Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

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Lautsprecherdurchsagen - Impressionen aus dem Gänsehäufel

Ein Badesonntag Ende Juli 18, die Marke von 35 Grad ist fast erreicht. Hitzepol wie immer in Hohenau an der March. Ich in den Wochenend-Zeitungen lesend, lagernd im löchrigen Schatten von mageren Pappeln und Erlen. Wenn die Sonne durchs Laub kommt, muss ich mit meinem Tuch in einen anderen Schatten wandern. Herrliche Ruhe, die FKKler sind dezente Leute. Ein leichter Wind, die wirklich blaue Alte Donau in Blickweite, Schwäne und Nil-Gänse schaukeln leicht auf den Wellen, Möwen darüber, eine Entenmutter watschelt mit drei Jungen angstlos durch den Dschungel aus Decken, Taschen und Floaties. Ich muss immer öfter ins Wasser rein und danach lange unter die kalte Dusche. Das Wasser der Alten Donau ist badewannenwarm, 28 Grad. Vom kühlen Nass kann schon lange keine Rede mehr sein. Wann kippt sie? Eine Frage der nächsten Tage. Das Wasser ist schlierig, wirft verdächtige Bläschen, und das Wassergras schwappt einem durch Mund und Zehen.

Danach schreckt mich in der Zeitung eine Kleinmeldung auf:
Die Korallenriffe der Ozeane von Sonnencreme und Kinderlulu zerstört! Ich bin alarmiert. Ähnlich wie die Verdauungspuhs der Kühe. Endlich die größten Feinde erkannt! Kleine Erlösung, nicht das Erdöl und das böse PVC sind‘s. Ein Glück, die Alte Donau hat keine Korallenriffe, aber sicher viel vom anderen. Mehr Idylle als im Gänsehäufel-FKK geht nicht. Für alle Sinne. Wer im Sommer Wien verlässt, ist ein Idiot. Selber schuld.

Da bricht die Realität über uns herein. Gegen zwei Uhr kracht und rauscht es aus dem Lautsprecher:
Ach-tung- Ach-tung (Betonung auf U mit einem K am Ende) - hch- eine Durch-sakee (Betonung auf A- was für eine Sage wird das noch?) - die vierjährige Jolana - sucht- seinen- Papa. Hch. Papa - kommen - bitte - zur Info. Danke! Ihre Info!
Jeweils zweimal hintereinander. Wiederholung nach 10 Minuten. Beim Ausschalten wieder Krachen. Es ist kein Sprechen, sondern ein Zerhacken von Silben, als würde sie einen ihr unverständlichen Text herunterbuchstabieren, so wie wenn ich etwas auf Rumänisch oder sonstwas, das ich nicht kann, vorlesen müsste.

Diese Frauenstimme bömakelt in echt, perfekter, als es sich Fritz Muliar je für Braver Soldat Schwejk antrainiert hat. Dabei dachte ich immer, er ist genial. Er ist genial, aber von der Durchsagefrau hätte er noch etwas lernen können. Sie hat die Funktion einer Kartenabreißerin und Kasterlschlüsselausgeberin am Eingang (ich liebe Wien besonders für solche Posten. Die Badewaschel sind fast alle Ex-Jugos, die Masseurinnen Philippininnen). Ich habe die Info-Frau persönlich gesprochen, als ich einmal bei ihr eine verlorene Sonnenbrille abgegeben habe. Sie ist wirklich eine Tschechin, eine neue Österreicherin.

Im Abstand von 10 Minuten wird die Durchsage je zweimal wiederholt, mit Varianten. Da ist die Jolana einmal dreijährig und sucht ihre Mama. Dann wieder den Papa. Zum Glück irgendwann die ganzen Eltern. Gespickt mit Fehlern und Pausen, in denen man Seufzer und Räusperer hört, warum auch immer. Welche Tragödie sich bei der Info abspielt, mag ich gar nicht wissen. So geht das ungefähr eine Stunde lang. Zweimal dazwischen etwas Neues: Die fünfjährige Lena sucht seinen Papa, Ausgang bitte kommen.

Bei Info. Die sechsjährige Jolana sucht tringent ihren Papa. Bitte melden.
Was sind das für Energieüberschneidungen? Gerade als die Jolana (ein populärer tschechischer Name) lautsprechermäßig gesucht wird, lese ich in Pavel Kohouts genialer Echtzeit-Politsatire Wo der Hund begraben liegt von seiner wilden Nichte Jolana. Ich habe das 500 Seiten starke Buch aus dem Jahr 1988 am Tag davor in einer Wühlkiste am Hohen Markt um 2 Euro erstanden. Geniere mich, dass ich es nicht früher gelesen habe. 30 Jahre Genuss-Verlust. Das Buch ist gespickt mit Schwejk-Zitaten, die ich lese wie einen Kommentar zum Lautsprecher.

Dann sehe ich, dass der vor genau 50 Jahren, zehn Jahre nach der sowjetischen Invasion, von den Neostalinisten nach Österreich ausgebürgerte Tscheche in diesen Tagen 90 geworden ist. Ich habe, hoffe ich, alle seine Stücke in Theatern gesehen, in verschiedenen Ländern, in verschiedenen Sprachen. Dieses Buch kannte ich nicht. Das treibt mir einen Sonnenbrand vor Scham über den Körper.
Hoffentlich hat dem Bundespräsidenten AVDB ein geschichtsbewusster Mitarbeiter eingesagt, dass man Pavel Kohout gratulieren muss. Gelesen habe ich nur einen Artikel in den Salzburger Nachrichten.
Vom jetzigen Bundeskanzler erwarte ich das eher nicht. Der damalige hieß Bruno Kreisky. Er hat die tschechoslowakische Charta 77 offen unterstützt, hat Pavel Kohout und seine Mitstreiter nach Österreich eingeladen.

Bei jeder der Doppeldurchsagen wird die Stimme abgehackter, lauter und dringlicher, fast gehetzt, zuletzt kippt sie ins Hysterische mit einem Hustenanfall der Stimme und des Lautsprechers. Arme Frau, womit kämpft sie mehr, der deutschen Sprache oder leidet sie mit Jolanas Schicksal mit oder geht ihr in der Hitze, so wie uns allen, die Luft aus? Es ist ja heute wirklich sehr heiß. Dann klingt die Lautsprecherdurchsage nur noch wie ein verzweifelter Schluckauf. Bömakeln mit Schnackerl! Gott, wie hätte das den seligen Muliar inspiriert! Jemand hat mir erzählt, dass nicht das legendäre Prager-Deutsch, sondern das Bömaklerische die lingua franca in der k. u. k. Monarchie gewesen sein soll, zumindest in Wien.
Bei Josef Roth beschwert sich ein Feldmeister mit schwerem Pinzgauer Dialekt, dass die alle nit Deutsch kennen.

Ich gehöre nicht zu denen, die über Bucklige lachen und Blinden ein Bein stellen. Aber wer vom Bömakeln seinen Lachreiz gekitzelt fühlt, muss sich dafür nicht genieren (Neudeutsch: fremdschämen), er befindet sich in bester Gesellschaft. Bei Stefan Zweig böhmelt oder serbelt es häufig. Er rät der deutschen Sprache, sich zu rächen, indem sie zurückböhmelt, wobei ich im Moment der Lautsprecherdurchsage nicht weiß, wie das geht. Soll er ein Vorbild sein, wie er das in fast rassistischer Manier macht, zum Beispiel in der Schachnovelle, wo er das verhunzte Dötsch der Ungarn und das Deitsch der Slawen in der Monarchie auf die Schaufel nimmt.
Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis der Oberst Bubenic in aufrichtigster Political Correctness aus Ungeduld des Herzens rausgesäubert wird.

Besonders gespenstisch wird es, weil ich da, wo ich im durchlässigen Schatten einer Pappel sitze, den Lautsprecher mit Echo höre. Also ungefähr so: Achtachtuntung, einne Dudurchsaage, didie viervierjährigejährige Jolanana suchtsucht ihrihren Papapapa. Bittebitte meldmelden beibei Ininfo! Dandankeee! Wobei das Bömaklerische das letztendende e besonders in die Länge zieht.
Schwejk mit seinem Seufzer klingt im Ohr: Deitschee Sproch, schweree Sproch.

Apropos Verdoppelung. Vor kurzem im Zug von Wien-Hauptbahnhof nach Bratislava-Petržalka. Kurz nach Gramatneusiedl ertönte aus dem Lautsprecher die kryptische Ansage: Sehr geehrte Damen und Herren! Aufgrund des Verkehrsaufkommens wird in Bruckanderleitha der Zug verdoppelt. Knapp und präzise, diese Information. Ohne Bömakeln, echt Burgendländerisch. Trotzdem hatte ich Schwierigkeiten, mir eine Verdoppelung des Zuges vorzustellen. Und von wegen Verkehrsaufkommen? Was spielt sich da ab? Kommt uns der zweite Zug entgegen, schleicht er sich von hinten an, biegt er in Bruckanderleitha einfach so auf unser Gleis ein und verdoppelt unseren Zug? Und müssen wir den verdoppelten oben auf dem Dach als zweistöckigen Zug bis nach Bratislava-Petržalka mitschleppen? Und überhaupt, was sollen wir mit dieser Information machen? Sitzenbleiben, aussteigen, nachschauen, mithelfen bei der Verdoppelung?

Zurück ins Gänsehäufel. Rund um meinen Platz heben die Lagernden die Köpfe und schauen, so wie ich, fragend und belustigt umher. Vielleicht geht bei ihnen so etwas herum wie in meinem Kopf: Na, was für Eltern sind denn das, die nicht nach ihrer Jolana suchen? Wer mögen der Papa und die Mama sein, denen ihre Jolana so lange nicht abgeht? Die diese Durchsagen nicht hören? Schauen oder hören sie ihr Smartphone mit Stöpseln in den Ohren? Vielleicht verstehen sie die Tschechin am Mikro nicht?
Welche Sprache spricht die drei- oder vierjährige Jolana? Gemeinsame Sprache ist immer etwas Gutes. Oder, oh Gott, sollen sich diese Rabeneltern insgeheim gefreut haben, auf elegante und unauffällige Weise ihre abenteuerlustige Tochter loszuwerden? Eine Kindesentsorgung? Auf so elternlästerliche Gedanken kann man bei solchen Durchsagen kommen.
Und was muss sich erst bei der Info abgespielt haben?
Tränen, Verzweiflung. Vielleicht war die Polizei schon da und suchte mit einer WEGA-Hunde- oder Kickl-Pferdestaffel nach den Jolana-Eltern?

Gegen drei Uhr dürfte die Familie wieder zusammengefunden haben, denn die Tschechin von der Info macht eine neue Durchsage, wieder mit dem wunderbaren Bömakeln, diesmal aber ruhig, mit der Ankündigung des Kasperltheaters. Wie immer an Sonntagen, genau um 15 Uhr. Hoffentlich kann Jolana dieses genießen, und – wiedervereint mit ihren Eltern – den Trennungsschmerz vergessen. Beim Kasperl, seinem Prügel und dem Krokodil. Der Kinderchor der entzückten Angstlustschreie dringt herüber bis zum FKK-Strand. Seid ihr alle daaa? Jaaa! Alles in Ordnung. Kasperl funktioniert noch. Vielleicht war das mit Jolana und ihren Eltern nur ein dramatisches Vorspiel zum Kasperltheater?

Gegen fünf ziehen im Westen dunkle Wolken auf, es grollt immer bedrohlicher, und der Wind raschelt lebhafter mit den Pappel- und Eschenblättern. Meine Zeitungen flattern. Der Himmel in den anderen drei Richtungen ist noch strahlendblau, gesprenkelt mit herzigen Schäfchenwölkchen. Zieht vorbei. Ich bleibe, bin ja nicht aus Zucker. Da rauscht es wieder aus dem Lautsprecher, und eine weibliche Stimme erschallt verdoppelt heraus, diesmal eindeutig auf Donaustädterisch: Aufgrund einer Gewitterwarnung bitten wir um besondere Vorsicht! Ihre Info.
Geheimnisvoll. Vorsicht gut, aber wie? Raus aus dem Wasser, nicht unter die Bäume stellen? Schwierig, im Gänsehäufel sind überall Bäume. Deswegen geht man ja hin. Schnell einpacken und heim? Wenn das alle 25 000 Besucher machen, gibt‘s ein Massaker. Alle Köpfe wenden sich nach oben, dunkelschwarz im Westen. Bald ist genau abgegrenzt der Regenvorhang zu sehen, wie die Silhouetten der Brücken, Türme und Schlote verschwinden und wieder auftauchen – ein schnell ziehendes Gewitter. Der Wind gewinnt Sturmstärke. Ich stehe im Wasser, und eine Frau neben mir fragt, mit Blick in den geteilten Himmel: Kummt‘s oda kummt‘s ned? Das Gewitter.

Gemma oder bleima? Sehr philosophisch. Wie der Roseggerische Regenschirm. Mitnehma oda dolossn. Niminmit, lossindo. Mir wär‘s recht, dann muss ich heute nicht gießen. Ich denke eher praktisch.

Jetzt tragen die Wellen der Alten Donau weiße Kronen, laufen gegeneinander und brechen sich, und das Wasser ist so dunkel wie das Schwarze Meer. Ich frage mich, wo ich bin. Die Schwäne, Enten und Nil-Gänse lagern in der Bucht hinter der Mazzes-Insel. Die Badewaschel laufen gekonnt gelassen die Ufer entlang und pfeifen die Schwimmer immer heftiger aus dem Wasser. Nebenbei: Ich entdecke dabei die erste (1.!) Badewaschlerin, Badewaschelin, Badewaschleurin, ich weiß nicht, wie man sie richtig gendert, auf jeden Fall eine braungebrannte Frau in der weißen Uniform der Wiener Bäder mit der Trillerpfeife um den Hals. Sieg! Wieder eine Bastion erobert! Ah, auf Hochdeutsch Bademeisterin.

Noch einmal dieselbe Durchsage mit dem Aufruf zur Vorsicht aufgrund der Gewitterwarnung. Danke! Ihre Info! Weil ich noch immer nicht weiß, wie man aufgrund der Gewitterwarnung im Gänsehäufel Vorsicht walten lässt, die Blätter der Pappeln und Erlen trotzdem immer lauter rauschen – ich im Kopf: Pappeln – schlechtes Holz, sie biegen sich nicht, sondern splittern oder fallen gleich als Ganzes um. Decken, Handtücher, Pappteller und Nylonsackerl fliegen durch die Gegend, über dem Eskimo-Eis-Stand segelt ein Reklame-Plakat für das heurige Mode-Eis Grande durch die Luft, gleich danach wird der ganze Ständer von einer Böe ausgehoben. Wie die Nackerten jeden Alters und jeder Form ihren Sonnenschirmen und Handtüchern nachjagen, ist ein besonders köstlicher Anblick.

Da fallen die ersten Tropfen auf meine Wochenendbeilage EXTRA der Wiener Zeitung (schlechter, hingeschluderter Artikel über den monarchistischen Widerstand gegen Hitler von dem renommierten österreichischen Historiker M. R.). Wegen meiner Abneigung gegen Pappeln im Sturm entschließe ich mich, wie sehr viele andere auch, zum Aufbruch. Klar, danach Staus allüberall. Im Bäderbus wienerisches Motschgern und Gedrängel.
Die könnten a mea einstönn. Anstatt dankbar zu sein, dass es überhaupt so ein kostenloses Bäderservice gibt. Autos sperren den Bäderbus. Die Eiskäufer beim Italiener ebenfalls. Die U1 übervoll.
Als ich deswegen erst eineinhalb Stunden später daheim aus der U-Bahn steige, stehen die lieblichsten Schäfchenwolken am Himmel über der Favoritenstraße, rosa-goldumrahmt von der untergehenden Sonne, wie zum Hohn. Und der Boden ist staubtrocken. Für mich heißt das eindeutig: Gießen!

Wien, 30.7. 18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 18140

Killer-Kühe (wäre der Titel in der Kronenzeitung)

Eine idyllische Mai-Wanderung mit Hindernissen

Anfangs widerstrebend, folge ich schließlich ihrem Vorschlag, nicht den Wasserfallweg zu nehmen, sondern über die Schoberkapelle ins Tal zurückzukehren. Isabella ist immer offen für alles, aber doch standfest und durchsetzungsstark. Zwei Argumente überzeugen mich:
Schau dir die dicke, schwarze Wolkenmütze über dem Schneeberg an. Da steckt viel Regen drin. Am Wasserfallweg kriegen wir sicher etwas davon ab und keine Aussicht. Außerdem bist du den so oft gegangen wie ich, und die andere Richtung kennst du noch nicht.
Bitte, aber an der Kapelle will ich eine Zigarette rauchen, im Rucksack hab ich meinen Kaffee dazu.

Das ist für mich der Übergenuss nach dem Mittagessen auf der Maumau-Wiese: Blunzengröstl mit Sauerkraut in der Pfanne.
Mensch, was willst du mehr?

Wir wandern eine flache Frühlingswiese hinauf und setzen uns vor der Kapelle aufs Bankerl.
Neben uns steht ein hölzerner Trog, in den aus einem Baumstamm Wasser plätschert.
Wir füllen unsere Trinkflaschen, herrliches Wasser, schmeckt nach Kräutern. Boggie bekommt sein Schälchen. Dann lagert er sich zu unseren Füßen und steckt den Kopf zwischen die Pfoten. Lange lassen wir den Blick schweifen, stumm. Der Ausblick auf die sanften Wiesenwellen verschlägt uns jedes Wort. Atmen wir überhaupt noch? Die Sonne ist über den Grat zurückgekommen, und die dunklen Wolken bleiben drüben stehen.

Meine Manie, Dinge beim Namen zu nennen, setzt sich durch. Ein leichter Wind bewegt die kniehohen Gräser, dazwischen Margeriten, gelber Hahnenfuß und Bocksbart, vereinzelt eine Trollblume und roter Feldmohn, Glockenblumen und Schafgarben, große und kleine Spieren in Weiß und Rosa, Wollgräser mit ihren wehenden Wattebäuschchen, das Zittergras tut das Seine im Wetteifer mit dem Wildhafer, niedriger die Wiesenorchideen von weiß über lila bis kardinalrot, darunter noch der blitzblaue Ehrenpreis, vermischt mit Wegwarte und Klee in allen Farben und Formen. Fifty Shades of Green. Die Wiesenhänge scheinen in Wellen zu wogen wie ein sanftes Meer, lautlos anbrandend an die Waldränder mit den rundlichen Bergrücken darüber. In der Mulde und am Hang gegenüber lagern Kühe, semmelblonde Flecken im Dunkelgrün. Ab und zu huscht ein Schatten über die Hänge, wenn eine Wolke vorübersegelt.

Die einzeln oder in kleinen Gruppen stehenden Tannen, Fichten, Lärchen und Föhren bilden dunkle Monumente im grünen Farbenmeer. Einzelne vom Schneeberg herziehende Wolken schicken Schatten über die Landschaft. Ist Isabella ebenso seekrank wie ich?
Schwindelig, selig so wie ich zwischen den blinzelnden Augen?
Ich glaube, solche Augenblicke nennt man Glück.
Was für ein schönes Wort, Augenblick, das hat nur das Deutsche.
Meinst du? Egal. Glück, das gibt‘s eh nur einen Augenblick.
... ist ein Vogerl ...
Schau, was sind das für große Vögel da oben? Könnten Falken sein.
Nein, nur Krähen.

Meine Stimme ist wie verschluckt und krächzt, aber ich versuche einen Kommentar:
Welcher Maler hat das gemalt? Ich erinnere mich an Matisse.
Isabella meint, es war Degas.
Nein, das war der mit den jungen Tänzerinnen.
Pissarro?
Das war doch der Tüpferlmaler, ein Pointillist.
Am ehesten Monet.
Wir einigen uns auf seine Wiesen an den Seine-Ufern.

Als wir aufbrechen, studieren wir die Wegweiser. Einer zeigt ins Tal und sagt Puchberg 1 1/2 Stunden. Das geht, dann sind wir um fünf in Puchberg. Wir haben beide vergessen, den Fahrplan für die Rückfahrt zu studieren.
In sanften Kurven schlängelt sich ein weißer Kiesweg mit einem Grasstreifen in der Mitte das flache Tälchen hinaus. Ich bin einverstanden, denn meine linke Hüfte macht sich langsam bemerkbar und will keine Steigung mehr, weder rauf noch runter. Die Orthopädin hat erst vor Kurzem festgestellt – altersgemäß abgenützt, aber noch keine Rede von Operation. Geht noch mit einer Spritzenkur. Am Boden dieser Senke sehen wir einen Bauernhof mit einem langgezogenen Stall. Kontemplativ bewundere ich die noch grasüberwachsenen Trittwege der Kühe, die sich die Hänge entlangziehen. Später im Sommer werden sie ausgetreten sein und aussehen wie erdige Narben in der Landschaft.

Ich erzähle von meiner Mutter, einer Salzburgerin, die beim Spiel immer gesagt hat, wenn es um das Lieblingstier ging, sie wollte eine Pinzgauerkuh auf der Alm sein. Dieser Frieden, diese Schönheit, dieses sanfte Gemüt und die seelenvollen Augen. Unter solchen launigen Gesprächen geht es abwärts.
Wir lachen, weil sich vor dem Stall schon drei Kühe angestellt haben, eine kleine Schlange zwischen den Gittern, die sie zur Melkstelle leiten.
Das sind die Streber, die immer die Ersten sein wollen. Ich hau mich ab, weil mich das an mich erinnert. Immer im Wettbewerb, immer die Erste.
Isabella lacht mit mir. Sie kennt das nicht, sie hat nur eine sehr viel jüngere Schwester.

Wir biegen auf das Sträßchen ein, auf dem jetzt immer mehr Kühe zum Hof zurückkehren. Es werden immer mehr, die von unten herauf aus dem Tal auftauchen. Es wird eng.
Ich weiß nicht, wer das Signal gegeben hat. Fluchtinstinkt. Irgendwann werde ich ihr von meinem Talent erzählen, Lebensgefahr in einem Frühstadium zu erspüren. Immer mehr Zeitungsberichte im Kopf von aggressiven Kühen. Sogar Todesfälle. Der kleine Boggie wurde vor einem Jahr auf einer Salzburger Alm von Kühen verfolgt, das hat sie mir erzählt. Aber jetzt trägt sie ihn schon seit geraumer Zeit, und dieser kleine Wiffzack hat keinen Mucks von sich gegeben. Also, was irritiert die Kühe? Zweibeiner ganz allgemein? Haben sie genug von den Menschen? Wollen sie sich rächen dafür, was wir ihnen seit Jahrtausenden angetan haben?

Konferenz der Tiere von Kästner, aber die waren trotz 1933 friedlich.
Ist schon lang Zeit, dass sich die Tiere rächen, aber warum diese Mordlust bei unserem Anblick? Das ist ungerecht. Natürlich meinen wir, dass wir die Ausnahme sind. Ich bin im Alltag Vegetarierin mit zwei Ausnahmen: Auf der Maumauwiese muss ich immer Blunzen essen und auf der Redlingerhütte Schweinsbraten. Isabella ist sogar glukosefreie Veganerin, Boggie kriegt Trockenfutter, keine Ahnung, ob und wie viel Fleisch darin ist. Isabellas Anorak ist feuerrot, mein Rucksack knallorange, überlege ich. Das sind doch keine Stiere, außerdem eh nur eine blöde Legende. Stiere sind farbenblind. Kühe auch.
Aber sie waren doch schon am Nachhauseweg, wenige Meter vom Stall entfernt, dort würden gemolken werden, fressen, liegen, wiederkäuen bis zum Morgen, wieder auf die grüne Wiese. Was hat sie umgestimmt, aus ihrem Kuhtritt gebracht? Isabella meint, es sei der Pickup gewesen, der sich durch sie ziemlich unsensibel durchgebohrt hat. Ich habe ihn vom Bauernhof losfahren gesehen und kurz die Hoffnung gehabt, er holt uns zur Rettung.
Alles Überlegungen für die Zeit nach der Rettung.

Auf jeden Fall fühle ich mich von den immer dichter anrückenden Kühen bedroht und weiche auf die Wiese nach links aus. Zuerst einmal unter einem Elektrozaun durchschlüpfen.
Rauf, rauf, nur rauf. Ich rase die Wiese hinauf, stolpernd, strauchelnd, zurück und vor. Hohes Gras, hier hat noch niemand gegrast. Schwer die Schritte, die Beine immer wieder hoch hinauf, und immer wieder Schlingen, Grasbüschel, die abreißen, Schnitte an den Handflächen und Fingern. Irgendwie bekomme ich mit, dass Isabella mit Boggie hinter mir ist. Sie schreit etwas, aber ich höre nur noch mein Blut in den Ohren pochen.

Wieder schreit sie etwas, ich verstehe sie nicht, bin nur orientiert auf eine dicke Fichte weiter oben am Hang. Dahinter will ich Schutz suchen. Endlich erreicht, verschnaufe ich etwas, das Herz will aus dem Hals herausspringen, tief gebeugt keuche ich, hunderttausend Zigaretten melden sich zurück, kchkchkch, ich kann nicht sprechen. Isabella kommt dazu, das Hündchen unterm Arm. Winzig klein, der Zwergpinscher, aber immerhin fünf Kilo. Ungefähr noch einmal ein Rucksack.
Kurz meinen wir, dass wir‘s geschafft haben, gerettet sind. Da sehen wir, dass die ganze Herde weiter den Wiesenhang heranzieht, angeführt von einer großen Pinzgauerin. Ich bücke mich, ein, zwei drei, atmen, ruhig, kann kaum durchatmen, richte mich auf und sehe den Führerkuhkopf gleich hinter dem Fichtenstamm. Sie beutelt den Kopf und brüllt. Was für ein Brüllen – ein Mordbrüllen. Weiter, rauf, es rasselt in meiner Brust. Gleich zerspringt sie.

Es wird immer steiler, ich schaue nicht mehr zurück, sondern nur nach oben. Da ist ein Zaun, ein einziger Draht, das heißt, ein Elektrozaun. Dort muss ich hin. Hasten, stolpern, hoch die Beine aus dem tiefen, schweren Gras, es hat ja gestern und die ganze Nacht geregnet, der Boden tief, Schlingen halten mich im hohen Gras, aber immer nach oben, weiter, weiter. Isabella schreit etwas von hinten, ich verstehe nichts und kümmere mich nicht darum. Da sehe ich am oberen Ende des Hanges eine Schneise in den Wald hineinführen und stürze auf einen Wiesenweg.
Ich hab keine Luft mehr und drehe mich um. Wir streiten aus der Ferne mit Gesten, sie zeigt runter, ich rauf, in den Wald. Kühe gehen nicht in den Wald, was wollen Kühe im Wald? Ich haste weiter, vorbei an einem Jägerstand – wäre das ein Schutz? Nein, die Hütte ist aus leichten Brettern und morsch, sie sitzt nur knapp über dem Boden, die Tür hängt schief, das wäre kein Schutz, ein leichtes Spiel für sie, wenn sie uns niedertrampeln wollen. Weiter, weiter nach oben, es ist steil, ich greife nach den Gräsern, es sind Brennesseln, auch um die nackten Wadeln. Gut gegen Rheumatismus. Sogar jetzt noch funktionieren die Sprüche.

Ich bin am Ende, komme zum Stillstand und falle auf den Bauch. Ich spähe über eine Wiesenkuppe: darunter ein steiler, mit Felsen und Baumstümpfen durchspickter, fast senkrechter Abhang. Die Pumpe rast. Ich liege vornüber gebeugt im Gras. Da höre ich wieder Isabella.
Veronika, nicht weiter! Komm zurück.
Nein, weiter, durch den Wald, wir umgehen sie oben und kehren nach unten zurück.
Wir schreien und deuten, ich stampfe auf und sie gestikuliert.
Mit langsamen Schritten gehe ich hinunter auf sie zu. Auf den Wurzeln einer alten Lärche lasse ich mich nieder, wir schreien einander an, beide ohne Atem.

Da ich in meiner Flucht fast immer nach oben geschaut hatte, hatte ich nicht wahrgenommen, was sich unten abspielte. Isabella aber hat gesehen, dass unser Straßerl nach rechts eine Abbiegung hat, und die Kuhherde nach links abgebogen ist. Jetzt stand sie genau unter der Wand und strömte gemächlich in den Wald hinein. Ist es denn möglich, dass sie uns verfolgen und auflauern?
Siehst du nicht, dort bei dem Holzstoß. Da sind sie nach links gegangen und sperren die Umgehung ab. Schau, sie stehen alle dort unten. Wir müssen zurück, runter und nach rechts, sie auf unserer Straße umgehen.
Ich lege mich wieder flach auf den Bauch und starre hinunter.
Isabella hat richtig gesehen.

Wie kann das sein? Als wären sie alle uns unten gefolgt. Wir oben, sie unten, parallel.
Eine kompakte Herde, halb auf dem Weg, halb im Wald, die Köpfe nach oben gereckt.
Nein, sehen können sie uns nicht. Aber vielleicht riechen? Was wissen wir schon? Nichts. Aber warum überhaupt?
Eine Brücke, ein Holzstoß mit frisch geschlagenen Stämmen, ein Brunnen, eine Abzweigung, das Straßerl nach rechts, der Viehsteig nach links.
Ich folge meinem Napoleon den Hang hinunter. Wir biegen auf unseren rotmarkierten Weg ein, dort stehen noch immer die ersten drei Kühe, lassen den Holzstoß links liegen, biegen nach rechts und überqueren die kleine Bücke. Zügig gehen wir bergab, Isabella voran, Boggilein strampelt voraus. Wir haben‘s geschafft. Gehen-atmen-gehen-atmen. Da bleibt sie stehen.

Siehst du das?
Nein, was?
Ich stehe noch in der Sonne, das Tal wird enger und dunkler.
Da sind sie wieder.
Wie viele?
Zwei oder drei, wir gehen ruhig vorbei.
Nein, ich gehe nicht vorbei. Nie wieder gehe ich an Kühen ruhig vorbei, schreie ich, jetzt schon sehr hysterisch.
Da sehe ich eine andere und noch eine auf dem schmalen Weg stehen.
Und noch mehr und mehr quellen heraus aus dem Schatten.
Isabella sieht jetzt auch, dass wir nicht an ihnen vorbeikommen, weil sie es auf uns abgesehen haben. Sie sperren uns in breiter Front den Weg ab und verteilen sich schon im Wald. Eine Mörderbande.
Ich stürze mich das Tälchen rechts runter.
Isabella schreit, nein, rechts den Hang rauf!
Nein, runter, zum Bach, dort ist ein Zaun. Wir müssen hinter den Zaun.

Entlang der Kuhtritte in der aufgeweichten Erde taumele ich den Hang hinunter, manchmal am Hosenboden, um unter dem dreifachen Stacheldrahtzaun durchzurutschen, löse den Rucksack vom Rücken, er kollert den Abhang runter und bleibt am Bachrand liegen, die Wasserflasche fliegt noch weiter runter. Aber ich bin durch, den Rucksack wieder auf dem Rücken, fische die Wasserflasche heraus und wate durch den Bach.
Das ist nur ein Tälchen, der gegenüberliegende Hang aber doch nicht zu erklimmen, denn fast senkrecht und weiche Erde.

Erst laufe ich das Bacherl nach oben, die Wände noch steiler, dann runter, die Herde noch näher, und irgendwo macht der Zaun einen rechten Winkel und endet knapp vor dem Bacherl.
Klar, die Kühe haben Zugang zum Wasser. Wieder rauf, und da finde ich eine Stelle, an der einige Fichtenbäumchen wachsen. Links das erste, weiter hoch, ein steiler Schritt, meine lästige Hüfte streikt, auweh, ich bleibe in einer Schlinge hängen, mein Fußgelenk ist gefesselt, die Hüfte sperrt, ich kann nicht mehr, tut höllisch weh.

Aber dann erblicke ich oberhalb von mir ein Bäumchen, an dem ich mich hochziehen kann, wieder ein bissl höher, am Bauch, die Kuh muht hinter mir. Grad sehe ich Boggie noch neben mir, er jappelt und kämpft sich hinauf, sehe aus dem Augenwinkel, dass dieser Abschnitt zu hoch ist für seine kurzen Beinchen. Zwergpinscher. Ich sehe ihn zurückkollern, bin aber ohne Gnade für ihn, weil ich gerade mein linkes Fußgelenk aus der Fessel befreien muss. Ich strample, schaue um mich und grapsche nach oben zu einem festen Halt. Nichts da, nur dürres Reisig, ein morscher Ast bricht an einem Fichtenstamm ab.

Weiter rechts oben krieg ich ein festes Buchenstämmchen zu fassen und ziehe mich nach oben. Da erhasche ich einen Blick auf die Leitkuh hinter dem Zaun und höre sie ganz nahe hinter mir unkühisch brüllen, ein tiefes, raues Aufheulen, aber noch hinter dem Stacheldraht, wie sie sich kopfschüttelnd darüber empört, dass wir ihnen entwischt sind. Ich ziehe mich den letzten Meter nach oben und komme zwischen riesigen Huflattichblättern an einem Straßenrand zu liegen. Im Kies schürfe ich mir die Ellbogen auf.

Bäuchlings liegend sehe ich, wie knapp hinter mir Isabella heraufkriecht.
Nimm die Buche, Isi, kürze ich aus Atemmangel ab. Sie mag das gar nicht.
Ja, Veronika. Wenn sie mich auch noch abkürzt, krieg ich den nächsten Anfall.
Wieder auf den Beinen, rase ich, ohne mir eine Pause zu gönnen, die Straße hinunter und halte nicht an, bis ich einen Schranken sehe. Er ist an der Seite arretiert, ich schaukle ihn, bis ich ihn aus der Verankerung gebracht und quer über die Straße gezogen habe.
Währenddessen schreit Isabella immer noch nach Boggie, winkt mich zu sich herauf, ich schüttle den Kopf, habe nur den Schranken im Sinn, bin versessen auf die Idee, er soll uns retten, die Kühe abhalten.

Isi steht auf der Straße, wachelt mit den Armen und deutet mir herauf. Boggie ist nicht da, Boggie, Boggie komm! Hierher! Petziputziii!
Aber da ist er schon, krabbelt knapp unterhalb von Isabella den Straßenrand hoch und beutelt sich so heftig, dass es ihn umwirft. Er ist waschelnass, offenbar ist er den Bach hinunter gelaufen, hat eine Furt und einen erklimmbaren Abhang gefunden.
Dieses Geschöpf hat sich selbst gerettet! Boggie ist so unfassbar klug, die Gefahr erkannt zu haben! Oder einfach nur genügend instinktbegabt und lebenslustig.
Ohne Worte feiern wir ihn, ich stürme aber weiter den Weg das Tal hinunter, ohne innezuhalten. Wie schon oben auf der steilen Wiese ist mein Impuls, mich zu retten, um die anderen retten zu können. Meine Bergsteiger-DNA. Epigenetik, wird Isabella später sagen, zu mir und Boggie.
Aber warum haben die Kühe ihre verloren?

Isabella ruft irgendetwas hinter mir her, aber ich rase wie aufgezogen, weg, weg, weiter, weiter, den Weg runter, weg aus der Gefahr, bis ich keine Spuren von Kuhhufen sehe. Trotzdem kann ich nicht aufhören, die Blicke nach links und rechts schweifen zu lassen und nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau zu halten:
Welchen Baumstamm könnte ich hochklettern, welcher Hang wäre zu steil für Kühe und für mich machbar, an welches Brückengeländer könnte ich mich außen klammern? Wäre das Trafohäuschen zwischen zwei Pfosten genügend Schutz? Oder unter dem unrechtmäßig im Wald geparkten Auto? Wie käme ich da wieder weg, wenn sie mich umringen würden?
Das Tälchen wird einmal weiter, dann wieder enger, aber immer lieblicher, schafft es an einer Stelle zu einer Schlucht mit kleinem Wasserfall, das Bächlein rauscht und gluckert, gesäumt von Sumpfdotterblumen, Vergissmeinnicht, Heckenrosen und Prachtspieren. Idylle pur. Wie heißt das Bacherl, das Tal?

Langsam kehre ich ins Leben zurück, werde ruhiger, gehe langsamer, ordne meinen Atem und meinen Blutkreislauf, beide Hände auf dem Sonnengeflecht. Aber erst an den ersten Häusern von Puchberg mit Metallzäunen, Gartentoren und festen Mauern halte ich an und warte auf Isabella. Sie, um einige Jahre jünger als ich, immer schon Nichtraucherin und spitzenmäßig durchtrainiert, stellt ohne Neid fest:
Bumsti, du kannst aber rennen!
Danke, ich weiß, viel davongerannt, aber noch nie im Leben vor Kühen!
Oh Gott, was ist mit den seelenvollen Kühen meiner Mutter passiert? Der Inbegriff von Schönheit und Frieden?

Wir haben auf der Flucht eineinhalb Stunden verloren, hetzen zum Bahnhof und stellen fest, dass unser Zug in sieben Minuten ankommen soll. Wir halten uns für Glückskinder, sinken in die Sitze der Zwergenbahn und atmen selig durch. Gerade sehen wir noch in der untergehenden Sonne, dass der Schneeberg seinen Wolkenhut gelüpft hat.

Erlebt am 26.5., aufgeschrieben am 27.5.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18137

Flotte Lotte oder Ein Beitrag zur Kulturentwicklung Russlands

Seit Tamara zuletzt bei mir zu Besuch war, revolutioniert eine Flotte Lotte das Leben in Russland. Zumindest in Moskau, zumindest das Leben von Tamara.
Ich kenne die Flotte Lotte noch nicht lange und hatte von Anfang an eine Abneigung gegen sie entwickelt. Meine aus Berlin stammende Freundin Helga nannte mich mit Spitznamen Flotte Lotte, weil ich mich schnell bewege, schnell rede, schnell esse, schnell schlafe, schnell denke – alles schnell.
Aber es vergehen noch ungefähr 35 Jahre, bis ich eine Flotte Lotte kaufe.

Das ist ein Gerät, das es in unserem Haushalt nicht gab. Du bist eine Flotte Lotte – ich konnte ich mir nicht vorstellen, dass das als Kompliment gemeint gewesen war. Eher spöttisch, abwertend, irgendetwas nicht besonders Liebenswertes, etwas Albernes. Noch dazu dachte ich, es sei etwas sehr Deutsches, das nur die Deutschen in ihrem Perfektionswahn brauchen, sonst kein Mensch auf der Welt. Ein typisches Vorurteil. Aber einmal lief ich über den Hohen Markt und blieb an dem Haushaltswarengeschäft hängen, das einen ganzen Verkaufswagen mit verschiedenen Modellen von Flotten Lotten zu Ausverkaufspreisen anbot.

So machte ich mich mit der Flotten Lotte bekannt und entschied mich für ein mittelgroßes Exemplar mit drei Einlegescheiben um flotte 29,90 €, sehr stabiler Stahl, gute Statik, praktische Box.
Dann machte ich mich mit der Funktionsweise vertraut, und so wurde die Flotte Lotte ein wichtiger Bestandteil meines Geräteparks. Ja, ich betätigte sie so gerne, dass ich meine Essgewohnheiten immer mehr auf das umstellte, was die Flotte Lotte hervorbringen konnte, Breie, Pürees, Pasteten, Cremesuppen, Marmeladen, Gelees und Chutneys. Nicht einmal das umständliche Säubern, das ich bei anderen Küchengeräten so hasste, machte mir bei ihr etwas aus.
Ich kaufte mir sogar ein Kochbuch Das Beste mit der Flotten Lotte. Langsam wurde daraus eine Leidenschaft, und ich merkte, dass die Flotte Lotte mich zu beherrschen begann. Die Rache des Geräts dafür, dass ich es so lange missachtet hatte. Da ich sie trotz allem zu wenig einsetzen konnte, ging ich dazu über, die haltbaren Dinge in großen Mengen herzustellen, mit denen ich meine Umwelt beschenkte.

Da kam Tamara zu Besuch und sah mich mit der Flotten Lotte hantieren.
Sie war begeistert und hingerissen. Das entspricht vielem in der russischen Küche. Also machte ich einen kurzen Lehrgang mit ihr, bis sie sie leicht zusammensetzen und wieder auseinandernehmen konnte. Auf dieses Weise beglückt, fuhr sie nach Moskau zurück. Seither bekomme ich zufriedene E-Mails mit Berichten über ihre Erfolge, wie sie beneidet werde für ihr Wundergerät, das niemand sonst in ganz Moskau besitzt. Ich habe ihr vorgeschlagen, ein Importgeschäft aufzumachen, da könnte sie endlich reich werden. Aber die Sanktionen gegen Russland verhindern dies bis jetzt.

Und ich denke mir meinen Teil dazu: Diese Großmacht, Atommacht, Weltraummacht, dieses Riesenreich, das so gern zum Weltführer werden möchte, das sich so unendlich erhaben über dem Westen und seiner verfaulenden Moral stehen sieht, bringt es nicht zustande, den Alltag der Menschen – vor allem der Frauen, ein bisschen zu erleichtern und zu erfreuen.

Wie man Erdöl, Erdgas und Kohle, Diamanten, Gold und Uran fördert, ja, aber kein Gedanke an eine Flotte Lotte. So habe ich mit meiner ein bisschen Entwicklungshilfe geleistet.

April 18

Was davor geschah, können Sie hier nachlesen.

Veronika Seyr
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My personal Sandler (Die Geschichte geht weiter)

Heute, am 2. Mai 2018, um 11 Uhr 05, trete ich aus meinem Haustor auf die Wiedner Hauptstraße und sehe eine über eine Baumscheibe gebückte Gestalt. Graubraune Schlabberhose und graugrüner Pullover, die dunkelgraue Haarmähne im Nacken gerade geschnitten. Der Oberkörper ist in eindeutiger Pose nach vorne gebeugt, die Hände im Schritt, die Beine gespreizt über der Gehsteigkante und den immergrünen Büschen. Die Lache darunter ist so tief, als hätten die glorreichen Wiener Gärtner eben die Grünflächen geflutet. Zwei Frauen kommen mir entgegen, Ekel deutlich ins Gesicht geschrieben, die Lippen verzogen und die Augen hin- und wegbewegt mit einem Verständnis heischenden Halblächeln mir gegenüber; sie hatten von vorne kommend mehr gesehen als ich.

Eindeutig steht fest, als ich die Plastiklatschen an den dunkelbraunen Füßen sehe – er ist es, wieder aufgetaucht aus seinem unbekannten Winterquartier – mein Sandler. Er hat diesmal keinen Einkaufswagen dabei, sondern einige Taschen von Spar und Billa, die er am Gehsteig abgestellt hat wie andere einen Rollkoffer. Fantastisch finde ich, dass er neben seinen Plastiklatschen auch seiner ursprünglichen Kleidung treu geblieben ist, in der ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Nach einer Stunde beim Orthopäden trete ich wieder auf die Wiedner Hauptstraße; ich bin wegen meiner eben erhaltenen Diagnose etwas unaufmerksam gegen meine Umwelt, da knallen mir einige Ecken und Kanten in die Kniekehlen. Spar- und Billa-Taschen, und darunter graue Plastiklatschen. Sie biegen in das Portal des Spar Gourmet ein.
Mit diesem Blick kommt noch der letzte Gedanke: Werden sie ihn einkaufen lassen?
Einige Zeit warte ich, aber er kommt nicht so schnell wieder heraus.

Vielleicht haben sie ihm etwas verkauft, weil das Personal dort ausschließlich aus Ausländern besteht: Die meisten sind Ex-Jugos, an den Kassen abwechselnd ein Rumäne, eine Tschechin, ein Slowake, eine Kosovarin und eine Sri Lankerin.

Das Vorangegangene finden Sie unter http://www.verdichtet.at/?p=8068

Veronika Seyr
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Was Pag mit uns macht

Obwohl die fünftgrößte der Adria-Inseln, ist Pag ähnlich unbekannt wie die Rückseite des Mondes. Und so schaut sie auch aus. Und wenn berühmt, dann nicht für ihren Reichtum, sondern für ihre Kargheit. Und diese karge Schönheit muss man auch noch suchen.
Oder man hat Glück, und sie überfällt einen. Der Mai dieses Jahres machte es mir nicht schwer.

Der Weltuntergang hat hier schon vor langer Zeit stattgefunden, die Abholzung der Bäume für die römischen Galeeren und in Folge das Verschwinden der gesamten Vegetation. Das lässt den Großteil der Insel Pag seit 2000 Jahren wie eine Marslandschaft aussehen. Apokalypse heißt ja auch „Enthüllung“ (hab ich gegoogelt), und enthüllter kann eine Erdoberfläche nicht sein. Aber doch nicht ganz. Ihr nordwestlicher Zipfel mit dichten Steineichenwäldern und den ältesten wilden Olivenbäumen der Welt überrascht und versetzt einen dann in einen Olivenbaum-Wahn. Die wilden Oliven – diesen Unterschied muss man machen, denn die ältesten kultivierten wachsen auf Kreta. Sorry, Pag.

Auf den Hügeln hinter dem kleinen Hafendörfchen Lun erstrecken sich in lichten Wäldern die alten Baumriesen, die die Bewohner seit Generationen veredeln. Knorrig, vielfach in sich selbst verdreht und gewunden, manchmal wie Drachen am Boden geduckt, in alle Richtungen gestreckt und gequält wie Christusse am Kreuz, nehmen sie die Steine in ihre Stämme auf und leben in Harmonie mit ihnen. Offenbar bekommen sie etwas von ihnen. Ihre Früchte trotzen sie dem steinigen Boden ab und kämpfen Jahr für Jahr mit den Stürmen der Bora und des Scirocco, hier Jugo genannt. Auch in der gnadenlosesten Sonne harren sie aus, nichts anderes gewöhnt, die heiteren, silbergrauen Wächter des Paradieses, selig in ihrer Wildnis, von nichts umgeben als von Licht, Luft, Feld und Meer. Schafe, unsichtbar irgendwo hinter Natursteinmauern. In Gigantenarbeit graben die Inselbewohner die Felsblöcke aus der Erde, türmen sie auf und schaffen Reihen von Unendlichkeiten, mäandernde Traumlinien in Weiß, Grau und Rosa durch die Landschaft, dazwischen knallt sich baumhoher, goldgelber Ginster hinein.

Natürlich gedeihen die Oliven auch wegen der Liebe und wegen dem Stolz ihrer Besitzer. So einer ist Edo, unser Gastgeber und jetzt unser Führer.
Mit Ante Gotovina will er nichts zu tun haben. Er schüttelt unwillig den Kopf und macht eine wegwerfende Handbewegung, als ich auf das Denkmal hinweise. Unter einem 1600 Jahre alten Ölbaum haben Kameraden dem verurteilten Kriegsverbrecher des „vaterländischen Krieges in ewiger Liebe und Dankbarkeit“ einen Stein gesetzt.
Weiter oben sitzen wir dann unter dem ältesten mit 2000 Jahren, lange schweigend. Es sind auch einige Baum-Umarmer-Leute dabei.

In keiner Mythologie, in keinem Epos ist von Pag die Rede. Keine Helden sind hier gestrandet, keine Göttinnen an Land gestiegen oder in den Hades gefahren, keine Schlachten wurden geschlagen, es gibt keine Höhlen mit Riesen, auch keine schönen Mädchen am Strand, die die müden Krieger verzaubern oder laben. Auch ist nichts bekannt von Tempeln und Klöstern, in denen weise Männer Visionen hatten und aufschrieben, über die die Menschheit jetzt noch rätselt. Pag ist einfach nie ein Thema in der Weltgeschichte gewesen. Und in der Geografie nur ein unscheinbarer Steinhaufen. Ein zorniger Gott hat seinen Schlatz über diesem Meer hinterlassen, und er wurde zur Insel Pag. In Griechenland habe ich einmal die Geschichte des Schöpfungsmythos gehört, der auch auf diese Adria-Insel zutreffen könnte: Sie sind bei der Länderverteilung zu spät gekommen, da sagte Gott, er hat nur noch ein paar Gebirge und Felseninseln zu vergeben. Aber er schenkt ihnen den Olivenbaum, wenn sie ihn gut behandelten, würden sie nie Mangel leiden.

Noch eine andere Pager Delikatesse verdankt sich der Kargheit, der Schafkäse. Außer im kurzen Frühjahr gibt es kaum grünes Gras, die Tiere ernähren sich hauptsächlich von Strohblumen und Disteln, von Minze, Salbei und Thymian, was den Paski sir so besonders würzig macht. Wenn sie können, knabbern sie auch an Feigenbäumen, Steineichen und Rosen. Wahrscheinlich ist es genauso bei den Schweinen, die den köstlichen Paski prsut, den Pager Schinken, hergeben. Was Schafe und Schweine vielleicht nicht so wahrnehmen wie wir (aber wer weiß das schon so genau?), sind die Gerüche, die von diesen bescheidenen Felsenhaufen ausgehen.

Pag ist eine Duftinsel. Ich gehe die Straße hinunter zum Hafen unter Palmen, Feigenbäumen und Oleander, neben mir eine Hecke aus Rosmarin, höher als ich und dick wie ein Autobus, wuchert sie aus dem Zaun heraus, weiter ein Wäldchen aus hochgewachsenen Ginster- und Lavendelbüschen, ausladend wie Palmenkronen. Das sind nur die sichtbar auffälligsten, aber die vielen ebenso stark duftenden Kräuter und Gräser kann ich nicht beim Namen nennen. Wenn wir am frühen Morgen und am Abend von unseren Übungen zurückkommen, umgibt einen die Luft wie eine Geruchssymphonie, die einhüllt wie ein weicher, wohliger Mantel. Sie schmeichelt und streichelt so zärtlich, dass man sie umarmen und esstrinken möchte. Die Möwen mit ihrem Kampfgeschrei sind immer da.

Auch der dritte Reichtum wird der Natur nur mit Mühe entzogen – das Meersalz in den Salinen von Pag. An manchen Stellen ist die Insel so schmal, dass man glaubt, mit der Hand einmal auf dieser, einmal auf der anderen Seite eintauchen zu können. Überall sieht man übers Meer hinweg. Jenseits des tiefblauen Wassers fallen die schroffen Felswände des Velebit-Gebirges in einer Fülle von wechselnden Farben und Formen in die Fluten. Und auf der anderen Seite, zur offenen Adria hin, reihen sich Inseln an Inselchen, Vorgebirge an Halbinseln und große an kleine Buchten. Manche Landnadeln ragen so schmal und spitz ins Meer hinaus, dass man sich wundert, warum dort keine Schiffe und Segelboote aufgespießt sind wie Schaschlik.

Auf das Festland hinter dem Velebit schaue ich anfangs nur mit Scheu hinüber und schnell wieder weg. Mit Schaudern kommt die Zeit vor 25 Jahren zurück, als dort der jugoslawische Bruderkrieg tobte und ich dabei war. Die Linie von Karlobag bis Karlovac erobern, hieß damals die großserbische Losung. Bei der Bezirkshauptstadt Gospic lag ich anstatt an Adria-Stränden in kroatischen Schützengräben. Die Naturwunder der Plitwitzer Seen waren heftig umkämpft und vier Jahre lang von serbischem Militär besetzt. Als die kroatische Propaganda verbreitete, die barbarischen Tschetniks hätten angeblich den Nationalpark geflutet, zerstört, kämpfte ich mich dorthin durch, um festzustellen, dass das eben nur, wie vermutet, politische Gräuelpropaganda war. Für die Natur ein Glücksfall: Nie konnte sie sich so gut erholen, als damals, als die Touristenpestilenz ausblieb. Nie hab ich eine köstlichere Forelle gegessen, die mir ein illegaler Fischer zugesteckt hatte.

Und um den Vergleich auf die Spitze zu treiben, lassen sich noch die Pager Spitzen anführen. Die Inselfrauen zaubern aus einem dünnen Zwirnsfaden und sonst nichts außer Luft in den langen Wintermonaten Kunstwerke hervor. Die Touristen kaufen die Spitzendeckerl im Sommer gerne und legen sie dann im nördlichen Eigenheim unter ihre mickrigen Gummibäume und Philodendren.

Edo erzählt, dass auf den Inseln kein einziger Schuss gefallen ist, und trotzdem brauchten sie 15 Jahre, um sich zu erholen.
Erinnern, gedenken, nicht vergessen. Noch früher – aber gar nicht so lange her – war Pag die Hölle auf Erden: Das faschistische Ustasha-Regime ließ hier das KZ Slana anlegen und ermordete zwischen Juni und August 1941 tausende Menschen – Serben, Juden, Bulgaren, Armenier, Roma, Sinti und regimekritische Kroaten, Kommunisten und Agrarier. Das Nebenlager Metanja wurde extra für Frauen und Kinder errichtet. Sie ließen sie in den Saline-Feldern verrotten, warfen sie in Bergwerksschächte oder schlachteten sie einfach ab. Die Strände der neuen Party-Destination Novalija sollen meterhoch mit Leichen übersät gewesen sein. Die italienischen Besatzer waren so entsetzt, dass sie die KZs schlossen. Die kroatischen Ustasha-Schergen ließen sie aber zusammen mit ihren Opfern abziehen, die fast alle im innerkroatischen KZ Jasenowac ermordet wurden.

Man sieht es sofort, wenn man ankommt: Diese Insel ist eine Bezwingerin, Überwinderin, Überlebenskünstlerin. Sie hat nichts. Nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag von berühmten Söhnen und Töchtern. Sie hat keine berühmte Zauberin aufzubieten, sie ist selbst eine. Sie macht aus dem Mangel eine Fülle, aus Wirrnis Ordnung, aus Eintönigkeit Abwechslung, aus Einfachheit Komplexität, als wäre sie die Inkarnation der dialektischen Philosophie.
Der Mangel schärft die Sinne und macht empfänglich für alles, was möglich ist. Weckt das Schlummernde auf und befördert es ins Leben.

Das müssen die Entdecker und Erfinder der Pager Woche unmittelbar gefühlt haben, als sie sich hier niederließen und ihnen Gleichgesinnte seither freudig folgen. Vom Gefühl zur Erkenntnis und zur Tat, dass Qigong, Taiji und Shaolin besonders gut hierher passen, in eine Abstraktion von Natur, wie das Bild einer chinesischen Steinabreibung. Die Umwandlung von Energien in etwas Neues, Besseres, Reicheres.

Diese Insel strickt wie im Märchen aus leer gedroschenem Stroh Gold. Das macht demütig und dankbar.

Wien, 8.6.2018

Veronika Seyr
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Erstveröffentlichung: Der Standard, 14.7.18, Album, S. A4/5
unter dem Titel: "Eine Insel als Überlebenskünstlerin"

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Die Ohrfeige der Tante Fritzi

Sie war die älteste Schwester meines Vaters und meine Taufpatin. Eine Auszeichnung für das ganze Leben. Ich war sehr stolz auf sie, weil sie eine von allen hochgeachtete Person war. Sogar mein Vater hörte auf sie. Und ihr Mann, mein Onkel Franz Puchberger, war nicht nur ein Riese von Gestalt mit einem großen, immer roten Kopf, sondern der respektierte und gefürchtete Herr Direktor, Direktor der einklassigen Volksschule von St. Nikola. Er unterrichtete alle Kinder der acht Klassen in allen Gegenständen. Meinen älteren Geschwistern, die noch in seine Fänge gerieten, war er der Albtraum ihrer Kindheit. Aber davon redeten sie erst viel später, als sie schon nicht mehr in seiner Gewalt waren. Es gab nichts, worum wir nicht konkurrierten, vom Kirschkernweitspucken, vom Skabiosen-Köpfe-Abreißen und -Weitschießen bis zum Sauerrampfer- und Brennnesselschlucken, dem Einsammeln von Kartoffelkäfern, Schwammerln und Beeren aller Art bis zu Zwetschkenknödelessen und dem Weitpinkeln – das betraf natürlich nur die Brüder und Cousins.

Aber wichtiger war die Hierarchie der Taufpaten und -patinnen. Hedwig, zum Beispiel, hatte die Tante Sefi, Vaters jüngste Schwester, das Fräulein von der Post, nicht sonderlich hochgestellt in der Hierarchie, weil sie als Jüngste und Unverheiratete die Dienerin und der Blitzableiter der Großmutter war. Die Kinder entwickeln schnell ein gutes Gefühl dafür, was unter den Erwachsenen läuft, von oben nach unten. Liesl hatte Tante Liesl als Taufpatin, die war abenteuerlich und lieb, aber fast immer weit entfernt. Sie lebte in New York und kam nur einmal im Jahr auf Besuch.
Agnes hatte Tante Paula, mir die allerliebste von allen, aber keine richtige Tante, nur eine Freundin der Familie. Und dazu nur im Lehnstuhl, alt und schrullig. Ich mochte Tante Liesl sehr, aber meine Schwester bedauerte ich. Ähnlich gelagert war der Fall des ältesten Bruders Helmut. Er bekam Franz König als Taufpaten, der später Kardinal wurde, einen Jugendfreund meines Vaters, sicher die höchstgestellte Persönlichkeit unter den Taufpaten.
Am meisten beneidete ich Bernhard. Sein Taufpate war Onkel Klaus. Er war der Chef der Großfamilie, in die ich geboren wurde. Alleinerbe des Bräuhauses und Inhaber der Firma, besaß zwei Lastkraftwagen, viel Grund und Wald, hatte zweieinhalb Angestellte und eine strenge Frau, meine Tante Sofie, die später meine Firmpatin wurde. Wen Franzi zum Taufpaten hatte, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht den Sohn von Tante Liesl in New York, von dem ich nur wusste, dass er Franz Kuno hieß und als Brother David ins Kloster Mount Savior ging und später als Jesuit und Buddhist sehr berühmt wurde.

Wir hatten nicht nur eine Regierung der Eltern, sondern eine Unterregierung der Taufpaten. Die Firmpaten rangierten etwas weiter dahinter. Weil im Firmungsalter war man entweder schon ein guter Christ oder es waren Hopfen und Malz verloren. Gab es eine Hierarchie der Sakramente? Konkurrenz? Würde mich in dieser Familie nicht wundern.
Mir kommt vor, dass diese Onkel und Tanten mächtiger waren als die Eltern, weil diese sehr vieles, was sie selbst nicht bewältigen konnten, auf Erstere abschoben und sie in die Pflicht nahmen. Sie hatten ja bei der Taufe ein Gelübde abgelegt, darüber zu wachen, dass wir gute Christenkinder wurden.

Von meiner Tante Fritzi habe ich nur Gutes in Erinnerung. Ich fand sie himmlisch schön und elegant. Ich glaube, dass sie mich mochte, obwohl sie sehr streng zu mir war. Ihre beiden Kinder Inge und Wolf waren um vieles älter und schon aus dem Haus. So nahm sie mich wie ein spätes Kind an. Ich habe mehr frühkindliche Erinnerungen an sie als an meine Mutter. Sie war eine richtige Dame, wohnte in ihrem eigenen Haus, hatte einen Garten und bekam viele vornehme Besuche. Tante Fritzi gab Klavier- und Gesangsunterricht. Wenn ich wie ein Mäuschen von der Küche aus ihren Unterrichtsstunden zuhörte, glaubte ich mich im Himmel, so schön waren ihre Stimme und ihr Spiel. Gestorben und im Himmel zu sein, das waren in meiner Kindheit gute Zustände.

Sie leitete den Kirchenchor und war die Organistin der Kirche des Heiligen Nikolaus. Nur die Stimme von der Kranzer Liesi war noch schöner, engelsgleich. Aber die ließ man nicht immer singen, weil sie sich nicht an die Noten hielt und vor lauter Begeisterung über die eigene Stimme zu improvisieren begann und damit nicht mehr aufhörte. Das fanden nicht alle schön und es störte den streng geregelten Ablauf der Messe doch erheblich.
Auch Tante Fritzis Tochter Inge und Tante Sefi waren mit Engelsorganen gesegnet.
Diese vier machten den Großteil des St. Nikolaer Kirchenchores aus. Das Schönste war aber doch die Orgel der Tante Fritzi. Meine Liebe zur Musik geht sicher auf die Kirchenmusik in der Dorfkirche zurück.
Dieses Brausen, diese Fülle, diese Macht, die Lautstärke und dann wieder die Zärtlichkeit wie von einer einzigen Flöte. Ich lernte als erstes Instrument Flöte.
Vor den Hochämtern ging Tante Fritzi im Pfarrhof aus und ein, hatte Gespräche mit dem Pfarrer, Hochwürden, zu denen ich sie begleiten durfte, natürlich nur bis in den Vorraum. Die Pfarrersköchin Nannerl kümmerte sich währenddessen um mich. Ich bekam Himbeersaft und Kekse. Es roch dort immer nach einer Mischung aus Vanillekipferln, Weihrauch und Mottenpulver. So stellte ich mir das Vorzimmer zum Himmel vor.

Für das Glockenläuten waren die Buben zuständig. Die Seile hingen im Vorhaus der Kirche aus dem Turm herunter.
Sie zogen daran, ließen sich hochziehen, baumelten eine Zeitlang an ihnen und kamen wieder auf den Boden. Stießen sich ab und ließen sich wieder nach oben tragen. Das ging so lange, bis draußen das ganze enge Donautal überschallt war und drinnen in der Kirche das Bimmeln der Ministrantenglöckchen erklang. Das Hochamt konnte beginnen. Der Pfarrer kam in vollem Ornat von rechts aus der Sakristei und bezog seine Position vor dem Altar. Vom Chor die Orgel, Vorspiel, schwoll an und breitete sich aus.
Ich mochte alles in der Kirche und an dem Gottesdienst, der Mesner hielt an einer langen Stange den rotsamtenen Klingelbeutel in die Bankreihen hinein und murmelte immer sein Vagösgod, Godvagöds. Lange Zeit glaubte ich, er sei ein Finne oder Ungar, zurückgeblieben vom Krieg, der war ja noch nicht so lang vorbei, weil ich ihn nicht verstand. In den hölzernen Heiligen Nikolaus auf einem Podest links vom Altar war ich verliebt und wollte ihn später heiraten. Weil er doch der beste Mensch war und die Kinder beschenkte.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr: Vielleicht war ich fünf, höchstens sechs Jahre alt. Nach langem Betteln erlaubte mir Tante Fritzi einmal, den Blasbalg zu bedienen. Treten hieß das. Etwas so Feierliches wie das Hochamt am Ostersonntag. Sie intonierte die Intrada der Schubert-Messe.
Die Orgel war sehr alt. Ihr Blasbalg war eine Art von beweglicher Stufe, die je nach Menge der Luft rauf und runter ging. Man musste das gleichmäßig machen, damit die Orgel nicht ins Stottern kam. Rauf ging es von selbst, die Luft hob die Stufe empor, war man aber oben, musste man Druck ausüben, damit sich die Stufe wieder senkte, damit der Blasbalg zusammengedrückt wurde.

Ich liebte dieses Aufwärtsschweben auf der Luft. Zum Runterdrücken stützte ich mich mit beiden Händen am Rahmen ab, ging in die Knie und drückte mit aller Kraft nach unten. Aber es passierte: Ich weiß nicht mehr, warum, ging mir die Kraft aus, war ich abgelenkt vom Hochamt unten? Der Orgel ging die Luft aus, sie schnaufte, röchelte, krächzte, rasselte und versickerte dann in einem quietschenden Seufzer, die Tonleiter abwärts. Eine Art von langgezogenem Furz, Schas, Boller, Pu, wie auch immer, ziemlich unheilig in einem Hochamt. Jeder in der Kirche dachte an das Gleiche, im Hochamt Gehörte. Dann Stille. Drei Sekunden oder drei Ewigkeiten.
Die Gesichter drehten sich zurück und hinauf zum Chor. Stille, nie war sie tiefer. Füßescharren und Räuspern. In diese Stille hinein klatschte eine Ohrfeige. Eindeutig eine Ohrfeige. So kann nur eine Ohrfeige klingen. Hart, kurz, fett und schmatzend, auch sehr körperlich wie auf ein nacktes Hinterteil. Die zarte, sanfte Tante Fritzi hat ungeahnte Kräfte.

Bei mir klingelte es in den Ohren und vor den Augen tanzten die Sternchen. Ist das jetzt der Himmel? In jeder Kirche ist man ihm immer näher, und dann auch noch auf dem Chor neben der göttlichen Orgel. Ich glaube bis heute, dass mir Tante Fritzi nicht wirklich eine Ohrfeige geben, sondern mich nur aus meiner misslichen Lage oben auf dem Blasbalg befreien wollte. Schnell eilte der Mesner Sepp die Stufen herauf auf den Chor, schubste mich vom Blasbalg weg. Mit neuer Luft aus dem Blasbalg setzte Tante Fritzi ihr Orgelspiel fort bis zum feierlichen Brausen des letzten Stücks, das mir so gut gefiel, dass ich immer weinen musste:
Großer Gott, wir lo-o-ben dich! Herr, wir preisen dei-ei-ne Stärke.Vor dir nei-ei-gt die Erde sich und bewundert deine Werke.

Nur wie sich die Erde – eine Kugel – vor Gott verneigt und ihn gleichzeitig bewundert, dieses Bild konnte ich nie zusammenbringen.
Es war übrigens die einzige Ohrfeige meines Lebens. Bis jetzt.

Wien, 24.3.18

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 18129

Die Liebe der Seekuh (Italien 6)

1.
Letztlich bin ich doch noch nach Punto Maria del Leuca gekommen.
Enttäuschung pur. An der Kirche und dem Leuchtturm vorbei. Ist das die einzige hässliche Kirche in Italien? Und der Leutturm passt besser nach Gotland als nach Apulien. Dann die Palmen-Eukalyptus-Oleander-Promenade entlang. Sie stehen stehen still da, zernepft und habtacht wie preußische Feldwebel. Beim Holzkreuz für den Woityla-Papst-Besuch liegt ein verdorrtes Lorbeergebinde mit polnischer Inschrift. Polnische Papst-Touristen. Ansonsten glänzt die Riviera mit verrammelten Pizzarien und Eissalons, die Strandvillen blind und abweisend mit den zugeschlagenen Fensterläden, Boote umgedreht, kieloben am Bauch und in Zeltplanen gewickelt wie Polizeileichen.
Nur wenige Spaziergänger unterwegs, einige mit Hunden, diese scheinen mir alle dreibeinig, vielleicht ziehen sie ein Bein ein wegen der Kälte. Ein dunkler Männerhaufen vor einem Café, ein anderer vor einem Tabacchi an der heute nicht sonnenbeschienenen Häuserfront.

Auf einer Bank sitzt die alte Engländerin vom Vortag und liest in einem Buch – Apulien-Dumont auf Englisch mit bunten Sommerfotos. Sie hat also trotz meiner mangelhaften Auskunft das Meer gefunden. Ich grüße sie, aber sie erkennt mich offensichtlich nicht wieder. Das höfliche, den Briten angeborene Lächeln klebt in ihrem viktorianischen Porzellangesicht. Eine Teekanne mit Schnabeltasse. Wahrscheinlich muss man von den britischen Inseln kommen, um es am Punto lauschig zu finden. Sie kann nichts dafür, ich sehe wirklich sehr anders aus als gestern bei meinem ersten Spaziergang über die Piazza San Rocco. Ich bin fest in meinen violetten Daunenmantel eingemummelt, habe mich mit gleichfarbiger Wollmütze, großem Schal und festem Schuhwerk kälte- und windresistent zu machen versucht. Die komplette Winterausrüstung aus Wien! Nie hätte ich gedacht, dass ich meine Reisegarderobe hier im Süden brauchen würde. Die abgebrochene Sturmwanderung von gestern war mir eine Warnung.

Ich gehe aus dem Ort hinaus zum äußersten Absatz des Stiefels. Von wegen Stiefelabsatz – ich hab ihn eigentlich immer eher als Stöckelschuhspitzel angesehen oder einen Handschuhfinger, in den man hineinschlüpfen muss. So eng ist mit jetzt auch zumute. Gegenüber soll Korfu liegen, das traumhafte Kerkyra mit dem Achilleon. Nicht einmal hundert Kilometer entfernt. Noch viel früher, als ich noch Sisi-Fan war – nicht wegen Romy, sondern weil ich Axel Cäsar Conte-Corti verschlungen habe – bin ich ins Achilleon gepilgert und der Kaiserin bis heute dankbar, dass sie mich mit ihrer großen Liebe, mit Heinrich Heine, angesteckt hat. Genau hier soll sich die Adria mit dem Ionischen Meer vermählen. Wenn man das Tyrrhenische dazunimmt, könnte man von einer Ménage-à-trois reden.

Meine Vermieterin hat mir erzählt, dass die Meere im Sommer einen scharfen Kamm bilden und sich kilometerlang nicht mischen. Was für eine Ehe! Die Liebe der Stachelschweine und der Warane. So eine wie ein Stückchen weiter südlich zwischen Skylla und Charybdis? Nichts davon ist heute mit freiem Auge zu sehen. Das Meer ist einheitlich grau-grün-weißlich wie meine Waschmaschine im letzten Schleudergang, es tobt, brodelt, kocht, braust und zischt, obwohl kein Wind zu spüren ist. Der feuchte Hauch kommt vom Wasserdampf der aufsteigenden Gischt. Die späten Ausläufer des Sturmes der letzten Tage lecken unerbittlich an dem Sand, braun-gelbe Bläschen und Schaumkrönchen an den auslaufenden Enden wie flüssige Babyscheiße. So wie sie aussehen, könnten sie auch riechen. An den Dämmen der Wellenbrecher steigt das Wasser in hohen Fontänen auf, die Bojen drumherum tanzen wie verrückt auf und ab, tauchen unter, einmal rot, einmal blau oben.

Am Ortsrand ziehen sich links von mir flache Sandstände hin, zu denen im Sommer die Menschenmassen strömen. Rechts ins Landesinnere hineingestapelt, abgeschnürt von einer Schnellstraße, häufen sich die geballten Hässlichkeiten des Massentourismus: Die Küstenlinie ist zubetoniert mit Hotels, Pensionen und Appartmenthäusern, mit ihren kleinen, angeklebten Balkonen räudigen Reptilien ähnlich, dazwischen röcheln bröckelnde Ferienvillen aus dem 19. Jahrhundert ihrem Untergang entgegen, eingezwängt zwischen Asphaltwüsten mit Parkplätzen, Supermärkten, Sportparcours, Mac Donalds, FFC und Pizzahuts. Hütten, genau, Barackenlager. Wo habe ich zum letzten Mal so viel Grindigkeit an einem Ort gesehen? Budva in Montenegro mit seinen realsozialistischen Bettenburgen fällt mir ein, die die Schmetterlingsbucht verschandeln. Keine Spur von den sanften Hügeln mit den berühmten Weintrauben und Oliven, Feigen- und Mandelhainen, alles bis weit hinauf von Anti-Architektur verkrätzt.

Die Menschen bauen sich ihr eigenes Krebsgeschwür in die Landschaft.
Mag sein, dass es hier schön aussieht, wenn alles blüht, es warm, grün und bunt ist, wenn Menschen flanieren und sich vielfältig vergnügen. Am Strand brav und faul die brutzelnden Körper dicht an dicht unter färbigen Fransenschirmen und sich wälzen in der trüben Flut, in den Hotels übersichtlich in Pferche geschlichtet, in Appartmentsiedlungen wie in aufgestapelten Schuhkartons, die eigentlich schon längst entsorgt werden müssten. Alles zeigt den Charme eines zerplatzten Mars-Asteroiden. Ist das das nach außen gestülpte Abbild der Mafia und des Berlusconismus?
Wie können die Menschen sich selbst eine solche Hölle ins Paradies hineinbauen? Vielleicht sollte man überhaupt nur im Winter kommen, um sich von der dummen Krankheit Reisesehnsucht heilen zu lassen. Mit Wehmut denke ich an die Gemütlichkeit der Weltreise durch mein Zimmer. Gibt es ein Wort, das alle diese Eindrücke zusammenfasst? Suche und finde es: Lieblosigkeit und Geldgier. Warum – diese Frage kommt erst später, und ich fürchte, die Antwort wird mir versagt bleiben.

Weiter nach Süden, geht der flache Sandstrand allmählich über in steiniges Gelände, anfangs nur Steinbrocken ins Wasser gestreut, dann immer höhere Felsen und ein kleiner Fjord am Ende der Bucht. An der Kante setze ich mich auf einen Stein und schaue hinaus auf das Meer. Finis terrae. Ob man das sehen kann, wann und wie, darüber war nichts zu lesen, ob sie verschiedene Farben haben, verschiedene Wellen und Wirbel, Strömungen und Energien zwischen zwei Vulkanen, ob Ebbe und Flut andere Rhythmen haben? So viele Fragen, vielleicht sollte ich wieder einmal die Odyssee lesen. Keine Ahnung, und die bekomme ich an diesem Tag nicht mehr, denn alles vor mir zerfließt in einem ununterscheidbaren Gischtvorhang ohne Horizont, ein Gefühl wie auf einem sturmumtosten Schiffsbug.
Nicht verwunderlich, ganz natürlich, wie es der geografischen Form und Exponiertheit des Stiefelabsatzes entspricht. Aber warum ich davon etwas so stark spüre, ohne jemals esoterische Mond- oder Sonnenanbeterin gewesen zu sein. Irgendetwas versucht mich zu zerreissen, zerrt an mir. Das kommt nicht von innen, es ist eine äußere Macht, und ich boxe mit meinen Ellbogen um mich wie gegen eine Wattemauer.

Wie ich so da sitze, auf einem flachen Stein und gegen einen Felsen gelehnt, fällt mir auf, dass es nicht einmal nach Meer riecht. Keine der bekannten Würzemischungen aus Jod, Salz und Botanik, Algen und Erde, Fisch und Moder, als sei die Luft geruchsdicht eingeschweißt in Tiefkühlplastiksackerltütenzellophanfoliendosen im untersten Fach. Keine Geruchsspur von Zitronenmelisse, Passionsblume, Baldrian, Mohn, Hopfen, Thymian, Lorbeer, Oregano, Arnika, Wermuth, Klee, Anis, Strohblume oder Kaktus.
So wie das Rauschen des Meeres alle anderen Geräusche geschluckt hat. Sogar das hysterische Geschrei der unvermeidlichen Möwen. Löschtaste. Stummfilm.
Warum mir gerade jetzt Manchester by the Sea einfällt, weiß ich nicht. Zwei Gesichter wenden sich voneinander ab und bleiben eingefroren stehen. Kommen Onkel und Neffe zusammen? Großartiger Film, hat mir sehr gut gefallen, aber ratlos gelassen. Trostlosigkeit? Nein, eher Melancholie. Ein kleiner Lebensausschnitt von wenigen Personen mit wenig Handlung an der Oberfläche, aber großer Tiefe.

2.
Sitze nur und schaue. By the way, by the sea: Ich war hier schon einmal, dieser Sandstreifen, der Buchtabschluss mit der Wand, dieses kreisrunde Loch in dem einzeln stehenden Stockzahn, Emmentalerwand, weiß und rosa vom Tuff, dem typischen Apulien-Gestein. Darauf habe ich schon einmal geschaut, vor wie vielen Jahren? Oder war‘s in Sizilien, auf den Äußeren Hybriden, in Island, am Baikalsee oder bei Wladiwostok? Das hat man nun vom Vielreisen und Vielschauen. Ich kriege die Zeiten und Bilder nicht mehr zusammen. Oder doch? Wie funktioniert Erinnern? Es ist der Süden, definitiv. Es ist warm, wir sitzen nackt am Strand, hier muss es eine Süßwasserquelle geben, das Segelboot ankert weiter draußen vor der Bucht, die „Joy of Freedom“ schaukelt leicht, das kleine Schlauchboot lässt vor uns in der Dünung seine Ruder schleifen. Wir haben Frischwasser getankt und zwischen den Steinen ein Lagerfeuer gemacht. Die Rotweinflasche geht im Kreis – drei Männer und ich.

Da ist es wieder, ich rechne zurück, es kann nur der Sommer von 1984 gewesen sein, meine letzten Schulferien, mein letzter langer Sommer als Lehrerin und Obermaat auf der Joy. Aber es ist anfangs noch ein zerschnipselter Stummfilm, schwarz-weiß, in Fetzen, ein unterbrochene Diaschau mit Schwarzstellen dazwischen, als klemmte der Wagen. Jetzt kommt nichts mehr, der alte Diaapparat bettelt darum, sich im technischen Museum für immer ausrasten zu dürfen. Dafür beginnen Bilder aus der Schwärze aufzuflackern und zu laufen, erst stockend, verklemmt, überlagert, sie stolpern und überholen einander, dann werden sie länger, klarer und zusammenhängend. Einzelne Figuren tauchen auf. Der dicke Christof sitzt im mageren Schatten einer alten Tamariske – oder einer Pinie? – und zeichnet, nein, er aquarelliert, deutlich ist der Pinsel zu sehen, das Brettchen, der Farbkasten und das Wasserglas neben ihm. Die Felsen mit ihren Löchern, weiß-gelblich, an manchen Stellen rosa, pastellig, Tuff wie fast alles alte Gemäuer in Apulien.

Ich habe ein sehr schönes Bild von ihm, der Hafen von Otranto, Theo hat er eines mit dessen afrikanischer Stadtlandschaft geschenkt. Roberts Gestalt taucht auf, wie er robinsonartig auf seinen langen Beinen herumspringt und unter den Pinien/Tamarisken Holz sammelt. Theo ist der gute Freitag, stumm, immer lächelnd und in jeder Lage hilfsbereit. Es sind bewegliche, bewegte und bewegende Bilder, dazu kommen langsam die alten Geräusche und Gerüche herauf, Gespräche und Gefühle. Sägende Zikaden bringen die Luft zum Vibrieren, hysterisches Möwengeschrei. Von diesem Punto Maria del Leuca werden wir nach Korfu und Ithaka hinüberstechen.

3.
Wir sind in Dubrovnik aus verschiedenen Richtungen zusammengetroffen, die jugoslawische Küste hinuntergesegelt, dann steil hinaus auf die Adria hinausgekreuzt, um dem kommunistischen Musterland Albanien auszuweichen. Dessen Soldaten lieben es, vom Land aus auf kapitalistische, imperialistische, ausbeuterische, faschistische und kriegstreiberische Segler zu schießen. Ob als Freizeitvergnügen, Zielscheibenübungen oder auf Befehl, wer weiß das schon. Jedes Jahr gibt es Tote und Verletzte bei dieser besonderen Art von Völkerfreundschaft.

Ziemlich genau in der Mitte der Adria setzt eine vollständige Flaute ein, und als Theo den Motor anwerfen will, streikt dieser. Theo hat Übung im Basteln. Seine „Joy of Freedom“ ist eine britische Rennsportyacht Baujahr 1913, der Volvo jüngeren Datums. Der Halb-Amerikaner Theo spricht sie persönlich mit She an und nennt sie liebevoll My fair Lady oder respektvoll Her Majesty Joy. Der Volvo wird in Einzelteile zerlegt, geschmiert und wieder zusammengesetzt. Zweimal ohne Erfolg, währenddessen die Seglerneulinge an Bord fast verschmachten. Heiß, windstill, das Meer luluwarm und so voller Quallen, dass wir uns durch Schwimmen nicht abkühlen können. Robert und ich holen am Seil Eimer um Eimer herauf, die wir aber erst von den Quallen befreien müssen, bevor wir uns das Wasser übergießen können.

Der Maler Christof ist gegen alle Unbilden gefeit; in seinem Kugelkörper ruhend wie Buddha, hockt er unter einem Sonnensegel am Heck, zeichnet einen Block voll und malt Aquarelle, fifty shades of sea, blau, türkis, grün, grau, weiß untertags, vergoldet, burgunderrot, violett und schwarz bei Sonnenuntergang. Der Maler erklärt uns, dass Wasser und Himmel von allem am schwersten zu malen seien. Ich ergänze – und Kleinkinder. Theo, der Altphilologe, zitiert Homer und beruhigt damit den nervig-nervösen Robert.

Sie diskutieren über Homers Beobachtung, dass das Meer manchmal die Rotweinfarbe von reifem Weizen annimmt. Ja, es ist wahr, wir werden es später einmal erleben. Schlussfolgerung – Homer, oder wer immer der Autor war – muss viel vom Meer und von der Seefahrt verstanden haben, vielleicht selbst Matrose oder Kapitän gewesen sein und doch kein Blinder. Ich koche uns ein feines Essen und produziere zumindest viel zukünftiges Fischfutter. Das macht alle zufrieden und hoffnungsvoll. Zwanzig oder sowas Stunden schaukeln wir sacht inmitten der Adria, auf der Joy of Freedom, in einer Nussschale von einer Yacht. Ich intoniere, nur innerlich: Wir lagen vor Madagaskar/ und hatten die Pest an Bord … Nicht laut, weil ich schon weiß, dass das ein Nazi-Lied war. Als irgendwann der Volvo geruht anzuspringen, steuert Theo das gegenüberliegende Brindisi an.

Bevor er vor Erschöpfung fast vom Steuerruder fällt, springen Robert und Christof – beide das erste Mal auf einer Yacht – ein und steuern die Joy unter Theos Anleitungen in den Hafen von Brindisi. Er ist ein guter Lehrer. Sie kämpfen heldenhaft, angeseilt an die Reling, Theo bedient den Sextanten. Mitternacht ist weit vorbei, wir nehmen nur Wasser und Proviant auf und segeln weiter Richtung Otranto. Das ist die alleinige Entscheidung des Kapitäns, die Landratten wären lieber in einem Hotelbett von Brindisi gelegen. Ich habe schon zwei Jahre unter Theo Borderfahrung und weiß, dass man dem Skipper absolut vertrauen und sich seinem Urteil widerspruchslos unterzuordnen hat. Diesmal führt uns dieses Gesetz aber um ein Haar ins Verderben. Oder Gottes Vorsehung.

Knapp hinter Brindisi bricht ein Sturm los, wie es ihn in der Adria mitten im Sommer selten gibt. Selbst der erfahrene Kapitän gesteht ein, dass er das noch nie erlebt hat. Die Joy of Freedom tut das, was sie gelernt hat, im letzten Friedenssommer von Brighton, sie wirft sich mit sieben Knoten in die Fluten, schneidet in die Wellenberge und -täler, der Bug senkrecht über uns und in rasender Fahrt hinunter in den Schlund. Mahlstrom, oje, das ist nicht gut ausgegangen. Das Glück dabei ist, dass Robert und Christof in der letzten Nacht Erfahrung gesammelt haben und sich als gehorsam und gelehrig erweisen. In Lebensgefahr soll ja so mancher Faule rührig werden. Die Gefahr geht nicht so sehr vom Sturm und seinen Wellen aus, sondern von den zahlreichen Sandbänken, die vor der flachen Küste zwischen Brindisi und Otranto lauern. Auch auf größere Schiffe als unsere Nussschale. Untiefen nennt man das mit diesem schönen, euphemistischen Wort. Ich sehe mich in der Kajüte liegen und zu Poseidon, Neptun und allen Meeresgöttern beten, dass sie mich sterben lassen oder zumindest den Walfisch vorbeischicken.

Kurz nach Sonnenaufgang laufen wir in den Hafen Otranto ein und werden reichlich belohnt für die nächtliche Höllenfahrt. Ein natürliches Rund einer senkrecht aufragenden Felsenbucht aus eierschalenfarbenem Tuff, ein Kratersee, mit einer schmalen Einfahrt wie ein Flaschenhals, auf dem tintenblauen Meer schaukeln weiße Segelboote, darüber flocken Scharen von Möwen, die kubischen Häuser in Weiß und Türkis sitzen auf dem Rand oben wie eine Krone. Der Maler Christof wird fast verrückt vor Freude, eine solche Schönheit haben seine verwöhnten Augen noch nie gesehen. Ob Otranto in das Oeuvre des Dichters eingegangen ist, ist mir nicht bekannt.

Der Kapitän legt vor der Hafenwerkstätte an und will den braven Volvo überprüfen lassen. Christof bleibt an Bord und malt, Robert und ich wandern durch die Stadt. Ich kann ihn damit verblüffen, dass er ausnahmsweise nicht weiß, wer hier seine vielfältigen, stürmischen Karrieren als „Herzog von Otranto“ beenden musste, geächtet und verbannt. Ätsch, ein Punkt für mich in unserem ewigen Literaturwettstreit. (Das politische Chamäleon Joseph Fouchet in Stefan Zweigs Biografie-Roman.) In einem Keramikatelier kaufe ich eine Schüssel, fast so groß wie das Hafenbecken von Otranto. Später motzt Theo über diese übermäßige Beladung der Joy. Er weiß ja nicht, dass ich sie ihm schenken will. Es soll das erste Erinnerungsstück für unseren gemeinsamen Haushalt werden. Ich habe sie noch immer, seither vielfach benützt für große Mengen von Nudeln, Salaten und Suppen, aber bis heute ohne jede Erinnerungsverknüpfung zu dem denkwürdigen Sommer 1984. Verdrängung kann man auch sagen.
Vielleicht musste ich gerade dazu im Februar 2018 dorthin fahren, zurückkehren. Die Erkenntnis – nichts ist ganz vergangen und alles kann zurückkommen. In der einen oder anderen Form.

Weiter, weiter, wieder über die Adria nach Südosten kreuzen, diesmal unter frischem Wind und ohne Pannen, auf Korfu zu, der glücklichen Insel der Nausikaa und Heimat der Phäaken. In Homers Zeiten war sie unter dem Namen Scheria - der Schild oder Drepanon, die Sichel, bekannt, der albanischen Küste zugekehrt mit dem 914 Meter hohen Pandokrator als Buckel des Schildes: „Dunkel erschien ihm das Land, wie ein Schild im Nebel des Meeres …“
So zitiert Theo die Beschreibung der Insel, wie sie Odysseus von seinem Floß aus zuerst erblickt.

Da ist Theo, der Latein- und Griechischlehrer, ganz in seinem Element. Odysseus befindet sich nach Überquerung des Ionischen Meeres etwas nördlich der Insel, als er zum ersten Mal nach dem letzten Schiffbruch wieder Land sichtet. Die Gewässer nördlich von Korfu, die wir gerade friedlich gequert haben, sind höchst tückisch; sie liegen in der Mündung der Adria, und wenn die Bora weht, wälzen sich eine hochgehende See und eine gewaltige Dünung und werfen sich gegen die Insel. Genau unter diesen Umständen wird das Floß des O. zertrümmert und er selber weggeschwemmt, um zuerst auf einer der vielen Klippen zu landen, die die Nordwestküste der Insel umsäumen. Er lässt sich in der starken Strömung nach Süden treiben und kommt nach neunzehn Kilometern zu einer seichten Bucht, in die ein Flüsschen mündet. Auch heute heißt es noch Ormos Eumones. Erschöpft kriecht O. in ein Oliven- und Feigengebüsch und schläft auf dem schönen Strand ein.

Am nächsten Tag wecken ihn Frauenstimmen und Gelächter. Nausikaa und ihre Freundinnen sind gekommen, um zu baden und Kleider zu waschen. Diese breiten sie dann zum Trocknen auf dem Kieselstrand aus und vergnügen sich nach getaner Arbeit mit Ballspiel. O. hat nach seinem letzten Kentern nicht einmal einen Lendenschutz mehr, so schmiert er sich mit dem Flussschlamm den Körper ein, vor das Geschlecht hält er sich ein Feigenblatt. Die Mädchen sind natürlich auch nackt und lachen sich krumm, wie er so vor ihnen steht. Sie haben keine Angst, sondern geleiten den Fremden zwölf Kilometer weiter ins Landesinnere zum Königspalast. Wir gleiten gerade an der Mündung des Flüsschens vorbei, und diese Szene könnte heute noch genauso stattfinden. Theo triumphiert, alles ist da, wie es beschrieben wird, …. und die Odyssee hat doch recht!

Der Fluss, die Bucht, der Strand, die Oliven, die Weinstöcke, die Wasserbecken, wo man Mühlen betreibt, Kanäle in die Pflanzungen leitet und Wäsche wäscht – heute genauso wie damals. Die bezaubernde Nausikaa bringt den Schiffbrüchigen in den Palast ihres Vaters Alkinoos, der ihn freundlich begrüßt, bewirtet, badet und einkleidet. Er hätte ihn gern seiner Tochter zum Mann gegeben, der Held will aber nur eines, nach Hause in sein geliebtes Ithaka!

Im Palast erzählt ihm O. von seinen zehn Jahre dauernden Irrfahrten. Alkinoos hat Einsehen. Nach einer Erholungsnacht gibt ihm der freundliche Alkinoos ein Schiff mit 52 Ruderern, das ihn nach Hause bringen soll.
Mit der Stadt der Phäaken verhält es sich genauso, wie Nasikaa sie dem Odysseus schildert: „An jeglicher Seite ist ein trefflicher Hafen, und die Einfahrt ist schmal.“ Sie liegt etwa zwölf Kilometer entfernt, an der Ostküste Korfus. Dort findet man die zwei natürlichen Häfen beiderseits von Garitsa, der modernen Vorstadt von Korfu. Der eine eignet sich für die Sommermonate, der andere ist das ganze Jahr durch seine günstige Lage geschützt. Korfu ist fruchtbar wie keine andere der Ionischen Inseln, und an der Beschreibung der üppigen Schönheit Scherias ist nichts, was sich nicht auch von dem heutigen Korfu sagen ließe.

Wir kommen an den Mini-Inseln Paxos und Anti-Paxos (heute Paxi) vorbei, zwei grauen Buckeln, auf denen sich die knorrigen Olivenbäume wie Ringkämpfer an den kargen Boden klammern. Wir nähern uns dem weißen Steilufer am äußersten Vorgebirge von Leukas, und dann tut sich die schmale Durchfahrt zwischen Ithaka und Kephallenia vor uns auf. Wir halten nach Backbord, um den Hafen am Ostufer zu erreichen. Von der zerklüfteten Insel her kommt der Duft von Tannen und feuchtem Gras.

„Als nun östlich der Stern mit funkelndem Schimmer emporstieg, welcher das kommende Licht der Morgenröte verkündet“, setzen die Phäaken ihr Schiff in der Bucht des Phorkys ans Ufer.

So wie wir. Maler und Schriftsteller laufen, unterschiedlich tölpelhaft, hinter Theo über die Odysseus-Insel und sind beeindruckt von seinem Homer-Wissen. Durch stachelige Maccia zuerst, unter uralten Olivenbäumen durch, auf einem schmalen Pfad, Fuß für Fuß vorsichtig voreinander. Achtung, Schlangen! Achtung, Ruinen! Hier ist das Haus des treuen Freundes, „des göttlichen Sauhirten Eumaios“, der als einziger Odysseus erkennt und den Homer als einzige Person mit Du anredet – oh du göttlicher Sauhirt! Sein Hund Argos soll ihn auch erkannt haben. Das ist am wenigsten wahrscheinlich, das gibt sogar Theo zu, dass der so alt geworden ist. Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Irrfahrten. Steil bergauf geht es in der Hitze, wir setzen über Mäuerchen, durch Weingärten und unter Obstbäumen durch. Die Asphaltpflanzen aus der Leopoldstadt schwitzen, stöhnen und fluchen, ich mit meinen Genen von Bergziegen und Gämsen nehme es sportlicher.

Auf der höchsten Kuppe stehen noch Mauern: Das ist die Kemenate der treuen Penelope, ein freistehender halber Steinbogen – die Festhalle der Freier, wo sie gefeiert und die Königin bedrängt haben, Grundmauern der Vorratskammern, hier der Stall, wo der Heimkehrer die besiegten Freier den Schweinen zum Fraß vorwirft. Viel Phantasie, Theos Begeisterung und sein Detailwissen machen die alten Geschichten lebendig und sichtbar. Manchmal weitet sich der Steig zu einem Eselspfad in breiten, niedrigen Stufen. Theo redet, zeigt und erklärt –alles in der Gegenwartsform. Die Odyssee ist für ihn keine Erfindung, keine Ausgeburt eines Dichter- oder Chronistenhirns, keine Sagen- oder Fabelsammlung und auch keine Fälschung. Für ihn sind es Fakten. Nicht nur die Ereignisse und Ortsangaben, sondern bis in die Details von Wetter, Seefahrt, Schiffbau, Waffen, Kleidung und Essen und Botanik. Theo ist die Strecken nachgesegelt, hat Zeitangaben nachgemessen und mit den Wetter- und Strömungsbedingungen überprüft.

Ich falle fast von einem Mäuerchen, als ich einer großen Smaragdeidechse nachklettere, sicher ist sie das Einzige, was sein Aussehen seither nicht geändert hat. Theo demonstriert immer mehr Beweise für seine Überzeugung, dass alles so war wie in der Odyssee beschrieben, man sie ernst und wörtlich nehmen müsse. Er habe ihre Orte über zwanzig Jahre lang abgesegelt mit dem Vorteil vor anderen Forschern, dass er des Altgriechischen mächtig ist und die Sprache Homers nicht nur liest, sondern auch versteht. Ich höre Theo wiederholen: Ich glaube an die Magie der Orte.

Den beiden Künstlern erschüttert er ihr bisheriges Weltbild. Gern gemacht! Theo ist in seinem Element, freundlich wie immer und froh, dass er neue Adepten gefunden hat, noch dazu so einfühlsame, produktive und prominente. Ich persönlich mag Theos Erzählungen über die Person Odysseus am liebsten. Er spricht von ihm wie von einem Zeitgenossen, einem Menschen aus Fleisch und Blut mit allen seinen Vorzügen und Mängeln, einem Freund, einem ganz normalen, modernen Menschen.
Er spricht von ihm als einem gerissenen Kerl, von einem griechischen Pantagruel gewissermaßen, schlauen Drückeberger, nicht als einem Helden. In einer romantischen Bucht erzählt er uns die Szene, wie König O., Herrscher über Ithaka, in der Maskerade eines schwachsinnigen Bauern den Sandstrand pflügt und mit Salz düngt, um sich der Einberufung in den Krieg zu entziehen. Die Häscher aber erkennen ihn an seinem Hinken, denn nichts anderes heißt Odysseus, der Humpler.

Dazu kam er, weil er in seiner Jugend auf dem Abhang des Parnass von einem wilden Eber angefallen wurde. Die Narbe am Oberschenkel, Eunaios wird ihn unter anderem daran erkennen. Außerdem war er kurz- und o-beinig, rothaarig, wahrscheinlich auch rotgesichtig und sommersprossig, mit einer lustigen Knollennase wie Clown Enrico oder die Clinis und einem krummen Spitzbart. Also das Gegenteil des klassischen blonden griechischen Helden mit edlen Gesichtszügen. Zu dem haben ihn erst die deutschen Griechensucher und Altphilologen gemacht.

Odysseus hat damals absolut keinen Bock auf Troja; den Kriegsgrund, eine jugendliche Idiotie des Paris, sieht er auch nicht ein. Ihm geht es gerade so prächtig, er hat ein kleines, aber feines Königreich geerbt, eine hübsche, junge Frau, Penelope, die er liebt, das Söhnchen und Thronfolger Telemach ist auch schon da. Mit seinen Kumpels geht er gern jagen, fischen und feiern. Aber Agamemnon und die kriegslüsternen Spartaner schicken Häscher, die ihn mehr oder weniger kidnappen und auf den Kriegszug gegen Troja entführen. Auch vom Herumreisen hat er die Schnauze voll, von all den Poliphems, Sirenen, Kirkes, Kalypsos und Nausikaas. Er wird ein Held wider Willen, genauso war es mit seiner Seefahrerkarriere.
Theo hat nicht nur uns mit seinem Odysseus-Bild angesteckt, ich kann mir vorstellen, auch seine Schüler.

Die Künstlerseelen wälzen sich in Entzücken, dass man die Geschichte auch so lesen kann und geraten in der Folge über ihre Lieblingshelden der Ilias in Streit. Hektor, nein Achill!
Als die Dichter- und Maler-Philosophen in Patras von Bord gehen, sind sie voll Dank und versichern Theo, dass sie von nun an anders schreiben, malen, lesen, denken, schauen und leben würden, müssen. Kein Stein soll auf dem anderen bleiben, wie auf Ithaka im einstigen Königspalast.

Anders leben müssen, das wird auch mein Schicksal, als ich am Ende des langen Lehrer-Sommers nach Wien zurückkehre. Theo war für mich nicht mehr erreichbar, dann ein Anruf von Robert. Theo hat entdeckt, dass er sich in Christof verliebt hat, gemerkt, also schwul ist. Christof ist bi, hast du das nicht gewusst? Nein, gar nichts, und auch nichts gemerkt, nichts gesehen oder gefühlt. Von Blitz und Donner zerschmettert liege ich da in Trümmern wie die Burg von Ithaka und alle anderen Ruinen des Mittelmeeres zusammen. Wo habe ich bisher gelebt? Wenn ich nichts weiß, das weiß ich mit absoluter Sicherheit: Ich habe damals zum ersten Mal das Wort schwul gehört.

Von Menschen, die schwul leben, nicht weil sie es sich ausgesucht haben, sondern es sind. Zuerst war ich sehr verletzt über die abrupte Abwendung, Ablehnung und Theos Rückzug, verwirrt über ein für mich neues Menschenbild. Gerade hatten wir uns noch darüber gestritten, ob wir ein Kind machen sollten. Ich war in Scheidung, er wollte stante pede heiraten und noch mindestens zwei Kinder, ein Haus bauen, ein zweites, größeres, kindersicheres Boot und einen Caravan kaufen. Ich hatte schon eine Tochter und wollte kein Kind mehr. Für mich war das Kapitel Kinderkriegen abgeschlossen. Dieser Segeltörn sollte die Versöhnungs- und Probefahrt werden. Und dann das? So ein Scherbenhaufen, Ithaka nix dagegen.

Eine schwierige Zeit für mich, welche Gefühle da miteinander kämpften. Aber dann auch von mir absolute Funkstille. Ob es etwas zwischen Theo und Christof gegeben hat, weiß ich nicht. Vorstellen mag ich mir das nicht … Nur eine kurze Konfusion? Nicht lange danach, kommt mir zu Ohren, dass Theo eine sehr viel jüngere Frau geheiratet und mit zwei Kindern ein Musterfamilienleben geführt hat, bis ihn ein früher Krebs von allem wegriss. Jaja, Joy of Freedom.

Der Videofilm ist zu Ende. Die Schwarzblende rattert und bleibt dann stehen. Punto. Mir ist kalt geworden, ich bin steif, klopfe mich ab und schüttle die klammen Glieder. Es dämmert, auf dem Meer liegt schon ein silbriger Streifen von einem Halbmond. Gerade als ich mich umwende, um zum Dorf zurückzukehren, sehe ich aus dem letzten Augenwinkel eine leichte Bewegung im Wasser. Ein kleiner Wirbel zwischen zwei Steinen in Ufernähe und aufsteigende Bläschen. Sie blubbern, das heißt Luft, also etwas, das atmet. Zuerst ist es nicht mehr als ein dunkler Schatten wie etwa von einem unter der Oberfläche liegenden Holz. Aber das war vorher nicht da, habe es vorher nicht gesehen, obwohl ich während des Flashback ständig ins Wasser gestarrt habe, wie auf eine Filmleinwand.

Als ich nähertrete, sehe ich zwei große, geradestehende Augen zwischen einer Knollennase, die jetzt aus dem Wasser ragt, schnüffelt. Nein, eher ein etwas breit geratener Rüssel mit Borsten darauf . Das Ding ist halslos, walzenförmig und hat gleich hinter dem Kopf zwei gabelförmige Flossen. Das Ende kann ich nicht erkennen, sehe aber, dass sich etwa drei Meter vom Ufer entfernt das Wasser in Wirbeln dreht. Eine Robbe? In der Adria? Nie gehört, nie gesehen. Das Tier schnaubt und wirbelt mit der Schnauze Sand auf.

Da fällt mir wieder ein, wie uns Theo zwischen Paxi und Antipaxi uns auf eine Höhle aufmerksam machte, von der die Sage geht, dass dort die letzten Seekühe des Mittelmeeres leben sollen. Von den Fischern werden die pflanzenfressenden Säugetiere Seejungfrauen oder Sirenia genannt; noch nie hat sie jemand gesehen, aber die Legende hält sich seit Odysseus hartnäckig in dieser Gegend. Bevor sie ganz ins Meer wandert, war sie im frühen Eozän vor sechzig Millionen Jahren die näheste Verwandte des Elefanten. In der griechischen Mythologie kommen sie in Form der Neiden und Tritonen vor. Die Babylonier kannten die Fischmenschen als Dugongs und bildeten sie ab als einen Gott Oannes und zwei Göttinnen Atagatis und Derketo. Auch Jules Verne ist ihnen auf seiner Reise 20 000 Meilen unter dem Meer begegnet. In der Karibik heißen sie Manati, und 1492 hat Christoph Kolumbus in seinem Logbuch vermerkt, dass die Sirenen im Golf von Mexico weniger schön sind als bei Horaz. Schön ist sie wirklich nicht, aber obwohl es schon dämmert, kann ich wahrnehmen, dass dieses Tier mit seinen frontal stehenden Augen, der Knautschnase, dem Stoppelbart und brustständigen Zitzen menschlich aussieht. Eine große, runde, Schwimmerin. Nicht besonders schön, aber freundlich und absolut friedlich. Als man sie noch nicht zoologisch einordnen konnte, wurde sie von der Wissenschaft so genannt, wie sie aussieht: Pflanzenfressende Borkenrüsslerin.

Ich bin sicher, dass meine Erinnerung an Theo sie hergelockt hat. 34 Jahre habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Ich hoffe, dass er in den seligen Gefielden am schönsten Strand der Welt gelandet ist. Bei Rudyard Kipling trifft der Held Kotik auf eine Herde von Seekühen, die ihn an den schönsten Strand der Welt führen. Denn entgegen ihrem Aussehen sind sie Ästheten.
Jetzt macht sie mit ihrem massigen Körper eine elegante Rolle auf den Rücken und scheint, bevor sie abtaucht, mit der Schwanzflosse zu winken. Lächelt sie nicht dabei und zwinkert mir zu? Sie wirkt witzig und gutmütig, gentle giants nennt man sie in Florida, wo man mit ihnen tauchen kann.

Schade, zu einer anderen Jahreszeit wäre ich gern mit ihr mitgeschwommen. Wie soll ich den Besuch der Seekuh verstehen? Ich nehme es persönlich, sie selbst spricht ja nicht zu mir. Aber Bedeutung hat ihr Auftauchen sicher. Sie wollte mir sagen, dass Theo, der Homer-Kenner und Mittelmeer-Segler, mit seiner Überzeugung, dass alle Geschichten über Odysseus wahr sind, Recht hat. Er ist schließlich der einzige Mensch, der je eine Seekuh gesehen hat, zwischen Paxi und Anti-Paxi. Weil ich hier an ihn gedacht habe, ist sie herübergeschwommen. Ihre Art von in memoriam.

Genauso gut kann es viel banaler sein; die Seekuh ist nur auf eines aus, auf das Violett meiner Kleidung. Ihre Lieblingsspeise, die violetten Wasserhyazinthen, hat sie zum Fressen gern.
Ich habe sie Kalina genannt. Ihr Schatten riecht nach Zimt.

Wien, 9. - 12. 3.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18127

Die Taube vom Bologna Centrale (Italien 5)

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sagt sich leicht und oft. Aber wenn es einmal ein eindeutiges Beispiel gibt, wird aus dem banalen Satz eine tiefe Wahrheit. Man reagiert nie situationsgenau, sondern ferngesteuert von Erinnerungsfetzen.

Ich steige auf dem Bahnhof Bologna Centrale aus dem Schnellzug von Lecce und steuere ohne Nachdenken das Café Emma B. auf dem Bahnsteig 6 ovest an. Rolltreppe hinunter, ein langer, hell ausgeleuchteter Kachelgang, Rolltreppe hinauf, weiter durch den alten Teil des Bahnhofs, Rolltreppe wieder runter, Gang, Rolltreppe hinauf. Eigentlich liegen auf dem Weg dorthin drei Cafés, aber mein Koffer rollt ganz leicht auf vier Rollen wie von selbst zu Emma B. Das Gehirn-GPS ist auf Emma B. eingestellt, das hat sich eingeprägt.
Vor fünf Tagen habe ich dort schlaftrunken in den frühen Morgenstunden bei einem Zwischenaufenthalt einen köstlichen Cappuccino getrunken, 1,20 Euro, wahrscheinlich woanders auch nicht weniger gut und ebenso günstig. Das Lokal heißt anders, wie richtig, habe ich nicht wahrgenommen oder vergessen. Sicher, da war eine Reklame von Illy-Kaffee.

Aber auf dem Bildschirm im Lokal und draußen vor dem Bahnsteig läuft in Endlosschleife eine Wahlwerbung der Kandidatin Emma Bonino, liberal, für Frauen, für Europa, mehr Europa, das ist alles, was ich verstehe. Noch dazu ein sehr schlecht gemachter Clip. So kann man nicht gewinnen, nirgends. Hat die keine Medienexperten? Emma Bonino ist doch kein Neuling, ein Altgestein in der Politik. War sie nicht einmal eine feministische Führungsfigur? Es klingelt leicht, aber ich weiß nicht, wohin genau ich sie tun soll. Es flimmert alles schnell verzerrt und unscharf über den Bildschirm, durchkreuzt von Werbung für Pasta und Pampers.
Weil ich nach sieben Stunden nikotinfreien Sitzens im Rapido Bianco eine Zigarette rauchen will, stehe ich wie drei andere Gäste vor dem Lokal. Emma Bonino läuft noch immer über die Bildschirme zwischen Reklame für Pasta, Pampers und Kaugummi. Ich wende mich ab und sehe ein reales Bild.

Auf einem der Tische sitzt eine Taube. Was heißt Taube, sie ist der letzte Rest einer Taube, ein Wrack von einer Taube, eine Ruine wie Palmyra. Sie ist nur der Rest einer Form, ein Umfang, kopflos, einbeinig und breit gefiedert. Warum ich sofort annehme, dass es ein Täuberich ist, weiß ich nicht. Er ist Cristoforo Colombo für mich, der Colombo. Das schwarz-weiss-grau gesprenkelte Gefieder ist struppig wie das Fell eines Straßenhundes oder einer Hyäne, was bei Federvögeln eigentlich gar nicht möglich ist. Zausig, verklebt, mit vielen Spitzen nach außen, igelartig. Auf jeden Fall liegen die Federn nicht am Körper an, sondern sind dauernd nach allen Richtungen gesträubt und zucken, obwohl er allein und unbeweglich dasteht, leicht geduckt, an ein braunes Kästchen mit Illy-Servietten gelehnt.

Nach einer Bewegung mit meiner Zigarette hebt der Täuberich den Kopf aus dem Hals – also er hat einen Kopf und rote Augen darin – und trippelt auf einem Bein zwei Schritte aus dem Schatten des Serviettenhalters heraus in meine Richtung. Er flattert kurz auf, als ich aus meinem Rucksack ein Panino herausklaube, es in meiner hohlen Hand in Krümel zerlege und sie auf den Tisch streue. Colombo pickt und pickt und pickt, langsam, alles auf dem einen roten Beinchen, so schnell er kann, bis die Mitstreiter kommen. Einige Krumen fallen durch die Ritzen auf den Boden.
Das muss ein Signal sein, als gäbe es ein unsichtbares Alarmsystem. Aus allen Richtungen kommen im Hoch- und Tiefflug andere Tauben herangeflogen und übernehmen den Kampfplatz. Mein Täuberich versucht, sich hinter den Serviettenhalter zurückzuziehen, aber immer mehr Artgenossen fallen in Sturzflügen über ihn her. Kann man ihn noch mehr zerzausen? Ich leide und brauche eine Pause.

Gehe ins Lokal und hole mir einen becchiere di vino rosso – enorme 3 Euro im Gegensatz zu den 1,20 für den Cappuccino.
Italien, das Land der Weine? Nicht gut, auch nicht ganz schlecht, aber sauer wie ein Brünnerstraßler, immerhin auch auf dem Bahnhof in einem Stielglas und nicht in einem Plastikbecher. Da fallen die Bilder wie Kalenderblätter. Die jüngste Abgeordnete aller Zeiten von der radikalen Partei, Jugoslawien-Tribunal, für Abtreibung, für Drogenbetreuung, gegen Rassentrennung. Skandale überall, immer extrem mutig.

Als ich wieder rauskomme, ist mein Colombo allein, sitzt wieder an den Serviettenständer gelehnt, das Köpfchen mit den roten Augen auf mich gerichtet. Gibt‘s noch was? Ja klar, ich hab noch ein halbes Panino. Es schmeckt ihm, gestern noch aus dem Panificio von maestro Fortunato in Gagliano. Aber sehe ich richtig? Aus dem Bauch kommt langsam der Rest eines zweiten Beinchens hervor, etwas kürzer, unten breit und gelb wie ein Entenfuß. Ich bin so fasziniert, dass ich vergesse zu fotografieren. Tatsächlich, neben den drei roten Krallen hat er einen kleinen, gelben, breiten Entenfuß aus Plastik mit einer Schiene oder einer Stütze wie von einem Leukoplastwickel. Ist das denn möglich? Sehe ich richtig? Der becchiere kann nicht schuld sein, das ist weniger als ein Achtel. Wer hat ihm dieses Ersatzbein gebastelt? Er kann es nicht selbst gemacht haben, auch nicht seine Genossen, also kann es nur ein Mensch gewesen sein. Welcher Mensch? Ein Tierarzt, eine mildtätige Sanitäterin der Bahnhofstaubenmission?

Es erinnert mich an meine Orchidee zu Hause, deren Auswuchs ich kürzlich beim Gießen leicht geknickt und mit Zahnstocher und Bindfaden bandgiert habe – weiß genug, wie schwierig schon bei einer ruhig stehenden Pflanze – und mich daran erfreue, dass sie meine Therapie annimmt, weiter wächst und sogar Knospen ansetzt. Aber bitte, wer um Gottes Willen, hätte diesem grindigen Täuberich sein verletztes Bein schienen sollen? Verletzt in einer zugehenden Schwenktür, mit einem Kabel, durch einen Koffer, ein Kippfenster, einen bösen Menschenmutwillen? Ich paffe kurz und heftig und lasse mich ein in alle möglichen Schicksale des Colombo, während er seine Brösel verteidigt. Er wird immer besser, flinker und wendiger. Er kann den Entenfuß sogar ein bisschen aufstellen und ihn wie einen Schild benützen.

Wieder einige Panini-Krümel gestreut, sie fallen durch die Ritzen des Tisches, er flattert auf den Boden, andere Tauben sind schneller, scheuchen ihn und pecken auf ihn hin. Ist da nicht auch ein Spucken beim Pecken dabei? Warum ist das Gefieder sonst so verklebt? Naja, es gibt noch viel anderen Dreck. Ich versuche, ihn mit meinen Füßen zu schützen und streue ihm die Krumen in eine Ecke zwischen zwei Mistkübeln.
Je mehr er frisst, desto lebendiger wird er, er fängt sogar an, zurückzupecken auf die jungen Eindringlinge. Sie müssen immer alles im Auge haben. Das geschiente Bein mit dem gelben Entenfuß wird immer beweglicher, wie mir scheint, hat er ein Scharnier oder so etwas wie ein Knie an der Schiene? Fast kein Hinken mehr, dafür wird sein Schnabel länger, und er verteidigt seine Brösel immer besser. Den Entenfuß verwendet er als Schild und Waffe. Einmal holt er weit aus und klatscht einer frechen, jungen Taube eine in die Seite rein, dass alle auffliegen. Ha, der wird einmal mein Champion.

Ich bin mitten drin in seinen Revierkämpfen. Hier, du bekommst etwas Besseres aus meinem dick belegten Brot, etwas von der Salami, vom Käse, dem Paradeiser, der Gurke – Cristoforo nimmt alles und erwacht zum Leben. So, mein Lieber, hier noch eine Nachspeise für uns beide, und ich teile mit ihm die letzten zwei Stück Mannerschnitten – mag man eben.
Eigentlich ist er ein imposant großer Täuberich. Vielleicht war er einmal der Padre Padrone vom Bologna Centrale, der Große Gatsby, der Leopard, Gattopardo, der Garibaldi. Ohne ein Wissen zu haben, bin ich überzeugt, dass es unter den Tauben eine Hierarchie gibt.
Bravo, Colombo! Mein Colombo! Ich bin bei dir!

Obwohl ich immer und überall fotografiere, habe ich doch glatt angesichts des Colombo darauf vergessen, so eng fühlte ich mich mit seinem Schicksal verbunden und identifizierte mich mit seinem Überlebenskampf.
Mir ist inzwischen so kalt geworden, dass ich versuche, meine zwei, zweifelsfrei intakten Beine einzuziehen und mit den Füßen aufzustampfen. Natürlich vertreibe ich damit alle Tauben, so schnell, dass ich nicht einmal mitbekomme, wohin sich mein Colombo getrollt hat.

Kaum ist dieser Spuk vorbei, gerate ich in den nächsten.
Im abstoßend hässlichen, kaum geheizten Warteraum komme ich zu einem Sitzplatz gleich neben dem Denkmal für die Opfer des Bombenanschlags am 2. August 1980 – 85 Menschen waren durch den faschistischen Terror ums Leben gekommen. Eine weiße Marmortafel an der Wand, lange Kolonnen mit den Namen der Ermordeten in Goldbuchstaben, auf dem Boden ein Bombenkrater im alten Mosaikboden, in dessen Mitte ein weiße Rose liegt, frisch, von einer Mutter, am Rand ein immergrünes Kranzgebinde, offizell mit Tricolore-Schleife. Mit den Namen der Hunderten von Verletzten könnte man den ganzen Bahnhof austapezieren. Ich studiere die Daten hinter den Namen, sehr viele junge Leute, 18, 19, 24, 29, Schüler, Studenten, Pendler am frühen Morgen des 2. August vor 35 ½ Jahren. Einige Touristen machen vor der Absperrung Selfies. Wenn es nicht Italiener wären, könnte ich selbst zum Terroristen werden.

Die Temperatur liegt um die null Grad, es soll nur ja niemand auf die Idee kommen, das sei eine Wärmestube. Obdachlose, Sandler, einfache Aufwärmer oder Rastende werden nicht hereingelassen, an der Tür kontrollieren zwei bewaffnete Wächter die Tickets – angezogen und ausgerüstet wie Robocops, wenn jemand kein offensichtliches Reisegepäck hat. Trotzdem sitzt in der Reihe mir gegenüber ein alter Mann, der nur einen Krückstock und ein Nylonsackerl bei sich hat, keinen Koffer, keine Reisetasche. Und nach Reise sieht er auch sonst nicht aus.

Eine dünnes Sakko mit Hemd und Pullover darunter, worin man auch an einem Herbsttag frösteln könnte, ausgelatschte Nike-Turnschuhe, eine schlotternde Trainingshose, am Kopf ein buntbesticktes Käppchen, um den Hals geschlungen ein abgenudelter indischer Seidenschal, ehemals vielfärbig. Althippie, Künstler? Er ist offensichtlich kein Reisender, warum lassen ihn die Securities hier in Ruhe sitzen? Aber ein Gesicht, ja Antlitz muss man sagen, edel, ebenmäßig, wie ein altrömischer Senator in weißem Marmor, wie viele Generationen aus dem alten Geschlecht der Auguster oder Julianer.

So kann Marc Aurel ausgesehen haben, als er in Carnuntum in seinem Lager saß und seine Lebensbeichte schrieb. Vielleicht ist der Mann der letzte Stoiker, ein später Verwandter des Seneca oder Epiktet, der als Einziger die Lösung des Welträtsels weiß. Die ganze Zeit sitzt er unbeweglich da in leicht vornübergebeugter Haltung, nicht einmal die Augen bewegt er, eine Skulptur, hager bis zur Magerkeit, aber unter dem fein getrimmten Bart eine gesunde Sonnenbräune. Vom Leben auf der Straße, in den Parks, den Arkaden und an den Uferpromenaden des Reno?

Um Punkt 22 Uhr holen die Robocops dicke Ketten aus einem Schrank hervor, breiten sie aus, zeremoniell und genüsslich schlingen sie sich diese rasselnd um die Schultern. Die Wachablöse schließt zuerst die äußeren, dann die inneren Türen zu. Ich blinzle erst nur schlaftrunken und ungläubig durch die öde Halle. In welcher Hölle bin ich gelandet. Unter dem Klirren der Ketten springen die Menschen im Warteraum auf und lassen sich hinaus in die Kälte scheuchen. Freiwillig, keine großen Gesten, kein Protest, ein eingespieltes Ritual. Danach gibt es auf dem gesamten Bahnhofsareal keine Sitzgelegenheit mehr, nicht oben im alten Teil, nicht unten in den modernen, hell ausgeleuchteten Korridoren, durch die noch einige Passagiere hasten.

Vielleicht ist es dort unten noch grausamer, weil septisch sauber und kachelglatt, grell ausgeleuchtet von Neonlampen an den Decken wie eine ewig lange, nicht enden wollende Verhörzelle oder ein Operationssaal von zynischen Schlächtern, keine einzige Sitzgelegenheit, nicht einmal an den Wänden darf man sich anlehnen, geschweige denn in einen Winkel legen. Ständig wird patroulliert und verscheucht. Sogar das Gepäck hat es besser als die Menschen. In der deposito bagagli ist es bacherlwarm. Ich studiere alle Aufschriften so lange, bis der Diensthabende hinter einem Verschlag hervorkommt und sich nachhaltig räuspert. Es nützt mir zwar nichts, aber für so viel Eleganz liebe ich die Italiener.

Kaum auszudenken, was ich in Wien zu hören hätte bekommen: Schauns weida. Wauns ka Gepäck abzugem haum, schleichns Ihna. Do is ka Wärmestubm.
Da lob ich mir doch die Taubengesellschaft. Geschäfte und Lokale sperren eins nach dem anderen zu, nur noch Putztrupps und Carabinieri sind unterwegs. Die Passagiere verteilen sich auf die Bahnsteige oder verlaufen sich überraschend schnell. Wohin nur? Wie die Tauben finden sie ihre unsichtbaren Mauerritzen, Turmgiebel, Regenrinnen und Kanalschächte. Auch mein alter Römer. Nur wenige Schritte kann ich ihm folgen. Ich hätte ihn gern zu einem Kaffee eingeladen und mehr über ihn erfahren. Weg war er, wie vom Erdboden verschluckt, samt seiner Krücke und dem dünnen Sackerl.

Auf dem Vorplatz eine kurze, ungemütliche Zigarette, der Kaffee in der Thermoskanne ist nur noch lauwarm und bitter-schal, das Wasser fast aus – da gerate ich in Versuchung, ein Zimmer im Hotel „I-PERIALE“ gegenüber zu nehmen, das mit einer Leuchtschrift auf dem Dach lockt. Nein, nur nach Hause! Ich habe eine sauteure Fahrkarte gekauft. Sehnsüchtig sehe ich den niedrig fliegenden Flugzeugen nach. Noch nie habe ich mich so nach einer Nordrichtung gesehnt. Ein Polizeipanzer rollt langsam vorbei und dreht mehrere Runden über den Bahnhofsplatz, während Menschen auf die Autobusse zusteuern. Alles normal, gute Nacht, Europa!

Auf dem Bahnsteig 4 soll um 22 Uhr 57, carozza 410, sed. 95F, der Zug aus Rom nach München/Wien ankommen. Das habe ich seit meiner Ankunft memoriert und mehrmals die Auf- und Abgänge geprobt. Mehr Zigaretten kann ich auf dem Vorplatz nicht mehr rauchen. Die vollbesetzten Polizeipanzer werden auch schon langweilig, vor allem weil nicht zu erkennen ist, wem sie gelten, auch wenn die Außerirdischen manchmal über den leeren Platz stiefeln. Gegen jede Hoffnung schaue ich noch einmal bei Emma B. vorbei, an der Türe schwere Ketten, die Tische davor weggeräumt, kein Colombo mehr und auch keine anderen Tauben. Habe ich je einen unwirtlicheren, unmenschlicheren Bahnhof kennengelernt? Mir kommt keine Erinnerung, aber vielleicht ist auch mein Gehirn schon eingefroren. Ja doch, einmal im olympischen Dorf „Paradiestal“ oberhalb von Sarajewo im Winter 1994. Aber um Gottes Willen, ich bin doch in Bologna! Auch das ist eine Art von Krieg.

Also bleibt nur noch Binario 4, centrale, Zug 22 428 von Rom nach München und Wien Hbhf. Ich übe auswendig carrozza 410, Sitz 95F, gehe dabei auf und ab und starre hinauf auf den Bildschirm. Erst rit,. verspätet 5 Minuten, dann 10, 15, Rit. Kaum wage ich mehr hochzuschauen, da springt es auf 25min. Verzweiflung kommt hoch. Mir ist saukalt. Gegenüber ein Mann auf seiner mächtigen Putzmaschine hat Spaß am Taubenscheuchen. Und hier wieder ein Sandler, halbnackt bis zum Steiß, rührt sich nicht, ich sehe seinen nackten Rücken und frage mich nur kurz, warum ihm nicht kalt ist und ich so friere. Er erregt nur Ekel und Irritation. Zum Glück wird er mich nicht um Zigaretten angehen, er raucht eine nach der anderen. Würde ich mit ihm die Panini teilen, so wie mit Colombo?

Der Bahnsteig ist schlecht beleuchtet von einem einzigen grellen Scheinwerfer über der Rolltreppe. Dort suchen Passagiere ihren Zug nach Milano. Auch verspätet und mehrmals auf verschiedenen Bahnsteigen angezeigt. Sie rasen herum und diskutieren aufgeregt. Vielleicht wird ihnen davon warm? Der Rest des binario 4 centrale liegt im Dunkeln. Auf der Metallbank sitzt noch immer der Mann. Bei meinen Versuchen, mich aufzuwärmen, Koffer schieben und rollen, Knie beugen und Füße auf den Boden stampfen, Beine abwechselnd öffnen und schließen, Arme hochklappen, oben klatschen und runter an die Oberschenkel schlagen, es funktioniert noch, das Aufwärmen wie vor einem Völkerballspiel im Sportverein. Ich bin schon mehrmals an ihm vorbeigekommen.

Ein Sandler. Langes, dichtes, graues Haar, er raucht ohne Unterbrechung, vorne ein Sporthemd, unten wabbelnde Hosen, seine Füße stehen auf dem Asphalt, die Schuhe neben ihm so wie eine halbleere Reisetasche. Für den Täuberich hatte ich schnell einen Namen, das letzte Brötchen, viel Mitgefühl und Anteilnahme an seinem Leben. Für den da gar nichts, nur Momentaufnahmen, klickklickklick, Registrierungen.

Aber auch diese Erkenntnis stammt von später und die Erschütterung. Zu meiner Entschuldigung – drei Stunden davor mit Colombo war mir noch nicht so sterbenskalt.
Ich friere in meinen Daunenklamotten und festen Wildlife-Schuhen so entsetzlich wie nie zuvor, auch nicht in Sibirien oder am Eismeer. Beuge Knie, stampfe die Füße, schmeiße Beine und Arme in die Höhe, trotzdem kommt keine Wärme auf. Die Tafel springt auf Rit. aus Roma 30 Minuten. Nein, das halte ich nicht aus. Gehe ins Hotel. Aber verdammt, ich habe 99 Euro bezahlt, und das nur für einen Sitz. Kofferrollen den Bahnsteig rauf und runter, Achterschleifen um Säulen, Papierkörbe, Metallbänke herum samt Körperübungen an jedem Ende.

Meine in der kalten Mühlviertler Kindheit eingeübte Methode versagt zum ersten Mal: Atem anhalten, alle Körperteile anspannen, loslassen, anspannen, loslassen. Anspannen bis in die Zehen hinein und alle Gesichtsteile. In meiner Kindheit hatte ich die Überzeugung mit dieser Reibungsenergie das kleine Kraftwerk am Gießenbach am Laufen halten zu können. Am Bologna Centale keine Spur von Wärme. Eine junge Italienerin, unterwegs nach Milano, macht es mir nach, wir lächeln einander zu, sie hat kein Feuer, dann rauchen wir eine gemeinsam, obwohl es am Bahnsteig verboten ist.

Bei meinen Kofferwanderungen komme ich einmal zu nahe an dem Menschenwrack vorbei und nehme einen Geruch von Scheiße wahr, frisch, scharf, warm. Gerade den angeschissenen Hosen entströmt. Er aber sitzt völlig ruhig da, pafft eine Zigarette nach der anderen und gräbt mit der anderen Hand in seinem dichten, grauen Haar, die Füße in Socken neben den Schuhen auf dem Boden. Um den linken Knöchel ist lose eine Flasche gewickelt, sie endet irgendwo unter der Bank.

Ich überschlage kurz, was ich noch im Rucksack habe: ein gut belegtes Panino und ein leeres, eine Packung Reiswaffel, eine Orange, eine Schachtel Philadelphia-Streichkäse, ein Eckerl Parmesan, ein hart gekochtes Ei, als Jause für unterwegs; eine Schachtel mit glasiertem Mandelgebäck, je ein Glas Akazienhonig und schwarze Oliven, und eine Riesentafel Mandel-Trauben-Schokolade – Apulien-Mitbringsel für Agnes, meine Katzensitterin. Gar nicht so wenig, das könnte unter anderen Umständen ein kleines Picknick abgeben.
Vielleicht war er der Wunderornithologe, der dem Colombo sein Entenbein gebastelt hat? Es ist schon eher Wahn, richtig denken kann ich nicht mehr. Warum, verdammt nochmal, ist ihm nicht kalt oder zeigt er es nicht? Mich packen Ingrimm und Neid.

Ich trage an meinem Körper eine dicke Daunenjacke, zwei Unterhemden, eine Bluse, eine gesteppte Fleecejacke, einen Wollpullover bis in die Kniekehlen, an den Füßen festes Schuhwerk mit Filzeinlagen und zwei Paar Socken. Oben eine dicke Strickmütze, einen Schal, modisch ausladend wie eine Pferdedecke und natürlich Handschuhe.
Trotzdem friere ich bis zum Erbrechen – oder wird es ein Herzinfarkt oder Schlaganfall? Habe noch nichts davon erlebt. Wie kündigt sich so etwas an? Friert man mehr, wenn man Kälte an einem Ort nicht erwartet, sie einen überfällt wie Wegelagerer? Oder doch noch vor dem Sterben ein böser Anschlag auf die ÖBB und trenitalia. Dieser Gedanke hält bei allen rasenden Rachegelüsten nicht warm.

Als der Zug kurz vor Mitternacht endlich einfährt, wird der Sandler munter; er schlüpft in seine Schuhe, stopft die Fasche in einen Socken und bindet die losen Schnüre zu. Er zieht seine Jacke an, die ich vorher für einen roten Fetzen neben ihm gehalten habe. Er schultert seine Tasche, steht plötzlich aufrecht und hat ein Billett in der Hand, so wie ich auch. Als der Zug einrollt, stehen wir kurz nebeneinander, er genauso suchend wie ich. Oh Gott, denke ich noch, weniger als ein Gedanke, bitte, nicht in mein Abteil.

Ich laufe weiter, suche carrozza 410, noch einmal steht er neben mir, ich rieche Scheiße, komme mit meinem Koffer knapp rauf über die Stufen und finde den Sitz 95F, in einem Sechserabteil, so alt und hässlich, wie ich schon vor vierzig und mehr Jahren mit den ÖBB gereist bin, diese unseligen, in der Mitte zusammenschiebbaren Sitze, die immer auseinanderrutschen. So was gibt‘s noch in Betrieb? Da ist schon ein junger Japaner, der im Abteil residiert wie in einem High-Tech-Studio. Aber er ist höflich, entfernt blitzschnell alle seine ausgebreiteten Geräte und legt sich unter einer Kabeldecke schlafen. Er wird in Bruck an der Mur aussteigen. (Was macht ein Japaner in Bruck an der Mur?)

Wo der Sandler untergekommen ist, kriege ich nicht mehr mit. Von Bologna bis zum Brenner, drei Stunden ohne Halt und Kontrolle in der Wärme eines WC. Oder wo sonst?
Aber das ist eine Frage von sehr viel später, als Herz, Hirn und Gebeine schon wieder etwas aufgetaut waren.
Bis zum Brenner bin ich nicht mehr aufgewacht. Ich habe von Colombo und seinem geheimnisvollen Entenbein geträumt: Hoppauf, Colombo, gib‘s ihnen, das ist dein Brot! Vom Sandler nicht. Das Verschieben der Waggons nach Rosenheim/München/Wien scheint endlos. Als ich kurz aus dem Fenster luge, sehe ich, wie zwischen Schneebergen ein Mann von zwei vermummten Polizisten abgeführt wird. Es ist dunkel, er erscheint mir kleiner, aber das rote Blouson und die dünne Tasche glaube ich schon einmal gesehen zu haben.

Wien, 23./ 24.2.18

Veronika Seyr
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Loblied auf eine Zwergenbahn II (Italien 4)

Abreise 19.2., 10 Uhr 07 zurück nach Lecce,
statt 14 Tage 4 Tage, Flucht in den Norden

Seit ich um 3 Uhr 45 aufwachte, rauscht schwerer Regen nieder, senkrechte Ströme aus Scheffeln, ab und zu weht eine Sturmböe volle Gießkannen waagrecht gegen die Fenster. Unter Heulen, Klappern und Ächzen vom Balkon her bleibt wenig von der Italianita übrig. So geht das schon mit einer Ausnahme den vierten Tag. Der Entschluss ist gefasst, der Koffer gepackt, die Panini-Jause im Rucksack verstaut, die Thermoskanne voll mit Kaffee für die nächsten 24 Stunden auf diversen Bahnhöfen und in trenitalia.

Ich bin anfangs der einzige Passagier im Triebwagen, später steigen zwei junge Afrikaner zu, die Handys halten, laut mit Buon Giorno grüßen und nach einigem Herumspielen einschlafen. Die Wiesen und Ackerfurchen stehen voll Wasser, von der Terracotta rötlich-braun gefärbt. Wintergetreide wächst halbhoch und hellgrün, in langen Reihen Stängelkohl, Brokkoli, Salat, Artischocken und anderes Gemüse, das ich nicht kenne. Frühlingsblumen wie bei uns vielleicht in zwei Monaten, Klatschmohn, Löwenzahn, Hahnenfuß, alles so grün und bunt, wie es die nächsten sieben, acht Monate unter der gnadenlosen Sonne nicht mehr sein würde.

Uralte Olivengiganten so weit das Auge reicht, nicht wenige davon ihrer Kronen beraubt, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Das tödliche Bakterium Xylella wütet seit fünf Jahren in Apulien, eingeschleppt mit Kaffeepflanzen aus Mittelamerika. Die Wissenschaft hat bisher keine Rettung gefunden. Braune, dürre Zweige, kaum noch irgendwo ein durchgehendes silbriges Blätterdach, wie es die alten Götter schon kannten. Es sieht aus wie mitten im Krieg, eine Dauerschlacht. Ich habe in Artikeln von der Seuche gelesen, aber dies zu sehen, ist unendlich trauriger und grausiger. Apokalypse.

Ein kluger Freund hat mich vorgewarnt – die ökologische Katastrophe sei ein Abbild der ethischen. Ich habe ihm nicht geglaubt und ihn belächelt. Ach, du alter Schwarzseher! Welch ein böser Fehler. Ich sehe es mit eigenen Augen – keine Zeit, keine Epoche, kein Regime, kein Krieg hat es bisher zustande gebracht, das Land zugrundezurichten. Wer von den Baumriesen noch lebt, den höre ich gleichsam aus den Seen zu ihren Füßen schlürfen, röchelnd in den letzten Zügen. Schreckensgestalten, wie sie dastehen mit den wenigen nach oben gestreckten Ästen, Trauerbilder ihrer selbst, die altehrwürdigen Götter sind gestürzt und zu lächerlichen Schatten verkommen.
Der prophetische Mailänder meinte, das Ende sei nahe, aber der einzige Trost sei, dass wir zwei Alten das Ende nicht mehr erleben werden.

Die Apulier sind wahrlich keine ökologischen Musterschüler. Es liegen sicher noch mehr Abfälle herum als Feldsteine. Sind das die selben Menschen, die seit Jahrhunderten mühsam die Felsbrocken aus der Erde klauben und sie zu Trulli und Mauern aufstapeln, die dann genau hinter diesen Mauern ihren Dreck abladen? Es ist nicht der landwirtschaftliche Abfall, sondern der Industriemüll, der den Anblick so besonders grässlich macht. Alte Autoreifen, Kühlschränke, TV-Antennen, ein verbogener Wäscheständer, Kanister, Plastik in jeder Form und Farbe: Eimer, Stühle, Flaschen, Planen. Am schlimmsten aber sieht es aus, wenn man versucht hat, diese Berge zu verbrennen. Bunt und schwarz gefleckte Narben in der Landschaft.

Wenn man nichts weiß und keinen zum Fragen hat, kann man sich in die wüstesten Vermutungen versteigen. Warum versagt ihr ansonsten untrügliches Talent und Gefühl für Formen und Ästhetik hier so schändlich? Ist den Bauern die Industrieproduktion so fremd, dass sie ihre Überreste abspalten und nicht als solche wahrnehmen? Aber besser so als umgekehrt, sage ich mir zum Trost und lache grimmig über unser zum verinnerlichten moralischen Gesetz gewordenes Umweltbewusstsein. Man sagt der Natur ja eine fast unendliche Anpassungsfähigkeit nach. So entwickle ich die Fantasie, dass die Ohrwaschelkakteen imstande sind, die Industrieabfälle in ihre fleischigen Körper aufzunehmen und zu verarbeiten. Möglich allerdings, dass dann die Kaktusfeigen, die ficcetini, nach Schmieröl und Blech schmecken.

Ich registriere an mir immer noch das selbe alte Entzücken, wenn an Bäumen Orangen und Zitronen wachsen oder die Erde darunter mit Fallobst bedeckt ist. Frisch wie gestern die Erinnerung, als Zitrusfrüchte bei uns selten waren und nur einzeln auftauchten als etwas Aufregendes, Exotisches aus unbekannten, weit entfernten, aber unsagbar schönen Ländern. Sehnsuchtsorte – Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh‘n? Geheimnisvolle Boten, geballte Versprechungen, ihnen einmal in den Süden entgegenreisen zu können. Diese unsäglichen Freuden der Kindheit, wenn im Nikolaussackerl neben Kletzen, Affenbrot und Nüssen die erste Orange oder Mandarine auftauchte. Wir, die zur Bescheidenheit erzogenen Nordländler, die sich schon freuten über die sauren Frühäpfel, die Klaräpfel, die Gute Luise, Gravensteiner, Schafsnasen, Renette, Boskoop und vielleicht sogar einen honigsüßen Cox Orange.

In Lecce kaufe ich an einem Straßenstand drei Riesenorangen, fast eineinhalb Kilo schwer, die noch Stängel und Blätter dranhaben. Wortlos erkennt der Verkäufer meine kindliche Freude, steckt extra noch einige glänzende Ästchen ins Sackerl und strahlt mich im Besitzerstolz aus seinen Zahnstummeln an. Warum bekommen wir in unseren Breiten nie solche Köstlichkeiten zu kaufen? Süß, saftig, fleischig, sommerduftgetränkt. Allein vom Riechen könnte man satt und glücklich werden!
Die Italiener haben schon recht, dass sie diese Göttergeschenke für sich behalten und uns nur den Ausschuss schicken. Geschmackssymphonien zerplatzen im Mund, zerstäuben gegen den Gaumen und steigen in die Nase. Eine einzige Orange hält meinen Gaumen von Lecce über Brindisi, Bari, Tarni, Foggia und Termoli, am Gargano vorbei bis nach Pescara in Entzücken, während rechts vor den Fenstern die grau-grüne Adria unter einem Februarsturm kocht und schäumt, Gischtfontänen aufsteigen und gegen die Wellenbrecher toben, bis die Finsternis alles verschluckt. Ciao, bella Italia!

Wien, 22.2.18

Gewidmet Klara Obereder

Veronika Seyr
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