Kategorie-Archiv: Michael Timoschek

image_print

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Einer für die Autos, einer für das Gasthaus

Die Gabe, ein Verbrechen aufzuklären, war Albin Breitschwengler wahrlich nicht in die Wiege gelegt worden, ein in Schnaps getunkter Schnuller sehr wohl.
Als einziger Sohn von Heinrich und Aloisia Breitschwengler war Albin zu einem Dasein als Knecht bestimmt worden.
„Der Bub wird Knecht“, hatte Aloisia stets gesagt. „Da braucht er seinen Kopf bloß, um das Futter für die Hühner nicht mit dem für die Schweine zu verwechseln.“

Der Schnaps war Albins ständiger Begleiter, vom Säuglingsalter an.
In der Volksschule des kleinen steirischen Dorfes Modriach tat er sich dementsprechend leicht; wenigstens in den Wiederholungsjahren, deren er vier absolvierte.
Er musste schwer auf dem Hof seiner Familie arbeiten, stets beobachtet von den Habichtsaugen seines Vaters, und oftmals gemaßregelt von den Bärentatzen seiner Mutter, wenn er etwas falsch oder nicht schnell genug gemacht hatte.

Die Hauptschule schloss er in sechs Jahren ab und nach dem Ableisten des Präsenzdienstes übernahm er den Hof seiner Eltern.
Er sorgte gut für das Vieh, und nachdem er sein Tagwerk verrichtet hatte, gab er sich der wohltuenden Wirkung des Mostes, des Bieres und schließlich des Selbstgebrannten hin, stets in dieser Reihenfolge.
Eine Frau fand er nicht, wenigstens keine, die länger als zwei Wochen bei ihm geblieben wäre. Die meisten seiner Liebschaften verließen ihn mit Worten wie „gefährlicher Irrer“, „haltloser Säufer“ und „verkommenes Subjekt“.

In Modriach galt Albin Breitschwengler als Sonderling, dem man besser nicht zu nahe kam.
Die Jagdprüfung hatte er nie bestanden. Er hatte zwar viermal versucht, den Schein zu erhalten, doch nachdem er es nicht fertiggebracht hatte, die Prüfung zu bestehen, beschloss er, ein Jäger ohne Berechtigung zur Jagd zu werden.
Albin war ein erfolgreicher Jäger.
Er hatte sechs Flinten und vier Büchsen von seinem Vater übernommen und übte das Schießen auf seinem Hof. Die dort zahlreich vorkommenden Ratten dezimierte er in kurzer Zeit, und bald stand ihm der Sinn nach größerer Beute.
Nachdem er zwölf Stück von ebendieser erlegt hatte, stellte er, am nächsten Tag und wieder nüchtern, fest, dass er seine Eier künftig im Kaufhaus würde erstehen müssen. Er beschloss, nicht mehr auf seinem Hof zu jagen, sondern in die Wälder zu gehen, die Modriach umgaben.

Es dauerte nicht lange, da hatte er eine stattliche Anzahl an Abschüssen vorzuweisen: drei Habichte, einen Uhu, zwei Katzen und einen im Wald frei herumlaufenden Schäferhund.
Auf den Hund hätte er besser nicht angelegt, denn am Tag nach dessen Abschuss kam der Besitzer des Tieres auf Albins Hof und verlangte eine hohe Entschädigung.
„Du hast meinen Hund erschossen, Breitschwengler!“, brüllte er.
„Dein Köter hat gewildert“, versuchte sich Albin aus der Affäre zu ziehen.
„Der Einzige, der in Modriach wildert, bist du, Albin!“
„Was kann ich tun, um dir deinen Verlust zu ersetzen?“, fragte Albin, dem der Sinn nach einer raschen Erledigung der Angelegenheit stand.
Der Hundehalter nannte eine Summe, und Breitschwengler willigte ein. Die Aussicht, wegen Wilderei und unerlaubtem Waffenbesitz vor Gericht gestellt und möglicherweise zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden, ließ ihm das Zahlen einer Entschädigung als das kleinere Übel erscheinen.

Er änderte sein Jagdverhalten und legte fortan auf Rehe, Wildschweine und Feldhasen an.
Im Dorf wussten alle, natürlich auch die Jagdpächter, dass Albin unerlaubterweise in den Revieren um Modriach ausging, doch zogen sie ihn nicht zur Verantwortung, wenigstens nicht offiziell.
Wurde er dabei beobachtet, wie er ein Reh oder Wildschwein auf seinen Hof schaffte, folgten sie ihm dorthin. Da er seine Beute mit einer Scheibtruhe abtransportieren musste, denn er hatte die Fahrprüfung nie bestanden und besaß keinen Geländewagen, konnten sich seine Verfolger Zeit lassen. Sie warteten ab, bis er die Tiere zerlegt hatte, dann verschafften sie sich Zutritt zu seinem Haus und nahmen das ihnen rechtmäßig zustehende Fleisch an sich.

Albin beobachtete die anderen Jäger oft bei der Ausübung des Weidwerks und lernte dabei viel über Waffen und amouröse Verstrickungen von angeblich glücklich verheirateten Menschen aus dem Dorf.
Eines Tages ereignete sich ein Jagdunfall, der Modriach erschütterte.
Johann Ranftl, der Besitzer des örtlichen Sägewerks, war in seinem Jagdrevier tot aufgefunden worden, mit zwei Einschusslöchern in seiner Brust.
Da der Tote der reichste Mann im Ort gewesen war, wurden die Umstände seines verfrühten Ablebens vom Kommandanten des Modriacher Polizeipostens höchstselbst untersucht.
Unter der Bevölkerung fand dieser Umstand breite Zustimmung, schließlich handelte es sich bei dem Polizisten um Johann Ranftls Bruder.
Drei Tage später war die Untersuchung beendet und der Tod Ranftls als tragischer Unfall eingestuft.
Dass diese Amtshandlung die letzte des Postenkommandanten sein würde, konnte niemand ahnen. Er war im Testament seines Bruders als der Alleinerbe des Sägewerks eingesetzt worden und quittierte den Polizeidienst nur wenige Minuten nach der Verlesung dieses letzten Willens.
Johann Ranftls Sohn Max ging leer aus. Er war ein weithin bekannter Frauenheld und Autonarr, der das Geld seines Vaters verprasst, ansonsten aber nicht viel geleistet hatte.

Albin Breitschwengler gab sich nicht mit der Version eines Unfalls zufrieden. Er vermutete, dass Johann Ranftl Opfer eines Verbrechens geworden war. Er hatte keine Beweise für seine Theorie, doch nahm er sich vor, die männlichen Mitglieder der Familie Ranftl zu beobachten. Da diese allesamt begeisterte Jäger waren, begab Albin sich täglich in das familieneigene Jagdrevier der Ranftls und legte sich, nur mit einem Feldstecher bewaffnet, auf die Lauer.
Der nunmehrige Besitzer des Sägewerks verhielt sich weidgerecht, wie Albin erkannte.
Max Ranftl hingegen ging oft in merklich angetrunkenem Zustand auf die Jagd. Er zielte schlecht und traf viele Tiere nicht gut, doch verzichtete er auf die Nachsuche und überließ das verwundete Wild seinem Schicksal.
In Modriach machte das Gerücht die Runde, dass Johann Ranftl mit einem Tannenzweig im Mund aufgefunden worden war. Der neue Postenkommandant bestätigte dies, doch schrieb er diesen Umstand dem Zufall zu. Den Fall neu aufzurollen, lehnte er ohne Angabe von Gründen ab.

Albin Breitschwenglers kriminalistischer Instinkt war geweckt.
Er schwor dem Schnaps ab und trank nach dem Aufstehen bloß einen halben Liter Most. Er versorgte das Vieh, verrichtete die notwendigsten Tätigkeiten auf seinem Hof und begab sich dann in das Revier der Ranftls.
Er beobachtete Max Ranftl besonders genau und notierte sich die Waffen, die dieser verwendete.
Nach sechs Monaten war sich Albin Breitschwengler sicher, wie der alte Ranftl zu Tode und der Tannenzweig in seinen Mund gekommen war.
Der Zufall wollte es, dass in der Modriacher Mehrzweckhalle ein großes Fest der Freiwilligen Feuerwehr stattfand.

Albin beschloss hinzugehen, denn alle wichtigen Menschen des Ortes sollten dort versammelt sein. Er zog seinen besten Steireranzug an, kämmte sich die Haare und ging zur Halle.
Als er sie betrat, ging ein Raunen durch die Menge. Die Menschen starrten ihn an, wie Menschen vom Land ansonsten bloß ein modernes Kunstwerk anzustarren pflegen.
Albin setzte sich an einen freien Tisch, bestellte sich ein großes Bier und wartete, bis die Blasmusik ihre Darbietung beendet hatte.
Dann hielt der Bürgermeister eine kurze Ansprache und bat um eine Schweigeminute für den verstorbenen Johann Ranftl.
Nachdem diese geendet hatte, erhob sich Albin Breitschwengler und rief in den Saal: „Es wundert mich nicht, dass der junge Ranftl die Schweigeminute für seinen Vater damit verbracht hat, einer Dorfpomeranze ins Dekolletee zu schielen!“

Der Bürgermeister blickte Albin erstaunt an und sagte: „Na da schau einer an! Der Herr Breitschwengler beehrt uns ausnahmsweise mit seiner Anwesenheit und hat uns auch noch etwas mitzuteilen.“
Die Menschen im Saal brachen in schallendes Gelächter aus, bloß Max Ranftl lachte nicht, sondern bedachte Albin mit hasserfüllten Blicken.
„Hast du uns etwas zu sagen, Albin?“, fuhr der Bürgermeister fort.
„Ja!“, rief Breitschwengler. „Der alte Ranftl wurde ermordet, und sein Mörder befindet sich unter euch, heute und in dieser Mehrzweckhalle!“

Im Saal wurde es still.
„Der junge Ranftl hat seinen Alten um die Ecke gebracht!“, rief Albin.
„Das ist eine Lüge!“, brüllte Max Ranftl.
„Ist es nicht!“, brüllte Breitschwengler zurück. Er wandte sich an die im Saal versammelten Menschen. „Ich erzähle euch, wie es war. Ihr alle wisst, dass Ranftl junior ein Säufer und ein Nichtsnutz ist. Sein Vater hat ihn, wie ihr auch wisst, enterbt. Drei Tage, bevor er von seinem eigen Fleisch und Blut erlegt wurde, war er im Gasthaus.“
„Dort war er doch oft!“, rief Max.
„Ja, das stimmt. Aber sein letzter Besuch in diesem Gasthaus hatte einen anderen Zweck als Bier zu trinken. Der Wirt hat mir nämlich erzählt, was Johann in seinem Lokal wollte.“
„Wo hast du den Wirt denn getroffen, Breitschwengler?“, rief Max Ranftl. „Alle wissen doch, dass du deinen Hof bloß zum Wildern in fremden Revieren verlässt!“
Albin schmunzelte. „Ich habe ihn im Wald getroffen.“
Alle lachten.
„Er hat mir erzählt“, fuhr Albin fort, „dass Johann die Trinkschulden seines Sohnes beglichen und gesagt hat, dass es das letzte Mal war, dass er das gemacht hat. Er hat dem Wirt klargemacht, dass er seinem feinen Herrn Sohn den Geldhahn zugedreht und ihn sogar enterbt hat, weil der Bub ein Nichtsnutz ist, der das ganze Geld verprasst. Er hat mir auch erzählt, dass er ihm die Autos weggenommen hat.“

Max Ranftl saß mit hochrotem Kopf da, sagte jedoch nichts dazu.
„Drei Tage später hat der junge den alten Ranftl in die ewigen Jagdgründe geschickt, und das ausgerechnet in dessen eigenem Revier! Ihr alle wisst, dass der Alte zwei Einschusslöcher in der Brust hatte. Das war bei Gott kein Unfall!“
„Es war ein Unfall!“, rief Max Ranftl.
„Woher willst du das denn wissen?“, gab Albin zurück.
„Ich hatte meine Flinte gesichert, und trotzdem hat sich ein-“ Max hielt inne. An seinen weit aufgerissenen Augen erkannten alle im Saal, dass er sich verplappert hatte.
„Also warst du doch bei deinem Vater, als es passiert ist“, stellte Albin fest.
„Ja, war ich“, stammelte Max Ranftl.
„Und wie hat es sich zugetragen, dass dein Vater zwei Löcher in seiner Brust hatte?“, bohrte Albin nach.

Max blickte nervös um sich. „Es haben sich eben zwei Schüsse gleichzeitig gelöst, na und?“, sagte er trotzig. „Ich verwende eben eine doppelläufige Flinte.“
„Nein, mein Herr, das tust du nicht!“, rief Breitschwengler. „Ich habe dich monatelang bei der Jagd beobachtet. Du verwendest ausschließlich einläufige Flinten!“
„Das ist eine Lüge!“, rief Max.
„Nein, das ist eine Tatsache.“ Albin ging zur Mitte des Saales und sagte: „Es war so: Du wolltest deinen Vater zur Rede stellen, weil er dir die Autos weggenommen hat, und weil er dich im Gasthaus auf das Trockene gesetzt hat. Das wolltest du dir nicht gefallen lassen. Dein Vater hat dir gesagt, dass er seine Maßnahmen nicht zurücknehmen wird, und da hast du abgedrückt. Und um auf Nummer sicher zu gehen, hast du nachgeladen und ein zweites Mal auf ihn geschossen!“
Max Ranftl schluchzte.
„Das Beste kommt aber noch“, fuhr Breitschwengler fort. „Dann hast du einen Tannenzweig genommen und deinem Alten, sozusagen als letzte Äsung, in den Mund gestopft. Das war bestimmt das erste Mal, dass du in eurem Jagdrevier einen Tannenzweig verwenden musstest. Üblicherweise laufen deine Beutetiere ja angeschossen in das Dickicht, wo du sie verenden lässt!“

Der Postenkommandant erhob sich von seinem Stuhl und fragte Max Ranftl: „Stimmt das?“
„Ja, es stimmt“, sagte Max mit tränenerstickter Stimme.
Der Polizist ging zu Ranftl, packte ihn am Oberarm und sagte: „Komm Max, gehen wir!“
Der Ball war vor der Zeit zu Ende.
Einige der Anwesenden warfen Albin Breitschwengler anerkennende Blicke zu, ein paar Menschen klopften ihm beim Verlassen der Mehrzweckhalle sogar auf die Schulter.
Wieder auf seinem Hof, öffnete Albin eine neue Flasche Schnaps und befreite seine Jagdwaffen vom Staub, der sich auf diese gelegt hatte.
„Ab morgen vernachlässige ich euch nicht mehr“, murmelte er.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um |Inventarnummer: 19081

So war es eben

Am Morgen des achten November 2014 verließ Egon Pichler sein Haus am Rande eines Dorfes namens Gratwein. Es war kalt und der Wind wehte eisig, dennoch setzte sich Egon unter einen Apfelbaum auf seinem weitläufigen Grundstück. Vor genau einem Jahr war seine Ehefrau im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Karla, so hatte sie geheißen, war sieben Jahre jünger gewesen als er.

Den Besuch an ihrem Grab hatte er bereits am Vortag hinter sich gebracht. Seine Tochter Helene hatte ihn dorthin gefahren. Er hatte einen Strauß rote Rosen auf die Grabplatte gelegt und mit Helene über die beiden Toten gesprochen, die im Grab lagen. Neben seiner Frau ruhte sein Sohn Heinrich, dessen Leben im Alter von neununddreißig Jahren geendet hatte.

Helene hatte ihrem Vater ein schweres, in weiches Tuch gehülltes und mit festem Garn verschnürtes Bündel ausgehändigt.
„Das ist alles, was ich von Heinrich habe. Ich habe es über die Jahre aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät; und auch um ihn nicht zu vergessen“, hatte sie gesagt.
„Warum hast du es mir nicht schon früher gegeben?“, hatte Egon gefragt. Verständnislosigkeit hatte in seinem Blick gelegen.
„Weißt du, ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich dir und Mutter das zumuten kann.“
„Aber natürlich hättest du es uns zumuten können! Ich verstehe nicht, warum du so lange damit gewartet hast. Nun ist Karla tot und hat nichts mehr davon!“
„Ich denke, so ist es besser. Was Heinrich hinterlassen hat, hätte ihr bestimmt das Herz gebrochen, glaube mir.“
„Worum handelt es sich denn?“
Helene, Heinrichs Schwester, hatte plötzlich Tränen in den Augen.
„Einfach um die Wahrheit. Um nichts anderes als die Wahrheit.“
„Ich verstehe“, hatte er gesagt.
Seine Tochter hatte den Tonfall in seiner Stimme bemerkt. Es war der für ihn typische, mit dem er auf ebenso unangenehme wie unabänderliche Tatsachen zu reagieren pflegte.

Nachdem er von seiner Tochter wieder nach Hause gebracht worden war, hatte er das Bündel geöffnet und zu lesen begonnen, was sein Sohn geschrieben und dessen Schwester chronologisch geordnet hatte.
Er hatte mit dem Ende begonnen, mit dem letzten Blatt Papier, das von Heinrich beschrieben worden war. Es war der Abschiedsbrief seines Sohnes. Er war an Helene adressiert und ihr wurde darin freigestellt, ihn ihre Eltern lesen zu lassen.

Heinrich Pichler war im Alter von neununddreißig Jahren gestorben. Ein Unglück unter Alkoholeinfluss, hatte es geheißen, ein unglückliches Ausrutschen, ein tiefer Fall und vorbei war es. Heinrichs Mutter Karla hatte eine Weile an dieser Version gezweifelt. Ihr war die Not, unter der ihr Sohn gelitten hatte, durchaus bewusst gewesen und sie hatte den Verdacht, dass er keinem Unfall zum Opfer gefallen war. Nach einer gewissen Zeit jedoch hatte sie ihrer Tochter gerne Glauben geschenkt, die nie auch nur ein Jota von der Version eines Unfalls abgerückt war. Auf diese Weise konnte sie den Verlust ihres Erstgeborenen leichter verkraften.
Egon Pichler, der nie ein besonders gutes Verhältnis zu Heinrich gehabt hatte, war sich über all die Jahrzehnte nicht sicher gewesen, ob es ein Unfall gewesen war. Jedenfalls hatte er den Tod seines Sohnes als unveränderliche Tatsache akzeptiert und im hintersten Winkel seines Gehirns abgespeichert. Selten nur hatte er die Erinnerung an sein Kind daraus hervorgeholt und vor sein geistiges Auge geführt.
Diese Erinnerung war bald nach Heinrichs Tod verblasst.

Sein zweites Kind, Helene, hatte ihm vom Tage ihrer Geburt an näher gestanden, als sein Sohn dies je vermocht hätte.
In der Schule war sie strebsam gewesen, hatte danach Klavier studiert und dank der Beziehungen ihres Ehemannes eine einigermaßen respektable Karriere als Pianistin gemacht.
Heinrich hatte zwei Klassen wiederholen müssen, sein Studium abgebrochen und sich in Wien als Schriftsteller versucht.
Zeit seines Lebens waren ihm Ruhm und Erfolg versagt geblieben, erst nach seinem Tod hatte sein Werk ein wenig Anerkennung erfahren.
Für Egon Pichler war das nur allzu verständlich gewesen.
„Was Helene an Kunst erschafft, wird Heinrich in fünf Leben nicht zustande bringen!“, hatte er oft zu seiner Frau gesagt.
„Ja, leider“, hatte diese geantwortet.
„Welche Stücke sie spielen kann, und in welcher Perfektion – das ist allerhand! Sie wird eine große Karriere machen, da bin ich mir sicher!“
In der Tat hatte sie eine große Karriere gemacht, aus Gratweiner Sicht.

In kleinen Dörfern zählt es mehr, wenn ein Mensch aus der Mitte der Dorfgemeinschaft ein von einem anderen Menschen komponiertes Musikstück exakt zu spielen vermag, als wenn ein Mensch kraft seiner Kreativität ein noch nie dagewesenes Werk erschafft. Ersteres ist für Dorfmenschen sowohl leichter nachvollziehbar als auch nachprüfbar.
So war es auch bei Heinrich und Helene Pichler gewesen.

Diesen Umstand hatte Heinrich in seinem Abschiedsbrief sehr wohl angeführt, jedoch ohne Neid auf seine Schwester oder Vorwürfe an seine Eltern. ‚So war es eben‘, hatte der entsprechende Absatz im Brief geendet.
Nachdem er diesen zu Ende gelesen hatte, war Egon Pichler in seine Küche gegangen, um sich Gin einzugießen. Das Glas neben sich, hatte er die Kurzgeschichten gelesen, die sein Sohn kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Sie waren allesamt düster und, wie die Handschrift erkennen ließ, in angetrunkenem Zustand geschrieben worden. Sie handelten von Todesahnungen und von Verlust, jedoch legten sie nicht offen, worin Heinrichs erlittener Verlust bestanden hatte.
Egon hatte versucht sich vorzustellen, wessen sein Sohn verlustig gegangen war, doch keine Person oder Sache war ihm in den Sinn gekommen.
Nach dem Abendessen hatte er Heinrichs Texte weitergelesen.
Er war bald dahintergekommen, dass sie, je älter sie waren, desto lebensbejahender und voller Hoffnung auf eine gute Zukunft geschrieben worden waren.
In vielen Erzählungen hatte Egon Pichler sich und seine verstorbene Ehefrau erkannt, auch wenn sein Sohn seine Eltern niemals mit ihren wirklichen Namen erwähnt und sie auch nie an den Pranger gestellt hatte. Er hatte zwar sehr wohl Begebenheiten aus seiner Jugend angeführt, doch hatte er stets so formuliert, dass seine Verwandten deswegen nicht hätten böse sein können.
Die frühesten Texte seines Sohnes hatte Egon nur überflogen, denn es war bereits spät und er war müde.
Am nächsten Morgen las er auch diese. Sie waren ungelenk geschrieben, hatten keine klare Botschaft und bereiteten Egon keine große Freude beim Lesen.
Er war auf dem Gebiet der Literatur wenig bewandert, hatte nie viele Bücher gelesen, und nur selten die von seinem Sohn verfassten Texte. Dennoch war es ihm unmöglich, eine gewisse literarische Qualität zu negieren, vor allem in den Werken aus Heinrichs mittlerer Schaffensperiode, also jenen, die nach seinen dilettantischen frühen Werken entstanden waren.

Er las diese Texte ein zweites Mal und erkannte, dass sich zwischen den Zeilen einiges verbarg, was ihm bei der ersten Lektüre entgangen war. Das, was darin verborgen war und ihm nun mitgeteilt wurde, führte Egon vor Augen, wie wenig er seinen Sohn gekannt hatte. Er erfuhr, wer Heinrich Pichler wirklich, was für ein Mensch sein Sohn gewesen war.
Er schämte sich.
Er fand viele Parallelen zu sich selbst, was Gedanken, Gefühle und Handlungen anging. Er hätte in den entsprechenden Situationen auf die selbe Weise gedacht, gefühlt und gehandelt wie die jeweiligen Personen in den Kurzgeschichten, hinter welchen sich, wie er erkannt hatte, niemand anderer als sein Sohn Heinrich verbarg.

Er wurde sich einer Tatsache schmerzlich bewusst: Nämlich der, dass er sich mit Heinrich zwar unterhalten hatte, dies sogar oft, doch niemals mit ihm gesprochen hatte. Er hatte ihn in beinahe jedem Gespräch spüren lassen, dass er im Gegensatz zu seiner Schwester die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, jedoch ohne dies offen auszusprechen. Das wäre auch nicht notwendig gewesen, Heinrich hatte auch so verstanden, dass er weniger wert war als Helene, wie Egon einigen von Heinrichs Texten entnehmen konnte.
Sein Sohn hatte auf die selbe Art und Weise reagiert wie viele junge Männer in einer ähnlichen Situation. Er hatte es, wann immer das möglich war, vermieden, mit seinem Vater über Dinge zu sprechen, die nicht Wetter, Sport oder Politik betrafen. Egon Pichler war das nicht entgangen, doch hatte er einfach keine Lust gehabt, etwas daran zu ändern.

Das Telefon klingelte, Helene war am anderen Ende der Leitung.
„Wie geht es dir, Papa? Hast du Heinrichs Texte gelesen?“
„Ja, Helene, das habe ich. Einige sind wirklich gut.“
„Hast du schon alle gelesen?“
„Ja.“
„Was sagst du zu seinem Brief?“, fragte sie.
„Ich habe immer gewusst, dass er sich etwas angetan hat. Der Brief ist nur der Beweis, dass ich recht hatte.“
„Und seine Kurzgeschichten?“
„Nun.“ Egon Pichler zögerte. „Er hatte recht, in vielerlei Hinsicht.“
„Ja, das hatte er wohl. Siehst du ihn nun mit anderen Augen?“
„Ich sehe ihn zum ersten Mal so, wie er wirklich war. Also ja, ich sehe ihn mit anderen Augen.“
„Dann hat es etwas gebracht, dass ich dir die Texte gegeben habe.“

Egon Pichler saß unter seinem Apfelbaum und dachte erst an seine Ehefrau Karla und dann an seinen Sohn Heinrich. Nach etwa dreißig Minuten seufzte er „So war es eben“ und ging in sein großes einsames Haus zurück.
Er stieg auf den Dachboden und kramte in einer verstaubten Kiste. Darin hatte seine Frau die wenigen Literaturzeitschriften, die Texte ihres Sohnes abgedruckt hatten, verwahrt. Er zog sie heraus, wischte den Staub mit dem Ärmel seines Pullovers ab und ging mit den Heften unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort las er jene Kurzgeschichten von Heinrich, die von den Redaktionen für veröffentlichungswürdig befunden worden waren. Sie gefielen ihm gut, weit besser als vor vielen Jahren, als er sie das erste und bis zu diesem Tag einzige Mal gelesen hatte.
Er ging mit den Magazinen wieder auf den Dachboden, doch brachte er es nicht fertig, sie in die staubige Kiste zurückzulegen. So schuf er Platz auf seinem Nachttisch. Auf die frei gewordene Fläche legte er die Zeitschriften mit Heinrichs Beiträgen.
Dadurch war er seinem Sohn näher, als er es zu dessen Lebzeiten je gewesen war.

An sechzehnten Dezember schloss Egon Pichler seine Augen für immer.
Er hatte seinen Tod kommen sehen und entsprechende Vorkehrungen getroffen.
Als seine Tochter das Schlafzimmer ihrer Eltern betrat, fiel ihr sogleich der niedrige Stapel Magazine auf, der auf dem Tisch neben dem Bett lag. Darauf lagen, in ein Tuch eingewickelt, Heinrichs Texte, die sie ihrem Vater gegeben hatte, und auf dem Bündel ein Blatt Papier.
‘Liebe Helene!’, stand darauf. ‘Ich bitte dich um einen Gefallen: Lass in den Stein des Grabes, in dem ich mit Karla und Heinrich ruhen werde, folgende Worte einarbeiten: ‘So war es eben.’ Danke! Papa’

Leider ist es oftmals eben so, dass Nähe erst dann Eingang in das Leben eines Menschen findet, wenn ein anderes Leben bereits zu Ende gegangen ist.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 18131

Verkalkt

Es sind wohl wahre Worte, die F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er Folgendes zu Papier brachte: ‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’

Die Hellsicht dieses Satzes verblüfft mich, denn sein Schöpfer pflegte eine Lebensführung, welche meiner nicht unähnlich ist, und ich weiß, wie schwer es ist, einen so wahren Satz zu formulieren.
Nun, Mr. Fitzgerald, Sie hatten recht, wie auch mit Ihrer These, dass man eine Kurzgeschichte ohne Weiteres mit dem Glas in der Hand schreiben kann. Prost!

Meine Freundin, sie ist fünfundvierzig, ich noch nicht, ist eine Frau von festen Überzeugungen, welche mit meinem Lebenswandel hin und wieder kollidieren. Sie ist der Ansicht, dass unser Badezimmer jeden Freitag geputzt zu werden hat, was mir letzte Woche einfach nicht gelingen konnte.
„Michael, die Kalkflecken auf den Armaturen, die wohl nur von Spritzwasser herrühren können, sind mir ein Dorn im Auge!“, konstatierte sie, und ihr strenger Blick ließ mich vermuten, dass es mit dem vorehelichen Vollzug an diesem Abend nichts werden würde.

Verzweifelt ob dieser Tatsache, griff ich, ich gestehe dies, zu einer Lüge, um keine Not leiden zu müssen.
„Maria“, sagte ich, „ich habe das Bad gestern geputzt. Während du in der Fabrik am Fließband standest, um das Geld für unsere Lebensmittel zu verdienen, habe ich vier Stunden lang geputzt.“ Ich setzte meinen treuherzigsten Hundeblick auf und fuhr fort: „Ich weiß natürlich, dass es dir höchst unrecht ist, wenn ich das Badezimmer bereits am Donnerstag auf Hochglanz bringe, doch gestern überkam mich ein Anfall von Reinlichkeit. Danach war ich verschwitzt und habe geduscht, damit ich nicht übel rieche, wenn du nach Hause kommst, und dabei sind die Flecken wohl entstanden.“

Sie sah mich entgeistert an, dann sagte sie schroff: „Michael, für die Lebensmittel, die du konsumierst, kommt immer noch deine Frau Mama auf. Von meinem Geld kaufst du bloß Bier, und das in Unmengen. Außerdem“, nun wurde sie laut, „was faselst du von Donnerstag? Heute ist Samstag!“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Tag verloren hatte. Ich lief zum Kühlschrank und leerte eine Flasche Bier in fünf Zügen. Dann sagte ich zu Maria: „Ich kläre die Sache auf und bin in dreißig Minuten zurück.“
In meinem Stammlokal fragte ich den Wirt, der wirklich so heißt: „Stief, sag, mein Alter, wie viel habe ich in den letzten Tagen getrunken?“
„Mehr als du bezahlen konntest, mein Alter“, lautete Stiefs Antwort. „Soll ich dir sagen, wie viele Biere du hast anschreiben lassen?“
„Nein, nicht heute“, gab ich zurück und dachte instinktiv an meine Freundin und deren Gehaltskonto.

Zerknirscht ging ich nach Hause, wo ein Badezimmer auf mich wartete, das nagelneu nicht besser ausgesehen hatte. Um weitere Misshelligkeiten mit Maria zu vermeiden, ließ ich mir ein armaturschonendes Bad ohne Schaum ein und legte mich dann zu ihr ins Bett.
Meine zarten Annäherungsversuche ließ sie zwar ins Leere laufen, doch als ich ihr von der ihrem Kontostand bevorstehenden Rechnung in meinem Stammlokal erzählte, begann sie doch noch zu stöhnen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 33, Februar 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17154

Der Jägermeister

für Erna Raminger

Peter Schröll ist der örtliche Jäger von Modriach, einem winzigen Dorf in der Steiermark. Diese Bezeichnung verdient er tatsächlich, denn er ist der einzige Jäger der Ortschaft, in der nicht einmal dreihundert Menschen leben.

Das Leben dort ist dementsprechend rustikal. Kontrolle von oben gibt es in ebenso geringem Maße wie vonseiten des Staates, denn der Pfarrer und der Polizist sind meistens an der Theke des Wirtshauses Zum Krug anzutreffen, das ihrem Vater gehört.

Schröll arbeitet nicht mehr. Nach einer Erbschaft hat er seinen Job als Zimmermann an den Nagel gehängt und ist nur noch Jäger, sogar einer mit eigenem Revier.
In diesem hat er bereits etliche Tiere erlegt, einen Rehbock zum Beispiel, oder einen Habicht und drei Schäferhunde. Mit den Wildschweinen jedoch hat er Probleme. Diese intelligenten Tiere lassen sich von Schröll einfach nicht erschießen. Dabei hat er schon fast alles probiert. Köder in Form von Futter haben die Wildsäue ebenso ignoriert wie Pheromone, die er überall im Revier ausgebracht hat.

In seiner Verzweiflung beginnt er, mit einer höheren Dosis Zielwasser zu experimentieren. Zielwasser nennt man in der Steiermark den Schnaps, der den Jäger davon abhalten soll, bei der Schussabgabe zu zittern - es sorgt also dafür, dass der Weidmann stets ausreichend Alkohol im Blut hat.

Drei Wochen nachdem Schröll angefangen hat, mehr Obstler zu sich zu nehmen als die übliche Flasche pro Tag, zeigt sich das Wildschwein. Es handelt sich um einen riesigen Keiler, der sich gut an der Wand von Schrölls Bibliothek machen würde, denn außer einem schmalen Regal, in dem Kataloge von Jagdwaffenherstellern liegen, befindet sich in diesem Raum bloß ein abgetretener Teppich.

Er legt an, seine Hand ist ruhig dank der Extradosis Zielwasser, drückt ab und es macht Peng.
Zwei Sekunden später macht es noch einmal Peng.
Schröll erschrickt und geht in Deckung. Da er keine Schmerzen hat, folgert er jagdmesserscharf, dass der Keiler, so wie er selbst, wohl immer noch zu wenig Zielwasser intus hat, um zu treffen.

Erleichtert schießt Schröll zum Spaß noch einmal in die Richtung der Wildsau, doch antwortet diese nicht mit einem zweiten Schuss, sondern, so folgert Schröll, wirft ihre Flasche Zielwasser gegen einen Baum, denn er vernimmt das Geräusch von zerbrechendem Glas. Das Wildschwein, so weiß er jetzt, ist böse, weil es den Jäger nicht mit dem ersten Schuss erlegt hat.

Er nimmt einen großen Schluck Zielwasser und schläft auf dem Hochstand ein.
Als er aufwacht und nach Hause fahren will, muss Schröll zu seinem Ärger feststellen, dass die Wildsau seinen Geländewagen zerschossen hat. Den rechten Vorderreifen und die Windschutzscheibe hat sie getroffen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 31, September 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17158

Ein Skandal!

Vor einigen Tagen, und das ist die Wahrheit, erfuhr ich, dass der Besitzer und ehemalige Wirt meines Stammlokals in der schönen Steiermark sein Anwesen an die Gemeinde, auf deren Hoheitsgebiet es liegt, verkaufen möchte, wird oder muss. Diese wird das altehrwürdige Gebäude abtragen, um Platz für den angeblich dringend benötigten Ausbau der nebenan gelegenen Volksschule zu schaffen.

Augenblicklich blutete mir das Herz, und selbst nach ein paar Gläsern Bier trat keine Besserung ein.
Ich habe jedoch auch Verständnis dafür, dass auf diesem heiligen Boden, auf dem schon meine und die Eltern meiner Freunde an der Bar gestanden hatten, Schulkinder unterrichtet werden. Sie haben sogar exakt an diesem Platz ausgebildet zu werden, denn wo, wenn nicht hier, können sie lernen, was man im Leben braucht und wissen muss.

Die Kinder, von welchen einige entstanden sein mögen, nachdem ihre Eltern dieses Lokal besucht hatten, werden von der einstigen Schönheit der ehemaligen Herrentoilette erfahren, die mit einer wahren Unzahl an äußerst freizügigen Darstellungen ausgekleidet war, welche vom Wirt in regelmäßigen Abständen erneuert werden mussten. Ich selbst war einmal ertappt worden, als ich ein Poster von der Wand zu lösen versuchte und wurde dafür ausgelacht. Dabei wollte ich es doch bloß meiner Frau Mama zeigen, zur Untermauerung meiner Beschwerden über die Pornografie auf diesem stillen Ort.

Die Buben werden sich der Aura dieser Weihestätte der Adoleszenz nicht entziehen können und in der letzten Reihe sitzen, während die Mädchen in der ersten Reihe Platz nehmen werden. Von einer Lehrkraft gefragt, warum das so zu sein hätte, werden sie im Chor antworten, dass die Eitelkeit in der ersten Reihe sitzt, um gesehen zu werden, die Intelligenz aber in der letzten, um zu sehen.

Sie werden fühlen, dass es besser ist, zum Wirt an die Bar zu kommen, als auf sein Erscheinen an ihrem Tisch zu warten, und auch, dass man für einen Toast, den man am Folgeabend serviert bekommt, gefälligst dankbar zu sein hat. Es gibt schließlich Menschen auf dieser Welt, welchen vom Wirt kein Toast hingestellt wird. Dieses Erlernen der vorauseilenden Dankbarkeit wird die Kids noch weit bringen in ihren Leben. Wer fühlt, dass es immer besser ist, danke zu sagen und ansonsten still zu sein, wird sich nie mit wirklichen großen Problemen herumschlagen müssen, wie zu großer Verantwortung, zu langen Arbeitszeiten oder der Anhebung des Spitzensteuersatzes.

Diese Kinder werden nach Absolvierung der Volksschule in ihrem Benehmen geschliffene und beinahe vollkommene Barbesucher sein, auch wenn sie dann noch ein paar Jahre warten sollten mit dem Vollsein.
Und ich? Ich werde dann noch immer weinen ...

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 32, November 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17157

Helga Wittners Rettung

Helga Wittner wurde Anfang Mai zwangseingewiesen, ‘Wahnvorstellungen’ lautete die erste, ungenaue Diagnose. Sie würde sich auf fremde Planeten flüchten, stand im Bericht des diensthabenden Arztes.
Die Patientin wurde Dr. Axel Egger zugeteilt, welcher einige Gespräche mit ihr führte und sie durch diese kennen und schätzen lernte.
Der Auslöser für Helgas Reise auf einen Planeten namens ‘Omega’ war ihr Sohn Michael, der sich öffentlich entblößt hatte. Da er sich als großen Künstler sah, musste er es auch als Nacktmaler versuchen. Ein landesweiter Skandal war die Folge, und Helga, die die ständigen Eklats ihres Sohnes nicht länger ertragen konnte, war nach Omega geflüchtet, wo alles schön und gut war.

„Zurück zu Michael, Frau Wittner. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Ihr Sohn dafür verantwortlich, dass Omega nicht mehr existiert.“
„So ist es, Herr Doktor. Vor zwei Tagen bin ich von hier aus, also aus der Anstalt, nach Omega geflogen. Dort oben hat Michael in meiner Sauna auf mich gewartet. Er war nackt, hat hämisch gelacht und gesagt, dass er bei mir auf Omega bleiben würde. Dann hat er wieder um Geld gebettelt.“
„Ich verstehe. Und dieser Schreck, Michael auch auf Omega ertragen zu müssen, hat Sie dazu bewogen, Ihren Planeten in der Sonne verglühen zu lassen?“
„Ja. Was hätte ich sonst machen sollen?“
„Ich hatte befürchtet, dass Sie dort keine Ruhe von ihm haben würden. Aus diesem Grund habe ich Ihnen mehrmals angeboten, mit mir hinter Pavillon 10 zu gehen.“
„Herr Doktor!“ rief die Vierundsiebzigjährige entrüstet. „Ich weiß, dass Sie es hier mit lauter Verrückten zu tun haben. Das ist aber kein Grund, eine attraktive, normale Frau verführen zu wollen!“
„Denken Sie etwa, ich möchte Sie verführen?“
„Was denn sonst?“
„Frau Wittner, ich bin homosexuell.“
„Was wollen Sie dann mit mir hinter dem Pavillon machen?“
„Ich wollte und will Sie einladen, mit mir auf meinen Planeten zu fliegen, ‘Epsilon’ heißt er und ist Sperrgebiet für Ihren Sohn. Und hinter Pavillon 10 liegt mein Cape Canaveral.“
„Auch Sie haben einen eigenen Planeten?“
„Natürlich habe ich einen solchen!“
„Moment mal!“, sagte Helga Wittner sichtlich verwirrt. „Sie sind Psychiater und haben einen eigenen Planeten? Und sogar ein Cape Canaveral?“
„Aber Frau Wittner, jeder Psychiater hat seinen Planeten und ein Raketenstartgelände. Unsere Oberärztin Frau Dr. Borner fliegt nach ‘Gamma’, und mein Assistent Herr Dr. Forster erholt sich auf ‘Delta-Phi’.“
„Wenn das so ist: auf zu Pavillon 10!“

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 28, März 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg |Inventarnummer: 17156

Ernests Credo

Michael hat, was das Konto seiner Sünden, die er bei seiner Tätigkeit begangen hat, ganz gewiss ein erkleckliches Guthaben, doch echte Todsünden sind keine darunter. Eine solche wäre beispielsweise, dem wichtigsten Credo des größten Idols nicht zu folgen. Er ist ein siebenunddreißigjähriger Schriftsteller, und nachdem er schon seit langer Zeit schreibt, hat er naturgemäß etliche literarische Verbrechen begangen. Er hat höchst zotige Balladen verfasst, wie auch Gedichte und sogar Liedtexte in englischer Sprache, jedoch ohne der Aufgabe der Dichtkunst auch nur im Geringsten gewachsen zu sein.

Abgesehen von derart dilettantischen Versuchen, in die Sphären von Goethe oder Davis einzudringen, hat er sich selbstverständlich auch anderer Zuwiderhandlungen gegen das übliche Verhalten der Kollegen seiner Zunft schuldig gemacht. Und gerade eben wieder. Der Anstand hätte geboten, auch von Kolleginnen zu schreiben, doch hatte der Autor schlicht keine allzu große Lust, sich politisch korrekt zu verhalten. Auch lehnt er es ab, den Leser, wie von Franzen gefordert, als Freund anzusehen.

Er mutet seinen Lesern Texte zu, die als schlicht gefährlich zu bezeichnen sind. Er weiß nämlich, und diese Fähigkeit wurde ihm mehrfach von Verlagslektoren bescheinigt, dass er mit Worten Bilder vor dem geistigen Auge der Leserschaft erzeugen kann. Das Problem hierbei ist, dass er üblicherweise Geschichten schreibt, welche man als psychologisch wertvoll bezeichnen könnte, hätte man eine Inklination zum Euphemismus.
Und dann steht das von ihm erzeugte Bild vor dem Leser und dieser weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll, er ist dem Ungemach, das ihm schriftlich vermittelt wurde, ausgeliefert.

Und dieser Schreiber ist sogar dabei, seine Methoden zu verfeinern. Mittlerweile kann es vorkommen, dass dem arglosen Leser erst nach der Lektüre des letzten Satzes bewusst wird, was er da eigentlich gelesen hat, so gemein kann dieser Künstler sein. Und sogar noch gemeiner. Ab und an überkommt es ihn, und dann ist er satirisch tätig und sorgt dafür, dass ebenso unschuldige wie nichtsahnende Politiker ihr Fett abbekommen.

Auch teilt er sich gerne in ellenlangen Schachtelsätzen mit, wie es auch ein paar seiner literarischen Idole gemacht haben, womit er seinen Lesern enden wollenden Spaß bereitet. Somit folgt er, was die Länge von Sätzen anlangt, keineswegs seinem größten Vorbild, denn er lehnt es schlichtweg ab, an einem Pult stehend zu schreiben, um möglichst kurze Sätze zu produzieren.
In einer Sache jedoch, und dies sei hiermit hoch und heilig versprochen, wird Michael Ernest Hemingway stets folgen, alles andere wäre fürwahr eine Todsünde. Dieser große Schriftsteller hat nämlich gesagt, dass bloß ein trinkender Schreiber ein guter Schreiber ist. Prost!

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 26, November 2014

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17155

Der Tunnel

Die Wochen, erfüllt von Düsternis, näherten sich ihrem Ende, das Licht, dunkel, aber doch nicht gänzlich, einen leichten Anflug von Grau beinhaltend, sollte die Dunkelheit erhellen. Eine andere Farbe sollte das Licht haben, doch offenbar war Grau die einzig zugestandene. Inwiefern der Begriff Grauen mit dem Farbton Grau zusammenhängt, bleibt ungewiss, doch Grauen ist nicht gleichzusetzen mit Dunkelheit, befindet sich doch immerhin ein helles Element darin, wenn auch ein kaum wahrnehmbares. Die Tage der Wochen erfüllt von diesem diesigen Licht, das empfunden werden kann in einem Flugzeug, welches durch dunkle Wolken voll von Regen und Gewitter fliegt, um schließlich das Blau des Himmels vor sich zu haben, nachdem die Dunkelheit zurückgelassen worden war.
Die scheinende Sonne mit ihrem gleißenden Licht sandte schwärzliche Strahlen, alles verdunkelnd, verwandelte die Individuen auf den Straßen in schemenhafte Gestalten, kaum wahrnehmbar, tünchte die Straßen in graue Farbe und zerschnitt das Leben auf belebten Arealen.

Die schwarze Sonne legte ihr Licht über die gesamte Welt, ließ das Leben auf dem Planeten dunkel erscheinen, ließ die Menschen und alle Lebewesen, wie auch die Objekte, untergehen in ihren Strahlen, die Luft zum Atmen machte sie schwer und das Wasser zum Trinken bleiern und die Nahrungsmittel verdorben schmeckend. Die Musik machte sie düster, die Texte der Musikstücke schwermütig und die instrumentale Leistung der Spieler unhörbar. Den Alkohol machte das Licht wohlschmeckend und nicht ausreichend in seiner Menge, das Schreiben machte es schwer, das Denken, Fühlen, Lieben, Handeln und Wollen löschte es aus.

Der Eingang des Tunnels, unsichtbar, ein plötzlich auftretendes Gefühl der Gefangenschaft, in der Mitte des Tunnels ein glänzend schwarzer Streifen, in die Ferne führend. Der Tunnel selbst zweigeteilt, auf der einen Seite schwarzer Samt, eine dunkle Wärme, ihre Existenz kaum fühlbar, dunkles Licht erleuchtet den Samt, hinter diesem schemenhaft wahrnehmbare Gestalten, Menschen, nicht fühlbar, nicht hörbar, nur durch Bewegungen zu erkennen. Vom Samt eine Flüssigkeit laufend, untrinkbar und dennoch wohlschmeckend, schwarz und die Konsistenz von Blut aufweisend. Auf der anderen Seite der Linie in der Mitte des Tunnels schwarzer Beton, kalt, hart und undurchdringlich. In den Beton eingearbeitet eine Unzahl an Klingen und Stacheldraht, viel zu scharf, um sich an sie zu schmiegen.
Von der Decke eine klare Flüssigkeit tropfend, scharf im Geschmack, trügerische Erhellung in sich tragend, die, wenn sie verschwunden, sich in Unheil verwandelt. Kälte, die durch nichts in Wärme verwandelt werden kann, die das kurzzeitige Gefühl der Wärme der samtenen Seite aussaugt, von der Decke hängen Leuchten, ein grellschwarzes Licht verbreitend, zu dunkel, um nach vorne zu sehen, hell genug jedoch, um die eigenen Unzulänglichkeiten nicht übersehen zu können.

Der Wechsel von der einen, samtenen Seite zur stahlbewehrten Betonseite, fließend, einem Ball gleich, immer wieder von der einen zur anderen Hälfte geworfen, in der Mitte, auf dem Boden, zwischen den Seiten, ein stets nach vorne führender schwarzer Pfad. Der Weg zurück, verschlossen, die samtene Seite einen samtenen Vorhang bildend, hinter diesem an ihren Bewegungen erkennbare Menschen, die Betonseite eine bedrohliche Mauer bildend aus scharfem Stahl und eisiger Grabeskälte. Die Schritte nach vorne, erleuchtet und begleitet von schwarzem Licht, nicht auszuhalten, ein ständiger Begleiter.
Am Ende des Tunnels, in weiter Ferne und zugleich nah, ein schwaches Licht. Es ist schwarz.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17143

Der Prinz

Ein Prinz verließ das Schloss seines Vaters, um im nahegelegenen Wald Pilze zu sammeln. Es war ein sommerlich warmer Tag, also trug er dünne Kleidung, auf dem Kopf die goldene Krone, die seinen Rang symbolisierte. Er brach auf, ohne Waffen zu tragen, die letzten Wölfe waren Jahre zuvor erlegt worden, und nachdem es keine Banditen mehr gab, sein Vater hatte alle henken lassen, verzichtete er auch darauf, sich von der ihm zugeteilten Leibwache eskortieren zu lassen.
Er ging durch den Wald, den Kopf zu Boden gesenkt, um nur ja keinen Pilz zu übersehen, als er plötzlich Schritte hinter sich wahrnahm. Er wandte sich um und erblickte den für seine Grausamkeit und Unerbittlichkeit bekannten und gefürchteten Zauberer Gordon. Der Prinz wollte davonlaufen, doch der Zauberer packte ihn am Genick und hielt ihn zurück. Der Prinz weinte, schrie, flehte um Gnade, doch der Magier sagte bloß: "Wer einmal Gordons Weg kreuzt, ist verloren!" Der Prinz bot ihm Gold an, Edelsteine, die schönste Jungfrau im Lande, jedoch er hatte keinen Erfolg.

Gordon erhob sich, den armen Prinzen an der Hand, in die Luft und flog viele Meilen weit zu einem Turm, welcher einsam und verlassen auf einer Lichtung an der dunkelsten Stelle des Waldes stand. Allein, der Turm hatte keine Türen, lediglich ein Fenster knapp unterhalb der Spitze, vergittert und angsteinflößend. Gordon schwebte durch die Mauer hindurch in einen kleinen Raum. Er warf den Prinzen auf den Boden und machte ihm deutlich, dass sein Leben an diesem Ort ein Ende finden würde.
Er warf dem Königskind einen Kürbis vor die Füße und sagte, dass dieser für die nächsten drei Tage vorhalten müsse. Er würde von nun an jeden dritten Tag kommen, um der armen Seele einen Kürbis und einen Eimer Wasser, für die Körperpflege und um den Durst zu löschen, zu bringen. Er entschwebte und ließ den jungen Mann zurück. Der Prinz versuchte, zu dem vergitterten Fenster zu gelangen, jedoch war dieses unerreichbar. Er schrie und weinte, doch niemand hörte ihn.

Ein Gewitter zog auf, es stürmte und hagelte, zumindest das Dach hielt dicht, der Prinz betete, doch wurde er nicht erhört. Er aß ein Stück vom Kürbis, trank wenige Schlucke Wasser und schlief auf dem Stroh, welches den Boden bedeckte, ein. Am nächsten Morgen wachte er schreiend auf im Glauben, einen Albtraum durchlitten zu haben, jedoch war es kein Traum. Er schrie sich die Seele aus dem Leib, er schlug gegen die Wand aus Stein, versuchte sie zu zerkratzen. Schließlich brach er blutend und weinend nieder.
Der Zauberer hielt Wort und brachte ihm wortlos jeden dritten Tag Speise und Trank. Es war ein sehr frugales kulinarisches Vergnügen, doch es hielt den Prinzen am Leben. Dieser hatte die Idee, die Schalen der Kürbisse zu trocknen und aufzuschichten, um so zum Fenster zu gelangen und Hilfe herbeizurufen. Nach vielen Monaten gelang ihm dies, und er klammerte sich an die Gitterstäbe und schrie sich die Seele aus dem Leib. Allein, es hörte ihn niemand.

Eines Tages, er schlug gerade mit seinem Kopf gegen die Wand, bis diese blutrot war, dachte er an das Geräusch, welches Metall verursacht, wenn es gegen Metall geschlagen wird. Er hatte dies oft gehört, beim Fechtunterricht, den er gemeinsam mit seiner Jugendliebe erhalten hatte. Beim Gedanken an diese und an die geringe Wahrscheinlichkeit, sie jemals wieder im Arm halten zu können, brach er erneut in Tränen aus. Aber er musste stark sein.

Er stieg auf den Haufen aus getrockneten Kürbisschalen und schlug mit seiner goldenen Krone, die der Zauberer Gordon ihm gelassen hatte, gegen die Gitterstäbe. Es war ein lautes, metallisches Geräusch, und durch die Höhe, in welcher das Fenster gelegen war, war es weithin zu hören. Er schlug von nun an jeden Tag viele Stunden mit der Krone gegen das Eisen, doch er erhielt niemals Antwort. Die Bauern auf den Feldern hielten in ihrer Arbeit inne, sobald dieses Geräusch ertönte, etwas Schöneres und Lieblicheres hatten sie noch nie zuvor gehört. Es war Musik in ihren Ohren, vorgetragen von Engelschören. Sie fragten sich, woher es wohl kam, doch sie hatten Angst, sich dem Wald zu nähern. So erfreuten sie sich viele Jahre an diesen Klängen, ohne sich bewusst zu sein, wessen Schicksal sie ihnen bescherte.

Eines Tages waren die Klänge nicht mehr zu hören. Sie ertönten niemals wieder. Der Prinz hatte aufgegeben, er hatte sich in sein Schicksal ergeben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 17142