Kategorie-Archiv: Petra Hechenberger

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Besinnliche Weihnachtszeit

Die Weihnachtszeit beginnt schon früh,
schon im November schmückt man wieder.
Dann hört man fast den ganzen Tag,
wohin man kommt nur Weihnachtslieder.

Und schon beginnt die lange Suche,
kaum dass das erste Lied verstummt,
nach Nudelholz und all den Sachen,
die Küche wird mit Mehl vermummt.

Mamsch bäckt Kekse wie der Teufel,
als müsst sie ohne Ofen sterben.
Den Brauch brachten die Hirten auf,
sie standen auch bei ihren Herden.

Geschenkekauf sieht man noch locker,
da denkt man: "Pah, hab eh noch Zeit".
Doch dann zwei Wochen vor Bescherung,
vermisst man seine Lässigkeit.

Man irrt herum, hat keine Ahnung,
was man denn heuer so verschenkt,
ist der Verzweiflung schon ganz nahe,
wenn man an Opa, Oma denkt.

Dann auch noch diese Menschenmassen,
haben die alle kein Zuhaus?
Es scheint manchmal wie ein Komplott,
die dürfen wohl nur samstags raus.

Nun gut, am letzten Einkaufstag,
hat man´s geschafft, schon wieder mal,
und jedem ein Geschenk besorgt,
zu Ende scheint die Qual der Wahl.

Doch jetzt geht es erst richtig los,
der Weihnachtsabend steht noch an.
Da gibt´s noch einmal richtig Stimmung,
denn die Verwandtschaft trabt jetzt an.

Es riecht nach Duftkerzen und Tanne,
und aus der Ferne hört man Glocken.
Die Mutter bäckt noch immer Kekse,
und Onkel, Schwager, Opa zocken.

Der Vater liegt mit Schmerz im Bett,
in seiner Faust das Polsterzipferl.
Er hat seit letztem Jahr nix g´lernt,
aß viel zu viel Vanillekipferl.

Und um dem Christkind aufzulauern,
hat klein Susi sich versteckt,
doch was sie dann zu sehn bekommt,
nicht wirklich Freude in ihr weckt.

Das Christkind kommt in Form von Opa,
der steht mit einem Bier beim Baum,
nimmt noch mal einen kräftigen Schluck,
beginnt Geschenke hinzuhaun.

Sie hält´s nicht aus, beginnt zu weinen,
die Oma zetert gleich hysterisch,
doch Opa hat schon drei, vier Bier,
und wird dann doch etwas cholerisch.

Das war´s für Susis heile Welt,
alles zerplatzte Seifenblasen.
Doch eine Chance hat sie noch,
da gibt´s doch noch den Osterhasen.

Petra Hechenberger und Christian Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16172

Life, Teil 2

(inspired by The Walking Dead)

Seit dem Vorfall am Indoor-Pool waren einige Wochen vergangen. Die Gruppe hatte zwischenzeitlich in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft gefunden. Sie hatten sich häuslich eingerichtet, sogar Gemüse gepflanzt. Die Gemeinschaft wuchs, und Routine gewann langsam die Oberhand.
Sara und Daryl waren sich nähergekommen. Nicht körperlich, auch wenn die Anziehung von beiden wahrgenommen wurde. Sie gingen oft auf Versorgungstour, hielten Wache. Sprachen zusammen, schwiegen zusammen. Ihre Vertrautheit miteinander war weiter gewachsen.

Müde von ihrer Nachtschicht stand Sara auf dem Posten am Wachturm. Die Beißer waren überschaubar, aber in den letzten Tagen hatten sich immer wieder Überlebende draußen herumgetrieben, anscheinend um zu spionieren. Rick hatte den Chef der Gruppe kennengelernt, die Leute wirkten dubios und waren mit Vorsicht zu genießen.
Lächelnd beobachtete Sara ein Vogelpärchen, das im Einklang über die Wälder flog. Die Sonne war gerade im Begriff, über den weit entfernten Berggipfeln aufzugehen. „Warum lächelst du?“, fragte eine Stimme hinter ihr. Sara erschrak nicht. Nicht bei seiner Stimme. Sie breitete die Arme aus. „Sieh dich um. Es ist wunderschön. Schöne Dinge machen mir Freude. Also lächle ich. Ganz einfach“, erklärte Sara ihren Gemütszustand.

Ganz einfach. Daryl sah sich um. Für ihn war es ein Morgen wie jeder andere. Er war fasziniert von Saras Gabe, ihrer Umwelt mit einer so positiven Einstellung zu begegnen.
Daryl ging zu Sara und stellte sich neben sie. Seine Brust berührte leicht ihren Arm, den sie noch immer ausgestreckt hatte. Der Duft ihrer Haut und der frisch gewaschenen Haare stieg in seine Nase. Sie hatten einfache Kernseife in den Waschräumen des Gefängnisses gefunden, aber in Verbindung mit ihrer Haut machte ihn der Geruch seltsam unruhig.
Sara spürte das kühle Leder seiner Weste an ihrem Arm, als er neben sie trat. Es war vertraut, das Leder, die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Langsam senkte sie ihre Arme und hielt sich am Geländer fest. Dann sah sie ihn von der Seite an.
Er schien zu versuchen, dasselbe in der Umgebung zu entdecken, das sie sehen konnte. Seine Augen waren zusammengekniffen und seine Stirn lag in Falten. Sie musste schmunzeln. „Ist schon o. k., wenn du das nicht siehst. Dafür hast du ja mich“, meinte sie grinsend und rempelte ihn sanft mit ihrer Schulter an. Daryl verzog einen Mundwinkel nach oben. Er war kein Mann großer Worte. Umso mehr registrierte Sara die Art seiner nonverbalen Kommunikation. Er musste nichts sagen, damit sie ihn verstand.
Er blickte auf ihre Hand, die am Geländer lag, und bevor er wusste warum, lag seine Hand auf ihrer und hielt sie fest. „Dafür hab ich dich“, wiederholte er leise. Sara. Sie wusste, was in ihm vorging, bevor es ihm selbst klar war. Sie konnte ihm ansehen, wie es ihm erging. Er teilte sich durch seine Mimik, seine Gestik mit, nicht durch Worte.

Sara hatte Daryl nicht mehr auf den Vorfall am Pool angesprochen. Daryl war wie ein verschrecktes Waldtier, wenn es um Gefühle ging. Umso überraschter war sie von dieser Aktion. Vielleicht war die Zeit jetzt reif, darüber zu reden. Sie genoss seine Berührung, fest und zärtlich zugleich.
Fragend sah sie ihn an. „Du wirkst angespannt. Was ist los?“, fragte sie leise. „Nichts“, entgegnete er schnell. Er nahm seine Hand von ihrer, räusperte sich und ging einen Schritt zurück. Sie hatte Recht, wieder einmal. Er konnte aber nicht in Worte fassen, warum.
„Daryl“, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme. Sie stellte sich vor ihn und tippte mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust. Sie spürte, dass er weiter zurückgehen wollte, aber sie zog ihn sanft an seiner Lederweste zu sich. „Sieh mich an“, flüsterte sie. Sie suchte Augenkontakt. „Ich sage dir jetzt was. Wirst du zuhören?“, fragte sie leise und lächelte ein bisschen als sich ihre Blicke fanden.
Wie ein Schuljunge verlagerte Daryl sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Sein Herz schien in seinen Hals gerutscht zu sein, in seinen Ohren hörte er sein Blut rauschen. Er war zerrissen: wollte weg, wollte bleiben. Schließlich atmete er tief durch und nickte leicht.

„Ich muss oft daran denken, dass du mich gerettet hast, Daryl. Und ich weiß, dass du auch daran denkst. Und daran, was fast passiert wäre“, sagte Sara und ließ von seiner Weste ab. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schwer werden würde, sich zu überwinden und das Thema anzusprechen.
Daryl merkte, dass sie der Mut verließ. Die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Plötzlich war sie wieder in ihrer alten Rolle gefangen. Klein, unscheinbar, introvertiert. Aber das war sie nicht mehr. Sie wusste es nur nicht, weil keiner da war, der es ihr sagte. „Hey“, sagte er leise und hob ihr Kinn sanft an, damit sie ihn wieder ansehen musste. „Rede weiter. Bitte“, entgegnete er und hob kurz die Augenbrauen, um sie so aufzufordern, weiterzusprechen.
Sara lächelte ihn an. „Deine harte Schale hat Brüche bekommen. Das irritiert dich. Weil ich die Brüche sehen kann. Lass es zu, Daryl, ich werde dir nichts tun. Dazu mag ich dich viel zu sehr.“ Ihre Stimme wurde immer leiser.
„Hmm“, brummte Daryl und kam einen Schritt näher auf sie zu. Ihre Gesichter waren sich fast so nahe wie damals. Wieder wehte ihm eine Brise ihres Duftes in die Nase, die eine Gänsehaut bei ihm entfachte.
„Ich glaube dir. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass du stärker und mutiger bist, als du denkst? Du hast deinen Bruder, Freunde und auch kurz einmal deinen Lebensmut verloren, und bist doch hier. Stärker als zuvor“, entgegnete Daryl.

Sara sah ihn überrascht an. Mit diesen Worten hatte sie nicht gerechnet. Sie öffnete ihre verschränkten Arme und strich mit einer Hand vorsichtig eine Haarsträhne aus Daryls Gesicht. Bei ihrer Berührung zuckte Daryl zusammen. Wenn er sie schon aufforderte, mutig zu sein, durfte er jetzt auch keinen Rückzieher bei ihr machen.
„Das glaubst du also, ja?“, fragte Sara nach. „Das weiß ich“, korrigierte Daryl sie. Sara stockte der Atem. Beide warteten darauf, was der andere als Nächstes tun würde. „Worauf wartest du?“, fragte Daryl mit heiserer Stimme. „Gute Frage“, murmelte Sara. Gerade als sie ihren Kopf anhob, um ihn zu küssen, hallte ein Schuss durch die morgendliche Stille. Im nächsten Augenblick fühlte Sara einen heftigen Schmerz an ihrem Kinn.

Sie sackte zusammen und fiel auf die Knie. Verstört griff sie an ihr Kinn und betrachtete ihre Hand, die sofort von einem roten Blutfilm überzogen war. Sie hörte nichts mehr, sah nur noch das Blut und spürte ihren Puls, der mit jedem weiteren Schlag noch mehr Blut aus der Wunde presste.
Wimmernd fiel sie zur Seite und registrierte Daryl, der sie auffing und ein Stück Stoff gegen ihr Kinn drückte. Er nahm ihre Hand und führte sie an ihre Wunde. Sie sah, dass er mit ihr sprach, aber sie verstand ihn nicht. In seinem Gesichtsausdruck erkannte sie Panik und Wut.
Sie griff nach dem Stoff, der bereits feucht vom Blut war und drückte ihn selbst gegen die Wunde. Sara beobachtete Daryl, wie er ins Innere des Wachturms kroch und den anderen über Walkie-Talkie Bescheid gab. Er ließ sie nicht aus den Augen und griff nach dem Maschinengewehr, das am Boden lag.
Daryl deutete ihr mit der Hand, dass sie ruhig liegen bleiben sollte. Wie in Zeitlupe beobachtete sie Daryl, der in die Richtung zurückschoss, aus der der Schuss gekommen war. Sara lehnte sich gegen die betonierte Brüstung, eine Hand gegen ihre Wunde drückend. Der Schmerz war nicht mehr so intensiv, auch das Pulsieren war schwächer geworden. Sara wusste aber nicht, ob die Blutung nachgelassen oder ob sie schon zu viel Blut verloren hatte. Die Haut an der Unterseite ihres Kinns spannte. Sie wurde müde und schloss die Augen.

Daryl sah, dass ein paar Männer am Boden unterwegs waren, um die Angreifer zu verfolgen. Es konnten nicht viele sein. Es war nur der eine gezielte Schuss gewesen, nicht mehr. Er warf das Maschinengewehr zurück auf den Boden und lief zu Sara. Sie war blass, die Hand, die auf ihre Wunde drückte, zitterte.
Sie war so weit gekommen. Sie durfte jetzt nicht sterben. Nicht jetzt. „Mach die Augen auf, Sara. Bleib bei mir. Komm schon“, versuchte Daryl ruhig zu sagen. Er erschrak über die Panik in seiner Stimme, als er sich selbst hörte.
Mit flatternden Lidern öffnete Sara wieder die Augen. „Ich bin da. Ich bin da“, murmelte sie und räusperte sich. Es tat weh, und ihr schmerzverzerrtes Gesicht trieb Daryl ein Messer in die Brust. Er konnte nicht abschätzen, wie schwer sie verletzt war. Der ganze Bereich rund um Sara war blutverschmiert, aber sie war ansprechbar. Ein gutes Zeichen.
„Du musst zu Hershel“, sagte Daryl und griff unter ihre Schultern und ihre Knie, um sie hochzuheben. „Nein. Ich kann selbst gehen“, sagte Sara bestimmend und stemmte ihre Hand gegen seine Brust. Er stützte sie beim Aufstehen und schob sie behutsam Richtung Stiegenabgang.

Sara sah ihn an und erschrak. „Bist du auch verletzt?“, murmelte sie ängstlich, denn sie hatte Blutspritzer in seinem Gesicht entdeckt. Vorsichtig wischte sie einen Tropfen auf seiner Wange weg, nur um mit ihren blutverschmierten Fingern noch mehr Blut auf seinem Gesicht zu verteilen. „Oh. Sorry“, sagte sie langsam. „Das ist meins.“
Daryl umschlang ihre Taille und stieg vorsichtig die Stufen mit ihr hinunter. „Mir geht's gut. Und dich kriegen wir auch wieder hin“, sagte Daryl. Glenn kam ihnen entgegen und übernahm die weitere Wache am Wachturm, während Daryl sich beeilte, Sara zu Hershel zu bringen.
Adrenalin schien durch ihren Körper zu schießen, denn die Müdigkeit ließ wieder nach, und Sara merkte, dass ihre Gedanken klarer und ihr Kreislauf kräftiger wurden. Einen Arm hatte sie um Daryls Schultern gelegt, mit der zweiten hielt sie nach wie vor den Stofffetzen wie einen Druckverband auf die Wunde.

Vorsichtig setzte Daryl Sara auf ihrem Bett in ihrer Zelle ab. Hershel war ihnen gefolgt. „Sie hat Blut verloren. Ich weiß aber nicht wie viel“, erklärte Daryl, als er Hershel Platz machte, damit er sich um Sara kümmern konnte. Sara ließ ihre Arme sinken und atmete tief durch. Bei Hershel war sie in guten Händen. Auch seine Tochter Maggie war da, um ihn dabei zu unterstützen.
Daryl sah zu, wie Maggie anfing, die Wunde zu säubern. Jedes Mal, wenn sie an der Verletzung ankam, sah er Sara die Schmerzen an. Anfangs zuckte ihr ganzer Körper, nach und nach reduzierte sich die Reaktion auf ein Zusammenkneifen der Augen oder ein Rümpfen der Nase. Sie weinte ohne zu schluchzen, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Blut auf ihrem Gesicht, bis sie von Maggie mit Wasser und einem sauberen Tuch abgewaschen wurden.

Die Schmerzen wurden mit jeder Berührung erträglicher. Sara suchte den Augenkontakt mit Daryl, der in der Tür stand. Als Daryl ihren Blick bemerkte, erwiderte er ihn und nickte ihr aufmunternd zu. Sie wünschte sich, dass er sich neben sie setzte und bei ihr blieb. Aber das konnte sie nicht von ihm verlangen. Nicht vor den anderen. Noch nicht.
„Es sieht schlimmer aus als es ist. Die Wunde blutet zwar stark, ist aber nicht tief. Ein Streifschuss. Ein paar Zentimeter weiter oben und dein Kiefer wäre zertrümmert. Du hattest Glück“, erklärte Hershel ruhig und lächelte Sara an.
Daryl fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Er war erleichtert. Er seufzte unbewusst laut auf, sodass sich Hershel und Maggie kurz zu ihm umdrehten. „Bist du verletzt?“, fragte Maggie und war im Begriff aufzustehen, doch Sara hielt sie am Arm zurück. „Ihm geht's gut. Das ist alles mein Blut, er stand direkt neben mir, als der Schuss fiel“, erklärte Sara erschöpft und machte eine kaum merkbare Kopfbewegung in Richtung Tür. „Genau. Ich wasch das mal ab“, brummte Daryl verstört und ging aus der Zelle.

Zielstrebig marschierte er in die Waschräume, doch anstatt das Blut abzuwaschen, setzte er sich auf den Boden neben dem Waschbecken und starrte auf seine Hände. Auch sie waren blutrot. Das Gefühl, Sara zu verlieren, hatte in ihm Chaos erzeugt. Noch viel mehr als damals, als er sie aus dem Pool gezogen hatte.
Dieses Chaos irritierte ihn. Sara irritierte ihn. Aber er konnte seine Gedanken an sie nicht abschalten. Gedanken und Gefühle, die ihn verunsicherten. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als jemand kurz gegen seine Stiefelspitzen trat. Es war Rick, der vor ihm stand.
„Alles o. k.? Wie geht's Sara?“, fragte er nach. Daryl sprang auf und drehte den Wasserhahn auf, um sich die Hände zu waschen. Und um Rick nicht ansehen zu müssen. „Ja. Streifschuss. Wird schon wieder. Habt ihr was gefunden?“, antwortete er knapp.
„Eine Botschaft vorne bei den Autowracks. Sie werden wiederkommen. Und sie wollen das Gefängnis. Wir müssen vorbereitet sein“, erklärte Rick emotionslos. Dann klopfte er Daryl freundschaftlich auf die Schulter. „Geh wieder zu ihr. Sie braucht dich. Und du brauchst sie“, sagte Rick ruhig.

Überrascht sah Daryl ihn im Fliesenspiegel an und wollte etwas erwidern, doch Rick hob abwehrend die Hand. „Vertrau mir, Daryl. Ihr zwei ergänzt euch. Du musst es nur zulassen. Es ist schön, jemanden zu haben, der einen auch ohne Worte versteht.“ Seine Stimme klang seltsam wehmütig.
Daryl richtete sich auf und stellte das Wasser ab. Über den Spiegel sah er Rick an, der ihm müde lächelnd zuzwinkerte und ihn dann wieder allein ließ. Es zulassen. Als ob das so einfach wäre. Er schlenderte langsam zu Saras Zelle zurück. Sie saß mittlerweile alleine auf ihrem Bett, ihre Wunde war versorgt und verbunden.
„Hey, wie geht's?“, sagte er leise und wartete in der Tür. Sara lächelte ihn an. „Hey. Geht schon wieder, danke“, antwortete sie und deutete ihm, zu ihr zu kommen. Daryl zögerte kurz, kam dann näher und ging vor ihr in die Hocke. Er stützte sich links und rechts von Sara an der Bettkante ab und sah sie prüfend an. „Was sagt Hershel?“, fragte er nach. Sara rollte mit den Augen. „Etwas blass um die Nase bin ich vielleicht noch, wegen dem Blutverlust. Ein paar Tage pausieren, dann kann ich wieder mit anpacken!“

Daryl nickte und sah sich unbeholfen in der Zelle um. Sara zupfte seine Lederweste zurecht und betrachtete ihn. Er war verunsichert. Es gab nicht oft Momente, in denen er so verletzlich wirkte. Er war sonst immer so stark. Sara nahm all ihren Mut zusammen. Sie beugte sich vor und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Was zum…?“, zischte Daryl fast panisch, aber Sara legte ihre Daumen auf seine Lippen, und er verstummte.
Er spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Sie schien seinen eigenen Körper anzufachen, er hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen. Sara beobachtete, wie Daryls Gesicht rot anlief. Mit einem Lächeln lehnte sie sich vor zu seinem Ohr. „Ich bin nur mutig“, flüsterte sie, bevor sie es sanft küsste. Langsam wanderte sie mit ihrem Mund über seinen Kiefer vor bis zu seinem Mund.
Vorsichtig kniete sich Daryl zwischen Saras Beine und wanderte mit seinen Händen vorsichtig zu ihrer Taille. Er drückte sie näher an sich und genoss ihre Nähe, ihre sanften Küsse. „Schön, dass du auf mich hörst“, erwiderte Daryl mit rauer Stimme, bevor sich ihre Lippen das erste Mal berührten.
Er hatte es vergessen. Nicht mehr gewusst, wie es sich anfühlen konnte. Jemandem so nahe zu sein. Als sich ihre Zungen trafen, war es wie ein Stromschlag, der gleichzeitig durch beide Körper fuhr. Während ihre Küsse immer leidenschaftlicher wurden, schmiegte sich Sara an ihn und fuhr ihm durch die Haare, zärtlich daran ziehend. Daryls Hände wanderten unter ihr Shirt und streichelten ihre weiche Haut.

Als sie sich wieder voneinander trennten, waren ihre Gesichter erhitzt und ihre Wangen gerötet. Aber beide lächelten. „Langsam, Süße. Du bist verletzt“, sagte Daryl leise und fuhr mit seinem Handrücken über ihren Verband.
„Ich bin auch auf Drogen. Hershel hat mir was gegen die Schmerzen gegeben. Also spüre ich die Verletzung momentan nicht wirklich. Mir ist eher etwas schwindlig. Liegt wahrscheinlich am Blutmangel“, grinste sie und zwinkerte Daryl zu. „Also haben jetzt nur die Drogen aus dir gesprochen, oder wie?“, fragte er neckisch. Sara sah ihn liebevoll an und küsste ihn kurz. „Die haben mir nur geholfen, das zu tun, was ich schon längst hätte tun sollen.“

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16066

Perception

Ich saß in der zweiten Bankreihe der Kirche. Ich war allein, meine Augen waren geschlossen. Konzentriert hörte ich meinem Atem zu, wie er durch Nase und Luftröhre hindurchstrich, meine Lungen durchströmte und schließlich meinen Körper wieder über meinen Mund verließ. Meine Lippen waren ausgetrocknet, die Hände lagen zusammengefaltet in meinem Schoß. Es war eine Beruhigungsübung, die ich in den vergangenen Wochen gelernt hatte.
Ich öffnete die Augen und sah auf den Altar, der mit einem kleinen Blumenstrauß geschmückt war. Ein Überbleibsel der letzten Messe. Die Blumen waren noch frisch. Wenn man nah genug hinging, konnte man den intensiven Duft der Blüten riechen. Blumenduft war der Inbegriff von Leben. Im Leben stehen. In voller Blüte stehen.
Mit einem leisen Seufzer richtete sich mein Blick auf das Kreuz hinter dem Altar. Da war er, der Sohn Gottes. 33% der christlichen Dreifaltigkeit. Der sich geopfert hatte für uns Sünder. Ich saß hier, in einer römisch-katholischen Kirche, als getauftes Mitglied dieser Gemeinschaft. Aber nicht, um die Vergebung meiner Sünden zu erbitten.

Kirchen hatten mich früher nicht oft gesehen. Schulmessen, Erstkommunion, Taufen und Hochzeiten in der Verwandtschaft. Mehr nicht. Mein Elternhaus war nicht religiös. Dass Kinder getauft und Ehen in der Kirche geschlossen wurden, geschah aufgrund historisch gewachsener Bräuche und Sitten, nicht aus religiöser Überzeugung.
Um ehrlich zu sein: Eigentlich mochte ich Kirchen nicht. Ich fühlte mich von der überladenen Ausstattung wie erschlagen. Diese Darstellung von Glanz, Gloria und Reichtum war für mich gleichbedeutend mit Hochmut und Überheblichkeit. Was im totalen Widerspruch zu den Lehren dieser Kirche stand. Schließlich war Hochmut eine Todsünde.
Da hielt ich es eher mit der Interpretation à la Indiana Jones. Der den richtigen Heiligen Gral aus einer Vielzahl an Kelchen auswählte. Einen einfachen Tonkelch, aus dem Besitz des Sohnes eines Zimmermanns. Keine Diamanten, innen unscheinbar mit einer dünnen Goldschicht überzogen. Eine weise Entscheidung. Für einen Augenblick musste ich schmunzeln. Dann sah ich mich um. Diese Kirche war anders. Sie war im Jugendstil gebaut. Viel Gold, aber nicht zu viel. Mit einer gewissen Schlichtheit. Das mochte ich. Sie war groß und hell, ich fühlte mich nicht erdrückt, wenn ich hier saß.

In den letzten Wochen hatte ich viel Zeit hier verbracht. In der Nähe befand sich ein psychiatrisches Zentrum, in dem seit drei Monaten regelmäßig meine Therapiesitzungen stattfanden. Ich war keine Gefahr für mich selbst oder andere, aber ich wurde mit dem Leben nicht mehr fertig. Ein spezielles Ereignis hatte mich aus der Bahn geworfen: der Selbstmord meines Ex-Freundes ein Jahr zuvor.
Zum Zeitpunkt unserer Beziehung war ich 19 Jahre alt, er ein Jahr älter. Unsere gemeinsame Zeit war nicht lang, aber sehr intensiv. Er war charmant und draufgängerisch, aber schon bald merkte ich, dass er ein Gefangener seines Geistes war. Sein Vater erklärte mir, dass sich seine Mutter umgebracht hatte, weil sie depressiv gewesen war. Und dass auch sein Sohn Anzeichen in sich trug, dass diese Krankheit einmal ausbrechen könnte. Ich war bestürzt, aber ich war verliebt. Es war mir zu dieser Zeit egal, was die Zukunft bringen würde. Ich war überzeugt davon, dass ich bei ihm bleiben wollte, egal was geschehen würde.
Nach vier Monaten ließ er mich für seine vorige Freundin stehen und ging zu ihr zurück. Ich war eine Art Lückenfüller gewesen - jedenfalls versuchte sie mir das einzureden. Er selbst wirkte schuldbewusst und traurig, als wir uns aussprachen. Ich glaubte ihm, wie gingen im Guten auseinander. Ich versprach ihm, Kontakt zu halten. Zu seinem Geburtstag schenkte ich ihm einen eingerahmten Freundschaftsspruch, den er mit Tränen in den Augen annahm. Aussage des Spruches war: Egal was passiert, ich bin für dich da. Aber etwas in mir versuchte bereits zu diesem Zeitpunkt unbewusst, sich von ihm abzukapseln.

Ein paar Wochen nach unserer Trennung hörte ich, dass ihn seine Freundin betrogen und mit ihm Schluss gemacht hatte. Die Folge war ein psychotischer Schub, bei dem er versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Sein Bruder hatte ihn rechtzeitig gefunden. Sein Vater rief mich an und bat mich, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Er hatte nach mir gefragt.
In diesem Augenblick fiel mir wieder das Geschenk ein. Dass ich ihm versprochen hatte, da zu sein. Es fiel mir schwer. Ich wollte mein Versprechen halten, aber ich hatte auch Angst vor der Situation. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Eine Freundin begleitete mich schließlich ins Krankenhaus. Ich hielt es für falsch, meinen damaligen Freund darum zu bitten.

Dieser lange Gang der psychiatrischen Station, mit dem hellen Tageslicht am Ende, war einerseits beklemmend, andererseits Hoffnung gebend. Mit jedem Schritt hatte ich das Gefühl, immer kleiner und hilfloser zu werden. Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der wohligen Wärme in mir breit, je näher ich der Fensterfront kam. Als ich der Schwester erklärte, wer ich war und zu wem ich wollte, holte sie einen Arzt, der mich über die aktuelle Situation aufklärte. Sie hatten eine manisch-depressive Erkrankung bei meinem Ex-Freund diagnostiziert. Er deutete mit dem Kopf zur Zimmertür schräg gegenüber. "Er fragt täglich nach Ihnen. Gehen Sie rein, aber erschrecken Sie nicht. Wir mussten ihn fixieren."
Meine Nasenflügel weiteten sich und mein gesamter Körper spannte sich an, mein Atem ging schnell. Die Angst davor, in diesen Raum zu gehen, ließ mich erstarren. Ich sah zu meiner Freundin, die mich umarmte und mir beruhigend über den Rücken streichelte. "Du schaffst das", flüsterte sie und schob mich sachte Richtung Tür.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zimmer war. Aber ich kann mich an ihn erinnern. Wie er im Bett lag, mit Schnallen an den bandagierten Handgelenken. Über seinem Körper war eine Art Netz gespannt. Er bewegte sich nicht. Ich stellte mich zu seinem Bett und versperrte ihm die Sicht. Sein Blick war starr und leer, er sah durch mich hindurch. Sie hatten ihn mit Medikamenten ruhiggestellt. Sein Mund war leicht geöffnet, und Speichel floss auf den Polster.

Ich war erschüttert. Das war nicht mehr der junge Mann, mit dem ich eine Beziehung geführt hatte. Um meine Brust schien sich ein unsichtbarer Strick zu legen, der sich kontinuierlich zuzog und mich nach Luft schnappen ließ. Meine Atemzüge wurden kürzer und ich merkte, dass mir schwindlig wurde.
Ich kann gar nicht sagen, ob er mich erkannt hatte. Einige Male versuchte ich, ihn anzusprechen. Aber er reagierte nicht, dazu war er in seiner Verfassung anscheinend nicht fähig. Als ich aus dem Zimmer ging, konnte ich nicht schnell genug das Krankenhaus verlassen. Meine Freundin kam mir kaum hinterher. Schnell raus. Frische Luft einatmen. Alles hinter mir lassen. Ihn hinter mir lassen. Und feststellen, dass ich nicht den Mut aufbringen würde, mein Versprechen ein weiteres Mal einzulösen.

Zwei Jahre lang hörte ich kaum etwas von ihm. Bis mein damaliger Freund - er hatte meinen Ex-Freund gekannt - eines Abends vor meiner Wohnungstür stand und mich mit den Worten "Er hat es heute beendet. Medikamenten-Überdosis", begrüßte. Ich wusste sofort, was und wen er damit meinte. Wie ferngesteuert ging ich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Mein Freund blieb im Wohnzimmer bei meinem Vater, meine Mutter folgte mir.
Reglos saß ich auf meinem Bett und starrte an die gegenüberliegende Wand. Wortlos saß meine Mutter neben mir und wartete darauf, dass ich zu reden begann. Die Vorwürfe stellten sich alsbald ein. In Tränen aufgelöst erklärte ich ihr, dass ich ihn allein gelassen hatte. Zu feig gewesen war, um mit der Situation anders - besser - umgehen zu können. Meine Mutter versuchte mir klar zu machen, dass meine Vorwürfe nichts an der Situation änderten. Dass er krank gewesen war. Dass seine Familie für ihn da gewesen war. Dass mich keine Schuld traf. Auch mein Freund versuchte mich davon zu überzeugen, aber ganz abschütteln konnte ich die Gedanken nicht.

Bei der Beerdigung zwei Wochen später stand der Sarg offen, aber ich brachte es nicht fertig, ihn noch einmal zu sehen. Ich versteckte mich hinter unseren gemeinsamen Freunden. Wie aus weiter Entfernung hörte ich die Reden seines Vaters und seines Bruders, dessen letzter Kontakt mit ihm ein dummer Streit über zu lang ausgeborgte Videokassetten war.
Mein letzter Kontakt war ... keinen Kontakt mehr gehabt zu haben. Meine letzte Erinnerung war ... sein fixierter Körper und sein leerer Blick in einem Raum, der nach Desinfektionsmittel stank. Meine Erkenntnis war, dass ich nie wieder eine Möglichkeit haben würde, mit ihm zu sprechen, mich zu entschuldigen oder ihm einfach zuzuhören. Keine Träne verließ meine Augen, während der Trauerreden und dem Gang zum Grab. Ich sprach der engsten Familie mein Beileid aus, auch dann musste ich nicht weinen. Ich fühlte mich leer, kalt, emotionslos. Stand neben mir selbst.

Tage und Wochen vergingen, und diese Gefühle beherrschten mein Leben. Ich verkroch mich zu Hause, kapselte mich von meinem sozialen Umfeld ab. Ich ertappte mich dabei, wie ich im Büro saß und mit einer aufgebogenen Büroklammer immer wieder über dieselbe Stelle meines Handrückens fuhr, bis die Wunde zu bluten begann. Ich bedeckte sie mit einem Pflaster, wenn ich zu Hause war. Sobald sich Krusten bildeten und die Wundheilung einsetzte, kratzte ich weiter. Es tat gut, es war eine Ablenkung. Schmerzen zu fühlen hieß, am Leben zu sein. Nicht an den Tod denken zu müssen.

Die Kirchentüren wurden geöffnet, und ich spürte den Luftstrom, der von hinten durch meine Haare fuhr. Mit einem Blinzeln verscheuchte ich kurz meine Gedanken und setzte mich gerade hin. Ein älteres Ehepaar war eingetreten und lächelte mich freundlich an, als sie an mir vorbeigingen und schräg vor mir in der ersten Bankreihe Platz nahmen. Ich erwiderte ihr Lächeln kurz und wandte meinen Blick wieder dem Kreuz zu. Obwohl ich so oft hier saß, hatte ich nie das Bedürfnis, mich in meinem mir vorgegebenen Glauben zu finden und zu beten oder zu beichten.
Ich war ein Mensch der Wissenschaft, nicht des Glaubens. Die Therapiestunden hatten mir auch geholfen. Es war eine Zwangsstörung, die ich nach dem Tod meines Ex-Freundes entwickelt hatte. Und die mir das alltägliche Leben erschwerte. Es war die persönliche Erkenntnis über die Endlichkeit des Lebens. Der Tod meines Ex-Freundes war der erste eines mir nahestehenden Menschen gewesen, den ich erleben musste.

Diese Angst vor dem Sterben erzeugte Panikattacken. Anfangs hauptsächlich abends beim Einschlafen. Im Schlafzimmer, sachte dösend, und plötzlich der Gedanke: Wenn du tot bist, ist da nichts mehr. Du denkst nicht mehr, du liebst nicht mehr, du lachst nicht mehr, du hasst nicht mehr. Es ist nichts mehr da. Dein ganzes Leben, deine Erinnerungen, deine Handlungen - alles weg.
Diese Gedanken äußerten sich in Herzrasen, ich versuchte verzweifelt mich abzulenken und sie wieder loszuwerden. Ich kratzte die Wunde auf meinem Handrücken auf und beobachtete, wie das Blut wieder stockte. Ich stieß mit Absicht den Fuß gegen den Bettpfosten oder biss meine Lippen blutig, um kurzfristig eine andere Art von Schmerz zu erfahren. Ich stand auf und lief durch die Wohnung, um auf andere Gedanken zu kommen.

Als ich nicht mehr schlafen konnte, meine Nerven blank lagen und die Panikattacken auch untertags auftraten, entschied ich mich für eine Therapie. In langen Gesprächen mit meinem Therapeuten arbeitete ich diese Geschichte auf. Teilweise gelang es mittlerweile auch. Ich war froh, dass ich mir alles von der Seele reden konnte. Dass ich es jemandem erzählen konnte, den ich nicht kannte. Mit dem mich nichts verband außer unsere gemeinsamen Termine. Mit meinen Freunden oder meiner Familie zu reden - dazu war ich einfach nicht in der Lage. Ich brauchte diesen Abstand.
Gott sei Dank benötigte ich keine Medikamente. Zu Beginn wären sie eine Option gewesen, um zumindest ein paar Stunden erholsamen Schlaf zu finden. Aber ich hatte es auch ohne geschafft. Die Atemübungen hatte ich schnell verinnerlicht. Ich musste mir jetzt auch keine physischen Schmerzen mehr zuführen, um mich von den psychischen abzulenken. Ein Blick auf meine Handrücken bewies es. Meine Wunde, die ich wochenlang immer wieder aufgekratzt hatte, war verheilt. Die Narbe würde mich jedoch immer an diese Phase meines Lebens erinnern.

Ich stand auf, um die Kirche zu verlassen. Ein letzter Blick auf den Sohn Gottes. "Wir sehen uns", dachte ich entspannt und nickte dem Kreuz zu. Dann trat ich hinaus auf den Vorplatz. Es war ein schöner Tag, ein laues Lüftchen trug den Duft der umliegenden Bäume und Blüten mit sich.

Ich genoss das Leben wieder. Einerseits ging ich wieder hinaus, traf mich mit Freunden, nahm mir immer wieder neue Dinge vor, die ich noch nie zuvor gemacht hatte. Andererseits setzte ich mich bewusst mit dem Tod auseinander. Spaziergänge auf Friedhöfen waren ein regelmäßiger Bestandteil meines Lebens geworden. Ein Ort der Ruhe, der Erkenntnis. Meine Erkenntnis war: Der Tod trifft uns alle irgendwann. Aber das Leben davor ist gar nicht so schlecht.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 16037

Ghost

(inspired by Eastmountainsouth's Song)

Klack. Klack. Klack.
02.04.2004. Das Datum war leicht zerkratzt, aber so, wie der Ring vor ihr auf dem Tisch lag, konnte man es noch immer gut lesen.
Klack. Klack.
Immer wieder griff sie mit Daumen und Zeigefinger nach dem Ring, hob ihn hoch und ließ ihn aus geringer Höhe auf den Tisch fallen.
Klack.
Sie rutschte ein Stück mit dem Stuhl zurück und legte ihr Kinn auf die Tischplatte, ohne den Blick vom Ring zu wenden. Ihr Atem war ruhig. 02.04.2004. Davor und dahinter das Unendlichkeitszeichen, eine liegende Acht. Sie presste die Lippen zusammen.
Heute war ihr zehnter Hochzeitstag. Auch Rosenhochzeit genannt. Rosen - ihre Lieblingsblumen. Auch bei ihrer Hochzeit waren die Kirche und die Räumlichkeiten, in denen anschließend gefeiert wurde, mit dem intensiven Duft von Black-Magic-Rosen erfüllt gewesen.

Für einen kurzen Augenblick schweifte ihr Blick nach links auf das Sideboard, auf dem ihr Hochzeitsfoto stand. Sie, inmitten eines blühenden Rosengartens, und er, sie zärtlich von hinten umarmend. Beide lachten glücklich in die Kamera. Ja, glücklich war das richtige Wort.
Mit einem leisen Seufzer suchten ihre Augen wieder den Ring auf dem Tisch. Das Unendlichkeitszeichen. Für immer. Davon waren sie damals überzeugt gewesen. Aber jetzt, zehn Jahre später, saß sie alleine hier am Tisch. Er war nicht mehr hier.

Fünf Jahre waren sie verheiratet gewesen. Waren gerade in ein kleines Reihenhäuschen gezogen und bereiteten sich darauf vor, ihre Familienplanung in die Praxis umzusetzen, als im Herbst 2009 eine Reihe von gesundheitlichen Rückschlägen ihrem Mann schwer zu schaffen machte.
Nach mehreren Wochen, in denen sein Krankheitsbild zwischen grippalen Infekten, Bronchitis und einer Lungenentzündung wechselte, konnte sie ihn überreden, eine zweite Meinung einzuholen. Das Ergebnis erfuhren sie an einem Freitag, den 13. Er hatte Lungenkrebs. Er, der nie geraucht und immer gesund gelebt hatte. Die Heilungschancen lagen bei 50%.
Der wolkenlose Himmel dieser glücklichen Beziehung trübte sich ein. Und wurde täglich dunkler. Die erste Chemotherapie schlug nicht an. Die zweite brachte für einige Zeit wieder Hoffnung, doch der Krebs war stärker. Sukzessive war aus dem sportlichen, charmanten jungen Mann ein abgemagertes Häufchen Mensch geworden, das am Schluss in dem großen Krankenbett so verloren aussah wie ein kleines Kind.
Es tat weh, ihn so zu sehen. Diese Verwandlung mitansehen zu müssen, und nichts dagegen tun zu können. Sie versuchte stark zu sein, stark für sie beide. Er brauchte sie, wie er sie noch nie zuvor gebraucht hatte. Ihre Nähe, ihren Zuspruch, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Sie gab ihm alles, was sie konnte, um es für ihn leichter zu machen.
Wenn sie aus dem Krankenhaus ging, fand sie nicht oft den Weg in ihr eigenes Zuhause. Es waren ihre Eltern, ihre Geschwister oder ihre beste Freundin, bei denen sie Zuflucht suchte. Sie, die sie jede Minute, die sie bei ihm war, damit verbrachte, ihm Mut zuzusprechen und Hoffnung zu geben, brauchte auch jemanden, der dies für sie tat. Dieser Rückhalt in ihrem Familien- und Freundeskreis war ihr Lebenselixier geworden, ohne das sie diese Zeit nicht überstanden hätte.

Im März 2011 hatte der Krebs dann gesiegt. Ihr Mann wurde immer schwächer, die ganze Familie hatte ihn im Laufe eines Wochenendes im Krankenhaus besucht. Als hätten alle gewusst, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie ihn sahen. Es waren emotionale Szenen, die sich im Krankenzimmer abspielten und die ihn mitnahmen.
Sie kannte ihn, sie wusste es. Es waren seine Augen, die ihn verrieten. Auch wenn der Körper, in dem er steckte, nicht mehr zu ihm zu gehören schien, waren es seine Augen, die bis zum Schluss glänzten und so voller Liebe waren. Liebe zum Leben, zur Familie, zu ihr, seiner Frau. Doch als seine Mutter vor ihm hemmungslos in Tränen ausbrach und etwas davon stammelte, dass es nicht rechtens sein kann, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt - war es sein flehender Blick, der erkennen ließ, dass er es nicht mehr ertragen konnte. Sanft, aber bestimmt umarmte sie ihre Schwiegermutter und schob sie zusammen mit ihrem Schwiegervater aus dem Zimmer.

An diesem Wochenende war sie von sich selbst überrascht, wie ruhig und gefasst sie die Besuche über sie beide ergehen hatte lassen. Sie war immer mit im Zimmer geblieben, genau für solche Fälle wie jenen mit seiner Mutter. Sie war diejenige gewesen, die stark geblieben war. Als sie wieder den Raum betrat, hatte sich ihr Mann gerade schwerfällig die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Sie hatte ihn zärtlich angelächelt und sich mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet.
Zwei Tage später war es so weit. Ihr Mann schien auf sie gewartet zu haben. Als sie sich leise zu ihm gesetzt hatte und seine Hand nahm, hatte er die Augen geöffnet und sie angelächelt. An seine letzten Worte würde sie sich bis zu ihrem eigenen Tod erinnern. „Lebe dein Leben, Süße. Aber vergiss mich nicht. Ich liebe dich.“ Dann schlief er für immer ein. 500 Tage nach der Diagnose. Er war 31 Jahre alt geworden. Die Beerdigung war kurz vor ihrem siebenten Hochzeitstag. Das Schicksal hätte das verflixte siebente Jahr nicht schlimmer enden lassen können.

Witwe mit 31 Jahren. Allein in einem Reihenhaus, das für eine vierköpfige Familie ausgelegt war. Die administrativen Angelegenheiten nach dem Tod ihres Mannes hatten ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Trauer in Arbeit umzulegen. Die Schulden für das gemeinsame Haus konnte sie mit der Lebensversicherung ihres Mannes ausbezahlen. Sie verdiente gut, die laufenden Kosten konnte sie auch alleine aufbringen. Also musste sie nicht ausziehen.
Andere wären ausgezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Aber so war sie nicht gestrickt. Sie verstand die Erinnerungen, die dieses Haus beherbergte, nicht als Last. Es war schön, in ein Zimmer zu gehen oder ein Bild anzusehen und sich an ihn zu erinnern. Sie wollte - nein, sie musste - sich an ihn erinnern.
Es gab Tage, an denen er so präsent war, als würde er im Nebenzimmer sitzen und fernsehen. Mit der Zeit ertappte sie sich dabei, wie sie panikartig das nächste Foto von ihm im Haus suchte, weil sie nicht mehr wusste, wie er ausgesehen hatte. Oder sich Videos ihrer Urlaube oder der Hochzeit ansah.
Bis auf drei Shirts, die sie zum Schlafen verwendete, hatte sie sich von seiner Kleidung bereits ein paar Wochen nach seinem Tod getrennt. Seinen Telefontarif hatte sie aber erst nach einem Jahr gekündigt, damit sie sich seine Stimme auf der Mailbox immer wieder anhören konnte. Bis heute - drei Jahre danach - stand die letzte Flasche seines Aftershaves im Badezimmerschränkchen, der Inhalt so gut wie verraucht. Trotzdem passierte es ab und an noch, dass sie in schlaflosen Nächten aufstand und an der Flasche roch, um sich an seinen Geruch zu erinnern.

So intensiv sie während seiner Zeit im Krankenhaus die Nähe ihrer Familie suchte, so abgekapselt lebte sie in den Wochen danach in ihrem gemeinsamen Häuschen. Sie weinte viel. So viel, dass es jeden Tag eine Herausforderung war, ihre geschwollenen Augen hinter Tonnen von Make-up und einer großen Sonnenbrille zu verstecken, wenn sie ins Büro ging.
Sie vergrub sich in Arbeit, Hausputz und Spaziergänge. Wollte mit niemandem sprechen, der ihr sein Beileid bekunden wollte. Führte Zwiegespräche an seinem Grab, das sie täglich besuchte. Ihre Familie und Freunde akzeptierten das und taten, was sie brauchte. Sie ließen sie in Ruhe und waren zur Stelle, als sie so weit war, über das Geschehene und ihr Gefühlsleben zu sprechen.
Bald wurde ihr klar, dass sie auf Dauer nicht so weitermachen konnte. Sie vernachlässigte sich selbst und lebte in der Vergangenheit. So konnte sie nicht die nächsten fünfzig oder sechzig Jahre ihres Lebens verbringen. Also nahm sie langsam wieder Kontakt zu ihrer Familie auf, die auch in dieser Zeit ihr Fels in der Brandung war.

All die Monologe, die sie in der Zeit davor an seinem Grab geführt hatte, führte sie jetzt noch einmal in Gegenwart ihrer Mutter oder ihrer Freundin. Und sie merkte, dass es ihr guttat, darüber zu sprechen. Dass es normal war, zu weinen, wenn sie an ihn dachte. Dass das Gefühl in ihr, diese allgegenwärtige Trauer, ein Teil von ihr war, den sie akzeptieren musste.
Sie strich vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers über den Rand des Rings.
Für heute hatte sie sich etwas vorgenommen. Es war der richtige Tag für sie, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Die Seiten der letzten 34 Jahre ihres Lebens waren festgeschrieben, nicht mehr änderbar. Sie durfte es nicht zulassen, dass sie den Rest ihres Lebens immer nur zurückblickte. Sie musste auch wieder nach vorne sehen, in ihre neue, eigene Zukunft. Sich für neue Beziehungen öffnen. Vielleicht sogar noch einmal jemanden finden, mit dem sie zusammen sein wollte.
Ihre Vergangenheit war ein Teil von ihr, hatte sie geprägt, sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute war. Aber es war Zeit, neue Wege einzuschlagen. Sie war jung und hatte ihr Leben noch vor sich. Sie musste wieder anfangen zu leben. So wie er es auch von ihr verlangt hatte.

Ruckartig stand sie auf und steckte sich den Ring wieder an den dafür vorgesehenen Finger. Automatisch fuhr ihr Daumen an die Innenseite des Ringfingers und spielte mit dem Ring. Im Vergleich zu ihrer Hochzeit hatte sie gut fünfzehn Kilo an Gewicht verloren. Der Ring saß recht locker und sie musste sich immer wieder vergewissern, dass er noch da war.
Auch ihr Mann hatte den Ehering getragen, bis er ihm im wahrsten Sinne des Wortes vom Finger fiel. Sie hatte seinen Ring seitdem als Anhänger auf einer langen Silberkette um den Hals hängen. Sie schnappte ihre Schlüssel, zog Schuhe und eine dünne Jacke an und machte sich auf den Weg.
Der Friedhof war nicht weit weg, etwa zwanzig Gehminuten. Diese Wegzeit war prädestiniert dafür, die Gedanken schweifen zu lassen. Die Zeit war die letzten drei Jahre jedes Mal wie im Flug vergangen, wenn sie diesen Weg gegangen war. So auch heute. Da stand sie nun, vor dem Grabstein ihres Mannes, der viel zu früh diese Erde verlassen hatte müssen.

Als sie auf die Grabinschrift blickte, verkrampfte sich ihr Magen und es bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Seinen Namen zu lesen und zu wissen, was sie für sich entschieden hatte, ließ in ihr wieder das Gefühl hochkommen, ihn zu betrügen. Zu vergessen. Das Versprechen nicht mehr zu halten, das sie ihm am Sterbebett gegeben hatte.
Ihr Kopf wusste, dass es kein Betrug war. Ihr Herz wollte es noch immer nicht wahrhaben. Stumm liefen Tränen über ihre Wangen. Sie hatte es bereits zwei Mal versucht. Letztes Jahr zu seinem Geburtstag Ende August, und dann noch einmal zu Weihnachten. Sie hatte es nicht geschafft. Aber heute musste sie es hinbekommen.
Liebe ist das Einzige, das bleibt, wenn wir gehen. Zärtlich zog sie die Konturen der einzelnen Zeichen dieses Satzes, der auf dem Grabstein stand, nach. Es stimmte. Die Liebe war noch immer da. Bei ihr, ihren Familien, ihren Freunden. Solange die Liebe und die Erinnerung zu ihm da war, war er nicht vergessen.

Sie räusperte sich und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann blickte sie auf ihre rechte Hand. Es war so weit. Zaghaft zog sie den Ehering von ihrem Ringfinger und hielt ihn ein paar Zentimeter über den Grabstein. Ihre Hand zitterte. Für einen Moment hielt sie inne und erinnerte sich wieder an ihren verstorbenen Mann.
Sie schloss die Augen und dachte an ihr Kennenlernen, Urlaube, Zärtlichkeiten, Küsse. Es war keine Trauer mehr, die sie überkam. Es war Wehmut. Erinnerungen an Erlebnisse, die ihr niemand nehmen konnte. Mit einer Person, die sie immer lieben und nie vergessen würde. Sie ließ den Ring mit einem leichten Lächeln fallen und ging.
Klack.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16016

Spaces

(inspired by One Direction’s Song)

Lustlos stocherte ich in meinem Abendessen herum. Heute war einer jener Tage, an denen ich kaum Appetit hatte. Meine Gemütslage schlug mir wieder einmal auf den Magen. Ich seufzte und trank einen Schluck Wasser. Währenddessen blickte ich auf mein Gegenüber.
Sein Appetit war vollkommen in Ordnung. Abwesend nahm er einen Bissen nach dem anderen, während er in einer Zeitschrift las. Er schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Das konnte ich von mir selbst nicht behaupten.
Ich saß mit ihm an einem Tisch. Lebte mit ihm in einer gemeinsamen Wohnung. Und doch war ich allein. Es war, als ob ein Gebirge mittleren Ausmaßes auf meiner Brust läge. Ich beobachtete ihn weiter. „Wie war dein Tag?“, versuchte ich, eine Konversation zu beginnen.
Er zuckte kurz mit den Schultern. „So wie immer“, war seine lapidare Antwort. Toll. Genervt schmiss ich das Besteck auf meinen Teller. Das Geräusch war so laut, dass er überrascht aufblickte. „Alles OK?“, fragte er. Doch mir schien, dass es eher nur eine Floskel als echtes Interesse an meinem Befinden war.

Das ging schon länger so. Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hatte. Wir waren schon so lange zusammen, hatten über die all die Jahre unsere kleinen Rituale gehabt. Einen Kuss morgens, wenn wir aus dem Haus gingen. Einen Kuss abends, wenn wir wieder heimkamen. Einen Gute-Nacht-Kuss vor dem Einschlafen.
Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, wann ich den letzten Kuss von ihm bekommen hatte. Das machte mich traurig. Aber es machte mich auch wütend. Wütend auf ihn. Wütend auf mich. Warum hatten wir damit aufgehört? Wer hatte damit aufgehört? Wer war schuld?

„Natürlich. So wie immer“, äffte ich seine vorhergehende Antwort nach. Dann stand ich auf und brachte meinen Teller zurück in die Küche. Eine kleine Kartoffel schaffte es in meinen Mund, den Rest des Essens schmiss ich in den Mülleimer.
Ich lehnte mich gegen die Spüle und sah hinüber ins Esszimmer. Er saß ruhig auf der Bank und schluckte den letzten Bissen hinunter. Er schien vertieft einen Artikel zu lesen. Wie vermutet. Nur eine Floskel, kein echtes Interesse. Sonst hätte er weiter nachgehakt. So wie früher.
So nah, wie wir uns waren, als wir noch unsere kleinen Rituale hatten – so weit entfernt schienen wir momentan nebeneinander zu leben. Nebeneinander, nicht miteinander.

Natürlich liebte ich ihn. Ich empfand etwas, das ich in meiner Definition als Liebe verstand. Nicht so wie ich meine Eltern, meine Geschwister, Freunde oder ein Haustier liebte. Sondern so, wie man einen Partner liebt. Einen Partner, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen möchte.
In Augenblicken wie diesen stellte ich aber dieses Gefühl in Frage. War es wirklich Liebe? Oder war es Gewohnheit? War es eine Tatsache, dass Liebe irgendwann zur Gewohnheit wurde? War das die Art Beziehung, die ich für den Rest meines Lebens führen wollte? Wieder zog sich mein Herz zusammen. Nein, wollte ich nicht.

Da war er plötzlich: ein Gedanke, ein kleiner Funke. Mir stiegen Tränen in die Augen. So weit war ich gekommen. Ich dachte daran, die Beziehung zu beenden. Und im selben Augenblick wollte ich sie retten.
Es gab diese beiden Optionen. Hier zu bleiben und daran zu arbeiten – wenn auch er es wollte. Oder dieses Kapitel meines Lebens zu beenden und zu gehen. Ich räusperte mich und blinzelte die Tränen aus meinen Augen, als ich merkte, dass er aufgestanden war und in die Küche kam.
„Gut war’s, wie immer“, sagte er freundlich und stellte sein Geschirr in die Spüle. Im Vorbeigehen strich er mir kurz über die Schulter und ging dann weiter ins Wohnzimmer. Ich starrte auf seinen Teller. Wieder so eine Szene. Es gab Zeiten, da hätte er sofort gemerkt, wenn es mir nicht gut ging. Hätte mich in den Arm genommen und mit mir gekuschelt. Vorbei.

In meinem Inneren kämpften Wut, Ärger und Verletztheit gegeneinander an. Und doch versuchte ich, weiterhin klar zu denken. Ich musste ihn darauf ansprechen. So lange ich mit meinen Dämonen im Geiste kämpfte, hatte er keine Möglichkeit, sich zu verteidigen bzw. seine Sicht der Dinge zu erklären.
Ich ging langsam Richtung Wohnzimmer. Die Tür war angelehnt, und durch das Milchglas konnte ich den Fernseher flimmern sehen. Vermutlich saß er mit dem Laptop auf der Couch und surfte im Internet, während im Fernsehen eine der üblichen Serien lief.
Drei. Zwei. Eins. Ich öffnete die Tür und – 100 Punkte. Es war alles so vorhersehbar. Jeden Tag. Ich setzte mich neben ihn auf die Couch und sah auf den Laptop. Irgendein Online-Shopping-Portal für technisches Equipment. Das war sein Faible. Stundenlang konnte er sich mit der Suche nach dem günstigsten Angebot beschäftigen. Und alles rund um ihn vergessen. Auch mich.

Mein Blick wanderte vom Laptop zu seinem Gesicht. Wenn er konzentriert war, biss er sich immer auf die Unterlippe. Ich musste kurz lächeln. Diese Eigenheit hatte ich immer liebenswert gefunden. Auch heute noch. Vorsichtig stupste ich ihn mit einem Zeigefinger an seiner Schulter an.
„Können wir reden?“, fragte ich leise. Etwas widerwillig drehte er seinen Kopf in meine Richtung und sah mich an. „Hmm“, murmelte er – wie mir schien – leicht genervt. Tief einatmen. Nichts falsch interpretieren. Das könnte auch nach hinten losgehen.
„Ich bin nicht… Ich will nicht…“, fing ich an, wusste aber nicht weiter. Alle möglichen Gedanken flogen durch meinen Kopf. So viel, was ich sagen wollte – oder aber auch besser für mich behalten sollte. Ich wusste nicht, wo ich die Grenze ziehen sollte.
Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. „Was bist oder willst du nicht?“, fragte er nach. Offensichtlich hatte ich sein Interesse an diesem Gespräch geweckt. Immerhin. Ich räusperte mich und fuhr mir nervös durch die Haare. „Bist du glücklich?“, fragte ich geradeheraus und sah ihm in die Augen.
„Klar“, entgegnete er. Kurz und einfach formuliert. Wahrlich eine rhetorische Meisterleistung. Und so tiefgründig. Ich spürte, wie die Wut in mir die Oberhand gewann. „Schön. Es macht dich also glücklich, jeden Tag etwas zu essen auf dem Tisch stehen zu haben wenn du heimkommst. Es dir auf der Couch mit dem Laptop bequem zu machen. Kurz nach elf Uhr todmüde ins Bett zu fallen, auch am Wochenende. Das sind ja echt hochtrabende Ansprüche, die du hast. Und so abwechslungsreich!“ Meine Antwort triefte nur so vor Sarkasmus.

Ergeben klappte er den Laptop zu und stellte ihn auf den Couchtisch. „Heute sind wir ja wieder mal sehr gut gelaunt…“, murmelte er, bevor er sich leicht zu mir drehte und mich ansah. „Fein! Es fällt dir auf! Das freut mich aber! Ich dachte schon, du registrierst mich gar nicht mehr!“, rief ich. Ich war aufgewühlt. Merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss und mein Gesicht erhitzte.
„Was soll das? Natürlich registriere ich dich!“, sagte er beleidigt. „Dann rede mit mir! Erzähl mir, wie dein Tag war! Was du erlebt hast! Was in deinem Leben vorgeht!“ Ich sprang auf und ging im Wohnzimmer hin und her. Wie ein Tiger, der nervös in seinem Gehege umherstreift. Immer wieder blickte ich ihn aus den Augenwinkeln an. Und merkte, dass er leicht den Kopf schüttelte. Er verstand mich nicht.
Ich blieb stehen und atmete durch. „Ich erzähle dir jetzt, wie es mir geht, in Ordnung? Falls es dich interessiert…“, sagte ich wieder etwas ruhiger. Er sah mich an, seinen Blick konnte ich nicht deuten. „Nur zu“, antwortete er und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.

Unterbewusst registrierte ich diese abwehrende Körpersprache. Meine Reaktion darauf war ein emotionaler Ausbruch. „ICH bin nicht glücklich! ICH will so nicht weitermachen! ICH will, dass sich etwas ändert!“ Meine Stimme brach ab. Ich zitterte.
Er sah mich aufmerksam an. Blieb ganz ruhig. „Du willst so nicht weitermachen…“, wiederholte er eine meiner Aussagen. Sie dürfte ihn wachgerüttelt haben. Ich stellte mich vor ihn hin, mittlerweile liefen Tränen über mein Gesicht. „ICH… vermisse dich!“, schluchzte ich und fing an zu weinen.
Sanft zog er mich zu sich auf die Couch und nahm mich in den Arm. So wie früher. Ich krallte mich mit meiner ganzen Kraft an ihm fest und verbarg mein Gesicht in seiner Brust.
Plötzlich war sie wieder da. Diese Nähe, die ich so sehr vermisst hatte. Den Kontakt, die Wärme, die Streicheleinheiten. Er küsste meine Stirn und hielt mich weiter fest. Langsam beruhigte ich mich wieder und lockerte meine Umarmung.
Als er das merkte, löste er sich vorsichtig und nahm mein Gesicht in beide Hände. „Was kann ich tun?“, fragte er leise und sah mich an. „Mich beachten. Mich nicht als selbstverständlich ansehen. Mich in dein Leben einbeziehen. So wie früher“, flüsterte ich.
Er nickte leicht. Irgendetwas in seinem Blick irritierte mich. „Und was kannst du tun?“, fragte er weiter. Mein Atem setzte kurz aus. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. War ich etwa schuld? Hatte ich es so weit kommen lassen?

Ich setzte mich aufrecht hin und wich leicht zurück. Er ließ seine Hände sinken und sah mich erwartungsvoll an. „Wenn es so ist, wie es jetzt ist, und es dir nicht gefällt, bin ich nicht allein dafür verantwortlich“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Ich komme offensichtlich nur besser damit zurecht, weil ich diese Art von Ansprüchen nicht habe. Nicht so wie du“, sprach er weiter. Nach wie vor fixierte er mich mit seinem Blick.
Seine Aussagen machten mir Angst. „Würdest du den Rest deines Lebens so weiterleben wollen?“, fragte ich ungläubig. Er zuckte mit den Schultern. „Für mich ist es gut so, wie es ist. Ich liebe dich, und ich denke, dass weißt du auch. Aber soll ich dir nach zehn Jahren immer noch Blumen bringen und mit dir ausgehen? Ich finde, aus dem Alter und dieser Art von Beziehung sind wir draußen.“ Seine Stimme klang liebevoll, aber seine Worte waren kalt.
Er würde so weitermachen. Jeden Tag, einfach so weitermachen. Ihm gefiel es, er war zufrieden. Ich kannte mich nicht mehr aus. „Warum fragst du mich dann, was ich tun kann? Hätte ich überhaupt eine Möglichkeit, irgendetwas zu beeinflussen? Wenn für dich sowieso alles passt, so wie es ist?“ Seine Erklärungen waren für mich widersprüchlich.

Jetzt war er es, der aufstand und durch den Raum wanderte. Er blieb vor dem Bücherregal stehen und las die Buchrücken, die auf seiner Augenhöhe standen. Ich sah ihm nach und wartete auf eine Antwort. Eine Reaktion. Irgendetwas. Eine kleine Ewigkeit saß ich auf der Couch, während er in Ruhe die Büchertitel zu lesen schien.
„Du kannst gerne etwas tun. Etwas anders tun. Dich verändern. Ich habe mich für dich entschieden, egal, wie du dich veränderst. Wenn du dich veränderst. Dasselbe wünsche ich mir von dir. Ganz einfach“, erklärte er. Ohne mich dabei anzusehen.

Ganz einfach. So einfach war das aber nicht. Ich lehnte mich zurück und starrte an die Zimmerdecke. Natürlich akzeptierte ich ihn so, wie er war. Ich wollte ihn nicht verändern. Oder etwa doch? War es so egoistisch, mehr Beachtung in der Beziehung zu verlangen? Was sollte ich jetzt mit seiner Aussage anfangen? Ich bemerkte, dass er sich wieder zu mir drehte. „Ich geh schlafen. Gute Nacht. Hab dich lieb“, beendete er unser Gespräch und verließ das Zimmer.
Perplex blieb ich zurück. Ich konnte mich verändern, und er würde mich weiter lieben. Aber er würde sich nicht verändern, und das musste ich akzeptieren. Er kam mir nicht entgegen. War nicht der Meinung, dass er einen kleinen Kompromiss eingehen könnte. Was hatte ich davon, mit einem Menschen zusammenzuleben, der mich liebte – aber mit dem ich nicht glücklich war?
Wieder poppte ein Gedanke auf: Du liebst ihn auch. Aber plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich noch Liebe war. Von draußen hörte ich Geplätscher aus dem Badezimmer und seine Schritte, als er ins Schlafzimmer ging. Er machte so weiter wie immer. Weil es für ihn so in Ordnung war, wie es jetzt war.
Stumm flossen wieder Tränen über mein Gesicht, und ich schloss die Augen. Mein Herz war noch schwerer geworden an diesem Abend. So hatte ich mir den Verlauf des Gesprächs wirklich nicht vorgestellt. Ich presste die Lippen zusammen und versuchte krampfhaft, nicht laut aufzuschluchzen. Das sollte er nicht hören.

Ich wartete ein paar Minuten und ging dann leise ins Badezimmer, um meinen Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Als ich fertig war und ins Schlafzimmer ging, um mich auf meine Seite des Bettes zu legen, traf mich die Ernüchterung wie ein Schlag auf den Kopf. ICH wollte so nicht weitermachen.
Er lag mit dem Rücken zu mir gedreht, und schlief. Er schlief tief und fest. Wie an jedem anderen Tag. Als ob auch die Unterhaltung von vorhin nur ein weiterer Smalltalk von vielen gewesen war. Aufmerksam lauschte ich seinen gleichmäßigen Atemzügen.
Für einen Augenblick beneidete ich ihn. Dafür, dass es für ihn so einfach war. Dafür, dass es nicht an ihm nagte. Dafür, dass es ihm nicht den Schlaf raubte. Aber ich wollte diesen einfachen Weg nicht gehen. Auch wenn es hieß, eine schwere Entscheidung zu treffen. Wobei… Vielleicht hatte ich die Entscheidung schon längst getroffen. Das heutige Gespräch hatte es möglicherweise nur offensichtlich gemacht.
Da lag ich nun, Seite an Seite mit einem Mann, mit dem ich die letzten zehn Jahre meines Lebens verbracht hatte. Der mir oft so nah gewesen war wie kein anderer Mensch in meinem Leben. So nah, dass es weh getan hatte, wenn er nicht da war.
Jetzt tat es auch weh. Doch jetzt war der Grund der, dass wir uns im selben Raum befanden und ich trotzdem das Gefühl hatte, dass er nicht da war. Diese Tatsache schmerzte. Sie schmerzte unendlich. Die Erkenntnis, dass diese Beziehung vielleicht keine Zukunft mehr hatte, zerriss mir das Herz. Aber ich wollte es noch einmal versuchen. Das war ich uns beiden schuldig.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 16007

Big Girls Cry

(inspired by Sia’s Song)

„Was heißt, die Verkaufszahlen stagnieren? Das Memo aus der Vertriebsabteilung weist ein Plus von 2,1% aus! Nennst du das Stagnation? Soll ich dir das Wort erklären?“, Susan telefonierte mit ihrem Vorgesetzten, während sie die Treppen zu ihrem Appartement hochging. Ihre Stimme war schrill.
Es war bereits nach neun Uhr abends. Ein anstrengender 12-Stunden-Arbeitstag lag hinter ihr. Unterwegs hatte sie noch Brot, Milch und Katzenfutter besorgt. Ihr Kopf dröhnte. Das Geplapper ihres Chefs war da nicht hilfreich.
„Ich kann mir dir reden, wie ich will, Charlie! Durch wen hast du denn diesen Scheiß-Posten überhaupt bekommen? Denk mal nach! Und jetzt lies dir das Memo nochmal richtig durch und quäl mich morgen wieder! Adios!“ Sie beendete das Telefonat und suchte in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel.

Um den Tag perfekt zu machen, riss die Einkaufstüte, und die Lebensmittel fielen auf den Boden. Die Milchpackung platzte auf und übergoss das Brot. Ihre Business-Hose und ihre Schuhe waren mit Milch vollgespritzt. „Verdammte Scheiße!“, schrie Susan genervt und trat mit voller Wucht gegen ihre Tür.
Joe, ihr Nachbar, öffnete vorsichtig seine Tür und beobachtete die Szene. Susan stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf vor ihrer Tür und atmete tief ein und aus. Er sah das Chaos vor ihrer Tür und griff nach dem Müllsack, den er gerade raus zur Tonne bringen wollte.
„Schätzchen, beruhig dich. Aufregen hat doch keinen Sinn. Ich mach das hier sauber. Geh rein und lass dir ein Bad ein oder mach dir einen Drink. Ich glaube, du hast sowas notwendig“, sagte Joe mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Er war bereits im Rentenalter und eine gute Seele.

Susan drehte sich um und musste lächeln. Sie freute sich immer, wenn sie ihn sah. Er strahlte so viel Ruhe und Gelassenheit aus, dass sie sich oft wünschte, sie könnte sich ein paar Scheibchen davon abschneiden. Um ihre Probleme besser handeln zu können.
„Hallo Joe. Das ist echt nicht notwendig“, begann Susan, aber Joe stoppte sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Nichts da, Kleines. Sieh zu, dass du reinkommst und abschalten kannst. Keine Widerrede!“ Seine autoritäre Tonlage duldete keinen Widerspruch. Susan strich ihm kurz dankend über die Schulter und hob anschließend ihre Tasche und das Katzenfutter vom Boden auf.
Joe hatte unterdessen das Brot und die Milchpackung aufgelesen und in seinen Müllsack katapultiert. Dann schob er Susan sanft aber bestimmt Richtung Tür. „Jetzt mach schon. Schönen Abend, Susan“, meinte er freundlich und nickte ihr zu.

Sie öffnete die Wohnungstür. „Ich danke dir, Joe. Ich wünsch dir auch einen schönen Abend!“, sagte sie leise und schloss die Tür hinter sich. In der Wohnung war es für einen Moment still. Im nächsten Augenblick wurde das Vorzimmer von einem lauten Schnurren beherrscht. Maggie, ihre Katze, hatte sich vom Wohnzimmer aus aufgemacht, um Susan wie jeden Abend freundlich zu begrüßen. Oder sie hatte einfach nur Hunger. Wahrscheinlich Letzteres.
„Dein Futter hat es bis hierher überlebt, Süße. Im Gegensatz zu meinem“, sagte sie und hob Maggie hoch, um sie zu streicheln. Das Ritual war Pflicht. Maggie war eine Schmusekatze. Nach so einem Tag wie heute war ihr Schnurren wie Balsam.
Susan gab ihr einen Kuss auf den Kopf und ließ Maggie wieder auf den Boden hüpfen. Sie schmiss ihre Handtasche in eine Ecke des Vorzimmers, die Schuhe flogen in hohem Bogen nach, als sie sie auszog. Anschließend folgte sie ihrer Katze in die Küche, die dort bereits sehnsüchtig vor ihrem Futternapf wartete. Susan versorgte ihre kleine Mitbewohnerin, wie es sich für Katzenpersonal gehörte.

Danach wanderte sie ins Badezimmer. Vor dem Badezimmerspiegel musterte sie sich aufmerksam. Sie war Anfang 30, durchschnittlich hübsch. Wusste, wie sie ihre Vorzüge betonen konnte, ohne niveaulos zu wirken.
Sie tat es nicht gerne. Ihre Vorzüge betonen. Aber das mittlere Management ihrer Firma bestand aus neun Männern und einer Frau - das war sie. Man ließ ihr oft keine Wahl - in einer von Männern dominierten Welt mussten Frauen ihre eigenen Waffen benutzen.
Susan blickte sich selbst in die Augen. Ihr Blick war müde, leer, ausgebrannt. Im Job war sie täglich gefordert, war tough, musste wichtige Entscheidungen treffen. Sie dachte auch zu Hause über dienstliche Angelegenheiten nach. Entscheidungen, die zu treffen waren, To-dos für die nächsten Tage.
Dass sie abends auf der Couch E-Mails beantwortete oder Termine verschickte, war in den vergangenen Wochen tägliche Routine geworden. Abschalten war ein Fremdwort. Das funktionierte maximal am Wochenende.
Sie war zwar seit jeher karrierebewusst gewesen, hatte aber früher immer auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance geachtet. Um mehr Zeit für ihre Beziehung mit Robert zu haben, mehr Zeit für ihre Familie, Freunde, für sich selbst.
Aber Robert war weg. Hatte nach fünf Jahren Schluss gemacht. Und die meisten ihrer Freunde mitgenommen. Es gab kaum noch jemanden, der sich bei ihr meldete. Sie hatten sich alle für seine „Seite“ entschieden. Ihre Familie sah sie nun meistens an den Wochenenden. Und für sich selbst? Brauchte sie keine Zeit. So dachte sie zumindest.

Susan schlüpfte in eine schlabbrige Jogginghose und ihr Schlafshirt, erlöste ihre Haare aus dem französisch geflochtenen Zopf und bürstete sie durch. Danach ging sie zurück in die Küche.
Sie fand im Kühlschrank noch ein paar Himbeeren und ein Jogurt. Beides schüttete sie in eine Schüssel, wusch einen bereits benutzten Löffel schnell ab und ging mit diesem Abendessen ins Wohnzimmer, um sich auf die Couch zu setzen. Sie schaltete den Fernseher an und stellte den Ton aus, danach platzierte sie den Laptop auf ihrem Schoß.
Während der Laptop startete, aß sie ihr Himbeerjogurt und starrte durch den Fernseher hindurch. Es war ein einsames Leben, in dem sie momentan festsaß. Ihr Job war ihr neuer Liebhaber geworden. Obwohl sie nie so werden wollte. Aber etwas anderes war da nicht, in ihrem Leben.
Sie vermisste ihn. Er wollte sich selbst finden, hatte er damals gesagt. Sich klar werden, was er von der Welt und sich selbst erwartete. Dazu musste er allein sein. Und hatte damit Susan automatisch dazu verdonnert, ebenfalls allein zu sein.
Susan hatte sich die Trennung nicht großartig anmerken lassen. Im Büro wussten es nicht viele. Persönliche Dinge erzählte sie nur einer Handvoll Kollegen, mit denen sie sich wirklich gut verstand.

Sie blinzelte und sah sich die Bilder bewusst an, die über den Fernsehschirm flimmerten. Nachrichten. Das übliche. Arbeitslosigkeit, Bildungsproblem, Vorwahlen. Das Wetter. Das Brummen ihres Smartphones ließ sie aufzucken. Das LED-Licht blinkte. Eine neue Nachricht.
Es war sechs Wochen her, dass er sie verlassen hatte. Und trotzdem ließ jedes Kommunikationsmedium ihr Herz schneller schlagen. Ein kleiner Teil von ihr hoffte nach wie vor, dass Robert wieder Kontakt aufnahm. Dass er reumütig zurückkehren würde. Dass er erkannt hatte, was für ein Idiot er gewesen war, die Beziehung zu beenden.
Susan stellte die mittlerweile leere Schüssel auf den Couchtisch und räusperte sich, während sie das Smartphone in die Hand nahm. Sie hielt die Luft an, als sie das Display aktivierte. Neue SMS von Charles Berry. Charlie. Ihr Chef. „Du hattest Recht. Sorry. CU“
Genervt schmiss sie das Smartphone in die andere Ecke der Couch und widmete sich ihrem Laptop. Vollidiot. Und so etwas war ihr Vorgesetzter. Ihr Herzschlag normalisierte sich wieder. Sie öffnete das Mailprogramm. Zwölf ungelesene Nachrichten in der letzten Stunde. Susan starrte auf die Tastatur.
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Was machte sie hier eigentlich? Wer dankte es ihr, dass sie hier saß und weiterarbeitete? In ihrer Freizeit? Bezahlt bekam sie die Stunden, die sie allein hier auf ihrer Couch verbrachte, natürlich nicht. Obwohl ihr das Geld eigentlich egal war.

Sie brauchte Ablenkung. Damit ihre Gedanken nicht 24 Stunden lang um Robert kreisten. Susan spürte, wie ihre Augen glasig wurden. Sie versuchte, ihre Augen aufzureißen und die Tränen zurückzudrängen, aber es gelang ihr nicht.
Also war es heute wieder so weit. Sie sackte in sich zusammen und schloss die Augen. Den Laptop zog sie blindlings von ihren Beinen und legte ihn neben sich auf die Couch. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Leise schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in einem der Zierkissen.
Mindestens drei oder vier Abende in der Woche gewannen die Emotionen Oberhand. Susan ließ es zu. Sie war allein, nur ihre Katze beobachtete sie dabei, wie sie in Tränen aufgelöst auf der Couch oder im Bett lag und vor sich hin schluchzte. Es tat gut, diese Gefühle rauszulassen. Zumindest für den Moment.

Es hätte alles so toll laufen können. Sie war im Job erfolgreich, angesehen, und hatte eine funktionierende Beziehung. Dachte sie zumindest - bis vor sechs Wochen. Seit dem Tag, als Robert seine Sachen gepackt und ausgezogen war, stand sie neben sich.
Ihr ganzer Lebensrhythmus war durcheinandergeraten, und sie hatte nicht das Gefühl, dass sie sich jemals wieder fangen würde. Es war verrückt, wie ein einzelner Mensch so viel Einfluss haben konnte - obwohl er gar nicht mehr hier war.
Vor ihren geschlossenen Augen tanzten Sterne, so fest drückte sie das Kissen gegen ihr Gesicht. Die Kopfschmerzen wurden immer stärker. Aber die Tränen, die Erschöpfung, die Wut, die Ratlosigkeit... das alles musste raus.
War es ein Zusammenbruch? Vielleicht. Ein kleiner. Irgendwann mussten diese Gefühle ja raus. Susan sprach kaum über ihren Gemütszustand. Es ging auch keinen etwas an. Der eine oder andere, der sie besser kannte, vermutete, dass es ihr nicht gut ging. Aber es sprach sie keiner darauf an. Wie gesagt. Es ging niemanden etwas an.

Susan hob langsam ihren Kopf und öffnete die Augen. Sie sah auf das Zierkissen, das Spuren von ihrer Mascara und dem Tages-Make-up abbekommen hatte. War auch nicht das erste Mal. Sie zupfte ein Taschentuch aus dem Behälter, der auf der Couchlehne stand.
Während sie sich die Nase putzte, stupste Maggie sie vorsichtig am Ellbogen an und schnurrte. Sie war satt, hatte ihre Katzenhygiene abgeschlossen und wollte nun weiter ihre Streicheleinheiten. Vielleicht merkte sie aber auch, dass Susan Ablenkung brauchte und gab nicht auf, bis Susan sie auf ihren Schoß stellte und anfing, mit beiden Händen zu kraulen.
Sie musste lächeln. Maggie war sehr anhänglich. Manchmal fast schon zu anhänglich. Aber an Tagen wie diesen war es genau das, was sie brauchte. Nicht auszuhalten, wenn sie die letzten Wochen heimgekommen wäre und es wäre nicht mal ihre Katze dagewesen. Dann hätte sie wahrscheinlich seit Ewigkeiten die Wohnung nicht verlassen oder angefangen, im Büro zu schlafen.
Diese Gedankenräder. Es war immer wieder ein Hin und Her. Trauer über die verlorene Zeit. Optimismus, einen neuen Mann zu finden, der sich selbst gefunden hatte und wusste, was er wollte. Sehnsucht nach Robert, seiner Stimme, seinen Zärtlichkeiten. Der Vorsatz, eine Zeit lang alleine bleiben zu wollen, eine egoistische Phase zu haben. Die Erkenntnis, dass sie sich trotz allem in den letzten Tagen öfter dabei ertappt hatte, auch anderen Männern nachzublicken.

Susan lag seitlich auf der Couch, vor ihr schmiegte sich Maggie an ihre Brust und schnurrte entspannt. Sie streichelte die dösende Katze zärtlich und beobachtete, wie sie langsam einschlief. Das Schnurren wurde leiser, und hörte schließlich ganz auf. Sie schlief. Im Gegensatz zu Susan. Ihre Augen, ihr Körper, waren müde - aber ihr Geist arbeitete fast durchgehend und ließ einen erholsamen Schlaf nicht zu.
Ihr Blick schweifte wieder Richtung Fernseher. Bedingt durch die Tränen, die immer noch flossen, nahm sie nur verschwommen wahr, welche Sendung lief. Irgendeine Sitcom, wahrscheinlich die hundertste Wiederholung einer alten Staffel. Susan seufzte und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher wieder abzuschalten.
Vorsichtig setzte sie sich auf, um ihre Katze beim Schlafen nicht zu stören. Maggie riskierte ein kurzes Blinzeln und breitete sich dann auf der Couch aus, um weiterzuschlafen. Susan stand auf und brachte das Geschirr in die Küche. Anschließend ging sie nochmal ins Badezimmer.
Wieder stand sie vor dem Spiegel und betrachtete sich. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht geschwollen und das Make-Up verschmiert. Da stand sie. Allein. Traurig. Zornig. Enttäuscht. Hilflos. Sie drehte das kalte Wasser auf und wusch sich die Hände. Anschließend beugte sie sich hinunter und fing an, sich das Gesicht zu waschen.
Das kalte Wasser tat ihren erhitzten Augen und Wangen gut. Sie schöpfte das kühle Nass und tauchte ihr Gesicht ein. Ein Blick in den Spiegel ließ sie erkennen, dass ihr das Wasser guttat. Die Schwellungen fingen an, sich zurückzuziehen. Automatisiert erledigte Susan ihre Abendhygiene mit Reinigungswasser und Nachtcreme, putzte sich wie von fremder Hand gesteuert die Zähne.

Der Weg ins Schlafzimmer war nicht weit. Susan trottete zu ihrem Bett und ließ sich darauf fallen. Zudecken musste sie sich nicht, ihr war nicht kalt. Sie starrte an die Decke. Keine Gedanken. Alles mit dem Make-up und der Zahnpasta in den Abfluss gespült.
Das Fenster war gekippt, von draußen hörte sie den Straßenmusiker, den sie vorhin an der Ecke ihres Appartementhauses hatte stehen sehen. Er hatte eine angenehme Stimme, und sang von Liebe und Schmerz. Wie passend.
Susan schloss die Augen. Auf Basis der Melodie des Straßenmusikers zuckten Bilder vor ihrem inneren Auge. Erinnerungen. Schöne. Aber auch böse. Sie atmete ruhig ein und aus. Irgendwann überfiel sie der Schlaf, und sie träumte. Von einem entspannten Urlaub am Strand. Auf einem Sonnen-Liegeplatz für zwei. Sie kuschelte sich an ihn. Die Sonne schien, sie roch sein Aftershave, es ging ihr gut.
Sie fuhr mit dem Finger über seinen Bauch und zog kleine Kreise. Er strich zärtlich mit seinen Fingern über ihren Rücken. Sie schien glücklich. Gerade als sie den Kopf hob und ihm ins Gesicht sehen wollte, gab es einen lauten Krach. Sie wachte auf. Für einen Moment sah sie sich irritiert um. Es war Nacht. Es war kühl. Sie lag in ihrem Bett. Allein.

Susan hörte ein leises Schleckgeräusch. Anscheinend hatte Maggie die Jogurtschüssel in der Küche entdeckt und hatte sie vom Tisch runtergeschoben. Der Krach, als die Schüssel am Fliesenboden aufgeschlagen war, hatte sie wohl geweckt.
Sie seufzte leise und sah auf den Radiowecker. Kurz nach drei Uhr morgens. Sie hatte zur Abwechslung wirklich ein paar Stunden am Stück schlafen können. Ihre Hände tasteten im Dunkeln ihr Gesicht ab. Die Schwellungen waren zurückgegangen, auch ihre Kopfschmerzen waren verschwunden.
Umständlich zerrte sie ihre Decke unter sich hervor und kuschelte sich darin ein. Danach schloss sie wieder die Augen. Vielleicht konnte sie noch einmal weiterschlafen. Ihr Innenleben hatte sich beruhigt. Sie hatte wieder einen klareren Kopf als noch vor ein paar Stunden. Das war doch ein gutes Zeichen.
War sie erfolgreich? Ja. War sie glücklich? Nein. Würde sie wieder glücklich sein? Ja. Irgendwann. Sicher. Das Leben ging weiter. Ein schwaches Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, bevor sie wieder einschlief. Sie war schließlich ein großes Mädchen. Und auch große Mädchen weinen. Manchmal.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 16005

Life, Teil 1

(inspired by TWD)

Leere. Unendliche Leere. Das war alles, was sie in diesem Moment fühlte. Sara starrte auf die Wasseroberfläche des Indoor-Pools, der sich vor ihren Augen über das halbe Untergeschoss des verlassenen Einfamilienhauses erstreckte.
Es war still hier unten. Die anderen durchsuchten das Obergeschoss des Hauses nach Kleidung. Konserven. Waffen. Das Haus schien sicher zu sein. Fürs Erste. Sie hatten schon seit ein paar Stunden in Ruhe marschieren können. Sara ging in die Knie und ließ eine Hand langsam durch das Wasser gleiten. Es war angenehm. Der Raum war friedlich. Das Wasser schlug leise gegen den Beckenrand.

Das Haus wirkte noch fast bewohnt. Etwas unordentlich. Die Bewohner mussten bis vor Kurzem noch hier gewesen sein. Vielleicht hatten sie flüchten können. Sara wünschte es ihnen. Ohne sie je gekannt zu haben. Sie schloss die Augen, senkte den Kopf und atmete tief durch. Ein Schluchzen durchbrach ihre Atemzüge.
Dieses Sterben war so sinnlos. Seit einem knappen Jahr war ihre Gruppe unterwegs und kämpfte ums Überleben. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Sie kämpften gegen die Jahreszeiten, gegen wilde Tiere. Aber was viel schlimmer war: Sie mussten gegen andere Menschen kämpfen.
Da waren jene, die ihre Vorräte wollten. Und da waren die anderen. Die nicht mehr sie selbst waren. Seit der Virus ausgebrochen war. Die Menschen starben. Standen wieder auf und machten sich auf die Suche. Nach anderen Menschen. Die sie fressen konnten. Untote Kannibalen. Nicht vorstellbar - und doch war es Realität geworden.
Der Kern der Gruppe war seit Anbeginn der Apokalypse zusammen. Zu Beginn waren sie acht gewesen - Rick und Lori, Daryl, Carol und Sofia, Glenn, Luke und Sara. Sie waren der Seuche entronnen und schlossen sich zusammen. Alleine war die Überlebenschance gleich null. Drei von ihnen hatten es trotzdem nicht bis hierher geschafft.
Dafür hatten sich andere der Gruppe angeschlossen. Momentan waren sie zehn Personen. Das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft musste groß sein, um das Überleben aller garantieren zu können. Wobei - eine Garantie gab es nie.

Heute war ein schlechter Tag für Sara. Einer jener Tage, an denen selbst sie die Zukunft der Menschheit hinterfragte. Wo das alles hinführen sollte. Was aus den Überlebenden werden sollte. Menschheit ... Die Definition des Wortes musste wohl neu überdacht werden.
Sara war sonst immer diejenige, die die Köpfe der anderen wieder aufrichten konnte. Ihr Optimismus und ihre Fröhlichkeit waren ihre Markenzeichen. Sie schien mit allen gut auszukommen, denn sie wusste, wie sie den Menschen begegnen musste. Es war eine Gabe, sich auf andere Menschen einstellen zu können - ohne sich dabei zu verstellen.

Aber heute war es anders. Heute benötigte Sara jemanden, der ihr sagte, dass das alles nicht umsonst war. Dass es einen Sinn machte, in diesem Chaos weiterzuleben. Sie hing in einem Tal der Hoffnungslosigkeit fest. Vorgestern hatten sie wieder zwei aus ihrer Gemeinschaft verloren. Greg und Suzie waren gebissen worden. Das hieß, dass sie selbst zu Monstern mutierten. Ein Pärchen, gerade mal Anfang 20.
Sara erinnerte sich daran, wie sie in diesem Alter gewesen war. Es war noch nicht allzu lang her, nur ein paar Jahre. Und doch erschien es ihr wie eine Ewigkeit. Freitagabend mit Freunden ausgehen, ein romantisches Essen mit ihrem Freund, Heiligabend mit ihren Eltern und ihrem Bruder Luke.
Ihre Eltern hatten das alles Gott sei Dank nicht mehr miterleben müssen. Sie waren beide ein paar Monate vor dem Virusausbruch bei einem Autounfall gestorben.

Luke hatte sie drei Monate, nachdem sich die Gruppe gemeinsam auf den Weg gemacht hatte, einen sicheren Ort zu finden, bei einem Angriff verloren. Er wollte sie schützen. Und fiel dabei den Beißern in die Arme. Er konnte sich befreien, aber die Bisse, die er davongetragen hatte, ließen der Gruppe keine Wahl.
Sara konnte sich noch von ihm verabschieden. Sie hielt ihn im Arm, als Luke, ihr Bruder, ein Mensch, starb. Betete, dass seine Seele friedlich den Weg zu ihren Eltern finden würde. Sie hielt ihn so lange im Arm, bis sich der Körper wieder zu regen begann.
Das war nicht mehr Luke. Sein Körper, ja. Aber das, was Luke ausgemacht hatte, sein Wesen, war weg. Das war nur noch ein tödlicher Virus, der sich leblose Körper zu eigen machte, um sich weiter zu verbreiten.
Rick wollte es tun. Doch Sara kam ihm zuvor. Sie griff mit Tränen im Gesicht nach ihrem Jagdmesser und rammte es ihrem Bruder in die Stirn. Es schien ihr in diesem Moment, dass sie sich das Messer in ihr eigenes Herz stieß. Sein Körper erschlaffte zum zweiten - und letzten - Mal.
Es konnten ihnen ganze Körperteile fehlen, das war egal. Doch wenn das Gehirn zerstört wurde, war das auch für diese Kreaturen das Ende.

Luke. Ihr Bruder. Er fehlte ihr. Sie waren immer eng verbunden gewesen. Er war ihr Held. Hatte auf sie aufgepasst. Die Tage nach seinem Tod waren es die anderen gewesen, die ihr Halt gegeben hatten. Die ihr Mut zugesprochen und sie beschützt hatten.
Fast jeder von ihnen hatte mittlerweile einen Verlust zu beklagen. Rick hatte seine Frau Lori verloren, Carol ihre Tochter Sofia. Daryl hatte auch seinen Bruder verloren, doch Merle war nie Teil ihrer Gemeinschaft gewesen.

„Den oberen Stock können wir verbarrikadieren. Wir bleiben heute hier“, hörte sie Rick dumpf im Obergeschoss rufen. Sara blinzelte geistesabwesend und starrte weiter in das Wasser.
Plötzlich spürte sie eine angenehme Nässe, die ihren Körper umschloss. Sie war in den Pool gefallen und trieb regungslos auf der Wasseroberfläche. Sie betrachtete die Fliesen am Grund des Pools. Das Wasser lief in ihre Ohren. Egal. Sie hielt die Luft an.
Eine seltsame Ruhe machte sich in ihrem Körper und ihrem Geist breit. Wie in Trance hörte sie ihrem eigenen Herz zu, wie es seinen Schlag verlangsamte. Das Wasser schlug sachte gegen ihren Körper. Sara atmete langsam und gleichmäßig aus. Die Luftblasen stiegen links und rechts neben ihrem Gesicht hinauf zur Wasseroberfläche.
Sara war bewusst, dass sie sich bewegen musste, um Luft zu holen. Aber sie schaffte es nicht. Sie war müde. Die Glieder schmerzten von den tagelangen Märschen und Nächten auf hartem Beton oder unwegsamem Gelände. Es war angenehm, leicht, im Wasser zu treiben. Sie war ruhig. Hatte nach wie vor nicht wieder eingeatmet.
Langsam merkte sie, wie der Atemreflex versuchte, wieder einzusetzen. Ein paar Mal tief unter Wasser einatmen, dann wäre es vorbei. Der ganze Schmerz, die Erinnerungen, das Leid. Alles wäre vergessen. Aber für die anderen wäre es nicht vorbei.
Sie würde zurückkehren. Vielleicht würde sie jemanden aus der Gruppe erwischen, bevor sie jemand töten konnte. Die jüngsten Neuzugänge waren noch nicht so trainiert in ihrer Verteidigung. Sie hatten sich monatelang in einer Firmenkantine verschanzt, bis sie von Rick und Glenn gefunden wurden.

Sara wusste, wie schwer es für jeden einzelnen war, ein Mitglied der Gemeinschaft an die Beißer zu verlieren. Auch wenn das Wesen, das getötet werden musste, nichts mehr mit dem ursprünglichen Menschen gemein hatte. Die meisten interpretierten das Notwendige mit Mord.
Mord in der Familie. Sie würde mit dieser Aktion einen aus der Gruppe dazu zwingen, wieder morden zu müssen. Das konnte sie nicht zulassen.
Da war er, der Überlebenswille. Sara versuchte sich mühevoll zu drehen, konnte sich aber nicht bewegen. Ihre Kleidung war mit Wasser vollgesogen und zog sie unter die Oberfläche. Ihre Arme klatschten auf das Wasser, um sich aufzurichten, aber sie schaffte es nicht.

Da bemerkte sie einen Schatten, kurz darauf sprang jemand neben ihr ins Wasser. Die Welle trug sie in die entgegengesetzte Richtung. Für einen Augenblick kam ihr Kopf über Wasser, sie konnte kurz einatmen und gurgelte etwas Unverständliches.
Wenn es ein Beißer war, musste sie weg. Sie versuchte zu schwimmen, kam aber nicht vom Fleck. Jemand packte sie an der Schulter und drehte sie mit Gewalt um. Sara holte tief Luft. Sie hatte bereits Wasser geschluckt und hustete es wieder aus.
Ein starker Arm umfasste ihre Taille von hinten. „Atme, Sara! Verdammt Sara, atme!“, rief ein Mann aufgebracht und schwamm mit ihr die wenigen Meter bis zu den Eingangsstufen des Pools.
Sie atmete ein paar Mal tief durch. Dann fing sie hemmungslos an zu weinen. Es war kein Beißer. Sie lehnte ihren Kopf gegen die Schulter ihres Retters. Ihre Sinne waren benebelt, sie erkannte ihn nicht.
Er setzte sich auf die oberste Stufe und hielt sie fest. Sara lehnte erschöpft zwischen seinen Beinen auf der Stufe unterhalb. „Ich wollte ... ich konnte nicht ... ich bin so ... müde ...“, murmelte sie verzweifelt. „Shhh“, sagte er leise und nahm seinen zweiten Arm zu Hilfe, um sie besser zu stützen.
Es überkam sie wieder ein Hustenanfall und sie erbrach Wasser. „Gut so, raus damit“, sagte er ruhig und wiegte sie leicht hin und her. Sie stöhnte auf stützte sich auf seinen Knien ab, um sich richtig auf die Stufe zu setzen.

Ihre Arme zitterten, sie brachte selbst kaum die Kraft auf. Er schien zu merken, was sie vorhatte, und half ihr. „Ich konnte es nicht ...“, sagte sie wieder und schluchzte auf. „Was?“, fragte er leise.
Sie richtete sich auf und versuchte sich zu beruhigen. „Es beenden. Ich hätte jemanden von euch erwischen können. Bevor ihr mich getötet hättet. Das hätte ich mir nie verzeihen können. Auch wenn ich dann nicht mehr ich selbst bin“, antwortete sie. Sara rieb sich die Augen, die vom Chlor brannten.
„Kleiner Tipp am Rande: Besorg dir eine eigene Pistole. Ein Schuss. In den Kopf. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Du bist tot und wir haben keine Arbeit. Aber glaub bloß nicht, wir hätten uns von deiner ersoffenen Beißerleiche erwischen lassen.
Kannst dich doch sowieso nicht anschleichen. Ich hätte dich auf zehn Meter Entfernung gehört“, erklärte er trocken.

Sara musste lächeln. Zu so einer Antwort war nur einer fähig. Am Beckenrand sah sie seine Armbrust auf den Fliesen liegen. Sie drehte sich um und sah Daryl.
„Hi“, sagte er leise und nickte ihr leicht zu. „Hi“, flüsterte sie. „Ich hätte dich getötet. Das weißt du, oder“, meinte er und sah ihr in die Augen. Seine Worte mussten einem Außenstehenden kalt und emotionslos erscheinen. Doch sie wusste, wie er es meinte.
„Ja“, erwiderte sie mit zitternder Stimme. „Ich hätte es gehasst. Aber ich hätte es getan“, erklärte Daryl. Saras Mundwinkel zuckten. Sie wollte nicht wieder weinen. Sie nickte kurz und heftig. „Ich weiß. Du willst niemanden mehr verlieren“, sagte sie und atmete tief durch.

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich will niemanden mehr verlieren“, wiederholte er ruhig Saras Worte. Sein Blick wirkte besorgt. „Ich ... Die Gruppe darf dich nicht verlieren“, ergänzte er.
Sara hielt kurz die Luft an und blinzelte. Wassertropfen liefen über ihr Gesicht und vermischten sich mit den Tränen auf ihren Wangen.
Sie sah ihn fragend an und zog die Augenbrauen zusammen. Hatte er gerade „Ich darf dich nicht verlieren“, sagen wollen? „Sara. Codename Sunshine. Wenn wir dich sehen, schöpfen wir neuen Lebensmut. Trotz der ganzen Scheiße hier. Die Sonne geht auf. Sara sagt, es wird ein schöner Tag. Wir erledigen Beißer. Sara hofft auf ihren Seelenfrieden. Vogelbabys fallen aus ihrem Nest. Sara setzt sie wieder zurück. Ich würde das Federvieh nicht mal sehen. Und alles passiert mit einem Lächeln auf den Lippen“, erklärte er sanft. Er blickte kurz auf ihre gleichmäßig geformten Lippen und fuhr mit einem Daumen kurz darüber, um die Wassertropfen darauf wegzuwischen.

Es tat ihm weh, sie leiden zu sehen. Sie hatte sich seit ihrem ersten Aufeinandertreffen stark verändert. Sie hing damals an ihrem Bruder, ließ ihm den Vortritt, stand in seinem Schatten. Luke war in Ordnung gewesen, hatte sich um sie gekümmert.
Aber er hatte nie versucht, Sara aus dieser passiven Rolle herauszuholen. Sie war stark. Ein Fels in der Brandung. Sie war optimistisch. Sie sah in jedem das Gute, ließ sich aber nicht blenden.
Mit Hilfe ihrer Menschenkenntnis hatte Rick schon einige Male die im Nachhinein betrachtet richtige Entscheidung für die Gruppe treffen können, als sie auf andere Überlebende trafen. Sie wusste, wie Daryl tickte, und akzeptierte ihn, wie er war. Sie konnte Geheimnisse bewahren, die sonst niemand wusste. Das mochte er an ihr.
Die letzten Monate war sie ihm ans Herz gewachsen. Er zeigte seine Gefühle nicht offen, das hatte er nie gelernt. Schon gar nicht Frauen gegenüber. Er war ohne Mutter oder Schwester groß geworden. Dafür mit einem Vater, der trank und seinen Bruder und ihn misshandelt hatte.
Diese Gruppe war das, was einer Familie am nächsten kam, selbst als sein Bruder noch lebte. Merle hatte sich mit den falschen Leuten umgeben. Als ihn die Beißer erwischten, beendete Daryl sein Dasein. So hatten sie beide, Daryl und Sara, ihre Brüder verloren - getötet mit ihren eigenen Händen.

Sara war durcheinander. Sie wusste, dass Daryl ein zynischer Einzelgänger war. Innen drin jedoch genauso verletzbar wie alle anderen. Aber diese Seite zeigte er so gut wie nie. Sie verlangte es auch nicht oder manipulierte ihn dazu, sie zu zeigen. Das letzte Mal war es aus ihm herausgebrochen, als er Merle getötet hatte.
„Keine Ahnung, wie du das immer schaffst, aber es ist cool“, flüsterte er und lächelte leicht. Das kam auch nicht oft vor bei ihm. Aber wenn es jemand schaffte, dann war es Sara. „Pass auf dich auf und bleib bei uns. OK?“, fragte er und sah ihr fordernd in die Augen.
Sie nickte leicht und sah nach unten. Er gab ihr einen brüderlichen Kuss auf die Stirn. Wie er es schon oft getan hatte. Aber diesmal war es anders. Er hielt kurz inne und wanderte dann langsam ihr Gesicht entlang, seine Nasenspitze streifte ihre Wange.
Sara schloss die Augen. Trotz der nassen Kleidung war ihr nicht kalt. Sie spürte ebenfalls, dass die Stimmung anders war als sonst. Sie mochte Daryl. Vor der Apokalypse wären sie sich wahrscheinlich nie begegnet.
Er war ehrlich und geradlinig. Er akzeptierte Rick als Chef der Gruppe und stand ihm loyal zur Seite. Er achtete auf die Schwächeren der Gruppe. Sie wusste, dass jeder Verlust auch innerlich an ihm nagte.
Sie spürte seinen Atem auf ihrem Mund und merkte, dass er zögerte, sie zu küssen. Sie öffnete kurz ihre Augen und sah direkt in seine. Sein Blick wechselte immer wieder kurz zu ihrem Mund.

Er spürte eine seltsame Unruhe in seiner Brust, sein Hals schien sich zu verengen. Etwas hielt ihn zurück, sich die letzten Zentimeter vorzubeugen.
Auch Sara hatte den Wunsch, ihn zu küssen. Aber sie wollte nicht, dass ihre Beziehung sich dadurch veränderte. Sie mussten sich aufeinander verlassen können, Beziehungsstress konnte sich in diesen Zeiten niemand leisten.
Sie streckte sich ihm entgegen und küsste ihn leicht auf seine Wange. Dann umarmte sie ihn und drückte ihn so eng an sich, wie es ihre geschwächten Arme zuließen. Daryl vergrub seinen Kopf in ihrer Halsbeuge, schloss die Augen und streichelte ihren Rücken.
Sie genoss seine Berührung, seine warmen Hände strahlten durch die feuchte Kleidung auf ihre Haut. Auch er empfand ihre Umarmung als angenehm, beruhigend, in einer gewissen Art sogar beschützend.
Saras Kopf war wie leergefegt. Keine schwermütigen Gedanken. Nur dieser Moment. Diese Umarmung. So langsam ihr Herz kurze Zeit zuvor noch geschlagen hatte, so kräftig und schnell pulsierte es in diesem Augenblick. Ja. Sie war am Leben. Und sie wollte leben. Weiterleben. Mit Daryl und den anderen. Ihrer Familie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit trennten sie sich voneinander. Sie sah ihn an und merkte, wie er sich wieder verschloss. Er sah an ihr vorbei Richtung Treppenhaus, sein Körper spannte sich an und er ging auf Abstand. Sie nahm es ihm nicht übel. Sie hörte die zwei Neuen die Treppe hinunterpoltern und stand vorsichtig auf.

„Was zum Teufel ist denn hier passiert?“, rief Alex neugierig und blieb am anderen Ende des Pools gemeinsam mit Andy stehen. „Ich wollte mich umbringen und hab mich ins Wasser gestürzt. Daryl hat mich wieder rausgezogen“, erklärte Sara ruhig und sah die beiden an. Daryl saß noch immer hinter ihr und beobachtete die zwei Burschen still.
„Komm schon, Sunshine. Rede keinen Blödsinn. Wieso solltest du dich umbringen wollen?“, fragte Andy und schüttelte den Kopf. Sara senkte kurz den Kopf und drehte sich leicht zu Daryl. „Da sagt man mal die Wahrheit und es glaubt einem keiner“, murmelte sie. Daryl verzog den Mund, um ein Grinsen zu unterdrücken, und stand ebenfalls auf.
„Dann gib’s halt zu, Sara“, begann Daryl und räusperte sich. „Sie ist über ihre eigenen Beine gestolpert, ausgerutscht und reingefallen. Ich hab sie rausgezogen“, erklärte Daryl in seiner ernsten Art. Die alternative Begründung erschien den beiden glaubhafter.

Alex und Andy machten sich über Sara lustig. Sara stieg langsam an Daryl vorbei aus dem Wasser und hielt sich dabei an seinem Oberarm fest. Einen Moment länger als notwendig verweilte ihre Hand an der Stelle, bevor sie weiterging. Daryl folgte ihr mit einigen Schritten Abstand und beobachtete sie.
Sie war noch wackelig auf den Beinen, schien sich aber wieder beruhigt zu haben. Er überlegte, ob er sie hätte küssen sollen. Obwohl: Dieser Moment hatte ihre Beziehung in jedem Fall verändert. Irgendetwas war anders.
Bei seiner Armbrust angekommen, hob Sara sie schwerfällig auf und zielte in die Richtung der beiden Jungen. „Ihr macht euch jetzt mal nützlich und sucht mir eine bequeme Schlafmöglichkeit da oben. Ich bin älter, mir steht ein Bett zu. Oder zumindest eine Couch. Wenn es breit genug ist, teile ich auch. Ausnahmsweise. Macht schon, sonst jage ich euch Pfeile in den Hintern!“, sagte sie gespielt streng und ging langsam auf Alex und Andy zu.
„Yes, Ma‘am!“, riefen beide lachend und liefen zurück zu den anderen, um ihnen Saras Missgeschick brühwarm zu erzählen. Und hoffentlich eine Schlafmöglichkeit zu reservieren. Sara drehte sich um und hielt Daryl die Armbrust hin. „Du hast da was fallen lassen, Robin Hood“, lächelte sie ihn an. Er nahm ihr die Armbrust ab und schulterte sie.

„Sehen wir zu, dass wir trockene Sachen auftreiben. Sonst krepieren wir an einer harmlosen Grippe und die anderen müssen uns beide abknallen. So habe ich mir meinen Abgang nicht vorgestellt“, sagte Daryl und deutete Richtung Stiegenaufgang.
Sara nickte. „Dann wäre die ganze Aktion hier umsonst gewesen. Zumindest was mich angeht“, sagte sie sarkastisch und ging voraus. Vor den ersten Stufen drehte sie sich noch einmal um. Er blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an.
„Andererseits hast du seit Langem wieder mal sowas wie eine Dusche abbekommen. Ich finde, das war es wert“, kicherte sie leise, zwinkerte ihm zu und ging dann langsam die Stufen hoch. Er sah ihr nach und grinste.
Sie war immer noch dieselbe. Davon war er überzeugt. Aber irgendetwas war anders – doch anders hieß nicht zwingend schlechter. Das hatte sie ihn in den letzten Monaten gelehrt.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 15155

Spark

(inspired by TWD)

„Hey. Wie sieht's aus?“ Maggie stand in der Tür des Wachturms. Aleks stand mit dem Rücken zu ihr und beobachtete den Zaun und das Gelände dahinter in östlicher Richtung. „Mhm. Es werden wieder mehr. Wir müssen uns auf einen Schub gefasst machen.“ Aleks drehte sich um und nahm ihr Gewehr. Dann lächelte sie Maggie kurz an.
„Ich gehe runter und helfe am Zaun weiter.“ Maggie stellte sich Aleks in den Weg und verschränkte die Arme. Aleks blieb überrascht stehen. „Was soll das?“, fragte sie verständnislos. „Aleksandra, du musst mal wieder schlafen. Du bist seit 24 Stunden wach. Geh essen und schlaf dich aus!“, sagte Maggie ruhig und sah Aleks in die Augen.

Aleks sah wieder hinaus zum Zaun und seufzte. Maggie war ein paar Jahre jünger als sie, und mittlerweile wie eine kleine Schwester. Aleks hatte sich der Gruppe angeschlossen, kurz bevor sie das Gefängnis entdeckten. Gemeinsam konnten sie es von den Beißern befreien und hatten sich hier niedergelassen. Seit über einem Jahr waren sie bereits hier. Die zweifache Absperrung mit den Gitterzäunen bot ihnen guten Schutz.
Innerhalb der Gruppe hatte jeder einen Aufgabenbereich. Aleks war keine geborene Hausfrau. Sie ging mit den Männern hinaus, um Lebensmittel und Medikamente aufzutreiben und die Gegend zu erkunden. Oder sie übernahm einen der Wachposten innerhalb des Geländes.
Aleks war kräftig und konnte gut schießen. Carol hatte ihr beigebracht, noch besser mit dem Jagdmesser umzugehen. Das war unverzichtbar, wenn man im Nahkampf Beißer ausschalten musste. Sie war aber nicht gemacht für Babysitting, Kinder- oder Altenbetreuung. Sie hatte sich zwar in die Gemeinschaft eingegliedert, aber ihr sozialer Kontakt mit den anderen war eher zurückhaltend. Nach wie vor.
Maggie beobachtete sie. Sie wusste, dass Aleks eine Einzelgängerin war. Kein Mensch großer Worte. Aleks war sich ihrer Aufgaben bewusst und erledigte sie. Ohne zu fragen. Sie war eine Stütze für die Gruppe. Trotz ihrer introvertierten Art wurde sie von allen in der Gruppe geschätzt.

Aleks musste sich eingestehen, dass Maggie Recht hatte. Sie war vorhin im Stehen kurz eingenickt. Das durfte nicht wieder passieren. Sie schloss kurz die Augen und nickte dann. „In Ordnung. Aber am Zaun sage ich noch Bescheid. OK?“, sagte sie ergeben und schulterte ihr Gewehr.
Maggie lächelte und machte den Weg frei. „Gutes Mädchen“, grinste sie. „Soll ich Glenn dann raufschicken?“, fragte Aleks grinsend und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. „Mach, dass du weiterkommst“, rief Maggie lachend und klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter.
Aleks hob zum Gruß kurz die Hand und ging langsam die Stufen des Wachturms hinunter. Die Treppe im Inneren des Turms war nur schwach beleuchtet. Unten angekommen streckte sie sich kurz. Es war Herbst, aber die Sonne war noch stark.
Dann marschierte sie zügig zum östlichen Teil des Zauns, den sie vorhin beobachtet hatte. Dort waren Sasha, Glenn und Carl seit einiger Zeit dabei, die Beißer, die gegen den Zaun drückten, mit Hilfe von Eisenstangen zu erledigen.

„Hallo Leute. Es kommt wieder ein Schub. Ich habe von oben ein paar größere Gruppen gesehen, die auf dem Weg hierher sind“, erklärte sie den anderen, als sie bei ihnen angekommen war. Gleichzeitig stellte sie ihr Gewehr ab und nahm ebenfalls eine Eisenstange, um ihnen zu helfen. Für einen Augenblick zögerte sie und dachte an die Vereinbarung mit Maggie, abzuschalten und auszuschlafen. Aber ihre Hilfe wurde gebraucht. Also half sie.
Carl trat einen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das ist uns auch schon aufgefallen, danke für die Info“, sagte er mit einem sarkastischen Unterton und betrachtete den Zaun. Aleks registrierte den Tonfall, nahm es aber nicht persönlich. Er war ein Teenager in einer Welt, in der er viel zu schnell erwachsen werden musste. Sie warf ihm einen gelangweilten Blick zu und stach weiter durch den Zaun auf die Beißer ein.
„Wenn noch mehr kommen, wird der Zaun nicht mehr lange halten. Wir müssen die toten Beißer vom Zaun wegbringen und verbrennen“, sagte er laut und hob kurz seinen Sheriff-Hut, um sich die Haare zurückzustreifen.
Der Hut war ihm heilig, er hatte ihn von seinem Vater. Rick war der Anführer der Gruppe, und Carl versuchte ihm gerecht zu werden. Aleks' Vater war auch Polizist, aber ihr Verhältnis war nicht so gut gewesen.

Aleks musterte zuerst Carl, dann den Zaun, der sich schon leicht nach innen bog. „Du hast Recht. Wir müssen die Masse woanders hinlotsen, damit wir zu den Körpern kommen. Am besten einer von euch holt Verstärkung. Sowohl für hier drin als auch für draußen“, meinte Aleks und blinzelte kurz, bevor sie wieder zustach.
Sasha ließ ihre Stange fallen und ging rückwärts. „Ich geh schon“, sagte sie leise und drehte sich um, um zum Gefängnis zu laufen. „Wo ist Maggie?“, fragte Glenn und machte ebenfalls kurz eine Pause. „Sie hat mich im Wachturm abgelöst“, antwortete Aleks. „Kommt, wir können ja schon anfangen, sie in die andere Richtung zu treiben“, meinte sie und ging ein paar Schritte weiter den Zaun entlang, bevor sie wieder einem Beißer die Eisenstange durch den Kopf stieß.
„Alles klar“, sagte Carl und tat es ihr gemeinsam mit Glenn gleich. Die Masse auf der anderen Seite des Zauns tat vorhersehbar genau das, was die drei wollten: Sie folgte ihnen. Zwischenzeitlich hörten sie von hinten Gesprächsfetzen und das innere Tor, das verschlossen wurde.

Die drei warteten darauf, dass Carol, Hershel, Beth, Michonne, Daryl und Rick zu ihnen stießen. Rick und Daryl betrachteten den Zaun und sahen sich um. „Wir sind schon etwas vom Hauptanlaufpunkt weggegangen, damit man von der anderen Seite besser dazukommt“, erklärte Carl und deutete auf den Leichenberg, der mehrere Meter entfernt auf der anderen Seite des Zauns zu sehen war.
„Es kommen noch mehr. Wir müssen gleich was tun, das Feuer kann einige abhalten, wenn wir Glück haben“, meinte Aleks und sah abwechselnd zu Rick und Daryl. Daryl war Ricks rechte Hand. Ebenfalls ein ruhiger Typ, ein Überlebenskünstler.
Er hatte etwas an sich, das ihn anziehend machte. Geheimnisvoll, männlich. Sein Blick war oft prüfend, seine blauen Augen stachen aus dem immer leicht dreckigen Gesicht und den schwarzen Haaren hervor. Auch wenn er nicht viel redete, so wie sie selbst, war seine Meinung für Rick und die anderen wichtig. Seine Vorschläge waren ab und an sogar besonnener als jene von Rick.

„Dann legen wir gleich los. Carl, du bleibst mit Beth, Hershel, Aleks und Carol hier und lotst die Beißer weiter in westlicher Richtung den Zaun entlang. Ihr anderen kommt raus mit mir“, legte Rick fest und nickte der Gruppe zu. „Ich kann draußen mehr helfen, Rick. Jedes Paar Hände mehr macht uns schneller“, schaltete Aleks sich sofort ein. Sie wollte helfen, sie hatte die Kraft und das Können.
Dass Rick sein eigenes Kind nicht mit rausschickte, war klar. Hershel war alt und hatte ein Holzbein, und Beth war nicht sehr kräftig. Allein mit Carol hatte er noch eine wichtige Stütze auf dieser Seite des Zauns.
Rick musterte Aleks kurz. Als sie es merkte, stellte sie sich breitbeinig hin und sah ihm ruhig in die Augen. Daryl und Rick wechselten kurze Blicke, und Daryl nickte Rick kurz zu. Daryl wusste so wie Maggie, dass Aleks seit einem Tag auf den Beinen war. Ihre Erschöpfung konnte sie körperlich zwar verstecken, aber ihr Blick war müde, ihre Augenringe sprachen Bände.
Ihren Gedankengang schien er aber nachvollziehen zu können. „Sie hat Recht“, murmelte Daryl und griff nach seinem Jagdmesser. Er hielt es ihr hin, sie nahm es mit einem leisen „Danke“ an. „Keine Schüsse, sonst sind sie noch schneller da“, klärte Rick die Runde auf. Dann machten sie sich auf den Weg zum äußeren Tor. Einzelne Beißer verfolgten sie, konnten aber schnell erledigt werden.

Aleks bemerkte, dass Daryl in ihrer Nähe blieb, während sie die Beißer in eine Grube warfen. Der Plan funktionierte, die Beißer, die sie angriffen, blieben in einer überschaubaren Menge. Carl und die anderen hatten die große Gruppe mittlerweile an die dreihundert Meter weit weggelockt und versuchten weiter, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Ich brauche ... kein ... Kindermädchen, Daryl“, keuchte sie genervt, während sie eine weitere Leiche Richtung Grube zog. „Ich seh weder ein Kind, noch bin ich ein Mädchen“, sagte Daryl trocken, behielt sie aber weiter im Blick. Er sah ihr an, dass sie nicht mehr konnte. Und doch trieb sie sich selbst weiter an, um zu helfen.
In den letzten Wochen hatte er sich öfter dabei ertappt, wie er sie beobachtete. Ihre Gespräche waren kurz, und doch war es ihm ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er fand es angenehm, in ihrer Nähe zu sein. Sie war ihm ähnlich. Er wusste aber nicht viel über sie. Ihr Vater, ein Polizist, hatte sie allein großgezogen. Sie schien einiges erlebt zu haben, denn sie wirkte älter, erfahrener als ihrem wirklichem Alter entsprechend.

Michonne pfiff kurz laut. Die Gruppe schreckte hoch und sah zu ihr. Sie deutete auf den Waldrand, wo mehr als ein Dutzend Beißer auf dem Weg zu ihnen war. „Aufpassen Leute, jetzt wird's spannend“, rief sie und ging ihnen entgegen, während sie ihr Schwert zog.
Aleks schleppte den Beißer, den sie gerade trug, zur Grube und war im Begriff, ihn über die Kante zu schieben, als sie abrutschte und mit ihm in die Grube fiel. Sie kam unsanft auf dem Boden auf und schrie auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihr linkes Schulterblatt. Vor ihren geschlossenen Augen schossen Lichtblitze durch das Schwarz.
„Aleks?“, rief Daryl. Aleks öffnete die Augen und murmelte etwas Unverständliches. Ihr Schulterblatt brannte. Langsam stand sie auf und sah hoch zur Kante. Michonne hatte sie im Blick, während sie die Angriffe abwehrte. „Sie steht wieder“, rief sie den anderen zu und kämpfte weiter. Aleks stöhnte und beugte sich nach vor, um ihren Rücken zu entlasten.
Die Schmerzen in der Schulter waren kaum auszuhalten. Es war nicht ihre erste Verletzung an dieser Stelle. Sie versuchte, den Arm zu bewegen, doch sobald sie ihn anhob, schossen die Schmerzen durch ihre Schulter. Sie sah hoch und wusste, dass sie alleine nicht aus der Grube kommen würde. Sie konnte zwar mit den Fingerspitzen die Wiese erreichen, aber sich selbst hochzuziehen würde sie nicht schaffen. „Glenn, sieh nach!“, hörte sie Ricks Stimme rufen.

Glenn tauchte an der Kante auf und sah zu ihr hinunter. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht verriet ihm, dass sie Hilfe brauchte. Er legte sich hin und hielt ihr eine Hand entgegen. „Komm, ich zieh dich rauf“, rief er. Daryl hielt ihm den Rücken frei, während Michonne und Rick auf der anderen Seite der Grube die Angreifer erledigten.
Aleks griff nach der Hand und versuchte sich hochzuziehen. Sie schrie auf, als sie versuchte, ihren linken Arm zu belasten. „Fuck“, schrie sie wütend und ließ wieder los. Sie griff sich mit der rechten Hand an die linke Schulter und sah sich mit der letzten Konzentration, die sie noch aufbringen konnte, um.
Sie deutete mit dem Kopf in eine der Ecken. „Ich versuch's dort, ich kann den Arm nicht belasten“, rief sie Glenn zu, während sie sich auf den Weg machte. „Alles klar“, antwortete er und lief zur besagten Stelle. „Da, nimm das“, hörte sie Daryl rufen, während sie über die Beißer hinweg in die Ecke stolperte. Die Erdwände waren dort nicht so glatt, sie hatte mehr Möglichkeiten, mit den Beinen zu arbeiten.

Schweiß stand ihr auf der Stirn. Glenn warf ihr Daryls Gürtel nach unten. „Schnall ihn dir um die Brust und gib mir das Gürtelende, dann kann ich dich besser raufziehen“, erklärte Glenn und nickte ihr zu. Sie band den Gürtel um und wollte ihm das Ende entgegenhalten, als sie hinter sich etwas aufschlagen hörte.
Sie drehte sich um und sah einen Beißer, der in die Grube gefallen war und nun auf allen Vieren auf sie zugekrochen kam. „Aleks, komm schon!“, rief Glenn nervös. Doch Aleks zog das Jagdmesser und ging auf den Beißer zu, um ihm die Klinge in den Kopf zu rammen. Sie musste schnell sein. Nachdem sie ihren linken Arm aufgrund der Schulterschmerzen kaum bewegen konnte, konnte sie sich auch nicht verteidigen.
„Wir müssen rein, es werden zu viele!“, rief Michonne und ging langsam rückwärts, während sie sich weiter verteidigte. Wieder fielen zwei Beißer in die Grube. Aleks atmete tief durch und griff den an, der näher war. Sie spürte bereits die Hände des anderen auf ihrer Schulter, als er in sich zusammensackte und liegen blieb. Sie drehte sich um und sah, dass ihn Daryl mit einem Pfeil erledigt hatte.
Aleks zog den Pfeil aus dem toten Kopf, klemmte ihn am Rücken hinter ihren Hosenbund und stolperte wieder zurück zu Glenn. Er griff nach dem Gürtelende und zog an, während Aleks versuchte, sich mit einer Hand weiter hinaufzuhanteln. Der Zug unter ihren Achseln durch den Gürtel drückte auch auf ihr Schulterblatt. Aleks schrie schmerzerfüllt auf.
Ihre Kraft verließ sie, und sie rutschte ab. Kurz bevor sie wieder in die Grube zurückfiel, tauchte Michonne neben Glenn auf und griff an Aleks' Rücken nach dem Gürtel. Zu zweit gelang es Glenn und Michonne schnell, Aleks' Körper über die Kante auf die Wiese zu befördern.

Aleks stöhnte und wimmerte leise vor sich hin. Sie bekam nichts mit, konnte nicht klar erkennen, welche Personen Beißer oder Menschen waren. Verzweifelt versuchte sie, am Boden kriechend Richtung Tor zu robben. „Pass auf, ihr Arm ist verletzt“, rief Glenn, wenig später spürte Aleks, wie sie von ihm und Michonne hochgehoben wurde. Sie trugen sie mit schnellen Schritten zurück zum Tor.
Dumpf hörte sie Rick hinter sich. „Rein mit euch!“ Daryl sicherte den Weg ab. Nachdem Rick das Feuer entfacht hatte, kamen er und Daryl nach. Aleks versuchte, selbst zu gehen, war aber zu schwach. Beim Tor warteten Carl und die anderen auf sie. Auch Maggie stand dabei und wartete besorgt darauf, dass alle zurückkamen.

„Was ist passiert?“, fragte Hershel und versuchte, bei Aleks einen Puls zu messen. Ihr war schwindlig, ihr Körper zitterte. Sie schnaufte laut durch die Nase, wollte ihren Schmerz nicht laut hinausschreien. Stumm liefen Tränen über ihr Gesicht. „Irgendetwas mit ihrer Schulter. Sie hat starke Schmerzen“, sagte Glenn. „Sie ist übernächtig, hat die Nacht durchgemacht, Dad“, erklärte Maggie weiter.
„Ihr Puls ist stark erhöht, auf ihrer Haut steht der kalte Schweiß. Sie muss sich hinlegen, kannst du sie alleine tragen?“, fragte Hershel Glenn. „Ich nehm sie“, kam Daryls Stimme aus der hinteren Reihe. Ohne weitere Worte nahm er Aleks in die Arme und achtete darauf, ihre verletzte Schulter nicht zu berühren oder zu belasten.

Aleks bekam mit, dass sie von zwei starken Händen getragen wurde. Sie roch das Leder und den Jeansstoff von den Jacken, die Daryl trug. Es war ein angenehmes Gefühl, nicht mehr auf den Beinen stehen zu müssen. Die Schmerzen waren noch da, aber der Schlaf übermannte sie. Die Augen fielen zu und ihr Körper entspannte sich.
Daryl bemerkte auf dem Weg Richtung Zellenblock, dass ihre Körperspannung nachließ. Er blieb stehen und sah sie an. Schweißnasse Haarsträhnen klebten an ihren Wangen, die von der Anstrengung gerötet waren. Aus ihren Augen flossen Tränen, ihr Atem war flach. „Hershel“, sagte Daryl leise und wartete, bis er bei ihm war.
„Sie ist bewusstlos. Ist momentan auch besser für sie. Ich muss sie untersuchen. Bring sie in ihre Zelle, ich hole meinen Koffer“, sagte Hershel ruhig und machte sich so schnell, wie es ihm möglich war, auf den Weg zu seinem Arztkoffer. Maggie folgte Daryl in Aleks' Zelle. Er legte sie vorsichtig auf ihr Bett und ging dann einen Schritt zurück.

Maggie kniete sich an das Kopfende des Bettes und wischte Aleks das Gesicht trocken. „Sie ist wahnsinnig. Macht überall mit, will immerzu helfen“, sagte sie leise. „Sie will eben nicht nur hier herumhocken und nichts tun. Versteh ich“, murmelte Daryl und betrachtete Aleks.
Ihm ging es genauso. Er konnte nicht den ganzen Tag herumsitzen und vor sich hin leben. Er musste auch etwas tun. Für sich. Für die anderen. Jeden Tag das Leben hier sicherstellen. Lebensmittel, Medikamente, Sicherheit. Situationen, die er nicht beeinflussen konnte, waren ihm zuwider.
„Es ist toll, dass sie helfen will. Aber nicht, wenn es auf Kosten ihrer Gesundheit geht. Oder auf Kosten der Sicherheit anderer. Meinst du nicht?“, fragte Maggie und drehte sich zu Daryl. Er lehnte mit verschränkten Armen in der Ecke des Raums und fixierte Aleks weiter mit seinem Blick. Dann zuckte er mit den Schultern. „Stimmt“, sagte er leise.

Hershel kam in die Zelle und setzte sich auf den einzigen Stuhl. Dann kramte er ein paar Utensilien aus seinem Koffer. „Maggie, mach ihren Oberkörper frei. Wir müssen rausfinden, was das für eine Verletzung ist“, sagte er. „Ich geh dann mal“, sagte Daryl leicht verlegen und verließ die Zelle.
„Was sind das für ... Dad? Wurde sie ...?“, fragte Maggie ihren Vater. „Armes Kind“, seufzte Hershel. Daryl überkam ein ungewohnter Schauer, als er den Dialog hinter sich hörte. Ihm war nicht klar, ob er sich umdrehen sollte. Was war los? Wurde sie von den Beißern verletzt? Würde sie eine von denen werden? So lange er sie im Auge gehabt hatte, war ihr kein Beißer zu nahe gekommen. Und den letzten hatte er auch noch rechtzeitig erwischt. Er konnte sich nicht konzentrieren und lief Carol in die Arme.

„Hey, was ist mit dir?“, fragte Carol und hielt ihn fest. Er sah sie verstört an. Wollte sprechen. Brachte aber keinen Ton heraus. Carol sah ihn durchdringend an. Sie kannte ihn schon so lange. Er war wie ein Bruder für sie. Er hatte auf ewig einen Platz in ihrem Herzen. Weil er bis zum Schluss daran geglaubt hatte, dass Sophia lebend zurückkehren würde. Sogar dann, als sie selbst die Hoffnung aufgegeben hatte.
Carol suchte seinen Augenkontakt. Dann lächelte sie zaghaft. „Du magst sie, hm“, flüsterte sie. Daryl blinzelte und runzelte die Stirn. „Ach hör doch auf“, blockte er ab. „Ich kenne dich, Daryl Dixon. Und ich sage, du magst sie. Und du machst dir Sorgen. Ist doch OK. Das zeigt wiedermal, dass auch du dein Herz am rechten Fleck hast“, sagte sie schmunzelnd und schlug mit ihrer Hand sanft gegen seine linke Brust.
Daryl schüttelte genervt den Kopf. „Lass das“, meinte er und nahm ihre Hand von seiner Brust. Sie hob entschuldigend ihre Hände in die Luft. „Dann nicht“, sagte sie. Als sie an ihm vorbeiging, blieb sie noch einmal kurz stehen. „Sie schafft das schon. Sie ist stark“, sagte sie leise, dann ging sie weiter in ihre Zelle. Daryl fuhr sich mit einer Hand über den Nacken und ging wieder hinaus in den Hof.

In der Zwischenzeit war Aleks dabei, wieder aufzuwachen. Als sie ihre Augen öffnete, nahm sie Hershel und Maggie wahr. Die Schmerzen in der Schulter hatten ein wenig nachgelassen, ihre Gedanken waren wieder klarer. „Hallo, junge Dame“, sagte Hershel väterlich und lächelte sie an. Aleks blinzelte. „Was ist passiert?“, fragte sie leise. „Sag du es uns“, meinte Maggie und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
Aleks atmete tief durch und überlegte. „Ich bin ausgerutscht und in die Beißergrube gefallen. Hab mir die Schulter verletzt. Glenn und Michonne haben mich rausgezogen. Dann ... keine Ahnung“, murmelte Aleks leise.
„Dann hat dich Daryl reingebracht. Du warst bewusstlos“, erklärte Maggie weiter. Aleks nickte leicht. Daryl, genau. Leder und Jeans. Für eine Sekunde glaubte sie, den Geruch wieder in der Nase zu haben.

„Ich habe dir ein bisschen Morphium gegeben, damit die Schmerzen erträglicher werden. Aleksandra, ich habe deinen Rücken gesehen“, begann Hershel sanft und nahm Aleks Hand. Aleks sah den fragenden Blick in seinen Augen, während Maggie ein wenig zurück rutschte.
„Dann hast du wohl mein tolles Rückengemälde entdeckt“, sagte Aleks mit einem zynischen Unterton. „Die Wunden sind alt. Wer hat dir das angetan?“, fragte Hershel nach. „Es gibt Polizisten-Väter, die sind so wie Rick. Versuchen, ihr Kind mit Liebe und Verständnis, aber auch Strenge und Disziplin zu erziehen“, begann Aleks und versuchte, sich langsam aufzusetzen.
Sie griff nach der Bettdecke, um ihren Oberkörper damit zu bedecken. „Mein Daddy hatte sich hauptsächlich auf Strenge und Disziplin eingestellt. Haushalt nicht in Ordnung? Disziplin. Schlechte Noten in der Schule? Disziplin. Und so weiter“, erzählte Aleks ruhig.
„Der beste Freund meines Vaters war sein Schlagknüppel. Mit zehn Jahren habe ich ihn das erste Mal kennengelernt. Nach außen hin der liebende Vater, aber in den eigenen vier Wänden der Teufel in Person. Acht Jahre lang hatte ich nur zwei Gedanken: erstens so lange durchhalten, dass ich an meinem 18. Geburtstag meine Sachen packen und gehen konnte. Zweitens nie so zu werden wie er. Erstens ist mir gelungen, zweitens auch, wenn man die Beißer nicht mitrechnet.“
Ihr Tonfall war seltsam monoton. Wie ein Roboter erzählte sie ihre Geschichte. Hershel und Maggie hörten aufmerksam zu. Sie waren ergriffen von Aleks' Vergangenheit und überrascht, wie emotionslos Aleks die Erlebnisse wiedergeben konnte.
„Kannst du dich an eine Verletzung deines Schulterblattes erinnern?“, fragte Herschel nach. Aleks seufzte, bevor sie ihn wieder ansah. „Ich war 15. Zuerst ein paar Ohrfeigen. Dann ein Schlag, dass ich gegen den Türstock knallte. Mit dem nächsten Schlag fiel ich die Treppen hinunter. Linkes Schulterblatt gebrochen“, erzählte sie in knappen Sätzen den Vorfall.
„Ich hab es über die Jahre immer wieder mal gespürt. Verspannungen, Wetterfühligkeit, solche Sachen. Es war teilweise abgesplittert, nicht nur gebrochen“, sagte Aleks weiter. Hershel nickte. „Dann hat dein Aufprall die Verletzung wieder beleidigt. Die Splitter sind möglicherweise in Bewegung und beeinträchtigen Sehnen oder Muskeln. Gebrochen ist sicher nichts, da kann ich dich beruhigen. Höchstens geprellt“, erklärte er ihr seine Überlegungen.

„Ruhe und Erholung sind jetzt wichtig für dich. In ein paar Tagen wird der Schmerz nachlassen“, sagte Hershel weiter, während er seine Tasche wieder zusammenpackte. „Ein paar Tage“, rief Aleks aufgeregt. „Aber ich kann doch nicht ...“ „Oh doch, meine Liebe, du kannst!“, schaltete Maggie sich dazwischen. „Du hast mir vorhin versprochen, dass du dich hinlegst. Stattdessen haben wir dich aus der Beißergrube ziehen können. Das alles hätte auch ganz anders ausgehen können!“, rief sie aufgebracht.
Aleks war überrascht von ihrem Gefühlsausbruch. Maggie setzte sich zu ihr auf das Bett. „Versteh mich nicht falsch, Aleks. Du bist eine großartige Hilfe für die Gruppe. Aber solange du nicht wieder fit bist, bringst du dich und andere nur in Gefahr. Verstehst du das?“ Sachte legte Maggie eine Hand auf Aleks' Knie und sah sie freundlich, aber bestimmt an. Aleks seufzte. „Ja“, murmelte sie leise und nickte leicht.
„Lass dich ein bisschen verwöhnen hier drin. Du hast es dir verdient“, sagte Maggie, stand auf und verließ mit Hershel die Zelle. Aleks starrte vor sich hin, an die gegenüberliegende Wand. Verwöhnen lassen? Verdient? Wer's glaubt. Maggies Argumentation war nachvollziehbar, da konnte sie ihr nichts entgegensetzen. Es war zwar der gute Wille gewesen, aber im Nachhinein betrachtet die falsche Entscheidung, mit nach draußen zu gehen.

Langsam stand sie auf, warf sich umständlich eine Weste über die Schultern und suchte sich frische Wäsche zusammen. Sie wollte duschen. Danach essen. Und schlafen. Wie sie es Maggie versprochen hatte. Im Untergeschoss des Gefängniskomplexes waren die Sanitäreinrichtungen. Sie nahm ein frisches, großes Handtuch und ein Stück Seife. Dann zog sie sich vorsichtig aus und stellte sich unter die Dusche.
Das Wasser war heiß. Die Tropfen prasselten auf ihr Gesicht, ihren Kopf. Sie hielt die Augen geschlossen. Tränen mischten sich zwischen die Wassertropfen. Aleks beschloss, dass jeder Tropfen ihre Vergangenheit wieder in den Abfluss spülen sollte. Dass Geschehene zu erzählen, hatte sie innerlich aufgewühlt. Vor den anderen hatte sie es wohl gut verheimlichen können.
Aber die Gedanken an ihren Vater und ihre Kindheit brachten Gefühle hervor, die sie seit Jahren verdrängt hatte. Wut, Ärger, Trauer, Hass, Liebe. Ja, auch Liebe. Sie liebte ihren Vater, obwohl er ihr das angetan hatte. Er war schließlich ihr Vater. Und die ersten zehn Jahre ihres Lebens hatte er gut für sie gesorgt. Sie wusste nicht, was mit ihm passiert war, dass er sich so verändert hatte.
Aleks senkte den Kopf und stand mit dem Gesicht zur Wand. Dann ging sie langsam in die Knie und setzte sich mit angezogenen Beinen so unter den Wasserstrahl, damit er auf ihre verletzte Schulter treffen konnte. Das heiße Wasser war angenehm, wie eine Massage. Sie versuchte herauszufinden, welche Bewegungen der Schulter mehr oder weniger schmerzten.
Ihre Stirn an ihre Knie angelehnt, spürte sie einen leichten Luftzug, jemand schien ebenfalls hier im Waschbereich zu sein. Es störte sie nicht weiter. Die Wasserstrahl-Massage tat ihrer Schulter gut. Sie atmete ruhig und tief.

Das war es also. Er war betroffen. Daryl stand einige Meter entfernt im Gangbereich der Waschkojen und sah Aleks am Boden sitzen. Nackt. Sie sah ihn nicht. Ihr Körper war durchtrainiert. Und ihr Rücken war ... mit Narben übersät. Ihre linke Schulter war gerötet. Striemen und dunkle Flecken waren über ihren Rücken verteilt, von den Schultern bis hinunter zum Becken.
Sie hatten mehr gemeinsam als er vermutet hatte. Er wusste, wie sehr er gelitten hatte, als sein Vater ihn geschlagen hatte. Er hatte sich wehren können. War ihr das auch gelungen? Seine Magengegend krampfte sich zusammen, er wollte ihr helfen, sie beschützen, sie vergessen lassen.

Aleks hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich umdrehen sollte. Sie wollte wieder mit sich ins Reine kommen. Wer auch immer in diesem Raum war, sah ihren Rücken. Dieses Geheimnis hatte sie bis heute gut verbergen können. Keiner wusste davon. Von ihrem Prügel-Vater. Sie wollte nicht, dass andere ihn schlecht machten. Die ihn nicht gekannt hatten.
Sie griff langsam nach dem Wasserhahn und drehte das Wasser ab. Die letzten Tropfen gurgelten durch den Abfluss in den Kanal, während sie sich mit einer Hand über das Gesicht fuhr und die Augen öffnete.
In diesem Moment wurde ihr von hinten das Handtuch um die Schultern gelegt, das sie sich zuvor zurechtgelegt hatte. Sie griff nach den Enden und wickelte sich darin ein. Die helfenden Hände hatte sie gleich erkannt. Ein kleines Lächeln durchzuckte ihre Mundwinkel.

Daryl lehnte sich an die Fliesenwand und ging neben ihr in die Hocke, um sie ansehen zu können. „Wie geht's?“, fragte er leise und sah ihr prüfend in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick mit einem kurzen Lächeln. „Ziemlich durchgehangen und angeschlagen, was soll ich sagen“, versuchte sie die Sache herunterzuspielen.
Dann räusperte sie sich und sah auf die Enden des Handtuchs. „Danke, dass du mich reingetragen hast. Ich kann mich nicht dran erinnern, Maggie hat es mir erzählt. Ich hab nur ...“, brach sie plötzlich ab und runzelte kurz die Stirn.
„Was hast du nur?“, hakte Daryl nach. Er ließ seinen Blick über ihren geschlagenen Körper wandern. Sie war zwar in das Handtuch gehüllt, aber auch auf den Beinen sah er ein paar Narben, die definitiv vor der Apokalypse entstanden sein mussten. Er spürte Wut in sich aufsteigen. Wie konnte man eine Frau, ein Mädchen, ein Kind, bloß schlagen? Was konnte denn bloß aus solchen Menschen werden?
„Ich hab mich wohlgefühlt, das weiß ich noch. Ich hab dich gerochen“, sagte sie leise und tippte mit ihren Zehen in den letzten nassen Pfützen auf dem Fliesenboden. Das hörte sich jetzt wohl ziemlich blöd an. Aber es stimmte. Und diese Welt war einfach nicht mehr dafür geschaffen, zu lügen.
Daryl schnaufte. Andere Leute hätten wohl gelacht, aber Daryl war nicht der Typ dazu. Er wusste aber nicht, wie er darauf reagieren sollte. „Kann schon sein. Ich war in der Nacht in der Nähe der Kläranlage“, versuchte er ihre Aussage zu relativieren. Jetzt war Aleks diejenige, die schnaufte und sich ein Grinsen verbiss.

„Wer hat dich verletzt?“, fragte Daryl ernst und lehnte sich etwas in ihre Richtung, um ihren Blick aufzufangen. „Mein Vater“, sagte Aleks nach einer langen Pause. Daryl atmete tief durch und nickte langsam mit dem Kopf. Väter. Natürlich. Aleks blinzelte und schüttelte kurz den Kopf.
„Hey. Ähm. Nichts für ungut. Aber das ist ein Kapitel in meinem Leben, das ich nicht jedem auf die Nase binde“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. Sie versuchte sich zu konzentrieren, sie wollte nicht wieder weinen. „Weiß es Rick?“, fragte Daryl leise nach. „Nur Maggie und Hershel. Und jetzt du“, antwortete Aleks und sah ihn mit glasigen Augen an.
„Und ich hätte gerne, dass das so bleibt. Es ändert nichts. Ich bin hier, helfe wo ich kann und habe einen sicheren Platz und Verpflegung. OK?“ Ihre Augen hielten die Tränen nicht mehr, und sie flossen ihr wieder über die Wangen. Aleks verbarg ihren Kopf im Handtuch und schluchzte.

Daryl stand auf und überlegte kurz, was er tun sollte. Es war ungewohnt, eine Frau weinen zu sehen. Nein. Es war ungewohnt, Aleks weinen zu sehen. Er trat hinter sie und packte sie vorsichtig an der Taille, um sie hochzuheben. Das Handtuch war groß genug, dass es über ihre Schulter bis oberhalb ihrer Knie fiel.
Aleks ließ sich leicht widerwillig hochheben. Sie stand noch immer mit dem Rücken zu ihm und hielt den Kopf gesenkt. Seine Arme waren von der Taille auf ihre Oberarme gewandert und strichen leicht darüber. „Ich will nicht weinen. Ich will allein sein“, schluchzte sie leise.
„Oh Mann. Ich kenne diese Sätze. Die habe ich früher immer gesagt, nachdem mich mein Alter windelweich geprügelt hat“, seufzte Daryl und drehte Aleks vorsichtig zu sich um. Sie ließ es geschehen. Ihre Augen waren gerötet, nasse Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht.
Er strich ihr eine Strähne hinter das Ohr und hob ihr Gesicht zu sich, damit sie ihn ansehen musste. „Aber jetzt, eine Ewigkeit später, weiß ich, dass es die falschen Sätze waren“, erklärte er und sah ihr in die Augen. Sie sah ihn fragend an. „Es müsste heißen: Ich will weinen. Ich will nicht allein sein“, sagte er ruhig.
Hemmungslos fing Aleks zu weinen an und umarmte Daryl. Mit einer Hand krallte sie sich auf seinem Rücken in seine Jacke und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Er umarmte sie fest und achtete darauf, ihre Schulter nicht zu berühren. Sie standen da. Einige Minuten. Ohne Worte.
Es tat gut, den Frust, die Gefühle, einfach alles rauszulassen. Aleks ließ es zu. Sie fühlte sich sicher. Seine Umarmung war sanft, obwohl er doch so stark war. Sie kuschelte sich weiter an ihn. Und er ließ es geschehen. Es war lange her, dass er einer Frau so nah gewesen war.

Als er merkte, dass sie sich beruhigt hatte, löste er sich vorsichtig von ihr und ging einen Schritt zurück. Er sah sie an und versuchte zu lächeln. Mehr als ein paar Zuckungen um den Mund brachte er aber nicht zusammen. „Zieh dich an. Ich hole dir etwas zu essen und bringe es in deine Zelle“, sagte er in einem fast fürsorglichen Tonfall.
Aleks nickte und ging zu dem Wäschehaufen, während Daryl sich auf den Weg machte, um etwas Essbares aufzutreiben. Sie sah ihm nach, als er den Waschraum verließ und dachte nach. Diese Seite hatte sie noch nicht an ihm gekannt. Und es war eine Seite, die ihr Herz ihm gegenüber ein Stück mehr öffnete. Sie hatte gewusst, dass auch er von seinem Vater geschlagen worden war.

Vorsichtig zog sich Aleks an und ging zurück in ihre Zelle, wo Daryl bereits wartete. Er deutete auf den Nachttisch, auf dem ein Tablett mit einem Becher Wasser, Brot, einem Stück gebratenem Fleisch und einer Karotte lag. „Von allem etwas“, sagte er kurz und stellte sich an die gegenüberliegende Wand.
Aleks setzte sich auf das Bett und biss vom Fleisch und anschließend vom Brot ab. Sie sah ihn an und merkte, dass er sie wieder beobachtete. „Iss weiter“, forderte er sie auf, doch sie schüttelte den Kopf. „Es schmeckt, aber ich bin zu müde“, sagte sie leise und sah sich auf ihrem Bett um.
Ihre roten Augen waren geschwollen und ihre Lider fielen ihr zu. Sie schien gleich im Sitzen einzuschlafen. Als Daryl die Zelle verlassen wollte, hielt sie ihn am Arm fest. Sie sah ihn hilfesuchend an. „Ich will nicht allein sein“, flüsterte sie.
Daryl war überrascht von ihrer Offenheit. Er schien kurz zu überlegen, was er tun sollte, denn sein Blick wanderte für einen Moment hinaus auf den Gang. Doch es war ruhig im Trakt. Er nickte, zog die Jacke aus und setzte sich zu ihr aufs Bett.
Er schnappte sich den Polster und machte es sich bequem. Dann sah er sie abwartend an. Vorsichtig legte sie sich zu ihm. Zuerst legte sie zögerlich ihren Kopf auf seine Brust. Die Hand ihrer verletzten Schulter lag auf seinem Bauch. Er griff nach ihrer Decke und deckte Aleks zu. Einen Arm hatte er um sie gelegt.
Sie hörte seinen Herzschlag, der ruhig und dumpf aus seiner Brust ertönte. Sofort fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. Sie fühlte sich geborgen und sicher. Als er ihre tiefen Atemzüge hörte, griff er nach ihrer Hand, die auf seinem Bauch lag, und streichelte sie sanft.
Ein leichtes Zucken in ihrem Arm und ihren Fingern ließ ihn erkennen, dass sie darauf reagierte. Da war ein Funke zwischen den beiden. Ein Funke von Sympathie, der mehr zu werden schien.

Er war froh, dass er ihr helfen konnte. Er war froh, dass er es war, der ihr helfen konnte. Und er würde weiter auf sie aufpassen.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 15154

Beginning

(inspired by Criminal Minds)

„Der Pittsburg-Fall ist abgeschlossen. Die Gruppe fliegt gleich weiter zum nächsten Fall. Sie sind morgen um acht Uhr früh dort“, erklärte Garcia. Donia blickte auf die Uhr an der Wand, es war zehn Uhr abends.
„Wir haben heute 14 Stunden durchgearbeitet. Du kannst nach Hause gehen und schlafen. Die Verschlüsselungsprogramme laufen von alleine. Ich mache alles fertig und lege mich dann im Bereitschaftszimmer aufs Ohr“, schlug Donia vor und nahm einen Schluck Kaffee.
„Normalerweise mache ich immer alles fertig. Aber ...“ - sie gähnte - „die letzten Tage waren heftig. Meine Augen brennen und mein Kopf explodiert bald“, stellte Garcia fest und sah Donia an. Die lächelte und prostete ihr mit der Kaffeetasse zu.
„Na dann ... Du gehst nach Hause und ich erledige alles. Glaub mir, ich schaff das schon“, beruhigte Donia ihre Kollegin. Garcia grinste und klopfte Donia mit der Hand aufs Knie. „Weiß ich doch. Danke, Süße“, antwortete sie, stand auf und schnappte sie ihre Tasche. Dann deutete sie eine Verbeugung an.
„Ich bin eine Wolke. Gute Nacht. Ich bin um sieben wieder hier“, erklärte Garcia müde und ging. Donia legte die Füße auf den Tisch und sah den Buchstaben und Zahlen auf den Monitoren zu, wie sie langsam von oben nach unten prasselten.

Recht bald starrte Donia ins Leere, das Verschlüsselungsprogramm verfrachtete sie in einen Trancezustand. Sie musste an Sonntagnachmittag denken. Es war ein sommerlicher Tag, und sie hatte es sich an einem der kleinen Seen in der Stadt mit einer Decke gemütlich gemacht.
Triangle war nur einen Steinwurf vom Büro entfernt, sie fuhr mit dem Rad zur BAU. Das kleine Apartment, das sie gefunden hatte, war ein Glücksgriff. Sowohl von der Lage als auch vom Preis. Es gefiel ihr hier.
Sie hatte ihr Buch zur Seite gelegt, lag mit geschlossenen Augen auf der Decke und ließ die warmen Sonnenstrahlen ihre Haut erwärmen. Mit tiefen Atemzügen genoss sie den Duft der umliegenden Bäume und der Blumen, die auf der Wiese wuchsen. Kindergeschrei und das Gelächter der Eltern vernahm sie nur leise.

Dann registrierte sie Schritte im Gras und die Anwesenheit einer Person, die sich aber nicht bemerkbar machte. Donia blieb ruhig und wartete ab. Die Person stellte sich in die Sonne, sodass Donias Gesicht im Schatten lag. Dann hörte sie ein Räuspern.
„Was treibt dich in meine Gegend, Reid?“, fragte sie und öffnete die Augen. Vor ihr stand Spencer Reid. In den letzten Wochen hatte sie ihn und die anderen näher kennengelernt. Sie war fasziniert von seinem Wissen und seiner Intelligenz. Diese Eigenschaften machten ihn für sie anziehend.
„Ich war mit Agent Griffin unterwegs, Andy wohnt gleich da hinten“, deutete Reid kurz hinter sich. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich richtig erkannt habe“, sprach er weiter und sah Donia an. Er mochte sie. Sie hatte sich in die Gruppe eingeordnet und ihren Platz gefunden. Sie war intelligent und hatte eine schnelle Auffassungsgabe.
Ihre Aufgaben erledigte sie mit hoher Präzision. Und sie war hübsch. Hatte tiefgründige, grüne Augen und ein süßes Lächeln.

„Dr. Reid, du bist nicht durchsichtig. Geh mir aus der Sonne und setz dich her“, schlug Donia lachend vor. Er setzte sich zu ihr und beobachtete sie, während sie sich aufsetzte und ihm Platz machte. Sie trug ein Neckholder-Top und eine kurze Jeans. Ihre Muskeln bewegten sich unter ihrer gleichmäßig gebräunten Haut. Im Büro trug sie stets eine lange Hose, Bluse und/oder Blazer. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, schon längere Zeit.
Er erkannte ein Tattoo unterhalb ihres rechten Knöchels. Zwei chinesische Schriftzeichen. „Was bedeutet das?“, fragte er und deutete mit dem Kopf auf das Tattoo. Donia strich zärtlich darüber. „Die Zeichen stehen für Gottesgeschenk. Donia bedeutet so viel wie die von Gott Geschenkte“, erklärte sie.
„Du bist gläubig?“, hakte Reid nach. Donia schüttelte den Kopf. „Nicht im herkömmlichen Sinn. Ich glaube nicht, dass ein alter Mann mit Rauschebart die Erde in sechs Tagen erschaffen hat. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die man durch Logik und Wissenschaft nicht erklären kann. Zwischenmenschliches, das Wesen des Menschen. Eine spirituelle Ebene, schwer zu beschreiben. Andere beschreiben das mit dem Wort Gott.“

„Warum haben dich deine Eltern Donia genannt?“ Reid war wie ein kleines Kind. Wenn er etwas wissen wollte, fragte er einfach. Sie fand das amüsant und sah ihn an. „Wird das hier jetzt ein Verhör?“, grinste sie. „Überhaupt nicht. Ich wollte nicht ...“, begann Reid sofort und hob entschuldigend die Hand. Donia winkte ab.
„Schon OK. Die Schwangerschaft war nicht einfach. Phasenweise war nicht klar, ob wir beide es überleben würden. Ich kam sechs Wochen zu früh auf die Welt. Anfangs schwach, aber ich hab's überlebt. Und meine Mutter auch“, schloss sie ihren Monolog und nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.

Reid hörte ihr gerne zu. Ihre Stimme hatte eine angenehme Tonlage. Auch Donia gefiel jedes Gespräch mit Reid, sie freute sich, dass er sich für andere interessierte. Dass er sich für sie interessierte. Donia strich ihre langen braunen Haare aus dem Gesicht und wickelte sie in einen lockeren Zopf.
Sie saßen sich gegenüber, sahen sich aber nicht in die Augen. „Das ist schön“, sagte Reid leise. Er blickte umher und spielte mit seinen Fingerspitzen an dem Flaschenverschluss herum. Er war nervös. Das hatte Donia durch die Handbewegung erraten. Es gefiel ihr, sie war es nämlich auch. Sie mochte ihn. Seine Ausstrahlung hatte sie eingenommen, obwohl er rein äußerlich keiner ihrer bisherigen Männerbekanntschaften entsprach.
Donia beschloss, die Initiative zu ergreifen. Sie beugte sich leicht vor und stützte ihre Hände an ihrer Wasserflasche ab. „Du bist nervös, kann das sein?“, fragte sie leise. Ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund. Er sah sie an und runzelte kurz die Stirn. „Wir profilen uns nicht in der Gruppe“, meinte er trocken und hörte auf, mit dem Flaschenverschluss zu spielen. „Ich frage dich ja. Also?“, blieb Donia hartnäckig.
Er beugte sich nun ebenfalls vor und sah ihr in die Augen. „Scheinbar nicht nervöser als du. Stimmt's?“, grinste er und hob die Augenbrauen. Donia brach den Augenkontakt ab und schloss die Augen. Ihr Blinzeln hatte sie wieder verraten. Sie fingen beide an zu lachen. „Warum bist du nervös?“, fragte er und sah sie wieder an.
Donia seufzte. „Weil ich gerade mit dir hier sitze. Alleine“, sagte sie leise und sah ihn an. „Warum, was heißt gerade mit mir?“, hakte er nach. Sie schüttelte den Kopf und lachte leise. „Spencer Reid, du bist ein Genie der Wissenschaften, aber ein Kleinkind in Sozialverhalten.“
„Hey, ich bin aufgeschlossen. Erklär es mir. Ich lerne immer wieder gerne dazu“, sagte er charmant. Eine zarte Röte erschien auf ihren Wangen. Sie kicherte schüchtern. Dann räusperte sie sich und sah ihn wieder an. „Ich mag dich. Und ich fände es schön, wenn wir uns besser kennenlernen würden“, sagte sie tapfer.

Reid mochte ihre direkte Art. Er konnte ihr ansehen, dass es sie Überwindung gekostet hatte, es laut auszusprechen. Ihre Wangen waren immer noch gerötet, ihre Augen blinzelten im Sekundentakt. Ein angenehmes, warmes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Dieses Gefühl hatte er noch nicht oft erlebt. Aber er wusste, was sich daraus entwickeln konnte.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. Im Umgang mit Frauen war er nicht sehr erfahren. Aber wenn sie ihm schon offenbart hatte, dass sie ihn mochte, konnte er nicht falsch liegen. Er stützte sich mit einer Hand neben Donia ab und kam langsam näher. Gleichzeitig griff er mit der anderen Hand nach ihrem Gesicht und streichelte zärtlich ihre Wange.
Donia stockte der Atem. Sie spürte seine warme Hand an ihrem Gesicht. Es fühlte sich gut an. Je näher er kam, desto mehr verlor sich Donia in seinen dunkelbraunen Augen. Wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht hielt er inne. Er konnte ihre Anspannung spüren, ihm ging es nicht anders. „Kennenlernen ist eine tolle Idee“, murmelte er und lächelte leicht.
Sie lächelte ebenfalls kurz, dann kam sie ihm die letzten Zentimeter entgegen. Sie schloss die Augen. Ihre Lippen trafen sich für einen Sekundenbruchteil. Sie konnte die Wärme seines Körpers erahnen und schmiegte sich in seine Hand, die immer noch ihre Wange streichelte.
Er konnte spüren, wie sie durch die Nase ausatmete. Der Luftzug ihres warmen Atems streifte seine Wange und ließ ihm einen wohltuenden Schauer über den Rücken laufen. Reid küsste sie nochmal, diesmal länger. Er genoss ihre zarten Lippen, die leicht nach Beeren schmeckten. Donia hatte einen Arm um seine Schulter gelegt und fuhr zärtlich über seinen Hinterkopf.
Sie trennten sich mit einem Lächeln voneinander. „Eine ganz tolle Idee“, sagte Donia. „Morgen? Abendessen? 8 Uhr?“, fragte Reid und wartete auf eine Antwort. Donia blinzelte kurz und räusperte sich. „Äh ... ja ... klar ... gerne“, stammelte sie vor sich hin.

Zu dem Abendessen war es aber nicht gekommen, Sonntagabend war der Pittsburgh-Fall angelaufen, dessen Unterlagen gerade über Donias Monitor liefen. Seit dem Briefing zum Fall hatte sie Reid nicht mehr gesehen.
Es war eine seltsame Situation, ihre Beziehung vor den anderen zu verbergen. Wobei, von Beziehung konnte keine Rede sein. Aber es war etwas zwischen ihnen, das sie beide herausfinden mussten. Ob mehr dahinter steckte als ein Kuss und vielleicht noch ein Abendessen.
Donia setzte sich wieder normal hin. Die letzten Datensätze waren gleich abgelegt, dann konnte sie sich auch noch hinlegen. Doch das Timing meinte es anders. Hotchner rief an. Donia setzte das Headset auf und stellte die Verbindung inklusive Webcam her.

„Einen wunderschönen guten Abend, Chief“, sagte sie freundlich und bereitete auf Garcias Rechner ein paar Eingabemasken vor. „Hallo Donia, du bist auf laut geschaltet. Wir sitzen im Flieger und gehen gerade die neue Fallakte durch. Kannst du uns noch Input liefern?“, sagte Hotchner. Sie sah auf dem Webcam-Fenster Hotchner, Rossi und JJ. Sie sahen alle müde aus.
„Bereit, wenn ihr es seid“, grinste Donia in die Webcam. „Ich habe mich aber in den Fall noch nicht einlesen können“, gab Donia zu bedenken und wartete auf Instruktionen. „Kein Problem. JJ, zähl kurz die Fakten auf, bitte“, meinte Hotchner und nahm einen Schluck Kaffee.
JJ las aus der Akte vor. „Frauenleiche. Gefunden vor zwei Tagen, im Sheyenne National Grassland, North Dakota. Tod durch Erwürgen, vermutlicher Todeszeitpunkt 2. Juni.“ Donia hob überrascht die Augenbrauen, sie kam aus North Dakota. Während sie die Parameter in die Suchmaske eintrug, sang sie leise „North Dakota, North Dakota, in our hearts forever long“.
„Wie war das?“, fragte JJ irritiert nach. „Das waren die letzten Zeilen aus der Landeshymne von North Dakota. Ich bin dort aufgewachsen. Heimvorteil“, erklärte Donia grinsend. JJ lächelte in die Kamera und nickte. Im Hintergrund hörte Donia plötzlich Morgan. „Ich verstehe immer noch nicht, warum wir dorthin müssen. Es handelt sich um eine einzelne Leiche, keine Serie“, war sein gerechtfertigter Einwand.
„Wisconsin und Ohio meldeten ähnliche Mordfälle in den letzten Monaten. Ebenfalls erwürgte Frauen. Daher müssen wir davon ausgehen, dass es sich hier um einen beginnenden Serienmörder handeln könnte“, klärte Hotchner die Runde auf. „Was haben diese Bundesstaaten gemeinsam?“, fragte Rossi.
„Den North Country Trail“, antworteten Donia und Reid gleichzeitig auf die Frage. Donia sah überrascht auf das Übertragungsbild, aber Reid war nicht zu sehen. Rossi sah zuerst in die Webcam, und dann dahinter. „Na Reid, macht dir da etwa jemand deine Genialität streitig?“, meinte er süffisant.
„Das ist bei mir nur der geografische Vorteil“, sagte Donia schnell. Reid hielt den Augenkontakt mit Rossi im Flugzeug und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Es reizte ihn, zu JJ und den anderen zu gehen und Donia über die Webcam zu sehen. Aber er hielt sich zurück. Stattdessen zuckte er nur mit den Schultern und las weiter in seinem Tablet. „Dann hast du vielleicht Insiderwissen, mit dem Reid nicht mithalten kann. Was weißt du noch, Donia?“, fragte Hotchner sachlich nach.
„Dieser Fernwanderweg verläuft unter anderem durch die drei genannten Bundesstaaten. Wenn die anderen Fundorte mit Abschnitten des Trails übereinstimmen, können wir annehmen, dass der Täter sich an diesen Wanderweg hält. Ich suche mal in den anderen Bundesstaaten, ob es ähnliche Leichenfunde gibt.“

Kurze Zeit später erschienen ein paar Ergebnisse auf ihrem Monitor. „Bingo“, rief Donia und sah kurz zur Webcam. „In allen Bundesstaaten des North Country Trails gab es in den letzten Wochen ungeklärte Mordfälle. Alle entlang des Trails. Der erste war in New York Anfang März. Ich schicke euch gleich die Daten“, sagte Donia konzentriert und tippte eifrig in die Tasten.
Nachdem die Datenübermittlung abgeschlossen war, wartete sie auf weitere Überlegungen des Teams. Irgendwie fand sie es schade, dass sich Reid nicht blicken ließ. Andererseits war es besser, dann konnte sie sich konzentrieren.
Sie hatte bereits einen weiteren Fakt aus den Daten herauslesen können, wartete aber noch damit, ihn den anderen zu berichten. Die Leitung war kurz ruhig, als sich das Team die übermittelten Daten durchlas.

„Warum denkst du, dass die Fälle zusammenhängen?“, fragte Rossi bei Donia nach. Sie räusperte sich. „Start in New York. Frau. Erwürgt. Zwei Wochen später: Pennsylvania. Mann. Erstochen. Zwei Wochen später: Ohio. Frau. Erwürgt. Zwei Wochen später: Michigan. Mann. Erstochen. Das geht dann noch so weiter. Wisconsin, Minnesota, North Dakota. Immer derselbe Rhythmus. Immer entlang des Trails. Das ist dieselbe Person.“
Rossi nickte bestätigend und las weiter in den Akten. „Was hat es mit dem Rhythmus auf sich?“, fragte Morgan laut. Donia hatte wieder eine Vermutung, wollte jedoch den anderen auch die Möglichkeit lassen, ihre Überlegungen einzubringen.
„Die Mondphasen“, antwortete Reid sofort auf die Frage. Donia musste lächeln. Wer, wenn nicht er. „Die Frauen werden bei Vollmond getötet, die Männer bei Neumond“, erklärte Reid. Donia nickte in die Webcam. „Das ist korrekt. Die pathologischen Befunde grenzen die Todeszeitpunkte auf die Zeiten rund um Voll- und Neumond ein“, bestätigte sie Reids Aussage.
Rossi sah wieder in die Webcam und anschließend direkt zu Reid. „Ihr zwei seid ja schon sehr gut eingespielt. Schön langsam komme ich mir ziemlich unnötig vor“, stellte er zynisch fest. Allgemeines Gelächter war die Antwort. Auch Donia musste lachen und war froh, dass ihre Gesichtsfarbe diesmal im Normbereich blieb.

„Kann ich sonst noch was tun?“, fragte sie in die Kamera. Hotchner schüttelte den Kopf. „Nein. Danke, Donia. Wir melden uns dann morgen früh, wenn wir das Briefing im Büro vor Ort hatten. Gute Nacht“, sagte er ruhig und nickte in die Kamera, bevor er das Gespräch beendete.
Donia speicherte noch einige Suchergebnisse von Optionen, die ihr einfielen. Anschließend ging sie in den Bereitschaftsraum. Ihre Tasche stand noch von gestern Abend hier, eine Garnitur Frischwäsche hatte sie noch dabei. Sie schmiss sich auf das Bett und schloss die Augen. Jetzt überkam sie ebenfalls die Müdigkeit.

Reid ging durch die Reihen des Flugzeuges. Alle seine Kollegen schliefen oder hatten Kopfhörer auf. Sie waren jetzt seit knapp drei Stunden unterwegs. Er konnte nicht schlafen. Donia ging ihm nicht aus dem Kopf. Er beschloss, sich in die hinterste Ecke des Jets zu setzen, um sie anzurufen.
Das Vibrieren ihres Smartphones weckte Donia wieder auf. Sie blinzelte auf das Display. Es war Reid. Überrascht hob sie ab. „Hi. Was brauchst du?“, fragte sie murmelnd und setzte sich auf. Ihre verschlafene Stimme bewirkte bei Reid einen kurzen Atemaussetzer. In seinen Gedanken lag er neben ihr und hielt sie fest. Er dachte an ihre weiche Haut, die er vor ein paar Tagen bei ihrem ersten Kuss berühren durfte.
„Nichts Dienstliches“, flüsterte er und beobachtete weiter die anderen im Flieger. Aber es war alles ruhig. „Sondern?“, fragte Donia nach. Sie war irritiert. „Alles OK?“ „Denke schon“, erwiderte Reid. „Ich habe dich aufgeweckt, stimmt‘s?“ Seine Stimme klang bedauernd. „Ja. Aber ich werde es überleben. Ganz bestimmt“, neckte Donia ihn und lächelte.
„Das hoffe ich. Unser Abendessen ist noch ausständig“, meinte er leise und sah aus dem Fenster. Das Flugzeug war gerade irgendwo über Iowa. „Das habe ich nicht vergessen“, entgegnete Donia leise und legte sich wieder hin. „Und ich freue mich nach wie vor darauf. Sehr sogar“, sagte sie leise und sah an die Zimmerdecke.
„Ich mich auch“, antwortete er. In den Augenwinkeln bemerkte er, wie Rossi aufstand und in seine Richtung kam. „Ich muss aufhören“, sagte er rasch und setzte sich gerade hin. „Es war schön, deine Stimme zu hören. Gute Nacht, Spencer“, flüsterte Donia und beendete das Gespräch. Sie legte das Smartphone auf den Tisch und schloss wieder die Augen. Sofort überkam sie wieder der Schlaf, der sie von einem wunderschönen, romantischen Abendessen träumen ließ.

Reid hatte sein Smartphone noch in der Hand und beobachtete Rossi, der ihm entgegenkam. Er lächelte ihm höflich zu und nickte. Rossi blieb kurz bei ihm stehen und klopfte ihm grinsend auf die Schulter. „Ihr könnt mir nichts vormachen. Sie ist ein nettes Mädchen. Passt zu dir. Mach was draus, Reid!“, sagte er freundschaftlich und zwinkerte ihm zu. Dann ging er weiter auf die Toilette.
Perplex blieb Reid sitzen. Wie hatte Rossi das herausbekommen? Seine jahrzehntelange Erfahrung durfte man wirklich nicht unterschätzen. Er sah auf das Display seines Smartphones. Oder er konnte einfach nur eins und eins zusammenzählen - am Display war der Gesprächspartner des letzten Anrufs noch sichtbar.
Reid seufzte und lehnte sich zurück. Er mochte es, wenn Donia ihn mit seinem Vornamen ansprach, wie gerade eben. Trotz seiner Gedankenräder, die sich sowohl um den Fall als auch um Donia drehten, konnte er bald einschlafen.

Der nächste Tag war geprägt von hoher Konzentration und Teamwork. Die Gruppe lieferte neue Informationen aus dem Sheriff-Büro vor Ort. Donia konnte aufgrund ihrer Kontakte im zuständigen FBI-Büro in Fargo zusätzliche Insider-Informationen beschaffen.
Nachdem sie mit Garcia die Informationen geprüft hatte, kontaktierte sie sofort Hotchner. „Hallo?“, ertönte nach kurzem Läuten seine autoritäre Stimme. „Hallo, Chief. Wir haben neue Infos“, begann Donia. „Warte, ich stelle dich auf laut. Es hören mit Rossi, Morgan, Reid, JJ und Sheriff Bauer“, erklärte Hotchner.
Donia hielt kurz die Luft an. „Sheriff Michael Bauer?“, fragte sie vorsichtig nach. Das BAU-Team blickte synchron auf den Sheriff, der mit hochgezogenen Augenbrauen vor dem Telefon stand. „Ja, Ma‘am. Kennen wir uns?“ „Kann man so sagen. Hallo, Onkel Mike. Gratuliere, hab nicht gewusst, dass du mittlerweile Sheriff bist“, sagte Donia in einem höflichen Tonfall.
„Donia?“, sagte Sheriff Bauer ungläubig und sah in die Runde. „Donia Bauer arbeitet bei euch?“, fragte er Hotchner, der nur nickte. „Du kannst mich auch direkt ansprechen, ich bin nicht mein Vater“, erklärte Donia kurz angebunden. Ihr Vater und sein Bruder waren zerstritten, der Kontakt abgebrochen.

Hotchner und die anderen hörten den gestressten Tonfall in Donias Stimme. Auch Reid war es aufgefallen. Er kannte die familiären Hintergründe nicht, aber der Sheriff war ihm seit ihrer ersten Begegnung nicht sehr sympathisch gewesen.
„Wie auch immer“, sagte Donia und räusperte sich, „Ich habe meine Kontakte im FBI-Büro in Fargo angezapft.“ „Ich habe die Infos geprüft, sehen allesamt valide aus“, meldete Garcia. „Die da wären?“, fragte Morgan.
Donia sprach weiter. „Ende Februar hat im Bundesstaat New York ein Mann seine Frau erstochen. Das Kind hat alles mitangesehen. Die Tochter ist 23 Jahre alt und leidet unter hebephrener Schizophrenie. Die Mutter hatte Kehlkopfkrebs, konnte nicht mehr sprechen. Der Vater gilt als gewalttätig und hat Frau und Kind misshandelt. Der Vater ist in Haft, die Tochter seit Anfang März abgängig.“
„Das könnte der Auslöser gewesen sein“, sagte Rossi. „Moment mal, Leute. Eine Frau? Ein Mädchen, gerade mal Anfang 20? Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht! Kleine, ich glaube, du liegst falsch!“, platzte Sheriff Bauer heraus und schüttelte den Kopf.

Donia sah zu Garcia, die mit offenem Mund in ihre Richtung blickte. In ihr wuchs Ärger über ihren Onkel, sie musste sich zusammenreißen, ihn nicht anzuschreien. Hotchner kam ihr zuvor. „Sheriff Bauer, ich ersuche Sie, meine Agents mit dem nötigen Respekt zu behandeln. SSA Donia Bauer ist bereits seit mehreren Jahren im FBI-Dienst und eine erfahrene Datenanalystin. Sie können sicher sein, dass wir nur die besten Leute in unserem Team haben.“
„Vielleicht ist sie gut als Tippse, aber sonst nicht viel. Bei dem Elternhaus“, murmelte Sheriff Bauer gehässig und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Das konnte Donia nicht auf sich sitzenlassen. JJ sah entgeistert zu Hotchner, der ihr mit einer kleinen Handbewegung deutete, ruhig zu bleiben.
„Onkel Mike, es wäre als angesehener Leiter einer Polizeibehörde, der du sicherlich bist, professioneller, wenn du deine persönlichen Aversionen gegen mich und meine Eltern für diesen Fall hintanstellen könntest. Ich will hier meinen Job machen. Und ich will ihn gut machen. Also werde nicht persönlich und stelle Vermutungen an. Du kennst mich nicht ... mehr“, stellte Donia klar. Sie blieb höflich, ihre Stimme klang ruhig, aber bestimmt.

Reid, Morgan, JJ und Rossi warfen sich vielsagende Blicke zu und unterdrücken ein Schmunzeln. Diese taktvolle Spitze hatte gesessen. Selbst bei Hotchner konnte man für einen Sekundenbruchteil ein Zucken um den Mund erkennen. Reid räusperte sich und warf noch ein Schäuflein nach.
„Bei uns arbeiten nur hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. SSA Bauer hat einen Master in Psychologie und einen Bachelor in Informatik, falls Sie das nicht wussten. Sie haben wohl die Sponsionsfeiern versäumt. Unser Team schätzt ihr Wissen und ihre Person. Sie sollten ebenfalls froh sein, dass wir sie zu unserem Team zählen dürfen. Und stolz, dass Sie mit ihr verwandt sind!“
Er lehnte ruhig an einem Schreibtisch und fixierte den Sheriff mit seinem Blick. Hotchner runzelte kurz die Stirn und wies den Sheriff zurecht. „Ich kann Ihrer Nichte nur zustimmen, Sheriff Bauer. Wenn Sie nicht professionell mit uns zusammenarbeiten können, stellen Sie uns einen kompetenten Ersatz zur Verfügung, der es kann.“ Diese Aussage war scharf und eindeutig.

In der Leitung war es für einige Sekunden auf beiden Seiten ruhig. Garcia zwinkerte Donia grinsend zu und hob einen Daumen. Donia freute sich über die Loyalitätsbekundungen ihres Chefs. Und auch über die von Reid. Er hatte Recht, ihr Onkel war nicht zu ihren Sponsionsfeiern erschienen, obwohl sie ihn eingeladen hatte.
Garcia drückte kurz die Mute-Taste am Telefon. „Soll ich weitermachen?“, fragte sie und verdrehte die Augen. Donia musste lachen. „Bitte. Ich brauch ‘ne Pause“, schnaufte sie und lehnte sich zurück. Garcia nickte und drückte nochmals die Mute-Taste.
Der Sheriff hob abwehrend die Hände und zuckte ergeben mit den Schultern. „Tut mir leid. Sie haben Recht. Sagen Sie, was Sie brauchen. Sie bekommen es“, meinte er leise und trat einen Schritt zurück. Er merkte, dass er mit seinen Aussagen zu weit gegangen war. Die ablehnende Haltung jedes einzelnen Agents baute sich vor ihm auf wie eine unüberwindbare Mauer.

„Also dann, liebe Leute. Meine überaus kompetente Kollegin hat weiters herausgefunden, dass die Familie früher entlang des North Country Trail in den Ferien gecampt hat. Die Tochter kennt also die Strecke. Sie ist, wie gesagt, seit Anfang März abgängig. Die Kreditkarte des Vaters wurde jedoch in den letzten Wochen drei Mal verwendet. Zwar nicht direkt am Trail, aber in der näheren Umgebung. Foto und Personendaten der Tochter sind auf euren Tablets und im Postfach des Sheriff-Büros.“
„Warum tötet sie auch Frauen? Warum tötet sie unterschiedlich?“, fragte JJ in die Runde. Es war diesmal Reid, der seine Überlegungen laut aussprach. „Die Mutter war aufgrund ihrer Krankheit stumm. Die Frauen daher zu erwürgen versinnbildlicht die fehlende Stimme. Eventuell hat die Mutter ihre Tochter vor dem Vater nicht beschützt.“
„Einen Menschen zu erwürgen erfordert Kraft. Eine Frau kann das aber bei einer Frau schaffen. Bei einem Mann nicht“, überlegte Morgan laut weiter. Er tippte auf das Tablet, das vor ihm auf dem Tisch lag. „Die Männer wurden alle von hinten erstochen. Überraschungsangriff. Wenn der Stich sitzt, ist das Opfer wehrlos.“
„Genau“, schaltete sich Donia wieder ein. „Alle Männer wurden mit einem gezielten Stich in die Lunge getötet. Das Opfer kann dadurch nicht mehr laut schreien, es wird ihm die Luft zum Atmen genommen“, erklärte sie weiter.
„Dass sie die Männer bei Neumond tötet, hilft beim Überraschungsangriff. Sie kann sich besser verstecken. Das Erwürgen der Frauen bei Vollmond ist persönlicher. Sie sieht ihnen im Mondschein beim Sterben zu“, dachte Morgan laut und sah zu Hotchner.
„Sheriff, machen Sie sich auf die Suche nach der jungen Frau. Die Daten haben Sie soeben bekommen. Dringender Mordverdacht in sieben Fällen. Danke.“ Hotchner sah den Sheriff auffordernd an, der nur kurz nickte und dann den Raum verließ.

„Er ist weg, Donia“, sagte JJ erleichtert. Donia seufzte kurz auf. „Entschuldigt, dass ihr das mitbekommen habt. Ich habe nicht gewusst, dass er der Sheriff ist. Aber ich musste etwas sagen, nachdem er meine Eltern beleidigt hatte.“
Hotchner beugte sich zum Telefon. „Da gibt es nichts zu entschuldigen. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns so gehandelt hätte. Außerdem warst du ja noch recht höflich“, sagte er in einem fast väterlichen Tonfall.
„OK ... und ... danke“, murmelte Donia ins Telefon. „Wofür denn?“, fragte JJ nach. „Dass ihr mich in Schutz genommen habt ...“, entgegnete Donia leise. „Du bist Teil des Teams, Donia“, erklärte Morgan. „Wer dich angreift, greift uns alle an“, stellte er klar.
Donia konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Also dann, Leute. Eine für alle, alle für einen. Wenn ihr noch was braucht, klingelt einfach durch!“, sagte sie. „Alles klar, over and out, little girl“, verabschiedete sich Morgan und legte auf.

Garcia und Donia sahen sich überrascht an. „Hat er gerade little girl zu mir gesagt?“, fragte Donia bei ihrer Kollegin nach. Garcia machte ein überraschtes Gesicht. „Scheint so! Aber sein baby girl bleibe immer noch ich!“, rief sie gespielt beleidigt. Dann tippte Garcia Donia mit ihrem Stift an die Schulter. „Du bist das baby girl von jemand anderem, wie mir scheint“, sagte sie verheißungsvoll und riss die Augen auf.
„Wen meinst du?“, sagte Donia abwesend und konzentrierte sich auf ihren Monitor. „Unser kleines Genie natürlich! Ihr könnt keinem was vormachen! Ihr beobachtet euch dauernd gegenseitig. Und er hat dich gerade verteidigt! Diese zwischenmenschliche - wohlgemerkt positive - Spannung kriegt man auch mit, wenn ihr nicht direkt miteinander kommuniziert“, stellte Garcia fest. Donia schüttelte den Kopf. „Da ist nichts“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Noch nicht“, konnte sich Garcia als Schlusswort nicht verkneifen. Doch Donia lächelte nur und arbeitete weiter.

Zwei Tage später war auch dieser Fall erledigt. Die Behörde vor Ort konnte die Frau ausfindig machen und in Gewahrsam nehmen. Das Team war mittlerweile wieder in Quantico eingetroffen und führte eine gemeinsame Abschlussbesprechung durch. Reid saß Donia gegenüber, beide lächelten still vor sich hin, ihre Blicke trafen sich ungewöhnlich oft und blieben aneinander hängen.

„Donia“, begann Hotchner und richtete das Wort an sie. Sie blinzelte und sah ihn erwartungsvoll an. „Ja, Chief?“, antwortete sie. „Deine Recherchen, Überlegungen und Kontakte haben uns in diesem Fall schnell weitergeholfen. Im Namen des Teams danke ich dir für deinen Einsatz“, lobte Hotchner das jüngste Teammitglied.
Er war froh, die Entscheidung getroffen zu haben, sie einzustellen. Sie bereicherte das Team und hatte sich auch in die Gruppe gut integriert. „Ich wünsche euch allen zwei schöne freie Tage!“ Er nickte der Runde zu und beendete die Sitzung. Nach und nach standen alle auf und verließen den Raum.

Reid hielt Donia zurück, als sie im Begriff war, den Raum zu verlassen. Sie waren die Letzten. „Hey“, sagte er leise und strich sanft über ihren Oberarm. Sie drehte sich um und lächelte ihn an. „Hallo Spencer“, erwiderte sie. Für einen Moment sahen sie sich nur an. Dann fingen beide an, schüchtern zu grinsen.
„Heute Abend? 8 Uhr? Bei mir zu Hause?“, fragte Reid nach einem neuen Date. Donia sah ihn überrascht an. „Lieferservice?“, fragte sie ungläubig. Er lachte. „Natürlich nicht! Die Vermengung einzelner Zutaten in zeitlicher Reihenfolge unter Zuhilfestellung verschiedener technischer Geräte zur Veränderung ihres Aggregatszustandes ist einfach. Wie Mathematik!“
Donia lachte kurz laut auf. „Spencer, du überraschst mich immer wieder!“ Dann wurde sie wieder still und sah ihn an. „Ich bin da. Um 8. Soll ich etwas mitbringen?“, fragte sie leise. Er schüttelte den Kopf. „Nur dich“, antwortete er lächelnd. Sie nickte leicht und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Bis dann, Spencer. Ich freu mich!“, sagte sie und ging schließlich hinaus ins Großraumbüro.
Reid sah ihr nach und grinste. Es würde ein schöner Abend werden. Er musste sich nur noch ein Abendessen überlegen und einkaufen. Und kochen. Aber das war einfach. Wie Mathematik.

Petra Hechenberger

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