Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

image_print

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Was Pag mit uns macht

Obwohl die fünftgrößte der Adria-Inseln, ist Pag ähnlich unbekannt wie die Rückseite des Mondes. Und so schaut sie auch aus. Und wenn berühmt, dann nicht für ihren Reichtum, sondern für ihre Kargheit. Und diese karge Schönheit muss man auch noch suchen.
Oder man hat Glück, und sie überfällt einen. Der Mai dieses Jahres machte es mir nicht schwer.

Der Weltuntergang hat hier schon vor langer Zeit stattgefunden, die Abholzung der Bäume für die römischen Galeeren und in Folge das Verschwinden der gesamten Vegetation. Das lässt den Großteil der Insel Pag seit 2000 Jahren wie eine Marslandschaft aussehen. Apokalypse heißt ja auch „Enthüllung“ (hab ich gegoogelt), und enthüllter kann eine Erdoberfläche nicht sein. Aber doch nicht ganz. Ihr nordwestlicher Zipfel mit dichten Steineichenwäldern und den ältesten wilden Olivenbäumen der Welt überrascht und versetzt einen dann in einen Olivenbaum-Wahn. Die wilden Oliven – diesen Unterschied muss man machen, denn die ältesten kultivierten wachsen auf Kreta. Sorry, Pag.

Auf den Hügeln hinter dem kleinen Hafendörfchen Lun erstrecken sich in lichten Wäldern die alten Baumriesen, die die Bewohner seit Generationen veredeln. Knorrig, vielfach in sich selbst verdreht und gewunden, manchmal wie Drachen am Boden geduckt, in alle Richtungen gestreckt und gequält wie Christusse am Kreuz, nehmen sie die Steine in ihre Stämme auf und leben in Harmonie mit ihnen. Offenbar bekommen sie etwas von ihnen. Ihre Früchte trotzen sie dem steinigen Boden ab und kämpfen Jahr für Jahr mit den Stürmen der Bora und des Scirocco, hier Jugo genannt. Auch in der gnadenlosesten Sonne harren sie aus, nichts anderes gewöhnt, die heiteren, silbergrauen Wächter des Paradieses, selig in ihrer Wildnis, von nichts umgeben als von Licht, Luft, Feld und Meer. Schafe, unsichtbar irgendwo hinter Natursteinmauern. In Gigantenarbeit graben die Inselbewohner die Felsblöcke aus der Erde, türmen sie auf und schaffen Reihen von Unendlichkeiten, mäandernde Traumlinien in Weiß, Grau und Rosa durch die Landschaft, dazwischen knallt sich baumhoher, goldgelber Ginster hinein.

Natürlich gedeihen die Oliven auch wegen der Liebe und wegen dem Stolz ihrer Besitzer. So einer ist Edo, unser Gastgeber und jetzt unser Führer.
Mit Ante Gotovina will er nichts zu tun haben. Er schüttelt unwillig den Kopf und macht eine wegwerfende Handbewegung, als ich auf das Denkmal hinweise. Unter einem 1600 Jahre alten Ölbaum haben Kameraden dem verurteilten Kriegsverbrecher des „vaterländischen Krieges in ewiger Liebe und Dankbarkeit“ einen Stein gesetzt.
Weiter oben sitzen wir dann unter dem ältesten mit 2000 Jahren, lange schweigend. Es sind auch einige Baum-Umarmer-Leute dabei.

In keiner Mythologie, in keinem Epos ist von Pag die Rede. Keine Helden sind hier gestrandet, keine Göttinnen an Land gestiegen oder in den Hades gefahren, keine Schlachten wurden geschlagen, es gibt keine Höhlen mit Riesen, auch keine schönen Mädchen am Strand, die die müden Krieger verzaubern oder laben. Auch ist nichts bekannt von Tempeln und Klöstern, in denen weise Männer Visionen hatten und aufschrieben, über die die Menschheit jetzt noch rätselt. Pag ist einfach nie ein Thema in der Weltgeschichte gewesen. Und in der Geografie nur ein unscheinbarer Steinhaufen. Ein zorniger Gott hat seinen Schlatz über diesem Meer hinterlassen, und er wurde zur Insel Pag. In Griechenland habe ich einmal die Geschichte des Schöpfungsmythos gehört, der auch auf diese Adria-Insel zutreffen könnte: Sie sind bei der Länderverteilung zu spät gekommen, da sagte Gott, er hat nur noch ein paar Gebirge und Felseninseln zu vergeben. Aber er schenkt ihnen den Olivenbaum, wenn sie ihn gut behandelten, würden sie nie Mangel leiden.

Noch eine andere Pager Delikatesse verdankt sich der Kargheit, der Schafkäse. Außer im kurzen Frühjahr gibt es kaum grünes Gras, die Tiere ernähren sich hauptsächlich von Strohblumen und Disteln, von Minze, Salbei und Thymian, was den Paski sir so besonders würzig macht. Wenn sie können, knabbern sie auch an Feigenbäumen, Steineichen und Rosen. Wahrscheinlich ist es genauso bei den Schweinen, die den köstlichen Paski prsut, den Pager Schinken, hergeben. Was Schafe und Schweine vielleicht nicht so wahrnehmen wie wir (aber wer weiß das schon so genau?), sind die Gerüche, die von diesen bescheidenen Felsenhaufen ausgehen.

Pag ist eine Duftinsel. Ich gehe die Straße hinunter zum Hafen unter Palmen, Feigenbäumen und Oleander, neben mir eine Hecke aus Rosmarin, höher als ich und dick wie ein Autobus, wuchert sie aus dem Zaun heraus, weiter ein Wäldchen aus hochgewachsenen Ginster- und Lavendelbüschen, ausladend wie Palmenkronen. Das sind nur die sichtbar auffälligsten, aber die vielen ebenso stark duftenden Kräuter und Gräser kann ich nicht beim Namen nennen. Wenn wir am frühen Morgen und am Abend von unseren Übungen zurückkommen, umgibt einen die Luft wie eine Geruchssymphonie, die einhüllt wie ein weicher, wohliger Mantel. Sie schmeichelt und streichelt so zärtlich, dass man sie umarmen und esstrinken möchte. Die Möwen mit ihrem Kampfgeschrei sind immer da.

Auch der dritte Reichtum wird der Natur nur mit Mühe entzogen – das Meersalz in den Salinen von Pag. An manchen Stellen ist die Insel so schmal, dass man glaubt, mit der Hand einmal auf dieser, einmal auf der anderen Seite eintauchen zu können. Überall sieht man übers Meer hinweg. Jenseits des tiefblauen Wassers fallen die schroffen Felswände des Velebit-Gebirges in einer Fülle von wechselnden Farben und Formen in die Fluten. Und auf der anderen Seite, zur offenen Adria hin, reihen sich Inseln an Inselchen, Vorgebirge an Halbinseln und große an kleine Buchten. Manche Landnadeln ragen so schmal und spitz ins Meer hinaus, dass man sich wundert, warum dort keine Schiffe und Segelboote aufgespießt sind wie Schaschlik.

Auf das Festland hinter dem Velebit schaue ich anfangs nur mit Scheu hinüber und schnell wieder weg. Mit Schaudern kommt die Zeit vor 25 Jahren zurück, als dort der jugoslawische Bruderkrieg tobte und ich dabei war. Die Linie von Karlobag bis Karlovac erobern, hieß damals die großserbische Losung. Bei der Bezirkshauptstadt Gospic lag ich anstatt an Adria-Stränden in kroatischen Schützengräben. Die Naturwunder der Plitwitzer Seen waren heftig umkämpft und vier Jahre lang von serbischem Militär besetzt. Als die kroatische Propaganda verbreitete, die barbarischen Tschetniks hätten angeblich den Nationalpark geflutet, zerstört, kämpfte ich mich dorthin durch, um festzustellen, dass das eben nur, wie vermutet, politische Gräuelpropaganda war. Für die Natur ein Glücksfall: Nie konnte sie sich so gut erholen, als damals, als die Touristenpestilenz ausblieb. Nie hab ich eine köstlichere Forelle gegessen, die mir ein illegaler Fischer zugesteckt hatte.

Und um den Vergleich auf die Spitze zu treiben, lassen sich noch die Pager Spitzen anführen. Die Inselfrauen zaubern aus einem dünnen Zwirnsfaden und sonst nichts außer Luft in den langen Wintermonaten Kunstwerke hervor. Die Touristen kaufen die Spitzendeckerl im Sommer gerne und legen sie dann im nördlichen Eigenheim unter ihre mickrigen Gummibäume und Philodendren.

Edo erzählt, dass auf den Inseln kein einziger Schuss gefallen ist, und trotzdem brauchten sie 15 Jahre, um sich zu erholen.
Erinnern, gedenken, nicht vergessen. Noch früher – aber gar nicht so lange her – war Pag die Hölle auf Erden: Das faschistische Ustasha-Regime ließ hier das KZ Slana anlegen und ermordete zwischen Juni und August 1941 tausende Menschen – Serben, Juden, Bulgaren, Armenier, Roma, Sinti und regimekritische Kroaten, Kommunisten und Agrarier. Das Nebenlager Metanja wurde extra für Frauen und Kinder errichtet. Sie ließen sie in den Saline-Feldern verrotten, warfen sie in Bergwerksschächte oder schlachteten sie einfach ab. Die Strände der neuen Party-Destination Novalija sollen meterhoch mit Leichen übersät gewesen sein. Die italienischen Besatzer waren so entsetzt, dass sie die KZs schlossen. Die kroatischen Ustasha-Schergen ließen sie aber zusammen mit ihren Opfern abziehen, die fast alle im innerkroatischen KZ Jasenowac ermordet wurden.

Man sieht es sofort, wenn man ankommt: Diese Insel ist eine Bezwingerin, Überwinderin, Überlebenskünstlerin. Sie hat nichts. Nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag von berühmten Söhnen und Töchtern. Sie hat keine berühmte Zauberin aufzubieten, sie ist selbst eine. Sie macht aus dem Mangel eine Fülle, aus Wirrnis Ordnung, aus Eintönigkeit Abwechslung, aus Einfachheit Komplexität, als wäre sie die Inkarnation der dialektischen Philosophie.
Der Mangel schärft die Sinne und macht empfänglich für alles, was möglich ist. Weckt das Schlummernde auf und befördert es ins Leben.

Das müssen die Entdecker und Erfinder der Pager Woche unmittelbar gefühlt haben, als sie sich hier niederließen und ihnen Gleichgesinnte seither freudig folgen. Vom Gefühl zur Erkenntnis und zur Tat, dass Qigong, Taiji und Shaolin besonders gut hierher passen, in eine Abstraktion von Natur, wie das Bild einer chinesischen Steinabreibung. Die Umwandlung von Energien in etwas Neues, Besseres, Reicheres.

Diese Insel strickt wie im Märchen aus leer gedroschenem Stroh Gold. Das macht demütig und dankbar.

Wien, 8.6.2018

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

Erstveröffentlichung: Der Standard, 14.7.18, Album, S. A4/5
unter dem Titel: "Eine Insel als Überlebenskünstlerin"

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18130

Die Ohrfeige der Tante Fritzi

Sie war die älteste Schwester meines Vaters und meine Taufpatin. Eine Auszeichnung für das ganze Leben. Ich war sehr stolz auf sie, weil sie eine von allen hochgeachtete Person war. Sogar mein Vater hörte auf sie. Und ihr Mann, mein Onkel Franz Puchberger, war nicht nur ein Riese von Gestalt mit einem großen, immer roten Kopf, sondern der respektierte und gefürchtete Herr Direktor, Direktor der einklassigen Volksschule von St. Nikola. Er unterrichtete alle Kinder der acht Klassen in allen Gegenständen. Meinen älteren Geschwistern, die noch in seine Fänge gerieten, war er der Albtraum ihrer Kindheit. Aber davon redeten sie erst viel später, als sie schon nicht mehr in seiner Gewalt waren. Es gab nichts, worum wir nicht konkurrierten, vom Kirschkernweitspucken, vom Skabiosen-Köpfe-Abreißen und -Weitschießen bis zum Sauerrampfer- und Brennnesselschlucken, dem Einsammeln von Kartoffelkäfern, Schwammerln und Beeren aller Art bis zu Zwetschkenknödelessen und dem Weitpinkeln – das betraf natürlich nur die Brüder und Cousins.

Aber wichtiger war die Hierarchie der Taufpaten und -patinnen. Hedwig, zum Beispiel, hatte die Tante Sefi, Vaters jüngste Schwester, das Fräulein von der Post, nicht sonderlich hochgestellt in der Hierarchie, weil sie als Jüngste und Unverheiratete die Dienerin und der Blitzableiter der Großmutter war. Die Kinder entwickeln schnell ein gutes Gefühl dafür, was unter den Erwachsenen läuft, von oben nach unten. Liesl hatte Tante Liesl als Taufpatin, die war abenteuerlich und lieb, aber fast immer weit entfernt. Sie lebte in New York und kam nur einmal im Jahr auf Besuch.
Agnes hatte Tante Paula, mir die allerliebste von allen, aber keine richtige Tante, nur eine Freundin der Familie. Und dazu nur im Lehnstuhl, alt und schrullig. Ich mochte Tante Liesl sehr, aber meine Schwester bedauerte ich. Ähnlich gelagert war der Fall des ältesten Bruders Helmut. Er bekam Franz König als Taufpaten, der später Kardinal wurde, einen Jugendfreund meines Vaters, sicher die höchstgestellte Persönlichkeit unter den Taufpaten.
Am meisten beneidete ich Bernhard. Sein Taufpate war Onkel Klaus. Er war der Chef der Großfamilie, in die ich geboren wurde. Alleinerbe des Bräuhauses und Inhaber der Firma, besaß zwei Lastkraftwagen, viel Grund und Wald, hatte zweieinhalb Angestellte und eine strenge Frau, meine Tante Sofie, die später meine Firmpatin wurde. Wen Franzi zum Taufpaten hatte, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht den Sohn von Tante Liesl in New York, von dem ich nur wusste, dass er Franz Kuno hieß und als Brother David ins Kloster Mount Savior ging und später als Jesuit und Buddhist sehr berühmt wurde.

Wir hatten nicht nur eine Regierung der Eltern, sondern eine Unterregierung der Taufpaten. Die Firmpaten rangierten etwas weiter dahinter. Weil im Firmungsalter war man entweder schon ein guter Christ oder es waren Hopfen und Malz verloren. Gab es eine Hierarchie der Sakramente? Konkurrenz? Würde mich in dieser Familie nicht wundern.
Mir kommt vor, dass diese Onkel und Tanten mächtiger waren als die Eltern, weil diese sehr vieles, was sie selbst nicht bewältigen konnten, auf Erstere abschoben und sie in die Pflicht nahmen. Sie hatten ja bei der Taufe ein Gelübde abgelegt, darüber zu wachen, dass wir gute Christenkinder wurden.

Von meiner Tante Fritzi habe ich nur Gutes in Erinnerung. Ich fand sie himmlisch schön und elegant. Ich glaube, dass sie mich mochte, obwohl sie sehr streng zu mir war. Ihre beiden Kinder Inge und Wolf waren um vieles älter und schon aus dem Haus. So nahm sie mich wie ein spätes Kind an. Ich habe mehr frühkindliche Erinnerungen an sie als an meine Mutter. Sie war eine richtige Dame, wohnte in ihrem eigenen Haus, hatte einen Garten und bekam viele vornehme Besuche. Tante Fritzi gab Klavier- und Gesangsunterricht. Wenn ich wie ein Mäuschen von der Küche aus ihren Unterrichtsstunden zuhörte, glaubte ich mich im Himmel, so schön waren ihre Stimme und ihr Spiel. Gestorben und im Himmel zu sein, das waren in meiner Kindheit gute Zustände.

Sie leitete den Kirchenchor und war die Organistin der Kirche des Heiligen Nikolaus. Nur die Stimme von der Kranzer Liesi war noch schöner, engelsgleich. Aber die ließ man nicht immer singen, weil sie sich nicht an die Noten hielt und vor lauter Begeisterung über die eigene Stimme zu improvisieren begann und damit nicht mehr aufhörte. Das fanden nicht alle schön und es störte den streng geregelten Ablauf der Messe doch erheblich.
Auch Tante Fritzis Tochter Inge und Tante Sefi waren mit Engelsorganen gesegnet.
Diese vier machten den Großteil des St. Nikolaer Kirchenchores aus. Das Schönste war aber doch die Orgel der Tante Fritzi. Meine Liebe zur Musik geht sicher auf die Kirchenmusik in der Dorfkirche zurück.
Dieses Brausen, diese Fülle, diese Macht, die Lautstärke und dann wieder die Zärtlichkeit wie von einer einzigen Flöte. Ich lernte als erstes Instrument Flöte.
Vor den Hochämtern ging Tante Fritzi im Pfarrhof aus und ein, hatte Gespräche mit dem Pfarrer, Hochwürden, zu denen ich sie begleiten durfte, natürlich nur bis in den Vorraum. Die Pfarrersköchin Nannerl kümmerte sich währenddessen um mich. Ich bekam Himbeersaft und Kekse. Es roch dort immer nach einer Mischung aus Vanillekipferln, Weihrauch und Mottenpulver. So stellte ich mir das Vorzimmer zum Himmel vor.

Für das Glockenläuten waren die Buben zuständig. Die Seile hingen im Vorhaus der Kirche aus dem Turm herunter.
Sie zogen daran, ließen sich hochziehen, baumelten eine Zeitlang an ihnen und kamen wieder auf den Boden. Stießen sich ab und ließen sich wieder nach oben tragen. Das ging so lange, bis draußen das ganze enge Donautal überschallt war und drinnen in der Kirche das Bimmeln der Ministrantenglöckchen erklang. Das Hochamt konnte beginnen. Der Pfarrer kam in vollem Ornat von rechts aus der Sakristei und bezog seine Position vor dem Altar. Vom Chor die Orgel, Vorspiel, schwoll an und breitete sich aus.
Ich mochte alles in der Kirche und an dem Gottesdienst, der Mesner hielt an einer langen Stange den rotsamtenen Klingelbeutel in die Bankreihen hinein und murmelte immer sein Vagösgod, Godvagöds. Lange Zeit glaubte ich, er sei ein Finne oder Ungar, zurückgeblieben vom Krieg, der war ja noch nicht so lang vorbei, weil ich ihn nicht verstand. In den hölzernen Heiligen Nikolaus auf einem Podest links vom Altar war ich verliebt und wollte ihn später heiraten. Weil er doch der beste Mensch war und die Kinder beschenkte.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr: Vielleicht war ich fünf, höchstens sechs Jahre alt. Nach langem Betteln erlaubte mir Tante Fritzi einmal, den Blasbalg zu bedienen. Treten hieß das. Etwas so Feierliches wie das Hochamt am Ostersonntag. Sie intonierte die Intrada der Schubert-Messe.
Die Orgel war sehr alt. Ihr Blasbalg war eine Art von beweglicher Stufe, die je nach Menge der Luft rauf und runter ging. Man musste das gleichmäßig machen, damit die Orgel nicht ins Stottern kam. Rauf ging es von selbst, die Luft hob die Stufe empor, war man aber oben, musste man Druck ausüben, damit sich die Stufe wieder senkte, damit der Blasbalg zusammengedrückt wurde.

Ich liebte dieses Aufwärtsschweben auf der Luft. Zum Runterdrücken stützte ich mich mit beiden Händen am Rahmen ab, ging in die Knie und drückte mit aller Kraft nach unten. Aber es passierte: Ich weiß nicht mehr, warum, ging mir die Kraft aus, war ich abgelenkt vom Hochamt unten? Der Orgel ging die Luft aus, sie schnaufte, röchelte, krächzte, rasselte und versickerte dann in einem quietschenden Seufzer, die Tonleiter abwärts. Eine Art von langgezogenem Furz, Schas, Boller, Pu, wie auch immer, ziemlich unheilig in einem Hochamt. Jeder in der Kirche dachte an das Gleiche, im Hochamt Gehörte. Dann Stille. Drei Sekunden oder drei Ewigkeiten.
Die Gesichter drehten sich zurück und hinauf zum Chor. Stille, nie war sie tiefer. Füßescharren und Räuspern. In diese Stille hinein klatschte eine Ohrfeige. Eindeutig eine Ohrfeige. So kann nur eine Ohrfeige klingen. Hart, kurz, fett und schmatzend, auch sehr körperlich wie auf ein nacktes Hinterteil. Die zarte, sanfte Tante Fritzi hat ungeahnte Kräfte.

Bei mir klingelte es in den Ohren und vor den Augen tanzten die Sternchen. Ist das jetzt der Himmel? In jeder Kirche ist man ihm immer näher, und dann auch noch auf dem Chor neben der göttlichen Orgel. Ich glaube bis heute, dass mir Tante Fritzi nicht wirklich eine Ohrfeige geben, sondern mich nur aus meiner misslichen Lage oben auf dem Blasbalg befreien wollte. Schnell eilte der Mesner Sepp die Stufen herauf auf den Chor, schubste mich vom Blasbalg weg. Mit neuer Luft aus dem Blasbalg setzte Tante Fritzi ihr Orgelspiel fort bis zum feierlichen Brausen des letzten Stücks, das mir so gut gefiel, dass ich immer weinen musste:
Großer Gott, wir lo-o-ben dich! Herr, wir preisen dei-ei-ne Stärke.Vor dir nei-ei-gt die Erde sich und bewundert deine Werke.

Nur wie sich die Erde – eine Kugel – vor Gott verneigt und ihn gleichzeitig bewundert, dieses Bild konnte ich nie zusammenbringen.
Es war übrigens die einzige Ohrfeige meines Lebens. Bis jetzt.

Wien, 24.3.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 18129

Loblied auf eine Zwergenbahn II (Italien 4)

Abreise 19.2., 10 Uhr 07 zurück nach Lecce,
statt 14 Tage 4 Tage, Flucht in den Norden

Seit ich um 3 Uhr 45 aufwachte, rauscht schwerer Regen nieder, senkrechte Ströme aus Scheffeln, ab und zu weht eine Sturmböe volle Gießkannen waagrecht gegen die Fenster. Unter Heulen, Klappern und Ächzen vom Balkon her bleibt wenig von der Italianita übrig. So geht das schon mit einer Ausnahme den vierten Tag. Der Entschluss ist gefasst, der Koffer gepackt, die Panini-Jause im Rucksack verstaut, die Thermoskanne voll mit Kaffee für die nächsten 24 Stunden auf diversen Bahnhöfen und in trenitalia.

Ich bin anfangs der einzige Passagier im Triebwagen, später steigen zwei junge Afrikaner zu, die Handys halten, laut mit Buon Giorno grüßen und nach einigem Herumspielen einschlafen. Die Wiesen und Ackerfurchen stehen voll Wasser, von der Terracotta rötlich-braun gefärbt. Wintergetreide wächst halbhoch und hellgrün, in langen Reihen Stängelkohl, Brokkoli, Salat, Artischocken und anderes Gemüse, das ich nicht kenne. Frühlingsblumen wie bei uns vielleicht in zwei Monaten, Klatschmohn, Löwenzahn, Hahnenfuß, alles so grün und bunt, wie es die nächsten sieben, acht Monate unter der gnadenlosen Sonne nicht mehr sein würde.

Uralte Olivengiganten so weit das Auge reicht, nicht wenige davon ihrer Kronen beraubt, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Das tödliche Bakterium Xylella wütet seit fünf Jahren in Apulien, eingeschleppt mit Kaffeepflanzen aus Mittelamerika. Die Wissenschaft hat bisher keine Rettung gefunden. Braune, dürre Zweige, kaum noch irgendwo ein durchgehendes silbriges Blätterdach, wie es die alten Götter schon kannten. Es sieht aus wie mitten im Krieg, eine Dauerschlacht. Ich habe in Artikeln von der Seuche gelesen, aber dies zu sehen, ist unendlich trauriger und grausiger. Apokalypse.

Ein kluger Freund hat mich vorgewarnt – die ökologische Katastrophe sei ein Abbild der ethischen. Ich habe ihm nicht geglaubt und ihn belächelt. Ach, du alter Schwarzseher! Welch ein böser Fehler. Ich sehe es mit eigenen Augen – keine Zeit, keine Epoche, kein Regime, kein Krieg hat es bisher zustande gebracht, das Land zugrundezurichten. Wer von den Baumriesen noch lebt, den höre ich gleichsam aus den Seen zu ihren Füßen schlürfen, röchelnd in den letzten Zügen. Schreckensgestalten, wie sie dastehen mit den wenigen nach oben gestreckten Ästen, Trauerbilder ihrer selbst, die altehrwürdigen Götter sind gestürzt und zu lächerlichen Schatten verkommen.
Der prophetische Mailänder meinte, das Ende sei nahe, aber der einzige Trost sei, dass wir zwei Alten das Ende nicht mehr erleben werden.

Die Apulier sind wahrlich keine ökologischen Musterschüler. Es liegen sicher noch mehr Abfälle herum als Feldsteine. Sind das die selben Menschen, die seit Jahrhunderten mühsam die Felsbrocken aus der Erde klauben und sie zu Trulli und Mauern aufstapeln, die dann genau hinter diesen Mauern ihren Dreck abladen? Es ist nicht der landwirtschaftliche Abfall, sondern der Industriemüll, der den Anblick so besonders grässlich macht. Alte Autoreifen, Kühlschränke, TV-Antennen, ein verbogener Wäscheständer, Kanister, Plastik in jeder Form und Farbe: Eimer, Stühle, Flaschen, Planen. Am schlimmsten aber sieht es aus, wenn man versucht hat, diese Berge zu verbrennen. Bunt und schwarz gefleckte Narben in der Landschaft.

Wenn man nichts weiß und keinen zum Fragen hat, kann man sich in die wüstesten Vermutungen versteigen. Warum versagt ihr ansonsten untrügliches Talent und Gefühl für Formen und Ästhetik hier so schändlich? Ist den Bauern die Industrieproduktion so fremd, dass sie ihre Überreste abspalten und nicht als solche wahrnehmen? Aber besser so als umgekehrt, sage ich mir zum Trost und lache grimmig über unser zum verinnerlichten moralischen Gesetz gewordenes Umweltbewusstsein. Man sagt der Natur ja eine fast unendliche Anpassungsfähigkeit nach. So entwickle ich die Fantasie, dass die Ohrwaschelkakteen imstande sind, die Industrieabfälle in ihre fleischigen Körper aufzunehmen und zu verarbeiten. Möglich allerdings, dass dann die Kaktusfeigen, die ficcetini, nach Schmieröl und Blech schmecken.

Ich registriere an mir immer noch das selbe alte Entzücken, wenn an Bäumen Orangen und Zitronen wachsen oder die Erde darunter mit Fallobst bedeckt ist. Frisch wie gestern die Erinnerung, als Zitrusfrüchte bei uns selten waren und nur einzeln auftauchten als etwas Aufregendes, Exotisches aus unbekannten, weit entfernten, aber unsagbar schönen Ländern. Sehnsuchtsorte – Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh‘n? Geheimnisvolle Boten, geballte Versprechungen, ihnen einmal in den Süden entgegenreisen zu können. Diese unsäglichen Freuden der Kindheit, wenn im Nikolaussackerl neben Kletzen, Affenbrot und Nüssen die erste Orange oder Mandarine auftauchte. Wir, die zur Bescheidenheit erzogenen Nordländler, die sich schon freuten über die sauren Frühäpfel, die Klaräpfel, die Gute Luise, Gravensteiner, Schafsnasen, Renette, Boskoop und vielleicht sogar einen honigsüßen Cox Orange.

In Lecce kaufe ich an einem Straßenstand drei Riesenorangen, fast eineinhalb Kilo schwer, die noch Stängel und Blätter dranhaben. Wortlos erkennt der Verkäufer meine kindliche Freude, steckt extra noch einige glänzende Ästchen ins Sackerl und strahlt mich im Besitzerstolz aus seinen Zahnstummeln an. Warum bekommen wir in unseren Breiten nie solche Köstlichkeiten zu kaufen? Süß, saftig, fleischig, sommerduftgetränkt. Allein vom Riechen könnte man satt und glücklich werden!
Die Italiener haben schon recht, dass sie diese Göttergeschenke für sich behalten und uns nur den Ausschuss schicken. Geschmackssymphonien zerplatzen im Mund, zerstäuben gegen den Gaumen und steigen in die Nase. Eine einzige Orange hält meinen Gaumen von Lecce über Brindisi, Bari, Tarni, Foggia und Termoli, am Gargano vorbei bis nach Pescara in Entzücken, während rechts vor den Fenstern die grau-grüne Adria unter einem Februarsturm kocht und schäumt, Gischtfontänen aufsteigen und gegen die Wellenbrecher toben, bis die Finsternis alles verschluckt. Ciao, bella Italia!

Wien, 22.2.18

Gewidmet Klara Obereder

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18125

Der Korkenzieher – il cavatappi (Italien 3)

Ich glaube an die Magie der Orte.
Franz Kafka über Müritz, Juli 1923

Vom Sonnenschein angelockt, rüstete ich mich gegen Mittag zum ersten Gang durch die Stadt. Die Schrecken der Nacht würden sich unter dem blauen Himmel auflösen, so die Hoffnung. Ein paar Schritte von der Haustüre die enge Gasse hinunter kreuzt sich meine Via Monte Grappa mit der Via Settembrini und der Galileo Galilei – wunderbare Schutzheilige, denke ich mit Befriedigung. Die Kirche San Rocco ist so groß, dass sie auf jedem Platz Mailands stehen könnte, der anschließende Corso Emmanuele I. ebenfalls. Immer wieder diese Freude und Sentimentalität der Alpenländlerin, wenn unter den Kugelbäumen vom Sturm abgeschüttelte Orangen liegen und nicht angefaulte Mostbirnen oder zerdeptschte Zwetschken. Das ist schon mal der Anfang von der Italieneta!

Als Erstes im Tabacchi Zigaretten kaufen, suche nach Schulheften und Kulis, sollten meine mitgeführten Vorräte nicht reichen, Il Giorno von gestern für die Aufbesserung meines eingerosteten Italienisch, Ansichtskarten gibt es keine zu dieser touristenfreien Jahreszeit. Oder ist die freundliche, aber sehr runde Angestellte nur zu bequem, diese aus dem Lager herauszukramen? Wahrscheinlich wirke ich auf sie zu komisch und exotisch, dass sie wie gelähmt ist.
Als ich mit meinen Schätzen wieder auf den Corso heraustrete, steuert eine alte Frau ausgerechnet auf mich zu – eindeutig die einzige Touristin außer mir – und fragt mich – mich? Warum? Schaue ich italienisch aus? – in fünf gebrochenen Italien-Worten nach dem Weg zum Meer. Sie sieht aus wie eine weißhaarige Virginia Woolf, und ich antworte daher auf Englisch, gebe ihr die vage Richtung an, nach Süden, soviel ich vom Balkon aus hatte sehen können.
Sie schenkt mir ein so dankbares Lächeln, als hätte ich sie von irgendetwas erlöst.

Ich will eigentlich auch dorthin, durchquere aber zuerst die Stadt der Länge nach. Erst als sie in Felder überzugehen beginnt, nehme ich die Straße nach Punto Maria della Leuca, das ist dem Führer nach das Kap mit dem Leuchtturm und der Wallfahrtskirche.

Die Ausfahrtsstraße ist gesäumt von verschlossenen Villen, eingewinterten Gärten, zerfressen von Gewerbeparks – Industriekeramik, Teppichland, Fliesenland, Grabsteinland, Autozubehör, Tankstellen. Auch die grindige Pizzaria Vesuvio und eine Bäckerei haben geschlossen. Ich bemühe mich, mir die Schönheit dieser Gegend im Sommer vorzustellen. Das ist gerade schwer. Der Wind stößt mich ruppig vorwärts, manchmal zur Seite. An einer schmalen Stelle des Gehsteiges fegt mich eine Windböe auf die Straße. Zum Glück kommt gerade kein Auto daher, aber der Schock ist so heftig, dass ich in die nächste zur Stadt zurückführende Gasse einbiege und meinen Gang zum Meer auf besseres Wetter verschiebe.

Die Sonne ist da, aber sie ist so kalt, dass ich mir ein warmes Kaffeehaus herbeiwünsche. Nix da, gibt‘s nicht, ein einziges Café am Ende des Corso ist offen, drinnen und davor schwarz vor alten Männern. Also setze ich mich mit einem Fingerhut von Espresso – so schmeckt Kaffee! – an einen der Tische vor dem Lokal, dazu einen unübertroffenen Fruttone, ein mit Mandelcreme und Quittenmarmelade gefülltes Törtchen. Mich umschwirrt ein Männergeschwätz, in dem ich kein einziges italienisches Wort erlauschen kann. Die apulische Sprache soll wie das Sizilianische angeblich durchsetzt sein mit Gaben aus dem Altgriechischen, Albanischen und Arabischen, wer weiß was noch Afrikanisches. Viele Orte sind griechische Gründungen, die Nachkommen nennen sich Greki. Der Sonnenseite des Corso entlang stehen Männer an die Hauswände gelehnt – aha, nicht nur mir ist kalt, auch sie wärmen sich.

Zeit für meinen ersten Großeinkauf, beim ersten Queren bin ich an einem Supermercato Sigma vorbeigekommen. Ich raffe zusammen, was an Italianita ich bei mir in meinem Wohnturm haben will: Kaffee, Tee, Parmesan, Schinken, Gorgonzola, Yoghurt, Gläser mit Carceofini, Sugo, Kapern, Oliven, Mayonnaise, Honig, Marillenmarmelade, eingelegte Tomaten, Paprika und Silberzwieberl, schwarzen Pfeffer unbedingt, weil der wirklich nach Pfeffer schmeckt. Dann Orangen, Mandarinen und frisches Gemüse. Alles etwas teurer als bei uns, wie machen sie das? In einer außertouristischen Saison?
Lange Reihen mit dem üblichen europäischen Schrott von Danone und dänischer Butter, von Schokoriegeln und Katzenfutter. Jetzt noch Wein. Lange suche ich in der großen Auswahl, vergleiche Herkunft und Preise, die einheimischen Marken sagen mir nichts, sie haben aber schöne Namen wie Negroamaro oder Aleatica, und natürlich prüfe ich die Hälse ausgiebig nach Stoppel/Korken und Rillen. Endlich finde ich eine passende weiße und eine rote Flasche mit barbarischem, aber praktischen Schraubverschluss. Ich kaufe einen rosso um sagenhafte 7,90 Euro, einen Sanpietrana aus Brindisi, und einen billigeren bianco aus Tarento.

Jetzt noch schnell beim Panificio vorbei, ein paar Panini und einen kleinen Laib Schwarzbrot, und zurück in den Wohnturm zu meinem ersten italienischen Essen. All das gibt es natürlich auch in Wien zu kaufen, aber hier schmeckt es hundertmal besser. Warum nur? Weil die Sehnsüchte so stark sind. Trotz eines starken Kaffees überkommt mich beim Lesen des Il Giorno schnell der Schlaf – die Nacht hat ja nicht viel davon hergegeben.
Als ich aufwache, ist es schon dämmrig im Zimmer. Die Sonne ist noch nicht untergegangen, aber von grauen Wolkenbänken über dem Meer verdeckt. Schlechte Aussichten für den nächsten Tag. Das Wetter kommt ja immer aus dem Westen. Die Palmen und Eukalyptusbäume im Garten gegenüber werden gebeutelt und neigen sich bedrohlich zu Boden. An den Mauern haben die Rosen und Bougainvilleas noch Blüten, werden aber wie Lorbeer und Feitschi arg durchgeschüttelt. Eine schwarz-weiße Katze schleicht geduckt über eine Steinmauer. Weil es draußen auf dem Balkon zu kalt und windig ist, hole ich den kleinen Tisch ins Zimmer und genieße, geschützt, aber bei offener Türe, Mahl und Aussicht.
Es kann nicht mehr schöner werden, ich habe alles, wovon ich im Wiener Winter geträumt hatte.

Aber oje, die Flasche hat einen Korken, was ich nicht bemerkt habe, weil die Schlaumeier künstlich Rillen in den Plastikbezug des Flaschenhalses gemacht haben. Das kann nicht sein, ein italienischer Haushalt ohne Stoppelzieher? Ich suche die beiden Zimmer systematisch ab, den Geschirrschrank, die Bestecklade im Esstisch, die Küche – vergeblich, bis ich auf dem Sims des offenen Kamins fündig werde. Aber oh Schreck, es ist ein italienischer Korkenzieher, den Kellner so genial einhändig händeln können, aber Laien wie ich nicht beherrschen. Ich kann, wenn überhaupt, nur mit dem zweiarmigen Hebelkorkenzieher umgehen. Ich hole mir Blasen an den Fingern, aber der Korken hält, beste italienische Qualität. Vielleicht der teure Rote? Nix da, der gleiche Trick, wieder künstliche Rillen und ein fest sitzender Korken, in den ich die Spirale zuerst fast nicht hineinkriege, die aber dann auch noch unbeweglich stecken bleibt.

Bevor die Enttäuschung in Verzweiflung umschlägt, laufe ich schnell zum freundlichen Panificio und frage nach einem Geschäft mit Haushaltsgeräten, nicht ohne dass ich zuvor die paar Worte aus dem Wörterbuch herausgesucht und auf einem Zettel notiert hatte. Dove posso trovare cavatappi? Vorrei casalinghi, vorrei cavatappi, ich suche ein Haushaltswarengeschäft, einen Korkenzieher. Der Bäcker ist noch freundlicher und erklärt mir wort- und gestenreich den Weg zu einem Laden mit dem wunderbaren Namen Fortunato. Ich verstehe nur sempre diritto bis zu einem Platz und dann sinistra, gleich an der Ecke ist der negotio von senior Fortunato. Da renne ich also durch die dämmrigen Gassen und finde den Fortunato auch wirklich. Ein Gemischtwarenladen, eine Greißlerei, wie ich sie bei uns schon lange nicht mehr gesehen habe, von allem ein bisschen was. Dove, vorrei, uno cavatappi. Ich habe immer memoriert – cavatappicavatappi mit jedem Schritt – hchhch, das Herz schlägt.
Da ist Fortunatuo! Fortunatus Wurzel, denke ich natürlich. Wo kommt der her? Nestroy oder Raimund? Es ist zu kalt dafür. Er bietet einen Riesen um 8,95 und einen bescheidenen um 3,95 an. Den ich kaufe, dazu noch Zwiebeln, Knoblauch, Ricotta, Eier, Nudeln, Sugo, eine Melone und eine dicke Schnitte Speck. Fortunato schüttelt wortlos den Kopf, weil ich für all das noch zweimal zurückkomme.

Kochen, aufdecken, essen. Ist das ein Fest! Ich habe ein paar Stängel gelber Blumen am Straßenrand gepflückt und in eine Vase gestellt, nehme an, Klee. Hübsch, aber sie knicken sofort ein. Jetzt nur noch der Wein! Aber ich kriege den Stoppelzieher nicht aus der Verpackung, verdammt. Versuche es mit meiner Nagelschere, Feile, mehreren Messern aus der Bestecklade, nichts geht. Er ist atombombenfest in Plastik eingeschweißt – Made in Taiwan. Die Wohnung ist so karg eingerichtet, dass es nichts mehr zu untersuchen gibt. Endlich die Erlösung, im Kamin finde ich eine Axt, die ansonsten sicher nur zum Holzspalten dient. Mit ihr kann ich das Korkenzieher-Gehäuse zertrümmern, aber breche dabei gleich einen Arm ab. Den Sanpietrino kann ich doch noch öffnen.

Ich bin erschöpft, aber Anspannung und Kälte gleiten allmählich in allgemeines Wohlbefinden über. Dann will ich das auf dem großen Holztisch ausgebreitete Stillleben mit meinen Einkäufen fotografieren, die beiden Korkenzieher im Vordergrund und den befreiten Sanpietrino dahinter. Da zeigt meine Kamera blinkend an, dass sie keinen Saft hat. Und das Aufladekabel ist zu Hause geblieben. Wer denkt schon an so was? Wer hat überhaupt noch eine aufladbare Kamera? Also morgen eine neue Suche aufnehmen, beim Bäcker anfangen bis zum Fortunato, vielleicht.

Da höre ich ein Klopfen unten an der Tür, es ist eher ein Donnern, da tief unten eine Eisentür. Rocco fragt, wie es mir geht. Alles in Ordnung? Tutto bene, grazie, vabene. Grazie! Mein Italienisch ist so gut wie bei Donna Leon. Selig, Abreise noch einmal aufgeschoben.

Wien, 7.3.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18124

Eine italienische Nacht in der Casa Franca (Italien 2)

Als ich in Gagliano del Punto aus dem Zug steige, bin ich genau 24 Stunden unterwegs gewesen. Rocco, der frühere Besitzer des Hauses, holt mich pünktlich vom Bahnhof ab und fährt mich an die Adresse mit dem schönen Via Monte Grappa gleich hinter dem Dom. Von der Stadt sehe ich fast nichts, es regnet und ist stockfinster. Es geht durch kaum beleuchtete, menschenleere Straßenzüge, glatte, abweisende Mauern ohne Fenster, über einen mit Kugelbäumen gesäumten Boulevard und zwei städtische Plätze, die von Kandelaber-Lampen schwach beleuchtet sind. Menschen sind keine unterwegs, obwohl es erst kurz nach sieben ist.

Rocco weist mich in die Casa Franca ein, zeigt mir alles Nötige, die zwei Zimmer, Heizung, Wasser, Herd, Kühlschrank, Geschirr, Toilette, den Bettzeugkasten, den Ausgang zum kleinen Balkon und den Aufstieg zur Dachterrasse – alles klar, vabene, ich verabschiede ihn schnell und bin allein.

Eine Küche mit offenem Kamin, ein Esszimmer, ein Schlafzimmer mit zwei schmalen Betten. Mehr kann ich vorerst nicht wahrnehmen. Ich bin fast ohnmächtig vor Müdigkeit. Ich habe im Schlafwagen von Wien nach Bologna nicht geschlafen und im Zug nach Lecce nur wenig nachgeholt. Außer dem Mosaikboden nehme ich vorerst keine architektonischen Schönheiten wahr und die bunten Steine nur deswegen, weil es von dort verdammt kalt auf die Füße zieht. Die Schuhe werde ich hier wahrscheinlich höchstens unter der Dusche ausziehen. Zwei Paar Socken, an Hausschuhe habe ich nicht gedacht. Ich packe den Koffer sofort vollständig aus, schlichte die Sachen in den Kasten, richte mich in Bad und Küche ein und stelle einige Stühle um.
Eine Manie von mir, mich sofort häuslich niederzulassen, den Raum besetzen, markieren, wie ein Tier seinen Bau oder sein Terrain.

Dann krame ich aus den Tiefen des Rucksackes den Rest meines Reiseproviants hervor und breite ihn auf den großen Esstisch: ein Weckerl mit Salami, von Mayonnaise, Tomaten- und Zucchinischeiben durchnässt und labbrig, eine Ecke Gouda, zwei Mandarinen, ein Sackerl getrocknete Maroni von „ja! Natürlich“, je eine Packung Mannerschnitten und Reiscracker. Scharfe Fishermans friends Mint-Zuckerl. Nicht gerade üppig, aber ein Genuss ohnegleichen. Seligkeit sickert langsam in den Körper ein, zusammen mit dem Rest von Mineralwasser und lauwarmem Kaffee aus der treuen Thermoskanne. Dieser Platz an dem großen, alten Holztisch unter der Lampe mit einem abstrakten Bild gegenüber, das ich sofort mag – das wird meiner werden für den Rest der dreizehn Tage.

Ohne mich auszuziehen oder zu waschen, schlüpfe ich unter die Decke. Das Licht am Nachtkästchen ist zum Lesen nicht optimal, die Kissen auch nicht. Aus der Mauer strömt Kälte, also binde ich mir mein großes Tuch um die Schultern und knüpfe es auf der Brust fest.
Großmutter, babuschka. Die mitgebrachten Bücher – ein Viertel des Kofferinhalts – staple ich auf dem Nebenbett, griffbereit, auch die Tag- und Nachtbücher, Kulis und Bleistifte ebenfalls.
Verdammt, ich habe in den Vorgesprächen mit der Vermieterin nicht nach Bettlicht und Kissen gefragt, obwohl genau das immer schon und überall die wichtigsten Elemente meiner Nächte sind.
Mein aktuelles Buch „Unter der Drachenwand“ habe ich in der Bahn begonnen und es fasziniert mich von der ersten Zeile an. Irgendwie laufen zwei Filme gleichzeitig ab, in einem zusammengeschmolzen – draußen die Adriaküste von Ancona nach Süden, wenn ich hinausschaue, und im Buch steht das Salzkammergut im Jahr 1944 vor mir. Der Held friert die ganze Zeit in seiner Dachkammer am Mondsee, das Heizen ist eine der wichtigsten Überlebensfragen. Im Rapido war es wohlig warm. Ich suche im Kasten nach einer zweiten Decke, rotes Fleece, jetzt schon schwer wie eine Ziegeldecke, aber ohne echte Wärme. Der Berg um meinen Körper wird größer, ich versuche, nicht in den Spiegel des Schrankes gegenüber zu schauen.

Irgendwann bemerke ich, dass der Regen stärker wird und hart an die Scheiben der Balkontüre schlägt. Irgendwelche Dinge am Balkon klappern ständig aneinander, rasseln und quietschen? Sind das gequälte Katzen unten auf der Straße? Als ich so an die zwei Kissen gegen die Wand gelehnt sitze und in der Drachenwand lese, bemerke ich, dass sich die Buchseiten von selbst bewegen. Die Zugluft kommt von der Balkontüre her. Ich steige auf einen Stuhl und versuche, mit einem Leintuch den fingerbreiten Spalt von oben nach unten auszustopfen. Es rutscht immer wieder herunter, ich bin zu klein für diese italienische Tür, Abendgymnastik hatte ich nicht vorgehabt.

Auf dem Fußbodenmosaik breitet sich eine Wasserlache aus. Ich wische sie auf und klemme einen Stuhl unter die Türklinke. Ok, unten ist es dicht und trocken, oben versuche ich weiter, auf einem Stuhl balancierend, das Leintuch in den klaffenden Spalt zu drängen. Da gibt es einen furchtbaren Knall, und vor Schreck falle ich fast vom Stuhl. Der Regen ist in ein Gewitter mit Donner und Blitz übergegangen. Nachdem ich mich aufgerappelt habe, stopfe ich das Leintuch in den Ritz. Nach einigen Versuchen – erfolgreich. Wieder im Bett, stelle ich fest, dass sich die Buchseiten der Drachenwand nicht mehr eigenwillig bewegen. Aber immer noch Frösteln unter den zwei Decken. Eine dritte aus dem Kasten. Da kommt ein Durcheinander auf. Also löse ich das Bergungetüm auf und ziehe Schicht für Schicht die Decken und Laken von der Matratze ab. Weil ich noch die Lesebrille vor den Augen habe, nehme ich kleine, dunkle Punkte wahr.

Da hätte ich nicht so gut hinschauen sollen. Aber weil ich vom Land bin, erkenne ich sofort, was das ist – Mäusedreck, Bämmerl hieß das in meiner Kindheit. Mir graust nicht wirklich, aber erfreut bin ich auch nicht. Das zweite Bett untersuchen, es ist sauber, trotzdem darunter Besenkehren, alles ab- und frisch überziehen, Unterbett, Leintuch auf der Matratze, Leintuch unter der ersten Decke nach außen umschlagen, vier Fleecedecken drauf und Kissen aufschütteln. Mir ist kalt und gleichzeitig rinnt mir Schweiß über den Rücken und zwischen die Brüste.

Es ist klar, ich werde bestraft, und ich frage mich, wodurch ich den Zorn Gottes auf mich gezogen habe. Eindeutig, ich zähle nach, die Reste der Mäuseinvasion sind die fünfte Plage. Nach der biblischen Erzählung würde es noch fünf brauchen bis zum glücklichen Exodus. Die sechste herrscht ohnedies ständig, die undurchdringliche Finsternis der Nacht. Von nun an bleibt EXODUS an der Wand stehen. Was war geschehen? Wie war ich in diesen göttlichen Rachefeldzug geraten? Ich horche in mich hinein und kann keine Schuld finden.
Im „Falter“ die Annonce gefunden, die Vermieterin Klara kontaktiert – spontane Wärme und Sympathie – und im Reisebüro Ruefa die Bahnreise gebucht, glücklich über die günstige Sparschiene. Alles hat sich so richtig angefühlt. Keine bösen Vorzeichen, Warnungen oder Träume. Ich bleibe uneinsichtig, werde pathetisch, trotzig und wehleidig. Mir fehlt ein Adressat für Schuldzuweisungen. Und noch zeigt nichts auf mich.

Nach der Putzorgie kehre ich unter den Schutz der Drachenwand zurück und gerate wieder in ihren Sog. Der Mondsee ist doch meine zweite Kindheitsheimat, mal sehen, wie der Vorarlberger Arno Geiger mit meinem Lebensjuwel umgeht. Soweit sehr einfühlsam. Ich habe bisher nichts auszusetzen. Fast nichts. Nur, warum erwähnt er das Loch in der Drachenwand nicht? Das hätte er doch leicht verwenden können in seinem Plot, geradezu symbolisch. Immer muss ich die Schriftsteller verbessern, eine unsympathische Lehrer- und Lektoren-Krankheit, aber nicht abzulegen wie der Radiergummibleistift in der Hand beim Lesen.

Während ich überlege, wie er die Sage vom Jungfrauen verschlingenden Drachen verarbeiten hätte können, gibt es in den Tiefen des Gemäuers einen furchtbaren Rums, der mich ich aus dem Bett springen lässt. Eine Explosion? Gas, Wasser, hier, in der Nachbarschaft, Terror? Was habe ich bei Roccos Erklärungen nicht verstanden? Na gar nichts. Ich stehe wie versteinert da und erwarte mein Todesurteil. Danach gibt es ein leichtes Nachtuckern, das zusammengekrampfte Herz erleichtert sich – es war das An- und Abschwellen des Heizungsthermostats, das Geräusch ist mir vertraut. Aber was ist das wieder? Erst nach dem dritten Klogang verstehe ich, dass es für den Wassertransport eine heulende und röchelnde Pumpe gibt. Ich wohne schließlich in einem mittelalterlichen Turm. Irgendetwas klappert noch immer, es kommt vom Balkon, zum Glück, es sind nicht meine Zähne. Ich werde es hoffentlich am Morgen erfahren.

Da durchfährt es mich heißkalt – habe ich hinter Rocco abgeschlossen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich wollte ihn nur so schnell wie möglich loswerden und habe immer nur zu allem si, si, vabene, grazie gestammelt.
Sofort springt das rassistische Gedächtnis an. Die Massen von Afrikanern auf den Bahnhöfen von Bologna an allen Stationen bis nach Lecce. Ich tappe die enge, gewundene und steile Treppe nach unten in die Eiseskälte, schlotternd vor Angst und Schlaftrunkenheit. Die eiserne Eingangstüre ist tatsächlich nicht abgesperrt, drehe den Schlüssel zweimal herum und sinke kurz auf die Steinstufe. Durchatmen, aus, ein, aus, ein, Hände aufs Sonnengeflecht.
Als wäre dort wirklich ein schwarzer Mann gestanden, mit üblen Absichten, so sehr klopft das Herz, als ich wieder unter die Decken krieche und mit Hilfe von Lektüre einzuschlafen versuche. Der Dumont-Reiseführer Apulien mit seinen vielen bunten Bildern von sonnigen Stränden, Olivenhainen und Blumenwiesen hilft ungefähr so viel wie ein Märchenbuch als Trost und Wahrheitsquelle.

Lustig war diese Nacht gewiss nicht, trotzdem erwache ich erst mitten am Vormittag, ungewöhnlich erfrischt und fröhlich. Ausnahmsweise ist kein Alptraum in der Erinnerung hängengeblieben. Es gibt kein Aalen und Schlunzen, Herumdrehen im Bett. Die Glocken von San Rocco bimmeln beharrlich, und ihre zwei Uhren schlagen hintereinander jede Viertelstunde zweistimmig, also fast die ganze Stunde hindurch. Ich trete mit dem ersten italienischen Espresso auf den Balkon – ein Hoch auf Klara, sie hat einen Kaffee-Vorrat und fünf verschiedene Größen von Alessi-Maschinen – und stelle fest, dass der Regen aufgehört hat und eine bleiche Sonne durch die Wolkenfetzen scheint.
Allerdings muss ich die Tasse am Tischchen abstellen und mich mit beiden Händen am Geländer festhalten, damit der Sturm mich nicht in die Via Monte Grappa hinunterweht. Rund um mein Haus ein Gewirr von weißen Flachdächern, dazwischen Palmen und Eukalyptusbäume, vom Wind wild gebeutelt. In der Ferne winken das grüne Kap von Maria della Leuca, der weiße Leuchtturm und am Horizont ein blassblauer Streifen, die Adria. Hallo, Italien, ich bin angekommen am finis terrae. Ich schöpfe Hoffnung. Riecht es nicht schon nach dem italienischen Frühling? Und vergesse sofort die nächtliche Wandinschrift. Flucht aufgeschoben. Welch eine Hybris!

Wien, 1./2.März 18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18123

Loblied auf eine Zwergenbahn I (Italien 1)

Lecce, 14.2.18, 16 Uhr 50, Bahnsteig 6

Jetzt fahre ich also in den Stiefelabsatz hinein, ins äußerste Spitzerl im Südosten. Nicht Fahren, sondern Schlüpfen ist mein Vorgefühl, wie mit den Fingern in einen Handschuh oder mit einem Schuhlöffel. Mühsam. Ich bin aufgeregt und angespannt wie vor einer Himalaya-Expedition, obwohl nichts auf ein Abenteuer hindeutet. Alles spielt sich nur im Kopf ab, in alten Bildern. Der schmale Bahnsteig ist gefüllt mit Schülern und Pendlern, darunter viele Afrikaner. Einer verkauft Regenschirme. Kann man brauchen, es beginnt zu nieseln. Die Bahn besteht aus einem einzigen Waggon, außen blau-grün-türkis gestreift, drinnen 32 abgewetzte Plastiksitze, fast vollbesetzt. Das Bähnlein muss der Traum eines jeden Kleinbahnliebhabers sein, eins zu eins. Der könnte sie in seinem Garten um die Zwerge kreisen lassen.

Außer mir und einem jungen Liebespaar sind alle Passagiere mit ihren Handys beschäftigt. Das Bähnlein fährt im Schritt hinaus aus den öden Vororten von Lecce auf die Halbinsel Salento, in den Stiefelabsatz zwischen Adria und Ionischem Meer. Weißgekalkte Trulli, Masserien und Trockensteinmauern säumen den Weg, Scharen von Elstern flattern darüber, lassen sich auf Oliven- und Feigenbäumen nieder und schrecken ohne sichtbaren Anlass wieder auf. Ohne sie hören zu können, weiß ich, dass sie genauso hysterisch kreischen und in Schwarz-weiß flattern wie ein alter Stummfilm. Viele Olivenbäume sehen krank aus oder sind schon gefällt. Lange Reihen am Boden wie Grabhügel auf einem Friedhof. Das böse Bakterium Xylella hat sie befallen. Obwohl Abgase in den Waggon gelangen, dringt der säuerliche Geruch von den ausgepressten Oliven der jüngsten Ernte herein; sie liegen in dunklen Hügelgebirgen links und rechts der Strecke. Wie heißen Olivenreste, Trester? Die blühenden Mandel- und Pistazienbäume besprenkeln in weißen und rosa Tupfern die Landschaft.

Das Bähnchen tuckert, pfaucht, rattert und stinkt wie ein alter Steyrer Traktor. Aber es ist sehr musikalisch. Wenn es hält, tutet es wie ein Ozeandampfer; solange die Türen offen sind, rasselt und scheppert es wie ein Blechwecker, und wenn es abfährt, ertönt ein Martinshorn. Aber manchmal musiziert sie auch unterwegs, ein lauter Knall – Fehlzündung, langgezogenes Pfeifen – Anfahrt, klingt wie ein Tuberkulosepatient. So klein es ist, will es doch alles gleichzeitig sein.
Es hat sogar einen Schaffner. Der kontrolliert aber nicht die Fahrkarten, sondern schaut ab und zu aus dem Führerhaus bei den Passagieren vorbei, fragt, wie es geht, va bene? und plaudert mit dem einen oder anderen familiär. Nach einer Stunde Fahrt beginnt es zu regnen, und ein dunkler Abend zieht heran. Für die Strecke von 60 Kilometern braucht das Züglein zwei Stunden und zehn Minuten, fährt also mit 30 Stundenkilometern. Da es aber die Hälfte der Zeit steht, in den Stationen, aber auch unterwegs, werden es nur 15 Stundenkilometer sein. Ein Radfahrer könnte daneben mithalten. Und ich mit meinem Notizbuch kann eins zu eins mitschreiben, was ich sehe, höre und rieche. Analoger geht‘s nicht.

Jetzt weiß ich es, es ist ein „Triebwagen“! Ich habe lange nachgesonnen und hineingefühlt, es ist ein Triebwagen wie an der Donauuferbahn meiner Kindheit, dieses Gemisch aus Geräuschen und Gerüchen, das leise Erzittern aus dem tiefen Inneren des Dieselmotors heraus beim Halten und Anfahren in Weißenkirchen oder Spitz, Persenbeug oder Sarmingstein – ein langsamer Express in die Zeit zurück. Wenn man die Farben weglässt – sie verblassen ohnedies immer mehr – kann man die schwarz-weißen Filme des italienischen Verismo hier ansiedeln, im Mezzogiorno. Einige Bahnhofsgebäude sehen so aus, als hätten sie schon im „Leoparden“ mitgespielt.

Zwei Besonderheiten fallen mir auf: In jeder Station stehen Männer herum, die nicht ausgestiegen sind und nicht einsteigen; die winterliche Gegenwart der Dörfer ist so ereignislos, dass die Ankunft des Bähnleins begrüßt wird. Und jedes Mal, bevor das Bähnlein in eine Station einfährt, bleibt es rasselnd stehen, wie um Atem zu holen, putzt seine Kehle durch, um sich dann langsam an den Bahnhof heranzupirschen. Vielleicht spielt es so etwas wie „Räuber und Gendarm“ auf Apulisch? Ich horche ihm ins Herz hinein, ob es sich nicht etwas von der Tarantella angeeignet hat.

Irgendwann muss ich eingenickt sein, der Schaffner hebt mein zu Boden gefallenes Notizbuch auf, ich sitze mit zwei Frauen allein im Abteil, und das Bähnlein lässt ein endloses Martinshorn ertönen – Endstation Gagliano del Punto. Rocco holt mich ab und bringt mich zu Klaras Wohnturm in der Via Monte Grappa. Schöne Adresse, vor dem Haus kreuzen sich die Via Settembrini und die Via Galileo Galilei, stelle ich am nächsten Morgen fest. Was kann da noch schiefgehen?

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18122

My personal Sandler

Die kurze Schlüsselgasse mündet in die untere Wiedner Hauptstraße und bildet auf der rechten Seite des Gehsteiges eine Halbinsel. Die Wiener sagen dazu „Ohrwaschl“. Dort steht vor einem Rabatt mit immergrünen Büschen unter einer Linde eine Bank. Fußgänger rasten dort gerne. Manche machen ein Picknick, andere rauchen eine Zigarette, trinken ein Bier oder schauen in einer Shopping-Pause auf den immer fließenden Verkehr. Zwei Straßenbahnlinien, der 1er und der 62er, die Badner Bahn und der Badner Bus. Der Autostrom sowieso. Ich sitze auch manchmal dort und erfreue mich am meisten an der Lindenallee – der längsten von Wien, wie die Wiedener gern behaupten. Während der Blüte, drei Wochen Ende Mai, Anfang Juni, duften sie so atembetörend stark, dass sie sich sogar gegen den Verkehrsgestank durchsetzen.

Das der Halbinsel am nächsten liegende Geschäft mit dem irreführenden Namen ist das Friendly House. Eine ehemalige Konsum-Filiale. Es verkauft Zubehör für Musiker und DJs. Vor der Tür herrscht immer reges Treiben von Zigaretten rauchenden jungen Männern, die die Kippen noch immer auf den Gehsteig oder in die Büsche werfen. Gleich daneben eine Palmers-Filiale mit ihren ausgestellten Frauen-Verhöhnungen. Dazwischen liegt der Eingang zu meinem Wohnhaus. Von welcher Seite ich auch immer mich nähere, komme ich an dieser Bank vorbei und sehe, wer dort sitzt. Ein neugieriger Augensheriff.

Manchmal lässt sich auf dieser Bank ein Mann nieder, ein Sandler, ein alter Mann mit einem Supermarkt-Wagerl. Dort befindet sich sein Haushalt, fein säuberlich geordnet in verschiedenen Plastiksackerln. Wahrscheinlich ist das seine Wohnungseinteilung: Ein Kleiderzimmer, eine Küche, ein Badezimmer.
Ich habe ihn noch nie anders da sitzen gesehen: der Oberkörper eingeknickt, der Kopf tief auf der Brust und in allen Gliedern völlig bewegungslos. Und das lange Zeit.
Nach oben die Straße zu Bank und Post, dann der Optiker, gegenüber das Haushaltswarengeschäft „Zur goldenen Kugel“, daneben ein kleines Kaffee, der Spar-Gourmet, auf meiner Seite der russische Schuster, die tschechische Kosmetikerin, die albanische Schneiderin, der Bilderrahmenmacher aus Steyr, wieder das Palmers-Geschäft und endlich verschwinde ich in meinem Haustor. Der Sandler bleibt draußen.

Er sitzt noch genau so da wie zuvor, als ich das Haus wieder verlasse.
Er scheint zu schlafen oder zumindest tief zu meditieren. Wäre das nicht die Wiedner Hauptstraße im 4. Wiener Gemeindebezirk, könnte man meinen, einen Säulenheiligen in der leeren Wüste vor sich zu haben. Mit unsichtbaren Erscheinungen und Erkenntnissen, vollkommen nach innen gerichtet. Ich habe ihn noch nie mit jemandem sprechen gesehen oder beobachtet, dass er dem Treiben auf der Wiedner Hauptstraße seine Aufmerksamkeit zugewendet hätte, nie beobachtet, woher er kommt und wohin er geht. Sicher ist, er bettelt nicht, streckt keine Hand vor, hat keine Flasche, keine Bierdose, keinen Becher, keinen Hut und keinen hungrigen Hund bei sich. Bei aller sichtbaren Verkommenheit hat er etwas so Würdiges an sich, dass ich noch nie gewagt habe, ein Wort an ihn zu richten.

Wer und was ist er? Ein ruhender Flaneur? Ein Philosoph, ein Guru? Vielleicht sieht und hört er alles? Vielleicht kennt er die Antworten auf alle Weltfragen?
Oder, schießt es mir durch den Kopf, hat er einmal in seinen besseren Zeiten in einem dieser herrschaftlichen Häuser der unteren Wiedner Hauptstraße gelebt? Würde ich in seiner Situation dorthin zurückkehren oder eher auf dem Verschubbahnhof von Simmering in einem abgesandelten Waggon meine Zeit verbringen? Vielleicht geht sich beides aus?

Die langen, grauen Haare kringeln sich um den Hals, und der weiße Bart bedeckt fast das ganze Gesicht. Was man davon sieht, ist sonnenverbrannt und von tiefen Furchen durchzogen. Er dürfte eine markante Nase haben. Sie hängt noch extra lang über den eingefallenen Brustkorb. Alter – unbestimmbar alt. Seine Kleidung besteht bei jedem Wetter, auch in diesem heißen Sommer, aus einem löchrigen Pullover und einer schlabbrigen, schwarzen Wollhose. Daran ist auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, ein Obdachloser, wie man ihn an vielen Orten sehen kann. Meine Blicke hat aber sein Schuhwerk angezogen; es sind graue Crocs aus Plastik, groß wie Boote, und zwei Paar dicke Wollsocken.

Die Beine mit diesen Schuhen hat er entspannt vorgestreckt, eine Hand hat er am Griff des Einkaufswagens, neben ihm liegt auf der Bank ein Billa-Sackerl.
Was es genau war, weiß ich nicht mehr. Einmal packte mich irgendetwas an seinem Anblick, wahrscheinlich waren es diese Plastikschinakeln mit den zwei Paar Socken im Sommer bei fast vierzig Grad. Kurz zögerte ich, aber dann konnte ich es nicht lassen: Ich lief ein paar Häuser die Wiedner Hauptstraße hinunter zum Laden der Volkshilfe und kaufte um Euro 12,90 ein Paar Männer-Turnschuhe der Größe 44. Dann sprang ich rüber und raffte beim Spar in einen Sack sechs Semmeln, ein Kranzerl Extrawurst, einen Becher Fruchtjogurt und eine Flasche Mineralwasser zusammen.

Warum hatte ich Herzklopfen, als ich zu ihm zurückkehrte und die Sachen neben ihn auf die Bank stellte? Das ist für Sie. Sprach ich es aus oder dachte ich das nur? Es gab keinerlei Reaktion von der Bank. Die Angst, ihm die Ehre zu nehmen und seinen Stolz zu rauben. Er bettelt ja um nichts, er sitzt einfach nur da, ruht sich aus, von was auch immer, wie jeder andere Passant auch. Auf jeden Fall, er schaute nicht auf und rührte sich in keinem Glied. Ich bekam schwache Knie und einen flauen Magen, flüchtete geradezu in mein Haustor und begann mich zu schämen. Verdammt, das ist nicht gut angekommen. Ich kann‘s aber nicht ändern. Schnell viele Gießkannen schleppen und die Blumen im Hof gießen. Darüber war der Mensch von draußen vor dem Tor wieder weg.

Heute um 18 Uhr 30, gerade als ich von Trafik, BIPA und Spar zurückkomme und auf mein Haustor zustrebe, sehe ich ihn nach langer Zeit wieder. Er sitzt nicht auf der Halbinsel der Schlüsselgassen-Mündung, sondern auf der Bank vor dem Rahmenmacher. Für die Rückkehr in die menschliche Gesellschaft hat er sich einen besonderen Platz erwählt. Trotz des Schattens der Lindenallee erkenne ich ihn sofort, oder das Abbild von ihm.
Aufrecht, der Rücken kerzengerade an der Lehne, ohne Einkaufwagen, kein einziges Plastiksackerl um ihn herum, das Haar halblang geschnitten, der Bart auf Kinnlänge gestutzt, ein Sakko mit einem bunten Hemd darunter, die Kragen über die Revers ausgeschlagen, die Stoffhose irgendwie anders, gerader, weniger wabbelig, vielleicht sogar mit einer Bügelfalte, in der Hand eine Zigarette. Was für ein Gesicht, Antlitz, könnte man sagen, schön, immer noch braungebrannt, am Kinn und den unteren Wangen heller, ein hervorragendes Kinn, mit der langen, runden Nase perfekt harmonierend. Ein Typ wie ein Ozeanforscher oder ein Bergfex. Cousteau und der alte Luis Trenker sind die ersten Assoziationsblitze. Und überrascht, er ist gar nicht so alt.

Ich starre sekundenlang blöd in die Palmers-Auslage, drehe mich doch noch einmal um: Der elegant ausgefahrene Ellbogen und die gespreizten Finger paffen an einer Zigarette in einem stolz erhobenen Gesicht. Ein anderer Mensch und doch derselbe.
Aber an den übereinandergeschlagenen Füßen noch immer die Plastiklatschen. Keine Spur von meinen blauen Turnschuhen mit den dreifachen Streifen aus dem Volksladen. Verkauft oder getauscht auf irgendeinem Sandler-Schwarzmarkt? Oder nur wegen der Hühneraugen und Frostbeulen? Die zu lange nicht gestutzten Nägel eingewachsen? Falsche Größe, falscher Geschmack? Sie können doch alles damit machen, auch sofort im Kanaldeckel, im Müllcontainer versenken oder verbrennen. Geschenkt ist geschenkt.
Keine wirkliche Beruhigung bei den unangenehmen Fragen.

Wie kam er zu dieser festen Persönlichkeit, so wie er jetzt da saß und aussah, ein eleganter Flaneur, solange man nicht auf die Crocs sah. Was war passiert?
Irgendetwas war passiert, aber es waren sicher nicht die Streifenschuhe der Nummer 44. Die Wiedner Hauptstraße hat ein Geheimnis mehr.
Und versteckt es noch immer. Nach den Hitzetagen war er lange verschwunden.

Aber heute gegen Mittag, als der Regen gerade heftiger wurde, schütteten die Linden auf der Wiedner Hauptstraße ihre letzten gelben, grünen und orangen Blätter auf den Gehsteig. Da sah ich ihn wieder, seinen Einkaufswagen sorgfältig mit einer Plane abgedeckt, wie er die Bank am Ohrwaschl der Schlüsselgasse ansteuerte. In seinem altbekannten Pullover, der Bart wieder bis auf die Wangen hinaufgewachsen, die graue Haarsträhne im Nacken, jetzt schon nass. Die Füße in den alten grauen Crocs, die durch die Blätter und Lacken schlapfen. Man verändert sich eben nicht mehr so gern ab einem gewissen Alter.

7.8. und 21.10.17

 

Fortsetzung 1
Mein Sandler auf der Wiedner Hauptstraße

Heute, 18.12., ca. 10 Uhr 30, sonnig und kalt, nach langer Zeit den Mann wieder gesichtet, auf der Wiehau unterhalb der BAWAG, mit seinem Supermarkt-Wagerl, das mit einer grauen Decke bedeckt ist. Was er dort mit sich führt, ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich sein gesamter Haushalt, wie im Sommer vor meinem Haus. Auf der Decke oben liegt ein graues, undefinierbares Plastiksackerl. Nicht von Billa, Spar, Hofer oder Lidl. Er kommt von oben und schiebt den Wagen ziemlich schnell die Wiedner Hau hinunter, wirkt zielgerichtet, schreitet weit aus und hält den Wagen fest umklammert. In einem leichten Mantel, nicht gerade winterlich, er schlottert um seinen mageren Körper, ein Rollkragen-Pullover ist im Ausschnitt zu sehen, aber kein Schal, keine Handschuhe, Kappe, Mütze oder Hut. Der faltige Hals so braun. Die zu kurze Hose gibt die Knöchel frei. An den Füßen seine alten, dunkelgrauen Plastiklatschen wie im heißen Sommer, noch dunkler seine Füße, schmutzfleckig, dunkelbraun und NACKT, ohne Socken. Nur die Fersen, die hinten herausschlappen, sind heller, fast weiß-rosa. Die Haarmähne ist kürzer als im Sommer, auch der Bart, fast fassioniert. Schnell erfasst, alles in einem schnellen Blick im Vorübergehen, ein Schnappschuss meiner Augen, aus den Augenwinkeln.

Es hat heute ein Grad über dem Gefrierpunkt. Ich spüre das wie den ersten Frost. Aber die Rosen blühen noch.
Ich friere in meinem Daunenmantel mit dickem Schal und Mohairmütze, Lederhandschuhen und den Waldviertler Schafsocken in den hohen Lederstiefeln.

Ich haste zu meinem Bank-Termin und habe keine Gelegenheit, ihn näher zu betrachten, nicht einmal nach ihm umdrehen kann ich mich. Könnte ich, hätte ich können, wenn ich nicht auf die Bank konzentriert gewesen wäre.
Woher kommt er, wohin geht er? Was hat er vor? Welche „Weihnacht“ steht ihm bevor?
18.12., der Tag der Angelobung der neuen antisozialen Regierung. Will er zum Ballhausplatz? Da käme er nicht durch, nicht einmal ich, wie viele andere auch nicht.
Nur eines ist sicher: Meine Bankprobleme hat er nicht.
Am Rückweg sehe ich ihn nicht mehr.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 18112

Puschkins Hase

Es war der 23. Dezember 2000, als sich eine Gruppe von Menschen am Leningrader Bahnhof (hieß wirklich noch so!), Bahnsteig 2, vor dem Waggon 17 versammelte, alle dick vermummt, denn es hatte in diesem Tagen um die zehn Grad minus. Außer Andrej Bitow kannte ich niemanden persönlich, und diesen nur flüchtig und aus einer Situation, die ich am liebsten aus dem Gedächtnis streichen wollte. Ich hatte das Unglück, einmal bei einem Dinner in der Botschaft neben ihm platziert worden zu sein. Ganz am Ende der Tafel, fast schon am Katzentisch. So konnte man seine Stellung in der Hierarchie unzweideutig ermessen. Der Schriftsteller und die Kulturrätin der Botschaft unermesslich weit weg vom Gastgeber und seinem Hauptgast, dem Wirtschaftsminister, die einander in der Mitte gegenüber saßen, jeweils flankiert von ihren Dolmetschern, dann abgestuft je nach Wichtigkeit die anderen Geladenen.

Der mir oder ich ihm zugeteilte Schriftsteller hatte offenbar beschlossen, grimmig und beharrlich zu schweigen, vielleicht, weil er das immer so hielt bei solchen Einladungen oder weil er gerade mit einem Schnupfen kämpfte. Die lange, schmale Nase rann ununterbrochen, Tröpfchen im schütteren Schnurrbart, ein Taschentuch wischte über die hängenden Lider. In einem schrumpeligen Anzug eine vornüber gebeugte Person, viel zu klein für den ausladenden Botschaftsstuhl.

Oder war es umgekehrt, machte ihn erst der Stuhl so klein? Er aß nichts außer der Suppe und trank nur Wasser; vielleicht hat er ein Magengeschwür oder es ist ihm einfach Kascha und Borschtsch lieber als das hochgezüchtete Diplomaten-Essen. Ich unternahm vieles, um ihm etwas zu entlocken, mit dem man Konversation machen konnte und kam mir bald vor wie der Hofnarr in der Runde. Ich prallte an ihm ab wie an der Hütte der Baba Jaga. Neben hundert anderen Vermutungen und Annahmen wird es wahrscheinlich eine ungünstige Eigenschaft an mir gewesen sein, die ihn abgestoßen hat. Die übergroße Ehrfurcht vor großen Menschen, die kindliche Verehrung von Dichtern, die mir den letzten Grips raubte, sodass ich neben ihm ziemlich dumm gewirkt haben musste und ihm die Vorurteile gegen Westler und Diplomaten im Besonderen prächtig bestätigt haben werde. Vielleicht auch gegen Frauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war nie verheiratet, als Familie gibt es bekannterweise nur einen Bruder. Ich war damals noch nicht lange genug Diplomatin, um meine Ressentiments gegen diesen eigenartigen Beruf abgelegt zu haben. Wie und warum sollte ich mit jemandem reden, der das offensichtlich nicht wollte? Der feindselig gegen mich eingestellt war und ich mich auch nicht für ihn interessierte?

Als Journalistin musste ich oft mit Menschen reden und sie ausfragen, obwohl sie mich nicht interessierten oder ich von vornherein wusste, dass sie mich anlogen, vor allem Politiker. Da war ich professionell genug unterwegs, weil ich ein Resultat brauchte. Aber bei einem Schriftsteller verrammelte und verriegelte sich aus einem verqueren Ehrgefühl heraus mein Hirn, sodass mir nicht einmal mehr einfiel, was ich von ihm gelesen hatte. Dabei hatte ich einiges gelesen, konnte mich aber nur vage erinnern, Reiseberichte aus Armenien und Georgien zum Beispiel. Und wie wäre es mit Puschkins „Gefangener im Kaukasus“ gewesen oder mit Tolstojs „Hadschi Murat“? Das war so eine unglückselige Situation, in die man manchmal völlig unschuldig hineingerät.
Es war offenbar ein Gast ausgefallen, und da kam der Botschafter auf die unglorreiche Idee, die Kulturrätin neben den Dichter zu setzen. Da kann nichts passieren, weil nicht wichtig genug. Ich erfuhr davon erst eine Stunde vor dem Dinner und konnte mich nicht vorbereiten, wie ich das sonst tat.
Jammerschade! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich seit der Reise nach Pskow weiß, hätten wir uns vielleicht befreundet oder uns zumindest in einer gleichen Leidenschaft ausgetauscht.

Aber zurück zum Bahnsteig 2, Waggon 17 am 23. Dezember um 18 Uhr.

Bitow ist in Moskau eine bekannte Figur, ein viel gelesener Autor, Träger vieler in- und ausländischer Ehrungen, eine integre Persönlichkeit, häufig im Fernsehen zu sehen, der sicher oft gegrüßt wird wie ein Bekannter oder sogar Freund, weil man seine Bücher schätzt. Im Westen würde man ihn einen Literaturpapst nennen. Also sprach ich ihn auf das Botschaftsessen an, scherzhaft, flapsig, ob er sich davon erholt habe. Er versuchte höflich zu sein und setzte ein Lächeln auf, das zwischen unwissend und gezwungen lag, man kann auch dümmlich sagen. Also hatte er keine Ahnung, wer ich war und war dankbar dafür. Den Mantel des Vergessens darüber breiten und schweigen.

Aber das kann auch wiederum daran liegen, dass man auf einem zugigen Bahnsteig an einem dunklen, kalten Dezemberabend anders aussieht als unter den gleißenden Lustern eines Speisesaals. Seit dem unseligen Dinner waren einige Monate vergangen, und ich habe meine Schmach wettzumachen und das Trauma aufzuarbeiten versucht, indem ich alles Erreichbare von Bitow las und mich von meinen Moskauer Literaturfreunden unterrichten ließ. Der russische James Joyce, der beste lebende Stilist, der ehrlichste Erzähler, der genaueste Chronist der sowjetischen Seele, den wir haben, ein postsowjetischer Melancholiker – kein Superlativ wurde ausgelassen. Das war nicht immer so.

Er war einer der Schriftsteller der Tauwetter-Periode mit vielen Erzählungen, Romanen, Almanachen und Essays, erhielt nach dem Sturz Chruschtschows Publikationsverbot, wurde aber nicht ausgewiesen wie viele seiner Freunde und Kollegen. Erst unter Gorbatschows Glasnost und Perestroika durfte er ab 1986 wieder veröffentlichen. Das Puschkinhaus, Georgisches Album, Armenische Lektionen, Der Symmetrielehrer, Der Geschmack, alles schon in den 70er Jahren geschrieben und seither neu aufgelegt und übersetzt, und einiges davon in sehr guten Übersetzungen im Suhrkamp-Verlag.

Da traf es sich gut, dass ich von meinem Freund Mischa Shulman, einem Puschkin-Forscher, erfuhr, dass es um Weihnachten eine Pilgerreise nach Michailowskoje geben sollte, zu dem Landgut der Familie Puschkin, auf das Zar Alexander I. den Dichter von 1824 bis 1826 verbannt hatte.
Der Nachtzug ging um 18 Uhr 30 ab und sollte um 7 Uhr 30 in Pskow ankommen.
Der inoffizielle Club der Puschkinisten mit Bitow an der Spitze hatte dazu aufgerufen, 28 Menschen hatten sich eingestellt. Das war ziemlich genau ein Waggon mit zwei Zweier- und sechs Vierer-Abteilen. Es war kein Schnellzug wie der Rote Pfeil nach St. Petersburg, sondern wir bummelten gemächlich durch das flache Land nach Nord-Westen Richtung Pskow. Misha bedauerte, dass er nicht mitkommen konnte – seine Frau erwartete das zweite Kind – so war ich ganz allein unter lauter russischen Puschkin-Kennern und Liebhabern.

Trotz des Datums war es für die Russen keine Weihnachtsreise, sondern ein ungerades Jubiläum, das die Puschkinisten begehen wollten: 175 Jahre seit dem denkwürdigen Tag, als Puschkin einen Ausbruchsversuch aus seinem Verbannungsort machte, sich nach dem alten Kalender am 11. Dezember 1825 in eine Kutsche warf und die Richtung St. Petersburg einschlug. Alles unerträglich, schnell weg, nur weg von hier, ohne jede Vorbereitung und Unterstützung, ohne Genehmigung, eine Verzweiflungstat, aufs Äußerste erregt durch das Ausbleiben aller Nachrichten der Freunde in der Hauptstadt und von allerlei Vorgefühlen geplagt. Der Diener, der ihn begleiten sollte, erkrankte, dann der zweite, der ihn ersetzen sollte. Er fährt trotzdem los.

Da passierte es: Auf der Straße zum Landgut Trigorskoje, wo er sich von der Nachbarsfamilie Wulf-Ossipow verabschieden wollte, stürzte aus dem Gebüsch ein Hase heraus und kreuzte den Weg. Puschkin zögerte keine Sekunde und kehrte um. Kurz vor seinem Landgut sprang ein anderer Hase mit zurückgelegten Ohren und vorgestreckten Pfoten vor ihm in die Höhe. Er raste unentschlossen durch das Haus. Doch der Wagen stand bereit, und er konnte nicht mehr zurück. Der zweite Aufbruch. Als ihm ein schwarz gekleideter Mönch auf der verschneiten Straße entgegenkam, ließ er wieder den Kutscher wenden. Das war zu viel für sein abergläubisches Gemüt. Er fühlte, dass er vergeblich gegen einen höheren Willen ankämpfte.

Im unendlichen Universum des russischen Aberglaubens gehört der Hase zu den Schicksalskündern. Nebenbei gilt der Rammler im Volksmund auch noch als ein Symbol für die verwerfliche, ungezügelte Sexualität. Niemand, vom Kutscher bis zum Zaren, wagt es, nicht auf ihn zu achten. In Puschkins Fall hat der Hasen-Mythos sich scheinbar als Wahrheit herausgestellt.

Wenn der Hase nicht über den Weg gehoppelt wäre, hätte Puschkin nach zwei Tagen Kutschenfahrt St. Petersburg erreicht, wäre gerade rechtzeitig zum Aufstand der sogenannten Dekabristen gekommen. In seiner Abgeschiedenheit wusste er nichts von dieser Adelsverschwörung und war nicht beteiligt, hätte aber sicher aufgrund der Inhalte und der freundschaftlichen Verbindungen mit vielen der Akteure sympathisiert.

Seit dem Sieg über Napoleon brodelte es in Russland. Viele Armeeangehörige waren in Frankreich mit europäischen Verhältnissen in Berührung gekommen und forderten bürgerliche Freiheiten. Sie nützten das kurze Interregnum in der Nachfolge zwischen den Romanow-Brüdern Konstantin und Nikolaus. Mehrere hunderte Adelige, Offiziere und Schriftsteller gewannen Teile der Armee für ihren dilettantischen Umsturzversuch, verlangten eine Verfassung und die Einrichtung einer Volksvertretung. Es sollte noch fast einhundert Jahre dauern, bis es dazu kam.
Alexanders Nachfolger, Nikolaus I., ließ fünf Männer als Rädelsführer hinrichten, 120 in die sibirische Verbannung schicken, ganze Familien zogen mit ihnen, niemand außer der Gräfin Wolkonskaja kehrte zurück, nach vierzig Jahren. Fast alle Angeklagten berufen sich bei ihren Freiheitsideen auf Puschkins Gedichte und Epigramme. Keine guten Aussichten für den Dichter, der nun schon seit zwei Jahren in Briefen an den Zaren um Begnadigung aus seinem Gefängnis in der russischen Einöde bettelt. Niemand von seinen hochgestellten Freunden wagt es, sich beim Zaren für ihn einzusetzen. Er hatte immer einen äußerst heißen Charakter, sagen alle, aber diesmal, nachdem er vier Monate keine Briefe aus St. Petersburg und Moskau erhalten hatte, konnte er nicht mehr stillhalten. Ausbrechen, komme, was da wolle.

Wer war es, zwei Hasen und ein Mönch oder die Vorsehung, die Puschkin davor gerettet haben, hingerichtet oder zumindest in die sibirische Verbannung transportiert zu werden? Die Welt hätte keinen Großdichter Puschkin bekommen, denn erst in der Abgeschiedenheit von Michailowskoje bildete sich sein Talent zur vollen Blüte heraus. Er begann den Eugen Onegin, den Boris Godunow zu schreiben, er hörte das Russisch der Landbevölkerung und entwickelte die Sprache zu einer Volkssprache, wie sie bis heute gültig ist. So schrecklich die Jahre in Michailowskoje für ihn persönlich waren, sie stellten sich als Glücksfall für die Geschichte der russischen Literatur heraus. Er reifte zu dem großen Dichter heran, der bis zu diesem Tag als Genie und Nationalheiligtum verehrt wird.

So befand ich mich zusammen mit 27 Verehrern auf einer Pilgerreise, um den Hasen zu feiern, der Puschkin gerettet hatte. Im Speisewaggon, wohin sich die Gesellschaft verlagert hat, wird mächtig vorgefeiert. Andrej Bitow ist der König der Puschkinisten. Er spricht nicht viel, lacht viel, hört zu, hebt das Wodka-Glas, ohne zu trinken, an Nahrung nimmt er nur die Beilagen zu sich, Schwarzbrot, eingelegte Zwiebel, Pilze und Gurken. Da erfuhr ich, dass er magenkrank ist und einen Herzinfarkt hinter sich hat. Die Stimmung erreicht ihren ersten Höhepunkt, als sich herausstellt, dass einer der Pilger ein blinder Passagier ist, der im Russischen Häschen, zaitschik, genannt wird.
Der Schwarzfahrer, ein junger Literatur-Student, heißt Sasha Swarz, er ist der gefeierte Held dieser Nacht im Zug nach Pskow. Er hat eine Gitarre, singt recht gut, keine Puschkin-Gedichte, sondern alte Hits von Wissotzki und Okudschawa, alle singen mit, können alle Strophen auswendig. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, muss ich meine Mundstarre der Bewunderung vor so viel Gemeinsamkeit überwinden, mit Lippenbewegungen und Wangentätscheln. Einiges kann ich doch auch schon lange mitsingen, mitklatschen und mitschunkeln. Ein Tisch wird freigeräumt für den Tanz oben.

Mir gelingt es, mich nicht als Ausländerin zu verraten, damit hätte sich die Atmosphäre sofort geändert. Viel ist nicht anders geworden, seit von Sigmund von Herberstein an die ersten Westler ins Moskowitische Reich gekommen sind und es beschrieben haben. So komme ich in den Genuss eines Tarnkappenblicks. Schon gar nicht habe ich mich freiwillig vor Andrej Bitow zu erkennen gegeben. Er bleibt bis zuletzt ohne Verdacht.

Irgendwann kann ich mit der unendlichen russischen Feierenergie nicht mehr mithalten und ziehe mich in mein Abteil zurück. Das hätte als Einziges verräterisch sein können. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Uhr im Restaurantwagen, die weit nach zwei zeigt und ein Schild mit der Aufschrift: Nach Mitternacht wird kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Denkmal für das Verhältnis zur Obrigkeit: Wir tun so, als machten wir, was ihr wollt, tun aber, was uns gefällt. Ich bleibe unentdeckt, zusammen mit meiner alten, ganz einsamen Schande. Im unteren Bett meines Zweier-Abteils, knapp vor dem Augenschließen, fliegt noch der Gedanke vorbei, ob die Russen nur zu dezent sind, mich zu überführen. Die meisten anderen, glaube ich, haben in dieser Nacht nicht viel Schlaf abbekommen.

Ankunft im Dämmer des Morgens am 24. Dezember im tief verschneiten Pskow. Welch ein Wunder, tatsächlich steht der bestellte Autobus mit Chauffeur bereit, der die Gruppe in zwei Stunden die 120 Kilometer nach Michailowskoje schaukelt, wovon die meisten Passagiere nur im Schlaf etwas mitbekommen, obwohl es ohne Heizung bitterkalt ist. Ebenen in Schnee und Nebel, kaum Erhebungen, wenig Abwechslungen von Dörfern und Wäldern, eine russische Unlandschaft im Nordwesten. Flüsse und Seen sind zugefroren und verschneit, ohne Tafeln wären sie nicht auszumachen.

Dabei fahren wir durch die größte russische Seenplatte, auf der sich vor 800 Jahren Russlands Schicksal entschieden hat. In der Schlacht auf dem Peipus-See vernichtete Alexander Newski die Armee des Deutschen Ritterordens und sicherte Pskow für die Republik Nowgorod, später für das Fürstentum Moskau. Das also war der Ausblick, den Puschkin hatte, als er hier zwei lange Winter festsaß. Das musste auch für stabilere Seelen, als er eine hatte, schwer sein. Mir ging es schon in diesen zweieinhalb Stunden nicht gut.
Vom Landgut Michailowskoje ist nach zwei deutschen Besatzungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nichts übrig geblieben, was wir nun langsam zu sehen bekommen, ist nachgebaut. Von den einst berühmten 200-jährigen Eichen- und Lindenalleen stehen nur noch einzelne alte Riesen, ein Tor, eine Brücke, ein niedriger, langgezogener Herrensitz aus Holz mit einer kleinen, überdachten Vortreppe, angeblich alles originaltreue Kopien. Der Vorplatz ist vom Schnee geräumt und dient als Parkplatz, zurzeit noch leer. Im Bus wird es langsam lebendig, und die vermummten Gestalten krabbeln ins Freie.

Ich hatte mitbekommen, dass als Erstes eine Zeremonie vorgesehen war: Es sollte ein Denkmal für Puschkins Hasen aufgestellt werden.
Die Metallskulptur hatten die Puschkinisten im Gepäck, allerdings war der als Fundament vorgesehene Holzpfahl nirgends zu finden. Da hatte nur ein Teil der Organisation geklappt. Die Pilger wussten sich zu helfen und schleppten aus einem Nebengebäude einen Balken heran, den man kurzerhand zu dem Werstpfahl erklärte, mit denen im zaristischen Reich die Staatsstraßen gesäumt waren.
Einige Männer bearbeiteten den Pfosten mit Äxten, schlugen ihn provisorisch in den Boden und setzten den Metallhasen auf ein oben angebrachtes Querbrett. Danach einige Reden von Andrej Bitow, Lew Schlosberg und einem eingetrockneten Redakteur der Literaturnaja Gazeta. Viele große Worte, wenig in Erinnerung. Die Museumsmitarbeiter bewirten die Besucher mit Brot und Salz, erwärmende Getränke sind vorbereitet, für den Hasen gibt es Gebinde aus Karotten und Kohl. Bitow hängt sie ihm unter Gelächter und Applaus um den Hals, der Schwarzfahrer Sasha Swarz schmückt den improvisierten Werstpfahl mit Kränzen aus Tannenreisig.

Die Bedeutung von Puschkin als Zentralgestirn der russischen Literatur und Kultur insgesamt ist in der nicht Russisch sprechenden Welt nie ganz angekommen. Im Gegensatz zu Tolstoj, Dostojewski oder Tschechow ist er nicht heimisch, kein Europäer und kein Weltenbürger geworden. Ist das so, und wenn ja, warum?
„Puschkin stellt in der russischen Literatur ein Zentrum dar, wie es keine andere (nationale) Literatur aufzuweisen hat. (Hallo, was ist mit Shakespeare?) Er ist der Abschluss der vorhergehenden und zugleich der Beginn und das einzige Fundament aller späteren Dichtung.
Er ist der Brennpunkt, in dem sich alle von den Vorgängern ausgesandten Strahlen treffen, und zugleich die Sonne, deren Licht die ganze spätere russische Literatur bis auf unsere Tage durchdringt. Die Literatur wäre ohne ihn ebens
o undenkbar wie die russische Sprache und Nation.“

Ganz so verzückt wie der Artikel des sowjetischen Literaturwissenschaftlers Alexander Eliasberg 1924 fielen die Reden der Puschkinisten nicht aus. Bitow und Schlosberg schnitten eher ironische Töne an, mit denen sie sich über die übermäßige Puschkin-Verehrung zu Sowjetzeiten lustig machten. Der karotten- und tannenbekränzte Hase auf dem Werstpfahl zeigte am besten den Wandel, ohne die Größe Puschkin auch nur um ein Jota zu verkleinern. Dass Puschkin im Ausland nie eingemeindet und zum gemeinsamen Besitz wurde, gerade darin sieht Bitow einen Vorzug der Russen.
Das ist eben ein Geheimnis, das ganz allein den Russen gehört, erklärt Bitow augenzwinkernd. Oder war es nur die beißende Kälte, die die Tränen in die Augen zwingt? Puschkin gilt allen anderen höchstens als Tschaikowskis Libretto-Schreiber, die Dramen von Eugen Onegin, Boris Godunow und Pique Dame kennt und schätzt man anderswo höchstens als Opern, ganz zu schweigen vom unübersetzbaren Genuss an seinen Versen. Wenige Dichter sind mehr untersucht und weniger verstanden worden.
Kaum ein Dichterleben ist so dramatisch verlaufen wie das seine. Das Geheimnis, das Leben und Tod Puschkins umgibt, hat sich hartnäckig der Nachforschung entzogen, räumt auch Bitow ein und entschuldigt damit den unverständigen Rest der Welt außerhalb Russlands. Danke!

Die Puschkin-Anbetung war nicht Religionsersatz wie der Personenkult um Stalin, sondern sie war Religion. Bitow greift weit aus. Weil die Russen ein areligiöses, heidnisches Volk sind, neigen sie zu solchen Verirrungen. Sie kennen keinen wirklichen Glauben, kennen den Wortlaut der Bibel nicht, sind in diesem Sinne nicht gottgläubig, sondern beten die Ikonen und das rote Öllämpchen an, den Weihrauch und die Wachskerzen. Die sind viel handlicher als die Evangelien. Das ist Götzendienst, Popanz. Der lässt sich so leicht mit sich rumtragen, verehren, küssen, ist gemütlich und tröstlich. Denn wehe, man würde die Bibel lesen und ernst nehmen, das ist zu viel für die Menschen.
Die Russen lieben den Verstand nicht, nicht die Vernunft, nur Zauber und Spintisiererei. Niemand geht so streng ins Gericht mit den Russen wie Bitow.
In diesem Sinne seien die meisten russischen Dichter falsch verstanden worden, zuallererst Puschkin und Gogol, die er als Rationalisten und Realisten bezeichnet, andersrum wieder bei Dostojewski und Tolstoj.
Darum haben sie ihre zusammengepappten Religionen, ihre Ideologien und Nationalismen, seien es Puschkin oder Ikonen, das Volk oder Politiker. Als grausame Religionskriege rasen sie über den Erdball.

In dieser Gesellschaft von Puschkin-Liebhabern schleicht sich bei mir eine Ahnung ein, dass Puschkin dort anfängt, wo mein Verständnis aufhört, und dass Puschkin lebt und leben wird. Die kaum nachvollziehbare Innigkeit der Dichter-Verehrung wird aber eine russische Spezialität bleiben.
Trotz Bitows kritischer Anmerkungen geht der Personenkult munter weiter:
feierliche Anbetung bei der obligaten Führung durch den Landsitz. Es wird aus Puschkins verzweifelten Briefen dieser Zeit vorgelesen, das dramatische Gedicht Graf Nulin vorgetragen, das er in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1825 in seiner verrauchten Bude geschrieben hat. Beim Vortrag seiner Gedichte sprechen viele laut mit, was mich an unsere Gottesdienste erinnert.
Das Mittagessen gab es im angrenzenden Freiluftmuseum Bugrowo, dem nachgebauten Dorf, in dem die Leibeigenen der Puschkins gelebt haben. Puschkin war oft dort, hat ihnen bei ihrem Leben zugesehen, ihnen zugehört, ihre Sprache studiert, sich aber an der Leibeigenschaft nie gestoßen. Zumindest gibt es nichts Schriftliches darüber.

Nach zwei Stunden Zurückrumpeln über schlecht geräumte Landstraßen blieb noch ein bisschen Zeit. Der aus Pskow stammende Journalist und Aktivist der liberalen Jabloko-Partei Lew Schlosberg leitete zum Abschluss vom Bus aus eine kurze Führung durch die Stadt, die gerade ein noch älteres Jubiläum begeht: 1000 Jahre seit ihrer Gründung durch Altslawen und Waräger. Zu sehen ist nicht viel, alles tief verschneit und im Nebel, in der Nachmittagsdämmerung nur die gigantischen Mauern und Türme des Kreml, von den vielen Kirchen nur verschwommene Konturen.
Viel, sehr viel müsste hier zu sehen und zu erfahren sein. Immerhin so viel, dass bei mir der feste Vorsatz bleibt, zu einer menschenfreundlicheren Zeit nach Pskow zurückzukommen. Lew Schlosberg sagt nichts über die jüngere Vergangenheit der Stadt, weil die jeder Russe von der Grundschule an kennt. Ich habe sie nach meiner Rückkehr nachgelesen.

Sie können das auch: Wikipedia Pskow (dt. Pleskau)

17.9.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18029

 

 

Als Putin mir die Tür öffnete

Obwohl journalistisch keineswegs unerfahren, war ich in den letzten Mai-Tagen 1991 ungewöhnlich aufgeregt. Eine persönliche Einladung vom 1. Vorsitzenden des Lensowjets zu bekommen, war auch in jenen stürmischen Monaten des Jahres 1991 nicht alltäglich. Anatolij Alexandrowitsch Sobtschak wollte dem ORF in seinem Amtsitz in Leningrad ein Interview geben. Ein Monat später sollte er als erster, mit fast achtzig Prozent der Stimmen demokratisch gewählter Gouverneur das Ruder in der nördlichen Hauptstadt übernehmen, dessen erste Amtshandlung die Rückbenennung in St. Petersburg war.

Ich hatte den Jura-Professor und Deputierten des „Demokratischen Russland“ im Obersten Sowjet kennengelernt. Es war die Zeit, als diese verkrustete Abstimmungsmaschinerie die ersten Schritte auf dem Weg in den Parlamentarismus tat, sich Parteien und Fraktionen herauszubilden begannen, und die meist wüsten, noch kaum geregelten Debatten schon mal vierzehn oder sechzehn Stunden dauern konnten. Der damals 53-jährige Sobtschak fiel in der Masse von ranzigen Armeeuniformen und mausgrauen Parteifunktionären in mehrfacher Hinsicht auf: Er wirkte jugendlich, sprühte vor Energie und sah gut aus; war schlank und hochgewachsen, hatte einen gepflegten Haarschnitt, saubere Schuhe und kleidete sich gerne entweder in Maßanzüge mit Gilets und exquisiten Krawatten oder machte mit großkarierten Jacketts und grellen Stecktüchern Furore.

Am Rednerpult stellte er regelmäßig sein dialektisch geschultes rhetorisches Talent und die brillante Intelligenz unter Beweis. Den zündenden Vortrag hatte er sich nicht etwa in der Politik angeeignet, sondern als Jura-Professor vor den wachen, westlich orientierten Studenten der Leningrader Universität. Ende der 80er-Jahre war er der unbestrittene Wortführer der Demokraten. Die westlichen Journalisten liebten ihn dafür, dass er sich auch noch nach den längsten Sessionen in den Kreml-Couloirs für Fragen zur Verfügung stellte und dabei mit offenen Worten nicht geizte.
Das war die Gallionsfigur, die das neue, postsowjetische Zeitalter repräsentierte, der Held, in den viele ihre Hoffnung auf eine demokratische Wende setzten und der sogar von den Massen dafür belohnt wurde.

Dieser politische Wunderwuzzi hatte mich also zu einem Interview eingeladen, ihn nicht wie sonst immer im Geschrei und Journalistengewühl zwischen Tür und Angel zu befragen, sondern exklusiv im Lensowjet. Der Termin wurde über die Büros festgesetzt, und wir brachen Ende Mai erwartungsvoll nach Leningrad auf. In der Eingangshalle des imposanten Gebäudes, dem ehemaligen Smolnij-Institut, wo schon Lenin seine Fäden gezogen hatte, wurden mein Zwei-Mann-Team und ich einer für sowjetische Verhältnisse eher lässigen Kontrolle durch bullenartige Sicherheitsleute unterzogen, eigentlich nur unsere TV-Ausrüstung zerlegt. Nachdem wir unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten und die breite Treppe hinauf verwiesen worden waren, kam uns in der Beletage ein unscheinbarer, kleinwüchsiger Mann entgegen und erklärte uns, dass wir erwartet würden, uns aber noch gedulden müssten, bis der Genosse Vorsitzende Sobtschak uns empfangen könne.

Er bat uns zu einer langen Lederbank und postierte sich selbst vor einer Doppelflügeltür, die wie alles im Smolnij hoch, groß, massiv, gigantisch war. Welche Pracht in den weitläufigen Treppenhäusern und Korridoren, in deren übermannsgroßen Nischen Imitate griechischer Statuen, Amphoren und Malachitvasen zu bewundern gewesen wären, hätten sie die revolutionäre Zerstörungswut des bolschewistischen Sturmes im Oktober 1917 überlebt. Irgendwo in diesem 1808 in streng klassizistischem Stil von italienischen Architekten als Erziehungsanstalt für Höhere Töchter erbauten Palastes musste sich das Lenin-Museum befinden. Und auch das Zimmer, in dem 1934 der beliebte Leningrader Parteichef Sergej Kirov im Auftrag Stalins erschossen worden war.

Während des stummen Wartens hatte ich Gelegenheit, den Wächter, der vor dem Sobtschak-Heiligtum auf und ab ging, näher zu betrachten: unter vierzig, schätzte ich, das dünne, blassblonde Haar an der hohen Stirn angeklebt, tiefliegende Augen, Farbe nicht erkennbar unter den amphibienartigen Lidern, lange Nase, schmaler Mund, großer Adamsapfel, das blasse Gesicht in absoluter Ausdruckslosigkeit. Dem bräunlichen Anzug in bestem Ostblock-Nylonschick mit den sich wellenden Nähten, zu kurzen Hosen über grauen Socken und schlechtem Schuhwerk, dem grünlichen Hemd und dem würgend-schmalen Krawattenstrick nach zu schließen – ein verkleideter Tschekist.
Mir fiel noch auf, dass der Mann, den ich für einen internen Portier hielt, ständig auf seine Uhr am rechten Handgelenk sah und nervös an ihr herumnestelte, eine große, runde, goldene der Luxus-Sowjetmarke Zenit. Warum ich das wusste? Weil ich die gleiche habe, ich trage sie aber links.

Plötzlich ein Geräusch von innen, der Wächter stürzte an die Tür, riss die linke Hälfte auf und ließ einige Herren heraustreten, verschwand für wenige Augenblicke und bat dann uns hinein. Wir waren mit Ausrüstungsgegenständen voll bepackt, sodass uns der Mann zuerst den Außenflügel aufhielt und dann im Saal den Innenflügel. Für so viel Zuvorkommenheit dankend, drängelten wir an ihm vorbei, wobei mir seine kleine, kaum merkliche Verbeugung nicht entging: Zehn Minuten und nicht länger, murmelte er dabei, weniger autoritär als devot und ängstlich, wie mir schien.

Sobtschak saß am Ende eines endlos scheinenden, holzgetäfelten Saales, der wie alle Bürokratensäle der Sowjetunion mit einer langen Reihen von Tischen und Stühlen längs der Mitte und an der Kopfseite mit quergestellten Tischen in T-Form möbliert war, an deren Kreuzungspunkt Sobtschak seinen Schreibtisch hatte, flankiert von der sowjetischen und der russischen Fahne. Bei unserem Eintreten sprang er auf, umrundete das große T links, kam uns freundlich, offen, lachend mit ausgestreckten Händen wie alten Bekannten entgegen.
Ein solch unzeremonielles Begrüßungsverhalten hielten wir Journalisten am Ende der Sowjetunion noch für die wahre Revolution, es warf mich kurz aus dem Konzept meines Fragenkatalogs, verwirrte die Sinne der einheimischen TV-Leute und entspannte uns alle ungemein. Sein Dreiteiler war übrigens diesmal nachtblauer Nadelstreif, das Hemd lila-weiß mit Knöpfchen an den Kragenenden und die Krawatte in gedecktem Gelb mit bourbonischen Lilien. Geht er schon in Paris einkaufen, schoss es mir durch den Kopf.

Es war auch noch ungewohnt, dass ein Funktionär keine von seinem Büro geprüfte Frageliste vorgelegt bekommen wollte, sondern mich fragte, was ich denn wissen wolle. Er legte frei von der Leber weg mit seinem Vortrag los, was er für die brennendsten Probleme Russlands! – ja, Russlands, nicht der Sowjetunion – hielt. Die bolschewistische Revolution sei ein großer Fehler gewesen, es hätte zuerst die bürgerliche Revolution vollendet und der Kapitalismus entwickelt werden müssen. Ein Voll-Revisionist! Er führte aus, wie jetzt seiner Meinung nach in einem gigantischen Reformprojekt Russland – ja, er sagte Russland, nicht Sowjetunion – umgestaltet werden müsste: Durch die Zulassung des Privatkapitals die Demokratie entfalten, garantiertes Recht auf Geld und Unternehmungen für jeden Bürger als Garant für die Demokratie, das war seine Hauptthese, wie er schon oft im Obersten Sowjet, im Lesowjet und in TV-Runden dargelegt hatte.

Sobtschak sprach immer lebhaft und ungezwungen, geißelte die bodenlose Dummheit der KPdSU-Funktionäre und gab Politschnurren voller Situationskomik wieder – er war wie für das Fernsehen geschaffen. Ein scharfer Denker und brillanter Formulierer, uferte aber immer wieder aus, von der Geschichte der französischen Revolution bis zur russischen von 1905, als fast schon die Weichen gegen die Autokratie und für die Bourgeoisie gestellt waren. Seine Begeisterung galt dem kurzen 20. Jahrhundert vor 1914, als Russland vollständig in die europäische Politik, Wirtschaft und das Bündnissysem integriert gewesen sei. Ebenso verbreiterte er sich über den noch kürzeren Zeitraum zwischen dem Sturz des Zarentums im Februar 1917 mit seiner provisorischen bürgerlichen Regierung und dem bolschewistischen Oktoberputsch.

Ich bemühte mich durch mein Fragen, ihn möglichst lange bei der Stange zu halten. Da bemerkte ich in seinem Gesicht eine leichte Irritation, und er gab in Richtung Eingangstüre einen Wink ab. Ich drehte mich ganz gegen die Interview-Regeln um und sah das Türstehermännlein, das die rechte Hand hochreckte und mit ausgestreckten Fingern eine Fünf zeigte, fünf Minuten Interview hatten wir also noch. Sobtschak verscheuchte ihn ungeduldig wie eine lästige Fliege; er war in seinem Gedankenfluss gestört worden, und wir mussten die Kassette wechseln, diese Passage wiederholen, aber Sobtschak fand von Neuem in seinen Traum von einem durchkapitalisierten, demokratischen, rechtssicheren Russland hinein, das sich in die europäischen und westlichen Entwicklungen einklinken werde. Mit Vehemenz warb er für sein damaliges Lieblingsprojekt, die Schaffung einer wirtschaftlichen Sonderzone St. Petersburg mit den baltischen Republiken und anderen Anrainern der Ostsee. Er sollte damit allein bleiben, die Balten verabschiedeten sich aus der Sowjetunion und strebten auf eigene Faust nach Europa.

Zweimal noch wedelte er den ungeduldig Minuten zeigenden Zerberus hinaus, da waren es aber nur noch drei und dann zwei Finger; im Vorzimmer muss es einen hektischen Besucherstau gegeben haben. Letztendlich hatten wir mehr als eine Stunde Interview auf Band aufgenommen, bevor uns Sobtschak, intellektuell befriedigt und gesättigt wie von einem guten Mahl, entließ. An die Verabschiedung vom Türsteher kann ich mich, wahrscheinlich im Journalistenglück schwelgend, nicht mehr erinnern.

Drei Monate nach dem Mauerfall kam ein abgehalfterter Spion aus Dresden/DDR zurück und wurde vom KGB Leningrad wegen personeller Überkapazitäten als Oberstleutnant in die Reserve entlassen. Anfangs schlug er sich als Taxifahrer durch, bis ihm sein früherer Jura-Professor an der Universität eine Assistentenstelle verschaffte. Als wir im Mai 1991 W.W. Putin trafen, war er im Bürgermeister-Amt Mädchen für alles, nach Sobtschaks Wahl zum Gouverneur von St. Petersburg wurde er einer von dessen Stellvertretern, zuständig für die Außenhandelsbeziehungen, wegen seiner Deutschkenntnisse mit Schwerpunkt Deutschland.
Erst als 1998 ein gewisser W.W. Putin FSB-Chef (Inlandsgeheimdienst, Nachfolger des KGB) wurde, tauchten sein Gesicht und sein Name in einer breiteren Öffentlichkeit auf.
Erst da wurde mir klar, wer mir damals im Smolny die Tür aufgehalten hatte.

Die weiteren Karrieresprünge des W.W. Putin in den Jahren seither sind hinlänglich bekannt. Als Sobtschak 1996 abgewählt wurde, zeigte sich schon das Menetekel an der Wand: Nicht intellektuelle Romantiker mit hochfliegenden Demokratieträumen, sondern die alten KGB-Seilschaften griffen nach der Macht. In einer politischen und medialen Hetzjagd wurde Sobtschak betrügerischer Machenschaften in der Außenwirtschaft beschuldigt und ins Exil getrieben. Zwei Jahre lehrte er an der Sorbonne, kehrte 1999 nach Petersburg zurück, wurde Putins Wahlhelfer und starb 2000 unter ungeklärten Umständen – offiziell an Herzinfarkt – bei Kaliningrad, gerade als W.W. Putin zum ersten Mal russischer Präsident wurde. Dieser hat seither Regierungs- und Kleidungsstil mehrmals gewechselt, die Vorliebe für Protzuhren ist ihm geblieben.

26.12. 2013

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

veröffentlicht in Literatur&Kritik, März 2014, Nr. 481/482

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18030