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Verschollen

Er war die Art von Fantasie,
Die mich in meinen Gedanken flachlegte,
während seine Finger
meinen Körper kaum berührten.

So, dass, als er ging,
mein Herz sich auf die Suche
nach ihm machte,
und nie mehr gesehen ward.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18098

 

 

Ist doch sternenklar

Einleitung
Es ist manchmal schwer, die passenden Worte zu finden, wenn man sich sicher ist, dass man gerade einen Seelenverwandten ziehen lassen musste. Gerade hielt man noch eine blühende Beziehung in Händen, im nächsten Moment zerfällt alles zu Staub. Wie soll man den Verlust überhaupt verarbeiten? 100 Tage dauert es, so sagt man, bis frisch Verliebte ihre Fassade fallen lassen und einander ihr wahres Wesen, mit allen Macken, zeigen. Es braucht ebenfalls 100 Tage, bis man den gröbsten Liebeskummer nach einer Trennung verarbeitet hat. Und 100 Gedichte begleiten diesen Prozess, Gedichte für alle, die nach den richtigen Worten suchen, um wütend, traurig, wehmütig und am Ende frei zu sein.
Hier ist das erste davon, weitere ausgewählte folgen.

Ist doch sternenklar

Ich betrachte den Himmel
und sehe die Venus.
Du siehst den Polarstern.
Wir verstehen uns nicht.
Wir sind zu verschieden.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18053

 

Die Redlinger

Lui suchte nicht mehr nach einer Mitfahrgelegenheit. Beide Jungs hatten erst mal die Nase voll von unangenehmen Überraschungen.
Sie wanderten weiter die Straße entlang, in der Hoffnung, irgendwann an einen Ort zu kommen, wo es ihnen gefiel. Manchmal fand Lui vorübergehend Arbeit und sogar Wuck konnte ab und an helfen. Aber nie für lange. Jedoch lernten sie unterwegs die verschiedensten Menschen und Lebensweisen kennen. Lui war fest überzeugt, dass sie eines Tages Glück haben würden.

Einmal führte ihre Reise zu einem auffallend schönen und gepflegten Örtchen. »Redling«, stand auf einem Schild am Ortseingang. Lui zeigte auf die einladenden Häuser mit den Gärten.
»Hier haben sie bestimmt viel zu tun. Das muss ja schließlich alles gepflegt werden!«, sagte er vergnügt. Wuck nickte.
Lui sah sich um und marschierte dann zielstrebig auf ein Haus mit einem weitläufigen Garten zu. Zwei Männer reparierten den Zaun.
»Ich suche Arbeit. Wissen Sie, wer einen braucht, der zupacken kann?«

Die Männer unterbrachen ihre Arbeit. Der ältere der beiden sah Lui von oben bis unten an. Dann lächelte er.
»Was für eine freundliche Frage, mein Junge. Ich frage mich, wo so tüchtige Burschen wohl herkommen. Aber das willst du mir sicher nicht erzählen. Also, wenn ich‘s genau bedenke, und ich bedenke es sehr gerne genau, denn man weiß nie, ob man nicht etwas vergessen hat, und dann muss man wieder von vorne anfangen … Äh, was wolltest du wissen?«
»Ich fragte nach Arbeit«, wiederholte Lui verwundert.
»Ach ja, richtig! Wenn du die Straße weitergehst, kommt eine große Kiefer rechts, danach zwei kleinere Gärten und dann nach der großen Eiche links ein eisernes Tor. Sehr schön verziert ist dieses Tor. So etwas will ich mir bei Gelegenheit auch einmal anfertigen. Im Garten dahinter wohnt Sermon, unser bester Redner, einfach ein Talent, das seinesgleichen sucht. Die letzte Festrede von Sermon, das war wirklich ein Meisterstück!
Ähm, also Sermon besitzt einen außergewöhnlich großen Garten, wenn nicht den größten hier. Oder ist Romans Garten größer? Interessante Frage. Das sollte man bei Gelegenheit einmal nachrechnen. Wobei ich im Rechnen keine besonderen Fähigkeiten besitze. Das wird sich im Alter wohl auch nicht mehr verbessern lassen. Was ist denn nun schon wieder?«
Der jüngere Mann hatte den älteren angestupst und wies auf die Jungs, die sich nach einem kurzen Dank bereits entfernt hatten.
Die beiden Freunde folgten der Wegbeschreibung des gesprächigen Mannes und gelangten an das verzierte Tor. Sie traten ein. Ein Sandweg schlängelte sich durch eine schöne Gartenanlage zu einem üppig geschmückten Haus, zu dessen Eingangstür eine Treppe führte. Lui ging voraus und klopfte. Ein Mann in dunklem Anzug öffnete.
»Ja, bitte? Was ist euer Begehr? Seid ihr angemeldet? Ihr habt hoffentlich nichts zu verkaufen, weil ich Anweisung habe, das abzulehnen, gleichgültig, worum es sich dabei handelt. Herr Sermon hasst nichts mehr als geschwätzige Verkäufer.«

Lui grüßte und fragte nach Arbeit.
Der Mann sagte: »Bitte, einen Moment zu warten, die jungen Herren, wenn das möglich ist, was günstig wäre, weil dann könnte ich Herrn Sermon fragen …«
Noch im Reden schloss er die Tür.
Eine Weile später öffnete sich die Tür wieder. Ein älterer Herr in einem bestickten Samtanzug mit glänzendem Seidentuch, das kunstvoll um seinen Hals geschlungen war, sah auf die Knaben. Sein langes graues wallendes Haar hatte er nach hinten gekämmt, sodass es in Wellen über den Kragen fiel.
»So, zwei Burschen, die eine bezahlte Beschäftigung suchen, habe ich vernommen. Äußerst rar in der heutigen Zeit, was ich an dieser Stelle einmal anmerken möchte. Aaah, hier böte sich eine wortgewaltige Ausführung über die heutige Zeit und unsere Jugend sehr passend an.« Sermon warf einen Blick auf Lui, der sich sichtbar unwohl fühlte. Herr Sermon unterbrach seinen Redeschwall und besann sich.
»Seid ihr denn der schwierigen und anstrengenden Gartenpflege kundig und fähig, wenn ich das so fragen darf?«
Lui lächelte. »Gartenarbeit wäre genau das Richtige«, erwiderte er.

So kam es, dass Lui wieder einmal für eine Zeitlang Arbeit und Lohn hatte. Unterkunft bekamen die Jungs in einem der Gartenhäuschen. Sermon und seine Bediensteten merkten schnell, was ihnen da für ein tüchtiger Gärtner zugelaufen war. Dass Wuck nur wenig helfen konnte, störte niemanden. Besonders Sermon war begeistert von dem schweigsamen Knaben.
»Ein wunderbarer Zuhörer!«, schwärmte er. Wobei Wuck meist zusah, dass er Land gewann, wenn der alte Schöngeist irgendwo im Garten auftauchte.
Es war Lui, der sich für die Wortgemeinschaft der Schönredner interessierte. Abends, nach getaner Arbeit, gingen die beiden Jungs manchmal in das Goldene Wort, eine Art Gasthaus, das vielerlei Vergnügungen bot.
Zu speisen gab es an der Texttheke Spezialitäten wie Buchstabensuppe, Wortbrei, Sprechmuscheln, Textstullen, Spruchrollen, Quatschsalat, Brabbelbrote, Quasselstrippen, geröstete Satzfetzen, süße Wörterschlangen, Heiserschmarren, Wortstammkuchen, gebackene Ohrwürmer oder den gefüllten Labersack. Am Redefluss gleich daneben wurden Trinksprüche und Plapperwasser ausgeschenkt. Wer zu viel davon erwischt hatte, war leicht zu erkennen, weil er redselig über dem Tresen hing und hirnlosen Unsinn plapperte.
Im Gastraum spielten die Sprechanlagen unentwegt Redeweisen, Sprechgesänge, Satzmelodien, untermalt von Wortgeklingel und Wortlauten.

Die Redlinger liebten ihre Heimat, die sie Reimat nannten. Sie beschrieben mit vielen ausschmückenden Worten die Schönheit ihrer Landschaft, wie den sagenhaften Wörtersee, den Wortschwall, das wortkarge Satzgebirge mit seinem höchsten Gipfel, der spitzen Bemerkung, nebst dem wortlosen Wortbruch, die blumigen Reden und die wortgetreuen Ebenen der Rufweite. Ihre Häuser verzierten sie mit Lautmalereien. Stillleben dagegen waren völlig verpönt. Wer auf sich hielt, hatte einen Papagei, der nichts anderes tun sollte, als die besten Ausdrücke zu wiederholen. So waren die Häuser der reichen Redlinger mit nie enden wollendem Geplauder erfüllt.
Wenn Lui mit den Einheimischen ins Gespräch kam, bedurfte es manchmal eines Übersetzers. Wie sollte man eine Wetterbeschreibung verstehen, in der von Sprechblasen, Satzwolken, Wortfetzen, Gedankenblitzen, Sprechgewitter oder Ferngesprächen die Rede war?

Am aufregendsten fanden Lui und Wuck die Rededuelle, die im Goldenen Wort allwöchentlich abgehalten wurden. Atemlos verfolgten die Jungs die Wortführer, die sich zum Wortgefecht gemeldet hatten. Meist fing es mit kleinem Wortgeplänkel an, Wortspaltereien folgten, durchmischt von hinterlistigen Wortklaubereien. War der Streit dann in vollem Gange, wurde einem das Wort im Mund umgedreht, einige Wortungeheuer und Wortungetüme wurden hinterhergeschoben, bis es dem Gegner die Sprache verschlug oder ihm das Wort im Hals stecken blieb, und flugs hatte der Wortverdreher dem Unterlegenen mit unaussprechlichen Gemeinheiten den Wortschatz geraubt, was nicht selten zu einem gestammelten Schreikrampf führte.
Manchmal verhalf eine Wortspende zu einer unerwarteten Redewendung, sodass der Schwächere seine Wortgewalt wiedererlangte, eine Weile am Boden herummurmelte, bis seine Redewut erneut erwachte. Es geschah sogar, dass sich das Blatt drehte und der Angeschlagene neue Worte schöpfte, um dann vollmundig mit Wortspielen, Silbenrätseln und Wortwitz am Angreifer den vernichtenden Rufmord zu begehen. Meist hinterließen die Gegner ein wüstes Wortfeld und die Bediensteten hatten alle Hände voll zu tun, die herumfliegenden Worthülsen aufzusammeln, damit niemand darüberstotterte.

In einem Nebenzimmer wartete bereits der Wortologe mit seiner Sprechstunde, um die Folgen des Redegetümmels zu behandeln, wie zum Beispiel Wortverschluss, Schachtelsätze, Sprechstörung, Rückwärtssprech, Redehemmung, Stottern, Silbschluck, Schweigstreik, Verstummung, Wortbrech, Sprechdurchfall, Einsilbigkeit oder Wortarmut. Trotzdem erfreuten sich die Duelle allergrößter Beliebtheit.
Am meisten verachteten die Redlinger die sogenannten Versprecher. Das waren Leute, die falsche Hoffnungen weckten oder einfach Lügen verbreiteten. Das galt als schlimmes Verbrechen und wurde mit Sprechentzug geahndet. So einem abgefeimten Versprecher konnten nicht einmal Ausreden helfen, wenn er einmal dingfest gemacht worden war. Niemand redete mit einem Versprecher. Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als sich zu bessern oder aus Redling wegzuziehen.
Komischerweise war der stumme Wuck bei allen jungen Redlingern, Mädchen wie Jungs, außerordentlich beliebt. Oft sah man Wuck von einer Traube Kinder und Jugendlicher umringt, die ihm angeregt allerlei erzählten. Wurde es ihm zu viel, zog er sich in das Gartenhäuschen zurück.

Bei dem vielen Gerede blieb den Redlingern kaum Zeit übrig. Für die meisten Verrichtungen beschäftigten sie eine Menge Leute: Handwerker, Reinigungskräfte, kurz Hilfen aller Art. Wer auf sich hielt, verbrachte seine Zeit damit, wichtige Gespräche zu führen, tiefschürfende Reden zu schreiben und sie vorzutragen. Wer die meisten Sätze für eine Sache verbrauchte, war hoch angesehen. Bald kannten die beiden Freunde die wichtigsten Redlinger. Neben Sermon und Roman gab es noch den salbungsvollen Literarthur, den nervigen Lürik, dessen Sprache nur aus Reimen bestand, die schlanke Novelle, den dicken, ausladenden Epik, die aufgeregte Drama und die mopslige Prosa.
Meist belustigte Lui das Gequatsche, aber ab und zu ging es ihm auf die Nerven.
Am wohlsten war ihm in Sermons großem Garten. Dort erledigte er unbehelligt seine Arbeit: schnitt Hecken, legte Wege und Beete an, säte und erntete, pflanzte Blumen oder Essbares, jätete und goss, setzte Stützen oder besserte Zäune aus, schaufelte und grub, häufte Erde auf und düngte, zog Jungpflanzen vor und mähte die Wiesen. All das hatte er in Mädelau und in den hängenden Gärten gelernt. Wuck half ihm, so gut er konnte.

Sermon freute sich, dass er mit Lui einen Glücksgriff getan hatte. Sein Garten wurde von Tag zu Tag schöner. So kam es, dass er Lui eines Abends zu sich rief, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten. Wuck folgte aus Gewohnheit, hielt sich aber wie immer stumm im Hintergrund.
»Mein lieber junger Freund«, begann Sermon huldvoll, »ich habe sehr wohl bemerkt, dass du über ein außerordentlich grünes Händchen verfügst. Das erfüllt mich mit Freude, ja, um nicht zu sagen, mit großer Zufriedenheit. Und Zufriedenheit ist, wie wir wissen, ein äußerst erstrebenswertes Ziel, mein junger, ach so gärtnerisch begabter Freund.«
Sermon sülzte auf diese Weise eine ganze Weile weiter, sodass Lui langsam, aber sicher im Stehen eingenickt wäre, wenn Wuck ihn nicht angestupst hätte. Überrascht hob Lui den Kopf und vernahm gerade noch: »… mich und die Meinen zutiefst erfreuen, wenn die beiden jungen Burschen sich für immer bei uns einrichteten. Ja, du hast richtig gehört, auch dein stummer Freund ist uns herzlich willkommen. Seine außergewöhnliche Fähigkeit zuzuhören, ist auch mir nicht entgangen. Ja, sein Schweigen ist für viele überaus anziehend und wohltuend, wenn ich das bemerken darf.«
Lui schluckte, sah zu Wuck. Wuck starrte entsetzt zurück. Lui dachte fieberhaft nach. Ihm wurde schlagartig klar, dass er sich um nichts in der Welt in Redling niederlassen wollte. Aber was sollte er antworten, ohne seinen Brotgeber zu beleidigen oder zu lügen? In seinem Kopf kreisten die Gedanken und wirbelten die Worte.
»Nun, ich sehe, mein Angebot macht dich sprachlos, mein junger Freund. Nur Mut!«, forderte Sermon Lui selbstgefällig auf.

Lui atmete tief ein, dann aus und wieder ein. Dann erwiderte er leise: »Herr Sermon, ich bin Ihnen sehr dankbar. Es ist jedoch so, dass ich für meinen Freund Wuck Heilung suche, denn er war nicht immer stumm. Ich wünsche mir sehnlichst, dass er wieder spricht. Wir können nicht bleiben.«
Sermon sah Lui beleidigt an. »Wo sollte er sprechen lernen, wenn nicht bei uns, den Meistern der freien und ungezwungenen Rede?«
Lui antwortete: »Wenn er hier hätte sprechen lernen können, hätte er es längst getan. Ich denke, dass wir bald weiterziehen müssen.«
Wuck sah Lui dankbar, aber auch schuldbewusst an. Lui lächelte zurück.
Herr Sermon war nicht lange eingeschnappt. Dazu war er zu gutmütig. Er bat die Jungen, die begonnenen Arbeiten noch fertigzustellen, dann zahlte er Lui den restlichen Lohn aus. Nach ein paar Tagen packten Lui und Wuck ihre Siebensachen und machten sich wieder auf die Reise.

Auszug aus: »Lui in der Draußenwelt«, Fabulus-Verlag Fellbach, 2016

Yvonne Richter
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 18016

 

Brainstorming

In meinem Gehirn summt und brummt es: Train I ride, sixteen coaches long. Train I ride, sixteen coaches long. Well, that long black train got my baby and gone. Train train, comin' 'round, 'round the bend. Train train, comin' 'round the bend Well, it took my baby, but it never will again (no, not again).
Train train, comin' down, down the line …

Da vorne steht der Ober und späht aufmerksam zu mir herüber. Vielleicht hat er damit gerechnet, dass ich irgendwie umfalle und doch zur Milch greife? Seh ich etwa so aus? Irgendwie ist man in meinem Alter ja so ziemlich mit allem durch. Obwohl – der Gedanke daran, nicht mehr so zu können, wie man es bisher für selbstverständlich gehalten hat – na ja. Gewöhnungsbedürftig! Wenn erst einmal das Abgeben schwer errungener Lizenzen kommt? Des Führerscheins zum Beispiel. Das sind Zäsuren! Echte Zäsuren sind das! Das kommt einer Entmündigung gleich! Wenn´s nicht nur mehr bloß um einen Zahn geht, der irreparabel ausgehebelt wird. Das wäre ja noch zu verkraften. Auch ein zweiter. Vielleicht noch ein dritter.

Da! Da liegt ein Haufen Blätter vor mir, alte Urkunden, Ariernachweise und so´n Zeug. Ich versuche, darin zu lesen und mich schlau zu machen, über die Zeit vor mir. Den Großvater, den Johann Bresslar, den hab ich leider nicht mehr gekannt. Mein Bub, soll er immer voll Stolz gesagt haben, wenn er über mich gesprochen hat. Passt’s mir auf meinen Buben auf! Ach, ein männlicher Nachfolger, das war etwas! Das wusste er zu schätzen, er, der in Zeiten aufgewachsen war, in denen Männer haufenweise als Kanonenfutter verbraucht worden waren. Die Großmutter kannte ich noch. Eine sehr strenge Frau war sie. Ich erinnere mich gut. Sehr ernst. Nach dem Mittagsschläfchen hat sie immer Kaffee gekocht, damals, in der kleinen Küche. Ich habe den Geruch noch in der Nase. Wunderbar hat er gerochen, wie heutzutage keiner diesen Duft verströmt. Schwarz hat sie ihn getrunken, so wie ich jetzt, aber im emaillierten Blechhäferl, mit blauen Blümchen darauf. Wahnsinnig gern hätte ich das noch besessen! Und sie hat eine Semmelhälfte eingetaucht, und den aufgeweichten Teil abgebissen. Wieder eingetaucht, abgebissen. Dabei hat sie nicht geredet. Nur das Ticken der Pendeluhr war zu hören. Passt mir auf den Buben auf! Aber niemand hat auf mich aufgepasst, so, wie ich mir das gewünscht hätte.

Niemand hat verhindert, dass ich dorthin komme, wo ich jetzt bin. Was soll´s? Alte Leute haben auf mich seit jeher eine ungeheure Faszination ausgeübt, vielleicht durch ihre Abgeklärtheit? Durch die Ruhe, die sie ausstrahlen? Weiß nicht. Ich habe das Gefühl, mit uns wird man nicht so ehrfürchtig umgehen, wie wir es mit den Alten gehalten haben, damals eben. Die Jugend heute hat keinen Respekt vor den Alten. Sondermüll, sagen die. Steh‘n bloß im Weg herum und sind für nix gut, sagen die. Wofür sollte man etwa eine Familienchronik schreiben, für wen, frage ich mich? Die Jungen lesen das ohnehin nicht. Dieser Standesbeamte scheint sich offensichtlich bemüht zu haben, schön zu schreiben. Die schlampigen „n“ und „e“ sind trotzdem schwer zu unterscheiden!

Wenn doch mein Vater oder meine Mutter oder eigentlich beide (wieder ein Romananfang) – denn beide waren gleichmäßig dazu verpflichtet – hübsch bedacht hätten, was sie sich vornahmen, als sie mich zeugten! (Laurence Stern. Tristan Shandy) Hätten sie geziemend erwogen, wie viel von dem abhinge, was sie damals taten! Jedenfalls, dass alles Mögliche dadurch bestimmt worden war, durch das Werkzeug der Vorsehung, oder wie auch immer man es zu nennen vermag, …

Zollwachtmeister also. Großvater war k. u. k. Zollwachtmeister. Merkwürdig. Ich erinnere mich noch, Mutter hat erzählt, dass er wegen Fettleibigkeit ins Flachland versetzt worden ist, damals, unterm Kaiser. Aus Bayern, nahe dem Böhmerwald, in den Flachgau. Grenzgendarm war er. Zollwache oder so. Aber die Berge waren zu hoch für ihn. Das hat er nicht mehr geschafft, keine Luft gekriegt, der Arme. Ich hebe den Kopf. Der Glatzkopf da ist mir schon vorhin aufgefallen, als ich über den Volksgarten in die Stadt spaziert bin. Ganz in Schwarz. Uniformes, das für uneingeschränkten Erfolg bürgen soll. Städtisches Ökonomiesoldatentum! Gleichgeschaltet, mit Telefon im Ohr und Laptop am Rücken. Man sollte ihnen das Telefon gleich in die Haut implantieren, der leichteren Handhabe wegen. Ein Theater. Meinen gewohnten Spaziergang durch die Stadt habe ich heute in der Gegenrichtung begonnen, über die Stadiongasse. Gleich zu Anfang hat mich die Silhouette der Michaelertor-Kuppel im diesigen Morgenlicht begrüßt.

Ich behalte mein Ziel im Auge, denn unmittelbar daneben ist das Café Griensteidl zu finden, Schauflergasse. So bummle ich, flankiert vom Rathauspark und seinen riesigen Baumwipfeln sowie der Westfront des Parlaments – ach, da ist ja der ehemalige Finanzminister! Was macht denn der noch hier? Mit Aktenmappe? Seniorenbundagenden erledigen. Repräsentable Limousinen und Sportwagen vor dem Hohen Haus, muss man sagen. Es geht uns offenbar gut! Kein Wunder, bei den Steuern? Frau Athene in neuem Glanz. Die barockisierten Minarette im griechisch-römischen Stil - auch frisch vergoldet. Das ist nicht gegen die Bauordnung? Artfremd sagen sie heute, wenn etwas so emporragt. Halb zehn. Der Tag ist noch jung.

Langes Zugfahren ist anregend für intensives Brainstorming. Was mir da alles durch den Kopf geht, wenn ich zum Fenster hinaussehe und die Landschaft an mir vorüberrast. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ich muss lachen. Kennst du das? Pension Schöller, Theaterstück. Der Major: Hier ist der Feind gestanden, und da wir. Wääären wir hier und der Feind dort gestanden, wäre alles ganz anders gekommen! Ja, höchst wahrscheinlich wäre alles ganz anders gekommen.

Hätte ich neulich im Kino nicht Sportgummi gekaut, hätte ich meine Plombe am Stockzahn noch. Ich sitze mit meiner Frau in einer Hommage an das goldene Zeitalter des amerikanischen Musicals und versuche soeben, die ausgelassene Stimmung dieses Feelgoodmovies auf mich herüberzuladen, da war es auch schon passiert. Zwischen Nostalgie und Identitätskrise einer Love-Story-verdächtigen Tanzszene wandelt sich nicht bloß die Geschichte der beiden Hauptdarsteller in, wie man so schön banal sagt, in jenes verdammte Ding, wie es das Leben eben schreibt, da spüre ich schon einen Felsbrocken zwischen dem süßsauren Zuckerschmelz klirren und flugs spucke ich das Corpus Delicti in meine Hand. Ich brauche nicht nachzusehen, worum es sich handelt, denn meine geschickte, oder besser geschockte Zunge hat das Loch dieses Amalgam-Asteroiden im verdächtigen Zahn bereits geortet und voll Entsetzen über seine Ausmaße darin herumgebohrt. Hätte ich also keinen Sportgummi gekauft, wäre alles ganz anders gekommen.

Wäre ich nicht schon berufstätig gewesen, hätte ich mein Medizinstudium fertig gemacht. Hätte ich meinem besten Freund während einer Party vor dreiundvierzig Jahren nicht eine neue Bekannte ausgespannt, wäre sie heute nicht meine Frau und so weiter. Tja, wäre ich Alexander, der Sohn Philipps II. von Makedonien und der Olympia von Epirus, wäre ich auf Wunsch meines Vaters von dem berühmten Philosophen Aristoteles erzogen worden. Hätte was, nicht? Ich hätte im Alter von zwanzig Jahren den Königsthron bestiegen und, nachdem mein Vater ermordet worden wäre, das scheint mir Usus in solchen Königskreisen gewesen zu sein, hätte ich mich als Führer eines makedonisch-griechischen Heeres aufstellen lassen. Einfach so. Ohne Bewerbungsschreiben und Hearing. Klasse, oder? Aber, hätte ich das wirklich gewollt? Du kennst mich doch, ich habe nicht das Zeug zur Führernatur und auch nicht den Willen, eine solche zu sein. Ich müsste übrigens das Heer des Perserkönigs Dareios des Dritten erfolgreich, versteht sich, schlagen. Das täte mir leid, denn ich finde die Perser sind im Grunde nette Leute, als was sollte das? Und dann das viele Blut und die ganze Schweinerei drumherum. Nein, das wär nichts für mich.

Ich war einmal in eine Perserin verliebt. Sie hieß Sayeh, das heißt angeblich Schatten. Sie hatte mir erzählt, ihr Vater wollte sie so genannt haben, damit sie ihm sein Schatten in der Gluthitze der persischen Sonne sein möge. Ich habe sie vor vierzig Jahren aus den Augen verloren. Doch dann, ich hatte da einen Deutschschüler, für den habe ich im Netz etwas gesucht und bin auf einen Namen gestoßen, der mich an den ihren erinnert hat. Dort habe ich angesetzt, nach ihr zu suchen und ich entdeckte eine Bekannte aus der Vergangenheit und deren Telefonnummer. Nach einem kurzen Brief schickte sie mir eine SMS mit Sayehs Adresse. Und seither scheiben wir uns ein wenig oder telefonieren. Hast du mich gefunden, hat sie geschrieben und das klang - irgendwie überrascht, aber doch so, als hätte sie eines Tages damit gerechnet. Sie hat zwei bildhübsche erwachsene Töchter, die beide in Paris studieren.

Als ich sie bat, mir ein Selfie zu schicken, hat sie abgelehnt und gemeint, besser nicht, du wirst fürchten dich (sic!). Ich kriegte dann aber doch ein paar Fotos, und wir haben alte Erinnerungen und auch Fotos ausgetauscht, die überraschend bei uns beiden aufgetaucht sind. Und ich musste mich nicht fürchten, sie sieht immer noch gut aus und sie hat gesagt, ja, aber jetzt sind wir alt. Womit sie leider Recht hat. Nun bin ich aber froh darüber, nicht Alexander zu sein, obwohl ich billig nach Indien gekommen wäre, dort wollte ich schon als junger Mann hin, als die Hippies dorthin zogen. Doch auch dahin bin ich zu spät gekommen, wie sonst auch überall hin. Aber das Ende, also wenn du dir das anhörst, irgendwann hätte ich zu einer Massenhochzeit geladen, lese ich, und dabei zehntausend Perserinnen und Makedonier miteinander verheiratet. Damit fange ich leider nichts an. Mit derartigen Events habe ich nichts am Hut. Wie auch immer, in Babylonien jedenfalls hätte es mich erwischt, da wäre ich an Malaria gestorben. Pech gehabt, nicht? Und das hätte ich nicht gewollt, ehrlich. Aber was fange ich hier Grillen?

Der Tag ist also noch jung, bemerkte ich vorhin. Nur ich bin es nicht mehr. Sayeh hat es mir bestätigt. Ich spüre, wie die Zeit rinnt, unaufhörlich. Hier unten am Ring zähle ich jede Sekunde ein Auto, zwei sogar. Überall sitzt nur eine Person drin. Arme Umwelt. Zwei Mädchenporträts von Gustav Klimt und der Künstlercompagnie im Belvedere - und irgendwann wird mich so ein Radfahrer niederfahren, das seh ich schon kommen. Ich bin im Volksgarten – und – gerettet! Eine hochgewachsene, gelb-orange Valencia unter tausend anderen Rosen. Bildschön! Daneben, derzeit blütenlos, Ricarda. Vielleicht findet sie keinen Partner? Buchs in Fragezeichenformen. Peinlich genau zugeschnitten. Eine Kunst, so etwas. Der alte Theseustempel – stillschweigendes Relikt längst vergangener Zeiten. Die Treppen heute völlig unfrequentiert. Sie haben ihn zu Tode renoviert, mit Lack oder so einem Zeug. Ehemals war er aus Sandstein. Davon ist heute nichts mehr zu bemerken. Wahnsinnstat am Heldengrabmal. Auf den Bänken rundum sitzen Touristen und Pensionisten. Davor eine Gruppe Japaner in Tai-Chi-Trance. Haben ihre Arme hoch erhoben und lassen sie wehen wie Birkengeäst im Winde. Zwei üben Fächertanz, lassen den Fächer knallen wie die Aperschnalzer im Pongau. Die wüssten auch nicht, was unsere Älpler damit darstellen möchten. Trotzdem sieht es elegant aus! Unglaublich, was für riesige Hunde sich manche Leute halten! Wo verstecken sie die bloß in ihren engen Wohnungen? Meine Nationalbibliothek! Ach, wie lange habe ich dort beinahe schon gewohnt? Unten, im Tiefspeicher? Tonnenweise Bücher vor mir auf dem Tisch. Ein kleines Vermögen habe ich hier in Kopien investiert. Und – ich stehe auch in einem Regal, für die Ewigkeit. Also bin ich unsterblich. An manchen Tagen jedoch fühle ich mich aber eher sehr sterblich. Ich gehe über den Ballhausplatz, lasse die Hofburg rechts liegen. Wie leicht sich das sagt, hätte ich sie mitnehmen sollen? Was meinst du? Ich gehe in Richtung Schauflergasse. Gott sei Dank, jetzt ich bin am Ziel.

Aber ich bin ja da. Bin schon da! Und habe es gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit über bin ich schon hier. Im Griensteidl. In Gedanken ziehe ich noch einmal die Glastür auf, sondiere in Sekundenschnelle das Terrain und finde meinen Tisch, lasse mich auf die kleine, von dunklen Holzwänden umgebene, mit rotem Plüsch überzogene Zweierbank fallen, an einem kleinen, runden Marmortischchen. Nun sitze ich schon seit einer Stunde hier. Immer wieder rekonstruiere ich, wie ich hergekommen bin. Meine Gedanken gehen im Kreis. Die Yuppie-Tussi, ich weiß. Jetzt könnte sie wirklich zu telefonieren aufhören. Typisch, trinkt natürlich Kaffee Latte. Modegetränk. Das passt zu ihr!

Kaffeehäuser eigenen sich auch hervorragend fürs Brainstorming. Ich denke an Papa. Der Vater hat alles weggeworfen, was von den Vorfahren stammte. Auf eine wilde Deponie gebracht, würde man heute sagen, fällt mir ein. Am nahen Bach. Mit „alles“ meine ich Großvaters Uniform, den Säbel, den Tschako. Mir kommen fast die Tränen. Ich habe so gerne mit diesen Sachen gespielt. Außerdem – der ideelle Wert von dem Zeug! So etwas ist unwiederbringlich verloren. Irgendwo hätte sich schon ein Platz gefunden für den ganzen Plunder. Vater war das egal. Alles Müll, hat er gesagt. Besonders Militärisches. Passte nicht in seine mühsam erklommene Welt. Neunzehnhundertelfer. Moderne Welt! Zeit ist immer modern. Neunzehnhundertsechzig hat er das gesagt! Lächerlich! Er war ja – irgendwie Pazifist! Zumindest bildete er sich das ein. Die Sachen rochen nach Moder, nach Mottenpulver, weiß ich noch. Der Säbel hatte Rost angesetzt, der war unglaublich schwer für mich, als Kind. Er mochte zehn Kilo gewogen haben. Aber war faszinierend. Hatte ich ihn umgeschnallt, zog ich ihn laut scheppernd hinter mir her. Es musste allen fürchterlich auf die Nerven gegangen sein. Damit spielt man nicht! Ich verstehe es ja ... heute.

Die Gedanken. In Gedanken läuft alles ab wie in einem Film. Dann ist der Film zu Ende, und du bist wieder allein.

Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 17058

 

Sturz

Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erzählte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was für ein Schock war das für Fred. Und doch keine Überraschung. Eher logische Folge. Das Ungeheuerliche war nur, dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte. Nicht einmal sie selbst! Immer tiefer hatte sich Mutter in ihr Drama verstrickt. Wie ein Wollknäuel in Widerhaken. Fred und seine Geschwister, die als Zuseher heranwuchsen, hatten es irgendwann aufgegeben einzugreifen. Jegliche Versuche ihr zu helfen wehrte sie ab. Jede Tragödie wird irgendwann langweilig!, dachten sie. War sie noch so brutal. Konnte man sich den Ausgang auch ausmalen, keiner wollte den mehr mitansehen. Irgendwann jedoch würde er kommen müssen, der Aufprall am Boden. Die Frage war nur: wann?

Abend war’s, als Torsten sich meldete. Und das hieß nichts Gutes. Wenn er sich meldete, dann gab es immer einen Grund; Fred konnte nicht behaupten, dass in seiner Familie einfach so miteinander geredet wurde. Da musste schon etwas Krasses vorgefallen sein! Und diesmal berichtete der Bruder von Mutter und seinem Besuch bei ihr vor ein paar Tagen anlässlich des Muttertags.

Fred hatte den Muttertag schon hinter sich. Ein Pflichttermin auf seiner To-do-Liste. Glücklicherweise war er zu ihr ins Geschäft gegangen, überreichte ihr übers Verkaufspult hinweg seinen Blumenstrauß, drückte ihr Küsschen auf die Wangen und pflegte ein wenig Smalltalk mit ihr. Besser gesagt übte er sich in der Rolle des Zuhörers; denn Mutter riss – wie so oft – sogleich das Wort an sich und ließ es nicht mehr los. Bei diesem Besuch konnte er nichts Besonderes feststellen, neben gewohnten Merkwürdigkeiten. Mehr als eine halbe Stunde werde ich das nicht aushalten können, wusste er schon und hatte sich davor ein Limit gesetzt. Während seines Zuhörens hatte er die Uhr stets im Auge behalten, um ihr genau diese Zeit zu geben. Und keine Sekunde mehr.

Kurz vor Sperrstunde bin ich ins Geschäft rein, setzte sein Bruder Torsten fort. Ein Mann war noch da, mit dem sie sich unterhielt. Gemeinsam kippten sie Wermut. Freilich war mir das schon aufgefallen: sie und der Wermut. Der angeblich ihre Schmerzen im Kreuz und weiß der Teufel, wo sonst noch, lindern und Durchblutung fördern sollte. Aber ich dachte mir nichts dabei. Ihr Geschäft schließlich! Ihr Leben! Was soll man ihr da verbieten? Zumal sie ja eigentlich schon in Pension und auf das Geschäft nicht mehr angewiesen war.

Wir plauderten noch eine Weile, sagte Torsten. Aber am Zungenschlag konnte man schon merken, dass sie betrunken war. Bis zum Zeitpunkt, als sie ‚Sperrstunde’ sagte, war alles in Ordnung. Dann ergriff sie ihre Autoschlüssel. Und ab da ging es los. Was, du willst heimfahren, fragte ich sie. Nach Hollabrunn? In deinem Zustand? – Was heißt in meinem Zustand?! – Mama, du bist betrunken, vollkommen betrunken! Merkst du das nicht? – Ach, Blödsinn! Misch dich da nicht ein! Mir geht’s bestens. Plötzlich ergriff der Mann zu Gast Partei für Mutter: Torsten bräuchte sich keine Sorgen zu machen, seiner Mutter ginge es gut. Wer er war, wollte Torsten wissen, und wie er dazu käme, derartige Aussagen zu machen. Und schon war eine handfeste Diskussion im Gange.

So konnte ich sie unmöglich ins Auto steigen lassen, fuhr sein Bruder fort, er forderte die Autoschlüssel. Gib sie her, die Autoschlüssel. Ich fahre dich nach Hause. – Aber kommt doch nicht in Frage! Mir geht’s gut. Ich kann alleine fahren. – So lass ich dich sicher nicht fahren. Du bist eine Gefahr! Nicht nur für dich, auch für andere. – Die anderen sind mir egal. Ich geb dir den Schlüssel nicht! Und wenn du Kopf stehst. – Na gut, sagte Freds Bruder. Dann fahren wir eben mit der U-Bahn. – Wohin?, fragte sie, ganz erstaunt.
In deine Wiener Wohnung.
Da kann ich nicht hin, erwiderte sie.
Warum denn nicht?, fragte Torsten.
Da herrscht Chaos. Großes Durcheinander.
Macht nichts, entwaffnete er sie. Ein Bett zum Schlafen wird sich schon finden.

Und, was hast du dann gemacht, fragte Fred. Ich habe sie geschnappt und bin mit ihr zur U-Bahn gewankt. Wie naiv von mir. Bei den Stiegen zum Aufgang zur U-Bahn stolperte sie und landete auf ihrem Mund. Direkt auf ihrem Mund! Erst krabbelte sie hilflos wie ein Käfer herum. Und ich versuchte, ihr wieder aufzuhelfen, setzte sein Bruder die Schilderung fort. Blut rann ihr vom Mund übers Kinn den Hals runter. Sie hatte sich die Lippe aufgeschlagen. Schauerlich! Die Passanten starrten uns an, ehe sie sich wegdrehten. Ich kramte nach einem Taschentuch. Überall suchte ich nach einem Taschentuch, während das Blut … Schnell! Ein Taschentuch, verdammt noch mal! Wo ist jetzt ein Taschentuch?! Da fiel sie wieder hin. Nur wegen dieses verdammten Taschentuchs habe ich jetzt nicht aufgepasst. Diesmal mit dem Gesäß auf die Treppe. Und weil die so abschüssig und ihr Körper so unkontrolliert war, rutschte sie gleich ein paar Stufen weiter hinab. Ihr Hinterkopf schlug auf die Stufen. Diese verdammten Stufen. Tock, machte es. Tock! Was für ein Geräusch! Der Unterkiefer schlug gegen den Oberkiefer. Mutter, die Arme, ächzte nur und stöhnte. Dann bewegte sie sich wie in Zeitlupe, um sich aus ihrer misslichen Lage aufzurichten. Energisch schnappte ich sie mir, hatte aber meine Not diesen schlaffen Körper richtig zu fassen und auf die Beine zu bringen. So sind wir dann zu ihr in die Wohnung. Du kannst dir nicht vorstellen, so sein Bruder weiter, was das für ein Theater war, den Schlüssel zu finden. Ewig fand sie den Schlüssel nicht! In all ihren Taschen kramte sie nach ihrem Schlüssel. Alle Schlüssel, die sie fand, drückte sie mir in die Hand und meinte, ich solle endlich aufsperren. Und wenn ich sagte, jener Schlüssel sei nicht der richtige, behauptete sie, sie hätte mir schon den richtigen gegeben. Schließlich sagte Torsten, sind wir hinein und legte ich sie in ihr Bett.

Er hat dann noch Betty, seine Schwester verständigt, die sich Mutter medizinisch angesehen hat. Als Ärztin ist sie die Einzige, die sie an sich ranlässt. Sonst lehnt sie alles ab! Aber Fred, du kannst dir nicht vorstellen, wie es in der Wohnung aussah. Total verwahrlost! Und nichts funktionierte: kein Warmwasser, überall dreckiges Geschirr in der Küche. Nicht mal händisch abwaschen ging, weil Siphon samt Boiler kaputt waren.

Freds Geschwister haben sich daraufhin getroffen. Zum ersten Mal in ihren Leben Krisensitzung. Um herauszufinden, was passiert war, wie es so weit kommen konnte. Warum ließ sich ihre Mutter nur so gehen? Warum sagte sie nicht einfach, dass sie Hilfe brauchte? Fragen dieser Art schwebten im Raum. Alle waren so betroffen, dass sie nicht einmal den Versuch unternahmen, es sich gegenseitig zu erklären und nach Antworten zu suchen. Irgendwie waren sie alle unfähig, über diese Dinge zu reden. Waren sie allzu sehr betroffen? - Als zum Beispiel ihr Vatergestorben war, hatten sie nie darüber geredet. Dabei wusste jeder von ihnen, wie es sich anfühlte. Nie aber hatte jemand von ihnen darüber geredet. Nie!

Sie ist meine Mutter. Das wird sie immer bleiben. Sie hat mich auf die Welt gebracht, sagte Fred. Worauf sein Bruder Walter plötzlich heftig wurde: Was das soll, diese Ansage von ihm. Sie wäre doch alt genug, er empfände keinerlei Verpflichtung ihr gegenüber. - Aber sie sei krank, hat ein Nervenleiden und merkbare Demenz, warf Betty sachlich ein. Ich werde sie zu einem Facharzt bringen, ob sie will oder nicht. - Tatsache ist, dass sie immer mehr zum Pflegefall wird, sagte sein ältester Bruder Torsten abschließend. Besser wird’s sicher nicht werden.

Sie einigten sich darauf, zuerst die Sanitärsachen, also den Wasserzu- und Ablauf samt Untertischboiler von einem Installateur reparieren zu lassen. Einen Kostenvoranschlag für die Heiztherme einzuholen und einen gemeinsamen Putzeinsatz in der Wohnung zu starten, um das Schlimmste zu beheben. Damit Mutter die Wohnung wenigstens wieder nutzen konnte, wenn ihr Zustand sich verschlimmern sollte. Als Ausweichort, um nicht den weiten Weg nach Hollabrunn im Auto antreten zu müssen.

Als Fred die Wohnung, in der er groß geworden war, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder betrat, war er um einiges früher da als der Installateur. Er wollte sich zuerst einmal allein einen Eindruck verschaffen. Gleich beim Eingang im Vorzimmer stand ein alter, hoher Kühlschrank, der das Fenster verstellte und nur wenig Licht hereinließ. Das Vorzimmer war seiner Erinnerung nach immer so hell gewesen … und der lange, schöne Perserteppich, den seine Mutter einmal angeschafft hatte, war jetzt mit einer ekligen Staub- und Dreckschicht bedeckt. Scham und ein bitterer Geschmack von Trauer überkamen ihn. Überall an den Bodenrändern lag der Lurch in Bahnen. Ein großer Haufen alter Schuhe lag herum. Die Vorhänge hingen grau und dreckig vor den Fenstern.

In seinen schlimmsten WG-Zeiten sahen die Küchen nicht so aus wie diese hier. Das Geschirr war aufgetürmt. In den Küchenkästen gab es kein einziges sauberes Teil mehr, das man hätte entnehmen können. Dem Installateur wollte, konnte er diese Wahrheit nicht vorsetzen. Unmöglich! Er genierte sich und erzählte ihm, dass seine Mutter die Wohnung vermietet gehabt und jetzt zurückbekommen hatte, eben in diesem erbärmlichen Zustand, wie er sähe. - Machen Sie sich nichts draus, hatte der darauf gesagt, habe schon Schlimmeres gesehen. - Er solle sich nur die kaputten Teile anschauen und ihm einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.

Nachdem der Warmwasserboiler samt Armatur in der Küche repariert worden war, veranstalteten seine Geschwister und er eine Putzaktion. Nur die über dreißig Jahre alte Heiztherme im Badezimmer hatten sie nicht tauschen lassen. Viertausend Euro war ihnen allen zuviel. Hatten ihnen schon die anderen Kosten für die Küche genügt. Seine Schwester stürzte sich auf das Badezimmer, sein Bruder Walter auf den Boden. Torsten und Fred begannen in der Küche das aufgestapelte Geschirr wegzuwaschen, um später die horizontalen und vertikalen Flächen der Kästen zu reinigen. Besser nicht denken, sagte er sich. Was machte das alles für einen Sinn? Zu viele unbeantwortete Fragen erzeugten ihm nur Kopfschmerzen. Wenn man darüber nachdachte, konnte einem das den Lebensnerv rauben. Dennoch machte es traurig. All die verpassten Situationen.

Fred erinnerte sich, als er mit Mutter einmal über Glück sprach. Sie erzählte ihm, wie sie kurz vor ihrem Abschluss der Matura-Klasse stand und den Sommer über Geld verdienen wollte. Am besten in einer großen Versicherung, dachte sie. Nur auf dem Bewerbungsformular stand, dass man mit dem Ausfüllen gleichzeitig der sozialistischen Partei beitrat, und damit hatte sie ein Problem. Darüber wollte sie mit dem Personalchef nochmal reden. Alles war hier so aufregend und neu für sie. Und während sie sich in der Schule als die Wissende und erfolgreiche Maturantin fühlte, kam sie sich hier so klein und unwissend vor. Als sie in diesem Gebäude herumirrte, sprach sie ein freundlicher Herr an: Wo wollen Sie denn hin? - In den sechsten Stock zum Chef der Personalabteilung. - Zuvorkommend zeigte er ihr den Weg. Sie kam bis zur Sekretärin, dort war Endstation. Er ist nicht zu sprechen. In einer wichtigen Konferenz, sagte die Sekretärin. – Gut, dann warte ich eben draußen. Drei Stunden wartete sie, bis sie empfangen wurde. Der Personalchef war der Neffe des damals amtierenden Bundespräsidenten, ein großer schlanker Mann mit höflichem Umgang. Mutter spielte das kleine Mädchen aus armer Familie. Geduldig nahm er ihre Daten auf. Danach fragte sie, was jetzt. - Ja, Sie sind genommen. Sie werden von uns noch schriftlich verständigt. Der Beitritt zur Partei war auf einmal unter den Tisch gefallen.

Sie fragte sich, wie man es anders als Glück bezeichnen konnte; denn dass sie ohne Parteizugehörigkeit und Bestechung einen Job bekommen hatte, war damals ein Wunder, nicht nur in ihren Augen. Zufrieden wollte sie sich trotzdem nicht geben. Noch eine andere Möglichkeit fiel ihr ein. Sie hatte da so eine Bank im Kopf. Da würde sie vielleicht sogar noch besser verdienen können. Ein Freund einer guten Bekannten, die bei ihrer Familie ein und aus ging, arbeitete dort. Und er war es auch, der sie auf die Idee brachte, sich dort zu bewerben. Als es dann wirklich dazu kam, war dem wohlsituierten Herrn aber auf einmal gar nicht mehr wohl. Ganz aufgeregt hatte er Mutter zu sich gerufen und ihr ins Gewissen geredet, sie solle ihm auf gar keinen Fall Schande bereiten.

Zu dieser Zeit war Mutter gerade mit ihrem Bruder Fritz zerstritten. Wenn er nach Hause kam, verschwand sie in ihr Kabinett. Ihre Mutter hat immer zu vermitteln versucht: Schau, was die Lisi jetzt macht. Sie hat sich in der Bank beworben. Und als Fritz, der fertige Jurist, den Bewerbungsbogen in die Hände bekam, um einen Blick drauf zu werfen, fiel sein Blick gleich auf einen Fehler: Statt dem abgefragten Mädchennamen der Mutter hatte sie den Vornamen der Mutter hingeschrieben. Gleich machte er ihr eine Szene, was sie nicht für ein Trampel wäre, der nicht einmal die einfachsten Dinge wusste.

Die Beleidigungen ihres Bruders nahmen kein Ende und drangen bis in ihr Zimmer vor, in das sie sich wieder einmal geflüchtet hatte. Und sie ärgerte sich derart, dass sie beschloss, sich einen neuen Bewerbungsbogen zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihr die Sekretärin den Stapel an Bewerbungen und meinte, dass es sowieso aussichtslos wäre. Da traf sie zufällig auf einen netten Mann, der auch zum Personalchef wollte. Sie blieb mit ihm draußen vor der Tür am Gang stehen und begann, mit ihm ein Gespräch über Schmetterlinge und Botanik zu führen. Sie erzählte ihm, dass Tintenflecken ihren Bewerbungsbogen verschmutzt hätten und sie deswegen einen neuen benötigte. Als die vorbeilaufenden Leute den Mann devot und freundlich grüßten, wunderte sie sich. Was sind denn alle Menschen hier so nett, fragte sie sich. Erst später erfuhr sie, dass dieser Mann auch eine Führungskraft war. Und Mutter fragte sich, was sie damals nur an sich gehabt hatte, dass sie auch diesen Job bekam, obwohl sie ein Niemand war. Wenn nicht einmal die Tochter vom Chef der Rechtsabteilung in dieser Bank unterkam.

Fred stand mit seinem Bruder, der sich das Geschirr vorgenommen hatte, in der Küche, während er die mit dunklem Holz furnierten Kästen samt Metallgriffen putzte. Er versuchte es zumindest; denn so einfach ging der Dreck nicht weg. Es war so verschmutzt, als ob man mit klebrigen Fingern alles abgegrapscht hätte. Wie war das nur möglich, fragte er sich. So was hatte er noch nie erlebt! Nur die stärksten, aggressivsten Mittel konnten da helfen. Schau, sagte sein Bruder, da sind Ananasdosen - über zwanzig Jahre alt! - Was ist nur alles passiert seither? - Was spielt das schon für eine Rolle, sagte Fred. Hier ist gestern wie heute. Erinnerst du dich, als die Oma noch lebte und wir mit ihr durch die Wohnung jagten. Sie mit dem Teppichpracker hinter uns her. Nie hat sie uns erwischt. Warum war Großmutter bloß so verbittert? – Verbittert, fragte sein Bruder. Das weiß ich gar nicht. - Doch das war sie, sagte Fred. Kennst du das Foto anlässlich ihres 75. Geburtstags, zwei Jahre vor ihrem Tod? – Nein, kenn ich nicht. Hab ich jetzt nicht vor Augen. - Ich aber. Da steht sie da in ihrem besten Kleid mit Goldkette um den Hals und posiert mit fest zugekniffenen Lippen, dass einem Angst und bang werden könnte. Verstehst du das? An ihrem Tag, ihrem Geburtstag! Sie steht da, als ob sie total sauer wäre. Auf was? Auf wen? Unter der Oberfläche explodierte sie förmlich. Vielleicht hatte alles mit dem übertriebenen Ehrgeiz seiner Großmutter begonnen, dachte Fred. Als Oberschwester im Spital, die einen Arzt heiraten wollte. Der hatte sie jedoch wegen Standesunterschieds abgewiesen. Was für ein Schlag, was für eine Kränkung!

Schließlich hat ihr Leben eine völlig andere Richtung genommen. Sie hat einen Polizisten geheiratet und drei Kinder geboren. Während Großmutter zu Hause das Kommando nicht aus den Händen gab, flüchtete sich ihr Mann in die Arbeit oder die Natur. Ein gemütlicher Mann, der sich bei der Polizei als Hundeführer verdingte. Hunde und Natur liebte er über alles. Ihren Ehrgeiz steckte Großmutter von nun an in ihre beiden Buben: Leopold und Fritz. Ihnen wurde jede Unterstützung zuteil, während für Mutter, die Jüngste und obendrein ein Mädchen, nichts mehr blieb. Die beiden Buben nahmen ihre Chancen auch wahr. Leopold wurde Primararzt und Fritz erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Mutter blieb auf der Strecke.

Weißt du, hat Mutter einmal zu Fred gesagt, ich habe in meiner Jugend so viel Glück gehabt. Glück kommt mir vor wie ein Bankkonto. Anfangs hatte ich viel davon. Aber irgendwann, ich weiß nicht genau wann, war es auf einmal leer. Mein Glück war einfach zu Ende, aufgebraucht: Glücksende. Seither habe ich nie mehr den Dreh gefunden, das Konto wieder aufzufüllen. - Schrecklich, dachte Fred. Glück nur im Außen zu sehen: im Job, im Geld, in der Partnerschaft. Ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Änderung. Gleichzeitig aber spürte er eine Gewissheit in sich, dass sich etwas in ihm gegen diese Aussichtslosigkeit auflehnte. Ist Glück nicht mehr im Innen zu suchen?, fragte er sich. Mehr ein Lebenszustand, den man sich auf ewig bewahren kann?

Fritz Schuler
(Anfangskapitel aus dem Roman „Glücksende“ - in Entstehung)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise |Inventarnummer: 16149

du sei mein

(vier gedichte)

abwendung.
verbrannte zuwendung
unbestimmten grades.
abwendung.

- - -

sprung in der marille.
zu viel regen.
sprung in der marille.

- - -

toleranz.
geborgte haut
auf zeit.
toleranz.

- - -

deine schulter.
bergrettung.
im einsatz.
deine schulter.

 

Helga Reibenberger
Auszug aus: wenn die tropfen leben sind …, Arovell Verlag, Gosau, 2000

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16040

 

Madame Malerin

Der Sonntag begann kühl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den Hügel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Frühlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. Ihre Wangen waren gerötet von der Morgenluft und der hinter ihr liegenden Anstrengung, als sie zügig begann, die unter ihr liegende Stadt mit einem Graphitstift auf die Leinwand zu skizzieren. Sie hörte allerdings gleich wieder damit auf, da sie noch ein wenig von der Anstrengung zitterte, setzte sich auf einen Stein und atmete erst einmal tief durch. Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht mehr allein auf dem Hügel war.
»Ah, Madame Malerin sind aber schnell müde! Das waren doch erst zwei Striche. Ist der Stift zu schwer? Oder war die Nacht zu kurz?«

Vor ihr stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem Schnurrbart, der sie spöttisch anlächelte. Auffallend war vor allem, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine grünen Augen irgendwie lächelten, sie leuchteten Clara entgegen, und diese konnte sich gar nicht auf eine passende Antwort konzentrieren. Er trug einen auffallenden breitkrempigen Hut mit Feder, einen weißen Hemdkragen, einen breiten Gürtel, ein Gewehr, ein Schwert, ein Messer, Stiefel, die bis übers Knie reichten und seine Staffelei.

Er verbeugte sich kurz und zog den Hut.
»Gestatten, Georg Matthäus Vischer aus Tirol. Es ist doch erlaubt, dass ich meine Staffelei ebenfalls auf diesem schönen Hügel aufbaue, Madame Malerin?«

Clara lachte laut auf, er hatte so einen eigenartigen Akzent, das Tirolerische hatte sie schon einmal auf dem Paulimarkt gehört. Wegen des Lachens würde ihr die geplante gespielte Empörung ohnehin nicht mehr gelingen, also beschloss sie, sich freundlich zu geben.
»Ich bin Clara Hanff. Was macht ein Mann aus Tirol bei uns in Freistadt?«

»Ich helfe mit, unser Land zu verteidigen, sieht man das nicht? Die Schweden sind im nördlichen Land unter der Enns, die wiederholte Bedrohung des Mühl­ und Machlandviertels durch in Böhmen operierende schwedische Heere macht starke Verteidigungsmaßnahmen erforderlich und damit meine Anwesenheit in Freistadt.«
Er lächelte dabei so charmant, dass Clara einfach zurücklächeln musste. So eine geschraubte Ausdrucksweise und noch dazu auf Tirolerisch hatte sie nie zuvor gehört, vor allem nicht von so einem Burschen. Überhaupt war ihr noch niemals jemand begegnet, der so von sich eingenommen war und dabei nicht unsympathisch.
»Clara, ein schöner Name, er passt zu euch. Was macht ihr am Sonntag zu so früher Stunde hier heroben? Wart das nicht ihr gestern da unten mit dem anderen Mädchen?«

Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog er aus seiner Mappe eine Skizze hervor, die er gestern von ihnen beiden gezeichnet haben musste. Clara hätte schwören können, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Auf dem Papierbogen waren Martha und sie in der Ferne vom Hügel aus zu sehen, wie sie auf dem Baumstamm saßen und miteinander plauderten, dahinter die Stadt. Die Zeichnung war recht gut gelungen, wenngleich an der Perspektive so manches verrutscht war, aber dieser Georg Matthäus Vischer hatte zweifellos Talent, und er wusste es.

»Ja, das ist Martha, meine Freundin. Wir hatten ein ernstes Gespräch unter Frauen über unsere Zukunft, eure Zeichnung zeigt eher eine belanglose Plauderei unter Mädchen, trotzdem ist sie sehr gelungen. Ihr seid also im Krieg, um zu zeichnen? Wozu braucht ihr dann die vielen Waffen?«

»Clara, na na, ihr habt ja keine Ahnung. Hinter jedem Busch könnte ein Schwede auf mich lauern, mir zum Beispiel diese wertvolle Zeichnung entreißen, oder ich müsste euch verteidigen, was ich natürlich mit all meinen Möglichkeiten tun würde.« Wieder dieses charmante Lächeln, das Clara einfach erwidern musste.

Der halbe Vormittag verging damit, dass Georg Matthäus Vischer und Clara Hanff sich gegenseitig so einiges über sich erzählten und zum vertrauten »Du« übergingen.
Clara erfuhr, dass Georg in Wenns in Tirol geboren war und dass sein Vater Bauer und Verwalter des Getreidespeichers des Zisterzienserstiftes Stams, aber schon seit zehn Jahren verstorben war. Er selbst hatte im Stiftsgymnasium die Schule besucht. Seine Mutter hatte gerade wieder geheiratet, einen Mann, den er noch gar nicht kannte, weil er ja als Söldner unterwegs war.

»Das Stiftsgymnasium war interessant, es gibt dort wunderschöne Atlanten und Globen – du nickst, also weißt du auch, was das ist. Als ich fünfzehn wurde, habe ich mich heimlich aus dem Kloster weggeschlichen und bei den Soldaten gemeldet. Zuerst waren wir im Schwarzwald im Raum Schwäbische Alb unterwegs, dort habe ich mich einer Reitereinheit angeschlossen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, mir mathematische und kartografische Grundkenntnisse angeeignet. Ich möchte später einmal eine Landkarte meiner Reisen zeichnen. Und deshalb fange ich jetzt einmal damit an, Freistadt zu zeichnen und eine seiner hübschen Bewohnerinnen. Darf ich dich porträtieren?«
Clara nickte gottergeben, denn er hatte längst angefangen – noch während er redete – sie zu zeichnen. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und befragte ihn näher zur Technik des Landkartenzeichnens.

Der Tag verging schnell und überaus spannend. Clara brachte ihre Zeichnung der Stadt zu Ende und Georg beobachtete und zeichnete. Er fand die junge Frau bemerkenswert, die so gut mit dem Graphitstift umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut und Georg hatte nach kurzer Zeit auch seine Natürlichkeit wiedergefunden. Er merkte, dass sich Clara für ihn interessierte, auch ohne dass er sie auf übertriebene Weise beeindrucken musste. Dennoch blieb etwas Neckendes zwischen den beiden bestehen.

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16014

 

Aus der Vogelperspektive

Keiner der Mönche, auch nicht Bruder Thomas, hatte bemerkt, dass Georg Matthäus Vischer nach dem Komplet, dem letzten der sieben täglichen Stundengebete, den Schlüssel an sich genommen hatte.

Was der neunjährige Tiroler Bub zu tun beabsichtigte, war streng verboten. Es ging auf Mitternacht zu – alle anderen schliefen bereits – als er sich in die Bibliothek schlich und die Kerze anzündete, die er hinter einen mit Wasser gefüllten Becher gestellt hatte. Von überall her drangen Geräusche, besonders der Holzboden knarrte bei jedem seiner Schritte. Und als der Bub eine Lade des großen Schrankes öffnete und ihr einen Gegenstand entnahm, der in weiches Leder eingeschlagen war, ging auch das nur unter lautem Ächzen des Holzes vonstatten.

Die Kerze warf ihr Licht auf die blassen Linien, Georg packte das Vergrößerungsglas aus und hielt es vor den Globus. Seine Hände zitterten vor Aufregung. Jetzt, in besserem Licht, würde er es bestimmt sehen können!

Sein Blick fiel zuerst auf Arabien, dort – so hatte er im Unterricht erfahren – war der Lesestein erfunden worden. Er war aus Beryll, einem Kristall, der die Sehleistung des menschlichen Auges erweitern konnte. Der Lesestein des Klosters bestand aus Bergkristall und stellte ein wichtiges optisches Instrument für den Klosterbibliothekar dar, das er insbesondere bei der Abschrift von Büchern verwendete. Georg mochte es, Bruder Thomas bei dieser Tätigkeit über die Schulter zu schauen, leider wurde es ihm nicht oft gestattet. Normalerweise wurde der Lesestein mit der planen Seite direkt auf ein Blatt Papier aufgelegt, jetzt musste Georg ihn ständig mit der Hand im richtigen Winkel über die runde Oberfläche des Globus balancieren und gleichzeitig auf die Kerze aufpassen.
Bruder Thomas hatte ihn davor gewarnt, eine Kerze in der Bibliothek anzuzünden. Wie leicht konnte ein Feuer ausbrechen und die wertvollen Bücher vernichten. 1593 hatte ein Brand große Teile des Stifts zerstört, die älteren Brüder konnten sich noch gut erinnern und hatten ihm davon erzählt.

Das Licht der Umgebung wurde aufgrund der Wirkung der Linse im Objekt gesammelt. Am besten eignete sich eine diffuse Beleuchtung, also war eine allgemeine Helligkeit der Umgebung besser als eine auf den Lesestein gerichtete, punktförmige Lichtquelle. Die Helligkeit des Objektes war somit größer als die der Umgebung.
Georg schreckte hoch, schon wieder hatte er ein Geräusch gehört.

Er konzentrierte sich eine Minute auf seine Umgebung, die allerdings still blieb, um sich danach wieder der Betrachtung des Globus zuzuwenden, er gähnte und es fröstelte ihn. Seit dem Tod seines Vaters vor einem Jahr war er im Stiftsgymnasium nicht mehr wirklich gerne gesehen. Sein Vater war Kastenamtmann für das Zisterzienserstift hier in Stams und damit der für die Verwaltung des Getreidespeichers zuständige Beamte gewesen. Mit großer Selbstverständlichkeit durfte Georg als sein Sohn die stiftseigene Schule besuchen und wohnte seither im Internat, wo er jede Möglichkeit nutzte, seinem Interesse für geografische Fragen nachzugehen. Die Bibliothek besaß mehrere Atlanten und Globen, die ihm die Welt auf wunderbare Weise näherbrachten.

Seine Mutter hatte zwar versucht, das Amt des Vaters selbst weiterzuführen, konnte aber nicht die Zufriedenheit des Abtes erlangen. So nahmen die Dinge ihren Lauf, das Kastenamt wurde jemand anderem übertragen, die Mutter sollte für Georgs Aufenthalt im Klosterinternat plötzlich Kostgeld zahlen und blieb es gezwungenermaßen schuldig. Obwohl erst neun Jahre alt, wusste der Bub doch, dass seine Tage im Gymnasium gezählt waren.

Georg seufzte und besah sich die skizzierten Landmassen auf dem Globus. Er hielt mit der einen Hand den Kupferreifen umklammert, der die Kugel aus Lindenholz von Pol zu Pol umfasste. Der massive Holzsockel verlieh dem Instrument stabilisierendes Gewicht. Das aufkaschierte Pergament war hell und die Landesgrenzen waren mit gelber Farbe eingezeichnet, das Wasser blau gefärbt. Kreuz und quer verliefen in regelmäßiger Entfernung voneinander schwarze dünne Linien. Überhaupt – die Welt war aus der Sicht eines Vogels gezeichnet, obwohl ja wohl kein Mensch fliegen konnte! Wie war das möglich? Aber die Berge waren so skizziert, wie sie von unten aussahen, von oben sollten sie sich also anders ausnehmen.

Georg schüttelte den Kopf. Dann war da noch das Problem der Darstellung der runden Erde, wieso konnte man dann ebene Pläne machen? Ohnehin war ihm diese Vorstellung nicht geheuer, es war nichts von der Erdrundung zu sehen, selbst vom Kirchturm aus nicht.

Georg hob den Kopf, sein Nacken war verspannt. Er beendete seine Forschungen und löschte pflichtbewusst die Kerze, bevor er die Bibliothek verließ, retournierte den Schlüssel und schlich in den Schlafsaal. Er würde irgendwann einmal eine Karte zeichnen, wo die Berge aus der Vogelsicht zu sehen wären, ja, so etwas fehlte!

Michaela Swoboda

 Auszug aus dem Roman: Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 16013

Kein Typ fürs Grobe - Teil 3

Einer meiner langen Spaziergänge lässt mich vor der Akademie Halt machen. Mein Gott, die Akademie der schönen Künste! Dreimal habe ich versucht, die Aufnahmeprüfung dorthin zu schaffen. Dreimal hat man mir gesagt, es wäre ganz nett, was ich so machte, aber das könnte ich auch ohne ihr Zutun. Die doppelte, hohe Flügeltür strahlt durch ihr undurchdringliches Dahinter eine gewisse Unruhe aus, die sich auf die wartenden Prüflinge davor auszuwirken scheint. Manche rauchen. Einige kauen an ihren Nägeln. Andere üben sich in Gelassenheit. Mappendurchsicht! Jeder musste, schon Monate davor, eine Mappe mit eigenen Arbeiten abliefern, von deren positiver Beurteilung die Zulassung zur dreitägigen Probearbeit abhing.

Sind die Professoren noch nicht da? Vielleicht kann man hintenherum in den Saal gelangen, fragt jemand. Das große Warten findet ein jähes Ende, als sich die Flügeltür öffnet und die Nummer eins aufgerufen wird. Jetzt kommt Bewegung in die Menge. Alles geht relativ rasch. Die ersten sind bereits im Saal und verteilen sich auf verschiedene Gruppen von Assistenten und Professoren im Raum. Rüde Kritiken sind zu hören. Na, wo haben Sie denn das abgekitscht, hört man einen sagen. Is‘ ja fast 'n Breughel! Was? Gelächter. Wieso machen Sie das so? Weil es mir gefällt, haucht eine schmale Blondine. Weiter. Der Nächste.
Ein Professor zieht einen kantigen Farbkübel hinter sich her. In der einen Hand hält er einen Besen. Er taucht ihn in den Behälter mit blauer Farbe und schreitet die aufgestellten bereits grundierten Leinwände ab. Wie ein Stierkämpfer mit seinem Degen nimmt er Aufstellung vor einer der Tafeln, und flüstert: „Wenn das jetzt nicht gelingt, ist alles hin!“ Dann eilt er, den Besen, von dem die Farbe tropft, hochhaltend, auf die Tafel zu und fährt von oben nach unten in einem Zug durch. Die Studenten staunen. Auf diese Weise könnte man ein Zimmer in weit weniger Zeit ausmalen als es sonst dauert …

Sie müssen wissen, meine Philosophie ist, dass Sie unter meinen Anweisungen Sie selber werden, in Ihren Entscheidungen für Ihre Arbeiten. Haben Sie mich verstanden? Die Studenten sehen sich verunsichert an. Keiner spricht auch nur das leiseste Wort. So ist das also mit der Kunst.

Warum sind Sie hier? Weil ich gerne – zögert – Aktionskünstlerin werden möchte. Warum gehen Sie nicht zu meinem Kollegen? Er nennt den Namen. Kennen Sie den nicht? Nein. Haben gar nicht gewusst, dass er einen Lehrstuhl hier hat? Achselzucken. Der Nächste.

Der Assistent begutachtet die Arbeit eines Prüflings. Hier, und er deutet mit seinem Zeigefinger auf die bemalte Fläche, hier müssen Sie noch etwas hineinmachen. Der Student tut es. Er macht einen grellen runden Tupfer hinein. Eine Viertelstunde später kommt der Assistent wieder bei ihm vorbei. Hervorragend! Sie sind aufgenommen. Ich nicht. Sie sind nicht formbar, hat der Professor zu meinen Arbeiten gemeint. Ich nehme meine Mappe mit der Nummer zweihundertelf und verlasse den Saal. Ich gehe den Korridor entlang und trete hinaus auf den Platz. Später werde ich dem Herrn Vater berichtet haben, dass ich nicht genommen worden bin.

Ich habe beschlossen, dieses Ereignis nicht in die Familienchronik aufzunehmen, weil es unrühmlich ist, irgendwo durchzufallen, denke ich, und die Nachfahren stolz auf ihre Vorfahren sein möchten.

Man muss Erfolg haben in dieser Welt, sonst gilt man nichts.

Ich schreibe mich in einen Kurs an der Volkshochschule für Malerei ein. Akt, Porträt, Landschaft. Bereits in der zweiten Woche fahren wir hinaus auf den Kahlenberg, ins private Atelier der Professorin. Wir Kunstbeflissene suchen uns jeder ein Plätzchen am sonnigen Abhang des riesigen Gartens mit Blick auf die Donau und Wien. Ein Häusermeer. Daraus ragen zahllose Türme, darunter der Donauturm hervor. Ich fühle mich von dem Anblick völlig überfordert, beginne aber doch zu skizzieren. Häuschen an Häuschen reiht sich in mühevoller Kleinarbeit aneinander. Der davor alles überragende Donauturm wird mir zum Verhängnis.

Die übergewichtige Kunstprofessorin quält sich mühsam über den kleinen Abhang von Student zu Student. Sie blickt über meine Schulter, sieht meinen feinen Haarpinsel, mit dem ich die Häuschen und Türmchen male, und greift mit folgenden Worten zum größten Borstenpinsel, den ich besitze, indem sie ihn zunächst in Himmelblau taucht: „Was soll denn das sein? Schauen Sie“, und sie streicht in riesigen Streifen über die ganze obere Blatthälfte. „Das – ist der Himmel!“ Mir bleibt das Herz stehen. Mein Bild! Dann fährt sie mit dem unausgewaschenen Pinsel ins Braun, Grün und Ocker. „Und das“, zack zack zack, „das ist die Donau!“ Dabei verspritzt sie mit dem borstigen Werkzeug das Malwasser über mich.
Ich bin entsetzt. Mein Werk – in seinen Grundzügen realistisch, manieristisch detailliert angelegt, einer mittelalterlichen Panoramakarte gleich, mit allen Details, liegt völlig entstellt, ja, quasi devastiert vor mir. Das ist das Ende. „So!“, sagt sie, „und jetzt machen Sie weiter! Und verschonen Sie mich bloß mit Ihren Miniaturen, ja!“

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus "Der Chronist" - in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15123

Kein Typ fürs Grobe - Teil 2

Der Versuch, wenigstens einen Bruchteil von Vaters Welt verstehen zu wollen, bringt mich durch seine Erzählung der letzten Kriegstage etwas näher an ihn heran, und ich versetze mich in seine Lage, bin er, für Augenblicke.
6. Mai 1945. Amerikanische Truppen besetzen Linz und Steyr. In St. Pölten ist mir die Gestapo auf der Spur. Ich habe den Stempel „politisch unzuverlässig“ im Soldbuch stehen. Die Engländer und Amerikaner sind bereits in Kärnten. In Vorarlberg überschreiten französische Truppen die Grenzen. Ausgerechnet heute, an diesem gottverfluchten Tag, wo beinahe alles ausgestanden ist, heute finden und verhaften sie mich! Es sind ihrer drei. Der Fahrer bleibt sitzen. Deutsche. Die zwei anderen, ein Unteroffizier und ein Hauptmann, nehmen mich in ihre Mitte. Sie schieben mich in den feldgrauen Kübelwagen. Der Offizier sitzt links von mir. Er deutet dem Fahrer – Abfahrt. Auf der Reichsstraße Richtung Enns.
Sie sprechen nicht mit mir. Ich denke an meine Eltern. Ich werde sie nie mehr sehen, kann ihnen nicht schreiben, sie nicht anrufen. Ich bin doch Lehrer von Beruf! Nie wieder werde ich mit Kindern lachen. Die Fahrt verläuft ruhig und gleichmäßig. Ich kann keine Eile erkennen. Obwohl vom Feind längst umzingelt. Es ist dunkel geworden draußen. Der Chauffeur biegt links in ein Waldstück ein. Einen Feldweg entlang geht es noch ein paar hundert Meter. Der Offizier tippt dem Fahrer auf die Schulter.
Das Fahrzeug hält an. Meine beiden Wächter steigen aus. Lassen die Türen offen. Der Chauffeur steigt gleichfalls aus. Ich wage nicht, den Kopf zu drehen. Sie werden von draußen schießen, denke ich. Es macht mir nichts aus, weil meine Situation ausweglos ist. Irgendwann findet man sich mit allem ab, in diesem Scheißkrieg. Hoffentlich treffen sie beim ersten Mal. Es geschieht nichts. Banges Warten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Nach fünfundvierzig Minuten wage ich, auf meine Uhr zu sehen. Ich wende den Kopf erst nach rechts, erwarte den Schuss. Nichts rührt sich. Dann sehe ich nach links. Niemand ist zu sehen. Ich rücke unruhig auf meinem Sitz hin und her.
Schließlich nehme ich meinen letzten Mut zusammen, quäle mich durch die enge Türöffnung nach draußen. Sie werden mich niederschießen – im Stehen, durchfährt es mich. Immerhin bin ich Offiziersanwärter. Ich spüre schon den stechenden Schmerz in der Brust. Jetzt. Jetzt ist es aus! Gleich! Aber – es geschieht nichts. Niemand ist hier. Sie haben sich abgesetzt, die Schweine, über die Enns, vermutlich. Ich atme durch, seit – ich weiß nicht, wie lange zum ersten Mal. Ich knöpfe meinen Militärmantel zu und setzte mich in Richtung Westen in Bewegung. Es beginnt leicht zu regnen.

Mitternacht, Mai 1992, als Papa mit seiner Erzählung endet. Ich sitze mit ihm auf der Terrasse unseres Hauses. Ein Schüttelfrost hat ihn befallen, schon während des Erzählens. Ich hole eine Decke. Er winkt ab. Geht schlafen, sagt er leise und erhebt sich. Seine Erinnerungen haben ihn zu sehr aufgewühlt.
Was bin ich bloß für ein Mensch? Ich mache den Vaterschaftsentzug wieder rückgängig. Jetzt bin ich wieder sein Sohn. Die Ohrfeigen versuche ich ganz einfach zu vergessen. Für heute jedenfalls.

Von der neuen Welt noch immer keine Spur. Dafür bestehe ich mit Bravour einen Test in der Tageszeitung, der mir sowohl Interesselosigkeit als auch die totale Freudlosigkeit am täglichen Leben bestätigt. Nichts kann mir noch Genuss bereiten, heißt es da, während ich den Tränen nahe bin, die Stunden fristend, die endlos mich dünken. Matt und kraftlos, verliere mehr und mehr an Gewicht und kann mich auch auf nichts so recht konzentrieren. Mein Selbstwertgefühl ist am Boden. Die Nächte, in denen ich mich unruhig und beinahe schlaflos im Bett wälze, werden zusehends zur Qual.

Trotz meines Elends aber beschäftigt mich mein Vorhaben um die Familienchronik. Welchen Stellenwert würde der Herr Papa in dieser einnehmen, denke ich? Im Grunde waren wir alle heilfroh, wenn er nicht allzu oft präsent war. Andererseits repräsentierte er doch eine gewisse Sicherheit, was das Existenzielle anbelangte. Aber das Wesen einer Chronik – ist nicht zuletzt doch das Neue? Etwas, was bisher noch niemand wusste oder gar vermutete? Sie lebt von der Zusammenfassung des Neuentdeckten. Dies allein ist ausschlaggebend für das Wesen einer Chronik. Persönlichkeitsmerkmale der beteiligten Akteure! Über gewisse Regeln und Riten berichten. Sie nachvollziehbar machen für andere. Schilderungen der persönlichen und allgemeinen Entwicklung! Ereignisse und Veränderungen aufzeigen. Meinetwegen auch Anekdoten hinzufügen. Und Korrespondenzen nicht vergessen!

Das Fräulein Schwester hatte es irgendwie leichter gehabt als ich. Nicht, dass sie der gesunden Watschen entgangen wäre, nein, durchaus nicht, aber – sie hatte, im Gegensatz zu mir immerhin die Stirn, der hauseigenen pädagogischen Übermacht mit ihrer Schlagfertigkeit zu begegnen, wenn nicht sogar mit ein wenig Frechheit. Denn, als eines Tages auch sie vorm versammelten Lehrkörper eine abgefangen hatte, knallte das gedemütigte Geschöpf dem allmächtigen Herrn Vater die Worte: „Denkst du jetzt, du imponierst mir?“ entgegen. Da war sie grade mal zwölf. Das saß, und der stets so gestrenge Herr Papa verzog seine unerbittlich strengen Lippen zu einem Lächeln, aus dem sogar, wohl angeregt durch die Heiterkeit der Anwesenden, so etwas wie ein Lachen wurde. Das hätte unsereins sich erlauben dürfen! Ich war sprachlos.

Die Kriegsgeneration hat uns Zeit ihres Lebens stets darum beneidet, dass wir es angeblich leichter hätten auf dieser Welt und – hat es uns spüren lassen. Denn dies führe zu nichts. Hart sein, wie Kruppstahl, hat es geheißen. Sei hart zu dir! Stahlharte Männer, hat der Direktor zu uns gesagt, sogenannte Männer aus Stahl! Dabei hat er mich gemustert, von oben bis unten, mir mit der flachen Hand auf die Brust geschlagen und mich gefragt, ob ich mich nicht einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wolle, weil ich längere Haare hätte. Das war 1969. „Idiot!“, hab ich mir gedacht! Er muss es gefühlt haben. Dann hat er mich zum Friseur geschickt. Aber ich bin nicht hingegangen. Wir Jungen waren wie in Trance von „Satisfaction“ von den Stones und trugen Jeans und bedruckte T-Shirts.

Was würde der Herr Papa jetzt sagen, wenn ihm diese Gegenüberstellung meiner Lebensgeschichte zu Ohren kommen würde? Der Aufschrei eines, der die Bürde seiner unglücklichen Kindheit mit sich herumträgt, vielleicht bewahrt von jeder Schuld zwar, doch trotzdem beladen mit dem ganzen Elend einer Generation, deren Väter die Helden waren? Und wenn sie keine waren, so wie der meine, dann waren sie eben Verräter. Wie Papa, weil er eben kein Nazi war. Das war genauso schlimm! Sich gegen das Vaterland zu wenden und damit auch gegen das Volk! Die Zeit, wo einer wie er als Mahnender und nicht als Lump gewertet wird, scheint noch immer nicht reif zu sein. Noch ehrt man bloß die Helden! Lumpen baut man keine Denkmäler.

Ich erinnere mich des bleiernen Schweigens. Es wurde nicht darüber gesprochen, was geschehen war. In der Schule nicht, und zu Hause schon gar nicht. In den Schulbüchern hatten die alten Nazis ihre Finger im Spiel. Und die alten Nazis haben uns noch unterrichtet, und uns ihre scheinheiligen Ordnungsprinzipien aufgezwungen. 1972 sind wir noch im Turnsaal marschiert und haben „Oh du schöner Westerwald“ singen müssen.
Aber irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass sie alle ganz froh darüber waren, diese Zeit selbst heil überstanden zu haben und dass alles wieder seinen normalen Verlauf genommen hat. Und irgendwann wären sie ja sowieso verrückt geworden, vor lauter Hand hoch zum Gruß erheben und all dem ganzen ideologischen Unsinn. Und irgendwann wäre aufgekommen, was man den Menschen alles angetan hat. Oder sie hätten sich gegenseitig bis zum letzten Mann denunziert, wegen Hochverrats oder weiß der Teufel weswegen. Heute wohnen sie alle in friedlicher Eintracht nebeneinander, als ob nichts geschehen wäre. Der eine Nachbar, der ein paar Juden an die Gestapo verraten hat. Andere, welche deren Sparbücher, Häuser und Geschäfte beschlagnahmen ließen. Und wieder andere, die die Ministranten in unserem Dorf auf ihrem Weg in die Kirche mit dem Luftdruckgewehr beschossen haben.
Und es ist alles vergessen. Scheint wie ausgelöscht. Heute sind sie Nachbarn und grüßen einander, als ob nichts passiert wäre. Meine Zweifel, dass diese Welt auch nur einen Funken Logik eines, wenn auch noch so geringen, Ordnungsprinzips aufweist, verhärten sich mit jedem Tag. Und ich muss mit Entsetzen feststellen, dass ich selber auch nur ein Teil dieser Scheißwelt bin, in der alles drunter und drüber geht.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus "Der Chronist" - in Entstehung

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