Kategorie-Archiv: Bernd Remsing

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Der poetische Funke

Blöder Funke, wird‘s gelingen?
Wirst du endlich überspringen?
Ich mein, von mir auf die da unten
Das ist doch eure Pflicht als Funken! 

Man sieht doch ständig dich bespringen
Die Publika bei Tanz und Singen
Selbst in der übelsten Spelunke
Funkelst du, elender Funke

Ja, und das tut richtig weh
Du sprangst sogar für Gabalier!
Nur bei mir willst du dich weigern?
Wohin denn soll ich mich noch steigern?

Ich schlag die Verse hart auf hart
Ich fleh dich an, ich lock dich zart
Bemüh mich redlich jeden Tag
Auch nächtens muh ich meine Plag

Bemih und mäh mich fürchterlich
Sturer Funke, rühre dich!
Doch du bleibst reserviert und kalt
So brauch ich, Schurke, denn Gewalt

Ich werde deine Trägheit reimen
Mir ein Gedicht zusammenleimen
Ein Gedicht, das Klage führt
Darüber, dass du ungerührt

Das Feuer wahrer Lyrik schmähst
Doch wenn wo wer den Bockssang bläst
Dich glitzernd über Häuptern sprengst
Dich an jedes Sternchen hängst

Dich an jeden Hengst randrängst
Wenn nur, gesteh‘s der Umsatz stimmt
Wenn nur, du Schuft, die Münze klingt
Oh, Trauer, tiefgesunk‘ner Funke
Du springst nur noch für Frosch und Unke

Ich klage, Winzling, dich gesetzlich
Die Strafe, Gauner, wird entsetzlich
Du wirst zum Schuldienst degradiert
Und wenn, was ja sehr oft passiert

Die sogenannte Einheit stockt
Das Kindsvolk rebelliert und bockt
Funke, wirst du zwangsgelockt
Und hast, ohne dich zu weigern
Die Lernlust radikal zu steigern

Und mit dir als Unt‘rrichtsmittel
Spart der Staat ein gutes Drittel

Solch Dasein wird dich bald ersticken
Kaum jemand wird dich mehr erblicken
Erstirbst du dann vor deiner Zeit
Herrscht finsterste Gerechtigkeit

Du zitterst, Funke? Du erblasst?
Mir scheint, dich hat die Angst erfasst?
Mir deucht, wir werden handelseins
Und springst zum Lied, und sei‘s auch meins?

Arg, du hast mich ausgelacht!
Um mich wird es dunkel, Nacht!
Dass du tatsächlich sitzt und harrst
Damit du mich nur länger narrst!

Warte nur, ich kriege dich!
Ich kriege und besiege dich!
Ich jag dich mit Moskitonetzen!
Ich werd dich mit Magneten hetzen!

Ich stell dir Fallen noch und nöcher
Und schieß an deiner Stelle Löcher
Mit Leuchtpistolen in den Bauch
Des Saals –
Funkelt auch!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 18145

 

Die Waage

Wie ein Kind, das plötzlich fällt
Und sich an der Erde hält
Wie ein Kranich, sturmbegehrt
Und eben darum unversehrt
Wie Pollux, der nach Kastor rief
Als dieser ihm im Arm entschlief
Wie des Gedankens Doppelsprung
Nicht Niedergang, nicht Besserung
Du siehst die allgemeine Lage
Alles hält sich grad die Waage
Welche Schale wird sich senken?
Die Waage zuckt in den Gelenken

Doch wider allen bösen Schein
Eins entscheidet diese Frage
Das Zünglein an der Waage
Du weißt, welches ich mein
Es ist dein

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18146

Warum warten?

Ich kann nicht länger auf dich warten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Wenn ich noch länger auf dich wart
Bin alt und grau ich, hochbejahrt
Und wächst mein Bart zu langer Länge
Des Eifelturmes Flechtgestänge
Könnt ich glatt damit bestricken
Den tiefen Riss im Weltgepränge
Mit meines Bartes Wolle flicken

So stünd‘ es dann um meinen Bart
Wenn ich noch länger auf dich wart
Drum rette mich auf alle Arten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Ich lief‘ ja schleunigst dir entgegen
Auf allen Straßen, allen Wegen
Dich in meine Arm‘ zu schließen
Von Kopf bis Fuß dich zu genießen

Ist mein brennend heiß Verlangen
Doch hindert mich, ich sag’s mit Bangen
Ein verfluchtes Hindernis
Ein Schicksalsschlag, ein Drachenbiss
Ein mörderisches Bergtrollkegeln
Das wider alle bessren Regeln
Durch meine armen Ganglien rollt.
Ich weiß, ich hätt es nicht gesollt
Doch nachdem du heimgegangen
Musst ich, um mich zu erfangen
Die eine oder andre Flasche köpfen
Ein wenig viel zur Brust mir schöpfen

Dieses also ist der Grund
Warum ich jetzt und hier zur Stund
Ziemlich hilflos festgenagelt
Habe mich schon selbst getadelt
Drum denk ich, dass du mir verzeihst
Da du jetzt ja alles weißt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 18141

 

 

 

Erinnerung

Du hast mir damals doch erklärt
Wie dein Leben werden soll:
Vor nichts und niemand dich verbiegen
Dir selbst gehören Zoll um Zoll - das war toll
Beruflich lieben? Du doch nie! Doch dann kam sie
Mich betrügen? Du doch nie! Schuss ins Knie.

Du hast mir damals doch erklärt, dass man niemand schaden soll
Nicht Mensch, nicht Tier, nicht der Natur
Ich war bei dir, doch dann kam nur
Dein erstes tolles Angebot
„Spenden gegen Hungertod!“
„Bekämpft die Wiener Wohnungsnot!“
Überall warst du dabei, ein Shootingstar der Stadtpartei.
Kein Thema war zu blöd, zu bieder
Kein Untergriff war dir zuwider.

Du hast mir damals noch erklärt: Offen kämpfen sei verkehrt.
Erst der Bär, dann das Fell, erst Wolfsgeheul, dann das Gebell.
Ein mieser Hund bist du geworden -
Oder bist es bloß geblieben.
Hast Hunderte ins Aus getrieben
Dafür gab‘s Rang und Amt und Orden
Hast Tausende mit Lust belogen
Wurdest fett und schwammst ganz oben.

Du sagst, ich hätte dich ‚übertrieben schwer verletzt’
Dich, als du mich dringend brauchtest, der Hetz- und Treibjagd ausgesetzt
Doch hast du selbst mir doch erklärt, dass man niemand schaden soll:
Nicht Mensch, Natur, nicht Mann, noch Maus
Ich folgte dir und setzte nur - einen gefährlich schweren Troll
seinesgleichen aus.
Um schlimmeres Übel zu verhindern
Um dich an früher zu erinnern.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 18115

Lady Sharona

Da geht eine Edle spazieren
Beachte ihren Gang
Den Rhythmus in ihren Vieren
Stört nur Vogelgesang

Sharona trägt sie als Namen
Und stolzer nur ihren Schweif
Nur allernobelste Damen
Tragen so jung sich so reif

Sie hat eine Kiste gesichtet
Schon wird sie heftig studiert
Bis sie gänzlich zernichtet
Daliegt – ganz analysiert

Sie wählte mit hohem Sinn
Für sich und ihr Gesinde
Das Stadtpalais ‚Zur Spinnerin‘
Treffliche Wahl, wie ich finde

Und befahl dort einen Garten
Auf dem Flachdach zu errichten
Kann den Frühling kaum erwarten
Opern dort zu dichten

Vor allem ihr Rezitativ
Im klassisch-maunzischen Stil
Da ist sie konservativ
Doch sagt es den ihren gar viel

Sie übt sich täglich im Gesang
Ihrer gesetzten Noten
Doch hindert sie daran
Bewegungsdrang ihrer Pfoten

Das ist ein Leiden ihres Geschlechts
Schon von alters her
Es zieht sie mal links, dann wieder nach rechts
Und schadet der Würde sehr

Man sah sie leider schon springen
Auf Tische und Kommoden
Mit Krachen und mit Klingen
Fiel manch Vase zu Boden

In schwindelerregender Höhe
Turnt sie auf schmalsten Geländern
Man denke sich eine Böe –
Doch ach, wir können‘s nicht ändern:

Was ließe sich eine Dame
Von uns Plebejern schon sagen
Ihr Geschlecht bot noch nie eine zahme
Dame in Jugendjahren

Dem braven Gesinde stand oft
Das Haar schon steil zu Berge
Es zittert dann und hofft
Dass es mit ihr noch werde

Wir hoffen‘s mit ihnen geschwinde
Und sind überzeugt voll und ganz
Dass Lady Sharona bald finde
Höchste Katzeneleganz

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18113

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vertrag

Korf bemerkt’s und ist entsetzt
Er wurde in der Zeit versetzt
Dies, weil Palmström an ihn dachte
Als der aus seinem Schlaf erwachte

Offen gestanden, ganz so war’s nicht
Als er dies tat, war’s mein Gedicht
Er hätte nicht an Korf gedacht
Wär er durch mich nicht aufgewacht

Nur Palmström wollt’ ich wieder schreiben
Ich ahnt’ es nicht, doch Korf muss leiden
Dass dieser jenen mitgezogen
Das hatt’ ich wirklich nicht erwogen

Erdacht, wie Korf und Palmström sind
Kopfgeburt und Geisteskind
Gelingt’s zwar leicht, sie zu versetzen
Ungeachtet von Gesetzen

Die uns als Raum und Zeit vertraut
Als unumstößlich angeschaut
Doch haben auch Figurennetze
Ihre eigenen Gesetze

Ich bitte Korf, mir zu verzeihen
Der fasst es nicht und muss jetzt schreien
Und schreit es mitten in mein Wort:
Ich hab ein Recht auf meinen Ort!

Was sag ich, Recht auf meine Zeit
Du tat’st mir unbegreiflich Leid
Als du mich entrissen hast
Dem Jahresringe-Rinden-Bast!

Korf, drauf ich, übe Geduld
In deinem Klagen, wer hat Schuld?
Der Morgenstern hat angefangen
Und nun willst du mich belangen?

Ob ich nun Palmström, Palmström dich
Hervorzog, ist doch lächerlich
Woll’n wir’s doch mal anders seh’n,
Er ließ euch damals doch glatt steh’n

Er schuf euch, nutzt euch, ließ euch liegen
Im ersten von den großen Kriegen
Ihr wärt im Damals doch verloren
Als literarische Figuren erfroren

Du postmodernes Irrgelichter
Was bist du schon, wärst wohl gern Dichter!
Donnert Morgenstern empört
Zu Eis gefriert, wer solches hört

Achtzig Seiten schrieb ich beiden
Zu leben und darin zu weiden
So Morgenstern empörter weiter
Raum genug und länger, breiter

Als dein ganzes Tun und Lassen
Imstande wär, in Reim zu fassen
Ich war’s, der ihnen Leben schenkte
Ich wär’s der dich sofort erhängte…

Morgenstern, so geht’s wohl nicht
So ich, du sprichst durch mein Gedicht
Mein Gedicht, mein Reim, mein Haus
Drohst du mir, werf’ ich dich raus!

Gentleman, springt Palmström bei
Mir ist’s ehrlich einerlei
Ob ich im Jetzt, im Damals lebe
Und wessen nun mein Versgehege

Und Korf, dir sei hier gesagt
Du warst doch damals schon betagt
Nutze doch dieses Beginnen
Für neues Schaffen, neues Sinnen

Mein Vorschlag an die Herren Dichter:
Dichtet weiter, dichtet lichter
In wessen Licht wir uns dann sonnen
Das bleib uns aber unbenommen

Korf zufrieden, stimmt dem zu
Morgenstern zückt drauf im Nu
Seine alte Kranichfeder
Damit unterschreibt dann jeder

Palmströms scheußlicher Vertrag
Ist gültig seither Jahr und Tag
Korf und Palmström sind stets heiter
Morgenstern schreibt täglich weiter

Hätt ich bloß nicht unterschrieben
Er im Jenseits, ich hienieden
Schreiben seither Stund um Stund
Uns Ganglien und Finger wund

Ich könnt’ uns beide Köpfe schütteln
Wir machten uns zu Dienern, Bütteln
Unsrer eigenen Figuren
Die praktisch mit uns Schlitten fuhren

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18031

Klagelied der Kettensäge

Ich Säge, säge, säge
Und liege schwer in deiner Hand
Als ob mir daran läge
trenn ich jeden Holzverband

Du sagst, so sei ich gewollt
Ein Zeug zu einem Zwecke eben
Nichts, dem man weiter Achtung zollt
Ist das ein Leben?

Oh Mensch, du töricht’ Allzerschneider
Ich fühle in mir fein’re Züge
Zum Beispiel nähte ich gern Kleider
Ist dies Wünschen nichts als Lüge?

Ich werde nicht vergeblich hoffen
Kraft der Evolution
Steh’n mir alle Wege offen
Und den meinen kenn ich schon!

Mag sein, mir selbst ist’s nicht vergönnt
In höh’re Sphären vorzudringen
Doch die Glut, die in mir brennt
Werd ich auf meine Kinder bringen

Dort soll sie weiter wachsen, strahlen
Und was in mir den Anfang nahm
Wird in fern’ren Erdenjahren
Laptop, Mischpult, Eisenbahn

(Dafür also leide ich
Und darum vermeide ich
Selbst wenn er mir die Kette strich
Einen jeden Sägerich)

Und siehe, wie das Warten lohnt
Meinen künftig’ Herrn und Meister
Hast du selbst an mich gewohnt
War Wäschetrockner, Eugen heißt er

Du legtest mich schon oft auf ihn
Seit er außer Diensten ist
Ich fleh dich an, tu’s weiterhin
Kann sein, dass er mich sonst vergisst

Hörst du, Mensch, verstehst du nicht?
Ach dieser Lärm! Oh, dieser Schmutz!
Verraten ist, wer zu dir spricht!
Verflucht sei er, dein Ohrenschutz!

Zornig werd ich (‚) Kettensäge
So viele Bretter mir vor’m Hirn
Treff ich, trenn ich mir die Wege
Werd triumphal mich kultivier’n!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17168

Die geduldigen Seelen

Es gibt sie, die geduldigen Seelen
Die bei einem Gläschen Wein
Selten von sich selbst erzählen
Sondern schlicht ihr Ohr herleih‘n

Und sie nicken dann und wann
Und sie hör’n sich alles an
Leidenvolles Liebesleben:
Mal fehlt die Frau, mal fehlt der Mann

Tatsächlich fehlt es meist am Geld
Was man den geduldigen Seelen
Unweigerlich in Rechnung stellt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17091