Die Leiden des jungen EDV-Technikers 2

Zwei Tage später wurde Müller von einer sehr freundlich klingenden älteren Dame kontaktiert: „Guten Tag, Griesl mein Name. Ich habe ein riesengroßes Problem, und zwar mein Outlook lässt sich nicht schließen und ich bräuchte doch so dringend ein anderes Programm zum Arbeiten. Können Sie mir helfen?“
Müller: „Seit wann ist das denn so und scheint eigentlich eine Fehlermeldung auf?“
Frau Griesl: „Nein, gar keine Fehlermeldung. Ich mag rechts rauf zum Ikserl und es geht aber nicht. Das Problem ist, ich arbeite heute zum ersten Mal auf dem Platz meiner Kollegin und möchte ihr nichts verstellen.“
Müller: „Aber die Maus können Sie grundsätzlich normal bewegen oder funktioniert die auch nicht?“
Frau Griesl: „Ja ja, die funktioniert. Es ist nur so, dass ich das Gefühl habe, wenn ich rechts hinauf zum Ikserl gehen mag, dass kurz vor dem Ikserl jemand an der Maus anzieht. Ich glaube mein Mauskabel ist einfach zu kurz.“

Müller blieb reaktionsfrei: „Haben Sie schon einmal probiert, die Maus in die Höhe zu heben, um in der Luft ein Stück diagonal nach links zu fahren, dann die Maus wieder auf den Tisch aufzusetzen und von der neuen Position weiter rechts hinauf zu fahren?“
Frau Griesl seufzte überfordert und verzweifelt: „Bitte wie? Wissen Sie, ich bin technisch nicht so begabt. Was genau muss ich tun?“
Müller bekam Mitleid: „Na schaun S‘, Frau Griesl, machen wir das gemeinsam. Sie fahren jetzt soweit Sie können mit der Maus diagonal rechts hinauf Richtung Ikserl, bis es nicht mehr geht, ja? Machen Sie das einmal.“
Frau Griesl schnaufte bemüht: „Ja gut ok, habe ich jetzt gemacht.“
Müller: „Gut. Jetzt heben Sie Ihre Maus einen Finger breit vom Tisch weg und bewegen sie, sagen wir, eine Hand breit nach links und ein bisschen nach unten, ja?“
Frau Griesl kicherte verzweifelt: „Es tut mir ja so leid, ich bin einfach ein technisches Nackerpatzl, aber danke, dass Sie mir das so lieb erklären. Ich hab das jetzt gemacht, was Sie gesagt haben. Was darf ich jetzt tun? Die Maus wird nämlich langsam schwer.“
Müller: „Jetzt setzen Sie die Maus genau an der Stelle, an der Sie jetzt mit ihr sind, wieder auf den Tisch auf und fahren danach wieder diagonal nach rechts oben.“

Frau Griesl jubelte: „JAAAAAAAAAA, Sie sind ein Wunderknabe. Ich danke Ihnen vielmals, Herr Müller. Darf ich nur noch eine unverschämte Bitte aussprechen?“
Müller lächelte freundlich ins Telefon: „Aber selbstverständlich, Frau Griesl. Was kann ich noch für Sie tun?“
Frau Griesl flötete wie ein 16-jähriges Mädchen, das ihren Vater bittet, länger fortgehen zu dürfen: „Sind Sie so lieb und schreiben Sie mir den Vorgang, den Sie mir gerade erklärt haben, zusammen und schicken Sie mir den dann per Mail?“
Müller seufzte gutmütig: „Naja, weil Sie es sind, Frau Griesl.“
Frau Griesl kicherte glücklich: „Hach Herr Müller, Sie sind wirklich ein Schatz. Was würde ich ohne Sie nur tun? Aja und bitte schicken Sie mir das E-Mail dann gleich zweimal, ja?“
Müller: „Jaja, keine Ursache. Wieso zweimal?“
Frau Griesl: „Na damit ich das zweite gleich der Kollegin, die hier normalerweise sitzt, weiterleiten kann.“

Mit spidermanartigen Reflexen hielt Müller den Teil des Telefonhörers, den man zum Hineinsprechen verwendet, zu, um Frau Griesl seinen Lachanfall nicht hören zu lassen: „Frau Griesl, Sie können jedes E-Mail immer weiterleiten, ohne zwei davon zu besitzen. Sie brauchen nur das E-Mail anklicken und anschließend auf Weiterleiten klicken.“
Frau Griesl: „Na das ist ja toll. Jetzt habe ich wieder etwas gelernt. Ich danke Ihnen, Herr Müller. Auf Wiederhören.“

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2011

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