Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

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Was Marx wirklich sagte

Glücklich nahm ich das Paket in der Portiersloge der österreichischen Botschaft in Empfang und schleppte es in mein Studentenheim an der MGU (Moskovski Gosudarstvenni Universität imeni Lomonossowa), der Staatlichen Universität. Die österreichischen Stipendiaten hatten das Privileg, sich einmal im Monat ein Paket aus der Heimat schicken lassen zu dürfen, maximal 20 Kilogramm, streng überprüft von der Kurierleitung, der diplomatischen Poststelle des Außenministeriums.
Meine Kolleginnen Lisa und Susanne wünschten sich meist Lebensmittel und Hygieneartikel. Ich auch, aber diesmal hatte ich hauptsächlich Bücher bestellt. Meine Freundin Wjeta wünschte sich den in der Sowjetunion verbotenen Philosophen Nikolaj Hartmann, und mein Freund Paschka wollte Marx‘s Kapital I-III im Original lesen. Ich habe es beim Internationalen Buch im Wiener Trattnerhof erstanden, der Buchhandlung der KPÖ. Ich selbst kannte damals weder Nikolaj Hartmann, einen deutsch-russischen Neu-Kantianer, noch hatte ich Marx gelesen.

Ohne zu fragen erfüllte ich ihre Wünsche. Wjeta und Paschka konnten nicht Deutsch, und die Übersetzungsbemühungen gestalteten sich schwierig, waren aber eine gute Übung für mein mangelhaftes Russisch. Wjeta studierte ihren Hartmann nur heimlich, privat, mühsam, mit Wörterbuch. Aber Paschka machte aus seinem Marx eine große Geschichte.
Möglich, dass ich nicht allzu korrekt übersetzt habe. Man muss ja erst einmal den Inhalt verstehen, und davon war ich weit entfernt. Sie erklärten mir das Kapital, so verzerrt und stückweise, wie sie es vorgesetzt bekommen hatten und es angeblich die Sowjetunion umsetzte. Es war ein Dialog zwischen Stummen und Tauben. Paschka sammelte einige vertrauenswürdige Kollegen um sich, und wir hielten in seiner Wohnung Marx-Lese- und Diskussionszirkel ab. Das ging lange Zeit gut, weil seine Mutter als Telefonistin beim KGB arbeitete, also unverdächtig war.

Dabei war „Wohnung“ zu viel gesagt. Ljubow, eine kleine, magere und gekrümmte Frau, hatte ein großes Zimmer in einer Kommunalka mit einer Gemeinschaftsküche und einer Gemeinschaftstoilette. Es wohnten hier acht Familien auf einer ehemals herrschaftlichen Etage mit breiten Korridoren, in denen jetzt Gerümpel stand oder an den Wänden hing und die bis oben hinauf vollgestopft waren mit Vorräten.
Sie verglichen die Marx‘schen Aussagen des Originals mit den Zitaten in ihrem Lehrbuch in den Pflichtvorlesungen über den Dia-Mat. Und natürlich immer noch obligatorisch „Der kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU“, unverändert seit Stalins Zeiten, nur dass dieser nicht mehr vorkam.
Kein sowjetischer Student – und wahrscheinlich auch kein Dozent – bekam jemals ein Original von Marx und Engels in die Hand, sondern nur in die Vorträge eingestreute Schnipsel präsentiert, so wie sie gerade in die Sowjetideologie hineinpassten. Sie mussten den „Kurzen Lehrgang“ auswendig lernen, er wurde wortgenau abgeprüft. Papageien- und Sklavenunterricht.

Genau weiß ich nicht mehr, was Paschka so aufgebracht hat, was genau er an all den Lügen nicht mehr aushalten konnte. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Wirklichkeit. Wahrscheinlich die Urlüge über den Marxismus, wie sie Lenin über das ganze Land gebracht hat: der Aufbau des Sozialismus in einem Land. Dass Russland als Agrarland ohne Kapital, Industrie und nennenswertes Proletariat denkbar ungeeignet war für eine proletarische Revolution, dass die Bolschewiki den Marxismus eigentlich erfunden hatten, um in seinem Namen an die Macht zu kommen.
Und die Folgerung, dass der „Rote Oktober“ keine proletarische Revolution war, sondern ein bolschewistischer Putsch einer kleinen Kaderpartei – entgegen ihres Namens in der Minderheit. Der ganze große Mythos vom Roten Oktober – ein einziger Schwindel! Ich verstand damals noch sehr wenig von diesem Furor, der sich aus der Marx-Lektüre entwickelte. Aber diese Studenten diskutierten sehr ernsthaft. Es ging ihnen um vieles, um alles. Das Land, die Welt, den Frieden, das Proletariat, die Intelligenzija. Das waren für mich keine Begriffe, hatte keine Inhalte und riefen keine vergleichbaren Emotionen hervor. Ich fand das nur übertrieben, hysterisch und lächerlich. Falsche Romantik und Wodka-Gedusel.

Als sich Paschka in der Argumentation der Widersprüche und Verdrehungen sicher genug war, trat er damit in einer Vorlesung auf. Ich war dabei, erinnere mich aber nicht mehr, um welche Frage es ging. Er schwenkte den 1. Band und zeigte auf die bunt angestrichenen Zeilen. Es entstand ein Tumult. Bevor er verhaftet wurde, wurde das Kapital verhaftet. Nicht der vortragende Professor, sondern Kollegen stürzten sich aus den Sitzreihen auf ihn, entrissen ihm den blauen Band mit den großen Goldlettern am dunkelblauen Einband. Paschka kam nicht mehr zu Wort und wurde abgeführt. Später bekam er einen Prozess vor dem Studenten-Parteigericht der MGU. Es wurden ihm Disziplinlosigkeit, Insubordination und Rufschädigung der Universität vorgeworfen.
Das klingt bedrohlich, aber der Prozess ging glimpflich für ihn aus. Er wurde nicht von der Universität relegiert, es war 1971, immerhin schon 18 Jahre nach Stalins Tod. Das Urteil – er bekam ein zusätzliches Semester militärische Übungen aufgebrummt, verschärftes Regiment, knapp vor dem Gulag.

Das Buch erhielt er nicht zurück. Vielleicht studierten es die KP-Funktionäre oder es wanderte statt ihm ins Lager. Bei der nächsten Party in Paschkas Wohnung phantasierten wir alle möglichen Strafen für das Kapital: Es wurde in Ketten gelegt, ausgepeitscht, verbrannt, eingestampft, umgeschrieben, mit Psychopharmaka vollgestopft, musste sich selbst widerrufen und abschwören, im Bergwerk arbeiten und wurde nach der Ableistung der Gulag-Strafe für ewig aus allen Städten verbannt.

Wjeta wurde keine Hartmann-Philosophin, schmiss ihr Studium hin und malte Bilder. Paschka schloss das Studium ab, arbeitete aber nie als Psychologe, sondern am Bau. Er wanderte später mit einer Linzerin nach Österreich aus und gründete eine Familie, lernte Deutsch und liest noch immer Karl Marx. Am schönsten dabei finde ich, dass er sich ausgerechnet in Freistadt niedergelassen hat.

1.11.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19042

Die Reisen des Regenschirms

Es gab einmal Zeiten, in denen es so heftig und beständig regnete, dass die Straßen auch noch Stunden danach nass waren, die Passanten durch Pfützen waten oder mit einem weiten Schritt darüber springen mussten. An diesem Morgen hatte es endlich geregnet, eine lang ersehnte Abkühlung nach der erdrückenden Hitze der letzten Wochen. Als ich am Vormittag zu meinem Garten aufbrach, waren die Straßen noch nass, und die Leute liefen mit Regenschirmen herum.

Ich fuhr mit der U4 nach Heiligenstadt und von dort mit dem 256er Bus nach Klosterneuburg-Kierling auf den Ölberg, wo ich zu dieser Zeit einen Garten hatte. Ich war ebenfalls mit einem Schirm unterwegs, den ich gleich nach dem Niedersetzen im Bus unter meinen Sitz legen wollte. Damit ich ihn nicht vergäße, würde ich einen Fuß darauf stellen. Als ich hinunterlangte, stieß ich mit der Hand auf einen anderen Schirm, den dort offenbar jemand vergessen hatte. Ich zog ihn heraus, öffnete ihn leicht und sah, dass er eine Reklamegabe der skandalösen Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank war, wie ein weißer Schriftzug am unteren Rand verriet.

Dieser Regenschutz war aus nachtblauer Fallschirmseide, der Mittelmast und das Gestänge waren aus Metall, der handliche Verschluss rastete leicht aus, und der ideal geschwungene, geriffelte Silbergriff schien aus einer eleganteren Zeit zu stammen. Er wirkte neu und unbenutzt, außer dass bei einem Schriftzug der Hypo das H fehlte. Viel schöner als mein eigener, der einmal aus einem Obi-Baumarkt bei mir gelandet war. Knallgrün und orange, OBI für ALLES quer drüber, mit plumpen, Holz imitierenden Plastikperlen an den Enden des Gestänges, genauso wie der viel zu lange und breite Griff. Ich gebe es offen zu, dass ich kurz versucht war, meinen Bastard einfach gegen dieses Edelexemplar auszutauschen – vielleicht war es ja der so lang gesuchte Hypo-Alpe-Adria-Rettungsschirm? Ein kurzer, heftiger Kampf in meinem Gewissen: Ein Reklameartikel, niemand hatte ihn gekauft, sondern geschenkt bekommen, also bereitete ich niemandem einen Schaden. Und bei der allgemein bekannten Großzügigkeit dieser good bank wird sie hunderte, wenn nicht gar tausende von solchen Reklamegeschenken im Land verteilt haben. Aber was, wenn sich jemand genauso schnell und intensiv wie ich in dieses Utensil verliebt hatte und jetzt unglücklich auf dem Ölberg herumlief oder in Klosterneuburg und seinen Schirm suchte?

Wir waren jetzt schon zwischen den Stationen Langstögergasse und Kreuzstadl auf der Bus-Linie. Die Häuser und Gärten wurden immer reicher und üppiger. Reicher und immer reicher, aber das dachte ich nicht wirklich. Bald musste ich eine weitreichende, moralische Entscheidung treffen. Oh Gott, wie schwer, fast so wie bei dem Bauern in Roseggers Erzählung von seinem Schirm und seiner Frau mit ihrer schwierigen Fragen: „Nimm ihn mit oder loss ihn do?“ Mein praktischer Geist siegte über das schlechte Gewissen, ich nahm beide mit, als ich an meiner Station Ulrikendorf ausstieg.
Denn wenn ich mein OBI-Unding im Bus 256 gelassen hätte, wäre der Chauffeur sicher ungehalten gewesen, vielleicht sogar ärgerlich, zornig oder böse: „Immer die Ausländer, zoehn nix, oba lossn ollan Dreck do.“
(Weil dort jetzt immer häufiger Mitbürger aus den Nachbarländern Busfahren, muss man das entsprechend ins Serbokroatische oder Tschechische übersetzen.)

Das OBI-Gebilde blieb fortan im Garten, fürs Grobe, und das Hypo-Findelkind durfte zu mir in die Stadt, wo es im Ständer meiner beachtlichen Schirmsammlung als ein Glanzlicht herausstach. Der geriffelte Silbergriff war natürlich nicht aus Silber, sondern auch nur oberflächlich mit einem silbrigen Kunststoff überzogen, was ich beim Putzen mit Idol schmerzlich bemerkte, als so viel davon abging, dass auch nur hässliches Plastik darunter hervorkam und ich Fußboden und Finger besudelte.

Einige Zeit danach hatte ich beruflich in Bratislava zu tun, wieder regnete es, und meine neue Hypo-Errungenschaft wählte ich aus, sie durfte in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes mitfahren. Allerdings vergaß ich ihn dort in der Garderobe meiner Geschäftspartnerinnen Jana und Anja, was mir nicht gleich auffiel, weil in Bratislava eitel Sonnenschein herrschte, als ich aus dem Geschäftsgebäude in den kleinen Park trat; und danach auch lange nicht, weil es bei uns wieder eine regenlose Zeit gab.

Irgendwann in den Wochen danach, beim Putzen meines Vorzimmers und Verschieben meines russischen Birkenrindenbehältnisses, fiel mir das Fehlen des mitternachtsblauen Stabes mit Silbergriff doch auf. Ich versuchte mich zu erinnern, und ich erinnerte mich richtig, wo er abgeblieben sein könnte; ich simste Jana sofort an, die das Regending aber längst aufbewahrt und es richtig, trotz ihrer zahlreichen Kunden, mir zugeordnet hatte.
Sie kennt ihre Kunden offenbar in- und auswendig, bis in die tiefsten mitternachtsblauen Falten eines geklauten Regenschirms.

Beim nächsten Termin in Bratislava, etwa ein Monat später, kam eine Freundin mit, die weder den neuen Zentralbahnhof noch Bratislava kannte. Gleich beim Eintreten ins Büro überreichte mir eine strahlende Jana die Hypo-Gabe und ich nahm sie glücklich an mich. Es regnete nicht in Bratislava an diesem Tag, in Wien auch nicht, und niemand brauchte einen Regenschirm.
Zurück am Wiener Hauptbahnhof wollten wir einen Kaffee trinken, aber meiner Freundin gefiel hier nichts, mir auch nicht, nirgends durfte man rauchen, alles sah steril und abstoßend aus. Wieder oben, über den Gürtel und die schrecklich verunglückte Kreuzung und den verlotterten Südtiroler Platz, konnten wir uns auf kein Lokal einigen. Ich sehnte mich nach den alten Lagerhallen der Baumärkte zurück – ich hatte sie so lange gesehen, dass sie mir schon vertraut waren, heimisch. Nun – Übergangsstadium, hoffe ich – ein absolutes Nichts an Stadt, eine Unstadt.

Die Freundin und ich zogen immer weiter auf der Suche nach einem gemeinsam gewünschten Kaffeehaus, alles lehnte sie ab, da und dort war‘s nicht gut, dann und damals, mit bösen Erinnerungen an schlechte Erfahrungen mit dummen, unhöflichen oder unaufmerksamen Kellnern marschierten wir die Favoriten- und die Wiedner Hauptstraße fast im Zickzack der Gassen und ihrer Lokale hinunter, so lange, bis wir uns endlich auf das Café Wortner auf der Wiedner Hauptstraße einigen konnten, mein seit 41 Jahren meiner Wohnung vorgelagertes Wohnzimmer.
Wie originell, stellten wir beide fest, und mussten kichern darüber, wie beharrlich und konservativ wir Menschen sind – immer wollen wir in den selben Stall zurück, genauso wie das Vieh oder Fiakerpferde. Irgendwann trennten wir uns, meine Freundin fuhr mit der U1 heim, ich ging ein paar Schritte weiter zu mir nach Hause.
Aber der so mühsam errungene Schirm war nicht da, stellte ich fast im Schock fest, als ich die Bratislavaer Einkäufe sichtete und verstaute. Aber kein Schirm. Wo war der Schirm?
Der Hypo-über-alles-Rettungsschirm?
Meine Freundin Helga vermutete ihn im Zug, in der S-Bahn, mit der wir um 9 Uhr früh nach Bratislava und um 16 Uhr nach Wien zurückgefahren waren. Ja, das war das Wahrscheinlichste.

Perdu, der Rettungsschirm von Hypo-Alpe-Adria, dachte ich, das ist die Strafe für das unrechtlich angeeignete Eigentum. Die Fundstelle der ÖBB traute ich mich nicht anzurufen, wegen der zweifelhaften Vorgeschichte. Und sicher hatte sich schon der ursprüngliche Besitzer aus dem 256er Bus gemeldet. Außerdem hatte ich die Erfahrung gemacht, in einem anderen, ganz anders gelegenen Fall, bei der Hotline ewig lange warten zu müssen, während das Tonband einem auf aggressive Weise die „Kleine Nachtmusik“ ins Ohr plärrte und dann, wenn man endlich durchgedrungen war, keine Auskunft oder eine falsche zu bekommen. Außerdem hatte die ÖBB jetzt sicher Wichtigeres zu tun, da sie sich daranmachte, die griechischen Staatsbahnen umsonst zu kaufen.

Die Cafés rund um den Hauptbahnhof abzuklappern, naja, das war mir das geklaute, verlorene, wiedergefundene und endgültig verlegte Hypo-Ding auch wieder nicht wert.
Kurz danach sitze ich, wie so oft, auf dem Platzerl vor dem Wortner mit dem plätschernden Teufelsbrunnen, genieße den Ort unter den Bäumen, wo die wunderbaren Wiener Gärtner aus Blumen bunte Rondeaux zaubern, ich lese Zeitungen und schreibe ein bisschen was auf, ärgere mich über die zu lauten Straßenbahnen auf der Wiedner Hauptstraße, den 1er, den 62er, die Badener Bahn, die Busse, ich denke, die Ampeln sind etwas zu kurz geschaltet, aber vor allem aber die Autos, die vor den Ampeln immer zu schnell, zu laut bremsen und starten.

Da kommt ein plötzlicher Regenguss mit Wind über die untere Wiedner Hauptstraße herein, zerrt an Bäumen und am rot-weißen Coca-Cola-Dach, die Kellner und Kellnerinnen laufen, kurbeln am Coca-Cola, was das Zeug hält, bringen aus dem Inneren des Cafés Stöße von Fleecedecken heran und umgeben die Gäste fürsorglichst damit.
Dabei müssen sie fliegende Menükarten, Blumenstöcke, Servietten und Besteckkörbchen einsammeln und die Gäste mit Regenschirmen beschützen, obwohl sie unter den flatternden Dächern einigermaßen grotesk aussehen, so wie die meisten Besucher des Café Wortner. Kinder, Frauen und Alte – immer zuerst, wie auf der Titanic.

Auf dem Weg zurück von der Toilette kam ich wie immer an der Garderobennische rechts vor der Eingangstür vorbei. Ich war entweder zu wenig alt, zu wenig Kind, zu wenig Mann oder gut konsumierender Kunde – ich sitze ja schon zwei Stunden mit einem einzigen Drink – genannt Hugo-Drink – da.
Noch einmal gebe ich etwas zu, weil ich doch ein bisschen verletzt war, durch alle Rettungskategorien des Café Wortner, oder überhaupt demnächst durch alle durchzufallen, schaute ich genauer in den Regenschirmständer hinein. Da lehnten fünf vergessene Exemplare, unter den ich einen wählen wollte. Aber was glänzte mir da entgegen?
So ist er, stolz und demütig, heimgekehrt, mit all seinem Stoff, der Aufschrift und dem silbrigen Griff, zusammengeklappt im Eimer. Ein Jammer, leider es hat seit damals nie mehr geregnet. Aber Hauptsache, er ist wieder da, der Hypo-Alpe-Adria-Regenschirm!

27.7. 15

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19041

Der Pope und sein Hund

Griechenland, das ist Gottes Liebesverhältnis mit der Erde.
Heinrich Schliemann

Hausherr Jannis lädt uns für Samstagabend zu einem Fest auf der Insel Kitrani ein. Ein Geheimnis, eine Sensation! Ich bin aufgeregt. Sie ist unbewohnt, als Naturschutzgebiet unzugänglich. Wir sollen gegen fünf Uhr im Hafen sein, da wird ein Boot zur Überfahrt warten.
Jannis weiß nichts Genaues, es soll ein Kirchenfest für das Volk sein, aber auch Touristen sind willkommen. Kitrani ist von unserem Strand aus zu sehen. Sie liegt wie ein loser Pfropfen in der fast kreisrunden Bucht von Platis Gialis. Schon seit fast zwanzig Jahren schaue ich vom Goldstrand übers Wasser auf den langgezogenen, mit Macchia überwachsenen Felsbuckel, den ich noch nie betreten durfte. Je nach Tageszeit und Licht sieht er aus wie ein gestrandeter Wal oder ein halbversunkenes Krokodil. Oder wie meine Katze, wenn sie entspannt ist und die Pfoten von sich streckt. Meine Freundin meint, eine Schildkröte zu sehen oder eine Schlange, die ein Straußenei verschluckt hat. Unter diesem Himmel ist nichts genau definiert.

Kitrani ist ein menschenleerer Steinhaufen. Die Bergkuppen sind von kleinen und größeren Vögeln umschwärmt und die Küsten von unsichtbaren Robben bewohnt. Weiter draußen können schon einmal Delphine an den Bootsseiten auftauchen. Auf dem landzugeneigten Abhang ist mit freiem Auge ein weißer Kubus, ein Kirchlein mit Glockenturm und blauer Kuppel, zu erkennen, von der Felsenbucht führt ein heller Weg hinauf. Eine Postkartenansicht, wie sie typischer nicht sein könnte für die Kykladen-Insel Sifnos.
Die Fähre ist ein freihändig umgebauter Fischerkahn, ein Kaijk, wie sie seit der Antike die Ägäis durchpflügen. Auch schon ohne Passagiere hängt die „Demetrios“ schief an der Mole. Etwa zwanzig Personen zahlen je fünf Euro und nehmen Platz.

Eine knappe halbe Stunde tuckert das Schinakl quer über die Bucht von Platis Gialis nach Südenwesten. Die Silhouetten der Nachbarinseln Milos und Kimolos tauchen auf. Die meisten Leute sitzen auf zwei unbefestigten Längsbänken, andere in der Mitte auf losen Plastikhockern, die Planken sind kaum zwei Handbreit hoch und haben keine Reling. Das Meer gebärdet sich an diesem Spätseptembertag ziemlich rau, das Boot schaukelt und schlägt manchmal mit dem Bug hart auf. Da mir das nicht geheuer ist, lasse ich mich am Boden nieder und kralle mich mit beiden Händen am Sockel der hinteren Fahnenstange fest.

Kitranis Landungssteg besteht aus zwei flachen Felsplatten, grob gerippelt von den Gezeiten. Die Griechen sind wie immer cool, über den Spalt ein gewagter Sprung an Land, gleich dahinter führt eine Serpentine aus niedrigen und tiefen Stufen den Hang zum Kirchlein hinauf. Gebaut wie seit Troja für Maultiere. Wir gehören zu den ersten Gästen, und ich habe Muße, alles in Augenschein zu nehmen.
Einige Frauen putzen und schmücken die drei Schritt lange Kapelle. Sie ist ein anmutiges byzantinisches Bauwerk, das auf einer eingeebneten Felsnase über das Meer ragt. In dem winzigen Innenraum stehen auf jeder Seite zwei Reihen von Bänken, eng wie Betschemel, dann stößt man schon an die Ikonostase. In der Mitte der Christus Pantokrator, links daneben die Panagia Maria, mit goldenen Ringen, Armbändern und Kuzifixen bedeckt, rechts der heilige Johannes, der heilige Charalambos und zwei Erzengel.

Ich nehme drei honigwarme Kerzen aus einem Kisterl, eine Handvoll Weihrauch und lege fünf Euro hinein. Für den Kerzenständer ist es zu eng in der Kapelle, er steht am Vorplatz. Dort bauen einige Frauen einen Altar auf, in Vasen und Körben werden die Früchte der Gärten und Felder aufgestellt, die Außenmauern sind mit Kränzen aus Blumen, Lorbeer und Ähren behängt, rund um den Kirchenhof wehen blau-weiße Wimpel, dazwischen Girlanden mit bunten Glühbirnen und gelbe Fahnen mit dem doppelköpfigen Romanow-Adler. Der gibt mir sofort ein Rätsel auf. Gehört etwa ein russischer Oligarch zu den Sponsoren dieses Inselfestes? Niemand kann es mir erklären, und ich bleibe allein mit meinen düsteren Vermutungen.
Die weiß gekalkten Umfassungsmauern sind mit Fleckerlteppichen belegt und laden zum Sitzen ein, über den ganzen Platz verstreut stehen lange Tische und Bänke. Mehrere Männer machen sich im Hintergund an der gemauerten Feuerstelle zu schaffen, daneben stehen Riesentöpfe. Langsam beginnt es nach Kichererbsensuppe zu duften, und vom Fleischrost weht es würzig herüber.

Chef ist offensichtlich Nikos, der inzwischen übergewichtig gewordene Nationalboxer. Er hebt die Deckel auf und betätigt sich als Vorkoster. An einem Tisch schneiden zwei Männer eine geschätzte halbe Tonne Zitronen in Viertel, mit der später die Kichererbsen und das Fleisch beträufelt wird, dazu noch ganze Büschel von Rosmarin und Thymian darüber gestreut, später handvoll die Granatapfelkerne.
Junge Leute reichen in großen Weidenkörben puderzuckerbeschneites Milchbrot mit Mandeln, Datteln und Feigen herum. Eine einzige, eigenwillige Geschmackskomponente kann ich nicht erkennen. Anis, Oregano oder süße Kapern? Über all dem wabert griechische Volksmusik aus den Lautsprechern, untermalt vom Brausen des Stromaggregats.
Jede halbe Stunde schwemmt das Boot eine Fuhre an Land, und immer mehr Menschen quellen den Hang herauf. Die Sonne beginnt sich in einem Feuerwerk ins Meer zu senken, jeden Augenblick ändern sich die Farben des Himmels: Es beginnt mit einem zarten Rosa, das sich zu Rosenrot vertieft und schließlich zu einem kräftigen Purpur wird, ehe das Licht verblasst und die Sterne hervorkommen.

Es wird allmählich eng auf dem Kirchhof. Die Helfer lassen Platten mit honigtriefendem Nussgebäck herumgehen, dazu Wasser und ein schreckliches, weinbrandähnliches Gesöff. Allein dessen Geruch lässt einen das nächste Kopfweh erahnen. Ich benütze den heidnischen Brauch, den ersten Schluck zum Dank in die Erde zu gießen, um alles loszuwerden. Die herumgereichten Hüte füllen sich mit Euros. Die Stimmung ist ruhig, fröhlich und gelassen, obwohl sich wahrscheinlich schon mehr als 500 Menschen am kleinen Kirchhof versammelt haben. Als die Nacht heraufzieht, bimmeln die Glocken, nicht zu erkennen, ob von Stricken in Schwingung gebracht oder vom Wind. Die Luft ist angefüllt von den Düften der Kräuter. In meiner Nase stechen der Honig des Bergtees und die Herbheit des Wacholders hervor.

Auf einmal spüre ich eine unruhige Bewegung, die Leute rücken zusammen, gleichzeitig wieder auseinander und bilden eine Schlucht wie das Rote Meer. Sie geben einem Popen den Weg frei. Er führt einen Holzstab mit einem mehrfach gewundenen Knauf in der Hand, wie ihn Hirten ums ganze Mittelmeer tragen, die Urform des Bischofstabes. Viele Menschen umarmen ihn, andere gehen auf die Knie, küssen seine Hände und den Kuttenrand. Er ist ein kleiner, sich aufrecht haltender Mann von unbestimmbarem Alter, zwischen 50 und 70. Die hohe, runde Zylinderkappe eines orthodoxen Geistlichen lässt ihn größer erscheinen. Er ist bekleidet mit einer glänzenden, mitternachtsblauen Soutane mit silbernen Borten an Hals, Ärmeln und Saum, um die Mitte eine breite, reichbestickte Stola. Das ebenmäßige Gesicht mit der geraden, starken Nase ist glatt und braungebrannt, gerahmt von einem silberweißen Bart, im Nacken lugt der gedrehte Haarknödel unter dem Hut hervor. Seine Augen sind blauer als die Ägäis.
Insgesamt erscheint mir seine Gestalt wie der Prophet Jeremias, geradewegs dem Alten Testament entsprungen. Oder wie ein Hollywood-Mönch. Die Menge weicht vor ihm zurück, gibt ihm Raum, und er begrüßt sie lächelnd mit segnenden Gesten, dabei grazil und würdevoll schreitend. Ich bin entsetzt, als ich unter der Soutane Sportschuhe mit Adidas-Streifen hervorblitzen sehe.

Als er an uns vorüberwandelt, bemerke ich, dass er Gefolgschaft hat. Ein kleiner, schwarz-weiß gefleckter Hund, niedriger als ein Dackel und rund wie eine Knackwurst, folgt ihm auf dem Fuß. Mit der Schnauze hängt er am Saum des Popen und schreitet mit ihm im Gleichschritt. Hält der Pope an, bleibt auch er stehen, segnet er, hebt der Hund die rechte Pfote senkrecht in die Höhe, blickt dabei ernst und würdevoll um sich, als hätte er zumindest die niederen Würden empfangen. Immer scheint er sich seines Dienstes bewusst zu sein. Durch nichts lässt er sich ablenken, nichts kann eine Versuchung für ihn sein. Ist jemand zudringlich, zum Beispiel mit einem Brocken Fleisch vor seiner Nase, legt er die Stirn missbilligend in krause Falten und wedelt mit den Ohren, die ihm wie eine Ponyfrisur links und rechts herunterbaumeln.

Setzt sich der Pope an einen Tisch, bleibt der Hund hinter ihm stehen, die Nase an der Soutane und die rechte Pfote hochgehoben. Er verharrt bewegungs- und furchtlos in dieser Pose, als würde er zumindest die Standarte der Panagija Maria halten, unbeeindruckt vom gefährlichen Gedränge der dicht aufragenden Menschenbeine. Die linke Tatze benützt er nicht, die krummen Hinterbeine nur zum Schreiten. Vielleicht kommen Würde und Eleganz von einem Dalmatiner, der sich ins Erbgut dieser Kreatur eingemischt hat?
Wir schauen, staunen und lachen ohne Ende. Wahrscheinlich wegen dieser wilden Kreuzung aus lächerlichem Aussehen und erhabenem Charakter.
Auch bei der Erntedankzeremonie mit den endlos geleierten Chorälen am Altar hält sich der Hund dicht am Saum des Popen, als sei er sein Ministrant. Hätte er auch noch das Weihrauchfass geschwungen, hätte sich niemand gewundert.

Der Chor aus drei Männern und einer Frau trägt im Wechselgesang mit dem Popen etwas vor, das wohl wie Psalmen klingen soll. Der dünne, unharmonische Singsang verrät, dass sie nicht genügend Zeit zum Proben hatten. Die Notenblätter beleuchten sie mit Handy-Bildschirmen, was einiges vom Weihevollen nimmt.
Nach den Zelebrationen rund um den Erntedankaltar tritt eine Folk-Band auf, ohne Mikrofon, die umstehenden Leute tanzen auf engstem Raum. Die Bewegung setzt sich in Wellen fort bis zum letzten Besucher. Und immer wieder finden die Helfer mit ihren wundersam vermehrten, frisch aufgehäuften Fleischplatten, Zitronenschüsseln und Weinkrügen durch die Menge. Als sich der Pope einmal direkt uns gegenüber an einen Tisch setzt, sehe ich, dass er dem Weinbrand nicht abgeneigt ist. Er kippt ohne Unterbrechung den kleinen Plastikbecher, dass seine Augen bald kräftiger blitzen als die Sterne. Da bemerke ich, dass der Hund zu seinen Füßen nicht mehr nur die Nase an seine Soutane hält, sondern zuerst sachte daran zupft, dann immer heftiger daran zerrt und schließlich mit beiden Pfoten in den Stoff hineinfährt. Der Pope erhebt sich lachend, tätschelt das Tier und verschwindet in der Menge. Da erfahren wir, wie er zu seinem Namen gekommen ist.

Unser Landsmann Emmanuel aus Hohenau an der March, den wir dort mit seiner Frau Elisabeth wieder treffen, besucht schon 40 Jahre lang Sifnos. Sie kennen die Insel besser als ihr Dorf und erzählen uns die Geschichte vom Popen und seinem Hund. Eher eine Legende. Lazarios, den ich so nenne, ist kein Pope, kein geweihter Geistlicher, sondern ein selbsternannter Eremit. Er war Bauer, Schaf- und Ziegenhirt, bis kurz hintereinander sein Sohn und seine Frau starben. Danach verkaufte er alles und zog sich zurück. Von den Sifnioten als heiligmäßig verehrt, lebt er als Einsiedler in einer kleinen Höhlenklause hinter dem höchsten Berg der Insel, dem Profeti Elias, auf dem Weg nach Vathi, der Südbucht. Die Leute pilgern zu ihm hinauf, beschenken ihn, beraten sich mit ihm, er steht in einem wundertätigen Ruf. Das Wetter soll er vorhersagen können, verlaufene Ziegen finden und Mensch und Tier mit Kräutern heilen. Er hat einen zugelaufenen Welpen aufgenommen, er teilt seither das Eremitenleben. Im Volksmund heißt er „die Frau des Popen“.
Das mag spaßig klingen, ist aber historisch nicht zutreffend, hat sich doch auf Sifnos seit der Antike das Matriarchat erhalten.

Nicht ganz so alt ist die Geschichte des seltsamen Festes von Kitrani.
Emmanuel und Elisabeth wissen zu berichten, dass Nikos, der Hausherr ihres Hotels, der frühere griechische Boxchampion, vor fünf Jahren die Idee hatte, zur Belebung des Dorfes einen Touristen-Event zu veranstalten. Er erreichte von der Naturschutzbehörde, Kitrani eine Nacht lang für Besucher zugänglich zu machen. Ob Nikos wohl vom schlauen und listenreichen Odysseus abstammt? Auf jeden Fall, diesen Gag für die Tourismusvereinigung hat er sich einfallen lassen, nicht weniger genial als vor ca. 3200 Jahren das hölzerne Pferd. Im ersten Jahr kamen nur wenige Touristen.
Die Einheimischen ignorierten es vollständig, gab es doch keinerlei Festtradition auf dem Felsenhaufen von Kitrani. Irgendwann kam Nikos die Idee des Erntedankes, der Massenausspeisung auf der verbotenen Insel. Die Kirche und ein russischer Oligarch sprangen auf, dann erschien der Wundermönch vom Profeti Elias. Von Jahr zu Jahr strömen mehr Insel-Bewohner herbei, sogar von den Nachbarinseln Milos und Kimolos – ein Kirchen-Volksfest war geboren. Die Geburt des Mythos aus dem Fremdenverkehr! Nietzsche, schau oba!
Heuer haben die Griechen schon vollständig das Regiment übernommen, wir Touristen waren geduldete Zaungäste. Aber weder sie noch die Einheimischen wussten zu sagen, was für ein Fest hier gefeiert wird – außer, dass es sehr, sehr schön war.

Noch bevor der späte Vollmond seinen Zenit erreicht hatte, die Musik zu wild, der Weinbrandkonsum zu strömend wurde und sich der warme Meltemi in der septemberfeuchten Nacht abkühlte, drängte ich zur Rückkehr, eingedenk des wenig vertrauenswürdigen Schinakls. Bei der Überfahrt empfand ich das ungleichgewichtige und alkoholgetränkte Gedränge an Bord als so lebensbedrohlich, dass ich nicht mehr nur die Fahnenstange umklammerte, sondern den großen Fender mit seinem Tau mit einem Plastikhocker verknüpfte und an Odysseus dachte.

Im Laufe des wachen Teiles meiner Nacht habe ich die Fähre noch unzählige Male an- und ablegen gehört. Beim Frühstück am Sonntagmorgen rechne ich nach: Bei 500 Menschen müsste das Boot 50 Mal gefahren sein, bei 20 Menschen pro Boot. Danach suche ich den Strand und die Marina nach Leichen ab. Vergeblich. Die Griechen können zwar nicht organisieren, aber es klappt immer alles. Noch muss ich der zitronendurchtränkten Suppe und dem rosmarinierten Schwein und Lamm nachschmecken und weiß dabei nicht, was köstlicher war, das Essen, der „Pope mit seiner Frau“ oder die wundersame Geburt eines Volksfestes.
Ich schwöre, allen Göttern des Olymp opfern zu wollen, damit sich nicht herausstellen möge, dass auch Vater Lazarios und sein Hund Nikos‘ Erfindung sind.

begonnen 23.9. in Sifnos, fertig 13.10.18 in Wien

Veronika Seyr
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Kaviar im Pelz - Die Abenteuer einer Kakerlake im Kreml

Ob es das Etui war oder die Brille, weiß ich nicht mehr so genau. Beide lagen auf dem Nachttischchen der Juri-Andropov-Suite des Hotels „Präsident“ und gehörten Hofrat Professor Doktor B.S., einem der Preisträger des „Ordens für verdiente Kulturarbeit“.
Ich erinnere mich nur noch daran, dass mich die verschmierten, kunstledernen Wischtücher ebenso anzogen wie die verführerisch nach Ohrenschmalz duftenden Brillenbügel, sodass mir die Wahl schwer fiel, worauf ich mich zuerst stürzen sollte. „Das Präsident“ – wie seine Bewohner nicht ohne Stolz sagen, ist erst seit wenigen Generationen meine Heimstatt und trotz meiner Anwesenheit eine der nobelsten Adressen in der Hauptstadt.

Vorher war ich im Hotel Lux, im Metropol und im National abgestiegen. Das Präsident ist ein protziger Ziegelbau zwischen dem Lenin-Prospekt und der Steinernen Brücke über die Moskwa und wurde im poststalinistischen Stil mit byzantinischen Elementen als ZK-Hotel der KPdSU erbaut. Nach einer moderaten Modernisierung durch den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Russlands ist es in „Das Präsident“ umbenannt worden. Alle 579 Zimmer tragen die Namen unbestrittener Persönlichkeiten des sowjetischen Lebens, angefangen bei Michail Kalinin, auch wenn nicht alle wirkliche Präsidenten waren, sondern anderweitig verdiente Persönlichkeiten wie die Schriftsteller Maxim Gorki, Pasternak und Scholochov, die Generäle Schukow, Suslow und Frunze, die ZK-Vorsitzenden Chruschtschov und Breschnew, Kosmonaut Jurij Gagarin und Raketenbauer Koroljov oder mein derzeitiger Gastgeber Jurij Andropov, der KGB-Chef und nachher der letzte Gensek vor Gorbatschov.
Viele wirklich wichtige Namen der letzten 80 Jahre sind natürlich nicht vertreten, weil sich das demokratische Russland noch nicht – oder nicht mehr – über deren ewige Bedeutsamkeit für die Weltgeschichte einigen konnte. So werden Besucher vergeblich nach einer Josef-Stalin-Suite, einer Trozky-, Kirov- Bucharin-, Kamenov-, Berija- oder Ordschonikidse-Suite suchen, auch wenn viele gerne einmal eine romantische Nacht unter dem Namen Molotov verbracht hätten, dessen Cocktails früher zu Berühmtheit gelangt waren.

Die Armee der staatlich beeideten Kammerjäger, hier Sanitätsbrigaden genannt, hat versucht, mich und meine Sippschaft auszurotten und aus dem Präsident zu vertreiben. Aber wir sind so alt und widerstandsfähig, dass uns die chemischen Keulen nichts anhaben können, weder das sowjetische Gegenstück zu DDT noch das neueste japanische Modell der euphemistisch genannten „Cockroach-Motels“.
Die KGB-geschulten Schädlingsbekämpfungsmeister haben schon längst die chemischen Keulen und den nach Lotosblüten und Mandelholz duftenden Mikrofilm in diesen bunten Papphäuschen gegen in Wodka getränktes Rattengift ausgetauscht – das bewährte Hausmittel, mit dem sie sich gegenseitig umzubringen versuchen, was uns Ureinwohnern dieses Landes aber gar nicht so unangenehm war. Schließlich erzählt man sich in unserer Verwandtschaft, dass unsere Familienmitglieder sogar die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll heil überstanden haben sollen.

Als der zukünftige Ordensträger B.S. im Andropov-Badezimmer – übrigens kaum kleiner als ein Pferdestall – das Licht andrehte, verzog ich mich schnell unter das Vileda-Wischtuch und konnte gerade noch an seiner Unterseite den grünen Aufdruck „Melitta-Kleemann-Optik-Wien“ – MKOW – erkennen. Licht an, das bedeutete Alarmstufe rot für unsereins, auch wenn Badezimmer und Toiletten nie zu meinen Lieblingsrevieren gehört hatten. Ich machte mir einfach nichts aus Nivea, Pitralon, Axe oder Schwarzkopf-Produkten der Ausländer, schon gar nicht aus Vim, Chloral, Meister Proper und Danchlor, die jetzt die neurussischen Sanitätsbeamten vermehrt gegen uns einsetzten.
All das befand sich in gefährlicher Nähe zu unserem einzigen wirklichen Feind, dem fließenden Wasser von Dusche und Wasserklosett. Ich wollte zwischen MKOW und Ohrenschmalzbügeln abwarten, bis der Zimmerkellner das zweite Frühstück servierte, und mir einige Brösel eines französischen Croissants oder eines altrussischen Pirogen einverleiben, auch wenn mir, ehrlich gestanden, die harte Kruste eines ordinären Schwarzbrotes immer noch am besten schmeckte.

Ich bin in meinem Geschmack sehr konservativ und bodenständig. Bei den vielen Neumodischkeiten bin ich manchmal zutiefst überzeugt, dass meine Stammesgenossen und ich die letzten Hüter der wahren russischen Tradition innerhalb und außerhalb des Präsident sind. Ihnen darf ich es ja gestehen, dass mir die direkten Abfälle, die menschlichen, noch immer am liebsten sind: Schnipsel von Nagelbetten, Fußsohlenharthaut, Schuppen, Nasenpopel oder Fingernägel zum Beispiel. Da weiß ich, dass wir unverbrüchlich zusammengehören: die Menschen und die Kakerlaken. Zu meinem Leidwesen werden sie aber immer seltener, da die neueste Generation von wasserdampfbetriebenen Klopfstaubsaugern sehr leistungsstark ist und kaum mehr etwas von diesen Köstlichkeiten übrig lässt.

Dove-Duschgel-, Gilette-Rasierschaum-,  und Axe-Behandlung waren vollbracht, da zog der feine Duft von Colgate-Zahnpasta durch meine Nüstern. Die liebe ich von allen Rückständen am meisten und hoffte, dass ich davon einiges wiederfinden würde. Der Juri-Andropov-Suite-Bewohner, der zukünftige Preisträger des allrussischen Ordens für verdiente Kulturarbeiter, Hofrat Professor Dr. Sigmund Berger, warf sich in die Schale eines guten schwarzen Smokings (Bekleidungsvorschrift der Einladung in den Kreml) und verabredete sich telefonisch mit seinem Kollegen L. H., der einen Korridor-Kilometer weiter in der Tschernenko-Suite residierte. Sie beschlossen, den Weg zum Kreml zu Fuß zurückzulegen, obwohl das Ordenskomitee eine nostalgische Flotte von schwarzen Zil- und Tschaika-Limousinen bereitgestellt hatte.

Die Professoren S.B. und L.H. gehörten zur unverbesserlichen Sorte von Russland-Romantikern, die auch noch im 7. Jahr des 21. Jahrhunderts nichts von ihrer seligen Studentenzeit der 60er Jahre aufgeben wollten, als sie uns Tag und Nacht in ihren Zimmerlöchern der MGU jagten, ihre respektablen, mit österreichischem Semperitgummi besohlten Hausschlapfen, ihre Oljoschin-, Kaverin- oder Majakovskij-Bücher nach uns schleuderten oder trotz eigener Gefährdung DDT- und Strychnin-Pulverstraßen in die Zimmerecken und um die Bettenfüße streuten.
Wenn sie nur gewusst hätten, welche köstlichen Nachspeisen sie uns damit bereiteten, hätten sie nicht all die Schmuggelmühen auf sich genommen, denn der illegale Import dieser westlich-imperialistischen Chemikalien in die Sowjetunion war strengstens verboten. Aber noch viel mehr lachten wir über die Castro- und Ho-Chi-Minh-Sandalen oder gar die Tito- Opanken aus Stroh, mit denen die jeweiligen Austauschstudenten uns zu jagen versuchten. Meistens fraßen wir diese Naturprodukte zur Gänze auf, Zuckerrohr, Bananen-, Reis- oder Haferstroh, wir fraßen uns bis ins Delirium. Herz, wenn wir eines hätten, was willst du mehr!

Ich erinnere mich noch gut an die Dissertation von S.B. – im Jahre 1967 residierte ich noch an der MGU – in der ich immer wieder etwas Frugales für mich fand. Zwischen den geistreichen Ausführungen zu Kaverins „Nord-Ost-Passage“ fand ich Krümel von österreichischem Kletzenbrot und Milka-Schokolade. In L.H.‘s Dissertation über den literarischen Vergleich der „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ mit dem „Nachtasyl“ Gorkis ergötzte ich mich an seinen großzügigen Nasenpopeln und Haarschuppen. Übrigens war das Kellerloch mein absoluter Lieblingstext von F.M. Dostojevskij, das bei unseren Historikern als die biologische und geistige Urheimat bezeichnet wird.
Es war das ein Roman über uns, die uralten, autochthonen Bewohner des Landes, ungeliebt, verfolgt, gejagt, verbannt, und doch unausrottbar wie die Altgläubigen. Die beiden Studenten plagten sich mit verschiedenen Deutungen zwischen bürgerlicher und sozialistischer Literatur, aber auf die naheliegendste kamen sie nicht, weil sie uns nicht zuhörten, sondern mit ihren Schlapfen nach uns warfen, wo immer wir auftauchten. Unbelehrbar, wie alle liebenden Russlandreisenden. Dabei ist alles auf der Hand gelegen, um nicht zu sagen auf den Fühlern.

Eine besonders unangenehme Erinnerung habe ich an Sigmund Bergers damalige Freundin Traude, die schöne Tochter eines Weinbauern. Sie hielt nichts von DDT, Strychnin oder anderen Hausmitteln, sondern setzte einen Weinviertler Flaschenwaschel als Hauptwaffe gegen uns ins Gefecht. Noch die Spitzen des Weinreisigs waren so sauer, dass ich persönlich eine Chlor-Spülung vorgezogen hätte. Offiziell beschäftigte sich die Traude mit ihrer Dissertation über einen Vergleich der Lyrik von Anna Achmatowa und Marina Zvetajeva. Die blieb leider unvollendet, sie hat sich mehr der Ausrottung meiner Sippe gewidmet als ihrer Dissertation.
Ich muss zugeben, dass Traudes Wirken in der MGU meine Familie fast zum Umziehen bewogen hätte. Aber ich bin immer noch da, und sie heiratete kurz danach einen lokalen ÖVP-Funktionär, gebar ihm vier Kinder, wurde eine perfekte Mutterhausfrau und hat ihr ausgezeichnetes Russisch nie wieder angewendet. Sicher hat sie ihren Weinflaschen-Waschel gegen ihres- und meinesgleichen auch bei sich zu Hause angewendet, wenn es da meinesgleichen gibt.

Jetzt wanderten die zukünftigen Preisträger des Kreml-Ordens für verdiente Kulturarbeiter – beide in ihren frischen Sechzigern – über den Kamennij Most dem Kreml zu und schwelgten in Jugend-Erinnerungen an der MGU, mit Kaverin, mit Oleschin, mit Majakovskij und dem guten, alten Dostojevskij. Die Erinnerungen an die schöne Weinbauerstocher Traude und ihren Weinflaschenwaschel bekamen einen besonderen Platz in der Mitte der Brücke, als die Freunde gleichzeitig zwei 5-Kopekenmünzen in die Moskva fallen ließen, eigentlich nur auf das Eis, denn die Moskva ist jetzt zugefroren.
Das alles sehe ich durch die Ritze des Brillenfutterals in der äußeren Manteltasche meines persönlichen Preisträgers, gut gebettet in die fetten Tüchlein der WKOWW. Es stiegen noch die kleine, süße Natascha und die rassige Tanja aus der Geschichte heraus und belebten Geist, Herz und Glieder.
Ach, wie schön war es doch in der Jugendzeit mit den Russinnen! Unkompliziert, skrupellos wie sie waren, kamen sie immer schnell zur Sache und trieben es sehr wild mit den kleinbürgerlichen Söhnen des kapitalistischen Westens. Nie stellten die Nataschas und Tanjas Fragen, waren anspruchslos und dankbar. So glauben es die beiden bis heute. Nur ich weiß, dass sie KGB-Spitzel waren und alles feinsäuberlich der Abteilung 9 ihres Arbeitgebers in dieser ehrenwerten Organisation berichteten.

Wir drei waren auf dem Weg in den Kreml.
Rechts das Baltschuk- Kempinski-Hotel, links die halbabgerissene Ruine des Hotels Moskva. Ich zitterte, wenn er jetzt das Etui herausgenommen hätte, um die neue Baustelle näher zu betrachten, wäre ich auf die Eisschollen gefallen und hätte mich um eine neue Heimstatt kümmern müssen: Gottlob erwärmten meinem Preisträger die Studentenzeitreminiszenzen so sehr das Herz, dass mir in meinem Futteral in der linken Brusttasche fast heiß wurde. Fast am Alexander-Garten angekommen, brauste an uns der Präsidentenkonvoi vorbei und durch die 9 Meter dicken Tormauern in den Kreml hinein.

An der Ecke des Manege-Platzes könnten wir durch das Troizkij-Tor in den Kreml einbiegen. Aber meine Preisträger entscheiden sich für einen Spaziergang die Tverskaja hoch bis zum Puschkin-Platz, wo schräg gegenüber seiner Statue mit dem geneigten Kopf der erste McDonald's -Palast Moskaus sehr viel mehr thront als der verehrte Dichterfürst.
Wohl eingedenk der Bankette, die Kaiser Franz Josef I. in der Hofburg abhielt, bei denen fast alle Gäste hungrig weggingen, füllten sie sich die Mägen mit einem Doppeldecker-Hamburger und Pommes.
Da es ja ihre erste Einladung in den Kreml war, konnten sie nicht wissen, dass der Präsident die gegenteilige Taktik verfolgte: seine Gäste mit einem Überangebot einzuschüchtern und mundtot zu machen. Zurück zum Manegen-Platz, zum Denkmal der Heroenstädte mit Wachwechsel, ewiger Flamme und fotografierenden Hochzeitspaaren erreichen sie, vorbeihastend am Leninmausoleum, das Spasski-Tor.

Hier, bei der ersten Wachta innerhalb der Kreml-Mauern, wurde es für mich zum ersten Mal wirklich kritisch. Die Professoren mussten den diensthabenden Soldaten die Einladung vorweisen, sich mit ihren Pässen identifizieren und alle Taschen leeren. Mein Preisträger legte sein Brillenfutteral auf den Tisch, ein Soldat öffnete so rasch, dass mich der kalte Windhauch glatt herausgeweht hätte, wäre ich nicht tief in einer Falte des Wischtuches gelegen. Nur ein paar Meter weiter im Kontrollraum der Kreml-Miliz die gleiche Prozedur, nur dass die Preisträger hier auch noch ihre Mobil-Telefone abgeben mussten, was mir jetzt schon gleichgültig war.
Einen Schock erlebte ich noch, als an der dritten Kontrollstelle, die von FSB-Beamten in Zivil gehalten wurde, sich mein Professor – wahrscheinlich war er schon leicht genervt von den vielen Kontrollen – so ungeschickt anstellte, dass er zusammen mit der Einladung auch das Brillenetui auf den Boden fallen ließ. Er hob es schnell wieder auf, weil die Geheimdienstler die Gästelisten durchsahen und den S.B. nicht sofort finden konnten, meinte er, ihnen behilflich sein zu müssen und setzte dazu seine Brille auf. Zu meinem Glück, ohne sie zu putzen oder einen Blick ins Innere zu werfen. Nun, da diese Hürden überwunden waren, fragte ich mich, ob mein Wirt die Brille in der Garderobe lassen oder in den Bankett-Saal mitnehmen würde.

Meine Vorfahren lebten seit Tschingis Khans Zeiten in den Kellern, Küchen und Garderoben des Kremls, aber unsere Familienchronik berichtet nichts darüber, dass es je ein Kakerlak in den Katherinen-Saal geschafft hatte. Viele glaubten noch immer das Ammenmärchen, dass Erdöl, Gas, Diamanten und Gold der Untergrundmotor der russischen Kultur seien. Sie leugneten beharrlich, dass mein Geschlecht es war und ist, das den Boden immer wieder neu aufbereitet. Mit mir und meinesgleichen stand das Reich an einer Zeitenwende, vergleichbar nur mit Jurij Gagarins Eroberung des Weltalls. Wir sind so unausrottbar und widerständig, dass uns die Goldene Horde, die Opritschniks, die Ochrana, die alten ZK-Vorsitzenden und die neuen Präsidenten so wenig anhaben konnten wie die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll.

Im Hotel Präsident hatte ich zuletzt 5 Frauen, jede von ihnen bringt mindestens 200 Kinder auf die Welt, und wenn sie nicht erjagt, vergast, verklopfstaubsaugert oder unter Absätzen zertreten werden, habe ich allein pro Jahr 1000 Nachkommen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 200 Jahren zählt allein meine Nachkommenschaft – hochgerechnet wohlgemerkt – 20 000 Mitglieder.
Und jetzt stand ich am Sprung in eine neue Dimension – ich würde der Erste meiner Sippe sein, der einem regierenden Präsidenten in seine grünen Augen blicken würde. Das Glück dieses Tages verließ mich nicht: Mein Preisträger entnahm seiner Mantelbrusttasche das Etui und steckte es – nein, nicht nach innen, sondern in die außenliegende Tasche seines Smokings, sodass ich durch den Spalt an der Rückkante eine gute Sicht auf die neue Umgebung hatte.

Die internationalen Kulturarbeiter – überblicksmäßig etwa 500 – wurden nun von einer Schar goldbetresster, himmelblauer Uniformträger in eine lange Wandelhalle gewiesen, die Fensterfront mit dicken Wolkenstores verhangen, von der Decke alle 10 Meter ein Luster, die Wände mit Fresken, Goldgirlanden und Stuck dekoriert. Während des Wartens sehe ich halbnackte Göttinnen, Nymphen und Musen, die sich an Bächlein, in Hainen und Tempeln tummeln. Aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt in Endlosschleife die Freude, schöner Götterfunken, bis ein voller Gong ertönt, so tief, als würde Gott zur Erschaffung der Welt gerufen.
Es war nicht Gottvater, sah ich, als die Flügeltüren aufgingen und den Blick auf den Katharinen-Saal freigaben. Was heißt hier Blick: Die frische Goldpracht blendete derart meine lichtempfindlichen Augen, dass ich sie erst einmal wieder schließen musste. Den meisten Preisträgern erging es genauso. Wie Hampelmänner rissen sie ihre Arme hoch und bedeckten ihre Augen. Wegen der kollektiven Blendung kam es zu einem Gedränge vor den Saaltüren, das aufzulösen den Kremllakaien durch geschicktes Manövrieren schnell gelang. Meine Artgenossen und ich sind von Alter und Kontinuität her die wahren Stadthistoriker und natürlich auch mit der Kreml-Geschichte bestens vertraut.
Der Katharinen-Saal ist ein klassizistisches Gesamtkunstwerk in Blattgold, Schwanenweiß und Lindgrün. Das Riesen-Oval mit seiner hohen Kuppel atmet die Weite des Imperiums und die Nähe der alten und neuen Zaren. Vor den haushohen Spiegelwänden stehen mit Edelsteinintarsien verzierte Tische, darauf goldene Kandelaber und Standuhren.

Wenn ich nicht der lebende Gegenbeweis wäre, würde ich behaupten, dass sich in eine solche Pracht noch nie ein Kakerlak verirrt hatte. Geschichte schrieben hier andere. Molotov lud am 14. April 1955 zum großen Bankett und teilte der österreichischen Staatsvertrags-Delegation mit, was als „April-Wunder“ erinnert wird und das Glück auf den Gesichtern von Schärf, Raab, Figl und Kreisky für immer in die Spiegel eingekerbt hat.
Als hier im August 1990 der deutsch-sowjetische Vertrag unterzeichnet wurde, meinte Willi Brandt sogar, den „Mantelsaum Gottes“ durch den Saal rauschen zu hören; und Helmut Schmidt war und blieb der einzige Mensch, der es je wagte, hier eine Zigarette anzuzünden. Gorbatschow gab an dieser Stelle den Weg zur deutschen Einheit frei und Kohl dankte für das „Wunder von Moskau“.
Lenin, Stalin und alle Nachfolger machten sich wenig aus den Prunksälen im Kreml, bis Jelzin sie aus dem Dornröschenschlaf weckte. Er vergab an die Schweizer Firma MABETEX Millionen-Aufträge für die Restaurierung und blieb mit dem Schwarzgeld, das dabei für ihn selbst und seine Familie geflossen sein soll, jahrelang in den Schlagzeilen.

Unter den Lustern mit den Ausmaßen von Weltumrundungsballons standen in langen Reihen gedeckte Tische, nummeriert von 1 bis 50, ein Tisch an der Stirnseite mit der Nummer 0 war mit der russischen Fahne geschmückt – das war der Präsidententisch. Die blaulivrierten und goldbetressten Lakaien wiesen die Preisträger ihren Tischen zu, meiner bekam einen Platz an der Nummer 1, in Hörweite des Präsidentensessels. Wieder ertönte der strenge Gong mit dem Nachhall wie aus den Tiefen des Universums.
Aber nur unsereins weiß noch, dass er den Geheimnissen der altmongolischen Metalllegierungen entspringt.
Jetzt betritt mit raschen und federnden Schritten der Präsident den Katharinen-Saal und nickt zur Begrüßung ernst-huldvoll nach allen Seiten. Tosender Applaus steigt auf, endet aber abrupt, als sich Vladimir Vladimirowitsch auf seinem Platz niederlässt, seine Sitznachbarn sind der amtierende Kulturminister, der Erziehungs- , Atom- und der Außenhandelsminister, ein greiser Raketenkonstrukteur, ein noch älterer tschuktschischer Volksschriftsteller und die drei jungendlichen Gewinner der Russisch-Olympiade.

Ich kann mich glücklich schätzen, meine Sicht auf den Präsidententisch ist nicht schlechter als aus der Zarenloge im Bolshoj. Da im Ordenszuerkennungsdokument alle Verdienste der Geehrten aufgezählt werden, hält sich der Präsident bei keinem einzeln auf. Alle 500 haben sich die Verbreitung der russischen Kultur im In- und Ausland verdient gemacht, sodass sie ab jetzt den Titel „verdienter Kulturarbeiter“ tragen dürfen. Die meisten sind Lehrer, Professoren, Übersetzer, Wissenschafter, Chorleiter, Organisatoren, Museumsdirektoren, Verleger, Schriftsteller, aber auch Sportler, Schilehrer und Fitnesstrainer. Eingedenk der Vorgeschichte des Präsidenten als Geheimdienstoffizier haben sich seine Redenschreiber an das schöne Wort von Stalin über die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ (1935) erinnert und ihm für die Ausgezeichneten die „Ingenieure der Sprache“ ins Redemanuskript geschrieben.
Es geht nichts über eine ungebrochene Tradition, das kann ich am besten verstehen und goutieren. Gleich folgt noch eine Adelung: „Mensch – das klingt stolz“ sagte Gorki 1929 über den neuen Sowjetmenschen. Nicht ganz nachvollziehbar ist der unvermittelte Sprung zu Blaise Pascal (1655), der den Menschen als „ein denkendes Schilfrohr“ bezeichnete. Dieses Zitat sollte wohl des Präsidenten kritische und aufgeklärte Gesinnung zum Ausdruck bringen.

Mein Professor wurde ausgezeichnet für seine Bemühungen um die Ausbildung der österreichischen Hotellerie und Gastronomie im Sinne des umfassenden Wohlbefindens der russischen Touristen. Er verfasste Russisch-Lehrgänge für Kellner und Stubenmädchen, für Köche und Speisekartenverfasser, für Schilehrer, Chauffeure, Reisebüroangestellte und Verkäuferinnen, für Bürgermeister und Polizisten. Und umgekehrt bekamen die russischen Gäste in ihren Unterkünften einen „Kurzen Lehrgang der österreichischen Gastlichkeit“, ein „Kleines Russisch-Tirolerisches Wörterbuch“ und einen Führer „Alles zwischen Bar und Piste“, die „Kleine Geschichte des Wilden Kaisers“, „Kultur in Kitzbühel“, um nur einige zu nennen.

Die Titel waren so zahlreich, dass sie die des seit 1950 schreibenden tschuktschischen Schriftstellers bei Weitem überflügelten. Ich persönlich hielt den Chirurgen Gawril Ilisarov für die interessanteste Persönlichkeit an unserm Tisch. Er hieß auch der „Knochenbrecher von Kurgan“. Der kleine, weißhaarige Greis wurde von seinem unscheinbaren, bürokratischen Assistenten Andrej Popkov begleitet. Professor Ilisarov war während des Afghanistan-Krieges zu Berühmtheit gelangt, als er durch ein von ihm entwickeltes Verfahren zerbrochene und zersplitterte Knochen wieder einrichtete und damit Amputationen vermeiden konnte. Nach dem sehr langwierigen und schmerzhaften Heilungsprozess stellte sich heraus, dass seine Patienten gewachsen waren. Internationalen Ruhm gewann er, als er einem kleinwüchsigen arabischen Offizier, der sich kränkte, bei Paraden immer in den hinteren Reihen stehen zu müssen, mit einer Operation zu 10 Zentimeter längeren Beinen verhalf. Seither sind die „Beine von Kurgan“ der heißeste Schrei unter jungen Frauen, die sich durch Beinverlängerungen einen Traumjob als Model oder bessere Heiratschancen erwarten.

Wie ein Klappmesser im dunkelblauen Armani-Anzug, knapp wie ein Hackenknallen, setzt sich der Präsident nach seiner Ansprache auf den für ihn bereitgestellten, ein wenig nur höheren und ein bisschen reicher verzierten Stuhl (nein, nicht Thron!), worauf die 500 Preisträger auf ihren Plätzen einknickten. Vor ihnen stand eine Reihe von 6 angefüllten Gläsern, von rechts außen an Wodka, Wasser, Sekt, Saft, Weißwein und Rotwein, nach links je ein leeres für Bier, Whisky und Kognak. Jeden schirmte eine solche Gläserbarrikade vom Nachbarn und Gegenüber ab, dazwischen auf goldglänzenden Untersätzen eine Pyramide von Tellern und Schüsseln, deren weißes Porzellan mit lindgrünen Bordüren die Farben des Katharinen-Saales wieder aufnahm.
Mit einer gänzlich unprofessoralen Geste riss nun mein Preisträger das Wischtuch aus dem Etui und fuhr sich damit über die Augen. Nur mit der in Jahrhunderten antrainierter Akrobatik konnte ich mich gerade noch in der Ritze zwischen Metall und Velours-Füllung halten. Wenn so etwas wie ein Herz in mir gewesen wäre, hätte es jetzt einen Stillstand erlitten. Den Kreml-Gästen ging es nicht viel anders: Sie waren von der Gegenwart des Präsidenten so gelähmt, dass sie anfangs zu nichts anderem imstande waren, als zwischen ihren Fingern Brotstücke hin- und herzuwälzen, wobei auch einige Krümel in mein Versteck fielen.
Jetzt begannen die Lakaien in endlosen Reihen die Gerichte aufzutragen: Die Speisenfolge war so lang wie die Liste der Verdienste.

Goldfarbene Pirogen gefüllt mit Pilzen, Kraut und Fleisch, Schinken- und Käsetörtchen standen schon auf dem Tisch, von den 6 Schinken- und Wurstsorten, den 5 Salaten, den 4 Suppen (Gurken, Löwenzahn, Brennnessel und Farn) ging es weiter zu den Rindfleisch- und Heringssülzchen, Pilzgelee, Entenleber, Fluss- und Meereskrebsen, Fische geräuchert, gesalzen, luftgetrocknet und roh unter Bergen von Gemüse und Kräutern, Muscheln, Räucherlachs, roter Kaviar, Riesengarnelen von den Kurilen. Ich habe bekanntlich ein schlechtes Verhältnis zum Wasser und war daher an der Fischfolge nicht interessiert.
Aber eine Speise erregte doch meine Aufmerksamkeit: der „Kaviar im Pelz“, eine neue Kreation der Kreml-Köche. In eisgekühlten, von Kälte beschlagenen Kristallschalen liegen Berge von glänzendem Kaviar, dekoriert mit Strömen goldgelber Sauce hollandaise und mit roten Paprikaschoten, grünen Gurkenscheiben, orangen Karotten und gelben Zitronen dekoriert und mit einem Ring aus Hühnereihälften gekrönt.
Jede Schüssel ein Meiserwerk in perfekter Proportion, Form- und Farbgestaltung. Das schwarze Gold stammt von 3 Fischarten: vom Beluga, Ossjotr und Sevruga – Besseres hat Russland nicht zu bieten. Wenn die Preisträger in der Gegenwart des Präsidenten gewagt hätten auszuatmen, wäre jetzt ein Stöhnen und Raunen durch den Katharinen-Saal gegangen, auch eine Art „Mantelsaum Gottes.“

Der Kaviar im Pelz wurde gerahmt von Fischen aus allen Teilen Russlands, aus Flüssen, Seen und Meeren: Forelle, Thunfisch, Hecht, Karpfen, Zander, Wels, Lachs, Hering, Stör, gebraten, gebacken, in Buttersauce, unter Mandeln oder in Aspik. Mir war gerade ein großer Brocken von russischem Schwarzbrot in die Ritze gefallen, über den ich mich sofort hermachte, als ich meinen Professor etwas sagen hörte.
Ohne Anflug von Schüchternheit und gesund respektlos, wie mir scheint, grüßt er zum Präsidenten hinüber, gratuliert ihm zu den eben gewonnenen Parlamentswahlen und wünscht ihm und seiner Familie Gesundheit. Dieser nickt zurück, klappt die grünen Schildkröten- Augen auf und zu und antwortet laut und deutlich: „Danke, das Gleiche Ihnen!“

Die 9 Tischnachbarn des Präsidenten und die 9 meines Professors erstarrten, fielen vor Schreck fast in Ohnmacht und ließen ihr Essbesteck zwischen Teller und Mund stehen. Das schien meinen Ordensträger noch mehr anzufeuern, dass er sich an die ihm am nächsten Sitzenden wandte: eine alte Lehrerin, die seit 40 Jahren den Kindern der in Novaja Zemlja stationierten Militärangehörigen russische Sprache und Kultur näherbrachte, einen walisischen Gelehrten, der die 2000 Seiten von Tolstojs „Krieg und Frieden“ in seine Muttersprache übersetzt hatte (4000 Seiten in 6 Bänden) und einen russischen Biochemiker, der aus den Fäkalien der Kamtschatka-Rotkragenmöven ein vom Staat anerkanntes lebensverlängerndes Elixier entwickelt hatte.
Er müsse zugeben, dass es ihm hier im Kreml sehr viel besser schmecke als bei McDonald's , sagte er gar nicht leise in die Runde, sodass es auch an den Nachbartischen gehört werden kann. Eine Majestätsbeleidigung, ein Sakrileg, die russischen Kulturarbeiter verfielen in Angst- und Schüttellähmung, der altehrwürdige Kamtschatka-Möwenforscher verschluckte sich und konnte mit Narsan-Mineralwasser gerade noch vor dem Erstickungstod bewahrt werden.
Auch der Präsident hatte den Satz aufgeschnappt, er hob sein Glas auf meinen Preisträger und sagte wohlgelaunt in seine Richtung: „Ponjal, ich habe verstanden, danke Ihnen für das Kompliment.“

Nun marschierten die Kellner in langen Reihen herein und balancierten riesige Platten mit den Fleischgerichten auf ihren Schultern: Wiener und Milaner Schnitzel, Huhn, Ente, Truthahn, Fasan, Kalbsmedaillons in weißrussischen Herrenpilzen, Rehrücken in Rotkraut mit moldawischen Edelkastanien, Rinderfilet mit geschmorten Schalotten und Kartoffelkroketten, Beef Stroganoff mit kirgisischem Himalaya-Reis, ukrainische Sarma unter einem Gletscher von Sauerrahm, buttertriefende Kiewer Koteletts, kaukasischer Lammrücken im Speckmantel, georgischer Schaschlik auf Knoblauchbutterbett und sibirisches Bärentatzengulasch in Schamanensauce.
Ungefähr beim 13. Gericht hörte ich mit dem Zählen auf, weil auch mein Preisträger die Annahme von weiteren Speisen verweigerte. Dabei ging es noch weiter mit den Desserts, die ich aus meinem Schlitz nicht genau ausmachen konnte: schätzungsweise 15 Eis- und Sorbet-Sorten, Fruchtsalate, Beerenmischungen aus dem ganzen großen Reich, Kuchen und Torten, deren Namen ich leider nicht alle kenne. Nur so viel konnte ich erkennen: Esterhazy- und Sachertorte, Stefanie- und Kardinalschnitten, Schokoladerehrücken, Mohnguglhupf und geeiste Kaiserschnitte, dazwischen noch sehr viele Fantasietorten mit fetten Cremen und buntem Zuckerguss – aber leider reichten weder meine Sichtweite noch meine Küchenkenntnisse weiter.

Seien Sie versichert, es waren sehr, sehr viel mehr Dessert-Kreationen, die aus den Küchenverliesen des Kreml angeschleppt wurden. Dazu natürlich noch Kaffee, Tee, Kognak und Whisky und all das überflüssige Zeug. Über-flüssig, Sie wissen ja schon, dass ich eine tiefe Abneigung gegen alles Wasser, aus dem Wasser stammende und mit Wasser sich verbindende habe: Danchlor, Klopfdampfstaubsauger, Kaviar, Fische, Salate, Getränke und das Eis. Die Kreml-Strategen wussten sehr gut, wie man gleicherweise Freund und Feind ausschaltete. Warum ist noch niemandem der Gedanke gekommen, diese Methode einmal gegen mich und meine Verwandtschaft einzusetzen?

Übrigens bin ich noch am selben Tag umgezogen. Nein, nicht etwa in den Kreml, wo, wie Sie ja schon wissen, es mir nur begrenzt gefiel und ich daher nicht meine langfristige Zukunftsperspektive sehen konnte, sondern ich ergriff die erstbeste Gelegenheit zur Übersiedlung in eine andere renommierte Moskauer Lokalität. Die kam für mich völlig unerwartet und wie ein Geschenk des Himmels: Mein Trägerwirt, der frisch gebackene verdiente Volkskulturarbeiter der Russischen Föderation S. B. begab sich nach dem Bankett in die kremelnahe Starokonjuschennij-Gasse, an deren Nummer 1 sich die österreichische Botschaft befindet.

Ich persönlich habe ja keinerlei Beziehung zu diesem Ort, nicht einmal eine negative, wenn man wie ich weiß, dass diese Gasse sich mit der nach einer nahen Aufbahrungshalle benannten “Totengasse“ kreuzte und in unserer Geschichte einen prominenten literarischen Konnex hat. Graf Lev Nikolajewitsch Tolstoj siedelte an dieser Adresse das entscheidende, dramatische Ereignis in den 1200 Seiten der Liebe zwischen Natascha Rostowa und Fürst Andrej Bolkonskij an. Die junge, schöne, aber sehr naive und gefühlsverwirrte Natascha weilte gerade bei ihrer Tante zu Besuch, als sie plante, sich von dem betrügerischen Filou Denissov von dieser Adresse entführen zu lassen, um ihn geheim zu heiraten. S. B. aber hatte über sein vielleicht vorhandenes literarisches Interesse oder sogar Wissen hinaus eine Beziehung zur Mjortvych-Gasse.
Er wollte seiner jüngeren Schwester einen Besuch abstatten, die damals gerade das ÖKF leitete, als Kulturrätin dem „Österreichischen Kulturforum“ vorstand.

Als ältester lebender Stadthistoriker wusste ich natürlich sehr gut, dass die Österreicher eine der schönsten Jugendstil-Villen der Moskauer Altstadt bewohnten. Ein weitläufiges, cremefarbenes Gebäude mit einer dorischen Säulenapsis an der runden Ecke, in deren klassizistischem Kapitell neun schöne Musen ihren leicht beschürzten Reigen tanzten, den Blicken nur einigermaßen entzogen durch eine imposante Gruppe von 7 sibirischen Blautannen, die sich entgegen die schwierigen Luft- und Bodenbedingungen in der Moskauer Erde so gut eingewurzelt hatten, dass sie nun schon mit ihren Wipfeln nach dem zweiten Stockwerk griffen.
Die hohen Fenster, die festen Mauern und die schmiedeeisernen Zäune trotzten schon lange mit altmodischem Beharren den in dieses Viertel gesetzten Ziegelbauten für ZK-Mitglieder wie eine alte hölzerne Segel-Fregatte einem Panzerkreuzer; ein Kampfplatz, eine permanente Herausforderung und Demütigung. Dieses und ein paar andere Baujuwelen waren seit den brutalen Breschnew-Jahren eingekreist von 8-, 10- und 12-stöckigen Büro-Ziegel- und Plattentürmen, die die niedrigen Villen und Palais des 19. Jahrhunderts wie aus dem Himmel mit Krätze erstickten, abtöteten und auffrassen.

Die Gehsteige waren auch hier im ausgeprägtesten Botschaftsviertel krumm, mit zahlreichen Fallen übersät wie tiefen Löchern, hervorragenden Regenrinnen und niedrigen Vordächern; Und überhaupt die Stufen – das ist ein eigenes Kapitel, ach was könnte ich alles darüber erzählen, als Tarakan mit meinen sehr beweglichen 6 Beinen bin ich ja nicht direkt auf gerade, regelmäßige Stufen und Treppen angewiesen, aber abgesehen von unseren ewigen Konkurrenten, den Menschen: Sie brauchen sie viel eher als wir für die schnelle und ungehinderte Fortbewegung. Forthin stellte ich mir die Frage, sind die Europäer höher gewachsen oder gehen die Russen nur mit eingezogenem Kopf herum, haben die Häuserbauer hier keinen Meterstab oder sind sie beim Ausmessen immer nur besoffen? Fragen über Fragen, wer stellt sie sich schon?

Das sage ich nur als ein alter, wissender und neutraler Stadthistoriker, meine persönliche Passion ist eher egoistischer Natur: Wo kann ich ankommen, überleben und mich fortpflanzen.
Sehr schnell erkannte mein Blick aus dem Futteral – oder hatte ich das schon früher gewusst? – die österreichische Botschaft Ecke Starokonjuschennij – Mjortvych pereulok hatte eine in Moskau seltene Eigenheit: Sie verfügte über ein tiefes Kellergeschoß. Das sah ich sofort, als wir dort ankamen. Ob das eine Eigenheit der besonderen russischen Kultur am Beginn des 19. Jahrhunderts war oder der österreichischen Architektur geschuldet ist, leider, ich muss Sie enttäuschen, ich weiß es einfach nicht.
Aber der Anblick dieses tief gelegenen, mit verliesgleichen Fenstern ausgestattete Untergeschoß ließ mein Herz – hätte ich eines – höherschlagen. Die zausigen Fliederbüsche entlang der Längsfront des österreichischen Palais beeindruckten mich nicht sonderlich, wirkten eher bedrückend auf mich, weil ich doch aus Erfahrung wusste, dass Flieder unserem Geschlecht nicht gut bekommt, die Büsche sind Gift für uns. Flieder, Lilac und Sirenj, aber das weiß niemand, nur mit Flieder könnte man uns bekämpfen und ausrotten. Zum Glück wissen sie nicht, dass Flieder für unsereins tödliches Gift sind. Nicht DDT, nicht ihre Dampfklopfstaubsauger, sondern einfach nur Flieder.

Mit einigem Schrecken musste ich feststellen, dass es die sieben hohen, sibirischen Blautannen vor dem runden Salon nicht mehr gab. Einfach umgeschnitten, ratzeputz weg, wie nackt und kahl glotzte jetzt das neoklassizistische Halbrund auf die plötzlich dumm gewordene Kreuzung von Starokonjuschennij und Mjortvych. Geradezu obszön, abscheulich diese Halbkaryatiden unter ihren spätkorinthischen Kapitellen, fand ich, sieht das denn niemand außer mir?

Wo haben die Menschen nur ihre Augen und Fühler? Ist alles so schnell verlorengegangen, was unsere Stadt groß und berühmt gemacht hat? Unter uns haben wir dafür nur einen Ausdruck: nekulturno! Der neue Botschafter und seine sehr kultivierte Frau meinten, dass die sibirischen Riesen zu wenig Licht auf ihre Empfänge fallen ließen, dafür im Garten umso mehr Mist; als ob Tannennadeln Mist sein könnten. Herrgott, woher kamen denn diese Barbaren, dass sie sibirisches Moos, Flechten und Nadeln für Unrat hielten? Sie hatten keine Ahnung davon, dass es Jahrzehnte gedauert hatte, bevor sich diese Fremdlinge in der kargen Moskauer Erde verwurzelten und über die platten Karyatiden hinweg in die lichten Höhen des 2. Stockwerks wuchsen, wo wir unsere Freundinnen vom Übersetzerbüro beheimatet wussten. Eine große Enttäuschung, ein tiefer Schmerz, dieser Anblick.
Auf die Baumstümpfe wird dieser Botschafter im nächsten Frühjahr Gipsstatuen der neun Musen (zwei Postamente werden baumstammmäßig in Beton nachgebildet) stellen lassen, die er im Sonderangebot eines ihm befreundeten Kärntner Baumarktes auf Republikskosten bezogen hat und um ebensolche nach Moskau transportieren ließ.

Was die Botschaft aber für mich noch immer attraktiv machte, war die Küche im Keller, oder genauer: die Königin der Köchinnen in der Küche im Keller. Galina hat den Ruf, dass sie uns, die Tarakany, die Kakerlaken, die Küchenschaben von Herzen liebt, dass sie sie hielt so wie andere ihre Haustiere: Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Ratten oder Wellensittiche. Und nicht wie die übrigen Menschen es mit ihren Kühen, Schweinen, Schafen, Hasen, Gänsen und Hühnern machten: pflegen, füttern, streicheln oder sogar mit ihnen in ihrer Sprache sprechen. Aber wenn ihnen die richtige Zeit gekommen zu sein scheint, wenn sie gerade rund, fett oder richtig mager sind, dann peng, wumm, schlachten sie ihre lieben Tierchen, nehmen sie aus, zerteilen sie in alle verwertbaren Teile, füllen sie verwurstet in Gedärme, hängen sie in Räucherkammern, tieffrieren sie als Hälften, Schenkel, Rücken oder Steaks. Das Beste essen sie frisch, vor allem die zentralen Teile wie Herz, Hirn, Nieren und Leber lieben sie aufzubrutzeln oder in rohem carne.

Galina war da ganz anders. Wo andere der Ekel packte, da schaute sie erst recht hin. Sie hätschelte und verwöhnte uns aus vollem Herzen, stellte kleine Schüsselchen mit Brotkrumen, Milch, Käse und Honig in dunklen Winkeln auf, versteckte und beschützte uns vor wütenden Putzfrauen, Sanitärbrigaden und primitiven Aushilfsköchinnen, die zwar nicht kochen konnten, aber so taten, als hätten sie es dafür umso mehr mit der Reinlichkeit. Mochten sie auch selbst noch so schmutzig und unordentlich sein, hielten sie uns doch für die allgegenwärtigen, sichtbaren und unausrottbaren Ausgeburten des Schmutzes, der Unordnung, ja für das, was Russland wirklich ausmachte.

Ich konnte ihnen das nicht einmal übelnehmen, meine ich ja selbst, dass wir das Älteste, Tiefste und Echteste und Beständigste sind, was Russland je hervorgebracht hat. Wo sind denn die heldenhaften Rjurikiden, die Kiever Rus, die Romanows oder Bolschewiki? Alle versunken und verloschen im Ozean der Geschichte, nur mein Geschlecht bleibt und bereitet von unten immer wieder frischen Boden auf.

Warum konnte sich Galina gegen alle anderen durchsetzen und ihrer Tatakay-Leidenschaft frönen? Sie war nicht nur groß und dick und hatte einen Bartflaum auf der Oberlippe – wegen ihrer lauten, tiefen Stimme für den Kasernenhof wurde sie von allen Generalscha genannt – sie konnte auch wirklich gut kochen, die war nicht nur firm in der russischen Küche, hatte früher bei den Deutschen und den Schweizern gearbeitet, kannte sich also auch in der französischen und italienischen Küche aus, und was die Österreicher betraf, so lernte sie sehr schnell die Schnitzel-, Gulasch-, Apfelstrudel- und Vanillekipferlrezepte, dass der Salat mit einer Prise Zucker mariniert wurde, der Liptauer nur mit mildem Paprika zubereitet werden darf, der Gugelhupf Rosinen enthalten muss, die Sachertorte nur mit hausgemachter Marillenmarmelade gefüllt wird und noch ein paar Besonderheiten, über die die Botschafter-Gattin streng wachte.

In Galinas Reich war ich gut aufgehoben, es war eine standesgemäße Bleibe für den ältesten Stadthistoriker und sicher wie Abrahams Schoß. Denn russische Köchinnen ändern ihre Leidenschaften nicht oft. Was mich am meisten für sie einnahm, war aber, dass es bei ihr nicht nur das russische Schwarzbrot gab, sondern auch viele Arten von österreichischen Bäckereiprodukten, die einmal in der Woche frisch eingeflogen wurden.

Ein rascher Blick durch meine Sehspalte im Brillenetui ließ mich kurz zögern: Der Botschafter hatte offenbar auch den Innenwänden ein neues Aussehen verpasst, indem er sie mit einem lindgrünen – woanders würde man es vielleicht Pistaziengrün nennen – Ölanstrich versehen ließ. Es war nicht ganz so schlimm wie das klassische Erbsengrün der russischen Schulen, Spitäler, Ministerien, Kasernen und Gefängnisse, aber doch trieb mir die Erinnerung an diese Orte einen kalten Schauder über den Rücken, als mein Preisträger mit mir den Korridor zum Kulturforum in den zweiten Zwischenstock hochschritt.

Es war klar wie Wodka: An diesen glatten, kalten, ölbestrichenen Wänden würde nicht einmal ich, der beste Fassadenkletterer Moskaus, Halt finden. Ich musste auf schnellstem Wege in den Keller unter die Fittiche der Generalscha Galina gelangen. Auf dem Boden des Kulturforums nahm ich sehr schnell die Kabelkanäle für Strom, Telefon, Internet, Interkom und sonstige Elektronik wahr, durch die unsereins gefahrlos in alle Stockwerke des Gebäudes gelangen konnte. Wie sehr liebte ich doch die moderne Technik, mit der uns kein Stiefel, keine in- oder ausländische Giftkeule, kein Dampfklopfstaubsauger und kein Weinviertler Flaschenwaschel etwas anhaben konnten.

So sitze ich also jetzt im hintersten Winkel der diplomatischen Speisekammer und schreibe beim dämmrigen Licht der Kühltruhenkontrolllämpchen meine Aufzeichnungen auf, meinen glorreichen Weg vom Hotel Präsident über den Kreml ins russische Herz Österreichs. Links von mir die Regale mit heimischem Ziegelbrot, rechts von mir österreichisches Schwarzbrot, Kanten von Kärntner Speck, Tiroler Hartwürste, Rundkanister mit Mautner-Markhof‘scher Majonnaise, Waldviertler Honig und feinster Teebutter.
Neben Galina ist die Botschafter-Gattin Ursula meine zweite Göttin: Ihrer Sparsamkeit ist es gedankt, dass sie auch noch die letzten Brösel von Weihnachtsgebäck, Osterkuchen, Tortenböden, Canapés und Kaisersemmeln in Blechdosen aufbewahrt. Wäre ich gläubig, müsste ich meinen, dass es ein Himmelreich auf Erden gibt.
Aber auch W.W. Putin muss ich hochleben lassen: Hätte er nicht in S. B. den verdienten Kulturarbeiter erkannt und ausgezeichnet, wäre ich wahrscheinlich nie ins Paradies gelangt. Jetzt muss ich nur noch eine Artgenossin finden, und Russlands Zukunft wird auf immer gesichert sein.

Veronika Seyr
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Rosenkranz für die Zonengrenze

Das Haus meiner Kindheit steht im Strudengau in Oberösterreich. Ich wurde dort geboren und wuchs im Bräuhaus von St. Nikola an der Donau auf. Nachdem die kleine Dorfbrauerei „Seyr Bier“ im Zuge des Krieges schließen musste, betrieb mein Onkel Klaus eine „Bierniederlage“, das lustigste Wort meiner Kindheit, warum ich wahrscheinlich keine Biertrinkerin geworden bin. Ein Lager, von dem das Bier an die Wirtshäuser des unteren und mittleren Mühlviertels geliefert, ausgeführt wurde.
Die Bierführer hießen ursprünglich Bierknechte, später Ausführer. In die Wirtshäuser von St. Nikola, Grein und Sarmingstein, Grein-Bad Kreuzen, Naarn, St. Thomas am Blasenstein und St. Oswald, Dorf und Steinbruch Gloxwald, Dimbach und Waldhausen bis nach Weins-Isperdorf und Ybbsitz. Und sicher noch in viel mehr, als ich mich erinnere.
Später kamen Kracherl wie Libella aus Scheibbs und Schartner Bombe aus Scharten dazu.

Das Bier bezog Onkel Klaus aus der Linzer Brauerei, Linzer Lager. Er und seine beiden Bierführer Bertl und Toni mussten jeden Montag von St. Nikola nach Linz fahren, Bier holen. Jedesmal eine gefährliche Reise. Denn sie ging über die Enns-Brücke, wo sich Sowjets und Amerikaner direkt gegenüberstanden, frontal, der Schlagbaum in der Mitte der Brücke. Die Demarkationslinie.
Wahrscheinlich das erste Fremdwort meiner Kindheit, und nicht das einfachste auszusprechen, geschweige denn zu verstehen. Niederösterreich war sowjetische Zone, Oberösterreich amerikanische. Die heißeste Zonengrenze. An diesem Punkt in der Mitte der Brücke war der Krieg nicht zu Ende, sondern es begann der neue, der Kalte Krieg. Wahrscheinlich der neuralgischste aller Grenzen im zehnjährigen Nachkriegs-Österreich.

In West- und Südösterreich konnten die Kinder sicher nichts zu Aufregendes zwischen den zahmen Engländern und Franzosen erleben. An der Enns verschwanden viele Menschen, manche für lange Jahre in sowjetischen Lagern, manche für immer. Sibirien, niemand sprach das Wort laut aus, aber es wehte immer kalt klirrend durch die Familien an Donau und Enns. Onkel Klaus hatte vier Kinder, der Bierführer Toni sechs, der Bräuer-Bertl neun, im tief-katholischen Mühlviertel nichts Ungewöhnliches. Auch wir sind sieben Geschwister. Der Kriegsdienstverweigerer Jägerstätter war ein Mühlviertler Mesner aus St. Radegund.

Die Männer brachen im Morgengrauen auf, mit dem Saurer samt Anhänger. Wir hatten sie schon länger, unten vor der Bierniederlage, poltern gehört, wie sie den Lastwagen mit den leeren Fässern beluden. Die Omama, ihre Schwester, die Ida-Tante, und ihre jüngste Tochter, meine Tante Sefi, schüttelten die Kinder aus den Betten, damit wir für die Zeit der Reise für die Männer, die Mauner, beteten. Alle versammelten sich im saalartigen Esszimmer, der Stumbm, alle Mitglieder der Großfamilie und die Bediensteten: Die Köchin Annerl, der Knecht Sepp, die Magd Berta, die Kranzer Liesi, eine sonderliche Nachbarin, Einlieger und Hausgäste schlossen sich an. Die fromme Omama gab das Programm vor: Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Gegrüßtseistdumaria und dann der Rosenkranz. Den hasste ich, denn er hörte nie auf, ein Kranz eben. Die noch frömmere Tante Sefi und ihre hochmusikalische Schwester, meine Tante Fritzi, stimmten die Lieder dazwischen an:
Meerstern wir dich grüßen, oh-ho Maarii-hia hilf! Ma-ari-hia, hielf uns allen, aus unserer tie-hiefsten Not.
Großer Gott, wir lo-hoben dich, prei-heisen deine Stärke.
Ein' große Burg ist unser Gott
(wahrscheinlich der Beitrag meiner ehemals protstantischen Mutter).

Lange sangen wir noch, weil wir die Worte nicht verstanden: Meerschwein, wir dich gießen. Großer Gott, wir lieben dich, Preiselbeeren deine Stärke. Ich war zu klein, um den Ernst der historischen Lage mitzukriegen. Aber ich liebte diese frühmorgendlichen Zusammenkünfte, empfand sie eigentlich als Fest, in Schlafanzügen und Bademänteln zu Hause, in der Stumbm, Gott preisen zu dürfen, als wäre er persönlich bei uns zu Gast gekommen. Stolz, in einer offenbar für die Erwachsenen sehr ernsten Angelegenheit beigezogen zu werden. Einmal waren wir, die Kinder, wichtig!
Den Grund dafür erfuhr ich erst viel später, als ich die Geschichte und den bäuerlichen Glauben verstehen lernte. Die unschuldigen Kinder waren die besseren Fürsprecher beim lieben Gott, bei Jesus, und vor allem bei der heiligen Jungfrau Maria, von der wir ja alle abstammten. Und wer weiß, bei welchen Heiligen, Seligen und Schutzengeln noch. Heerscharen. Wir hatten so viele wie die Inder Götter. Weil die Kindlein unschuldig, sauber, sind, dringen ihre Gebete, Anrufungen und Lieder direkt zu den angeflehten Beschützern vor.

Das war natürlich ein Widerspruch, weil wir sowohl von der unauslöschlichen Erbsünde als auch von unseren eigenen, täglichen Sünden wussten, für die wir zumindest ermahnt wurden. Sicher hatten alle, so wie ich, das Bild aus der Kinderbibel im Kopf. „Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Jesus steht da, in seinem weißen, über die Schultern drapierten Laken und wallendem, blonden Haar, mit einem Flammenherz, die Arme weit ausgebreitet. Ich fühlte mich immer so, als zeigte er genau auf mich, und mir wurde ganz warm dabei, im Bauch und noch tiefer.

Nach Augenribbeln und Gähnen kamen die frühmorgendlichen Gebets- und Liederorgien. Vor allem den dramatischen Punkt, wenn Tante Sefi den Kindern anzeigte, auf den Fleckerlteppichen auf die Knie zu gehen und uns dann Kerzen in die Hand drückte. Der Höhepunkt stand bevor. Das Schicksalsdrama. Die Omama schritt zum Weihwasserkessel an der Wand neben der Kredenz, tauchte den am Palmsonntag geweihten Palmwedel ein, der kein echter Palmwedel war, sondern ein Zweig vom Buchsbaum an der Gartenecke – eine frühe Enttäuschung/Betrug in meiner Kindheit – und besprühte alle reichlich. Danach drückte sie jedem Anwesenden ein in der Osternacht geweihtes Öl in Kreuzform auf die Stirn. Vergeltsgott, Gottvergelts. Das Öl aus Jerusalem, stellte ich einmal fest, war auch nicht das, wie es hieß, sondern Bratlschmalz von der zuletzt geschlachteten Sau Rosina.

Die Kinder waren für den Rest des Tages entlassen, bis die Stunde der Rückfahrt der Mauna über die teuflische Enns-Brücke anbrach. Die gleiche, aber etwas abgekürzte Zeremonie wie am Morgen. Mit großem Aufatmen. Die Gefahr war fast gebannt. Auch die grimmigsten sowjetischen Grenzer waren den Fässern mit frischem Linzer Lagerbier nicht abgeneigt. Onkel Klaus erzählte später lustig darüber, obwohl er viele Ängste ausgestanden haben muss, wie sie schon freudig erwartet wurden, und ohne Kontrollen und ihre I-Karte zu zeigen, passierten. Wie die Pawlow‘schen Hunde standen sie da, die Zungen heraußen.

Die Bierführer luden an dem sonst so gefürchteten Schlagbaum den Wegzoll ab und fuhren unbeschadet nach Hause. Die Mauner wurden jubelnd begrüßt und von der Omama reichlich mit Weihwasser bespritzt. Die größeren Kinder durften über die Latten ein Fässchen herunterrollen, Bertl und Toni standen mit ihren bodenlangen Lederschürzen stolz lächelnd daneben. Helden. Der Dankes-Rosenkranz dauerte dann immer besonders lang, der Hintern tat schon weh, die rot-schwarzen Kreuzerlstiche auf der Tischdecke verschlangen sich ineinander und führten verrückte Tänze auf, die Augen fielen zu. Aber zur Belohnung gab es ein Noagerl Bier, der letzte Rest von Tropfen und Schaum, der Foam, von uns Kindern mit den Fingern aufgeleckt aus den Gläsern der Männer. Das ist himmlisch, fand ich, und begann die unbekannten Russen auf der Brücke heimlich zu verehren.

Unsere Gebete oder das Linzer Lagerbier? Ich weiß bis heute nicht, was geschichtswirksamer war.

Wien, 13.9.18

Veronika Seyr
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Amaryllis oder Der Traum von der Motte

Als ich vor kurzem im Abstellraum nach der Hausapotheke kramte, fiel mir eine weiße Schachtel entgegen. Ah, die Amaryllis. Es ist Zeit, sie in die Erde zu setzen. Ich habe die Knollen nach der Blütezeit in Seidenpapier gewickelt und in einem Schuhkarton aufbewahrt. Diese drei Knollen habe ich schon mehrmals zum Blühen gebracht, eine kommt weiß, eine rot und eine blassrosa. Amaryllis sind – ganz im Gegensatz zu ihren Prachtblüten – bescheiden und nicht umzubringen, nicht einmal von mir. Mit Glück werden sie um Weihnachten neben den Kakteen und Orchideen die Zierde der vorderen Fensterbank sein. Sonnig, aber nicht zu sehr, wenig gießen, genügsam, steht auf dem Stecker.

Vor Jahren habe ich einmal die Knollen achtlos in einen Papiersack unter die Abwasch gesteckt und sie vergessen. Als ich lange später, ohne hinzusehen, einmal in das Fach hineinlangte, um den Bartwisch herauszufischen, streifte ich mit den Fingern etwas Ungewöhnliches, noch nie Gespürtes. Ich zog die Hand heraus und schüttelte sie. Brrr, gruselig, zwischen tot und lebendig. Vielleicht fühlt sich so eine frische Leiche an? Ich hab noch nie eine angefasst. Nicht fest, nicht weich, nicht warm, nicht kalt, nicht glitschig, nicht trocken, nicht dicht, nicht leer. Etwas zwischen allem.
Ich zuckte zurück wie von einem Stromschlag getroffen, knallte die Schranktür zu und wagte lange nicht, sie zu öffnen. Ich saß am Boden davor und versuchte durch tiefes Atmen den Ekel und den Schrecken loszuwerden. Schnell trank ich ein Glas Wasser. Das Herz klopfte wie verrückt, und ich starrte auf das Kastltürl, als würde da drinnen ein wildes Tier sitzen.

Birke, Buche oder Kirsche? Die Zeichnungen im Holz. Keine Lärche, keine Zirbe, nicht Eiche, Föhre, Ahorn, und sicher kein Rosenholz. Ich erinnere mich, was ich beim Tischler Ponweiser aus Schlatten in der Buckligen Welt bestellt hatte. So versuchte ich mich abzulenken, indem ich auf die kreiselnden Astlöcher im Holz starrte. Endlich habe ich mich so weit beruhigt, dass ich wage, die Tür wieder zu öffnen.
Da sind hellgrüne Blätter, nicht mehr als langgezogene, dünne Fäden. Wie Fühler haben sie sich zwischen den Mülleimern, Schachteln mit Waschmitteln, dem Holzstiel der Saugglocke, der Plastikschaufel und dem Glas mit Besen, Bürsten, Schwämmen und Flaschenputzern durchgeschlängelt und sich an der Innenseite der Kastltür hochgezogen. Als ich die Blätter vorsichtig herauslöse, stoße ich auf eine sternförmige, blassrosa Blüte, wächsern, fast durchsichtig. Ich schwöre, sie hatte ein Gesicht und schaute in meines, und ich schaute zurück. Lieb und mild lächelnd sagte sie etwas erschöpft: Endlich, wir haben es geschafft.
Diese Amaryllis hat mit solcher Kraft zum Leben gestrebt, dass sie fast ohne Licht, Erde und Wasser ausgetrieben hat. Ich war bis zum Weinen gerührt vor der Macht der Natur. Demut. Hallo, ihr seid alle stärker als wir.

In einer unermesslichen Anstrengung hat meine Amaryllis sogar ihre eigenen Regeln umgestoßen, nämlich wie es ihr der genetische Code eingegeben hat, zuerst die Knospen und dann erst die Blätter auszubilden. Vielleicht haben sie untereinander diskutiert, wer in dieser Situation die größeren Überlebenschancen hat, die besseren Möglichkeiten, sich in diesem finsteren, miefigen Kastl zwischen dem Gerümpel bemerkbar zu machen, sich irgendwie herauszuarbeiten. Wie in einer guten Seilschaft. Da tauschten sie einfach die Rollen. Die Blätter haben sich über alle Hindernisse hinweg nach vorne gekämpft. Dabei haben sie sinnvollerweise den gerade nicht nötigen Stamm vernachlässigt. Diese Leistung muss ich besonders bewundern, sind doch die Blüten von einer dicken Fleischlichkeit, während die Blätter und der Stamm im Inneren eine Hohlrinne haben. Jeder Amaryllis-Halter weiß, dass er sie unzählige Male stützen muss, wenn sich einmal die Krone zur vollen Blütenpracht entwickelt hat. Mir sind schon ganze Blumentöpfe umgekippt.

Das ist jetzt einige Jahre her, mein Dreigestirn hat sich jeden Winter reichlich bedankt. Seither habe ich die Knollen mit größter Sorgsamkeit behandelt. Diesmal ließ ich etwas Erde an ihren Wurzeln dran. Sie bekamen drei gesonderte, lockere Betten in weißem Seidenpapier; den Karton stapelte ich nicht mehr unter der Abwasch, sondern im lichten Abstellraum, versah ihn vorsorglich mit Luftlöchern. Ab und zu sprühte ich sogar etwas Wasser hinein. Ich hatte auch schon im Kopf, welchen Blumentopf ich ihnen für diese Blühsaison zuteilen würde. Einen besonders großen, aus dicker Keramik, beschwert mit Steinen am Boden und die Erde aufgelockert mit Ton.

Ich weiß nicht mehr, was mir dazwischenkam. Wahrscheinlich ein Telefonanruf oder eine Radiosendung. Soviel ist sicher, ich habe den Karton auf die Arbeitsplatte neben den Herd gestellt, den Deckel abgehoben und für den Rest des Abends darauf vergessen. Vor dem Schlafengehen habe ich über meinem PC eine fette Motte erschlagen. Ein Mord, mit großem Genuss und Genugtuung ausgeführt, gesättigt von teuflischem Behagen. Ich verheimliche es nicht, ich hasse diese absolut unnützen Tiere aus tiefstem Herzen, seit sie mir zwei Teppiche zerfressen haben und ich die restlichen nur mit viel Mühe und Geld erhalten konnte. Ich nahm die Motten-Leiche in mein Journal auf, befestigte sie mit Tixo auf dem linierten Blatt und datierte den Fang: 25.10.18, 23h10. Anhand einer Motte kann man leicht vom Gottesglauben abfallen und an einem vernünftigen Schöpfungswillen zweifeln. Motten als Anti-Gottesbeweis.

Was ich als Tagesreste mit in den Traum genommen habe, entzieht sich meiner Kenntnis und Erinnerung. Wie jede Nacht tappe ich gemäß einem natürlichen Körperbedürfnis aus meinem Schlafzimmer durch das Wohnzimmer. In der linken Leseecke glimmt die gedimmte Lampe, die ich immer anlasse. Im zur Küche offenen Esszimmer leuchten an drei Stellen die gelben Spots. Im Fußlauf. Aus der Wohnung schief gegenüber fallen aus den Jalousien matte Lichtstreifen auf den Buchara-Teppich. Am Herd blinkt das rote Viereck der Zeitangabe für das Backrohr. Alles normal. Diese Beleuchtungsabfolge ist genau geplant und hat sich für mich bewährt. Immer wieder befrage ich auch meine Gäste, ob meine nächtliche Lichtinstallation praktikabel sei.

Alles scheint wie immer. Erfolgreich umschiffe ich den Esstisch mit sieben Stühlen und fühle die Teppichkanten und Fransen unter meinen Sohlen wie Leitlinien. Der letzte Griff mit der rechten Hand an den Thonetstuhl am Kopf des Tisches. Knapp vor der Küchenzeile stoße ich plötzlich auf ein Hindernis. Es ist nichts wirklich Körperliches, obwohl ich eindeutig etwas im Gesicht und an den Ohren spüre. Ich reiße die Arme hoch, um mich zu wehren, da prallt etwas gegen meine linke Schulter. Es ist nicht heftig, nur ein leichter Klaps, ein Taps, wie einen ein kleiner Finger anstoßen kann.
Sehen kann ich nichts, aber das Gefühl, von etwas umringt zu sein, ist allgegenwärtig. Es ist nichts Materielles, sondern eher die Bewegung der Luft. Waren es die Arme, mit denen ich jetzt um mich wedelte?
Voll Angst und Ekel, pftpft, weg da. Irgendetwas setzte die Luft in Schwingungen, die meinen Körper wie leichte Wellen treffen. Eine Luftdünung, die von einem leisen Sirren begleitet ist. Als ich später darüber nachsann, kam mir der Gedanke: Ich spürte eine Seele.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber mit zu viel Phantasie ausgestattet, sagen die Leute, dass ich mir zu viel vorstellen kann.
Die phantasiert. Phantastin wurde ich schon in der Kindheit genannt. Die träumt. Jede Empfindung, sei es an Körper oder Geist, setzt sich sofort in eine Fülle von Bildern um. Dazu rieche ich immer sofort etwas, wozu noch die Farben kommen. Vor allem bei Musik geht es mir so. Meine Synapsen liefern mir oft ganze Gewittersturmfronten, Hurricanes und Zyklone. Synästhesie sagt die Psychologie trocken zu diesem Phänomen.

Es siegt die Neugierde, ich will es wissen. Als ich, mit den nackten Füßen über den Boden tappend, die Ecke zwischen Geschirrspüler und Badezimmer erreiche, strecke ich die linke Hand zum Lichtschalter aus und streife die Wand entlang. Ich gerate aber zu hoch und greife mit den Fingern voll in den Buschen Rosmarin von der Insel Pag. Die trockenen Nadeln rieseln in Schauern zu Boden, dass es beim nächsten Schritt unter meiner Sohle knirscht. Hinter dem Türrahmen ertaste ich endlich einen Schalter, drücke ihn nieder, und die Deckenlampe flammt auf.
Was bekam ich zu sehen? Ein Wunder! Aus der Schuhschachtel wucherte ein dichter Dschungel aus Amaryllisblüten in Rot, Weiß und Rosa. Um die Knollen rankten sich blassgrüne Blätter und schlangen sich wie eine Efeuwand bis über die obere Kastlreihe hinauf. Die Griffe und Lichtspots benützten sie ganz selbstverständlich als Stützen. Über die Glocke des Dunstabzugs – halb Glas-, halb Metallgitter – wucherten Wurzeln, blassblau wie Bandlwürmer, die Reihe mit Gewürzen war nicht mehr zu sehen, und aus den Zierflakons sprossen Blüten. Vom Stahlseil des Vorhangs hingen sie wie Girlanden in Rot, Rosa und Weiß herab. Die nicht organischen Materialien meiner Küche störten sie offenbar überhaupt nicht. Das sah alles sehr originell aus, wie die Dekoration eines extravaganten Küchendesigners. Aber was sich dazwischen abspielte, das verweigert sich jeder Beschreibung.

Millionen von Faltern, klein wie Motten, aber bunt und schillernd in allen Farben der Amaryllis-Heimat im südamerikanischen Regenwald: Gattung: Hippeastrum, „Ritterstern“, Ordnung: Asparagales, Spargelartige, Familie: Amaryllidaceae. Wie Miniaturkolibris umflatterten sie mich und hüllten mich zur Gänze ein. Sie ließen sich auf meinem gelben T-Shirt nieder, setzten sich vor allem im Gesicht fest, an den Augen, an Nase und Mund. Um die Stirn musste ich einen Kranz haben. Sie fühlten sich feucht und klebrig an, wie Nektar. Vielleicht suchten sie deshalb die nackten Körperstellen.
An meinen Beinen schienen sie besonderen Gefallen finden. Rund um die Knie und Knöchel saßen sie wie Pfingstrosenblüten, der rote Nagellack der Marke Paloma Picasso auf den Zehen hatte es ihnen besonders angetan. Ob sie mich für eine Blume hielten? In der Abwasch, im Waschbecken und in der Badewanne bildeten sie eine kompakte, krabbelnde und schwirrende Masse. Sie blinkten wie Glühwürmchen auf Brautschau, nur nicht einfach wie die gelb-blinkenden Ampeln, sondern in allen phosphorisierenden Farben. An den orange ausgemalten Wänden saßen die Tierchen in dichten Trauben übereinander, ein Wandteppich, altfranzösische Tapisserie.

Von der Decke hingen sie herunter wie Säulen, nur gehalten von der Kraft ihrer aneinandergepressten Körper. Obwohl ich nie ein großer Freund von Insekten war, lösten sie weder Angst noch Ekel aus, nur endloses Staunen. Es war ein Funkeln und Glitzern, eine Farbenpracht von einer noch nie gesehenen, unwirklichen Schönheit. Diese Farben, das Flirren und Flattern verbreiteten einen kaum wahrnehmbaren Dufthauch von Honig und Rosen, eine Mischung von Kerzen in orthodoxen Kirchen und Rosen in marokkanischen Oasen. Das Geheimnisvollste aber war, dass alles in Bewegung war, durcheinander wirbelte und gleichzeitig statisch wie ein Tableau, der Blick durch ein eingefrorenes Kaleidoskop. Tiefer Frieden und satte Harmonie breiteten sich in mir aus. Niederlegen und darin aufgehen.
Genauso würde ich gerne die Ewigkeit überleben.

Ob meine Amaryllis-Knollen ihre ursprünglichen Parasiten aus dem südamerikanischen Dschungel mitgenommen haben oder ich unabsichtlich Eintagsfliegen zu Mottenfaltern gezüchtet habe, wer wird‘s mir sagen können? Vielleicht habe ich einer Massenhochzeitsnacht mit anschließendem Massensterben beigewohnt?
Im Morgenlicht zeigt sich meine Küche so picobello aufgeräumt, wie ich sie verlassen habe. Und die Knollen liegen bis jetzt in ihrer Schachtel, weil es heute draußen regnet und ich den Topf noch nicht aus dem Hof heraufgetragen habe.

Wenn ich einmal die Knollen vernachlässigt habe, dass sie ums Überleben kämpfen mussten, so habe ich diesmal für sie die Lebensqualität eines Dschungels hergestellt.
Die Natur ist zu groß für meinen Verstand, und ihre Gesetze sind undurchdringlich. Aber man kann auch einfach auf Wienerisch seufzen: Wie ma‘s macht, macht ma‘s falsch.

26.10.18

Veronika Seyr
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Pussy Riot – junge Revolutionärinnen in alter Tradition gegen die Autokratie

Zu viel der Zufälle. Die erste Pressekonferenz zwei Tage nach ihrer Freilassung aus dem GULag gaben die Pussy-Riot-Frauen Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa im kleinen, privaten Sender Doschd (Regen). Doschd ist in der ehemaligen Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ genau gegenüber der Christus-Erlöser-Kathedrale an der Moskwa angesiedelt. Dort nahmen sie am 21. Februar 2012 ein Video auf, in dem sie vor dem Altarraum in bunten Kleider und die Köpfe verhüllt mit Wollhauben einen Tanz aufführten, ursprünglich vollkommen stumm. Das Spektakel dauerte genau 41 Sekunden, bis die fünf Frauen aufgehalten und abgeführt wurden. Das Video, das kurz danach in internationalen Medien erschien und alle kennen, war um einige Bilder aus einer anderen Kirche bereichert und mit dem inkriminierten Lied unterlegt worden: „Muttergottes, Jungfrau Maria, verjage Putin, befreie uns von Putin.“

Zwei Monate fahndete der FSB nach den Frauen, nahm schließlich drei von ihnen fest und klagte sie nach Paragraph 213 wegen Verletzung der öffentlichen Ordnung und Rowdytums an. Die Staatsanwalt und die Russisch-Orthodoxe Kirche verlangten sieben Jahre, das Gericht verurteilte sie zu zwei Jahren, von denen sie 20 Monate in verschiedenen Strafkolonien verbrachten.

Der Mann hinter all dem ist Präsident Putin. Vielleicht fiel das Urteil deswegen so hart aus, weil er seine eigenen Erfahrungen mit dem Rowdytum gemacht hat? Putin stammt aus einer Leningrader Proletarierfamilie und wuchs in einer „Kommunalka“, einer Gemeinschaftswohnung, auf. Er war ein richtiger Schlägertyp und Straßenköter, der sich ständig mit Gleichaltrigen prügelte. Wegen seines amtsbekannten Rowdytums, der „Chuliganstvo“, wurde er erst verspätet bei den Pionieren aufgenommen. Und auch sein erster Aufnahmeantrag in den KGB blieb vorerst unerhört. Chuliganstvo lautete der Strafbestand, unter dem er die Aktionskünstlerinnen verurteilen ließ.

Auf ihrer Pressekonferenz kündigten Pussy Riot die Gründung einer Organisation zur Unterstützung von Strafgefangenen an, „Zona prava“, eine Zone des Rechts (Zone ist das russische Wort für die Strafkolonien, Anm. d. V.). Ihre Freilassung fällt fast genau mit dem 40. Jahrestag der Veröffentlichung von Solschenizyns „Archipel GULag“ zusammen, in dem er die Unmenschlichkeiten des sowjetischen Strafvollzug anklagt. Er ging ins amerikanische Exil und erhielt den Nobelpreis. Literarisch bedeutsamer als Solschenizyn ist der Langzeitbewohner von GULags, Warlam Schalamov, dessen Bücher über seine siebzehn Jahre in den Strafkolonien von Solowezk, Kolyma und Magadan erst nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlicht werden. Der hochdekorierte Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, Andrej Sacharov, wurde, als er gegen das Sowjetsystem aufstand, mit einer schikanösen, zehnjährigen Verbannung und völliger Isolation in Gorkij (Nishnij Nowgorod) bestraft, bis ihn Gorbatschov im Triumph heimholte. Sacharov veröffentlichte etwa fünfzehn Bücher und Schriften gegen das Atomprogramm der SU und setzte sich für die Menschenrechte ein.

Keine andere Nation außer Russland hat ein eigenes Genre der Lagerliteratur hervorgebracht. Angefangen hat es 1825 mit den adeligen Jakobinern, den Dekabristen, die nach ihrer Verschwörung gegen Zar Nikolaus I., wenn nicht zum Tode, zu lebenslanger Haft und sibirischer Verbannung verurteilt wurden und darüber Erinnerungen verfassten. Dostojewski legte nach seiner vierjährigen Lagerhaft mit dem Bericht „Aus einem Totenhaus“ den Grundstein für seine Schriftstellerkarriere, und Anarchisten wie Kropotkin, Netschaew und Bakunin haben ein reiches literarisches Werk hinterlassen. Cechov reiste 1890 für dreieinhalb Monate in den Fernen Osten auf die Insel Sachalin, die der zaristischen Autokratie als Verbannungsort diente. In einem ausführlichen Reisebericht schildert er die Grauen des Strafvollzugs.

Fast unüberschaubar ist die Literatur der Frauen, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Terror-Organsiation „Narodnaja volja“ (Volkswille) anschlossen und für ihre Beteiligung an den Attentaten auf die Zaren Alexander II. und III. für Jahrzehnte in Lager verbannt wurden. Verblüffend klangen die Worte, mit denen Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina auf ihrer Pressekonferenz Russland als großes Straflager charakterisierten, frei, ruhig und gesetzt, in druckreifen Sätzen, klar wie Fanfarenstöße. Sie hätten fast gleich lautend aus den Schriften von Vera Figner oder Vera Zassulitsch stammen können, so wie sie die heutige „Nacht über Russland“ beschrieben. Zu viel der Zufälle?

Als hätten sie sich bewusst gestylt, sehen Tolokonnikowa und Aljochina ihren Vorkämpferinnen gegen die zaristische Selbstherrschaft, Figner und Zassulitsch, auch physiognomisch ähnlich. Sie waren die ersten Frauen, die öffentlich ihr Haar offen trugen, sie studierten im Ausland, waren hochgebildet, übten bürgerliche Berufe aus und waren mit Gleichgesinnten im Westen vernetzt. Mit ihrer radikalen Hingabe an die Revolution, Verachtung des Kompromisses und ihrem Opferwillen galten sie als die moralische Führung der Intelligenzija. Vera Figner war 20 Monate in der Peters-Paul-Festung in St. Petersburg in Untersuchungshaft und 20 Jahre lang, von 1884 bis 1904, unter schrecklichen Bedingungen in der Festung Schlüsselburg eingekerkert, aber sie kehrte geistig frei, stolz und ungebrochen zurück und setzte sich noch bis zu ihrem Tod 1942 für die soziale Umgestaltung Russlands ein.

Haben Tolokonnikowa und Aljochina in den vier Monaten Untersuchungshaft und 20 Monaten Lager Figner und Zassulitsch studiert, oder vielleicht auch Nadeschda Krupskaja, Inessa Armand, Adriana Tyrkowa oder Alexandra Kollontai? Bei einem Arbeitstag von bis zu achtzehn Stunden in einer Näherei, Kälte, Hungerstreik und Einzelhaft eher unwahrscheinlich, sie werden diese ersten „Töchter der Revolution“ schon vorher gekannt und als Orientierungslichter benützt haben. Während des Prozesses erklärten sie, dass sie die Kunst gewählt hätten, um auf die Missstände in Putins Russland aufmerksam zu machen, so wie 140 Jahre zuvor die Narodniki an die Kraft der Bombe glaubten. Das ist der große Unterschied. Aber die Leidenschaft für große Ideen, die der Schlüssel für die Umgestaltung der Welt wären, machen die Einzigartigkeit und Kraft aus. Die Formen mögen andere geworden sein, aber wie im 19. muss auch im 21. Jahrhundert wieder die Kunst als Ersatz für Politik herhalten, nirgends sonst so tragisch relevant wie in Russland. Freiheit der Kunst, Freiheit der Wissenschaft ist im Putin-Russland noch immer ein Fremdwort. Sie geht nur so weit, wie es dem Regime nützt. Alles, was an Kritik darüber hinausgeht, wird einen Kopf kürzer gemacht.

Die Frauen von Pussy Riot versuchten nach ihrer Freilassung noch etwa ein halbes Jahr künstlerisch und politisch tätig zu sein, dann gaben sie unter dem zunehmenden Druck auf und gingen ins westliche Ausland.

Wien, 29.12.2013, 27.1.17

Veronika Seyr
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Das Gehirn des Dmitrij Schostakowitsch

aus den „Russischen Kuriositäten“ von Veronika Seyr

In den Morgenstunden des 22. Juni 1941 überschritt die deutsche Wehrmacht mit der „Operation Barbarossa“ die sowjetische Grenze – für die Menschen der Sowjetunion der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Den damals schon weltberühmten Komponisten Dmitri Schostakowitsch erreichte diese Nachricht als Vorsitzenden der Prüfungskommission in der Klavierklasse des Leningrader Konservatoriums. Ohne Unterbrechung wurde der Wettbewerb weitergeführt, obwohl die ganze Stadt sofort massive Verteidigungsmaßnahmen traf. Später nahmen auch die Professoren und Studenten am Barrikadenbau teil. Anfang August erschienen die ersten deutschen Flugzeuge über der Stadt, es begannen die Bombardierungen und der Artilleriebeschuss. Von da an wurde die Stadt 900 Tage und Nächte bis Februar 1944 eingeschlossen und bombardiert, in der Leningrader Blockade starb fast die Hälfte der Bevölkerung, eineinhalb Millionen Menschen, sie wurden von der Artillerie getötet, verbrannten, verhungerten, erfroren oder fielen Seuchen zum Opfer.

Die allgemeine Mobilmachung wurde angeordnet. Jungen von siebzehn bis zu Männern von sechzig wurden einberufen. Schostakowitsch hatte sich zweimal freiwillig gemeldet, aber er wurde nicht eingezogen. Als die deutsche Luftwaffe begann, Brandbomben auf die Stadt zu abzuwerfen, organisierte das Konservatorium eine Art von freiwilliger Feuerwehr, die während der Angriffe auf den Dächern ausharren musste. Ein Augenzeuge berichtet, wie man Schostakowitsch einen Feuerwehrhelm aufgesetzt und ihm gesagt hat, er soll auf das Dach steigen und sich fotografieren lassen. Die ganze Welt kennt dieses Foto. Es sollte aufrütteln, Leningrad zu Hilfe zu kommen. Der international bekannte Komponist wurde als Sympathieträger für die Sowjetunion eingesetzt. Schostakowitsch war keine zehn Minuten auf dem Dach, trotzdem stand er ab jetzt im Mittelpunkt der sowjetischen Propaganda, die Stalin persönlich orchestrierte und dirigierte.

Am 19. Juli 1941, einen Monat nach dem Angriff, begann er mit der Komposition einer neuen Symphonie. „Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, dem Heldentum unseres sowjetischen Volkes, unserem Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad“, schrieb er auf die Titelseite. Er beging gerade seinen 35. Geburtstag, indem er nicht feierte, sondern fast 24 Stunden ohne Pause an einer neuen Komposition schrieb.
Die Musiksprache dieses Werkes ist stark vereinfacht, was nicht verwunderlich ist, da die Symphonie breiten Zuhörerkreisen die Idee des Kampfes und des Sieges über den Feind vermitteln sollte.

Die Gestalt des Künstlers, der vom Kampf inspiriert, mitten in der Verteidigung eine Symphonie komponiert, war ein großartiges Werkzeug der Kriegsanstrengungen. Außerdem entsprach das nationale Genie ganz und gar der russischen Psyche. Bald schon rankten sich viele Legenden um die Entstehung der 7. Symphonie.
Die abenteuerlichste entstammt aber nicht der sowjetischen Propaganda oder dem russischen Volksmythos, sondern den Forschungen des chinesischen Neurologen Wang Dajue. Er will wissen, dass Schostakowitsch nicht als Feuerwehrmann auf dem Dach verletzt wurde. Als Trümmeraufräumer auf dem Newski-Prospekt soll ihn ein Schrapnell in die Stirn getroffen haben. Die kaum sichtbare Wunde wurde von ihm selbst, der Familie und Freunden als so unbedeutend eingeschätzt, dass sie nicht mehr behandelt wurde als durch einen Kopfverband. Der Splitter blieb aber in der linken Gehirnhälfte, im Cornu inferius des linken Gehirnventrikels, stecken.

Viel später, erst nach dem Krieg, begann er über Kopfschmerzen zu klagen und ließ sich von Ärzten untersuchen. Dr. Wang Dajue pflegte in den 50er-Jahren engen Kontakt mit sowjetischen Neurologen und konnte den Metallsplitter in Schostakowitschs Gehirn mit Röntgenaufnahmen lokalisieren. Wenn er den Kopf nach rechts drehte und leicht abwärts wandte, strömte ihm eine Fülle von Melodien in den Kopf, die er aufschrieb und in seine Kompositionen einwob. Der Fremdkörper habe sein Gehirn stimuliert und mit Gedankenblitzen überflutet, behauptet der Neurologe. Nichts davon ist gesichert außer seine späteren Kopfschmerzen.

Wenn etwas an dieser Legende stimmen sollte, wäre es die unerträglichste Grausamkeit, dass ausgerechnet ein deutscher Bombensplitter verantwortlich sein soll für die besten Stücke der Weltmusikliteratur.

Es bedarf aber gar nicht der Legende des chinesischen Neurologen, um sich von Schostakowitschs ungewöhnlicher Komponierweise zu überzeugen. Es gibt viele Zeugnisse dafür, die meisten und besten vom Komponisten selbst. Es war 1927, also vierzehn Jahre vor der 7. Symphonie, als er beim Verfassen der Oper Die Nase ins Stocken geriet. Er hatte den ersten Akt unglaublich rasch geschrieben, in einem Monat im Sommer. Nach einer kleinen Pause machte er sich an den zweiten Akt, er schrieb ihn in drei Wochen nieder. Der dritte Akt machte ihm jedoch Schwierigkeiten. Gleichzeitig stieg der Druck, denn das Leningrader Maly-Theater hatte beschlossen, das Werk in das Programm der nächsten Spielzeit aufzunehmen.

In dieser Zeit hatte Mitja einen eigenartigen Traum.
„Ihm träumte, dass der Termin der Premiere seiner Oper Die Nase bereits festgelegt ist und er zur Generalprobe gehen muss. Aber es scheint sich alles gegen ihn verschworen haben. Mitja, der immer genau und pünktlich ist, verspätet sich aus unerklärlichen Gründen. Ob in der Straßenbahn oder im Bus, überall wird er aufgehalten. Endlich gelangt er ins Theater, von Weitem hört er schon die Vorwürfe des Dirigenten Samuil Samossud. Eiligst durchquert er das Vestibül und stürzt in den Saal. Das Orchester probt gerade den dritten Akt. Schostakowitsch setzt sich ganz nach hinten und hört zu, klar und deutlich hört er die Musik des dritten Akts, sieht und hört den Chor und die Sänger … Die Oper endet, der Vorhang fällt, Beifall. Das Publikum ruft nach dem Komponisten … Da wacht Schostakowitsch auf, ganz außer sich. Er läuft ins Nebenzimmer, erzählt den Hausgenossen aufgeregt von seinem Traum und der darin gehörten Musik. Er setzt sich hin und schreibt sie auf. Innerhalb von drei Wochen hat er den dritten Akt fertig komponiert und ihn zu Samossud gebracht.“ (M. Dolgopolow, In: Izvestija 13. 9. 1975, zit. nach Krysztof Meyer. Schostakowitsch. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, S 117f )

Zu den interessantesten Teilen der Oper gehört das Zwischenspiel zum zweiten Bild. Es ist das erste Musikstück, das ausschließlich für Perkussionsinstrumente geschrieben wurde. Das war damals eine absolute Neuheit. Edgar Vareses Ionisation wurde erst drei Jahres später geschrieben. Angeblich wussten die beiden Komponisten nichts voneinander. Ähnlich überraschend, dass einige Stellen im ersten und zweiten Akt verblüffend an Arnold Schönberg und Anton von Webern erinnern, obwohl Schostakowitsch sie nicht gekannt und nie deren Partituren gesehen hat.

Einen Monat nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion begann Schostakowitsch mit der Arbeit an der 7. Symphonie, der Leningrader. Beendet hat er sie am 27. Dezember 1941, nachdem er im Oktober mit der Familie nach Moskau, später nach Kuibyschew evakuiert worden war. Fünf Sätze in fünf Monaten, und zu welcher Zeit!
Am 17. September 1941 notiert Schostakowitschs Jungendfreund Walerian Bogdanow-Beresowski in seinem Tagebuch:
„Auf seine Einladung hin fuhren wir zu ihm hinaus in die Skorokodow-Straße.

Die enormen Partiturseiten, die auf dem Schreibtisch ausgebreitet lagen, machten den Umfang der Besetzung deutlich. Schostakowitsch spielte uns die neue Symphonie nervös und angestrengt vor. Er bemühte sich ersichtlich, alle Farbnuancen des Orchesters wiederzugeben. Der Eindruck war kolossal. Es ist ein erstaunliches Spiegelbild der gegenwärtigen Zeit, ein Widerschein der äußeren Ereignisse, der in eine sehr komplizierte musikalische Form umgesetzt wurde, ohne in irgendeiner Weise die Gattung zu verflachen. Diese Symphonie ist sowohl in ihrem Inhalt als auch in ihrer Form kühn und unerschrocken, vor allem im ersten Satz mit seiner langen Entwicklung nach der Exposition. (...)
Plötzlich drang von der Straße das gellende Heulen der Sirenen zu uns herein. Der Komponist kümmerte sich nach Beendigung des ersten Satzes darum, dass sich seine Frau und die beiden Kinder in den Schutzraum begaben, er selbst jedoch wollte das Spiel nicht unterbrechen. Begleitet von den dumpfen Explosionen der Flugabwehrkanonen, stellte er uns den zweiten Satz vor und zeigte Skizzen zum dritten Satz, schließlich spielte er alles noch einmal.
Als wir aus dem Petrograder Stadtteil zurückkehrten, sahen wir von der Straßenbahn aus den Feuerschein – eine Spur des zerstörerischen Werks dieser Barbaren der Lüfte. Unter dem Eindruck der Musik und des edlen Pathos der Symphonie verspürten wir die Sinnlosigkeit dessen, was um uns geschah, besonders eindringlich.“

Die Siebente wurde am 5. März 1942 in Kuibyschew vom ebenfalls dorthin evakuierten Orchester des Bolschoi Theaters unter Samuil Samossud uraufgeführt.
Am 22. März 1942 kam das Orchester in Moskau zusammen. Inzwischen hatten die deutschen Truppen die Ukraine, Weißrussland, die Moldawische Republik und das Baltikum in ihre Gewalt gebracht. Immer häufiger flogen sie Angriffe auf Moskau. Dennoch war das Konzert ein großes Ereignis, und nur mit Mühe fanden alle Besucher im Saal Platz. Ein Musikkritiker erinnert sich an die Moskauer Erstaufführung: „Vor Beginn des 3. Satzes trat der Leiter der Flugabwehr neben den Dirigenten. Er hob die Hand und meldete in ruhigem Ton, um keine Panik hervorzurufen, das Einsetzen des Fliegeralarms. Trotzdem verließ niemand seinen Platz, die Symphonie wurde zu Ende gespielt. Ihr mächtiges Finale, das den Sieg über den Feind ankündigt, schuf eine unvergessliche, mitreißende Atmosphäre. Die stürmischen Ovationen gingen über in eine leidenschaftliche Manifestation patriotischer Gefühle und in Begeisterung über das Talent unseres großen Zeitgenossen.“

Die Erstaufführung im belagerten Leningrad fand am 9. August 1942 unter der Leitung von Karl Eliasberg in der Philharmonie statt. Die Musiker wurden zum Teil von der Front geholt, andere aus ihren Kellerlöchern im belagerten Leningrad. Sie waren ausgehungert, ausgemergelt, in Uniformen oder Lumpen. Aber sie spielten die „Leningrader“. Auf Befehl des Kommandanten der Leningrader Front setzte man eine umfangreiche Militäroperation in Gang: Am Tag des Konzerts wurden die Deutschen mit einem wahren Sperrfeuer belegt; 3000 großkalibrige Granaten gingen auf sie nieder.

Danach zog die „Leningrader“ in einem unvergleichlichen Siegeszug um die ganze Welt, und ihr Erfolg hält bis heute an.

Dabei haben sowjetische Komponisten während der Leningrader Blockade insgesamt 192 Werke verfasst, darunter neun Symphonien, acht Opern, sechzehn Kantaten und fünf Ballette. Im Gespräch und im Gedächtnis blieb aber nur die Leningrader Symphonie, die Siebente von Schostakowitsch.

22.7.16

Veronika Seyr
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abseits der wunder

Rezension
Conny Hannes Meyer: abseits der wunder. Ein Gedicht
Verlag Bibliothek der Provinz, ISBN: 978-3-902416-98-8

Es muss etwas passiert sein, etwas Schreckliches, eine Katastrophe. Die Welt ist zerstört und unbehaust, ein Schlachthof, die Menschen sind unmenschlich, ein Abschaum wie aus Rattenlöchern, die Sonne ist gefesselt, der Himmel vergittert und flirrend von Fleischfliegen. Ein Mensch wandert durch diesen Trümmerhaufen und schleudert seinen stummen Hass gegen die verschlossenen Türen. Das hohle Tock-Tock des Einbeinsoldaten mit Krückstock schallt durch die versifften Hinterhöfe. Da kehrt einer zurück aus der Apokalypse in eine unerträgliche Gegenwart. Das große Morden ist gerade erst vorüber. Er ist jung und voll Hass auf alles Althergebrachte. Dieses Ich ist aber keineswegs stumm, wie es von sich behauptet, sondern wortgewaltig, wortgewalttätig.

„friedlich hinter bunten butzenscheiben
niedlichen wachsfigurenkrippen
bauernkrügen steinmadonnen elfenbeinkönigen
eisernen streitkolben lederpeitschen reiterpistolen
krummschwertern brustpanzern kettenringhemden dolchen (...)
grünspanige totschlägerorden metzgermedaillen
mordauszeichnungen mit staatswappen
die deckt kein seidenfächer zu
keine gesangsvereinsfahne
zinnerne würfelbecher damenkämme aus japan und zigeunerketten (...)
auf grünem biedermeierstuhl steht steif
die abschiedsbriefkassette
im sanften holztruhmoder weihrauchruch verrostet
und das habt ihr uns hinterlassen
'zinnsoldaten und massenmord
negerpuppen und rassenhass (.)“

So sieht die Welt des Heimkehrers aus. Aber anders als der Borchardt‘sche Beckmann hadert er nicht mit der Welt und mit Gott, sondern nennt die Schuldigen beim Namen, nennt die, die in die Katastrophe geführt haben und danach nichts davon wissen wollen, nichts einsehen und nicht bereuen, weitermachen und so tun, als wäre nichts geschehen.

Anders als Beckmann, den sogar das Wasser, in das er geht, wieder ausspuckt (Gott will seinen Selbstmord nicht annehmen), den seine frühere Geliebte vor die Tür setzt (ein Einbeiniger ist kein Mann), wehleidig und jammernd nicht in die Gesellschaft zurückfindet, will der Rückkehrer des Gedichts einen Neuanfang mit Kehraus, setzt seine Jugend, seine Kraft und seinen Erkenntniswillen gegen die ressentimentgeladene und weinselige Nachkriegsbarbarei. Er will sein Leben in die Hand nehmen; Lehrlingsausbildung und Studium sind dem elternlosen Nobody verschlossen, er versucht sich als Bauhilfsarbeiter, Textilvertreter, Konsumneuling, Politadept, Armeerekrut. Wegzugehen aus diesem Land, weit weg, irgendwohin auch nur eine Flucht, erkennt er trotz aller Versuchungen, feig wie die der Alten. Er durchschaut die Scheinwelten- und Alternativen und rettet sein kleines Leben in die Phantasie, ins Kino, ins Tanz- und Rausch- und Sportvergnügen. Es wird ihm klar, dass er da überall fehl am Platz ist.

„bleibe allein
alle lachen ich lache mit
aber ich bin nicht froh
alle singen ich singe mit
aber es klingt nicht richtig (...)
gummiwülste auf der zunge
so geh ich zurück
weiß
jetzt habe ich mich entschieden
entschieden
statt zu jammern zu handeln (...)
ab heute will ich misstrauisch sein
fragen und lernen wie nie (.)

Der Heimkehrer ist noch nicht angekommen, aber er hat ein Ziel gefunden.

„eine Zeit kommt
mit kammerkonzerten wilden fragen und gebeugtsein über bücher
voll wissenwollen bildgalerien
taumelnde farben formen ernste gespräche
und das irdische paradies findet noch nicht statt (...)
und keine fahne wird aufgezogen
keine jubelhymne angestimmt aber
die dummheit wird zum todfeind erklärt und
die unwissenheit zur schande (...)
dass die asche der ermordeten verbrannten nicht schreit
und die gekreuzigten nicht immer wieder
immer wieder an das kreuz geschlagen werden
der bombenangstflut wird ein damm gesetzt
und dem schicksal ein denkmal:
hier ruht es
denn wir
wir sind an seine stelle getreten (.)

Das 57-Seiten-Gedicht ist ein langer, großer, wilder Aufschrei, Trommelwirbel, Marschgedröhn mit der Tock-tock-Untermalung des Einbeinigen und der kratzenden Geige des ausgehungerten Hinterhofsängers, sich überstürzende Wort- und Bildexplosionen, eine Symphonie von Feuerwerksraketen, Kaskaden von verräterischen Kleinbürgeraccessoires in tollkühner Zusammenstellung – das Heimkehrer-Ich registriert und zertrümmert alles, voll Hass und Abscheu, aber ohne jemals des Wunsch nach einer anderen Welt aus den Augen zu verlieren mit einem angemessenen Platz darin für sich selbst, bis er ihn gefunden glaubt – im Lernen, Kennenlernen und Nichtvergessen. Dieser Platz wird für den Rest des Lebens das Theater sein. Das ist der Ort, „wo er mitlacht und singt und alles richtig klingen wird“.

Der Entwicklungsroman ist schon lange als Genre eingeführt, ein Entwicklungsgedicht, der Werdegang eines Ich in Gedichtform ein modernes Wagnis, das C.H. Meyer gelungen ist, mit schonungsloser Offenlegung der Nachkriegs- und Wiederaufbaugesellschaft. Übertragbar aber auf jede Epoche, in der die nachstürmende Jugend etwas Neues will, ihren Platz sucht und den alten Moder zerreißt.

Wien, März 2011

Veronika Seyr
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