Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

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Handke, der serbische Nobelpreis und die falsche Heiligsprechung

Es ist zu hoffen, dass der frisch gebackene Nobelpreisträger Peter Handke eine Hilfskraft hat, die ihm in diesen Tagen die nationalkommunistische Presse in Serbien übersetzt.
Weil da ist er das Thema Nr. 1, und es herrscht die reine Freude vor. Mit Handke habe nach Ivo Andric der zweite Serbe den Nobelpreis bekommen. Er habe Serbien und das serbische Volk stetig und tapfer verteidigt und sei damit nach Milosevic der größte Serbe. Dabei wird der Diktator in alter nationalistischer Rhetorik von „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ mit dem Volk gleichgestellt; wer gegen Milosevic sei, stelle sich gegen das serbische Volk uswusf. Der Jubel kennt keine Grenzen und keine Scham.

Das sind schlimmere Töne als in den 90er Jahren, als Milosevic noch an der Macht war, und es zumindest in der Hauptstadt relativ freie, anti-nationalistische Medien gab, die der nationalistischen Vergiftung Widerpart gaben. Die heftig betriebene Restauration des Milosevic-Regimes wird nun also mit dem höchsten internationalen Preis ausgezeichnet – und damit eine Person, die wie keine andere Milosevics Verbrechen geleugnet und schöngeredet hat.

So wird alles in Frage gestellt, die Zerstörung von Vukovar, die Toten von Ovcara, die ermordeten Moslems von Srebrenica, das zerschossene Krankenhaus von Gorazde, die von der serbischen Artillerie getöteten Kühe am Straßenrand, die verschreckten, ausgemergelten Menschen mit ihren Handwägelchen in den elendslangen Zügen die kroatischen und bosnischen Straßen entlang, die unzähligen Verbrechen in Sarajewo und im Kosovo, das blutrote Wasser der Drina bei Foca und Visegrad, die Kühlwagen voller albanischer Leichen, die in der Donau versenkt wurden und in den Bleigruben von Trepca. Die Massengräber auf dem Polizeigelände von Batajnica. Und all diese Krüppel, Vertriebenen und Geflüchteten.

Ich nenne nur diese wenigen Beispiele von Verbrechen, die ich mit eigenen Augen gesehen und über die ich in den Jahren 1991 bis 1997 im ORF berichtet habe.

Aber man muss solche Erfahrungen gar nicht haben. Noch viel mehr zu berichten hätten die Hunderttausenden Geflüchteten aus den jugoslawischen Kriegsgebieten und ihre Nachkommen, die in Österreich Schutz und Heimat gefunden haben. Sie alle wissen aus eigener Anschauung oder Familiennarration, was Handke beschönigt oder verschweigt.
Und das mit Zynismus verziert als Poesie oder Freiheit des Autors.
Handke hat unfassbare Schuld auf sich geladen, indem er Milosevic und Karadzic glorifiziert. Er bespuckt damit alle Opfer und ihre Angehörigen – wie auch durch seine Teilnahme an Milosevics Begräbnis in Pozarevac: „Die letzte Ehre erweisen.“

Wie kann das Komitee in Stockholm so völlig versagen und eine internationale Nobilitierung vergeben, genau zur selben Zeit, als die Welt entsetzt und in Trauer vor dem Anschlag auf die Synagoge von Halle steht. Was für ein böser „Zufall“! Will da jemand die Menschen verhöhnen, die nicht mit literaturgeschmäcklerischem Wortgeklingel à la Akademie, sondern mit Wissen und Gewissen die Wirklichkeit beobachten.

An mich, an alle und auch an das zornige Rumpelstilzchen („Ich komme von Tolstoj, ich komme von Kafka, ich komme von Cervantes“) möchte ich zwei Fragen stellen, oder vielmehr ein Gedankenspiel spielen: Was hätten diese drei – es könnten aber auch genauso gut Goethe, Beethoven oder Kant sein – zu den Balkankriegen der 90er Jahre gesagt?
Und was wäre, wenn die Opfer Schweden gewesen wären?

13.10.19

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 19139

Der U4z-Schienenersatzverkehr-Blues

Vorausgeschickt: Bei den Wiener Linien funktioniert fast alles fast immer gut.

U4 gesperrt vom Karlsplatz bis zur Längenfeldgasse! Oh Schreck! Schienenersatzverkehr vom 1. Juli bis 2. September. Die U4-Teilsperre würde mich direkt betreffen, hatte ich doch gerade einen Schrebergarten in den Hügeln von Hütteldorf gepachtet.
Diese Aufzeichnungen habe ich nach der ersten Woche begonnen, also nach 14 mal hin und zurück vom Karlsplatz mit dem U4z zur Längenfeldgasse und weiter mit der alten U4 nach Hütteldorf. Und zurück.
Aber heute, nach der 66. Fahrt im U4z des Schienenersatzverkehrs, bin ich begeistert, gratuliere allen Planern, Mitarbeitern und uns Wienern zu solchen Verkehrsbetrieben. Die Fahrt ist übrigens kostenlos.

Die WL haben ein lückenloses Leitsystem eingerichtet auf der wahrscheinlich wichtigsten Touristenlinie in diesem Sommer, zum Schloss Schönbrunn und zum Tiergarten. Überall stehen Mitarbeiter, verteilen Flyer und antworten geduldig. Sie sind an jeder Station präsent. Wie sie „Schienenersatzverkehr“ den deutschen Gästen ausdeutschen oder gar in die anderen Hauptsprachen übersetzen, das blieb mir bislang verborgen. Die Busse fahren nonstop, kreisen wie ein Perpetuum mobile. Niemand wartet länger als drei Minuten. In diesem heißen Sommer besonders angenehm – die meisten Busse sind gekühlt und nie überfüllt. Wer nicht ein notorischer Meckerer ist, kommt gut durch. Für mich ist die Strecke etwa fünfzehn Minuten länger als mit der normalen Durchfahrt auf der U4 – Busse haben nun mal Ampeln und andere Verkehrsteilnehmer.

Alles im Leben ist eine Frage der Perspektive. Dieses Prinzip der systemischen Theorie beweist sich wieder einmal auf den Fahrten mit dem Uvierzet. Sie haben mir viele neue, ungeahnte Einblicke und spannende Ausblicke eröffnet. Und Pläne: Ich weiß, was ich tun werde und nie wieder tun sollte.
Geschätzte 45 Jahre bin ich, von der Autobahn kommend, über die Westeinfahrt in den 4. Bezirk gefahren, mit dem Auto. Für die Autolenker stehen natürlich der Verkehr, die Ampeln, Fußgänger, Bodenzeichungen und Abzweigungen im Fokus. Der Blick reicht meist nicht weiter hinaus als über die Ampeln, Schilder, parkende Autos und bei den Gebäuden vielleicht noch bis zum 1. Stock. Aha, muss ich mir merken, vielleicht zwei Sekunden auf ein neues indisches Lokal. Ein Blick mit Scheuklappen wie ein Fiakerpferd.
Immer war ich sicher, ich könnte blind oder schlafend von Auhof zum Karlsplatz kommen.
Nachdem ich jetzt also 66 mal diese Strecke im Bus sitze, habe ich den Verdacht, dass ich früher immer blind durch diese Bezirke gebraust bin. Dazu gestehe ich, dass ich vorher noch nie in meinem Leben in der Station Längenfeldgasse ausgestiegen bin und dort das Licht der Oberwelt erblickt habe.

Ich versuche immer, einen erhöhten Sitz ganz hinten zu ergattern. Ein Rundumausblick auf die beiden Wienzeilen, die Schönbrunner Straße, die Hannover Straße und den Naschmarkt.
Ob hin oder zurück: Für mich ist die Baustelle ein Glücksfall. Aber sie macht mich auch schwindelig. Ein neuer Kontinent hat sich aufgetan. Ein Genuss, dieser unverstellte Blick auf die Prachtgebäude ohne das Gewusel unten am Markt. An der Station Karlsplatz beim Marc-Aurel-Denkmal neben der Sezession gellen Kinderschreie durch den Bus: Löwen, leoni, lwi! Die Eltern in allen Sprachen: Wart nur, bald siehst du lebendige im Zoo.
Werden wir Wiener auch bald in Käfigen ausgestellt?

Kurz nach der Station Längenfeldgasse biegt der Bus auf die Schönbrunner Straße. Das ist der 12. Bezirk. Ich weiß nicht, wo es in Wien noch so einen vernachlässigten Straßenzug gibt.
Fast alle Häuser sind räudig und von unbestimmter dunkelgrauer Farbe. Die Farbe Grün in Form von Bäumen und Büschen scheint hier vollkommen unbekannt zu sein. Vom U4z-Bus aus geschätzt, sind mehr als die Hälfte der Straßenlokale geschlossen, schon sehr lange, weil vielfach von vergilbten, zerfetzten Plakaten und Grafitti verunziert, manche sind zum Kauf oder zur Miete angeboten, die begonnenen Renovierungsarbeiten verfallen schon wieder, die Gerüste sind verrostet und windschief. Man hat das Gefühl, dass kein einziges Haus einen ansieht, alle blind.
Wo bin ich? In Harlem? Fensterlose Lokale bieten Thai-Massage, Ironfist, Osman-Tattoo oder eine türkische Taxischule Arslan an. Dazwischen ein verstaubter Mini-Laden von Nadel und Zwirn, in dem tatsächlich Zwirnsfäden und Nähnadeln im Fenster hängen. Genauso traurig der verdorrte Oleander-Busch davor. Eine Autobelehnung „BARGELD SOFORT!“ macht mit grellen gelb-schwarzen Plakaten Reklame und ist so einladend wie ein Wespennest.

Jetzt schon im oberen 5. Bezirk, wo er noch nicht Bobo ist. Das Jugendberatungszentrum und der Pensionistentreff sehen so düster aus, als bekämst du die Probleme erst, wenn du sie betrittst. Der Clean-Green-Waschsalon hätte beides bitter nötig, außen und innen, ist aber gut besucht. Der Sex-Shop Alpha bietet Gummiwaren an – mit Massenrabatt. Zum Rudelpudern? Der Schanigarten des Funny Colombo mit Srilanka-Küche hinter einer mickrigen Thujen-Hecke ist brechend voll. Albaner, Pakistani, Chinesen, Vietnamesen – alles gibt es, nur kein einziges Wiener Eckbeisl mehr, keine einzige Gastwirtschaft. Wo gehen all die Alkis des 12. und 5. Bezirks jetzt hin?

Sogar die Monopolisten, die Spars, Billas und Hofers, sehen in dieser Bandlwurmstraße mickriger aus als anderswo. Die Schilder mit ihren Logos sind kleiner, und ihre Sackerl drehen sich nicht. In den Fenstern sind keine bunten Leckereien ausgestellt, sondern die Rückseiten von Regalen mit den Rückseiten von Konservendosen und Klopapierpackungen.
Solches hab ich zuletzt im untergegangenen Ostblock gesehen. An den Kinderwägen der Einheitszeltfrauen hängen mindestens noch drei Kinder, auf den Rollern nie weniger als zwei. Aber wenn der U4z kurz nach dem Margaretengürtel hält, bemerke ich zum ersten Mal, wie breit und weitläufig die Grünanlagen sind: dichter, dunkler Schatten über den Wiesen, die Bänke voll besetzt mit Menschen aus der ganzen Welt, Wiesenlager mit Hügeln aus Kopftüchern und bunten Kleidern aus Subsahara: Kindergewusel, Hunde, Rad- und Rollschuhfahrer, Hängematten zwischen den Bäumen, pulsierendes, südliches Leben mitten in der Stadt.

Hallelujah, ich muss nicht auf die Donauinsel zum Afrika-Fest und teuren Eintritt bezahlen. Einfach nur einmal auf den Margaretengürtel! In den Käfigen herrscht rasender Basketball-Betrieb hinter einer gigantischen Mann-Brot-Reklame-Wand. Manche der jungen Athleten dürften sich schon zu Mannschaften zusammengefunden haben, denn die Spieler tragen einheitlich grüne oder orange Leiberl. Rundum Publikum. Ich schwör es mir, einmal steig ich aus und sehe diesen Super-Sportlern zu. Phantastisch, diese Akrobatik und Begeisterung. Warum spielen sie nicht in der NBA? Wann werden sie entdeckt?
Nichts ist ganz wirklich und sicher, fahre ich doch nur in einem Bus durch diese Straßen und sehe so viel, wie wenn ich mich durch die TV-Kanäle zappen würde.

Neue Blicke, neue Gefühle, neue Pläne. Früher im Auto, dann im Untergrund, waren die Fahrten immer nur davon bestimmt, geradlinigst und schnellstens aus der Stadt raus oder nach Hause zu kommen. Plötzlich taucht eine neue Welt dazwischen auf. Die Zwischenwelt des U4z. An einer Ecke am Margaretengürtel hat er eine neue Station. Ich, auf meinem Hochsitz mit einem Rundumblick, nehme zum ersten Mal ein wunderschönes, schmiedeeisernes Eingangstor wahr. Ich kann mich gar nicht daran sattsehen und mache mit meiner Kamera Fotos. Ein Kleinod an einem verwahrlosten Haus mit verstaubten Antiquitäten in den Auslagen. Nach so vielen Stops dort kenne ich alles und habe ich mich in eine Jugendstillampe verliebt. Aber leider: Vorübergehend geschlossen – und das schon sieben Wochen.
Weiter rein in den 5. Bezirk. Mein Blick geht an den Gebäuden hoch: Viele haben ausladende Fassaden und Dachlandschaften, Türme und Türmchen mit Zinnen, Kuppeln, Erkern, Säulen, Figuren, Halbreliefs und Balkonen, alle stilvoll übereinstimmend renoviert und die Dächer mit Sonnenpaneelen versehen. Wie ein Senkrechtschnitt durch die Gedärme der Stadt.

Die Fahrten vom Karlsplatz hinaus zur Längenfeldgasse haben mir, von meinem Hochsitz aus, dank des U4z neue Ein- und Aussichten gewährt. Zwischen Kettenbrücken- und Pilgramgasse steht unten in der Baustelle ein wahnsinnig hoher und wahrscheinlich sehr starker Kran. Er ist pink, aber so was von pink, wie es nichts gibt in ganz Wien. Die Rosa-Lila-Villa gegenüber wirkt dagegen sehr blass mit ihren abgeblätterten Fassaden.
Vom Bus aus sehe ich zum ersten Mal in den Schacht der U4 hinunter und die schreienden, viele Meter langen Grafitti-Malereien an den Wänden. Phantastische Gemälde. Ich hoffe, jemand macht eine Dokumentation. Dazu noch Aufschriften für Fußballclubs in allen Sprachen Osteuropas. Kracowia und Crvena zvezda Beogr. Es geht zu schnell, ich habe noch immer nicht alles entziffert, geschweige denn fotografiert. Ich frage mich, wie diese Sprayer-Künstler dorthin gelangen konnten.

Dass der von mir geliebte Rüdigerhof einen schönen, nicht ganz so spektakulär ausgestalteten Zwilling hat, habe ich noch nie wahrgenommen, weil der Autofahrer in der Linkskurve von der Wienzeile in die Hamburgerstraße abbiegen muss. Ein Haus weiter werde ich wie vom Blitz getroffen, vom Hanna-Hof, einem dotterblumengelben fünfstöckigen Haus mit Schmuck, aufgebaut wie eine Hochzeitstorte. Erst die Baustelle und mein Hochsitz im U4z geben den Blick frei auf diese gelungene Ménage à trois. Und auch auf das Open-Air-Lager der osteuropäischen Internationale von Obdachlosen (OIO), die mit ihren Hunden unter den Bäumen den Schatten genießen. Einer improvisiert auf der Ziehharmonika, andere schlafen im vergilbten Gras ihren Rausch aus.

Als Autofahrerin konzentrierst du dich auf die Rechte oder Linke Wienzeile, als U-Bahn-Fahrerin bist du eben unten. Nun, als U4z-Benutzerin, siehst du plötzlich die dem Wienfluss zugewandten Seiten der Gebäude. Welch Wunder, es gibt begrünte Pawlatschen und Balkone mit phantastischen Gittern und Säulen, üppige Dachgärten und Baumstreifen die ganze Linie entlang. Ich kannte bisher nur den Garten um den Rüdigerhof. Irgendjemand sollte eine Tour anbieten, nach dem U4z, und zu Fuß.

Dann das akkustische Vergnügen: den asiatischen Touristen zuzuhören, wie sie um die Aussprache Kettenbrückengasse ketblga und der Längenfeldgasse legefega ringen.
Wie anfangs gesagt: Es funktioniert alles fast immer gut: Aber einen Vorschlag für die Wiener Linien hätte ich gehabt: eine akkustische App für die Aussprache von Karlsplatz einzurichten. Er hat mit rlspl sagenhafte fünf Konsonanten hintereinander. Die Russen machen ihn einfach zum Kalplaz. Auch für Schönbrunn – Shen-blun – und Hietzing. Mit arabischer, chinesischer oder russischer Phonetik. Gizig, Gizig?, fragen die russischen Touristen, weil sie ja kein H haben und NG nicht aussprechen können. Shen-blun-Shen-blun? Wie oft habe ich das in diesem Sommer gehört.
Nur das Fragezeichen scheint allgemeinmenschlich zu sein. Alle haben ihre Handys fest im Griff, keine Ahnung, in welcher Transkription sie Kettenbrückengasse, Margaretengürtel und Längenfeldgasse auf den Schirm und in die Ohrstöpsel bekommen. Die Länge dieser Namen wird nur Touristen aus Wales nicht überanstrengen. Über Hietzing hinaus zur Braunschweiggasse fährt ohnedies kein Tourist. Die arabischen Gäste lassen gleich alles weg: Leflstr? Schnbrnn? Der Naschmarkt ist einfach, wird zu Naschma, sogar Aschma und Nama sind verständlich. Die Chauffeure nicken zu allem freundlich und bleiben immer cool. In der Station Schönbrunn leeren sich die U-Bahn-Waggons meist vollständig.

Einmal mache ich einen spontanen Ausritt in den Schlosspark, was ich bis an mein Lebensende bedauern werde. Ich war seit den Kindertagen meiner Tochter nicht mehr dort. Mir kommen Zweifel, ob die Rosen hier noch von Bienen bestäubt werden. Ich kann beim besten Willen keine Rosen entdecken, denn jeder Rosenstrauch ist von mindestens zehn Chinesen umringt, die mit ihren Handys fotografieren und einander danach in Massen-Selfies ablichten. Gibt es in China keine Rosen? Ich habe immer gedacht, diese Gewächse stammen ursprünglich von dort. Vielleicht hören sie aus den Stöpseln in ihren Ohren, dass schon Kaiserin Sisi hier gewandelt ist und auf die Rosen geschaut hat.

CHINESEN, DIE AUF ROSEN STARREN. Manche Mädchen verkleiden sich blitzschnell in Sisis, für die Fotos und Videos, die gelbe Torte des Shen-blun im Hintergrund. Einmal werde ich wortlos, aber gestenreich eingeladen mitzuposieren. Offenbar eine seltene Eingeborene. Eine Aborigine. Auf welchen Kanälen des www werde ich erscheinen? Ich fühle mich so wohl und zu Hause wie wahrscheinlich die Exoten immer schon im nahen Tiergarten. Vielleicht kriegen wir auch noch Gitterstäbe. (Wie der Panther von Rilke, eh schon wissen.)

Nach siebeneinhalb Wochen mit dem U4z bin ich trotz allem hauptsächlich glücklich und dankbar. Mit dem Anfang am Karlsplatz bis zum Kaiserschloss und zurück durch die Slums rund um die Schönbrunner Straße: Welches Bild von Wien bekommen diese Besucher aus aller Welt? Was erfahren sie über uns? Ich habe keine Ahnung. Aber von mir weiß ich: Ich habe mich in den U4z verliebt und werde ihn vermissen, wenn am 2. September die renovierte U4 wieder öffnet. Für mich wieder normal 17 Minuten vom Karlsplatz nach Hütteldorf, oder jetzt sogar noch schneller. Wir sollten den WL dankbar sein, dass sie zwei Monate lang kostenlose Führungen durch unbekannte Teile von Wien geboten haben. Und durch unsere Seelen.

30.8.19

Veronika Seyr
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Rosenkranz für die Freiheit

Jeder Montag begann mit dumpfem Grollen und Knirschen auf Kies, mit schweren Schritten und tiefen Männerstimmen. Davon wurden wir wach.
Da huschte die Tante Sefi ins Kinderzimmer und klatschte in die Hände
Kinder, aufwachen, aufstehen, Rosenkranzbeten!
Tante Sefi war die jüngste Schwester meines Vaters, ein ehe- und kinderloses Fräulein von der Post. Sie kümmerte sich um die größeren Kinder. Die Mutter war mit Haushalt und den Kleinen beschäftigt, der Vater während der Woche Gastarbeiter bei Wien. Er war ein Wochenendvater.

Es war noch dunkel, als uns Tante Sefi aus den Stockbetten stamperte. Wir knieten in Pyjama und Bademantel neben den Betten, die Hände vor der Brust gefaltet. Es war kalt, wir bibberten. Der einzige Ofen, der Meller-Dauerbrandkamin stand zwischen dem Eltern- und Kinderzimmer und war schon ausgekühlt. Tante Sefi stimmte mit ihrem Glockensopran den Rosenkranz an. Es wurde um einen halben Grad wärmer. Viele Vaterunser und GegrüßetseistduMaria und gebeneideitseideinLeib. Vermaledeit lernte ich erst später mit den Flüchen der Bierführer. Tante Sefi sang im Kirchenchor und in den Hochämtern die Soli der Deutschen Messe. Auch Orgel konnte sie spielen.

In aller Herrgottsfrüh fuhren Onkel Klaus und seine Bierführer Franzl und Toni nach Linz in die Brauerei zum Bierfassen. Vor dem Haus, unter unseren Fenstern, luden sie die leeren Fässer auf den Saurer-Lastwagen. Der Onkel betrieb eine Bierniederlage, von der aus er das Bier zu den Wirten im Unteren Mühlviertel lieferte. Ich fuhr gerne mit und war in allen Wirtshäusern zu Hause. Besonders in denen mit hölzernen Kegelbahnen. Sein Vater, mein Großvater, war der letzte Bierbrauer im Strudengau, in einem Gewirr von weitläufigen Gebäuden, die man seit sechshundert Jahren Bräuhaus nannte. Dazu gehörte eine Landwirtschaft mit einigen Feldern und Wiesen, viel Wald – ein ganzer Berg trug unseren Namen – dazu Obst- und Gemüsegärten. Wir hatten sogar eine eigene Kapelle auf dem Grundstück, errichtet zum Gedächtnis an Kaiser Franz Joseph, der auf der Brautfahrt mit Sisi fast gekentert wäre und 1854 den Haussteinfelsen in der Donau-Mitte wegen des gefährlichen Strudels sprengen ließ. Das stand oben in großen, goldenen Lettern zwischen dorischen Säulen.

Jeden Samstag ging ich mit meiner Großmutter zur Kapelle, sie zu putzen und mit Blumen neu zu schmücken. Heilige Handlungen. Ich fühlte mich damals dem Kaiserhaus sehr verbunden. Das Schönste aber waren die Ställe. Zwei Arbeitspferde, den Hansi und die Lies, auch Schweine und Hühner gab es. Alles für den Eigenbedarf der Großfamilie mit vier Generationen unter einem Dach. Dort bin ich geboren und die ersten zehn Jahre aufgewachsen. Das war Heimat. Nahe Menschen. Frieden und Freiheit. Der Geruch von Gras, Heu, Holz Moos, Harz, Erde und Donaualgen ist mir bis heute lieber als der von Konditoreien oder Parfümerien. Ich mochte die Geräusche der frühen Montage: das Rollen der mit Eisenringen beschlagenen Holzfässer über das Pflaster, das Knirschen im Kies des Vorplatzes, das Quietschen der metallenen Rutschen, zuletzt das dumpfe Aufkrachen auf der Ladefläche und das Rasseln der Ketten, wenn Toni die Planen festzurrte. Flaschen in Kisten kamen erst später auf. In meinen Ohren klang alles einladend und heimelig. Wir Kinder lebten recht frei, weil die Erwachsenen zu beschäftigt waren, um uns zu beaufsichtigen. Trotz aller Gefahren zwischen Donau und Bahn, Bächen und Wehren. Ich glaube, sie vertrauten uns, weil sie sich vertrauten. Daheim waren.

Einmal durfte ich in die Linzer Brauerei mitfahren, das aufregendste Erlebnis meiner Kindheit. Auf dem Schoß von Onkel Klaus, daneben Franzl und Toni im Führerhaus. Ich fühlte mich wie eine Welteneroberin. Die Reise in die Großstadt, die Hochöfen und Schlote der VOEST, gewaltig wie ein Gebirge, die riesigen Hallen der Brauerei, die endlosen Bierlager, in denen sogar Kräne und Eisenbahnen auf Schienen fuhren. Diese Gerüche. Das Linzer Lager war damals die am häufigsten getrunkene Marke. Der Weihnachtsbock mit dem grünen Schildchen kam vor dem Christkind. Biertrinkerin wurde ich trotzdem nicht.

Die endlos wiederholten Absätze des Rosenkranzes liebte ich nicht. Je nach Jahreszeit stimmte Tante Sefi geistliche Lieder an. Im Mai Meerstern ich dich grüße, im Advent Maria durch ein Dornwald ging, vor Ostern Oh Haupt voll Blut und Wunden. Ich bin sicher, dass wir die Worte nicht wirklich verstanden und vieles verballhornten. Meerschweinichdichgrüße. Alle Kinder waren musikalisch und sangen gerne Lieder. Am Ende brauste immer das Großer Gott, wir loben dich durch das Kinderzimmer. Es erlöste uns vom Einerlei des Rosenkranzmurmelns und der Kälte. Erst als wir den Motor des Saurers aufheulen hörten und die tiefe Hupe, wenn er aus dem Dorf hinausfuhr, wurden wir aus unserer knienden Lage erlöst.

Meine älteren Brüder und Cousins gingen schon zur Schule und kannten viele Belustigungen. Sie waren alle Ministranten, gingen zum Dimbach Fische oder Krebse ausgreifen und spielten auf der Strudener Au Fußball. Sie organisierten sich in Banden und spielten Krieg gegen die Buben von Struden. Was die zwei älteren Schwestern den ganzen Tag trieben, daran erinnere ich mich nicht. Nur einmal nahmen sie mich mit in ihre Handfertigkeitsstunde mit Stricken, Sticken und Häkeln in der Volksschule. Das stumme Sitzen mit einer oder zwei Nadeln entsprach nicht meinem Temperament. Nach kurzer Zeit schlich ich mich aus der Klasse ans Donauufer und schaute den Schiffen zu oder der Zille beim Kastenhofer. Wer von unserem Ufer hinüber wollte, musste laut Üüüüberfuuuhr! rufen.

Zumindest für mich kann ich sagen: Ich liebte alle kirchlichen Zeremonien. Waren sie doch in diesem zwischen Donauufer und Bergen zersplitterten 700-Seelen-Dorf die einzigen Ereignisse. Meine Familie – 1944 Ausgebombte aus Wien – lebte dort weit weg von Theatern, Kinos und Cafés. Die Auferstehungsfeiern in der Osternacht, wenn wir die Weidenkörbe mit dem G‘söchten – dem Geselchten, Kren, Osterstrudeln und Eiern zur Weihe in die Kirche tragen durften, die Prozession um die Kirche herum im Dunkeln und wenn es beim dreimaligen Lumen Christi es immer heller wurde, die Erneuerung des Taufgelöbnisses mit dem Abschwören des Teufels – das war Drama pur.
Auf dem Rückweg dann das Abenteuer, wie wir uns bemühten, das Osterfeuer brennend nach Hause zu bringen, hinter der schützenden Hand die steile Blomü – Blochmühlgasse hinunter, über das Viadukt des Dimbaches und übers Danzerbergl drüber.

Natürlich versuchten die Buben den Mädchen die Flamme auszublasen, damit sie Sieger würden. Im Sommer, wenn der Himmel mit Gewittern oder Hagel die Ernte bedrohte, zog eine Prozession mit Fahnen durch die Felder und Wiesen, um den Schaden, der vom Himmel kam, abzuwenden. Dieselbe Zeremonie, wenn es zu wenig Regen gab. Pfarrer, singendes Volk und Kinder. Tante Sefi, mit ihrem klingenden Sopran, schritt voran. In ihrem Dirndl und mit der aufgesteckten Gretlfrisur, die ihre goldenen Locken bändigte, erschien sie mir wie ein Engel. Sie hat einen guten Draht zum Himmel. Alles ist gut, es kann nichts passieren, wir haben Schutzengel.
Das Grundgefühl meiner Kindheit. Die Fragen zum KZ Mauthausen, zur Mühlviertler Hasenjagd und zum Schloss Hartheim hatte ich erst rund zwanzig Jahre später.

Wir hatten Ratschen und Trommeln dabei, mit Klöppeln, mit denen wir herzhaft schlugen, um die Wolken zu vertreiben. Auch Nikolaus und Krampus, die Kreuzwegstationen, die Maiandachten, Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse hatten ihre dramatischen Reize. Wir lebten im ewigen Kreislauf des Kirchenjahres. Diese Mischung aus heiliger Feierlichkeit, Spuk und Komik begeisterte mich schon in den frühen Kindertagen. Das war echtes, lebendes Theater. Ich war also gut auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik vorbereitet. Auch die heidnischen Bräuche wie das Winteraustreiben und die Sonnwendfeuer waren Höhepunkte im dörflichen Leben. Eine friedliche Heimatkultur.

Onkel Klaus und seine Bierführer hatten an den Montagen eine gefährliche Reise vor sich. Sie mussten über Grein, Perg und Mauthausen die Donau entlangfahren und bei Enns die Brücke queren. An der Zonengrenze standen sich die Sowjetarmee und die Amerikaner direkt gegenüber. Nur die Schranken trennten sie voneinander. Nirgendwo sonst war die Nachkriegssituation so greifbar. Nicht Krieg, aber auch kein Frieden. Es war der neuralgischste Punkt in ganz Österreich in den zehn Russenjahren, wie das hier hieß.
Damit die Männer frei hinüber- und zurückkamen, mussten die Kinder beten. Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelsreich.
Das Bild im Kinderkatechismus, wo Jesus im weißen, langen Nachthemd mit blonden Locken dasteht, links das rote Herz und die Hände weit ausbreitet, um die Kinder zu sich zu rufen, schaute ich besonders gern an. Es wurde erklärt, dass wir auserwählt sind, ganz nah bei ihm zu sein. Kinder können wegen ihrer Unschuld – sofern durch die Taufe von der Erbsünde befreit waren – auf direktem Wege Gottvater, seinen Sohn und dessen Mutter erreichen.

Nach den Erklärungen von Tante Sefi können die unschuldigen Kinder den Schutz und Segen Gottes runterbeten, herabflehen. Die komplizierte Diplomatie zwischen Himmel und Erde, das Verhandeln, Versprechen und Belohntwerden, können wir nicht durchschaut haben. Aber wir hatten eine Rolle, wurden beachtet und fühlten uns wichtig. Die Großen hatten große Angst vor den Russen. Außerdem war die Tschechei nicht weit weg, wo schreckliche Russen ihr Unwesen trieben. Mir hat sich das besonders eingeprägt, stand doch meine Geburt genau am 23. Februar 1948 mit dem kommunistischen Putsch in Prag unter keinem guten Stern. Immer wieder wurde mir erzählt, dass ich wegen der allgemeinen Aufregung einen Monat zu früh das Licht der Welt erblickt hatte. Das nördliche Donauufer gehörte zur Sowjetzone. Die Erwachsenen redeten davon, dass Menschen auf der Enns-Brücke verschwanden und nie wieder auftauchten. Einmal hatten sie sogar eine Frau entführt, eine Diplomatin, die erst nach vierzehn Jahren aus einem sibirischen Gulag freigelassen wurde.

Am späten Nachmittag sammelte Tante Sefi die Kinder in der Stube ein, aus all ihren Tätigkeiten zwischen dem Bräuhaus, der Donau, dem Gießen- und Dimbach. Manche wichen in die Wälder aus. Zu der Zeit, wenn die Mander, die Männer, aus Linz kommend die Enns-Brücke überqueren sollten, kam das zweite Rosenkranzbeten. Wenn sie uns damit auch aus den schönsten Spielen herausriss, war es doch weit weniger unangenehm als das im Morgengrauen, blühte uns doch ein freudiges Ereignis. Wenn die Bierführer mit Gotteshilfe und dank unserer Gebete die Rote Armee glücklich passiert hatten und sie mit vollen Fässern ins Bräuhaus zurückkehrten, gab Onkel Klaus den Erwachsenen ein Freibier aus. Das waren viele, lebten doch außer den Familienmitgliedern noch Knechte und Mägde im Bräuhaus. Dazu Sommergäste, Einlieger.

Wir Kinder bekamen ein Kracherl aus Bad Scharten und durften die Bier-Noagerl, die Neige, austrinken und den Schaum, den Fam, auflecken. Ich weiß noch gut, dass meine Finger noch zu kurz waren, um bis zum Boden zu gelangen. Am glücklichsten war immer Tante Sefi. Bei jeder Rückkehr war sie in ihrem Glauben gestärkt. Sie bespühte alle reichlich mit Weihwasser und lief dann zur Kirche in die Abendandacht, betete wieder den Rosenkranz, um sich beim lieben Gott für die Rettung der Mander zu bedanken.

Ich weiß nicht, ob sie jemals erfahren hat, worauf das Wunder auf der Enns-Brücke wirklich beruhte. Mir hat es Onkel Klaus, bei dem der Schalk immer locker saß, viele Jahre später anvertraut. Sobald sie mit dem Saurer am Ami-Posten ankamen, zeigten sie ihre Passierscheine vor und wurden schnell weitergeschickt. No problem. Go. Am sowjetischen Posten dauerte die Kontrolle länger, obwohl die Soldaten die Bierführer schon lange kannten. Während vorne am Führerhaus die Papiere immer wieder umgedreht wurden, machten sich zwei Soldaten hinten am Anhänger zu schaffen. Dort hatte Onkel Klaus ein 50-Liter-Fass für sie bereitgestellt, das sie sehr schnell in ihr Wachhäuschen rollten.

Ich nehme an, dass Onkel Klaus seine Schwester Sefi nie in ihrem Glauben an die göttliche Hilfe erschüttert hat. Sie ist hochbetagt und hochkatholisch verstorben. Soweit ich weiß, friedlich. Ich selbst kann mich bis heute nicht entscheiden, ob es das Linzer Lagerbier war oder unser Rosenkranzbeten. Jedenfalls sind die Männer in der Russen-Zeit immer unversehrt heimgekommen. Als im 55er Jahr die wirkliche Befreiung kam, wohnten wir bereits in Wien, sahen die Russen abziehen und hörten im Radio Österreich ist frei!

10.5.19

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19084

An den Rändern des Universums

Ein Leseerlebnis mit Karl Lubomirskis Gedichtband „Unbewohnbares Rot“
(Löcker Verlag, Wien, 2019, ISBN 978-3-85409-961-1)

Es gibt viele Wege, die einen zur Lektüre eines Buches führen können. Alle haben etwas Rätselhaftes an sich, das wir uns nicht immer erklären können. Was zieht uns vom ersten Moment an? Was erregt die Aufmerksamkeit, die Neugierde? Einer dieser Wege führt über den Titel.

Karl Lubomirski wählt für seinen neuen Gedichtband den Titel „Unbewohnbares Rot“.
Das machte mich sofort neugierig, auch wenn das unbewohnbare Rot nicht sofort eingängig war. Aber Rot ist immerhin die normative Signalfarbe. Eine unbewohnbare Farbe ist aufs erste Lesen oder Hören ein unhandlicher Wortklotz. Ich habe eine Abneigung gegen die bar-Worte, noch dazu mit der negativen Vorsilbe un-! Uncharmant wie unleistbares Wohnen. weil sie immer eine Notlösung sind, eine Ungenauigkeit, um die sich jemand nicht genügend bemüht zu haben scheint. Ich habe die Gewohnheit, immer alles sofort umzudrehen und auf den Kopf zu stellen. Bewohnbares Rot. Weiß, schwarz – wäre das eine bessere Variante? Und überhaupt, was soll das, ein Wohnen in einer Farbe? Unbewohnbar – bewohnbar, das geht noch, aber was ist das Gegenteil von Rot?

Warum meint er, uns mit einem solchen sperrigen Wortkonglomerat wie un-be-wohn-bar anziehen zu können?
Aber das alles sind widerläufige Gedanken vor dem Lesen. Ungefähr so wichtig wie das Um- und Umdrehen des Buches oder das Blättern darin.

Du kannst fragen so viel du willst, Karl Lubomirski wird es dir nicht sagen. Wie ein „Knocking on Heavens Door“ und Aufstampfen mit den Füßen. So wie dort kannst du dir die Stirn blutig schlagen. Kein Klappentext, kein Vor- oder Nachwort gibt dir einen Anhalt. Das ist sicher seine Absicht und nicht den mageren Finanzen von Poesieverlegern geschuldet. Er will uns wohin führen. Nur, wohin? Also muss ich mich einlassen. Lesen und immer wieder lesen im unbewohnbaren Rot. Ich kann jetzt schon sagen: Es macht glücklich und glücklicher bei jedem Wiederlesen. Der Inhalt übertrifft das Geheimnis des Titels, der übrigens in keinem Gedicht vorkommt. Eine Spurenlegung mit Fährtensuche?
Er unterteilt auf 92 Seiten die Gedichte in vier Kapitel. Nein, zu viel gesagt, er bringt uns mit Überschriften auf den Weg, verlockt uns und lockt. Ja, aber wohin? An die Ränder des Universums und in die eigene Mitte.

Der in seinem Leben durch viele Weltgegenden gereiste Karl Lubomirski ist als Lyriker ein Seelenwanderer durch die Geschichte des Humanismus und ein Verteidiger der Kunst gegen die Wüsten des Kommentars. Mit seinem Dichterfreund und Universalgelehrten GeorgeSteiner lässt sich sagen: „Das Gedicht kommt vor der Auslegung. Das Gedicht ist, der Kommentar bedeutet.“
Fast eine Binsenwahrheit, aber es so klar auszusprechen und es subjektiv zu benutzen, ist für mich die einzige Art, mich K.L. zu nähern. Die vier Kapitel heißen:

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Die Pforte
Duldungen
Wem

Ich werde jetzt ein Wort zurücknehmen: Inhalt.

Ich will nur noch dem Gewicht eines Gedichts nachsinnen, gleichgültig, ob es drei Worte hat oder über eine Seite geht. Nie kommt er mit Pauken und Trompeten daher, sondern eher mit einem Saitenklang einer Harfe oder dem Hauch einer Schilfrohrflöte. Aber wenn sich der Leser der Wucht seiner feinen Worte hingibt, verstärken sie sich zu Symphonien, die über Berge und Wüsten dahinbrausen, wenn man sich auf sie einlässt, sie in sich einlässt. Vor mir taucht das Bild einer Biene auf, die auf einer Blume nach Nektar sucht. Wie schwer wiegt das Gewicht einer Biene, wenn sie im Kelch verschwindet? Nur die Schwingung des Stängels wird es dir verraten. Und doch wissen wir, dass es ohne die Arbeit der Bienen keine Natur und keine Menschen gäbe. Eine übergroße Verantwortung. Der fast vergessene tschechische Dichter Ivan Blatný  hat einmal ein Gebet-Gedicht für die Erlösung der Bienen geschrieben. Brüder im Geiste – das Gewicht der Bienen und die Wärme zwischen den Schneeglöckchen.
Es ist kein Wunder, dass Lubomirski bei vielen unterschiedlichen Menschen Glocken zum Klingen bringt. Seine Gedichte sind bisher in 29 Sprachen übersetzt.

 

SCHÄRFERE KONTUREN
Es war ein Leben auf Probe
Weltkrieg, Notlösung
Auschwitz
viel Ferne, Fremde, Schmerz
Versagen, Beschränkung
Hoffen
den Sinn von allem
zu verstehen
der den Ozean erschuf
hat auch dich erschaffen
vielleicht
ist es zwischen zwei Schneeglöckchen
wärmer

 

UND DOCH
ist Gott
woraus auch Liebe ist
nur größer

 

DAVID
David schützte nur ein Kiesel
dieser Kiesel aber
war Gott

 

IN DEN BERGEN des Glücks
entspringen die Quellen des Leids

 

JESUS
Schön ist
dich unter uns zu wissen
unerkannt

 

VIELLEICHT IST die Allmacht Gottes
zu sein
und
nicht zu sein
wann
und wem
ER will

 

CHRISTUS vielleicht
wieder vom Kreuz nehmen
seine Wunden waschen
nähen, salben
ihn ankleiden
um Vergebung bitten
sich zu ihm unter den Baum setzen
zuhören
und fragen
wo er so lang gewesen

 

MACH DEINEN FRIEDEN mit der Welt
umarm den Baum
eh er Kreuz wird
leg dich nicht weg
das tun die anderen
die nie mehr nach dir suchen

 

Nicht bloß in Geschichte und Politik, sondern im Alltagsleben werden Probleme ja nicht gelöst, sondern ignoriert, bis andere, noch größere Probleme sie von der Tagesordnung verdrängen. So gesehen sind Lubomirskis Gedichte poetische Metaphern für das Vergehen der Zeit, die alle menschlichen Bemühungen unterläuft.

Die obigen Gedichte des Kapitels „Duldungen“ spenden Trost, ob sie nun Gott, Jesus, Christus oder David ansprechen. Der Dichter stellt ihnen menschliche Fragen, er appelliert an Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn, als Mensch, macht sie nicht größer als sich selbst und hat vielleicht deswegen Fragen, die jeder stellen kann und bekommt Antworten mit menschlichem Angesicht. Ich, als nicht gläubiger Mensch, kann sie annehmen und in mich aufnehmen, Tag für Tag das Bild mit mir herumtragen, dass Jesus immer unter uns ist, wenn auch unerkannt. Also müsste man immer so handeln, als wäre er unter uns und in den anderen gegenwärtig. Das ist die eigentliche Sensation, die permanente Revolution des Christentums, wenn man den Jesus des Lubomirski beim Wort nimmt.
„Edle Einfalt und stille Größe“: Winckelmanns berühmte Formel fällt mir zu Lubomirski ein, dessen Gedichte unspektakulär daherkommen und sich gerade deshalb mit Widerhaken im Bewusstsein der Leser festsetzen.

Unter der Überschrift DIE PFORTE kommen die 21 Gedichte daher wie ein weiser und wissender Reisebegleiter durch die ganze Welt. Aber keiner wie von einer Agentur für Spaß und Abenteuer, Kreuzfahrtsversprechungen von Völlerei und falscher Freiheit.
Kreta, Apennin, Griechenland, Ägais, Zypern, Bosporus, Ligurien, Buchara, Karthago, Kilimandscharo. Er führt überall hin. In die Geschichte und Politik, in die Tageslagen und in die Natur. Aber immer zu den Menschen zurück und zu dir selbst. Er hat diese Meere und Bergketten selbst oft durchfurcht. Und wir bekommen daraus Diamanten und Rubine geschenkt.

 

DU
Du warst im Ozean der Menschen
mein Seepferdchen
dann Meer
und sein Refrain

Einen Tag vorher
habe ich gehofft
eine Stunde vorher
eine Minute vorher
habe ich gehofft
und seither hoffe ich
dass alles nicht wahr sei …
die Weltarche, das Sintflut-Leben
und kein Ararat
oder doch

 

ALLES WAR MIR KRETA
alles Labyrinth
aus deiner Augenhelle
führte kein Königskind

 

Texte, die reichen, um einem demnächst Achtzigjährigen, einem philosophisch, geschichtlich und ästhetisch Denkendem zu folgen. Wohin? An die Ränder der Universums, durch es hindurch zum Leser zurück. Dabei spielt das biologische Alter keine Rolle. Vielleicht sollte es unerwähnt bleiben. Aber mir persönlich ist es wichtig, immer wieder die alterslose Frische und Jugend der Gedichte zu genießen. Es kommt eben auf etwas anderes an: die Fähigkeit der ständigen Neuerschaffung und die Unvergänglichkeit der Kunst. Wer Lubomirski in sein Leben einlässt, wird nicht mehr so leicht verzweifeln und versinken in all den angesagten Katastrophenbildern. Ein Ankerplatz der Hoffnung.

Für mich ist er einer der modernsten lebenden Dichter. Modern, was heißt das schon – ein Dichter, den unsere Zeit gerade braucht. Mit einem Spürsinn, der sich so frei bewegt durch die abendländische Schriftkultur wie kaum ein anderer.

Lubomirski ist Spross einer uralten Fürstenfamilie, als Polen-Litauen eine mitteleuropäische Großmacht war und deren Mitglieder seither immer eine Rolle in Politik und Kultur spielten.
Aber man kann nicht die Geschichte Ost- und Mitteleuropas studieren, ohne über den Namen Lubomirski zu stolpern, ohne (er will es sicher nicht – und ich auch nicht) die genealogische Karte auszuspielen. Das wäre viel zu kurz gefasst und würde seinen persönlichen Verdiensten und Errungenschaften nicht gerecht. Aber dem nachzusinnen, das wird doch erlaubt sein.

Dazu gehört auch sein Vermögen, weit entfernte Lebens- und Wissensbereiche zusammenzudenken. Und das oft in einer Kürze und Prägnanz, so wie in einem Wassertropfen das ganze Meer enthalten ist, in einem Kristall das ganze Erdinnere.

Nicht einmal das Cover gibt ein eindeutiges Rot wieder. Rosa, Pink, Dunkellila, dazwischen Weiß in scharfen Dreiecken und Trapezen. Ihre Spitzen stechen ins Auge, wo sie zusammentreffen. Kein Rot einer Rose oder eines Klatschmohns, so wie wir die Farbe kennen. Oder in einer Staatsfahne. Vielleicht denkt noch jemand an die geschürzten Lippen einer Marilyn Monroe.

Wenn ich nichts, gar nichts, von Karl Lubomirski gehört und nichts von ihm gelesen hätte und nur dieses eine Gedicht bekommen hätte, würde ich ihn noch mehr lieben.

 

WEINE NICHT
such die Glockengärten auf
in deiner Stadt
eh sie verstummen

 

Ich lebe und schreibe gerade im Wiener Bezirk Wieden nahe an der Paulanerkirche. Ihre barocken Glocken klingen zu mir herüber, im Viereck der Karlskirche, St. Elisabeth und der Heiligen Thekla. Allein für ein Wort wie GLOCKENGÄRTEN müssen wir den Dichter lieben und ihn dankbar herzen. Was schwingt da alles mit an Klängen und Bildern! Eine Wolke, ein Regenbogen, ein Kosmos. Ich sehe alte Stadtansichten von Wien und stelle mir Panoramen des Karl Lubomirski von Innsbruck und Mailand vor. Wer immer das liest, hört je sein eigenes Moskau, Prag, Köln oder Krakau. Die „Schwalben von Krakau“, ein Gedicht aus einem früheren Gedichtband, sind lange, liebgewordene Begleiter geworden. Höchste Poesie und Zeitgeschichte in einem Tropfen von Poesie. Jeder kann die Schwalben hören und erahnen, wenn die Mädchen die letzten Himbeeren sammeln, kurz vor der Katastrophe.
Danach wird es keine Mädchen und ihre Liebsten mehr geben, keine Schwalben und keine Himbeeren.

 

DIE SCHWALBEN
Die Schwalben fliegen in
Krakau nicht höher
aber die Mädchen
pflücken ihren Liebsten
noch Himbeeren

Aus „Propyläen der Nacht“, Gedichte 1960 – 2000, Edition Atelier
Wie viele Geschichtsbücher muss ein Mensch lesen, um diese Tragik zu verstehen?

Ich vermute, dass er auch immer Babylon mitdenkt. Hatte Babel Glockentürme? Wahrscheinlich nicht, die Historiker schreiben nichts davon, aber der Dichter hätte sie trotzdem gehört. Vom Tod zur Vernichtung bis zur Auferstehung. Daher darf ich sagen, er tröstet, beschenkt und bereichert.

 

TOSKANISCHE VESPER
Blausamtene Tagesflügel
Säbelstimmen der Schwalben
Zypressen, Mönche
wilde Eber
letzte heilige Äpfel am Baum
müde Hornissen
wache Fasane
Musikgelage in heiligen Gräbern
beim Flötenspiel etruskischer Gäste tief in den Hügeln
wo alte Vulkane
mit Erdbebenhänden
um Dörfer würfeln

 

VOR DER JADEPFORTE KNIEN
hinter der die Menschenwege aufrecht stehen
wie Tafeln im Archiv der Schritte

 

Aber dann ist gleich wieder alles anders.
Von der Trauer in die Hoffnung gestürzt, und immer wieder umgekehrt.
Frisch und unterhaltend. Erkenntnisse, keine festen, aber wie die Geheimnisse der Steine von Rosetta. Wir wollen davon nur noch mehr. Ein Wort mehr von Lubomirski könnte uns erlösen.

 

GIB ACHT
das Amulett an deinem Hals
lockt auch Barrakudas

 

Wie in jedem Lyrikband lässt uns Lubomirski an seinen Selbstreflexionen teilnehmen, an seinem Blick auf die Rolle des Künstlers. Immer kritisch und doch selbstbehauptend.

 

KÜNSTLER
Sind anders
haben die Welt nicht im Griff
sie sind harmlos, arm
hoch über schattigem Riff
von wo man Ewigkeit sieht

 

P.S: Diesen Text, mein persönliches Nachsinnen über sein Buch, kommentierte Karl Lubomirski mit einem Gedicht:

DICHTER
Unscheinbar
wie Nachtigallen
singen sie
im Dickicht der Gedanken

 

Wien, am 28.4.19

Veröffentlicht in:
Der literarische Zaunkönig - die Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft,
Ausgabe 2/2019

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 19082

Völkerball oder 100 Jahre Frauenwahlrecht

Ein Ständchen mir selbst zum 71. Geburtstag
begonnen am 17.2., beendet am 23.2.19, 12 h 30

Vor langer Zeit, vor einer Ewigkeit von sechzig Jahren, lebte in einem Provinzstädtchen ein Mädchen, mit dem ich Vor- und Nachnamen gemeinsam habe. Aufgrund der ständigen Machinationen der Zeit und der unergründlichen Kombinationen des Erbgutes ähnle ich ihm nicht mehr. Doch wenn man ihr eine Photographie dieser schmächtigen, blondhaarigen, romantisch dreinblickenden Fremden zeigte, würde ihr die grausame Entstellung dieser jugendlichen Züge bewusst werden, die in diesem Gesicht Gestalt angenommen hat. Aber niemand hielt ihr ein Bild vor, und sie selbst vermied es, eines anzuschauen und sich mit dem zu konfrontieren, was sich unausweichlich zu dem dauerhaften Ich entwickelt hatte. Und zwar nicht aus Furcht oder Trauer, sondern einfach weil das Geheimnis des Vergehens der Zeit zu verwirrend geworden ist. Verging sie vor sechzig Jahren zu langsam, verfliegt sie mit den Jahren immer schneller.

Niemand weiß, wohin sie fliegt, verschwindet, sich aus dem Staub macht, bis nichts mehr übrig sein wird als Staub. Die Photographie würde sich ohnedies der für immer hoffnungsreichen, verlorenen Mischung aus möglicher Unschuld, wunderbarer Traumkraft und dumm-glückseliger Unerfahrenheit widersetzen. Was sich dagegen nicht löschen, niemals, nie wegstecken oder fälschen lässt, ist das innere Bild, zu dem manche auch Erinnerung sagen. Noch stärker als diese ist das in den Körper eingeschriebene Gefühl, in die Seele eingebrannt wie ein Brandmal auf der Pferdehinterbacke.

Dann, nach all diesen Jahren der Missachtung, sitzt die alte Frau am anderen Ende der Welt in der Bibliothek einer Universität und schreibt ihre Erinnerungen auf, fühlt den alten Bildern mit ihren Gefühlen nach. Diesmal hat sie junge Verbündete. Sie sind aus einer anderen Weltenecke in dieses sonnige Land am Palmenpazifik gekommen und haben grauenhafte Zeitläufte hinter sich. Sie erklären ihr, dass sie kein Recht habe, ihre Vergangenheit zu zensieren. Gerade weil sie aus dem Reich der Zensur und der Fälschungen stammen. Sie müsse das aufschreiben und die Welt damit konfrontieren. Sogar in ihre Muttersprache wollen sie die Geschichten übersetzen. Geld genug, sie arbeiten im Silicon Valley. Sie sei zwar nicht in der Lage, den Verlust der unwiederbringlichen Zeit rückgängig zu machen, aber durch ihre Äußerungen hindurch hörte sie eine unverkennbare Stimme, die einst in einer lang vergangenen Gegenwart, scheinbar aus dem Nichts heraus gekommen war. Die Erzählung begann mit den Worten: „Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau.“

Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau. Mit ihren etwa 30 Jahren war sie für uns Zehnjährige uralt. Unser größtes Problem bestand aber darin, dass sie unbeschreiblich hässlich war und dazu noch ein Krüppel. Sie hatte für ihren kleinwüchsigen Körper einen viel zu großen Kopf und einen Buckel auf dem Rücken wie eine Schildkröte. Schwer kurzsichtig, Stielaugen hinter einer dicken Brille. Noch schlimmer war ihr Name. Es schüttelte uns vor Lachen und Abscheu, wenn wir nur an ihn dachten. Henriette. Hen-riette! Alle zehn- und elfjährigen Mädchen sind von Natur aus schön, ob sie es wissen oder nicht. Hässlichkeit und Abweichungen empfinden sie als eine Beleidigung, als eine Negierung ihrer Jugend und eine ungerechtfertigte Vorwegnahme ihrer möglichen Zukunft, von der sie nichts ahnen.

Ich weiß auch, wie unendlich grausam und ungerecht junge Menschen sein können, wahrscheinlich aus Rache für all die Demütigungen während des Kleinseins und das unendliche Warten auf das Erwachsenwerden. Aus dem zu kurzen, dicken, dafür aber faltigen Hals der Henriette drang eine Lispelstimme, die sich in ein pfeifendes Piepsen verwandelte, wenn sie sich besonders bemühte, Befehle zu geben. Es klang so, als wollte eine Zwergmaus brüllen. Der faltige, stummelige Hals schwoll an wie bei einem Ochsenfrosch, und auf den Wangen zeichneten sich rote Flecken ab.
Später sah ich einmal ein Bild des brasilianischen Giftfrosches und dachte, er sollte Henriette heißen. Mädels, aufstellen! Zu zweit in einer Reihe! Achtung, Abmarsch! Von ihrem Alter her könnte sie das beim BdM (Bund deutscher Mädchen) gelernt haben. Außerdem sagt man bei uns „Mädchen“, nicht wie im Dritten Reich „Mädels“. Wir wurden dreizehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich verwöhnt von seinen Relikten.

Zum Beispiel, unser Englisch-Lehrer, Herr Professor Wollmann, den liebten wir alle. Er hatte nur einen Arm, der leere Anzugsärmel steckte immer akkurat in der Tasche. Das linke Auge war aus Glas, größer und unbeweglich. Oft musste er den Unterricht unterbrechen, um über dem Waschbecken eine Pille einzunehmen, und sein Gesicht mit Wasser bespritzen. Oder er stürzte aus der Klasse und lief dann den Gang auf und ab. Stalingrad. Phantomschmerzen im linken, erfrorenen, amputierten, nicht mehr vorhandenen Arm. Vor allem in den Fingern sollen die Schmerzen unerträglich sein. Sie kamen immer besonders heftig beim Wetterwechsel. Mit Professor Wollmann nahmen abstrakte Worte wie Weltkrieg und Stalingrad eine konkrete Gestalt und Bedeutung an. Er war das Ideal eines Lehrers, wobei ich mich nicht mehr erinnern kann, wie er das anstellte, dass ich über Verehrung für ihn das Fach lieben lernte, ich lernte für ihn und wollte alles so gut können wie er.
So stiftete er mich an zu meiner Leidenschaft für alles Anglo-Amerikanische, was aber auch mit dem aufkommenden Zeitgeschmack zusammenfiel. Wir lernten von ihm feinstes British English, das oft an mir bewundert wurde. Vor allem in meinem ersten Jahr in New York genoss ich es, wenn ich für eine Engländerin gehalten wurde. Das war wie ein uralter Stammbaum und eine Adelung, quasi Mayflower.

In Zeichnen und Schönschreiben – das Fach gab es damals noch – hatten wir in der 1. Klasse den Prof. Stieglitz. Er war wirklich alt und wird mit seinem Aussehen eher ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Klein und hutzelig, eine Missgeburt, ein Zwerg mit Buckel, einem Zwicker und übergroßen Schuhen. Die buschigen Borstenbrauen über den Augen ließen ihn dem Vogel seines Namens gleichen. Er war ein Schüttler, aber ein Zeichengenie, ein Meister, ein Maestro. Nur wenn er zeichnete, hielten seine Gliedmaßen ruhig. Er soll sogar den jungen Schiele noch gekannt haben, sein Lehrer gewesen sein. Im Zeichensaal saß er vorne auf einem niedrigen Kinderstühlchen mit drei Treppenstufen, angetan mit einem weißen Malermantel, vor einer riesigen Staffelei. Er konnte wahnsinnig schnell zeichnen. Sein Bleistift fegte über das Papier wie ein Flederwisch. Er warf in Windeseile Konterfeis von bekannten Persönlichkeiten, Kollegen und uns allen, einzeln und in Gruppen, auf das Papier.

Ich habe aber bei ihm nichts gelernt. Aus einem bestimmten märchenhaften Grund. Aber er musste uns auch in Schönschreiben unterrichten. Und dazu gehörte damals noch die Kurrentschrift. Mit Redisfeder und Tusche. Sogar Gänsefedern ließ er uns schnitzen und Tinte selbst zubereiten. Ruhe, Disziplin, Eindeutigkeit – das war nichts für mich. Ich wollte kein Kopiermönch werden. Ich war eine flüchtige Schmiererin und liebte es, wenn alle Buchstaben und Zeichen raus- und durcheinanderflogen.
Ich fand, die sollten nicht so in Reih und Glied in militärischer Formation stehen, sondern frei sein. Prof. Stieglitz korrigierte und ermahnte mich, unermüdlich. Der komische Kauz war nicht bedrohlich, und trotzdem fürchtete ich ihn mehr als alle anderen Erwachsenen. Denn er sah dem „Bucklicht Männlein“ in unserem Familien-Liederbuch „Frau Musica“ zum Verwechseln ähnlich. Er war es. Ich kannte vierzehn Strophen mit den entsprechenden Abbildungen. Am Ende des Textes stand: Weitere Varianten in allen europäischen Sprachen und Mythen.

Henriette holte uns von der Klasse ab und geleitete die kleine Armee quer durch das Schulgebäude zum Turnsaal. Sie schien Kolonnenmärsche und zackigen Schritt zu genießen. Ich habe keine Ahnung, warum wir uns nicht selbst dort versammeln durften. Sie dröhnte mit ihrer Mäusestimme: Mädels, Riege bilden, von der Größten bis zur Kleinsten. Gerade stehen! Kinn vor, Brust heraus! Henriette hatte nie Turnkleidung an, sondern blieb in ihrem strengen, mäusegrauen Kostüm. Nur die Pumps wechselte sie zu Turnpatschen aus schwarzem Klott. So schritt sie die Mädchenriege ab wie ein General, und am Ende kam das Kommando: Locker stehen! Die Erlösung. Das war der Moment, den ich am meisten fürchtete, jeden Montag und Donnerstag am Nachmittag nach dem Unterricht.

Die Gitti W. war von Anfang an die Größte und blieb es bis zur Matura. Dann kamen die Bohnenstange Marietta H. und die schöne Susi R., beide Ingenieurstöchter aus der Zuckerfabrik, die blasse Edeltraud K. aus Sieghartskirchen, die Sportkanone Anni S. und die Ungarin Zuza G. aus dem Flüchtlingsheim Judenau. Dort lebten auch die Schwestern Marianne und Vera V., obwohl Heimkinder, waren sie ziemlich groß gewachsen, was mir damals ein Widerspruch zu sein schien. An die anderen dazwischen bis zu mir kann ich mich kaum mehr erinnern.
Die zwei Waltrauden K. und M. dürften im ersten Drittel der Riege gestanden sein. Bei der Traude K. war ich nie zu Hause, ich wusste nur, dass ihre Eltern das beliebte Gasthaus zum Schwarzen Adler am Hauptplatz führten. Bei der Waltraud M. war ich oft zu Besuch, heimlich, weil sie in der verrufenen Kaserne wohnte, einem Arme-Leute-Quartier, wo sonst nur die kinderreichen Zigeunerfamilien der Paganis und Burlezkis und andere heimatlose Gesellen hausten. Die M.s waren ein Drei-Frauen-Haushalt: eine alte, dicke, gehbehinderte Großmutter, eine junge, strahlende Mutter und ihre wunderschöne Tochter Waltraud, meine geheime Freundin.

Sie war in meinen Augen noch schöner als Schneewittchen, das Leib gewordene Märchen vom Schneewittchen, mit gutem Ausgang. Mir schien dies damals die ideale Familienkonstruktion und beneidete meine Freundin unendlich für ihre Vater- und Bruderlosigkeit. Mir schien, sie lebten die absolute Freiheit. Es gab unter ihnen nie Streit, immer nur offen ausgesprochene und gezeigte Liebe und Fürsorge. Schon die Großmutter hatte ihre Tochter unehelich bekommen.
Was muss sie zu ihrer Zeit durchgemacht haben, bis sie ihre Tochter studieren lassen konnte? Waltrauds Mutter war Gymnasiallehrerin für Turnen und Englisch, erhielt aber an unserer Schule nie eine Anstellung; sie musste in die Anonymität der Hauptstadt pendeln. Waltraud war eine gute Schülerin, ging aber nach der 4. Klasse von der Schule ab und verschwand vollständig aus unserem Leben.

Viel später habe ich das Gerücht gehört, dass sie mit fünfzehn ein Kind bekommen hat und mit dessen Vater in Italien lebt. Bei der Evi S., in ihrem großen Haus am Jahn-Park, war ich oft und gern. Ich erinnere mich an einen riesigen Kirschbaum, in dessen Krone wir von der Terrasse im zweiten Stock herumkletterten. Ich glaube mich zu erinnern und schäme mich dafür, dass ich die brave Evi benutzt habe, um die heimlichen Besuche in der Kaserne zu tarnen. Die Uschi P. und die Sissy M. müssen auch in der Gruppe der Größeren gewesen sein. Sissy war erst vor kurzem aus Wien zugezogen. Ich war nie bei ihr zu Hause, sie lebte mit einem aufregenden Pilotenvater und einer extravaganten Mutter auf dem Langenlebarner Fliegerhorst, doppelt exotisch und aufregend.

Nur am „Tag der Fahne“, dem 26. Oktober, bespielten wir das ausgestellte Kriegsgerät und bekamen in tiefen Blechschüsseln dampfende Suppe aus der Gulaschkanone. Wir stürzten uns auf sie, als müssten wir zu Hause hungern. Diese Heeressuppe gehört zu den absoluten Köstlichkeiten meiner Jugend, die ich merkwürdigerweise der Sissy und ihrem Vater zu verdanken glaubte. Ich war immer die Vorletzte, sogar die recht klein gewachsenen Ärztetöchter Helga M. aus Sieghartskirchen und die Christl S. aus Kirchberg am Wagram standen in der Riege vor mir, nach mir kam nur noch die Maria H. Was die Maria und ich gemeinsam hatten, war, dass wir nicht nur die Kleinsten waren, sondern auch die Schmächtigsten.

Maria hatte das Aussehen eines verhungernden Albinomäuschens mit Schnittlauchhaaren von der Farbe vertrockneten Strohs. Die kugelrunden Blauaugen und das Näschen schienen immer zu zittern, und man erwartete Schnurbarthaare an den Wangen. Ich war zwar klein und mager, hatte aber ein volles Gesicht mit Apfelbacken und Sommersprossen, rotblonde Locken, und an Armen und Beinen zeigten sich zumindest ansatzweise Muskeln. Das Großwerden erlebte ich im wahrsten Sinn des Wortes als langen Leidensweg, und in der Rückschau muss ich eingestehen, dass vieles an mir nie ganz groß oder erwachsen geworden ist. Da war sie wieder, die Lust, aus der Reihe zu tanzen.
Warum kam nie jemand auf die Idee, das Ganze einmal umzudrehen, die Kleinsten vorne, an der Spitze, und die Größten hinten, am Schwanz. Eine aufsteigende Riege, warum denn eigentlich nicht? Macht man ja bei den Zahlen auch. Oder gar kein Ordnungsprinzip, einfach nur eine Reihe bilden ohne irgendeine Hierarchie? Die Rebellin, die Anarchistin steckte in mir, angeboren, da kann ich nichts dafür, muss mit meinem Geburtsrang als Nummer 5 von 7 zu tun haben.

Henriette bestimmte zwei Mädchen, die Wählerinnen. Sie traten vor und riefen die Namen aus, dann wurden die roten und blauen Rundbänder an die Mannschaften verteilt. Die Wählerin war die begehrteste Position; die Mannschaft auswählen zu dürfen, war nicht nur spielentscheidend, sondern auch langfristig wichtig für das Standing in der Klassengesellschaft. Wer wen zu sich in die Mannschaft wählte, das war wichtiger als das Spielergebnis. Ob 21 zu 22 oder 17 zu 14, war meist schnell vergessen, schon zurück in der Garderobe sprach niemand mehr darüber. Aber wer als Letzte oder gar nicht gewählt wurde, diese Schmach klebte an einem für das ganze Schuljahr, für die gesamte Schulzeit. In meinem Fall vielleicht für das ganze Leben.
Am letzten oder vorletzten Platz in der Riege zu stehen, wie sich das anfühlt, weiß mein Körper noch immer, nur die fast unsichtbare Maria hinter mir und dann nichts mehr, die Leere. Maria zählte eigentlich nicht oder so wenig, dass ich mich immer als die Letzte fühlte. Sie kam aus Baumgarten bei Freundorf im Tullnerfeld, lebte angeblich mit einer Putzfrau als Mutter in einer Keusche, ohne Vater. Ich glaube, dass nie jemand bei ihr zu Hause war. Ich kann mich nicht erinnern, dass Maria und ich wegen unseres gemeinsamen Körperschicksals Komplizinnen im Unglück gewesen wären. Ich kann mich an kein einziges Wort mit ihr oder Gefühl für sie erinnern, da ist nichts, gar nichts.

Die schonungslose Anzeige der Beliebtheitswerte, bei der Auswahl öffentlich ausgesprochen und dargestellt, hing oft nicht von der Sportlichkeit ab, von der Treffsicherheit beim Abschießen, wie viele „Tote“ man der Mannschaft auch eingebracht haben mochte. Wir spielten schließlich Völkerball. Dreizehn Jahre nach dem letzten Krieg, erfunden aber im Ersten Weltkrieg. In der Auswahl zum Völkerball zeigte sich jedes Mal der soziale Rang, ein Schicksal, wie es kein unerbittlicheres gibt. Die Grete R. aus Zeiselmauer, zum Beispiel, war pummelig, stand immer irgendwo unbeweglich herum, jeder anderen Spielerin im Weg und schoss nie jemanden ab. Sie brachte keinen einzigen Toten ein, dafür war sie seltsamerweise kaum jemals Opfer. Sie bewegte sich so ungelenk, dass sie an ein sattes Walross erinnerte.

Beim Fest zum 50. Maturajubiläum erzählten wir einander, wie sehr wir unter den Turnstunden gelitten hätten. Grete musste eine von ihrer Mutter genähte Turnhose aus schwarzem Klott tragen, ein elefantöses Ungetüm. Das Umziehen war eine Qual für sie. Wie sehr sie meinen einteiligen, elastischen Turnanzug bewundert habe. Sie konnte ja nicht wissen, wie ich unter diesem Kleidungsstück gelitten habe. Ich war nach meinen zwei älteren Schwestern schon seine dritte Trägerin. Er war ausgeleiert wie ein alter Gartenschlauch, vor allem weil die nächstältere Schwester Liesel schon einige Jahre davor ausgeprägte Formen hatte. Dazu zeigte er meinen Körper in all seiner Magerkeit, mit all seinen Mängeln und Defiziten. Ein Krischpindel hieß das damals, Zniachtl war ein anderes uncharmantes Wort für so eine Figur.

Ich dagegen beneidete die Grete für ihre Schönheit: So muss Schneewittchen ausgesehen haben; ein Gesicht wie Milch und Honig, Haare wie die Kaiserin Sisi, zu einem armdicken Zopf geflochten. Meine daunendünnen Haare hätten bei ihr nicht einmal zu den Stirnfransen gereicht. Die Grete wurde immer als eine der Ersten gewählt. Sie war beliebt. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Sozialmechanik. Frau Professor Henriette M. erschien uns Zehnjährigen zwar als uralt, hässlich und lächerlich, aber sie war sicherlich nicht blöd. Sie registrierte alles, was sich zwischen uns abspielte und gab nie etwas an ihre Kollegen weiter. Das rechneten wir ihr hoch an.

Auch gegenüber unseren Eltern hielt sie uns den Rücken frei. Außerdem unterrichtete sie uns noch in Deutsch, war unsere Klassenvorständin und kannte ihre Schülerinnen besser als die Eltern ihre Kinder. Wir Schülerinnen wussten damals nichts voneinander, in welchen Nöten sich jede von uns befand. Dass Gitti an ihrer Größe litt, Gretl R. an ihrer Klotthose, die Anni S. an der Konkurrenz zu ihren älteren Schwestern, den berühmten Sportkanonen, die Christl an der angeblichen Genialität ihrer Brüder.
Aber so schlecht wie mir konnte es niemandem gehen, eine unlösbare und unentrinnbare Lage. Größer, stärker, schöner oder klüger konnte man vielleicht mit der Zeit werden, da gab es Hoffnung, aber den sozialen Rang konnte man nicht verbessern oder absichern. Denn mein Vater war Professor an dieser Schule. Und es gab fast niemanden, der ihn nicht zum Lehrer hatte. Er unterrichtete Deutsch und Latein, für Griechisch und Philosophie war er der einzige Lehrer. Dazu war er Schuladministrator und betrieb die Schulbibliothek.

Vom ersten Tag an der Schule wurde mir klar gemacht, dass ich keine Schülerin war wie die anderen, sondern ein „Lehrerkind“. Ob ich beim Völkerball ausgewählt wurde oder nicht, nie konnte ich eindeutig feststellen, was der Grund dafür war. Meine Sportlichkeit, weil ich trotz meiner Schmächtigkeit sehr schnell laufen und hoch springen konnte? Ich war eine gute Fängerin und eine gefürchtete Abschießerin, machte viele „Tote“ und war klein und wendig genug, um oft genug zu überleben. Wenn ich bei der Auswahl sitzen blieb, stieg bei mir der Verdacht auf, dass man mir nicht vollkommen vertraute, weil ich ein Lehrerkind war. Oder wurde ich gewählt, weil ich ein Lehrerkind war? Nie konnte ich meinen Rang innerhalb der Klasse genau vermessen und fixieren.

An diese Qual erinnere ich mich so genau wie an den gestrigen Tag. Das Herumschwimmen innerhalb der sozialen Strukturen führte natürlich zu allen möglichen und unmöglichen Reaktionen meinerseits. Charakterliche Verrenkungen, absurde Verhaltensweisen; eine feste Rolle und einen festen Platz zu finden, das gelang mir die gesamte Schulzeit nicht. Ich tappte und taumelte darin herum wie eine Ratte in einer Versuchsanlage. Am besten kam meine Rolle als Klassenkasperl an, als schlimme Schülerin, die gute Noten produzierte. Sicher brachte ich viel Spaß in den Unterricht und hatte eine gewisse Blitzableiterfunktion. Aber eben nur Funktion.

Machten sich die anderen auch so viele Gedanken wie ich? Ich weiß es bis heute nicht, nur Vermutungen. Aber dieses Gefühl, dass ich nie ganz sicher sein konnte, warum mich jemand in seine Mannschaft aufrief, irgendetwas Freundliches zu mir sagte oder zu sich nach Hause einlud, das ist bis heute präsent. Eigentlich war nicht Maria das ständig um sich schnuppernde Mäuschen, sondern ich. Genau daraus ergaben sich neue Zweifel, ob ich als Lehrerkind besser wegkam als andere.
Ich glaube mich zu erinnern, dass ich wirklich einigermaßen witzig war, selbstironisch und frech. In der familiären Kampfarena mit sechs Geschwistern habe ich mehr Erfahrungen sammeln können als andere Kinder. Aber das katholisch-biblische Familienleben war derart streng hierarchisch geordnet und von moralischen Leitlinien regiert, dass ich keine Sozialtaktik erlernen konnte. Etwa wurde das Durchschauen von bösen Absichten bei anderen durchkreuzt vom Dogma, man müsse immer das Gute im Menschen annehmen. Egoismus war eine Todsünde, und so konnte ich nie Strategien wie Ironie, Satire oder Zynismus erlernen.

Als einzigen Ausweg sah ich die Flucht aus der Hölle. Ab der 4. Klasse bettelte ich bei meinen Eltern um einen Schulwechsel. Bitte darf ich nach Krems oder Klosterneuburg gehen! Das gibt‘s nicht bei uns, das Aus-der-Reihe-Tanzen. Es gibt keine Extrawurst. Da blieben sie hart. Natürlich konnte ich auch nicht erklären, warum ich die Schule wechseln wollte. Sogar ein Internat hätte ich in Kauf genommen, aber das hätte extra Geld gekostet, das nicht vorhanden war. Eine andere Fluchtform fand ich in extremen Träumereien über Reisen in ferne Länder oder zumindest Lektüren darüber. Das Schreiben, die Leselust und das Reisen, das sind wahrscheinlich die besten und bleibendsten Relikte meiner verkorksten Jugend.

In unserer altersgemäßen Überheblichkeit verstanden wir damals nicht, dass Henriette zusätzlich zu ihrer Intelligenz auf Grund ihres Aussehens eine feine Psychologie entwickelt hatte. Zu ihrem und unserem Glück war sie trotz ihres harten Schicksals nicht in die Bösartigkeit abgedriftet, sondern hatte ein sensibles Instrumentarium ausgebildet. Es blieb uns ebenfalls verborgen, dass sie als 30-Jährige uns 10-Jährigen viel näher stand als unsere Eltern. Sehr viel später erfuhr ich, dass Frau Prof. Henriette verheiratet war und zwei Kinder hatte. Eigentlich muss sie ein glücklicher Mensch gewesen sein, mit der Karriere, die sie trotz aller Widrigkeiten gemacht hatte. Sie hatte studiert, einen Job, verdiente ihr eigenes Geld, war unabhängig. Die Welt stand ihr offen. Ihr Militarismus war wahrscheinlich antrainiert, als eine schützende Maske.

Ihre wahren menschlichen und intellektuellen Qualitäten stellten sich erst Jahre später heraus, im Deutsch-Unterricht. Sie war unsere Deutschlehrerin bis zur Matura, mit einer Unterbrechung, als wir ab der 5. Klasse mit den Buben zusammengelegt wurden. Aber ich brauchte noch Jahre, bis zu meinem Germanistik-Studium, das zu erkennen. Da erst dämmerte mir, dass ich meinen Kolleginnen an der Uni viel voraus hatte. Henriette hatte uns schon früh mit Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Franz Kafka, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger, Georg Heym, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler bekannt gemacht.
Wie sie es zustande brachte, uns sogar Grillparzer, Stifter und Schiller g‘schmackig zu machen, weiß ich nicht mehr. „Der arme Spielmann“ und „Brigitta“ haben mich zu Tränen gerührt. Es hat sich wie durch ein Wunder in einem Deutschheft der 8. Klasse ein Referat über „Don Carlos“ erhalten, in dem ich mich eindeutig als in den Helden verliebt geoutet habe. Es muss an ihr gelegen sein, dass ich nicht unter schallendem Gelächter von der Bühne vertrieben wurde, zumindest hat mein lächerlicher Auftritt kein erinnerbares Trauma hinterlassen.

Als ich es vor kurzem wieder nachlas, stellte ich fest, dass ich am 28.11.1965 ein respektables Stück Literaturinterpretation abgeliefert hatte. Dass in ihrem Unterricht Sappho im Mittelpunkt stand und nicht Ovid und dass Antigone meine Lieblingsheldin wurde und nicht Odysseus, auch das war Henriettes Werk. Natürlich weiß ich nicht, ob das meiner altersgemäßen oder ihrer Entwicklung von der BdM-Turnlehrerin zur Humanistin geschuldet ist. Sie weckte nicht nur unser Interesse für das Theater, sondern auch an der modernen Lyrik.
An einen Aufsatz über Brechts Gedicht „Die Wolke“ kann ich mich genau erinnern. Er wurde von Henriette in höchsten Tönen gelobt, und ich las ihn mit Genuss der Klasse vor. Henriette muss es gewesen sein, die an mir erkannte, dass ich schreiben konnte und Ansätze eines rhetorischen Talents hatte, dazu eine starke Neigung zur Bühne. So förderte sie mich bei den Redewettbewerben, bei denen ich regelmäßig einen vorderen Platz gewann. Nicht mehr Völkerball, sondern Schreiben und Vortragen, das waren nun die Disziplinen, in denen ich mich in der Riege vorne stehen sehen wollte. Henriette sei Dank!

Was blieb von der Henriette? Sicher war sie nicht die Einzige, die mir mit ihrem Literaturunterricht den Schlüssel zur Leselust und zur Welt der Bücher in die Hand gab: dass sie die Neugier, die Phantasie, die Inspiration und die menschliche Erfahrungswelt aufsperren und dass Lesen Genuss pur ist, schlauer und zufriedener macht. Sie vermittelte mir eine Einsicht, die mir in meinem ganzen Leben viel Nutzen und Vergnügen brachte: dass man sich immer ein eigenes Bild machen soll. Sicher gehörte sie auch zu jenen Lehrern, die Lust auf den Lehrberuf machten.
Und davon hatten wir zum Glück nicht wenige. Von den 19, die maturiert haben, wurden neun Lehrer.

San Francisco, Berkeley, 23.2.2019

Veronika Seyr
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Blamage im Billa

Am Praterstern, Samstag, 19. Mai, kurz nach 18 Uhr, auf dem Rückweg von einem Badetag im Gänsehäufel, Kleinigkeiten einkaufen für den Sonntag, für Montag auch noch, das Pfingstwochenende. Nach der Kasse an der langen Bank vor dem Ausgang packe ich meine Einkäufe in den Rucksack. Nicht weit davon sitzt ein alter, arm und sehr mager aussehender Mann. Der erste Blick. Mir fällt der altertümliche, schwarze Anzug mit einem dem bis zum letzten Knopf geschlossenen weißen Hemd auf, die Kragenspitzen aufgestellt, keine Krawatte vor der eingefallenen Brust.

Der heißeste Tag dieses heißen Jahres. Das Sakko ist eng, langgeschnitten und wirft am unteren Rand Falten. Fast ein Frack. Er sitzt auf dem Bord und schneidet mit einem Taschenfeitel Scheiben einer Wassermelone in kleine Stücke und spießt sie auf die Klingenspitze.
So eine vorgeschnittene Packung kaufe ich auch öfters, weil für mich allein eine ganze Melone meist zu viel ist. Langsam, genüsslich und mit einer leichten Eleganz in den Bewegungen verleibt er sie sich ein. Er zelebriert, das ist kein gewöhnliches Essen, sondern ein Ritual, es ist ein Verzehr, wie sich ein Priester im Gottesdienst bei der Verwandlung die Hostie, den Leib Christi, auf die Zunge legt. Dabei öffnet er den zahnlosen Mund, legt den Kopf in den Nacken und füttert sich selbst mit gespitzten Lippen, wie Vogeljungen von ihren Eltern einen Wurm in den Schnabel gestopft bekommen. Dazu passt sein Vogelgesicht, ein eingetrockneter Habicht, oder nein, sagt meine Gehirnkamera, eher das von einer ausgetrockneten Eidechse mit riesenhaftem Adamsapfel.

Der Mann lässt die Melonenstückchen von der Klinge direkt in den offenen Mund gleiten. Dabei schließt er genüsslich die Augen. Wenn es um den Eingang nicht so laut gewesen wäre – um diese Zeit herrscht beim Billa Blockabfertigung – hätte ich ihn vor Genuss vielleicht stöhnen und schmatzen hören können. Wie alle Zahnlosen stülpt er die Lippenwülste weit vor und dehnt sie wieder aus; innen in der Mundhöhle zermalmen die Kiefer gegen den Gaumen die Melone zu einem Brei, der sich leicht schlucken lässt. So erklärt sich das alte Wort „Mahlzeit“. An den Mundwinkeln rinnen kleine, rote Bäche von Saft in die Falten und tropfen vom Kinn in den Hemdkragen.
Wie viel man mit einem einzigen, schnellen Blick erfassen kann, wundere ich mich noch, oder ist es nur meine Angewohnheit des Fotografierens beim Schauen. Klickklickklick - festgehalten.

Sein Anzug ist von einem Aussehen, das es in der Wirklichkeit nicht mehr gibt. Nur auf vergilbten Fotos oder im Fundus für Zwischenkriegsfilme, ein Flüchtling mit einem Köfferchen, auf den letzten Zug wartend, um in die Tschechoslowakei zu entkommen, mit einem Köfferchen neben sich. Nervös in Gmünd, der letzte Emigrant. Sicher muss ich so eine alte Fotografie einmal gesehen haben, sonst wäre sie jetzt nicht wieder aufgetaucht. Dieser Anzug. Ursprünglich aus gutem Stoff, aber durch die Zeiten gewellt und gebrochen, spiegelig dünn, mit Gelbstich, Grünspan. Sogar den Geruch konnte man ihm ansehen: Mottenkugeln, Tabak, Schweiß und Männerurin. Neu nur der Melonenduft. Die aufgebogenen Hemdkragenspitzen über den Revers kamen ebenfalls aus diesem Bild, wie ausgeschnitten oder eingefroren in einem Kader.

Ich hatte neben anderen Dingen eine Packung Pfirsiche gekauft, diese von der flachen Art, Marke Saturn, ich habe sie immer für lachhaft gehalten und erst vor kurzem für mich als köstlich entdeckt. Da dachte ich mir, dieser genießerische Typ könnte ein paar gebrauchen und genauso verspeisen wie seine Melone. Aber es war kein Denken und kein bewusstes Entscheiden. Was hat mich dazu veranlasst? Mein alter Sozialreflex auf offensichtliche Armut? Er hatte in der Tasse neben sich eine weitere dreieckige Scheibe, noch von der Folie überzogen. Ich brach mein Körbchen mit Saturn auf, nahm spontan drei von den sechs Pfirsichen heraus und wandte mich an meinen Nachbarn: „Darf ich? Guten Appetit.“ Damit legte ich ihm die Früchte in seine Tasse.

So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie der Alte die Früchte, eine nach der anderen, aufnahm und sie mit ungeahnter Wucht in den neben ihm stehenden Mistkübel schleuderte, dass die darin liegenden Plastikfetzen und zerknüllten Rechnungen aufspritzten. Entsetzt sprang ich dazu, holte sie blitzschnell heraus, hielt sie ihm unter die Nase und fragte ihn, mich aufrichtend, warum er so böse sei, was ich ihm angetan hätte. Es folgte ein Schwall von nicht ganz verständlichen Schimpfwörtern, von denen das deutlichste „Drecksau“ war.

Ist das mein feines Gehör für Sprachnuancen oder eine political incorrectness, dass ich heraushörte, dass er „bömakelte“, also einen tschechischen Akzent hatte. Kann auch slowakisch gewesen sein. Von dort kommen viele Sandler nach Wien, oder Menschen, die in Wien zu Sandlern werden. Ich kenne sie gut aus der Gruft von der Caritas. Wie auch immer, ich registrierte, dass er nicht auf rein Wienerisch schimpfte, was ich besser verstanden und replizieren hätte können, zumindest a bissl besser.
Mein Puls war sicher schon auf 180, als ich aus dem Billa stürzte und mich durch die Halle durch die Menschenmassen kämpfte.
Geradeaus U2, Rolltreppe runter, U1, links Richtung Oberlaa, rechts Leopoldau, noch einmal fast endlose Gänge und Rolltreppen. Die Lifte haben sie noch nicht erfunden oder ich habe sie vergessen. Aber sie kommen ohnedies nicht in Betracht, dort warten immer die Kinderwägen.

Der Rucksack schwappt auf meinem Rücken, und die Badetasche schlägt mir in die Knie. Schon ganz unten auf meinem Bahnsteig beuge ich mich tief nach unten-vorne, um Atem zu schöpfen.
Da packt mich eine so unmäßige Wut, dass ich umkehre, mit allen meinen schweren Taschen die Rolltreppe wieder hinauf, irgendeinen Junkie-Aufstand in der Halle mit Polizei und Hunden ignorierend, mich durch die Massen dränge und noch einmal den Billa-Markt betrete – absoluter Irrsinn, denn ich schleppe nicht nur meine schwere Badetasche aus dem Gänsehäufel, sondern auch die nicht geringen neuen Einkäufe mit mir, und das alles am heißesten Tage des bisherigen Jahres mit 32,3 Grad in Wien.

Der Praterstern ist ja sowieso der irrste Punkt von Wien, das kenn ich ja, normalerweise gehe ich mit wissenden, aber gnädig geschlitzten Augen durch, angeblich alles unter der Beobachtung von offensichtlicher oder bedeckter Polizei und unauffälligen Streetworkern. Noch habe ich kein Gefühl dafür, ob das vor kurzem ausgesprochene Alkoholverbot die Lage beruhigt hat oder das Gegenteil. Ob es sinnvoll war oder nur deppert.

Die ganze Zeit, während des Taschenschleppens und des Körpergedrängels, zwischen den zumeist hässlichen, zu kurzen Höschen mit angeschnittenen Arschbacken oder zu engen Leggings, was man sich da alles ansehen muss von Fett und Wabbelbeinen, was ich nie im Leben sehen wollte, jagt ein Shitstorm durch mein Gehirn, wie ich den schimpfenden Vogel ansprechen, beschimpfen, ja, bestrafen sollte. Er musste seine Strafe erhalten! Wie leicht, ihm einfach den Hals umzudrehen. Ich entscheide mich für das Naheliegendste, dass er sehr alt war, krank, unterernährt und nicht mehr lange zu leben hätte. Himmel oder Hölle. Gut oder böse. Nix davon.

Die Vogelscheuche im schwarzen Anzug saß noch immer auf der Bank und verzehrte seine letzte Melonenscheibe. Alles Obszöne, dessen ich mächtig bin, verwarf ich. Ich entschied mich für eine kurze, mir präzis und entsprechend der Abweisung erscheinende Aussage.
„Wenn Sie so bös sind, werden Sie bald sterben!“ Spricht der Racheengel. Damit beugte ich mich zu ihm hinunter und legte ihm noch einen Pfirsich namens Saturn auf die Tasse, in meinem moralischen Koordinatensystem war es das Schlimmste, jemandem den Tod zu wünschen oder ihn anzukündigen. Das kann ich.
Wie er all das aus seinem zahnlosen, bömakelnden, melonenmummelnden Mund herausgebracht hat, und noch dazu in einer ungeahnten Lautstärke, die Stimme so hoch und schrill, dass es den allgemeinen Supermarktlärm durchdrang, zumindest im Eingangsbereich: „Du Dreckschwein, krepier, i brauch nix, du oedes Dreckschwein, oedes! Ich brauch nix, du krepier, krepier, oede Vettel, du Sau du, dreckige, oede, stinkade Fut du. Du Fut du, oede Fettl, weg do.“

Und vieles mehr, was ich nicht so genau verstand. Irgendwas von Teufeln und Höllen und Hurenböcken. Und das in Wiederholungen, immer lauter und höher, sodass sich die Menschen im Eingangsbereich uns zuwandten, sich schon eine leichte Mauer aus Menschenkörpern und Einkaufswagen aufbaute, bis ich gerade noch an den Security-Männern in die Halle entwischen konnte.
Letztlich war ich eine Illegale mit schweren Lasten auf beiden Schultern, stolpernd und im Wackelgang und einem wie wahnsinnig schlagenden Herz und explodierendem Gehirn. Angstangstangst macht Beine. Aber die hinter mir bellenden Hunde galten nicht mir, sondern waren Teil einer Razzia, wahrscheinlich im Zuge der neuen Anti-Alkoholbestimmungen.

Trotzdem machte ich einen Rösselsprung, dass die Flaschen im Rucksack gefährlich aneinander schepperten. Hundegebell, Trillerpfeifen, Schrittetrappeln hinter mir. Plötzlich war ich ein afghanischer Asylwerber, eine albanische Roma-Bettlerin, ein Wiener Junkie und ein slowakischer Alki, alles gleichzeitig. Das macht Beine, und wie! Irgendwie entkam ich runter in die U1, wo ich mit Glück einen Sitzplatz ergatterte, auf dem sich mein Puls bis zur Taubstummengasse beruhigte, mein Herz-Gemüt aber bis jetzt nicht.
Das kann einfach eine Begegnung mit einem Kranken gewesen sein, der in Ruhe seine Melone verzehren wollte, und ich habe ihn dabei gestört. Oder ein ehemals nobler Herr, der sich durch meine ungeschickte, aber mild gemeinte Gabe gedemütigt fühlte. Wieder einmal ein Beweis dafür: Gut gemeint muss nicht gut sein. So versuchte ich mich zu trösten. Mein Schenk-Reflex traf bei ihm auf einen ganz anderen, der genauso wie meiner aus seiner Geschichte kommen musste. Was für eine Geschichte?

Aber wenn ich etwas weiß, dann ist es ganz sicher, dass die erste Assoziation beim Anblick dieses „Herren“ im Billa-Markt die Fotos des Nazis und Mörders Oskar Gröning war, gesehen und gelesen darüber online in der FAZ. Der 94-jährige „Buchhalter von Auschwitz“, eben in einem Prozess in Lüneburg zu vier Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre für einen 94-Jährigen! Im Billa am Praterstern war sein Zwillingsbruder gesessen. Irrsinn oder Erbe? Irrsinniges Erbe. Auf jeden Fall war das Ende meines Badeausflugs ein lebendiger Albtraum.

18.5.18

Veronika Seyr
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Was Marx wirklich sagte

Glücklich nahm ich das Paket in der Portiersloge der österreichischen Botschaft in Empfang und schleppte es in mein Studentenheim an der MGU (Moskovski Gosudarstvenni Universität imeni Lomonossowa), der Staatlichen Universität. Die österreichischen Stipendiaten hatten das Privileg, sich einmal im Monat ein Paket aus der Heimat schicken lassen zu dürfen, maximal 20 Kilogramm, streng überprüft von der Kurierleitung, der diplomatischen Poststelle des Außenministeriums.
Meine Kolleginnen Lisa und Susanne wünschten sich meist Lebensmittel und Hygieneartikel. Ich auch, aber diesmal hatte ich hauptsächlich Bücher bestellt. Meine Freundin Wjeta wünschte sich den in der Sowjetunion verbotenen Philosophen Nikolaj Hartmann, und mein Freund Paschka wollte Marx‘s Kapital I-III im Original lesen. Ich habe es beim Internationalen Buch im Wiener Trattnerhof erstanden, der Buchhandlung der KPÖ. Ich selbst kannte damals weder Nikolaj Hartmann, einen deutsch-russischen Neu-Kantianer, noch hatte ich Marx gelesen.

Ohne zu fragen erfüllte ich ihre Wünsche. Wjeta und Paschka konnten nicht Deutsch, und die Übersetzungsbemühungen gestalteten sich schwierig, waren aber eine gute Übung für mein mangelhaftes Russisch. Wjeta studierte ihren Hartmann nur heimlich, privat, mühsam, mit Wörterbuch. Aber Paschka machte aus seinem Marx eine große Geschichte.
Möglich, dass ich nicht allzu korrekt übersetzt habe. Man muss ja erst einmal den Inhalt verstehen, und davon war ich weit entfernt. Sie erklärten mir das Kapital, so verzerrt und stückweise, wie sie es vorgesetzt bekommen hatten und es angeblich die Sowjetunion umsetzte. Es war ein Dialog zwischen Stummen und Tauben. Paschka sammelte einige vertrauenswürdige Kollegen um sich, und wir hielten in seiner Wohnung Marx-Lese- und Diskussionszirkel ab. Das ging lange Zeit gut, weil seine Mutter als Telefonistin beim KGB arbeitete, also unverdächtig war.

Dabei war „Wohnung“ zu viel gesagt. Ljubow, eine kleine, magere und gekrümmte Frau, hatte ein großes Zimmer in einer Kommunalka mit einer Gemeinschaftsküche und einer Gemeinschaftstoilette. Es wohnten hier acht Familien auf einer ehemals herrschaftlichen Etage mit breiten Korridoren, in denen jetzt Gerümpel stand oder an den Wänden hing und die bis oben hinauf vollgestopft waren mit Vorräten.
Sie verglichen die Marx‘schen Aussagen des Originals mit den Zitaten in ihrem Lehrbuch in den Pflichtvorlesungen über den Dia-Mat. Und natürlich immer noch obligatorisch „Der kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU“, unverändert seit Stalins Zeiten, nur dass dieser nicht mehr vorkam.
Kein sowjetischer Student – und wahrscheinlich auch kein Dozent – bekam jemals ein Original von Marx und Engels in die Hand, sondern nur in die Vorträge eingestreute Schnipsel präsentiert, so wie sie gerade in die Sowjetideologie hineinpassten. Sie mussten den „Kurzen Lehrgang“ auswendig lernen, er wurde wortgenau abgeprüft. Papageien- und Sklavenunterricht.

Genau weiß ich nicht mehr, was Paschka so aufgebracht hat, was genau er an all den Lügen nicht mehr aushalten konnte. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Wirklichkeit. Wahrscheinlich die Urlüge über den Marxismus, wie sie Lenin über das ganze Land gebracht hat: der Aufbau des Sozialismus in einem Land. Dass Russland als Agrarland ohne Kapital, Industrie und nennenswertes Proletariat denkbar ungeeignet war für eine proletarische Revolution, dass die Bolschewiki den Marxismus eigentlich erfunden hatten, um in seinem Namen an die Macht zu kommen.
Und die Folgerung, dass der „Rote Oktober“ keine proletarische Revolution war, sondern ein bolschewistischer Putsch einer kleinen Kaderpartei – entgegen ihres Namens in der Minderheit. Der ganze große Mythos vom Roten Oktober – ein einziger Schwindel! Ich verstand damals noch sehr wenig von diesem Furor, der sich aus der Marx-Lektüre entwickelte. Aber diese Studenten diskutierten sehr ernsthaft. Es ging ihnen um vieles, um alles. Das Land, die Welt, den Frieden, das Proletariat, die Intelligenzija. Das waren für mich keine Begriffe, hatte keine Inhalte und riefen keine vergleichbaren Emotionen hervor. Ich fand das nur übertrieben, hysterisch und lächerlich. Falsche Romantik und Wodka-Gedusel.

Als sich Paschka in der Argumentation der Widersprüche und Verdrehungen sicher genug war, trat er damit in einer Vorlesung auf. Ich war dabei, erinnere mich aber nicht mehr, um welche Frage es ging. Er schwenkte den 1. Band und zeigte auf die bunt angestrichenen Zeilen. Es entstand ein Tumult. Bevor er verhaftet wurde, wurde das Kapital verhaftet. Nicht der vortragende Professor, sondern Kollegen stürzten sich aus den Sitzreihen auf ihn, entrissen ihm den blauen Band mit den großen Goldlettern am dunkelblauen Einband. Paschka kam nicht mehr zu Wort und wurde abgeführt. Später bekam er einen Prozess vor dem Studenten-Parteigericht der MGU. Es wurden ihm Disziplinlosigkeit, Insubordination und Rufschädigung der Universität vorgeworfen.
Das klingt bedrohlich, aber der Prozess ging glimpflich für ihn aus. Er wurde nicht von der Universität relegiert, es war 1971, immerhin schon 18 Jahre nach Stalins Tod. Das Urteil – er bekam ein zusätzliches Semester militärische Übungen aufgebrummt, verschärftes Regiment, knapp vor dem Gulag.

Das Buch erhielt er nicht zurück. Vielleicht studierten es die KP-Funktionäre oder es wanderte statt ihm ins Lager. Bei der nächsten Party in Paschkas Wohnung phantasierten wir alle möglichen Strafen für das Kapital: Es wurde in Ketten gelegt, ausgepeitscht, verbrannt, eingestampft, umgeschrieben, mit Psychopharmaka vollgestopft, musste sich selbst widerrufen und abschwören, im Bergwerk arbeiten und wurde nach der Ableistung der Gulag-Strafe für ewig aus allen Städten verbannt.

Wjeta wurde keine Hartmann-Philosophin, schmiss ihr Studium hin und malte Bilder. Paschka schloss das Studium ab, arbeitete aber nie als Psychologe, sondern am Bau. Er wanderte später mit einer Linzerin nach Österreich aus und gründete eine Familie, lernte Deutsch und liest noch immer Karl Marx. Am schönsten dabei finde ich, dass er sich ausgerechnet in Freistadt niedergelassen hat.

1.11.17

Veronika Seyr
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Die Reisen des Regenschirms

Es gab einmal Zeiten, in denen es so heftig und beständig regnete, dass die Straßen auch noch Stunden danach nass waren, die Passanten durch Pfützen waten oder mit einem weiten Schritt darüber springen mussten. An diesem Morgen hatte es endlich geregnet, eine lang ersehnte Abkühlung nach der erdrückenden Hitze der letzten Wochen. Als ich am Vormittag zu meinem Garten aufbrach, waren die Straßen noch nass, und die Leute liefen mit Regenschirmen herum.

Ich fuhr mit der U4 nach Heiligenstadt und von dort mit dem 256er Bus nach Klosterneuburg-Kierling auf den Ölberg, wo ich zu dieser Zeit einen Garten hatte. Ich war ebenfalls mit einem Schirm unterwegs, den ich gleich nach dem Niedersetzen im Bus unter meinen Sitz legen wollte. Damit ich ihn nicht vergäße, würde ich einen Fuß darauf stellen. Als ich hinunterlangte, stieß ich mit der Hand auf einen anderen Schirm, den dort offenbar jemand vergessen hatte. Ich zog ihn heraus, öffnete ihn leicht und sah, dass er eine Reklamegabe der skandalösen Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank war, wie ein weißer Schriftzug am unteren Rand verriet.

Dieser Regenschutz war aus nachtblauer Fallschirmseide, der Mittelmast und das Gestänge waren aus Metall, der handliche Verschluss rastete leicht aus, und der ideal geschwungene, geriffelte Silbergriff schien aus einer eleganteren Zeit zu stammen. Er wirkte neu und unbenutzt, außer dass bei einem Schriftzug der Hypo das H fehlte. Viel schöner als mein eigener, der einmal aus einem Obi-Baumarkt bei mir gelandet war. Knallgrün und orange, OBI für ALLES quer drüber, mit plumpen, Holz imitierenden Plastikperlen an den Enden des Gestänges, genauso wie der viel zu lange und breite Griff. Ich gebe es offen zu, dass ich kurz versucht war, meinen Bastard einfach gegen dieses Edelexemplar auszutauschen – vielleicht war es ja der so lang gesuchte Hypo-Alpe-Adria-Rettungsschirm? Ein kurzer, heftiger Kampf in meinem Gewissen: Ein Reklameartikel, niemand hatte ihn gekauft, sondern geschenkt bekommen, also bereitete ich niemandem einen Schaden. Und bei der allgemein bekannten Großzügigkeit dieser good bank wird sie hunderte, wenn nicht gar tausende von solchen Reklamegeschenken im Land verteilt haben. Aber was, wenn sich jemand genauso schnell und intensiv wie ich in dieses Utensil verliebt hatte und jetzt unglücklich auf dem Ölberg herumlief oder in Klosterneuburg und seinen Schirm suchte?

Wir waren jetzt schon zwischen den Stationen Langstögergasse und Kreuzstadl auf der Bus-Linie. Die Häuser und Gärten wurden immer reicher und üppiger. Reicher und immer reicher, aber das dachte ich nicht wirklich. Bald musste ich eine weitreichende, moralische Entscheidung treffen. Oh Gott, wie schwer, fast so wie bei dem Bauern in Roseggers Erzählung von seinem Schirm und seiner Frau mit ihrer schwierigen Fragen: „Nimm ihn mit oder loss ihn do?“ Mein praktischer Geist siegte über das schlechte Gewissen, ich nahm beide mit, als ich an meiner Station Ulrikendorf ausstieg.
Denn wenn ich mein OBI-Unding im Bus 256 gelassen hätte, wäre der Chauffeur sicher ungehalten gewesen, vielleicht sogar ärgerlich, zornig oder böse: „Immer die Ausländer, zoehn nix, oba lossn ollan Dreck do.“
(Weil dort jetzt immer häufiger Mitbürger aus den Nachbarländern Busfahren, muss man das entsprechend ins Serbokroatische oder Tschechische übersetzen.)

Das OBI-Gebilde blieb fortan im Garten, fürs Grobe, und das Hypo-Findelkind durfte zu mir in die Stadt, wo es im Ständer meiner beachtlichen Schirmsammlung als ein Glanzlicht herausstach. Der geriffelte Silbergriff war natürlich nicht aus Silber, sondern auch nur oberflächlich mit einem silbrigen Kunststoff überzogen, was ich beim Putzen mit Idol schmerzlich bemerkte, als so viel davon abging, dass auch nur hässliches Plastik darunter hervorkam und ich Fußboden und Finger besudelte.

Einige Zeit danach hatte ich beruflich in Bratislava zu tun, wieder regnete es, und meine neue Hypo-Errungenschaft wählte ich aus, sie durfte in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes mitfahren. Allerdings vergaß ich ihn dort in der Garderobe meiner Geschäftspartnerinnen Jana und Anja, was mir nicht gleich auffiel, weil in Bratislava eitel Sonnenschein herrschte, als ich aus dem Geschäftsgebäude in den kleinen Park trat; und danach auch lange nicht, weil es bei uns wieder eine regenlose Zeit gab.

Irgendwann in den Wochen danach, beim Putzen meines Vorzimmers und Verschieben meines russischen Birkenrindenbehältnisses, fiel mir das Fehlen des mitternachtsblauen Stabes mit Silbergriff doch auf. Ich versuchte mich zu erinnern, und ich erinnerte mich richtig, wo er abgeblieben sein könnte; ich simste Jana sofort an, die das Regending aber längst aufbewahrt und es richtig, trotz ihrer zahlreichen Kunden, mir zugeordnet hatte.
Sie kennt ihre Kunden offenbar in- und auswendig, bis in die tiefsten mitternachtsblauen Falten eines geklauten Regenschirms.

Beim nächsten Termin in Bratislava, etwa ein Monat später, kam eine Freundin mit, die weder den neuen Zentralbahnhof noch Bratislava kannte. Gleich beim Eintreten ins Büro überreichte mir eine strahlende Jana die Hypo-Gabe und ich nahm sie glücklich an mich. Es regnete nicht in Bratislava an diesem Tag, in Wien auch nicht, und niemand brauchte einen Regenschirm.
Zurück am Wiener Hauptbahnhof wollten wir einen Kaffee trinken, aber meiner Freundin gefiel hier nichts, mir auch nicht, nirgends durfte man rauchen, alles sah steril und abstoßend aus. Wieder oben, über den Gürtel und die schrecklich verunglückte Kreuzung und den verlotterten Südtiroler Platz, konnten wir uns auf kein Lokal einigen. Ich sehnte mich nach den alten Lagerhallen der Baumärkte zurück – ich hatte sie so lange gesehen, dass sie mir schon vertraut waren, heimisch. Nun – Übergangsstadium, hoffe ich – ein absolutes Nichts an Stadt, eine Unstadt.

Die Freundin und ich zogen immer weiter auf der Suche nach einem gemeinsam gewünschten Kaffeehaus, alles lehnte sie ab, da und dort war‘s nicht gut, dann und damals, mit bösen Erinnerungen an schlechte Erfahrungen mit dummen, unhöflichen oder unaufmerksamen Kellnern marschierten wir die Favoriten- und die Wiedner Hauptstraße fast im Zickzack der Gassen und ihrer Lokale hinunter, so lange, bis wir uns endlich auf das Café Wortner auf der Wiedner Hauptstraße einigen konnten, mein seit 41 Jahren meiner Wohnung vorgelagertes Wohnzimmer.
Wie originell, stellten wir beide fest, und mussten kichern darüber, wie beharrlich und konservativ wir Menschen sind – immer wollen wir in den selben Stall zurück, genauso wie das Vieh oder Fiakerpferde. Irgendwann trennten wir uns, meine Freundin fuhr mit der U1 heim, ich ging ein paar Schritte weiter zu mir nach Hause.
Aber der so mühsam errungene Schirm war nicht da, stellte ich fast im Schock fest, als ich die Bratislavaer Einkäufe sichtete und verstaute. Aber kein Schirm. Wo war der Schirm?
Der Hypo-über-alles-Rettungsschirm?
Meine Freundin Helga vermutete ihn im Zug, in der S-Bahn, mit der wir um 9 Uhr früh nach Bratislava und um 16 Uhr nach Wien zurückgefahren waren. Ja, das war das Wahrscheinlichste.

Perdu, der Rettungsschirm von Hypo-Alpe-Adria, dachte ich, das ist die Strafe für das unrechtlich angeeignete Eigentum. Die Fundstelle der ÖBB traute ich mich nicht anzurufen, wegen der zweifelhaften Vorgeschichte. Und sicher hatte sich schon der ursprüngliche Besitzer aus dem 256er Bus gemeldet. Außerdem hatte ich die Erfahrung gemacht, in einem anderen, ganz anders gelegenen Fall, bei der Hotline ewig lange warten zu müssen, während das Tonband einem auf aggressive Weise die „Kleine Nachtmusik“ ins Ohr plärrte und dann, wenn man endlich durchgedrungen war, keine Auskunft oder eine falsche zu bekommen. Außerdem hatte die ÖBB jetzt sicher Wichtigeres zu tun, da sie sich daranmachte, die griechischen Staatsbahnen umsonst zu kaufen.

Die Cafés rund um den Hauptbahnhof abzuklappern, naja, das war mir das geklaute, verlorene, wiedergefundene und endgültig verlegte Hypo-Ding auch wieder nicht wert.
Kurz danach sitze ich, wie so oft, auf dem Platzerl vor dem Wortner mit dem plätschernden Teufelsbrunnen, genieße den Ort unter den Bäumen, wo die wunderbaren Wiener Gärtner aus Blumen bunte Rondeaux zaubern, ich lese Zeitungen und schreibe ein bisschen was auf, ärgere mich über die zu lauten Straßenbahnen auf der Wiedner Hauptstraße, den 1er, den 62er, die Badener Bahn, die Busse, ich denke, die Ampeln sind etwas zu kurz geschaltet, aber vor allem aber die Autos, die vor den Ampeln immer zu schnell, zu laut bremsen und starten.

Da kommt ein plötzlicher Regenguss mit Wind über die untere Wiedner Hauptstraße herein, zerrt an Bäumen und am rot-weißen Coca-Cola-Dach, die Kellner und Kellnerinnen laufen, kurbeln am Coca-Cola, was das Zeug hält, bringen aus dem Inneren des Cafés Stöße von Fleecedecken heran und umgeben die Gäste fürsorglichst damit.
Dabei müssen sie fliegende Menükarten, Blumenstöcke, Servietten und Besteckkörbchen einsammeln und die Gäste mit Regenschirmen beschützen, obwohl sie unter den flatternden Dächern einigermaßen grotesk aussehen, so wie die meisten Besucher des Café Wortner. Kinder, Frauen und Alte – immer zuerst, wie auf der Titanic.

Auf dem Weg zurück von der Toilette kam ich wie immer an der Garderobennische rechts vor der Eingangstür vorbei. Ich war entweder zu wenig alt, zu wenig Kind, zu wenig Mann oder gut konsumierender Kunde – ich sitze ja schon zwei Stunden mit einem einzigen Drink – genannt Hugo-Drink – da.
Noch einmal gebe ich etwas zu, weil ich doch ein bisschen verletzt war, durch alle Rettungskategorien des Café Wortner, oder überhaupt demnächst durch alle durchzufallen, schaute ich genauer in den Regenschirmständer hinein. Da lehnten fünf vergessene Exemplare, unter den ich einen wählen wollte. Aber was glänzte mir da entgegen?
So ist er, stolz und demütig, heimgekehrt, mit all seinem Stoff, der Aufschrift und dem silbrigen Griff, zusammengeklappt im Eimer. Ein Jammer, leider es hat seit damals nie mehr geregnet. Aber Hauptsache, er ist wieder da, der Hypo-Alpe-Adria-Regenschirm!

27.7. 15

Veronika Seyr
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Der Pope und sein Hund

Griechenland, das ist Gottes Liebesverhältnis mit der Erde.
Heinrich Schliemann

Hausherr Jannis lädt uns für Samstagabend zu einem Fest auf der Insel Kitrani ein. Ein Geheimnis, eine Sensation! Ich bin aufgeregt. Sie ist unbewohnt, als Naturschutzgebiet unzugänglich. Wir sollen gegen fünf Uhr im Hafen sein, da wird ein Boot zur Überfahrt warten.
Jannis weiß nichts Genaues, es soll ein Kirchenfest für das Volk sein, aber auch Touristen sind willkommen. Kitrani ist von unserem Strand aus zu sehen. Sie liegt wie ein loser Pfropfen in der fast kreisrunden Bucht von Platis Gialis. Schon seit fast zwanzig Jahren schaue ich vom Goldstrand übers Wasser auf den langgezogenen, mit Macchia überwachsenen Felsbuckel, den ich noch nie betreten durfte. Je nach Tageszeit und Licht sieht er aus wie ein gestrandeter Wal oder ein halbversunkenes Krokodil. Oder wie meine Katze, wenn sie entspannt ist und die Pfoten von sich streckt. Meine Freundin meint, eine Schildkröte zu sehen oder eine Schlange, die ein Straußenei verschluckt hat. Unter diesem Himmel ist nichts genau definiert.

Kitrani ist ein menschenleerer Steinhaufen. Die Bergkuppen sind von kleinen und größeren Vögeln umschwärmt und die Küsten von unsichtbaren Robben bewohnt. Weiter draußen können schon einmal Delphine an den Bootsseiten auftauchen. Auf dem landzugeneigten Abhang ist mit freiem Auge ein weißer Kubus, ein Kirchlein mit Glockenturm und blauer Kuppel, zu erkennen, von der Felsenbucht führt ein heller Weg hinauf. Eine Postkartenansicht, wie sie typischer nicht sein könnte für die Kykladen-Insel Sifnos.
Die Fähre ist ein freihändig umgebauter Fischerkahn, ein Kaijk, wie sie seit der Antike die Ägäis durchpflügen. Auch schon ohne Passagiere hängt die „Demetrios“ schief an der Mole. Etwa zwanzig Personen zahlen je fünf Euro und nehmen Platz.

Eine knappe halbe Stunde tuckert das Schinakl quer über die Bucht von Platis Gialis nach Südenwesten. Die Silhouetten der Nachbarinseln Milos und Kimolos tauchen auf. Die meisten Leute sitzen auf zwei unbefestigten Längsbänken, andere in der Mitte auf losen Plastikhockern, die Planken sind kaum zwei Handbreit hoch und haben keine Reling. Das Meer gebärdet sich an diesem Spätseptembertag ziemlich rau, das Boot schaukelt und schlägt manchmal mit dem Bug hart auf. Da mir das nicht geheuer ist, lasse ich mich am Boden nieder und kralle mich mit beiden Händen am Sockel der hinteren Fahnenstange fest.

Kitranis Landungssteg besteht aus zwei flachen Felsplatten, grob gerippelt von den Gezeiten. Die Griechen sind wie immer cool, über den Spalt ein gewagter Sprung an Land, gleich dahinter führt eine Serpentine aus niedrigen und tiefen Stufen den Hang zum Kirchlein hinauf. Gebaut wie seit Troja für Maultiere. Wir gehören zu den ersten Gästen, und ich habe Muße, alles in Augenschein zu nehmen.
Einige Frauen putzen und schmücken die drei Schritt lange Kapelle. Sie ist ein anmutiges byzantinisches Bauwerk, das auf einer eingeebneten Felsnase über das Meer ragt. In dem winzigen Innenraum stehen auf jeder Seite zwei Reihen von Bänken, eng wie Betschemel, dann stößt man schon an die Ikonostase. In der Mitte der Christus Pantokrator, links daneben die Panagia Maria, mit goldenen Ringen, Armbändern und Kuzifixen bedeckt, rechts der heilige Johannes, der heilige Charalambos und zwei Erzengel.

Ich nehme drei honigwarme Kerzen aus einem Kisterl, eine Handvoll Weihrauch und lege fünf Euro hinein. Für den Kerzenständer ist es zu eng in der Kapelle, er steht am Vorplatz. Dort bauen einige Frauen einen Altar auf, in Vasen und Körben werden die Früchte der Gärten und Felder aufgestellt, die Außenmauern sind mit Kränzen aus Blumen, Lorbeer und Ähren behängt, rund um den Kirchenhof wehen blau-weiße Wimpel, dazwischen Girlanden mit bunten Glühbirnen und gelbe Fahnen mit dem doppelköpfigen Romanow-Adler. Der gibt mir sofort ein Rätsel auf. Gehört etwa ein russischer Oligarch zu den Sponsoren dieses Inselfestes? Niemand kann es mir erklären, und ich bleibe allein mit meinen düsteren Vermutungen.
Die weiß gekalkten Umfassungsmauern sind mit Fleckerlteppichen belegt und laden zum Sitzen ein, über den ganzen Platz verstreut stehen lange Tische und Bänke. Mehrere Männer machen sich im Hintergund an der gemauerten Feuerstelle zu schaffen, daneben stehen Riesentöpfe. Langsam beginnt es nach Kichererbsensuppe zu duften, und vom Fleischrost weht es würzig herüber.

Chef ist offensichtlich Nikos, der inzwischen übergewichtig gewordene Nationalboxer. Er hebt die Deckel auf und betätigt sich als Vorkoster. An einem Tisch schneiden zwei Männer eine geschätzte halbe Tonne Zitronen in Viertel, mit der später die Kichererbsen und das Fleisch beträufelt wird, dazu noch ganze Büschel von Rosmarin und Thymian darüber gestreut, später handvoll die Granatapfelkerne.
Junge Leute reichen in großen Weidenkörben puderzuckerbeschneites Milchbrot mit Mandeln, Datteln und Feigen herum. Eine einzige, eigenwillige Geschmackskomponente kann ich nicht erkennen. Anis, Oregano oder süße Kapern? Über all dem wabert griechische Volksmusik aus den Lautsprechern, untermalt vom Brausen des Stromaggregats.
Jede halbe Stunde schwemmt das Boot eine Fuhre an Land, und immer mehr Menschen quellen den Hang herauf. Die Sonne beginnt sich in einem Feuerwerk ins Meer zu senken, jeden Augenblick ändern sich die Farben des Himmels: Es beginnt mit einem zarten Rosa, das sich zu Rosenrot vertieft und schließlich zu einem kräftigen Purpur wird, ehe das Licht verblasst und die Sterne hervorkommen.

Es wird allmählich eng auf dem Kirchhof. Die Helfer lassen Platten mit honigtriefendem Nussgebäck herumgehen, dazu Wasser und ein schreckliches, weinbrandähnliches Gesöff. Allein dessen Geruch lässt einen das nächste Kopfweh erahnen. Ich benütze den heidnischen Brauch, den ersten Schluck zum Dank in die Erde zu gießen, um alles loszuwerden. Die herumgereichten Hüte füllen sich mit Euros. Die Stimmung ist ruhig, fröhlich und gelassen, obwohl sich wahrscheinlich schon mehr als 500 Menschen am kleinen Kirchhof versammelt haben. Als die Nacht heraufzieht, bimmeln die Glocken, nicht zu erkennen, ob von Stricken in Schwingung gebracht oder vom Wind. Die Luft ist angefüllt von den Düften der Kräuter. In meiner Nase stechen der Honig des Bergtees und die Herbheit des Wacholders hervor.

Auf einmal spüre ich eine unruhige Bewegung, die Leute rücken zusammen, gleichzeitig wieder auseinander und bilden eine Schlucht wie das Rote Meer. Sie geben einem Popen den Weg frei. Er führt einen Holzstab mit einem mehrfach gewundenen Knauf in der Hand, wie ihn Hirten ums ganze Mittelmeer tragen, die Urform des Bischofstabes. Viele Menschen umarmen ihn, andere gehen auf die Knie, küssen seine Hände und den Kuttenrand. Er ist ein kleiner, sich aufrecht haltender Mann von unbestimmbarem Alter, zwischen 50 und 70. Die hohe, runde Zylinderkappe eines orthodoxen Geistlichen lässt ihn größer erscheinen. Er ist bekleidet mit einer glänzenden, mitternachtsblauen Soutane mit silbernen Borten an Hals, Ärmeln und Saum, um die Mitte eine breite, reichbestickte Stola. Das ebenmäßige Gesicht mit der geraden, starken Nase ist glatt und braungebrannt, gerahmt von einem silberweißen Bart, im Nacken lugt der gedrehte Haarknödel unter dem Hut hervor. Seine Augen sind blauer als die Ägäis.
Insgesamt erscheint mir seine Gestalt wie der Prophet Jeremias, geradewegs dem Alten Testament entsprungen. Oder wie ein Hollywood-Mönch. Die Menge weicht vor ihm zurück, gibt ihm Raum, und er begrüßt sie lächelnd mit segnenden Gesten, dabei grazil und würdevoll schreitend. Ich bin entsetzt, als ich unter der Soutane Sportschuhe mit Adidas-Streifen hervorblitzen sehe.

Als er an uns vorüberwandelt, bemerke ich, dass er Gefolgschaft hat. Ein kleiner, schwarz-weiß gefleckter Hund, niedriger als ein Dackel und rund wie eine Knackwurst, folgt ihm auf dem Fuß. Mit der Schnauze hängt er am Saum des Popen und schreitet mit ihm im Gleichschritt. Hält der Pope an, bleibt auch er stehen, segnet er, hebt der Hund die rechte Pfote senkrecht in die Höhe, blickt dabei ernst und würdevoll um sich, als hätte er zumindest die niederen Würden empfangen. Immer scheint er sich seines Dienstes bewusst zu sein. Durch nichts lässt er sich ablenken, nichts kann eine Versuchung für ihn sein. Ist jemand zudringlich, zum Beispiel mit einem Brocken Fleisch vor seiner Nase, legt er die Stirn missbilligend in krause Falten und wedelt mit den Ohren, die ihm wie eine Ponyfrisur links und rechts herunterbaumeln.

Setzt sich der Pope an einen Tisch, bleibt der Hund hinter ihm stehen, die Nase an der Soutane und die rechte Pfote hochgehoben. Er verharrt bewegungs- und furchtlos in dieser Pose, als würde er zumindest die Standarte der Panagija Maria halten, unbeeindruckt vom gefährlichen Gedränge der dicht aufragenden Menschenbeine. Die linke Tatze benützt er nicht, die krummen Hinterbeine nur zum Schreiten. Vielleicht kommen Würde und Eleganz von einem Dalmatiner, der sich ins Erbgut dieser Kreatur eingemischt hat?
Wir schauen, staunen und lachen ohne Ende. Wahrscheinlich wegen dieser wilden Kreuzung aus lächerlichem Aussehen und erhabenem Charakter.
Auch bei der Erntedankzeremonie mit den endlos geleierten Chorälen am Altar hält sich der Hund dicht am Saum des Popen, als sei er sein Ministrant. Hätte er auch noch das Weihrauchfass geschwungen, hätte sich niemand gewundert.

Der Chor aus drei Männern und einer Frau trägt im Wechselgesang mit dem Popen etwas vor, das wohl wie Psalmen klingen soll. Der dünne, unharmonische Singsang verrät, dass sie nicht genügend Zeit zum Proben hatten. Die Notenblätter beleuchten sie mit Handy-Bildschirmen, was einiges vom Weihevollen nimmt.
Nach den Zelebrationen rund um den Erntedankaltar tritt eine Folk-Band auf, ohne Mikrofon, die umstehenden Leute tanzen auf engstem Raum. Die Bewegung setzt sich in Wellen fort bis zum letzten Besucher. Und immer wieder finden die Helfer mit ihren wundersam vermehrten, frisch aufgehäuften Fleischplatten, Zitronenschüsseln und Weinkrügen durch die Menge. Als sich der Pope einmal direkt uns gegenüber an einen Tisch setzt, sehe ich, dass er dem Weinbrand nicht abgeneigt ist. Er kippt ohne Unterbrechung den kleinen Plastikbecher, dass seine Augen bald kräftiger blitzen als die Sterne. Da bemerke ich, dass der Hund zu seinen Füßen nicht mehr nur die Nase an seine Soutane hält, sondern zuerst sachte daran zupft, dann immer heftiger daran zerrt und schließlich mit beiden Pfoten in den Stoff hineinfährt. Der Pope erhebt sich lachend, tätschelt das Tier und verschwindet in der Menge. Da erfahren wir, wie er zu seinem Namen gekommen ist.

Unser Landsmann Emmanuel aus Hohenau an der March, den wir dort mit seiner Frau Elisabeth wieder treffen, besucht schon 40 Jahre lang Sifnos. Sie kennen die Insel besser als ihr Dorf und erzählen uns die Geschichte vom Popen und seinem Hund. Eher eine Legende. Lazarios, den ich so nenne, ist kein Pope, kein geweihter Geistlicher, sondern ein selbsternannter Eremit. Er war Bauer, Schaf- und Ziegenhirt, bis kurz hintereinander sein Sohn und seine Frau starben. Danach verkaufte er alles und zog sich zurück. Von den Sifnioten als heiligmäßig verehrt, lebt er als Einsiedler in einer kleinen Höhlenklause hinter dem höchsten Berg der Insel, dem Profeti Elias, auf dem Weg nach Vathi, der Südbucht. Die Leute pilgern zu ihm hinauf, beschenken ihn, beraten sich mit ihm, er steht in einem wundertätigen Ruf. Das Wetter soll er vorhersagen können, verlaufene Ziegen finden und Mensch und Tier mit Kräutern heilen. Er hat einen zugelaufenen Welpen aufgenommen, er teilt seither das Eremitenleben. Im Volksmund heißt er „die Frau des Popen“.
Das mag spaßig klingen, ist aber historisch nicht zutreffend, hat sich doch auf Sifnos seit der Antike das Matriarchat erhalten.

Nicht ganz so alt ist die Geschichte des seltsamen Festes von Kitrani.
Emmanuel und Elisabeth wissen zu berichten, dass Nikos, der Hausherr ihres Hotels, der frühere griechische Boxchampion, vor fünf Jahren die Idee hatte, zur Belebung des Dorfes einen Touristen-Event zu veranstalten. Er erreichte von der Naturschutzbehörde, Kitrani eine Nacht lang für Besucher zugänglich zu machen. Ob Nikos wohl vom schlauen und listenreichen Odysseus abstammt? Auf jeden Fall, diesen Gag für die Tourismusvereinigung hat er sich einfallen lassen, nicht weniger genial als vor ca. 3200 Jahren das hölzerne Pferd. Im ersten Jahr kamen nur wenige Touristen.
Die Einheimischen ignorierten es vollständig, gab es doch keinerlei Festtradition auf dem Felsenhaufen von Kitrani. Irgendwann kam Nikos die Idee des Erntedankes, der Massenausspeisung auf der verbotenen Insel. Die Kirche und ein russischer Oligarch sprangen auf, dann erschien der Wundermönch vom Profeti Elias. Von Jahr zu Jahr strömen mehr Insel-Bewohner herbei, sogar von den Nachbarinseln Milos und Kimolos – ein Kirchen-Volksfest war geboren. Die Geburt des Mythos aus dem Fremdenverkehr! Nietzsche, schau oba!
Heuer haben die Griechen schon vollständig das Regiment übernommen, wir Touristen waren geduldete Zaungäste. Aber weder sie noch die Einheimischen wussten zu sagen, was für ein Fest hier gefeiert wird – außer, dass es sehr, sehr schön war.

Noch bevor der späte Vollmond seinen Zenit erreicht hatte, die Musik zu wild, der Weinbrandkonsum zu strömend wurde und sich der warme Meltemi in der septemberfeuchten Nacht abkühlte, drängte ich zur Rückkehr, eingedenk des wenig vertrauenswürdigen Schinakls. Bei der Überfahrt empfand ich das ungleichgewichtige und alkoholgetränkte Gedränge an Bord als so lebensbedrohlich, dass ich nicht mehr nur die Fahnenstange umklammerte, sondern den großen Fender mit seinem Tau mit einem Plastikhocker verknüpfte und an Odysseus dachte.

Im Laufe des wachen Teiles meiner Nacht habe ich die Fähre noch unzählige Male an- und ablegen gehört. Beim Frühstück am Sonntagmorgen rechne ich nach: Bei 500 Menschen müsste das Boot 50 Mal gefahren sein, bei 20 Menschen pro Boot. Danach suche ich den Strand und die Marina nach Leichen ab. Vergeblich. Die Griechen können zwar nicht organisieren, aber es klappt immer alles. Noch muss ich der zitronendurchtränkten Suppe und dem rosmarinierten Schwein und Lamm nachschmecken und weiß dabei nicht, was köstlicher war, das Essen, der „Pope mit seiner Frau“ oder die wundersame Geburt eines Volksfestes.
Ich schwöre, allen Göttern des Olymp opfern zu wollen, damit sich nicht herausstellen möge, dass auch Vater Lazarios und sein Hund Nikos‘ Erfindung sind.

begonnen 23.9. in Sifnos, fertig 13.10.18 in Wien

Veronika Seyr
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