Kategorie-Archiv: Bernd Remsing

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Erinnerung

Du hast mir damals doch erklärt
Wie dein Leben werden soll:
Vor nichts und niemand dich verbiegen
Dir selbst gehören Zoll um Zoll - das war toll
Beruflich lieben? Du doch nie! Doch dann kam sie
Mich betrügen? Du doch nie! Schuss ins Knie.

Du hast mir damals doch erklärt, dass man niemand schaden soll
Nicht Mensch, nicht Tier, nicht der Natur
Ich war bei dir, doch dann kam nur
Dein erstes tolles Angebot
„Spenden gegen Hungertod!“
„Bekämpft die Wiener Wohnungsnot!“
Überall warst du dabei, ein Shootingstar der Stadtpartei.
Kein Thema war zu blöd, zu bieder
Kein Untergriff war dir zuwider.

Du hast mir damals noch erklärt: Offen kämpfen sei verkehrt.
Erst der Bär, dann das Fell, erst Wolfsgeheul, dann das Gebell.
Ein mieser Hund bist du geworden -
Oder bist es bloß geblieben.
Hast Hunderte ins Aus getrieben
Dafür gab‘s Rang und Amt und Orden
Hast Tausende mit Lust belogen
Wurdest fett und schwammst ganz oben.

Du sagst, ich hätte dich ‚übertrieben schwer verletzt’
Dich, als du mich dringend brauchtest, der Hetz- und Treibjagd ausgesetzt
Doch hast du selbst mir doch erklärt, dass man niemand schaden soll:
Nicht Mensch, Natur, nicht Mann, noch Maus
Ich folgte dir und setzte nur - einen gefährlich schweren Troll
seinesgleichen aus.
Um schlimmeres Übel zu verhindern
Um dich an früher zu erinnern.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 18115

Lady Sharona

Da geht eine Edle spazieren
Beachte ihren Gang
Den Rhythmus in ihren Vieren
Stört nur Vogelgesang

Sharona trägt sie als Namen
Und stolzer nur ihren Schweif
Nur allernobelste Damen
Tragen so jung sich so reif

Sie hat eine Kiste gesichtet
Schon wird sie heftig studiert
Bis sie gänzlich zernichtet
Daliegt – ganz analysiert

Sie wählte mit hohem Sinn
Für sich und ihr Gesinde
Das Stadtpalais ‚Zur Spinnerin‘
Treffliche Wahl, wie ich finde

Und befahl dort einen Garten
Auf dem Flachdach zu errichten
Kann den Frühling kaum erwarten
Opern dort zu dichten

Vor allem ihr Rezitativ
Im klassisch-maunzischen Stil
Da ist sie konservativ
Doch sagt es den ihren gar viel

Sie übt sich täglich im Gesang
Ihrer gesetzten Noten
Doch hindert sie daran
Bewegungsdrang ihrer Pfoten

Das ist ein Leiden ihres Geschlechts
Schon von alters her
Es zieht sie mal links, dann wieder nach rechts
Und schadet der Würde sehr

Man sah sie leider schon springen
Auf Tische und Kommoden
Mit Krachen und mit Klingen
Fiel manch Vase zu Boden

In schwindelerregender Höhe
Turnt sie auf schmalsten Geländern
Man denke sich eine Böe –
Doch ach, wir können‘s nicht ändern:

Was ließe sich eine Dame
Von uns Plebejern schon sagen
Ihr Geschlecht bot noch nie eine zahme
Dame in Jugendjahren

Dem braven Gesinde stand oft
Das Haar schon steil zu Berge
Es zittert dann und hofft
Dass es mit ihr noch werde

Wir hoffen‘s mit ihnen geschwinde
Und sind überzeugt voll und ganz
Dass Lady Sharona bald finde
Höchste Katzeneleganz

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18113

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vertrag

Korf bemerkt’s und ist entsetzt
Er wurde in der Zeit versetzt
Dies, weil Palmström an ihn dachte
Als der aus seinem Schlaf erwachte

Offen gestanden, ganz so war’s nicht
Als er dies tat, war’s mein Gedicht
Er hätte nicht an Korf gedacht
Wär er durch mich nicht aufgewacht

Nur Palmström wollt’ ich wieder schreiben
Ich ahnt’ es nicht, doch Korf muss leiden
Dass dieser jenen mitgezogen
Das hatt’ ich wirklich nicht erwogen

Erdacht, wie Korf und Palmström sind
Kopfgeburt und Geisteskind
Gelingt’s zwar leicht, sie zu versetzen
Ungeachtet von Gesetzen

Die uns als Raum und Zeit vertraut
Als unumstößlich angeschaut
Doch haben auch Figurennetze
Ihre eigenen Gesetze

Ich bitte Korf, mir zu verzeihen
Der fasst es nicht und muss jetzt schreien
Und schreit es mitten in mein Wort:
Ich hab ein Recht auf meinen Ort!

Was sag ich, Recht auf meine Zeit
Du tat’st mir unbegreiflich Leid
Als du mich entrissen hast
Dem Jahresringe-Rinden-Bast!

Korf, drauf ich, übe Geduld
In deinem Klagen, wer hat Schuld?
Der Morgenstern hat angefangen
Und nun willst du mich belangen?

Ob ich nun Palmström, Palmström dich
Hervorzog, ist doch lächerlich
Woll’n wir’s doch mal anders seh’n,
Er ließ euch damals doch glatt steh’n

Er schuf euch, nutzt euch, ließ euch liegen
Im ersten von den großen Kriegen
Ihr wärt im Damals doch verloren
Als literarische Figuren erfroren

Du postmodernes Irrgelichter
Was bist du schon, wärst wohl gern Dichter!
Donnert Morgenstern empört
Zu Eis gefriert, wer solches hört

Achtzig Seiten schrieb ich beiden
Zu leben und darin zu weiden
So Morgenstern empörter weiter
Raum genug und länger, breiter

Als dein ganzes Tun und Lassen
Imstande wär, in Reim zu fassen
Ich war’s, der ihnen Leben schenkte
Ich wär’s der dich sofort erhängte…

Morgenstern, so geht’s wohl nicht
So ich, du sprichst durch mein Gedicht
Mein Gedicht, mein Reim, mein Haus
Drohst du mir, werf’ ich dich raus!

Gentleman, springt Palmström bei
Mir ist’s ehrlich einerlei
Ob ich im Jetzt, im Damals lebe
Und wessen nun mein Versgehege

Und Korf, dir sei hier gesagt
Du warst doch damals schon betagt
Nutze doch dieses Beginnen
Für neues Schaffen, neues Sinnen

Mein Vorschlag an die Herren Dichter:
Dichtet weiter, dichtet lichter
In wessen Licht wir uns dann sonnen
Das bleib uns aber unbenommen

Korf zufrieden, stimmt dem zu
Morgenstern zückt drauf im Nu
Seine alte Kranichfeder
Damit unterschreibt dann jeder

Palmströms scheußlicher Vertrag
Ist gültig seither Jahr und Tag
Korf und Palmström sind stets heiter
Morgenstern schreibt täglich weiter

Hätt ich bloß nicht unterschrieben
Er im Jenseits, ich hienieden
Schreiben seither Stund um Stund
Uns Ganglien und Finger wund

Ich könnt’ uns beide Köpfe schütteln
Wir machten uns zu Dienern, Bütteln
Unsrer eigenen Figuren
Die praktisch mit uns Schlitten fuhren

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18031

Klagelied der Kettensäge

Ich Säge, säge, säge
Und liege schwer in deiner Hand
Als ob mir daran läge
trenn ich jeden Holzverband

Du sagst, so sei ich gewollt
Ein Zeug zu einem Zwecke eben
Nichts, dem man weiter Achtung zollt
Ist das ein Leben?

Oh Mensch, du töricht’ Allzerschneider
Ich fühle in mir fein’re Züge
Zum Beispiel nähte ich gern Kleider
Ist dies Wünschen nichts als Lüge?

Ich werde nicht vergeblich hoffen
Kraft der Evolution
Steh’n mir alle Wege offen
Und den meinen kenn ich schon!

Mag sein, mir selbst ist’s nicht vergönnt
In höh’re Sphären vorzudringen
Doch die Glut, die in mir brennt
Werd ich auf meine Kinder bringen

Dort soll sie weiter wachsen, strahlen
Und was in mir den Anfang nahm
Wird in fern’ren Erdenjahren
Laptop, Mischpult, Eisenbahn

(Dafür also leide ich
Und darum vermeide ich
Selbst wenn er mir die Kette strich
Einen jeden Sägerich)

Und siehe, wie das Warten lohnt
Meinen künftig’ Herrn und Meister
Hast du selbst an mich gewohnt
War Wäschetrockner, Eugen heißt er

Du legtest mich schon oft auf ihn
Seit er außer Diensten ist
Ich fleh dich an, tu’s weiterhin
Kann sein, dass er mich sonst vergisst

Hörst du, Mensch, verstehst du nicht?
Ach dieser Lärm! Oh, dieser Schmutz!
Verraten ist, wer zu dir spricht!
Verflucht sei er, dein Ohrenschutz!

Zornig werd ich (‚) Kettensäge
So viele Bretter mir vor’m Hirn
Treff ich, trenn ich mir die Wege
Werd triumphal mich kultivier’n!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17168

Die geduldigen Seelen

Es gibt sie, die geduldigen Seelen
Die bei einem Gläschen Wein
Selten von sich selbst erzählen
Sondern schlicht ihr Ohr herleih‘n

Und sie nicken dann und wann
Und sie hör’n sich alles an
Leidenvolles Liebesleben:
Mal fehlt die Frau, mal fehlt der Mann

Tatsächlich fehlt es meist am Geld
Was man den geduldigen Seelen
Unweigerlich in Rechnung stellt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 17091

Der bessere Kandidat

In Palmström hebt sich manchmal vage
Eine Frage, eine zage
Denn blickt er grenzenlos verwundert
Aufs junge 21. Jahrhundert

Nein, so war das nicht gedacht
Das war anders abgemacht
Das Ziel, der Torlauf sollt‘ es sein
Allen Menschen Brot und Wein

Freude schöner Götterfunken
In welchem Mist bist du versunken?
Statt deiner Krieg und Sklavenhandel
Raubbau, Armut, Klimawandel

Ein Tag reicht nicht, um aufzuzählen
All die Übel, die uns quälen
Ach Mensch, seufzt Palmström bitterlich
Sorgen mach ich mir um dich

Was, wenn dies die Schlussklausur
Prüfungsvorsitz: die Natur
Prüfungsthema: Überleben
Du wärst um Antworten verlegen

Die Natur würd rasen, toben
Der Prüfling, spräch‘ sie, hat verschoben
Mehrmals, bis zum Letzttermin
Nun endlich, tritt er vor uns hin

Und ist, ich sag’s naturgemäß nicht froh
Trotzdem dumm wie Bohnenstroh!

Pflichte bei, knurrt das Atom,
Will nicht, dass man ihn verschon.
Zwar fühl ich mich bei ihm gespalten,
Doch grade darum ungehalten

Auch praktisch also eine Schmach!
Setzt erbost der Vorsitz nach
Und theoretisch ist‘s ein Graus
Ruft die Weltenformel aus

Nach hoffnungsvollem Anbeginnen
Will ihm gar nichts mehr gelingen
Und politisch-sozial
ist’s ein kosmischer Skandal!

So hat der Prüfling nichts verstanden
Setzen Prüfling, nicht bestanden.
Dir, der sich meine Krone nennt,
Setz ich Natur mithin ein End.

Wie konntest du’s nur so verpatzen?
Nächster Candidatus: Katzen

So, seufzt Palmström, würd’s dir gehen
Die Katz auf dich heruntersehn
Wie sie das ja schon immer tat
Als der bess‘re Kandidat.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17090

Palmström wagt‘s

Neue Seite, neues Glück
Denkt Palmström und verfasst ein Stück
Von Königen und ihren Huren
Von Schurken, die in Kutschen fuhren

Von presserischer Fürstenlast
Vom Volk, das ängstlich duckt und hasst
Und er schildert lang und breit
Die ganze Ungerechtigkeit
Der feudal’n Vergangenheit:

Tyrannei drückt brave Bauern
Die Haus und Hof und Wald und Feld
In Sonne und in Regenschauern
Seit Urgedenken schon bestellt

Mit immer neuer Last und Steuer
Reibt das fürstlich Ungeheuer
Ihm das Fett aus seinen Gliedern
Dem Bauernstand, dem allzu bieder‘n

Und entehrt noch obendrein
Das kaum erwachs‘ne Töchterlein

Furor packt nun Palmström hart
Und er verlässt die Gegenwart
Um das Schlimmste zu verhindern
Um das Greuel abzulindern

Und ein Stück wär’s auch geworden
Alles, was bis heut verdorben
An der Wurzel wär‘s gepackt
Des Drachen Häupter abgehackt

Leicht möglich, wir wär’n heut befreit
Aus all uns‘rer Unmündigkeit:

Denn Palmström ist gar weit gegangen
Er hielt den Kaiser schon gefangen
Als er im Großen Bauernkrieg
Kämpfte für der Freiheit Sieg

Da trat Korf in seine Kammer
Und ach, es ist und bleibt ein Jammer
Auffahrend aus seinem Stück
Vergaß er’s
Und ließ es irgendwo
Im sechzehnten Jahrhundert
Zurück.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17089

Die Trampler

Dies ist das Jahrhundert der Checker und Fälscher
Doch ist das erst seit heute so?
Die Trampler, die Brenner, die Henker und Selcher
Die gab‘s auch schon vor Waterloo
Genauer gesagt, gibt es sie länger
Und ehrlich gesagt, wird mir banger und bänger
Denn ihr Durchsetzungsgeschick
Bricht jeder Hoffnung das Genick

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 17088

Lied von der Freiheit

(schweigend zu singen)

Dass ich nichts mehr singen kann
Liegt nicht an diesem Ort
Sonst wär ich fort und sänge dort

Liegt nicht an meinem Temperament
Ein Komet am Firmament
Der strahlend brennt, den ihr jetzt kennt

Liegt nicht an euch, ihr Konsumenten
Bin‘s ja gewohnt, mich zu verschwenden
Liegt nicht an euch im Dunkeln, nicht an mir im Licht
Warum also sing ich nicht?

Ist‘s ein Zeichen des Protests?
Liegt‘s an der Stimmung dieses Fests?
Schweig ich aus Welternährungsgründen?
Wegen eurer Umweltsünden?

Nein, der Grund ist apolitisch
Doch muss ich sagen, trotzdem kritisch:
Meine Unterhose klemmt
Und wer das kennt, weiß wie das hemmt

Oh, viel zu kleine Unterhose
Wärst du doch weit, flögst du doch lose
Dein viel zu enger Gummizug
Hemmt meiner Gedanken Flug

Ich geh gleich von der Bühne runter
Und reiß dich Unterhose runter
Niemals sollst du mich mehr klemmen
Werd‘ dich Runterhose nennen

Noch heute Abend wirst du brennen
Und sing voll Spott und dir zum Hohne
Ich fortan nur unten ohne!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 17032