Vom mangelnden Gespür der Basler für die Feinheiten des Wiener Idioms

Vor ein paar Tagen hab ich die Marta getroffen auf der Thaliastraße. Schräg, sie nach so langer Zeit zufällig wiederzusehen und noch schräger, dass wir uns gleich angesprochen haben, denn eigentlich hätten wir mit gesenkten Köpfen aneinander vorbeirasen sollen, ohne uns umzudrehen, bei unserer Vergangenheit.

Aber offenbar verbinden nach einer gewissen Zeit böse Erinnerungen genauso wie gute, und wir sind dann gleich ins Weidinger auf einen Kaffee. Als wir dann eh gleich Bier getrunken haben, war auch bald alles von damals verziehen. Das war leicht, weil wir heute sagen können, das waren nicht wir, das waren die damaligen Umstände. Diese Umstände waren – wie soll ich sagen, zukunftsweisend: kein Job, kein Plan, keine Wohnung, wenig Schlaf, dafür alles, was einem den Verstand rauben kann. Insofern gutes Training für unser Prekariat heute. Ende der 90er hörte ich dann, dass die Marta sich den Tim geangelt hat, einen von diesen „überaus erfolgreichen IT-Managern“, wie es damals in den Magazinen immer hieß. Der wusste privat ihre Qualitäten als Damen-Catcherin und beruflich die als Hobby-Hackerin zu schätzen, nahm sie gleich mit nach Basel wie eine originelle Trophäe und lebte da mit ihr in einer Art offenen Beziehung. Zum ersten Mal hatte die Marta eine fixe Adresse und ein sorgenfreies Leben.

Ich frage mich nur, wie sie das all die Jahre ausgehalten hat. Weil, zum Beispiel der Comic-Andi – der heißt so, weil er mit vierzehn in eine Buchhandlung eingebrochen ist, um die Prachtausgabe von „Zettel’s Traum“ vom Arno Schmidt zu klauen, bloß um dann beim intensiven Studium von „Wonder Woman“ in der Comicabteilung erwischt zu werden – der Comic-Andi hat das jedenfalls auch nicht ertragen, das Butterseiten-Leben, als er auf einmal der große Boss vom Fahrradbotendienst war, mit unendlich viel Geld, oder mit dem, was wir auch heute noch dafür halten würden, wie ich fürchte. Das hat ihn dann, das ist jetzt meine Theorie, psychisch enorm belastet, einfach weil er Erfolg nicht gewohnt war. So belastet, dass er hingegangen ist und die Scheibe vom Juwelier in der Herrengasse eingeschlagen hat – und dann stehen geblieben, bis die Polizei kam.

Also, das mit dem Basler Luxusleben als IT-Promi-Begleitung, dass das jetzt vorbei wäre, hat mir die Marta im Weidinger erklärt. Sie lebe jetzt wieder in Wien und zwar von der Sozialhilfe. Das hat sie so richtig mit Stolz gesagt und mir ihren neuen Krankenkassen-Kunststoff-Schneidezahn präsentiert. Den hätte ihr der Tim auch nicht bezahlen wollen, nachdem er sie rausgeschmissen habe. Aber sie hätte ohnehin genug gehabt von diesem Calvinisten-Bobo und der ganzen Spießer-Schweiz, dort würde ja die Caritas sogar den Obdachlosen nur Anzug und Schlips aushändigen. Auf meine Frage, wieso sie denn einen neuen Schneidezahn gebraucht hätte und wieso sie der Tim denn rausgeschmissen hätte, hat sie mir dann ungefähr Folgendes erzählt:

Vergangenen Oktober erhält der Tim den Auftrag, das Image seiner Firma wieder mal ordentlich aufzupimpen. Dem fällt aber nichts Gescheiteres ein, als ausgerechnet die Marta nach einer Idee zu fragen und die redet ihm eine mehrtägige LAN-Party ein. Aus Nostalgie wollte sie die, hat sie mir erklärt. Solche LAN-Partys sind ja jetzt wirklich nicht mehr der heißeste Scheiß. Seit es diese fetten Internetverbindungen gibt, braucht man ja kein lokales Netzwerk mehr und außerdem, hunderte Nerds auf Speed, die schweigend vor ihren Monitoren sitzen und sich gegenseitig in digitalen Blutbädern hinmetzeln: Party? Echt jetzt? Andererseits, an den Börsen geht’s schon lang so zu und richtig out sind die auch nicht. Also, warum nicht wieder mal eine LAN-Party?

Den Iro hochtoupiert und auf Hochglanz gewachst, ausgestattet mit ihrem Laptop – Uncle Sam (alt aber aufgerüstet) –, Schlafsack, Isomatte, diversen Kabeln etc. wird die Marta vom Tim, der gleich zu einem wichtigen Termin weiterfährt, vor einer aufgelassenen Lidl-Halle in der Basler Vorstadt abgesetzt. Am Eingang zeigt sie wichtig ihre Freikarte, und weil nicht halb so viele gekommen sind wie erwartet, hat sie es echt easy einen perfekten Tisch zu erobern, mit genügend Raum unter der Platte, zum zwischendurch Schlafen. Man sieht: Profi, die Marta.

Alles angesteckt und hochgefahren, merkt sie, dass es keine LAN-Verbindung gibt. Sie sieht sich um und tatsächlich, die wenigen Anwesenden spielen nur mit sich selbst – um jetzt nicht das von Marta verwendete Verb zu gebrauchen.

Blutjunge Wichtigtuer, die mit Orgateam-Schildchen verziert herumlaufen, geben nur die üblichen Antworten. Es tue ihnen leid, blabla, technische Panne, blabla usw.

Als das eine Weile so geht, spürt die Marta, sie kriegt wieder ihre Wut und um das zu vermeiden, geht sie sich ein Bier holen, obwohl sie Tim zuliebe eigentlich nichts mehr trinkt. Andererseits ist genau der mit seiner schlechten Vorbereitung schuld an ihrer aufsteigenden Wut und so ist das dann wieder voll okay.

Dabei stellt sich aber heraus, dass es in dieser elenden Lidl-Halle nicht nur kein LAN, sondern auch kein Bier in Halbliter-Bechern gibt. Nur in Viertelliter- zum Preis von Halbliter-Bechern. Dafür Rauchverbot. Ihre aufsteigende Wut schlägt um in ergreifende und das bedarf sofortiger Sedierung. Etwa acht Viertelliter-Becher später zieht sie durch die Spieltische und sucht Verbündete gegen diese „Oaschpartie“: „Geh Oida, wos soi des füra LAN-Party sein, ohne LAN? Und tschuldige, wos soi des füra Bier sein, in an Zahnputzbecha?“ und dergleichen wird von der nichtrauchenden Jeunesse dorée Basels und Umgebung natürlich nur als bedrohliche Lautwolke begriffen, vor der sie sich instinktiv wegduckt. Marta versucht es mit gesteigerter Ausdruckskraft und wird dabei immer rüder, aber diese „spielsüchtigen Zombies“, wie sie sich ausdrückt, gehen auf ihre durchaus berechtigte Kritik der „Oaschveranstaltung“ einfach nicht ein.

Aus einigen herablassenden Erkundigungen, ob sie denn nicht des Englischen mächtig sei, folgert Marta schließlich, dass hier wieder diese verdammte Sprachbarriere vorliegen müsse. Sie weiß: unüberwindbar. Immer wenn sie ein wenig getrunken hat, klebt sie an ihrem Wiener Idiom fest wie an einem Fliegenfänger, und das, obwohl sie in ihrem Kopf auschließlich reinstes Hochdeutsch denkt, sagt sie. Daraufhin, und weil sie nur noch grummelnden Groll in sich verspürt, beschließt sie, den Aufruhr aufzugeben und bloß zweckfrei pöbelnd durch die Tischreihen zu ziehen – l’art pour l’art sozusagen.

Dummerweise wird jetzt das Orga-Team auf Martas Treiben aufmerksam. Dieses Orga-Team ist zuständig für eh alles und besteht aus unbezahlten Informatik-Studenten, denen mit mehr oder weniger leeren Versprechungen ein ebenso unbezahlter Praktikantenjob in Tims Firma in Aussicht gestellt wurde. Ein Vorgehen, das auf Marta zurückgeht, welche weiß, dass derlei Vorschläge zur Kostensenkung ihren Kontostand erhöhen. Dieses zweifelhafte Personal also sendet einen Boten, der sie auffordert – Marta kann es gar nicht fassen – sowohl das Stänkern als auch das Saufen und Rauchen umgehend zu unterlassen. Ein Ultimatum! Sofort beginnt ihr Groll wieder zu grimmen. Sie sieht sich nach Bekannten aus der Firma um, die ihren Rang bestätigen könnten, nur, eben aufgrund ihres Vorschlags wurde von der Firma selbst niemand zur LAN-Party abgestellt und freiwillig ist offenbar nur sie hier, und sie gehört nicht zur Firma, jedenfalls nicht offiziell. Marta ist daher gezwungen, erneut auf ihre Doppelstrategie der Selbstberuhigung zurückzugreifen: Sie beschleicht in einem unbeobachteten Moment die Bar, bestellt vier dieser Zwergenbiere auf einmal und erledigt blitzartig davon zwei noch während des Zahlens. Nun, diese beiden kann ihr schon mal keiner mehr nehmen und versetzen sie außerdem in die Lage, ihre Tischgespräche fortzusetzen. Des Ultimatums wegen nimmt sie sich aber diesmal vor, nicht lauthals zu stänkern, sondern nur mäßig zu mosern.

Leider muss sie dabei irgendetwas falsch gemacht haben, denn noch während der allerersten Moserrunde wird sie von gleich vier Orga-Kräften bedrängt: einem Mädchen und drei, wie sie findet, nicht sehr attraktiven Burschen. Zwei davon packen sie unter den Armen und schleifen sie rücklings zur Tür. Der Rest läuft im Gleichschritt, wie Marta sich wohl einbildet, nebenher. Ihr Protest, gar nicht gestänkert, sondern eh nur gemosert zu haben, erzielt dabei keinerlei Wirkung. Das ist es eben wieder, dieses mangelnde Gespür der Basler für die Feinheiten des Wiener Idioms, denkt Marta während des geschliffenen Abgangs und beobachtet, wie ihre Doc-Martens immerwährende Streifen über den Estrich ziehen. Sie schafft es aber – in Sorge, sie könnten verschüttet werden – die zwei restlichen der teuer bezahlten Biere auszutrinken, von denen sie noch je eines in der Hand hat. Ein junger Typ sieht ihr nach. Es ist ausgerechnet der Laurin, zwar ebenfalls ein gekeilter Student, aber, wie Marta findet, einer der wenigen Hoffnungsschimmer hier. Der sieht ihr jetzt zu, wie sie sich, während sie rausgezogen wird, gleichmäßig mit Bier überschüttet, weil leicht ist das nicht, so zu trinken. Peinlich, den hat sie doch gerade noch angebraten, indem sie ihn auf ihre besonders hohe Position hier hinwies, denkt Marta und findet Laurin scharf. Sie weiß, dass das daran liegt, dass sie alle scharf findet, die jung, blond und vor allem schlank sind, und sie ist nicht gerade stolz darauf. Aber sexuelles Begehren ist eben keine Aquarell-Ausstellung, kein Hegelseminar und auch kein Töpferkurs. Während Marta so über die Attraktion der Gegensätze sinniert, wird sie plötzlich auf den rauen Asphalt des Parkplatzes vor der Halle fallengelassen und, wenn ihre Kenntnisse des Baslerischen sie nicht trügen, aufgefordert, das Weite zu suchen. Eher fettleibig, diese Burschen, denkt Marta. Es ist ihnen anzusehen, dass sie vorm Bildschirm aufgewachsen sind. Das ist schon die Generation, die nicht ständig, von Polizeihunden oder Nazis oder Fahrscheinkontrolleuren gejagt, sich im Messerkampf bewähren, kühn über Dachfirste balancieren und katzengleich über Mauern springen musste. Die holen sich den Kick längst nur noch vom Bildschirm, und das macht auf die Dauer natürlich unsexy. Sie könnte denen jetzt sagen, dass sie praktisch ihre Chefin ist, aber der bloße Gedanke daran macht sie müde, und was soll sie schon auf einer scheiß LAN-Party? Und der Laurin findet sie jetzt sicher unmöglich nach diesem Abgang. Sie fordert also nur ihre Sachen und die dreißig Franken für den Eintritt zurück, den sie nicht bezahlt hat. Marta kann erstaunlich vernünftig sein, aber nur dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Umgehend verschwinden alle fünf und kurz darauf werden tatsächlich ihre Sachen, exklusive der dreißig Franken, aus der Türe geworfen, und zwar so unsanft, dass dabei eine Ecke ihres Uncle Sam abbricht.

Das wäre besser nie geschehen, das mit Uncle Sam’s Ecke. Weil das ist ihr Bruder, ihr Freund, ihre Familie und eben ihr „Onkel aus Amerika“. Zwar hat er, wie sich später herausstellte, den Knacks locker weggesteckt, aber das konnte da noch niemand wissen. Ich denke, alles Kommende hätte vermieden werden können, wenn diese halbstarken Basler auf ihren hohlen Machtgestus verzichtet und der Marta den Uncle Sam nicht nachgeschleudert, sondern ihr beipielsweise sorgsam zu Füßen gelegt hätten.

Marta scheut Wischhandys aus ortungstechnischen Gründen, steht jetzt aber vor dem Problem, nicht zu wissen, wo im Umkreis Basels sie sich befindet. Sie könnte natürlich Uncle Sam fragen, aber sie hat Angst davor. Vielleicht stellt sich dabei heraus, Uncle Sam ist kaputt. Sie spürt wieder ihre Wut aufsteigen, nur heißer als vorher und vermischt mit dieser prickelnden Zerstörungslust – und kein Bier da! Sie überlegt, schnell ein Taxi zu rufen, bevor sie auf dumme Ideen kommt, aber sie hat alles Geld versoffen und der Trick mit dem Eintritt hat nicht funktioniert. Tim könnte sie holen, aber der lässt dann wieder seine lässig-genervte Art raushängen und schon gar nicht will sie ihm erklären, warum sie schon wieder wegen eines sprachlichen Missverständnisses wo rausgeworfen wurde. Ihr wird bewusst, wie sehr sie diesen aufgeblasenen Streber-Typen doch hasst. Marta kräht: Fick mir doch, fick mir doch, ein Schweizer Schweizerkäseloch! Und tritt dabei rhythmisch auf parkende Autos und einen alten Einkaufswagen ein. Ja, so ist das eben mit ihr. Zum Glück kommt in dem Moment ein junger Typ (schlank) aus der hell erleuchteten Halle, je zwei Bier in den Händen balancierend, die er nun Marta hinhält: Es ist Laurin und es ist Engelsmusik, als er schüchtern flüstert: „Das isch für di.“ Es folgen, laut Marta, ausdrückliches Lob für Martas Betragen und scharfe Kritik am Orga-Team etc. Marta zieht aus dem Gesagten, was auch immer es tatsächlich war, eh klar, den Schluss, von dem Kleinen umworben zu werden und schlägt ihm vor, die drolligen Bierchens zu sich zu nehmen, um anschließend in die Büsche zu gehen.

Der hingegen meint, er würde ja gerne mit ihr schlafen, aber er fürchte, dass das seine Aussichten auf die Praktikantenstelle mindern könnte. Dass er nicht blöd sein solle, erwidert die Marta, weil sich alle seine Aussichten erheblich verbesserten, wenn er sie umgehend beschliefe, flüstert ihm zärtliches Wienerisch ins Ohr und zwickt ihn da und dort ein wenig. Sie denkt immer noch, dass Männer auf Zwicken stehen. Daraufhin wirkt der Laurin auf einmal unkonzentriert und fahrig und muss plötzlich wieder hinein. Marta findet das sehr traurig, leert deshalb eines der vier ganz neuen Biere und beschließt, ihre Sachen einfach in den alten Einkaufswagen zu stecken und ganz relaxed in die Richtung zu schieben, in der sie die Stadt vermutet. Danach trinkt sie zur Belohnung noch eins, und weil der Tim ein Arschloch ist und der Laurin ein Schlumpf und um möglichst wenig von dem teuren Bier zu verschütten, trinkt sie auch gleich noch das dritte. Als sie eben beim vierten Bier vor der Entscheidung steht, dieses als Proviant zwischen Schlafsack und Isomatte zu verstauen oder einfach zur Sicherheit auch auszutrinken, sieht sie sich schon wieder mit den Fünfen konfrontiert. Sie solle jetzt „es bitzeli fürschi mache“, meinen diese, sie habe hier schon „sit Stunde nüt meh verloore!“ In Marta kocht die Wut jetzt endgültig über, gerinnt allerdings in einer eiskalten Woge der Bösartigkeit sofort zu einem niederträchtigen Plan. Wie Bleigießen ist das und selten wie Silvester, sagt sie. Sie trinkt erst ganz cool, steckt den halbleeren Becher nun doch in den Wagen und erwidert zur Überraschung der Fünfe mit einer ihnen nicht gerade verständlich aber dennoch zusammenhängend erscheinenden Rede, des Inhalts, dass sie alle mal so klein werden sollten wie ihre lächerlichen Biere, weil erstens hätten sie Uncle Sam schwer verletzt und zweitens ohne ihre Wenigkeit würde hier so ziemlich gar nichts stattfinden und sie alle, wie sie hier aufgeganselt herumliefen, sie alle könnten hier auch nicht den Kapo raushängen lassen, wenn Marta Montana nicht wäre und ihnen ihre unbezahlten LAN-Party-Jobs beschert hätte.

Marta Montana – das ist ihr Kampfname aus ihrer Zeit als Damen-Catcherin; praktisch eine déformation professionnelle, wenn die Marta anfängt, von sich als Marta Montana zu reden und immer ein ganz schlechtes Zeichen.
Außerdem, fährt sie fort, sei es traurig und erbärmlich, dass niemand hier gegen diesen läppischen Praktikantenstellen-Schmäh aufbegehre, sondern alle für ein bisschen Jobhoffnung bereit zu jeder Demütigung wären. Wie die Strebernaturen, die damals zu den Nazis überliefen und heute. Während ohne Marta Montana hier logischerweise gar nichts wäre, tote Hose, leere Halle, heulender Wind, nicht mal Hitler! Und wenn sie jetzt die Güte hätten, den Weg freizugeben, sie sei nämlich eben dabei, ein Wolkerl zu machen und hätte keine Lust auf Geschwätz mit niedrigem Personal!

Aus welchen Gründen auch immer, vermutlich aufgrund eines sprachlichen Missverständnisses, umringen die Fünfe mit erstaunlicher Geschwindigkeit die arme Marta, die so etwas ja noch nie mochte. Auch als ehemalige Damen-Catcherin empfindet sie Umringtwerden als unangenehm und bedrohlich, was sie auch immer gern zugibt – aber man muss sie halt schon direkt danach fragen, und die Fünfe haben ziemlich sicher nicht gefragt, ob sie jetzt was dagegen hätte, ein wenig umringt zu werden. Man kennt das ja. Einer von ihnen knurrt etwas von „Polizei, handkehrum abchlopfe“ und „zämenschloo die Nazibraut“, wenn sie nicht sofort das Gelände verlasse, dieses Gelände nämlich sei Privatgrund! Marta, die kein Wort verstanden hat, entgegnet, dass man sich ihr gegenüber bitteschön ein wenig zuvorkommender zu benehmen hätte, denn schließlich stünden sie alle immer noch bei ihr in Lohn und Brot, theoretisch zumindest! Aber nach der dilettantischen Performance sehe sie punkto Praktikantenstelle eher schwarz und sie könne ihnen auch sagen warum: Hätte Marta Montana denn bisher irgendetwas getan, wofür sich all der Aufwand auch lohne? Sie meine mit Aufwand: Verwarnungen ohne Anlass, unsinnige Verbote und Drohungen, unnötige Rauswürfe, kindische Indianerspielchen auf dem Parkplatz usw. Aufwand eben, unnützer, weil unverhältnismäßiger Aufwand. Man bedenke doch die andere Schale der Waage: eventuell etwas zu laut geäußerte Kritik, aufgehoben schon durch den selbstlosen Bierkonsum zu Wucherpreisen. Das aber ärgere sie wiederum als potenzielle Arbeitgeberin. Das sei durch und durch unökonomisch, weil gegen jede Marktgerechtigkeit! Mit so viel Aufwand vielleicht ein wenig übel gelaunte, dafür gut zahlende Gäste zu belästigen, sei sogar unökonomisch, dass einer Sau graust! Und man sähe ja, was aufgrund einer solchen Misswirtschaft alles geschehen kann: Man hat Uncle Sam ein Eck ausgeschlagen! Und da bestätige sich wieder mal ihr Hass auf alles Unökonomische, direkt ungezügelt könne sie da werden und da unterscheide sie sich in nichts von Hayeks freiem Spiel der Kräfte, Schumpeters schöpferischer Zerstörungskraft und überhaupt der ganzen Österreichischen Schule plus Milton Friedman!

Die Fünfe überlegen mittlerweile, ob sie nicht die Basler Nervenheilanstalt anrufen sollten.

Jedoch, Marta Montana sei vieles, aber nicht unbarmherzig und immerhin sei sie ja dafür, dass man überall und jederzeit Österreichische Schule unterrichten könne. Könne und solle! Daher zeige sie ihnen jetzt auch gerne nachträglich, wie sie’s alle richtig ökonomisch haben könnten. Und mit dem Ruf „Für ökonomische Verhältnisse!“ schnappt sie einen der Burschen so, dass es ihn rücklings quer auf den Einkaufswagen hebelt, gibt dem Wagen mit einem schmetternden „Überall!“ einen Tritt und befördert ihn derart quer über den Parkplatz.

Nur rollt dieser unsportliche Basler Student so kreuzblöd zwischen die parkenden Autos, dass er sich dabei mit dem Kopf in einem Rückspiegel verfängt, der ihm beinah den Hals abreißt. Zum Glück fällt der Einkaufswagen dabei um und gibt ihn frei. Trotzdem bleibt er liegen. „Joki!“, schreien die anderen und stürmen zu ihm. Das heißt, bis auf das Mädchen, das zu langsam reagiert und sich nun ganz allein einer sehr betrunkenen Bestie gegenüber sieht.

„Jetzt hani aber ändgültig gnueg!“, schreit das Mädchen zurückweichend, mit ungefähr so viel Überzeugungskraft, mit der man einer leinenlos rasenden Dogge gegenüber versucht, das Herrchen zu markieren. Das merkt sie auch selbst und darum zückt sie ihr Handy: „Ich lüt dr Polizei aa!“

„Aber aber!“, schmeichelt Marta dem Mädchen, sie solle doch bedenken, dass es durchaus hätte sein können, sie transportiere auf diese Weise nur ihre Sachen zum Auto, freilich mit dem jetzt leider etwas beschädigten Teddy dazu, aber den würde sie sich eh nur ausborgen, viel zu dick. Doch wenn bezüglich des Burschen schon andere Pläne existierten, hätte Marta Montana auch nichts gegen einen flotten Dreier. Damit wäre wohl allen am meisten geholfen ...

„Hallo, Polizei?“

Moment, sie suche gerade ihren Autoschlüssel, noch ein Sekündchen, dann habe sie ihn. Sie solle das mit der dummen Polizei doch sein lassen, dann könnten sie alle drei gleich losdüsen. Dabei lässt die Marta ihre Hand sehr sexy in ihrer Hosentasche spielen und flötet zärtlich etwas über die Notwendigkeit der Überwindung der sozial konstruierten Geschlechter, wie sie meint: „Net leicht, so augsoffn wos Hoates zum findn inda Hosntoschn!“ Und verschwörerisch zwinkernd: „Oba es geht ah ohne, net woa, Mauserl?“ Ja, als Draufgabe wirft sie ihr einen ihrer saftigsten Kussmünder zu.

„Ich ha ihne mini Date doch scho gsait“, plärrt das Mädchen ins Handy. „Sie mien mir ändlig zueloose!“

Sie möge sich und der „Schwiezer Polizei“ die Mühe doch sparen, grölt die Marta. Andererseits wieder, solle sie die Kapplständer nur holen, sie sei ja direkt gespannt, wie die in der Schweiz so seien, ob die einen auch so super nehmen könnten wie die in Wien.

„Aber, so loose si mir doch ändlig zue, mir wärde do vonere gföhrlige Verruggde terrorisiert!“ Und mit einem Blick zu Joki und überschlagender Stimme: “Und mir bruuche au dr Notarzt!“

Aber das könne sie sich nicht vorstellen, meint Marta weiter, wenn sie sich so umschaue, nein, unwahrscheinlich. Besonders ihre vier Wappler, die sähen ja aus wie wandelnde Sitzsäcke! Ob die Schweizerinnen ihre Männer denn ganz verwahrlosen ließen?

Irgendwie scheint die Marta nun doch die Basler-Wiener Sprachbarriere durchbrochen zu haben, denn plötzlich wird sie von dem größeren der beiden zurückkehrenden Burschen am Kragen gepackt. Sie schultert ihn aber mit einem ihrer leichtesten und unsaubersten Wurfgriffe und lässt ihn vor sich aufklatschen, wo er bewusstlos liegen bleibt. Der andere weicht unsicher zurück. „Alex“, zischt das Mädchen, „du feigs Arschloch!“ Derweil steigt Marta etwas wankend über den Geworfenen. „Schod, dass dabei imma de Daumen brechn“, murmelt sie dabei selbstkritisch, steuert auf das schreckensstarre Mädchen zu, reißt ihm das T-Shirt vom Kragen bis zum Bund entzwei, nimmt die derart frei gewordenen Brüste und verpasst beiden je einen kräftigen Schmatz.

„Jetzt lohnt sich dea gonze Aufwand, jetzt herrscht hier endlich eine Marktgerechtigkeit!“, schreit Marta beinahe hochdeutsch in den Himmel. Stille. Fragende Töne aus dem Handy. Marta wendet sich dem Alex zu, der aber durch den Anblick der geküssten Brüste in eine Art Trance verfallen ist. Ob er das mit dem freien Spiel der Kräfte und der daraus resultierenden Marktgerechtigkeit jetzt auch verstanden hätte? Wenn dem so sei und wenn er sich dann mal langsam fertig begeilt hätte, dann könnten sie Marta Montana jetzt bitteschön und im vollen Einklang mit den Gesetzen der Ökonomie Österreichischer Schule vom Gelände entfernen. Abwartend bleibt sie stehen.

Der Wind weht über den Parkplatz, Joki beginnt leise zu jammern, Alex starrt. Langsam, ganz langsam holt das Mädchen aus, scheint noch kurz zu überlegen, da fährt ein Ruck durch sie und wie ein vorwärtsschnellendes Katapult kracht ihre Faust auf Martas Gebiss. Marta taumelt einige Schritte zurück und mit dem Blut spuckt sie auch ein Stück Schneidezahn aus.

Da explodiert ihr Kinn durch einen weiteren Schlag. Das flackernde Blaulicht kann sie aber gerade noch Einsatzfahrzeugen zuordnen. „Das müsste reichen“, denkt sie, bevor es endgültig schwarz um sie wird.

Wegen der ganzen LAN-Party-Sache wurde der Tim diskret nach Neuseeland versetzt. Um Anwaltskosten zu sparen und des Images wegen, gab die Firma den Fünfen eine unbezahlte Praktikantenstelle, worauf sie ihre Anzeigen zurückzogen. Dem Joki musste allerdings zusätzlich eine Privatklinik bezahlt werden. Der Marta gegenüber hat der Tim erklärt, dass er ihre offene Beziehung als abgeschlossen betrachtet.

Nur dass er ihr den Schneidezahn nicht ersetzen wollte, das ärgert sie, wie gesagt, noch immer.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15101

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