob sie auf Urlaub wäre. War sie aber nicht, das hätte ich gemerkt. Und ihr Auto stand in der Garage, da war ich mir sicher. Also sie war schon da, aber irgendwie auch nicht. Um den Briefkasten machte sie jedenfalls einen großen Bogen. Da wurde es dem Herrn N. zu bunt, nehme ich an, denn er brachte ja weiterhin Post, und da war kein Platz mehr im Briefkasten. Er ging jedenfalls mit einem Haufen Papier im Arm zu ihr hinein. Die Haustür war offen, wie immer bei ihr, wenn sie daheim war, außer nachts, da sperrte sie schon auch zu, glaub ich zumindest.

Er kam nicht mehr heraus an diesem Tag. Ich weiß, dass sie da drinnen sitzen, manchmal gehen sie auch spazieren. Und sie fahren einkaufen mit ihrem Auto oder sonst wohin. Und der Briefkasten geht nicht mehr über, Herr N. leert ihn regelmäßig. Was er mit der Post macht, weiß ich nicht. Aber was mir aufgefallen ist: Sie haben jetzt eine Feuerschale hinten im  Garten, wo sie oft  beisammensitzen und leise lachen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 21057

Carmens Schüttler

Abnehm-Frust
Wieder hör ich Mandy zetern,
ihr Grant misst sich in Zentimetern.

Abzunehmen
Es endet diese Plage, wann?
Schau mal auf den Waageplan!

Alkohol zum Vergessen?
Hey, Kumpel, sauf rein!
Und lass die Frau sein.

Am Adventmarkt
Hinter diesen Kerzenhaufen
kann man Schokoherzen kaufen.

Am Kebabstand
Hör doch nur, wie schön er dichtet,
während er die Döner schichtet.

An der Kunstuni
Hier sehen Sie die Meisterklasse,
die skulpturiert mit Kleistermasse.

Anfrage mit Magenknurren
Soll'n wir in einer Stunde grillen?
Das sollte den Hunger im Grunde stillen.

Annäherung in der Fabrik
Wenn er bei dem Franze steht,
freut sich an der Stanze Fred.

Ans Model am Set
Iss ruhig deine Leibspeise!
Nur bitt ich dich, dann speib leise.

Are you nuts?!
Knackst Nüsse du mit Backenknochen,
so kann's dort nach dem Knacken pochen.

Asterix bei den Briten
Wie sollen wir unsre Trassen retten,
wenn sie uns auf den Rasen treten?

Aufgedeckt
Die Schoki fehlt beim Mise en Place,
zum Dessert dann please en masse.

Auftragslage
Mit ihrem schönen Kussmund
tat sie mir ein Muss kund.

Ausgezockt
Am Spieltisch er die Gulden schiebt,
kann sein, dass das noch Schulden gibt.

Ausschluss
Es wird das Foul im Fußball
jetzt mit Rot zum Bußfall.

Beim Vogelhändler
Jetzt ist der Mann mit Hut dran.
Er kauft sich einen Truthahn.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Berufliche Umorientierung
Schau, wie die Wölfe wüten, Hirt!
Vielleicht wirst besser Hüttenwirt?

Bist du müde, …
… träumst du von
einem Schlaferl auf Futon.

Blitzschlag
Es folgte auf das Wetter Brand,
der fackelt ab die Bretterwand.

Boris Beckers Gedanken beim Schlägerreinigen
Während ich den Rahmen säuber,
verfluche ich die Samenräuber.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Chinesisches Buffet
Isst du immer kreisrund,
kommst du dann zum Reisgrund.

Christkind vs. Kommerz
Willst du den Weihnachtsmann samt Sackerl buchen,
musst selber du die Packerl suchen.

Comedians beim Afterwork-Drink
Komiker vom Fach lallten:
"Unser Ziel sind Lachfalten."

Drohung/Gehaltseinbuße
Trägst du beim Kochen keine Schürze,
ich dir gleich die Scheine kürze.

Eilige Schluckspechte
Sie haben so schnell Bier getrunken,
war'n gleich vor lauter Gier betrunken.

Ein Stamperl bloß
Ist wohl etwas klein, was?
Ich wollte doch ein Weinglas!

Ende der Fastenzeit beim Kirchenwirt
Ich hätte eine fromme Bitte:
Gebt mir doch 'ne Pomme fritte.

Ende der Monarchie
Seine Statue, ein Wahrzeichen,
musste wie der Zar weichen.

Ermüdender Denksport
Gleich unter der Dachschräge
liegt er nach dem Schach träge.

Ersatzteilreparatur
Bevor ich ihn auf Zinn bette,
nehm ich mir die Pinzette.

Fässe-Sammler
Was der alles ins Haus rollt!
Wer das wohl später rausholt?

Familie, ungeplant
Wenn ich noch weiter Linda kos,
bleib ich nicht länger kinderlos.

Fastenzeit
Die Gläser, die der Weber leerte,
erklären seine Leberwerte.

Frage in der Blockhütte
Wenn der Stamm hier ausharzt,
muss er dann zum Hausarzt?

Frage zu den Saufkumpanen
Wo kommen diese Lumpen her,
mit denen ich die Humpen leer?

Frisch vom Friseur
Ob ich mit dieser Schiller-Locke
in der Farbe Lila schocke?

Der Frühling kommt
Ich sitze auf dem Autodach
und seh: Es taut do', ach!

Fundstelle
Sieh den Wünschelruten-Großmeister!
Immer rund ums Moos kreist er.

Futterneid - Rehe vs. Sammler
Die pflücken alle Waldbeeren,
da müssen wir uns bald wehren!

Gärtner beim Oktoberfest
Die dort nach der Maß krähen
sollten besser Gras mähen.

Gambler in Deutschland
Was sie sich in Kiel sparten,
verloren sie mit Spielkarten.

Geänderte Urlaubspläne
Der Pornostar
zahlt's Storno bar.

Gehaltserhöhung
Die zum Chef in Rage gingen,
dort um höh’re Gage ringen.

Gelangweiltes Genie
Die anderen Schüler lasen noch,
da bohrt’ sie schon im Nasenloch.

Geschützter Musiker
Hinter lauter Panzerglas
spielt im lichten Glanz er Bass.

Gespräch unter Diät-Müden
Mann, schmeckt dieser Brei fad!
Auf ein Eis ins Freibad?

Gesucht, gefunden?
Da drüben steht am Rand er.
Oder ist es doch wer andrer?

Grammatikexpertin
Sie schreibt die Phrase „sieht Glatzkopf“
einfach in den Gliedsatzkopf.

Grillgeheimnis
Was liegt dort auf dem Bratenrost?
Ich will nicht länger raten, Prost!

Guter Rat an einen armen Touristen am Souvenirstand
While you are nearly mittellos,
no buy, you have to little Moos!
(Dieser Schüttelreim wurde auch in Moff, Band 2, 2014 abgedruckt.)

Hängemattensichtung
Der Schläfer checkt mit Kennerblick:
"Das ist der Weg zum Pennerglück!"

Heilsbringer in der ÖVP
Bis vor Kurzem besaß die an,
sein Name war Sebastian.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Heiser
Sie gab auf diese Weise Lieder
eigentlich zu leise wieder.

Hindernisse überwinden
Steine auf uns’ren Wegen lagen,
wer konnte sie zu legen wagen?

Höhere Mathematik
Ob durch die Kunst der Mengenlehre
die Summe sich der Längen mehre?

Im Sportgeschäft
Ich geb Ihnen einen Rat, Herr: Lose
trägt niemand eine Radlerhose!

Im Weihnachtsverzug
Die heute erst ans Schenken denken,
können sich das Denken schenken.

In Rage
Es schwillt ihr schon die Halsader.
Achtung, da folgt nichts als Hader!

Interview mit Nina Proll
Er hört zu, was sie red't,
und drückt anschließend Reset.

James Bond ohne Chance
Denn der Schuft lief
schnurstracks Richtung Luftschiff.

Jausenpause des Mechanikers
Jetzt lass mal deinen Toast ruh'n,
du sollst was gegen Rost tun!

Katzenpick
Voll Kleber ist der Stubentiger
seit auf diese Tuben stieg er.

Kleine Lauser stören unerschrocken schlafende Helden
Racker wecken
wacker Recken.

Klistier
Der Kurgast ist jetzt arm dran,
sie wollen an den Darm ran.

Kräuterweiberl
Es traf in diesem Kaff er Hexen,
die nährten sich von Haferkeksen.

Kraftfutter am Bau
Sobald er Power-Riegel zückt,
er mühelos die Ziegel rückt.

Kraftnahrung?
Sie, die Schwere-Lasten-Heber,
liebten Fleisch, doch hassten Leber.

Krönungsaufregung
Er schreit: "Ich werde Kaiser heit!"
Und dann plagt ihn Heiserkeit.

Künstlerisch begabter Indianer im Saloon
Wenn ich mit den Bleichen zock,
zück ich einen Zeichenblock.

Landluft
Der Bauer stand vorm Güllefass
und roch dort der Fülle Gas.

Leistungsschau auf der Lampenmesse
Er wollte sie mit Watt blenden,
so sollte sich das Blatt wenden.

Liebeskummer
Wegen eines Schwaben reart se,
in ihrem Herzen Rabenschwärze

Lieferant im Stress
Während in großer Hast er läuft,
die Ware sich am Laster häuft.

Make Peace, Not War
Anderswo die Panzer glühen,
bei uns die Blumen ganz erblühen.

Mathematische Annäherung
Es scheint, es liebt die Mara Peter,
das sagen alle Parameter.

Meisterkoch
Nun in bester Pilz-Manier
ich gleich noch die Milz panier.

Misslungene Faschingsfeier
Sie trinken alle Glitzerwasser,
doch es fehlt ein Witz, a klasser.
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Misslungene Verkehrsberuhigung?
Ich glaub, dass in dem Schilderwald
das Fluchen nur noch wilder schallt.

Möglicher Raub im Darjeeling-Express
bedeute
Teebeute.

Müde Performance
Der Chor sang lahm.
Und sehr langsam.

Müllabfuhr verpasst
Jetzt muss ich in leeren Gassen
meinen Mist noch gären lassen.

Mülltrennungsfrage:
Was ist das nun: Papier, Karton?
Dass ich das nie kapier, pardon!

Müsli-Vorbereitung
Ein Wunder, dass sie sauber blieben,
das Schwierigste am Blaubeer-Sieben.

Nero sprach
Wie ich nach dem Brand lach!
Es liegt um Rom das Land brach.

Nie genug …
… bekam der Wassernarr,
ganz egal, wie nass er war.

Nie wieder Alkohol
Während größter Übelkeit
schwör ich erneut den Kübel-Eid.

Nie wieder angebranntes Essen
Wenn ich die Soße heller koch,
kommst du aus dem Keller hoch?

Optimale Aufstiegsbedingungen
Wo ich jetzt auf den Baum kletter,
gibt's viel Geäst und kaum Blätter.

Passionierter italienischer Zahnarzt
Io amo ihre Backenzähne!
Ich mach ihre Zacken bene.

Pazifismus durch Flowerpower?
Der Offizier beim Gruppentanz
vergisst auf seine Truppen ganz.

Putins Nightmare
Die Wohnung kalt, sie sparten Gas
und hatten dann im Garten Spaß.

Regalsuche im Einrichtungshaus
Es kämpft sich durch den Billy-Wald
ganz frohgemut der Willibald.

Reggae-Roadies
Sie schütteln ihre Rasta-Locken
und woll'n schon auf dem Laster rocken.

Renovierung überflüssig
Kaum sah er diesen Wurmstich,
das Haus auch schon dem Sturm wich.

Salzige Kost
Isst man schon seit Tagen Wurst,
verspürt man einen vagen Durst.

Schlaflos im Orient-Express
Gleich unter dem Wagendach
lag er seit vielen Tagen wach.

Schmähtandler
Die Geschichten des Schweißers, der auf Funken stand,
sie erlogen und erstunken fand.

Der Schmerz verwirrt die Sinne
Was ist denn das, ein Wahnzurzel?
Der Schüttelreim auf Zahnwurzel!

Der Schnäppchenjäger
Weil er den Bogen raus hat,
spart er viel beim Hausrat.

Schräger Anblick
Ich kann von der Weite sehen
wie Flaggen auf der Seite wehen.

Schuhputzers Pause
Er mag viel lieber Krapfen schlemmen
als der Kunden Schlapfen cremen.

Sommerliche Esoterik-Szene
Mäher surren,
Seher murren.

Sommernachtstraum
Wie der Verführer leise hofft,
folgt sie ihm ins heiße Loft.

Ständchen
Trompeter spiel‘n zum Muttertag,
weil Mama diese Tuter mag.

Stumme Krone
Die kaiserliche Hoheit
ist heiserlich k.o. heit.

Teures Vergnügen im Grandhotel
Mir machte das Lesen Spaß,
bis ich von den Spesen las.

Tierlieb
Das Kind seh ich im Spiegelbild,
wie es mit seinem Beagle spielt.

Traumfrau
Kurven findet Fred erbaulich,
davon schwärmt im Bett er: „Fraulich …“

Das ungeduldige Model
"Mach schnell! Na schäl
mich endlich aus Chanel!"

Ungern unterwegs
Wir lagen zuerst im Zug flach,
doch ist auch dieser Flug zach.

Unikat
Schreiberlinge gibt's en masse.
Nur einen aber wie Menasse. ;-)))

Unverfrorener Voyeur
Der jungen Frau den Sichtschutz nehmen!
Dafür soll sich der Nichtsnutz schämen.

Urlaubsausklang
Erst als die Sonne hinter Bonn sank,
verließen wir die Sonnbank.

Verblichene Mona Lisa
Nach diesem schönen Fund malten
sie gleich ihr neue Mundfalten.

Verdeckte Ermittlung bei Kain
Verhüllt er mittels Stirnband,
was ihm auf der Birn’ stand?
(gemeinsam mit Christoph Kempter)

Verkehrszeichenhinweis
Mit all seiner Macht weist er
auf das Schild, der Wachtmeister.

Verkehrte Welt oder globale Unterschiede
Sie steht da unterm Sichelmond,
während sich der Michel sonnt.

Verlagsräuber
Die Tat wurde dann ruchbar,
als so manches Buch rar.

Verteidigung in der Kritik
„Was ist mit den Manndeckern?“
„Erst Schlusspfiff, dann meckern!

Verzwickt
Sie: Der Reißverschluss, der klemmt heit ...
Er: Ich helf dir aus dem Hemdkleid.

Viel Spaß beim Einbruch
Ich hör, wie dieser Schuft lacht,
er nähert sich dem Luftschacht.

Vielfraß
Nach kiloweise Hollerkoch
kam ihm gleich das Cola hoch.

Völlegefühl im Allgäu
Die Lust, sich zu laben, schwand
auf der Fahrt durchs Schwabenland.

Vogelwärter mit Schlafentzug
Der immermüde Leo pennt,
während er beim Beo lehnt.

Von den 80ern in die 90er
War ich einst ein Manta-Fan,
so bin ich jetzt ein Fanta-Man.

Vorsicht, Wolle!
Das Jackerl zuerst zum Testen waschen:
vorerst nur die Westentaschen.

Wald vs. Straße
Gleich hinter dem Warnschild
quert in Schar'n Wild.

Waldesruh
Als ich hier so rumstehe,
grasen bei mir stumm Rehe.

Warten auf den Kellner
Ich ess jetzt mal ein Honig-Toffee,
wobei ich auf ein Tonic hoffe.

Weichkäse-Genuss am FKK-Strand bei 38 Grad im Schatten
Manchmal ess ich Brie da nackt,
so lange, bis es mich niederprackt.

Wollefilzen einmal anders
Ob das Schaf schon Bammel hat
vor dem heißen Hammelbad?

Zufriedene Tischler
Die schönsten Möbel beizen wir,
danach gibt es viel Weizenbier.

Zu Ostern
Da sucht mit seiner Hand er: Wo denn
sind heute meine Wanderhoden?

Zu spät zum Marathon
Die morgens viel zu lange schliefen
als Letzte in der Schlange liefen.

Zu viel Zielwasser
Ob er auf der Kegelbahn
auch mit diesem Pegel kann?

Zweifelnder Goethe-Fan im Regen
Warum ich nur nach Weimar reise?
Dort schüttet es doch r-eimerweise!

Carmen Rosina

www.verdichtet.at

Von wegen Verschwörungstheorie!

Cui bono. Folge der Spur des Geldes. So sagen es diejenigen, die mehr zu wissen glauben als die anderen; die anderen, das sind für eingeweihte „Wissende“ die Hörigen, die dumme Systemherde.

Also mir reicht das jetzt. Ich finde, damit sollte Schluss sein, höchste Zeit, mit dem Unsinn aufzuhören. Ihr Besserwisser liegt falsch! FAKE! Es gibt keine Verschwörung, wie ihr sie vermutet. Denn – und jetzt haltet euch fest, aber besser nicht an eurem Laptop, sondern an etwas Beständigerem als an Social Media – es geht viel weiter als das. Und es ist so unglaublich, dass ihr Mühe haben werdet, es zu verstehen, mit euren beschränkten Gehirnen, die nur gepolt sind auf Existenzsicherung, Wohlstand und Beharren auf Althergebrachtem, wie der Annahme eurer  Überlegenheit, …
Ja, ich weiß, Sätze wie der vorangegangene  überfordern euch inzwischen. Ihr braucht kurze, einfache Botschaften, in simplen Worten. Was ich damit zum Ausdruck bringen will: Was ich zu sagen habe, ist wichtig. Und es wird steil. Es wird richtig steil. Es ist so unglaublich, wie es wahr ist. Und ich bin hier, um euch Kunde zu bringen von der echten, einzigen Verschwörung, der wahren Weltherrschaft, und von denen, die sie nicht an sich zu reißen versuchen, sondern die sie längst innehaben. Oder mit einfachen Worten: Ihr täuscht euch. Ihr sollt nicht manipuliert, abgehört, unterdrückt werden, ihr seid es längst. Und diejenigen, denen ihr am nähesten seid, die ihr liebkost und hätschelt, die sind es, die euch lenken.

Wie sie das machen? Sie kennen euch in- und auswendig. Sie wissen, wann ihr zur Arbeit beziehungsweise neuerdings eher „an die Arbeit geht“, wann ihr kocht, esst, sie hören eure Telefonate mit, sehen mit euch alles an, was ihr euch reinzieht. Sie beobachten euch, sie können jede Nuance im Ablauf eures Handelns korrekt interpretieren. Oder wieder in der einfachen Version: Sie kennen euch wie ihr eure Nasenpopel: Sie sind ein Teil von euch.

Gut, damit dürfte ich eure Aufmerksamkeit wiedergewonnen haben, verzeiht die Ausritte in die Hochsprache. Ich versuche mich zu bessern, denn ihr sollt alle verstehen, worum es geht: Es geht um alles.

Ich fange behutsam an: Wer von euch kennt James Bond? Ah, doch so viele, sehr schön. Und seinen Gegenspieler Dr. No? Was das ist? Ein Gegenspieler ist ein Feind. Also der Bond hat einen Feind, der will die Weltherrschaft. Ja, das kennt ihr: Feind und Weltherrschaft. Also gut, wir haben eine gemeinsame Basis, sehr schön. Ich zeige euch mal ein Foto vom Dr. No.

(Ein Fenster öffnet sich auf den einzelnen Bildschirmen der Teilnehmenden.)

Alles klar? Na, was seht ihr darauf?
Ja, das auch. Was noch?

So, und das ist der Schlüssel. Die Weltherrschaft und Dr. No. Dr. No heißt Dr. Nobody, er ist nicht wichtig. Wichtig ist das Wesen, das ihn lenkt. Und das ist jenes, das auf seinem Schoß sitzt. Ja, da schaut ihr verdutzt. Aber glaubt mir, so ist es. In diesem intellektuell eher bescheidenen Film ist so viel Wahrheit enthalten, dass es unglaublich ist, warum das nicht jemand vorher entdeckt hat. Aber so ist es bestens getarnt: Keiner nimmt ernst, was offensichtlich wahr ist.

Für diejenigen, die immer noch auf der Leitung stehen (und das meine ich jetzt nicht wörtlich, liebe Videochatgruppe …), nochmal ganz langsam: Die Katze ist der Boss.

Und zwar ist nicht nur eine bestimmte Katze ein Boss, sondern alle Katzen sind Bosse. Sie lenken die Menschen, Menschen tun alles für sie. Cui bono, vom Anfang meiner Ausführungen, ihr erinnert euch?

Wem hilft der Lockdown, um mit dem Naheliegendsten zu beginnen? Wer profitiert wirklich davon, uneingeschränkt, ohne sich dabei einen einzigen Nachteil einzufangen?

Die Antwort lautet: Katzen.

Sie freuen sich als Einzige ungetrübt über Homeoffice, Homeschooling, und wenn möglichst viele Menschen ihnen daheim zu Diensten sind. Sie liegen auf Tastaturen, auf dem Schoß des armen zu Hause arbeitenden „Katzenbesitzers“ (das glaubt er auch noch, der arme Tropf …), am liebsten den ganzen Tag. Mit gelegentlichem Lockdown bleibt mensch fast nur noch zu Hause, also zur Verfügung.

Und was ist mit: „Folge der Spur des Geldes“? Googelt mal, wie viel jährlich global für Katzen ausgegeben wird. Und wie es mit den Zahlen seit Beginn der Pandemie aussieht.
Wenn ihr schon dabei seid: Macht auch gleich eine Suche, wie es in den Tierheimen zugeht: Wollen nicht alle Menschen, die davor noch keine hatten, genau jetzt eine Katze, als Trost, zum Kuscheln, als Gesellschaft fürs Cocooning?

Der Boden war schon davor gut bereitet. Die PR-Maschinerie lief bestens. Eines der erfolgreichsten Musicals weltweit? Cats. So wurde eine „Story“ mit Gefühlen aufgeladen, die alte Katze singt herzzerreißend … Und Menschen weltweit schmolzen dahin.

Vergessen war, dass die Vorfahren allesamt Raubkatzen waren (und es noch sind!).

Grobe Verharmlosungen taten das ihre, zum Beispiel Fritz the Cat. Auch zu googeln, später. Aber werden wir wieder ernst. Denn es ist nicht lustig.

Wisst ihr, wer Bill Cats ist? Er versucht zu verbergen, wer er wirklich ist. Aber er ist derjenige, der die Menschen auf die Idee gebracht hat, ihre Haustiere zu „chippen“. (Haustiere deswegen, damit es nicht so auffällt, dass es nur um die Katzen geht; die Hunde sind egal, eine Kollateralerscheinung, sie profitieren aber teilweise von den Katzenplänen.)
Bill Cats also haben wir die Chips zu verdanken, von denen die uninformierten Menschen denken, dass sie zum Wiederauffinden ihres Kätzchens dienen. Haltet euch fest: Das Gegenteil ist der Fall!

Die Katze trägt den Chip, der mit einer App des menschlichen Wohnungsgenossen verbunden ist. Und weil die Menschen ihre Handys immer mit sich herumtragen, weiß die Katze stets, wo der Mensch ist, und ist so vor Überraschungen gefeit.

Ah, Entschuldigung, blöde Angewohnheit: Es gibt keine Überraschungen, soll das heißen. Und stets ist eigentlich dasselbe wie immer.

Also, gibt es dazu noch Fragen?

(Der Bildschirm mit mehreren Teilnehmern flimmert. Der Moderator des Chats, selbst unsichtbar, wiederholt daher die an ihn gestellten Fragen.)

Also, ich wiederhole, für alle, Frage 1, von Teilnehmer Andy: Wie kommunizieren die Katzen miteinander, wenn sie schon die Weltherrschaft haben, wie machen sie das?

Die Chips, die die meisten Stadtkatzen implantiert haben, wurden natürlich so programmiert, dass die Katzen auch miteinander kommunizieren können. Außerdem tragen viele Halsbänder, die ebenso zur Kommunikation genutzt werden. Telepathie beherrschen Katzen ohnehin seit Anbeginn. Und in ländlichen Gegenden, wo das Chippen und elektronische Halsbänder noch nicht so verbreitet sind, greifen sie auf die guten alten Methoden zurück: Sie verbreiten Fäke-News, kurz für Fäkalien-Neuigkeiten. Soll heißen, sie hinterlassen ihre … wie soll ich es sagen … Scheiße,  ja, so ist es nun mal, überall dort, wo ein anderes Katzentier sie finden kann. Mittels Beschaffenheit und Merkmalen wie Duft usw. werden Botschaften übermittelt. Drum finden sich auch sehr oft Hinterlassenschaften von Katzen in Nachbargärten: Sie geben damit eine Information an die dort wohnhafte Katze, die sie wiederum anderswohin weitergibt usw. Hat das deine Frage beantwortet? Aja, die Menschen entfernen die Fäke-News immer wieder mal, klar. Aber das ist aussichtslos. Die Katzen sitzen am längeren Ast, wie immer.

Alles klar so weit, schön, dann Frage 2 von Teilnehmerin Suzy: Wollen die Katzen uns Menschen was tun?

Nein, sie wollen nur die Kontrolle. Sie wollen bestes Futter, einen warmen Platz, unzählige Streicheleinheiten, bedingungslose Aufmerksamkeit. Sie wollen die Mäuse der Menschen und dass all ihre Artgenossen aus den Tierheimen befreit werden. Aber sie werden den Menschen nichts antun, denn sie sind schlau: Der Parasit lässt den Wirt leben, alles andere wäre Unfug. Ja, blöd halt. Das hab ich damit gemeint.
Sicher, es gibt schon ein paar gemeine Exemplare, Billy the Kitten beispielsweise, er war gefürchtet, aufbrausend, rachsüchtig, und das schon in ganz jungen Jahren. Aber all das weiß die Katzencommunity zu vertuschen. Sie überschwemmt das Internet mit lieblichen, drolligen Katzenvideos, die nur einem Zweck dienen: die Menschen in Sicherheit zu wiegen. Und zu verbergen, dass längst die Kontrolle übers Netz, über die Welt, jemand anderer übernommen hat.

(Bei einer Teilnehmerin ist das Bild ausgefallen. Der Moderator wird nervös.)

Hallo, Teilnehmerin Betty, hörst du mich noch?

Bettys leise Stimme ist zu vernehmen, bevor sie ganz verlischt: „Ich muss mich jetzt ausklinken. Meine Katze will hinaus.“

.

 

Für Martina, mit großem Dank für ein wahrhaft erhellendes Gespräch 

Carmen Rosina

www.verdichtet.at |  Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 20124

Der Heimkehrer oder Ein Telefonat am Sonntagabend

Er:
Hallihallo, Kati, wollte mich zurückmelden, hab dir so viel zu erzählen, und wie geht’s dir?

Sie:
Na ja, es geht so. Seit wann bist du denn wieder da?

Er:
Gerade hereinspaziert bei der Haustüre, das Handy geschnappt und dich angerufen.
Ich sag dir was, das war ein Erlebnis. Dieses Detox, ewig wollte ich das schon machen. Kennst mich eh, immer am Smartphone, Tablet, Laptop, aber alles weg, drei Wochen lang, weil die Wochenendseminare, alles Scharlatane, das ist viel zu kurz, das macht nichts mit dir, das löst nichts aus, also unter drei Wochen ganz schwierig. Und was hast du so gemacht inzwischen? Während ich im Wald war und in der Hütte auf dem Berg und meine Gedanken von dem ganzen Digitalmüll befreit habe? (lacht)

Sie:
Nicht so viel, ich war daheim, fast durchgehend, hab viel ferngesehen, Social Media gecheckt, gesmst, … hie und da telefoniert.

Er:
Gift, Kati, reinstes Gift! Ich weiß ja, wie gern du zu Hause rumhängst. Aber auf die Dauer ist das nichts, für niemanden. Dir täte so ein Digital Detox auch gut. Alles hinter dir lassen, ganz du selbst sein …

Sie hüstelt.

Er:
Schau, das macht jeden krank, immer nur drin rumsitzen. Als ich in die Stadt zurückgefahren bin, ist es mir so richtig aufgefallen. Nicht mal die Kinder sind draußen, alle hocken drinnen und schauen wahrscheinlich in die Glotze oder aufs Handy. Furchtbar!

Sie:
Ja, da hast du recht.

Er:
Natürlich hab ich recht. Und ich hab gesehen, was die drei Wochen gemacht haben mit mir, mit mir als Mensch. Die Stadt erscheint mir nicht mehr ein Ort der permanenten Hektik und Überforderung, sondern fast ruhig, still. Im Park vorm Haus hab ich sogar die Vögel zwitschern gehört. Den Verkehrslärm hab ich anscheinend völlig ausblenden können, alles in mir ist angekommen. Die innere Verwandlung ist unfassbar.

Sie:
Ich glaube, du hast da was verpasst …

Er:
Nein, gar nicht! Das war die beste Zeit meines Lebens!

Sie:
Google mal „Corona“.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 20033

 

Aufgeschnappt oder: Wie Werbung wirkt

Drei Frauen im Gasthaus, am Nebentisch ins Gespräch vertieft. Eine der drei möchte schließlich die Kontaktdaten ihrer Freundin korrekt ins Handy eintippen. Mittendrunter stutzt sie und fragt:
"Wie schreibt man denn Schacklien?"
Jacqueline antwortet: "Mit Jö."

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 20028

 

Die Rahmenhandlung

Ich fahre mittelschnell durch eine große Stadt, an vielen Gebäuden vorbei, an einem anstrengend heißen Tag. Ein noch etwas entferntes Haus bannt meinen Blick; es hat mehrere Stockwerke und zahlreiche Fenster, von denen ein einziges sperrangelweit offen steht. Alle anderen sind geschlossen; wohl um die Hitze auszusperren.

Beim Näherkommen werde ich Details gewahr: Dieses eine Fenster trägt einen Trauerrand.
Der Rahmen ist schwarz, das Mauerwerk um den Fensterstock von verwischtem Anthrazit, direkt über dem Fenster noch weit dunkler als an dessen Unterseite, die Fassade rundum in blassem Cremeweiß gehalten. Die optische Wirkung ist die eines weit geöffneten Zyklopenauges. Es bekommt Augapfel und Pupille:  Oberkörper und Kopf eines dunkelhaarigen Mannes werden innerhalb der schwarzen Einfassung sichtbar, für einen Augenblick, der Mann beugt sich vor, sieht nach unten auf die Straße, zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch langsam nach draußen, in den Sommernachmittag.

Dann bin ich vorüber, das Haus liegt hinter mir. Es dauert nur drei Wimpernschläge lang, diese Szenerie zu erfassen, und doch lässt sie mich nicht los.

Einige Wochen später führt mich mein Weg wieder an diesem Haus vorbei. Mein Blick wandert hinauf zu dem bewussten Fenster. Abermals sticht es hervor: Es ist das einzige mit strahlend hellem Rahmen, spiegelglänzenden Glasscheiben und rund um seinen blütenweißen Fensterstock von einem makellosen Neuanstrich umgeben, bis zu einem Abstand von circa einem halben Meter.
Plötzlich sieht alles rundherum schmutzig aus, die vormals cremefarben erscheinende Fassade starrt vor Dreck. Das Fenster ist geschlossen. Es will mit dem alten Drumherum eindeutig nichts mehr zu tun haben.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20001

Laubbläser im Schnee

Da ist er wieder
Vermisste schon
Seine dreiste Unverdrossenheit
Er sieht ganz anders aus

Rotwangig, erhitzt
Stapft er durch den Schnee
Mit festen Schuhen
Und klarem Blick

Blinzelt der Sonne
Der Ferne entgegen
Und irgendwas fehlt …
… ich komme gleich drauf

Er ist ganz bei der Sache
Bei sich
Ohne Anhängsel
Keine Pflicht

Er ist ein Laubbläser
Ohne Laubbläser
Er hat Winter
Er ist frei

Carmen Rosina

Sind Sie neugierig, was den Laubbläser im Sturm und den Laubbläser im Regen beschäftigt hat?

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 19146

 

 

 

 

Laubbläser im Regen

Klatschnasse Blätter
Noch nässerer Bläser
Der Mann trieft
Es tropft von Bäumen

Durchtränkte Fetzen
Von Laub
Von Papier
Von Hoffnung

Nichts hebt sich
Von selbst
Alles muss
Er muss

Volle Kraft nach unten
Lohn der Mühe ist gering
Beinahe alles bleibt
Am Boden haften

Sein Begleiter
Sieht ihm zu
Dessen Grinsen umspielt
Schadenfrohe Züge

Wann hat es sich
Ausgeregnet?
Wann ist er fertig
Ausgelacht?

Carmen Rosina

Möchten Sie wissen, wie es dem Laubbläser im Sturm und dem Laubbläser im Schnee ergangen ist?

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 19129

Geprüft

Mikes Sauftour war ein voller Erfolg gewesen. Nachdem er sich das Stiegengeländer hinaufgehantelt hatte, öffnete er die Haustür mühelos, vergaß diesmal auch nicht, sie wieder zu schließen, torkelte durch den Gang Richtung Wohnzimmer und fiel dort auf die Couch. Er drückte einen der bunten Knöpfe der Fernbedienung, schlummerfreundliche Lautstärke, so hatte er es gern, und bald legte sich trotz ansprechender Story über ein Mädchen, das mittels Ausspuckens eines Kaugummis große Dinge wie Lkws herbeizaubern konnte, Schlaf über ihn.

Das Wohnzimmersofa war sein üblicher Schlafplatz, seit Amanda ihn verlassen hatte, er mied das Riesenschlafzimmer nebenan seither wie die Brutstätte des Teufels oder wie eine Kathedrale: reine Ansichtssache je nach Stimmungslage, und die war mehr als schwankend.
Auch Mike als Gesamter übrigens, an diesem kalten Morgen. Am Weg ins Bad, wo er sich Erleichterung erhoffte, fiel sein Blick auf die Schlafzimmertür, die merkwürdigerweise angelehnt war.
Er wird doch nicht in der Nacht noch … etwa hineingegangen sein? Im betrunkenen Zustand traute er sich nach wie vor nicht ganz über den Weg.
Am Rückweg vom Bad obsiegte der Mut über die Selbstzweifel und Mike wagte es, der Türe einen sanften Schubs zu geben. Es könnte ja auch sein, immerhin, schoss es ihm durch den Kopf, dass Amanda zurückgekommen war! Leise, in der Nacht, mit schlechtem Gewissen, weil sie ihn im Stich und ihre gemeinsame Beziehung einfach hinter sich gelassen hatte, wegen dem bisschen Alkohol und den paar Geldproblemen. Und die Streiterei war für ihn schließlich auch nicht lustig gewesen, vor allem seit der Sache mit Alex, da war es ja kaum noch auszuhalten gewesen daheim.
Wie auch immer, wenn sie jetzt wiedergekommen war, sollte sie ihn so besser nicht sehen. Also zog Mike die Schlafzimmertür wieder ganz zu, griff sich halbwegs frische Klamotten und wankte zurück ins Bad, unter die Dusche.

Belebt war etwas anderes, aber immerhin ein bisschen munterer wurde er, vom Durchblick jedoch weit entfernt: Was hatte Amanda wohl dazu bewogen, mitten in der Nacht zu ihm zurückzukommen? Sie hätte ihn anrufen können, sich mit ihm treffen, doch sie verweigerte seit Wochen jeden Kontakt. Es sähe ihr so gar nicht ähnlich, jetzt plötzlich nächtens sein Schlafzimmer aufzusuchen. Schön langsam zog das Rätsel Kreise in seinem armen Kopf. Während er sich abtrocknete und anzog, kam er zu dem Schluss, dass er selbst der Verursacher des Mysteriums der geöffneten Tür gewesen sein musste. Bis er ein Husten aus dem Schlafzimmer hörte, und ein zweites. Selbst bei getrübter Wahrnehmung musste er sich eingestehen: Es klang so gar nicht nach Amanda.
Mike war kein mutiger Mensch. Aber jetzt war Zeit zu handeln, beispielsweise die Schlafzimmertür ganz zu öffnen. Er berührte die Türschnalle und erwartete, sie glühend heiß vorzufinden, oder so eisig kalt, dass er festfrieren würde, und wieder dachte er an Amanda: Wenn sie ihn jetzt sehen könnte, sie würde lachen. Ihm war eher nach Heulen zumute. Was, wenn da drin ein Einbrecher schlief, der während seines Raubzugs müde geworden war, weil er so lange gesucht und nichts Wertvolles gefunden hatte? Aber das intakte Haustürschloss sprach dagegen. Irgendwie war Mike das jetzt alles zu viel.
Die Türschnalle tat ihm nichts zuleide, weder verbrannte noch vereiste sie seine Hand. Mike war es jetzt schon egal: Komme was wolle, er musste wissen, was da los war.

Der Blick auf das große französische Bett raubte ihm den Atem, der ohnehin nur noch stockend vorhanden war unter all dem Herzklopfen.
Da lagen in friedlicher Eintracht fünf Burschen, und auf dem Brustkorb des zweiten von links war noch ein längerer Haarschopf zu sehen, vermutlich der einer Frau, oder auch nicht. Jedenfalls nicht der Amandas, denn der hier war grün, und diese Farbe konnte sie nicht leiden.
Zwei der Burschen öffneten die Augen und schienen genauso erstaunt wie er. Mike wich ein paar Schritte zurück auf den Gang, dann weiter ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Jetzt musste wirklich Schluss sein mit dem Alkohol. Er hatte schon gehört von solchen Phänomenen, aber dass es so plastisch war, haute ihn einfach um.

„He!“, rief eine Männerstimme aus dem Schlafzimmer. „Da ist besetzt, such dir was anderes!“ Und eine zweite, ungeduldiger: „Gecheckt? Schleich dich!“

Mike saß immer noch da. Amanda hatte recht gehabt: Das Saufen richtete ihn zugrunde. Die Erkenntnis traf ihn hart und fast so unvermittelt wie der Hieb gegen seine Schulter. Mike richtete sich auf und stand einem etwa gleichaltrigen Mann gegenüber, der ihn eher neugierig als feindselig musterte. „Du bist ja immer noch da?“, lachte der Mann. „Was ist mit dir?“
Mike musste anscheinend etwas sagen, er war ungeübt im Umgang mit Halluzinationen, und seit wann tat einem die Schulter weh von einer Wahnvorstellung? „Ich wohne hier“, stammelte er schließlich, und dann erhob sich ein großes Hallo im Schlafzimmer. Anscheinend hatten die anderen ihr Gespräch mitgehört, waren aber zu faul gewesen, aufzustehen und daran aktiv teilzunehmen.

„Der wohnt hier! Du bist ein solcher Trottel, das kann doch nicht wahr sein! Hallo, Paul, munter werden! Wo war dein Gehirn, als du die Wohnung ausgesucht hast? So was darf doch nicht passieren!“

„Keine Ahnung“, daraufhin eine andere Stimme, sehr müde, sehr defensiv.

Der Mann bei Mike schnappte ihn am Handgelenk und zog ihn ins Schlafzimmer. „Also ich bin der Sandro. Und du wohnst also hier. Also eigentlich ist das ein Missverständnis. Wir dachten, die Wohnung sei leer, also ohne Bewohner. Und du solltest gar nicht hier sein.“

Dasselbe könnte ich von euch behaupten, dachte Mike. Beziehungsweise meinte er, er hätte es gedacht, denn anscheinend hatte er es laut ausgesprochen.

„Da hat er recht. Da hat der Mann recht“, nickte Sandro neben ihm.

Dann passierte eine Weile nichts. Jeder schien nachzudenken, der grüne Haarschopf verwandelte sich bei näherer Betrachtung in ein freundliches Gesicht.

Mike beschloss, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Er sammelte sich, um die Gestalten aus seinem Kopf zu verscheuchen, und begann mit seiner kleinen Rede: „Also ich bin Mike. Und ja, ich trinke zu viel. Aber das hier passiert mir zum allerersten Mal. Und es ist ganz schön gruselig. So kann es nicht weitergehen. Ich werde versuchen, weniger zu trinken. Oder gar nichts mehr zu trinken. Ab heute.“

„Das ist schön, Mike. Sehr erfreut“, erhob sich eine der Gestalten vom Bett und wandte sich zum Gehen. Es funktioniert, es funktioniert wirklich, jubelte Mike innerlich. Sie gehen jetzt alle, und dann passt es wieder, und ich werde doch nicht verrückt.

Schön langsam kam Bewegung in den Rest der Gruppe, man streckte sich, gähnte, beschuldigte den armen Paul des Schwachsinns und umringte schließlich Mike und Sandro.
„Bevor wir gehen“, meinte Paul, „bitte sag mir, warum du noch hier bist. Ich schaue immer, dass so etwas nicht passiert, also bitte, sag mir, was ich falsch gemacht habe. Damit so etwas nicht mehr vorkommt.“
Es klang so flehentlich, dass Mike nicht umhin konnte, aus Mitgefühl, und weil es ja eigentlich egal war, ehrlich zu antworten: „Also ich wohne ganz normal hier. Und wenn ich mich recht erinnere, ist die Miete noch bis Jahresende von meiner Ex bezahlt worden. So lange schau ich, dass ich über die Runden komme, und dann suche ich mir in Ruhe eine kleinere Wohnung. Ich bin grad etwas demotiviert, das schon.“

Paul seufzte: „Dann muss ich dir was sagen, Mike, das dir nicht gefallen wird: Diese Wohnung ist auf YourB’n‘B vorgemerkt und hat dort den Status ‚zur Prüfung‘.“

Mike verstand nur Bahnhof, man sah es ihm offensichtlich an, drum fuhr Paul etwas langsamer fort:
„Ich hab mal dort gearbeitet. Jede Wohnung, die auf YourB’n‘B zur Untervermietung angemeldet wird, wird von denen vorher abgecheckt. Und weil ich nach wie vor in die Datenbank rein kann, das ist echt kein Problem für mich …“  – er sah dabei in die Runde und kam etwas aus dem Konzept  – „… und sogar für die Schlüssel haben wir eine Lösung gefunden.“

Mike hatte nach wie vor keine Ahnung, worauf das hinauslief. Geduldig erklärten ihm Sandro und Paul, dass sie die leerstehenden, für YourB’n‘B vorgesehenen Wohnungen als Schlafplätze benutzten, bis deren Status in der Datenbank auf „geprüft“ umgestellt worden war. Ab dann nämlich stand der Wohnraum zur kurzfristigen Weitervermietung auf der Plattform „offiziell“ online zur Verfügung.

Nun hatten sie schon des Öfteren die Beobachtung gemacht, dass sich auch andere dieser leerstehenden Wohnungen bedienten (wiewohl eher unorganisiert und nach einem primitiveren Prinzip, wie sie vermuteten), und es war auch schon vorgekommen, dass sie dort bereits jemanden angetroffen hatten oder aber die anderen Zweite waren. Meist einigte man sich gütlich, und die später Hinzukommenden zogen zur nächsten Zwischenschlafstätte weiter. Schließlich wollte man keinen Ärger mit den Nachbarn, die ohnehin nicht die rechte Freude mit YourB’n’B-Plänen in ihrem Wohnhaus hatten, so sie davon wussten.
Und natürlich hatten sie Mike für einen ihrer Schlafplatz-Konkurrenten gehalten, einen von der uneinsichtigen, hartnäckigen Sorte.

Mitten in dieser Schilderung kam Mike eine dunkle, sehr dunkle Erinnerung: ein SMS vor ungefähr einem Monat, in dem Amanda ihn aufgefordert, ja ihm unmissverständlich befohlen hatte, die Wohnung zu verlassen, und zwar innerhalb der nächsten drei Wochen. Dann nämlich werde die Wohnung anderweitig verwendet.
Er hatte das für einen Akt des Schmerzes und der Verzweiflung gehalten und nicht ernst genommen. Doch die Frau machte jetzt anscheinend Nägel mit Köpfen.
Mike sank aufs Bett. „Ihr könnt hierbleiben“, murmelte er. „Bis der Status geprüft ist. Kann ich dann mit euch mitkommen?“

Der grüne Haarschopf hatte erstaunlich blaue Augen. Er setzte sich zu Mike und nahm ihn in den Arm.

Das Wie erklärten die nächtlichen Besucher Mike etwas später. Er hatte sich schon gefragt, ob es tatsächlich so einfach war, eine Wohnung unbemerkt, wenn auch nur vorübergehend, zu entern. Abwesenheit untertags, das war nicht das Problem. Denn natürlich war zu vermeiden, einem Wohnungsprüfer in die Arme zu laufen. Auch dabei halfen Pauls Datenbankspaziergänge gewaltig: Die Wohnungskontrollen fanden nur montags bis freitags statt, bevorzugt zwischen 10 und 16 Uhr. Es war eine Kleinigkeit, die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen, auf ein Minimum zu reduzieren. Aber immerhin musste man ja auch rein in die Wohnung, ohne irgendwelche Auffälligkeiten währenddessen oder auch viel später danach: Manipulationen an den Schlössern kamen also nicht infrage. Das war aber auch gar nicht notwendig: Die allermeisten Wohnungen waren längst mit Codes gesichert: ein Geschenk für einen Datenfuzzi wie Paul. Die Codes wurden von den Wohnungseigentümern oder -mietern verschlüsselt an YourB’n’B übertragen, et voilà! Wie auf dem Präsentierteller.

Selten kam es vor, dass eine Wohnungssicherung wie bei Mikes Bleibe noch aus einem „guten alten“ Schloss samt Schlüssel bestand. Selbst das stellte kein Problem dar: Schließlich musste ja auch der Schlüssel irgendwo für die Wohnungsprüfung hinterlegt werden. Und wo, stand meist in einem Mail oder einer anderen elektronischen Übertragung. Jedenfalls landete auch diese Information schlussendlich in der Datenbank, woraufhin Paul mit einem gewissen Erfahrungshorizont entschied, wie schwierig und zeitaufwändig es war, den Schlüssel kurzfristig zu bergen, von allen Seiten abzulichten und den 3D-Drucker eines Bekannten seine Arbeit machen zu lassen. So war es auch in Mikes Fall gewesen: Der Schlüssel lag zur Abholung in einem Schließfach, dessen Code praktischerweise im digitalen Ordnersystem von YourB’n‘B zusammen mit der Adresse für die Wohnungskontrolle vermerkt war. Alles ein Kinderspiel.
Bis der Prüfer seinen Besuch abgestattet haben mochte, galt es nur, die Wohnung untertags zu meiden.

Aber Mike wohnte ja hier, ­­das musste auch seiner Ex bewusst sein, dass er nicht so schnell etwas anderes gesucht, geschweige denn gefunden hatte, und „offiziell“ hatte er ja nichts von seiner bevorstehenden Delogierung erfahren. Am wahrscheinlichsten war, dass Amanda den Zuständigen bei YourB’n’B gar nichts von Mikes möglicher Anwesenheit erzählt hatte. Das war aber nun wirklich nicht sein Problem.

Theoretisch konnte Mike also verweilen bis zum Tag X. Den Überraschten zu mimen, wollte er sich dann aber nicht antun. Dem Prüfer war sicherlich egal, was da zwischen ihm und seiner Ex kommuniziert worden war und was nicht, der wollte bestimmt die Wohnung sehen, bewerten, ob sie den angegebenen Standards entsprach, und danach seiner Wege gehen. Wenn er davor noch einen phlegmatischen Restposten entfernen musste oder zumindest dafür sorgen, dass der sich vertschüsste, so erfreute es den Prüfer gewiss nicht. Aber es war Teil seines Jobs, und der wurde gemacht.

Kein Wunder also, dass Mike der Prüfung mit bangen Gefühlen entgegensah.
Wie lange konnte man diese Situation des Wartens ertragen? So lange es notwendig war und auch Vorteile brachte. Es stand außer Frage, dass für alle diese Wohnung derzeit der beste Ort weit und breit war. Erstens war es Mike ganz recht, dass er Gesellschaft hatte, zumindest abends bis morgens und an den Wochenenden. Er fand die Truppe ganz sympathisch, bis auf jenen vorlauten Kerl, der gleich so auf Paul losgegangen war. Sandro war in Ordnung, Paul auf seine leicht verlegene Art war Mike sogar etwas ähnlich, und die beiden anderen waren so ruhig und unauffällig, dass Mike ihre Anwesenheit schlichtweg egal war. Der Grünschopf war entzückend unkompliziert und anschmiegsam. So viel gekuschelt hatte Mike schon lange nicht mehr. Es war ein Ausnahmezustand in jeder Hinsicht: An der Essensfrage beteiligten sich alle und man legte zusammen; wer einen Gelegenheitsjob hatte, teilte mit den anderen sein Einkommen. Jeder hielt sich daran, ganz im eigenen Interesse: Nie wusste man, wann man selbst etwas brauchte, einen die Grippe erwischte oder man sich den Fuß verstauchte. Alle für einen. Einer für alle. So versuchten sie es zumindest, und großteils funktionierte das System auch, ohne die Wohnungskosten.

Der Prüfer ließ sich Zeit; Paul checkte die Datenbank routinemäßig und entdeckte einen Rückstau, denn die Anzahl der Prüfer ging zurück, während diejenige der zu kontrollierenden Wohnungen stetig stieg. Für sie alle bedeutete es, einmal etwas länger ein gemütliches Nest zu haben, nicht ständig die Entdeckung zu fürchten, nicht sofort weiterziehen zu müssen.

Eines Abends schließlich, sie saßen gerade vor ihren Tellern und den Abendnachrichten, die wieder einmal Gruseliges vom Weltklima zu berichten hatten, geschah das, womit niemand gerechnet hatte.
Von ihnen unbemerkt musste sich ein Schlüssel in der Haustür gedreht haben, jemand in den Gang gekommen sein und die Klinke der Wohnzimmertür nach unten gedrückt haben, denn diese öffnete sich langsam nach innen. Im Türrahmen stand eine große brünette Frau mit erstauntem Blick. Sie fuhr sich durchs gut schulterlange Haar, warf schließlich mit beiden Händen gleichzeitig alle Strähnen nach hinten und sagte laut: „Mike, kann ich dich mal alleine sprechen?“

Der war längst erstarrt, fühlte sich zurückversetzt in die Zeit der ersten Begegnung mit seinen nunmehrigen Mitbewohnern und zweifelte neuerlich an seinem Verstand. Die seiner Ex gewidmeten Tag- und Nachtträume waren doch längst Vergangenheit? Es beunruhigte ihn zusätzlich, dass er kaum Alkohol getrunken hatte in letzter Zeit. Es musste also stimmen.
Sie war hier. Und sie wollte mit ihm reden, jetzt sofort.
Die anderen verharrten in ihren jeweiligen Couchposen, dachten wohl, wenn sie nichts sagten und sich nicht rührten, würden sie unsichtbar. Nur Sandro murmelte einen leisen Gruß in Amandas Richtung.

Amanda bewegte sich aufs Sofa zu, Mike erhob sich gleichzeitig aus der Mitte der anderen und fädelte seinen Körper hinterm Couchtisch hervor. Er nickte Amanda zu, sie blieb bei ihm stehen, nahm ihn bei der Hand und lenkte ihn mit ihren bestimmten Schritten gen Schlafzimmer.

Wie oft hatte er sich das erträumt, wenn er auf der Couch gelegen war, einsam, verzweifelt, betrunken oder (seltener) auch nicht. Sie sollte die Schlafzimmertür schließen und ihm sagen, dass alles gut war. Dass es ein Fehler gewesen war, zu gehen, ihn zu verlassen, ihre gemeinsame Zeit vergessen zu wollen. Und dann sollte sie ihn küssen, so wie früher, sie sollte ihn begehren, berühren wie einst, und dann wären sie wieder zusammen. Für immer oder so wie in den Filmen.
Sein Kopfkino hatte diverse Regisseure durchprobiert, für Drehbücher der eher anspruchsvolleren, tiefgründigen Sorte bis zur Billigschmonzette mit stark erotischer Komponente. Er hatte sie alle bis zum Erblöden wiederholt konsumiert und mal diesen, mal jenen bevorzugt, je nach Laune.

Amanda schloss tatsächlich die Schlafzimmertür, ließ dabei seine Hand los und setzte sich aufs Bett. Er stand mit hängenden Schultern vor ihr und wusste nicht, welche Filmszene als nächste bevorstand. Initiativ zu werden, traute er sich nicht.
Amanda übernahm den Anfang: „Wer sind die und was machen sie da? Und was machst du noch hier? Du solltest doch ausziehen, vor Wochen schon!“
Mike schoss so einiges durch den Kopf. Wenn er jemals noch irgendeine Chance bei dieser Frau haben wollte, musste er antworten, schnell und plausibel. Und seine Freunde verraten, das kam nicht infrage. Außerdem: Wie würde die Wahrheit klingen? Das sind ein paar Penner im wahrsten Sinn des Wortes. Sie haben alle kein geregeltes Einkommen, so wie ich. Ich lasse sie hier schlafen, bis ich rausgeworfen werde, dann sind wir alle miteinander obdachlos und versuchen, in fremde Wohnungen einzudringen. Nein, das klang gar nicht gut in seinem Kopf. Und in ihren Ohren sicher auch nicht.

Eine Amanda-Perspektiven-wahrende Antwort musste her, sofort. Sie wartete, er merkte es an der Handbewegung, mit der sie sich eine kleine Falte auf der Stirn rieb. Sie brachte alle Geduld auf, die sie noch hatte, aber das war nicht mehr viel. Seine Uhr tickte.

Im Geschichtenausdenken war er immer gut gewesen. Aber diese musste niet- und nagelfest sein, einer eingehenden Prüfung dieser schlauen Frau standhalten und ihr gleichzeitig imponieren, im besten Fall.

„Amanda, schön, dass du hier bist. Ich bin überrascht, aber positiv überrascht, also erfreut, dich zu sehen. Du weißt ja, ich wollte nie, dass du gehst. Bitte lass mich alles erklären. Ich sag dir alles, aber lass mich ausreden. Das dauert ein bisschen. Natürlich fragst du dich, wer die da draußen sind.“ Plötzlich war ihm bewusst, dass die anderen durch die dünne Wand, sofern sie sich noch auf der Couch befanden, jedes Wort hören konnten, das er sagte, wenn er laut und deutlich genug sprach. Sehr gut. Ausgezeichnet!

„Also ich war ganz schön verzweifelt, als du weg warst. Da wollte ich was Sinnvolles machen, wie du mir immer gesagt hast. Ich bin also zum Arbeitsamt, und die hatten was Passendes für mich. Weißt ja, dass Sozialarbeiter immer gesucht sind. Nur konnte ich in letzter Zeit einfach nicht mehr. So viel Gewalt, so schlimme …“ Amanda seufzte. Nun, er musste zum Punkt kommen, bevor sie richtig ungeduldig wurde. „Ja, du hast recht. Du kennst das alles ja. Aber ich hab mich nochmal aufgerafft. Ich hab gehofft, so bekomme ich dich wieder. Und da hab ich diese Jugendlichen, also jungen Erwachsenen, anvertraut bekommen. Das ist eine ganz neue Therapieform. Wir leben jetzt am Anfang sogar zusammen. Sie lernen, was Verantwortung ist.“ Amanda lachte: „Von dir???“ Mike erwiderte, ganz ernsthaft, freute sich insgeheim aber, sie zum Lachen gebracht zu haben: „Ja, von mir. Sie haben wohl nicht zufällig mich ausgewählt. Weil ich Ahnung davon habe, wie es ist, orientierungslos zu sein. Wir alle zusammen haben auch eine Mediation einmal pro Woche, und zur Psychologin gehen wir außerdem, jeder Einzelne von uns. Du glaubst nicht, was da weitergeht. Ich hab so viele Erkenntnisse gewonnen, und die jungen Leute da draußen, du hättest sie sehen sollen … Sie kochen jetzt sogar täglich. Das läuft bestens, das alles. Also ich bin am Weg. Sie sind es auch, alle sind am Weg nach oben. Und wie geht es dir? Warum bist du hier?“

Amanda schien verwirrt zu sein, kaute an einer Haarlocke. „Also ich bin wegen des SMS hier, das ich dir mal geschickt habe, und weil da rein gar nichts weitergeht, und weil ich da so eine Firma kontaktiert habe, wo sich auch rein gar nichts tut …“ Sie stockte. Mike wusste, woran sie dachte, er wusste auch den Spieß umzudrehen: „Ma, sorry, das hätte ich dir sagen sollen, ich hab eine neue Telefonnummer. Der Verein, für den ich arbeite, hat mir ein Arbeitshandy gegeben, und ich darf es auch privat nutzen. Da hab ich das alte abgemeldet, kostet ja nur zusätzlich. Aber ich wollte dich anrufen, bestimmt. Nur musste ich jetzt immer so viel arbeiten, das ist am Anfang so. Aber wir können ja jetzt reden. Was hast du mir geschrieben?“ Amanda zögerte. Sie schüttelte den Kopf, ganz leicht, und schwieg. Er kannte sie gut. Er setzte nach: „Gut, dass wir beide mal reden können. Du müsstest sie kennenlernen, wie sie sich freuen, endlich mal eine richtige Bleibe zu haben. Sie sind ganz okay, echt, ein bisschen ruppig vielleicht hie und da, aber sie haben so viel Pech gehabt im Leben. Und ich bin jetzt so froh über alles, was du mir geraten hast. Du hattest recht, mit allem. Dank dir bin ich wieder auf den Beinen. Danke, Amanda, danke.“

Amanda saß auf seiner Betthälfte und schwieg, während ihre Gehirnzellen Schwerstarbeit verrichteten. Er bemerkte, wie sie im Geiste seine Geschichte durchging, kurz bei dem einen oder anderen Gedanken verweilte; ihre Hände waren dabei in ständiger Bewegung. Auf ihrem Schoß nahmen sie einige Anläufe, endlich zur Ruhe zu kommen, strichen den Stoff dort glatt und glätter und wollten liegen bleiben, doch das Geknete der Finger ging stets von Neuem los. Er durchbrach die Stille wiederum.
„Amanda, ich weiß jetzt, wie schwer du es mit mir hattest zum Schluss. Ich konnte mich ja selber nicht ausstehen. Du hast alles versucht. Und dann hast du aufgegeben. Und ich auch, aber nur fast. So könnte es klappen. Und es wäre schön, wenn du dabei wärst, in irgendeiner Form.“
Es war nicht so, dass er die Ironie nicht erkannte. In Wahrheit hatte Amanda alles genau vorhergesehen, vor Monaten schon, bis auf  das Eintreffen der anderen. Das war das Unkalkulierbare, das nun ihr die Bestätigung ihrer Annahmen verwehrte und seine Geschichte stützte. Außerdem ihm die Chance eröffnete, dass sie ihm noch einmal Glauben schenkte.

„Wie stellst du dir das vor?“, brach sie schließlich ihr Schweigen. „Soll ich euch alle hier wohnen lassen, in meiner Wohnung? Weil die so arm sind und du pleite, aber am Weg nach oben? Weißt du, mir schenkt auch keiner was. Ich zahle jetzt zwar dort keine Miete, aber das bei meinen Eltern ist auch keine Dauerlösung. Und du? Kannst du dir das leisten, hier wohnen, mit deinem neuen eigenartigen Job?“

Das war der Schwachpunkt an seiner Geschichte. Er konnte es nicht. Selbst wenn sie alle zusammenlegten, ging sich das niemals aus. Sie brauchten Amanda, er brauchte ihr Vertrauen, und er brauchte Zeit. Geduld, sagte er sich, das musste er ihr vermitteln, dann käme alles ins Lot. Beinahe glaubte er selbst an die Macht seiner Worte. Er legte sich ins Zeug, er redete und gestikulierte um sein Leben. Um sein zukünftiges Leben mit Amanda.
Sie schien erschöpft, müde, zu müde, um sich noch weitere seiner Gründe und Ideen für eine gemeinsame Zukunft anzuhören. Er schlug ihr vor, sie könnte doch einfach hier schlafen, und am nächsten Tag sehe man weiter.
Als Antwort streifte sie sich langsam die Schuhe von den Füßen, nahm in einer beinahe resignativen, unglaublich trägen Geste ihren Halsschmuck ab, legte ihn aufs Kästchen neben dem Betthaupt und ließ sich dann einfach nach hinten aufs Bett fallen. Er war schlau genug, nichts zu versuchen. Er flüsterte „Gute Nacht und bis morgen“ und verließ das Schlafzimmer, indem er die Tür leise hinter sich schloss.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19094