Kategorie-Archiv: Michael Timoschek

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Verkalkt

Es sind wohl wahre Worte, die F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er Folgendes zu Papier brachte: ‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’

Die Hellsicht dieses Satzes verblüfft mich, denn sein Schöpfer pflegte eine Lebensführung, welche meiner nicht unähnlich ist, und ich weiß, wie schwer es ist, einen so wahren Satz zu formulieren.
Nun, Mr. Fitzgerald, Sie hatten recht, wie auch mit Ihrer These, dass man eine Kurzgeschichte ohne Weiteres mit dem Glas in der Hand schreiben kann. Prost!

Meine Freundin, sie ist fünfundvierzig, ich noch nicht, ist eine Frau von festen Überzeugungen, welche mit meinem Lebenswandel hin und wieder kollidieren. Sie ist der Ansicht, dass unser Badezimmer jeden Freitag geputzt zu werden hat, was mir letzte Woche einfach nicht gelingen konnte.
„Michael, die Kalkflecken auf den Armaturen, die wohl nur von Spritzwasser herrühren können, sind mir ein Dorn im Auge!“, konstatierte sie, und ihr strenger Blick ließ mich vermuten, dass es mit dem vorehelichen Vollzug an diesem Abend nichts werden würde.

Verzweifelt ob dieser Tatsache, griff ich, ich gestehe dies, zu einer Lüge, um keine Not leiden zu müssen.
„Maria“, sagte ich, „ich habe das Bad gestern geputzt. Während du in der Fabrik am Fließband standest, um das Geld für unsere Lebensmittel zu verdienen, habe ich vier Stunden lang geputzt.“ Ich setzte meinen treuherzigsten Hundeblick auf und fuhr fort: „Ich weiß natürlich, dass es dir höchst unrecht ist, wenn ich das Badezimmer bereits am Donnerstag auf Hochglanz bringe, doch gestern überkam mich ein Anfall von Reinlichkeit. Danach war ich verschwitzt und habe geduscht, damit ich nicht übel rieche, wenn du nach Hause kommst, und dabei sind die Flecken wohl entstanden.“

Sie sah mich entgeistert an, dann sagte sie schroff: „Michael, für die Lebensmittel, die du konsumierst, kommt immer noch deine Frau Mama auf. Von meinem Geld kaufst du bloß Bier, und das in Unmengen. Außerdem“, nun wurde sie laut, „was faselst du von Donnerstag? Heute ist Samstag!“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Tag verloren hatte. Ich lief zum Kühlschrank und leerte eine Flasche Bier in fünf Zügen. Dann sagte ich zu Maria: „Ich kläre die Sache auf und bin in dreißig Minuten zurück.“
In meinem Stammlokal fragte ich den Wirt, der wirklich so heißt: „Stief, sag, mein Alter, wie viel habe ich in den letzten Tagen getrunken?“
„Mehr als du bezahlen konntest, mein Alter“, lautete Stiefs Antwort. „Soll ich dir sagen, wie viele Biere du hast anschreiben lassen?“
„Nein, nicht heute“, gab ich zurück und dachte instinktiv an meine Freundin und deren Gehaltskonto.

Zerknirscht ging ich nach Hause, wo ein Badezimmer auf mich wartete, das nagelneu nicht besser ausgesehen hatte. Um weitere Misshelligkeiten mit Maria zu vermeiden, ließ ich mir ein armaturschonendes Bad ohne Schaum ein und legte mich dann zu ihr ins Bett.
Meine zarten Annäherungsversuche ließ sie zwar ins Leere laufen, doch als ich ihr von der ihrem Kontostand bevorstehenden Rechnung in meinem Stammlokal erzählte, begann sie doch noch zu stöhnen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 33, Februar 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17154

Der Jägermeister

für Erna Raminger

Peter Schröll ist der örtliche Jäger von Modriach, einem winzigen Dorf in der Steiermark. Diese Bezeichnung verdient er tatsächlich, denn er ist der einzige Jäger der Ortschaft, in der nicht einmal dreihundert Menschen leben.

Das Leben dort ist dementsprechend rustikal. Kontrolle von oben gibt es in ebenso geringem Maße wie vonseiten des Staates, denn der Pfarrer und der Polizist sind meistens an der Theke des Wirtshauses Zum Krug anzutreffen, das ihrem Vater gehört.

Schröll arbeitet nicht mehr. Nach einer Erbschaft hat er seinen Job als Zimmermann an den Nagel gehängt und ist nur noch Jäger, sogar einer mit eigenem Revier.
In diesem hat er bereits etliche Tiere erlegt, einen Rehbock zum Beispiel, oder einen Habicht und drei Schäferhunde. Mit den Wildschweinen jedoch hat er Probleme. Diese intelligenten Tiere lassen sich von Schröll einfach nicht erschießen. Dabei hat er schon fast alles probiert. Köder in Form von Futter haben die Wildsäue ebenso ignoriert wie Pheromone, die er überall im Revier ausgebracht hat.

In seiner Verzweiflung beginnt er, mit einer höheren Dosis Zielwasser zu experimentieren. Zielwasser nennt man in der Steiermark den Schnaps, der den Jäger davon abhalten soll, bei der Schussabgabe zu zittern - es sorgt also dafür, dass der Weidmann stets ausreichend Alkohol im Blut hat.

Drei Wochen nachdem Schröll angefangen hat, mehr Obstler zu sich zu nehmen als die übliche Flasche pro Tag, zeigt sich das Wildschwein. Es handelt sich um einen riesigen Keiler, der sich gut an der Wand von Schrölls Bibliothek machen würde, denn außer einem schmalen Regal, in dem Kataloge von Jagdwaffenherstellern liegen, befindet sich in diesem Raum bloß ein abgetretener Teppich.

Er legt an, seine Hand ist ruhig dank der Extradosis Zielwasser, drückt ab und es macht Peng.
Zwei Sekunden später macht es noch einmal Peng.
Schröll erschrickt und geht in Deckung. Da er keine Schmerzen hat, folgert er jagdmesserscharf, dass der Keiler, so wie er selbst, wohl immer noch zu wenig Zielwasser intus hat, um zu treffen.

Erleichtert schießt Schröll zum Spaß noch einmal in die Richtung der Wildsau, doch antwortet diese nicht mit einem zweiten Schuss, sondern, so folgert Schröll, wirft ihre Flasche Zielwasser gegen einen Baum, denn er vernimmt das Geräusch von zerbrechendem Glas. Das Wildschwein, so weiß er jetzt, ist böse, weil es den Jäger nicht mit dem ersten Schuss erlegt hat.

Er nimmt einen großen Schluck Zielwasser und schläft auf dem Hochstand ein.
Als er aufwacht und nach Hause fahren will, muss Schröll zu seinem Ärger feststellen, dass die Wildsau seinen Geländewagen zerschossen hat. Den rechten Vorderreifen und die Windschutzscheibe hat sie getroffen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 31, September 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17158

Ein Skandal!

Vor einigen Tagen, und das ist die Wahrheit, erfuhr ich, dass der Besitzer und ehemalige Wirt meines Stammlokals in der schönen Steiermark sein Anwesen an die Gemeinde, auf deren Hoheitsgebiet es liegt, verkaufen möchte, wird oder muss. Diese wird das altehrwürdige Gebäude abtragen, um Platz für den angeblich dringend benötigten Ausbau der nebenan gelegenen Volksschule zu schaffen.

Augenblicklich blutete mir das Herz, und selbst nach ein paar Gläsern Bier trat keine Besserung ein.
Ich habe jedoch auch Verständnis dafür, dass auf diesem heiligen Boden, auf dem schon meine und die Eltern meiner Freunde an der Bar gestanden hatten, Schulkinder unterrichtet werden. Sie haben sogar exakt an diesem Platz ausgebildet zu werden, denn wo, wenn nicht hier, können sie lernen, was man im Leben braucht und wissen muss.

Die Kinder, von welchen einige entstanden sein mögen, nachdem ihre Eltern dieses Lokal besucht hatten, werden von der einstigen Schönheit der ehemaligen Herrentoilette erfahren, die mit einer wahren Unzahl an äußerst freizügigen Darstellungen ausgekleidet war, welche vom Wirt in regelmäßigen Abständen erneuert werden mussten. Ich selbst war einmal ertappt worden, als ich ein Poster von der Wand zu lösen versuchte und wurde dafür ausgelacht. Dabei wollte ich es doch bloß meiner Frau Mama zeigen, zur Untermauerung meiner Beschwerden über die Pornografie auf diesem stillen Ort.

Die Buben werden sich der Aura dieser Weihestätte der Adoleszenz nicht entziehen können und in der letzten Reihe sitzen, während die Mädchen in der ersten Reihe Platz nehmen werden. Von einer Lehrkraft gefragt, warum das so zu sein hätte, werden sie im Chor antworten, dass die Eitelkeit in der ersten Reihe sitzt, um gesehen zu werden, die Intelligenz aber in der letzten, um zu sehen.

Sie werden fühlen, dass es besser ist, zum Wirt an die Bar zu kommen, als auf sein Erscheinen an ihrem Tisch zu warten, und auch, dass man für einen Toast, den man am Folgeabend serviert bekommt, gefälligst dankbar zu sein hat. Es gibt schließlich Menschen auf dieser Welt, welchen vom Wirt kein Toast hingestellt wird. Dieses Erlernen der vorauseilenden Dankbarkeit wird die Kids noch weit bringen in ihren Leben. Wer fühlt, dass es immer besser ist, danke zu sagen und ansonsten still zu sein, wird sich nie mit wirklichen großen Problemen herumschlagen müssen, wie zu großer Verantwortung, zu langen Arbeitszeiten oder der Anhebung des Spitzensteuersatzes.

Diese Kinder werden nach Absolvierung der Volksschule in ihrem Benehmen geschliffene und beinahe vollkommene Barbesucher sein, auch wenn sie dann noch ein paar Jahre warten sollten mit dem Vollsein.
Und ich? Ich werde dann noch immer weinen ...

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 32, November 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17157

Helga Wittners Rettung

Helga Wittner wurde Anfang Mai zwangseingewiesen, ‘Wahnvorstellungen’ lautete die erste, ungenaue Diagnose. Sie würde sich auf fremde Planeten flüchten, stand im Bericht des diensthabenden Arztes.
Die Patientin wurde Dr. Axel Egger zugeteilt, welcher einige Gespräche mit ihr führte und sie durch diese kennen und schätzen lernte.
Der Auslöser für Helgas Reise auf einen Planeten namens ‘Omega’ war ihr Sohn Michael, der sich öffentlich entblößt hatte. Da er sich als großen Künstler sah, musste er es auch als Nacktmaler versuchen. Ein landesweiter Skandal war die Folge, und Helga, die die ständigen Eklats ihres Sohnes nicht länger ertragen konnte, war nach Omega geflüchtet, wo alles schön und gut war.

„Zurück zu Michael, Frau Wittner. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Ihr Sohn dafür verantwortlich, dass Omega nicht mehr existiert.“
„So ist es, Herr Doktor. Vor zwei Tagen bin ich von hier aus, also aus der Anstalt, nach Omega geflogen. Dort oben hat Michael in meiner Sauna auf mich gewartet. Er war nackt, hat hämisch gelacht und gesagt, dass er bei mir auf Omega bleiben würde. Dann hat er wieder um Geld gebettelt.“
„Ich verstehe. Und dieser Schreck, Michael auch auf Omega ertragen zu müssen, hat Sie dazu bewogen, Ihren Planeten in der Sonne verglühen zu lassen?“
„Ja. Was hätte ich sonst machen sollen?“
„Ich hatte befürchtet, dass Sie dort keine Ruhe von ihm haben würden. Aus diesem Grund habe ich Ihnen mehrmals angeboten, mit mir hinter Pavillon 10 zu gehen.“
„Herr Doktor!“ rief die Vierundsiebzigjährige entrüstet. „Ich weiß, dass Sie es hier mit lauter Verrückten zu tun haben. Das ist aber kein Grund, eine attraktive, normale Frau verführen zu wollen!“
„Denken Sie etwa, ich möchte Sie verführen?“
„Was denn sonst?“
„Frau Wittner, ich bin homosexuell.“
„Was wollen Sie dann mit mir hinter dem Pavillon machen?“
„Ich wollte und will Sie einladen, mit mir auf meinen Planeten zu fliegen, ‘Epsilon’ heißt er und ist Sperrgebiet für Ihren Sohn. Und hinter Pavillon 10 liegt mein Cape Canaveral.“
„Auch Sie haben einen eigenen Planeten?“
„Natürlich habe ich einen solchen!“
„Moment mal!“, sagte Helga Wittner sichtlich verwirrt. „Sie sind Psychiater und haben einen eigenen Planeten? Und sogar ein Cape Canaveral?“
„Aber Frau Wittner, jeder Psychiater hat seinen Planeten und ein Raketenstartgelände. Unsere Oberärztin Frau Dr. Borner fliegt nach ‘Gamma’, und mein Assistent Herr Dr. Forster erholt sich auf ‘Delta-Phi’.“
„Wenn das so ist: auf zu Pavillon 10!“

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 28, März 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg |Inventarnummer: 17156

Ernests Credo

Michael hat, was das Konto seiner Sünden, die er bei seiner Tätigkeit begangen hat, ganz gewiss ein erkleckliches Guthaben, doch echte Todsünden sind keine darunter. Eine solche wäre beispielsweise, dem wichtigsten Credo des größten Idols nicht zu folgen. Er ist ein siebenunddreißigjähriger Schriftsteller, und nachdem er schon seit langer Zeit schreibt, hat er naturgemäß etliche literarische Verbrechen begangen. Er hat höchst zotige Balladen verfasst, wie auch Gedichte und sogar Liedtexte in englischer Sprache, jedoch ohne der Aufgabe der Dichtkunst auch nur im Geringsten gewachsen zu sein.

Abgesehen von derart dilettantischen Versuchen, in die Sphären von Goethe oder Davis einzudringen, hat er sich selbstverständlich auch anderer Zuwiderhandlungen gegen das übliche Verhalten der Kollegen seiner Zunft schuldig gemacht. Und gerade eben wieder. Der Anstand hätte geboten, auch von Kolleginnen zu schreiben, doch hatte der Autor schlicht keine allzu große Lust, sich politisch korrekt zu verhalten. Auch lehnt er es ab, den Leser, wie von Franzen gefordert, als Freund anzusehen.

Er mutet seinen Lesern Texte zu, die als schlicht gefährlich zu bezeichnen sind. Er weiß nämlich, und diese Fähigkeit wurde ihm mehrfach von Verlagslektoren bescheinigt, dass er mit Worten Bilder vor dem geistigen Auge der Leserschaft erzeugen kann. Das Problem hierbei ist, dass er üblicherweise Geschichten schreibt, welche man als psychologisch wertvoll bezeichnen könnte, hätte man eine Inklination zum Euphemismus.
Und dann steht das von ihm erzeugte Bild vor dem Leser und dieser weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll, er ist dem Ungemach, das ihm schriftlich vermittelt wurde, ausgeliefert.

Und dieser Schreiber ist sogar dabei, seine Methoden zu verfeinern. Mittlerweile kann es vorkommen, dass dem arglosen Leser erst nach der Lektüre des letzten Satzes bewusst wird, was er da eigentlich gelesen hat, so gemein kann dieser Künstler sein. Und sogar noch gemeiner. Ab und an überkommt es ihn, und dann ist er satirisch tätig und sorgt dafür, dass ebenso unschuldige wie nichtsahnende Politiker ihr Fett abbekommen.

Auch teilt er sich gerne in ellenlangen Schachtelsätzen mit, wie es auch ein paar seiner literarischen Idole gemacht haben, womit er seinen Lesern enden wollenden Spaß bereitet. Somit folgt er, was die Länge von Sätzen anlangt, keineswegs seinem größten Vorbild, denn er lehnt es schlichtweg ab, an einem Pult stehend zu schreiben, um möglichst kurze Sätze zu produzieren.
In einer Sache jedoch, und dies sei hiermit hoch und heilig versprochen, wird Michael Ernest Hemingway stets folgen, alles andere wäre fürwahr eine Todsünde. Dieser große Schriftsteller hat nämlich gesagt, dass bloß ein trinkender Schreiber ein guter Schreiber ist. Prost!

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 26, November 2014

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17155

Der Tunnel

Die Wochen, erfüllt von Düsternis, näherten sich ihrem Ende, das Licht, dunkel, aber doch nicht gänzlich, einen leichten Anflug von Grau beinhaltend, sollte die Dunkelheit erhellen. Eine andere Farbe sollte das Licht haben, doch offenbar war Grau die einzig zugestandene. Inwiefern der Begriff Grauen mit dem Farbton Grau zusammenhängt, bleibt ungewiss, doch Grauen ist nicht gleichzusetzen mit Dunkelheit, befindet sich doch immerhin ein helles Element darin, wenn auch ein kaum wahrnehmbares. Die Tage der Wochen erfüllt von diesem diesigen Licht, das empfunden werden kann in einem Flugzeug, welches durch dunkle Wolken voll von Regen und Gewitter fliegt, um schließlich das Blau des Himmels vor sich zu haben, nachdem die Dunkelheit zurückgelassen worden war.
Die scheinende Sonne mit ihrem gleißenden Licht sandte schwärzliche Strahlen, alles verdunkelnd, verwandelte die Individuen auf den Straßen in schemenhafte Gestalten, kaum wahrnehmbar, tünchte die Straßen in graue Farbe und zerschnitt das Leben auf belebten Arealen.

Die schwarze Sonne legte ihr Licht über die gesamte Welt, ließ das Leben auf dem Planeten dunkel erscheinen, ließ die Menschen und alle Lebewesen, wie auch die Objekte, untergehen in ihren Strahlen, die Luft zum Atmen machte sie schwer und das Wasser zum Trinken bleiern und die Nahrungsmittel verdorben schmeckend. Die Musik machte sie düster, die Texte der Musikstücke schwermütig und die instrumentale Leistung der Spieler unhörbar. Den Alkohol machte das Licht wohlschmeckend und nicht ausreichend in seiner Menge, das Schreiben machte es schwer, das Denken, Fühlen, Lieben, Handeln und Wollen löschte es aus.

Der Eingang des Tunnels, unsichtbar, ein plötzlich auftretendes Gefühl der Gefangenschaft, in der Mitte des Tunnels ein glänzend schwarzer Streifen, in die Ferne führend. Der Tunnel selbst zweigeteilt, auf der einen Seite schwarzer Samt, eine dunkle Wärme, ihre Existenz kaum fühlbar, dunkles Licht erleuchtet den Samt, hinter diesem schemenhaft wahrnehmbare Gestalten, Menschen, nicht fühlbar, nicht hörbar, nur durch Bewegungen zu erkennen. Vom Samt eine Flüssigkeit laufend, untrinkbar und dennoch wohlschmeckend, schwarz und die Konsistenz von Blut aufweisend. Auf der anderen Seite der Linie in der Mitte des Tunnels schwarzer Beton, kalt, hart und undurchdringlich. In den Beton eingearbeitet eine Unzahl an Klingen und Stacheldraht, viel zu scharf, um sich an sie zu schmiegen.
Von der Decke eine klare Flüssigkeit tropfend, scharf im Geschmack, trügerische Erhellung in sich tragend, die, wenn sie verschwunden, sich in Unheil verwandelt. Kälte, die durch nichts in Wärme verwandelt werden kann, die das kurzzeitige Gefühl der Wärme der samtenen Seite aussaugt, von der Decke hängen Leuchten, ein grellschwarzes Licht verbreitend, zu dunkel, um nach vorne zu sehen, hell genug jedoch, um die eigenen Unzulänglichkeiten nicht übersehen zu können.

Der Wechsel von der einen, samtenen Seite zur stahlbewehrten Betonseite, fließend, einem Ball gleich, immer wieder von der einen zur anderen Hälfte geworfen, in der Mitte, auf dem Boden, zwischen den Seiten, ein stets nach vorne führender schwarzer Pfad. Der Weg zurück, verschlossen, die samtene Seite einen samtenen Vorhang bildend, hinter diesem an ihren Bewegungen erkennbare Menschen, die Betonseite eine bedrohliche Mauer bildend aus scharfem Stahl und eisiger Grabeskälte. Die Schritte nach vorne, erleuchtet und begleitet von schwarzem Licht, nicht auszuhalten, ein ständiger Begleiter.
Am Ende des Tunnels, in weiter Ferne und zugleich nah, ein schwaches Licht. Es ist schwarz.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17143

Der Prinz

Ein Prinz verließ das Schloss seines Vaters, um im nahegelegenen Wald Pilze zu sammeln. Es war ein sommerlich warmer Tag, also trug er dünne Kleidung, auf dem Kopf die goldene Krone, die seinen Rang symbolisierte. Er brach auf, ohne Waffen zu tragen, die letzten Wölfe waren Jahre zuvor erlegt worden, und nachdem es keine Banditen mehr gab, sein Vater hatte alle henken lassen, verzichtete er auch darauf, sich von der ihm zugeteilten Leibwache eskortieren zu lassen.
Er ging durch den Wald, den Kopf zu Boden gesenkt, um nur ja keinen Pilz zu übersehen, als er plötzlich Schritte hinter sich wahrnahm. Er wandte sich um und erblickte den für seine Grausamkeit und Unerbittlichkeit bekannten und gefürchteten Zauberer Gordon. Der Prinz wollte davonlaufen, doch der Zauberer packte ihn am Genick und hielt ihn zurück. Der Prinz weinte, schrie, flehte um Gnade, doch der Magier sagte bloß: "Wer einmal Gordons Weg kreuzt, ist verloren!" Der Prinz bot ihm Gold an, Edelsteine, die schönste Jungfrau im Lande, jedoch er hatte keinen Erfolg.

Gordon erhob sich, den armen Prinzen an der Hand, in die Luft und flog viele Meilen weit zu einem Turm, welcher einsam und verlassen auf einer Lichtung an der dunkelsten Stelle des Waldes stand. Allein, der Turm hatte keine Türen, lediglich ein Fenster knapp unterhalb der Spitze, vergittert und angsteinflößend. Gordon schwebte durch die Mauer hindurch in einen kleinen Raum. Er warf den Prinzen auf den Boden und machte ihm deutlich, dass sein Leben an diesem Ort ein Ende finden würde.
Er warf dem Königskind einen Kürbis vor die Füße und sagte, dass dieser für die nächsten drei Tage vorhalten müsse. Er würde von nun an jeden dritten Tag kommen, um der armen Seele einen Kürbis und einen Eimer Wasser, für die Körperpflege und um den Durst zu löschen, zu bringen. Er entschwebte und ließ den jungen Mann zurück. Der Prinz versuchte, zu dem vergitterten Fenster zu gelangen, jedoch war dieses unerreichbar. Er schrie und weinte, doch niemand hörte ihn.

Ein Gewitter zog auf, es stürmte und hagelte, zumindest das Dach hielt dicht, der Prinz betete, doch wurde er nicht erhört. Er aß ein Stück vom Kürbis, trank wenige Schlucke Wasser und schlief auf dem Stroh, welches den Boden bedeckte, ein. Am nächsten Morgen wachte er schreiend auf im Glauben, einen Albtraum durchlitten zu haben, jedoch war es kein Traum. Er schrie sich die Seele aus dem Leib, er schlug gegen die Wand aus Stein, versuchte sie zu zerkratzen. Schließlich brach er blutend und weinend nieder.
Der Zauberer hielt Wort und brachte ihm wortlos jeden dritten Tag Speise und Trank. Es war ein sehr frugales kulinarisches Vergnügen, doch es hielt den Prinzen am Leben. Dieser hatte die Idee, die Schalen der Kürbisse zu trocknen und aufzuschichten, um so zum Fenster zu gelangen und Hilfe herbeizurufen. Nach vielen Monaten gelang ihm dies, und er klammerte sich an die Gitterstäbe und schrie sich die Seele aus dem Leib. Allein, es hörte ihn niemand.

Eines Tages, er schlug gerade mit seinem Kopf gegen die Wand, bis diese blutrot war, dachte er an das Geräusch, welches Metall verursacht, wenn es gegen Metall geschlagen wird. Er hatte dies oft gehört, beim Fechtunterricht, den er gemeinsam mit seiner Jugendliebe erhalten hatte. Beim Gedanken an diese und an die geringe Wahrscheinlichkeit, sie jemals wieder im Arm halten zu können, brach er erneut in Tränen aus. Aber er musste stark sein.

Er stieg auf den Haufen aus getrockneten Kürbisschalen und schlug mit seiner goldenen Krone, die der Zauberer Gordon ihm gelassen hatte, gegen die Gitterstäbe. Es war ein lautes, metallisches Geräusch, und durch die Höhe, in welcher das Fenster gelegen war, war es weithin zu hören. Er schlug von nun an jeden Tag viele Stunden mit der Krone gegen das Eisen, doch er erhielt niemals Antwort. Die Bauern auf den Feldern hielten in ihrer Arbeit inne, sobald dieses Geräusch ertönte, etwas Schöneres und Lieblicheres hatten sie noch nie zuvor gehört. Es war Musik in ihren Ohren, vorgetragen von Engelschören. Sie fragten sich, woher es wohl kam, doch sie hatten Angst, sich dem Wald zu nähern. So erfreuten sie sich viele Jahre an diesen Klängen, ohne sich bewusst zu sein, wessen Schicksal sie ihnen bescherte.

Eines Tages waren die Klänge nicht mehr zu hören. Sie ertönten niemals wieder. Der Prinz hatte aufgegeben, er hatte sich in sein Schicksal ergeben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 17142

Die Angst vor dem Erfolg

Am zwölften September im Jahr der Venlafaxinunverträglichkeit kommt Robert nach einem langen Tag, den er alleine, er arbeitet in einem kleinen Büro, in welchem er vor dem Bildschirm eines Computers zu sitzen hat, denn er ist kollegenlos bei seiner Tätigkeit, die das Beantworten und das Abwickeln von Anfragen beinhaltet, präzise gesagt ist die Beantwortung respektive die Abwicklung von Anfragen der einzige Inhalt von Roberts Tätigkeit, die telefonisch, also die Anfragen, per Telefax oder via E-Mail an ihn gestellt werden, also an Robert, zugebracht hat, denn sein Kollege, Marcel Fleischbon, war ihm entzogen worden aufgrund von Sparmaßnahmen, welche die Etage der Chefs, die über allen und allem stehen, angeordnet hat, um an Mammon, also am Geld zu sparen, heim in sein Haus, welches am Rand der Stadt, in der Robert wohnt und wirkt, also werkt, präzise gesagt arbeitet, gelegen ist und welches außer ihm noch drei weiteren Menschen, also Roberts Ehefrau, sie heißt Marion und ist Cellistin in einem großen Orchester in der Stadt, in der sie beide leben, sowie seinen beiden Kindern, die er mit Marion gezeugt hat, denn Robert ist der Ansicht, dass Kinder das Beste sind, was ein Mensch der Welt schenken kann, sofern sie, die Kinder, zu guten Menschen erzogen werden, ihnen, also den Kindern, das Gute, was ihren Eltern innewohnt, vermittelt wird, Obdach gibt, ihnen also ein Dach über ihren Köpfen bietet, außerdem Wärme und Sicherheit, präzise gesagt Geborgenheit, und findet sein Abendmahl, gegrillten Fisch mit einer Beilage aus selbstgezogenem Spinat, auf dem Esstisch vor, der umringt wird von seiner Familie, also an dem Marion, Roberts Ehefrau, die er über alles liebt, sowie Anna und Ronja sitzen, die Kinder, präzise gesagt die Töchter, von Robert und Marion, die beide über alles lieben, und vice versa, noch warm, denn Robert kommt acht Minuten nach dem mit Marion vereinbarten Zeitpunkt nach Hause, und berichtet, während er den Fisch und die Beilage aus Spinat aus dem eigenen Garten hinter dem Haus zu sich nimmt, von den Vorkommnissen, die er in seiner Firma, präzise gesagt in der Firma, die ihn beschäftigt hält und ihn bezahlt, am heutigen Tag, und welche durchaus positiver, also förderlicher Natur waren und immer noch sind, denn Robert wird in der Hierarchie der Firma, die ihn beschäftigt hält und bezahlt, aufsteigen, er wird zum Leiter der Abteilung für das Design der neu zu entwickelnden Inkontinenz-Unterwäsche befördert werden, ein neuartiges Produkt, das die Firma, die ihn beschäftigt hält und ihn bezahlt, in ihren Katalog, also in ihr Angebot, das sie für ihre Kunden bereitstellt und bereithält, aufnehmen wird, denn diese Firma verdient sehr viel Geld, indem sie Gegenstände, um präzise zu sein Kleidungsstücke, herstellt, der letzte Verkaufsschlager dieser Firma waren atmungsaktive, dennoch geruchsundurchlässige und flüssigkeitsundurchlässige Schweißfußsocken, hergestellt nach einem von der, mittlerweile verstorbenen, Großtante des Besitzers der Firma entwickelten streng geheimen Verfahren, die den Schweiß der Schweißfüße der Verwender dieser Socken in olfaktorischer Hinsicht verschwinden, also, so kann man es sagen, verduften lassen, durch ihre, also die der Socken, Undurchlässigkeit bleibt der Schweiß in den Socken und durchdringt deren Gewebe nicht, was es den Menschen, die mit dem Problem des Schweißfußes ihr Leben führen müssen, erlaubt, ihre Schuhe abzustreifen, ohne befürchten zu müssen, den Mitmenschen in ihrer unmittelbaren, im Fall der schlimmsten Ausformung des Schweißfußes, des sogenannten Großen Zehenkäslers, in weitem Umkreis dieselbe unangenehme olfaktorische Erfahrung, in Verbindung mit verschämtem Halten der Nase in die dem Stinker entgegengesetzte Richtung, zu bereiten, die offen im Kühlschrank stehen gelassener Klosterkäse der Nase bereitet, in Ländern, in welchen Menschen sich mehrmals täglich ihrer Schuhe entledigen müssen, beispielsweise um den in diesen Ländern eingemahnten religiösen Verhaltensweisen, präzise gesagt um zu beten, zu entsprechen, erweist sich diese Art Socke immer noch als regelrechter Bestseller, und er, also Robert, soll die Gestaltung dieses neuartigen Produkts übernehmen, er geht davon aus, dass ihm diese Aufgabe übertragen wird, weil er ein überaus feinfühliger Mensch ist, der die heikle Aufgabe der Schöpfung dieses Kleidungsstücks, der Inkontinenz-Unterwäsche, mit der erforderlichen Sensibilität erfüllen wird, schließlich ist es essenziell wichtig bei Inkontinenz-Unterwäsche, auf die Dichtheit, sodass idealiter kein Tropfen Flüssigkeit aus ihr treten kann, darüber hinaus muss sie sich olfaktorisch gänzlich neutral verhalten, Augenmerk zu legen, und nachdem Männer in verschiedenen Ländern dieser Erde unterschiedlich lange Glieder vor sich her tragen, bei Frauen sieht die Sache weniger kompliziert aus, muss Robert unterschiedliche Modelle des neu zu entwickelnden Produkts entwerfen, um inkontinente Männer in allen Ländern dieser Erde, zumindest augenscheinlich, trocken zu halten und der Firma einen weiteren Verkaufsschlager zu bescheren und es soll sein Schaden nicht sein, hat sein Chef ihm versichert, denn wenn Robert die ihm gestellte Aufgabe mit der für diese heikle Sache, unterschiedliche Längenangaben von Gliedern von Männern aus verschiedenen Ländern zu erhalten, sein Chef ließ offen, ob Robert selbst wird Maß nehmen müssen oder ob guter Glaube ausreichen wird, Robert ist aufgrund seiner Sensibilität in der Lage zu erkennen, ob ein Mann ihn belügt, wenn die Sprache auf das Thema Gliedlänge kommt, erforderlichen Feinfühligkeit erledigt, wird Robert eine gewisse Beteiligung am Umsatz, den die Inkontinenz-Unterwäsche der Firma bescheren wird, erhalten, was Marion, Roberts Ehefrau, sehr freut, denn sie drängt seit geraumer Zeit auf den Ankauf eines Sportwagens, eines Cabriolets eines niedereuropäischen Herstellers, denn sie möchte ihre Freundinnen beeindrucken durch die Vorfahrt in einem solchen Cabriolet, noch dazu jetzt, wo Robert, ihr geliebter Ehemann, erfahren hat, dass er zur Prüfung antreten darf, dies ist die zweite Neuigkeit, die Robert seiner hocherfreuten Familie am Esstisch zur Kenntnis bringt, also dem zweiten, dem mündlichen Teil seiner, lange Jahre hinausgezögerten, Dissertation in der Studienrichtung Transzendentale Sensibilität, deren erster Teil, also der erste Teil der Prüfung, also die schriftliche Arbeit, Roberts Dissertationswerk, von einem Professor der Transzendentalen Sensibilität an Roberts Universität mit der Benotung Sehr Befriedigend versehen wurde und er, also Robert, auf dem besten Weg ist, die Doktorwürde zu erlangen, also ein Transzendentaler Sensibilist erster Kapazitätsklasse zu werden, und mit einem solchen Mann als Ehemann, findet Marion, und spricht dies auch aus, steht ihr ein Cabriolet zu, und als Robert einwilligt, freuen sich sämtliche Mitglieder der Familie, also Robert, Marion und ihre beiden gemeinsamen Töchter am Esstisch, an welchem Robert den Text seiner Dissertationsarbeit verfasst hat, doch im selben Augenblick beginnen Sorgen in Robert zu wachsen, es sind nicht Sorgen von der Art, beispielsweise finanzieller Natur, die ein Mensch empfindet, der von einem Augenblick auf den nächsten seine Arbeitsstelle verliert und nicht weiß, ob er im nächsten Monat in der Lage sein wird, anfallende Kosten zu decken, also Rechnungen zu begleichen und Nahrungsmittel zu erwerben, um selbst genug zu essen zu haben oder, in diesem Fall werden die Sorgen für gewöhnlich größer, seine Familie satt machen zu können, oder von der Natur, die ein Mensch empfindet, dem eine Diagnose zu Ohren gebracht oder vor Augen gehalten wird, die ihm bewusst macht, dass er an einer schweren Krankheit, die eine lange und risikoreiche Operation erforderlich macht, oder die überhaupt als unheilbar gilt und in kurzer Zeit, verbunden mit starken Schmerzen, unweigerlich zum Tod des erkrankten Menschen führen wird, eine Art Sorge, die sich steigert zur Angst vor dem, was passieren wird, Robert empfindet das stumpfe, das diffuse Gefühl der Unsicherheit, das des Nicht-Wissens, Nicht-greifen-Könnens der Dinge, die vor ihm liegen, die eintreten werden, geschuldet ist dies der Unsicherheit, welche die beiden positiven, seine eigene Zukunft und die seiner Familie in eine gute Richtung lenkenden Neuigkeiten des Tages in Robert keimen lassen, er ist erfreut über das Gute in den beiden Neuigkeiten, doch fühlt er im selben Augenblick, dass diese beiden Umstände, die Beförderung in der Firma, die ihn beschäftigt hält und bezahlt, sowie die Aussicht auf die baldige Erlangung der Doktorwürde, sein Leben, das Dasein, das er bis jetzt, bis zu diesem zwölften September im Jahr der Venlafaxinunverträglichkeit geführt hat, verändern, doch verbirgt Robert seine Sorgen vor seiner Familie, er möchte seine geliebte Ehefrau nicht mit seinen Sorgen belasten, ebenso-wenig die beiden geliebten gemeinsamen Töchter, mit Marion, seiner Ehefrau, pflegt er die Praxis des Miteinander-Redens nicht, er hat das, also das Reden mit Marion, trotz der Liebe, die zwischen ihm und ihr existiert, die so groß ist, dass ihr zwei Kinder entsprungen sind, nie gemacht, und er will in diesem Moment nicht damit beginnen, denn er fürchtet, von seiner Ehefrau nicht verstanden zu werden, er fürchtet sich davor, dass sie ihn nicht anhören wird und seine Sorgen, just an diesem Tag des Triumphs, dem Tag der beiden guten Neuigkeiten, als unbegründet abtun wird, und so schweigt Robert, trinkt eine Flasche Wein mit seiner Ehefrau, liebt sie dort, wo sie es am liebsten hat, auf dem Sofa im Wohnzimmer, ihre Töchter sind in ihren Betten und schlafen den unschuldigen Schlaf von Kindern, um sich nach dem Akt im Wohnzimmer gemeinsam mit Marion in das Ehebett zu legen, doch er findet, im Gegensatz zu Marion, die tief neben ihm schläft, keinen Schlaf, seine Sorgen wachsen und werden immer größer, das Nicht-Wissen, wie die neue Situation werden wird, wie sie sich anfühlen wird, wird Robert so unerträglich, dass er keine Sekunde länger im Bett an der Seite seiner geliebten Ehefrau zubringen kann, so steht er auf, gibt seiner Ehefrau einen Kuss auf die Stirn, präzise gesagt handelt es sich um den Hauch eines Kusses, er möchte sie nicht wecken, er haucht seinen beiden geliebten Töchtern zwei flüchtige Küsse zu, steigt, wie er gewandet ist, also in seinem Schlafanzug, in sein Auto und fährt, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu einem Bahnhof außerhalb der Stadt, in der er mit seiner Familie lebt, und er macht sich nicht die Mühe, die Tür seine Autos zu schließen, auch dessen Scheinwerfer lässt er an, sie erleuchten gespenstisch die Umgebung, sie erleuchten die diffus im Nebel liegenden Geleise der Bahn, und Robert stellt sich auf sie, also auf die Geleise, wartet auf das Eintreffen des, gemäß dem Fahrplan der Bahn, nächsten Güterzugs, er sieht die Scheinwerfer der Lokomotive des Zugs auf sich zurasen, sie werden immer größer und heller und Robert steht auf den Geleisen und wartet.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17141

Die Eule und der Bussard

An einem Maitag saß die Eule auf dem starken Ast eines alten Baumes, ihrem liebsten Platz, um den Tag, der sich im dichten Wald keineswegs durch große Helligkeit erkennbar machte, zu verbringen und auf die Nacht zu warten, die Zeit, zu welcher Nachtgreifvögel aktiver sind als während des Tages, wo sie, wenn nicht schlafend, so doch dösend auf einem Ast sitzen, und um einen guten Platz zu haben für das Warten auf unter dem Baum vorbeilaufende Beutetiere, auf welche sie sich stürzen würde, lautlos, ohne dass die Mahlzeit durch von dem Vogel verursachte Geräusche gewarnt werden könnte, wie Flügelschlag oder gar Lautäußerungen, denn das Gefieder von Eulen und Käuzen ist so beschaffen, dass es kein Geräusch erzeugt.

Zur selben Zeit flog der Bussard gemächlich, mit langsamen Flügelschlägen durch das Waldstück, als tagaktiver Raubvogel war er auf der Jagd nach Beute, seine orangen Augen suchten den von Fichtennadeln bedeckten Boden nach solcher ab, gleichzeitig musste der Bussard achtgeben, sich nicht zu sehr auf seine Suche nach Nahrung zu konzentrieren, zu dicht war das Stück Wald bewachsen, durch das er flog, die Gefahr, sich an einem Ast zu verletzen oder im Flug gegen einen Baum zu prallen, war groß und die Folge eines durch Unachtsamkeit hervorgerufenen Unfalls wäre gewesen, dass der Bussard ernstlich verletzt oder gar flügellahm zu Boden fiele, wo er ein gefundenes Fressen für vorbeilaufende Raubtiere sein würde.

Der Bussard erspähte eine Maus, und als er sie im schnellen Flug verfolgte, prallte er gegen den Baum, auf dem die Eule saß. Benommen vom Aufprall stürzte der Bussard zu Boden, die Eule, nun hellwach, beäugte das Schauspiel mit Interesse und schwebte schließlich zu Boden, um sich dem Bussard vorsichtig zu nähern, fürchtend, dieser könnte entweder aufgrund seiner Benommenheit oder aus simplem Frust über sein Missgeschick aggressiv reagieren und sie attackieren. Diese Furcht erwies sich als unbegründet, vielmehr starrte der Bussard die große Eule ängstlich an, wohl fürchtend, von ihr getötet und aufgefressen zu werden, doch machte sie keine diesbezüglichen Anstalten, vielmehr hockte sie neben dem schwarzen Taggreifvogel und sah ihm interessiert aus ihren großen Augen in seine orangen Augen, krächzte halblaut auf eine den Bussard beruhigende Art und Weise und als seine Benommenheit verschwunden war, erkannte der Schwarze die Schönheit und Sanftmut, die die Eule ausstrahlte. Sie flog zurück auf ihren bevorzugten Ast und er, der sich die Flügel nicht verletzt hatte, folgte ihr.

Der Bussard und die Eule bildeten von nun eine Art Gemeinschaft von Tag und Nacht. Der schwarze Vogel, dem an der Jagd gelegen war, sie bereitete ihm Freude, schlug die doppelte Anzahl an Beutetieren, solange es Tag war, und wenn die Dämmerung hereinbrach, saßen sie auf dem Ast des Baumes, der ihre Bekanntschaft eingeleitet hatte, er liebte es, ihren Rufen zu lauschen, die ab und an von männlichen Vertretern der Gattung Strigiformes beantwortet wurden, doch als diese herangeflogen kamen und des schwarzen Taggreifvogels ansichtig wurden, der neben der vermeintlich paarungswilligen Eule auf dem Ast saß, flogen sie verstört und wohl auch mit dem Gefühl, zum Narren gehalten worden zu sein, keine einzige männliche Eule ließ sich ein zweites Mal blicken, davon.

Im Fall des Bussards verhielt es sich ähnlich, jedes Mal, wenn ein Bussardweibchen dem Bussard ihre Aufwartung machen wollte, und die Eule in dessen Nähe erblickte, stieß es gellende Schreie aus und ward nicht mehr gesehen.
Die Eule, die herausgefunden hatte, dass es unmöglich war, Nachwuchs mit dem Bussard zu haben, stellte die Nahrungssuche fast zur Gänze ein, nur ab und an brachte sie eine Maus oder ein Eichhörnchen, eine Krähe oder ein Rehkitz an den Horst, und verlegte sich an Mordes statt auf das nächtliche In-den-Schlaf-Singen ihres Gefährten, der tagsüber die Nahrung beschaffte und den Horst sauber hielt. Mit der Zeit begann auch der Bussard, einen Hang zu nächtlichen Aktivitäten zu entwickeln, welcher ihn den Horst verlassen ließ, sobald die Dämmerung hereinbrach und ihn oftmals erst spätnachts zurückkehren ließ. Es ergab sich einige Male, dass er in bemitleidenswertem Zustand wiederkehrte, was die Eule anfangs hinnahm, doch mit der Zeit wurde sie seines Verhaltens überdrüssig, und um herauszufinden, was er trieb, während er weg war, was die Ursache für sein zerzaustes Gefieder und seine fallweise abgebrochenen Federn war, folgte sie ihm eines Abends heimlich, was ihr ein Leichtes war mit ihrem kein Geräusch verursachenden Gefieder und ihren an das Sehen in der Dunkelheit angepassten und gewöhnten Augen, und was sie da sehen musste, verstörte sie.

Er flog zu einem vom gemeinsamen Horst ein gutes Stück entfernten Baum, auf welchem sich eine große Anzahl Raben niedergelassen hatte, um auf diesem die Nacht zu verbringen. Er suchte sich einen ausgewachsenen Raben aus, nicht viel kleiner als ein Bussard, und lieferte sich mit diesem einen mit Klauen und Schnäbeln geführten Kampf auf Leben und Tod. Der Bussard siegte, doch ließ er seinen im Kampf getöteten Kontrahenten einfach liegen, er fraß nicht von ihm, und flog zurück in Richtung des gemeinsamen Horstes. Als die Eule die nähere Umgebung des Schlafbaumes der Raben in Augenschein nahm, entdeckte sie etliche Kadaver von Raben auf dem Boden verstreut, offenbar alles Opfer ihres Gefährten. Auf dem Weg zurück zum Horst schlug die Eule einen Fuchs, der aufgrund seiner Jugend noch unerfahren, was die Gefahren des nächtlichen Waldes anlangt, und dementsprechend unvorsichtig war, um sich den Anschein zu geben, als wäre sie gerade von der Jagd zurückgekommen. Sie fraßen den Fuchs, der Bussard glättete mit dem Schnabel sein zerzaustes Federkleid und strahlte dabei eine Art Zufriedenheit aus, die die Eule ängstigte.

Der Bussard setzte seine nächtlichen Aktivitäten fort und die Eule konnte sich diese nicht so recht erklären, bis er einmal mit einer klaffenden Wunde auf seiner Brust in den Horst zurückkehrte. Da war ihr klar, aus welchem Grund er sich beinahe allabendlich mit den Raben einließ. Er musste seines Daseins überdrüssig geworden sein.
Diesen Umstand konnte und wollte die Eule weder ignorieren noch hinnehmen. Sie dachte daran, mitten in der Nacht zu dem Baum, auf dem die Raben schliefen, zu fliegen und die Stärksten von ihnen zu töten, um ihrem Gefährten die gefährliche Beschäftigung zu verunmöglichen, doch verwarf sie diesen Plan. Einige Male rückte sie dicht an ihren Gefährten heran, wenn dieser arg mitgenommen an den Horst kam, versuchte auf diese Art und Weise Nähe zwischen ihnen beiden herzustellen, doch nachdem dies keinen Erfolg einbrachte, verwies sie ihn des Horstes.

Ein weiteres Mal war er schlimm verwundet angeflogen gekommen, schon aus der Ferne hatte die Eule erkennen können, dass es ihn arg erwischt haben musste, denn sein Flug war ungleichmäßig, er taumelte in der Luft, und als er Anstalten machte, sich im Horst niederzulassen, verhinderte sie dies, indem sie ihre Flügel spreizte, sodass er nicht hätte landen können, ohne sie dabei mit seinen Krallen zu verletzen, was er keinesfalls wollte, ihn mit ihren großen Augen, die sie überdies weit aufgerissen hatte, anstarrte und ihn anfauchte, so furchteinflößend, dass er im Flug wendete und sich auf einem Ast niederließ, der aus einem Baum neben dem wuchs, auf dem sich der ehemals gemeinsam bewohnte Horst befand. Der Bussard saß auf dem Ast, sah die Eule an, die sich beinahe demonstrativ abwandte und verbrachte die Nacht dort sitzend.

In den Nächten, die auf seine Abweisung folgten, verzichtete er darauf, mit den Raben zu kämpfen, er ließ diese intelligenten Vögel in Ruhe auf ihrem Baum schlafen. Er kam oft an den Horst, ließ stets zwei Beutetiere, meist handelte es sich bei diesen um Mäuse, die er sorgfältig ausgeweidet und deren Fell er abgezogen hatte, in den Horst fallen und nahm wieder Platz auf seinem Ast des Nachbarbaumes. Die Eule nahm die Mäuse mit ihrem Schnabel auf, schleuderte sie aus dem Horst und wandte sich um, um den Bussard nicht sehen zu müssen. Nach vielen Versuchen, sie doch noch umzustimmen, verschwand der Bussard.

Nach einer Weile begann die Eule, nach ihm zu rufen, sie suchte in den Nächten die Umgebung nach ihm ab, doch konnte sie ihn nicht finden. Sie begann, die Sache als erledigt abzutun und lernte eine männliche Eule kennen. Bald jedoch war sie sich der Tatsache bewusst, dass diese männliche Eule dem schwarzen Bussard in mehrerlei Hinsicht unterlegen war. Zum einen hatte sie den Eindruck, dass der Bussard über ein größeres Denkvermögen verfügte, zum anderen hatte dieser Euler die Angewohnheit, zwar sich selbst mit Nahrung zu versorgen, ihr jedoch nichts von dieser abzugeben, außerdem war er, was die Reinhaltung des Horstes anlangte, ein wenig aktiver Vogel. Die Eule verwies ihn auf die selbe Art des Horstes, die sie im Fall des Bussards zur Anwendung gebracht hatte, noch bevor sich hätte Nachwuchs einfinden können.

Sie begann abermals den Bussard zu vermissen und suchte erneut nach ihm. In einer tiefen Schlucht wurde sie schließlich fündig. Von ihrem Bussard war nur noch das Gefieder übrig, verstreut auf dem Grund der Schlucht, zwischen den Federn fand sie Bruchstücke zerschmetterter Knochen. Die Eule konnte die Umstände seines Todes nicht erkennen, doch sie hatte da so eine Vermutung.

Michael Timoschek

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