Kategorie-Archiv: Lukas Lachnit

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IdealEinraumwohnung

Ich schaue aus dem Fenster und ich bin allein daheim
Eines ist klar, es kann nichts besser sein
Denn der Stuhl, auf dem ich sitze, der gehört alleine mir
Auch nicht wem andern und vor allem nicht dir

Jetzt kommt die gute Nachricht: Nicht nur mit dem Sessel ist es so
Mir gehören auch das Bad inklusive Abwasch und Klo
Was das bedeutet, ist wohl jedem klar
Ich bin ausgezogen, ja es ist wirklich wahr

Ich musste 18 Jahre warten
Ein fremdes Klo putzen und helfen im Garten
Doch jetzt ist es vorbei
Und ich bin endlich frei

Lukas Lachnit
IdealEinraumwohnung – der Song

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 15095

Bambis Mutter

Gewusst hatte sie es von Anfang an, aber der Wille zählte ja erfahrungsgemäß mehr als das, was er eigentlich verheimlichen wollte.
Sie standen zum ersten Mal im Vorzimmer seiner Wohnung und zum ersten Mal hatte sie keinen Mantel an, keine Tasche um und während sie sich ihre Martens aufschnürte, teilte sie ihm lieb lächelnd mit, dass sie es wirklich „arg“ finden würde, dass sie jetzt doch tatsächlich da wäre.

Sie war eine wundervolle Frau. Intelligent, selbstbewusst, liebenswert, das Herz auf der Zunge und sah ganz nebenbei auch noch fantastisch aus und zwar ganz ohne sich irgendwie künstlich herzurichten.
Sie war also gerade dabei, sich ihre Martens aufzuschnüren und schaute ihn dabei an, um den noch ziemlich unsicheren, angespannten Smalltalk weiterzuführen, und sein Blick wurde angestrengt konzentriert.
Ihre blauen Augen haschten nach Aufmerksamkeit und hatten Aufmerksamkeit verdient, doch der sich darunter befindende, gut gefüllte Ausschnitt war wie ein übermächtiges Magnetfeld, gegen das es standzuhalten galt.
Er bestand diese Aufgabe, und der Stolz darüber drang ihm aus allen Poren. Sie bemerkte das, hörte mitten im Satz zu reden auf, begann hämisch zu lächeln und sagte in einem Tonfall einer Kandidatin bei einer Nachmittagstalkshow: „Warum schaust du mir nicht in den Ausschnitt? Bist du schwul?“ Beide lachten, sie laut, er schüchtern und unsicher. Während sie noch kicherte, meinte sie ganz kumpelhaft und verständnisvoll: „Also wäre ich ein Mann, würde ich da bestimmt hinschauen. Ich könnte mich da sicher nicht zusammenreißen. Abgesehen davon bräuchte ich mir den ja nicht anziehen, wenn ich nicht wollen würde, dass du ihn bemerkst“, und erleichtert mit dem heimlichen Wunsch, cool und lässig zu wirken, bemerkte er beiläufig: „…und für mich ist es auch deutlich leichter, süß und respektvoll zu sein, wenn ich diese Tatsache so direkt unter Beweis stellen kann, indem ich dir zeige, dass ich es trotz deines perfekt gefüllten Ausschnittes schaffe, dir weiterhin durchgehend in die Augen zu schauen.“ Sie seufzte ein wenig: „Genau, da hast du einigen Männern einiges voraus, deswegen darfst du mich auch in deiner Wohnung empfangen, und jetzt zieh dich aus und leg dich hin, ich will mit dir über Emanzipation sprechen.“ Beide lachten, sie laut, er gespielt laut und überlegte krampfhaft, ob er jetzt tatsächlich gleich ins Schlafzimmer oder doch ins Wohnzimmer gehen sollte.
Würde er sofort ins Schlafzimmer gehen, würde es so aussehen, als hätte er das von Anfang an geplant, würde er ins Wohnzimmer gehen, könnte sie denken, dass sie für ihn nicht anziehend genug wäre.

Er entschied sich dafür, dass Angriff bekanntlich doch die beste Verteidigung wäre, und sagte vorwurfsvoll: „Also du bringst mich da jetzt schon in eine blöde Situation. Würde ich jetzt gleich ins Schlafzimmer gehen, würdest du denken, dass ich das von Anfang an geplant…“ Sie unterbrach ihn ein bisschen genervt: „Na und? Dann gehen wir gleich ins Schlafzimmer. Es ist ja nicht so, als wären wir uns unsympathisch, oder?“, und obwohl er wusste, dass er sich als Klischeemann eigentlich freuen hätte müssen, machte sich ein Anflug von Überforderung und Druck breit, was sie natürlich sofort bemerkte und mütterlich-liebevoll kommentierte: „Ach komm, jetzt tu dir nichts an. Wir sind zwei erwachsene Menschen, die sich anziehend finden, sonst wären wir nicht hier. Gehen wir ins Schlafzimmer und schauen wir doch einfach einmal was passiert. Alles kann, nichts muss.“ Und der Körperteil, der normalerweise jetzt schon fast ein bisschen schmerzhaft gegen das Hosentürchen drücken müsste, war zusammengeschrumpft auf einen Dörrpfefferoni.

Sich mental auf ein sexuelles Desaster vorbereitend, betrat er das Schlafzimmer und sie setzte sich auf das Bett, schob die zusammengewutzelte Decke hinter sich, versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es sie eigentlich störte, dass das Bett nicht gemacht war und klopfte, wie man es in diesen amerikanischen Klischeefernsehserien sieht, mit der flachen Hand neben sich auf die Matratze und schaute ihn auffordernd an. Mit hängenden Schultern ließ er sich neben sie aufs Bett fallen und schaute resignierend auf den Boden vor dem Bett, während ihm Filmszenen einfielen, in denen die Protagonisten in einem Schlauchboot ohne Ruder auf einem Fluss auf einen bereits in weiter Ferne sichtbaren Wasserfall zutrieben. „Vielleicht ein bisschen Musik?“, sagte die coole, freche Frau vom Vorzimmer plötzlich ziemlich unsicher: „Ich hätte irgendwie Lust auf etwas Punkiges“, und er spielte mit seinem Smartphone, weil er lustig sein wollte „Die for your government“ von Antiflag und schon hörte man den Sänger plärren: „YOU GONNA DIE GONNA DIE GONNA DIE FOR YOUR GOVERNMENT DIE FOR YOUR COUNTRY THAT SHIT“ und sie bekam ein fades Aug: „Na da kannst du gleich die Filmmusik von Bambi spielen“, und er lachte: „Ja, aber auf punkig bitte.“ Sie kicherte fröhlich und ein bisschen erleichtert mit: „Am besten das Lied, bei dem Bambis Mutter stirbt, das passt bestimmt am besten zur Situation. Gib ein: ‚Bambis Mutter‘ und ‚Punk‘.“
Gesagt getan und er lachte laut auf: „Da gibt’s ja tatsächlich ein Lied von einer Band, die angeblich TAXI heißt.“ Er räusperte sich, setzte sich übertrieben aufrecht neben sie aufs Bett, fuhr sich in Falcomanier durch die Haare und sagte in theatralischem Tonfall: „Also junge Frau. Darf ich Sie zu den Klängen der Band „TAXI“ mit ihrem Lied „Bambis Mutter“ verführen und Ihre Begierde nach mir, dem Casanova aller Casanovas, stillen?“ Und sie legte ihre Arme um seinen Hals und hauchte ihm ebenso theatralisch „Ja“ ins Ohr. Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und sprach überhaupt gleich mit Falcostimme: „Na dann drück ich jetzt auf Play, Lady.“ Und beide mussten kurz auflachen, während ruhige Fingerpickingklänge zu hören waren, die sie genau rechtzeitig daran erinnerten, worum es eigentlich gerade ging, und endlich war sie da, die Stimmung nach der sie die ganze Zeit verzweifelt gesucht hatten. Wie von selbst verschmolzen ihre Lippen und wie gut, richtig und schön sich all dies anfühlte, doch da war ja noch das Lied und der Sänger, der nun seine erste Strophe begann:

„Weißt du eigentlich was mit Bambis Mutter geschah? Heute liegt sie auf dem Tisch
Mit Erdäpfeln und Reis garniert und dazu ganz frisch.“

Noch ließen sie sich beide nichts anmerken, doch jetzt setzte das Schlagzeug ein, ein dramatischer Chor war im Hintergrund zu hören und der Sänger jaulte übertrieben dramatisch:

„WAS GESCHAH EIGENTLICH MIT BAMBIS MUTTER?
HEUTE IST SIE UNSER FUTTER!“

Und jetzt war es vorbei, er konnte sich zwar noch kurz halten, dann kam ihm aber trotz allem ein lauter und gleichzeitig dumpfer, weil durch den Kuss abgedämpfter, Lacher aus. Fast ein bisschen zornig rempelte sie ihn weg und sagte leicht aggressiv: „Weißt du was?“, und zog sich ohne seine Antwort abzuwarten aus, bis sie keinen Faden mehr am Leib hatte und sagte in einem so überzeugenden Befehlston, den er sonst nur von seiner Mutter aus seiner Kindheit kannte: „Steh einmal auf!“, dass er ihrer Anordnung, ohne sie zu hinterfragen, sofort Folge leistete, weil er ohnehin nur noch stichwortartig denken konnte: „Schöne Frau – blaue Augen – Brüste – nackt – anziehend – in deinen Gedanken musst du nicht auf deine Wortwahl aufpassen – sie macht mich einfach unendlich geil!!!“ Und sie machte ihm den Gürtel auf, um ihm danach seine Jeans fast ein bisschen grob runterzuziehen, während sich der Kollege aus der Hüftgegend sehr über die gewonnene Freiheit freute und wie ein handelsüblicher Streber in der Schule freudig und gierig aufzeigte, dass er jetzt drankommen wollte und alles, was vorher so unmöglich und schwierig schien, geschah nun mit einem so starken Selbstverständnis, dass intuitiv jeder schönen und richtigen Handlung eine noch schönere und richtigere folgte…

Lukas Lachnit
Bambis Mutter - der Song

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 15093

Der Berufsschüler 4: Aufzug

Vorwort:
Dieser Text dient ausschließlich zur Unterhaltung und soll nicht aussagen, dass alle Berufsschüler dieser Welt geistig benachteiligte Geschöpfe sind, die von einer Qualle im Schach besiegt werden, weil sie die „Startaufstellung“ der Figuren für zu defensiv halten. Nein, Spaß beiseite. Ich war selbst Berufsschüler und habe die Dinge, die ich hier geschrieben habe, selbst exakt so erlebt. Dennoch soll dieser Text nicht aussagen, dass ausnahmslos alle Berufsschüler auf diesem Niveau agieren. Ich habe einen meiner besten Freunde in der Berufsschule kennengelernt und auch sonst einige liebe, interessante, intelligente Menschen kennenlernen dürfen, worüber ich sehr froh bin. Also wer sich an bisschen bösartigem Sarkasmus und einem knapp an der Grenze des Zumutbaren Maß an Gehässigkeit erfreuen kann, für den ist dieser Text unterhaltsam und alle anderen, die das nicht wollen oder können, sollten spätestens jetzt aufhören zu lesen.

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Berufsschule…

An einem Tag, an dem wir nicht in die Berufsschule mussten, sondern zu unserer jeweiligen Dienststelle, kam ein Klassenkollege, weil Sommer und ein sehr heißer Tag war, völlig verschwitzt zu mir in das Büro, in dem ich zu dem Zeitpunkt gearbeitet habe, in den dritten Stock und keuchte: „Bist du deppat. Drei Stöcke Stiegen raufgehen sind mir aber nimma wuascht. Mir ist sooooooo heiß.“

Ein wenig irritiert schaute ich ihn an und sagte: „Aber wir haben doch eh einen Aufzug.“ Und zeigte in die Richtung, wo sich der Aufzug befand. Er zuckte überrascht zusammen, ging in die Richtung, in die ich gezeigt hatte, sah die Aufzugtüren und sagte: „Na, Oida. Gibt’s den im Erdgeschoß auch?“

Obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr Lehrzeit hinter mich gebracht hatte, musste ich mich trotzdem umschauen, ob die Leute, die mit mir in diesem Büro saßen, das auch gerade so gehört und verstanden hatten wie ich. Da sich aber alle relativ synchron in einer langsamen Bewegung auf die Stirn griffen, während sie ebenso langsam die Augen schlossen, war ich beruhigt und sagte: „Nein. Der fährt nur vom dritten in den vierten Stock und ab dann muss man wieder zu Fuß gehen.“

Der verschwitze Kollege stöhnte auf: „Na, Oida. Ist ja ua scheiße“, und ging trotzdem zum Aufzug, der die ganze Zeit offen in unserem Stockwerk gestanden war, und kam empört zurück: „Warum sind dann aber für alle Stockwerke Knöpfe im Aufzug?“
Ich blieb seriös: „Das Aufzugmodell gab es damals nur mit dieser Anzahl von Stöcken, aber unserer fährt leider trotzdem nur vom dritten in den vierten.“

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15071

 

Der Berufsschüler 3: Pfeifkonzert

Vorwort:
Dieser Text dient ausschließlich zur Unterhaltung und soll nicht aussagen, dass alle Berufsschüler dieser Welt geistig benachteiligte Geschöpfe sind, die von einer Qualle im Schach besiegt werden, weil sie die „Startaufstellung“ der Figuren für zu defensiv halten. Nein, Spaß beiseite. Ich war selbst Berufsschüler und habe die Dinge, die ich hier geschrieben habe, selbst exakt so erlebt. Dennoch soll dieser Text nicht aussagen, dass ausnahmslos alle Berufsschüler auf diesem Niveau agieren. Ich habe einen meiner besten Freunde in der Berufsschule kennengelernt und auch sonst einige liebe, interessante, intelligente Menschen kennenlernen dürfen, worüber ich sehr froh bin. Also wer sich an bisschen bösartigem Sarkasmus und einem knapp an der Grenze des Zumutbaren Maß an Gehässigkeit erfreuen kann, für den ist dieser Text unterhaltsam und alle anderen, die das nicht wollen oder können, sollten spätestens jetzt aufhören zu lesen.

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Berufsschule…

Ich sitze wieder einmal in der Klasse und wieder ist Pause.

Ein Typ dreht sich zu mir und sagt: „Heast Oida. Ich hab eine Frage. Du kennst dich ja voll oag mit Musik aus und so, gö?“
Damals habe ich in einer Band gespielt und ich war zwar nicht sonderlich beliebt, aber in einer Band zu spielen, war in der Klasse irgendwie ein Sympathiepunkt.
Er spricht weiter: „Gestern war ja 50-Cent-Konzert. War saugeil, außer am Schluss, da war’s dann irgendwie ua scheiße und dann sind wir gegangen. Jetzt ist dann aber am nächsten Tag in der Zeitung gestanden, dass ganz am Schluss noch ein Pfeifkonzert war. Ich mein, ich hab das nicht mehr gesehen, aber wie soll das bitte gehen? Ich hab nämlich schon einmal in ein Mikrophon gepfiffen, und da hat man nur ua oag Rauschen gehört und sonst gar nix. Gibt’s da irgendeine Technik, die was man da machen muss?“

Ich versuche so neutral dreinzuschauen wie möglich und einen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der aussagt, dass es eine total verständliche und normale Frage für einen musiktechnischen Laien ist, und ich ihm das gerne erkläre: „Ein Pfeifkonzert macht nicht der, der auf der Bühne steht, sondern das Publikum. Wenn das Publikum den, der auf der Bühne steht, nicht leiwand findet, dann pfeifen die, damit der Künstler weiß, dass sie ihn nicht leiwand finden und er was Besseres machen soll.“
Er runzelt die Stirn: „Das heißt die Leute im Publikum kriegen dann Mikrophone oder was?“ Ich setze meinen leiderneinaberleiwanddassduinteressiertnachfragst-Blick auf: „Nein. Schau, wenn du zu einem Rapidmatch gehst, weil du halt Rapidfan bist, und die spielen total scheiße, dann pfeifst du und schreist BUH, damit die Hütteldorfer Heisln wissen, dass sie scheiße spielen, und dir das nicht taugt, und sie das gefälligst ändern sollen.“
Er nickt enthusiastisch: „Ja sicher. Die soll‘n gscheit spiel’n, die Wixa.“

Ich grinse ihn freundlich an: „Genau… und bei einem Konzert ist das das Gleiche… und wenn man das dann macht, wenn man dort ist und andere Leute das auch machen, weil sie auch unzufrieden sind, egal ob bei einem Fußballmatch oder bei einem Konzert, dann sagt man zu sowas Pfeifkonzert.“
Er strahlt und sagt: „Ja, jetzt kenn ich mich ua aus. UA GEIL. Ich find das immer voll oag geil. Du kannst Sachen immer so sagen, dass man sich nachher voll geil auskennt. Danke. Geil, Oida.“

Und in mir steigen Glücksgefühle auf. Da ist jemand, der, sagen wir einmal vorsichtig, nicht in den gleichen Punkten wie ich seine Stärken hat, aber trotzdem akzeptiert, wie ich bin und das, was ich ihm von meinen für ihn erkennbaren Stärken anzubieten habe, zu schätzen weiß und das fand und finde ich, ganz ohne Ironie und Sarkasmus, wirklich super.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15070

 

 

Der Berufsschüler 2: Die Muscheln

Vorwort:
Dieser Text dient ausschließlich zur Unterhaltung und soll nicht aussagen, dass alle Berufsschüler dieser Welt geistig benachteiligte Geschöpfe sind, die von einer Qualle im Schach besiegt werden, weil sie die „Startaufstellung“ der Figuren für zu defensiv halten. Nein, Spaß beiseite. Ich war selbst Berufsschüler und habe die Dinge, die ich hier geschrieben habe, selbst exakt so erlebt. Dennoch soll dieser Text nicht aussagen, dass ausnahmslos alle Berufsschüler auf diesem Niveau agieren. Ich habe einen meiner besten Freunde in der Berufsschule kennengelernt und auch sonst einige liebe, interessante, intelligente Menschen kennenlernen dürfen, worüber ich sehr froh bin. Also wer sich an bisschen bösartigem Sarkasmus und einem knapp an der Grenze des Zumutbaren Maß an Gehässigkeit erfreuen kann, für den ist dieser Text unterhaltsam und alle anderen, die das nicht wollen oder können, sollten spätestens jetzt aufhören zu lesen.

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Berufsschule…

Mein bester Freund Bertl und ich sitzen also in der Klasse der Berufsschule. Wir sind etwa 16 oder 17 Jahre alt und philosophieren in der Pause so vor uns hin, was alles an Strandurlauben toll ist. Die Mädchen in den Bikinis, Schwimmen, kein Stress und das Allerbeste: Man schläft so unglaublich gut, wenn man einen Strandurlaub macht. Nur woran liegt das eigentlich? An der anderen Örtlichkeit und der Tatsache, dass alle Dinge, die einem im Alltag Sorgen bereiten, einfach nicht da sind, oder dem Wissen, dass man jetzt für die nächsten zwei bis drei Wochen, je nachdem wie lang man sich halt Urlaub genommen hat, auf jeden Fall nichts Mühsames, Anstrengendes oder sonst was Stressiges machen muss?

Die Diskussion entwickelt sich bis hin zu der Theorie, dass es auch daran liegen kann, dass die Sonne aus einem anderen Winkel scheint, und zwar von deutlich höher kommt als in Österreich und die Lichtstrahlen so direkt auf die Augenlider strahlen, dass man automatisch alles viel gelassener sieht, weil man durch das Gewicht der schweren Sonnenstrahlen dazu gezwungen ist, die Augen nur halb offen zu haben, und alleine dadurch schon total entspannt ist. Wir haben also großen Spaß daran, den absoluten Schwachsinn zu reden und erfreuen uns an immer höherer Absurdität der Theorien, und wetteifern, wer es schafft, sich einen noch viel kränkeren, abwegigeren Grund auszudenken.

Ein Klassenkollege, der einen Tisch weiter sitzt, steht auf und kommt mit geschlossenen Augen und einem jetztwerdeichdeneneinmalerklärenwieeswirklichist-Gesichtsausdruck auf uns zu und sagt: „Oida, ihr seid‘s Trottln.“
Kurze Stille. Bertl und ich schauen uns an und wissen aus bereits einem Jahr Berufsschulerfahrung, dass es in dem Moment besser ist, einfach nichts zu sagen und so neutral wie möglich dreinzuschauen, aber ich kann mich nicht halten: „Und wieso?“

Er nickt, sich selbst zustimmend, ohne bis jetzt sonst noch ein Kommentar abgegeben zu haben und meint: „Was sollen Sonnenstrahlen sein, Oida? Siehst du irgendwelche Strahlen, die was durch die Luft fliegen? Nein, oder? Laserstrahlen gibt‘s. Bei Star Wars. Da macht es PIUPIU und dann sieht man die Laserstrahlen, die was so durch die Luft fliegen, aber die Sonne schießt ja nicht auf uns, Oida, aber macht ja ua nix. Ich beschäftige mich ja mit sowas, aber muss ja nicht jeder, Oida. Ich weiß aber voll, warum man im Urlaub immer ua geil schlaft.“

Bertl und ich heben beide synchron fragend und gespannt auf das nun folgende Ergebnis die Augenbrauen und lassen ihn weitersprechen: „Das ist, weil das Meer rauscht, Oida. In der Nacht rauscht immer das Meer und deswegen schläft man voll ua geil, Oida.“
Bertl und ich sind überrascht. Das ist doch eigentlich eine total liebe, herzige und nette Theorie und die trifft bestimmt auch zu, bis zu einem gewissen Grad.
Mit diesem Kollegen zu plaudern war immer irgendwie wie das Drehen an einem Glücksrad. Egal, worum es gerade ging. Man wusste nie, was als nächste Antwort kam und das hatte irgendwie so ein bisschen was wie das Beobachten eines Hirsches im Wald. Man schaut einfach zu und ist total fasziniert, weil man nicht weiß, was als nächstes kommt, also fragt Bertl nach: „Und warum rauscht das Meer?“
Er winkt freudig ab: „Ist eh ua logisch, Oida. Das ist wegen den Muscheln, die was im Meer sind.“
Bertls und meine Augen verengen sich zu nachdenklichen Schlitzen und er fährt entrüstet fort: „Heast ist doch ua oag logisch, Oida, denkt’s doch einmal nach. Wenn ich mir eine Muschl, die was im Meer liegt, mitnehme und dann zu Hause gegen mein Ohrwaschl drück, dann rauscht‘s und im Meer liegen ja ua viele Muscheln und deswegen rautscht‘s so laut.“

Ein Jahr früher hätten wir noch geglaubt, der will uns einfach verarschen und versucht, ihn in eine klärende Diskussion zu verwickeln, aber durch die damit gemachten Erfahrungen, nämlich, mit jemandem, der aufgrund seiner geistigen Kompetenzen eine falsche Ansicht hat, und bei dem jedes Argument und jede Theorie, die diese Ansicht verändern bzw. richtigstellen würde, seine geistigen Kompetenzen überschreitet, eine Diskussion zu beginnen, ist sinnlos, weil sie den Betreffenden nur verletzt und beleidigt und sonst keinen positiven Effekt hat. Wir entscheiden uns dann also für ein ruhiges: „Aja, stimmt. Danke.“

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15069

Der Berufsschüler 1: Personenbeschreibung eines klischeemäßigen Berufsschülers mit einem Beispiel zur Veranschaulichung

Vorwort:
Dieser Text dient ausschließlich zur Unterhaltung und soll nicht aussagen, dass alle Berufsschüler dieser Welt geistig benachteiligte Geschöpfe sind, die von einer Qualle im Schach besiegt werden, weil sie die „Startaufstellung“ der Figuren für zu defensiv halten. Nein, Spaß beiseite. Ich war selbst Berufsschüler und habe die Dinge, die ich hier geschrieben habe, selbst exakt so erlebt. Dennoch soll dieser Text nicht aussagen, dass ausnahmslos alle Berufsschüler auf diesem Niveau agieren. Ich habe einen meiner besten Freunde in der Berufsschule kennengelernt und auch sonst einige liebe, interessante, intelligente Menschen kennenlernen dürfen, worüber ich sehr froh bin. Also wer sich an bisschen bösartigem Sarkasmus und einem knapp an der Grenze des Zumutbaren Maß an Gehässigkeit erfreuen kann, für den ist dieser Text unterhaltsam und alle anderen, die das nicht wollen oder können, sollten spätestens jetzt aufhören zu lesen.

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Berufsschule…

„Regau? Wie kann man nur Regau heißen?“ „Naja, für seinen Nachnamen kann ja niemand was, oder?“ „Eh nicht, aber trotzdem.“ „Intelligente Begründung. Gut gemacht, Hr. Janik.“

So beginnt ein ganz normaler Berufsschultag von Markus Regau. Er ist eher ein ruhiger Mensch, und die leichte Unsicherheit gegenüber den sympathischen Klassenkollegen sieht man ihm sofort an. Da beginnt schon einmal sein erstes Problem. Jedes Mal bei solch anspruchsvollen Wortgefechten begeht er denselben Fehler. Gut, er ist auch noch nicht lange in der Berufsschule, aber gerade die ersten Tage sind so wichtig, um in der Klasse wenigstens ein halbwegs angesehener Mensch zu werden.
Ein akzeptierter Außenseiter war er schon. Ein gehasster, aber wegen seiner Größe in Ruhe gelassener war er auch. Sogar ein lässiger Repetent ist er schon gewesen. Diesmal sollte aber endlich alles anders werden. Einmal, nur ein einziges Mal, wollte er der sein, den alle mochten. Wenigstens bei Berufsschülern müsste das doch funktionieren. Nein, gerade da ist es am schwierigsten, da hier mehr mit Instinkt als mit gedanklicher Leistung entschieden wird, ob man sympathisch oder unsympathisch ist.

Normalerweise hatte er mit ein paar verschachtelten und komplizierten Sätzen die Leute zum Lachen gebracht. Die haben dann kopfschüttelnd, aber lachend, gemeint: „Na Oida, du bist schon oag.“ Und man wurde als leicht verrückt, aber sympathisch eingestuft, wodurch man sich mehr Blödheiten leisten durfte als andere Menschen. Doch diesmal scheint es nicht funktioniert zu haben, und er begann sich zu fragen, warum. Er analysierte jedes seiner Worte bis er auf den einzigen, aber alles erklärenden Fehler kam. Er hatte logisch geantwortet. Er hatte eine Antwort gegeben, die zwar ein guter Konter war, aber erst als dieser gelten konnte, wenn man über das Gesagte nachgedacht hatte. Berufsschüler denken nicht nach. Diese Tatsache hatte er schon festgestellt, und wenn sie es versuchen, kommen keine erfreulichen Ergebnisse dabei heraus.

Wie musste also die perfekte Antwort auf die Frage „Regau? Wie kann man nur Regau heißen?“ lauten? Richtig. Sie musste nichtssagend sein und, ganz wichtig, man musste sie verstehen können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Ein Beispiel wäre da als Antwort: „Ja, komisch.“ Zwei kurze Wörter, die jeder versteht und die auch so zusammengesetzt sind, dass es keine Missverständnisse geben kann.
Doch die Antwort auf die erste Frage war nicht der fatalste Fehler. Die Antwort auf die zweite Frage war der schmerzliche Anfang vom Ende. Der Sarkasmus. Eine Leidenschaft von Markus Regau. Doch gerade der ist ja genau das Gegenteil von einem verständlichen Satz für einen Berufsschüler, weil, wie vor kurzem erwähnt, man ja über die genaue Formulierung nachdenken und gleichzeitig auf die Wortmelodie des Gesagten achten muss, also eine Tatsache, die bei dem Gehirn eines Berufsschülers nur einen kompletten Systemabsturz hervorrufen kann. Denn dass der Berufsschüler gerade nicht die gesamte Botschaft des Satzes verstanden hatte, spürt er, und um über die Unfähigkeit, einen Gegenstoß zu vollziehen, hinwegzutäuschen, werden gewaltandrohende Wörter verwendet sowie „Gusch“, „geh scheiß‘n“ usw. usf.

Lieb gehabt von einem Berufsschüler wird man dann, wenn man ihn nicht in solch eine Situation bringt, und wenn doch der Ansatz bereits da ist, ebendieser sofort ausgeglichen wird mit einer einfach und verständlich formulierten Antwort. Nehmen wir zum Beispiel an, der Berufsschüler hätte die Feststellung „Eh nicht, aber trotzdem.“ ausgesprochen. Sehr anbieten würde sich eine ähnliche Wortwahl, da man dann sichergehen kann, dass der Berufsschüler das, was man sagt, auch versteht, da er ja die Worte selbst benützt hat. Das ist zwar noch lange kein Hinweis dafür, dass er inhaltlich weiß, was er von sich gibt, aber die Wahrscheinlichkeit, nicht nur akustisch verstanden worden zu sein, stiege zumindest einen Hauch. Eine passende Antwort wäre dann beispielsweise: „Ja, eh.“ Hier verwendet man bereits ein Wort, dass der Berufsschüler auch verwendet hatte und bei dem Wort „Ja“ kann man davon ausgehen, dass er es kennt.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15068

 

 

Feind und Helfer

Also pass auf, ich muss dir was erzählen: Ich bin Samstagabend mit meiner Freundin zu Hause gesessen, in meiner Floridsdorfer 35 m²-Wohnung und haben uns, aufgrund des Wetters, mangels anderer Alternativen, „Wetten, dass..?“ im Fernsehen gegeben, während mein temperamentvoller Nachbar in ein emotionsgeladenes Streitgespräch mit seiner Freundin verwickelt war.
„So, meine Damen und Herren… Wir kommen jetzt zur Kinderwette.“
„DU HURE, DU SCHEISS SCHLAMPE, HALT DOCH EINFACH EINMAL DIE GOOOOSCHN, OIDAAAAA“
„Der kleine Maximilian wettet…“
„SCHLEICH DICH VON MIR DU GSCHISSANE DRECKSAU“
„…dass er 400000 Telefonnummern, im Handstand auf dem kleinen Finger, mit verklebtem Mund durch die Nase, gleichzeitig innerhalb von dreißig Sekunden aufsagen kann, und währenddessen mit dem rausrinnenden Rotz einen detailgetreuen Stadtplan von New York im Maßstab 1:10000 zeichnen kann, mit im Centralpark enthaltenen Breakdanceburschen, die optisch nur zwischen zwölf und dreizehn Jahre alt sein dürfen, während seine Oma den türkischen Marsch rückwärts singt und ihm mit einem Kärcher mit voller Kraft auf den Kehlkopf sprüht.“
„ICH WETT MIT DIR, DASS DU MICH NÄCHSTES WOCHENENDE NOCH DREIMAL BETRÜGST, DU SCHEISS SCHLAMPE“
„Topp, die Wette gilt.“

Dann war ein lautes POCK zu hören, wie wenn etwas Schweres auf den Boden gefallen wäre, und danach nur mehr Stille. Meine Freundin hat mich fragend angeschaut. Wir waren einiges gewöhnt aus der Richtung unseres Nachbarn über uns, aber POCK und anschließende Stille war neu.
„Sollen wir nicht doch sicherheitshalber die Polizei rufen?“, fragte mich meine Freundin und schaute mich unsicher an.
Da war durch das gekippte Fenster ein Telefongespräch auf der Straße zu hören: „Ja, da schlagt einer ärgstens seine Freundin, ich hab’s ja grad ganz genau gesehen. Er hat sie gerade an das Fenster gedrückt und dann ist sie auf den Boden gefallen und seitdem sehe ich sie nicht mehr. Ich hab ja wirklich für viele Sachen Verständnis, aber wenn einer Frauen schlägt, dann ist Schluss. Bitte schickt‘s einen Wagen her. Das ist im zweiten Stock…“ Dann gab er die Adresse bekannt.
„Na bitte, da ist uns schon jemand zuvorgekommen. Sonst schimpft man immer, dass sich keiner für irgendjemanden interessiert, aber wenn es hart auf hart kommt, sind ja doch alle füreinander da. Finde ich leiwand. Mir macht nur irgendwie Angst, dass man jetzt die ganze Zeit nichts mehr hört, aber wenn der Typ sie wirklich so geschlagen hat, wie der auf der Straße gesagt hat, dann wird das der Polizei ja auffallen. Naja, werden wir ja sehen, die machen das schon“, habe ich zu meiner Freundin gesagt, und sie hat verunsichert, aber zustimmend genickt.

Fünfzehn Minuten später sahen wir es blau flackern vor dem Fenster, und meine Freundin atmete auf: „Na bitte, jetzt braucht die Arme da oben nicht mehr lange leiden mit dem Wahnsinnigen.“
Ich nickte zustimmend, fühlte mich aber dennoch einfach unwohl und hörte gleichzeitig, wie die Polizisten bei uns im ersten Stock am Gang herumstapften. POKPOKPOK machte es an der Tür und zwar so laut, dass ich glaubte, dass mir die Wohnungstür gleich durch das gesamte Vorzimmer fliegen würde. Meine Freundin öffnete hektisch die Türe und die vor uns stehende Polizistin sah mich mit tiefem Hass in den Augen an und ließ ihren, mich verachtenden, Blick auf meine Freundin schweifen, wo dieser sofort in mütterlich liebevoll umschwenkte: „Ist mit Ihnen eh alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt.
Ich war kurz verwirrt, doch verstand dann gleich, was die Dame glaubte: „Achso, nein. Bei uns ist alles in Ordnung. Ich glaube, dass es da um die Nachbarn über uns geht. Wir haben nämlich von oben einen Streit gehört und haben uns schon Sorgen gemacht und dann durch das gekippte Fenster gehört, wie eh Gott sei Dank gerade jemand die Polizei gerufen hat.“

Meine Freundin nickte angespannt. Die Polizistin sah uns beide noch einmal an und beschloss dann doch, mir zu glauben: „Naja gut. Weil ich bilde mir ein, dass die Leute auf der Straße gesagt haben, im ersten Stock, aber vielleicht habe ich mich auch verhört. Heast Lisa, geh amoi auffe und klopf. Genau die Wohnung über Ihnen haben S‘ g’sagt, gell? DIE WOHNUNG ÜBER IHNEN HABEN S‘ G’SAGT, LISA.“
Und wieder war das unvergleichbar laute Wohnungstürdurchsvorzimmerfliegklopfen zu hören. Stille… Wie aus einem Reflex schaute ich nach oben, in der Hoffnung, durch die Decke durchschauen zu können, und da war schon wieder das laute Klopfen der Polizistin durch das Stiegenhaus zu hören. Stille… und wieder noch lauteres Klopfen: „Polizei, moch’n S‘ de Tia auf, heast, oder wir sind gezwungen, sie aufzubrechen.“ Stille…
Die Polizistin, die vor uns stand, zuckte mit den Schultern: „Ja, wenn das so ist, dann muss wohl die WEGA her. Ich melde das einmal an die Zentrale. Darf ich mir gleich einen Grundriss von Ihrer Wohnung aufzeichnen? Ihre Wohnung ist eh genauso wie die Wohnung über Ihnen, oder?“
Ich rang mit den Händen: „Keine Ahnung, ich glaube schon.“
Während die Polizistin ihre Meldung bei der Zentrale machte, ging sie durch die Wohnung und malte auf einen gelben, kleinen, an der Oberseite verklebbaren Zettel, ich glaube in der Bürofachsprache heißt so was Post-it oder so, den Grundriss der Wohnung auf und ging dann in den zweiten Stock zu ihrer Kollegin.

Unsere Mitte sechzigjährige, aber noch sehr rüstige Nachbarin im selben Stock, die die ganze Zeit fasziniert in ihrer Wohnungstür gestanden war, flüsterte, nachdem die Polizistin weg war: „Die Polizei war ja schon einige Male da und jedes Mal hat er sich heimlich vorher geschlichen, dieser Unmensch. Jedes Mal haben sie angeklopft und keiner war da und sie sind wieder gegangen. Diesmal machen sie hoffentlich endlich einmal was. Ich finde das sowieso komisch, warum sich dieses Mädl, das mit ihm zusammen ist, das überhaupt antut. Die ist hübsch und hätte so was ja gar nicht notwendig. Da hörst du sie tagein tagaus schreien und herumpoltern und am nächsten Tag gehen sie wieder wie ein frisch verliebtes Pärchen durchs Stiegenhaus.“
Ich nickte und machte einen auf kollegial und verständnisvoll, um mehr Informationen von ihr zu bekommen: „Ja, komisch. Warum haben Sie das nicht gleich der Polizei gesagt?“
Sie schüttelte den Kopf wie ein kleines trotziges Kind, dem sein Essen nicht schmeckte und das gerade von den Eltern gefüttert wurde: „Oh nein. Ich rede nichts mit der Polizei, da bekommt man nur Schwierigkeiten, das interessiert mich nicht. Da halte ich mich raus.“
Ich war verwundert: „Na geh, wieso? Die gibt’s ja extra dafür, dass wir uns alle sicher fühlen. Die machen das schon, da mach ich mir keine Sorgen. Man muss ihnen halt nur die Fakten erzählen, für den Rest sind die ja eh ausgebildet.“

Die Nachbarin war nicht zu überzeugen und winkte ab: „Nein, nein. Vertrauen Sie mir, ich habe schon so viel erlebt, es ist besser, man hält den Mund bei so was. Kaum ist bei irgendwelchen Sachen die Polizei dabei, hat man schon Schwierigkeiten.“
Irritiert von der Haltung der Nachbarin, wollte ich wieder dagegen argumentieren, aber da hörte ich schon lautes Getrappel von vielen schweren Stiefeln und da kamen auch schon die Herren von der WEGA in voller Montur angerannt und fragten mich wieder: „Dürfen wir uns kurz Ihre Wohnung anschauen? Ist die eh genauso wie die Wohnung über Ihnen?“
Ich zuckte wieder mit den Schultern und antwortete: „Keine Ahnung, aber ich glaube schon.“

Nachdem alle Leute von der WEGA freudig, wie gesagt in voller Montur, durch meine Wohnung getrappelt waren, schaute ich kurz auf meinen Boden, der ein Gemisch aus leicht feuchtem Straßenstaub und ein paar gatschigen Erdbröckerln geworden war, und dachte bei mir: „Egal. Da geht es um eine Frau, die wahrscheinlich halb erschlagen in der Wohnung liegt und von ihrem geistesgestörten Freund bedroht wird, da ist es wirklich egal, ob die eigene Wohnung dabei dreckig wird, wenn man die Herren, die da gut helfen wollen, noch ein bisschen unterstützen kann, indem man ihnen das Durchschauen der eigenen Wohnung ermöglicht“, und kam mir kurz wie ein Held und ehrenhafter Helfer in wichtigen Staatsangelegenheiten fürs Volk vor und als ich gerade Heldenpose einnehmen wollte, unterbrach meine Selbstbefeierung ganz lautes, schnelles Getrappel aus dem zweiten Stock und BUM.
Das Haus vibrierte. Getrappel… BUM.
Da kam die Polizistin wieder zu uns runter: „Die Kollegen von der WEGA brechen gerade mit dem Rammbock die Türe auf.“
BUM… Getrappel… BUM DOCK. Die Tür schlug gegen die Wand… ganz ganz schnelles Getrappel genau über uns.
Die Polizistin schaute zufrieden: „So, jetzt werden die Kollegen von der WEGA das gleich geklärt haben.“
Stille… dann relativ lange langsames Getrappel, da kamen schon zwei Leute von der WEGA wieder zu uns hinunter: „Da ist niemand in der Wohnung“, und schauten uns vorwurfsvoll an.

Die Polizistin seufzte und wurde zornig: „Wollt‘s ihr uns veroaschen? Was soll das? Wie gibt’s das bitte?“
Ich war überfordert: „Ja ich weiß es nicht. Ich hab ober mir lautes Herumschreien gehört und dann durch das gekippte Fenster, wie jemand die Polizei gerufen hat, ab dann war es ruhig und nach zehn Minuten oder so sind Sie dann gekommen.“
Die Polizistin schaute mich an, mit einem Gesicht wie eine Bürofrau, deren Aktenordner man falsch bezeichnet hat: „Wir waren bereits nach acht Minuten da. Na gut, wenn das so ist, dann werden wir wohl noch einmal ganz genau die Leute auf der Straße fragen, wie das wirklich war.“

Als die Polizistin dann unten war, hörte ich schon: „Ja genau, bei dem Fenster haben wir gesehen, wie er sie dagegen gedrückt hat, ganz sicher“, und dachte mir: „Na endlich, wenigstens ein Zweiter, der das Gleiche sagt wie ich.“
Die Polizistin kam wieder hinauf und schaute mich zornig an: „Die Leute auf der Straße sagen, dass der Vorfall bei Ihrem Fenster zu sehen war. Was haben Sie bitte getan?“
Ich war fassungslos: „Ich hab gar nichts getan. Ich habe mir mit meiner Freundin „Wetten dass..?“ angeschaut im Fernsehen und den Rest habe ich Ihnen schon erzählt.“
Plötzlich bekam die Polizistin einen mütterlichen Blick und sagte ganz ruhig und verständnisvoll: „Seid s‘ beide einfach ehrlich zu mir. Habt s‘ euch einen Spaß erlaubt? Habt s‘ vielleicht ein bissl spaßhalber herumgerangelt und die Leute auf der Straße haben das falsch verstanden?“
Ich konnte immer noch nicht fassen, was da gerade passierte: „Nein, haben wir nicht. Wir sind, wie schon gesagt, die ganze Zeit vorm Fernseher gesessen und den Rest habe ich, wie gesagt, schon erzählt.“
Die Polizistin schüttelte den Kopf: „Hach, das gibt’s ja nicht. Was reden die Leute auf der Straße dann für einen Blödsinn? Ich hol die jetzt rauf, wenn das okay ist, damit wir da endlich Klarheit haben.“

Ich schüttelte bemüht verständnisvoll und kollegial den Kopf und seufzte ein gequältes „Ok“. Fünf Minuten später kam die Polizistin mit den Leuten herauf in meine Wohnung. „So, meine Damen und Herren. Also, waren das jetzt der junge Herr und die junge Dame, die Sie beim Fenster gesehen haben?“
Ein Ende 20-jähriger, ziemlich fertig aussehender Mann sagte: „JA, ganz genau, die zwei sind das gewesen. Ich hab‘s ganz genau gesehen. Das finde ich echt scheiße von dir, was du deiner Freundin da antust. So was ist echt nicht ok.“
Ich schaute drein, als wäre vor mir gerade ein Raumschiff gelandet: „Bitte was soll das jetzt? Ich habe nichts gemacht. NICHTS!!!“
Er nickte ungläubig: „Ja, das hab ich eh gesehen, wie du nichts gemacht hast mit deiner armen Freundin.“
Ein Mann von der WEGA murmelte dazwischen: „Naja gut, also die junge Dame schaut nicht aus, als stünde sie unter Schock und blaue Flecken kann man auch keine erkennen.“
Entrüstet entgegnete der Anschuldigende: „Er braucht ihr ja nur in den Bauch hauen, da sieht man keine blauen Flecken.“

Sehr bemüht meine aufkommende Wut zu unterdrücken, antwortete ich halbwegs ruhig: „Wenn das, was du sagst stimmen sollte, dann müsste man ja beim Fenster irgendwelche Spuren davon sehen, dass ich sie angeblich dagegengedrückt haben soll, abgesehen davon, war nicht die ganze Zeit vom zweiten Stock die Rede?“
Der WEGA Beamte klinkte sich wieder ein: „Siegst, des is a Idee. Helfen S‘ ma bitte, dass wir das Kastl wegstellen vom Fenster, sonst komm ich ja gar nicht zum Fenster hin, dass ich es mir anschauen kann.“
Ich riss mich zusammen und schlug mir nicht vor den Leuten mit der flachen Hand auf die Stirn: „Wenn nicht einmal Sie als ausgebildeter WEGA Beamter ohne fremde Hilfe überhaupt zum Fenster hinkommen, wie kann ich dann meine Freundin dagegengedrückt haben?“ Meiner Freundin wurde es zu viel: „Mich hat niemand irgendwann irgendwohingedrückt. Ich bin vollkommen unverletzt und habe nirgends blaue Flecken noch sonst irgendwas. Wenn Sie wollen, können Sie mich alle gerne untersuchen. Es ist alles ganz genauso gewesen wie mein Freund gesagt hat. Abgesehen davon, wenn er das wirklich getan hätte, warum sollte ich ihn jetzt verteidigen?“

Der Anschuldiger wurde nervös: „Die Leute vom Fenster gegenüber auf der anderen Straßenseite haben es ja auch gesehen. Fragen Sie die doch, wenn sie mir nicht glauben.“
Die Polizistin verdrehte die Augen: „Jetzt gehen S‘ bitte alle einmal raus und wir werden uns um den Rest kümmern. Liebe Kollegen von der WEGA, ihr bleibts bitte da zur Sicherheit und ich geh rüber zu den Leuten von der anderen Straßenseite.“
Als die Polizistin weg war, stellte sich ein Herr von der WEGA breitbeinig vor mich hin und sprach: „So. Wir nehmen jetzt einmal Ihre Daten auf. Haben S‘ einen Ausweis da? Pass?...“
Von meiner Freundin wurden ebenfalls die Daten aufgenommen.

Nach fünfzehn Minuten kam dann die Polizistin wieder mit einem dunkelroten Kopf herein und brüllte meine Freundin an: „JETZT SAGEN SIE MIR ENDLICH DIE WAHRHEIT!!!“
Man konnte meiner Freundin ansehen, wie gleichzeitig Wut und Ärger über ihre Hilflosigkeit in ihr hochstiegen: „Was für eine Wahrheit? Wir haben Ihnen alles schon erzählt.“
Die Polizistin war außer sich: „SIE SIND DIE FREUNDIN VON DEM NACHBARN OBEN UND DER DA (sie zeigte auf mich) IST SEIN BRUDER UND SIE HABEN MIT BEIDEN WAS GEHABT UND DANN IST ES ZUM STREIT GEKOMMEN!!! DESWEGEN STIMMT AUCH DAS MIT DEM ZWEITEN STOCK, WEIL SIE NÄMLICH ZU DEM ZEITPUNKT, WO SIE GESEHEN WURDEN, ALLE OBEN WAREN!!!“

Die ganze Situation war derartig krank, dass ich gar nicht mehr aufgebracht, sondern wieder ganz ruhig war: „Also erstens bin ich ein Einzelkind. Zweitens kenne ich den oberen Nachbarn nicht und habe den vielleicht exakt zwei, drei Mal im Stiegenhaus gesehen, geschweige denn waren meine Freundin oder ich jemals in dessen Wohnung.“
Die Polizistin schaute Richtung Himmel: „Also Sie sagen, dass keiner von Ihnen den oberen Nachbarn kennt und Sie auch nicht mit ihm verwandt sind?“
Ich nickte zustimmend und die Polizistin legte sich selbst ihre Hand flach auf die Stirn: „Tun Sie mir einen Gefallen? Ich werde jetzt noch einmal hinuntergehen zu den Leuten vom gegenüberliegenden Haus, die Sie angeblich auch gesehen haben. Stellen Sie sich daweil zum Fenster und dann schauen wir, ob es sich nicht doch um einen Irrtum handelt.“

Ich nickte wieder bemüht freundlich und stellte mich zum Fenster. Als die Polizistin unten angekommen war, hörte ich sie fragen: „Meine Damen und Herren, Sie sehen dort beim Fenster im ersten Stock jetzt einen jungen Herren und eine junge Dame, waren es die beiden, die Sie gesehen haben?“
Wie wenn die Leute es geübt hätten, antworteten sie quirlig und hektisch: „JA, ganz genau die beiden waren es. Wir haben es ganz genau gesehen.“
Ich spürte wie sich mein Magen zusammenkrampfte, mir eiskalt auf Händen und Füßen wurde und ich zu zittern begann. Mir gingen dauernd Floskeln durch den Kopf wie: „Wenn du dich lang spielst, dann zeig ich dich an“ oder „Soll ich die Polizei holen, oder können wir uns auch ohne offizielle Hilfe weiter normal unterhalten?“
Wer sollte mir jetzt helfen? Zu wem sollte ich gehen? Man ist in fast allen Situationen im Leben gewöhnt, dass es noch einen letzten Rettungsanker gibt, noch eine letzte Möglichkeit, die einen, falls alles nichts mehr hilft, doch noch aus dem Dreck zieht. Was war es diesmal? Alle Leute, mit Ausnahme meiner Freundin, waren gegen mich, inklusive der Polizei und es gab nichts Handfestes, mit dem ich das Gegenteil beweisen konnte.

Da fiel mir wieder meine ältere freundliche Nachbarin ein: „Kaum ist bei irgendwelchen Sachen die Polizei dabei, hat man schon Schwierigkeiten.“ Dabei konnten die in dem Fall gar nichts dafür. Die hatten zwei Seiten, die das exakte Gegenteil voneinander behaupteten, zu einer wahrscheinlich doch sehr ernsten Angelegenheit, die dringend geklärt hätte werden sollen. Die Polizistin kam wieder herauf: „Also ich nehme an, dass Sie gehört haben, was die Leute unten gesagt haben.“
Jetzt meldete sich die Nachbarin doch zu Wort: „Hern S‘, das ist ein netter junger, höflicher Herr. Ich wohne seit vierzig Jahren in dieser Wohnung und habe noch nie einen so netten, zuvorkommenden Nachbarn gehabt. Noch nie hatten wir im Entferntesten ein Problem mit ihm, und ich hab auch noch nie irgendetwas Absonderliches gehört aus seiner Wohnung, also bitte. Da kann es sich wirklich nur um einen Irrtum handeln.“

Die Polizistin nickte mit routiniertem Zuhörgesicht: „Das mag alles sein, aber auch der freundlichste, netteste Mensch kann einmal durchdrehen.“
Sie wandte sich wieder meiner Freundin zu und schaute sie durchdringend an: „Also Ihnen fehlt nichts und Sie sagen, dass nichts von den Anschuldigungen gegen Ihren Freund stimmt?“
Meine Freundin nickte: „Ja, mir geht es gut und es stimmt nichts von den Anschuldigungen.“
Die Polizistin zuckte wieder mit den Schultern: „Gut. Dann werden wir alle wieder zurück aufs Revier fahren und einmal Ihre Daten überprüfen. Es kann sein, dass Sie eine Zeugenaussage machen müssen, aber da werden Sie dann eh schriftlich verständigt und da steht dann auch alles drin, was zu berücksichtigen ist. Guten Abend.“

Nachdem die Tür zu war, legten sich meine Freundin und ich ins Bett und zitterten. Wir waren beide eiskalt und trotzdem rann uns kalter Schweiß runter. Beide hatten wir das Gefühl, als müssten wir uns jeden Moment übergeben, weil unsere Mägen so verkrampft waren und so verbrachten wir die Nacht.

Am nächsten Tag in der Früh hörten wir, wie jemand im Stiegenhaus in den zweiten Stock ging, dann BUM: „OIDAAAAAAAAAAAAAAAA!!! WARUM HABEN DIE HURENKINDER MEINE WOHNUNG AUFGEBROCHEN? ICH BRING DIE UM OIDAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA, AAAAAAAAAAAAAAAAAAH"

Und man hörte, wie in der Wohnung über uns Sachen gegen die Wände flogen. Meine Freundin begann zu weinen: „Bitte, lass uns fahren. Ich mag nicht mehr hier sein. Bitte dürfen wir einfach wegfahren von hier. Ich mag weg. Ich hab Angst. Ich will nicht mehr. BITTE BITTE.“
Obwohl ich genau das Gleiche empfand, stieg Zorn in mir hoch. Wie kam ich dazu, obwohl ich absolut nichts Falsches gemacht hatte, wegen diesem Arschloch, aus Angst meine eigene Wohnung verlassen zu müssen. Der hatte eine schöne Nacht irgendwo anders, und ich hatte meine Nerven weggeschmissen, die ganze Nacht nichts geschlafen, die Polizei inklusive WEGA in der Wohnung, sechs Leute, die mich für etwas beschuldigten, das ich nicht getan hatte, und Angst um mich selbst und meine Freundin, in meiner eigenen Wohnung, und jetzt ging dieser Schwachsinn auch noch weiter mit dem Typen, der schuld an all dem war und gerade wieder einmal über uns durchdrehte.
Als er noch lauter zu schreien begann und man Glas zersplittern hörte, bekam meine Freundin einen Weinkrampf: „BITTE lass uns endlich fahren. Was ist, wenn der Wahnsinnige zu uns runterkommt? Ich will das nicht. Bitte fahren wir endlich.“
Ich konnte ein: „Na der soll sich hertrauen“ nicht zurückhalten, obwohl mir nur beim Gedanken daran, wie das dann tatsächlich wäre, wenn der wirklich herkommen würde, schon schlecht wurde, aber was tut man nicht alles, damit sich die Freundin sicher fühlt.

Nach: „OIDA ICH BRING DEN SO UM, DER DIE POLIZEI GERUFEN HAT. DAS WAR SICHER IRGENDEIN SCHEISS NACHBAAAAAAAAAAAAAAAR“, ließ ich mich dann aber dennoch relativ flott überreden, mit dem Auto durch die Gegend zu fahren.

Nach einigen Wochen und ein paar freundliche Stiegenhausbegrüßungen mit dem geistesgestörten Nachbarn später fühlte ich mich wieder sicher in meiner Wohnung. Im gewohnten Alltagstrott schaute ich in mein Briefkästchen und mir versetzte es gleich wieder einen Stich. Eine Zeugenladung der Polizei zu dem Vorfall am…blablabla. Ich zählte die Tage bis zum Datum der Zeugenladung und mich quälten die Fragen, die mir dauernd durch den Kopf gingen. Was ist, wenn die mich wirklich einsperren? Was ist, wenn das dort so weitergeht wie in der Nacht damals, dass weiterhin alle gegen mich sind und sich einig darin sind, dass ich meine Freundin geschlagen hab? Ich kam mir dabei so blöd vor. Wie in einem billigen Krimi, wobei wenn man darüber einen Film machen würde, würden die Leute sicher sagen: „Geh bitte, so ein Blödsinn, so was gibt’s ja gar nicht, naja denen fällt ja auch nichts mehr zum Verfilmen ein.“
Jetzt war der Tag da. 13:00 Uhr, beim Revier Floridsdorf.

Ich war zwanzig Minuten zu früh dort, also wartete ich mit schweißnassen Händen und wild hüpfendem Herz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo ich ein Gespräch von einem kleinen Menschengrüppchen mithören durfte: „Und wie lange sperrens dich ein?“ „Naja, die haben gesagt, dass ich schon mindestens drei Jahre rein muss und ich jetzt aber noch auf die Gerichtsverhandlung warten muss. Vielleicht kann man es, wenn ich Glück habe, noch auf ein halbes Jahr verkürzen.“ „Ja super, und was mach ich jetzt? Ich hab zwei Kinder von dir und keinen Job.“ Mir wurde schlecht. Ich beschloss, noch eine Runde spazieren zu gehen, um nicht weiter zuhören zu müssen.
Endlich war es 12:59. Ich ging hinein und hörte von dem sympathischen Kollegen hinter dem Panzerglas: „Tag. Wos gibt’s?“ Ich antwortete mit zittriger Stimme: „Ich komme zur Zeugenladung um 13:00 Uhr.“
Die Tür schnappte auf, ich ging hinein und schaute mich ratlos um, da ich ja nicht wusste, wo ich hingehen sollte, also wandte ich mich wieder zum Panzerglaskollegen, doch bevor ich Luftholen konnte: „Der Kollege kummt glei, woatn S‘ do.“ Nach zwei Minuten kam ein diesmal tatsächlich sympathisch aussehender, Mitte vierzigjähriger Mann in T-Shirt und Jeans und begrüßte mich mit freundlichem Grinsen und einer Stimme, als würde er alle fünf Minuten zwanzig Zigaretten auf einmal rauchen und sich dazwischen fünf Stamperln Whiskey genehmigen. „Kommen S‘ bitte mit in mein Büro, mach ma das dort.“
Ich grüßte freundlich zurück und ging ihm nach wie ein schüchternes Hündchen, dem gerade sein neues Herrchen vorgestellt wurde. Sein Büro sah ganz unspektakulär aus. Nirgends hing eine Pinnwand mit Mordfallbildern noch sonstigen Klischees, die man immer in Fernsehserien zu sehen bekommt. „Nehmen S‘ bitte Platz.“ Dann fragte er mich nach meinen persönlichen Daten und sagte dann: „So, na dann erzähl’n S‘ einmal.“

Ich war so nervös, dass logisches Denken nur schwer möglich war: „Also einfach so von Anfang bis zum Schluss, wie es gewesen ist?“ Er nickte ruhig und routiniert, also begann ich zu erzählen, plötzlich fing er an zu tippen, wodurch ich aufhörte zu reden und fragte: „Achso, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass Sie noch etwas erledigen müssen, oder soll ich eh trotzdem weitererzählen?“
Er nickte: „Jaja, erzählen S‘ nur weiter.“ Erst nach einiger Zeit kapierte ich, dass er einfach eins zu eins abtippte, was ich sprach und er das nicht gleich von sich aus sagte, damit die Leute dann nicht stundenlang herumüberlegen, was sie sagen sollen, also ließ ich mir von erzähltem Satz zu erzähltem Satz, einfach immer mehr Zeit, um auf keinen Fall irgendetwas zu sagen, was man missverstehen hätte können, aber da er andauernd bestätigend nickte und ihm anzusehen war, dass er sich das, was ich erzählte, in etwa so erhofft hatte, machte ich mir keine Sorgen mehr, bis ich mich selbst sagen hörte: „…ja und das wars dann eigentlich.“
Er nickte wieder zustimmend und schaute mir extrem ruhig, aber sehr durchdringend in die Augen: „Und Sie kennen den Herrn, der über Ihnen wohnt, nicht?“ Ich verneinte: „Nein, also halt nur vom Sehen im Stiegenhaus.“ Er nickte wieder: „Haben Sie eine weibliche Stimme bei dem Streit gehört?“ Ich verneinte: „Nein, eigentlich nicht. Ich habe immer nur ihn schreien gehört.“ Er nickte und schaute weiter durchdringend und ruhig: „Hätte es sein können, dass der Streit am Telefon stattgefunden hat?“ Ich hob die Schultern und drehte meine Handflächen nach oben: „Das kann ich nicht sagen.“
Er nickte wieder verständnisvoll: „Ja, das ist eh klar. Gibt es sonst noch etwas, das Sie mir sagen wollen?“ Ich zögerte ein bisschen und entschloss mich dann aber dennoch dazu: „Ich hab mir eigentlich vorgenommen, das nicht zu sagen, aber ich finde es einfach echt nicht lustig, dass ich von allen Seiten beschuldigt wurde, obwohl ich exakt genau nichts gemacht habe. Ich habe nicht einmal einen lauten Schas gelassen in meiner Wohnung.“
Ein mitfühlendes Grinsen war zu erkennen: „Ja, das verstehe ich schon, dass das nicht lustig ist.“ Ich schnaubte Zustimmung einfordernd: „Aber wie gibt es so was?“ Er hob die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern: „Ich glaube, da hat sich einfach wer verschaut. Also danke, dass Sie bei den Ermittlungen geholfen haben. Nach der zweiten Tür links und dann sind S‘ eh schon beim Ausgang. Auf Wiedersehen.“
Er grinste mich freundlich an, ich grinste zurück, wir schüttelten uns die Hände und ich verließ das Revier.

Ich fühlte mich wie Gott, als ich die Straße hinunterging und wusste, dass es endlich geschafft war und gut ausgegangen ist. Die Ereignisse liefen in meinem Kopf noch einmal von Anfang an bis zum Schluss durch und Erleichterung machte sich breit, die sich aber plötzlich zu Ärger umwandelte. Ich habe doch eigentlich nichts gemacht, wie komme ich dazu, jetzt erleichtert sein zu müssen, obwohl ich es gar nicht verdient hatte, mich überhaupt schlecht zu fühlen? Wie gibt es das, dass so viele blöde unnötige Zufälle für so einen riesengroßen Schas sorgen? Das ist wieder einmal typisch mein Leben. Andere Leute fladern bei jedem Supermarkt den halben Einkauf und werden nie erwischt und ich mach gar nichts und werde beschuldigt, meine Freundin zu schlagen und muss als Dank dafür auch noch zu einer Zeugenladung. Andere schauen sich dafür „WEGA – Die Spezialeinheit der Polizei“ auf ATV an, weil sich sonst nichts Spannendes abspielt in deren Leben. Das kann ich bei mir wohl nicht behaupten, wobei es mich noch immer mehr ärgert als ich es unterm Strich lustig finde. Der unvergleichliche, sensationelle und geniale GUNKL hätte an dieser Stelle wohl „Gleichviel“ gesagt, um diese Geschichte mit einem Zitat von einem genialen Menschen zu beenden.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2012

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um …| Inventarnummer: 15067

 

Schwedenplatzpartie

Ich sag dir gleich einmal vorweg, dass die Geschichte nicht spannend wird. Ja, du bist gemeint, der Leser. Wie soll sie auch spannend werden? Ich bin ein Jungautor, der glaubt, als Einziger zu wissen, was wirklich Sache ist und das der ganzen Welt mitteilen zu müssen, weil alle anderen selbstverständlich zu blöd sind, um selbst draufzukommen. Somit werde ich Themen behandeln, von denen ich glaube, dass sie noch nie erwähnt bzw. niedergeschrieben wurden, weil ich ja der Einzige bin, der die Welt wirklich richtig sieht, und alle anderen ziellos durchs Leben taumeln.
Wenn man dann von dieser Phase ein wenig Abstand hat, bemerkt man ganz erstaunt, dass alle anderen im gleichen Alter dasselbe denken und erschrickt über die Tatsache, wie jemand, der nur so kurze Zeit auf der Welt ist, glauben kann, alles besser zu wissen und ärgert sich über die Engstirnigkeit und Blödheit der anderen und wie falsch deren Betrachtung des Lebens ist und wie einfach es nicht wäre, wenn diese Menschen die Ansichten von einem selbst hätten und……..
Manche kommen nie darüber hinweg. Egal, ich muss dir was erzählen.

Das ist jetzt schon bisschen länger her. Also es war Freitagabend und ich bin zu Hause gesessen und war mir nicht sicher, ob ich rausgehen soll oder nicht. Vor allem allein ist das meistens irgendwie nicht so ganz das, was man sich vorstellt, also wäre es praktisch, jemanden anzurufen. Nur wen? Da geht man dann im Kopf alle möglichen Kandidaten durch und entdeckt bei jedem irgendeinen schwerwiegenden Nachteil, den man sich ein andermal vielleicht, aber heute sicher nicht geben möchte, wobei umgekehrt wäre unter Umständen…
Mein Handy klingelt und ich höre meinen quirligen Freund Andi aus dem Handy plappern: „Hallo Peter. Wie geht’s? Sitzt schon wieda daheim? Das kann’s jetzt aba nicht sein, heast. Najo, wuascht. Die Petra, der Markus und ich gehen am Schwedenplatz, magst mit?“
„Ja, hallo. Phu… also… hm…, ich weiß irgendwie nicht. In welches Lokal wollts’n?“
Er: „Was heißt, du weißt irgendwie nicht? Du willst doch jetzt nicht ernsthaft an einem Freitagabend allein daheim vorm PC hocken, oda? Und das mit dem Lokal is nicht so dings, weißt doch eh. Wir machen’s so wie imma am Schwedenplatz, halt von einem Lokal ins andere. Also komm jetzt. Um neun bist am Schwedenplatz beim Mäci.“
Ich: „Ja, gut gut. Zu Befehl.“ Ich musste lachen und legte auf. Jetzt erst merkte ich, wie dermaßen ich keine Lust hatte, zum Schwedenplatz zu fahren, um Unmengen an Geld dafür auszugeben, dass ich „gut drauf“ bin, durch Getränke, die meinen Körper gewaltsam dazu zwingen. Andererseits wusste ich, dass ich das Richtige tat. Es ist gesund und gut, regelmäßig unter Leute zu gehen und es macht auch jedes Mal Spaß, aber eben erst, wenn man sich dazu überwunden hat. Da hab ich halt in der Richtung irgendwie einen psychischen Schaden.

Also nahm ich meine Lederjacke, schaute mich noch einmal in meiner Wohnung um, ob ich eh nichts vergessen hatte, ging raus auf den Gang, schloss die Tür und… scheiße, mein Geldbörsel. Also wieder mühsam aufsperren und mit Geldbörsel endlich den Weg zum Schwedenplatz mit den Öffentlichen antreten. MIT DEN ÖFFENTLICHEN, allein das war ja schon wieder mühsam. Nur dafür, dass man Getränke trinken kann, die den Geist betäuben, muss man den Weg zu dem Ort, an dem es diese Getränke gibt, auch noch unangenehmer als notwendig zurücklegen. Da zahlt man extra jedes Monat Unmengen an Geld für Auto und Motorrad und dann sowas. Egal, das ist es wert, weil es Menschen gibt, die sich darüber freuen, Zeit mit mir verbringen zu können, und mich freut es ja schließlich auch, die alle wiederzusehen, nur nicht die Umstände und vor allem nicht die Örtlichkeit.

Bereits in der U-Bahn stehend, schaute ich mir die Leute an, die da sonst noch waren. Alle waren sie auf dem Weg zu einem gemeinsamen Besäufnis und alle schienen sie jetzt schon mehr Spaß zu haben als ich den ganzen Abend. Warum tu ich mir das an? Wäre ich doch gleich daheimgeblieben. Hätte mich wenigstens kein Geld gekostet. Mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Schwedenplatz aus und hörte hinter mir die U-Bahntüren fröhlich tutend zugehen. Nach dem relativ langen Weg durch die kahlen unfreundlichen U-Bahngänge endlich an der Oberfläche angekommen, offenbarte sich mir wie jedes Mal der charmante Schwedenplatz. Wie ein Kumpel, der einem freundschaftlich den Arm um die Schulter legt, weil er sich freut, einen zu sehen. Auf dem kurzen Weg von der U-Bahnstation zum Mäci kamen mir schon unendlich viele, bereits ziemlich besoffene, Leute entgegen und ich fragte mich wie jedes Mal, ob ich, mit der gleichen Alkoholmenge intus, tatsächlich genauso wirkte, mich bewegte und aussah.

Fast beim Mäci angekommen, hörte ich plötzlich links von mir: „SCHATZIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!“ Ich drehte mich nach links und bevor ich noch wusste, wie mir geschah, wurde ich schon von Petra angesprungen und so liebevoll umarmt, dass Atmen nur noch unter großen Anstrengungen möglich war. „Na, wie geht’s dir, mein Peterchen?“ „Jetzt lass mich doch einmal den süßen, liebesfilmreifen Moment der Begrüßung genießen und mir die Vorstellung der weiteren romantischen Szenen am heutigen Abend und unsere aufkeimende Liebe zueinander ausmalen, die sich zu späterer Stunde auf einem Parkbänkchen unter diesem wie dafür gemachten Sternenhimmel zu einem Kuss entwickelt und unsere Herzen, die sich freuen, ein Teil dieses Momentes sein zu dürfen, kräftig und bestimmt schlagen zu fühlen, während sich unsere Lippen leidenschaftlich und doch sanft und gefühlvoll umschmeicheln.“ „Du bist SOOOOOOOOOOOOOOOOOOO blöööööööööööööööööd.“
Ich zwinkerte sie an, sie lächelte zurück und wir gingen gemeinsam zu den anderen beiden, die sich ebenfalls sichtlich freuten, mich zu sehen und mich fröhlich begrüßten. „Und du Trottel wolltest heute daheimbleiben“, dachte ich mir und stellte mir vor, wie ich mich selbst von oben herab ansah, mit einem abschätzig strafenden Blick, den ich ja tatsächlich verdient hatte.

„Geh ma danzn.“ „NEIN“ hörte ich mich schreien, bevor ich noch über das eben Gehörte überhaupt nachdenken konnte. „Trink das, dann is es leichter auszuhalten“, hörte ich von links und sah dann eine Eineinhalbliter-Flasche, mit nach frischem Motoröl aussehender Flüssigkeit gefüllt, vor mir wackeln. Er kümmert sich ja immer so lieb um mich, der gute Andi. Zuerst überwindet er mich für mich selbst auf den Schwedenplatz zu kommen, durch einen Anruf, und dann erleichtert er mir das Besuchen eines Tanzlokals mit Wodkaredbull, wie sich ein paar Schlucke später herausstellte. Auch das Mischverhältnis war meiner Begeisterung über den Besuch eines Tanzlokals sehr angemessen. Soll heißen: eine Flasche Wodka, also einen dreiviertel Liter, und den Rest liebevoll aufgefüllt mit Redbull eben. Lauwarm vom ständigen Halten, versteht sich, und Schluck für Schluck brechreizverursachend.
Nach einem geschätzten Viertelliter bekam ich wie durch ein Wunder plötzlich eine andere Einstellung zu dem heutigen Abend und alles Schreckliche, das ich mir vorher ausgemalt hatte, wurde plötzlich positiv und alle Nachteile lächerlich. Ich machte größere Schritte, grinste öfter und breiter und machte schlechtere Witze, die besser ankamen als die guten in nüchternem Zustand. Wenn ich genauer drüber nachdachte, war eigentlich das gesamte Leben absolut genial und ein sehr großzügiges, wundervolles Geschenk. Wie stark sich plötzlich meine Arme anfühlten und eigentlich mein gesamter Körper. Ach wie gut hatte ich es denn erwischt mit meinem Leben? So viel Glück auf einmal gehört geteilt mit Menschen, die es nicht so gut haben. Ich wollte plötzlich der ganzen Welt helfen, ganz Afrika zu mir einladen auf selbstgekochte Spaghetti mit wundervoller selbstgemachter Sauce. Und während ich mir gerade vorstellte, wie sich meine eingeladenen Gäste aus Afrika meine Spaghetti schmecken ließen und wie schön es wäre, danach darüber zu plaudern, welche Musik ihnen gefällt und worauf sie da hören, inklusive einer kleinen Vorstellung meiner eigenen, selbstgeschriebenen Lieder auf meiner E-Gitarre, stellte ich fest, dass wir bei dem Lokal angekommen waren und mir versetze es einen Stich ins Herz.

Ich sah die Leuchtschrift und als ich panisch woanders hinschauen wollte, stach mir der Türsteher ins Auge. Der einzige Hoffnungsschimmer, der mir noch blieb, um nicht in dieses Lokal zu müssen. Die Tür ging selbstständig auf und auf der Schwelle standen Leute, die definitiv nicht meinen Musikgeschmack teilten und mich mit einem Blick, gemischt aus Verzweiflung und Unverständnis darüber, was sie verbrochen hatten, dass sie mich in der Nähe ihres Lokals sehen mussten, anschauten.
„Wos is mit eich? Geht’s eine oda schleicht‘s eich“, sprach der herzensgute, freundliche, gutgelaunte Türsteher, während wieder selbstständig die Tür aufging und ein paar Leute mehr von den rhythmisch elektronischen Bässen aus dem Lokal gepumpt wurden.

Nachdem der Türsteher schon wieder Luft holte, gingen wir schnell in dieses sympathische Lokal, um nicht dafür geschlagen zu werden, auf freiem Wiener Grund und Boden stehen zu wollen. Während ich noch die Schlussklänge eines DUZDUZDUZBUMBUMBUM-Liedes mit Eichhörnchenstimme hören durfte, schaute ich mich um und stellte fest, dass das Lokal an sich gar nicht so unsympathisch war. Niedlich klein, mit abgefuckten Stehtischchen, einem unarroganten, nett grinsenden Barkeeper und einer von überall leicht einsehbaren Klotür. Jetzt war sie da, die kurze Stille zwischen einem gerade gespielten Lied und dem, das gleich losbrechen wird. Dieser Moment beunruhigte mich gar nicht, schlimmer als vorher konnte es sowieso nicht kommen, aber plötzlich: „Do you have the time… To listen to me whine… about nothing and everything all at once”, Greenday, dieses wundervolle Phänomen. Unter normalen Umständen gehört, eine niedliche, liebevolle, kleine Band, mit gut gemachten kommerziellen Liedern, nichts Außergewöhnliches, man weiß, was man kriegt, aber gemischt mit Alkohol sind diese Amiburschen von nur ganz wenigen auserkorenen Bands, die man an einer Hand abzählen kann, zu schlagen. Große Selbstbeherrschung war nötig, um nicht jedes Wort, jedes Gitarrenriff und jedes Schlagzeugbreak mitzusingen.

„Heast Oida, SAUUUUUUUUUUUUUF“, unterbrach meine Unentschlossenheit über das Mitgröhlen und vor mir schaukelte ein schmales langes dünnes Brettchen mit zehn Stamperln Wodka und der tief gebräunte Bursche, frisch aus der Steckdosenkaribik kommend, schlug mir fröhlich lallend vor: „Pass auf Oida… wenn ich g’winn, dann holst du die nächstn zehn Stampaln und wenn du g’winnst, dann muss ich die nächsten holn… aba zahln muss dann imma der, der was nicht die Stampaln holt… ok, Oida?“
Fünfzehn Sekunden später meinte er: „Scheiße Oida… unentschiedn… das kann ja ua nix… na is wuascht… heast Alex? Was macht ma bei unentschieden? Doppelt? Ok… na gut Oida… dann müss ma jetzt zwanzig kaufen.“
Ich schaute ihn lachend an und entgegnete: „Paaaaaaaaaasst… du hast ja jetzt die erste Runde zahlt, gö? Ich lad dich ein auf die zwanzig.“ Strahlend wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum entgegnete er „Oida, na passt, Oida… bist ja da ua Leiwande Oida.“

Ich grinste ihn noch einmal an und ging so selbstverständlich wie möglich aufs Klo. Die Eingangstür zum Klo flog hinter mir zu und die Musik war nur mehr sehr dumpf zu hören. Es war außer mir niemand hier. Ich packte aus und ließ rinnen und während sich meine Blase nach und nach entspannte, wurde mir klar, dass ich der glücklichste Mensch der Welt war. Das Leben ist einfach wundervoll und vor allem mein Leben ist absolut wundervoll. Ich packte ein, ging zum Waschbecken und sah im Spiegel den wohl lässigsten und leiwandsten Typen auf Erden freundlich sich selbst anlächeln. „Also dann auf zurück in die Menge, die vermissen mich sicher schon, wer auch nicht?“, dachte ich mir und als ich die Tür öffnete, hörte ich: “düdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdü AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH“, und da hielt ich es nicht mehr aus, es musste einfach raus.
Ich holte tief Luft und schrie so laut ich konnte: „DU BIST WIRKLICH SAUDUMM… DARUM GEHT’S DIR GUT… HASS IST DEINE ATTITÜDE… STÄNDIG KOCHT DEIN BLUT.“
Ein paar Leute drehten sich erschrocken zu mir um, ein paar prosteten mir freundlich lächelnd zu und ein paar, die gerade das Lokal betreten hatten, schauten peinlich berührt auf den Boden.
„ALLES MUSS MAN DIR ERKLÄREN… WEIL DU WIRKLICH GAR NICHTS WEISST… HÖCHSTWAHRSCHEINLICH NICHT EINMAL… WAS ATTITÜDE HEISST.“

Plötzlich spürte ich links und rechts von mir Hände auf meinen Schultern, drehte mich erschrocken zur Seite und sah zwei Typen, die lauthals mit mir mitschrien und zu hüpfen begannen, während sich ihre Arme nun vollständig um meine Schultern gelegt hatten: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe… deine Springerstiefeln sehnen sich nach Zärtlichkeit… du hast nie gelernt, dich zu artikulieren… und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit… OH OH OH“, und jetzt gab es nur einige Wenige, deren Fäuste nicht in die Höhe gestreckt waren: „ARSCHLOCH“, jetzt ließen mich die beiden Typen los und begannen zu pogen, also für die älteren Leser als Erklärung: Pogen bedeutet, einander unbegründet zu stoßen, ohne sich anschließend in eine Schlägerei verwickeln zu müssen, was die meisten aller Jugendlichen, warum auch immer, unter anderem als lustig und amüsant empfinden und auch “Spaß haben“ nennen. Da ich allerdings aufgrund des bereits reichlichen Konsums von Alkohol nicht mehr so perfekt wie sonst das Halten meines Gleichgewichts unter Kontrolle hatte, stolperte ich, flog auf einen Tisch, schob dadurch die sich auf dem Tisch befindlichen halb gefüllten Gläser auf den Schoß des dort Sitzenden und landete danach auch noch auf demselben.

Aus meinen bis jetzt gemachten Erfahrungen, hätte ich mich entweder einem direkten Schlag ins Gesicht, oder zumindest dem Androhen eines solchen, stellen müssen, doch es passierte zuerst einmal gar nichts. Während ich mich aufrappelte, murmelte ich mittelmäßig verständliche Entschuldigungen in Richtung Schoß des Angeschütteten, doch es kam keine Reaktion.
Überrascht schaute ich in das Gesicht und sah einen etwa 50-jährigen Mann mit gepflegten zurückgekämmten Haaren und einem den Mund umrandenden Bart. Ich weiß den Fachbegriff leider nicht dafür, aber ich meine diesen DJ-Ötzi-Bart, nur sah das bei dem Herrn nicht prolohaft, sondern edel aus. Sein Blick war weder böse noch belustigt, sondern ruhig, unendlich ruhig, aber mit so einer Stärke dahinter, dass es mir einen Stich ins Herz versetzte. Ich bekam Panik und den Drang, wenigstens irgendetwas zu tun, dass diese Schande ein wenig geringer werden würde und hörte mich sagen: „Tschuldigung… das war der Dopplereffekt… höhöhö“, und als mir bewusst wurde, was ich gerade gesagt hatte, fühlte sich diese Schmach an wie ein Peitschenschlag ins Gesicht.
Sein Blick war immer noch ruhig und gelassen. Mit sehr viel Menschenkenntnis konnte man in seinen Augen einen Hauch von einem väterlich liebevollen: „Hach… der Bua… mein Gott“ erahnen, jedoch sonst keine Regung. Erst jetzt begann er, mit routinierten und perfektionierten Handgriffen die Gläser, von denen keines zersprungen war, wieder auf den Tisch zu stellen und holte ein Tuch aus der Manteltasche des Mantels, den er neben sich aufgehängt hatte, heraus, das aussah, als wäre es vor fünf Minuten erzeugt und nach allen Normen der Faltkunst, mit einer Toleranz von einem Zehntelmillimeter, gefaltet worden. Noch während er seine Hände damit gründlich säuberte, sagte ich: „Reinigung… ich bring das in die Reinigung.“

Er: „Schon gut… ich konnte keine Absicht hinter Ihren Handlungen erkennen und sehe, dass Sie ohnehin ein schlechtes Gewissen plagt… Hinzu kommt, dass die Strapazen deutlich größere wären, wenn Sie die Reinigung meiner Kleidungsstücke übernehmen würden.“
Ich: „Aber irgendetwas muss ich do..“
Petra kam zu mir gestürmt und fragte mich mit mütterlich umsorgten Augen: „Is dir eh nix passiert? Alles in Ordnung?“
Ich: „Ja… aber…“, und schaute verzweifelt in Richtung des edlen Herrn, währenddessen  Petra sagte: „Na Gott sei Dank.“ Obwohl sie noch sprach, umarmte sie mich herzlich und fragte: „Du Peter? Kann ich heute bei dir schlafen?“
Ich: „Ähm…“
Sie: „Büüüüüüüüüüüüüüüütte“, und ich spürte ihre warme Hand auf meiner Wange, die meinen Kopf mit sanftem Druck in Richtung ihres Gesichtes bewegte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte ihre Hände um meinen Hals und ich spürte, wie sich ihre warmen, weichen Lippen um meine schlossen, mein Herz begann fester und schneller zu schlagen, und es breitete sich dieses wundervoll schöne Gefühl von Stärke, Wärme und Zufriedenheit aus, an das nur sehr wenige Dinge annähernd herankommen und selbst dann nicht wirklich vergleichbar sind. Wie direkt ich auf einmal spürte, wie gern sie mich hatte und wie leidenschaftlich sie mir genau das unter Beweis stellen wollte.
Ich strich ihr über ihre Wange mit der wohl weichsten Haut der Welt und löste meine Lippen von ihren, während sie mich mit einem Blick ansah, für den es keine Worte gibt, die schön genug wären, um ihn zu beschreiben. Plötzlich trat sie einen Schritt zurück, nahm mich bei der Hand, nickte lieb schauend Richtung Ausgang und sagte: „Komm Peter“, mit einem anschließenden Lächeln, für das ich ihr am liebsten gleich nochmals um den Hals gefallen wäre. Doch während des Gehens machte sich wieder schlechtes Gewissen breit und ich rief in Richtung des edlen Herrn: „Es tut mir wirklich leid… Entschuldigung“, und bevor ich noch fertig gesprochen hatte, schloss er väterlich verständnisvoll seine Augen.

Endlich draußen aus dem Lokal, war es angenehm ruhig. Die gepflasterten Straßen waren feucht, ohne dass jemand gemerkt hätte, dass es geregnet hatte, und es wehte sanft und kühl der Wind. Nicht zu kühl, sondern genau richtig.
„Mir is kalt“, hörte ich von rechts neben mir und spürte gleichzeitig einen sanften liebevollen Rempler. Petra sah mich an wie ein kleines Mädchen, das ihre Eltern fragt, ob sie etwas naschen darf. Ich umarmte sie und spürte ihren Kopf auf meiner Brust, wodurch mein Herz übernatürlich laut und schneller als sonst zu schlagen begann. Es machte sich fast ein bisschen schlechtes Gewissen bei mir breit, weil ich mir vorstellte, wie laut es für sie sein musste, wenn sie doch genau mit dem Kopf auf der Brust lag. Fast ein wenig entschuldigend streichelte ich über ihre süßen weichen Wangen und spürte mit der anderen Hand, mit der ich sie umarmte, wie ihr Herz genauso laut und schnell zu schlagen begann wie meines. Da war es dann überhaupt vorbei mit jeglichen Herzschlagbeeinflussungsversuchen. Ich schloss die Augen und merkte, wie das Glück vom Bauch in den Kopf stieg und stellte mir vor, wie wohl die kommenden Tage und Wochen aussehen würden, wie wundervoll schön alles sein würde und ob es überhaupt noch etwas gäbe, das unsere momentane Situation noch perfekter machen könnte.

Bei mir zu Hause angekommen, ergab sich das letzte Puzzleteil zur absoluten Perfektion. Kaum hatte ich die Tür geschlossen, zog Petra mit beiden Händen meinen Kopf zu ihrem und küsste mich mit einer derartigen Leidenschaft, dass mir praktisch nichts anderes übrig blieb, als sie von ihrem eng anliegenden Top (ich weiß jetzt nicht, ob das der richtige Fachbegriff dafür ist, aber ich meine diese eben eng anliegenden Leibchen mit den Spaghettiträgern) zu befreien. Zwei Sekunden dürfte ich das Top zu lang gehalten haben, schon nahm sie es mir bestimmt aus der Hand und warf es mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk quer durch meine Wohnung. Ungeduldig riss sie mir die Kleider vom Leib, fast ein bisschen grob. Kaum wollte ich zu ihrem kurzen Faltenröckchen greifen, hatte sie es auch schon ausgezogen, ihre Arme um meinen Hals gelegt, mich so zum Bett geführt, sich nach hinten fallen lassen und ihre Beine um meine Hüfte geschlossen…

Am nächsten Morgen (15:40) wachte ich auf und spürte gleich einmal leichte muskelkaterähnliche Schmerzen auf der Oberschenkelinnenseite. Ich schaute mich verschlafen um und sah Petra vollkommen angezogen auf einem Sessel vor dem Bett sitzen. Kein „Guten Morgen“ sondern ein vorwurfsvolles „Du hast ja überhaupt nix daheim.“ bekam ich zu hören. „Is aba eh wuascht… Ich muss sowieso gleich gehen… Ich treff mich nämlich mim Bernhard… der is sooooooooooo süß.“
Ich setzte mich auf und zog die Augenbrauen hoch: „Was für ein Bernhard?“
Petra setzte einen Blick auf wie eine Mutter, die ihr Kind an das Lernen für die Schule erinnert: „Das hab ich dir doch eh erzählt… Ich glaub, mit dem könnt‘s wirklich was werden… Ich bin schon total aufgeregt.“
Ärger stieg in mir hoch: „Und was is mit letzter Nacht?“
Mit einem Gesichtsausdruck, wie wenn ich gerade behauptet hätte, dass eins plus eins drei sei, sagte sie: „Ja, wir war‘n betrunken… kann ja amal passiern… du ich muss jetzt wirklich gehen… also tschüss… wir sehn uns.“

Ich hörte die Tür klacken und fühlte mich, wie wenn jemand meine Eingeweide in eine Schrottpresse getan, anschließend angezündet und darauf herumgetreten hätte. Alle Gedanken, die mir in dem Moment durch den Kopf gingen, stießen aneinander, wie Autos bei einem Auffahrunfall auf der Autobahn.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15066

 

 

 

Einleitung zur Schwedenplatzpartie

Elefanten, alles nur nie mehr Elefanten. Die sind ja sowieso blöd, merken sich alles und sind trotzdem groß und stark.
Guter Anfang, gute Geschichte? Nein, glaub ich nicht. Selbst der beste Anfang der Welt kann mit viel Können versaut werden und zu einem minderwertig billig kitschigen Buch, Film, Theaterstück usw. werden. Viel interessanter ist das ja umgekehrt. Einen Anfang machen, der so dermaßen mittelmäßig ist, dass der Mensch immer kurz davor ist, die Beschäftigung mit der jeweiligen Unterhaltungsform abzubrechen, es aber doch nicht tut und dann den Unterhaltungswert immer stärker ansteigen lassen, bis zum finalen Triumph, der alles bisher Dagewesene mehr als nur in den Schatten stellt. So wie gute amerikanische Popmusik, mit Streichern zum Schluss und Klavier am Anfang. Solche Stücke darf man aber als echter Musiker nicht gut finden und muss sich zwingen, nicht laut und voller Inbrunst den letzten tausendmal wiederholten Refrain mitzuplärren, sondern hat die vom nicht vorhandenen Gott auferlegte Pflicht, das Musikstück für schlecht zu halten, weil es schließlich nur für den einfachen Menschen gemacht wurde und nicht für jemanden der sich stolz als musikalisch bezeichnen darf. Gute Musik ist nur dann gut, wenn sie niveauvoll ist, und umso beschissener und unanhörbarer ein Stück Musik ist, umso besser ist es. Apropos Jazz. Allen, die jetzt Wutschweißperlen auf der Stirn haben und Druckstellen an der Stelle, an der sie das Buch/ihren Kindle halten, verursachen, sei gesagt: Ich hab nichts gegen Jazz, nur was gegen die Leute, die den hören und vor allem, wie die den hören. Mit wissendem, genussvollem Kurz-vor-dem-Orgasmus-sei-Gesicht wird im Studio aufgenommenen Freejazznummern gelauscht, um sich dabei zu gefallen, für sehr schwierige aber künstlerisch einmalige Musikstücke offen zu sein.

Zurück zu den Elefanten. Ich hatte gestern einen Traum, in dem ich auf einer Insel gelegen bin, also ganz knapp beim Meer, aber gerade so, dass meine Haare von den Wellen nicht nass wurden, und in meinem Blickfeld war eine einzige Palme, die vor einem ganz kleinen Teich mit Swimmingpoolwasser stand. Swimmingpoolwasser war es natürlich nicht wirklich, sondern nur, damit jetzt jeder weiß, wie es ausgesehen hat, rein farblich. „Heast Deppata… Wos liegst do so fäu umaranaund?“ Ich schaue nach links: „Na oistan… Jetzt bewegta si da Herr Supaleiwandüwaguad… Bring ma jetzt mei Bier oda i blos di um, du Fetznschädl.“ Ein Blick nach rechts: „Na siegstas… jetzt sichta mi, da Deppate… Pass amoi auf… Wonnst da no long Zeit lost, steck i da mein Riassl in dei Bapm und blos Luft eine und donn mochts Bam oida, des konn i da vasprechn. Oiso, i sogs da nua no amoi in Guadn…“ Endlich hab ich ihn gesehen. Einen zehnter Bezirkselefanten (für alle Nichtwiener: einen Proletenelefanten) gerade im schwierigen Krochaalter. Leicht zu erkennen an den neonfarbenen Elefantenohren, den Goodyearreifen, die er um seine Füße gestülpt hatte und den stampfenden drehenden Tanzbewegungen, die er am Strand pausenlos machte, und das mit allen vier Beinen gleichzeitig. Also an Schlaf war sowieso nicht mehr zu denken. Deswegen war ich auch bereit, einen Deal mit ihm zu machen: „Pass auf… Wenn du dir eine Zahl merkst, die ich dir gleich sagen werde, dann bring ich dir dein Bier… Also: 231069874032106987463510.“ Er sagte die Zahl selbstverständlich absolut problemlos auf, hüpfte in Tanzschritten zu mir und sagte: „Für den Schaß stompf i da dei Gsicht in Asphalt“, und auch die Tatsache, dass es hier nur Sand gab, hinderte ihn nicht, mit seinen kreisrunden Goodyearreifenfüßen mir 231069874032106987463510-mal in mein Gesicht zu treten. Davon bin ich schließlich aufgewacht und hörte meine Nachbarn einen Stock weiter oben fröhlich und munter schnaxeln (für alle Nichtwiener: Geschlechtsverkehr haben).

Ich stand auf, ging aufs Klo und ließ Mengen aus mir rausrinnen, die ich aus einem gefühlten (nein, NICHT gefüllt) 5-Liter-Kanister vermutlich nicht herausbekommen hätte. Warum muss man nach komischen Träumen immer so dermaßen viel pinkeln? Egal. Ich legte mich gleich wieder ins Bett und wartete gespannt auf die Folgen. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, wie sich ein Ins-Bett-Legen auswirken kann. Möglichkeit eins: Man legt sich hin, je nach Schlaftyp unterschiedlich, fühlt gar nichts, außer dass die Augen gerne wieder aufspringen wollen und man viel Kraft benötigt, um sie zuzuhalten, oder Möglichkeit zwei: Es fühlt sich so an, als würde alles, was Gewicht hat, unter das Bett sinken und man selbst nur noch aus angenehm leichter warmer Luft bestehen, bis dann mein Wecker läutet, den ich schwungvoll an die Wand werfe und ich mich jedes Mal darüber ärgere, keine Kamera zu haben, die eine von der Natur geschaffene Explosionszeichnung festhält. Diesmal war es Möglichkeit zwei.

So, endlich aufstehen, Zähneputzen, anziehen und in die Arbeit fahren. Blödsinn, ich hab doch Urlaub und das sogar noch drei Wochen. Die Sonne blinzelt schon durch die zugemachten Jalousien und schimpft durch ihre Helligkeit mit mir, dass ich noch im Bett liege. Da höre ich dann immer so Erziehungsechos meiner Eltern: „Schau, so schön is draußen und du liegst nur deppat umadum und machst nix. So schönes Wetter muss man ausnutzen.“ „NEIN muss man NICHT“, hätte ich früher gesagt. Man braucht oft ein bisschen Abstand von Dingen, die man von Eltern gesagt bekommt, um dann den tatsächlichen Sinn und nicht nur die Anordnung zu sehen, die selbstverständlich nur dafür da ist, das Kind zu quälen und auf gar keinen Fall dessen Leben zu verbessern, sondern fatal zu verschlechtern, wie man immer glaubt als Jugendlicher. Generation für Generation wird ins Freie getreten, bis sie ausziehen, ein Jahr absichtlich zu Hause in ihrer Wohnung hocken und sich dann selbst dabei erwischen, wie sie nach dem vergangenen Jahr auf Wiesen liegen, die sie mit keinem Fahrzeug eines Durchschnittsbürgers erreichen hätten können, also folgedessen zu Fuß dort hingelangt sein müssen, und sich einfach darüber freuen, dass die Sonne so schön scheint und das Mädel, das neben ihnen liegt, so hübsch ist, und auf die erstrebenswerten Belohnungen, die auf ihn dann nach dem Spaziergang warten.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

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