Kategorie-Archiv: Günther Androsch

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Im Alsergrund

Anfang Oktober ist es, mehr noch, es ist genau der erste, und ich komme endlich ins Hotel. So gegen halb sechs Uhr abends muss es sein. Ich fahre vom Schottentor eine Station mit der Straßenbahn die Währinger Straße stadtauswärts, dann gehe ich ein Stück im Regen, mit einer Mappe unter dem Arm, auf die vom Schirm das Wasser tropft. Aber die Mappe ist dicht, es dringt kein Wasser hinein. Der Stockschirm ist grün, es ist einer vom Spar, und obwohl er mich im Zug, in der Straßenbahn, in der U-Bahn stört, bin ich froh, ihn mitgenommen zu haben, so sehr schüttet es. Die Stra­ßen glänzen, auf den Gehsteigen und Fahrbahnen spiegeln sich die Lich­ter, die der Autos, die der Straßenbeleuchtung, die der Geschäfte, impressionistisch zergehen sie im Flüssigkeitsfilm und in den Pfützen. Der Regen lässt mich eine seltsame Geborgenheit fühlen, und es scheint mir, als weinte er über die verlorene Jugend der mächtigen alten Stadthäuser.

In der Währinger Straße, direkt gegenüber den Physikalischen Instituten der Universität Wien, liegt mein Hotel. Mein Gepäck habe ich schon am Morgen abgegeben, weil ich früh angekommen bin und dafür Zeit gehabt habe. Es ist ein Haus aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert oder Ende 19. Jahrhundert. Oder Anfang 20., das ist ziemlich dasselbe, und weit fehle ich nicht, bin ich mir sicher. Ich hole meine hellbraune Reisetasche, die mich schon während meiner Interrail-Reisen begleitet hat und die ich an der Rezeption habe stehen lassen dürfen. Der Lift in den 4. Stock braucht ewig, ich bekomme beinahe Angst, er würde überhaupt nicht stehen bleiben, son­dern mit mir ein Experiment zur Relativitätstheorie, zur Gravitation etwa, durchführen, mit stetig wachsender Geschwindigkeit über das Dach hinaus rasen, im­merhin sind die Physikalischen Institute nur ein paar Meter entfernt. Aber da hält er doch. Ver­winkelt orientiere ich mich an den Zimmernummern an den Wänden, ein Pfeil dahin, ein Pfeil dorthin. Schließlich stehe ich vor meinem Zimmer. Num­mer 400. Statt einer Magnetkarte gibt es einen Schlüssel, schwer liegt er in meiner Hand. Ein sympathischer Zug einer stehengebliebe­nen Zeit.
Eigentlich betrete ich eine Wohnung, kein bloßes Hotelzimmer: eine enge Diele, von der es zur Toilette geht, eine Garderobe, ein Bad, ein großes Zimmer mit drei Betten, ein Wohnzimmer fast, hoch oben über der Währinger Straße. Ein winziger Röhrenfernseher steht auf dem dunklen Schreibtisch, an dem man sitzen muss, um das Bild zu erkennen. Vom Bett aus geht da nichts. Höchstens mit einem Opern­glas. Im Vorraum, in der Garderobe steht ein alter knarrender Kasten, mit Kunststofffolie ausgelegt, die mit Röschen verziert ist. Hemden und Unterwäsche lege ich hinein. Vorher vergewissere ich mich, dass kein Staub auf den Folien liegt. Es scheint sauber zu sein. Keine Motten oder sonstiges Getier.
Ich telefoniere mit meinem Handy mit Wolfram. Es han­delt sich um einen Rückruf, den ich kurzhalten will, doch geht das bei Wolfram kaum, er hört nicht zu reden auf, selbst wenn es um nichts geht. Irgendwie schaffe ich den Ausstieg, ohne unhöflich zu sein. Er hat mir das Gasthaus „Wickerl“ zum Abendessen empfohlen, unten in der Porzellangasse. Ich werde danach Ausschau halten. Hungrig bin ich, wir haben wäh­rend der Besprechung tagsüber zwar ausreichend Brötchen bekommen, kleine Häppchen, aber keine warme Mahlzeit. Ich packe die Reisetasche aus, lege die Dinge aufs Bett, auf den Tisch, auf die Couch, einen Teil, der dort hingehört, ins Bad. Die Schuhe lasse ich an, ebenso das Sakko. Der Schirm ist in der Diele aufgespannt und gibt knisternde Geräusche von sich. Die Reiseta­sche ist jetzt leer. Morgen in der Früh kommt alles wieder hinein, was jetzt irgendwo im Zimmer liegt. Wenn ich zurückkomme, werden die Dinge geordnet, selbst wenn es nur für ein paar Stunden ist. Jetzt habe ich keine Lust dazu. So gehört es sich für einen Pedanten, würden ei­nige meiner Bekannten sagen, nämlich dass er peinlich Ordnung hält. Naja. Ich nenne mich positiv ordnungsliebend.

Ich entspanne den Schirm, gehe hinaus, sperre die Tür von außen ab, hole den Lift, steige ein, nachdem er endlich gekommen ist, drücke die Taste fürs Erdgeschoß, und er fährt tatsächlich nach unten. So lange kommt es mir jetzt nicht vor, die Schwerkraft hilft mit, wenigstens dem Gefühl nach. Eine scharfe Ana­lyse eines Physikers im Angesicht der Physikalischen Institute. Ich gehe an der Rezeption vorbei, die ein paar Stu­fen hinauf rechterhand liegt. Draußen bimmelt die Straßenbahn, die Autos verspritzen das Regenwasser der Pfützen, die Leute jonglieren sich mit ihren Schirmen über die Gehsteige, ich atme vor dem Hotel die kühle, vom Regen feuchte Luft, die erfri­schend zum Gehen hin­unter in den Alsergrund ermuntert. Die Ampel schaltet auf Grün, nach­dem ich gewartet habe und die Autos in ziemlichem Tempo vorbeigerast sind und bei Rot abrupt gebremst haben. Ihren Sprit­zern habe ich entgehen können. Am Anfang der Bolt­zmanngasse gibt es ein Gasthaus, das geschlossen ist, also weiter, entlang den Physikalischen Instituten und dann nach rechts in das letzte Stück der Strudlhofgasse. Rechts steht die schöne Villa, in der früher die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika war und links sehe ich eine Tafel, die auf den Schauspieler Raoul Aslan hinweist, der in diesem Haus gewohnt hat.
Und dann ist sie wieder vor mir, wie schon ein paar Mal, wenn ich in Wien war und in der Nähe nächtigte, früher oft an der Ecke Alserstraße/Lange Gasse, und ihr nahe sein wollte: die Strudlhofstiege. Vor Jahren habe ich Doderers Roman gelesen, er hat einen schwarzen Einband, ich habe ihn von meinem Vater geschenkt oder nach seinem frühen Tod bekommen, ich weiß es nicht mehr. Oben ist ein Spruch auf die Mauer gesprüht: „Balkone strahlen vor Schein­freiheit“. Ich gehe hinunter, kann mich nicht recht entschei­den, nehme ich die Kehre nach links oder nach rechts, ich gehe quasi planlos, einmal so, ein­mal so. Die Stiege ist beleuchtet, klar, die Sturz-, Belästigungs- und Rutschgefahr ist nicht ohne. Ein Mädchen kommt mir entgegen, es ver­meidet meinem Blick zu begegnen.
Dann bin ich unten, überquere die Liechtensteinstraße, biege in die Fürstengasse ein, die am Palais Liechtenstein entlang­führt. Schließlich habe ich die Porzellangasse erreicht, durch die der D-Wagen nach Nussdorf fährt und bimmelt und die leuchtet und im Regen glänzt. Märchenhaft. Die Pfützen reflektieren die Lichter, und diese glänzende Nässe, die Regelmäßigkeit des Regens, die Si­cherheit im kleinen privaten Revier unter dem Schirm schaffen eine abendliche Melancholie, eine anregende Melancholie, die nicht belastend ist, im Gegenteil, sie trifft die angenehm heimelige Stimmung im Alsergrund. Fast fühle ich mich hier zu Hause.

Ich habe Hunger und halte Ausschau nach dem Gasthaus „Wickerl“. Es zeigt sich mir nicht. Da fällt mir ein: Vor Jahrzehnten, als ich in Wien an der Nationalbibliothek zu tun hatte, kam ich oft in die Porzel­langasse. Gleich in der Nähe ist die Seegasse mit dem ältesten jüdischen Friedhof in Wien, glaube ich. Und die Berggasse, in der Sigmund Freund wohnte und praktizierte, ist auch nicht weit. Ich besuchte damals Tom, der an der Universität Wien ein Doppelstudium belegte, Informatik und Recht. Beides schloss er ab. Er wohnte im „Porzellaneum“, dem Heim des Studentenheimvereins der Wie­ner Universität. Wir spielten im Garten des Heimes Schach, und wenn es kalt war oder reg­nete, spielten wir im Gasthaus „D’Landsknecht“. Ich weiß nicht mehr, wo es liegt, aber weit, wo ich vor dem Porzellaneum stehe, kann es nicht sein. Ich halte Ausschau. Zunächst erwische ich die falsche Richtung, eh klar, daher nehme ich die andere, und da ist es schon, das „D’Landsknecht“. Bäuerliches Am­biente, warme Atmo­sphäre. Schirm zuklappen, Platz suchen, im Nichtrau­cherbereich, wenn möglich. Dunkles Holz. Ein Tisch am Fenster ist frei, ich sehe draußen den grauvioletten Ton der Dämmerung und höre den Regen. Die Kellnerin bringt mir die Speise­karte und fragt mich nach meinem Ge­tränkewunsch. Nein, kein Alkohol, nicht schon wieder Kopfweh. Also kein Bier, kein Wein, ein Fruchtsaft mit Leitungswasser. Sie trägt ein weiß-blaues Dirndl, kess, hat kleine Zöpf­chen, ein bisschen lolitahaft wirkt sie. Ein Surschnitzel wird es, vorher eine Suppe, das Abendmenü. Hinter mir sitzt eine Altherrenrunde, der Schmäh rennt. Heiterkeit, Gelächter.
Ich rufe meinen Bru­der an, der mir ein Angebot für ein neues Auto per eMail geschickt hat. Nein, er ist kein Au­tohändler, aber er hat eine gute Hand für Autos, überhaupt für alles Technische, er ist ein wirklicher Ingenieur, im Gegensatz zu mir. Ich bin bloß ein Papieringenieur. Stu­denten sind nicht allzu viele hier, vielleicht ist es zu früh am Abend, die werden später das Lo­kal noch füllen.
Inzwischen ist es draußen dunkel geworden, und die Lichter und ihre Reflexionen auf den regennassen Flächen haben an Intensität gewonnen. Die deftige Portion vertilge ich mühe­los, wieder eine gute Tat für mein wachsendes Bäuchlein. Ich überlege, ein Schnäps­chen zu nehmen, unterlasse es aber. Ich will keine Kopfschmerzen provozieren, die sich bei mir nach jedem kleinen Schluck Al­kohol melden. Oft auch ohne Alkohol. Also zahlen, bitte! Und das Dirndl kommt nach eini­gem Warten.

Auf der Porzellangasse klatscht der Regen auf. Mein Schirm ver­mittelt mir wieder ei­nen kleinen Bereich individueller Beschütztheit, es ist nahezu romantisch darunter. Jedenfalls fühle ich Geborgenheit, eine gleichmäßige Gebor­genheit im Rhythmus des Regens. In einem Zielpunkt kaufe ich mir eine Flasche Mineralwas­ser, falls ich in der Nacht Durst bekomme. Das Fließwasser im Hotel, ich traue ihm nicht. Nach der Fürs­tengasse überquere ich die Liechtensteinstraße, und dann sehe ich die Strudl­hofstiege wieder vor mir, hell beleuchtet. Heute gefällt sie mir gar nicht so sehr, die Fill­grader Stiege, die von der Gumpendorfer Straße hinauf zur Mariahilfer Straße führt, ist dagegen ein architektonisches Meisterwerk. Aber durch Doderer ge­winnt die Strudlhof­stiege an inneren Werten. Und das ist doch das Wichtigere gegenüber äußeren Merkmalen. Ich steige bergan und sehe oben wieder den aufgesprühten oder aufgemalten Text „Balkone strahlen vor Schein­frei­heit“. Dann wird es dunkel in der Strudlhofgasse, die kräftige Beleuchtung ist vorbei. Ich biege links in die Boltzmanngasse ein, gehe entlang dem Phy­sikgebäude, links sind die Häu­ser niedrig und lassen mich an das alte Wien, die Pest, den lie­ben Augustin, den Gevatter Tod, die Sagen aus der Residenz- und Kaiserstadt Wien denken.
Im Hotel muss ich wieder auf den Lift warten, er ist besetzt. Endlich kommt der langsame Herr, öffnet ebenso langsam, fährt langsam an und fährt und fährt. Kurze Orientierung. Da ist mein Zimmer, Nummer 400. Ich sperre mit dem schweren Schlüssel auf.
Gegenüber sind einige Räume der Physikalischen Institute beleuchtet, wahrscheinlich manche die ganze Nacht durch. Es laufen wohl Experimente und Versuchsreihen, die überwacht wer­den müssen, möglicherweise auch von Menschen, nicht nur von Computern. Hin und wieder schaue ich hinüber. Einige Fenster werden dunkel, einige bleiben hell. Die Straße glänzt. Die Autos sind weniger geworden, ich höre ihr Fahrgeräusch auf der nassen Fahr­bahn, die nach wie vor vom Regen benetzt wird. Und in meinem Altwiener Hotelzimmer denke ich an Hernals, an die Pezzlgasse, das Gast­haus „Liebstöckl“, an die Höhnegasse. Sie alle sind weit weg vom Alsergrund und doch in ei­nem verbindenden Kreis der Stadt. Ir­gendwie ist alles gegenwärtig für mich, obwohl es die damit verbundenen Personen physisch nicht mehr gibt, außer meiner Tante, der älteren Schwester meines Vaters, die demnächst ih­ren neunzigsten Geburtstag feiert. Ich ziehe die Vorhänge zu, schalte den winzigen Fern­sehapparat ein und schaue mir ein Spiel der Champions League aus dem Bett an. Wie Zwerge fuseln die Spieler über den Bildschirm.
Meine Augen brennen. Bald schlafe ich ein, beim Geräusch des Re­gens, das durch die Vor­hänge dringt, beim zeitweiligen Hupen der Autos.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen |Inventarnummer: 15011

Via Amalfi

Drei ältere Herren
Saßen bei Tisch
Unter der Spätsommersonne.
Eine Flasche roten Weins
Näherte sich der Neige.

Die Pfirsichplantagen
Gab es nicht mehr,
Aber der Strand
War naturbelassen
Und fast so wild
Wie vor fünfzig Jahren,
Und das Meer
War wunderschön
Und friedlich,
Und die Bunker waren
Geheimnisvoll wie damals
Und dicht verwachsen.

Die Frau des Italieners
Nahm am Rande
An den Erinnerungen teil.
Ein Glas Prosecco
Stand vor ihr.

Alte Fotos,
Auf denen die drei älteren Herren
Noch dünne Buben waren,
Führten ihnen
Erbarmungslos
Die Flüchtigkeit der Zeit
Vor Augen.

Da konnte nur,
Dachte sie
Im Stillen,
Der rote Wein
Eine Weile trösten.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 14030

Eine kleine italienische Reise

Entlang dem Fluss Sile lagen kleine Boote, darunter eine venezianisch an­mutende Gondel als Krönung gewissermaßen und als Hinweis, dass Venedig nicht mehr weit war. Das nahezu stehende Wasser des Flusses und die bunten Boote ließen mich an Bilder Vincent van Goghs aus Südfrankreich denken. Jesolo, nicht Lido di Jesolo, fiel nicht sehr ins Auge, wenn man es mit malerischen italienischen Dörfern und Orten verglich. Wir, mein Bruder und ich, ließen uns auf dem Dorf­platz unter einem Sonnenschirm nieder und nahmen einen Imbiss in einem Buffet, jeder ein panino und ein Coke. Es war spätsommerlich warm, von einem wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne kräftig, aber zurückhaltend gegenüber dem Hochsommer. Von zu Hause weggefah­ren waren wir bei Kälte, Wind und Regen, aber kaum hatten wir die Alpen hinter uns gelassen und uns nach ihren Ausläufern in der Po-Ebene gefunden, war alles italie­nisch: die Sonne, der Himmel, die Vegetation, die Häuser, die Men­schen. Der Tagliamento hatte sich als bescheidenes Rinnsal in einem überbreiten Schotterbett gegen Süden bewegt, wie er es immer tut, außer nach langem Regen oder zur Schnee­schmelze. Das adriatische Meer und die Lagune von Venedig waren nicht weit von Jesolo entfernt, und am Ortsrand machte sich das Meer in einiger Entfernung schüchtern in einem blassen Streifen bemerkbar.

Dann fuhren wir auf dem schmalen Landstreifen in Rich­tung Punta Sabbioni und kamen durch Orte, deren melodi­sche Namen uns von unseren Aufenthalten als Kinder in Erinnerung geblieben waren. Verein­zelt standen verfallene Gehöfte mitten auf den Feldern und verliehen der Landschaft, zumal die Touristen längst zu Hause waren, einen Hauch von Verlassenheit und Abwanderung. Schilder wiesen den Weg zu zahlreichen, nun sich selbst überlassenen Ferienanlagen, Campingplatz reihte sich an Cam­pingplatz, Wasserrutsche an Wasserrutsche, dazwischen gab es Tennis- und Bas­ketballplätze und Minigolfanlagen. Im kommenden Som­mer würde das Leben wieder erwachen. An der letzten Kreuzung vor der Via Amalfi befand sich noch immer der Supermarkt für Strand- und Cam­pingartikel und allen möglichen Ramsch. Es war, als wä­ren wir erst kürzlich hier gewesen, doch waren mittlerweile um die fünfzig Jahre vergangen.

Schnurgerade führte die Straße weiter zur Lagune von Vene­dig. Wir gaben Acht, vor allem ich als Beifahrer, die Ab­biegung nach links in die Via Amalfi nicht zu übersehen. Und da las ich das Schild: Via Amalfi! Welch wunderbarer Name! Er zergeht, spricht man ihn genieße­risch aus, auf der Zunge. Un­willkürlich dachte ich an das Amalfi süd­lich von Neapel, an die biedermeier­lich-romantischen Bilder der Küste vor Amalfi von Jakob von Alt und an Goethes Italienische Reise. Dorthin, nach jenem Amalfi, war es zwar noch ein weiter Weg, immerhin aber gab es hier, im italieni­schen Norden, eine Ahnung vom tieferen Süden. Die Straße, so erfuhren wir später, hatte ihren Na­men nach einem Bach namens Amalfi, der irgendwo in der Nähe unscheinbar sein Dasein fristete, um schließlich in die La­gune von Venedig zu münden. Vor Jahr­zehnten war die Straße, erinnerten wir uns, nicht as­phaltiert gewesen, unser Auto war damals zum Haus der Bozzatos gerumpelt, was uns Kin­dern ziemlichen Spaß bereitet hatte.

Bruno Boz­zato und seine Frau, deren Vornamen ich ver­gessen habe, waren die Vermieter von Ferien­wohnungen gewesen, und im Internet hatten wir gese­hen, dass Gianni, ihr Sohn, mit dem wir gespielt hatten, die Ferienanlage weiter betrieb. Im ersten Anlauf fuhren wir am An­wesen vorbei und erreichten eine Querstraße ent­lang von Wo­chenendhäusern, jedenfalls er­weckten sie diesen Eindruck. Die Obstgärten – Pfir­siche, Wein, Marillen, Äpfel – , die fast bis an den Strand gereicht hatten, gab es nicht mehr, das erkannten wir auf den ersten Blick. Wir kehrten um und nahmen die kleine Einfahrt, die wir zuvor über­sehen hatten. Und da stand das Einfahrts­tor zur Ferienan­lage und daneben ein ge­waltig wir­kender Bunker, der uns damals fasziniert hatte. Das tat er auch jetzt, wo wir da­vor ­standen und das Auto parkten. Er war ver­wachsen mit Gesträuch und Gebüsch, teilweise von Efeu einge­hüllt und lugte uns finster und kriege­risch entgegen. Unser Auto war das ein­zige in der un­mittelbaren Umgebung. Ruhig lag die Ferien­anlage vor uns. Wir nahmen unsere Foto­apparate und gingen die Zufahrtsstraße ent­lang. Rechterhand stand eine große Zelthalle mit Tischten­nistischen und zahlreichen Fahrrä­dern. Dann kam das Haus, in dem wir gewohnt hatten. Es wirkte völlig unverändert, nicht nur dem ersten Eindruck nach. Vielleicht war es irgendwann frisch gestrichen worden – es zeigte sich in einer Mischung aus Rosa und Orange – , die Türen und die Fenster allerdings waren gegenüber früher un­verändert. Dem Eingang gegenüber stan­den unter einer weinbe­rankten Überdachung Aluminiumtische, die ich gleich wiederer­kannte und die wie das Haus selbst die lange zurückliegende Zeit plötzlich wie im Zeitraffer heftig heranzogen, als wäre ein Erinne­rungsmagnet wirksam geworden.

Mein Bru­der und ich stell­ten uns in den Ein­gangsbe­reich des Hauses und nach ein paar Sekunden foto­grafierte uns der Fotoapparat mit dem Selbstaus­löser. Zwei älter gewordene kleine Buben standen vor dem Hauseingang. Nach wie vor schien das ganze Gelände wie verlassen, nur eine Katze ließ sich blicken, nahm uns misstrauisch zur Kenntnis und schlich dann unin­teressiert von dannen. Hinter dem Haus gab es einen Zu­bau, in dem wir mit den Eltern ge­wohnt hatten, einmal oder zweimal war un­ser damals kleiner Bru­der dabei gewesen. Und auf einer früher freien Fläche hatten die Boz­zatos kleine Ferien­bun­galows errichtet, die ebenfalls leer und verlassen der Urlaubssaison nachtrauerten.

Wir gingen umher, erinnerten uns an Be­kanntes, weniges war neu für uns. Da sahen wir eine Frau aus ei­ner der Ferienwohnungen kommen, offenbar war sie mit dem Rei­nigen nach der Saison beschäftigt. Die Katze hielt sich in ihrer Nähe auf. Mein Bruder, der ganz gut Italienisch be­herrscht, sprach sie an. Dass wir hier mehrmals auf Urlaub gewesen seien und mit Gianni Bozzato gespielt hätten und dass das alles um die fünfzig Jahre vorbei sei. Sie sei Giannis Frau, sagte sie – ihren Namen weiß ich nicht mehr – , und Gianni und sie führten den Betrieb seit dem Tod Bruno Bozzatos weiter. Sie war eine kleine, runde und feste Frau, die wohl ziemlich zupacken musste. Wir zeigten ihr ein altes Foto, auf dem mei­n Bruder und ich vor einer Pfütze hockten, während Gianni davor stand. Alle drei beo­bachteten interessiert das Ge­sche­hen darin. Gianni schien in dieser Runde der Experte gewe­sen zu sein, er trug pro­fesso­rale Brillen und schien die biologi­schen Vorgänge in der Pfütze zu kommentie­ren. Auf dem alten Foto erin­nerte mich Gianni an den ganz jungen Cesare Pa­vese, den ich eine lange Zeit sehr gern gele­sen hatte. Mein Bruder nannte unseren Namen und den meines Großvaters, und Gi­annis Frau glaubte, aus Erinnerun­gen ihres Man­nes und ihres Schwieger­vaters, Bruno Boz­zato, davon gehört zu haben. Ob wir ihn, Gianni, heute oder morgen treffen könnten, fragte mein Bruder auf Italienisch. Unser Be­such sei zwar überra­schend, deshalb wollten wir auch nicht lange stören, bloß unserem Be­dürfnis, den frü­heren Erlebnissen nach­zugehen, sie kurz aufleben zu lassen, folgen. Gianni sei am Strand, sagte seine Frau, er habe dort einen fahrba­ren Eisstand, und heute, an diesem warmen Spät­som­mertag, nehme er die Gelegenheit wahr, Eis anzupreisen, bald werde es da­mit vorbei sein.

Wir stiegen ins Auto, fuhren zum Strand, und statt der Obstplantagen, durch die früher Feld­wege zum Meer geführt hatten, gab es schmale asphaltierte Straßen. Die Annä­herung ans Meer war auto- und radfah­rerfreundlich er­schlossen worden. Dann zeigte sich vor uns das Meer, wir parkten und sahen das Ver­halten der Strandbenützer regelnde Schilder, die es früher nicht gegeben hatte, da war alles frei und ohne Vorschriften gewe­sen. Vom Parkplatz zum Strand hin hatte man Stein­platten und Holz­stege ver­legt, aber sobald sich der Strand öffnete, erkannten wir, dass er bis auf die Zufahrt und die Wege ge­nauso naturbelassen war wie vor Jahrzehnten. Die Sanddünen waren mit Seegras bewachsen, das sich im Wind wiegte, Hunde tummelten sich, Kinder toll­ten herum. Die Erwachsenen lagen brav auf ihren Liegen oder Decken, lasen, schliefen in der milden Sonne oder spielten mit ihren Kindern Federball oder bauten mit ihnen Burgen oder andere Bau­werke aus dem feuchten Sand. Manchmal riefen sie nach ihren Kindern, wenn die sich zu weit entfernt hatten oder das Wasser nicht verlassen wollten. Wir tranken im Strand­buffet einen Espresso unter dem Son­nenschirm, dann krem­pelte ich die Ho­sen hoch, ging hin­unter zum Meer und ließ meine Füße von den Wellen um­spielen. Mein Bruder schwamm ein gutes Stück ins Meer hinaus. Der wei­che nasse Sand wich im Rhythmus der Wellen zurück und entzog mir den Boden unter den Füßen. Es war ein wun­derbar kühles Gefühl der Unsicherheit. Mein Bruder machte sich auf den Weg, Giannis Eis­stand zu suchen, mit freiem Auge konnten wir ihn von unserem Standort nicht ausmachen. Der Leuchtturm, Faro la Pagoda, den ich in Erinnerung hatte, stand noch da, allerdings hatte er damals viel weiter entfernt und höher gewirkt. Die Ent­fernungen hatten im Laufe der Zeit eine Längenkontraktion erfahren, heute nahm ich die Maße realistisch wahr, nicht mit einem kind­lichen Faktor multipliziert.

Ich kehrte zum Strandbuffet zurück, während sich mein Bru­der auf die Suche nach Gianni machte. Nach ei­niger Zeit kam er zurück. Er hatte Gianni ge­fun­den, ihm ein Foto von unseren früheren Aufenthalten gezeigt, und Gianni konnte sich so­fort erinnern. Wir sollten nach siebzehn Uhr, da kehre er nach Hause zurück, in die Via Amal­fi ­kommen, dann würden wir ein Gläschen trinken. Wir saßen noch eine Zeit unter dem Son­nen­schirm, bestä­tigten uns gegenseitig, dass der Strand nahezu unverändert sei. Gianni schob den Eis­wagen vor­bei und grüßte die Leute vom Buffet. Er kam mir groß und stämmig vor. Wir hatten noch Zeit und beschlossen, an die Land­spitze, nach Punta Sabbioni, zu fahren, wo die Fähren nach Ve­nedig überset­zen und zu­rückkommen. Es war zwar ruhiger als in der Sommersaison, doch aufgrund der nachsommer­lichen Witterung herrschte doch einiges Trei­ben. Der Campanile schimmerte in der Ferne, ebenso Santa Maria della Salute und in anderer Richtung erkannten wir Burano und Torcello. Etwas vor siebzehn Uhr parkten wir vor der Ferienanlage, gingen hinein, aber da war wie vorher nie­mand. Nicht einmal die Katze ließ sich blicken. In einem der Bungalows wohnte offenbar ein junges Pärchen, eine Frau kam mit einem Rad und ging in eines der klei­nen Ap­partements. Ein junger Mann folgte ihr. Sie waren Verwandte von Gi­anni, sollten wir später erfahren. Sonst war alles völlig verlassen. Auch Giannis Frau ließ sich nicht blicken.

Nach längerer Zeit sagte ich zu meinem Bruder, Gianni habe wohl kein wirkli­ches Inte­resse, uns Nostal­giker zu treffen. Doch da bemerkten wir Gi­annis Frau, wie sie – offenbar immer noch mit Reinigungsarbeiten be­schäftigt – aus einem der Gebäude kam und mit dem Handy telefonierte. Gianni komme gleich, sagte sie, und mein Bruder verstand das und übersetzte es mir. Er habe noch den Eiswagen einstellen und etwas Unvor­hergesehenes erledigen müssen, daher sei er verspätet. Wir sollten doch einstweilen ein Glas Prosecco mit ihr trin­ken. Wir ließen uns an einem kleinen Tisch hinter dem Haupthaus nieder und stießen an. Sa­lute, sagten wir zu einander. Da kam ein Auto und parkte neben dem Haus. Es war Gi­anni. Wir standen auf und begrüßten uns. Er war tatsächlich stämmig, aber nicht so groß, wie er mir auf dem Strand erschienen war, ich und mein Bruder waren etwas grö­ßer. Gianni lachte und schien sich über unseren überraschenden Besuch doch zu freuen. Mein Bru­der holte die Fotos von damals her­vor, darunter dasjenige mit der Pfütze und Gianni als Erklä­rer dieses örtlichen Biotops. Wie wir selbst war auch Gi­anni sofort um fünf­zig Jahre zurückversetzt, das merkte ich an seinen Reaktionen und am Di­alog mit meinem Bru­der. Gi­anni schlug vor, mit Rotwein auf uns anzu­stoßen. Er holte eine Flasche Valpoli­cella. Er sagte, früher hätten sie selbst Wein angebaut, aber nach einer katastrophalen Über­schwemmung, die fast alle Plantagen und die ganze Infra­struktur im Umkreis zer­stört habe, hätten sie und die benachbarten Betriebe sich kom­plett auf Bade- und Radtou­rismus umge­stellt. Gi­anni öffnete die Fla­sche, schenkte ein, seine Frau blieb beim Prosecco. Mir kam vor, unser Groß­vater beo­bach­tete uns lächelnd, sich wundernd, dass aus den kleinen En­keln alternde, wenn nicht alte Män­ner ge­worden waren. Und neben ihm schaute uns der da­malige Münchner Gast der Boz­zatos zu, der mehr­mals zur selben Zeit wie wir hier gewesen war, als hätten er und unser Großvater eine Über­einkunft geschlossen, eine Überein­kunft, die in einer gemein­samen Nähe zu einer schlimmen Zeit begründet war. Dass sie ihr gemeinsam auch nachtrauerten, wäre vielleicht zu viel vermutet, aber eine gewisse still­schweigende Überein­stimmung hatte wohl be­standen. Unser Großvater mütterlicherseits, seine zweite Frau – unsere Stiefgroßmutter – , der Münch­ner und die alten Bozza­tos waren längst tot. Gianni sagte, seine Eltern seien ganz in der Nähe begraben.

Der tiefrote Wein, der verhalten leuchtete, schmeckte hervorragend und hatte eine wunderbare Temperatur. Wir achteten darauf, die in Italien geltende Promillegrenze nicht zu überschrei­ten, vor allem mein Bruder, der mit dem Auto fuhr, musste konsequent sein. Der Wein ließ uns die Grausamkeit, unweigerlich dem Abschied entgegenzugehen, eine kurze Zeit ertragen. Der Wein zerging auf dem Gaumen, ähnlich wie das Wort Amalfi in phonetischer Hinsicht, und die leichte Berauschung verlieh mir ein wohliges Glücksgefühl. Ob es Gianni auch so ging, weiß ich nicht, meinem Bruder schon, bin ich mir sicher. Das Kätzchen hatte sich ange­nähert und schmiegte sich abwechselnd an meine Füße und die meines Bruders, diejenigen der Bozzatos interes­sierten es nicht, die kannte es zur Genüge. Wir schlugen vor, dass Giannis Frau von uns dreien ein Foto schoss, und wir standen auf, legten die Arme um die Schultern des anderen und lächelten in die Kamera. Das Foto wurde akzeptabel, und wir wirkten unge­künstelt heiter. Ich habe es vergrößern lassen und werfe den einen oder anderen Blick darauf. Langsam mussten wir ans Aufbrechen den­ken, um nach Ca­orle zu fahren, wo wir eine weitere retroo­rientierte Station einlegen wollten. Dort hatte jeder von uns ein paar Mal mit unse­rer Großmutter väterlicherseits einige Wo­chen ver­bracht, doch waren wir Brüder nie gemein­sam gefahren, ohne besonderen Grund. Und wir wollten unbedingt noch die Bunker besichti­gen, in denen wir als Kinder herumge­krochen waren, ohne uns die Knochen zu brechen.

Hochinteres­siert an allem Kriegerischen waren wir damals gewesen, nicht nur an den edlen Menschen in Karl Mays Romanen. Das hatte sich allerdings bald zu einer kriegsdienstverwei­gernden Hal­tung geändert und ist bis heute so geblieben. Bloß die jugendliche Radikalität wich mittlerweile einer pragmatischen Einstellung. Ich glaube, ich darf das auch für meinen Bruder behaupten. Es han­delte sich um mehrere unterirdisch verbundene Bunker, die wie in einem Dschungel mit Ge­sträuch und Efeu verwachsen, musealen Anschauungsstücken gleich, ihrem Zweck entfremdete Zeu­gen einer blutigen Vergangenheit darstellten. Soweit ich mich erin­nere, hatten wir sie als Kin­der ungehindert betreten und darin herumgehen können. Außen hatte man vor einiger Zeit QR-Codes an­ge­bracht und englische Erläuterungen dazu geschrie­ben. Die Bunker dienten als Anschau­ungs­objekte für Historiker, für den Geschichts­unterricht, für Besucher, die Verwandte in den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs verloren hat­ten und ihnen nachspüren wollten. Eine eigen­artige Entdeckerromantik begleitete unser jetzi­ges Ein­dringen als Erwach­sene in die düsteren leeren Klötze. Wir hielten einige Motive mit unseren Digitalkameras fest, um sie zu Hause unserem jüngsten Bruder zu zei­gen. Bald ver­schwand die Sonne hinter den urwüchsi­gen Pflanzen, und es wurde Zeit, nach Caorle aufzu­brechen und dort den Aufenthalten mit unserer Großmutter nachzugehen.

Es war nicht schwierig, ein Hotel zu fin­den. Es war still geworden, und der Strand und das Meer wirkten zwar verlassen, aber auch erleichtert, sich nach den Menschen­massen in der Hochsaison rege­nerieren zu können. Abends aßen wir ein Fischgericht in einem auf einem kleinen innenhof­artigen Platz gelegenen Restaurant. Wir konnten im Freien sitzen, so mild war es bis in die Nacht hinein. Nach etwas Wein entwi­ckelten mein Bruder und ich die Kom­petenz, auf ver­schiedenen Gebieten, von der Politik bis zur Musik, mehr oder weniger Sinn­volles beizutragen. Am nächsten Tag wussten wir uns wieder realistisch einzu­schät­zen. Es schien die Sonne, das Meer blendete, und auf der Strandpromenade ließ es sich ungestört spa­zieren, so wenige Men­schen waren unterwegs. Das Hotel Marco Polo, in dem meine Groß­mutter zweimal mit mir einen Italien­urlaub verbracht hatte, gab es noch, alt und gebrechlich und den Sicherheitsvor­schriften nicht mehr entspre­chend wartete es auf seine Generalsanie­rung. Mein Bruder war mit ihr in einem anderen Hotel abgestiegen, dessen Namen und Lage ihm entfallen waren. Am späten Vormittag machten wir uns auf den Weg nach Udine und dann nach Cividale del Friuli, der alten Haupt­stadt Friauls, mit ge­pflas­terten, engen Gassen und intimen Plätzen. Tief unter der Teufelsbrü­cke floss grün der Nati­sone. Und irgendwann, auch wenn es schwerfiel, mussten wir den Heimweg antreten. Beide erwartete uns die Routine, die wir anlässlich dieser kleinen Reise eine Weile hatten verlassen können, und die ­kurze Wiederkehr kindlichen Glücks war vorbei.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 14029

 

Günthers Schüttelreime

Fashion Victim
Heut geh ich noch ins Kleiderhaus,
sagt modebewusst der Haider Klaus.

Schmerzbekämpfung
Wo ich den Krampf der Wade banne?
In Dampfbad oder Badewanne.

Vegetarisch-veganer Tipp
Nach einer Schüssel Bärlauch
hast du keinen Leerbauch.

Wilhelm friert
Es wärmt das Schweizer Tierfell,
drum kauf doch jetzt gleich vier, Tell.

Die Sonnenfinsternis vom Mittwoch, 11. August 1999, am Faaker See

Zunächst schien es, alles wäre vergebens gewesen. Das Buchen der Zimmer, die Anreise, der Kauf der Spezialbrillen, das Warten. Dann aber gab es Risse in den Wolken, die, anfangs tief­hängend, als wollten sie bald vom Himmel fallen, sich mehr und mehr darauf besannen, daß hoch oben ihr Platz war. Aus den Rissen wurden blaue Flecken, dann blieb die Sonne längere Zeit sichtbar und wärmte auf. Glaubte man zuerst, es handle sich vielleicht um eine boshafte Täuschung, um das Wecken falscher Hoffnungen, erkannte man bald mit Gewißheit, der Him­mel hatte ein Einsehen. Dabei wäre es in dieser Region gar nicht so wichtig gewesen, handelte es sich doch um eine Randzone der bevorstehenden totalen Sonnenfinsternis. Doch selbst hier wollten sich die Leute die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, Zeugen einiger Mi­nuten Verdunkelung zu werden.

Ich hatte anfangs, noch an diesem Morgen, noch am frühen Vormit­tag, gedacht, mich interessiere das nicht, sollen doch die anderen schauen, mit ihren Spezial­bril­len, die sie den Boulevard-Zeitungen entnommen haben. Ich doch nicht. Aber als es auf­klarte, als das tiefhängende, bauchige Grau sich zurückzog und immer mehr dem Blau des Himmels Platz machte, erwachte auch in mir Interesse. In der Nähe, östlich des Faaker Sees, lag der Tabor, ein Aussichtsberg über das Seegebiet, über die Wälder, die Karawanken im Sü­den. Ein Stück fuhr ich mit dem Auto hinauf, ließ es auf einem kleinen Parkplatz stehen und ging eine kurze steile Strecke zu Fuß. Dann erreichte ich die Restauration am höchsten Punkt.

Obwohl es noch einige Zeit bis zu dem seltenen Ereignis dauerte, waren schon viele Leute da und hatten sich die besten Plätze, die mit der besten Aussicht über die Landschaft und mit Blick in die Sonne, besetzt. Doch es war noch genug frei, sodaß ich einen günstigen Platz, vermeinte ich, fand. Es war noch Zeit. Die wollte ich zum Laben nützen. Nach einigen Minuten bekam ich das Gefühl, ich leide an Inkontinenz. Von meinem Gesäß strahlte eine unangenehme kalte Feuchtigkeit aus, die sich nach unten ausbreitete. Offenbar war die Holz­bank vom nächt­lichen Regen noch mit Nässe durchtränkt, und die Leute, die vor mir gekom­men waren, hatten die Sitzpolster in Besitz genommen und diesen Platz gemieden. Deshalb war er frei geblieben. Schlechter Laune warf ich der Kellnerin den untragbaren Zustand vor. Das junge, vergnügte Mädchen besorgte mir altem Grantscherm einen Polster, der meine Feuchte aufnahm und die nasse Kälte von mir fernhielt. Das hätte mich vielleicht aufgeheitert, doch die Tatsache, auf etwas Eßbares etwa eine halbe Stunde warten zu müssen, machte alles zunichte. Dann wurde ein Tisch frei, der schon längere Zeit der Sonne ausgesetzt gewesen war. Ich stürzte hin. Die Bank war trocken und warm. Ein Fortschritt.

Immer mehr Schaulus­tige, meist Touristen, wa­ren inzwischen gekommen, standen zum Teil am Geländer. Unten lag der See, grün durch die Spiegelung der ihn umgebenden Wälder in seinem Wasser. Im Süden erhoben sich die Kara­wanken, ungerührt von den Dingen, die kommen sollten, trotzig, archa­isch, schroff. Es kamen noch einige Leute, die keinen Platz mehr fanden und das be­vorstehende Ereignis im Stehen sehen wollten. Die meisten hatten Spezialbrillen mit, die eine gefahr­lose Sicht in die Sonne gewähren sollten, nur einige wenige begnügten sich damit, das was da kommen sollte, mit freiem Auge, ohne Blick in die Sonne, nur die Auswirkungen auf die Landschaft zu begutachten.

Dann be­gann das Ereignis. Bebrillte Gesichter ringsum. Nach und nach wurde das Tageslicht trüber, nicht so wie während der Dämmerung, wo die Sonne sicht­bar bleibt oder hinter Wolken ver­schwindet und die Lichtbrechung und der Einfallswinkel ihrer Strahlen und ihr langsames An­nähern an den Horizont für die Änderung der Lichtver­hältnisse verantwortlich sind. Jetzt aber schob sich der Mond, selbst für die Strahlen der Sonne undurchdringlich, vor sie, hier zwar nicht vollständig, nur partiell, aber immerhin ge­nug, um eine geheimnisvolle Dämmrigkeit ent­stehen zu lassen, eine fast bedrohlich wirkende Dunkelheit, die die Welt für die Zeit ihrer Dauer scheinbar verstummen und stillstehen ließ. Gewiß, die Schaulustigen ließen ihrer Begei­sterung freien Lauf, reichten ihre Brillen weiter, riefen sich gegenseitig ihre Eindrücke zu. Doch das Leben ringsum, das Getier, die Vögel ver­fielen für die wenigen Minuten der Dunkel­heit in Schweigen, und eine merkliche Abkühlung, noch deutlicher spürbar durch den leichten Wind hier oben auf dem Tabor, ließ fast frösteln und erahnen, was ein Verschwinden der Sonne, und sei es nur teilweise, und sei es nur für einige Minuten, ja Sekunden, nach sich zöge. Die Schatten verschwanden, über allem lag die­ses verdeckte dunkle Licht. Selbst die Segel­boote tief unten auf dem See schienen stillzuste­hen, selbst der Autoverkehr hielt inne, sogar die eiligen Lenker ließen sich das seltene Schau­spiel nicht entgehen.

Daß diese mystische Dunkel­heit, solange sie nicht erklärbar gewesen war, als von den Göttern stammend, als Strafe für menschliche Vergehen, als Androhung des Untergangs der Welt betrachtet und empfunden worden war, erschien angesichts des eigenen Erlebens äußerst verständlich. Unser heutiges Erleben erfolgt dagegen mit dem Hintergrund logischer wissenschaftlicher Begründungen und Erklärungen und beraubt das Ereignis seines Charakters als Wunder. Trotzdem wird nicht nur Nostradamus bemüht, und selbst Wissen­schaftler (ehemalige Wissenschaftler?) verfallen in Spekulation und reden den Menschen nach der Seele.

Dann merkte man, wie die Dunkelheit behutsam schwand, wie die Schatten wieder scharf und konturiert wurden, wie das Licht seine für diese Jah­reszeit gewöhnliche Beschaffenheit annahm, wie es warm, wie es schließlich heiß wurde. Die Segelboote setzten ihre Fahrt im Wind fort, die Badenden strömten ins Wasser, die Autos schlängelten sich unten durch die Orte, die Spezialbrillen wurden als Andenken einge­packt oder in den Abfalleimer geworfen. Die Tiere spürten, die kurzzeitige Änderung in der Natur war vorüber, es war heiß wie zuvor. Jetzt hieß es, lange Jahre, Jahrzehnte zu warten, bis die nächste Finsternis die Men­schen stau­nen lassen würde. Irgendwo auf der Erde aber kann man eine solche Finsternis er­leben, sie ist genau berechnet, zeitlich und örtlich, und die Rei­severanstalter bieten sie im Arrange­ment an. Und der vermeintliche Untergang der Welt kann erwartet und ersehnt wer­den. In einer Zeit rationaler Aufklärung scheint es notwendig, einfache Erklärungen mit Untergangs­visionen zu verbrämen, das macht die Ereignisse zu Wundern, gottgewollt oder vom Teufel inszeniert und den Menschen zur Warnung veranstaltet. Dann wird es finster durch die astro­nomische Stellung des Mondes und der Sonne, frostig und still. Für eine kurze Weile herrscht Schweigen.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14005

Haikus

Kaltblau glänzt der See
Zu Stein verhärtet mein Herz
Und die Liebe bricht

Klares Licht nordwärts
Und in den kühlen Tälern
Frühe Dunkelheit

Schneezungen leuchten
Schmelzende Wiesen im Licht
Duften nach Frühling

Still lodert der Schein
Schweigen liegt über den Gräbern
Nur die Amsel singt

Weites Feld fernab
Hohes Gras zwischen Steinen
Und greise Fremdheit

Nebel ziehen still
Und aus dem Laub steigt Feuchte
Farben leuchten mild

Weithin nichts als weiß
Eisblumen zieren Fenster
Wohl wärmt der Kamin

Schwer drückt die Schwüle
Schon hüllt Finsternis uns ein
Blitze zucken auf

In der Abendkühle
Stirbt die schimmernde Hoffnung
Unter dem Kirschbaum

Kaltblauer Himmel
Über dem reinweißen Schneefeld
Eisiger Wind heult

Roter Mond leuchtet
Den Lippen des Mädchens gleich
Doch siegt die Täuschung

Dort ist der Leuchtturm
Und auf ihm singt der Vogel
Den Morgen herbei

Unten liegt das Meer
Weiß segeln kleine Schiffe
Auf blauem Wasser

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 14004

hofgasse 12

die wohnung klein eng sonnenhell muß ich verlassen die wohnung verlassen die so heiß ist obwohl verdunkelt so heiß ich muß hinaus überall ist der herbst der heiße herbst ich bin drau­ßen auf meinem weg dem herbstweg ich spüre den himmel die luft den wind die sonne den schweiß die landschaft mild ist es nicht aggressiv heiß nicht schwer nicht schwül wie im sommer nicht mild wie im frühling früh­lingsmilde ist aufleben herbstesmilde ist absterben himmelsmilde kontrastesmilde unscharf sind die konturen verwaschen unschärferelation herbstesmilde ist abschiedsmilde der abschied kommt der abschied jetzt bin ich im lokal dem kleinen dem winzigen was willst du fragt die thekenfrau rotwein sage ich hast du einen zwei­gelt oder blaufränkischen beide sagt die thekenfrau dann ein vierterl blaufränkischen und lei­tungswasser dazu viel leitungswasser da kommt das mädchen mit dem hut herein dem schwarzen dem breitkrempigen ins corretto kommt sie so plötzlich so ungestüm das mädchen hübsch ist sie hübsch alle schauen sie an irgendwas gegen den durst sagt das mädchen die frau hinter der theke lächelt was trinkt man gegen den durst einen ge­spritzten einen kaffee mit wasser viel wasser wenig kaffee die großen augen dunkel schwarz draußen das lärmen die vielen leute stühle sind draußen mit tischen wenige nur ich sehe es das erste mal das mädchen hinter der theke die rothaarige die sympathische die junge die strenge die schmale die hagere ihr auge streift mich der gast der herein kommt hinaus geht herein kommt der gast mit dem kleingeld sie gehen nach hinten die beiden er und sie dann kommt der bärtige herein die bei­den rauchen lachen denken was schreibt der da die schöne die mit dem hut die elegante kommt wieder alle schauen sie küsst den einäugigen das heißt den glas­äugigen den mit einem glasauge und einem gesunden auge den seeräuber den piraten mit den bartstoppeln und sie ist wirklich schön ja das kann man sagen sie begrüßen einander die schöne und der glasäugige hinten sitzt die unauffällige heraus aus dem klo kommt die schwarze das kleine kind mit dem hut kommt herein der glasäugige nimmt es in die arme du schwindelst sagt die kleine du schwindelst die mutter kommt die umgebung lacht sie ist rot­haarig die mutter himbeersaft will ich sagt die kleine die mutter mit dem rucksack die kleine geht und kommt und geht draußen die stühle mit den männern den frauen den schönen den jungen den hübschen den fröhlichen mit dem sexappeal hallo sagt er der mit dem scheitel ganz unten er wartet auf sein getränk hallo sagt er blinzelnd die rothaarige runzelt die stirn bedient serviert das bier den wein den kaffee jaja die rothaarige die misstrauische die liebe die vom landgraf die vom kaffeehaus drüben in urfahr vom landgraf das es nicht mehr gibt das tot ist das sie haben sterben lassen das landgraf mit den geschlossenen vorhängen bis mittag und jetzt immer und dem wilden garten mit dem efeu dem wuchernden die da hinten schaut und schaut und ist still sie sagt nichts sie langweilt sich so sieht sie aus die da hinten geht so still wie sie dagesessen hat handtasche um und weg ist sie der mit den brillen kratzt sich am linken auge kratzt sich jaja er liest zeitung im corretto jetzt der daneben auch die leute kommen ja das kleine lokal in der dämmerung ist noch platz wie wird es spät abends sein in der nacht am morgen dicke rauch­luft wird sein viele viele leute bis hinaus und heiß menschenhitze die musik ist laut hämmert lange schon aber mir fällt es jetzt erst auf laut ist es laut laut ich unterhalte mich nicht da ist es egal der dicke kommt aus dem klo der herbst ist da kalt wird es früh am abend der dicke ist der herbst die kühle ist er ist der dicke wirklich die kühle das stimmt doch nicht die zucker­frau ist kurz da bringt den zucker zurück der betrunkene im blauen mantel arbeitsmantel schlosser­mantel königsblau der blaumantelige lallt zahlt lallt singt mit der musik der blau­mantelige das klo der strahl ah rinnt rinnt der ärgste druck ist weg eng ist es ah eng eng einer hat gerade platz eng der kleine mit dem hut der dicke kellner vom traxlmayr die haben heute zu oder hat er frei und die haben doch offen am klo der ventilator das laute ungetüm der urin­geruch der scharfe der schneidende der atemraubende die erleichterung der kuchen ist kos­tenlos sagt die rothaarige warum ja einfach so frag nicht lang nimm dir was willst noch ein vierterl ja wieder mit wasser wie­der die schöne mit dem putzfetzen die schöne mit dem besen die schöne hexe auf dem besen reitet die hexe die rothaarige der krampf sagt sie immer der krampf sie hebt den besen gegen flatti den dichter immer der krampf sagt sie der krampf und flatti der dichter sitzt und sitzt und schwitzt und riecht nicht gerade gut ein stück kuchen ab­seits abseits vom tablett der kuchen der mohnstrudel der staubwagen draußen der mit den großen runden bürsten die rotieren und rotieren der vom magistrat der orangefarbene und flatti der dichter wippt der blaumantelige klopft zur musik klopft auf die oberschenkel der saufkopf swingt dazu der alkohol ja der al­kohol kopfgriff ach ja oh ja maria der blaumantelige spielt die imaginäre gitarre zupft die sai­ten die fehlen die so fern sind weit weit fort summt dazu zupft und zupft das telefon das tele­fon ein schilling lachen prusten asche gegen die ernsten leute jazzmusik der blaumantelige sieht schaut swingt schlägt saiten die nicht da sind im rhythmus kein mensch die straße herauf herauf die scheuen frauen die scheuen wortlos stumm schön doch scheu scheu die frauen die mädchen flatti der dichter der fuchtler der gestikulierer der schreier mit dem nebenmann dem betrunkenen dem fetten die zigarettenwip­per die rau­cher die tipper die trinker die säufer asche ab weg volle aschenbecher augenbren­nen rauchträ­nen keine luft kopfweh der gestikulierer der blaumantelige der großäugige der fuchtler der scheißkehrwagen hin und her fährt er der lärm der reinigungslärm das getöse das gebläse ich muß gehen jetzt muß ich wirklich gehen bezahlt habe ich durch­atmen draußen jetzt bin ich fort

Günther Androsch
Auszug aus: Linz-Orte, Bibliothek der Provinz, Weitra, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 13039