Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

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My personal Sandler

Die kurze Schlüsselgasse mündet in die untere Wiedner Hauptstraße und bildet auf der rechten Seite des Gehsteiges eine Halbinsel. Die Wiener sagen dazu „Ohrwaschl“. Dort steht vor einem Rabatt mit immergrünen Büschen unter einer Linde eine Bank. Fußgänger rasten dort gerne. Manche machen ein Picknick, andere rauchen eine Zigarette, trinken ein Bier oder schauen in einer Shopping-Pause auf den immer fließenden Verkehr. Zwei Straßenbahnlinien, der 1er und der 62er, die Badner Bahn und der Badner Bus. Der Autostrom sowieso. Ich sitze auch manchmal dort und erfreue mich am meisten an der Lindenallee – der längsten von Wien, wie die Wiedener gern behaupten. Während der Blüte, drei Wochen Ende Mai, Anfang Juni, duften sie so atembetörend stark, dass sie sich sogar gegen den Verkehrsgestank durchsetzen.

Das der Halbinsel am nächsten liegende Geschäft mit dem irreführenden Namen ist das Friendly House. Eine ehemalige Konsum-Filiale. Es verkauft Zubehör für Musiker und DJs. Vor der Tür herrscht immer reges Treiben von Zigaretten rauchenden jungen Männern, die die Kippen noch immer auf den Gehsteig oder in die Büsche werfen. Gleich daneben eine Palmers-Filiale mit ihren ausgestellten Frauen-Verhöhnungen. Dazwischen liegt der Eingang zu meinem Wohnhaus. Von welcher Seite ich auch immer mich nähere, komme ich an dieser Bank vorbei und sehe, wer dort sitzt. Ein neugieriger Augensheriff.

Manchmal lässt sich auf dieser Bank ein Mann nieder, ein Sandler, ein alter Mann mit einem Supermarkt-Wagerl. Dort befindet sich sein Haushalt, fein säuberlich geordnet in verschiedenen Plastiksackerln. Wahrscheinlich ist das seine Wohnungseinteilung: Ein Kleiderzimmer, eine Küche, ein Badezimmer.
Ich habe ihn noch nie anders da sitzen gesehen: der Oberkörper eingeknickt, der Kopf tief auf der Brust und in allen Gliedern völlig bewegungslos. Und das lange Zeit.
Nach oben die Straße zu Bank und Post, dann der Optiker, gegenüber das Haushaltswarengeschäft „Zur goldenen Kugel“, daneben ein kleines Kaffee, der Spar-Gourmet, auf meiner Seite der russische Schuster, die tschechische Kosmetikerin, die albanische Schneiderin, der Bilderrahmenmacher aus Steyr, wieder das Palmers-Geschäft und endlich verschwinde ich in meinem Haustor. Der Sandler bleibt draußen.

Er sitzt noch genau so da wie zuvor, als ich das Haus wieder verlasse.
Er scheint zu schlafen oder zumindest tief zu meditieren. Wäre das nicht die Wiedner Hauptstraße im 4. Wiener Gemeindebezirk, könnte man meinen, einen Säulenheiligen in der leeren Wüste vor sich zu haben. Mit unsichtbaren Erscheinungen und Erkenntnissen, vollkommen nach innen gerichtet. Ich habe ihn noch nie mit jemandem sprechen gesehen oder beobachtet, dass er dem Treiben auf der Wiedner Hauptstraße seine Aufmerksamkeit zugewendet hätte, nie beobachtet, woher er kommt und wohin er geht. Sicher ist, er bettelt nicht, streckt keine Hand vor, hat keine Flasche, keine Bierdose, keinen Becher, keinen Hut und keinen hungrigen Hund bei sich. Bei aller sichtbaren Verkommenheit hat er etwas so Würdiges an sich, dass ich noch nie gewagt habe, ein Wort an ihn zu richten.

Wer und was ist er? Ein ruhender Flaneur? Ein Philosoph, ein Guru? Vielleicht sieht und hört er alles? Vielleicht kennt er die Antworten auf alle Weltfragen?
Oder, schießt es mir durch den Kopf, hat er einmal in seinen besseren Zeiten in einem dieser herrschaftlichen Häuser der unteren Wiedner Hauptstraße gelebt? Würde ich in seiner Situation dorthin zurückkehren oder eher auf dem Verschubbahnhof von Simmering in einem abgesandelten Waggon meine Zeit verbringen? Vielleicht geht sich beides aus?

Die langen, grauen Haare kringeln sich um den Hals, und der weiße Bart bedeckt fast das ganze Gesicht. Was man davon sieht, ist sonnenverbrannt und von tiefen Furchen durchzogen. Er dürfte eine markante Nase haben. Sie hängt noch extra lang über den eingefallenen Brustkorb. Alter – unbestimmbar alt. Seine Kleidung besteht bei jedem Wetter, auch in diesem heißen Sommer, aus einem löchrigen Pullover und einer schlabbrigen, schwarzen Wollhose. Daran ist auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, ein Obdachloser, wie man ihn an vielen Orten sehen kann. Meine Blicke hat aber sein Schuhwerk angezogen; es sind graue Crocs aus Plastik, groß wie Boote, und zwei Paar dicke Wollsocken.

Die Beine mit diesen Schuhen hat er entspannt vorgestreckt, eine Hand hat er am Griff des Einkaufswagens, neben ihm liegt auf der Bank ein Billa-Sackerl.
Was es genau war, weiß ich nicht mehr. Einmal packte mich irgendetwas an seinem Anblick, wahrscheinlich waren es diese Plastikschinakeln mit den zwei Paar Socken im Sommer bei fast vierzig Grad. Kurz zögerte ich, aber dann konnte ich es nicht lassen: Ich lief ein paar Häuser die Wiedner Hauptstraße hinunter zum Laden der Volkshilfe und kaufte um Euro 12,90 ein Paar Männer-Turnschuhe der Größe 44. Dann sprang ich rüber und raffte beim Spar in einen Sack sechs Semmeln, ein Kranzerl Extrawurst, einen Becher Fruchtjogurt und eine Flasche Mineralwasser zusammen.

Warum hatte ich Herzklopfen, als ich zu ihm zurückkehrte und die Sachen neben ihn auf die Bank stellte? Das ist für Sie. Sprach ich es aus oder dachte ich das nur? Es gab keinerlei Reaktion von der Bank. Die Angst, ihm die Ehre zu nehmen und seinen Stolz zu rauben. Er bettelt ja um nichts, er sitzt einfach nur da, ruht sich aus, von was auch immer, wie jeder andere Passant auch. Auf jeden Fall, er schaute nicht auf und rührte sich in keinem Glied. Ich bekam schwache Knie und einen flauen Magen, flüchtete geradezu in mein Haustor und begann mich zu schämen. Verdammt, das ist nicht gut angekommen. Ich kann‘s aber nicht ändern. Schnell viele Gießkannen schleppen und die Blumen im Hof gießen. Darüber war der Mensch von draußen vor dem Tor wieder weg.

Heute um 18 Uhr 30, gerade als ich von Trafik, BIPA und Spar zurückkomme und auf mein Haustor zustrebe, sehe ich ihn nach langer Zeit wieder. Er sitzt nicht auf der Halbinsel der Schlüsselgassen-Mündung, sondern auf der Bank vor dem Rahmenmacher. Für die Rückkehr in die menschliche Gesellschaft hat er sich einen besonderen Platz erwählt. Trotz des Schattens der Lindenallee erkenne ich ihn sofort, oder das Abbild von ihm.
Aufrecht, der Rücken kerzengerade an der Lehne, ohne Einkaufwagen, kein einziges Plastiksackerl um ihn herum, das Haar halblang geschnitten, der Bart auf Kinnlänge gestutzt, ein Sakko mit einem bunten Hemd darunter, die Kragen über die Revers ausgeschlagen, die Stoffhose irgendwie anders, gerader, weniger wabbelig, vielleicht sogar mit einer Bügelfalte, in der Hand eine Zigarette. Was für ein Gesicht, Antlitz, könnte man sagen, schön, immer noch braungebrannt, am Kinn und den unteren Wangen heller, ein hervorragendes Kinn, mit der langen, runden Nase perfekt harmonierend. Ein Typ wie ein Ozeanforscher oder ein Bergfex. Cousteau und der alte Luis Trenker sind die ersten Assoziationsblitze. Und überrascht, er ist gar nicht so alt.

Ich starre sekundenlang blöd in die Palmers-Auslage, drehe mich doch noch einmal um: Der elegant ausgefahrene Ellbogen und die gespreizten Finger paffen an einer Zigarette in einem stolz erhobenen Gesicht. Ein anderer Mensch und doch derselbe.
Aber an den übereinandergeschlagenen Füßen noch immer die Plastiklatschen. Keine Spur von meinen blauen Turnschuhen mit den dreifachen Streifen aus dem Volksladen. Verkauft oder getauscht auf irgendeinem Sandler-Schwarzmarkt? Oder nur wegen der Hühneraugen und Frostbeulen? Die zu lange nicht gestutzten Nägel eingewachsen? Falsche Größe, falscher Geschmack? Sie können doch alles damit machen, auch sofort im Kanaldeckel, im Müllcontainer versenken oder verbrennen. Geschenkt ist geschenkt.
Keine wirkliche Beruhigung bei den unangenehmen Fragen.

Wie kam er zu dieser festen Persönlichkeit, so wie er jetzt da saß und aussah, ein eleganter Flaneur, solange man nicht auf die Crocs sah. Was war passiert?
Irgendetwas war passiert, aber es waren sicher nicht die Streifenschuhe der Nummer 44. Die Wiedner Hauptstraße hat ein Geheimnis mehr.
Und versteckt es noch immer. Nach den Hitzetagen war er lange verschwunden.

Aber heute gegen Mittag, als der Regen gerade heftiger wurde, schütteten die Linden auf der Wiedner Hauptstraße ihre letzten gelben, grünen und orangen Blätter auf den Gehsteig. Da sah ich ihn wieder, seinen Einkaufswagen sorgfältig mit einer Plane abgedeckt, wie er die Bank am Ohrwaschl der Schlüsselgasse ansteuerte. In seinem altbekannten Pullover, der Bart wieder bis auf die Wangen hinaufgewachsen, die graue Haarsträhne im Nacken, jetzt schon nass. Die Füße in den alten grauen Crocs, die durch die Blätter und Lacken schlapfen. Man verändert sich eben nicht mehr so gern ab einem gewissen Alter.

7.8. und 21.10.17

 

Fortsetzung 1
Mein Sandler auf der Wiedner Hauptstraße

Heute, 18.12., ca. 10 Uhr 30, sonnig und kalt, nach langer Zeit den Mann wieder gesichtet, auf der Wiehau unterhalb der BAWAG, mit seinem Supermarkt-Wagerl, das mit einer grauen Decke bedeckt ist. Was er dort mit sich führt, ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich sein gesamter Haushalt, wie im Sommer vor meinem Haus. Auf der Decke oben liegt ein graues, undefinierbares Plastiksackerl. Nicht von Billa, Spar, Hofer oder Lidl. Er kommt von oben und schiebt den Wagen ziemlich schnell die Wiedner Hau hinunter, wirkt zielgerichtet, schreitet weit aus und hält den Wagen fest umklammert. In einem leichten Mantel, nicht gerade winterlich, er schlottert um seinen mageren Körper, ein Rollkragen-Pullover ist im Ausschnitt zu sehen, aber kein Schal, keine Handschuhe, Kappe, Mütze oder Hut. Der faltige Hals so braun. Die zu kurze Hose gibt die Knöchel frei. An den Füßen seine alten, dunkelgrauen Plastiklatschen wie im heißen Sommer, noch dunkler seine Füße, schmutzfleckig, dunkelbraun und NACKT, ohne Socken. Nur die Fersen, die hinten herausschlappen, sind heller, fast weiß-rosa. Die Haarmähne ist kürzer als im Sommer, auch der Bart, fast fassioniert. Schnell erfasst, alles in einem schnellen Blick im Vorübergehen, ein Schnappschuss meiner Augen, aus den Augenwinkeln.

Es hat heute ein Grad über dem Gefrierpunkt. Ich spüre das wie den ersten Frost. Aber die Rosen blühen noch.
Ich friere in meinem Daunenmantel mit dickem Schal und Mohairmütze, Lederhandschuhen und den Waldviertler Schafsocken in den hohen Lederstiefeln.

Ich haste zu meinem Bank-Termin und habe keine Gelegenheit, ihn näher zu betrachten, nicht einmal nach ihm umdrehen kann ich mich. Könnte ich, hätte ich können, wenn ich nicht auf die Bank konzentriert gewesen wäre.
Woher kommt er, wohin geht er? Was hat er vor? Welche „Weihnacht“ steht ihm bevor?
18.12., der Tag der Angelobung der neuen antisozialen Regierung. Will er zum Ballhausplatz? Da käme er nicht durch, nicht einmal ich, wie viele andere auch nicht.
Nur eines ist sicher: Meine Bankprobleme hat er nicht.
Am Rückweg sehe ich ihn nicht mehr.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 18112

Puschkins Hase

Es war der 23. Dezember 2000, als sich eine Gruppe von Menschen am Leningrader Bahnhof (hieß wirklich noch so!), Bahnsteig 2, vor dem Waggon 17 versammelte, alle dick vermummt, denn es hatte in diesem Tagen um die zehn Grad minus. Außer Andrej Bitow kannte ich niemanden persönlich, und diesen nur flüchtig und aus einer Situation, die ich am liebsten aus dem Gedächtnis streichen wollte. Ich hatte das Unglück, einmal bei einem Dinner in der Botschaft neben ihm platziert worden zu sein. Ganz am Ende der Tafel, fast schon am Katzentisch. So konnte man seine Stellung in der Hierarchie unzweideutig ermessen. Der Schriftsteller und die Kulturrätin der Botschaft unermesslich weit weg vom Gastgeber und seinem Hauptgast, dem Wirtschaftsminister, die einander in der Mitte gegenüber saßen, jeweils flankiert von ihren Dolmetschern, dann abgestuft je nach Wichtigkeit die anderen Geladenen.

Der mir oder ich ihm zugeteilte Schriftsteller hatte offenbar beschlossen, grimmig und beharrlich zu schweigen, vielleicht, weil er das immer so hielt bei solchen Einladungen oder weil er gerade mit einem Schnupfen kämpfte. Die lange, schmale Nase rann ununterbrochen, Tröpfchen im schütteren Schnurrbart, ein Taschentuch wischte über die hängenden Lider. In einem schrumpeligen Anzug eine vornüber gebeugte Person, viel zu klein für den ausladenden Botschaftsstuhl.

Oder war es umgekehrt, machte ihn erst der Stuhl so klein? Er aß nichts außer der Suppe und trank nur Wasser; vielleicht hat er ein Magengeschwür oder es ist ihm einfach Kascha und Borschtsch lieber als das hochgezüchtete Diplomaten-Essen. Ich unternahm vieles, um ihm etwas zu entlocken, mit dem man Konversation machen konnte und kam mir bald vor wie der Hofnarr in der Runde. Ich prallte an ihm ab wie an der Hütte der Baba Jaga. Neben hundert anderen Vermutungen und Annahmen wird es wahrscheinlich eine ungünstige Eigenschaft an mir gewesen sein, die ihn abgestoßen hat. Die übergroße Ehrfurcht vor großen Menschen, die kindliche Verehrung von Dichtern, die mir den letzten Grips raubte, sodass ich neben ihm ziemlich dumm gewirkt haben musste und ihm die Vorurteile gegen Westler und Diplomaten im Besonderen prächtig bestätigt haben werde. Vielleicht auch gegen Frauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war nie verheiratet, als Familie gibt es bekannterweise nur einen Bruder. Ich war damals noch nicht lange genug Diplomatin, um meine Ressentiments gegen diesen eigenartigen Beruf abgelegt zu haben. Wie und warum sollte ich mit jemandem reden, der das offensichtlich nicht wollte? Der feindselig gegen mich eingestellt war und ich mich auch nicht für ihn interessierte?

Als Journalistin musste ich oft mit Menschen reden und sie ausfragen, obwohl sie mich nicht interessierten oder ich von vornherein wusste, dass sie mich anlogen, vor allem Politiker. Da war ich professionell genug unterwegs, weil ich ein Resultat brauchte. Aber bei einem Schriftsteller verrammelte und verriegelte sich aus einem verqueren Ehrgefühl heraus mein Hirn, sodass mir nicht einmal mehr einfiel, was ich von ihm gelesen hatte. Dabei hatte ich einiges gelesen, konnte mich aber nur vage erinnern, Reiseberichte aus Armenien und Georgien zum Beispiel. Und wie wäre es mit Puschkins „Gefangener im Kaukasus“ gewesen oder mit Tolstojs „Hadschi Murat“? Das war so eine unglückselige Situation, in die man manchmal völlig unschuldig hineingerät.
Es war offenbar ein Gast ausgefallen, und da kam der Botschafter auf die unglorreiche Idee, die Kulturrätin neben den Dichter zu setzen. Da kann nichts passieren, weil nicht wichtig genug. Ich erfuhr davon erst eine Stunde vor dem Dinner und konnte mich nicht vorbereiten, wie ich das sonst tat.
Jammerschade! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich seit der Reise nach Pskow weiß, hätten wir uns vielleicht befreundet oder uns zumindest in einer gleichen Leidenschaft ausgetauscht.

Aber zurück zum Bahnsteig 2, Waggon 17 am 23. Dezember um 18 Uhr.

Bitow ist in Moskau eine bekannte Figur, ein viel gelesener Autor, Träger vieler in- und ausländischer Ehrungen, eine integre Persönlichkeit, häufig im Fernsehen zu sehen, der sicher oft gegrüßt wird wie ein Bekannter oder sogar Freund, weil man seine Bücher schätzt. Im Westen würde man ihn einen Literaturpapst nennen. Also sprach ich ihn auf das Botschaftsessen an, scherzhaft, flapsig, ob er sich davon erholt habe. Er versuchte höflich zu sein und setzte ein Lächeln auf, das zwischen unwissend und gezwungen lag, man kann auch dümmlich sagen. Also hatte er keine Ahnung, wer ich war und war dankbar dafür. Den Mantel des Vergessens darüber breiten und schweigen.

Aber das kann auch wiederum daran liegen, dass man auf einem zugigen Bahnsteig an einem dunklen, kalten Dezemberabend anders aussieht als unter den gleißenden Lustern eines Speisesaals. Seit dem unseligen Dinner waren einige Monate vergangen, und ich habe meine Schmach wettzumachen und das Trauma aufzuarbeiten versucht, indem ich alles Erreichbare von Bitow las und mich von meinen Moskauer Literaturfreunden unterrichten ließ. Der russische James Joyce, der beste lebende Stilist, der ehrlichste Erzähler, der genaueste Chronist der sowjetischen Seele, den wir haben, ein postsowjetischer Melancholiker – kein Superlativ wurde ausgelassen. Das war nicht immer so.

Er war einer der Schriftsteller der Tauwetter-Periode mit vielen Erzählungen, Romanen, Almanachen und Essays, erhielt nach dem Sturz Chruschtschows Publikationsverbot, wurde aber nicht ausgewiesen wie viele seiner Freunde und Kollegen. Erst unter Gorbatschows Glasnost und Perestroika durfte er ab 1986 wieder veröffentlichen. Das Puschkinhaus, Georgisches Album, Armenische Lektionen, Der Symmetrielehrer, Der Geschmack, alles schon in den 70er Jahren geschrieben und seither neu aufgelegt und übersetzt, und einiges davon in sehr guten Übersetzungen im Suhrkamp-Verlag.

Da traf es sich gut, dass ich von meinem Freund Mischa Shulman, einem Puschkin-Forscher, erfuhr, dass es um Weihnachten eine Pilgerreise nach Michailowskoje geben sollte, zu dem Landgut der Familie Puschkin, auf das Zar Alexander I. den Dichter von 1824 bis 1826 verbannt hatte.
Der Nachtzug ging um 18 Uhr 30 ab und sollte um 7 Uhr 30 in Pskow ankommen.
Der inoffizielle Club der Puschkinisten mit Bitow an der Spitze hatte dazu aufgerufen, 28 Menschen hatten sich eingestellt. Das war ziemlich genau ein Waggon mit zwei Zweier- und sechs Vierer-Abteilen. Es war kein Schnellzug wie der Rote Pfeil nach St. Petersburg, sondern wir bummelten gemächlich durch das flache Land nach Nord-Westen Richtung Pskow. Misha bedauerte, dass er nicht mitkommen konnte – seine Frau erwartete das zweite Kind – so war ich ganz allein unter lauter russischen Puschkin-Kennern und Liebhabern.

Trotz des Datums war es für die Russen keine Weihnachtsreise, sondern ein ungerades Jubiläum, das die Puschkinisten begehen wollten: 175 Jahre seit dem denkwürdigen Tag, als Puschkin einen Ausbruchsversuch aus seinem Verbannungsort machte, sich nach dem alten Kalender am 11. Dezember 1825 in eine Kutsche warf und die Richtung St. Petersburg einschlug. Alles unerträglich, schnell weg, nur weg von hier, ohne jede Vorbereitung und Unterstützung, ohne Genehmigung, eine Verzweiflungstat, aufs Äußerste erregt durch das Ausbleiben aller Nachrichten der Freunde in der Hauptstadt und von allerlei Vorgefühlen geplagt. Der Diener, der ihn begleiten sollte, erkrankte, dann der zweite, der ihn ersetzen sollte. Er fährt trotzdem los.

Da passierte es: Auf der Straße zum Landgut Trigorskoje, wo er sich von der Nachbarsfamilie Wulf-Ossipow verabschieden wollte, stürzte aus dem Gebüsch ein Hase heraus und kreuzte den Weg. Puschkin zögerte keine Sekunde und kehrte um. Kurz vor seinem Landgut sprang ein anderer Hase mit zurückgelegten Ohren und vorgestreckten Pfoten vor ihm in die Höhe. Er raste unentschlossen durch das Haus. Doch der Wagen stand bereit, und er konnte nicht mehr zurück. Der zweite Aufbruch. Als ihm ein schwarz gekleideter Mönch auf der verschneiten Straße entgegenkam, ließ er wieder den Kutscher wenden. Das war zu viel für sein abergläubisches Gemüt. Er fühlte, dass er vergeblich gegen einen höheren Willen ankämpfte.

Im unendlichen Universum des russischen Aberglaubens gehört der Hase zu den Schicksalskündern. Nebenbei gilt der Rammler im Volksmund auch noch als ein Symbol für die verwerfliche, ungezügelte Sexualität. Niemand, vom Kutscher bis zum Zaren, wagt es, nicht auf ihn zu achten. In Puschkins Fall hat der Hasen-Mythos sich scheinbar als Wahrheit herausgestellt.

Wenn der Hase nicht über den Weg gehoppelt wäre, hätte Puschkin nach zwei Tagen Kutschenfahrt St. Petersburg erreicht, wäre gerade rechtzeitig zum Aufstand der sogenannten Dekabristen gekommen. In seiner Abgeschiedenheit wusste er nichts von dieser Adelsverschwörung und war nicht beteiligt, hätte aber sicher aufgrund der Inhalte und der freundschaftlichen Verbindungen mit vielen der Akteure sympathisiert.

Seit dem Sieg über Napoleon brodelte es in Russland. Viele Armeeangehörige waren in Frankreich mit europäischen Verhältnissen in Berührung gekommen und forderten bürgerliche Freiheiten. Sie nützten das kurze Interregnum in der Nachfolge zwischen den Romanow-Brüdern Konstantin und Nikolaus. Mehrere hunderte Adelige, Offiziere und Schriftsteller gewannen Teile der Armee für ihren dilettantischen Umsturzversuch, verlangten eine Verfassung und die Einrichtung einer Volksvertretung. Es sollte noch fast einhundert Jahre dauern, bis es dazu kam.
Alexanders Nachfolger, Nikolaus I., ließ fünf Männer als Rädelsführer hinrichten, 120 in die sibirische Verbannung schicken, ganze Familien zogen mit ihnen, niemand außer der Gräfin Wolkonskaja kehrte zurück, nach vierzig Jahren. Fast alle Angeklagten berufen sich bei ihren Freiheitsideen auf Puschkins Gedichte und Epigramme. Keine guten Aussichten für den Dichter, der nun schon seit zwei Jahren in Briefen an den Zaren um Begnadigung aus seinem Gefängnis in der russischen Einöde bettelt. Niemand von seinen hochgestellten Freunden wagt es, sich beim Zaren für ihn einzusetzen. Er hatte immer einen äußerst heißen Charakter, sagen alle, aber diesmal, nachdem er vier Monate keine Briefe aus St. Petersburg und Moskau erhalten hatte, konnte er nicht mehr stillhalten. Ausbrechen, komme, was da wolle.

Wer war es, zwei Hasen und ein Mönch oder die Vorsehung, die Puschkin davor gerettet haben, hingerichtet oder zumindest in die sibirische Verbannung transportiert zu werden? Die Welt hätte keinen Großdichter Puschkin bekommen, denn erst in der Abgeschiedenheit von Michailowskoje bildete sich sein Talent zur vollen Blüte heraus. Er begann den Eugen Onegin, den Boris Godunow zu schreiben, er hörte das Russisch der Landbevölkerung und entwickelte die Sprache zu einer Volkssprache, wie sie bis heute gültig ist. So schrecklich die Jahre in Michailowskoje für ihn persönlich waren, sie stellten sich als Glücksfall für die Geschichte der russischen Literatur heraus. Er reifte zu dem großen Dichter heran, der bis zu diesem Tag als Genie und Nationalheiligtum verehrt wird.

So befand ich mich zusammen mit 27 Verehrern auf einer Pilgerreise, um den Hasen zu feiern, der Puschkin gerettet hatte. Im Speisewaggon, wohin sich die Gesellschaft verlagert hat, wird mächtig vorgefeiert. Andrej Bitow ist der König der Puschkinisten. Er spricht nicht viel, lacht viel, hört zu, hebt das Wodka-Glas, ohne zu trinken, an Nahrung nimmt er nur die Beilagen zu sich, Schwarzbrot, eingelegte Zwiebel, Pilze und Gurken. Da erfuhr ich, dass er magenkrank ist und einen Herzinfarkt hinter sich hat. Die Stimmung erreicht ihren ersten Höhepunkt, als sich herausstellt, dass einer der Pilger ein blinder Passagier ist, der im Russischen Häschen, zaitschik, genannt wird.
Der Schwarzfahrer, ein junger Literatur-Student, heißt Sasha Swarz, er ist der gefeierte Held dieser Nacht im Zug nach Pskow. Er hat eine Gitarre, singt recht gut, keine Puschkin-Gedichte, sondern alte Hits von Wissotzki und Okudschawa, alle singen mit, können alle Strophen auswendig. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, muss ich meine Mundstarre der Bewunderung vor so viel Gemeinsamkeit überwinden, mit Lippenbewegungen und Wangentätscheln. Einiges kann ich doch auch schon lange mitsingen, mitklatschen und mitschunkeln. Ein Tisch wird freigeräumt für den Tanz oben.

Mir gelingt es, mich nicht als Ausländerin zu verraten, damit hätte sich die Atmosphäre sofort geändert. Viel ist nicht anders geworden, seit von Sigmund von Herberstein an die ersten Westler ins Moskowitische Reich gekommen sind und es beschrieben haben. So komme ich in den Genuss eines Tarnkappenblicks. Schon gar nicht habe ich mich freiwillig vor Andrej Bitow zu erkennen gegeben. Er bleibt bis zuletzt ohne Verdacht.

Irgendwann kann ich mit der unendlichen russischen Feierenergie nicht mehr mithalten und ziehe mich in mein Abteil zurück. Das hätte als Einziges verräterisch sein können. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Uhr im Restaurantwagen, die weit nach zwei zeigt und ein Schild mit der Aufschrift: Nach Mitternacht wird kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Denkmal für das Verhältnis zur Obrigkeit: Wir tun so, als machten wir, was ihr wollt, tun aber, was uns gefällt. Ich bleibe unentdeckt, zusammen mit meiner alten, ganz einsamen Schande. Im unteren Bett meines Zweier-Abteils, knapp vor dem Augenschließen, fliegt noch der Gedanke vorbei, ob die Russen nur zu dezent sind, mich zu überführen. Die meisten anderen, glaube ich, haben in dieser Nacht nicht viel Schlaf abbekommen.

Ankunft im Dämmer des Morgens am 24. Dezember im tief verschneiten Pskow. Welch ein Wunder, tatsächlich steht der bestellte Autobus mit Chauffeur bereit, der die Gruppe in zwei Stunden die 120 Kilometer nach Michailowskoje schaukelt, wovon die meisten Passagiere nur im Schlaf etwas mitbekommen, obwohl es ohne Heizung bitterkalt ist. Ebenen in Schnee und Nebel, kaum Erhebungen, wenig Abwechslungen von Dörfern und Wäldern, eine russische Unlandschaft im Nordwesten. Flüsse und Seen sind zugefroren und verschneit, ohne Tafeln wären sie nicht auszumachen.

Dabei fahren wir durch die größte russische Seenplatte, auf der sich vor 800 Jahren Russlands Schicksal entschieden hat. In der Schlacht auf dem Peipus-See vernichtete Alexander Newski die Armee des Deutschen Ritterordens und sicherte Pskow für die Republik Nowgorod, später für das Fürstentum Moskau. Das also war der Ausblick, den Puschkin hatte, als er hier zwei lange Winter festsaß. Das musste auch für stabilere Seelen, als er eine hatte, schwer sein. Mir ging es schon in diesen zweieinhalb Stunden nicht gut.
Vom Landgut Michailowskoje ist nach zwei deutschen Besatzungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nichts übrig geblieben, was wir nun langsam zu sehen bekommen, ist nachgebaut. Von den einst berühmten 200-jährigen Eichen- und Lindenalleen stehen nur noch einzelne alte Riesen, ein Tor, eine Brücke, ein niedriger, langgezogener Herrensitz aus Holz mit einer kleinen, überdachten Vortreppe, angeblich alles originaltreue Kopien. Der Vorplatz ist vom Schnee geräumt und dient als Parkplatz, zurzeit noch leer. Im Bus wird es langsam lebendig, und die vermummten Gestalten krabbeln ins Freie.

Ich hatte mitbekommen, dass als Erstes eine Zeremonie vorgesehen war: Es sollte ein Denkmal für Puschkins Hasen aufgestellt werden.
Die Metallskulptur hatten die Puschkinisten im Gepäck, allerdings war der als Fundament vorgesehene Holzpfahl nirgends zu finden. Da hatte nur ein Teil der Organisation geklappt. Die Pilger wussten sich zu helfen und schleppten aus einem Nebengebäude einen Balken heran, den man kurzerhand zu dem Werstpfahl erklärte, mit denen im zaristischen Reich die Staatsstraßen gesäumt waren.
Einige Männer bearbeiteten den Pfosten mit Äxten, schlugen ihn provisorisch in den Boden und setzten den Metallhasen auf ein oben angebrachtes Querbrett. Danach einige Reden von Andrej Bitow, Lew Schlosberg und einem eingetrockneten Redakteur der Literaturnaja Gazeta. Viele große Worte, wenig in Erinnerung. Die Museumsmitarbeiter bewirten die Besucher mit Brot und Salz, erwärmende Getränke sind vorbereitet, für den Hasen gibt es Gebinde aus Karotten und Kohl. Bitow hängt sie ihm unter Gelächter und Applaus um den Hals, der Schwarzfahrer Sasha Swarz schmückt den improvisierten Werstpfahl mit Kränzen aus Tannenreisig.

Die Bedeutung von Puschkin als Zentralgestirn der russischen Literatur und Kultur insgesamt ist in der nicht Russisch sprechenden Welt nie ganz angekommen. Im Gegensatz zu Tolstoj, Dostojewski oder Tschechow ist er nicht heimisch, kein Europäer und kein Weltenbürger geworden. Ist das so, und wenn ja, warum?
„Puschkin stellt in der russischen Literatur ein Zentrum dar, wie es keine andere (nationale) Literatur aufzuweisen hat. (Hallo, was ist mit Shakespeare?) Er ist der Abschluss der vorhergehenden und zugleich der Beginn und das einzige Fundament aller späteren Dichtung.
Er ist der Brennpunkt, in dem sich alle von den Vorgängern ausgesandten Strahlen treffen, und zugleich die Sonne, deren Licht die ganze spätere russische Literatur bis auf unsere Tage durchdringt. Die Literatur wäre ohne ihn ebens
o undenkbar wie die russische Sprache und Nation.“

Ganz so verzückt wie der Artikel des sowjetischen Literaturwissenschaftlers Alexander Eliasberg 1924 fielen die Reden der Puschkinisten nicht aus. Bitow und Schlosberg schnitten eher ironische Töne an, mit denen sie sich über die übermäßige Puschkin-Verehrung zu Sowjetzeiten lustig machten. Der karotten- und tannenbekränzte Hase auf dem Werstpfahl zeigte am besten den Wandel, ohne die Größe Puschkin auch nur um ein Jota zu verkleinern. Dass Puschkin im Ausland nie eingemeindet und zum gemeinsamen Besitz wurde, gerade darin sieht Bitow einen Vorzug der Russen.
Das ist eben ein Geheimnis, das ganz allein den Russen gehört, erklärt Bitow augenzwinkernd. Oder war es nur die beißende Kälte, die die Tränen in die Augen zwingt? Puschkin gilt allen anderen höchstens als Tschaikowskis Libretto-Schreiber, die Dramen von Eugen Onegin, Boris Godunow und Pique Dame kennt und schätzt man anderswo höchstens als Opern, ganz zu schweigen vom unübersetzbaren Genuss an seinen Versen. Wenige Dichter sind mehr untersucht und weniger verstanden worden.
Kaum ein Dichterleben ist so dramatisch verlaufen wie das seine. Das Geheimnis, das Leben und Tod Puschkins umgibt, hat sich hartnäckig der Nachforschung entzogen, räumt auch Bitow ein und entschuldigt damit den unverständigen Rest der Welt außerhalb Russlands. Danke!

Die Puschkin-Anbetung war nicht Religionsersatz wie der Personenkult um Stalin, sondern sie war Religion. Bitow greift weit aus. Weil die Russen ein areligiöses, heidnisches Volk sind, neigen sie zu solchen Verirrungen. Sie kennen keinen wirklichen Glauben, kennen den Wortlaut der Bibel nicht, sind in diesem Sinne nicht gottgläubig, sondern beten die Ikonen und das rote Öllämpchen an, den Weihrauch und die Wachskerzen. Die sind viel handlicher als die Evangelien. Das ist Götzendienst, Popanz. Der lässt sich so leicht mit sich rumtragen, verehren, küssen, ist gemütlich und tröstlich. Denn wehe, man würde die Bibel lesen und ernst nehmen, das ist zu viel für die Menschen.
Die Russen lieben den Verstand nicht, nicht die Vernunft, nur Zauber und Spintisiererei. Niemand geht so streng ins Gericht mit den Russen wie Bitow.
In diesem Sinne seien die meisten russischen Dichter falsch verstanden worden, zuallererst Puschkin und Gogol, die er als Rationalisten und Realisten bezeichnet, andersrum wieder bei Dostojewski und Tolstoj.
Darum haben sie ihre zusammengepappten Religionen, ihre Ideologien und Nationalismen, seien es Puschkin oder Ikonen, das Volk oder Politiker. Als grausame Religionskriege rasen sie über den Erdball.

In dieser Gesellschaft von Puschkin-Liebhabern schleicht sich bei mir eine Ahnung ein, dass Puschkin dort anfängt, wo mein Verständnis aufhört, und dass Puschkin lebt und leben wird. Die kaum nachvollziehbare Innigkeit der Dichter-Verehrung wird aber eine russische Spezialität bleiben.
Trotz Bitows kritischer Anmerkungen geht der Personenkult munter weiter:
feierliche Anbetung bei der obligaten Führung durch den Landsitz. Es wird aus Puschkins verzweifelten Briefen dieser Zeit vorgelesen, das dramatische Gedicht Graf Nulin vorgetragen, das er in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1825 in seiner verrauchten Bude geschrieben hat. Beim Vortrag seiner Gedichte sprechen viele laut mit, was mich an unsere Gottesdienste erinnert.
Das Mittagessen gab es im angrenzenden Freiluftmuseum Bugrowo, dem nachgebauten Dorf, in dem die Leibeigenen der Puschkins gelebt haben. Puschkin war oft dort, hat ihnen bei ihrem Leben zugesehen, ihnen zugehört, ihre Sprache studiert, sich aber an der Leibeigenschaft nie gestoßen. Zumindest gibt es nichts Schriftliches darüber.

Nach zwei Stunden Zurückrumpeln über schlecht geräumte Landstraßen blieb noch ein bisschen Zeit. Der aus Pskow stammende Journalist und Aktivist der liberalen Jabloko-Partei Lew Schlosberg leitete zum Abschluss vom Bus aus eine kurze Führung durch die Stadt, die gerade ein noch älteres Jubiläum begeht: 1000 Jahre seit ihrer Gründung durch Altslawen und Waräger. Zu sehen ist nicht viel, alles tief verschneit und im Nebel, in der Nachmittagsdämmerung nur die gigantischen Mauern und Türme des Kreml, von den vielen Kirchen nur verschwommene Konturen.
Viel, sehr viel müsste hier zu sehen und zu erfahren sein. Immerhin so viel, dass bei mir der feste Vorsatz bleibt, zu einer menschenfreundlicheren Zeit nach Pskow zurückzukommen. Lew Schlosberg sagt nichts über die jüngere Vergangenheit der Stadt, weil die jeder Russe von der Grundschule an kennt. Ich habe sie nach meiner Rückkehr nachgelesen.

Sie können das auch: Wikipedia Pskow (dt. Pleskau)

17.9.17

Veronika Seyr
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Als Putin mir die Tür öffnete

Obwohl journalistisch keineswegs unerfahren, war ich in den letzten Mai-Tagen 1991 ungewöhnlich aufgeregt. Eine persönliche Einladung vom 1. Vorsitzenden des Lensowjets zu bekommen, war auch in jenen stürmischen Monaten des Jahres 1991 nicht alltäglich. Anatolij Alexandrowitsch Sobtschak wollte dem ORF in seinem Amtsitz in Leningrad ein Interview geben. Ein Monat später sollte er als erster, mit fast achtzig Prozent der Stimmen demokratisch gewählter Gouverneur das Ruder in der nördlichen Hauptstadt übernehmen, dessen erste Amtshandlung die Rückbenennung in St. Petersburg war.

Ich hatte den Jura-Professor und Deputierten des „Demokratischen Russland“ im Obersten Sowjet kennengelernt. Es war die Zeit, als diese verkrustete Abstimmungsmaschinerie die ersten Schritte auf dem Weg in den Parlamentarismus tat, sich Parteien und Fraktionen herauszubilden begannen, und die meist wüsten, noch kaum geregelten Debatten schon mal vierzehn oder sechzehn Stunden dauern konnten. Der damals 53-jährige Sobtschak fiel in der Masse von ranzigen Armeeuniformen und mausgrauen Parteifunktionären in mehrfacher Hinsicht auf: Er wirkte jugendlich, sprühte vor Energie und sah gut aus; war schlank und hochgewachsen, hatte einen gepflegten Haarschnitt, saubere Schuhe und kleidete sich gerne entweder in Maßanzüge mit Gilets und exquisiten Krawatten oder machte mit großkarierten Jacketts und grellen Stecktüchern Furore.

Am Rednerpult stellte er regelmäßig sein dialektisch geschultes rhetorisches Talent und die brillante Intelligenz unter Beweis. Den zündenden Vortrag hatte er sich nicht etwa in der Politik angeeignet, sondern als Jura-Professor vor den wachen, westlich orientierten Studenten der Leningrader Universität. Ende der 80er-Jahre war er der unbestrittene Wortführer der Demokraten. Die westlichen Journalisten liebten ihn dafür, dass er sich auch noch nach den längsten Sessionen in den Kreml-Couloirs für Fragen zur Verfügung stellte und dabei mit offenen Worten nicht geizte.
Das war die Gallionsfigur, die das neue, postsowjetische Zeitalter repräsentierte, der Held, in den viele ihre Hoffnung auf eine demokratische Wende setzten und der sogar von den Massen dafür belohnt wurde.

Dieser politische Wunderwuzzi hatte mich also zu einem Interview eingeladen, ihn nicht wie sonst immer im Geschrei und Journalistengewühl zwischen Tür und Angel zu befragen, sondern exklusiv im Lensowjet. Der Termin wurde über die Büros festgesetzt, und wir brachen Ende Mai erwartungsvoll nach Leningrad auf. In der Eingangshalle des imposanten Gebäudes, dem ehemaligen Smolnij-Institut, wo schon Lenin seine Fäden gezogen hatte, wurden mein Zwei-Mann-Team und ich einer für sowjetische Verhältnisse eher lässigen Kontrolle durch bullenartige Sicherheitsleute unterzogen, eigentlich nur unsere TV-Ausrüstung zerlegt. Nachdem wir unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten und die breite Treppe hinauf verwiesen worden waren, kam uns in der Beletage ein unscheinbarer, kleinwüchsiger Mann entgegen und erklärte uns, dass wir erwartet würden, uns aber noch gedulden müssten, bis der Genosse Vorsitzende Sobtschak uns empfangen könne.

Er bat uns zu einer langen Lederbank und postierte sich selbst vor einer Doppelflügeltür, die wie alles im Smolnij hoch, groß, massiv, gigantisch war. Welche Pracht in den weitläufigen Treppenhäusern und Korridoren, in deren übermannsgroßen Nischen Imitate griechischer Statuen, Amphoren und Malachitvasen zu bewundern gewesen wären, hätten sie die revolutionäre Zerstörungswut des bolschewistischen Sturmes im Oktober 1917 überlebt. Irgendwo in diesem 1808 in streng klassizistischem Stil von italienischen Architekten als Erziehungsanstalt für Höhere Töchter erbauten Palastes musste sich das Lenin-Museum befinden. Und auch das Zimmer, in dem 1934 der beliebte Leningrader Parteichef Sergej Kirov im Auftrag Stalins erschossen worden war.

Während des stummen Wartens hatte ich Gelegenheit, den Wächter, der vor dem Sobtschak-Heiligtum auf und ab ging, näher zu betrachten: unter vierzig, schätzte ich, das dünne, blassblonde Haar an der hohen Stirn angeklebt, tiefliegende Augen, Farbe nicht erkennbar unter den amphibienartigen Lidern, lange Nase, schmaler Mund, großer Adamsapfel, das blasse Gesicht in absoluter Ausdruckslosigkeit. Dem bräunlichen Anzug in bestem Ostblock-Nylonschick mit den sich wellenden Nähten, zu kurzen Hosen über grauen Socken und schlechtem Schuhwerk, dem grünlichen Hemd und dem würgend-schmalen Krawattenstrick nach zu schließen – ein verkleideter Tschekist.
Mir fiel noch auf, dass der Mann, den ich für einen internen Portier hielt, ständig auf seine Uhr am rechten Handgelenk sah und nervös an ihr herumnestelte, eine große, runde, goldene der Luxus-Sowjetmarke Zenit. Warum ich das wusste? Weil ich die gleiche habe, ich trage sie aber links.

Plötzlich ein Geräusch von innen, der Wächter stürzte an die Tür, riss die linke Hälfte auf und ließ einige Herren heraustreten, verschwand für wenige Augenblicke und bat dann uns hinein. Wir waren mit Ausrüstungsgegenständen voll bepackt, sodass uns der Mann zuerst den Außenflügel aufhielt und dann im Saal den Innenflügel. Für so viel Zuvorkommenheit dankend, drängelten wir an ihm vorbei, wobei mir seine kleine, kaum merkliche Verbeugung nicht entging: Zehn Minuten und nicht länger, murmelte er dabei, weniger autoritär als devot und ängstlich, wie mir schien.

Sobtschak saß am Ende eines endlos scheinenden, holzgetäfelten Saales, der wie alle Bürokratensäle der Sowjetunion mit einer langen Reihen von Tischen und Stühlen längs der Mitte und an der Kopfseite mit quergestellten Tischen in T-Form möbliert war, an deren Kreuzungspunkt Sobtschak seinen Schreibtisch hatte, flankiert von der sowjetischen und der russischen Fahne. Bei unserem Eintreten sprang er auf, umrundete das große T links, kam uns freundlich, offen, lachend mit ausgestreckten Händen wie alten Bekannten entgegen.
Ein solch unzeremonielles Begrüßungsverhalten hielten wir Journalisten am Ende der Sowjetunion noch für die wahre Revolution, es warf mich kurz aus dem Konzept meines Fragenkatalogs, verwirrte die Sinne der einheimischen TV-Leute und entspannte uns alle ungemein. Sein Dreiteiler war übrigens diesmal nachtblauer Nadelstreif, das Hemd lila-weiß mit Knöpfchen an den Kragenenden und die Krawatte in gedecktem Gelb mit bourbonischen Lilien. Geht er schon in Paris einkaufen, schoss es mir durch den Kopf.

Es war auch noch ungewohnt, dass ein Funktionär keine von seinem Büro geprüfte Frageliste vorgelegt bekommen wollte, sondern mich fragte, was ich denn wissen wolle. Er legte frei von der Leber weg mit seinem Vortrag los, was er für die brennendsten Probleme Russlands! – ja, Russlands, nicht der Sowjetunion – hielt. Die bolschewistische Revolution sei ein großer Fehler gewesen, es hätte zuerst die bürgerliche Revolution vollendet und der Kapitalismus entwickelt werden müssen. Ein Voll-Revisionist! Er führte aus, wie jetzt seiner Meinung nach in einem gigantischen Reformprojekt Russland – ja, er sagte Russland, nicht Sowjetunion – umgestaltet werden müsste: Durch die Zulassung des Privatkapitals die Demokratie entfalten, garantiertes Recht auf Geld und Unternehmungen für jeden Bürger als Garant für die Demokratie, das war seine Hauptthese, wie er schon oft im Obersten Sowjet, im Lesowjet und in TV-Runden dargelegt hatte.

Sobtschak sprach immer lebhaft und ungezwungen, geißelte die bodenlose Dummheit der KPdSU-Funktionäre und gab Politschnurren voller Situationskomik wieder – er war wie für das Fernsehen geschaffen. Ein scharfer Denker und brillanter Formulierer, uferte aber immer wieder aus, von der Geschichte der französischen Revolution bis zur russischen von 1905, als fast schon die Weichen gegen die Autokratie und für die Bourgeoisie gestellt waren. Seine Begeisterung galt dem kurzen 20. Jahrhundert vor 1914, als Russland vollständig in die europäische Politik, Wirtschaft und das Bündnissysem integriert gewesen sei. Ebenso verbreiterte er sich über den noch kürzeren Zeitraum zwischen dem Sturz des Zarentums im Februar 1917 mit seiner provisorischen bürgerlichen Regierung und dem bolschewistischen Oktoberputsch.

Ich bemühte mich durch mein Fragen, ihn möglichst lange bei der Stange zu halten. Da bemerkte ich in seinem Gesicht eine leichte Irritation, und er gab in Richtung Eingangstüre einen Wink ab. Ich drehte mich ganz gegen die Interview-Regeln um und sah das Türstehermännlein, das die rechte Hand hochreckte und mit ausgestreckten Fingern eine Fünf zeigte, fünf Minuten Interview hatten wir also noch. Sobtschak verscheuchte ihn ungeduldig wie eine lästige Fliege; er war in seinem Gedankenfluss gestört worden, und wir mussten die Kassette wechseln, diese Passage wiederholen, aber Sobtschak fand von Neuem in seinen Traum von einem durchkapitalisierten, demokratischen, rechtssicheren Russland hinein, das sich in die europäischen und westlichen Entwicklungen einklinken werde. Mit Vehemenz warb er für sein damaliges Lieblingsprojekt, die Schaffung einer wirtschaftlichen Sonderzone St. Petersburg mit den baltischen Republiken und anderen Anrainern der Ostsee. Er sollte damit allein bleiben, die Balten verabschiedeten sich aus der Sowjetunion und strebten auf eigene Faust nach Europa.

Zweimal noch wedelte er den ungeduldig Minuten zeigenden Zerberus hinaus, da waren es aber nur noch drei und dann zwei Finger; im Vorzimmer muss es einen hektischen Besucherstau gegeben haben. Letztendlich hatten wir mehr als eine Stunde Interview auf Band aufgenommen, bevor uns Sobtschak, intellektuell befriedigt und gesättigt wie von einem guten Mahl, entließ. An die Verabschiedung vom Türsteher kann ich mich, wahrscheinlich im Journalistenglück schwelgend, nicht mehr erinnern.

Drei Monate nach dem Mauerfall kam ein abgehalfterter Spion aus Dresden/DDR zurück und wurde vom KGB Leningrad wegen personeller Überkapazitäten als Oberstleutnant in die Reserve entlassen. Anfangs schlug er sich als Taxifahrer durch, bis ihm sein früherer Jura-Professor an der Universität eine Assistentenstelle verschaffte. Als wir im Mai 1991 W.W. Putin trafen, war er im Bürgermeister-Amt Mädchen für alles, nach Sobtschaks Wahl zum Gouverneur von St. Petersburg wurde er einer von dessen Stellvertretern, zuständig für die Außenhandelsbeziehungen, wegen seiner Deutschkenntnisse mit Schwerpunkt Deutschland.
Erst als 1998 ein gewisser W.W. Putin FSB-Chef (Inlandsgeheimdienst, Nachfolger des KGB) wurde, tauchten sein Gesicht und sein Name in einer breiteren Öffentlichkeit auf.
Erst da wurde mir klar, wer mir damals im Smolny die Tür aufgehalten hatte.

Die weiteren Karrieresprünge des W.W. Putin in den Jahren seither sind hinlänglich bekannt. Als Sobtschak 1996 abgewählt wurde, zeigte sich schon das Menetekel an der Wand: Nicht intellektuelle Romantiker mit hochfliegenden Demokratieträumen, sondern die alten KGB-Seilschaften griffen nach der Macht. In einer politischen und medialen Hetzjagd wurde Sobtschak betrügerischer Machenschaften in der Außenwirtschaft beschuldigt und ins Exil getrieben. Zwei Jahre lehrte er an der Sorbonne, kehrte 1999 nach Petersburg zurück, wurde Putins Wahlhelfer und starb 2000 unter ungeklärten Umständen – offiziell an Herzinfarkt – bei Kaliningrad, gerade als W.W. Putin zum ersten Mal russischer Präsident wurde. Dieser hat seither Regierungs- und Kleidungsstil mehrmals gewechselt, die Vorliebe für Protzuhren ist ihm geblieben.

26.12. 2013

Veronika Seyr
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veröffentlicht in Literatur&Kritik, März 2014, Nr. 481/482

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Am größten ist aber die Liebe

1. Korinther 13:13

(Über Wassilij Pawlowitsch Axjonow,* 20.8.1932 in Kazan, +2009 in Santa Monica, und seine Mutter Jewgenia Ginsburg
20.8.17 Geschichte zu schreiben begonnen, an seinem 85. Geburtstag (Zufall?) bis zum 22.8. 2017,
Kirill Serebrennikow, Regisseur, Jude, schwul, in St. Petersburg verhaftet.
Verhaftete Bücher - Vorgänger: Dr. Schiwago von Pasternak, Leben und Schicksal von Wassilij Grossmann, Archipel Gulag von Solschenizyn, Ermordung von Meyerhold und Michoils und vielen anderen)

Jewgenia Ginsburg und Pavel Axjonow feiern gerade den vierten Geburtstag ihres Sohnes Wassilij auf der Datscha bei Kasan. Der 20. August 1937 ist ein warmer Sommertag, aber der Wind schickt schon einen kalten Hauch aus der Steppe von jenseits der Wolga herüber. Jewgenia hat Ferien vom Pädagogischen Institut, Pavel, der Parteiarbeiter, bekommt eine Woche Urlaub. Wie alle Datschen in den Vororten besaß das Holzhäuschen am Steilufer einen kleinen Garten, in dem Jewgenias Schwiegereltern Paradeiser, Gurken, Bohnen, Karotten, Kraut Kartoffeln und Kräuter zogen. In einer Ecke hinter dem Schuppen wuchs ein zerzauster Vogelbeerbaum. Für mehr war nicht Platz in dem Zehn-Quadatmeter-Gärtchen. In der schönen Ecke der Stube hingen eine Ikone und das ewige Licht, die Mutter trug in ihrem Gebetbuch ein Stalin-Bild, das sie so küsste wie die Ikonen. Sie hielten eine Ziege, drei Hühner und einen zugelaufenen Straßenhund, den Pawlik. Pawlik war von Anfang an Wassilijs Beschützer und Gefährte gewesen. Wasjas großer Bruder, scherzten die Erwachsenen, oder seine njanja, die Kinderfrau. Er wird einmal ein Puschkin, weil der hatte ja auch seine „nounou“, die Ariana Rodionowna. Pawlik benahm sich so wie eine Hundemutter gegenüber ihren Jungen. Schon neben dem Säugling saß er stundenlang und bewachte seinen Schlaf. Als Wassilij laufen lernte, stupste der Hund ihn an, wenn er umfiel, leckte er ihm das Gesicht, wenn er weinte, begleitete ihn auf Schritt und Tritt durch das Gärtchen und war für jedes Spiel zu haben.
Wenn die Eltern das Kind durch die Wolga-Auen ausführten, lief der Hund in treuer Ergebenheit hinter ihnen her, Pawliks Familie. Er selbst war Waise, und Straßenjungen hatten ihm mit einem Stein das Auge eingeschossen.
Auch lahmte er ein bisschen auf dem linken Hinterbein, die Schwanzhaare waren abgebrannt und wuchsen nicht nach.

Genia und Pawel waren beide glühende Kommunisten und Aktivisten in der Partei, Pawel sogar im Stadtkomitee für Wasserwirtschaft angestellt.
Trotzdem konnten sie es nicht lassen, den Hund insgeheim Batjuschka - Väterchen zu nennen, kicherten dabei und meinten damit Stalin. Pawliks eines Auge war gelb, und unter seiner Schnauze stand ein buschiger Schnurrbart. Er war, gelinde gesagt, hässlich wie eine Sturmnacht. Aber treuer und liebevoller als Pawlik konnte niemand sein. Er ist wie unsere Partei, flüsterten die Eltern, wenn sie allein waren.
Wenige Tage nach Wassilijs Geburtstag werden beide Eltern von der Staatssicherheit verhaftet. Jewgenia wird wegen „trotzkistischer Umtriebe“ zu zehn Jahren Gulag verurteilt und zu anschließender ewiger Verbannung; vom Vater verliert sich sofort jede Spur, er ist im stalinistischen Räderwerk zermahlen worden. Der Vierjährige kommt zuerst nach Kostroma in ein Heim für Kinder von Volksverrätern, später können ihn die Großeltern zu sich nach Kasan holen. Nach fast zwölf Jahren, 1948, gelingt es Jewegnia, den Sohn in ihr Verbannungsgebiet von Magadan im äußersten Osten der Sowjetunion nachzuholen. Ihr erster Sohn war während der 900-tägigen Belagerung in Leningrad verhungert. Als die Mutter bei der Ankunft ihres überlebenden Sohnes zu weinen anfing, flüstert er ihr zu: „Weine nicht vor denen.“

So beschreibt sie später die Wiedersehensszene in ihrem Erinnerungsbuch „Gratwanderung“. Wassilij bleibt zwei Jahre bei ihr, beendet die Schule und geht dann zum Medizinstudium nach Kasan. 1949 setzt Stalin die Verhaftungswelle gegen jüdische Ärzte in Gang, Genia, die inzwischen im Lager einen deutschen Arzt geheiratet hat, gerät in den letzten Stalin‘schen Wahn, der erst durch dessen Tod im März 1953 beendet wird. Als die Staatssicherheit die Mutter verhaften will, stellt sich der Siebzehnjährige vor die Schergen und sagt:
„Ich habe schon mit vier Jahren weder Vater noch Mutter gehabt, und jetzt, wo es mir endlich gelungen ist, meine Mutter wiederzufinden, wollt ihr sie mir wegnehmen.“ Die Mutter wird abgeführt, aber der KGB-Oberst, dem die Worte mitgeteilt worden waren, lässt die Mutter frei.
Der Oberst zu Jewgenia Ginsburg:
„Ein erstaunlicher Junge, Ihr Sohn. Ich habe auch so einen, in diesem Alter. Aber ich weiß nicht, ob er für seinen Vater in der Situation dasselbe tun würde. Schauen Sie, so hat jedes Unglück auch seine gute Seite. Jetzt wissen Sie wenigstens, wie sehr Ihr Sohn Sie liebt.“

In ihrem ersten Erinnerungsband „Marschroute eines Lebens“ beschreibt sie diese Szene.
1955 wird sie von Chruschtschow rehabilitiert und darf nach achtzehn Jahren ihren Verbannungsort verlassen. Für Heinrich Böll, der sie in Moskau besucht, ist sie „ein weiblicher Hiob, ein Lazarus, ein Odysseus auf den Irrfahrten zwischen einigen Höllen und einigen hingetupften Himmeln“.  Er schreibt das Vorwort für die „Gratwanderungen“, das kurz nach ihrem Tod bei Mondadori erscheint. Über den Besuch ihres Sohnes in Magadan schreibt sie:
„Ich bekam Herzklopfen vor freudiger Erregung, als er in der ersten Nacht begann, mir Gedichte vorzutragen, die für mich in all den Lagerjahren Leben, Sterben und wieder Leben bedeutet hatten. Wie für mich war auch für ihn die Poesie der Schutz vor den Härten der Realität. Die Poesie war seine Art, Widerstand zu leisten. Bei diesem ersten nächtlichen Gespräch waren Blok, Pasternak, die Achmatowa dabei. Und ich freute mich, dass ich im Überfluss von dem besaß, was er von mir bekommen wollte.“
Und der Sohn zu seiner Mutter:
„Jetzt begreife ich, was das heißt: eine Mutter ... Ich begreife zum ersten Mal … eine Mutter … das ist vor allem Selbstlosigkeit. Und dann … und dann noch dieses: Ihr kannst du deine Lieblingsgedichte aufsagen, und wenn du steckenbleibst, setzt sie fort, wo du aufgehört hast.“

Seine Mutter und der deutsche Arzt Anton Walter überredeten ihn, Medizin zu studieren, weil sie beobachtet hatten, dass Ärzte im Gulag eher überlebten als andere Menschen. Sie dachten weit voraus in seine Zukunft, konnten sich aber für den Sohn eine Welt ohne Lager gar nicht vorstellen. Ganz knapp vor Stalins Tod im März 1953 wurde er als Sohn von „Volksschädlingen“ von der Uni Kasan relegiert. An der zweitältesten Universität Russlands hatten schon der Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoj und ein gewisser Uljanow studiert, der wegen revolutionärer Umtriebe rausgeworfen worden war.

Später darf Axjonow in Leningrad zu Ende studieren und wird für zwei Jahre Arzt. Aber die Literatur lässt ihn nicht los. Er nützt das kurze kulturelle Tauwetter unter Chruschtschow und holt die ganze westliche Literatur nach: Kafka, Faulkner, Hemingway, Robbe-Grillet. Dann beginnt er selbst Erzählungen zu schreiben, sie werden gedruckt, und er wird zum neuen Jugendidol. Er benutzt den Slang der Jugend, lässt seine Helden gammeln, durch die Welt ziehen und huldigt westlichen Moden. Er ist der sowjetische Beatnik der 60er-Jahre, repräsentierte wie kein anderer das Lebensgefühl der Jugend, er war beliebt und populär wie sonst nur noch Jewtuschenkos Lyrik. Dann bekommt er Schwierigkeiten wegen seiner „bourgeoisen Haltungen“ und wird aufgefordert, sich nicht dem „entarteten Typus der Jugend“ zu widmen. Er kommt aber glimpflicher davon als sein Chefredakteur bei „Junost“ (Die Jugend) Valentin Katajew, der abgesetzt und nach Nowosibirsk strafversetzt wird, damit er „das echte Sowjetleben kennenlernt“.

1968 erscheint sein erster ernstzunehmender Roman „Brandwunde“ (Oschog), was man übersetzen müsste, wie es sich anfühlt, in brennender Haut zu stecken.
Während der Okkupation der CSSR verirrt sich ein sowjetischer Panzer nach Italien und bleibt im Touristenverkehr stecken. „Bösartiges Gesudel“ schreibt die Korrespondentin der Literaturnaja Gazeta aus Prag.

Dann wird es ruhiger um Axjonow, bis er 1978 mit anderen Autoren wie Andrej Bitow, Fazil Iskander und Viktor Jerofejew den Literatur-Almanach Metropol im Samizdat herausbringt, der in der Sowjetunion verboten, im Westen nachgedruckt wird. Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und dem Verband der Filmschaffenden, zuerst Ausreiseverbot nach Cannes, um Andrej Tarkowskis „Stalker“ zu begleiten, dessen Drehbuch Axjonow geschrieben hatte, dann Ausweisung und Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Am Flughafen entdecken die KGBler eine Bibel in seinem Reisegepäck, die sie ihm abnehmen wollen. Seine Frau kann die Staatsschützer überzeugen, dass von der Ausfuhr einer Bibel keine Gefahr für den Sowjetstaat ausgeht. So dürfen sie sie behalten und sie liegt seither im Regal in Santa Monica. „Der religiöse Mensch weiß, dass er glaubt. Der Marxist glaubt, dass er weiß. Das ist das Unglück der Marxisten.“

Im ersten Exil-Roman „Die Insel Krim“ rechnet er mit der Sowjetunion ab. Die Halbinsel trennt sich 1920 vom Festland ab und beschließt, weiterzuleben wie im alten Russland, ohne die bolschewistische Zäsur. Die Insulaner leben lange gut, reich, glücklich und gottgläubig, bis sie alles verspielen. Sie wollen alles haben, auch eine Ideologie wie das große Nachbarland. Eine kleine Gruppe von Intellektuellen putscht und führt den Bolschewismus ein. So kommt der Terror auf die Krim und vernichtet alle. Eine erschreckend weitsichtige Zukunftsvision. Die Annexion der Krim durch Putin im März 2014 hat der 2009 verstorbene Axjonow nicht mehr erlebt.

Aber wie mussten die Worte seiner Mutter in ihm gebrannt haben, mit denen sie das Aufzeichnen ihrer Lebenserinnerungen begründet:
„Ich habe mich bemüht, alles im Gedächtnis zu bewahren, in der Hoffnung, es eines Tages jenen guten Menschen erzählen zu können, jenen echten Kommunisten, die mich irgendwann gewiss, ganz gewiss anhören werden.“

Diese guten Kommunisten haben ihn gerade aus dem Land geworfen.
So hat sie den Sohn „in brennender Haut“ zurückgelassen und mit seinem eigenen Ratschlag: Weine nicht vor denen.

20.8. 2017, an Axjonows 85. Geburtstag

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 18026

Baujahr 1967 - Summer of Love

geschrieben anlässlich von Ö1-Dimensionen im Sommer 2017

Ich bin nicht Geburtsbaujahr 67, sondern 48. Aber 1967 war in vieler Hinsicht ein Neuanfang, mein Schritt in die Neue Welt, in die Welt überhaupt. So scheint es mir. Nach der Matura begann ich an der Universität Wien Dolmetsch zu studieren, Russisch-Englisch, im Nebenfach Psychologie. Beides ungeliebt, zwei falsche Entscheidungen. Überhaupt war die ganze Uni eine bodenlose Enttäuschung, keine Uni-Versität. Nichts von der in den qualvollen Schuljahren erträumten Freiheit.

Noch ein Jahr und noch eins, dann bin ich durch und weg. Dann kann mir niemand mehr etwas anhaben. Frei. Noch mehr Zwang, und das ohne den relativen Schutz eines kleinen Provinzgymnasiums. Ein gehasstes Studium, obwohl ich Erfolge erzielte, d. h. gute Noten, die mir ein Begabten-Stipendium einbrachten. 500 Schilling pro Semester für den Notendurchschnitt von 1,2. Kein Sozial-Stipendium, dazu waren meine Eltern zu reich, obwohl sie nur kinderreich waren.
Sechs Geschwister, von denen vier vor mir studierten. Von Anfang an war ich auf der Suche nach etwas anderem. Sammelte wie ein Hamster das andere, schnüffelte an vielem herum. Als Halb-Landpomeranze mit eigenwilligen Träumen hatte ich die Illusion, mit dem Dolmetsch-Studium in die UNO an den East River zu kommen. Nebenbei ging ich auf das philosophische Institut und hörte Vorlesungen bei den Professoren Mader und Heintel jun. über Feuerbach und den jungen Marx. Meistens waren es nur Schreiduelle zwischen sattelfesten Genossen und dem Professor. Mit einem befreundeten Medizinstudenten besuchte ich seine Anatomie-Vorlesungen und Sezier-Kurse. Diese hielt ich nicht lange durch, weniger wegen der zerschnittenen Brüste, Penisse, Ohren- und Handknöchelchen, sondern weil ich Formalin- und Leichengestank nicht vertrug. Die Psychologie war überhaupt die größte Pleite. Ich dürstete nach Freud und bekam Farbenlehre und Statistik.

Da kam im Frühjahr ein Rettungsengel geflogen in Form eines Briefes von Freunden meiner Eltern aus New York. Ein Arzt-Haushalt suchte für die behinderten Kinder ein Kindermädchen, eine große Schwester. Katholisch und Englisch-Kenntnisse waren die einzigen Voraussetzungen. Meine älteste Schwester stand kurz vor ihrem Uni-Abschluss und war verlobt. Die nächste war mitten in ihrer Ausbildung, die jüngste noch in der Schule. Also blieb ich, und ich griff zu. Seit den USA-Jahren meiner älteren Geschwister wollte ich auch dorthin, in dieses Wunderland. Dem Brief waren zwei grüne Scheine beigelegt, 200 Dollar für die Passage. Eine ungeheuerlich große Summe, ein Dollar war damals 26 Schilling wert. Ich lief durch Wien und suchte in den Reisebüros nach den günstigsten Angeboten. Meinen Traum von einer Schiffsreise, mit einem Dampfer über den Atlantik, musste ich mir schnell abschminken, stellte sich als unfinanzierbar heraus. Es sollte eine Eisenbahnfahrt nach Luxemburg werden, von dort mit der Billig-Fluglinie Loftleidir nach Island – sogar eine zwei Tage-Island-Rundreise ging sich noch aus – und weiter nach New York. Das machte zusammen genau 200 Dollar aus. Für das US-Visum musste ich einen Pocken-Impfnachweis vorlegen. Es stellte sich heraus, dass ich als Kind zwar gegen Pocken geimpft wurde, die Immunisierung aber nicht angeschlagen hatte.

Also nachholen. Am Tropeninstitut in Wien wiegte man bedenklich die Köpfe. Schwierig, gefährlich mit neunzehn. Sie verlangten die Unterschrift meiner Eltern, man war ja damals in diesem Alter noch nicht volljährig. Dort wieder viel Kopfschütteln, aber ich gab nicht auf. Vor der Impfung musste ich meterlange Papiere unterschreiben, die aufzählten, welche schrecklichen Krankheiten bis zur Todesfolge ich bekommen könnte, ohne dass die Ärzte verantwortlich wären. Ich beschwor die Bilder von der Freiheitsstatue, der Skyline von Manhattan, der kalifornischen Küste und des Grand Canyon. Und Alaska, ich weiß nicht warum. An diesen Gipfeln klammerte ich mich besonders fest und an die Inseln der Beringstraße, die Treppenstufen nach Russland.
Ich hielt durch. Die Impfung in vier Portionen, das Pockenserum, in den linken Oberarm, und in den linken Oberschenkel das Gegengift, alles sehr schmerzhaft. Nach der Bezahlung und der Aushändigung des begehrten Impfpasses fuhr in mit der Franz-Josefs-Bahn nach Hause. Damals noch eine Stunde. Mehrmals verlor ich fast das Bewusstsein und rutschte von der Bank. Vom Bahnhof Tulln bis zu unserem Haus konnte ich nur noch auf allen Vieren kriechen, die ganze linke Seite hatte keine Kraft mehr. Man brachte mich ins Bett und verarztete mich mit Tee und Eierspeise. Tagelang hatte ich hohes Fieber und konnte mich über die Stufen aus dem oberen Stockwerk zum Bad nur ringelnatternartig fortbewegen. Die vier Einritzungen am Oberarm schwollen an und sahen aus wie die Beulenpest – eitrige, schwellende Dippeln in Gelb-Grün-Schwarz – und im Oberschenkel schien ein Stein zu liegen. Das Gegenserum hatte sich im Körper nicht aufgelöst.

Zu meinem Unglück war es noch dazu Anfang Juni 1967 – der Sechs-Tage-Krieg war ausgebrochen, Luft- und Wüstenkämpfe zwischen Israel, Ägypten und drei anderen arabischen Ländern. Die Welt stand in Flammen. Meine Eltern sagten kategorisch nein. Du wirst nicht reisen! Ausgeschlossen! Ein bisschen Übung hatte ich schon; im Frühjahr des Vorjahres gab es eine ähnliche Situation, als ich mit einer Gruppe von Freunden nach Prag reisen wollte.
In ihrer Kommunisten- und Kriegsfurcht fanden sie das für zu gefährlich.
Da kommt ihr nie wieder und landet in einem sibirischen Lager.
Wir fuhren und erlebten die frühen Anfänge des Prager Frühlings. Offenbar konnte ich sie jetzt überzeugen, dass dieser Krieg in der entgegengesetzten Richtung lag. Aber ich vermute, dass sie sich ihren New Yorker Freunden so verbunden fühlten, dass sie sie nicht enttäuschen wollten, keine ihrer Töchter zu schicken. Die Lähmung im linken Bein ließ ein wenig nach und ich konnte aufstehen und gehen. Dafür blühten die vier Pocken-Einritzungen im Oberarm immer mehr auf. Das war nicht lustig. Aber ich hatte diesen Traum von Amerika, die Macht der inneren Bilder. Die Beulen konnte ich irgendwie verheimlichen, sodass ich an einem der letzten Juni-Tage leibhaftig im Nachtzug nach Luxemburg saß.

Was heißt sitzen, ich lag in einer Viererkoje, hatte hohes Fieber und mir war ununterbrochen schlecht. Echt krank. Verschwommene Erinnerungen an den Bahnhof Köln, umsteigen im Morgengrauen und durch das Moseltal nach Luxemburg. Die angeblich so lieblichen Flusswindungen verstärkten nur meine Übelkeit. Im Grand Parc du Luxembourg hing ich den ganzen Tag auf Bänken herum, hundeelend und halbohnmächtig, den Koffer immer fest im Griff. Ich wartete auf den Abflug meiner Maschine nach Reykjavik spät am Abend. Dass es da und dort Warteräume mit Gepäckaufbewahrung gab, kam mir nicht in den Sinn, noch völlig ungeübt im Reisen. Meine weitesten Reisen bis dahin waren nach München gegangen, mit Zwischenstation in Salzburg, im Süden Grado und im Westen Innsbruck. Das war mein erfahrener Weltradius damals.
Im Flugzeug – meine erste Flugreise natürlich – saß ich neben einem Amerikaner. Wir kamen ins Gespräch. Sehr charmant. Sehr fesch. Michael aus Florida, stellte er sich vor, Kampfpilot im Korea-Krieg und auch jetzt noch bei der Army, derzeit in Florida stationiert. Der Korea-Krieg fing 1950 an, also musste er mindestens 37, 38 sein, rechnete ich schnell nach, für mich mit 19 alt, uralt, fesch und charmant zwar, aber auch im gesündesten Zustand unvorstellbar. Aber ich war ja ohnedies die ganze Zeit hinüber.

Im Flughafen-Hotel von Keflavik das gleiche Elend. Ein Zimmer im siebenten Stock, so hoch war ich noch nie gewesen, außer auf Bergen. Schwindel, Fieber und Erbrechen. Beim "Swedish Table- Seven Rounds- all inclusive“ – so stand es auf dem Voucher – traf ich Michael wieder. Er war schon fröhlich beschwingt bei seiner vierten Runde. Ich schaffte nicht einmal eine von den unzähligen Vorspeisen, die endlos großen Platten verschwammen vor meinen Augen, dass mir schwindlig wurde und alles zu kreisen begann. Die Schalen, Schüsseln und Tassen mit Saucen schienen mir um die Ohren zu fliegen, so dass sich der Magen wieder umdrehte. Ich stürzte zurück auf mein Zimmer. Wie habe ich es gefunden? Vielleicht hat mich auch jemand vom Personal begleitet.
Wie er hereinkam, weiß ich nicht mehr. Als er mich auf dem Bett aus meinem hellblauen Kostümchen zu schälen versuchte, leistete ich Widerstand. Meine katholische Erziehung wirkte nachhaltig, ich war kein lustiger Teenager, sondern ein ernstes Mädchen mit hochfliegenden Plänen.

Von den Ausflügen zu den Geysiren, Wasserfällen, Gletschern und Vulkanen ist kaum etwas in Erinnerung geblieben. Einzig der Blick von einer Steilklippe aus, die vulkanische Geburt einer neuen Insel, davon habe ich eindrückliche Bilder und Empfindungen. Wie das Ausatmen eines riesigen, unterseeischen Tieres spie das Meer schwarze Gesteinsbrocken in die Luft, da pfauchte, rauschte, toste, polterte, spritzte es und stieß Fontänen aus, und das in so gleichmäßigen Intervallen, als wäre das Schauspiel von einem verlässlichen Kraftwerk nach der Uhr gestellt. Ich erinnere mich noch an die streng schwefelhaltige Luft und an das kochende, weiß-schäumende Meerwasser.

Es war der 4. Juli 1967, als ich in New York ankam und von meiner neuen Familie empfangen wurde. Die Stadt irre heiß und schwül, humid, ein feuchter Backofen, keine Luft zum Atmen, ein steinharter Fetzen legte sich einem auf die Brust. Eigentlich wollten mich die Wagners direkt zu den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag führen, ich musste aber eingestehen, dass es mir gar nicht gut ging, sorry, really sick. Zum Erbrechen gab es nichts mehr in meinem Körper, so schaffte ich es, in ihrem Cadillac versunken, einigermaßen manierlich den Hudson-River aufwärts, durch New Jersey über den Palisades Parkway, nach New City bei White Planes, Upstate N.Y., wo die Wagners lebten. Ich bekam kaum etwas davon mit.
Ein verwischter Film vor den Autofenstern bis zu 189 Little Tor Road North. Was mussten sie denken, welch krankes Vögelchen sie sich eingehandelt hatten. Mr. Wagner war Chirurg, Krebsspezialist und Vice-President der Medical Society of Surgeons von New York, ein großes Tier. Mein Oberarm mit den schwarz-bläulich-gelben Blasen wurde behandelt, immer wieder abgetupft, beträufelt und bandagiert. Ich hatte in diesem Ärztehaushalt die höchste Pflegestufe, denn ich kochte gerade wirklich die Cholera aus. So lag ich dämmernd im rundum rosa Mädchenzimmer der ältesten Tochter Kathleen, genannt Kit. Ich war keine Hilfe, kein Kindermädchen für die zwei Kleinen und der kranken Mrs Wagner keine Unterhaltung, nur ein Häufchen Elend aus Good Old Europe. Um Gottes Willen, es musste ihnen geschienen haben, als sei ich gerade noch aus der Quarantänestation von Ellis Island entkommen.

Richard-Dick war sieben und retarded, also zurückgeblieben, die vierjährige Amy mit multiple palsy, halbgelähmt, durch einen Gehirnschaden bei der Geburt. Zwei Kinder waren gestorben, nur die achtzehnjährige Kit war gesund und studierte in Boston. Ich war nicht angestellt wie die beiden Hausmädchen, sondern als Haustochter aufgenommen, und für Mrs Wagner ein kleiner Trost für die Abwesenheit ihrer Tochter.

Sie verziehen mir alles. Diese grenzenlose Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Geduld und Aufnahmebereitschaft der Familie Wagner/Finkernaegel, sie schlug mir in jedem Moment entgegen. Mr Wagner hatte deutsche Vorfahren, seine Frau Vera niederländische. Der Michael aus dem Flugzeug war beharrlich, er kam immer wieder vorbei und warb um mich. Er meinte es ernst, wollte mich heiraten, ernstlich, nach Florida entführen und mindestens drei Kinder bekommen. Er hatte einen guten Job in der Armee, könnte mich und die Familie leicht ernähren und uns ein angenehmes Leben bieten. Einzig, wir würden vielleicht öfters übersiedeln müssen, in alle Welt, wohin die Army ihn eben schickte.
Als ich endlich die fatale Wiener Pockenabwehr überwunden hatte, normal aufstehen, gehen und essen konnte, wollte mich meine Gastfamilie endlich nach New York City ausführen. Aber inzwischen waren in New Jersey die schlimmsten Rassenunruhen ausgebrochen. Tagelang auf den TV-Schirmen nichts anderes als Straßenschlachten in Newark und Jersey City, brennende Häuser, Schlägereien, Plünderungen und Polizeiexzesse. Auch in Detroit und Chicago. Diese Bilder waren immer und überall präsent, liefen Tag und Nacht samt Wiederholungen von dem brutalen Polizeieinsatz am „Bloody Sunday“ im März 1965 gegen den Menschenrechtsmarsch von Selma nach Alabama. Gouverneur George Wallace ließ die friedlichen Marschierer von der lokalen Polizei brutal verprügeln und mit Wasser und Tränengas auseinandertreiben.

Man konnte auf der Autobahn, dem Palisades Parkway, nicht von New City und White Planes nach New York kommen. Der Garden State New Jersey stand in Flammen. Newark war weiträumig gesperrt. Wir saßen den Rest des Juli in New City fest. So hielt diese Seite des realen Amerika bei mir Einzug.
Das Haus der Wagners hatte damals neun TV-Geräte, vom Living Room über die Schlaf- und Kinderzimmer bis in die Garagen, die Werkstatt des Hausherrn und in die Zimmer der zwei norwegisch-schwedischen Hausmädchen. Man schien sie zu kaufen wie andere Haushalte ihre Klopapierrollen. Bei uns zu Hause war gerade nach heftigen Grundsatzdiskussionen das erste Leihgerät hereingekommen und dem Vater vorbehalten, damit er für mehrere Zeitungen seine TV-Kritiken und sonstige Artikel schreiben konnte.

Irgendwann beruhigte sich die Lage in New Jersey wieder, bzw. war im TV zu sehen, wie die Aufstände von der Polizei niedergeknüppelt und im Tränengas aufgelöst wurden. Zwischen den abklingenden Fieberträumen meinte ich auf einem anderen Planeten zu leben.
Meine Gastfamilie brachte mich tatsächlich nach New York City, wo wir auf der 49th Street die beste Freundin der Wagners trafen. Mrs Friedman, die bald meine beste Freundin wurde, Louise eine Emigrantin aus London, wie mir die Wagners erklärten, eine Künstlerin, die erste emanzipierte Frau meines Lebens. Eine Außerirdische. Auf Wunsch von Kit wurde beschlossen, mich auf dem Broadway in ein Movie auszuführen, und sie wählten einen für mich passenden Film, „Sound of Music“ mit Julie Andrews in der Hauptrolle als Baronin Maria August von Trapp. Kit konnte die Songs und Dialoge auswendig, sie sang und sprach mit. Edelweiss, Edelweiss, every morning you greet me, ….. Sie hatte den Film schon fünfmal gesehen, weinte noch immer über die Schnulze und strahlte mich glücklich an. How lovely, Austria is so beautiful! You are lucky.

Ich fiel beinah von einer Ohnmacht in die andere, wie wild die Schauplätze, die Landschaften zusammengeschnitten waren. Julie Andrews lief aus dem Stadtschlösschen in Salzburg raus auf eine Wiese und schmetterte im nächsten Bild hoch über der Burg von Werfen ihren nächsten Song, gleich danach saß sie am Rande des Krimmler Wasserfalles und hütete die angeheiratete Kinderschar, die im nächsten Bild entlang des Wolfgangsees wandernd ihre Liedchen trällerte. Ich kannte das Salzkammergut seit Kindestagen sehr gut, hatte aber vom Filmschnitt keine Ahnung. Ich fühlte mich herumgeschleudert wie in einer Hochschaubahn, schwindlig, blöd im Kopf und schlecht im Magen.
Als nächsten Programmpunkt hatten meine Gastgeber den Besuch in einem Wienerwald-Restaurant vorgesehen, wo sie mir Schnitzel mit mashed potatoes, Bratensauce, Ketchup und Mayo vorsetzten. Oh Wunder – mein erstes Coca Cola. Weder meine Augen noch meine Gedärme vertrugen das. Ich erinnere mich an mein Staunen über den Palast der Toiletten im Untergeschoß, in das mich Kit begleitete. Ich musste passen und freute mich auf den Apfelstrudel. Aber was kam da auf den Tisch? Ein Riesenteller, auf dem der angebliche Apfelstrudel unter einem Berg von Vanilla Ice Cream und einer Haube Schlagobers nicht zu sehen war, geschweige denn zu schmecken. Erst bei einem Spaziergang über den Times Square zum George Washington Platz in den Central Park kam ich wieder einigermaßen zu mir und schaffte die Rückfahrt, ohne auffällig zu werden.

Trotz des schlechten Einstands wurde ich schnell zu einer New-York-Liebhaberin, besuchte oft Mrs Friedman, bald für mich Louise, die mich mit ihrem alten Volkswagen herumkutschierte. Sie führte mich zu allen berühmten Orten, in die Museen, auf die Märkte und zeigte mir die no go areas. Viel mehr als Manhattan hat man mir nicht erlaubt. Als ich das öffentliche Verkehrsnetz der nicht verbotenen Viertel intus hatte und einige Male mit dem yellow cab gut und richtig angekommen war, erlaubte man mir, allein den Schnellbus von White Planes nach N.Y. zu nehmen.

Michael aus Florida kam mich mehrmals besuchen. Er ließ nicht locker, ich sei die erste Frau, die er wirklich heiraten wollte. Die Wagners – stramme Katholiken – waren wunderbare Gastgeber und empfingen ihn freundlich, brachten es aber zustande, uns nie allein zu lassen. Bei den Ausflügen nach New York war die zarte Louise, dicht zwischen uns, unser watchdog.
Irgendwann im Herbst hat Michael sein Interesse an mir verloren und schickte mir eine Einladung zu seiner Hochzeit mit einer ihm gleichaltrigen Kubanerin Maria in Orlando. Ich wäre gerne nach Florida gefahren, aber Vera ging es immer schlechter, sie verlor den letzten Schatten ihres Augenlichts, konnte kaum mehr aufstehen und brauchte einmal pro Woche eine Dialyse. Zur ständigen Betreuung kam eine irische Krankenschwester ganz ins Haus. Moira.
In kultureller Hinsicht wurde ich nicht nur mit Sound of Music beschenkt, sondern ich lernte erstmals die Beatles kennen, gerade als sie sich als Band auflösten, die Rolling Stones, Bob Dylan, Bob Marley und andere Musiker, die bald danach in Woodstock berühmt werden sollten und viele Produkte aus Hollywood, die bisher an mir vorbeigegangen waren.

Bei jedem Besuch in New York City führte mich Louise in ein Museum, ins Kino oder eine Broadway-Revue, meistens war es Radio City Music Hall, hier hörte ich auch das erste Konzert, in dem Leonard Bernstein dirigierte und den Kindern klassische Musik erklärte. Unerhört bei uns, dass ein Dirigent sprach, noch dazu zu unruhigen Kindern. Mit der Überheblichkeit der Jugend staunte ich über Louises Begeisterung für die Moderne: Sie ging bei Keith Haring, Andy Warhol und Yoko Ono ein und aus und besuchte schwarze Untergrundtheater und gay shows. Davon sprachen wir aber vor den Wagners nichts. Obwohl wir uns einmal fast verplapperten bei der Besprechung des Skandals, den der Anschlag der Fundamental-Feministin Valerie Solana auf Andy Warhol verursacht hat. Er schloss dann seine Factory, die bis dahin jedem Kunstinteressierten offengestanden war. Viel später erst erfuhr ich, dass sie ehrenamtlich an verschiedenen sozialen Einrichtungen Kunst- und Literaturunterricht gab.

An den East River, in die UNO, kam ich erstmals nicht als Dolmetsch, sondern als Touristin. Als ich einmal auf der Besuchergalerie der Eröffnung der Sitzungsperiode beiwohnen durfte, wurde mir klar, dass ich als Dolmetsch nie das erleben würde, was mich an der UNO interessierte. Lyndon B. Johnson war US-Präsident, den ich so sehr hasste, weil er meinen geliebten Jugendhelden John F. Kennedy beerbt hatte, als hätte er ihn umgebracht.
In der Kultur des amerikanischen Alltags unterrichtete mich Kit. Wortlos, ohne Vorwurf oder Erklärung stellte sie mir ein Set mit Rasierapparaten und Pedikürinstrumenten für Frauen ins Badezimmer, einen Schminkkoffer, Batterien von Sprays, Dosen mit Körperpuder und eine Riesenpackung mit Tampons hin, alles Novitäten für mich, die erzogen war in dem Glauben, dass die Natur Schönheit schafft und Schönheit aus Natur besteht. Die Botschaft habe ich verstanden, ich war für sie ein niedliches, nützliches, aber unappetitliches und unkultiviertes Stinktier. Ich stieß einmal eine volle Puderdose um, what a mess, dieser allerfeinste Staub ließ sich nie wieder ganz beseitigen.

Im August fuhren wir zu sechst im Cadillac für zwei Wochen durch den ganzen Upstate nach Kanada, in Montreal hatte die Expo aufgemacht. Ich kann mich an wenig erinnern; die Kinder strebten nach den Disneyland-Attraktionen, ich konnte mich kaum vom israelischen Pavillon, dem L‘Habitat, losreißen. Da bekam ich die erste Ahnung von moderner Architektur. Die meisten meiner damals geschossenen Fotos zeigen verwackelte Aufnahmen vom Habitat. Erst später erklärte mir Louisa die Zusammenhänge: wie gut sich die israelischen Architekten in die Wohnanlagen der amerikanischen Ureinwohner einfühlten und damit etwas weltweit Neues und Sensationelles schufen. Damals wollte ich Architektin werden, noch nie hat mich ein Bauwerk so beeindruckt. Aber mein Einblick in die Welt war damals noch sehr schmal.
Ansonsten sind mir nur das Luxus-Hotel im Palais Royal und die Schifffahrt auf dem St. Laurent River in Erinnerung, groß und endlos wie ein Meer. Das Highlight für die Kinder kam dann in Cooperstown, einem künstlich aufgebauten Städtchen mit Figuren und Szenen aus dem Buch von James Fenimore Cooper „Der letzte Mohikaner“, der Klassiker der amerikanischen Jugendliteratur, der aus der Nachbarstadt Burlington stammte. Eine ganze Stadt als Themenpark – das gab es damals noch nicht in Europa.

Ein Disneyland für die Ausrottung der Indianer, deren Ungeheuerlichkeit mir damals nicht bewusst war und worüber mir erst Louis die Augen öffnen musste. Es war natürlich Kitsch pur, aber sehr gut gemachter Kitsch. Zu half term spendierten mir die Wagners eine Reise nach Boston zu Kits College. Im Oktober durften wir gemeinsam per Bahn nach Washington DC fahren. Als Kit zu Thanksgiving nach Hause kam, lud mich Louise zu einer Autofahrt durch Massachusetts, Connecticut und Vermont ein, auch noch ein Stückchen von der Maine-Küste nahmen wir mit, mein Wunsch, wegen Moby Dick. Ich war damals noch so romantisch und naiv, dass ich immer die Originalschauplätze sehen wollte, als könnte man damit mehr über die Literatur erfahren, sie intensiver erleben. Louises Hauptaugenmerk lag nicht so sehr auf den wunderbaren Landschaften in den Feuerfarben des Indian Summer, sondern auf den Writer‘s Homes, von Melville, Thoreau, Hawthorne, Poe, Irving und vielen anderen Schriftstellern, die von der Ostküste kamen oder dort lebten. Da erst erfuhr ich, dass sie vom Unterricht an einem privaten, jüdischen Mädchen-College ihren Lebensunterhalt bestritt. Unterwegs, auf den langen Autofahrten, rezitierte sie Gedichte von Walt Whitman und short stories von Dorothy Parker oder deren berühmte Bonmots.

Ich unterhielt sie mit Dostojewski, Kafka und den eigenen Familiengeschichten. In Nantucket machten wir im Motel „Pequod“ Halt. Wir teilten ein Zimmer mit Bad. Da sah ich an ihrem linken Unterarm eine eintätowierte Nummer. Sie zog den Bademantel sofort herunter, aber ich hatte sie gesehen, es gab kein Ausweichen mehr. Sie war nicht immer Louise Friedman gewesen, sondern ursprünglich Honza Kvetova aus Prag. Sie war mit Künstlern befreundet, von denen ich meistens nicht einmal die Namen kannte: Dorothy Parker, Carson McCulllers, Auden, Isherwood, Britten, Dali. Kurz nach ihrer Emigration hatte sie sogar eine Zeitlang in der Künstlerkolonie February House in Brooklyn Heights gelebt. Parker war drei Wochen vor meiner Ankunft gestorben, McCullers erst vor wenigen Tagen, Louise war bei ihrem Begräbnis. Sie ist nicht ganz unschuldig daran, dass ich amerikanische Literatur studierte.
Wer hat je als Au-Pair-Mädchen eine solche Großzügigkeit erlebt? So ein Glück, ins Luxus- Nest zu fallen. Die Wagners, die Finkernaegels und Louise hatten den perfekten Weg gefunden, mich zu einer glühenden, patriotischen Amerikanerin zu machen.
Sobald ich mich in meiner Gastfamilie und der Communitiy als nützlich und bei den Kindern als beliebt erwies, war es nicht schwer durchzusetzen, dass ich einen Tag in der Woche frei bekam, um an der Columbia ein Gaststudium zu absolvieren, A Survey of American Literature. Natürlich auf Louises Rat hin.

Die lokale Highschool lud mich wie viele andere Ausländer an ihrem International Day ein, über meine Heimat zu sprechen und sie vorzustellen. Ich ließ mir schnell mein letztes Dirndl (schöner als das von Julie Andrews, alias Maria-Augusta Trapp) schicken und führte den Donauwalzer vor, meine Tanzpartnerin war eine Japanerin im Kimono. Woraufhin, weiß ich nicht mehr, jedenfalls bot man mir an, in der letzten Klasse einen Kurs über „European History“ zu halten. Als gäb‘s so etwas. Zwei Dinge beeindruckten mich, waren etwas vollkommen Neues für mich: Die Schüler bekamen vom Lehrer keine langweiligen Frontalvorträge geboten, sondern nur ein Grundgerüst an Fakten und als Aufgabe Fragestellungen, die sie mit einem selbständigen Essay beantworten mussten. Sie hatten den Kurs – class – lange vorher ausgewählt und sich eigenständig mit Materialien aus der reich bestückten Schulbibliothek vorbereitet. „Inverted Classroom“ nannte man das. Die class mit zwölf students wurde noch in drei Kleingruppen unterteilt, die die Quellen gemeinsam bearbeiteten.
Das Studium ging also der Wissensaufnahme voraus. Wie viele Generationen von Schülern und Studenten würden bei uns noch durch Frontalunterricht beschädigt werden? Wie wir bei unserer kleinen, alten Geschichtsprofessorin, die die ganze Stunde die Tafel mit Namen und Jahreszahlen vollschrieb oder aus einem Buch vorlas, was wir mitschreiben und auswendig lernen mussten. So endete unser Geschichtsunterricht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Stimmt nicht ganz, sie betrauerte noch den Tod von Kaiser Franz Joseph im November 17.

Am liebsten wäre ich in die Schule eingetreten, um diese Bibliothek benützen und einen solchen „Anti-Unterricht“ genießen zu dürfen. Auf der anderen Seite setzte mich in Erstaunen, dass ich mit meinem Matura-Wissen recht gut durch die Unterrichtsstunden kam. Das erste Semester war dem „European Enlightenment“ gewidmet. Wow! Ich brachte die Schüler, die schon ab sechzehn an der Highschool respektvoll students genannt wurden, zum Lachen mit meinem Haupthelden Kant, den sie natürlich als can‘t verstanden. Der sollte Erleuchtung bringen?

Die Finkernaegel- Großeltern waren nicht orthodox, besuchten aber jeden Sabbat eine Synagoge in Newark, nach New York die größte jüdische Gemeinde. Mr Finkernaegel hatte in der Versicherungsbranche ein Vermögen gemacht und stiftete einen Lehrstuhl in Tel Aviv. Ich fuhr mit den Wagners am Sonntag in die katholische Kirche von New City, dann gab es zu Hause Lunch, Barbecue oder Dinner. Das war ein heiliges Ritual, der Familienzusammenhalt das Wichtigste im Leben.
Für mich war klar, dass ich von hier nie wieder weggehen wollte. Ich war im Himmel angekommen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Ich liebte Amerika. Österreich, Familie, Studium waren hinter dem Horizont von Long Island verschwunden, für immer, wie ich hoffte. Großes Wort Heimat, ein Ort, an dem ich angekommen bin, den ich mir erwerben und aneignen konnte.

In der Spezial-Vorschule der kleinen Amy ließ ich mich in der Betreuung von Behinderten anlernen, sodass ich sie auch zu Hause nicht nur betreuen, sondern auch fördern konnte. In kurzer Zeit war sie ihre Windeln los, der kriechende Wurm richtete sich auf und wurde gezielter in den Bewegungen. Und Wunder, sie sprach die ersten verständlichen Worte aus. Richard-Dick, dessen retardedness die verliebten Eltern nicht wahrhaben wollten, hatte mit seinen sieben Jahren schon fünfmal Kindergärten und Vorschulen gewechselt. Schließlich schlug ich vor, ihn zu Hause zu unterrichten, was voll einschlug.

Die Kinder kannten nichts anderes als ihre kranke Mutter, eine Serie von wechselnden, fremdsprachigen Hausmädchen und einen fernen Vater, der Tag für Tag im Krankenhaus acht- bis zehnstündige Operationen vollbrachte. Nebenbei führte er noch eine soziale Gemeinschaftspraxis für Unversicherte.
Mrs Vera Wagner-Finkernaegel war erst vierzig, litt aber seit Kindestagen an Diabetes und war, als ich ankam, wegen der langjährigen Insulingaben schon fast erblindet. Jeden Tag kam eine nurse für Spritzen, Körperpflege und Gymnastik. Sie konnte nur noch hell und dunkel unterscheiden, so stand ich auch ihr zur Seite. Sie mochte es, wenn ich ihr ihre Lieblingsromane vorlas, Madame Bovary und Gone with the Wind, sie nannte mich Schatzken oder ma cher Veronique in vielen Variationen. Weil von den Amerikanern niemand Vroni aussprechen konnte, machte sie mich zuerst zu Roni, dann wurde ich in Veronica umgetauft, was ich annahm und bis heute blieb.

Für den Haushalt waren zwei Mädchen aus Norwegen und Schweden zuständig, Selma und Solveig, beide etwas älter als ich und fast ohne Englisch-Kenntnisse. Aber sehr hübsch und tüchtig. Es wurde vieles ausgelagert. Selma und Solveig mussten mehr organisieren und koordinieren als selbst putzen und kochen. Für die Teppiche kam ein Service, ebenso wie für die Vorhänge, Kleidung, Daunen und Bettmatratzen, ein Team extra für den Swimmingpool und eine Firma für die Abfälle. Auch das Essen brachte oft ein Service. Zwei Gärtner hielten das weitläufige Grundstück in Ordnung, englischer Gartenstil, ein Mechaniker für den Autopark, an Samstagen kamen zwei, weil Mr Wagner gern bastelte und mit ihnen fachsimpelte. Sie werkelten in dem weiter hinten im Garten liegenden barn, einer ausgebauten Scheune, ein Männerkinderspielplatz. Als Maskottchen hielt sich Bob ein Motorrad, eine alte Triumph, mit der er in voller Montur über sein Grundstück kurvte. Das war seine Entspannung von dem anstrengenden Job in der City. Automechaniker sind die wahren Chirurgen, war sein Leibspruch. Ich sah Vera am Fenster ihres Zimmers stehen und Tränen lachen aus den trüben Augen.

Bob ist mit seinem Bike noch nie auf einer Straße gefahren.
Veras Maskottchen dagegen war eine German-Dackel-Dame, das viel geliebte Gretchen-Grätschn, Libling genannt. Ich hatte damals noch keinerlei Hundeerfahrung und war anfangs angewidert von dem, was sie dieser rostbraunen Walze auf vier kurzen Beinchen alles erlaubte. Sie lag mit ihr im Bett, aß mit ihr vom selben Teller, Vera fütterte sie und schmuste mit ihr, dann schlief Libling-Grätchen bei ihr auf der angekleckerten Seidendaunendecke ein und schnarchte dabei wie die betrunkene Witwe Bolte. Aber dieses Tier war offenbar klug und einfühlsam und erfüllte auf seine Weise Veras Bedürfnisse, viel besser als wir Menschen. Sie hielt sich immer nahe an ihren Füßen, stupste sie mit der Nase an den Knöcheln an und lenkte sie so auf allen Wegen durch das Haus. Ein Blindenhund auf Knöchelhöhe. Perfect!
Die Gasteltern überreichten mir gleich nach meiner Ankunft die Autoschlüssel zu Kits Buick und eine Broschüre von zwanzig kleinen Seiten für die Prüfung zur driver‘s licence. Die amerikanischen Teenager machten mit sechzehn den Führerschein.

Ich zog es aber vor, zu Fuß zu gehen. So schob ich fröhlich Amys Kinderwagen eine Meile zu ihrer Schule die Straße entlang. Ich redete auf sie ein, sang ihr Liedchen vor, zeigte ihr die schwarz-weiß gestreiften Stinktiere, skunks, die roten Eichkatzerl, squirrels, und die Vögel, Elstern, magpie, unterwegs. Im Indian Summer waren die Bäume besonders schön. Ihre Namen musste ich selbst erlernen, maple tree, wir memorierten sie gemeinsam und sammelten bunte Blätter und Früchte. Ein Fußgänger – noch dazu eine Frau mit Kinderwagen – war auf einer amerikanischen Landstraße so ungewöhnlich und auffällig wie ein Außerirdischer, dass alle Autofahrer anhielten und fragten, ob etwas passiert sei und ob sie uns helfen könnten. Einen Abschnitt mochte ich besonders, wenn die Bäume den Blick auf den Hudson River freigaben, wo die ausrangierten Schiffe der Navy geparkt waren. Ich war begeistert von der Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner, konnte mir aber nach den TV-Bildern aus Newark vorstellen, dass es nicht überall so zuging.

Menschenfreundlichkeit ist eine Klassenfrage und abhängig vom Konto und vom Wohnort. Muss man sich leisten können, das war eine der ersten Lektionen im godblessed country.
Selma und Solveig schupften mit Leichtigkeit das riesengroße Haus, die elf Zimmer auf drei Ebenen. Sie erlernten von Vera die amerikanische Küche, bei deren Lektionen ich als Übersetzerin diente. Mäßig erfolgreich. Wir haben hier bei uns die Vereinten Nationen im Kleinen, scherzte sie, die verstehen sich ja auch nicht immer. Die Skandinavierinnen brachten mir für immer bei – jeg elskedek – I love you – ich liebe dich. Sorry, Selma und Solveig, hab‘s noch nie angewendet.

Einmal meinte die französisch angehauchte Vera, es sollte Crêpes zur Nachspeise geben. Ich verstand Krebs, dachte zuerst an cancer – sprach sie vom Job ihres Mannes, dem Krebsspezialisten? – wunderte ich mich kurz, holte aber doch die tiefgefrorenen Hummer aus dem Kühlschrank und warf sie ins kochende Wasser. Dann, fein angerichtet mit Zitrone, Dille, Mayonnaise und Senfsauce nach skandinavischer Art. Die überaus hübsche Selma – sie hatte sogar eine Uniform dafür – war fürs Auftragen zuständig, die weniger hübsche Solveig hantierte in der Küche. Vera rümpfte sofort die Nase ob des unerwarteten Geruchs, aber sie schmierte mit ihren tastenden Händen doch jam und maple sirup darauf. Was für eine Blamage. Robert-Bob Wagner löste alles mit seinem Lachen auf. Wir sind eben die vereinten Nationen. Niemand wurde beschuldigt, niemand bestraft. Aber ich sah, wie Vera litt. So schwer ist interkulturelles Übersetzen. Mein Englisch klang britisch, wie ich es von meinem Professor Wollman im Gymnasium gelernt hatte. Die Wagners liebten alles Europäische und stellten mich immer als our little Brittaine vor, weil ich einen britischen Akzent hatte, den sie cute, sweet und lovely fanden, und ich bisquits anstatt coockies sagte und cinema anstatt movies.

Damals wollte ich keine UNO-Dolmetscherin mehr werden, sondern nur eine perfekte Köchin und die Sprache lernen – american as an apple pie. Zuerst wurde ich aber nur dick. Nicht nur, weil ich neugierig genug war, alles ausprobieren zu wollen. Vor allem aber, weil ich nicht mitansehen konnte, wieviel weggeworfen wurde. Ein kaum angebissenes Sandwich mit butter, peanutbutter und jelly, die kaum angeknabberten Doughnuts und cookies der Kinder, die nicht abgenagten, fingerdicken T-Bone-Steaks, die weggelegten burgers, halbe Hendln, die nicht ausgetrunkenen orange juices und milkshakes. Ich war der erste Müllschlucker, bevor alles in den Gully wanderte. Eine große Pein für ein europäisches Nachkriegskind mit der Erziehung, dass Lebensmittel Gottesgaben und daher heilig sind. Brot wegzuwerfen war eine Sünde. Meine Großmutter machte auf die Rückseite der Brotlaibe mit dem Messer ein Kreuz und küsste es und schlug ein Kreuz um sich. Eine heilige Handlung. Ich kam mit diesem Überfluss nicht zurecht. Die Vorstellung, dass diese Menschen nie Mangel gekannt hatten, verwirrte mich. Nie Bohnenkaffee oder Butter oder Fleisch eingeteilt hatten. Zuerst ging ich auf wie ein Germgugelhupf, aber auch wieder ein wie eine böhmische Leinwand. Am Ende war ich vier Zentimeter gewachsen und meine blonde Mähne um zehn Zentimeter länger. Alles auf Polaroid-Fotos festgehalten.

Einmal wollte ich ein großes Dinner des Dr. Wagner mit einem Wiener Apfelstrudel – applesrudl – krönen. Ich bat meine Mutter um ihr Rezept und besorgte mir im lokalen Supermarkt die Ingredienzien. Glattes Mehl für den Teig, kein Problem, aber Brösel und Rosinen konnte ich lange nicht finden, Staubzucker gab es nicht, ich zerrieb Kristallzucker im Mörser zu etwas Grieseligem. Okay, das krieg ich hin und legte los. Äpfel gab es zur Genüge. Dr. Wagners Partner besaß eine Apfelfarm in Pomona County. Das Backblech reichlich mit Butter eingeschmiert, die Apfelscheiben in Butter leicht angeschmort, die Brösel mit Butter gebräunt, Rosinen und Zimt dazu. Alles war bereit, schien perfekt, perfect, das Lieblingswort der Amerikaner bei jeder Gelegenheit, auch wenn etwas nicht perfekt war.

Zwei ganze Backbleche brachte ich aus dem Ofen hervor, semmelblond und himmlisch duftend, ganz so wie zu Hause. Ich stellte sie zum Auskühlen auf den kitchen portch. Da hörte ich ein Rappeln, Scharren und Schnauben. Dann krachte etwas Metallisches zu Boden. Ich stürzte durch die Gittertür und sah gerade noch einen flüchtenden Kojoten im Wald verschwinden. Das Anwesen der Wagners lag exquisit weit abseits von stinkigen Highways und Industrievierteln zwischen dichten Ahornbäumen, wie dort üblich, ohne Zäune. Ich verfluchte den Kojoten und holte das zerstörte Backblech in die Küche zurück. So ein Glück, ein ganzer Strudelstrang war heil geblieben, und ich schnitt ein Stück davon ab. Kaum dass es meine Zunge und meinen Gaumen berührte, spuckte ich es über der Abwasch aus und kotzte gleich dazu. Der verdammte Kojote, goddamm.
So etwas Grauenhaftes hatten meine Geschmacksknospen noch nie berührt. Selma und Solveig klopften mir tröstend die Schultern und reichten mir ein Glas Wasser. What‘s happened? Baby, all okay? Ich war vernichtet. Das war kein Apfelstrudel, die Ausgeburt der Hölle.
Langsam richte ich mich auf und spüle den Mund. Sie streichen mir übers Haar und umarmen mich. So stehen wir kurz da, sie in ihren idiotischen rosa Kleidchen mit weißen Rüschenschürzchen, die naturblonden Haare mit den Käppchen hochgesteckt. Da hören wir alle drei gleichzeitig vom back door portch lautes Gerappel, Schmatzen und Gekicher. Ein Tisch fällt um, dann Stühle, burglers, Einbrecher! Ich reiße die Gittertür auf und sehe zwei Skunks sich am zweiten Backblech gütlich tun. Unverschämte Tiere, sie lassen sich kaum vertreiben.

Die Wagners und ihre Gäste erheiterten sich freundlich über meinen Kampf mit den amerikanischen Ureinwohnern. Die waren immer schon da, wir sind nur dazugekommen. Sie verlangten jeder eine geborgene Schnitte auf ihren Teller.
Alles Kollegen und Wissenschaftler aus der Medical Society of New York. Ein Laryngologe, glaube ich mich zu erinnern, stellte das letzte Urteil fest. Salz. Es ist das Salz! Die Provinzlerin aus Tulln, der Neuankömmling, hatte noch nicht mitgekriegt, dass die Amerikaner nur gesalzene Butter kennen.

Apfelstrudel mit Salzbutter, das geht aber auch wirklich gar nicht, nirgendwo und zu keiner Zeit. Der humorvolle Laryngologe drehte den peinlichen Zwischenfall noch ins Mythologische: Ich hätte dem Symboltier der amerikanischen Ureinwohner, dem Kojoten, ein Opfer dargebracht, das Land würde mir wohlgesonnen sein.
Jeder Tag dieses Lebens war voll ausgefüllt, jeder Tag brachte Neues und Aufregendes, ich meinte, im Paradies zu sein und war dankbar bis zum Umfallen. Wem? Dem Schicksal, das mich hierher gebracht hat, der Familie Wagner für die Chancen, die sie mir boten, und mir selbst, weil ich sie beim Schopf gepackt und gegen viele Hindernisse nicht losgelassen hatte. An einen mildtätigen Gott glaubte ich damals nicht mehr. Ich schrieb viele, lange Briefe an meine Familie und schilderte mein paradiesisches Leben.

Warum ich trotz allem im Frühjahr nach Wien zurückkehrte?
Vera wurde zu Weihnachten in ein New Yorker Spital eingeliefert und an eine Blutwaschmaschine angeschlossen, die die Funktion einer Niere übernehmen sollte. Aber ihr Zustand verbesserte sich nicht. Sie fiel ins Koma und starb im Februar. Es war der erste Tod eines nahen Menschen für mich.
Die Familie befand sich in Schockstarre, und ich kümmerte mich noch mehr um die beiden Kleinen. Die Ausflüge nach New York auf die Uni und zu Louise entfielen, ich übernahm nun ganz allein die Mutterfunktionen. Ich glaube, ich konnte die Kinder ein bisschen ablenken und den Schmerz lindern.

Aber es kam, wie es kommen musste – Dr. Wagner, der mich von Anfang an mit viel Sympathie und Güte behandelt hatte – machte mir einen Heiratsantrag. Wie praktisch. Er meinte, mir ein recht bequemes Leben bieten zu können, vielleicht könnte ich ja nebenbei ein bisschen studieren, wenn die Kinder größer waren. Da war‘s für mich vorbei, mich packte die Panik, in dieser Familie picken zu bleiben. Aus der Traum vom Studium, von Karriere, von der UNO, von Reisen um die Welt. Es war beängstigend. So großzügig und freundlich er war, sah er in meinen Augen zum Fürchten hässlich aus und war 43 Jahre alt. Ich hatte doch schon mit dem jüngeren, feschen Michael nichts anfangen können. Nach einer gewissen Anstandszeit nahm ich die Koffer und flog nach Hause, ja, ich floh geradezu.

Es mag für die Wagners undankbar ausgesehen haben, treulos und brutal. Genauso fühlte ich mich auch, ein Scheusal. Aber ich musste meinem eigenen Leben den Vorrang geben. Ich wollte mich nicht opfern. Es hätte nicht das Plakat auf dem riesigen billboard über der George Washington Bridge gebraucht, das mich immer bei der Einfahrt von New Jersey nach Manhattan begrüßte: “Life ist too short to be living somebody else‘s dream“, lachte da Hugh M. Hefner herunter, umgeben von einer Schar blonder bunnies, und zwinkerte mir zu. Das war genau mein Lebensgefühl. Louise stand an meiner Seite und bestärkte mich. You‘ll come back, baby, don‘t worry, you‘ll make your way.

Als mich im Sommer danach Kit mit ihren Finkernaegel-Großeltern auf einer Europa-Reise in Wien besuchte, war Dr. Wagner schon mit der irischen Krankenschwester verheiratet. Er hängte seinen Karriere-Job in NYC an den Nagel und ließ sich als praktischer Arzt irgendwo in einer Landidylle von Pennsylvania nieder. Moira arbeitete in seiner Praxis mit, und sie bekamen drei gesunde Kinder. Dann noch einige Jahre Weihnachtskarten mit Fotos. Da passte alles zusammen. Perfect! Und ich fiel in Wien geradewegs in den heißen Sommer von 1968 hinein. Als der 20. August kam, war ich mit Freunden auf der Moldau paddeln. Im Widerstand gegen die Invasion des Warschauer Paktes schloss ich mich dem Wiener Tagebuch an – einer Gründung von KPÖ-Dissidenten. Das war meine erste bewusste politische Aktion.

Juni - September 17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18025

Der Amethyst

Wir sind sechs Jahre, Rupert und ich. Mein Tischnachbar in der Schule, rechts von mir. Links sitzen noch acht Kinder, das Klassenzimmer hat fünf lange Tischreihen und eine Zweierbank ganz hinten. Wir sind 52 Kinder in der ersten Klasse.
Die Lehrerin ist Frau Mitterauer, Käthe Mitterauer, sie ist uralt, noch älter als meine Großmutter scheint sie mir. Wie diese hat sie eine graue Haarwelle vorne, Löckchen an den Seiten und hinten einen mit schwarzen Nadeln festgesteckten Knödel.

Die Tische haben eine einzige lange Platte mit Löchern für Tintenfässer, wir sitzen auf einer durchgehenden Holzbank mit einer steilen Lehne. Frau Mitterauer ruft kaum je ein Kind zur Tafel, da müssten ja neun Kinder aufstehen und heraustreten, um ein Kind rauszulassen. Was für ein Wirbel das ständig wäre.
Rupert und ich sitzen in der ersten Reihe, weil wir zu den Kleinsten gehören.
Auf der Eselsbank ganz hinten sitzen nicht die zwei schlimmsten Schüler, sondern die größten, der riesige Sitzenbleiber Koch Toni und die lattenlange Gitti aus dem Möbelhaus Weisel. Gleich neben der Eingangstür steht ein riesiger Bullerofen mit einer Glastüre, hinter der man die Briketts rot brennen und das Feuer lustig züngeln sieht.

Der Fußboden ist mit schwarzem Öl eingelassen und riecht unangenehm nach Läusevertilgungsmittel. Die Tafel vorne steht auf einem Podest und ist nicht an der Wand festgemacht, sondern balanciert auf drei Beinen. Sie hat zwei Teile, einer ist nur schwarz, der andere weiß liniert. Wir sind ja Taferlklassler.
Rupert ist mein erster Freund, ein richtiger Freund, nicht ein Freund wie mein Cousin Gottfried. Den habe ich heiraten wollen, aber das ging nicht, sagten die Erwachsenen.

Außerdem waren wir übersiedelt, und Gottfried war daheim geblieben. Ja, St. Nikola an der Donau war noch immer das Daheim. Tulln lag zwar auch an der Donau, wir sind nur ein Stück die Donau runtergeschwommen, sagten die Erwachsenen. Aber die war schrecklich weit weg von der Königstetterstraße und nicht zu sehen, so wie in St. Nikola, immer vor Augen, wo immer man hinsah.
Die ganze Stadt lag dazwischen, außerdem war sie flach wie ein Nudelbrett.
Obwohl sie dreimal so breit war, das musste man zugeben, aber keine Berge, keine Tannen, keine Fichten, nur langweilige Aubäume. Alle sahen gleich aus, gleich grün-graue, aufrecht aufgestellte Reisigbesen oder Staubwedel.

Ich war mit Rupert befreundet, nicht weil er neben mir saß, sondern weil wir den gleichen Schulweg hatten. Den Hinweg nahm ich mit meiner älteren Schwester, aber den Rückweg machte ich immer gemeinsam mit Rupert.
Von der Schule durch den Schubertpark, an der Pummerslucken vorbei bis zum Gasthaus Achatz, an der Kreuzung zur Staasdorferstraße trennten wir uns, weil Rupertin die Banatler-Siedlung ging. Einmal habe ich ihn heimlich begleitet und gesehen, dass er in einem winzig kleinen Haus wohnte, ganz am Ende, wo die Äcker anfangen. Auch der Garten war klein, die Fenster und die Tür. Eine Hundehütte auf einem Taschentuch. Es war überhaupt das kleinste von allen kleinen Häusern der Banatler. Klang wie Frittaten, Frittatler? Ich wusste lange nicht, was Banatler waren, bis Mama einmal sagte, das sind Flüchtlinge aus Jugoslawien. Ich durfte Rupert nicht zu Hause besuchen, nicht, weil er ein Banatler war, sondern weil er ein Bub war. Mit denen spielt man nicht, wenn man ein sechsjähriges Mädchen ist. Und meine drei Brüder? Brüder geht, Brüder sind keine Männer. Und die Cousins in St. Nikola? Die sind auch keine. So pragmatisch und programmatisch war meine Mutter immer.

Aber es war auch eine Großfamilie darunter, die Paganis, deren Kinder zum Teil barfuß und in Fetzen herumliefen. Angeblich gingen sie betteln oder was Schlimmeres. Das waren keine richtigen Banatler, hieß es, sie sprachen auch nicht dieses komische Deutsch, sondern etwas ganz anderes. Die Polizei schaute öfter bei den Paganis vorbei.
Rupert war meinen Eltern nicht unsympathisch, hatten sie doch kurz überlegt, den jüngsten Bruder Rupert zu nennen, nach dem Patron von Salzburg. Das sind fleißige Leute, die werden uns eines Tages alle überholen. Was das nun wieder heißen sollte? Zu uns kam eine Banatlerin, Frau Marte, die meiner Mutter beim Putzen half, und ein Walter für den Garten, der eigentlich Eisenbahner war.

Rupert war nicht nur so klein wie ich, er war auch noch dick, kugelrund mit rötlichem Haar und vielen Sommersprossen. Ich mochte ihn. Er war sehr lustig, sprach ein eigenartiges Deutsch, das mich an die Märchen erinnerte, die Papa uns immer am Abend vorlas, oder eine Sprache wie manchmal in der Kirche. Banatler-Deutsch eben, sagte meine Mutter. Er unterhielt mich mit vielen Geschichten, die er sich selbst ausdachte, er beschützte mich, wollte meine Schultasche tragen und brachte mir immer Geschenke mit, einen Apfel, ein Stück Kuchen, ein selbstgeschnitztes Pfeiferl aus Hollerstauden. Wir spielten Flöte darauf. Wenn er keine Löcher hineinmachte, benützten wir sie als Blasrohr. Das weiche Innere der Hollerzweige drehten wir zu Kugerln und bliesen um die Wette weit. Es ging auch mit unreifen Hollerbeeren, aber nicht so gut, weil sie manchmal zu weich waren und das Blasrohr verstopften.

Rupert konnte überhaupt sehr vieles, weil er seinen Eltern helfen musste. Seinem Vater in Haus und Garten, seiner Mutter in der Küche. Banatler sind arme Leute, sagte meine Mutter. Der Vater war Hilfsarbeiter im Krankenhaus, er arbeitete in der Wäscherei. Hauptsache, er hat Arbeit. Sie sind noch nicht lange da, der Tito hat sie rausgeschmissen.
Alle? Ja, alle. Warum? Was haben sie getan? Nichts. Rupert war dort geboren, in einer Ebene so flach wie das Tullnerfeld, nur viel, viel größer. Und die Donau fließt auch dort. Wir sind auch noch nicht lange da. Aber wir sind nicht rausgeschmissen worden.
Das verstand ich damals noch nicht. Aus einem Land „alle rausschmeißen“ ging über meine Begriffe, konnte ich doch nicht einmal verstehen, warum wir aus St. Nikola weg mussten und in das hässliche Tulln übersiedeln mit den vielen Bombenruinen und der faden, flachen Donau. Das war gar keine richtige Donau und auch kein richtiger Wald, diese Pappeln, Weiden, Eschen.

Überhaupt war hier alles hässlich und hielt dem paradiesischen Nikola nicht stand. Dort gab es die Donau vor der Tür mit den Schiffen, nebenan das Bräuhaus mit den Ställen, Stadeln und Gärten, hinter dem Haus die Eisenbahn und darüber die Wiesen mit Obstbäumen hinauf bis zum Wald, voll mit Schwammerln und Beeren. Der Berg hieß sogar nach dem Großvater Seyrberg. Ein Stück weiter waren der Krautberg, der Rodelberg hinter dem Danzer-Wirt, der Strudenbach, die Au, die Teiche im Hössgang, die Insel Wörth, die Ruine mit dem Schusterstein. Das alles haben die Kinder ohne Erwachsene bestreunen, bespielen, besiedeln und erforschen dürfen.
Und welche Wunderwelten erst mit ihnen: die Stillensteinklamm, die Bräuerkogel, den Fischteich beim Bierführer Toni, die Ställe beim Bauern Burner, den Dimbach beim Wagenschmied und beim Müller, beide hatten Wasserräder, und im Bach konnte man Krebse und Forellen fischen, den Förster Kastner auf dem Sattel, dem ein Kind an einem Schlangenbiss gestorben war, die hölzernen Tanzböden und Kegelbahnen bei den Wirtshäusern, die Onkel Klaus mit Seyr- Bier belieferte.

Was hatte Tulln dagegen zu bieten? Nichts bis wenig. Unser Haus in der Königstetterstraße ist zwar größer als die „Villa Seyr“ in St. Nikola und soll den Eltern ganz allein gehören, weil sie es gekauft haben. Mir war es nicht wichtig, wem was gehörte, ob den Eltern, der Omama, dem Onkel Klaus und der Tante Sofie, der Tante Fritzi und dem Onkel Franz. Ich wusste, dass dem Knecht Sepp und der Köchin Nannerl gar nichts gehörte außer ihrem Gebetsbuch und dem Rosenkranz, dem ukrainischen Arbeiter Ivan gehörte nicht einmal das, aber sie gehörten genauso zum Kinderreich wie die falsche Tante Paula oder die zerlumpte und zahnlose Fanny mit ihrer Ziege im Haus an der Eisenbahn.
Ich wusste, dass dem Onkel Klaus sehr viel gehörte, aber nicht deswegen war er mein Lieblingsonkel, sondern weil er sehr kinderlieb und lustig war, mich in seinen Lastkraftwägen mitfahren ließ, vorne im Führerhaus, und ich manchmal sogar auf seinem Schoß sitzend, das Lenkrad angreifen durfte. In den steilsten und spitzesten Kurven hinauf zum Steinbruch von Gloggswald ließ er das Lenkrad los, schloss die Augen und und klatschte ein, zwei, dreimal in die Hände. So spaßig war er, und dazu hatte er noch viele lustige Worte, Sprüche und Scherze auf Lager.

Ich weiß nicht, wie es im Banat aussieht, aber aus all dem rausgeschmissen zu werden wie Rupert und die Banatler, stellte ich mir schrecklich vor. Wir konnten zumindest nach Nikola auf Besuch fahren, oder es kam jemand zu uns.
Die Mama hat erzählt, dass die meisten Banatler in langen Märschen zu Fuß zu uns gekommen sind und nur Binkel oder angefüllte Tuchenten als Gepäck auf dem Rücken schleppten. Wir waren ganz bequem in einem riesigen Saurer von Onkel Klaus übersiedelt. Die Kleineren saßen hinten auf den Tuchenten zwischen den Möbeln. Wir hatten Jausenpackerl, volle Proviantdosen mit Köstlichkeiten aus dem Bräuhaus und Wasserflaschen mit herrlichem Himbeersaft.

Wir sind in ein schönes, altes Haus gezogen mit einem großen Garten, in dem man vieles anbauen konnte. Die Banatler hatten ganz kleine Grundstücke und bauten sich ihre Häuschen selbst, die Familien und Nachbarn halfen sich gegenseitig, einkaufen gehen in die Stadt konnten sie gar nicht, sie waren nur dort anzutreffen, wo es umsonst war, in der Kirche, im Aubad, an der Donaulände oder am Sportplatz.
Rupert und ich gingen gemeinsam von der Schule nach Hause und machten im Schubertpark Station, nur kurz, denn ich musste unbedingt soforrtt!! nach Hause kommen, weil es zum obersten Gesetz gehörte, dass die ganze Familie gemeinsam isst.
Und zwar alle, Ausnahmen gab es nur, wenn jemand länger Schule oder eine sonstige Verpflichtung hatte. Es wurde „zusammengewartet“, auch wenn die Mägen noch so krachten. Die Mädchen mussten auch noch oft genug mithelfen, aufdecken, Knödel drehen, Salat machen. Disziplin und Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit, das waren die wichtigsten Prinzipien meiner Mutter, denn sonst würde ihr der ganze Laden um die Ohren fliegen. Rupert war zu Mittag mit seiner Mutter allein, der Herr Hinterleitner war entweder in der Arbeit oder er schlief, nachdem er Nachtschicht gehabt hatte.

Aber manchmal konnte ich mich am Nachmittag davonstehlen und den Rupert im Schubertpark treffen. Das sagte ich nie, immer ging ich natürlich nur zur Hochrieder Christa, zur Sterz Evi, zur Wesel Gitti oder zur Huber Anni. Das Schlimmste war, wenn ich meine kleine Schwester mitnehmen musste, was gar nicht ging, weil sie uns große Schulkinder nur störte. Radfahren üben im Schubertpark, das war das Codewort für die Treffen mit Rupert. Er brachte manchmal andere Banatler-Kinder mit, mit denen wir Verstecken spielten, Räuber und Gendarm, Indianer fingen, in der Schubertlinde kletterten oder die fremden Banatler ärgerten. Das war sehr lustig und aufregend, aber am liebsten war es mir doch, allein mit Rupert zu sein.
Unser Lieblingsspiel war das Prinzessinnen-Spiel. Ich war die Prinzessin, er mein Diener. Auch Pferdeknecht, Vasall, Sänger. Rupert hatte viele Rollen, ich nur eine, die schöne, begehrte Prinzessin. Ich nahm heimlich von zu Hause einen alten Vorhang mit, das war mein Schleier, meine Schleppe, mein Umhang. Rupert baute mir aus Stämmen und Steinen einen Thron, er brachte mir Geschenke, er unterhielt mich, sattelte mein Pferd, trug die Schleppe und beschützte mich vor Feinden. Die Feinde lebten jenseits der Pummerslucke; das war eine Bahnunterführung, ein gekrümmter Tunnel aus Backsteinen, dunkel, stinkig, gruselig, leicht abschüssig, die Eisenbahn donnerte darüber, man konnte beim Betreten nicht ans Ende sehen, jenseits war Feindesland. Wenn man wieder ans Licht kam, breitete sich dort der Friedhof aus und eine kleine Straße, in der auch Banatler wohnten, aber andere als die von Rupert, solche, die aus Rumänien rausgeschmissen worden waren. Wo immer das sein und was immer das heißen sollte. Neben dem Friedhof war ein freies Gelände, eine richtige Gstätt‘n, auch das ein herrliches Spielgelände, wenn dort nicht gerade die anderen Banatler spielten oder jemand gastierte wie in diesem Herbst der Zirkus Belli.

Schuld am Unglück war nicht Rupert und auch ich nicht, sondern der Zirkus Belli. Ich hatte mich in die dortige Zirkusprinzessin verliebt, ein wunderschönes, kleines Mädchen etwa in meinem Alter, das auf einem weißen Pferd ritt und Kunsttücke aufführte, herrlich angezogen und geschminkt war. Sie hatte eine lange, gelockte Mähne aus dunklen Haaren und oben drauf ein Krönchen. Oder war es ein Diadem? Jedenfalls baumelte auf ihrer Stirn ein funkelnder Diamant, der bei jeder Bewegung glitzernde Strahlen in die Manege schickte.
So etwas wollte ich auch haben, schoss es mir durch den Kopf und überlegte, was in unserem Haushalt dafür herhalten konnte. Zuerst dachte ich an das Kranzerl, das meine ältere Schwester zur Erstkommunion getragen hatte und an das der ältesten Schwester als Blumenmädchen hinter dem Himmel bei der Fronleichnamsprozession. Sie lagen in Seidenpapier eingepackt in einem Schuhkarton. Wir Kleinen bekamen dafür immer nur ein Kranzerl aus frischen Margeriten und Gänseblümchen, die schon vor der Prozession welk in den Haaren hingen, so müde wie die mit Zuckerwasser über Papierstreifen steif gedrehten Locken.

Beides wurde verworfen, fiel mir doch Mamas Kette ein, ihr einziger Schmuck von ihrer Mutter, der so wertvoll war, dass sie ihn nie trug. Er lag in einem Porzellanschüsserl in ihrer Nachtkastllade. Ich würde mir die Kette ausborgen, heimlich, und sie wieder zurücklegen. Die Kette war aus Silber und hatte einen taubeneigroßen Anhänger aus Amethyst. Der war an einem silbernen Plättchen an die Kette angehängt, also frei beweglich. Der würde auf meiner Stirn baumeln wie bei der Zirkusprinzessin der Diamant.
Die Operation gelang, ich konnte die Kette aus dem Nachtkastl stiebitzen und in den Schubertpark mitnehmen. So schön war noch nie jemand gewesen, das sagte auch Rupert, obwohl der die Belli-Prinzessin gar nicht gesehen hatte. Banatler hatten kein Geld für so etwas Unnötiges. Ich ritt auf meinem Fahrrad hoch zu Ross, auf der Stirn ruhte der Stein, Rupert trug stolz die Schleppe und diente mir wie immer als Getreuer.
Am Ende des Spiels war der Amethyst verschwunden, an der Kette nur noch das Silberplättchen. Ich versprach dem Rupert eine Eintrittskarte in den Zirkus, wenn er den Anhänger fände. Er kroch auf allen Vieren durch das Gras und durch die Büsche, aber er blieb verschwunden.

Das Donnerwetter, das über mich hereinbrach, war noch schlimmer als erwartet. Zuerst tobte meine Mutter, erließ sofort einen einwöchigen Hausarrest, nichts außer der Schule, sogar die Musikstunde wurde gestrichen. Schlimmer aber war, dass sie plötzlich zu toben aufhörte und in Weinen ausbrach, in ein Schluchzen und Wimmern.
Das Einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist. Nichts habe ich von ihr, nichts, nur diese Kette. Sie war wie ein Häufchen Elend auf ihrem Bett zusammengesunken und schwor, dass sie mich nie wieder ansehen würde, dieses grausliche, undankbare Gfrast.
Ich war mehr als zerknirscht, ich fühlte mich wie ausgelöscht. Da mir der Stein gefiel, aber ich nichts vom Wert eines so großen, geschliffenen und in Silber gefassten Amethysts wusste, konnte ich diesen Ausbruch nicht ganz verstehen.
Außerdem stimmte es gar nicht, sie hatte einen großen silbernen Handspiegel, eine Bürste mit Silberrücken und eine silberne Schale, in der diese Utensilien vor dem Spiegel der dreiteiligen Psyche lagen. Die waren auch Erbstücke von ihrer Mutter. Aber ich wusste damals noch nicht, dass ihre erste Mutter gestorben war, als sie in meinem Alter war, und dass sie eine märchenhaft schreckliche Stiefmutter bekommen hatte.

Ich suchte den Amethyst noch die weiteren zwölf Jahre, die ich in Tulln lebte, die vier in der Volksschule zusammen mit Rupert, später allein, weil Rupert nicht aufs Gymnasium ging.
Während des Hausarrests gelang es mir einmal nach der Schule, mich in den Zirkus Belli einzuschleichen und mich zwischen den Wägen und Käfigen zu verstecken. Ich würde mit ihnen auf Reisen gehen, auch eine Zirkusprinzessin werden und auf einem richtigen weißen Pferd reiten. Familie hatte ich ja ohnedies keine mehr, und um mich Gfrast würde niemand weinen.
Ich blieb nicht lange verborgen, man fand mich noch am selben Abend bei den Zigeunern, und der Hausarrest wurde gemildert, ich durfte in die Musikstunde, zur Jungschar und in den Sportverein gehen, nur mit Rupert durfte ich nie wieder spielen. Mein Vater machte sich auf Geheiß meiner Mutter mit all seiner Autorität in die Banatler-Straße auf und ließ sich das Spielverbot auch von der anderen Seite bestätigen.

Vergessen habe ich den Amethyst nie. Als ich sechzehn Jahre später das erste Mal richtig Geld verdiente, kaufte ich sofort eine Kette aus Amethyststeinen, so lang, dass sie sie dreimal um den Hals schlingen konnte oder lange tragen bis zum Bauch, einen Silberring mit einem Riesenstein und ein Armband aus reinem Amethyst, einen richtigen Protzschmuck, von dem ich wusste, dass meine Mutter nie so etwas trug. Das war einfach nicht ihr Stil.
Sie war zu Tränen gerührt, umarmte mich und meinte:
Dass du dich daran erinnerst?
Aber sie trug tatsächlich den Ring und das Armband, vielleicht extra, nur wenn ich zu Besuch kam, die Kette war und blieb ihr zu prunkvoll. Sie ließ sie beim Juwelier zu drei kurzen umbauen und schenkte sie meinen Schwestern, nicht ohne mich vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.

Später, noch viel später erfuhr ich, dass der Amethyst, ein Quarz SiO2, sowohl für den Steinbock, wie meine Mutter einer ist, als auch für den Fisch, der ich bin, bei den Esoterikern als Geburtsstein gilt.

31.8.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 18023

Wie Tamara die Avocado kennenlernte

Sie war die Lieblings-Deutsch-Dolmetscherin des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow. Er forderte sie persönlich an, wenn er deutsch sprechende Gäste in seiner Stadt empfing, sei es aus Berlin, Zürich oder Wien. Die zuständigen Diplomaten flüsterten dem Polit-Neuling zu, dass es Gepflogenheit sei, dass jede Delegation ihre eigenen Dolmetscher mitbringen würde. Es nützte nichts, der stierköpfige Russe blieb bei seiner Tamara. Niemand ist besser, da können Sie sicher sein. Die kann nicht nur einfach Deutsch, sondern auch Berlinerisch, Schweizerdeutsch und Wienerisch.
Sogar die Schmähs. Alle Episoden und Witze, die Geschichte und die Literatur.

Luschkow war zu seiner Zeit kein Verhandler, sondern ein Durchsetzer, eine Dampfwalze.
Bald sprach sich die Mär über die kleine, zarte, fabelhafte Russin in allen Botschaften und Bürgermeister-Amtsstuben herum: Tamara ist wirklich die Beste! Sie ist klug, hübsch, elegant, charmant, witzig, schnell, diplomatisch, firm in jedem Bereich, bis zu den schnell unübersetzt gelassenen Altherrenwitzen und politisch-historischen Fettnäpfchen. Sie war einfach perfekt. Sie konnte Lippen, Blicke und in der Seele lesen, war Aug und Ohr ihrer Herrschaften, ja es schien fast so, als könnte sie sogar deren Willen lenken.

So kam sie einmal auch an Luschkows Seite nach Wien zum Amtsbruder Helmut Zilk. Der war schon seit seinem ersten Besuch in Russlands Hauptstadt ein Moskau-Fan, und auf Luschkows Übersetzerin freute er sich besonders. Sie war ja nicht nur eine beeidete Dolmetscherin und Übersetzerin, sondern im Hauptberuf Universitätsprofessorin für Linguistik, Translationswissenschaften und interkulturelle Kommunikation, alles ganz neu im Wende-Russland unter Jelzin. Vergesst das KGB, wir suchen uns unsere Leute jetzt selbst aus, nach unserem einfachen menschlichen Empfinden.
In Moskau hatte sie einen guten Ruf als Germanistin und Übersetzerin speziell österreichischer Literatur. Wie vielen Studenten hat sie den Blick auf Österreich und seine Kultur gelenkt, wie viele Diplomarbeiten und Dissertationen zu österreichischen Themen angeregt und Literatur-Übersetzungen veranlasst. Sie kannte Wien und seinen Bewohner wie ihre Handtasche, hatte sie doch lange auch in Wien Russisch unterrichtet.

Nun also der erste Gegenbesuch Luschkows bei seinem Freund Chelmut und dessen charmanter Frau, einer populären Schauspielerin. Am Rollfeld Luschkows angetraute Ehefrau Nadja Baturina zwei Schritte hinter ihm. Die Baufachfrau hat ein Firmenimperium aufgebaut und durfte halb Moskau zubetonieren. Tamara wäre in der Masse der bürgermeisterlichen Entouragen untergegangen, hätte sie Luschkow nicht an seiner Seite festgehalten, eng an ihm Händchen haltend, wie angeschmiedet. Die kugelige, blonde Nadja mit einer Figur wie eine sowjetische Hammerwerferin schritt in der zweiten Reihe, in einem strengen Kostüm wie eine sowjetische Zollbeamtin aus Brest-Litowsk.

Da kam es zum ersten Faux pas, den beileibe nicht Tamara begangen hat und auch nicht verhindern konnte. Nach der der Umarmung des Gastes mit dreifachem Wangenkuss durch moj drug, Chelmut, brachte er das gleiche Ritual bei Tamara an. Beide Entouragen erstarrten zu arktischem Eis, bis der Hausherr schnell reagierte und über Nadjas Hand elegant einen Handkuss andeutete und sie damit nach vorne zog. Die Wiener Bürgermeistersgattin war auch nicht von schlechten Eltern, wie sie elegant den Kartoffelsack umarmte und ihr das eingelernte „Dobro poschalowatj v Venje, dorogije druzja“ – herzlich willkommen in Wien, liebe Freunde – in beide Ohren flötete. Eine Holzflöte. Sie war ja schließlich auch Sängerin. Danach hängte sie sich bei ihr unter und ließ die Herren allein, allein mit Tamara zwischen ihnen. Alles eitel Wonne, das Besuchsprogramm wie immer, aber mit besonders herzlicher Stadtbruderschaft. Wenn man ein bisschen größenwahnsinnig sein wollte, sahen sie den beiden prominenten Paaren ähnlich, die im Frühling in Wien auf Staatsbesuch waren, eine witzige Karikatur dreißig Jahre später und nur auf Bürgermeister-Ebene.

Alles lief blendend und wie geschmiert, vieles sicher dank der gewandten Tamara. Das Zilk-Team schmolz dahin und wollte sie zur Wiener Ehrenbürgerin machen, die Luschkow-Begleiter samt Nadja schürten die nächste Intrige. Dabei war es stadtbekannt, dass hinter dem einmaligen Besuch Zilks im Kreml – damals saß Luschkow-Freund Jelzin drin – die Übersetzerin Tamara stand. Dass dem nachmaligen Präsidenten Klestil und seiner Gattin dies versagt blieb, brachte dieses Couple zur Weißglut und die Botschaft zum Routieren. Warum hat der Zilk das bekommen und wir nicht? Da saß aber schon Putin drin. Als Rache bekam er einen Köter geschenkt. Der Kremlherr ließ sich einmal, ihn streichelnd, mit ihm ablichten, dann hielt er es aber mehr mit sibirischen Tigern und Reitpferden.

Dann kam das Bankett am Abend des letzten Tages. Lange, überladene Tische in den Hallen des Rathauses, Kerzen- und Blumenschmuck unter den neugotischen Spitzbögen, vorne auf einer Bühne ein kleines Orchester mit Strauß-Walzern. Zilk hatte sich ausgebeten, dass Tamara gegen alle Regeln der Diplomatie neben ihm saß. Aufgetragen wurde die erste Vorspeise. Die Übersetzerin war wahrlich keine Newcomerin, hatte ihr Stadtoberhaupt schon auf vielen Reisen begleitet, viele Verhandlungen über Städtepartnerschaften übersetzt, viele Gastmähler und tausende Toast-Sprüche überstanden. Aber was diesmal auf ihrem Teller landete, das hatte sie noch nie gesehen. Es war gurkengrün, aber keine Gurke, vielleicht eine unreife Birne? Aber warum war da so viel Grünzeug und Zitrone rundherum? Birne Helene war doch eine Nachspeise und sicher nicht geziert mit Kräutern, Muscheln und Krebsen, dazu Büschel von Petersil, geschnitzte Karotten, Berge von Majonnaise und Kaviar. Eine Wurzel oder eine Frucht? Oder irgendetwas dazwischen?
Wie findet man ein Wort für etwas, was es für sie nicht gab?
Ohne Wort keine Wirklichkeit, das ist das kleine Einmaleins ihres Berufes.
Wenn sich die Wirklichkeiten so sehr unterscheiden, gibt es auch keine Worte mehr.
Oh Gott, was war das? Ein Gewächs, so viel war sicher, kein Kunstprodukt.
Aber war es süß oder sauer? Die Nachspeise zur Vorspeise?

Die Fragen rasten durch ihren normalerweise gut sortierten Kopf. Sekunden wie Jahrhunderte, diese Verzweiflung, sie starrte auf diese ihr unbekannte Mixtur, glotzte sie an wie ein Untier – sie hatte keinen Namen dafür, das Schlimmste, was einer Übersetzerin passieren kann. Sprachlos, wortlos.
Da hob sie vorsichtig den Blick auf den Chelmut neben ihr. Augen rollen, Brauen hochziehen, unmerkliches Zwinkern, mit Mundwinkel zucken – diese Sub-Sprache beherrschte sie und operierte erfolgreich damit. Aber jetzt, angesichts dieser nie gesehen Frucht, war sie am Ende ihrer Weisheit.
Welches Gerät nehmen? Messer, Gabel, Löffel, Fischbesteck, Krabbenschere, Süß- oder Teelöffel? Die Reihen links und rechts vom Teller waren endlos, und vor ihren Augen schwirrte es.
Ja, und so hat sie es mir erzählt, genau so, in diesem Sommer 2017, als Tamara bei mir zu Besuch war, als ich ihr unschuldig so etwas für uns Selbstverständliches wie Avocados vorsetzte.

„Zilk hat die Situation sofort richtig erkannt, ein Genie, ein echter Gentleman, Diplomat höchster Schule, vor allem aber ein Mensch, ein so lieber Mensch. Er hat es nicht zugelassen, dass ich mich blamiere. Weißt du, was es bedeutet hätte, wenn ich Luschkow ... und seine Nadja ... die hatte ja noch weniger Ahnung als ich. Aber sie hatte die Gattin an ihrer Seite. Ich aber sah gar nichts.
Unter der Serviette auf dem Schoß legte mir Zilk seine Hand auf meine.
Ruhig, Schatzi, schau mir genau zu und mach, was ich mache. Dabei neigte er den Kopf aufrecht leicht in meine Richtung und murmelte mir ins linke Ohr.
Befreiende Worte, ich schaute nur noch auf seine Hände und imitierte seine Bewegungen vom Teller zum Mund und wieder zurück, ohne eine Sekunde auf das Übersetzen zu vergessen. Ich wusste nicht, was ich aß, und war nicht sicher, ob es mir schmeckte. Ich kam durch bis zur richtigen Birne Helene, vielleicht war es auch ein anderes Dessert, nicht wichtig. So kam die Avocado zu mir.“

Sie lobte meine Käseplatte mit Avocados und Tomaten, keine heimische Frucht, sondern eine aus Chile, bei Hofer gekauft mit einem Fair-Trade-Gütesiegel. Für Tamara kramte ich die Verpackung aus dem Mülleimer heraus und zeigt ihr, dass sie von der Firma Hass aus den USA stammten.
Hass-Avocados aus Texas. Nur ein Familienname wie Trump, ein Einwanderer aus Deutschland, wie Kraft und Heinz und Ochs. Da waren wir ganz schnell bei der aktuellen Politik. Inzwischen gibt es auch in Russland Avocados, sagt Tamara, aber sie kommen seit den Sanktionen nur noch aus Israel, sie sehen ganz anders aus, wie kleine, braune Kürbisse mit Schnäbeln und schmecken nach absolut goa nix.
Da können wir doch gleich bei unseren russischen Gurken bleiben, die schmecken ohne Wodka, Zwiebel und Schwarzbrot auch nach nichts, riechen aber wenigstens noch nach Erde.

Das war ein schöner, interkultureller Abend.

  1. 8.17

Veronika Seyr
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Vielleicht in 200 bis 300 Jahren

„Von einem Druck des Romans kann keine Rede sein, nicht früher als vielleicht in 200 bis 300 Jahren.“ Diese Prognose für das Erscheinen seines Romans bekam der russische Schriftsteller Wassilij Semjonowitsch Grossman 1961 von dem ZK-Sekretär für Kultur Suslow im Jahr 1962 gestellt. Grossman hatte ein monumentales Buch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, in dessen Zentrum die Schlacht um Stalingrad und die Wende im Verlauf des Krieges stehen. Er hat fast zwanzig Jahre daran geschrieben, die gesamte Kriegszeit verbrachte er als Reporter der Armee-Zeitung „Roter Stern“ an den Fronten. Er erlebte die Niederlagen im Westen zu Beginn der Invasion, die Schlachten um Moskau und Kursk, die fünf Monate des Kampfes blieb er in Stalingrad, und auch bei der Rückeroberung Weißrusslands, des Baltikums und beim Einmarsch in Berlin war er dabei.

Der studierte Chemiker, 1905 als Jossif Solomonowitsch im westukrainischen Berditschew geboren, schrieb vor dem Krieg Romane und Erzählungen, ganz entsprechend der vorgegebenen Linie des Sozialistischen Realismus; er zeichnete das Leben der sowjetischen Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus nach. Gorki wurde auf ihn aufmerksam und führte den jungen Kollegen ins Literaturleben ein. Damit konnte er seine Arbeit in den Gruben von Donezk verlassen, ging nach Moskau, wurde veröffentlicht und hatte mit mehreren Erzählungs-Bänden und vielen Artikeln großen Erfolg. Den Großen Terror überlebt er angeblich unbeschadet, leiblich. Seine Frau Olga wird verhaftet, sein Sohn stirbt bei vormilitärischen Übungen, seine Mutter kommt im Getto von Berditschew ums Leben, so wie auch die anderen zwanzig- bis dreißigtausend jüdischen Bewohner. 1944 schreibt er als erster Augenzeuge detaillierte Berichte über die Vernichtungslager von Maidanek und Treblinka. Sie werden auch für den Nürnberger Prozess als Unterlagen für die Anklage herangezogen und im Wortlaut vorgelesen.
Aber Grosssman war auch nicht blind gegenüber der anderen Seite des Terrors. Gleich nach der Anklage Chruschtschows gegen Stalin begann er mit der Sammlung der Schicksale der im Großen Terror vernichteten Sowjetbürger. Das umfangreiche „Schwarzbuch“ wurde aber knapp vor seinem Erscheinen eingestampft und erschien nie.

Die Verhaftung eines Romans ist die höchste Auszeichnung, die die Staatsmacht einem künstlerischen Werk verleihen kann. Die Dichtung wird der Wahrheit gleichgestellt, die Erfindungen des Schriftstellers dem Verrat von Staatsgeheimnissen. Die Staatsmacht empfindet Angst vor erdachten Figuren und den Gedanken eines Autors, selbst wenn sich diese nicht in Druckseiten mit Massenauflage verwandelt haben, sondern im Schreibtisch des Schriftstellers oder in denen der Geheimdienstler ruhen bleiben.

Das Schicksal dieses Buches ist einzigartig und lässt sich in jeder einzelnen Etappe nachvollziehen. Grossman übergibt 1962 das Manuskript von eintausend Seiten der regimekonformen Literaturzeitschrift „Znamja“. Chefredakteur Wadim Koschewnikow liest es und reicht es an seine Stellvertreter Ljudmila Skorino und Alexander Kriwizki weiter. Sie erkennen die Explosionskraft des Buches und sind entsetzt. Auch nach dem XX. und XXII. Parteitag und dem Chruschtschow‘schen Tauwetters durfte man nicht so weit gehen wie Grossman: Sein Bild der sowjetischen Gesellschaft war zu schrecklich und vor allem zu wahrheitsgetreu. Gemeinsam beschließen sie die Denunziation und liefern das Buch an den KGB weiter. Dank dieser namentlich bekannten Handlager erscheinen kurz danach bei Grossman zwei Männer in Zivil, die sich als Major und Hauptmann des KGB ausweisen. Sie zeigen den Befehl zur Hausdurchsuchung vor und verlangen von ihm die Herausgabe aller Exemplare.

Sie nehmen nicht nur die maschingeschriebenen Kopien mit, sondern auch die Entwürfe und bei den Stenotypistinnen und Maschinistinnen die Farbbänder und die Blätter des Durchschlagpapiers, von denen man „gegen das Licht etwas hätte entziffern können“. Sein Monumentalwerk schien für immer vernichtet. Der Autor wurde nicht verhaftet, es blieb ihm das Schicksal von Mandelstam, Babel, Bulgakow, Chlebnikow und Antonow erspart, aber er erkrankte kurz danach an Krebs und starb drei Jahre später, nur neunundfünfzigjährig.
Was hatte die Erstleser von „Snamja“ und jene im KGB so erschreckt? Um die Beschlagnahme eines Manuskripts eines bekannten Schriftstellers zu beschließen, musste man es fürchten und hassen wie die Pest.

„Leben und Schicksal“ erforscht die sowjetische Realität am Höhepunkt ihrer Geschichte, im Kampf um Stalingrad. Gleichzeitig ist hier die schwerste Niederlage der Roten Armee, die bis zur Wolga zurückgewichen war, mit dem überragenden Sieg über den Feind dargestellt. Stalingrad als die größte Hoffnung auf den Untergang des Nazismus und die Einsicht, dass es keinen Triumph der Demokratie geben wird. Grossman erlaubt uns, tiefe Einblicke in den Erkenntnisprozess einer großen Anzahl von Personen nachzuvollziehen.

Zwischen Rassen- und Klassen-Fanatismus besteht kein grundsätzlicher Unterschied. Ein erstaunliches Paradox: Gerade in Stalingrad wird offenbar, dass die Regime, die einander bekämpften, endgültig wie Spiegelbilder einander ähnlich waren. Grossmann begeht das schlimmste Verbrechen, er dringt sogar ins Hinterland des Hinterlandes ein und stellt Gulags und Konzentrationslager einander gegenüber. Nach seinen Erfahrungen mit dem Stalinismus kommt Grossman persönlich zu christlich anmutenden Folgerungen, die er wie ein Evangelium in den Mund des inhaftierten Popen Ikonnikow legt:
„Wenn das Gute nicht in der Natur, nicht in den Predigten der Propheten, nicht in den Lehren der großen Soziologen und Volksführer und nicht in der Ethik der Philosophen liegt, wo dann? - Es liegt in den Herzen der einfachen Menschen, in der Nächstenliebe. (…)
Die Geschichte der Menschheit ist nicht die des Kampfes zwischen Gut und Böse, sondern die des Kampfes zwischen dem sogenannten Guten und jenem Körnchen Menschlichkeit. Wenn selbst unter den heutigen Bedingungen das Menschliche im Menschen nicht abgetötet werden kann, dann wird das Böse niemals den Sieg davontragen.“ (Leben und Schicksal, S. 341)

Auch daran wird deutlich, dass sich Grossman niemand Geringeren als Lew Tolstoj zum Vorbild genommen hat. Wie in „Krieg und Frieden“ gruppiert er die Menschen – es sind bei ihm an die zweihundert auf Hunderten Schauplätzen – in mehreren Familien. Im Zentrum steht die weitverzweigte Familie des sowjetischen Atomphysikers Viktor Pawlowitsch Strum und der angeheirateten Schaposchnikows. Strum gelingt der Durchbruch zu den entscheidenden Erkenntnissen und damit der sowjetischen Wissenschaft der Anschluss an die westliche Physik. Gerade als Strum den Stalin-Preis und die Glückwunschtelegramme von Einstein und Fermi erwartet, gerät er in den Strudel des Stalin‘schen Antisemitismus. Er sieht sich umgeben von einer Heerschar von Speichelleckern, Heuchlern, Karrieristen und Antisemiten. Er, der immer nur der sowjetischen Wissenschaft gedient hat, wird ins Gefängnis geworfen mit der Anklage nach dem berüchtigten Artikel 58 / Absätze 10 und 8 wegen antisowjetischer Agitation und terroristischer Tätigkeit. Ein Urteil, das seit dem Großen Terror von 1937 an viele Hunderttausende von Sowjetbürgern in die Lager gebracht hatte. Oder gleich in den Tod in der Lubjanka oder auf den Transporten.

Der Viktor P. Strum im Roman wird noch einmal entlassen, weil man sein Gehirn zur Glorie der sowjetischen Wissenschaft noch brauchen konnte. Aber der jüdisch geborene, sowjetisch sozialisierte Schriftsteller Grossman selbst wird nie wieder loskommen von der Judenvernichtung durch die Nazis und der Verfolgung durch Stalin.
Ein enger Freund schreibt später, er hatte damit seinen Knacks weg. Seine strenge, heilige, lichtbringende, sowjetische Kathedrale Stalin war eingestürzt.

Pasternaks Dr. Schiwago und Solschenizyns Archipel Gulag lösten gewaltige Skandale aus und hatten für die Autoren schwerwiegende Folgen. Pasternak starb nur zwei Jahre später an gebrochenem Herzen, Solschenizyn wurde des Landes verwiesen. Aber die Romane, so wichtig und aufklärerisch sie auch waren, bedeuteten Kinderspiele im Vergleich zu Leben und Schicksal. Sie waren für das Zentralkomitee und die Geheimdienste viel weniger gefährlich als Grossmans Buch. Es greift alle Probleme des Stalinismus offen auf und an, stellt die Verbrechen ungeschönt dar, alle in der Partei, in der Armee und sogar das proletarische Volk selbst, das gar nicht so glorreich ist, sondern auch arbeitsscheu, versoffen, devot und kriecherisch, ein Volk von Tätern und Opfern, nicht klar getrennt, sondern oft beides in einer Person. Bei allen Parallelen, die er sonst zwischen den Diktaturen zieht, ist das der große Unterschied zum anderen Totalitarismus, den Grossman herausstellt.
Das muss ihm bewusst gewesen sein, als er sein Manuskript der „Snamja“ übergab.
Er muss gewusst haben, dass man ihm das nicht durchgehen lassen wird.

Später geschah doch noch ein Wunder, nachdem das Manuskript von „Leben und Schicksal“ zwanzig Jahre lang in Haft gesessen war. Grossman hatte damals zwei Exemplare seines Manuskripts bei Freunden in Moskau verstecken können, die auf geheimen Wegen in den Westen gelangten, übersetzt und veröffentlicht wurden, das russische Original zuerst 1980 in einem Exil-Verlag in Lausanne, deutsch 1987 bei Ullstein.

26.8.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 18014

Musik und Mord

Lange grüble ich schon darüber nach, wende die Sache in meinem Kopf hin und her und kann zu keinem objektiven und endgültigem Urteil kommen. Aber vielleicht braucht es gar keine Objektivität, kein Urteil, und schon gar kein endgültiges. Wie komme ich überhaupt dazu, mir anzumaßen, ein Urteil fällen zu können, das bis zum Ende der Zeiten gültig sein soll?

Höchstwahrscheinlich ist mein Verstand nicht dazu gemacht, dies zu entscheiden, nicht scharf, nicht analytisch und nicht genau genug. Aber kann überhaupt ein Verstand dazu im Stande sein, eine solche Entscheidung mit den Mitteln der Vernunft zu treffen? Es hat sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass die menschliche Rationalität begrenzt ist. Gleichzeitig ist es gerade die vorläufige rationale Kontrolle, die es uns erlaubt, der Fantasie scheinbar alle Freiheit zu lassen. Daher habe ich entschieden, die beiden Seiten der Sache darzustellen und den Gefühlen und der zeitweiligen Urteilskraft der Leser freien Lauf zu lassen.

Es war einmal ein Russe namens Wladimir Fjodorowitsch Odojewski, der lebte zwischen 1803 und 1869 in St. Petersburg und Moskau. Er stammte aus einer reichen, fürstlichen Familie, war Jurist, Schriftsteller, Komponist, Philosoph, Kinderbuchautor, Musikpädagoge und Naturforscher, hatte lange die Stelle des Direktors der kaiserlichen öffentlichen Bibliotheken inne, später des Rumjanzew-Museums in Moskau. Fürst W. F. Odojewski war sicherlich kein einfältiger Mensch, sondern fast so etwas wie ein Universalgelehrter. In seinen späten Jahren gerierte er sich wie Faust in seiner Studier- und Alchimistenstube. Mit seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen beeinflusste er die Großen der Literatur wie Turgenjew, Dostojewski und Tschechow. Er bezieht sich eindeutig auf die deutsche Romantik, dabei vor allem die Phantastik eines E.T.A. Hoffmann, und bringt die epische Sprache des Russischen zu ihrem ersten Höhepunkt. Trotz seiner adeligen Herkunft enthalten viele seiner Erzählungen in Form der Satire scharfe Kritik am russischen Adel und dem zaristischen Absolutismus. Kein Geringerer als Dostojewski bekennt 1861, selbst schon berühmt, wie sehr ihn Odojewskis Schreiben geformt hat und wie sehr er ihn verehrt und liebt.

Als Komponist und Musikpädagoge beschäftigt er sich intensiv mit Bach, Wagner und Piranesi, auch mit dem für ihn größten Gestirn, mit Beethoven. Nur sechs Jahre nach dessen Tod schreibt Odojewski die Erzählung „Das letzte Quartett Beethovens“, lange bevor eine umfassende Lebens- und Werkbeschreibung erschienen ist. Er verrät nicht, wie ihm als sehr jungem Menschen bekannt geworden ist, dass der russische Fürst Nikolai Galitzin 1822 bei Beethoven „ein, zwei oder drei Streichquartette“ bestellt hat. Er schickte einen Brief an „Monsieur Louis van Beethoven a Viennes“. Solche vagen Angaben reichten damals, dass die Post aus dem fernen St. Petersburg den berühmten Komponisten in Wien erreichte, und das bei den Dutzenden von dessen Wohnadressen. Galitzin fühlte eine enge Verbindung mit Wien, war doch einer seiner Vorfahren lange Zeit Gesandter am Hof von Maria Theresia und Joseph II. gewesen. In diesem Schreiben bezeichnet sich Nikolai Galitzin als leidenschaftlichen Cello- Spieler und Bewunderer von Beethoven. An seinem Hof habe er ein von ihm bearbeitetes Streichquartett aufgeführt, berichtet er ihm. Gleichzeitig poltert er gegen den schlechten musikalischen Geschmack in Europa, vor allem gegen „la charlanterie italienne“, die derzeit vorherrsche, aber vergänglich sei im Gegensatz zu den unsterblichen Meisterwerken Beethovens. Als ob er es gewusst hätte, dass sich Beethoven ständig in Geldnöten befand, überließ er es dem Meister, den Preis selbst festzusetzen. Beethoven schlug ein und setzte die exorbitante Summe von 50 Dukaten pro Streichquartett fest, auszahlbar durch eine St. Petersburger Bank nach Lieferung.

Kurz zusammengefasst, Beethoven lieferte, konnte liefern, weil er schon einige Zeit etwas im Kopf hatte: Op. 127, op 131 und op 130 gelten als die „Galitzin-Quartette“. Das erste schrieb er in nur zehn Wochen und schickte es ab. Es traf die prompte Zahlung ein, für die beiden anderen verzögerten sich die Transfers, teils weil die Bank sie verweigerte, teils wegen eines Streits mit Galitzin. Beethoven hatte es sich nicht nehmen lassen, sie alle vorher mit seinen bewährten Musikern in Wien uraufführen zu lassen. Dann gestand Galitzin ein, in finanziellen Schwierigkeiten zu sein, weil er sich an dem zaristischen Feldzug gegen Persien, an dem er selbst teilnahm, überhoben habe. Der Geldstreit um die Streichquartette hielten Beethovens Erben und Testamentsvollstrecker noch bis 25 Jahre nach seinem Tod in Atem. Es ist nicht einmal gesichert, ob der Besteller selbst je eines von den Streichquartetten gehört hat.

Odojewski klärt das in seiner Erzählung ebenso wenig auf wie die Frage, ob er selbst sie kannte. Aufgrund der vagen, dafür umso schwulstigeren Wortkaskaden, die auf viele Musikstücke zutreffen könnten, ist das zu bezweifeln.

Jedenfalls bezieht er sich nicht auf eines der drei „Galitzin-Quartette“, sondern auf das allerletzte, das F-Dur, op 135, an dem Beethoven bis zu seinem Tod gearbeitet hat.
Aber offensichtlich geht es ihm gar nicht um das Streichquartett und die Umstände seiner Entstehung, sondern um die Verteidigung des Meisters gegen die Wiener. Die Erzählung ist eine infame Verteufelung und Verhöhnung der Wiener, die nichts von dem Genie in ihrer Mitte verstanden hätten. Odojewski, der nie in Wien war und nie am musikalischen Leben in dieser Stadt teilgenommen hat, weiß es besser. Die Wiener sind Phäaken und Ignoranten mit schlechtem Geschmack, sie gingen lieber ihren niedrigen und ungezügelten Leidenschaften nach, Wein, Weib und Gesang, Gesang vor allem von billigen Italienerinnen, die er allesamt in den Niederungen von Untalentiertheit, Strich und Puff ansiedelte. Er insinuiert sogar, dass die Wiener das göttliche Genie, dessen sie nie würdig waren, ihn indirekt umgebracht haben, indem sie ihn nicht genügend anerkannt und gefeiert hätten. Und übrigens sei er taub geworden, damit er ihr schales Gerede in einer verhunzten Sprache (komisches Deutsch) nicht mehr anhören musste.

Nur Russen wie der Fürst Galitzin (und natürlich er selbst) hätten ihn retten können vor den von Wald, Walzer und Wein besoffenen Wienern. Das ist schon eine großartige Fernsicht aus St. Petersburg. Mit seiner übergroßen Liebe zu Beethoven schimpft sich der russische Fürst in eine überschäumende, geifernde Verunglimpfung des Wiener Musiklebens und ihrer Liebhaber hinein, die ein klassisches Vorbild hat:
Puschkin hat die Richtung und den Ton vorgegeben mit seiner „Kleinen Tragödie“ über Mozart und Salieri. Eine in marmorne Poesie erstarrte Lüge über den angeblichen Giftmord Salieris an Mozart, die Legende vom Kampf des akkuraten, alternden Handwerkers gegen das überschäumende, junge Genie. Puschkin wusste von dem unhaltbaren Gerücht, es passte ihm aber in den eigenen Kram, es als vom Zaren persönlich verfolgter Künstler aufzufrischen und in eherne Verse zu gießen. Ich selbst traf auf viele Russen, die vom Giftmord völlig überzeugt waren. Ein trauriges Zeugnis für die Erkenntnisschwäche der Russen, aber auch für die Macht der Poesie. Darüber hinaus konnte ich mich davon überzeugen, dass die Russen nichts so sehr lieben wie Verschwörungstheorien, den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, wobei sie sich so gern auf die Seite des vermeintlich Guten stellen und damit selbst gut werden. Tausende Male diskutiert, warum keine andere Kulturnation so viele seiner Dichter, Komponisten, Kritiker, Regisseure, Wissenschaftler, Lehrer und Geistliche über die Jahrhunderte an die Staatsmacht ausgeliefert und in Sibirien ermordet hat. Das waren doch nicht wir, das war damals die zaristische Ochrana, das war die Tscheka, der NchWD, der KGB, der FSB. Und was machen sie jetzt mit Serebrennikow?
Aber zurück zu diesem philanthropischen Fürsten Odojewski.

Also, die Wiener sitzen ununterbrochen auf langen Bänken unter den Kastanien, fiedeln und tanzen und trinken ihren frischen, sauren Wein, für den der Fürst nur Verachtung hat im Vergleich zu seinem französischen Champagner oder dem heimischen Wodka.

Während sie sich so vergnügen, stirbt das Genie. Wie können sie nur. Odojewski leidet mit aus der Ferne. Es kümmert ihn nicht, dass sich Beethovens Todeskampf von Dezember 1826 an abgespielt hat und am 26. März 1827 ausgestanden ist. Als sich die Nachricht von Beethovens Krankheit in Wien verbreitet, hört der Besucherstrom vor dem Schwarzspanierhaus nicht mehr auf. Bis auf die engsten Freunde und Familie wird niemand mehr vorgelassen, aber die Wiener bringen stapel- und kistenweise Wein, Kuchen, Süßigkeiten, Honigmet, Riechflaschen, Wein, Arzneien, Kräutertrank, Mandelmilch, Blütentee, Petersilsuppe und andere Geschenke. Die Wiener wussten sogar, dass er beim Bier das dunkle Horner aus dem Waldviertel bevorzugte. Es waren dem Volk nicht nur die vielen Wohnadressen bekannt – er ist ganze zweiundvierzig Mal umgezogen – sondern auch seine Vorlieben, von denen sie viele mit ihm teilten. Sie wussten, dass Beethoven sein Leben lang dem Wein gerne und meist im Übermaß zugesprochen hat. Rhein- und Moselweine sind seine Favoriten, aber er verschmähte auch keinen alten Gumpoldskirchner oder frischen Grinzinger, wenn einmal der Rüdesheimer ausging. Sein Bruder Johann schwor auf den Wachauer aus Gneixendorf.

Am 5. Jänner traf ein großes Paket aus London ein: die Gesamtausgabe von Händels Werken in vierzig Bänden; sie machte ihm große Freude, weil Händel für ihn der größte Komponist gewesen ist. Er freute sich wie ein Kind und ließ sich immer wieder einen Band reichen, über den er zärtlich mit der Hand strich, berichtet ein Besucher. Er musste vielen davon erzählt haben, denn die Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode brachte am 27. Jänner eine Meldung darüber. Nicht nur Freunde und Kollegen eilten herbei, als Beethovens schlechter Gesundheitszustand bekannt wurde. Auch der halbe Hof und viele Adelige stellten sich ein, schickten Botschaften und Geschenke. In den drei Monaten nahmen die Wiener regen Anteil an Beethovens Krankheit.
Am 21. März diktierte er den letzten Brief an Fürst Galitzin, in dem er diesen an seine Zahlschuld für die zwei letzten Streichquartette erinnerte, die Nr 13, op 130 und Nr 14, op 131. Die Erben und Nachlassverwalter werden noch fünfundzwanzig Jahre mit den Russen darüber streiten.

Am 25. März, kurz nach der letzten Ölung durch einen Priester, traf ein Kistchen mit Wein und Kräuterbalsam ein, zwei Flaschen Rüdesheimer 1806, ein hervorragender Jahrgang. Der Diener stellte es auf das Tischchen neben Beethovens Bett, der schaute sie an und sagte: Schade, schade …. zu spät. Man tröpfelte ihm davon löffelweise auf die Lippen, aber er konnte nicht mehr schlucken, er war ins Koma gefallen.

Am Montag, dem 26. März, machten sich gegen Mittag seine engsten Gefährten, Vater und Sohn Breuning von der Schwarzspanierstraße aus auf den Weg hinaus ins Währinger Dörfl, um auf dem Friedhof eine Grabstelle auszusuchen. Der aus Graz herbeigeeilte Freund Anselm Hüttenbrenner – Komponist, Pianist und Musiklehrer – und die Haushälterin Sali sind die einzigen Menschen neben dem Sterbenden.
Zeitgenossen und Biographen stimmen überein, dass sich am Montag, dem 26. März im Laufe des Nachmittags ein schreckliches Gewitter zusammenzuziehen begann, dunkle Wolkenfelder ganz niedrig, ein Ungewitter, mit Schneegestöber und Hagel.

„Da fährt unter einem gewaltigen Donnerschlag ein greller Blitz, von einem gewaltigen Donnerschlag begleitet, herunter und erleuchtet das Zimmer im Schwarzspanierhaus. Beethovens Augen öffnen sich weit, er hebt die rechte Hand, ballt sie zur Faust und starrt ernst und drohend in die Höhe. Dann sinkt die Hand wieder auf das Bett und die Augen schließen sich halb.“ (Der Biograf … ) Der Musiker Anselm Hüttenbrenner ist neben der alten Haushälterin Sali in Beethovens Sterbezimmer. Hüttenbrenner legt dem Sterbenden die Hände auf die Brust. Beethoven atmet nicht mehr und sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Hüttenbrenner drückt ihm die Augen zu und küsst seine Lider. Dann zieht er seine Uhr heraus, es ist dreiviertel sechs. Jetzt lässt Hüttenbrenner den jungen Maler Josef Teltscher ins Sterbezimmer rufen, damit er einige Zeichnungen vom Toten anfertigt. Danach schneidet er ihm eine Locke aus dem Haupthaar und bewahrt sie in seinem Notizbuch auf.

In der Sterbematrik der Minoriten auf der Alser Straße steht eingetragen: Ludwig van Beethoven, gest. 26. März 1827, lediger Tonsetzer, geb. 1770 zu Bonn im Reichsgebiet, gest. an Wassersucht, begraben am Gottesacker des Dorfes Währing.

Beethoven wurde am 29. März in der Alserkirche aufgebahrt. An den Feierlichkeiten und dem Trauerzug nahmen 20 000 Menschen teil, damals die Hälfte der Bewohner der Innenbezirke.
Das Gedränge war so groß und die Stimmung so heftig, dass Militär eingesetzt werden musste, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Schulen und Ämter blieben geschlossen. Es ging heftiger Schneeregen nieder und es wehte ein eisiger Wind. Das Leben in Wien steht praktisch still. Am Eingang zum Friedhof trägt der Schauspieler Heinrich Anschütz die bewegende Grabrede, die Franz Grillparzer verfasst hat, vor. Den Sarg begleiten 36 Fackelträger, von denen Franz Schubert einer ist. Nur ein Jahr später wird er selbst unter großer Anteilnahme der Wiener zu Grabe getragen.
… Drum scheidet trauernd, aber gefaßt von hier, und wenn euch je im Leben, wie der kommende Sturm, die Gewalt seiner Schöpfungen, übermannt, wenn Eure Thränen fließen in der Mitte eines jetzt noch ungeborenen Geschlechts, so erinnert Euch dieser Stunde, und denkt: Wir waren auch dabey, als sie ihn begruben, und als er starb, haben wir geweint.
(Ende der Grillparzer-Rede)

1863 wird Beethoven erstmals – wieder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung –exhumiert, die Gebeine und der Schädel vermessen und fotografiert, 1888 ein zweites Mal, diesmal aber umgebettet in die Ehrenhalle des eben eröffneten Zentralfriedhofs.
Nach Odojewskis Ansicht hätten die Wiener, so wenig wie sie das Sterben und den Tod in ihrer Kulturlosigkeit und Oberflächlichkeit gebührend gewürdigt haben, kollektiv Selbstmord begehen müssen, um dem Genie in ihrer Mitte gerecht zu werden, das sie nicht erkannt haben, sozusagen als Buße dafür, dass sie ihn mit ihrer Ignoranz nicht gerade ermordet, aber in den zu frühen Tod getrieben hätten. Es ist der unerträgliche moralische Alleinvertretungsanspruch, der die Odojewski-Erzählung so abstoßend macht. Es ist der ekelhafte Schwindel, zu dem Odojewski unter dem Deckmantel der künstlerischen Freiheit, der freien Einbildungskraft, greift.

Und was hätte Odojewski erst daraus gemacht, hätte er gewusst, dass die schwindligen Wiener zugelassen haben, den Mozart-Mörder als Lehrer von Schubert und Hüttenbrenner wirken zu lassen. Sicher auch wieder nur eine typisch wienerische, hinterlistig-dumme Verschwörung gegen Beethoven. Dass Hüttenbrenners Requiem Nr. 1 in c-Moll bei Salieris Einsegnung 1825 gespielt wurde, ebenso wie bei Beethovens 1827 und ein Jahr später bei Schuberts. Hüttenbrenner überlebte seine Freunde so lange, dass er noch mit Liszt befreundet sein konnte.

Nicht nur, dass Odojewski in seiner Erzählung das namensgebende 13. Streichquartett für das letzte hält und es mit dem ihm unbekannten 14., op 135 verwechselt und die äußeren und inneren Umstände von Beethovens Sterben und die Wiener völlig „falsch“ darstellt. Unwesentlich ist auch die Frage nach der historischen Wahrheit, denn um die Authentizität eines historischen Geschehens geht es hier nicht.

Es ist die Haltung, mit der Odojewski die „dichterische Freiheit“ anwendet. Wie heißt die Definition von Wilhelm von Humboldt: Kunst besteht in der Vernichtung der Natur und ihrer Wiederherstellung als Produkt der Einbildungskraft. Danach hat Odojewski die Natur = Geschichte recht ordentlich vernichtet und mit viel Einbildungskraft irgendetwas hergestellt.

Er hat mit diesem Machwerk ein Bild vom Wiener Volk erschaffen, das nach ihm viele russische Dichter und Reisende ( u. a. Gogol und Tschechow, aber die waren im Gegensatz zu Odojewski zumindest für einige Tage in der Stadt ) wiederholt haben und das so unausrottbar ist wie der von Puschkin geschaffene Giftmörder Salieri. Nicht nur, weil seit Generationen die Kleine Tragödie Mozart und Salieri zur Schullektüre in Russland gehört und auswendig gelernt wird. Immer wieder werden neue Varianten auf den Bühnen aufgeführt, Vertonungen ohne Zahl. 1898 singt der tiefste Bass aller Zeiten, Schaljapin, den schrecklichen Salieri.

Sowohl die Wiener wie auch Salieri werden es aushalten, dass sie bei den Russen so schlecht wegkommen. Aber wie weit darf künstlerische Phantasie gehen, und wo beginnt die Denunziation? Ist Odojewskis Beethoven-Erzählung eine frühe Form von fake news? Ganz abgesehen davon, dass es bei den Russen Volkssport ist, immer und überall an Verschwörungstheorien zu basteln. Das scheint ihre zweite Natur zu sein. Wenn es nicht so verschrien wäre, könnte man von einem Nationalcharakter sprechen. Sondern vor allem – das ist meine Interpretation – das messianische Bewusstsein der Russen. Sie, die großen Kunstversteher, die großen Künstler-Retter, das ist es, was einem den Magen umdreht. Sie hätten eigentlich genug zu tun, bis zum heutigen Tag, ihre eigenen Künstler vor Verbannung, Ausweisung, Gefängnis, Gulag und Tod zu retten – aktuell den Kirill Serebrennikow.

Puschkin hat Mozart und Salieri 1830 geschrieben, es wurde 1932 in St. Petersburg uraufgeführt. Sehr wahrscheinlich hat Odojewski es gesehen, denn kurz danach erschien seine Beethoven-Erzählung. Zwingend ist der Zusammenhang nicht, er ist nur ein zeitlicher, aber möglich, die Parallelen sind unleugbar. Der böse Salieri ist Wien – Beethoven ist Mozart, und umgekehrt.

Genie gegen Mittelmäßigkeit, gottgegebenes Talent gegen Handwerk, schöpferische Uneigennützigkeit gegen eifersüchtigen Ehrgeiz. Die Fronten sind klar, aber nur von Salieri her, der vermeintliche Komponistenkrieg ist einseitig, was den Puschkin-Salieri so besonders wurzt.

Wenn ich Puschkin je recht verstanden habe, kämpft er immer für sich selbst und seine künstlerische Freiheit.

Klar, Puschkin glaubt nicht wirklich an den Giftmord von Salieri an Mozart aus „schwarzem Neid und Eifersucht“. Diese Legende war schon zu Puschkins Lebzeiten genügend widerlegt. Als Dramatiker brauchte er aber zwei gegensätzliche Künstlertypen, die er gegenüberstellen und deren Argumente er ausbreiten konnte. Er brauchte seinen Mozart und seinen Salieri, weil er sich selbst eher zu so einem Mozart zählt, der von einem Typus à la Salieri drangsaliert wird. Zeit seines Lebens, angefangen vom absolutistischen Zaren bis zu den niedrigen Neidern und Speichelleckern. Das ist sein Konstrukt und hat mit dem historischen Salieri nichts zu tun.

Puschkin brauchte den bösen Salieri als Selbstverteidigung und den Mozart als Appell für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst. In diesem Kontext interpretiert, kann seine kleine Tragödie von mir aus bestehen bleiben.

Ich nehme Puschkin in diesem Bestreben in Schutz, obwohl ich sehe, was er durch die Anfälligkeit für Fehlinterpretationen angerichtet hat.

Ich persönlich vermeine das Augenzwinkern bei Puschkin zu bemerken, mit dem er seinen Salieri bei seiner Selbstrechtfertigung für den Giftmord auf die absurde Legende über Michelangelo Buonarotti anspielt, der zufolge er ein Model ermordet habe, um das Pathos des Todes bei seiner Kreuzigungsdarstellung wahrheitsgetreuer einfangen zu können.
Bei Odojewski dagegen sehe ich die reine Lust an der Denunziation, um die Überlegenheit der „russischen Seele“ gegenüber dem oberflächlichen, genusssüchtigen, verspielten und tumben Westen herauszustellen. Nur die russische Seele mit ihrer Tiefe, mit ihrer Fülle an Gefühlen und Einfühlung kann die Größe eines Giganten wie Beethoven verstehen. Die phäakischen Wiener haben so einen gar nicht verdient, sie mit ihrem Wein, Weib und Gesang, ihrem Heurigen, Walzer und ihrem Himmel voller Geigenseligkeit. Nur die Russen können einen Beethoven vor ihnen retten. Die Anmaßung, dass Beethoven es nötig hat, von einem Russen gerettet zu werden. Und nur ein Russe mit seiner Glaubenstiefe und seiner gottgegebenen Natur kann die Göttlichkeit eines Mozart oder Beethoven erkennen und gebührend würdigen.

Der Witz an diesem überbordenden Nationalstolz ist, dass er ideengeschichtlich aus Deutschland kommt, vom Schelling-Kult. Schelling wurde in Russland wie ein Gott verehrt, und Odojewski war der Erzpriester der neu entdeckten Nationalseele. Er behauptete, dass der Westen in seinem Streben nach materiellem Fortschritt dem Teufel seine Seele verkauft hatte. Nur Russland mit seinem jugendlichen, unschuldigen Geist und den angeborenen Eigenschaften der russischen Seele könnten Europa retten. Er spricht der russischen Seele eine besondere Art von Liebe zu. Die christliche Bruderschaft Russlands habe eine ganz eigene Botschaft an die Welt (Odojewski, Russische Nächte). Der Fürst, Großgrundbesitzer und Inhaber von tausenden von Leibeigenen predigt vom „unverdorbenen Land und der kreativen bäuerlichen Seele, die ein viel größeres Potenzial hat als die westliche Naturwissenschaft“. Das ist nicht mehr weit entfernt von Iwan Aksakow, dem Begründer des Slawophilentums: „Das russische Volk ist nicht bloß ein Volk, es ist eine Menschheit.“

Die russische Sprache kann aus vielen Gründen geliebt werden, von ihren eingeborenen Trägern so natürlich wie ihre eigene Haut, was für die anderen schwer zu verstehen ist. Mit Hilfe eines einzigen mitleidlosen Wortes kann es die Quintessenz eines weitverbreiteten Defekts bezeichnen, für den die anderen drei europäischen Sprachen zwanzig brauchen und doch zum wahren Wesen vorstoßen. Poschlost heißt dieses fette, weiche Untier, mit der Betonung auf dem ersten O und einem feuchten T am Ende. Niedertracht, Falschheit, Verlogenheit, Schamlosigkeit, Verkommenheit, Schändlichkeit stehen an der Spitze; es folgen: unecht, billig, gemein, geschmacklos, schrottig, minderwertig, schäbig, fies, schleimig, hochgestochen, nachgeäfft, aufgedonnert, lächerlich, flittrig, schundig – alles, was gewisse falsche Werte bezeichnet. Wenn es eine derartige Zeitmaschine gäbe, würden daraus solche Figuren herauspurzeln wie später Gogol sie in den Toten Seelen und im Revisor erschaffen hat. So hat Odojewski die Wiener seiner Phantasie gezeichnet, viele anonyme Tschitschikows, Ljapkin-Tjapkins, Dobtschinskis und Bobtschinskis. Trotzdem bleibt diese Charakterisierung am Autor hängen, ein Schwindler, ein Taschenspieler ist der wahre Poschlotschkin, Schmutz und Schund sind sein Spielkapital.

Dass seine Beethoven-Geschichte kein einmaliger Ausrutscher ist, davon zeugen auch seine Erzählungen über Bach und Wagner, die im Herzen echte Russen sind und nur den einzigen Fehler haben, keine Russen zu sein. Für diesen Größenwahn hat das Russische ein schönes Sprichwort: Die Heimat der Elefanten ist Russland. Oder: Unser Iwanow hat die Glühbirne erfunden. Das Unappetitliche an Odojewski ist, dass er ohne jedes Augenzwinkern schreibt, ohne Anstalten zu machen, sich der Groteske als Kunstform zu bedienen, sondern mit dem Anspruch: Seht her, so sind sie, ich weiß es, es ist die Wahrheit.

Odojewskis Beethoven-Darstellung ist meines Wissens nach die erste Spur der später als Slawophilie in Mode gekommenen Geistesströmung in Russland. In der Konstruktion des „Dritten Rom“ führt der Weg später im Jahrhundert ganz leicht zum Panslawismus und russischen Nationalismus. Und das bis ins heutige Putistan.

1.- 4. September 17

Veronika Seyr
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