Ein Skandal!

Vor einigen Tagen, und das ist die Wahrheit, erfuhr ich, dass der Besitzer und ehemalige Wirt meines Stammlokals in der schönen Steiermark sein Anwesen an die Gemeinde, auf deren Hoheitsgebiet es liegt, verkaufen möchte, wird oder muss. Diese wird das altehrwürdige Gebäude abtragen, um Platz für den angeblich dringend benötigten Ausbau der nebenan gelegenen Volksschule zu schaffen.

Augenblicklich blutete mir das Herz, und selbst nach ein paar Gläsern Bier trat keine Besserung ein.
Ich habe jedoch auch Verständnis dafür, dass auf diesem heiligen Boden, auf dem schon meine und die Eltern meiner Freunde an der Bar gestanden hatten, Schulkinder unterrichtet werden. Sie haben sogar exakt an diesem Platz ausgebildet zu werden, denn wo, wenn nicht hier, können sie lernen, was man im Leben braucht und wissen muss.

Die Kinder, von welchen einige entstanden sein mögen, nachdem ihre Eltern dieses Lokal besucht hatten, werden von der einstigen Schönheit der ehemaligen Herrentoilette erfahren, die mit einer wahren Unzahl an äußerst freizügigen Darstellungen ausgekleidet war, welche vom Wirt in regelmäßigen Abständen erneuert werden mussten. Ich selbst war einmal ertappt worden, als ich ein Poster von der Wand zu lösen versuchte und wurde dafür ausgelacht. Dabei wollte ich es doch bloß meiner Frau Mama zeigen, zur Untermauerung meiner Beschwerden über die Pornografie auf diesem stillen Ort.

Die Buben werden sich der Aura dieser Weihestätte der Adoleszenz nicht entziehen können und in der letzten Reihe sitzen, während die Mädchen in der ersten Reihe Platz nehmen werden. Von einer Lehrkraft gefragt, warum das so zu sein hätte, werden sie im Chor antworten, dass die Eitelkeit in der ersten Reihe sitzt, um gesehen zu werden, die Intelligenz aber in der letzten, um zu sehen.

Sie werden fühlen, dass es besser ist, zum Wirt an die Bar zu kommen, als auf sein Erscheinen an ihrem Tisch zu warten, und auch, dass man für einen Toast, den man am Folgeabend serviert bekommt, gefälligst dankbar zu sein hat. Es gibt schließlich Menschen auf dieser Welt, welchen vom Wirt kein Toast hingestellt wird. Dieses Erlernen der vorauseilenden Dankbarkeit wird die Kids noch weit bringen in ihren Leben. Wer fühlt, dass es immer besser ist, danke zu sagen und ansonsten still zu sein, wird sich nie mit wirklichen großen Problemen herumschlagen müssen, wie zu großer Verantwortung, zu langen Arbeitszeiten oder der Anhebung des Spitzensteuersatzes.

Diese Kinder werden nach Absolvierung der Volksschule in ihrem Benehmen geschliffene und beinahe vollkommene Barbesucher sein, auch wenn sie dann noch ein paar Jahre warten sollten mit dem Vollsein.
Und ich? Ich werde dann noch immer weinen ...

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 32, November 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17157

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