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Das Museum der Brentanos: Abfahrt

Um sieben läutete der Wecker. Ich zog immer noch meinen alten analogen Wecker, den ich manuell einstellen musste, meinem Handy vor, obwohl er einen unerträglichen Ton von sich gab, der rasendes Herzklopfen verursachte. Die Körperreinigung erledigte ich auf sparsame Weise, notgedrungen. Solange es noch kühl war, wollte ich zum Hilton Molino Stucky Ve­nice gehen. Ich ging nicht ent­lang der Fondamenta, sondern südlich davon, an der Rückseite des Fortuny-Gebäudes. An der östlichen Außenwand des Hilton näherte ich mich dem Haupteingang, vor dem die Boote an der Vaporetto-Station anlegten und die Gäste auf die Abfahrt warteten und die neuen anleg­ten. Dann wandte ich mich dem Campo Junghans zu, der wegen der früher dort angesie­delten Fabrik Arturo Junghans so heißt. Es handelte sich tatsächlich um die berühmte Uhren­fabrik.

In der Bar nahm ich wie gestern einen Espresso und zwei Brioche, setzte mich nach draußen, ver­folgte das morgendliche Geschehen. Die engen Gässchen, in denen am Morgen die Müllsäcke abgeholt wurden – die Müllentsorgung schien auf Giudecca zu funktionieren, ganz anders hingegen in Rom, wo die Müllberge wuchsen –, ein Winkelwerk, brachten mich zur Vaporetto-Station Pa­lanca, es ging hin­über nach Zattere. Eine Tafel machte auf den russischen Lyriker Joseph Brodsky aufmerksam, der in der Villa hinter der Mauer gelebt hatte. Achtzehn Jahre hatte er in Venedig verbracht. Wer blieb vor dieser Tafel stehen? Wem fiel sie auf? Brodsky starb zwar in New York, den­noch liegt sein Grab auf der Friedhofsinsel San Michele. Mir fiel ein, dass Franz Kafka in Venedig an Felice Bauer schrieb. Wo stand das Haus, in dem er abgestie­gen war?

Bevor ich das Kunstmuseum Punta della Dogana besuchte, besichtigte ich die sich wie ein übergewichtiger Körper präsentie­rende Kathedrale Santa Maria della Salute, deren Inneres mich nicht sonderlich be­eindruckte. Alles war übertrieben groß und nach meinem Geschmack überladen, ein Ausdruck barocker Gottesfurcht. Im Kunstmu­seum, einer Dependance des Pa­lazzo Grassi, stellte man unter dem Titel Accrochage Objekte, Plastiken, Collagen aus, da­run-ter Objekte des österrei­chischen Künstlers Franz West. Ich durchschritt die großen Hallen, die das Gefühl der Verlo­renheit und Unbedeutendheit ange­sichts der teilweise riesengroßen Aus-stellungsobjekte her­vorrufen soll­ten, und empfand ein distanziertes Interesse an den Kunst-werken, nicht wirklich Begeiste­rung, geschweige Ergrif­fenheit oder gar Identifikation. Die Objekte schienen mir abstrakte, ohne Beteiligung von Emotionen entworfene Gebilde zu sein, Konstrukte, bei deren Entste­hen CAD oder Maschi­nen oder Roboter im Spiel hätten sein können.

Ist der Mensch bereits abgelöst worden als alleiniger Schöpfer, als Hervorbringer künstlerischer, auch intellektueller Leistungen? Selbst­verständlich, lange schon. Man denke nur an Schachcom­puter. Die Besucher gingen still durch die Aus­stellung, hin und wieder hörte man ein Räus­pern, die geflüsterte Unterhaltung von Paaren zur gegenseitigen Erklärung des Gese­henen, die Schritte der Aufseher und der Besucher. Obwohl nicht religiös bedingt, ähnelte die Atmo­sphäre in der Tat jener in der nahen Santa Maria della Salute, abgesehen von der dorti­gen Dunkelheit und der geringeren Zahl an Besuchern hier. Stille, Schweigen, stumme Fra­gen. Informativ war der Besuch der Ausstel­lung allemal. Es zog mich – die Aus­stellung hatte mich überfordert, vor allem hinsichtlich meiner Haltung zu gegenwärtigen künstlerischen Strö­mungen – nach Giudecca zurück.

Mein Bru­der würde mich wohl einen hoff­nungslos Konservativen nennen, wenn nicht einen Banausen, einen, der in seiner Kunstbe­trachtung hilflos auf seinem Stand von vor dreißig, vierzig, ja fünfzig Jahren verharrt. Die Impressionisten, Gauguin und die klassische Moderne, das war’s, dann bist du stehen geblieben, würde er sagen. Ich stieg ins nächste Vapo­retto  nach Palanca, und da es erst später Vormittag war, fand ich sogar Platz in einem der Restaurants an den Fondamenta, aß eine Portion Spaghetti Carbonara und schämte mich nicht mehr. Ein Mittags­schläfchen im alten Bett der Brentanos mit dem hohen Kopfteil aus dunk­lem Holz, mit dem ebensolchen Fußteil, im kühlen, verdunkelten Zimmer. Vorher gegen Insekten eincremen. Einige Gedichte Rilkes schob ich ein, bevor ich nachmittags wieder losziehen wollte.

Ein Steg verbindet Giudecca südwestlich des Hilton mit der kleinen Insel Sacca Fisola. Man hatte dort uniforme Sozialwohnungen gebaut. Wohnblöcke in eher dunklen Farben, moos­grün, die zum Teil aussahen, als wären sie vom Schimmel oder von Flechten, von Algen und von Feuch­tigkeit be­fallen. Ich sah kaum Menschen. Alleine ging ich zwischen den monotonen Quadern, und ich fühlte mich unwohl dabei, genierte mich, die vom lebendigen Giudecca getrennte Ghetto­siedlung neugierig, mit dem Fotoapparat in der Hand, den ich fleißig be­nützte, zu durchwan­dern. Ich kam mir vor wie in einem postkommunistischen Land, inmitten einer rasch heraus­gestampften Siedlung aus Plattenbauten, die man wie Neuland, wie ein exotisches Territorium besichtigte, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war. Die Häuser hier ähnelten jenen in ihrem großenteils  vernachlässigten Zustand sehr.

Nur selten begegnete ich einem Bewohner, der eine oder die andere Jugendliche streunte aus Langeweile herum, eine Ziga­rette in der einen, eine Dose Bier oder einen Energydrink in der anderen Hand, das Handy in der Gesäßtasche. Von der Vapo­retto-Anle­gestelle kam manchmal eine Person und strebte ihrer Wohnung zu. Ein Einkaufs­zentrum fiel mir nicht auf, dafür ein, zwei kleinere Geschäfte, eine Trafik. Vom Canale della Giudecca drangen Signale der Schiffe in allen möglichen Tonlagen und Laut­stärken her, laut, wie es mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Möglicherweise trug der Wind zu einer akustischen Verstärkung bei. Die Siedlung deprimierte mich. So interessant sie in sozialer Hinsicht war, als deutlicher Gegenentwurf zum historischen, klerikalen, imperialen Venedig, stellte sie einen realisti­schen Ausschnitt eines Areals dar, das der offenbar ärmeren Bevölke­rung zuge­dacht war. Sie war gewissermaßen ein Kontrapunkt zur prunkvollen Welt der Kunst, der Kir­chen, zu histori­schen Orten, Museen, Palästen, überfüllten Lokalen, Restaurants und staunen­den, oft wohlha­benden Besuchermassen.

Zurück auf den Fondamenta hoffte ich, dass eine Pizza, dass ein Glas Rotwein meine Melancholie vertreiben und nicht ver­stärken würden. Einen Ver­such war es wert. Vor Il Redentore fand ich einen angenehmen Platz, etwas zurück­gesetzt von den Fondamenta. Es gab dort gerade keine Pizzas, weil der Ofen de­fekt war. Ich nahm Frutti di Mare, köstlich. Keine Spaghetti diesmal, obwohl ich das Stadium des Schämens überwunden hatte. Es dauerte etwas, dann fühlte ich mich wohler, und der rote Wein schmeckte fruchtig und warm. Ich spürte die wunderbar befreiende Wirkung des Alko­hols und Zuversicht in mir aufsteigen. Im Wes­ten, wie ein Fanal, zogen dunkle Wolken auf. Zunächst beachteten wir alle sie kaum, aber dann ging es schnell: Eine schwarze Wol­ken­wand baute sich in rasendem Tempo auf, der Wind wurde innerhalb von Augenblicken stär­ker, schwoll ebenso rasch zum Sturm an, erste Regentropfen wandelten sich in Sekunden zum Regen­guss, zum Wolkenbruch.

Wir, die Gäste, das Personal und Leute von der Straße, stürzten ins Res­taurant. Ich bezahlte, wartete lange Minuten, dann fasste ich mir ein Herz und rannte unter Blitz und Donner zum Museum der Brentanos. Nach mehreren zitternden Versuchen konnte ich endlich die Haustür aufsper­ren. Ich war völlig durchnässt. In der Wohnung brach mir der Schweiß aus, mein Herz schlug heftig, ich atmete stoßweise. Nachdem ich mich beruhigt hatte, nahm ich eine Rinnsaldusche, begleitet von hef­tigem Donnern und Blitzen draußen. Die Fensterläden schloss ich immer, bevor ich die Woh­nung verließ, deshalb hatte der Wind, hatte der Wolken­bruch nichts an­richten können. In der Wohnung entstand ein Gefühl der Heime­ligkeit und des Geschützt­seins, und die schummrige Beleuchtung, die trotz des Unwetters durchhielt, verstärkte es sogar. Einige Rilke-Gedichte, dennoch schlechter Schlaf.

Ich schreckte auf. Der unsanfte Wecker! Der Tag des Abschieds war gekommen, ich musste nach Hause zurück. Nach einer Katzenwäsche verstaute ich die letzten Dinge im Trolley, ließ ihn in der Wohnung, um ein Abschiedsfrühstück am Campo Junghans einzunehmen. Der be­hinderte Mann hinter dem Tresen und einige Männer parlierten lautstark vor dem großformatigen Fernseher, in dem ein Fußballspiel lief, und das am frühen Morgen, offenbar eine Auf­zeich­nung. Zwischendurch sangen die Männer, wahrscheinlich so etwas wie Schlachtgesänge oder Vereinshymnen. Ich mochte diese morgendliche Ruhe am Campo Junghans, die von den Fans drinnen kaum gestört wurde, in die sich die paar leisen Jogger, die Leute mit Hunden harmo­nisch einfügten. Die Reflexionen des Wassers eines schmalen Kanals bildeten sich auf der Unterseite einer nahen Brücke ab, tanzende helle Flecken auf Stein. Ein Mann fegte die Brü­cke und die Stiegen sauber, ging dann in die umliegenden Gassen und fegte weiter. Draußen auf der La­gune hörte ich Motoren­geräusche, von den ersten Fähren, von Fischerbooten auf morgendli­chem Fang.

Die Beschau­lichkeit des frühen Morgens wich mehr und mehr Geschäftigkeit, Leute gingen zur Arbeit, Touristen kamen und gingen mit rollenden Trolleys. Jogger mischten sich darunter, immer wieder Menschen mit ihren Hunden. Aus dem Lokal drangen nach wie vor der über­laute Kommentar des Reporters und die Stimmen jener Männer, die dem Fußball­spiel folgten und diskutierten und sangen. Ich ging vor zum südlichen Rand der Insel und schaute auf die Lagune, vor mir eine im Dunst liegende kleinere Insel. „Wo liegt Punta Sab­bioni?“, fragte ich mich und war mir der Richtung einigermaßen sicher. Von dort hatte mein erster Besuch Venedigs seinen Ausgang genommen, da mochte ich vielleicht zehn, elf Jahre alt gewesen sein. Wir standen damals auf der Fähre und sa­hen bald den Campanile als markantes Wahrzeichen, zunächst schemenhaft, dann größer und größer und klarer werdend.
Das damalige Bild hatte ich noch vor mir: Venedig, das ich bis dahin nur von Bildbän­den, Fotos und Gemäldereproduktionen gekannt hatte, lag zunächst in der Ferne, der Cam­panile dann deutlich erkennbar, je mehr wir uns näherten, schließlich kamen der Dogenpalast, die Markuskirche, Santa Maria della Salute ins Blickfeld. Und dann war ich das erste Mal in Venedig, und alles an und in dieser Stadt war und ist im­mer wieder wunderbar und zum Staunen und über­wälti­gend. Eine Stadt der Sehnsucht nach ihr.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Ich ging zurück zu den Fondamenta, holte mein Gepäck aus dem Museum der Brentanos, gab die Schlüssel in der Bar zurück und fuhr mit dem Vaporetto zum Parkhaus. Ich wandte mich Giudecca zu und hatte das ganze Panorama vor mir. Es lag zum Abschied malerisch im hellen Sommerlicht. Keine Spur mehr vom gestrigen Unwetter.

Unversehrt stand mein Auto auf seinem Platz. Kein Kratzer, nichts, sogar die Tauben hatten sich zurückgehalten. Das Bezahlen am Automaten, das Verstauen des Gepäcks, das Einsteigen, das Starten und schließlich die Ausfahrt und das Ent­fernen von Venedig auf der Straße nach Mestre war stetig begleitet vom Bedauern, dieser so nahen und doch so exotischen, dieser vertrauten und doch fremden Stadt und dem Museum der Brentanos den Rücken kehren zu müssen.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20105

Das Museum der Brentanos: Ankunft

Einer der beiden Schlüssel sperrte die Haustür, und ich betrat eine kleine Eingangshalle. Dunkelheit empfing mich. Eine Stufe führte nach links in ein enges finsteres Stiegenhaus. Ich fand endlich den Schalter für die Beleuchtung, die den Namen jedoch kaum verdiente. Ein trübes, schwaches Licht ging an. Das Haus schien mir in den Fünfzigerjahren adaptiert und renoviert worden zu sein. Die Eingangstüre, der Steinbo­den im Eingangsbereich, Holzkassetten an den Wänden. Es gab einen Lift, einen Mini-Lift, ich wählte aber die steile Wendeltreppe in den zweiten Stock, um mir vorzumachen, ich bewege mich ausreichend. Deshalb nahm ich zwei Stufen auf einmal. Ohne Atemnot erreichte ich den zweiten Stock. Brentano stand an der Wohnungstür.

Von Bekannten hatte ich erfahren: Professor Robert Brentano, ein Spezialist für mittelalterliches Englisch und italienische Geschichte und Professor an der University of California, Berkeley, hatte hier eine Zeit lang die Sommer ver­bracht. Eines seiner Bücher, Zwei Kirchen: England und Italien im dreizehnten Jahrhundert, gewann 1968 den „John Gilmary Shea“-Preis und die Haskins-Medaille. Er, 1926 geboren, hatte die Wohnung auf Giudecca erworben. Die brentanosche Wohnung war völlig unbewohnt  – der Professor war schon lange tot, 2002 war er gestorben, und von seiner Familie und seinen Nachkommen schien niemand mehr Interesse an ihr zu haben –, durfte ich mich für ein paar Tage einmieten. Der zweite Schlüssel sperrte die Wohnungstür.

Als ich eintrat, empfingen mich ein abgestandener Geruch und Dunkelheit, aber nicht der Eindruck der Leere, vielmehr der Eindruck einer vollständig eingerichteten Wohnung, deren Bewohner überstürzt aufgebrochen waren und alles, so wie es war, zurückgelassen hatten. Oder vielleicht waren sie nur kurz weg, gingen Besorgungen nach und würden gleich zurückkommen und vor mir, dem Eindringling, über den man sie nicht verständigt hatte, erschrecken und mich brüsk hinauskomplimentieren. Verlassenheit empfing mich und eine Kulisse außerhalb der Zeit, die in mir, dem fremden Besucher, eine historisie­rende Faszination hervorrief.

In jedem Zimmer schaltete ich die Beleuchtung ein­, weil die Fensterläden geschlossen waren. Die meisten kleinen Zimmerfenster gingen in dunkle Schächte hinaus, die kaum Tageslicht hereinließen, nur die Wohnzimmerfenster, ebenso klein und erhöht, schauten zum Canale della Giudecca hinaus. Ich öffnete die Fensterläden. Zerbröckelnde Insektenschutzgitter konnten ihrer Aufgabe kaum gerecht werden. Gegenüber, jenseits des Canale della Giudecca, fiel mir die Kirche Santa Maria della Visitazi­one auf, deren graue Fassade an einen griechi­schen Tempel erinnerte. Im Nordos­ten ragte die Kuppel von Santa Maria della Salute über die Dächer, und dahinter der Campanile auf der Piazza San Marco.

Die Wohnung, das bemerkte ich nach dem Blick in mehrere Zimmer, war vollständig möbliert, die Re­gale voll mit Büchern, Kleidungsstücke hingen über Sessel, lagen über Lehnen, hingen in den Kästen. Über der Lehne des Schreibtischsessels hing eine Weste, auf die der Professor bei kühlerer Temperatur zurückgegriffen hatte. Hätten mir die Kleidungsstücke gepasst und hätte ich nicht auf den Zeitgeschmack und den Geruch der Vergangenheit geachtet, sie wären mir zur Verfügung gestanden. Gerahmte Fotos standen auf Tischen, Kästen und Schränken.
Der Schreibtisch in dem Zimmer, wo das Bett für mich stand, machte den Eindruck – wieder kam diese Vorstellung in mir hoch –, als wäre Professor Brentano – der dieses Bett wohl benutzt hatte – nur kurz hinausgegangen, um in einer Bar einzukehren, einzukaufen oder sich Zigaretten zu holen. Würde er mich der Wohnung verweisen, wenn er mich in seinem Arbeitszimmer antraf, oder würde er meiner Erklärung Glauben schenken, man hatte mir diese Übernachtungsmöglichkeit nach bestem Wissen und Gewissen ausnahmsweise angeboten? Ich konnte es ihm erklären, wie es dazu gekommen war.

Kugelschreiber, für die nächsten Aufzeichnungen bereit, in Wirklichkeit trocken und deshalb unbrauchbar, lagen auf der Schreibfläche, Notiz­zettel, einige beschrieben, einige blank. Bü­cher standen in einem Wandregal gleich über dem Schreibtisch: eine Geschichte Venedigs, ein Kunstführer, englisch-italienische Wörterbücher, lateinische Texte, zahlreiche weitere Bücher, die ich mit Ehrfurcht und Achtung betrachtete. Das eine oder andere nahm ich behutsam zur Hand, Staub löste sich. Ich blätterte darin, roch daran. Wie fast immer ließ der Geruch von Büchern in mir ein Glücksgefühl, ein Gefühl der Zufriedenheit entstehen.
Ich hatte beinahe das Gefühl, ich tat etwas Verbotenes, so als schnüffelte ich in fremden Dingen, als störte ich eine fremde Intimität, indem ich die Abwesenheit des Inhabers ausnützte. Der Staub auf den Büchern verflüchtigte sich durch die Entnahme aus dem Regal und durch vorsichtiges Wegblasen. Die Erschei­nungsjahre zeugten von einer vergan­genen Zeit, einer Zeit, in der ich selber noch jung war: die späten Siebziger-, frühen Achtzi­gerjahre des vorigen Jahrhunderts.

Da entdeckte ich auf dem Schreibtisch, etwas nach hinten geschoben, ein Kaleidoskop. Staub bedeckte das Rohr, das mit bunten Mustern ver­ziert war. Ich blies ihn vorsichtig weg, um nicht in eine Staub­wolke eingehüllt zu werden. Es war halb so wild, ich bekam keinen Nies- oder Erstickungsanfall. Mit einem Papiertaschentuch brachte ich das Kaleidoskop zum Glänzen. Ich blickte durch das Kaleidoskop in Richtung Fenster, dessen Läden ich geöffnet hatte, und war plötz­lich wieder ein Kind, vielleicht zehn Jahre, vielleicht etwas älter, und ich fragte mich, ob ich überhaupt erwachsen war.
Ich drehte am bewegli­chen Teil, und vor mir erstanden ver­schiedenste symmetrische Muster, Sterne in allen mögli­chen Farben – rote, grüne, blaue, gelbe, lila Glassteinchen –, ebenso Kreise, Ro­setten, Ringe, sphärische Gebilde, Fraktalen ähnlich. Die Spiegelungen zauberten Muster in nahezu vollkommener Symmetrie vor meine Augen. Ich war fasziniert. Und diese Muster lebten, änderten sich mit jeder Drehung, bildeten Mischfarben, schienen selber Freude an ih­ren Metamorphosen zu haben, die jeder statischen Langweiligkeit entge­genstanden.

Professor Brentano schien wie ich von Zeit zu Zeit mit kindli­chem Gemüt gesegnet gewesen zu sein, je­denfalls was Kaleidoskope betraf. Das bestätigte sich, indem ich auf dem Schreibtisch einen Bausatz für ein Kaleidoskop entdeckte. Die Verpackung war aufgebrochen, und ich leerte sie auf dem Schreibtisch aus. Offenbar war das funktionierende Kaleidoskop, durch das ich ge­schaut hatte, ein gekauftes Fabrikat. Das andere hätte der Professor wohl gerne zusammengebaut.

Am liebsten hätte ich mich hinge­setzt und das Kaleido­skop nach der Bauanleitung gebastelt. Die Anleitung war zwar italienisch, doch gestand ich mir in einem Zustand der Selbstüberschätzung so viel Geschick­lichkeit zu, den Zusammenbau zu schaffen, und ein paar Brocken Italienisch konnte ich auch. Außerdem zeigten Zeichnun­gen, wie man vorzugehen hatte. Die Gegen­stände, die ich auf dem Schreibtisch sah, verführ­ten mich, mich hinzusetzen, mitten am hell­lichten Sommertag, und zu beginnen: ein Bogen fester Karton im DIN-A4-Format, ein Bogen Pergamentpapier, eine Klarsichtfolie, eine selbstklebende Spiegelfolie, bunte Perlen oder Schmucksteinchen, Lineal und Bleistift, Cutter und Schneideunterlage, Papierschere und Na­gelschere, Klebefilm.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20104

Adele Sauerzopf erbt ein Schloss

Frau Sauerzopf, eine ehrbare Straßenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal wöchentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Café und hatte sonst keine großen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im Gemeindebau und Grätzel wohlgelitten (sie wohnte seit ihrer Geburt dort) und von abgeklärt-heiterer Lebensart, war sie höchst überrascht, als sie am Mittwoch (13.6.) – vom Einkaufen heimkehrend – im Briefkasten das Schreiben einer Rechtsanwaltskanzlei fand. Sie wagte es erst gar nicht zu öffnen und durchforschte ihr kindlich-reines Gewissen, was denn die Ursache dieses bedrohlichen Briefes sein könnte; noch nie im Leben hatte sie mit Anwälten zu tun gehabt, weder hatte sie Böses getan, noch jemals selbst Anklage erhoben. Dann fuhr ihr wie ein Blitz die Angst ins Herz, der einzige Sohn (er lebte schon seit Jahren in Amerika) könnte etwas angestellt haben oder – Gott behüte – es wollte ihn jemand verklagen oder Ähnliches. Mit zitternden Händen riss sie den Umschlag auf, aber im Brief stand nur die lakonische Mitteilung, sie möge sich in der Erbschaftssache Ruggenthaler in den nächsten Tagen in der Kanzlei einfinden.

„Erbschaftssache Ruggenthaler“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, „ich kenn keinen Ruggenthaler, und zu erben gibt’s doch für so ein altes Möbel wie mich nix mehr?“

Aber der Brief lag gleichwohl am Küchentisch wie auf der Seele – und die zu röstende Zwiebel fürs Erdäpfelgulasch verkohlte fast, so sehr spukte die unbekannte Erbschaft im Kopf von Frau Sauerzopf. Sie erwog, eine in Purkersorf lebende Nichte zweiten Grades anzurufen, um sich zu erkundigen, ob ihr solch ein Name geläufig sei, kam aber davon ab, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr gehört hatte – und außerdem: Sie würde natürlich über den Grund ihres Interesses ausgefragt werden, und bevor sie nichts Genaueres wusste, konnte und wollte sie nichts sagen. Es gäbe doch gleich Gerüchte und Neid und Gerede – genau das, was sie verabscheute und demnach aktiv wie passiv immer zu vermeiden trachtete.

Der Donnerstagmorgen (14.6.) kam nach einer unruhigen Nacht, der Kaffee wurde nicht wie gewohnt in Ruhe und dabei Zeitung lesend getrunken, sondern geistesabwesend geschlürft. Hier ist zu bemerken, dass Frau Sauerzopfs gesunder Hausverstand und gute Menschenkenntnis keinen Platz für Phantastereien ließen – im Gemeindebau wurde sie manchmal ob ihrer treffend-knappen Ausdrucksweise die Frau Jolesch genannt (nach Torbergs Anekdotensammlung) –, aber ihr Leben war seit ihrer Pensionierung und dem Tod des Gatten arm an Neuigkeiten und Veränderungen, sodass dieser Brief und die damit verbundene Ungewissheit die gewohnte Alltagsroutine störten. „Jetzt will ich’s wissen“, sagte sie beim Ankleiden – was zieht man für einen Rechtsanwalt an? Schon etwas besser, aber halt seriös, das Dunkelblaue mit weißen Tupfen hat sie sowieso schon lange nicht mehr getragen. Und 10 Minuten nach 9.00 Uhr läutete sie energisch bei Mag. Dr. Strnad & DDr. Vlcek im 9. Bezirk.

„NehmenS’Platz, liebe Frau Sauerzopf, ein Schalerl Kaffee gefällig – oder ein Glas Güssinger? Ja, ein Momenterl, die Frau Srp wird gleich den Akt bringen“, sagte der dicke kleine Anwalt, ein guter Fünfziger mit goldumrandeter Brille, „das ist aber freundlich, dass S’so schnell kommen sind. WissenS’, der Fall ist ja schon fast ein Jahr im Laufen. Ja ja, eine Verlassenschaft im Ausland und ohne direkte Erben gibt schon ein paar Probleme, da heißt’s Geduld haben und nicht nachlassen. War gar nicht so leicht, Sie ausfindig zu machen – danke, Frau Srp, bitte jetzt eine halbe Stunde keine Anrufe – ja also, liebe Frau Sauerzopf, Sie werden ja schon neugierig sein, wieso wir Sie gebeten haben zu kommen. Kennen Sie eine Familie Ruggenthaler – eventuell aus der Verwandtschaft Ihres verstorbenen Gatten?“

Frau Sauerzopf schüttelte langsam den Kopf: „Nein, könnt ich wirklich nicht sagen – ich denk eh schon seit gestern nach, aber es fallt mir nix ein. Von meine Leut’ sicher nicht, aber mein Seliger war ein uneheliches Kind – die Mutter war eine Fabriksarbeiterin aus Teesdorf – und in der Nachkriegszeit hat man wohl andere Sorgen g’habt als die Ahnenforschung.“ Sie hob ratlos die Schultern.

„Tun S’Ihnen nicht plagen, liebe Frau Sauerzopf, ich kann ein bisserl nachhelfen – also der Erblasser, ein gewisser Karl Ruggenthaler, ist in der Schweiz verstorben, voriges Jahr – er war aber ein gebürtiger Österreicher, besser gesagt, ein Alt-Österreicher – aus Czernowitz in der damaligen Tschechoslowakei. Aber seine Leut’ sind seinerzeit aus Salzburg nach Czernowitz ausg’wandert – eine richtige Odyssee, nicht wahr? Ja, und besagter Karl ist im Tessin in der Schweiz Konditor gewesen, offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann, und als Witwer kinderlos verstorben – auch von seiner Gattin waren keine Angehörigen auffindbar – also hat man begonnen, die Familie des Erblassers auszuforschen. Kurzum, ein Onkel vom Karl Ruggenthaler, ein gewisser Eugen Navratil aus Pressburg, gewesener Mittelschullehrer, soll der Vater Ihres seligen Gatten gewesen sein.“

„WartenS’“, sagte Frau Sauerzopf sinnend, „ich glaub, ich erinner mich jetzt, dass mein Anton einmal erzählt hat, dass er als Schulbub auf einem Bauernhof im Mährischen auf Erholung war – er hat ein paar Wort’ Tschechisch können – aber das war ja damals nix Seltenes. Dass ich 40 Jahr’ mit an Böhm’ verheirat’ war, ohne dass ich’s g’wusst hab.“ Sie kicherte vor sich hin.

Dann gab sie sich einen Ruck und fragte den Anwalt: „Aber jetzt sagen S’mir doch endlich, warum ich da bin – wollenS’bloß eine Auskunft oder soll ich was erben?“ Obwohl sie mit resoluter Stimme sprach, klang etwas Unsicheres mit – schließlich ist es ja keine Kleinigkeit, nach einem bescheidenen Leben auf einmal mit einer eventuellen Erbschaft aus der reichen Schweiz konfrontiert zu sein.

„Sitzen S’gut, liebe Frau Sauerzopf?“, fragte der Advokat lächelnd „es ist zwar fast kein Geld da, aber – wenn die Formalitäten abgeschlossen sind, ich brauch noch ein paar Unterlagen und von Ihnen die Papiere des verstorbenen Gatten, Sie werden ja alles aufgehoben haben, nicht wahr, und wenn sich nicht noch ein anderer Erbberechtigter meldet – ja, also, dann könnten Sie ein Schloss erben!“

Frau Sauerzopf saß auf einmal stocksteif und kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet: „Was sagen S’da – ich soll ein Schloss erben – ich, die Frau von ein’ Hernalser Straßenbahner, soll eine Schlossbesitzerin sein?“ Sie drehte sich zur Seite und trank das vorhin abgelehnte Glas Güssinger in einem Zug aus. Ein paar Sekunden saß sie kopfschüttelnd stumm auf ihrem Sessel, schaute bald den geduldig wartenden Anwalt, bald ihre abgearbeiteten Hände an, bis sie wieder reden konnte: „Jetzt weiß ich nicht recht, was ich sagen soll – sowas kommt ja sonst nur im Film vor. Erst gestern hab ich einen neuen Vorzimmerteppich kauft – und morg’n brauchert ich vielleicht schon so neumodische Rollschuh’ für die endlos langen Gäng’ im Schloss. Also, wenn mein Seliger das noch erlebt hätt – der hätt schön g’schaut. Immer wollt er ein Häuserl hab’m am Stadtrand, aber es hat halt nie g’reicht für was Anständiges – und Schulden wollt’  er nicht machen. Und jetzt ein Schloss – aber sagn S’mir, Herr Doktor, wo wär denn das Schloss – in der Schweiz? Weil in mein’ Alter möchte ich nimmer ins Ausland übersiedeln, nein, das haltert ich nimmer aus, so ein alt’s Leut’ ganz allein in der Fremde! Da nutzt mir auch das schönste Schloss nichts!“

Der erfahrene Anwalt hatte taktvoll die Schockminute abgewartet und mit verständnisvollem Nicken den Ausbruch von Frau Sauerzopf begleitet: „Nein, nein, Frau Sauerzopf, da können S’beruhigt sein. Das Schloss liegt im südlichen Niederösterreich, also eine knappe Autostunde von Wien weg. Aber eigentlich ist es kein Schloss, sondern eine mittelalterliche Burg, aus dem 13. Jahrhundert – und für das Alter noch ganz passabel erhalten. Und ein paar Hinweise muss ich Ihnen schon noch geben, weil so unproblematisch ist so eine Erbschaft auch nicht!“ Er hob bedeutsam die rechte Hand mit dem abgewetzten Ehering, um seine mahnenden Worte zu unterstreichen: „Da ist immer wieder was zu reparieren und zu investieren, da sind Auflagen vom Denkmalamt und von der Gemeinde, und schließlich ist ja auch noch das Finanzamt da – gelln’S, Frau Sauerzopf, das sind schon rechte Haifisch’, diese Finanzer. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, ich hab Ihnen g’sagt, was voraussichtlich zu erwarten ist – und jetzt kommt’s zur entscheidenden Frage – nämlich, ob Sie überhaupt interessiert sind, das Erbe anzunehmen. Wie gesagt, es ist noch nichts endgültig spruchreif und entschieden, aber nach meiner Erfahrung schaut’s nicht mehr so aus, als ob sich noch was zu Ihren Ungunsten ändern könnt. Nein, nein, liebe Frau Sauerzopf, Sie brauchen jetzt noch gar nichts sagen. Ich würd Ihnen raten, Sie schlafen ein paarmal drüber, und was das Wichtigste ist – die Frau Srp hat Ihnen da im Kuvert die Adress’ und einen Lageplan hergerichtet, mit einem alten Foto, und wie Sie mit dem Autobus hinkommen. Schaun S’Ihnen die Sache einmal an, sozusagen unverbindlich und ohne dass wer davon weiß. Wenn jemand fragt, können S’ja sagen, dass die Burg nach dem 2. Weltkrieg ein Ferienlager war – das hab ich im Ort von einer alten Bäuerin g’hört – und dass S’als jung’s Mädel zwei Wochen dort war’n und neugierig sind, wie’s jetzt ausschaut. Da nehmen S’Ihnen meine Karte mit – bitte immer bei sich tragen, Sie können mich jederzeit anrufen, ich hab die Büronummer auch am Handy. Also auf Wiedersehen, Frau Sauerzopf – und rufen S’mich in ein paar Tag’ wieder an, wenn Sie einen ersten Eindruck haben! Und vorm Zurückfahren sollten S’unbedingt beim Grabner schräg vis-à-vis von der Autobushaltestelle auf einen Kaffee reinschaun“ – der Anwalt hob wieder die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formend, und schnalzte leise mit der Zunge „das ist die beste Konditorei auf 40 Kilometer Umkreis!“

Frau Sauerzopf erhob sich, noch etwas benommen von der Neuigkeit (man kann schließlich auch einen Koffer voll Geld mitten auf den Schädel bekommen) und von den vielen gutgemeinten Ratschlägen des freundlichen Advokaten. Sie lebte ja schon seit Jahren allein und war so viel konzentrierte Aufmerksamkeit nicht mehr gewohnt. „Ja, da weiß ich gar nicht, was ich tun soll, Herr Doktor, es ist alles viel auf einmal – ich werd wirklich ein paar Täg’ brauchen, bis ich das begreif. Und danke für die freundliche Beratung – hätt nie geglaubt, dass mir einmal ein Rechtsanwalt sympathisch sein könnt‘!“

Mit diesem zweischneidigen Kompliment gab sie dem Advokaten die Hand und wollte schon die Kanzlei verlassen, als ihr noch etwas einfiel: “T’schuldigen S’, Herr Doktor, Sie haben da so eine kurze Bemerkung g’macht, es ist fast kein Geld da – können S’nicht einmal ungefähr sagen, was das sein könnt?“

Herr DDr. Vlcek drehte sich – schon im Ledersessel vor dem Schreibtisch sitzend – mit Schwung um und sagte, dabei die auf den Lehnen liegende Hände nach oben öffnend: „Das ist noch nicht zu sagen, liebe Frau Sauerzopf, das Bankguthaben ist nicht hoch – und es können noch immer offene Verbindlichkeiten auftauchen – ich möchte Ihnen da wirklich keine Illusionen machen – wär momentan unseriös. Und die Gerichtsspesen und Schweizer Anwaltskosten sind auch noch nicht abgerechnet – ja, also rechnen S’lieber mit sehr wenig bis gar nichts – da können S’nur angenehm enttäuscht werden.“

Das Telefon läutete, und während Herr DDr. Vlcek abhob, wurde Frau Sauerzopf von der Sekretärin, Frau Srp, hinausgeleitet. Ein guter Vorzimmerdrache hat Augen und Ohren überall und tut selbständig und unauffällig seine Pflicht.

So war das nun – Frau Sauerzopf trat aus dem düsteren Treppenhaus in den sonnig-warmen Vormittag und blieb blinzelnd und ratlos auf dem Gehsteig stehen. Nach so einem Ereignis kann man nicht einfach nach Hause gehen und Fensterputzen oder Staubsaugen, als ob nichts geschehen wäre! Nein, dieser Tag war ein besonderer und sollte auch so durchlebt werden. Sie beschloss also – es war so angenehm im Freien – mit dem D-Wagen weiterzufahren bis Nussdorf und sich dort den seit dem Tod des Gatten nicht mehr gemachten Spaziergang zu gönnen: vom Nussdorfer Platzl in die Hackhofergasse, an den Spitzbuben und dem nunmehr geschlossenen Heurigen Stift Schotten vorbei – ewig schade, dieser weiträumige Garten mit den großen Bäumen, und den besten Krautstrudel von ganz Wien gab es dort – links hinauf in die Nussberggasse und deren Verlängerung, den Dennweg, weiter bis zur Kahlenbergerstraße. Dort war das dem Heiligen Severin geweihte Wegkreuz die natürliche Wende, um nunmehr genüsslich langsam mit dem schönen Ausblick auf Wien und die Donau bergab zu schlendern, im Mai ein paar Stammerln Flieder von einem Gartenzaun oder im Juni vor dem Schweizerhäusl – einer alpenländisch gebauten Villa am Weg – eine der fantastisch duftenden weißrosa Rosen zu stibitzen und ein gutes Wort zu reden, fernab von der häuslichen Enge, ohne Druck und Hast. An die 20 Jahre lang war das der wöchentliche Lieblingsspaziergang ihres seligen Anton gewesen – und mit ihm wollte sie nun stille Zwiesprache halten – genau das wollte sie jetzt tun, dort war sie ungestört. Es gibt für jeden Menschen wenigstens einen Platz, wo die Seele Raum zum Atmen hat, wo man Sorgen und Beruf und planendes Denken ablegt, wo man ganz einfach Mensch sein will und darf, wo man Herzbewegendes sagen und Gefühle empfangen kann wie sonst nirgendwo. Für sie war das am Nussberg in Wien. So fuhr Frau Sauerzopf im D-Wagen gemächlich an der Glasfassade der Wirtschafts-Uni in der Augasse vorbei, die Heiligenstädter Straße stadtauswärts – beim Karl-Marx-Hof gedachte sie seufzend der Steffi, einer jung verstorbenen Schulfreundin, die zuletzt dort gewohnt hatte – und schließlich stieg sie am Nussdorfer Platz aus. Es war alles wie gewohnt, als ob die Zeit stillgestanden sei, nur, dass ihr geliebter Mann nicht mehr an ihrer Seite war. „Toni, was sagst – jetzt wär’n wir auf einmal Schlossbesitzer – so was Verruckt’s – jahrzehntelang hätt’st so gern ein Schrebergartenhäuserl g’habt – grad ein paar Obstbäum’ und Rosenstöck’ und ein Fleckerl Wies’n für einen Sitzplatz zum Jausenkaffee oder zum Grillen am Abend – nicht und nicht hat’s g’reicht zu so was – und jetzt das!“

Ja, wie redet man mit einem verstorbenen lieben Menschen – Frau Sauerzopf hatte eine Mischung aus abwechselndem Denken und Murmeln entwickelt, was nicht sonderlich auffiel, wenn niemand in unmittelbarer Nähe war. Sie bog um die mit abbröckelndem Putz und Efeu bedeckte Ziegelmauer des ehemaligen Schotten-Heurigen – „Zwettler Hof, erbaut 1730“ stand auf einer Tafel neben dem Tor – in die Nussberggasse hinauf, welche tatsächlich eine schmale Allee von Nussbäumen war. Im September hatte sie mit ihrem Anton gerne ein paar abgefallene Nüsse zusammengeklaubt, um diesen wohlfeilen Schatz, ausgelöst und kleingehackt, in den nächsten handgezogenen Apfelstrudel zu mischen – ihr Strudel war im Freundeskreis berühmt und begehrt. Auch das kam ihr jetzt in den Sinn, als sie nach ein paar entgegenkommenden Passanten wieder in ihrem einsamen Zwiegespräch fortfuhr: „Ist ja kaum noch wer da, für den ich was bachen könnt – die Charwats sind schon im Altersheim, die Frau Göd vom 3. Stock ham s’vor vier Wochen eingrab’n, und unser Bua kommt höchstens alle zwei Jahr einmal auf Besuch – meiner Seel, ich verlern ja noch ’s Kochen und ’s Reden. Schön wär’s schon, stell dir vor, ich könnt in der Früh in ein’ großen Himmelbett aufwachen, die Sonn’ scheint ins Schlafzimmer, was so groß ist wie mei’ ganze Wohnung, und dann tät ich durch die Verandatür auf die Terrasse mit den Oleanderkübeln gehn und in Schlosspark rausschaun, wo alles so frisch und grün ist und nach Blumen und Gras riecht. Und dann kommt die Wirtschafterin und fragt mich, ob ich draußen frühstücken will, wo die Vogerl singen und wo kein Autolärm und kein Auspuffg’stank is! Da müsst ich mir halt so einen schönen wärmeren Schlafrock kaufen aus dem ganz dicken Frottee – aber nein, Frottee ist ein Armeleut’stoff, es g’hörert einer aus g’fütterter Seide, so ein lichter mit große Blumen drauf!“

Frau Sauerzopf verlor sich in schwärmerischen Gedanken und spann diese behagliche Vision mit Genuss weiter, bis ihr wieder etwas dem Toni Mitteilenswertes einfiel: „Ja freilich, da müsst’n auch ein paar Zimmern herg’richt werdn für unsern Buam und seine ganze Familie – da täten s’gern alle Jahr drei Wochen auf Urlaub kommen – das wär eine Freud und ein Leben in den alten Mauern, und die Zwilling’ könnten die ganzen Ferien bei mir bleiben und Ritter spiel’n und auf d’Nacht im Kamin ein Feuer machen, da lernetens’wenigstens wieder ein g’scheit‘s Deutsch und würden von ihren Schulkameraden beneidet. Allein wär ich da bestimmt nimmer so viel, da hätt ich Besuch, so oft ich wollt’ – aber da brauchert ich natürlich wen, der die ganze Arbeit macht – was hat der DDr. Vlcek g’sagt, ich soll mit kein’ Geld rechnen – ja wie soll man denn ein Schloss – oder in Gott’s Nam’ eine mittelalterliche Burg erhalten ohne Geld – mit meiner Rent’n komm ich zwar selber ganz gut aus, was brauch ich denn schon, aber für eine Burg brauchert ich ja mindestens zehnmal so viel, oder?“ Frau Sauerzopfs vordem euphorische Stimmung fiel zusammen wie ein Germteig im kalten Zug – und zunehmend kamen ihr höchst beunruhigende Gedanken: „Ja, und überhaupt, wer tät’ sich denn um alles kümmern – ich bin schon fast siebz’g, und so ein Schloss ist doch riesengroß – da müsst ich ja eine Hausbesorgerin und eine Putzfrau fürs Grobe und noch eine Wirtschafterin anstell’n, und die Hausverwaltung mit die Reparaturen und die Behörden – wer machert das nachher? Ich kann doch net alles selber machen – und außerdem – bin ich deppert, dass ich mir so ein’ Binkel Arbeit und Sorgen antu in mein’ Alter – da leb ich ja in Hernals in meiner Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung viel besser! Toni, was soll ich da machen, ich weiß mir nimmer ein und aus? Was hast immer g’sagt, wenn ich nervös war – ich soll erst einmal bis zehne zähl’n und dann nachdenken, was hintereinander g’macht g’hört – die Übersicht ist das Wichtigste, die Arbeit rennt dann ganz allein. Also gut, eins, zwei, drei, .... achte, neune, zehne – so, also was ist es Wichtigste – Toni, natürlich, vor lauter Luftschlösser bau’n“, hier musste Frau Sauerzopf nun wirklich lachen, „es ist ja gar kein Luftschloss – die Burg steht ja schon seit ein paar hundert Jahr’, hat der DDr. Vlcek g’sagt – also jetzt hab ich’s wieder – ich hab ja noch gar nicht ins Kuvert g’schaut – da ist eh gleich ein Bankerl – vis-à-vis vom Friedhof, das passt grad – jetzt schau ich mir’s einmal an, mein Luftschloss, hihi!“

Und genau das tat sie auch – kramte aus der Handtasche das alte Foto heraus, welches Frau Srp vorsorglich hergerichtet hatte: „Jö, ist das was Romantisches – wie im Film, so eine schöne Burg mitten im Wald auf an klein Kuvert Mugl, mit einer Schlosskapell’n und einer Fahne drauf – ich werd narrisch – so was gibt’s doch net. Toni, das muss ich mir anschaun – wo ist denn das Blatt’l mit’n Autobusfahrplan – wart, da brauch ich die Aug’ngläser, das ist so klein’druckt – also, wo sind die Abfahrtszeiten – da hammas – was ist denn heut – Donnerstag – aha, Montag bis Freitag um 7:30, 10, 12:30 und 17 Uhr – wie spät ist’s denn eigentlich – elfe, da könnt ich noch zum Mittagsbus z’rechtkommen, aber wann geht der z’ruck, und wie lang fahr ich denn da – aha, Ankunft 14:20 – und der nächste nach Wien geht um 16:30 – nein, nein, das wurd’ eine Hudlerei, das mag ich net. Für so was Wichtiges muss Zeit sein, da g’hört es sich vorbereitet und anständig anzog’n, Schirm hab ich auch kein’ mit – und überhaupt, mei’ selige Mutter hat immer g’sagt, früher derwart’ man sich was als dass man sich’s derrennt. Hihi, ein Schloss hätt ich mir mein Lebtag nie derrennt – aber derwart’ hab ich eins! Also, Toni, morg’n geh ich’s an, da schau ich mir’s an, unser Schloss! Muss ich halt z’Mittag wo essen gehn, das muss drin sein, hoffentlich halt es Wetter, g’sagt haben’s es im Fernsehen.“

Mit den letzten Worten erhob sich Frau Sauerzopf – und obwohl der Zweck erreicht war – sie hatte mit ihrem Anton gesprochen und wieder einen klaren Kopf – lenkte sie automatisch ihre Schritte weiter bergan in den Dennweg, wo sie träumerisch links die Häuser – aha, da war auf dem jahrelang verwilderten Grundstück gerade ein Rohbau hingestellt worden, aber viel zu groß für das schneuztüchelkleine Grundstück, dünkte es ihr – und rechts die Weingärten betrachtete, bis sie oben an der Kahlenbergerstraße war und wie gewohnt das Severin-Marterl umrundete zum Abstieg.

Robert Müller
Romanauszug aus "Adele Sauerzopf erbt ein Schloss" - in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20064

Verschollen

Er war die Art von Fantasie,
Die mich in meinen Gedanken flachlegte,
während seine Finger
meinen Körper kaum berührten.

So, dass, als er ging,
mein Herz sich auf die Suche
nach ihm machte,
und nie mehr gesehen ward.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18098

 

 

Ist doch sternenklar

Einleitung
Es ist manchmal schwer, die passenden Worte zu finden, wenn man sich sicher ist, dass man gerade einen Seelenverwandten ziehen lassen musste. Gerade hielt man noch eine blühende Beziehung in Händen, im nächsten Moment zerfällt alles zu Staub. Wie soll man den Verlust überhaupt verarbeiten? 100 Tage dauert es, so sagt man, bis frisch Verliebte ihre Fassade fallen lassen und einander ihr wahres Wesen, mit allen Macken, zeigen. Es braucht ebenfalls 100 Tage, bis man den gröbsten Liebeskummer nach einer Trennung verarbeitet hat. Und 100 Gedichte begleiten diesen Prozess, Gedichte für alle, die nach den richtigen Worten suchen, um wütend, traurig, wehmütig und am Ende frei zu sein.
Hier ist das erste davon, weitere ausgewählte folgen.

Ist doch sternenklar

Ich betrachte den Himmel
und sehe die Venus.
Du siehst den Polarstern.
Wir verstehen uns nicht.
Wir sind zu verschieden.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18053

 

Die Redlinger

Lui suchte nicht mehr nach einer Mitfahrgelegenheit. Beide Jungs hatten erst mal die Nase voll von unangenehmen Überraschungen.
Sie wanderten weiter die Straße entlang, in der Hoffnung, irgendwann an einen Ort zu kommen, wo es ihnen gefiel. Manchmal fand Lui vorübergehend Arbeit und sogar Wuck konnte ab und an helfen. Aber nie für lange. Jedoch lernten sie unterwegs die verschiedensten Menschen und Lebensweisen kennen. Lui war fest überzeugt, dass sie eines Tages Glück haben würden.

Einmal führte ihre Reise zu einem auffallend schönen und gepflegten Örtchen. »Redling«, stand auf einem Schild am Ortseingang. Lui zeigte auf die einladenden Häuser mit den Gärten.
»Hier haben sie bestimmt viel zu tun. Das muss ja schließlich alles gepflegt werden!«, sagte er vergnügt. Wuck nickte.
Lui sah sich um und marschierte dann zielstrebig auf ein Haus mit einem weitläufigen Garten zu. Zwei Männer reparierten den Zaun.
»Ich suche Arbeit. Wissen Sie, wer einen braucht, der zupacken kann?«

Die Männer unterbrachen ihre Arbeit. Der ältere der beiden sah Lui von oben bis unten an. Dann lächelte er.
»Was für eine freundliche Frage, mein Junge. Ich frage mich, wo so tüchtige Burschen wohl herkommen. Aber das willst du mir sicher nicht erzählen. Also, wenn ich‘s genau bedenke, und ich bedenke es sehr gerne genau, denn man weiß nie, ob man nicht etwas vergessen hat, und dann muss man wieder von vorne anfangen … Äh, was wolltest du wissen?«
»Ich fragte nach Arbeit«, wiederholte Lui verwundert.
»Ach ja, richtig! Wenn du die Straße weitergehst, kommt eine große Kiefer rechts, danach zwei kleinere Gärten und dann nach der großen Eiche links ein eisernes Tor. Sehr schön verziert ist dieses Tor. So etwas will ich mir bei Gelegenheit auch einmal anfertigen. Im Garten dahinter wohnt Sermon, unser bester Redner, einfach ein Talent, das seinesgleichen sucht. Die letzte Festrede von Sermon, das war wirklich ein Meisterstück!
Ähm, also Sermon besitzt einen außergewöhnlich großen Garten, wenn nicht den größten hier. Oder ist Romans Garten größer? Interessante Frage. Das sollte man bei Gelegenheit einmal nachrechnen. Wobei ich im Rechnen keine besonderen Fähigkeiten besitze. Das wird sich im Alter wohl auch nicht mehr verbessern lassen. Was ist denn nun schon wieder?«
Der jüngere Mann hatte den älteren angestupst und wies auf die Jungs, die sich nach einem kurzen Dank bereits entfernt hatten.
Die beiden Freunde folgten der Wegbeschreibung des gesprächigen Mannes und gelangten an das verzierte Tor. Sie traten ein. Ein Sandweg schlängelte sich durch eine schöne Gartenanlage zu einem üppig geschmückten Haus, zu dessen Eingangstür eine Treppe führte. Lui ging voraus und klopfte. Ein Mann in dunklem Anzug öffnete.
»Ja, bitte? Was ist euer Begehr? Seid ihr angemeldet? Ihr habt hoffentlich nichts zu verkaufen, weil ich Anweisung habe, das abzulehnen, gleichgültig, worum es sich dabei handelt. Herr Sermon hasst nichts mehr als geschwätzige Verkäufer.«

Lui grüßte und fragte nach Arbeit.
Der Mann sagte: »Bitte, einen Moment zu warten, die jungen Herren, wenn das möglich ist, was günstig wäre, weil dann könnte ich Herrn Sermon fragen …«
Noch im Reden schloss er die Tür.
Eine Weile später öffnete sich die Tür wieder. Ein älterer Herr in einem bestickten Samtanzug mit glänzendem Seidentuch, das kunstvoll um seinen Hals geschlungen war, sah auf die Knaben. Sein langes graues wallendes Haar hatte er nach hinten gekämmt, sodass es in Wellen über den Kragen fiel.
»So, zwei Burschen, die eine bezahlte Beschäftigung suchen, habe ich vernommen. Äußerst rar in der heutigen Zeit, was ich an dieser Stelle einmal anmerken möchte. Aaah, hier böte sich eine wortgewaltige Ausführung über die heutige Zeit und unsere Jugend sehr passend an.« Sermon warf einen Blick auf Lui, der sich sichtbar unwohl fühlte. Herr Sermon unterbrach seinen Redeschwall und besann sich.
»Seid ihr denn der schwierigen und anstrengenden Gartenpflege kundig und fähig, wenn ich das so fragen darf?«
Lui lächelte. »Gartenarbeit wäre genau das Richtige«, erwiderte er.

So kam es, dass Lui wieder einmal für eine Zeitlang Arbeit und Lohn hatte. Unterkunft bekamen die Jungs in einem der Gartenhäuschen. Sermon und seine Bediensteten merkten schnell, was ihnen da für ein tüchtiger Gärtner zugelaufen war. Dass Wuck nur wenig helfen konnte, störte niemanden. Besonders Sermon war begeistert von dem schweigsamen Knaben.
»Ein wunderbarer Zuhörer!«, schwärmte er. Wobei Wuck meist zusah, dass er Land gewann, wenn der alte Schöngeist irgendwo im Garten auftauchte.
Es war Lui, der sich für die Wortgemeinschaft der Schönredner interessierte. Abends, nach getaner Arbeit, gingen die beiden Jungs manchmal in das Goldene Wort, eine Art Gasthaus, das vielerlei Vergnügungen bot.
Zu speisen gab es an der Texttheke Spezialitäten wie Buchstabensuppe, Wortbrei, Sprechmuscheln, Textstullen, Spruchrollen, Quatschsalat, Brabbelbrote, Quasselstrippen, geröstete Satzfetzen, süße Wörterschlangen, Heiserschmarren, Wortstammkuchen, gebackene Ohrwürmer oder den gefüllten Labersack. Am Redefluss gleich daneben wurden Trinksprüche und Plapperwasser ausgeschenkt. Wer zu viel davon erwischt hatte, war leicht zu erkennen, weil er redselig über dem Tresen hing und hirnlosen Unsinn plapperte.
Im Gastraum spielten die Sprechanlagen unentwegt Redeweisen, Sprechgesänge, Satzmelodien, untermalt von Wortgeklingel und Wortlauten.

Die Redlinger liebten ihre Heimat, die sie Reimat nannten. Sie beschrieben mit vielen ausschmückenden Worten die Schönheit ihrer Landschaft, wie den sagenhaften Wörtersee, den Wortschwall, das wortkarge Satzgebirge mit seinem höchsten Gipfel, der spitzen Bemerkung, nebst dem wortlosen Wortbruch, die blumigen Reden und die wortgetreuen Ebenen der Rufweite. Ihre Häuser verzierten sie mit Lautmalereien. Stillleben dagegen waren völlig verpönt. Wer auf sich hielt, hatte einen Papagei, der nichts anderes tun sollte, als die besten Ausdrücke zu wiederholen. So waren die Häuser der reichen Redlinger mit nie enden wollendem Geplauder erfüllt.
Wenn Lui mit den Einheimischen ins Gespräch kam, bedurfte es manchmal eines Übersetzers. Wie sollte man eine Wetterbeschreibung verstehen, in der von Sprechblasen, Satzwolken, Wortfetzen, Gedankenblitzen, Sprechgewitter oder Ferngesprächen die Rede war?

Am aufregendsten fanden Lui und Wuck die Rededuelle, die im Goldenen Wort allwöchentlich abgehalten wurden. Atemlos verfolgten die Jungs die Wortführer, die sich zum Wortgefecht gemeldet hatten. Meist fing es mit kleinem Wortgeplänkel an, Wortspaltereien folgten, durchmischt von hinterlistigen Wortklaubereien. War der Streit dann in vollem Gange, wurde einem das Wort im Mund umgedreht, einige Wortungeheuer und Wortungetüme wurden hinterhergeschoben, bis es dem Gegner die Sprache verschlug oder ihm das Wort im Hals stecken blieb, und flugs hatte der Wortverdreher dem Unterlegenen mit unaussprechlichen Gemeinheiten den Wortschatz geraubt, was nicht selten zu einem gestammelten Schreikrampf führte.
Manchmal verhalf eine Wortspende zu einer unerwarteten Redewendung, sodass der Schwächere seine Wortgewalt wiedererlangte, eine Weile am Boden herummurmelte, bis seine Redewut erneut erwachte. Es geschah sogar, dass sich das Blatt drehte und der Angeschlagene neue Worte schöpfte, um dann vollmundig mit Wortspielen, Silbenrätseln und Wortwitz am Angreifer den vernichtenden Rufmord zu begehen. Meist hinterließen die Gegner ein wüstes Wortfeld und die Bediensteten hatten alle Hände voll zu tun, die herumfliegenden Worthülsen aufzusammeln, damit niemand darüberstotterte.

In einem Nebenzimmer wartete bereits der Wortologe mit seiner Sprechstunde, um die Folgen des Redegetümmels zu behandeln, wie zum Beispiel Wortverschluss, Schachtelsätze, Sprechstörung, Rückwärtssprech, Redehemmung, Stottern, Silbschluck, Schweigstreik, Verstummung, Wortbrech, Sprechdurchfall, Einsilbigkeit oder Wortarmut. Trotzdem erfreuten sich die Duelle allergrößter Beliebtheit.
Am meisten verachteten die Redlinger die sogenannten Versprecher. Das waren Leute, die falsche Hoffnungen weckten oder einfach Lügen verbreiteten. Das galt als schlimmes Verbrechen und wurde mit Sprechentzug geahndet. So einem abgefeimten Versprecher konnten nicht einmal Ausreden helfen, wenn er einmal dingfest gemacht worden war. Niemand redete mit einem Versprecher. Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als sich zu bessern oder aus Redling wegzuziehen.
Komischerweise war der stumme Wuck bei allen jungen Redlingern, Mädchen wie Jungs, außerordentlich beliebt. Oft sah man Wuck von einer Traube Kinder und Jugendlicher umringt, die ihm angeregt allerlei erzählten. Wurde es ihm zu viel, zog er sich in das Gartenhäuschen zurück.

Bei dem vielen Gerede blieb den Redlingern kaum Zeit übrig. Für die meisten Verrichtungen beschäftigten sie eine Menge Leute: Handwerker, Reinigungskräfte, kurz Hilfen aller Art. Wer auf sich hielt, verbrachte seine Zeit damit, wichtige Gespräche zu führen, tiefschürfende Reden zu schreiben und sie vorzutragen. Wer die meisten Sätze für eine Sache verbrauchte, war hoch angesehen. Bald kannten die beiden Freunde die wichtigsten Redlinger. Neben Sermon und Roman gab es noch den salbungsvollen Literarthur, den nervigen Lürik, dessen Sprache nur aus Reimen bestand, die schlanke Novelle, den dicken, ausladenden Epik, die aufgeregte Drama und die mopslige Prosa.
Meist belustigte Lui das Gequatsche, aber ab und zu ging es ihm auf die Nerven.
Am wohlsten war ihm in Sermons großem Garten. Dort erledigte er unbehelligt seine Arbeit: schnitt Hecken, legte Wege und Beete an, säte und erntete, pflanzte Blumen oder Essbares, jätete und goss, setzte Stützen oder besserte Zäune aus, schaufelte und grub, häufte Erde auf und düngte, zog Jungpflanzen vor und mähte die Wiesen. All das hatte er in Mädelau und in den hängenden Gärten gelernt. Wuck half ihm, so gut er konnte.

Sermon freute sich, dass er mit Lui einen Glücksgriff getan hatte. Sein Garten wurde von Tag zu Tag schöner. So kam es, dass er Lui eines Abends zu sich rief, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten. Wuck folgte aus Gewohnheit, hielt sich aber wie immer stumm im Hintergrund.
»Mein lieber junger Freund«, begann Sermon huldvoll, »ich habe sehr wohl bemerkt, dass du über ein außerordentlich grünes Händchen verfügst. Das erfüllt mich mit Freude, ja, um nicht zu sagen, mit großer Zufriedenheit. Und Zufriedenheit ist, wie wir wissen, ein äußerst erstrebenswertes Ziel, mein junger, ach so gärtnerisch begabter Freund.«
Sermon sülzte auf diese Weise eine ganze Weile weiter, sodass Lui langsam, aber sicher im Stehen eingenickt wäre, wenn Wuck ihn nicht angestupst hätte. Überrascht hob Lui den Kopf und vernahm gerade noch: »… mich und die Meinen zutiefst erfreuen, wenn die beiden jungen Burschen sich für immer bei uns einrichteten. Ja, du hast richtig gehört, auch dein stummer Freund ist uns herzlich willkommen. Seine außergewöhnliche Fähigkeit zuzuhören, ist auch mir nicht entgangen. Ja, sein Schweigen ist für viele überaus anziehend und wohltuend, wenn ich das bemerken darf.«
Lui schluckte, sah zu Wuck. Wuck starrte entsetzt zurück. Lui dachte fieberhaft nach. Ihm wurde schlagartig klar, dass er sich um nichts in der Welt in Redling niederlassen wollte. Aber was sollte er antworten, ohne seinen Brotgeber zu beleidigen oder zu lügen? In seinem Kopf kreisten die Gedanken und wirbelten die Worte.
»Nun, ich sehe, mein Angebot macht dich sprachlos, mein junger Freund. Nur Mut!«, forderte Sermon Lui selbstgefällig auf.

Lui atmete tief ein, dann aus und wieder ein. Dann erwiderte er leise: »Herr Sermon, ich bin Ihnen sehr dankbar. Es ist jedoch so, dass ich für meinen Freund Wuck Heilung suche, denn er war nicht immer stumm. Ich wünsche mir sehnlichst, dass er wieder spricht. Wir können nicht bleiben.«
Sermon sah Lui beleidigt an. »Wo sollte er sprechen lernen, wenn nicht bei uns, den Meistern der freien und ungezwungenen Rede?«
Lui antwortete: »Wenn er hier hätte sprechen lernen können, hätte er es längst getan. Ich denke, dass wir bald weiterziehen müssen.«
Wuck sah Lui dankbar, aber auch schuldbewusst an. Lui lächelte zurück.
Herr Sermon war nicht lange eingeschnappt. Dazu war er zu gutmütig. Er bat die Jungen, die begonnenen Arbeiten noch fertigzustellen, dann zahlte er Lui den restlichen Lohn aus. Nach ein paar Tagen packten Lui und Wuck ihre Siebensachen und machten sich wieder auf die Reise.

Auszug aus: »Lui in der Draußenwelt«, Fabulus-Verlag Fellbach, 2016

Yvonne Richter
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18016

 

Brainstorming

In meinem Gehirn summt und brummt es: Train I ride, sixteen coaches long. Train I ride, sixteen coaches long. Well, that long black train got my baby and gone. Train train, comin' 'round, 'round the bend. Train train, comin' 'round the bend Well, it took my baby, but it never will again (no, not again).
Train train, comin' down, down the line …

Da vorne steht der Ober und späht aufmerksam zu mir herüber. Vielleicht hat er damit gerechnet, dass ich irgendwie umfalle und doch zur Milch greife? Seh ich etwa so aus? Irgendwie ist man in meinem Alter ja so ziemlich mit allem durch. Obwohl – der Gedanke daran, nicht mehr so zu können, wie man es bisher für selbstverständlich gehalten hat – na ja. Gewöhnungsbedürftig! Wenn erst einmal das Abgeben schwer errungener Lizenzen kommt? Des Führerscheins zum Beispiel. Das sind Zäsuren! Echte Zäsuren sind das! Das kommt einer Entmündigung gleich! Wenn´s nicht nur mehr bloß um einen Zahn geht, der irreparabel ausgehebelt wird. Das wäre ja noch zu verkraften. Auch ein zweiter. Vielleicht noch ein dritter.

Da! Da liegt ein Haufen Blätter vor mir, alte Urkunden, Ariernachweise und so´n Zeug. Ich versuche, darin zu lesen und mich schlau zu machen, über die Zeit vor mir. Den Großvater, den Johann Bresslar, den hab ich leider nicht mehr gekannt. Mein Bub, soll er immer voll Stolz gesagt haben, wenn er über mich gesprochen hat. Passt’s mir auf meinen Buben auf! Ach, ein männlicher Nachfolger, das war etwas! Das wusste er zu schätzen, er, der in Zeiten aufgewachsen war, in denen Männer haufenweise als Kanonenfutter verbraucht worden waren. Die Großmutter kannte ich noch. Eine sehr strenge Frau war sie. Ich erinnere mich gut. Sehr ernst. Nach dem Mittagsschläfchen hat sie immer Kaffee gekocht, damals, in der kleinen Küche. Ich habe den Geruch noch in der Nase. Wunderbar hat er gerochen, wie heutzutage keiner diesen Duft verströmt. Schwarz hat sie ihn getrunken, so wie ich jetzt, aber im emaillierten Blechhäferl, mit blauen Blümchen darauf. Wahnsinnig gern hätte ich das noch besessen! Und sie hat eine Semmelhälfte eingetaucht, und den aufgeweichten Teil abgebissen. Wieder eingetaucht, abgebissen. Dabei hat sie nicht geredet. Nur das Ticken der Pendeluhr war zu hören. Passt mir auf den Buben auf! Aber niemand hat auf mich aufgepasst, so, wie ich mir das gewünscht hätte.

Niemand hat verhindert, dass ich dorthin komme, wo ich jetzt bin. Was soll´s? Alte Leute haben auf mich seit jeher eine ungeheure Faszination ausgeübt, vielleicht durch ihre Abgeklärtheit? Durch die Ruhe, die sie ausstrahlen? Weiß nicht. Ich habe das Gefühl, mit uns wird man nicht so ehrfürchtig umgehen, wie wir es mit den Alten gehalten haben, damals eben. Die Jugend heute hat keinen Respekt vor den Alten. Sondermüll, sagen die. Steh‘n bloß im Weg herum und sind für nix gut, sagen die. Wofür sollte man etwa eine Familienchronik schreiben, für wen, frage ich mich? Die Jungen lesen das ohnehin nicht. Dieser Standesbeamte scheint sich offensichtlich bemüht zu haben, schön zu schreiben. Die schlampigen „n“ und „e“ sind trotzdem schwer zu unterscheiden!

Wenn doch mein Vater oder meine Mutter oder eigentlich beide (wieder ein Romananfang) – denn beide waren gleichmäßig dazu verpflichtet – hübsch bedacht hätten, was sie sich vornahmen, als sie mich zeugten! (Laurence Stern. Tristan Shandy) Hätten sie geziemend erwogen, wie viel von dem abhinge, was sie damals taten! Jedenfalls, dass alles Mögliche dadurch bestimmt worden war, durch das Werkzeug der Vorsehung, oder wie auch immer man es zu nennen vermag, …

Zollwachtmeister also. Großvater war k. u. k. Zollwachtmeister. Merkwürdig. Ich erinnere mich noch, Mutter hat erzählt, dass er wegen Fettleibigkeit ins Flachland versetzt worden ist, damals, unterm Kaiser. Aus Bayern, nahe dem Böhmerwald, in den Flachgau. Grenzgendarm war er. Zollwache oder so. Aber die Berge waren zu hoch für ihn. Das hat er nicht mehr geschafft, keine Luft gekriegt, der Arme. Ich hebe den Kopf. Der Glatzkopf da ist mir schon vorhin aufgefallen, als ich über den Volksgarten in die Stadt spaziert bin. Ganz in Schwarz. Uniformes, das für uneingeschränkten Erfolg bürgen soll. Städtisches Ökonomiesoldatentum! Gleichgeschaltet, mit Telefon im Ohr und Laptop am Rücken. Man sollte ihnen das Telefon gleich in die Haut implantieren, der leichteren Handhabe wegen. Ein Theater. Meinen gewohnten Spaziergang durch die Stadt habe ich heute in der Gegenrichtung begonnen, über die Stadiongasse. Gleich zu Anfang hat mich die Silhouette der Michaelertor-Kuppel im diesigen Morgenlicht begrüßt.

Ich behalte mein Ziel im Auge, denn unmittelbar daneben ist das Café Griensteidl zu finden, Schauflergasse. So bummle ich, flankiert vom Rathauspark und seinen riesigen Baumwipfeln sowie der Westfront des Parlaments – ach, da ist ja der ehemalige Finanzminister! Was macht denn der noch hier? Mit Aktenmappe? Seniorenbundagenden erledigen. Repräsentable Limousinen und Sportwagen vor dem Hohen Haus, muss man sagen. Es geht uns offenbar gut! Kein Wunder, bei den Steuern? Frau Athene in neuem Glanz. Die barockisierten Minarette im griechisch-römischen Stil - auch frisch vergoldet. Das ist nicht gegen die Bauordnung? Artfremd sagen sie heute, wenn etwas so emporragt. Halb zehn. Der Tag ist noch jung.

Langes Zugfahren ist anregend für intensives Brainstorming. Was mir da alles durch den Kopf geht, wenn ich zum Fenster hinaussehe und die Landschaft an mir vorüberrast. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ich muss lachen. Kennst du das? Pension Schöller, Theaterstück. Der Major: Hier ist der Feind gestanden, und da wir. Wääären wir hier und der Feind dort gestanden, wäre alles ganz anders gekommen! Ja, höchst wahrscheinlich wäre alles ganz anders gekommen.

Hätte ich neulich im Kino nicht Sportgummi gekaut, hätte ich meine Plombe am Stockzahn noch. Ich sitze mit meiner Frau in einer Hommage an das goldene Zeitalter des amerikanischen Musicals und versuche soeben, die ausgelassene Stimmung dieses Feelgoodmovies auf mich herüberzuladen, da war es auch schon passiert. Zwischen Nostalgie und Identitätskrise einer Love-Story-verdächtigen Tanzszene wandelt sich nicht bloß die Geschichte der beiden Hauptdarsteller in, wie man so schön banal sagt, in jenes verdammte Ding, wie es das Leben eben schreibt, da spüre ich schon einen Felsbrocken zwischen dem süßsauren Zuckerschmelz klirren und flugs spucke ich das Corpus Delicti in meine Hand. Ich brauche nicht nachzusehen, worum es sich handelt, denn meine geschickte, oder besser geschockte Zunge hat das Loch dieses Amalgam-Asteroiden im verdächtigen Zahn bereits geortet und voll Entsetzen über seine Ausmaße darin herumgebohrt. Hätte ich also keinen Sportgummi gekauft, wäre alles ganz anders gekommen.

Wäre ich nicht schon berufstätig gewesen, hätte ich mein Medizinstudium fertig gemacht. Hätte ich meinem besten Freund während einer Party vor dreiundvierzig Jahren nicht eine neue Bekannte ausgespannt, wäre sie heute nicht meine Frau und so weiter. Tja, wäre ich Alexander, der Sohn Philipps II. von Makedonien und der Olympia von Epirus, wäre ich auf Wunsch meines Vaters von dem berühmten Philosophen Aristoteles erzogen worden. Hätte was, nicht? Ich hätte im Alter von zwanzig Jahren den Königsthron bestiegen und, nachdem mein Vater ermordet worden wäre, das scheint mir Usus in solchen Königskreisen gewesen zu sein, hätte ich mich als Führer eines makedonisch-griechischen Heeres aufstellen lassen. Einfach so. Ohne Bewerbungsschreiben und Hearing. Klasse, oder? Aber, hätte ich das wirklich gewollt? Du kennst mich doch, ich habe nicht das Zeug zur Führernatur und auch nicht den Willen, eine solche zu sein. Ich müsste übrigens das Heer des Perserkönigs Dareios des Dritten erfolgreich, versteht sich, schlagen. Das täte mir leid, denn ich finde die Perser sind im Grunde nette Leute, als was sollte das? Und dann das viele Blut und die ganze Schweinerei drumherum. Nein, das wär nichts für mich.

Ich war einmal in eine Perserin verliebt. Sie hieß Sayeh, das heißt angeblich Schatten. Sie hatte mir erzählt, ihr Vater wollte sie so genannt haben, damit sie ihm sein Schatten in der Gluthitze der persischen Sonne sein möge. Ich habe sie vor vierzig Jahren aus den Augen verloren. Doch dann, ich hatte da einen Deutschschüler, für den habe ich im Netz etwas gesucht und bin auf einen Namen gestoßen, der mich an den ihren erinnert hat. Dort habe ich angesetzt, nach ihr zu suchen und ich entdeckte eine Bekannte aus der Vergangenheit und deren Telefonnummer. Nach einem kurzen Brief schickte sie mir eine SMS mit Sayehs Adresse. Und seither scheiben wir uns ein wenig oder telefonieren. Hast du mich gefunden, hat sie geschrieben und das klang - irgendwie überrascht, aber doch so, als hätte sie eines Tages damit gerechnet. Sie hat zwei bildhübsche erwachsene Töchter, die beide in Paris studieren.

Als ich sie bat, mir ein Selfie zu schicken, hat sie abgelehnt und gemeint, besser nicht, du wirst fürchten dich (sic!). Ich kriegte dann aber doch ein paar Fotos, und wir haben alte Erinnerungen und auch Fotos ausgetauscht, die überraschend bei uns beiden aufgetaucht sind. Und ich musste mich nicht fürchten, sie sieht immer noch gut aus und sie hat gesagt, ja, aber jetzt sind wir alt. Womit sie leider Recht hat. Nun bin ich aber froh darüber, nicht Alexander zu sein, obwohl ich billig nach Indien gekommen wäre, dort wollte ich schon als junger Mann hin, als die Hippies dorthin zogen. Doch auch dahin bin ich zu spät gekommen, wie sonst auch überall hin. Aber das Ende, also wenn du dir das anhörst, irgendwann hätte ich zu einer Massenhochzeit geladen, lese ich, und dabei zehntausend Perserinnen und Makedonier miteinander verheiratet. Damit fange ich leider nichts an. Mit derartigen Events habe ich nichts am Hut. Wie auch immer, in Babylonien jedenfalls hätte es mich erwischt, da wäre ich an Malaria gestorben. Pech gehabt, nicht? Und das hätte ich nicht gewollt, ehrlich. Aber was fange ich hier Grillen?

Der Tag ist also noch jung, bemerkte ich vorhin. Nur ich bin es nicht mehr. Sayeh hat es mir bestätigt. Ich spüre, wie die Zeit rinnt, unaufhörlich. Hier unten am Ring zähle ich jede Sekunde ein Auto, zwei sogar. Überall sitzt nur eine Person drin. Arme Umwelt. Zwei Mädchenporträts von Gustav Klimt und der Künstlercompagnie im Belvedere - und irgendwann wird mich so ein Radfahrer niederfahren, das seh ich schon kommen. Ich bin im Volksgarten – und – gerettet! Eine hochgewachsene, gelb-orange Valencia unter tausend anderen Rosen. Bildschön! Daneben, derzeit blütenlos, Ricarda. Vielleicht findet sie keinen Partner? Buchs in Fragezeichenformen. Peinlich genau zugeschnitten. Eine Kunst, so etwas. Der alte Theseustempel – stillschweigendes Relikt längst vergangener Zeiten. Die Treppen heute völlig unfrequentiert. Sie haben ihn zu Tode renoviert, mit Lack oder so einem Zeug. Ehemals war er aus Sandstein. Davon ist heute nichts mehr zu bemerken. Wahnsinnstat am Heldengrabmal. Auf den Bänken rundum sitzen Touristen und Pensionisten. Davor eine Gruppe Japaner in Tai-Chi-Trance. Haben ihre Arme hoch erhoben und lassen sie wehen wie Birkengeäst im Winde. Zwei üben Fächertanz, lassen den Fächer knallen wie die Aperschnalzer im Pongau. Die wüssten auch nicht, was unsere Älpler damit darstellen möchten. Trotzdem sieht es elegant aus! Unglaublich, was für riesige Hunde sich manche Leute halten! Wo verstecken sie die bloß in ihren engen Wohnungen? Meine Nationalbibliothek! Ach, wie lange habe ich dort beinahe schon gewohnt? Unten, im Tiefspeicher? Tonnenweise Bücher vor mir auf dem Tisch. Ein kleines Vermögen habe ich hier in Kopien investiert. Und – ich stehe auch in einem Regal, für die Ewigkeit. Also bin ich unsterblich. An manchen Tagen jedoch fühle ich mich aber eher sehr sterblich. Ich gehe über den Ballhausplatz, lasse die Hofburg rechts liegen. Wie leicht sich das sagt, hätte ich sie mitnehmen sollen? Was meinst du? Ich gehe in Richtung Schauflergasse. Gott sei Dank, jetzt ich bin am Ziel.

Aber ich bin ja da. Bin schon da! Und habe es gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit über bin ich schon hier. Im Griensteidl. In Gedanken ziehe ich noch einmal die Glastür auf, sondiere in Sekundenschnelle das Terrain und finde meinen Tisch, lasse mich auf die kleine, von dunklen Holzwänden umgebene, mit rotem Plüsch überzogene Zweierbank fallen, an einem kleinen, runden Marmortischchen. Nun sitze ich schon seit einer Stunde hier. Immer wieder rekonstruiere ich, wie ich hergekommen bin. Meine Gedanken gehen im Kreis. Die Yuppie-Tussi, ich weiß. Jetzt könnte sie wirklich zu telefonieren aufhören. Typisch, trinkt natürlich Kaffee Latte. Modegetränk. Das passt zu ihr!

Kaffeehäuser eigenen sich auch hervorragend fürs Brainstorming. Ich denke an Papa. Der Vater hat alles weggeworfen, was von den Vorfahren stammte. Auf eine wilde Deponie gebracht, würde man heute sagen, fällt mir ein. Am nahen Bach. Mit „alles“ meine ich Großvaters Uniform, den Säbel, den Tschako. Mir kommen fast die Tränen. Ich habe so gerne mit diesen Sachen gespielt. Außerdem – der ideelle Wert von dem Zeug! So etwas ist unwiederbringlich verloren. Irgendwo hätte sich schon ein Platz gefunden für den ganzen Plunder. Vater war das egal. Alles Müll, hat er gesagt. Besonders Militärisches. Passte nicht in seine mühsam erklommene Welt. Neunzehnhundertelfer. Moderne Welt! Zeit ist immer modern. Neunzehnhundertsechzig hat er das gesagt! Lächerlich! Er war ja – irgendwie Pazifist! Zumindest bildete er sich das ein. Die Sachen rochen nach Moder, nach Mottenpulver, weiß ich noch. Der Säbel hatte Rost angesetzt, der war unglaublich schwer für mich, als Kind. Er mochte zehn Kilo gewogen haben. Aber war faszinierend. Hatte ich ihn umgeschnallt, zog ich ihn laut scheppernd hinter mir her. Es musste allen fürchterlich auf die Nerven gegangen sein. Damit spielt man nicht! Ich verstehe es ja ... heute.

Die Gedanken. In Gedanken läuft alles ab wie in einem Film. Dann ist der Film zu Ende, und du bist wieder allein.

Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 17058

 

Sturz

Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erzählte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was für ein Schock war das für Fred. Und doch keine Überraschung. Eher logische Folge. Das Ungeheuerliche war nur, dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte. Nicht einmal sie selbst! Immer tiefer hatte sich Mutter in ihr Drama verstrickt. Wie ein Wollknäuel in Widerhaken. Fred und seine Geschwister, die als Zuseher heranwuchsen, hatten es irgendwann aufgegeben einzugreifen. Jegliche Versuche ihr zu helfen wehrte sie ab. Jede Tragödie wird irgendwann langweilig!, dachten sie. War sie noch so brutal. Konnte man sich den Ausgang auch ausmalen, keiner wollte den mehr mitansehen. Irgendwann jedoch würde er kommen müssen, der Aufprall am Boden. Die Frage war nur: wann?

Abend war’s, als Torsten sich meldete. Und das hieß nichts Gutes. Wenn er sich meldete, dann gab es immer einen Grund; Fred konnte nicht behaupten, dass in seiner Familie einfach so miteinander geredet wurde. Da musste schon etwas Krasses vorgefallen sein! Und diesmal berichtete der Bruder von Mutter und seinem Besuch bei ihr vor ein paar Tagen anlässlich des Muttertags.

Fred hatte den Muttertag schon hinter sich. Ein Pflichttermin auf seiner To-do-Liste. Glücklicherweise war er zu ihr ins Geschäft gegangen, überreichte ihr übers Verkaufspult hinweg seinen Blumenstrauß, drückte ihr Küsschen auf die Wangen und pflegte ein wenig Smalltalk mit ihr. Besser gesagt übte er sich in der Rolle des Zuhörers; denn Mutter riss – wie so oft – sogleich das Wort an sich und ließ es nicht mehr los. Bei diesem Besuch konnte er nichts Besonderes feststellen, neben gewohnten Merkwürdigkeiten. Mehr als eine halbe Stunde werde ich das nicht aushalten können, wusste er schon und hatte sich davor ein Limit gesetzt. Während seines Zuhörens hatte er die Uhr stets im Auge behalten, um ihr genau diese Zeit zu geben. Und keine Sekunde mehr.

Kurz vor Sperrstunde bin ich ins Geschäft rein, setzte sein Bruder Torsten fort. Ein Mann war noch da, mit dem sie sich unterhielt. Gemeinsam kippten sie Wermut. Freilich war mir das schon aufgefallen: sie und der Wermut. Der angeblich ihre Schmerzen im Kreuz und weiß der Teufel, wo sonst noch, lindern und Durchblutung fördern sollte. Aber ich dachte mir nichts dabei. Ihr Geschäft schließlich! Ihr Leben! Was soll man ihr da verbieten? Zumal sie ja eigentlich schon in Pension und auf das Geschäft nicht mehr angewiesen war.

Wir plauderten noch eine Weile, sagte Torsten. Aber am Zungenschlag konnte man schon merken, dass sie betrunken war. Bis zum Zeitpunkt, als sie ‚Sperrstunde’ sagte, war alles in Ordnung. Dann ergriff sie ihre Autoschlüssel. Und ab da ging es los. Was, du willst heimfahren, fragte ich sie. Nach Hollabrunn? In deinem Zustand? – Was heißt in meinem Zustand?! – Mama, du bist betrunken, vollkommen betrunken! Merkst du das nicht? – Ach, Blödsinn! Misch dich da nicht ein! Mir geht’s bestens. Plötzlich ergriff der Mann zu Gast Partei für Mutter: Torsten bräuchte sich keine Sorgen zu machen, seiner Mutter ginge es gut. Wer er war, wollte Torsten wissen, und wie er dazu käme, derartige Aussagen zu machen. Und schon war eine handfeste Diskussion im Gange.

So konnte ich sie unmöglich ins Auto steigen lassen, fuhr sein Bruder fort, er forderte die Autoschlüssel. Gib sie her, die Autoschlüssel. Ich fahre dich nach Hause. – Aber kommt doch nicht in Frage! Mir geht’s gut. Ich kann alleine fahren. – So lass ich dich sicher nicht fahren. Du bist eine Gefahr! Nicht nur für dich, auch für andere. – Die anderen sind mir egal. Ich geb dir den Schlüssel nicht! Und wenn du Kopf stehst. – Na gut, sagte Freds Bruder. Dann fahren wir eben mit der U-Bahn. – Wohin?, fragte sie, ganz erstaunt.
In deine Wiener Wohnung.
Da kann ich nicht hin, erwiderte sie.
Warum denn nicht?, fragte Torsten.
Da herrscht Chaos. Großes Durcheinander.
Macht nichts, entwaffnete er sie. Ein Bett zum Schlafen wird sich schon finden.

Und, was hast du dann gemacht, fragte Fred. Ich habe sie geschnappt und bin mit ihr zur U-Bahn gewankt. Wie naiv von mir. Bei den Stiegen zum Aufgang zur U-Bahn stolperte sie und landete auf ihrem Mund. Direkt auf ihrem Mund! Erst krabbelte sie hilflos wie ein Käfer herum. Und ich versuchte, ihr wieder aufzuhelfen, setzte sein Bruder die Schilderung fort. Blut rann ihr vom Mund übers Kinn den Hals runter. Sie hatte sich die Lippe aufgeschlagen. Schauerlich! Die Passanten starrten uns an, ehe sie sich wegdrehten. Ich kramte nach einem Taschentuch. Überall suchte ich nach einem Taschentuch, während das Blut … Schnell! Ein Taschentuch, verdammt noch mal! Wo ist jetzt ein Taschentuch?! Da fiel sie wieder hin. Nur wegen dieses verdammten Taschentuchs habe ich jetzt nicht aufgepasst. Diesmal mit dem Gesäß auf die Treppe. Und weil die so abschüssig und ihr Körper so unkontrolliert war, rutschte sie gleich ein paar Stufen weiter hinab. Ihr Hinterkopf schlug auf die Stufen. Diese verdammten Stufen. Tock, machte es. Tock! Was für ein Geräusch! Der Unterkiefer schlug gegen den Oberkiefer. Mutter, die Arme, ächzte nur und stöhnte. Dann bewegte sie sich wie in Zeitlupe, um sich aus ihrer misslichen Lage aufzurichten. Energisch schnappte ich sie mir, hatte aber meine Not diesen schlaffen Körper richtig zu fassen und auf die Beine zu bringen. So sind wir dann zu ihr in die Wohnung. Du kannst dir nicht vorstellen, so sein Bruder weiter, was das für ein Theater war, den Schlüssel zu finden. Ewig fand sie den Schlüssel nicht! In all ihren Taschen kramte sie nach ihrem Schlüssel. Alle Schlüssel, die sie fand, drückte sie mir in die Hand und meinte, ich solle endlich aufsperren. Und wenn ich sagte, jener Schlüssel sei nicht der richtige, behauptete sie, sie hätte mir schon den richtigen gegeben. Schließlich sagte Torsten, sind wir hinein und legte ich sie in ihr Bett.

Er hat dann noch Betty, seine Schwester verständigt, die sich Mutter medizinisch angesehen hat. Als Ärztin ist sie die Einzige, die sie an sich ranlässt. Sonst lehnt sie alles ab! Aber Fred, du kannst dir nicht vorstellen, wie es in der Wohnung aussah. Total verwahrlost! Und nichts funktionierte: kein Warmwasser, überall dreckiges Geschirr in der Küche. Nicht mal händisch abwaschen ging, weil Siphon samt Boiler kaputt waren.

Freds Geschwister haben sich daraufhin getroffen. Zum ersten Mal in ihren Leben Krisensitzung. Um herauszufinden, was passiert war, wie es so weit kommen konnte. Warum ließ sich ihre Mutter nur so gehen? Warum sagte sie nicht einfach, dass sie Hilfe brauchte? Fragen dieser Art schwebten im Raum. Alle waren so betroffen, dass sie nicht einmal den Versuch unternahmen, es sich gegenseitig zu erklären und nach Antworten zu suchen. Irgendwie waren sie alle unfähig, über diese Dinge zu reden. Waren sie allzu sehr betroffen? - Als zum Beispiel ihr Vatergestorben war, hatten sie nie darüber geredet. Dabei wusste jeder von ihnen, wie es sich anfühlte. Nie aber hatte jemand von ihnen darüber geredet. Nie!

Sie ist meine Mutter. Das wird sie immer bleiben. Sie hat mich auf die Welt gebracht, sagte Fred. Worauf sein Bruder Walter plötzlich heftig wurde: Was das soll, diese Ansage von ihm. Sie wäre doch alt genug, er empfände keinerlei Verpflichtung ihr gegenüber. - Aber sie sei krank, hat ein Nervenleiden und merkbare Demenz, warf Betty sachlich ein. Ich werde sie zu einem Facharzt bringen, ob sie will oder nicht. - Tatsache ist, dass sie immer mehr zum Pflegefall wird, sagte sein ältester Bruder Torsten abschließend. Besser wird’s sicher nicht werden.

Sie einigten sich darauf, zuerst die Sanitärsachen, also den Wasserzu- und Ablauf samt Untertischboiler von einem Installateur reparieren zu lassen. Einen Kostenvoranschlag für die Heiztherme einzuholen und einen gemeinsamen Putzeinsatz in der Wohnung zu starten, um das Schlimmste zu beheben. Damit Mutter die Wohnung wenigstens wieder nutzen konnte, wenn ihr Zustand sich verschlimmern sollte. Als Ausweichort, um nicht den weiten Weg nach Hollabrunn im Auto antreten zu müssen.

Als Fred die Wohnung, in der er groß geworden war, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder betrat, war er um einiges früher da als der Installateur. Er wollte sich zuerst einmal allein einen Eindruck verschaffen. Gleich beim Eingang im Vorzimmer stand ein alter, hoher Kühlschrank, der das Fenster verstellte und nur wenig Licht hereinließ. Das Vorzimmer war seiner Erinnerung nach immer so hell gewesen … und der lange, schöne Perserteppich, den seine Mutter einmal angeschafft hatte, war jetzt mit einer ekligen Staub- und Dreckschicht bedeckt. Scham und ein bitterer Geschmack von Trauer überkamen ihn. Überall an den Bodenrändern lag der Lurch in Bahnen. Ein großer Haufen alter Schuhe lag herum. Die Vorhänge hingen grau und dreckig vor den Fenstern.

In seinen schlimmsten WG-Zeiten sahen die Küchen nicht so aus wie diese hier. Das Geschirr war aufgetürmt. In den Küchenkästen gab es kein einziges sauberes Teil mehr, das man hätte entnehmen können. Dem Installateur wollte, konnte er diese Wahrheit nicht vorsetzen. Unmöglich! Er genierte sich und erzählte ihm, dass seine Mutter die Wohnung vermietet gehabt und jetzt zurückbekommen hatte, eben in diesem erbärmlichen Zustand, wie er sähe. - Machen Sie sich nichts draus, hatte der darauf gesagt, habe schon Schlimmeres gesehen. - Er solle sich nur die kaputten Teile anschauen und ihm einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.

Nachdem der Warmwasserboiler samt Armatur in der Küche repariert worden war, veranstalteten seine Geschwister und er eine Putzaktion. Nur die über dreißig Jahre alte Heiztherme im Badezimmer hatten sie nicht tauschen lassen. Viertausend Euro war ihnen allen zuviel. Hatten ihnen schon die anderen Kosten für die Küche genügt. Seine Schwester stürzte sich auf das Badezimmer, sein Bruder Walter auf den Boden. Torsten und Fred begannen in der Küche das aufgestapelte Geschirr wegzuwaschen, um später die horizontalen und vertikalen Flächen der Kästen zu reinigen. Besser nicht denken, sagte er sich. Was machte das alles für einen Sinn? Zu viele unbeantwortete Fragen erzeugten ihm nur Kopfschmerzen. Wenn man darüber nachdachte, konnte einem das den Lebensnerv rauben. Dennoch machte es traurig. All die verpassten Situationen.

Fred erinnerte sich, als er mit Mutter einmal über Glück sprach. Sie erzählte ihm, wie sie kurz vor ihrem Abschluss der Matura-Klasse stand und den Sommer über Geld verdienen wollte. Am besten in einer großen Versicherung, dachte sie. Nur auf dem Bewerbungsformular stand, dass man mit dem Ausfüllen gleichzeitig der sozialistischen Partei beitrat, und damit hatte sie ein Problem. Darüber wollte sie mit dem Personalchef nochmal reden. Alles war hier so aufregend und neu für sie. Und während sie sich in der Schule als die Wissende und erfolgreiche Maturantin fühlte, kam sie sich hier so klein und unwissend vor. Als sie in diesem Gebäude herumirrte, sprach sie ein freundlicher Herr an: Wo wollen Sie denn hin? - In den sechsten Stock zum Chef der Personalabteilung. - Zuvorkommend zeigte er ihr den Weg. Sie kam bis zur Sekretärin, dort war Endstation. Er ist nicht zu sprechen. In einer wichtigen Konferenz, sagte die Sekretärin. – Gut, dann warte ich eben draußen. Drei Stunden wartete sie, bis sie empfangen wurde. Der Personalchef war der Neffe des damals amtierenden Bundespräsidenten, ein großer schlanker Mann mit höflichem Umgang. Mutter spielte das kleine Mädchen aus armer Familie. Geduldig nahm er ihre Daten auf. Danach fragte sie, was jetzt. - Ja, Sie sind genommen. Sie werden von uns noch schriftlich verständigt. Der Beitritt zur Partei war auf einmal unter den Tisch gefallen.

Sie fragte sich, wie man es anders als Glück bezeichnen konnte; denn dass sie ohne Parteizugehörigkeit und Bestechung einen Job bekommen hatte, war damals ein Wunder, nicht nur in ihren Augen. Zufrieden wollte sie sich trotzdem nicht geben. Noch eine andere Möglichkeit fiel ihr ein. Sie hatte da so eine Bank im Kopf. Da würde sie vielleicht sogar noch besser verdienen können. Ein Freund einer guten Bekannten, die bei ihrer Familie ein und aus ging, arbeitete dort. Und er war es auch, der sie auf die Idee brachte, sich dort zu bewerben. Als es dann wirklich dazu kam, war dem wohlsituierten Herrn aber auf einmal gar nicht mehr wohl. Ganz aufgeregt hatte er Mutter zu sich gerufen und ihr ins Gewissen geredet, sie solle ihm auf gar keinen Fall Schande bereiten.

Zu dieser Zeit war Mutter gerade mit ihrem Bruder Fritz zerstritten. Wenn er nach Hause kam, verschwand sie in ihr Kabinett. Ihre Mutter hat immer zu vermitteln versucht: Schau, was die Lisi jetzt macht. Sie hat sich in der Bank beworben. Und als Fritz, der fertige Jurist, den Bewerbungsbogen in die Hände bekam, um einen Blick drauf zu werfen, fiel sein Blick gleich auf einen Fehler: Statt dem abgefragten Mädchennamen der Mutter hatte sie den Vornamen der Mutter hingeschrieben. Gleich machte er ihr eine Szene, was sie nicht für ein Trampel wäre, der nicht einmal die einfachsten Dinge wusste.

Die Beleidigungen ihres Bruders nahmen kein Ende und drangen bis in ihr Zimmer vor, in das sie sich wieder einmal geflüchtet hatte. Und sie ärgerte sich derart, dass sie beschloss, sich einen neuen Bewerbungsbogen zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihr die Sekretärin den Stapel an Bewerbungen und meinte, dass es sowieso aussichtslos wäre. Da traf sie zufällig auf einen netten Mann, der auch zum Personalchef wollte. Sie blieb mit ihm draußen vor der Tür am Gang stehen und begann, mit ihm ein Gespräch über Schmetterlinge und Botanik zu führen. Sie erzählte ihm, dass Tintenflecken ihren Bewerbungsbogen verschmutzt hätten und sie deswegen einen neuen benötigte. Als die vorbeilaufenden Leute den Mann devot und freundlich grüßten, wunderte sie sich. Was sind denn alle Menschen hier so nett, fragte sie sich. Erst später erfuhr sie, dass dieser Mann auch eine Führungskraft war. Und Mutter fragte sich, was sie damals nur an sich gehabt hatte, dass sie auch diesen Job bekam, obwohl sie ein Niemand war. Wenn nicht einmal die Tochter vom Chef der Rechtsabteilung in dieser Bank unterkam.

Fred stand mit seinem Bruder, der sich das Geschirr vorgenommen hatte, in der Küche, während er die mit dunklem Holz furnierten Kästen samt Metallgriffen putzte. Er versuchte es zumindest; denn so einfach ging der Dreck nicht weg. Es war so verschmutzt, als ob man mit klebrigen Fingern alles abgegrapscht hätte. Wie war das nur möglich, fragte er sich. So was hatte er noch nie erlebt! Nur die stärksten, aggressivsten Mittel konnten da helfen. Schau, sagte sein Bruder, da sind Ananasdosen - über zwanzig Jahre alt! - Was ist nur alles passiert seither? - Was spielt das schon für eine Rolle, sagte Fred. Hier ist gestern wie heute. Erinnerst du dich, als die Oma noch lebte und wir mit ihr durch die Wohnung jagten. Sie mit dem Teppichpracker hinter uns her. Nie hat sie uns erwischt. Warum war Großmutter bloß so verbittert? – Verbittert, fragte sein Bruder. Das weiß ich gar nicht. - Doch das war sie, sagte Fred. Kennst du das Foto anlässlich ihres 75. Geburtstags, zwei Jahre vor ihrem Tod? – Nein, kenn ich nicht. Hab ich jetzt nicht vor Augen. - Ich aber. Da steht sie da in ihrem besten Kleid mit Goldkette um den Hals und posiert mit fest zugekniffenen Lippen, dass einem Angst und bang werden könnte. Verstehst du das? An ihrem Tag, ihrem Geburtstag! Sie steht da, als ob sie total sauer wäre. Auf was? Auf wen? Unter der Oberfläche explodierte sie förmlich. Vielleicht hatte alles mit dem übertriebenen Ehrgeiz seiner Großmutter begonnen, dachte Fred. Als Oberschwester im Spital, die einen Arzt heiraten wollte. Der hatte sie jedoch wegen Standesunterschieds abgewiesen. Was für ein Schlag, was für eine Kränkung!

Schließlich hat ihr Leben eine völlig andere Richtung genommen. Sie hat einen Polizisten geheiratet und drei Kinder geboren. Während Großmutter zu Hause das Kommando nicht aus den Händen gab, flüchtete sich ihr Mann in die Arbeit oder die Natur. Ein gemütlicher Mann, der sich bei der Polizei als Hundeführer verdingte. Hunde und Natur liebte er über alles. Ihren Ehrgeiz steckte Großmutter von nun an in ihre beiden Buben: Leopold und Fritz. Ihnen wurde jede Unterstützung zuteil, während für Mutter, die Jüngste und obendrein ein Mädchen, nichts mehr blieb. Die beiden Buben nahmen ihre Chancen auch wahr. Leopold wurde Primararzt und Fritz erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Mutter blieb auf der Strecke.

Weißt du, hat Mutter einmal zu Fred gesagt, ich habe in meiner Jugend so viel Glück gehabt. Glück kommt mir vor wie ein Bankkonto. Anfangs hatte ich viel davon. Aber irgendwann, ich weiß nicht genau wann, war es auf einmal leer. Mein Glück war einfach zu Ende, aufgebraucht: Glücksende. Seither habe ich nie mehr den Dreh gefunden, das Konto wieder aufzufüllen. - Schrecklich, dachte Fred. Glück nur im Außen zu sehen: im Job, im Geld, in der Partnerschaft. Ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Änderung. Gleichzeitig aber spürte er eine Gewissheit in sich, dass sich etwas in ihm gegen diese Aussichtslosigkeit auflehnte. Ist Glück nicht mehr im Innen zu suchen?, fragte er sich. Mehr ein Lebenszustand, den man sich auf ewig bewahren kann?

Fritz Schuler
(Anfangskapitel aus dem Roman „Glücksende“ - in Entstehung)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise |Inventarnummer: 16149

du sei mein

(vier gedichte)

abwendung.
verbrannte zuwendung
unbestimmten grades.
abwendung.

- - -

sprung in der marille.
zu viel regen.
sprung in der marille.

- - -

toleranz.
geborgte haut
auf zeit.
toleranz.

- - -

deine schulter.
bergrettung.
im einsatz.
deine schulter.

 

Helga Reibenberger
Auszug aus: wenn die tropfen leben sind …, Arovell Verlag, Gosau, 2000

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16040

 

Madame Malerin

Der Sonntag begann kühl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den Hügel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Frühlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. Ihre Wangen waren gerötet von der Morgenluft und der hinter ihr liegenden Anstrengung, als sie zügig begann, die unter ihr liegende Stadt mit einem Graphitstift auf die Leinwand zu skizzieren. Sie hörte allerdings gleich wieder damit auf, da sie noch ein wenig von der Anstrengung zitterte, setzte sich auf einen Stein und atmete erst einmal tief durch. Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht mehr allein auf dem Hügel war.
»Ah, Madame Malerin sind aber schnell müde! Das waren doch erst zwei Striche. Ist der Stift zu schwer? Oder war die Nacht zu kurz?«

Vor ihr stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem Schnurrbart, der sie spöttisch anlächelte. Auffallend war vor allem, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine grünen Augen irgendwie lächelten, sie leuchteten Clara entgegen, und diese konnte sich gar nicht auf eine passende Antwort konzentrieren. Er trug einen auffallenden breitkrempigen Hut mit Feder, einen weißen Hemdkragen, einen breiten Gürtel, ein Gewehr, ein Schwert, ein Messer, Stiefel, die bis übers Knie reichten und seine Staffelei.

Er verbeugte sich kurz und zog den Hut.
»Gestatten, Georg Matthäus Vischer aus Tirol. Es ist doch erlaubt, dass ich meine Staffelei ebenfalls auf diesem schönen Hügel aufbaue, Madame Malerin?«

Clara lachte laut auf, er hatte so einen eigenartigen Akzent, das Tirolerische hatte sie schon einmal auf dem Paulimarkt gehört. Wegen des Lachens würde ihr die geplante gespielte Empörung ohnehin nicht mehr gelingen, also beschloss sie, sich freundlich zu geben.
»Ich bin Clara Hanff. Was macht ein Mann aus Tirol bei uns in Freistadt?«

»Ich helfe mit, unser Land zu verteidigen, sieht man das nicht? Die Schweden sind im nördlichen Land unter der Enns, die wiederholte Bedrohung des Mühl­ und Machlandviertels durch in Böhmen operierende schwedische Heere macht starke Verteidigungsmaßnahmen erforderlich und damit meine Anwesenheit in Freistadt.«
Er lächelte dabei so charmant, dass Clara einfach zurücklächeln musste. So eine geschraubte Ausdrucksweise und noch dazu auf Tirolerisch hatte sie nie zuvor gehört, vor allem nicht von so einem Burschen. Überhaupt war ihr noch niemals jemand begegnet, der so von sich eingenommen war und dabei nicht unsympathisch.
»Clara, ein schöner Name, er passt zu euch. Was macht ihr am Sonntag zu so früher Stunde hier heroben? Wart das nicht ihr gestern da unten mit dem anderen Mädchen?«

Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog er aus seiner Mappe eine Skizze hervor, die er gestern von ihnen beiden gezeichnet haben musste. Clara hätte schwören können, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Auf dem Papierbogen waren Martha und sie in der Ferne vom Hügel aus zu sehen, wie sie auf dem Baumstamm saßen und miteinander plauderten, dahinter die Stadt. Die Zeichnung war recht gut gelungen, wenngleich an der Perspektive so manches verrutscht war, aber dieser Georg Matthäus Vischer hatte zweifellos Talent, und er wusste es.

»Ja, das ist Martha, meine Freundin. Wir hatten ein ernstes Gespräch unter Frauen über unsere Zukunft, eure Zeichnung zeigt eher eine belanglose Plauderei unter Mädchen, trotzdem ist sie sehr gelungen. Ihr seid also im Krieg, um zu zeichnen? Wozu braucht ihr dann die vielen Waffen?«

»Clara, na na, ihr habt ja keine Ahnung. Hinter jedem Busch könnte ein Schwede auf mich lauern, mir zum Beispiel diese wertvolle Zeichnung entreißen, oder ich müsste euch verteidigen, was ich natürlich mit all meinen Möglichkeiten tun würde.« Wieder dieses charmante Lächeln, das Clara einfach erwidern musste.

Der halbe Vormittag verging damit, dass Georg Matthäus Vischer und Clara Hanff sich gegenseitig so einiges über sich erzählten und zum vertrauten »Du« übergingen.
Clara erfuhr, dass Georg in Wenns in Tirol geboren war und dass sein Vater Bauer und Verwalter des Getreidespeichers des Zisterzienserstiftes Stams, aber schon seit zehn Jahren verstorben war. Er selbst hatte im Stiftsgymnasium die Schule besucht. Seine Mutter hatte gerade wieder geheiratet, einen Mann, den er noch gar nicht kannte, weil er ja als Söldner unterwegs war.

»Das Stiftsgymnasium war interessant, es gibt dort wunderschöne Atlanten und Globen – du nickst, also weißt du auch, was das ist. Als ich fünfzehn wurde, habe ich mich heimlich aus dem Kloster weggeschlichen und bei den Soldaten gemeldet. Zuerst waren wir im Schwarzwald im Raum Schwäbische Alb unterwegs, dort habe ich mich einer Reitereinheit angeschlossen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, mir mathematische und kartografische Grundkenntnisse angeeignet. Ich möchte später einmal eine Landkarte meiner Reisen zeichnen. Und deshalb fange ich jetzt einmal damit an, Freistadt zu zeichnen und eine seiner hübschen Bewohnerinnen. Darf ich dich porträtieren?«
Clara nickte gottergeben, denn er hatte längst angefangen – noch während er redete – sie zu zeichnen. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und befragte ihn näher zur Technik des Landkartenzeichnens.

Der Tag verging schnell und überaus spannend. Clara brachte ihre Zeichnung der Stadt zu Ende und Georg beobachtete und zeichnete. Er fand die junge Frau bemerkenswert, die so gut mit dem Graphitstift umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut und Georg hatte nach kurzer Zeit auch seine Natürlichkeit wiedergefunden. Er merkte, dass sich Clara für ihn interessierte, auch ohne dass er sie auf übertriebene Weise beeindrucken musste. Dennoch blieb etwas Neckendes zwischen den beiden bestehen.

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16014