Kategorie-Archiv: Günther Androsch

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Immer zurück zum Pruth

Galizien und die Bukowina: Eine Reise in eine literarische Landschaft an Dnister, Pruth und Sereth

(Der Titel ist eine Verszeile aus Rose Ausländers Gedicht Pruth)

Am 25. Februar 2022 erhielt ich einen Anruf, bei dem das Display meines Handys den Namen Renate zeigte, der mir nicht gleich geläufig war. Als ich das Gespräch entgegennahm, erkannte ich auch die Stimme nicht sofort. Ein paar Augenblicke brauchte ich, dann war mir klar, mit wem ich sprach. Renate war im Sommer 2007 in derselben Reisegruppe wie ich gewesen, die die Westukraine, das frühere österreichische Kronland Galizien und die Bukowina, besuchte. Wir hatten nach der Reise regelmäßig Kontakt gehabt, uns dann aber aus den Augen verloren. Der Anlass ihres Anrufs sei ein trauriger, sagte sie, gestern habe die Invasion der Ukraine durch russische Truppen begonnen, da sei unser Besuch Galiziens wieder lebendig geworden, verbunden mit der Hoffnung, dass wenigstens der Westen der Ukraine vom Krieg verschont bleibe und der Krieg überhaupt ein absehbares Ende fände, wenn diese Hoffnung auch eine sehr schwache sei. Die Ereignisse, so Renate, hätten sie betroffen gemacht und sie nach Jahren des Schweigens zwischen uns zum Telefon greifen lassen.

Die Nachrichten vom Krieg hatten mich genauso ergriffen, vielleicht hatte mich anfangs die Illusion, der Krieg betreffe vor allem Osteuropa, getäuscht, aber Renates Anruf hatte die globale Gegenwart dieses Konflikts deutlich werden lassen und dass er jederzeit auf das Gebiet der EU und der NATO übergreifen könnte. Und selbst wenn „wir“ von direkten Kampfhandlungen verschont bleiben sollten, Millionen Flüchtlinge würden Europa mit den Folgen des Konflikts konfrontieren. Nicht nur die damalige Reise, vor allem die nach wie vor lebende kulturelle und literarische Verbindung mit dem ehemaligen Galizien und der Bukowina verstärkten unsere Betroffenheit, machten sie gegenüber den abstrakt wirkenden stündlichen Nachrichten in Radio und Fernsehen und den überquellenden kontroversiellen Äußerungen in den sozialen Medien konkret. Komm nach Wien, sagte Renate, die Geschehnisse verstören und deprimieren uns zwar, aber im Café Sperl finden wir sicher Zeit, auch über Erfreuliches zu reden. Und Reminiszenzen an die gemeinsame Reise dürfen wir uns erlauben, sagte sie, gerade dem Krieg zum Trotz. Das sehe ich auch so, sagte ich. Ich komme.

Anfang der 2000er Jahre las ich in der Wochenendausgabe einer Zeitung einen Essay über Karl Emil Franzos, den aus Galizien stammenden Schriftsteller und Journalisten. Er, 1848 geboren, ging wie viele seiner jüdischen Glaubensgenossen aus dem Schtetl des Ostens nach Wien, später nach Graz, schloss dort ein Studium der Rechte ab, sah sich aber eher als Schriftsteller denn als Jurist. Er war Redakteur bei der Neuen Freien Presse, gab Büchners Werke heraus, um sich schließlich mit seiner Frau in Berlin als Schriftsteller niederzulassen. Von dort setzte er sich für Juden in Russland ein, deren Lage im Zarenreich immer unsicherer wurde. Er war herzkrank und starb mit 56 Jahren in Berlin. Auf dem wunderschönen jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee hat man ihm ein Ehrengrab gewidmet. Die im Essay beschriebene geographisch nahe Landschaft, die historisch doch ferne Zeit, von der ein faszinierender Mythos ausgeht, der Sog, den Wien und das fernere Berlin auf Teile der jüdischen Bevölkerung ausübten, zogen mich in ihren Bann. Der Essay schilderte eindringlich und dicht die damalige Verbundenheit des östlichsten Kronlands der Habsburgermonarchie mit der deutschen und österreichischen Kultur und die Anziehungskraft der Hauptstadt Wien, in der viele der vor allem jüdischen Zuwanderer den sozialen Aufstieg erhofften.

Ich hatte vorher nichts von Franzos gewusst, vielleicht hatte ich einmal flüchtig über ihn gelesen, es aber vergessen. Ich spürte eine anwachsende, unruhige Neugier, die unbedingt gestillt werden wollte, und suchte nach Informationen und Büchern von Schriftstellern aus dieser literarischen Landschaft. Obwohl es die Sowjetunion seit einigen Jahren nicht mehr gab, stellte Galizien, das Teil der Ukrainischen SSR gewesen war und nun in der unabhängig gewordenen Ukraine lag, für mich immer noch ein exotisches, nicht nur durch die Sprache getrenntes Land dar, schwer erreichbar, mit einem Substrat versehen, das zur österreichischen Identität wesentlich beigetragen hatte. Die Vorstellung der Exotik wurzelte in der Unerreichbarkeit hinter dem Eisernen Vorhang während des Kalten Krieges, aber in den 1990er Jahren traf sie bald nicht mehr zu. Die imaginäre Reise mit dem Zug, auf die sich Martin Pollack Mitte der 1980er Jahre in seinem Buch Nach Galizien begeben hatte, konnte man nun völlig real antreten. Denn Lemberg, die Hauptstadt des früheren Kronlandes Galizien, nur etwa 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist, was uns angesichts des Krieges im Jahr 2022 deutlich wird und Angst macht, Wien beinahe näher als Bregenz, vielleicht nicht nur geographisch, auch, was die Mentalität der Menschen betrifft.

Nach der Öffnung der ehemaligen Sowjetrepubliken entstand fast eine Reiselust, gepaart mit altösterreichischer Nostalgie. Sie erfasste in literarischer Hinsicht einige Jahre darauf auch mich. Ich hatte natürlich, bevor ich über und von Karl Emil Franzos las, fast alles von Joseph Roth gelesen, ich kannte Gedichte von Rose Ausländer und Paul Celan, und Galizien, allein schon der Wohlklang des Namens, hatte für mich eine geistige Aura, einen literarischen Nimbus als ein Quell der genuin österreichischen Literatur, die einen wesentlichen Beitrag zu unserer Identität darstellt. Joseph Roth ist der herausragende Name aus dieser Vielzahl an Persönlichkeiten, und die Auseinandersetzung mit ihnen würde den Umfang dieses Textes sprengen. Vergessen darf nicht werden, dass Roths Frau Friedl, als tragische Komponente von Roths gebrochen verlaufendem Leben, in Hartheim zu Tode kam, um es euphemistisch auszudrücken.

Die deutsche Sprache, das Jiddische, der Sog nach Westen brachten eine ganze Reihe Schriftsteller aus dieser Landschaft hervor, ebenso Schriftstellerinnen. Ich besuchte eines der selten gewordenen reichhaltigen Antiquariate, die es in Linz noch gibt, mit dessen Inhaber ich befreundet war, und fragte ihn, ob er Ausgaben von Karl Emil Franzos hatte. „Selbstverständlich“, sagte er und führte mich zu einem Regal, in dem nicht nur Werke Franzos’ standen, sondern zahlreiche literarische Namen Galiziens zu lesen waren. Ich konnte mich davon nicht mehr trennen und blieb eine lange Zeit in dem Antiquariat, las bekannte Namen, lernte für mich neue kennen. Plötzlich sah ich mich in Galizien, fühlte mich dort heimisch und den Literatinnen und Literaten nahe, ich spürte ihre Nähe, sie lebten trotz ihrer verblichenen Physis, und ich gehörte, da gab es keinen Zweifel, als ferner Verwandter zu deren Familie, wenigstens als Gast. Zwischendurch gab es Kaffee und ein paar Worte mit dem Antiquar.

Zuhause stieß ich einige Jahre später – ich glaube, in derselben Zeitung, in der ich über Franzos gelesen hatte – auf die Ankündigung einer Reise durch das ehemalige Galizien für den Sommer 2007. Ich bin mir sicher, mein Herz schlug schneller. Eine Art Fieber, dem Land nahezukommen, erfasste mich. So entschlussfreudig war ich gewiss noch nie gewesen. Ich meldete mich im Internet für die Reise an, zur Sicherheit griff ich zum Telefon, damit meine Anmeldung ja nicht im Cyberspace verschwand. „Wir müssen noch abwarten, ob für den gewählten Termin die erforderliche Mindestzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern zustande kommt“, sagte die Bearbeiterin. „Ich nehme auch jeden anderen“, sagte ich. „Warten wir ab“, sagte die Dame, „ich melde mich ein paar Tage nach dem Anmeldeschluss.“ Eine Zeit unruhiger Erwartung stand vor mir. Aber nach einigen Wochen rief mich das Reisebüro an und bestätigte, dass die Reise zum von mir gewählten Termin zustande komme. Ich war erleichtert und gespannt.

Der Bus fuhr bald in der Früh von der damaligen Zentrale des Österreichischen Verkehrsbüros ab, die gegenüber der Secession lag und heute das Kleine Haus der Kunst beherbergt. Reiseleiter war ein schon lange in Wien lebender, an der hiesigen Universität lehrender deutscher Historiker, der sich während der Fahrt durch Wien vorstellte. Er habe sich, sagte er, nicht nur in eine österreichische Frau, mit der er mittlerweile lange verheiratet sei, verliebt, ebenso in die österreichische Literatur und Lebensart. Dieses Geständnis milderte unsere Zweifel, ob ein deutscher Reiseleiter durch einen Teil Altösterreichs der geeignete sei. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer stellte sich vor und skizzierte die Motivation für die Reise. Die Gruppe setzte sich aus historisch und literarisch Interessierten, Lehrerinnen und Lehrern, Pensionistinnen und Pensionisten zusammen. Die vor allem während der Monarchie in kultureller Hinsicht prosperierende Landschaft, die mit Österreich und der deutschen Sprache verwobene Geschichte, auch familiäre Wurzeln, was bei Renate zutraf, stellten die Gründe dar. Monarchisten oder Habsburg-Nostalgiker schien es nach meinen ersten Eindrücken nicht zu geben, zumindest betonte es niemand.

Durch Mähren erreichten wir die tschechisch-polnische Grenze bei Teschen, der Doppelstadt Cesky Tesin/Cieszyn, und betraten das polnische Westgalizien. Der Reiseleiter wusste eine Menge zu erläutern, es war anstrengend, ermüdend, ein paar Minuten Einhalt ließen mich aufatmen. In Krakau stieg er mit uns auf den Wawel, wo wir die Stadt wunderbar überblickten. Auf dem Hauptmarkt machte er uns auf die Tuchhallen aufmerksam. Kazimierz, das jüdische Viertel, hatte sich zu einer Touristenattraktion gewandelt, der Holocaust hatte das Viertel entvölkert, und der polnische Antisemitismus hatte sich nicht nur als stiller Beobachter beteiligt. Heute schleust man Reisegruppen durch den Stadtteil, nichtjüdische Musiker spielen Klezmer, nichtjüdische Köche bereiten koschere Mahlzeiten zu, und die Besucher sind von der gespielten Authentizität angetan.

Wir näherten uns der Ukraine, und als wir bei Przemysl die polnisch-ukrainische Grenze überschritten, betonte der Reiseleiter die Stellung der Stadt als Festung, die in mehreren Kriegen eine wichtige militärische Rolle gespielt hatte. Heute, im März 2022, flüchten wegen des Krieges in der Ukraine täglich zahlreiche Menschen über diesen Grenzbahnhof nach Polen, der an der Bahnlinie Krakau-Lemberg liegt. Die ukrainischen Grenzbeamten erledigten mit dem Reiseleiter die Formalitäten, sie betraten den Bus, nicht, um uns zu kontrollieren, sie begrüßten uns auf Deutsch und wünschten uns einen angenehmen Aufenthalt.

Wir betraten Ostgalizien, das ehemalige Kronland Galizien, das ich nur aus Beschreibungen und über die Biographien seiner Autorinnen und Autoren kannte. Die Landschaft, durch die wir in den nächsten Tagen reisen sollten, war ein nur kleines Gebiet der Ukraine, des zweitgrößten Landes Europas, das größte, wenn man es politisch sieht. Meine Neugier ließ mich den Hals recken, aus dem Fenster schauen, um jedes Haus, jeden Bach, jedes Merkmal, auf das der Reiseleiter aufmerksam machte, zu beachten und die Stimmung zunächst des Grenzlandes, dann des Landesinneren zu spüren, wenigstens zu erahnen. Atmete es noch einen Rest des alten Österreich, oder lebte dieses nur in Mythen und in den Werken seiner Dichterinnen und Dichter, in den Biographien seiner Intellektuellen weiter? Wir näherten uns den Orten, in denen jene Personen zur Welt kamen oder diese wesentlich formten, die wir für unsere Kultur, unsere Literatur beanspruchen. Ich war voller Erwartung, je näher Lemberg kam, Lviv heißt es auf Ukrainisch, Lwow auf Russisch. Es hatte – wie überhaupt Galizien – eine bewegte Geschichte mit wechselnder Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn, Polen, Russland, dann der UdSSR und Rumänien.

Unsere Köpfe wandten sich nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten, nichts wollten wir versäumen, alles im Auge haben. Wir folgten gebannt der Route des Busses und den Ausführungen des Reiseleiters, wir sahen typische Architektur der Habsburgermonarchie, die von den Zerstörungen der Kriege verschont geblieben war. Wir hatten gewissermaßen eine vertraute Stadt erreicht. Ganz in der Nähe liegt Grodek, das durch Trakls Gedicht in die Literaturgeschichte einging. Trakl lässt durch seine Sprache die Verzweiflung, die Zerstörung und die Brutalität des Krieges fühlen. Er war Sanitäter und in der Schlacht von Grodek im September 1914 mit den Verwundeten und Toten konfrontiert. Die furchtbare Realität des Krieges verkraftete er nicht und starb nach einer Überdosis Kokain. Ob er sie absichtlich genommen hatte oder es sich um ein Unglück handelte, ist nicht geklärt, aber der vermutete Selbstmord befördert den Mythos um Trakls Persönlichkeit. 1925 wurden seine sterblichen Überreste auf den Mühlauer Friedhof bei Innsbruck überführt.

An diesem herrlichen Sommertag hatte Lemberg eine mediterrane Aura, auf den Terrassen saßen die Menschen in der Sonne, ich dachte an eine Verwandtschaft mit Triest. Auch Klein-Wien traf die Ausstrahlung der Stadt. Die Leute promenierten auf den Boulevards, fast alle trugen Sonnenbrillen, nicht nur die Frauen waren elegant gekleidet. Wir stiegen im Hotel George ab, das 1901 nach Plänen des Wiener Architekturbüros Fellner & Helmer im Stil der Neorenaissance errichtet worden war und dessen riesige Halle den Eindruck weckte, wir hätten ein sakrales Gebäude betreten.
Mein Zimmer, eigentlich eine Suite, schien mir größer als meine Wohnung zu sein, jedenfalls riefen die Dimensionen, die hohen Räume, das erhöhte, barock wirkende Bett diesen Eindruck hervor. Die Möbel waren aus dunklem Holz, schwer und von imperialer Eleganz, sodass ich irgendwie die Gegenwart einer fiktiven Obrigkeit spürte, die aus kaiserlichen Zeiten zu kommen und mich als kleinen Untertanen zu betrachten schien.

Draußen in den Cafés saßen junge Leute, lachten, hatten Spaß. Wir nahmen in einem gegenüber der Oper, einer kleineren Ausgabe der Wiener Staatsoper, Platz. Die Stadt atmete Lebensfreude, jedenfalls im Zentrum. Solches im März 2022 angesichts des Krieges, der Lemberg näher rückt, zu schreiben, schmerzt nicht nur, es stellt sich die Frage, ob die Betonung der Fröhlichkeit, die damals an diesen Sommertagen dominierte, der heutigen Situation nicht unwürdig ist. Die Äußerung Adornos, die er später anders formulierte, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ gründet auf noch verheerenderen Vorgängen, dennoch kommt sie mir in den Sinn. Andererseits wird die Beschreibung der Lebensfreude, ja der Lebenslust, der Stadt gerecht, die, wie die westliche Ukraine überhaupt, in Sachen kultureller Orientierung, politischer Demokratie, sozialer Ausrichtung zur westlichen Lebensweise, zur Europäischen Union tendiert.
Als wir gegenüber der Oper saßen, das Hotel George, die Parkanlagen und zahlreiche repräsentative Gebäude im Blick, bedurfte es keines Alkoholgenusses, um der Gemütlichkeit zu frönen und sich zu fragen, ob wir Österreich überhaupt verlassen hätten. Dennoch stießen Renate und ich mit einem Glas Rotwein an. Nur die Sprache der Menschen um uns bestätigte, dass wir in einem fremden Land waren. Keine Spur von der Angst, die 15 Jahre später vor dem Heranrücken der russischen Armee um sich greifen sollte, keine Spur von einem von Flüchtlingen überfüllten Bahnhof. Gegensätzlicher zu damals, zum Sommer 2007, könnten die heutigen Bilder nicht sein.

Etwas abseits vom belebten Stadtzentrum liegt die armenische Kathedrale, in die uns der Reiseleiter gewissermaßen als Antagonismus zum pulsierenden Leben führte. Wir kamen vom hellen Sommerlicht in Dunkelheit, die zahlreiche Kerzen kaum brachen, eine mystische Düsternis empfing uns. Wandmalereien von Jan Henryk Rosen aus den 1920er Jahren beeindruckten mich. Und von einer CD erklang der Gesang Lusine Zakaryans, wunderschön, aber unendlich traurig, sodass ich zwar in dessen Bann geriet, aber bald nach draußen in den Sommertag fliehen musste, zurück ins Licht, ins Leben. Ich hielt diese Melancholie nicht länger aus. Später betrat ich die Kathedrale nochmals und kaufte mir eine der aufliegenden CDs mit Zakaryans sakralen Liedern, sollte ich einmal in der Stimmung danach sein und diese jenseitsnahen Melodien ertragen können.

„Jede Freundschaft mit mir ist verderblich“: So schreibt Joseph Roth an Stefan Zweig, der ihn mehrmals finanziell unterstützte, Roths Niedergang, an dem sein Alkoholismus den größten Anteil hatte, aber nur verzögern konnte. Beider Leben war von den Wirren des Zweiten Weltkriegs, vom Antisemitismus und der Emigration geprägt. Wir erreichten die kleine Stadt Brody, in der Roth 1894 geboren wurde. Die Stadt hätte ohne ihren literarischen Sohn kaum die heutige Bekanntheit. Roth stammte aus einer jüdischen Familie, Brody hatte zur Zeit seiner Geburt einen jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 72 Prozent.
Die Synagoge war 2007 eine Ruine, sie ist es laut Internet immer noch. Niemand kümmert sich darum, leben in der Stadt doch kaum noch Juden. Wir hielten vor dem Gymnasium, in dem Roth maturiert hatte. Ein Mann zeigte uns das Klassenzimmer, in dem er angeblich Schüler war. Für Interessierte hatte man es wie zu Roths Zeiten eingerichtet, selbst die Unterrichtsgegenstände wie Tafelzirkel, Geodreieck und Ähnliches stellte man zur Schau, um der Roth-Verehrung gerecht zu werden. In einem Wandregal standen seine Werke in ukrainischer Sprache, einige auf Deutsch. Roth hätte diese Aufmerksamkeit zeit seines Lebens gebraucht, über achtzig Jahre nach seinem Tod 1939 dient sie wirklich nur der Nostalgie.

Einige Kilometer außerhalb von Brody liegt der riesige jüdische Friedhof. Wir fuhren hin. Die Grabsteine – es sind tausende – waren im Lauf der Jahrzehnte, bald Jahrhunderte in die Erde gesunken, standen kreuz und quer, waren zum Teil umgefallen. Dazwischen stand das Gras mannshoch. Niemand mähte es, man überließ den Friedhof der Natur. 1939 gab es die letzten Bestattungen. Die Gräber dürfen nach jüdischem Ritus nicht aufgelassen werden, also verfallen sie bis auf wenige Ausnahmen. Joseph Roth ist nicht hier begraben, er starb in Paris, sein Grab ist auf dem Friedhof von Thiais bei Paris.
Der Reiseleiter erläuterte, dass der Friedhof bei Brody eine einsame Stätte sei, es gebe kaum Besucher. Wenn jemand kommt, dann sind es amerikanische Juden, die nach ihren Vorfahren suchen, die aus Galizien schließlich in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. An den Grabinschriften erkannte man bloß Bruchstücke von hebräischen, manchmal deutschsprachigen Namen und einzelne Buchstaben. So gab es eine Identifizierung eines Grabes nur, wenn eine jüdische Organisation die Koordinaten kannte. Vor Ort fanden die Nachkommen nur geborstene Grabsteine, die hilflos im Gras lagen, daneben den einen oder anderen Kerzenhalter, eine Vase ohne Blumen.
Am Westrand des Friedhofs befindet sich ein dreisprachiger Gedenkstein, der an die während der Aktion Reinhardt im angrenzenden Wald erschossenen Juden erinnert. Die heutige nichtjüdische Bevölkerung nahe dem Friedhof hatte, darauf wies uns der Reiseleiter hin, einen pragmatischen Zugang zum Ort: Größere Flächen am Rand nutzte sie als Garten und als Anbaufläche für Gemüse, Obst und Blumen, und niemand stieß sich daran.

Es gab noch eine Steigerung, was literarische Persönlichkeiten Galiziens betraf: Czernowitz, ukrainisch Czernivci, Hauptort der Bukowina, des Buchenlandes. Kleiner als Lemberg, doch diesem um nichts nachstehend, was die literarische Aura betraf, im Gegenteil. Mir fiel auch Joseph Schmidt ein, der Tenor, der vorwiegend Operettenmelodien und Schlager gesungen hatte, weil er für die Bühne zu klein war. Als ich noch ein Knirps war, hörte ich bei meiner Großmutter seine Stimme, etwa im Lied „Dein ist mein ganzes Herz“. Meine Großmutter hatte zwei Singles mit Schmidts Liedern. Viel später stellten sie für mich den reinsten Kitsch dar, da zählten der Rock und Woodstock, aber mit Renate habe ich Großmutters Singles wieder aufgelegt und Schmidts schöne Stimme gehört. Joseph Schmidt kam in der Nähe von Czernowitz, im Schtetl Dawideny, 1904 zur Welt. 1942 starb er in der Schweiz in einem Internierungslager nach der Flucht aus Deutschland, weil die medizinische Versorgung mangelhaft war.

Die galizischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind, obwohl sie längst nicht mehr leben, im literarischen Sinn lebendig, vielleicht ideell unsterblich. Es gibt, sofern sie von Krieg und Zerstörung verschont geblieben sind, deren Geburts- und Wohnhäuser, und deren Ansicht stärkt das Gefühl einer Verbundenheit. Dieses Gefühl wuchs in Czernowitz beträchtlich, als wir vor dem Geburtshaus Paul Celans standen und der Reiseleiter über ihn sprach, dessen Lyrik, ausgehend vom jüdischen Czernowitz, die moderne deutschsprachige Lyrik wesentlich beeinflusste, und das über die Todesfuge weit hinaus. Der Österreichbezug Celans ist auch in seiner fragilen Beziehung mit Ingeborg Bachmann begründet, von der der Briefwechsel zeugt. Paul Celan – Celan ist ein Anagramm von Ancel, seinem rumänisierten Geburtsnamen Antschel – steht in der Lyrik für die Moderne, für den Terror des Nationalsozialismus und die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs.

Doch gibt es andere Namen, die keinesfalls in Celans Schatten stehen: Rose Ausländer und Gregor von Rezzori etwa oder Selma Meerbaum-Eisinger. Auch der Biochemiker Erwin Chargaff stammt aus Czernowitz, er kam dort 1905 zur Welt. Sie alle zog es nach Westen, nach Wien, nach Berlin, in die Vereinigten Staaten. Nach dem Ersten Weltkrieg minderte sich die Dominanz der deutschen Kultur, der Zweite hatte die Vernichtung der Juden und den Ostblock zur Folge und die Dominanz des Russischen. Die Sowjetunion hatte kein Interesse an einer Pflege der Habsburgernostalgie, geschweige an einem Kulturtourismus, der, so die Befürchtung, Hand in Hand mit der Einsickerung revisionistischer Ideen hätte gehen können. Aber Anfang der 1990er Jahre, nachdem die Ukraine ein selbständiger Staat geworden war, konnte man der Habsburgernostalgie frönen, andererseits einem literarischen und kulturellen Interesse, dem viele Reisebüros nachkamen und es, wenn der Krieg hoffentlich beendet ist, wieder tun werden.

Czernowitz liegt ein paar Kilometer nördlich der rumänischen Grenze, es gehörte mehrmals zu Rumänien, es gab immer Beziehungen dorthin. Deshalb studierte Celan unter anderem auch in Bukarest. Und heute während des Krieges? Menschen aus dem Osten der Ukraine wählen auch den Weg über Czernowitz nach Rumänien in der Hoffnung, dass ihr Aufenthalt im Nachbarland nur ein vorübergehender sei und sie in ihre ukrainischen Städte und Dörfer zurückkehren können.

Die Rückfahrt führte uns in die Karpaten, wir hielten auf einem Bergplateau, wo uns ein folkloristischer Markt erwartete. Obwohl es selbst in den Bergen warm war, deckten sich einige Leute der Reisegruppe vorausschauend mit Winterkleidung ein, die die Händler anboten. Im slowakischen Kosice, auf Deutsch Kaschau, habe ich eine übermannshohe Mauer in Erinnerung, zu der uns der Reiseleiter eigens führte, die die dahinter lebenden Sinti und Roma von der restlichen Bevölkerung der Stadt trennte.
Als erste Reaktion war ich erbost, wenigstens verwundert über diese Ghettoisierung einer ethnischen Gruppe. Der Reiseleiter erläuterte, dass man den Stadtteil zunächst ohne Mauer für die Sinti und Roma errichtet hatte, Häuser, Spielplätze, Grünanlagen. Nach und nach fielen mutwillige Zerstörungen auf, Rohre, Leitungen, Kabel wurden aus Verankerungen und Verschraubungen gerissen und mit dem Müll, obwohl für diesen Tonnen bereitstanden, aus den Fenstern und in angrenzende Wohnviertel geworfen. So relativierte sich meine Empörung, und der Vorwurf der Apartheid oder der rassistischen Segregation kämpfte mit dem Verständnis für die Maßnahmen gegen mutwillige Zerstörung. Aber es blieb ein mulmiges Gefühl, glaubt man doch die Ghettobildung mitten in Europa angesichts der jüngeren Geschichte überwunden.

Die Reise hatte mich erschöpft, die Fülle an Eindrücken und Emotionen beinahe überfordert. Um diesen gewachsen zu sein, war Abstand geboten und ein Setzenlassen. Renate und ich vereinbarten ein Treffen in einigen Wochen, gefolgt von regelmäßigen Kontakten, um die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Irgendwann war es dann doch so weit, wir verloren uns aus den Augen. Der Krieg, den Russland am 24. Februar 2022 begann, ließ als grausamer Katalysator unseren Kontakt wiederaufleben.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22049

 

Das Museum der Brentanos: Abfahrt

Um sieben läutete der Wecker. Ich zog immer noch meinen alten analogen Wecker, den ich manuell einstellen musste, meinem Handy vor, obwohl er einen unerträglichen Ton von sich gab, der rasendes Herzklopfen verursachte. Die Körperreinigung erledigte ich auf sparsame Weise, notgedrungen. Solange es noch kühl war, wollte ich zum Hilton Molino Stucky Ve­nice gehen. Ich ging nicht ent­lang der Fondamenta, sondern südlich davon, an der Rückseite des Fortuny-Gebäudes. An der östlichen Außenwand des Hilton näherte ich mich dem Haupteingang, vor dem die Boote an der Vaporetto-Station anlegten und die Gäste auf die Abfahrt warteten und die neuen anleg­ten. Dann wandte ich mich dem Campo Junghans zu, der wegen der früher dort angesie­delten Fabrik Arturo Junghans so heißt. Es handelte sich tatsächlich um die berühmte Uhren­fabrik.

In der Bar nahm ich wie gestern einen Espresso und zwei Brioche, setzte mich nach draußen, ver­folgte das morgendliche Geschehen. Die engen Gässchen, in denen am Morgen die Müllsäcke abgeholt wurden – die Müllentsorgung schien auf Giudecca zu funktionieren, ganz anders hingegen in Rom, wo die Müllberge wuchsen –, ein Winkelwerk, brachten mich zur Vaporetto-Station Pa­lanca, es ging hin­über nach Zattere. Eine Tafel machte auf den russischen Lyriker Joseph Brodsky aufmerksam, der in der Villa hinter der Mauer gelebt hatte. Achtzehn Jahre hatte er in Venedig verbracht. Wer blieb vor dieser Tafel stehen? Wem fiel sie auf? Brodsky starb zwar in New York, den­noch liegt sein Grab auf der Friedhofsinsel San Michele. Mir fiel ein, dass Franz Kafka in Venedig an Felice Bauer schrieb. Wo stand das Haus, in dem er abgestie­gen war?

Bevor ich das Kunstmuseum Punta della Dogana besuchte, besichtigte ich die sich wie ein übergewichtiger Körper präsentie­rende Kathedrale Santa Maria della Salute, deren Inneres mich nicht sonderlich be­eindruckte. Alles war übertrieben groß und nach meinem Geschmack überladen, ein Ausdruck barocker Gottesfurcht. Im Kunstmu­seum, einer Dependance des Pa­lazzo Grassi, stellte man unter dem Titel Accrochage Objekte, Plastiken, Collagen aus, da­run-ter Objekte des österrei­chischen Künstlers Franz West. Ich durchschritt die großen Hallen, die das Gefühl der Verlo­renheit und Unbedeutendheit ange­sichts der teilweise riesengroßen Aus-stellungsobjekte her­vorrufen soll­ten, und empfand ein distanziertes Interesse an den Kunst-werken, nicht wirklich Begeiste­rung, geschweige Ergrif­fenheit oder gar Identifikation. Die Objekte schienen mir abstrakte, ohne Beteiligung von Emotionen entworfene Gebilde zu sein, Konstrukte, bei deren Entste­hen CAD oder Maschi­nen oder Roboter im Spiel hätten sein können.

Ist der Mensch bereits abgelöst worden als alleiniger Schöpfer, als Hervorbringer künstlerischer, auch intellektueller Leistungen? Selbst­verständlich, lange schon. Man denke nur an Schachcom­puter. Die Besucher gingen still durch die Aus­stellung, hin und wieder hörte man ein Räus­pern, die geflüsterte Unterhaltung von Paaren zur gegenseitigen Erklärung des Gese­henen, die Schritte der Aufseher und der Besucher. Obwohl nicht religiös bedingt, ähnelte die Atmo­sphäre in der Tat jener in der nahen Santa Maria della Salute, abgesehen von der dorti­gen Dunkelheit und der geringeren Zahl an Besuchern hier. Stille, Schweigen, stumme Fra­gen. Informativ war der Besuch der Ausstel­lung allemal. Es zog mich – die Aus­stellung hatte mich überfordert, vor allem hinsichtlich meiner Haltung zu gegenwärtigen künstlerischen Strö­mungen – nach Giudecca zurück.

Mein Bru­der würde mich wohl einen hoff­nungslos Konservativen nennen, wenn nicht einen Banausen, einen, der in seiner Kunstbe­trachtung hilflos auf seinem Stand von vor dreißig, vierzig, ja fünfzig Jahren verharrt. Die Impressionisten, Gauguin und die klassische Moderne, das war’s, dann bist du stehen geblieben, würde er sagen. Ich stieg ins nächste Vapo­retto  nach Palanca, und da es erst später Vormittag war, fand ich sogar Platz in einem der Restaurants an den Fondamenta, aß eine Portion Spaghetti Carbonara und schämte mich nicht mehr. Ein Mittags­schläfchen im alten Bett der Brentanos mit dem hohen Kopfteil aus dunk­lem Holz, mit dem ebensolchen Fußteil, im kühlen, verdunkelten Zimmer. Vorher gegen Insekten eincremen. Einige Gedichte Rilkes schob ich ein, bevor ich nachmittags wieder losziehen wollte.

Ein Steg verbindet Giudecca südwestlich des Hilton mit der kleinen Insel Sacca Fisola. Man hatte dort uniforme Sozialwohnungen gebaut. Wohnblöcke in eher dunklen Farben, moos­grün, die zum Teil aussahen, als wären sie vom Schimmel oder von Flechten, von Algen und von Feuch­tigkeit be­fallen. Ich sah kaum Menschen. Alleine ging ich zwischen den monotonen Quadern, und ich fühlte mich unwohl dabei, genierte mich, die vom lebendigen Giudecca getrennte Ghetto­siedlung neugierig, mit dem Fotoapparat in der Hand, den ich fleißig be­nützte, zu durchwan­dern. Ich kam mir vor wie in einem postkommunistischen Land, inmitten einer rasch heraus­gestampften Siedlung aus Plattenbauten, die man wie Neuland, wie ein exotisches Territorium besichtigte, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war. Die Häuser hier ähnelten jenen in ihrem großenteils  vernachlässigten Zustand sehr.

Nur selten begegnete ich einem Bewohner, der eine oder die andere Jugendliche streunte aus Langeweile herum, eine Ziga­rette in der einen, eine Dose Bier oder einen Energydrink in der anderen Hand, das Handy in der Gesäßtasche. Von der Vapo­retto-Anle­gestelle kam manchmal eine Person und strebte ihrer Wohnung zu. Ein Einkaufs­zentrum fiel mir nicht auf, dafür ein, zwei kleinere Geschäfte, eine Trafik. Vom Canale della Giudecca drangen Signale der Schiffe in allen möglichen Tonlagen und Laut­stärken her, laut, wie es mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Möglicherweise trug der Wind zu einer akustischen Verstärkung bei. Die Siedlung deprimierte mich. So interessant sie in sozialer Hinsicht war, als deutlicher Gegenentwurf zum historischen, klerikalen, imperialen Venedig, stellte sie einen realisti­schen Ausschnitt eines Areals dar, das der offenbar ärmeren Bevölke­rung zuge­dacht war. Sie war gewissermaßen ein Kontrapunkt zur prunkvollen Welt der Kunst, der Kir­chen, zu histori­schen Orten, Museen, Palästen, überfüllten Lokalen, Restaurants und staunen­den, oft wohlha­benden Besuchermassen.

Zurück auf den Fondamenta hoffte ich, dass eine Pizza, dass ein Glas Rotwein meine Melancholie vertreiben und nicht ver­stärken würden. Einen Ver­such war es wert. Vor Il Redentore fand ich einen angenehmen Platz, etwas zurück­gesetzt von den Fondamenta. Es gab dort gerade keine Pizzas, weil der Ofen de­fekt war. Ich nahm Frutti di Mare, köstlich. Keine Spaghetti diesmal, obwohl ich das Stadium des Schämens überwunden hatte. Es dauerte etwas, dann fühlte ich mich wohler, und der rote Wein schmeckte fruchtig und warm. Ich spürte die wunderbar befreiende Wirkung des Alko­hols und Zuversicht in mir aufsteigen. Im Wes­ten, wie ein Fanal, zogen dunkle Wolken auf. Zunächst beachteten wir alle sie kaum, aber dann ging es schnell: Eine schwarze Wol­ken­wand baute sich in rasendem Tempo auf, der Wind wurde innerhalb von Augenblicken stär­ker, schwoll ebenso rasch zum Sturm an, erste Regentropfen wandelten sich in Sekunden zum Regen­guss, zum Wolkenbruch.

Wir, die Gäste, das Personal und Leute von der Straße, stürzten ins Res­taurant. Ich bezahlte, wartete lange Minuten, dann fasste ich mir ein Herz und rannte unter Blitz und Donner zum Museum der Brentanos. Nach mehreren zitternden Versuchen konnte ich endlich die Haustür aufsper­ren. Ich war völlig durchnässt. In der Wohnung brach mir der Schweiß aus, mein Herz schlug heftig, ich atmete stoßweise. Nachdem ich mich beruhigt hatte, nahm ich eine Rinnsaldusche, begleitet von hef­tigem Donnern und Blitzen draußen. Die Fensterläden schloss ich immer, bevor ich die Woh­nung verließ, deshalb hatte der Wind, hatte der Wolken­bruch nichts an­richten können. In der Wohnung entstand ein Gefühl der Heime­ligkeit und des Geschützt­seins, und die schummrige Beleuchtung, die trotz des Unwetters durchhielt, verstärkte es sogar. Einige Rilke-Gedichte, dennoch schlechter Schlaf.

Ich schreckte auf. Der unsanfte Wecker! Der Tag des Abschieds war gekommen, ich musste nach Hause zurück. Nach einer Katzenwäsche verstaute ich die letzten Dinge im Trolley, ließ ihn in der Wohnung, um ein Abschiedsfrühstück am Campo Junghans einzunehmen. Der be­hinderte Mann hinter dem Tresen und einige Männer parlierten lautstark vor dem großformatigen Fernseher, in dem ein Fußballspiel lief, und das am frühen Morgen, offenbar eine Auf­zeich­nung. Zwischendurch sangen die Männer, wahrscheinlich so etwas wie Schlachtgesänge oder Vereinshymnen. Ich mochte diese morgendliche Ruhe am Campo Junghans, die von den Fans drinnen kaum gestört wurde, in die sich die paar leisen Jogger, die Leute mit Hunden harmo­nisch einfügten. Die Reflexionen des Wassers eines schmalen Kanals bildeten sich auf der Unterseite einer nahen Brücke ab, tanzende helle Flecken auf Stein. Ein Mann fegte die Brü­cke und die Stiegen sauber, ging dann in die umliegenden Gassen und fegte weiter. Draußen auf der La­gune hörte ich Motoren­geräusche, von den ersten Fähren, von Fischerbooten auf morgendli­chem Fang.

Die Beschau­lichkeit des frühen Morgens wich mehr und mehr Geschäftigkeit, Leute gingen zur Arbeit, Touristen kamen und gingen mit rollenden Trolleys. Jogger mischten sich darunter, immer wieder Menschen mit ihren Hunden. Aus dem Lokal drangen nach wie vor der über­laute Kommentar des Reporters und die Stimmen jener Männer, die dem Fußball­spiel folgten und diskutierten und sangen. Ich ging vor zum südlichen Rand der Insel und schaute auf die Lagune, vor mir eine im Dunst liegende kleinere Insel. „Wo liegt Punta Sab­bioni?“, fragte ich mich und war mir der Richtung einigermaßen sicher. Von dort hatte mein erster Besuch Venedigs seinen Ausgang genommen, da mochte ich vielleicht zehn, elf Jahre alt gewesen sein. Wir standen damals auf der Fähre und sa­hen bald den Campanile als markantes Wahrzeichen, zunächst schemenhaft, dann größer und größer und klarer werdend.
Das damalige Bild hatte ich noch vor mir: Venedig, das ich bis dahin nur von Bildbän­den, Fotos und Gemäldereproduktionen gekannt hatte, lag zunächst in der Ferne, der Cam­panile dann deutlich erkennbar, je mehr wir uns näherten, schließlich kamen der Dogenpalast, die Markuskirche, Santa Maria della Salute ins Blickfeld. Und dann war ich das erste Mal in Venedig, und alles an und in dieser Stadt war und ist im­mer wieder wunderbar und zum Staunen und über­wälti­gend. Eine Stadt der Sehnsucht nach ihr.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Ich ging zurück zu den Fondamenta, holte mein Gepäck aus dem Museum der Brentanos, gab die Schlüssel in der Bar zurück und fuhr mit dem Vaporetto zum Parkhaus. Ich wandte mich Giudecca zu und hatte das ganze Panorama vor mir. Es lag zum Abschied malerisch im hellen Sommerlicht. Keine Spur mehr vom gestrigen Unwetter.

Unversehrt stand mein Auto auf seinem Platz. Kein Kratzer, nichts, sogar die Tauben hatten sich zurückgehalten. Das Bezahlen am Automaten, das Verstauen des Gepäcks, das Einsteigen, das Starten und schließlich die Ausfahrt und das Ent­fernen von Venedig auf der Straße nach Mestre war stetig begleitet vom Bedauern, dieser so nahen und doch so exotischen, dieser vertrauten und doch fremden Stadt und dem Museum der Brentanos den Rücken kehren zu müssen.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20105

Das Museum der Brentanos: Ankunft

Einer der beiden Schlüssel sperrte die Haustür, und ich betrat eine kleine Eingangshalle. Dunkelheit empfing mich. Eine Stufe führte nach links in ein enges finsteres Stiegenhaus. Ich fand endlich den Schalter für die Beleuchtung, die den Namen jedoch kaum verdiente. Ein trübes, schwaches Licht ging an. Das Haus schien mir in den Fünfzigerjahren adaptiert und renoviert worden zu sein. Die Eingangstüre, der Steinbo­den im Eingangsbereich, Holzkassetten an den Wänden. Es gab einen Lift, einen Mini-Lift, ich wählte aber die steile Wendeltreppe in den zweiten Stock, um mir vorzumachen, ich bewege mich ausreichend. Deshalb nahm ich zwei Stufen auf einmal. Ohne Atemnot erreichte ich den zweiten Stock. Brentano stand an der Wohnungstür.

Von Bekannten hatte ich erfahren: Professor Robert Brentano, ein Spezialist für mittelalterliches Englisch und italienische Geschichte und Professor an der University of California, Berkeley, hatte hier eine Zeit lang die Sommer ver­bracht. Eines seiner Bücher, Zwei Kirchen: England und Italien im dreizehnten Jahrhundert, gewann 1968 den „John Gilmary Shea“-Preis und die Haskins-Medaille. Er, 1926 geboren, hatte die Wohnung auf Giudecca erworben. Die brentanosche Wohnung war völlig unbewohnt  – der Professor war schon lange tot, 2002 war er gestorben, und von seiner Familie und seinen Nachkommen schien niemand mehr Interesse an ihr zu haben –, durfte ich mich für ein paar Tage einmieten. Der zweite Schlüssel sperrte die Wohnungstür.

Als ich eintrat, empfingen mich ein abgestandener Geruch und Dunkelheit, aber nicht der Eindruck der Leere, vielmehr der Eindruck einer vollständig eingerichteten Wohnung, deren Bewohner überstürzt aufgebrochen waren und alles, so wie es war, zurückgelassen hatten. Oder vielleicht waren sie nur kurz weg, gingen Besorgungen nach und würden gleich zurückkommen und vor mir, dem Eindringling, über den man sie nicht verständigt hatte, erschrecken und mich brüsk hinauskomplimentieren. Verlassenheit empfing mich und eine Kulisse außerhalb der Zeit, die in mir, dem fremden Besucher, eine historisie­rende Faszination hervorrief.

In jedem Zimmer schaltete ich die Beleuchtung ein­, weil die Fensterläden geschlossen waren. Die meisten kleinen Zimmerfenster gingen in dunkle Schächte hinaus, die kaum Tageslicht hereinließen, nur die Wohnzimmerfenster, ebenso klein und erhöht, schauten zum Canale della Giudecca hinaus. Ich öffnete die Fensterläden. Zerbröckelnde Insektenschutzgitter konnten ihrer Aufgabe kaum gerecht werden. Gegenüber, jenseits des Canale della Giudecca, fiel mir die Kirche Santa Maria della Visitazi­one auf, deren graue Fassade an einen griechi­schen Tempel erinnerte. Im Nordos­ten ragte die Kuppel von Santa Maria della Salute über die Dächer, und dahinter der Campanile auf der Piazza San Marco.

Die Wohnung, das bemerkte ich nach dem Blick in mehrere Zimmer, war vollständig möbliert, die Re­gale voll mit Büchern, Kleidungsstücke hingen über Sessel, lagen über Lehnen, hingen in den Kästen. Über der Lehne des Schreibtischsessels hing eine Weste, auf die der Professor bei kühlerer Temperatur zurückgegriffen hatte. Hätten mir die Kleidungsstücke gepasst und hätte ich nicht auf den Zeitgeschmack und den Geruch der Vergangenheit geachtet, sie wären mir zur Verfügung gestanden. Gerahmte Fotos standen auf Tischen, Kästen und Schränken.
Der Schreibtisch in dem Zimmer, wo das Bett für mich stand, machte den Eindruck – wieder kam diese Vorstellung in mir hoch –, als wäre Professor Brentano – der dieses Bett wohl benutzt hatte – nur kurz hinausgegangen, um in einer Bar einzukehren, einzukaufen oder sich Zigaretten zu holen. Würde er mich der Wohnung verweisen, wenn er mich in seinem Arbeitszimmer antraf, oder würde er meiner Erklärung Glauben schenken, man hatte mir diese Übernachtungsmöglichkeit nach bestem Wissen und Gewissen ausnahmsweise angeboten? Ich konnte es ihm erklären, wie es dazu gekommen war.

Kugelschreiber, für die nächsten Aufzeichnungen bereit, in Wirklichkeit trocken und deshalb unbrauchbar, lagen auf der Schreibfläche, Notiz­zettel, einige beschrieben, einige blank. Bü­cher standen in einem Wandregal gleich über dem Schreibtisch: eine Geschichte Venedigs, ein Kunstführer, englisch-italienische Wörterbücher, lateinische Texte, zahlreiche weitere Bücher, die ich mit Ehrfurcht und Achtung betrachtete. Das eine oder andere nahm ich behutsam zur Hand, Staub löste sich. Ich blätterte darin, roch daran. Wie fast immer ließ der Geruch von Büchern in mir ein Glücksgefühl, ein Gefühl der Zufriedenheit entstehen.
Ich hatte beinahe das Gefühl, ich tat etwas Verbotenes, so als schnüffelte ich in fremden Dingen, als störte ich eine fremde Intimität, indem ich die Abwesenheit des Inhabers ausnützte. Der Staub auf den Büchern verflüchtigte sich durch die Entnahme aus dem Regal und durch vorsichtiges Wegblasen. Die Erschei­nungsjahre zeugten von einer vergan­genen Zeit, einer Zeit, in der ich selber noch jung war: die späten Siebziger-, frühen Achtzi­gerjahre des vorigen Jahrhunderts.

Da entdeckte ich auf dem Schreibtisch, etwas nach hinten geschoben, ein Kaleidoskop. Staub bedeckte das Rohr, das mit bunten Mustern ver­ziert war. Ich blies ihn vorsichtig weg, um nicht in eine Staub­wolke eingehüllt zu werden. Es war halb so wild, ich bekam keinen Nies- oder Erstickungsanfall. Mit einem Papiertaschentuch brachte ich das Kaleidoskop zum Glänzen. Ich blickte durch das Kaleidoskop in Richtung Fenster, dessen Läden ich geöffnet hatte, und war plötz­lich wieder ein Kind, vielleicht zehn Jahre, vielleicht etwas älter, und ich fragte mich, ob ich überhaupt erwachsen war.
Ich drehte am bewegli­chen Teil, und vor mir erstanden ver­schiedenste symmetrische Muster, Sterne in allen mögli­chen Farben – rote, grüne, blaue, gelbe, lila Glassteinchen –, ebenso Kreise, Ro­setten, Ringe, sphärische Gebilde, Fraktalen ähnlich. Die Spiegelungen zauberten Muster in nahezu vollkommener Symmetrie vor meine Augen. Ich war fasziniert. Und diese Muster lebten, änderten sich mit jeder Drehung, bildeten Mischfarben, schienen selber Freude an ih­ren Metamorphosen zu haben, die jeder statischen Langweiligkeit entge­genstanden.

Professor Brentano schien wie ich von Zeit zu Zeit mit kindli­chem Gemüt gesegnet gewesen zu sein, je­denfalls was Kaleidoskope betraf. Das bestätigte sich, indem ich auf dem Schreibtisch einen Bausatz für ein Kaleidoskop entdeckte. Die Verpackung war aufgebrochen, und ich leerte sie auf dem Schreibtisch aus. Offenbar war das funktionierende Kaleidoskop, durch das ich ge­schaut hatte, ein gekauftes Fabrikat. Das andere hätte der Professor wohl gerne zusammengebaut.

Am liebsten hätte ich mich hinge­setzt und das Kaleido­skop nach der Bauanleitung gebastelt. Die Anleitung war zwar italienisch, doch gestand ich mir in einem Zustand der Selbstüberschätzung so viel Geschick­lichkeit zu, den Zusammenbau zu schaffen, und ein paar Brocken Italienisch konnte ich auch. Außerdem zeigten Zeichnun­gen, wie man vorzugehen hatte. Die Gegen­stände, die ich auf dem Schreibtisch sah, verführ­ten mich, mich hinzusetzen, mitten am hell­lichten Sommertag, und zu beginnen: ein Bogen fester Karton im DIN-A4-Format, ein Bogen Pergamentpapier, eine Klarsichtfolie, eine selbstklebende Spiegelfolie, bunte Perlen oder Schmucksteinchen, Lineal und Bleistift, Cutter und Schneideunterlage, Papierschere und Na­gelschere, Klebefilm.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20104

Im Alsergrund

Anfang Oktober ist es, mehr noch, es ist genau der erste, und ich komme endlich ins Hotel. So gegen halb sechs Uhr abends muss es sein. Ich fahre vom Schottentor eine Station mit der Straßenbahn die Währinger Straße stadtauswärts, dann gehe ich ein Stück im Regen, mit einer Mappe unter dem Arm, auf die vom Schirm das Wasser tropft. Aber die Mappe ist dicht, es dringt kein Wasser hinein. Der Stockschirm ist grün, es ist einer vom Spar, und obwohl er mich im Zug, in der Straßenbahn, in der U-Bahn stört, bin ich froh, ihn mitgenommen zu haben, so sehr schüttet es. Die Stra­ßen glänzen, auf den Gehsteigen und Fahrbahnen spiegeln sich die Lich­ter, die der Autos, die der Straßenbeleuchtung, die der Geschäfte, impressionistisch zergehen sie im Flüssigkeitsfilm und in den Pfützen. Der Regen lässt mich eine seltsame Geborgenheit fühlen, und es scheint mir, als weinte er über die verlorene Jugend der mächtigen alten Stadthäuser.

In der Währinger Straße, direkt gegenüber den Physikalischen Instituten der Universität Wien, liegt mein Hotel. Mein Gepäck habe ich schon am Morgen abgegeben, weil ich früh angekommen bin und dafür Zeit gehabt habe. Es ist ein Haus aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert oder Ende 19. Jahrhundert. Oder Anfang 20., das ist ziemlich dasselbe, und weit fehle ich nicht, bin ich mir sicher. Ich hole meine hellbraune Reisetasche, die mich schon während meiner Interrail-Reisen begleitet hat und die ich an der Rezeption habe stehen lassen dürfen. Der Lift in den 4. Stock braucht ewig, ich bekomme beinahe Angst, er würde überhaupt nicht stehen bleiben, son­dern mit mir ein Experiment zur Relativitätstheorie, zur Gravitation etwa, durchführen, mit stetig wachsender Geschwindigkeit über das Dach hinaus rasen, im­merhin sind die Physikalischen Institute nur ein paar Meter entfernt. Aber da hält er doch. Ver­winkelt orientiere ich mich an den Zimmernummern an den Wänden, ein Pfeil dahin, ein Pfeil dorthin. Schließlich stehe ich vor meinem Zimmer. Num­mer 400. Statt einer Magnetkarte gibt es einen Schlüssel, schwer liegt er in meiner Hand. Ein sympathischer Zug einer stehengebliebe­nen Zeit.
Eigentlich betrete ich eine Wohnung, kein bloßes Hotelzimmer: eine enge Diele, von der es zur Toilette geht, eine Garderobe, ein Bad, ein großes Zimmer mit drei Betten, ein Wohnzimmer fast, hoch oben über der Währinger Straße. Ein winziger Röhrenfernseher steht auf dem dunklen Schreibtisch, an dem man sitzen muss, um das Bild zu erkennen. Vom Bett aus geht da nichts. Höchstens mit einem Opern­glas. Im Vorraum, in der Garderobe steht ein alter knarrender Kasten, mit Kunststofffolie ausgelegt, die mit Röschen verziert ist. Hemden und Unterwäsche lege ich hinein. Vorher vergewissere ich mich, dass kein Staub auf den Folien liegt. Es scheint sauber zu sein. Keine Motten oder sonstiges Getier.
Ich telefoniere mit meinem Handy mit Wolfram. Es han­delt sich um einen Rückruf, den ich kurzhalten will, doch geht das bei Wolfram kaum, er hört nicht zu reden auf, selbst wenn es um nichts geht. Irgendwie schaffe ich den Ausstieg, ohne unhöflich zu sein. Er hat mir das Gasthaus „Wickerl“ zum Abendessen empfohlen, unten in der Porzellangasse. Ich werde danach Ausschau halten. Hungrig bin ich, wir haben wäh­rend der Besprechung tagsüber zwar ausreichend Brötchen bekommen, kleine Häppchen, aber keine warme Mahlzeit. Ich packe die Reisetasche aus, lege die Dinge aufs Bett, auf den Tisch, auf die Couch, einen Teil, der dort hingehört, ins Bad. Die Schuhe lasse ich an, ebenso das Sakko. Der Schirm ist in der Diele aufgespannt und gibt knisternde Geräusche von sich. Die Reiseta­sche ist jetzt leer. Morgen in der Früh kommt alles wieder hinein, was jetzt irgendwo im Zimmer liegt. Wenn ich zurückkomme, werden die Dinge geordnet, selbst wenn es nur für ein paar Stunden ist. Jetzt habe ich keine Lust dazu. So gehört es sich für einen Pedanten, würden ei­nige meiner Bekannten sagen, nämlich dass er peinlich Ordnung hält. Naja. Ich nenne mich positiv ordnungsliebend.

Ich entspanne den Schirm, gehe hinaus, sperre die Tür von außen ab, hole den Lift, steige ein, nachdem er endlich gekommen ist, drücke die Taste fürs Erdgeschoß, und er fährt tatsächlich nach unten. So lange kommt es mir jetzt nicht vor, die Schwerkraft hilft mit, wenigstens dem Gefühl nach. Eine scharfe Ana­lyse eines Physikers im Angesicht der Physikalischen Institute. Ich gehe an der Rezeption vorbei, die ein paar Stu­fen hinauf rechterhand liegt. Draußen bimmelt die Straßenbahn, die Autos verspritzen das Regenwasser der Pfützen, die Leute jonglieren sich mit ihren Schirmen über die Gehsteige, ich atme vor dem Hotel die kühle, vom Regen feuchte Luft, die erfri­schend zum Gehen hin­unter in den Alsergrund ermuntert. Die Ampel schaltet auf Grün, nach­dem ich gewartet habe und die Autos in ziemlichem Tempo vorbeigerast sind und bei Rot abrupt gebremst haben. Ihren Sprit­zern habe ich entgehen können. Am Anfang der Bolt­zmanngasse gibt es ein Gasthaus, das geschlossen ist, also weiter, entlang den Physikalischen Instituten und dann nach rechts in das letzte Stück der Strudlhofgasse. Rechts steht die schöne Villa, in der früher die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika war und links sehe ich eine Tafel, die auf den Schauspieler Raoul Aslan hinweist, der in diesem Haus gewohnt hat.
Und dann ist sie wieder vor mir, wie schon ein paar Mal, wenn ich in Wien war und in der Nähe nächtigte, früher oft an der Ecke Alserstraße/Lange Gasse, und ihr nahe sein wollte: die Strudlhofstiege. Vor Jahren habe ich Doderers Roman gelesen, er hat einen schwarzen Einband, ich habe ihn von meinem Vater geschenkt oder nach seinem frühen Tod bekommen, ich weiß es nicht mehr. Oben ist ein Spruch auf die Mauer gesprüht: „Balkone strahlen vor Schein­freiheit“. Ich gehe hinunter, kann mich nicht recht entschei­den, nehme ich die Kehre nach links oder nach rechts, ich gehe quasi planlos, einmal so, ein­mal so. Die Stiege ist beleuchtet, klar, die Sturz-, Belästigungs- und Rutschgefahr ist nicht ohne. Ein Mädchen kommt mir entgegen, es ver­meidet meinem Blick zu begegnen.
Dann bin ich unten, überquere die Liechtensteinstraße, biege in die Fürstengasse ein, die am Palais Liechtenstein entlang­führt. Schließlich habe ich die Porzellangasse erreicht, durch die der D-Wagen nach Nussdorf fährt und bimmelt und die leuchtet und im Regen glänzt. Märchenhaft. Die Pfützen reflektieren die Lichter, und diese glänzende Nässe, die Regelmäßigkeit des Regens, die Si­cherheit im kleinen privaten Revier unter dem Schirm schaffen eine abendliche Melancholie, eine anregende Melancholie, die nicht belastend ist, im Gegenteil, sie trifft die angenehm heimelige Stimmung im Alsergrund. Fast fühle ich mich hier zu Hause.

Ich habe Hunger und halte Ausschau nach dem Gasthaus „Wickerl“. Es zeigt sich mir nicht. Da fällt mir ein: Vor Jahrzehnten, als ich in Wien an der Nationalbibliothek zu tun hatte, kam ich oft in die Porzel­langasse. Gleich in der Nähe ist die Seegasse mit dem ältesten jüdischen Friedhof in Wien, glaube ich. Und die Berggasse, in der Sigmund Freund wohnte und praktizierte, ist auch nicht weit. Ich besuchte damals Tom, der an der Universität Wien ein Doppelstudium belegte, Informatik und Recht. Beides schloss er ab. Er wohnte im „Porzellaneum“, dem Heim des Studentenheimvereins der Wie­ner Universität. Wir spielten im Garten des Heimes Schach, und wenn es kalt war oder reg­nete, spielten wir im Gasthaus „D’Landsknecht“. Ich weiß nicht mehr, wo es liegt, aber weit, wo ich vor dem Porzellaneum stehe, kann es nicht sein. Ich halte Ausschau. Zunächst erwische ich die falsche Richtung, eh klar, daher nehme ich die andere, und da ist es schon, das „D’Landsknecht“. Bäuerliches Am­biente, warme Atmo­sphäre. Schirm zuklappen, Platz suchen, im Nichtrau­cherbereich, wenn möglich. Dunkles Holz. Ein Tisch am Fenster ist frei, ich sehe draußen den grauvioletten Ton der Dämmerung und höre den Regen. Die Kellnerin bringt mir die Speise­karte und fragt mich nach meinem Ge­tränkewunsch. Nein, kein Alkohol, nicht schon wieder Kopfweh. Also kein Bier, kein Wein, ein Fruchtsaft mit Leitungswasser. Sie trägt ein weiß-blaues Dirndl, kess, hat kleine Zöpf­chen, ein bisschen lolitahaft wirkt sie. Ein Surschnitzel wird es, vorher eine Suppe, das Abendmenü. Hinter mir sitzt eine Altherrenrunde, der Schmäh rennt. Heiterkeit, Gelächter.
Ich rufe meinen Bru­der an, der mir ein Angebot für ein neues Auto per eMail geschickt hat. Nein, er ist kein Au­tohändler, aber er hat eine gute Hand für Autos, überhaupt für alles Technische, er ist ein wirklicher Ingenieur, im Gegensatz zu mir. Ich bin bloß ein Papieringenieur. Stu­denten sind nicht allzu viele hier, vielleicht ist es zu früh am Abend, die werden später das Lo­kal noch füllen.
Inzwischen ist es draußen dunkel geworden, und die Lichter und ihre Reflexionen auf den regennassen Flächen haben an Intensität gewonnen. Die deftige Portion vertilge ich mühe­los, wieder eine gute Tat für mein wachsendes Bäuchlein. Ich überlege, ein Schnäps­chen zu nehmen, unterlasse es aber. Ich will keine Kopfschmerzen provozieren, die sich bei mir nach jedem kleinen Schluck Al­kohol melden. Oft auch ohne Alkohol. Also zahlen, bitte! Und das Dirndl kommt nach eini­gem Warten.

Auf der Porzellangasse klatscht der Regen auf. Mein Schirm ver­mittelt mir wieder ei­nen kleinen Bereich individueller Beschütztheit, es ist nahezu romantisch darunter. Jedenfalls fühle ich Geborgenheit, eine gleichmäßige Gebor­genheit im Rhythmus des Regens. In einem Zielpunkt kaufe ich mir eine Flasche Mineralwas­ser, falls ich in der Nacht Durst bekomme. Das Fließwasser im Hotel, ich traue ihm nicht. Nach der Fürs­tengasse überquere ich die Liechtensteinstraße, und dann sehe ich die Strudl­hofstiege wieder vor mir, hell beleuchtet. Heute gefällt sie mir gar nicht so sehr, die Fill­grader Stiege, die von der Gumpendorfer Straße hinauf zur Mariahilfer Straße führt, ist dagegen ein architektonisches Meisterwerk. Aber durch Doderer ge­winnt die Strudlhof­stiege an inneren Werten. Und das ist doch das Wichtigere gegenüber äußeren Merkmalen. Ich steige bergan und sehe oben wieder den aufgesprühten oder aufgemalten Text „Balkone strahlen vor Schein­frei­heit“. Dann wird es dunkel in der Strudlhofgasse, die kräftige Beleuchtung ist vorbei. Ich biege links in die Boltzmanngasse ein, gehe entlang dem Phy­sikgebäude, links sind die Häu­ser niedrig und lassen mich an das alte Wien, die Pest, den lie­ben Augustin, den Gevatter Tod, die Sagen aus der Residenz- und Kaiserstadt Wien denken.
Im Hotel muss ich wieder auf den Lift warten, er ist besetzt. Endlich kommt der langsame Herr, öffnet ebenso langsam, fährt langsam an und fährt und fährt. Kurze Orientierung. Da ist mein Zimmer, Nummer 400. Ich sperre mit dem schweren Schlüssel auf.
Gegenüber sind einige Räume der Physikalischen Institute beleuchtet, wahrscheinlich manche die ganze Nacht durch. Es laufen wohl Experimente und Versuchsreihen, die überwacht wer­den müssen, möglicherweise auch von Menschen, nicht nur von Computern. Hin und wieder schaue ich hinüber. Einige Fenster werden dunkel, einige bleiben hell. Die Straße glänzt. Die Autos sind weniger geworden, ich höre ihr Fahrgeräusch auf der nassen Fahr­bahn, die nach wie vor vom Regen benetzt wird. Und in meinem Altwiener Hotelzimmer denke ich an Hernals, an die Pezzlgasse, das Gast­haus „Liebstöckl“, an die Höhnegasse. Sie alle sind weit weg vom Alsergrund und doch in ei­nem verbindenden Kreis der Stadt. Ir­gendwie ist alles gegenwärtig für mich, obwohl es die damit verbundenen Personen physisch nicht mehr gibt, außer meiner Tante, der älteren Schwester meines Vaters, die demnächst ih­ren neunzigsten Geburtstag feiert. Ich ziehe die Vorhänge zu, schalte den winzigen Fern­sehapparat ein und schaue mir ein Spiel der Champions League aus dem Bett an. Wie Zwerge fuseln die Spieler über den Bildschirm.
Meine Augen brennen. Bald schlafe ich ein, beim Geräusch des Re­gens, das durch die Vor­hänge dringt, beim zeitweiligen Hupen der Autos.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen |Inventarnummer: 15011

Via Amalfi

Drei ältere Herren
Saßen bei Tisch
Unter der Spätsommersonne.
Eine Flasche roten Weins
Näherte sich der Neige.

Die Pfirsichplantagen
Gab es nicht mehr,
Aber der Strand
War naturbelassen
Und fast so wild
Wie vor fünfzig Jahren,
Und das Meer
War wunderschön
Und friedlich,
Und die Bunker waren
Geheimnisvoll wie damals
Und dicht verwachsen.

Die Frau des Italieners
Nahm am Rande
An den Erinnerungen teil.
Ein Glas Prosecco
Stand vor ihr.

Alte Fotos,
Auf denen die drei älteren Herren
Noch dünne Buben waren,
Führten ihnen
Erbarmungslos
Die Flüchtigkeit der Zeit
Vor Augen.

Da konnte nur,
Dachte sie
Im Stillen,
Der rote Wein
Eine Weile trösten.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 14030

Eine kleine italienische Reise

Entlang dem Fluss Sile lagen kleine Boote, darunter eine venezianisch an­mutende Gondel als Krönung gewissermaßen und als Hinweis, dass Venedig nicht mehr weit war. Das nahezu stehende Wasser des Flusses und die bunten Boote ließen mich an Bilder Vincent van Goghs aus Südfrankreich denken. Jesolo, nicht Lido di Jesolo, fiel nicht sehr ins Auge, wenn man es mit malerischen italienischen Dörfern und Orten verglich. Wir, mein Bruder und ich, ließen uns auf dem Dorf­platz unter einem Sonnenschirm nieder und nahmen einen Imbiss in einem Buffet, jeder ein panino und ein Coke. Es war spätsommerlich warm, von einem wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne kräftig, aber zurückhaltend gegenüber dem Hochsommer. Von zu Hause weggefah­ren waren wir bei Kälte, Wind und Regen, aber kaum hatten wir die Alpen hinter uns gelassen und uns nach ihren Ausläufern in der Po-Ebene gefunden, war alles italie­nisch: die Sonne, der Himmel, die Vegetation, die Häuser, die Men­schen. Der Tagliamento hatte sich als bescheidenes Rinnsal in einem überbreiten Schotterbett gegen Süden bewegt, wie er es immer tut, außer nach langem Regen oder zur Schnee­schmelze. Das adriatische Meer und die Lagune von Venedig waren nicht weit von Jesolo entfernt, und am Ortsrand machte sich das Meer in einiger Entfernung schüchtern in einem blassen Streifen bemerkbar.

Dann fuhren wir auf dem schmalen Landstreifen in Rich­tung Punta Sabbioni und kamen durch Orte, deren melodi­sche Namen uns von unseren Aufenthalten als Kinder in Erinnerung geblieben waren. Verein­zelt standen verfallene Gehöfte mitten auf den Feldern und verliehen der Landschaft, zumal die Touristen längst zu Hause waren, einen Hauch von Verlassenheit und Abwanderung. Schilder wiesen den Weg zu zahlreichen, nun sich selbst überlassenen Ferienanlagen, Campingplatz reihte sich an Cam­pingplatz, Wasserrutsche an Wasserrutsche, dazwischen gab es Tennis- und Bas­ketballplätze und Minigolfanlagen. Im kommenden Som­mer würde das Leben wieder erwachen. An der letzten Kreuzung vor der Via Amalfi befand sich noch immer der Supermarkt für Strand- und Cam­pingartikel und allen möglichen Ramsch. Es war, als wä­ren wir erst kürzlich hier gewesen, doch waren mittlerweile um die fünfzig Jahre vergangen.

Schnurgerade führte die Straße weiter zur Lagune von Vene­dig. Wir gaben Acht, vor allem ich als Beifahrer, die Ab­biegung nach links in die Via Amalfi nicht zu übersehen. Und da las ich das Schild: Via Amalfi! Welch wunderbarer Name! Er zergeht, spricht man ihn genieße­risch aus, auf der Zunge. Un­willkürlich dachte ich an das Amalfi süd­lich von Neapel, an die biedermeier­lich-romantischen Bilder der Küste vor Amalfi von Jakob von Alt und an Goethes Italienische Reise. Dorthin, nach jenem Amalfi, war es zwar noch ein weiter Weg, immerhin aber gab es hier, im italieni­schen Norden, eine Ahnung vom tieferen Süden. Die Straße, so erfuhren wir später, hatte ihren Na­men nach einem Bach namens Amalfi, der irgendwo in der Nähe unscheinbar sein Dasein fristete, um schließlich in die La­gune von Venedig zu münden. Vor Jahr­zehnten war die Straße, erinnerten wir uns, nicht as­phaltiert gewesen, unser Auto war damals zum Haus der Bozzatos gerumpelt, was uns Kin­dern ziemlichen Spaß bereitet hatte.

Bruno Boz­zato und seine Frau, deren Vornamen ich ver­gessen habe, waren die Vermieter von Ferien­wohnungen gewesen, und im Internet hatten wir gese­hen, dass Gianni, ihr Sohn, mit dem wir gespielt hatten, die Ferienanlage weiter betrieb. Im ersten Anlauf fuhren wir am An­wesen vorbei und erreichten eine Querstraße ent­lang von Wo­chenendhäusern, jedenfalls er­weckten sie diesen Eindruck. Die Obstgärten – Pfir­siche, Wein, Marillen, Äpfel – , die fast bis an den Strand gereicht hatten, gab es nicht mehr, das erkannten wir auf den ersten Blick. Wir kehrten um und nahmen die kleine Einfahrt, die wir zuvor über­sehen hatten. Und da stand das Einfahrts­tor zur Ferienan­lage und daneben ein ge­waltig wir­kender Bunker, der uns damals fasziniert hatte. Das tat er auch jetzt, wo wir da­vor ­standen und das Auto parkten. Er war ver­wachsen mit Gesträuch und Gebüsch, teilweise von Efeu einge­hüllt und lugte uns finster und kriege­risch entgegen. Unser Auto war das ein­zige in der un­mittelbaren Umgebung. Ruhig lag die Ferien­anlage vor uns. Wir nahmen unsere Foto­apparate und gingen die Zufahrtsstraße ent­lang. Rechterhand stand eine große Zelthalle mit Tischten­nistischen und zahlreichen Fahrrä­dern. Dann kam das Haus, in dem wir gewohnt hatten. Es wirkte völlig unverändert, nicht nur dem ersten Eindruck nach. Vielleicht war es irgendwann frisch gestrichen worden – es zeigte sich in einer Mischung aus Rosa und Orange – , die Türen und die Fenster allerdings waren gegenüber früher un­verändert. Dem Eingang gegenüber stan­den unter einer weinbe­rankten Überdachung Aluminiumtische, die ich gleich wiederer­kannte und die wie das Haus selbst die lange zurückliegende Zeit plötzlich wie im Zeitraffer heftig heranzogen, als wäre ein Erinne­rungsmagnet wirksam geworden.

Mein Bru­der und ich stell­ten uns in den Ein­gangsbe­reich des Hauses und nach ein paar Sekunden foto­grafierte uns der Fotoapparat mit dem Selbstaus­löser. Zwei älter gewordene kleine Buben standen vor dem Hauseingang. Nach wie vor schien das ganze Gelände wie verlassen, nur eine Katze ließ sich blicken, nahm uns misstrauisch zur Kenntnis und schlich dann unin­teressiert von dannen. Hinter dem Haus gab es einen Zu­bau, in dem wir mit den Eltern ge­wohnt hatten, einmal oder zweimal war un­ser damals kleiner Bru­der dabei gewesen. Und auf einer früher freien Fläche hatten die Boz­zatos kleine Ferien­bun­galows errichtet, die ebenfalls leer und verlassen der Urlaubssaison nachtrauerten.

Wir gingen umher, erinnerten uns an Be­kanntes, weniges war neu für uns. Da sahen wir eine Frau aus ei­ner der Ferienwohnungen kommen, offenbar war sie mit dem Rei­nigen nach der Saison beschäftigt. Die Katze hielt sich in ihrer Nähe auf. Mein Bruder, der ganz gut Italienisch be­herrscht, sprach sie an. Dass wir hier mehrmals auf Urlaub gewesen seien und mit Gianni Bozzato gespielt hätten und dass das alles um die fünfzig Jahre vorbei sei. Sie sei Giannis Frau, sagte sie – ihren Namen weiß ich nicht mehr – , und Gianni und sie führten den Betrieb seit dem Tod Bruno Bozzatos weiter. Sie war eine kleine, runde und feste Frau, die wohl ziemlich zupacken musste. Wir zeigten ihr ein altes Foto, auf dem mei­n Bruder und ich vor einer Pfütze hockten, während Gianni davor stand. Alle drei beo­bachteten interessiert das Ge­sche­hen darin. Gianni schien in dieser Runde der Experte gewe­sen zu sein, er trug pro­fesso­rale Brillen und schien die biologi­schen Vorgänge in der Pfütze zu kommentie­ren. Auf dem alten Foto erin­nerte mich Gianni an den ganz jungen Cesare Pa­vese, den ich eine lange Zeit sehr gern gele­sen hatte. Mein Bruder nannte unseren Namen und den meines Großvaters, und Gi­annis Frau glaubte, aus Erinnerun­gen ihres Man­nes und ihres Schwieger­vaters, Bruno Boz­zato, davon gehört zu haben. Ob wir ihn, Gianni, heute oder morgen treffen könnten, fragte mein Bruder auf Italienisch. Unser Be­such sei zwar überra­schend, deshalb wollten wir auch nicht lange stören, bloß unserem Be­dürfnis, den frü­heren Erlebnissen nach­zugehen, sie kurz aufleben zu lassen, folgen. Gianni sei am Strand, sagte seine Frau, er habe dort einen fahrba­ren Eisstand, und heute, an diesem warmen Spät­som­mertag, nehme er die Gelegenheit wahr, Eis anzupreisen, bald werde es da­mit vorbei sein.

Wir stiegen ins Auto, fuhren zum Strand, und statt der Obstplantagen, durch die früher Feld­wege zum Meer geführt hatten, gab es schmale asphaltierte Straßen. Die Annä­herung ans Meer war auto- und radfah­rerfreundlich er­schlossen worden. Dann zeigte sich vor uns das Meer, wir parkten und sahen das Ver­halten der Strandbenützer regelnde Schilder, die es früher nicht gegeben hatte, da war alles frei und ohne Vorschriften gewe­sen. Vom Parkplatz zum Strand hin hatte man Stein­platten und Holz­stege ver­legt, aber sobald sich der Strand öffnete, erkannten wir, dass er bis auf die Zufahrt und die Wege ge­nauso naturbelassen war wie vor Jahrzehnten. Die Sanddünen waren mit Seegras bewachsen, das sich im Wind wiegte, Hunde tummelten sich, Kinder toll­ten herum. Die Erwachsenen lagen brav auf ihren Liegen oder Decken, lasen, schliefen in der milden Sonne oder spielten mit ihren Kindern Federball oder bauten mit ihnen Burgen oder andere Bau­werke aus dem feuchten Sand. Manchmal riefen sie nach ihren Kindern, wenn die sich zu weit entfernt hatten oder das Wasser nicht verlassen wollten. Wir tranken im Strand­buffet einen Espresso unter dem Son­nenschirm, dann krem­pelte ich die Ho­sen hoch, ging hin­unter zum Meer und ließ meine Füße von den Wellen um­spielen. Mein Bruder schwamm ein gutes Stück ins Meer hinaus. Der wei­che nasse Sand wich im Rhythmus der Wellen zurück und entzog mir den Boden unter den Füßen. Es war ein wun­derbar kühles Gefühl der Unsicherheit. Mein Bruder machte sich auf den Weg, Giannis Eis­stand zu suchen, mit freiem Auge konnten wir ihn von unserem Standort nicht ausmachen. Der Leuchtturm, Faro la Pagoda, den ich in Erinnerung hatte, stand noch da, allerdings hatte er damals viel weiter entfernt und höher gewirkt. Die Ent­fernungen hatten im Laufe der Zeit eine Längenkontraktion erfahren, heute nahm ich die Maße realistisch wahr, nicht mit einem kind­lichen Faktor multipliziert.

Ich kehrte zum Strandbuffet zurück, während sich mein Bru­der auf die Suche nach Gianni machte. Nach ei­niger Zeit kam er zurück. Er hatte Gianni ge­fun­den, ihm ein Foto von unseren früheren Aufenthalten gezeigt, und Gianni konnte sich so­fort erinnern. Wir sollten nach siebzehn Uhr, da kehre er nach Hause zurück, in die Via Amal­fi ­kommen, dann würden wir ein Gläschen trinken. Wir saßen noch eine Zeit unter dem Son­nen­schirm, bestä­tigten uns gegenseitig, dass der Strand nahezu unverändert sei. Gianni schob den Eis­wagen vor­bei und grüßte die Leute vom Buffet. Er kam mir groß und stämmig vor. Wir hatten noch Zeit und beschlossen, an die Land­spitze, nach Punta Sabbioni, zu fahren, wo die Fähren nach Ve­nedig überset­zen und zu­rückkommen. Es war zwar ruhiger als in der Sommersaison, doch aufgrund der nachsommer­lichen Witterung herrschte doch einiges Trei­ben. Der Campanile schimmerte in der Ferne, ebenso Santa Maria della Salute und in anderer Richtung erkannten wir Burano und Torcello. Etwas vor siebzehn Uhr parkten wir vor der Ferienanlage, gingen hinein, aber da war wie vorher nie­mand. Nicht einmal die Katze ließ sich blicken. In einem der Bungalows wohnte offenbar ein junges Pärchen, eine Frau kam mit einem Rad und ging in eines der klei­nen Ap­partements. Ein junger Mann folgte ihr. Sie waren Verwandte von Gi­anni, sollten wir später erfahren. Sonst war alles völlig verlassen. Auch Giannis Frau ließ sich nicht blicken.

Nach längerer Zeit sagte ich zu meinem Bruder, Gianni habe wohl kein wirkli­ches Inte­resse, uns Nostal­giker zu treffen. Doch da bemerkten wir Gi­annis Frau, wie sie – offenbar immer noch mit Reinigungsarbeiten be­schäftigt – aus einem der Gebäude kam und mit dem Handy telefonierte. Gianni komme gleich, sagte sie, und mein Bruder verstand das und übersetzte es mir. Er habe noch den Eiswagen einstellen und etwas Unvor­hergesehenes erledigen müssen, daher sei er verspätet. Wir sollten doch einstweilen ein Glas Prosecco mit ihr trin­ken. Wir ließen uns an einem kleinen Tisch hinter dem Haupthaus nieder und stießen an. Sa­lute, sagten wir zu einander. Da kam ein Auto und parkte neben dem Haus. Es war Gi­anni. Wir standen auf und begrüßten uns. Er war tatsächlich stämmig, aber nicht so groß, wie er mir auf dem Strand erschienen war, ich und mein Bruder waren etwas grö­ßer. Gianni lachte und schien sich über unseren überraschenden Besuch doch zu freuen. Mein Bru­der holte die Fotos von damals her­vor, darunter dasjenige mit der Pfütze und Gianni als Erklä­rer dieses örtlichen Biotops. Wie wir selbst war auch Gi­anni sofort um fünf­zig Jahre zurückversetzt, das merkte ich an seinen Reaktionen und am Di­alog mit meinem Bru­der. Gi­anni schlug vor, mit Rotwein auf uns anzu­stoßen. Er holte eine Flasche Valpoli­cella. Er sagte, früher hätten sie selbst Wein angebaut, aber nach einer katastrophalen Über­schwemmung, die fast alle Plantagen und die ganze Infra­struktur im Umkreis zer­stört habe, hätten sie und die benachbarten Betriebe sich kom­plett auf Bade- und Radtou­rismus umge­stellt. Gi­anni öffnete die Fla­sche, schenkte ein, seine Frau blieb beim Prosecco. Mir kam vor, unser Groß­vater beo­bach­tete uns lächelnd, sich wundernd, dass aus den kleinen En­keln alternde, wenn nicht alte Män­ner ge­worden waren. Und neben ihm schaute uns der da­malige Münchner Gast der Boz­zatos zu, der mehr­mals zur selben Zeit wie wir hier gewesen war, als hätten er und unser Großvater eine Über­einkunft geschlossen, eine Überein­kunft, die in einer gemein­samen Nähe zu einer schlimmen Zeit begründet war. Dass sie ihr gemeinsam auch nachtrauerten, wäre vielleicht zu viel vermutet, aber eine gewisse still­schweigende Überein­stimmung hatte wohl be­standen. Unser Großvater mütterlicherseits, seine zweite Frau – unsere Stiefgroßmutter – , der Münch­ner und die alten Bozza­tos waren längst tot. Gianni sagte, seine Eltern seien ganz in der Nähe begraben.

Der tiefrote Wein, der verhalten leuchtete, schmeckte hervorragend und hatte eine wunderbare Temperatur. Wir achteten darauf, die in Italien geltende Promillegrenze nicht zu überschrei­ten, vor allem mein Bruder, der mit dem Auto fuhr, musste konsequent sein. Der Wein ließ uns die Grausamkeit, unweigerlich dem Abschied entgegenzugehen, eine kurze Zeit ertragen. Der Wein zerging auf dem Gaumen, ähnlich wie das Wort Amalfi in phonetischer Hinsicht, und die leichte Berauschung verlieh mir ein wohliges Glücksgefühl. Ob es Gianni auch so ging, weiß ich nicht, meinem Bruder schon, bin ich mir sicher. Das Kätzchen hatte sich ange­nähert und schmiegte sich abwechselnd an meine Füße und die meines Bruders, diejenigen der Bozzatos interes­sierten es nicht, die kannte es zur Genüge. Wir schlugen vor, dass Giannis Frau von uns dreien ein Foto schoss, und wir standen auf, legten die Arme um die Schultern des anderen und lächelten in die Kamera. Das Foto wurde akzeptabel, und wir wirkten unge­künstelt heiter. Ich habe es vergrößern lassen und werfe den einen oder anderen Blick darauf. Langsam mussten wir ans Aufbrechen den­ken, um nach Ca­orle zu fahren, wo wir eine weitere retroo­rientierte Station einlegen wollten. Dort hatte jeder von uns ein paar Mal mit unse­rer Großmutter väterlicherseits einige Wo­chen ver­bracht, doch waren wir Brüder nie gemein­sam gefahren, ohne besonderen Grund. Und wir wollten unbedingt noch die Bunker besichti­gen, in denen wir als Kinder herumge­krochen waren, ohne uns die Knochen zu brechen.

Hochinteres­siert an allem Kriegerischen waren wir damals gewesen, nicht nur an den edlen Menschen in Karl Mays Romanen. Das hatte sich allerdings bald zu einer kriegsdienstverwei­gernden Hal­tung geändert und ist bis heute so geblieben. Bloß die jugendliche Radikalität wich mittlerweile einer pragmatischen Einstellung. Ich glaube, ich darf das auch für meinen Bruder behaupten. Es han­delte sich um mehrere unterirdisch verbundene Bunker, die wie in einem Dschungel mit Ge­sträuch und Efeu verwachsen, musealen Anschauungsstücken gleich, ihrem Zweck entfremdete Zeu­gen einer blutigen Vergangenheit darstellten. Soweit ich mich erin­nere, hatten wir sie als Kin­der ungehindert betreten und darin herumgehen können. Außen hatte man vor einiger Zeit QR-Codes an­ge­bracht und englische Erläuterungen dazu geschrie­ben. Die Bunker dienten als Anschau­ungs­objekte für Historiker, für den Geschichts­unterricht, für Besucher, die Verwandte in den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs verloren hat­ten und ihnen nachspüren wollten. Eine eigen­artige Entdeckerromantik begleitete unser jetzi­ges Ein­dringen als Erwach­sene in die düsteren leeren Klötze. Wir hielten einige Motive mit unseren Digitalkameras fest, um sie zu Hause unserem jüngsten Bruder zu zei­gen. Bald ver­schwand die Sonne hinter den urwüchsi­gen Pflanzen, und es wurde Zeit, nach Caorle aufzu­brechen und dort den Aufenthalten mit unserer Großmutter nachzugehen.

Es war nicht schwierig, ein Hotel zu fin­den. Es war still geworden, und der Strand und das Meer wirkten zwar verlassen, aber auch erleichtert, sich nach den Menschen­massen in der Hochsaison rege­nerieren zu können. Abends aßen wir ein Fischgericht in einem auf einem kleinen innenhof­artigen Platz gelegenen Restaurant. Wir konnten im Freien sitzen, so mild war es bis in die Nacht hinein. Nach etwas Wein entwi­ckelten mein Bruder und ich die Kom­petenz, auf ver­schiedenen Gebieten, von der Politik bis zur Musik, mehr oder weniger Sinn­volles beizutragen. Am nächsten Tag wussten wir uns wieder realistisch einzu­schät­zen. Es schien die Sonne, das Meer blendete, und auf der Strandpromenade ließ es sich ungestört spa­zieren, so wenige Men­schen waren unterwegs. Das Hotel Marco Polo, in dem meine Groß­mutter zweimal mit mir einen Italien­urlaub verbracht hatte, gab es noch, alt und gebrechlich und den Sicherheitsvor­schriften nicht mehr entspre­chend wartete es auf seine Generalsanie­rung. Mein Bruder war mit ihr in einem anderen Hotel abgestiegen, dessen Namen und Lage ihm entfallen waren. Am späten Vormittag machten wir uns auf den Weg nach Udine und dann nach Cividale del Friuli, der alten Haupt­stadt Friauls, mit ge­pflas­terten, engen Gassen und intimen Plätzen. Tief unter der Teufelsbrü­cke floss grün der Nati­sone. Und irgendwann, auch wenn es schwerfiel, mussten wir den Heimweg antreten. Beide erwartete uns die Routine, die wir anlässlich dieser kleinen Reise eine Weile hatten verlassen können, und die ­kurze Wiederkehr kindlichen Glücks war vorbei.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 14029

 

Günthers Schüttelreime

Fashion Victim
Heut geh ich noch ins Kleiderhaus,
sagt modebewusst der Haider Klaus.

Schmerzbekämpfung
Wo ich den Krampf der Wade banne?
In Dampfbad oder Badewanne.

Vegetarisch-veganer Tipp
Nach einer Schüssel Bärlauch
hast du keinen Leerbauch.

Wilhelm friert
Es wärmt das Schweizer Tierfell,
drum kauf doch jetzt gleich vier, Tell.

Die Sonnenfinsternis vom Mittwoch, 11. August 1999, am Faaker See

Zunächst schien es, alles wäre vergebens gewesen. Das Buchen der Zimmer, die Anreise, der Kauf der Spezialbrillen, das Warten. Dann aber gab es Risse in den Wolken, die, anfangs tief­hängend, als wollten sie bald vom Himmel fallen, sich mehr und mehr darauf besannen, daß hoch oben ihr Platz war. Aus den Rissen wurden blaue Flecken, dann blieb die Sonne längere Zeit sichtbar und wärmte auf. Glaubte man zuerst, es handle sich vielleicht um eine boshafte Täuschung, um das Wecken falscher Hoffnungen, erkannte man bald mit Gewißheit, der Him­mel hatte ein Einsehen. Dabei wäre es in dieser Region gar nicht so wichtig gewesen, handelte es sich doch um eine Randzone der bevorstehenden totalen Sonnenfinsternis. Doch selbst hier wollten sich die Leute die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, Zeugen einiger Mi­nuten Verdunkelung zu werden.

Ich hatte anfangs, noch an diesem Morgen, noch am frühen Vormit­tag, gedacht, mich interessiere das nicht, sollen doch die anderen schauen, mit ihren Spezial­bril­len, die sie den Boulevard-Zeitungen entnommen haben. Ich doch nicht. Aber als es auf­klarte, als das tiefhängende, bauchige Grau sich zurückzog und immer mehr dem Blau des Himmels Platz machte, erwachte auch in mir Interesse. In der Nähe, östlich des Faaker Sees, lag der Tabor, ein Aussichtsberg über das Seegebiet, über die Wälder, die Karawanken im Sü­den. Ein Stück fuhr ich mit dem Auto hinauf, ließ es auf einem kleinen Parkplatz stehen und ging eine kurze steile Strecke zu Fuß. Dann erreichte ich die Restauration am höchsten Punkt.

Obwohl es noch einige Zeit bis zu dem seltenen Ereignis dauerte, waren schon viele Leute da und hatten sich die besten Plätze, die mit der besten Aussicht über die Landschaft und mit Blick in die Sonne, besetzt. Doch es war noch genug frei, sodaß ich einen günstigen Platz, vermeinte ich, fand. Es war noch Zeit. Die wollte ich zum Laben nützen. Nach einigen Minuten bekam ich das Gefühl, ich leide an Inkontinenz. Von meinem Gesäß strahlte eine unangenehme kalte Feuchtigkeit aus, die sich nach unten ausbreitete. Offenbar war die Holz­bank vom nächt­lichen Regen noch mit Nässe durchtränkt, und die Leute, die vor mir gekom­men waren, hatten die Sitzpolster in Besitz genommen und diesen Platz gemieden. Deshalb war er frei geblieben. Schlechter Laune warf ich der Kellnerin den untragbaren Zustand vor. Das junge, vergnügte Mädchen besorgte mir altem Grantscherm einen Polster, der meine Feuchte aufnahm und die nasse Kälte von mir fernhielt. Das hätte mich vielleicht aufgeheitert, doch die Tatsache, auf etwas Eßbares etwa eine halbe Stunde warten zu müssen, machte alles zunichte. Dann wurde ein Tisch frei, der schon längere Zeit der Sonne ausgesetzt gewesen war. Ich stürzte hin. Die Bank war trocken und warm. Ein Fortschritt.

Immer mehr Schaulus­tige, meist Touristen, wa­ren inzwischen gekommen, standen zum Teil am Geländer. Unten lag der See, grün durch die Spiegelung der ihn umgebenden Wälder in seinem Wasser. Im Süden erhoben sich die Kara­wanken, ungerührt von den Dingen, die kommen sollten, trotzig, archa­isch, schroff. Es kamen noch einige Leute, die keinen Platz mehr fanden und das be­vorstehende Ereignis im Stehen sehen wollten. Die meisten hatten Spezialbrillen mit, die eine gefahr­lose Sicht in die Sonne gewähren sollten, nur einige wenige begnügten sich damit, das was da kommen sollte, mit freiem Auge, ohne Blick in die Sonne, nur die Auswirkungen auf die Landschaft zu begutachten.

Dann be­gann das Ereignis. Bebrillte Gesichter ringsum. Nach und nach wurde das Tageslicht trüber, nicht so wie während der Dämmerung, wo die Sonne sicht­bar bleibt oder hinter Wolken ver­schwindet und die Lichtbrechung und der Einfallswinkel ihrer Strahlen und ihr langsames An­nähern an den Horizont für die Änderung der Lichtver­hältnisse verantwortlich sind. Jetzt aber schob sich der Mond, selbst für die Strahlen der Sonne undurchdringlich, vor sie, hier zwar nicht vollständig, nur partiell, aber immerhin ge­nug, um eine geheimnisvolle Dämmrigkeit ent­stehen zu lassen, eine fast bedrohlich wirkende Dunkelheit, die die Welt für die Zeit ihrer Dauer scheinbar verstummen und stillstehen ließ. Gewiß, die Schaulustigen ließen ihrer Begei­sterung freien Lauf, reichten ihre Brillen weiter, riefen sich gegenseitig ihre Eindrücke zu. Doch das Leben ringsum, das Getier, die Vögel ver­fielen für die wenigen Minuten der Dunkel­heit in Schweigen, und eine merkliche Abkühlung, noch deutlicher spürbar durch den leichten Wind hier oben auf dem Tabor, ließ fast frösteln und erahnen, was ein Verschwinden der Sonne, und sei es nur teilweise, und sei es nur für einige Minuten, ja Sekunden, nach sich zöge. Die Schatten verschwanden, über allem lag die­ses verdeckte dunkle Licht. Selbst die Segel­boote tief unten auf dem See schienen stillzuste­hen, selbst der Autoverkehr hielt inne, sogar die eiligen Lenker ließen sich das seltene Schau­spiel nicht entgehen.

Daß diese mystische Dunkel­heit, solange sie nicht erklärbar gewesen war, als von den Göttern stammend, als Strafe für menschliche Vergehen, als Androhung des Untergangs der Welt betrachtet und empfunden worden war, erschien angesichts des eigenen Erlebens äußerst verständlich. Unser heutiges Erleben erfolgt dagegen mit dem Hintergrund logischer wissenschaftlicher Begründungen und Erklärungen und beraubt das Ereignis seines Charakters als Wunder. Trotzdem wird nicht nur Nostradamus bemüht, und selbst Wissen­schaftler (ehemalige Wissenschaftler?) verfallen in Spekulation und reden den Menschen nach der Seele.

Dann merkte man, wie die Dunkelheit behutsam schwand, wie die Schatten wieder scharf und konturiert wurden, wie das Licht seine für diese Jah­reszeit gewöhnliche Beschaffenheit annahm, wie es warm, wie es schließlich heiß wurde. Die Segelboote setzten ihre Fahrt im Wind fort, die Badenden strömten ins Wasser, die Autos schlängelten sich unten durch die Orte, die Spezialbrillen wurden als Andenken einge­packt oder in den Abfalleimer geworfen. Die Tiere spürten, die kurzzeitige Änderung in der Natur war vorüber, es war heiß wie zuvor. Jetzt hieß es, lange Jahre, Jahrzehnte zu warten, bis die nächste Finsternis die Men­schen stau­nen lassen würde. Irgendwo auf der Erde aber kann man eine solche Finsternis er­leben, sie ist genau berechnet, zeitlich und örtlich, und die Rei­severanstalter bieten sie im Arrange­ment an. Und der vermeintliche Untergang der Welt kann erwartet und ersehnt wer­den. In einer Zeit rationaler Aufklärung scheint es notwendig, einfache Erklärungen mit Untergangs­visionen zu verbrämen, das macht die Ereignisse zu Wundern, gottgewollt oder vom Teufel inszeniert und den Menschen zur Warnung veranstaltet. Dann wird es finster durch die astro­nomische Stellung des Mondes und der Sonne, frostig und still. Für eine kurze Weile herrscht Schweigen.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14005

Haikus

Kaltblau glänzt der See
Zu Stein verhärtet mein Herz
Und die Liebe bricht

Klares Licht nordwärts
Und in den kühlen Tälern
Frühe Dunkelheit

Schneezungen leuchten
Schmelzende Wiesen im Licht
Duften nach Frühling

Still lodert der Schein
Schweigen liegt über den Gräbern
Nur die Amsel singt

Weites Feld fernab
Hohes Gras zwischen Steinen
Und greise Fremdheit

Nebel ziehen still
Und aus dem Laub steigt Feuchte
Farben leuchten mild

Weithin nichts als weiß
Eisblumen zieren Fenster
Wohl wärmt der Kamin

Schwer drückt die Schwüle
Schon hüllt Finsternis uns ein
Blitze zucken auf

In der Abendkühle
Stirbt die schimmernde Hoffnung
Unter dem Kirschbaum

Kaltblauer Himmel
Über dem reinweißen Schneefeld
Eisiger Wind heult

Roter Mond leuchtet
Den Lippen des Mädchens gleich
Doch siegt die Täuschung

Dort ist der Leuchtturm
Und auf ihm singt der Vogel
Den Morgen herbei

Unten liegt das Meer
Weiß segeln kleine Schiffe
Auf blauem Wasser

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 14004