Kategorie-Archiv: Veronika Seyr

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Das zornige Eichhörnchen

Meistens sind die Rätsel, die uns die Natur aufgibt, leicht zu lösen, wenn man vom Menschlichen absieht und nur in den Kategorien der Natur denkt.
Neulich entdeckte ich mich, wieder in den primitivsten Anthropomorphismus zurückgefallen zu sein, den ich schon so oft bei mir festgestellt habe.

Am 1. April kam ich in meinen Schrebergarten am Hüttelberg. Mit Schrecken stellte ich fest, dass alles, was ich am Vortag an den Rand eines frisch bereiteten Beetes eingesetzt hatte, ausgegraben war. Da lagen herumgeworfen ein Petersil, ein Oregano, ein Basilikum, ein Schnittlauch-alles-Kräuterstöckerl aus dem Supermarkt, die ich im Garten heimisch und fruchtbar machen wollte. So wie jedes Jahr, und ich war gar nicht unerfolgreich.
Von einigen habe ich sogar im Winter geerntet und ins Frühjahr gebracht. Den Schnittlauch zum Beispiel, dazu Salbei, Thymian und Zitronengras. Das Lorbeer-Stöckerl vom Hofer entwickelt sich schon zu einem dichten Busch.

Der erste Gedanke beim Anblick der Verwüstungen war:
Wer ist mein Feind?
Also ich-bezogen: Wer hat etwas gegen mich und meine Aktivitäten?
Beim Besichtigungsrundgang entdeckte ich, dass das kleine Beet vor der Hütte, in dem ich die ersten Rucola-Samen eingesetzt hatte, vollkommen umgewühlt war. Rundum lagen Avocadokerne.
Weiter oben am Weg steht ein großer Keramik-Kübel, in dem ich vor Jahren einen selbstgezogenen Oleander eingepflanzt, dazu immer wieder Avocadokerne versenkt hatte. Jetzt hing die Oleander-Pflanze schief im Topf mit braunen Blättern, die Avocados waren ausgegraben und rundherum ausgestreut.

Dass sie auch angenagt waren, bemerkte ich in meiner Aufregung zunächst nicht.
Den oberen Rand deckte ich mit zwei Ziegelsteinen ab. Trotzdem waren der Oleander und die angewachsenen Avocados am nächsten Tag wieder durch den Spalt herausgewühlt. Also keine Füchse, es muss was Kleineres sein.
Meine Wahrnehmung war verengt von der Frage: Wen habe ICH zum Feind? Wer tut MIR das an? Die zwei nächsten Fragen: Wen störe ICH? Was tue ICH wem an?, die lagen schon eine kleine Erkenntnisstufe höher.

An wen dachte ich zuerst: an Füchse. Diese leben hier schon immer, haben mir langlebige Nachbarn in der Gartensiedlung erzählt. Als die Hütte jahrelang leer stand und der Garten nicht bewirtschaftet wurde, habe eine Füchsin mit Jungen ganzjährig das Untergeschoß bewohnt. Aber die Fußabdrücke passten nicht – ich habe sie fotografiert und später zu Hause gegoogelt. Fuchsspuren hatte ich schon in einem früheren Jahr an angenagten und im Garten verschleppten Arbeitsschuhen erkennen können. Auch wird der Komposthaufen regelmäßig durchwühlt. Es könnten aber auch Krähen oder Ratten sein. Krähen sind allgegenwärtig, zu sehen und zu hören. Von einer Rattenplage wissen die Nachbarn nichts.

Dann saßen wir am Ostermontag in Liegestühlen auf der Wiese, meine Schwester und ich. Wir hielten Köpfe und Körper in die Sonne und genossen die seltene Wärme. Vor uns machte die alte Föhre einen lockeren Schatten. Die Forsythien stehen in Hochblüte, der Kirschbaum beginnt gerade zu blühen, Bienen umschwärmten ihn schon. Birne und Vogelbeere kommen ein bisschen später. Links und rechts stehen Marillen und Pfirsiche in rosa Blüte, Äpfel und Zwetschken in Weiß, alle recht bescheiden, weil sie noch jung sind.
Da sehen wir es gleichzeitig, als würden wir simultan blinzeln:
Ein Eichhörnchen springt von der Weißtanne auf den Elektromasten, balanciert über den Kabelstrang auf meine Schwarzföhre zu. Da sitzt es, hält inne, die Pfötchen vor der Brust erhoben. Es ist ganz nahe, ich sehe Augen und Pfoten und das Zucken des Schwanzes.
Wenige Bruchteile von Sekunden nur, aber sehr deutlich. Wie eingebrannt auf der Rückseite meiner Augen.
Es ist still, und wir bewegen uns nicht. Trotzdem macht das Eichhörnchen knapp vor der Föhre kehrt und verschwindet in den Bäumen gegenüber.

Erst da beginnen wir zu sprechen.
Hast du es gesehen? Das Eichhörnchen.
Ja, ich kenne es schon lange. Früher wohnte es hier im Baum. Seit ich die Föhre stark beschneiden ließ, habe ich es nicht mehr gesehen. Aber abgenagte Bockerl und Zapfen liegen immer wieder auf dem Boden, also holt es sich Nahrung aus dem Baum.
Ich glaube, sage ich, es ist mir böse, weil ich den Baum so stark ausgedünnt und in eine für mich ansprechende Form gebracht habe. Einerseits um den Nadelfall zu verringern, andererseits um ein Meditationsbild zu erhalten: Die geschwungenen Äste habe ich vollkommen nackt gemacht und von einem Gartenarchitekten zu einem chinesischen Schriftzeichen ziselieren lassen. In meinen Augen bedeutet es: Haus und Friede. Im Sommer schimmern Stamm und Äste rötlich gegen den blauen Himmel, im Winter mit Schnee schwarz.
Es rächt sich nun an meinen Pflanzen. Vermutungen und Annahmen, kein Wissen. Alles falsch, weil ich nur im Sinne einer Beziehung denke und nicht im Sinne der tierischen Bedürfnisse.

Wir reden noch länger über die vielen Rätsel, die mir die Natur sogar auf einem so beschränkten Platz wie einem alten Schrebergarten aufgibt.
Der Bussard, der sich kurz nach meinem Einzug bei mir vorgestellt hat, die Äskulapnatter, die ins Dach der Hütte eingezogen ist, die Frösche, die schon kurz nach seiner Errichtung den Mini-Biotopteich entdeckt und sofort mit der Nachwuchsproduktion begonnen haben, die Erdkröte Bufo Bufo, die sich im Abfallhaufen eingenistet hat und mit ihren langgezogenen, metallisch-knarrenden Öok-Öok-Rufen eine Partnerin anlockt. Große Freude, als ich die ersten Antworten mit dem kurzen Ük-Ük höre.

Meine Schwester hält mich nicht für verrückt, teilen wir doch eine Kindheit, in der wir am Mondsee unter der Drachenwand Dörfer für die Zwergerl bauten, mit Leidenschaft und der Überzeugung, dass es sie wirklich gibt. Gleiches Bedauern, dass wir nie das Einhorn zu Gesicht bekamen, das wir erwarteten, zwischen den hohen Tannen, Flechtenschleiern, Farnen und Felsbrocken auftauchen zu sehen.
Erst am nächsten Tag, als der Blumentopf wieder umgegraben war und ich die Kräuterpflanzen übers Beet verstreut vorfand, machte ich mich an eine genaue Ursachenuntersuchung. Ich fand neben dem Oleanderstock ausgehöhlte, schon eingeschrumpelte Schalenhälften von Avocados.

Da erst fiel mir ein, dass ich zwei Avocados beim Aufschneiden braun vorgefunden, die Kerne in die Erde versenkt, die Hälften aber neben dem Topf liegengelassen hatte. Avocados, das Super-Food. Schon die Azteken fanden sie süß, fett und nussig und opferten sie ihren Gottheiten. Natürlich wissen die Eichhörnchen nichts von den ungesättigten Fettsäuren, von den nützlichen Vitaminen A und E, dem Jungbrunnen für die Haut, der Low-Carb-Ernährung ohne Kohlehydrate und von den vielen Proteinen, die lange satt machen. Aber sie werden es gespürt haben. Wahrscheinlich ein Festessen für mein Schrebergarten-Eichhörnchen.
Welches Eichhörnchen bekommt schon einmal eine solche Köstlichkeit, ganz für sich allein?
Oder hat sich eine ganze Familie darum geschart? Danach wird es sich auf die Suche nach ähnlichen Genussquellen gemacht haben, in den Streifen mit den jüngst eingepflanzten Kräutern. Eichhörnchen sehen nicht gut, ihr Geruchssinn und Gedächtnis sind aber ausgezeichnet. So finden sie auch ihre über Sommer und Herbst angelegten unterirdischen Futterlager. Mit denen kommen sie über den Winter, dabei verbreiten sie die Samen durch die Wälder.

In meinem Fall war das so, dass ich über die Jahre alle möglichen Kerne in der näheren Umgebung meiner Hütte in die Erde versenkt habe: in den Oleanderstock, in das Rucola-Beet vor der Terrasse, aber auch im Rand des Kräuterrabattls. Alles nur entlang ihres Geruchs- und Geschmacksinnes. Hat absolut nichts mit mir zu tun.
Das kluge, scharfnasige Eichhörnchen ging einfach seinem Bedürfnis nach Köstlichkeiten nach, nach etwas, was ihm guttut, etwa so wie wir auf dem Weg über Graben und Kohlmarkt instinktiv zum Demel gezogen werden. Weil wir übereingekommen sind, dass uns das schmeckt, das wollen wir einfach immer wieder haben, den Zucker, das Fleisch oder das Cola.

Wenn man schon zum Eingeständnis seines Irrtums oder der falschen Annahme gekommen ist, muss man weiter darüber nachdenken, warum das so ist. Warum wir falsch denken und danach falsch handeln. Es ist ja keine ideologische und auch keine moralische Frage, sondern eine praktische. Dabei kann ich nur von mir ausgehen und dabei annehmen, dass es bei den anderen nicht viel anders sein wird. Weil wir Menschen der Hybris erlegen sind, dass wir nicht Teil der Natur sind, sondern uns außerhalb, gegenüber oder oben drüber stellen. Wir haben uns abgetrennt vom Kreislauf der Natur und uns ihr entfremdet. Wie ein Baum ohne Wurzeln, da kann nichts Gutes herauskommen. Dieses falsch interpretierte „Macht euch die Welt untertan“, mit dem seit der Erfindung des Calvinismus der Kapitalismus operiert und sich als alternativlos, als einzig mögliche Wirklichkeit generiert, ja als die Natur selbst.

Erleichtert und froh über meine Erkenntnisse, telefoniere ich mit meiner Schwester darüber. Ich bin nur halbschuld, stelle ich fest.
Sie teilt meine Freude, ermahnt mich aber nachdringlich, keine Avocados mehr zu kaufen. Nicht wegen der Eichkatzerl, sondern wegen ihres katastrophalen ökologischen Fußabdrucks.
Weißt eh, Wasserverbrauch, fast so schlimm wie Rinder, Ausbeutung der Indigenen, Konzerne, Profite, Transporte, Chile, Fußabdruck. Sie ist eine strenge Ökologin.
Ja, das weiß ich alles. Aber was soll ich machen? Ich mag sie, sie schmecken mir und tun mir gut. Es ist schließlich das einzige Fett, das ich verwende. Vielleicht war ich in meinem früheren Leben ein Eichhörnchen? Meine leicht vorstehenden Schneidezähne könnten doch ein Anzeichen dafür sein, oder?
Die Zähne sind eine Familientradition.
Wie bei den Habsburgern die Lippe.
Auch Eichhörnchen haben Traditionen.
Meine Schwester hat perfekt gerade Zähne.

13.4. 21

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21063

Man steht am Fenster

von und mit Vinzenz Ludwig Ostry

Radio Rot-Weiß-Rot, Erinnerungen von V.S.

Es gab für mich viele Gründe, den Samstag zu lieben.
Auch alle Sonntage, Feiertage, Namens- und Geburtstage sowie alle gewöhnlichen Tage. Als Kind liebte ich einfach das Leben und überhaupt alles, was ich dazuzählte, Menschen, Tiere und Blumen gleicherweise. Vor manchen Menschen musste man sich in Acht nehmen, hatte ich gelernt, einige Tiere lösten größten Respekt aus, und daher waren mir die Blumen am liebsten. Sie konnten einem nichts Böses antun. Warum das so war, darüber habe ich erst später nachgedacht und meine Privattheorie dazu aufgestellt.

Gegen 6 Uhr abends, am Samstag, kamen alle Tätigkeiten bei uns und im Bräuhaus zum Erliegen und mündeten in ein sanftes Nichtstun. In den Stunden davor hatte große Geschäftigkeit geherrscht. An Samstagen wurde im Badhaus der große Ofen angeheizt, um Warmwasser zu machen. Denn der Samstag war Boddog (= oö. für Badetag). Wir in unserem Haus, der Villa Seyr, hatten damals noch kein Fließwasser, geschweige denn ein Badezimmer. Daher wurden die kleineren Kinder zu dritt in die große Badewanne im Badhaus des benachbarten Bräuhauses gesteckt und so lang abgeschrubbt, dass es für eine Woche reichen musste. Es war kalt in diesem Raum mit Steinplatten und dunkel wie in einer Höhle. Im Ofen loderte das Holzfeuer, und im ganzen Raum waberte der Nebel vom heißen Wasserdampf. Daneben plätscherte immerwährend das Wasser aus einem Hahn in den großen Grand, ein Steinbecken.

Danach wurden wir einzeln in Laken gepackt und übers Bergerl nach Hause getragen. Das konnten die Tante Sefi sein, oder die Ida-Tant oder die Omama selbst. Daheim warteten die frischen Pyjamas auf die frischen, nach Hirschseife duftenden rosigen Körper, frische Socken und die Bademäntel aus Flanell. Meiner war einer aus einem alten Bettüberwurf, von Mama selbst zusammengenäht, dunkelblau mit gelben Girlanden drauf, dazwischen Sterne und Monde in allen Phasen. Ein richtiger Zaubermantel war das, dementsprechend liebte ich ihn und fühlte mich wichtig.

Warum ich dabei war, als sich die Erwachsenen um das Radio der Großmutter scharten, weiß ich nicht mehr. Vielleicht weil ich einfach immer überall dabei sein wollte, weshalb ich von Omama den nur halbwegs schmückenden Beinamen „Flederwisch“ verliehen bekam. Manchmal kam es mit einem Lachen heraus, manchmal mit einem Staunen oder auch drohend mit gefletschten Zähnen. Aber an den Samstagen herrschte Friede. Ich saß der Omama auf dem Fleckerlteppich zu Füßen und beschäftigte mich mit den Wollresten in ihrem Korb. Ich durfte damit spielen, sie ordnen, aufwickeln, abwickeln und ihr reichen.

Wenn sich die Omama in ihrem riesigen Lehnsessel zurechtsetzte, verstand man, wer die eigentliche Herrin des Hauses war. Nicht Tante Sofie, die Frau des Alleinerben, meines vielgeliebten Onkel Klaus. Auch nicht der Älteste, Onkel Karl. Er machte sich am guten Philips zu schaffen, bis er zum Strich 15 1265 UKW bei Linz-Freinberg kam.

In der großen Stube stand in der fensterseitigen rechten Ecke über der Singer-Nähmaschine auf einem an der Wand befestigten Brett ein großer Philips-Radioapparat, umrahmt von einer großen Zimmerlinde und anderen Pflanzen. Omama nahm in ihrem Lehnsessel Platz, in dem sie ansonsten nienie, die ganze Woche über, nicht saß. Sie hatte aus einem Korb ihr Stopfzeug herausgenommen und begann mit dem ersten Socken. Der ganze Korb war voll davon, ein buntes Völkchen. Die härenen vom Knecht Sepp, die eleganteren meines Vaters oder von Onkel Klaus. Kindersocken oder -strümpfe waren meiner Erinnerung nach nicht dabei, die stopften die Mütter oder Tanten. Die im Haushalt lebende Köchin Nannerl und der Haushaltshilfe Berta machten sich ihre selbst. Der Ukrainer Ivan trug keine Socken, sondern Stiefeltücher, die am Montag, dem Waschtag, mit den Betttüchern der ganzen Großfamilie auf der Leine flatterten.

Man hatte sich versammelt, um der Radiosendung „Man steht am Fenster“ von Radio Rot-Weiß-Rot aus Linz zu lauschen. Die beschwerliche Arbeitswoche ging zu Ende. Es herrschte fast so eine feierliche Stimmung wie am Sonntag in der Kirche. Die Signation in den schicksalsträchtigen Bumm-bummbumm – bumm, den dumpfen Glockenschlägen der Fünften. Eine unerträgliche lange Pause, dann kam es aus dem Apparat: „Man steht am Fenster. Es spricht Vinzenz Ludwig Ostry.“
Omama setzte sich im Lehnstuhl zurecht, straffte ihren krummen Rücken, steckte ihre Haarnadeln um den Dutt herum fest und widmete sich ab dann nur noch ihrem Stopfzeug. Im weit ausladenden Ohrensessel, grau-rot-grün, ein kleiner, vogelartiger Kopf mit feinen Linien und Löckchen um die Stirn.

Die anderen Erwachsenen saßen um den großen Esstisch, der Knecht Sepp hockte schief am Bankerl vor dem Kachelofen, die Ida-Tant, Omamas Schwester, hatte ihren eigenen Lehnstuhl unter der Treppe.
Papa war am Samstagnachmittag aus Tulln gekommen und saß am dritten Fenster, der Hausherr, Onkel Klaus, nahm das Kopfende ein. Seine Frau, Tante Sofi, machte sich zusammen mit Nannerl und der Berta in der Küche zu schaffen. Durch die offene Tür ließ sich leises Klingeln und Scheppern vernehmen. Sie bemühten sich, die feierliche Stille nicht zu stören. Es war so still wie bei der Wandlung in der Kirche.

Allein schon der Name Vinzenz Ludwig Ostry war eine Botschaft wie aus einer anderen Galaxie. Niemand hieß bei uns Vinzenz oder Ludwig noch Ostry. Es gab nur die Kaisernamen. Ich war überzeugt, dass er in Wirklichkeit Österreich hieß und aus unerklärlichen Gründen verkürzt ausgesprochen wurde. Die männliche Stimme war tief und knarrig wie eine alte Eichentür mit einem Geheimnis dahinter. Sie klang so wie die Balken und Sparren auf den weitläufigen Dachböden über dem riesigen Bräuhaus.
Für mein Kinderhirn klang „Vinzenz Ludwig Ostry“ überhaupt nicht wie ein Name, sondern eher wie ein Ort – das einzige Wort, das ich verstand, war Fenster. Das Bräuhaus hatte viele Fenster, die großen auf die Straße und die Donau hinaus. Nach hinten hin, zum Hang, in dem das Haus stand, waren es nur noch Luken. „Man steht am Fenster“ – eine Zauberformel, mit der alles in Erstarrung verfiel: Die Zeit, die Luft, die Menschen, nicht einmal die immer zitternden Blattenden der Zimmerlinde wagten eine Bewegung.

An den Inhalt dieser Radiosendungen habe ich natürlich keine Erinnerung und sicher nichts davon verstanden. Das Radio Rot-Weiß-Rot Salzburg-Linz-Freinberg wurde kurz nach dem Staatsvertrag eingestellt. Der Sender war kurz nach Kriegsende von der amerikanischen Besatzungsmacht in ihrem Bereich eingerichtet worden und diente der „Erziehung der Österreicher zu einem mündigen, gut informierten Volk“. Kant lässt grüßen, in der Eröffnungsansprache des amerikanischen Generalmajors Walter M. Robertson (huch, welche hohen Ziele, wenn ich an den derzeitigen Präsidenten denke ...)
Wir lebten in St. Nikola, nach Mauthausen waren es 25 Kilometer, nach Braunau weniger als 100.

Später, als wir schon in Tulln wohnten, hatten wir wieder einen Philips, etwas kleiner als der im Bräuhaus, aber wieder auf einem Brett an der Stirnwand des Esszimmers thronend, rechts darüber das Kruzifix, darunter der Sitzplatz meines Vaters. Rechts davon billige Kopien der betenden Hände von Dürer und das Mädchen mit dem Vogel von Rubens (?), dem wir auf allen Kinderfotos ähnlich sahen.
Wenn die Signation zur „Lieben Familie“ ertönte, strömten alle Bewohner unter dem Philips zusammen, ließen alles liegen und stehen, um den Florianis zu folgen – ein Hausfeger sozusagen. Da war ich schon alt genug, um der Sendung inhaltlich folgen zu können. Das Tröstliche daran war, dass es auch in einer hochoffiziellen Radiofamilie viel Streit und Turbulenzen gab, nicht nur in unserer.

Vinzenz Ludwig Ostry war von den Amis engagiert worden als außenpolitischer Kommentator und analysierte in der Sendung „Man steht am Fenster“ jeden Samstagabend die internationale Situation. Es herrschte der Kalte Krieg, und Österreich war von den vier alliierten Mächten besetzt. Wir lebten in der Russen-Zone. Im Vordergrund des Kommentars stand natürlich immer Österreich in seinem Kampf um die Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit. Verhandlungen in Moskau, Chruschtschow, Figl, Raab, Kreisky, die Amerikaner, die Sowjets, die Amis und der Ivan. Diese Namen fielen immer wieder. Als 1953 Stalin starb, klang die Spannung ab und Hoffnung kam auf. Ostry wird wieder Österreich.

Warum meine Familie einer Lösung so besonders entgegenfieberte? Oder tat das ohnedies jeder Österreicher und jede Österreicherin in diesen Jahren? Meine Familie lebte im Unteren Mühlviertel, im Grenzgebiet zwischen der sowjetischen und amerikanischen Zone. Onkel Klaus und seine Fuhrleute mussten jeden Montag auf der Enns-Brücke die gefährliche Zonengrenze überqueren – der Nabel des Kalten Krieges –, um aus der Linzer Brauerei Bier heranzuschaffen, das sie dann zu den Wirten im Mühlviertel ausführten.

Diese Menschen lebten in der sowjetischen Zone nahe der Grenze, als sich in der Tschechoslowakei am 23. Februar 1948 der kommunistische Putsch ereignete. Sie lebten in ständiger Angst vor den Kommunisten, so viele Jahre lang schon, warteten auf jeden Hoffnungsschimmer und lechzten nach jedem Wort der Erleichterung. In dieser meiner Erinnerungszeit von 1953 und 1954 konnte Vinzenz Ludwig Ostry wahrscheinlich schon mit einigen positiven Perspektiven aufwarten.

Tante Sofi und ihre Helferinnen haben nach dem Abspann das Abendessen auf den Tisch gestellt, dampfende Schüsseln mit Stosuppe und Erdäpfeln, Kümmel drin und Schnittlauch drauf. Das Zerknacken der Kümmelkörnchen zwischen den Zähnen, die Omama schneidet einen neuen Brotlaib an, davor ein mit dem Messer gezeichnetes Kreuz am unteren Boden, sich selbst bekreuzigen und das allgemeine Dankgebet. Die Männer bekommen ihr Bier, die Spannung flaut ab. Es folgt aus der fernen Ecke das Radio mit der Musiksendung „Schöne Stimmen, feine Weisen“. Schubert. Schöne Müllerin oder Winterreise. Fremd bin ich ausgezogen, fremd komm ich wieder heim. Onkel Klaus war gerade erst aus der russischen Gefangenschaft nach Hause gekommen, er wog 48 Kilogramm. Die Wangen so dünn, dass die Kiefer durchschienen.

War’s der innige Schubert? Irgendwann lodert ein Flämmchen auf. Ein Wort, eine Bemerkung. Onkel Karl gegen Onkel Klaus. Beide Brüder meines Vaters waren an der Ostfront und haben unterschiedlich alle Kriegsjahre durchgemacht. Karl war Nazi geworden, illegaler, schon vor 1938, als Lehrling in der Kaufmannschaft war er eine leichte Beute. Er konnte nach 38 ein arisiertes Kolonialwarengeschäft in Sarmingstein erwerben und zog lustig in den Krieg gegen Kommunisten und Juden. Klaus wurde als 18-Jähriger einberufen, war immer mit der Wehrmacht irgendwo im Osten bis nach Stalingrad, danach fünf Jahre Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern. Er hat nie darüber gesprochen, ist aber jedes Jahr zu einem „Kameradentreffen“ nach Deutschland gefahren. Wahrscheinlich eine Art von Therapie, sich untereinander auszusprechen, das Unaussprechliche, das sonst nirgendwo Platz fand.

Onkel Klaus war der Lustigste von allen Verwandten, immer zu Späßen und Scherzen bereit, den Kindern hat er alles erlaubt und verziehen. Ich glaube, ich habe ihn mehr geliebt als meinen Vater. Der war ja fast nie zu Hause, und wenn er da war, hatten wir größere Angst vor ihm als vor dem lieben Gott.
„Wo warst du?“
„Wir lagen im Kursker Bogen.“

Stosuppe, Erdäpfel, Kümmel, Schnittlauchbrot und Bier.
„Und warum seid ihr nicht abgerückt nach Süden? Uns entlasten im Kursker Bogen? In den Kaukasus, in den Kuban, auf die Krim?“
„Ich weiß es nicht, wir hatten keine Ahnung von der Gesamtlage. Nur Befehle. Ich war überall.“
„Du Feigling. Du hast nicht an die Sache geglaubt.“
Sie liefen in der langgestreckten Stube auf und ab, in gegensätzlichen Richtungen, und warfen sich russische Ortsnamen an den Kopf: Minsk, Pinsk, Smolensk, Rschewsk, Moskau, Kursk, Sewastopol und immer wieder Stalingrad.

Karl, der Überzeugte, wurde verletzt und kam aus dem Kursker Kessel heraus, Klaus, der jung Verheizte ohne Überzeugung, geriet in die Falle von Stalingrad und erlitt eine lange sowjetische Gefangenschaft. Es gibt ein Foto von Onkel Klaus aus der Zeit der Rückkehr, als er angeblich nur 48 Kilo gewogen haben soll und Monate zur Erholung brauchte. Immer wieder schauderten wir bei den Erzählungen über die halb verhungerten Heimkehrer, die gestorben waren, weil sie gleich Schweinsbraten und Knödel in sich reingestopft haben, anstatt sich mit Grießkoch oder Hafersuppe langsam aufpäppeln zu lassen.
Mein Vater saß auf der Fensterbank, verschanzte sich hinter Stößen von Schularbeitsheften, der Wiener Kirchenzeitung und der Presse. Und schwieg.
„Und du, Franzl, sog a wos.“
Er hatte nichts zu sagen, mein Vater. Er war eine Art von christlichem Wehrdienstverweigerer. Er wurde zwar auch 1940 in die Wehrmacht einberufen, hat sich aber bis 1943 innerhalb der Wehrmacht verstecken können – so das Familien-Narrativ.

Später die Botschaft: Er hat nie einen Schuss abgegeben und nie jemanden getötet. Das war sein größter Stolz, der sich auf uns übertrug. Wir waren reingewaschen und fragten nicht weiter. Damit begnügte ich mich und grub nie tiefer.
Das heißt, ich fragte nach, aber mit den 68ern mit der Nazi-Keule, wogegen die Eltern wehrlos waren und immer schweigsamer wurden. Wir waren ungerecht und haben uns damit viel verpatzt.
Was hat der Ostry gesagt? Er meint, dass Figl und Kreisky gut verhandeln in Moskau.
Helfst God, meine Großmutter, ließ die Stricknadeln fallen und bekreuzigte sich dreimal.
Karl und Klaus, die Streithähne von der Ostfront, blieben bei ihren gegenseitigen Vorwürfen.

Omama, aus ihrem Lehnsessel heraus, ermahnte die Brüder:
„Jessamarantana, still bist, Karl!
Die Großmutter schlug ein Kreuz über sich.
„Tuats ned streiten, Buam. Es is vorbei, laung scho, Godseidaunk. Und mia san olle am Lebm bliem.“
Sie legte das Strickzeug mit den Socken in den Schoß, reckte sich auf zum Weihwasserkessel und besprühte alle Anwesenden mit einem Palmzweig.
Ich sehe mich noch immer zu ihren Füßen lagern, bekam einen sanften Nieselregen ab und fühlte mich geborgen: Mir kann im Leben nie etwas passieren.
Ob andere Geschwister und Cousinen so etwas miterlebt haben, so einen Samstagabend mit Vinzenz Ludwig Ostry, kann ich auf diesem Tableau nicht erkennen.

Die Kampfhähne Karl und Klaus wollten sich nicht beruhigen.
„Mia san am Lebm bliem, aber die Burner, die ham zwoa Söhne im Feld lossn. Füa die Heimat. Die ham füa die Heimat gekämpft und sind ehrenhaft gefallen.“
Karl ließ nicht locker.
Die Bauernfamilie Schmutz mit dem Hofnamen Burner hat 16 Kinder durchgebracht auf den kargen Böden des Mühlviertels, bis ihnen der Krieg die zwei älteren Söhne raubte.
„Jo, die ham oba 16 ghabt“, wirft Karl ein.
„Du Bua, tua di ned versündigen, wir warn a amol siebm.
Deine Zwillingsschwestern Rosina und Fritzi san vor dir gstorbn, und dann no der Josef von der spanischen Gripp im 18er Joa. Der Zusammenbruch der Monarchie, die spanische Grippe, die Inflation, die Brauerei und die Seilerei sind den Bach runtergegangen. Wir ham grad noch das Bräuhaus halten können, den Wald und die Landwirtschaft.“

In der linken Ecke des Schlafzimmers meiner Großmutter stand hinter der Tür ein großer Schranktresor. Dreimal so hoch wie ich damals. Ein schwarzes Monstrum, hässlich, dick, schwarz-grün mit großen, goldenen Lettern. Manchmal sperrte sie ihn auf, und ich sah Bündel von riesigen Geldscheinen liegen, dick wie Hühnerbrüste. Kriegsanleihen von 1914 und 1915. Ich durfte damit spielen, aber sie sagte immer: „Das war einmal ein Vermögen, später hat man einen Teller mit dünner Hühnersuppe und eine Schachtel Zündhölzer dafür bekommen. Vergiss das nie, wie schnell das gehen kann.“

Es brauchte noch mein ganzes halbes Leben, damit ich verstand, wie die Großmutter zu diesem unvermittelten Gedankensprung kam, vom Zweiten Weltkrieg zurück zum Ende der Monarchie, dem Zerfall des Landes, dem Verschwinden des Kaiserhauses und der Hyperinflation. Für sie brachte all das mehr Schrecken als das Verschwinden Österreichs im Deutschen Reich und der Zweite Weltkrieg. Für sie war der Erste Weltkrieg und seine Folgen das viel größere Trauma, über das nichts hinausgehen konnte. Auch nicht, dass drei ihrer Söhne, ein Schwiegersohn und ein Schwiegerenkel im Krieg waren, einer verschollen, einer drei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Ihr Mann war Anfang des Krieges plötzlich verstorben, und sie musste die Familiengeschäfte übernehmen ohne eine männliche Unterstützung.

Ich kann nicht wissen, warum das so war, nur Vermutungen anstellen:
Weil sie nach 1914 noch relativ jung war mit vielen Perspektiven, das Leben vor ihr lag mit allen seinen Möglichkeiten. Sie war eine Schönheit, die Familie war wohlhabend, wuchs und entwickelte sich, der Mann an ihrer Seite, ein erfolgreicher Geschäftsmann und angesehener Lokalpolitiker. Sie waren absolute Kaisertreue, das Haus Habsburg und das Reich gaben dem Leben einen festen Rahmen. Die Weltverhältnisse schienen unverrückbar. Als diese in Trümmern auseinanderfiel, das musste das Trauma gewesen sein, von dem sich meine Großmutter nie wieder erholte und wogegen alle späteren Schrecken verblassten. So wie meiner Großmutter muss es vielen ihrer Generation gegangen sein. Vielleicht erklärt das unter anderem die geringe Widerstandskraft gegen die Hitler-Barbarei. Mein Vater zumindest hat immer behauptet, dass es nur zwei Möglichkeiten gab, der Nazi-Ideologie zu entgehen:
Entweder man war überzeugter Kommunist oder gläubiger Christ.

28. – 30.5.20

Veronika Seyr
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Internationaler Sockentag

Meine Bettler-Galerie – 4. Dezember, internationaler Sockentag

Dass der 4. Dezember als internationaler Sockentag eingetragen ist, war mir bis gestern nicht bekannt. Ich bin damit groß und alt geworden, dass das der Barbara-Tag ist. Aber ich bin ja immer offen für das Neue.

Genau an diesem 4. Dezember 2020 ging mir die rumänische Bettlerin vor meinem Spar-Gourmet so sehr auf die Nerven, dass ich zur Tat schritt.
Ich kaufte aus dem Laden alles heraus, was ich für die nächsten vier Tage zu brauchen glaubte.
Fast alles Unsinn, das heißt so viel, dass ich das nicht verkochen, geschweige denn alles allein verdrücken würde können. Gäste? No chance.
Eine Riesenscheibe vom Hokkaido-Kürbis, Zwiebel, Knoblauch, Salat, Paradeiser in jeder Form, dazu Gewürze, Trockenfrüchte und einige Konserven für die nächsten zwanzig Jahre.
Ich bin keine Trümmlerin, sondern wollte nur über meine Grippeperiode drüber kommen, ohne auf die Straße gehen zu müssen.

Als ich mit den Taschen aus dem Spar-Gourmet auf die Wiedner Hauptstraße heraustrat, begrüßte mich diese Bettlerin wieder mit ihrem Danke, guten Tag, alles Gute. Ich habe es mir seit langem zur Gewohnheit gemacht, nur direkt an Projekte zu spenden oder ehrenamtlich Hand anzulegen.
Diese Frau sitzt nun schon drei Jahre vor meinem Laden, immer, ob Sommer oder Winter, in Fetzen eingehüllt, grässlich, abstoßend, unansehnlich, mit einer unangenehm blechernen Stimme sagt sie ihre eingelernten Sprücherl auf. Natürlich habe ich beobachtet, dass immer wieder Männer vorbeikommen, die sie wahrscheinlich abkassieren.
Ich habe ihr noch nie Geld gegeben, wie andere die Wechselmünzen in ihren ausgestreckten Becher reinwerfen. Gar nicht so wenige Wiener machen sich so ihr Gewissen leichter.
Ich denke viel darüber nach, warum sie und ich nicht.

Was mich packte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls lief ich in einiger Gefühlsaufwallung in meine Wohnung schräg gegenüber und packte alles, was ich für die nächste Lieferung zur Caritas-Sammelstelle am Mittersteig ausgesondert hatte. Ein eigener Sack war eine Sammlung von Socken, zum teil historische, aus Russland, Bosnien, Albanien, der Türkei und Mazedonien. Die meisten Frauen, mit denen ich als ITV-erin in Berührung kam, beschenkten mich mit ihren Handarbeiten: Socken, Satteltaschen, Pölster, Kissen, Decken und gestickte Deckchen, Stick- und Strickwerk. Das meiste habe ich selbst getragen, gepflegt und hochgehalten, sogar ausgelegt, zum Teil bis heute. Zum Beispiel Deckchen von vergewaltigten Frauen aus dem Moraca-Lager.

Die CARLA ist seit dem Lockdown leider auch geschlossen.
Wurscht, dachte ich mir, und lief wieder auf die Straße zum Spar-Gourmet, zur hässlichen, schlecht tönenden, alten Bettlerin. Ich stellte die zwei Taschen vor ihr ab und ging wieder in den Spar hinein, weil ich Eier, Obers und Topfen vergessen hatte. Eine Tasche war voll mit Socken, keine aus der balkanischen Strickung, sondern neumodisch.
Als ich kurz danach zurückkam, sah ich sie, wie sie als Erstes eine Wollmütze über die alten Kopftücher zog, an den Händen meine Handschuhe, und an den Füßen probierte sie gerade die Socken.
Da konnte ich nur flüchten. Wohin nur?

4. Dezember, internationaler Tag der Socken.

Wien, 6.12.20

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20129

 

Apokalypse reloaded III: Angewandte Geographie

Noch einmal der selbe Ort und fast die selbe Personage. Wir spielten einmal wie so oft im Hof Weltreisen, Hedi, Franzi und ich. Dazu gruben wir mit Stöckchen Kanäle, Gänge und Gruben in die Erde, durch die wir dann unsere Murmeln laufen ließen. Sie waren gewunden und die Löcher so tief, wie wir nur graben konnten.
Was war der Wettbewerb? So viele Ziele wie möglich aufzusagen, wohin die Murmeln rollen sollten.

Als Älteste von uns Dreien war ich im Vorteil. Ich denke, ich werde etwa neun gewesen sein, Hedi zwei Jahre jünger, Franzi noch vor der Einschulung.
Es war wahrscheinlich der neunte Geburtstag, als ich ein Buch geschenkt bekommen habe, damals sehr aktuell, Thor Heyerdahls „Aku-Aku“. Später kam „Kontiki“ dazu. Als frühe Vielleserin waren das meine Lieblinge. Später folgten die Reisebeschreibungen von Sven Hedin und Amundsen.
Aber da meine Eltern eine Art von verallgemeinernd-verwirtschaftender Kulturerziehung betrieben, bekamen alle Geschwister einmal ihren Moment: Es wurde von meinem Vater in dramatisierter Art das jeweilige Lieblingsbuch vorgelesen, am großen Familientisch nach dem Abendessen und dem Rosenkranz. Bei den älteren Geschwistern werden es damals die diversen Karl Mays gewesen sein, für die ich mich nicht interessierte. Endlich kam mein Lieblingsbuch Aku-Aku an die Reihe. Mein Vater hatte ein dramatisches Talent, beim Lesen alles zu rhythmisieren und musikalisieren. Er vertonte Kinderbücher genauso wie klassische Balladen. Er versetzte mit Aku-Aku alle in Begeisterung, und von nun an sprachen wir über nichts mehr anderes als über Ozeanien und die Osterinseln. Das hatte gravierende Folgen.

Wie die älteren Geschwister das verarbeitet haben, weiß ich natürlich nicht mehr. Aber unter uns Jüngeren war das lange ein Thema. Wie kommen wir von Tulln, Königstetterstraße 13, nach Ozeanien, Tahiti, Fidschi, auf die Osterinsel, nach Australien, in die Karibik, nach Tasmanien und Japan? Wir berauschten uns an komplizierten Namen wie Kilimandscharo und Fudschijama, Popokatepetl und Taklamakan, Atakama, Kysyl-Kum und Amur-Darja, Samarkand und Buchara, Ratanui,Tschuktschen, Sulawesi und Sambesi. Wir gruben Gänge in den Gartenhof, bauten Gruben, so tief wir konnten und träumten vom Durchstich auf die andere Seite der Erdkugel.

Wir hatten unser Vergnügen daran, Buchstaben oder Wortteile umzustellen und konnten davon nicht genug kriegen: Fudschi-Kili, Kumm-Kiesel-kumm, Lula-Wasi, Bem-Sasi. Bei den Tschuktschen – Tschek-tschucktschuck … wäre Franzi einmal fast erstickt, weil er seine Zunge verschluckte. Mein Lieblingswort war der Popokatepetl, bei Hedi war es Dshallalabad. Uns konnte man nicht Schuld geben für unsere ungewöhnlichen Spiele.
Wie alle Kinder waren wir nur die Papageien der Eltern. Papa mit seinem dramatischen Vortrag von „Walle walle, manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe ...“
Er selbst schien Spaß an Wortverdrehungen zu haben und hat uns zur Nachahmung angeregt. Bei uns ging damals eine Hausschneiderin aus und ein, die kleine Ausbesserungs- und Strickarbeiten übernahm, eine Frau Muck aus Muckendorf-Wipfing, das Dorf nach Langenlebebarn und vor Zeiselmauer. Er konnte sich köstlich darüber amüsieren, wie wir uns ärgerten, wenn er die Anfangsbuchstaben verdrehte zu Frau Wick aus Mickendorf-Wupfing. Nein, Papa, protestierten wir, so heißt sie nicht, sie heißt Frau Muck aus Muckendorf-Wipfing, und immer wieder andersrum. Aha, die Frau Mick aus Wupfendorf-Mipfing. Ein frühzeitiges, kindliches Rappen.

Den Hauptmurmeln, also jenen, die den Anfang machten, gaben wir die Namen unserer Lieblingshelden. Sie waren etwas größer als die „Arbeiter“ und bunter. Die Anführer wurden in die Gänge geschossen, die Mannschaften folgten ihnen nach, so drangen wir immer weiter zum Erdmittelpunkt vor.
Bei mir war es eindeutig Darwin, beim kleinen Franzi einfachheitshalber Thor, Hedi hat sich nie entscheiden können und sich in Amundsen, Colombo und Cook gleichzeitig verliebt. Bevor wir die Murmeln in die Gänge setzten, spuckten wir auf den großen Darwin, Thor und Cook und ließen sie los auf ihre Erkundungsfahrten. Wir besaßen damals als nicht wohlhabende, kinderreiche Familie noch nicht den Luxus eines Globus und daher nur ungefähre Vorstellungen von der Weltkugel. Ich war mit Darwin eher auf den Süden gerichtet, Thor nach Ozeanien, und Cook schiffte dazwischen herum.

In unser Spiel vertieft, bemerkten wir nicht, dass sich unser Vater einmal über uns beugte.
Was spielt ihr denn da?
Wir spielen nicht. Wir entdecken die Welt und erobern sie.
Wo wollt ihr denn hin?
Zum Kilimandscharo und zum Fudschijama. Ich als die Älteste.
Wie kommt ihr denn da hin?
Durch die Erdkugel einfach durch und durch.
Und was ist, wenn ihr dort am anderen Ende rauskommt?
Das wissen wir nicht, wir sind noch nicht so weit. Weißt du es?
Vater war für uns ein Gott und wusste alles.
Also, wenn ihr in Afrika beim Kilimandscharo herauskommt, hängt ihr in den Höhlen und Bäumen kopfüber wie die Fledermäuse. Das sind die Antipoden, die Kopffüßler. Sie gehen am Kopf und das nur rückwärts. Aber passt auf, gejagt und gefuttert wird nur nachts.
Wenn ihr beim Fudschijama herauskommt, müsst ihr abwechselnd auf den Händen und dem Popo gehen. Es gibt dort nur Reis zu essen, manchmal auch Nudeln und Algen.
Wir kannten damals weder Reis noch Nudeln noch Algen, nur Erdäpfel, Grießschmarrn und Sterz. Trotzdem wurden wir groß und stark.

Das Murmelspiel stellten wir bald ein. Dafür übten wir unermüdlich, ohne unsere Kapitäne Darwin, Thor und Cook, in unserem heimischen Garten, vom dicksten Ast des Kirschbaumes kopfüber herunterzuhängen, herunterzufallen, auf den Händen zu gehen und auf dem Hintern im Gras herumzurutschen. Eine kleine Affenhorde. Mir war am wichtigsten, nachts möglichst nicht zu schlafen, um die Jagd nicht zu verpassen.
Als Franzi im nächsten September eingeschult wurde und ihn die Lehrerin fragte, was denn sein Vater so arbeite, antwortete er: Mein Vater ist ein Prophet.
(Er war Mittelschullehrer und wurde als solcher mit Professor angeredet.)
Gut. Und was arbeitet deine Mutter?
Die macht gar nichts, die ist immer nur zu Hause.

12.6. 20

Veronika Seyr
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Apokalypse reloaded II

Ich wuchs in einer patriarchalischen Familie auf, in jedem Fall war das das Modell meiner Kindheits- und Jugendjahre. So gab es das ungeschriebene Gesetz, dass ohne den Vater nicht mit dem Abendessen begonnen werden durfte. Das war die einzige gemeinsame Zusammenkunft, bei der alle wichtigen Dinge erzählt, diskutiert, beurteilt und sanktioniert wurden. Frühstücks- und Mittagessens-Zeiten waren wegen der unterschiedlichen Schultermine Variable. Abendessen um 19 Uhr unter Vorsitz des Vaters – das war eine eiserne Regel.

Aber einmal passierte es, dass der Stadtpfarrer am späten Nachmittag zum Vater zu Besuch kam, mit dem er einen Gedankenaustausch pflegte. Es war die Zeit der Stürme, die das II. Vatikanische Konzil mit sich brachte. Mein Vater war ein unermüdlicher Trommler für das größte Reformwerk in der römisch-katholischen Kirche seit der Reformation. Es wurde zwischen den Eltern vor uns Kindern sogar am Esstisch heftig diskutiert, sodass ihn meine Mutter einmal einen „lutherischen Ketzer“ nannte. Schnaubend meinte sie: „Da kannst du ja gleich zu den Protestanten gehen!“
Eine besonders pikante Aussage, war sie doch nach dem Zusammentreffen mit meinem Vater von den Evangelischen zu den Katholischen konvertiert.

Der Dechant von St. Stephan war eine kreuzfromme, aber leicht einfältige und ängstliche Person, die sich gern von meinem Vater beraten und im Glauben bestärken ließ. Das II. Vatikanum wirbelte alle Glaubensgrundsätze und die fast 2000 Jahre alten Regeln so durcheinander, dass der Gute manchmal ganz verzagt in der Seele war, ob das noch seine vielgeliebte, heilige römisch-katholische Kirche und Papst Johannes Paul II nicht ein verkleideter Luther oder, noch schlimmer, eine Ausgeburt der Hölle auf Petri Stuhl sei.
Das vertraute er aber nicht einmal meinem Vater an, sondern nur seinem geistlichen Beichtvater als „Sünde wider den Heiligen Geist“, und das ist die allerschlimmste unter den Todsünden.

Eine Messe in der Volkssprache, der zum Volk gewendete Tisch, demokratische Strukturen wie Pfarrgemeinderäte, Ministrantinnen, Diakoninnen – alles nicht auszudenken. Das kann nur das Ende der Kirche sein, alles Ideen des Antichrist.
Ich meine mich erinnern zu können, dass der Pfarrer meinem Vater seine Entwürfe für die Sonntagspredigten vorlegte und sie mit ihm nach didaktischen und rhetorischen Gesichtspunkten durchnahm. War der Vater doch ein Professor und Pädagoge.

Es wird schon etwas Wichtiges gewesen sein, das den Stadtpfarrer so spät am Nachmittag hereinschneien ließ. Was wusste ein Kleriker mit Pfarrerköchin schon von den ehernen Gesetzen eines zehnköpfigen Haushalts. Der Abendtisch war gedeckt, wir saßen reihum mit knurrenden Mägen, auf dem Herd köchelte das Essen vor sich hin, aber aus dem Arbeitszimmer drang noch immer das Gemurmel der zwei Männerstimmen. Es wurde spät und später. Meine Mutter, bei der alle Unregelmäßigkeiten, vor allem Verstöße gegen die Zeitregeln, einen heiligen Zorn hervorriefen, war schon am Explodieren und stieß allerlei unchristliche Verwünschungen gegen den Stadtpfarrer aus. Aber sie konnte ihn ja nicht selbst vertreiben. In diesem Dilemma scharrte sie mit den Vorderhufen wie ein ungezähmter Mustang und schnaubte:
„Dem sag ich einmal richtig meine Meinung, dem alten Depp!“

Da kam irgendjemand auf die Idee, den jüngsten Bruder Franzi vorzuschicken. Wahrscheinlich die älteren Brüder, die den Kleinen gern ins offene Messer laufen ließen. Franzi sollte heimlich erkunden, wie weit die beiden Männer mit der Verabschiedung seien. Freudig über seine Rolle als Kundschafter, warf der sich in die Schlacht. Anstatt nur an der Tür zu lauschen, öffnete er sie einen Spalt breit, steckte den Kopf durch und verkündete, was er im väterlichen Arbeitszimmer sah. Mit laut krähender Stimme meldete er an den im Esszimmer wartenden Rest der Familie triumphal zurück:
„Ja, der alte Depp ist noch immer da!“

So schnell konnten wir gar nicht schauen, raffte der Geistliche seine Röcke, die Papiere und den Hut zusammen und huschte schnell wie der Schatten eines schwarzen Katers durch die Haustür hinaus in die Nacht. Selten wurde der Jüngste dieser hierarchischen Familie so unisono als Held gefeiert wie an diesem Abend.

Übrigens: Das „Abendmahl“, auf das wir so lange hatten warten müssen, bestand aus einer Stosuppe mit heurigen Erdäpfeln, Kümmel drin und Schnittlauch drauf, ein Stück Schwarzbrot dazu. Herrlich, diese Erinnerung. Noch heute zerknacke ich jedes einzelne Kümmelkörnchen mit Genuss zwischen den Zähnen.

Pfingstsonntag, 31.5.20

Veronika Seyr
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Apokalypse reloaded I

Als es am Gartentor klingelt, hält sich Mama gerade im Schlafzimmer auf, das zwei Fenster zur Straße hat. Sie sieht dort einen Mann und eine Frau stehen, die ein Bündel Zeitschriften vor der Brust tragen. Das oberste Exemplar ist in durchsichtiges Plastik eingepackt und hängt an einer Schnur um den Hals, „Der Wachturm“. So stehen sie auch jeden Samstag auf dem Hauptplatz unter der Marienstatue. Ah, das sind wieder einmal die Zeugen Jehovas, denkt sie, die schick ich zum Papa, der diskutiert ja so gerne. Sie verachtet die Sektierer aus tiefster Seele und ist in ihren Ansichten, wie alle Konvertiten, päpstlicher als der Papst. Bettler und Hausierer bekommen immer etwas, aber Missionare schickt sie gnadenlos weg, wenn der Vater nicht zu Hause ist. Sie öffnet das Gartentor, lässt die beiden in den Vorgarten eintreten und leitet sie weiter an ihren Ehemann. Der sitzt gerade einmal nicht an seinem Schreibtisch, sondern ist mit einem Kanalarbeiter damit beschäftigt, die übergeflossene Senkgrube zu entleeren. Die beiden Missionare stapfen durch die Einfahrt in den Hof, stellen sich höflich mit Namen vor und beginnen das Gespräch mit dem Stehsatz:
„Wir möchten gern mit Ihnen über Gott sprechen.“

Mein Vater, in Gummistiefeln und ledernem Arbeitsschurz, wendet sich ihnen zu, unterbricht aber seine Arbeit nicht. Er schaufelt mit einer langstieligen Kelle die Verdauungsreste einer zehnköpfigen Familie in Eimer und Bottiche, die der Arbeiter zu einem hölzernen Kastenwagen in der Einfahrt trägt. Es ereignete sich also zu einer Zeit, die noch weit entfernt war von geruch- und geräuschlosen Pumpen und Absauggeräten.
„Ja, bitte, Sie können mit mir reden.“

Die Zeugen sind freundliche, gesittete und geduldige Leute, denen es nicht in den Sinn kommt, das einmal gefundene Opfer zu bitten, die Arbeit einzustellen und sie vielleicht in ein Zimmer einzuladen. So stehen sie mit ihrem Propaganda-Organ „Der Wachturm“ am Rand der offenen Senkgrube, ein tiefer Schacht an der Mauer zum Klo. Wie dem Schlund der Hölle entsteigt ihm ein unbeschreiblicher Gestank und verbreitet über den ganzen Hof eine undurchdringliche Wolke. Der Situation entsprechend hätte man sagen können: bestialisch, teuflisch, höllisch. Dabei handelt es sich nur um allzu menschliche Dinge. Es ist ein heißer Sommertag, und die Schwaden der Hölle hängen brütend über der kleinen Gruppe.

Die Apostel der letzten Tage sind nicht nur bibelfeste, sondern auch tief überzeugte und standhafte Gläubige. Außerdem werden sie nicht alle Tage in ein großes Haus gebeten, sondern meistens von der Schwelle weggescheucht. Sie schicken einander ermutigende Blicke zu, richten ihre Rüstung vor der Brust zurecht und spulen die Standardsätze ab. Sie kündigen den Ungläubigen an, im ewigen Höllenfeuer zu schmoren. Wer Gott nicht gehorcht, wird alle Schmerzen dieser Welt erleiden. Alle Feinde Gottes werden am Jüngsten Tag vernichtet, wie der Prophet Jeremias, Jesaja 43, Vers 10 und 11, sagte:
„Ihr seid meine Zeugen (…) Ich – ich bin Jehova, und außer mir gibt es keinen Retter.“
Sie rattern ganze Bibelabsätze samt Strophen- und Versezahlen fehlerlos herunter wie eine aufgezogene Uhr, aus der immer wie ein Kuckuck der Name Jahwe hervorspringt. Sie werden fast zu Poeten, wenn sie in bunten, saftigen Bildern die Höllenqualen schildern. Eine wahrhaft hoffnungsfrohe Religion.

Mein Vater, ein nicht minder sattelfester Bibelkenner, erklärt ihnen geduldig, dass sie da etwas missverstanden haben müssen. Man könne nicht eine ganze Religion auf einen einzigen Prophetensatz gründen. Man müsse das Gesamtpaket der Bibel hernehmen, das ganze Alte Testament, da gäbe es viele Propheten mit vielen verschiedenen Aussagen. Vor allem aber sei für ihn als katholischer Christ das Neue Testament ausschlaggebend, Christus und seine Botschaft der Liebe. Das Christentum sei eine Religion der Liebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Überhaupt müsse man seit dem II. Vatikanischen Konzil die neuen Interpretationen des Bibelwortes berücksichtigen und das neue Christus-Bild als Vorbild für sein eigenes christliches Leben nehmen. Nachfolge Christi nennt man das. Wir glauben an einen Gott der Liebe und nicht der Rache.
Außerdem müsse man die Bibel in einem historischen Kontext sehen und dürfe nicht alles wortwörtlich nehmen, so wie etwa die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Das sind Sinnbilder. Auch habe sich die Wissenschaft seit Bibelzeiten weiterentwickelt. Darwin, zum Beispiel … Bei der Erwähnung dieses Namens fallen sie vor schwer unterdrückter Empörung fast in die Grube. Darwin, ein Name wie der leibhaftige Gottseibeiuns! Menschen, die von Affen abstammen …
Vor allem verurteilt der Vater die Scheidung in Gläubige und Ungläubige, denen von den Zeugen Jehovas die schlimmsten Strafen angedroht würden.

Mit der Spaltung in wahre Zeugen, die Auserwählten, und in die sündigen Schafe, die am Jüngsten Tag zur Schlachtbank geführt würden, sei er keinesfalls einverstanden. Das sei absolut unchristlich und widerspreche der Bergpredigt. Er ist nicht faul, den Aposteln der Letzten Tage die ganze Bergpredigt auswendig herzudeklamieren, während die Höllendämpfe sie umwabern. Er hält inne und stützt sich auf den Stiel seiner Schaufel. „Selig ist, wer …  Selig ist, wer … Das ist der Sinn der Bibel, mein Credo.“
Diskussion ist das natürlich keine, eher eine Begegnung wie von zwei Mauern, die gegeneinander anrennen.
Mein Vater und der Arbeiter sind mit einer solchen Arbeit vertraut, geht doch die Senkgrube regelmäßig einmal im Jahr über. Die Zeugen Jehovas jedoch, bibeltechnisch und rhetorisch exzellent geschult, sind mit dieser Situation überfordert und schnappen nach Luft. Da nützt ihnen auch die ganze antrainierte Bibelrhetorik nichts mehr. Sie kämpfen sichtlich mit unbezwingbarem Brechreiz, nicht mehr um seelisches, sondern statisches Gleichgewicht am Rande der Grube bemüht, unternehmen sie nicht einmal einen Versuch, den „Wachturm“ zu verscherbeln, wie  jedes Gespräch über Gott enden muss.

Ich bin mir sicher, dass nicht die schlüssige Argumentation meines Vaters sie in die Flucht geschlagen hat. Die Bündel mit den Zeitschriften vors Gesicht gepresst, nahmen sie freiwillig Reißaus und beendeten den Missionierungsversuch an einem seltenen Redewilligen. Unter anderen Umständen hätten sie ihn erst nach langer Quälerei aus ihren Krallen gelassen. Unser Haus bekam ein unsichtbares jehovisches Kruckenkreuz an die Wand gemalt wie von Hausierern und Bettlern: Hier ist nichts zu holen. Sie kamen nie wieder. Mama gab den Bettlern und Hausierern weiter eine Kleinigkeit, kaufte den Sieberl- und Ranftlmachern etwas ab und ließ die vazierenden Messerschleifer unsere Messer und Scheren schärfen.
Jauche schlägt Jahwe.

Warum ich das alles weiß? Ich stand im WC auf dem Klodeckel und lauschte beim Guckfenster hinaus. Warum ich das alles erinnere? Ich hab’s geträumt.

Pfingstsonntag, 31.5.20

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 20094

 

Verfluchte Tage oder It’s war, baby!

„Dieses verwünschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.“
Diese Sätze schrieb Ivan Bunin am 1. Jänner 1918 in sein Tagebuch, noch in Moskau, aber bald danach floh er vor der bolschewistischen Revolution über Odessa nach Paris und kehrte nie wieder zurück.
„Verfluchte Tage“ nannte der Nobelpreisträger von 1933 seine Aufzeichnungen über Revolution und Flucht vor 100 Jahren.
„… weil eines der auffälligsten Erkennungsmerkmale einer Revolution die ungezügelte Gier nach Spiel, Verstellung, Pose, Schaubude ist. Im Menschen erwacht der Affe.“
Odessa, 12. April 1919

Als mir im März 2020 beim Abstauben der Bücherregale dieses Buch in die Hände fiel, las ich es in einer schlaflosen Nacht in einem Zug durch und bemerkte, dass ich es schon mehrere Male durchgearbeitet hatte, wie ich an den unterschiedlichen Unterstreichungen und Anmerkungen feststellen konnte. Warum nur? Weil mich Umbrüche und Weggabelungen schon immer interessiert haben, sowohl bei mir, bei Menschen als auch in der Geschichte, vor allem, wenn sie zeitlich zusammenfallen. Und nun bin ich in einem von solchen Fällen Lebenszeitzeuge; da holte ich andere Exilliteratur aus dem Russenregal: „Teffy, Champagner aus Teetassen – Meine letzten Tage in Russland“ der Schauspielerin Nadeshda Lochwitzkaja; weiters die Autobiografie von Levon Aslanowitsch Tarassow, der sich im Pariser Exil Henry Troyat nannte und mehr als einhundert historische Romane schrieb; die Biografie von Olga Knipper-Tschechowa, und die von Lew Nussimbaum alias Kurban Said alias Essad Bey, der auf seiner Flucht mit seinem Vater ebenfalls in Konstantinopel hängengeblieben ist.
Dieses Warten, dieses Hängenbleiben und das Herausfallen aus der Zeit, ich glaube, es ging ihnen allen so wie dem Panther im Jardin des Plantes – und hinter tausend Stäben keine Welt. Die russische Psychoanalytikerin Sabina Spielrein erwischte der Kriegsausbruch in ihrem langjährigen Wohnort Berlin, und obwohl sie nicht ausgewiesen wurde, kehrte sie – aus übergroßer Heimatliebe? – nach Russland zurück. Dort geriet sie zuerst in die Stalin-Falle, die ihrer Karriere ein Ende setzte und später in die SS-Falle, die ihr Leben, das ihrer zwei Töchter, des Vaters und zweier Brüder auslöschte.

Als immer mehr Politiker, angefangen von Macron bis zu Trump, vom „Krieg“ gegen das Corona-Virus zu schwafeln begannen, kamen bei mir Erinnerungen auf an die vielen Emigranten, die auf der Flucht irgendwo strandeten oder sich bei Kriegsausbruch plötzlich in Feindesland wiederfanden. Sie wurden entweder expediert oder kehrten aus Patriotismus in ihre Heimatländer zurück. Das kann man in vielen Biografien aus den Zeiten vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nachlesen. Nicht wie jetzt bei der Corona-Krise holten sie ihre Regierungen in Luftflotten nach Hause, 250 000 in Deutschland, 34 000 in Österreich, sondern sie haben ihr Leben lang dieses Gestrandetsein nicht mehr vergessen und verwinden können. Immer war es ein Wendepunkt in ihren Leben.

Tschechows Witwe Olga befand sich mit der Truppe des MCHAT, dem Moskauer Künstlertheater, gerade auf Gastspiel in Odessa, als die Oktoberrevolution ausbrach.
Nach verzweifelten und „verfluchten“ Wochen, wie Ivan Bunin diese Zeit bezeichnet, gelingt es der Truppe, ein Schiff zu kapern, das sie die Donau aufwärts bis nach Wien bringt, wo es im Theater an der Wien sogar zu einer Aufführung von „Kirschgarten“ kommt, mit der berühmten Olga Knipper in der Rolle der Ranewskaja. Meine Bibliothek steht mir gerade in meinem Corona- Exil nicht zur Verfügung, um zu überprüfen, ob es nicht das „Nachtasyl“ von Gorki war.

Bunin, der die Bolschewisten verachtete, glaubte noch einige Zeit lang an die Umkehrbarkeit der Revolution und arbeitete in Odessa an einer antibolschewistischen Zeitung mit.
Geschichten vom Hängenbleiben, von Schiffbrüchen und Rettungen hatten in den letzten Wochen auch die Medien zu bieten. Ein Segler vor der türkischen Küste, der nicht anlegen darf, andere mussten von der Karibik aus den Atlantik überqueren, Touristen in Neuseeland und Peru wollten nicht gerettet werden und blieben in Wellington und Medellin.
Besonders amüsant finde ich die Episode mit Kaiser Wilhelm II., der sich trotz der drohenden Kriegsgefahr im Juli 1914 nicht von seinem alljährlichen Urlaub auf seiner Segeljacht „Kiel“ abbringen ließ und um ein Haar zur eigenen Kriegserklärung zu spät nach Hause gekommen wäre. Oskar Potiorek, Oberbefehlshaber der k. u. k Balkanstreitkräfte und Verantwortlicher für das verhängnisvolle Manöver vom 27. Juni 1914, weilte gerade zur Kur in Karlsbad, als der Krieg ausbrach und musste eiligst in einem plombierten Zug an die Front gebracht werden.

Wissen diese Kriegserklärer von Macron (den ich bis dahin für ziemlich intelligent gehalten habe) bis Trump, wem die da gerade was erklären?
Krieg. Wo sind die Heere? Wo die Linien? In welchen Formationen? Mit welchen Waffen rücken sie an? Wie groß ist die jeweilige Truppenstärke? Wen haben sie gegenüber? Wie sieht der „Feind“ aus, den sie vernichtend schlagen wollen? Wie schön dagegen noch die Frontlinien in der Drei-Kaiser-Schlacht von Leipzig. Wie am Reißbrett. Oder die gedrechselte Epik des „An meine Völker“.

So unsichtbar war noch nie ein Feind seit der Pest, als man vor allem die Juden und Frauen/Hexen für die Epidemie verantwortlich machte und sie als Brunnenvergifter, als Milch- und Viehverhexer und Seuchenverbreiter und Wetterhexen verfolgte. So macht es auch Trump, wenn er – mit Augenbrille – vom chinesischen Virus oder Wuhan-Virus redet. Da man das Virus nicht zwischen die Finger kriegt, es nicht feuern und ihm nicht den Hals umdrehen kann, auch Kanonenkugeln und Grenzmauern nichts bringen, warum eigentlich nicht stellvertretend die Schuppentiere, Fledermäuse und Schlangen, die Zibethkatze und alle Hunde und wer weiß welche Tiere noch bestrafen, die auch Zwischenwirte sein könnten? Die Liste ist lang: Schleichkatzen, Marderhunde, Nerze, Frettchen für Operation Sündenbock. Besonders beliebt bei allen Verschwörungstheoretikern, Populisten, Nationalisten und Rassisten.
Aber ein Gutes hat die Corona-Krise auch: Sie zeigt überdeutlich, dass diese Leute, wenn sie in der Politik mitmischen, nichts drauf haben. Keine Lösungen, nur dumme Phrasen, vielfältiger Schwachsinn und Popanz. Wenn nicht das Gedächtnis der Menschen so kurz und lückenhaft wäre, könnten wir sie dank Corona endgültig loswerden. So ist es unwahrscheinlich, dass sich die Kurve der Dummheit schnell abflachen wird.

Mir kam einmal bei der Aufzählung all der möglichen Schuldigen die Erinnerung an das Lieblingsbuch meiner Kindheit, an Kästners „Konferenz der Tiere“ hoch, an den Löwen Alois, den Elefanten Oskar und die Giraffe Leopold: „Es geht um die Kinder!“ Die Tiere schlagen zurück. Ihr habt uns gefressen und ausgerottet, jetzt seid ihr dran!
Wahrscheinlich Corona-verseuchte, nächtliche Gehirngespinste. Wer wäre in unserer Gegenwart der erfolglose Sonderermittler Zornmüller, den die Tiere in die Flucht schlagen?
In der FAZ lese ich ein Interview mit dem Berliner Inselmakler (so was gibt’s) Farhad Vladi, der von seinem derzeit florierenden Geschäft schwärmt, und meine Buchhändlerin erzählt mir, als ich wieder ins Ladeninnere reindarf und nicht mehr durch den Türspalt die Bücher gereicht bekomme, dass ewige Ladenhüter wie Decamerone und Robinson Crusoe hoch im Kurs stünden.

So hat eine jede Krise punktuell auch ihre guten Seiten. „Always look on the bright side of life“. Wegen übergroßer Nachfrage geht Mexicos Brauereien das Corona-Bier aus, und das idyllische Dörfchen St. Corona am Wechsel schafft es sogar auf CNN mit einem Reporter-Bild vor der Ortstafel. Wie sie Wechsel wohl übersetzt haben?

Aber eines der größten Opfer in Kriegs-, Revolutions- und Corona-Zeiten ist die Sprache.
Karl Kraus lässt grüßen, hätte seine Freud gehabt und ganze Fackeln damit füllen können. In meinen Containment- und Social-Distancing-Wochen habe ich es mir zum Sport gemacht, bei den Nachrichten mitzuschreiben. Als Erstes bekamen wir english lessons: News, Topnews, Morning News, BREAKING NEWS schreit es in abscheulicher Dekoration mit dicken, alten, hässlichen Männern und dümmlichen, spärlich bekleideten, oft piefkinesisch mit piepsenden Stimmen sprechenden TV-Schnepfen in Lockenpracht. Echt sexy, trotz shutdown, lockdown, containment, social distancing, cluster, no kiss, no hug, no stop, just go and keep distance.
Oh Gott, wie sind die gebildet. Je mehr geredet, erklärt, kommentiert werden musste (Einschaltquoten!), desto mehr kommt die deutsche Sprache unter die Räder.

Die medialen Erklärer haben es zustande gebracht, die sehr, sehr wortreiche und variable deutsche Sprache – der Horror aller Deutsch-Lernenden – zu einem pigeon-german verkümmern zu lassen.
Bitte sehr, eine kleine Auswahl aus den sprachlichen Folterwerkzeugen, manche unfreiwillig lustig:
Man soll die Lanze nicht auf die Goldwaage legen.
Das Rennen um die Impfstoff läuft.
Corona kommt der Natur sehr zugegen.
Waren die Warnungen übergeschossen? Als Variante im Bericht gab’s noch:
Haben die Warnungen übergeschossen?
Eine Pandemie oder Hyperinflation gab es ebenfalls mit dem Wort: Zukunft.
Wir müssen die Zukunft neu ausrichten.
Die Zukunft wird neu.
Wir brauchen mehr Zukunft!
Meine Zukunft gehört mir!
Geht jetzt die Zukunft in den Ruhestand?
Wann kehrt meine Zukunft zu mir zurück?
Die Reparatur der Zukunft.
Den Enttäuschten schlägt es jetzt Hohn und Spott in die Augen.
Es hungert uns nach Haut.
Griechisch-orthodoxe Kirche verschiebt Ostern.
Afrika schottet sich von Europa ab.
Sommmersaison der Wiener Bäder fällt ins Wasser.
Die Intensivbetten gehen zur Neige.
Meine Brille (ein Pferd?) wird beschlagen.
Die Politiker sollen Zuversicht schüren.
Notre Dame (der Wiederaufbau) liegt auf Eis.
Obertilliach hegt auch das zweite Standbein Landwirtschaft.
Die K-Zeitung verrät am Ostersonntag in dicken Lettern am Titelblatt, warum „sich das Ostergeheimnis auch von schweren Zeiten nicht unterkriegen lässt“.

Unter einem mittelalterlichen Gemälde eines dornengekrönten Christus. Das nenn ich Pornographie, grenzt schon an Poesie, poetische Pornografie, überhaupt wenn man noch einmal hochschaut auf die Großbuchstaben mit AUFERSTEHUNG, die das ursprüngliche I.N.R.I. verdecken und erklären, „warum uns in diesen Zeiten unser Glaube besonders wichtig ist“. Welcher Glaube ist damit gemeint? Der des Pakistani? Des Trump an sich selbst?
Des Hofer Norbertl an die „leichte Grippe“?
Nachdem ich wahrscheinlich zum gefühlt 3000stenmal „Herausforderung“ und „herausfordernd“ gehört habe, in Zeiten wie diesen, das Hochfahren der Wirtschaft, eines Theaters oder sogar des ganzen Landes, hat mich das erste der vier Corona-Frühsyndrome erfasst – Brechdurchfall. Erst lief ich hin und her, dann stellte ich einen Kotzkübel neben meine Fernsehcouch und gesundete erst, als ich die Echtwörter für die Verschleierungs- i. e. Maskenwörter beisammenhatte. Hochfahren, das bringe ich seit circa 30 Jahren mit dem Computer in Verbindung, mit einem oder einigen wenigen Tastendrückern das Ding wieder zum Laufen zu bringen. Was für ein verblödetes Wortbild. Ein hochfahrender Mensch, ein altertümliches Wort aus Goethe, Theodor Fontane vielleicht, oder Jean Paul. Und da gibt’s noch das „zum Hochfahren bringen“, „das Hochfahren erleichtern und befördern“. Das erst bringt einen wirklich zum Hochfahren, überhaupt als unfreiwilliges Mitglied der Risikogruppe.

Probleme, verdammt viele Probleme, Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden, koste es, was es wolle, niemand wird zurückgelassen. Warum reden sie nicht Klartext, es ist alles viel schlimmer, als es darzustellen ist. Und am Ende kriegen, wie in der Finanzkrise, wieder die Großen das ganz große Geld. Alles echte, tiefe Scheiße, in der wir alle bis über die Ohren sitzen, die keine Insel besitzen, keine atlantiktaugliche Jacht oder ein Landhaus in der Toskana. Russische Millionäre wollen sich im Permafrost von Sibirien einfrieren lassen, berichtet neuerdings die Ex-Außenministerin, die im Dirndl knicksende Karin K., auf dem ganz neutralen, objektiven TV-Sender RT. Das Tauen des Permafrosts samt Methan kommt früher, als ihr erstes Gehalt eintrifft. In welches Höllental uns der Kapitalismus hineingeritten hat. Ich kann nicht garantieren, ob ich beim nächsten Mal nicht einen Schreikrampf kriege und alle Blumentöpfe aus dem Fenster werfe. Das ist die eigentliche Qual der Quarantäne. Der Tsunami an schiefem und fauligem Wortmüll.

Besonders hübsche Ausreißer liefern die Corona-Maulhelden Trump, Lukashenko und Bolsonaro. Der erste rät mit Plexiglasbrille vor den Augen, Desinfektionsmittel einzunehmen und Haarbleichmittel zu injizieren (vielleicht spricht er aus eigener Erfahrung und macht das ja schon länger?); Luka empfiehlt Wodkatrinken, Feldpflügen und Fußballspielen. Bolsonaro meint, dass er als ehemaliger Militärathlet vom Virus nichts spüren würde, außerdem sei sein zweiter Vorname Messias (mit dem ersten hat’s aber kein gutes Ende genommen). B. leugnet, dass die Todesfälle etwas mit Corona zu tun hätten. Womit denn? Mit gepanschtem Schnaps? Erdogan wiederum singt ein Loblied auf den Raki. Also wieder eine Kriegserklärung: Raki gegen Wodka. „Behaltet euren Virus“ (ihr im kapitalistischen, imperialistischen, dekadenten Westen) schreit der kleine, dumme Luka unter seiner wagenradgroßen Militärmütze im vollbesetzten Fußballstadion von Minsk hervor, der in seinem früheren Leben nie Militär war, sondern Friedhofsverwalter. Idiotie kennt keine Grenzen, Nationen oder Religionen, wie mir ein aus Pakistan stammender Taxifahrer in der Waaggasse bewies, der sich am 13. April, einen Tag vor der Pflicht, weigerte, eine Maske aufzusetzen. Er braucht sie nicht, Allah schützt die Muslime. Ich bin nicht bei ihm eingestiegen, weil ich offenbar den falschen Glauben habe und trotz Corona nicht konvertieren werde.

Sogar die coolen Briten haben sich an der Kriegsrhetorik vergriffen, von Boris Johnson bis zur Queen haben sie zumindest an den Krieg erinnert mit dem very charming „Keep calm and carry on“, als es galt, einen sehr bösen, mächtigen und sichtbaren Feind zu besiegen.
Und Peng! Dann hat’s ausgerechnet Johnson und Prince Charles erwischt, der unsichtbare Feind hat hinterhältig zugeschlagen. „Prince Charles coronatet, finally“, titelte die Sun. Bösebös. Orban führt die Riege der Unmenschen an: Er schafft gleich das ganze Parlament ab, regiert per Dekret und lässt Kritiker von der Polizei abführen.
Wenn aus Brüssel wieder einmal eine halbwarme Mahnung kommt, lacht er sich eins, weil er weiß, dass Ungarn nicht aus der EU geworfen werden kann. Vielleicht sollte man ihn doch einmal mit der finanziellen Zange anfassen.
Was uns die Touristiker so gerne verkauften, die Bilder von der trauten Einsamkeit am Strand von Mont Saint Michel im Sonnenuntergang, in Hallstatt, vor dem Tadsch Mahal oder am Times Square – nun sind sie plötzlich Wirklichkeit geworden und für sie zum Albtraum. Denn die Touristiker leben auf Teufel komm raus nicht von der individuellen Einsamkeit, sondern von den Massen. Und schon fangen sie wieder an zu hyperventilieren und schwafeln von Luftbrücken an die kroatischen, griechischen und ballermännerischen Strände. Mit und ohne Gutscheine, mit und ohne Mittelplätze. Luftbrücken? Wie die Rosinenbomber, die Berlin halfen zu überleben, als Stalin es zu erwürgen drohte.

Fast demütig buhlt die Touristikministerin um österreichische Touristen, die lieben Landsleute – wenn die Piefkes ausbleiben, ohne deren Geld gar nichts geht –, doch in Österreich Urlaub zu machen. Die Heimat ist doch auch schön, nicht nur die Malediven, der Strand von Antalya und Luxor. Die unübersehbaren Reihen von Flugzeugen am Boden sprechen ihre eigene Sprache und strafen die munteren Lockangebote Lügen.
Wien macht das großartig, zuerst die Taxigutscheine für Risikogrüppler, jetzt bekommt jede Familie Gastrogutscheine. Es sind schließlich nicht nur Corona- sondern auch Vorwahlzeiten.
Neben dem realen, aber unsichtbaren Virus meine ich auch eine Seuche der Geistesverwirrung wahrzunehmen. Man kann auch political incorrect Schwachsinn sagen. In der Kindheit sangen wir gerne einen Reim: „Schwachsinn, oh Schwachsinn, du mein Vergnügen. Schwachsinn, Schwachsinn, du meine Lust!“ und lachten und brüllten dabei, bis wir heiser waren.
Angesichts der zunehmenden Anti-Corona -Demonstrationen habe ich mich schon gefragt, ob bei denen, die andere „Covidioten“ nennen, neben Bronchien und Lungen nicht auch ein höher liegendes Organ angegriffen ist. Haben die alle Trumps Treatments ein- und seine Taktik angenommen?
Und dazu Umarmen und Händeschütteln, was das Zeug hält.

Der schlimmste Angriff aller Zeiten, schlimmer als Pearl Harbour und 9/11 zusammen, nuschelt der Idiot im Weißen Haus. Aber die Botschaft ist klar: It’s war, baby.
Was ist drin für mich? Zum Teufel mit allen anderen. Egoismus und Feinddenken können auch eine Pandemie sein, konstatiert der immerkluge Ex-Präsident Obama.
Nachgelesen habe ich das in den letzten Wochen wieder einmal in Manzonis Großroman „Die Verlobten“, der die Pestzeiten in der Lombardei (!) vor etwa 400 Jahren so gut wie kein anderer beschreibt. Natürlich auch Decamerone in der Toskana.
Also: It’s war, baby!
Der neueste Gesundheitsschrei, habe ich gerade gelesen: eine Kurkuma-Kur mit Goji-Beeren.
Oje, ob das gut geht? Das eine kommt aus Persien, das andere aus China.
Zusammen mit Allah, Wodka/Raki und Bleichmittel. Alles Gute!

Nachsatz: Was ich hier mit meinem Corona-Tagebuch betreibe, ist Paläontologie, Urzeitforschung, vielleicht auch Archäologie.
Denn was gestern geschehen ist, entzieht sich uns schon heute, geht ein ins Geschichtliche, in eine Vorzeit. Das Vorgestern ist schon blasse Vorgeschichte, die vergangenen Wochen sind schon Mythologie.
„Ich muss mir auf der Spur bleiben. Ich merke es sogar schon im Jetzt, dieses Verrieseln, das Murmeln der Nornen und Schamanen, unaufhaltsam und unerbittlich.
Dass etwas gewesen ist, davon zeugt einzig, was sich davon erzählen lässt. Alles Gewesene ist gewesen wie die Saurier. Es war einmal.“ Gregor von Rezzori in „Mir auf der Spur“

13.5. 20
(Zufall? Am 13. Mai 1914 wurde Gregor von Rezzori in Czernowitz geboren.)

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 20090

Prokrastination

Wer zur Prokrastination, dem notorischen Aufschieben, neigt, lebte in den Wochen des Lock-down recht bequem. Sie hatten sozusagen ein amtliches Alibi für das Nicht-Erledigen, das: Morgen ist auch noch ein Tag, mach ich morgen, sicher, versprochen!
Ich gehöre eigentlich nicht akut zu dieser Gruppe, stelle aber fest, dass ich davon schwer betroffen bin. Was für einen Stress hätte ich mir selbst gemacht, wenn ich ohne Corona das alles abarbeiten hätte müssen. Die Leute wollen schließlich ihr Geld.
So stellte ich eine Entschleunigung, Verlangsamung, Entzerrung des Alltags fest, das mehr nach innen gewendete Leben, und hätte diesen zunehmend angenehmen Zustand fast gelobt, wenn es nicht obszön wäre, ein tödliches Virus zu loben.

Heute, am 4. Mai, als wieder einiges mehr erlaubt ist, habe ich meine persönliche Liste erstellt. Eigentlich erschreckend, wenn man das schwarz auf weiß vor sich sieht.
In der Vor-Corona-Zeit hatte ich drei Bilder zum Rahmen in die Rahmenhandlung gebracht, Schuhe zum Schuster, einige Textilien zur Änderungs-Schneiderin, eine Lampe zur Reparatur in die Lampenschirmwerkstatt; ich habe Bücher bestellt, Frühlings-Neuerscheinungen oder als Ostergeschenke bestimmt. Alles nebenan, höchstens in Schrittweite. Mit meinem PC-Helfer hatte ich einen Termin ausgemacht, einen mit dem Installateur, auch beim Friseur und der Pediküre und zwei mit dem Fensterputzer Schorsch, der gleichzeitig als mein Wohnungshandwerker fungiert. Die schmerzlichste Absage war in meinem Allergie-Institut, das vielversprechend gegen meine Rhinitis vorgehen sollte. Und auch die beschädigte Lesebrille konnte ich nicht mehr zum Optiker bringen.
Mein weiser Perser Abdel von der Wiedner Teppichgalerie sollte in der nächsten Zeit zu mir kommen und ein paar Teppiche zu Reparatur und Reinigung abholen.

Post, Bank und Lebensmittelläden waren ja immer offen, in der Apotheke bezahlte ich das einzig notwendige Medikament vorläufig selbst, um nicht als „Gefährderin“ und Mitglied der „Risikogruppe“ eine Arztpraxis zu belasten. Das Reiseverbot machte mir keine Probleme, da ich für die gesamte Gartensaison keine längeren Reisen als bis auf den Hüttelberg geplant hatte.
Das Erfreulichste war, dass sich meine Buchhandlung schon in der zweiten Woche der Schließung per E-Mail meldete, dass sie an Werktagen zwischen 9 und 12 Uhr durch den Türspalt die bestellten Bücher durchreichen würden, ich das Geld in der Hand abgezählt mit einer Bonbonniere zurück hinein. Sie hätten auch ausgeliefert oder mit der Post zugestellt. So etwas verleiht Sicherheit und Zuversicht in Krisenzeiten: Mir kann nichts passieren. Aber auch ohne die ersehnten Neuzugänge hätte ich in meinen Bücherregalen genügend Lektüre gefunden, noch für Jahre in der Quarantäne. Altes und Neues, Ungelesenes, Anna Karenina, Krieg und Frieden zum wiederholten Mal, der neue Aphorismen-Band von Elazar Benyoetz und die Gedichte von Karl Lubomirski, fast noch ungelesen, warten auf mich. Das verheißungsvolle Buch „Vivaldi und seine Töchter“ von Peter Schneider habe ich auch noch nicht angefangen.
Da liegen noch „Das letzte Ufer“ von Nevil Shute und „Herr Kato spielt Familie“ von Milena Michiko Flasar, angelesen, unterschiedlich interessant.

Dann habe ich noch ein neues Rezept aus der Süddeutschen Zeitung kopiert: ein Hit für partyfreie Zeiten zu zweit.
Bliss Balls:
Datteln, Kokosraspeln, weißer Sesam, Haferflocken fein, Kardamom und ger. Hasennuss, mit ger. Mandelk., ger. Sonnenblumenkernen u. ev. Mandelmus.
Ich hätte sie ja schon gemacht, habe alles da, hab nur beim Hofer keine Kokosraspeln und keinen weißen Sesam gefunden. Jetzt bin ich aber wirklich am Ende. Irgendwo in den USA hat eine Vierjährige durchgedreht, Eltern und Personal angegriffen, weil ihr Lieblings-Hamburger-Laden geschlossen hatte. Aber den von dieser Zeitung angepriesenen Karottenhummus habe ich schon nachgemacht. Rezept ist nachzulesen. Eine Krähe ist aus dem Hof beim Fenster hereingeflogen und hat einen Ast von meinem Paradeiserstöckerl am Fensterbrett geklaut. Die denken, wir sind jetzt alle irre und bemerken das nicht.
Die Schuhe hab ich ebenfalls früh zurückbekommen, repariert, durch den Türschlitz gereicht und bezahlt. Das muss besonders delikat ausgesehen haben, weil ich mich zum bis auf einen Spalt runtergelassenen Rollladen niederknien musste, um die Schuhe entgegenzunehmen.

Für Friseur und Pediküre habe ich mich heute angemeldet, muss aber bis zum 8. Mai warten. PC-Mann, Installateur und Fensterputzer werde ich in den nächsten Wochen nach und nach abarbeiten. Ersatz für saubere Fenster wurden die in der Zwischenzeit erblühten Hofkastanien, frisches Grün mit weißen und rosa Kerzen. Ich glaube, sie belohnen mich und brennen heuer noch prächtiger. Demnächst kommen Flieder und Robinien dazu. Die Amselfamilien sind laut und üben schon für den ersten Ausflug mit den Jungen.
Eine Entdeckung: Der Mensch braucht nicht unbedingt eine Geschirrspülmaschine und kann trotzdem Mensch bleiben. Ich finde das Abwaschen unter fließendem Wasser, das „Pritscheln“, so inspirierend und meditativ, dass ich überlege, den Geschirrspüler überhaupt zu beseitigen. Wie viel Prozent der Weltbevölkerung leben ohne Geschirrspülmaschine? Zum Glück war es nicht der Gasherd, der havariert war, denn kochen am Lagerfeuer auf dem Schönbrunner Parkett, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Als einmal der Fernsehapparat ein Blackout hatte, drehte ich an einer immerwährend besetzten Hotline mit unsinnigen Ansagen fast durch, brüllte einen Mitarbeiter an, als ich doch einmal durchkam, entschuldigte ich mich sofort und schickte einen Stoß mit Merci-Schokoladen an seinen Arbeitsplatz. Dann war die Blackbox wieder da und lieferte die üblichen 140 Kanäle, von denen ich höchstens fünf benütze, wenn ich überhaupt fernschaue. Die beim Schlosser bestellte neue Türklinke fürs Bad wird erst in den nächsten Wochen eintreffen. Das Versandhaus „British Shop“ entschuldigte sich in zwei Briefen so demütig für die „Unterbrechung der internationalen Lieferkette“, als sei es daran schuld. Der bestellte Strohhut „Miss Sunshine“ kann leider erst Ende Mai geliefert werden. Na, das werde ich wohl überleben.
In Restaurants gehe ich schon lange nicht mehr, mir schmeckt nur mein selbst gekochtes Essen. Natürlich blieb auch mein langjähriger Eierlieferant aus, mit den besten und größten Eiern von glücklichen Hühnern aus dem Burgenland. Ist aber auch eine verwindbare Einbuße meiner Lebensqualität. Ich hoffe, es geht ihm gut, denn er gehört tief hinein in die Risikogruppe.

Aber nicht mit einem Kleinen Braunen oder Gspritzten im Café zu sitzen, zum Beispiel am Platzl vor dem Café Worthner, Zeitung lesen und mit lieben Menschen tratschen zu können, das empfand ich als eine schmerzliche Einschränkung – „Herausforderung“. Ich erbreche mich inzwischen bei diesem Wort und kriege Schreianfälle. Und natürlich auch das Verbot des gemeinsamen Wanderns und Radfahrens im Freundes- oder Familienkreis.
Was ich vermisse: die ehrenamtliche Tätigkeit im Kafka-Museum in Kierling und die Kaffeekränzchen in der Gruft mit meinen selbstgemachten Marmeladen und Strudeln. Musste sie vor der Tür abstellen und hoffe, dass sie trotzdem angekommen sind.

Mir hat die Corona-Krise keine Gewalt angetan, ich habe keinen Verlust und keinen Schmerz erlitten. Die genötigte Ruhe auf den Straßsen habe ich als Wohltat erfahren. So könnte es öfter sein, dachte ich beim einsamen Spazieren über den ausgestorbenen Ring und durch die Kärtnerstraße zum leergefegten Stephansplatz. Genau vor 75 Jahren brannte die Stephanskirche nach den Bombenangriffen, drei Tage lang, weil die Wiener Feuerwehr auf Befehl der SS aus Wien abgezogen worden war. Keine immer zu ständigem Konsum auffordernden Schreiplakate mehr, sondern affichierte Aufforderungen zum Zusammenhalten und zu Solidarität, viele von der Regierung, die meisten aber von Großkonzernen, die schon wieder nach unserem Geld gieren. Wie die Corona-Viren nach unseren Bronchien und Lungen.

Trotzdem fühlte sich das Leben fremd an, ich selbst fremd im eigenen Leben, in gewisser Hinsicht unlebendig, wie das letzte, eingefrorene Bild in einem gestoppten Film, das Fotostill eines Sportlers im Weit- oder Hochsprung, das Bild eines Kugelstoßers, Basketballers oder Speerwerfers mit dem eingefrorenen Ball, in dem die Kamera noch den imaginären Schweif des Balls oder Speers eingefangen hat. Ein Leben, geronnen zu einem Punkt, nicht ganz in der Wirklichkeit.

Trotz aller Vergnügungen in meinen vier Wänden, vom Lesen der Bücher und Schreiben solcher bis zum immer erfreulichen Hören von Ö1 und besonders guten Filmen im Fernsehen – da wünsche ich mir für immer ein bissl Corona – bis zur lustvollen Introspektion, fragte ich mich, ob ich nicht auch ohne die familiären Störungen eines Morgens als ein Ungeziefer wie Gregor Samsa aufwachen würde. Denn ein einfühlender Nachbar hatte genau zur Quarantäne-Zeit mit dem Generalumbau seiner Wohnung begonnen. Zwei Stockwerke unter mir dröhnten die Presslufthämmer, dass die Mauern wackelten, die Bohrer und Hämmer, dass die Fußböden zitterten, und das von 7 Uhr früh an bis 17 Uhr. Als ich sie mit Hilfe der Polizei zu stoppen versuchte, lachte mich der Polizist nur aus:
„Reg’n S’sich ned auf, gnä Frau, die derfen des, und zwoa bis 21 Uhr, und jetzt iss erst zwöfe. Des is die Wiener Bauordnung.“ Das ging so drei Wochen, dann begannen die Feinarbeiten mit etwas leiseren Bohrern, wie etwa 20 Zahnärzte in einem Raum, dafür aber dazu noch fünf Hämmer mit dem typischen TokTokTok der Parkettleger und dem singenden Heulen der Kachelschneider.

Als die Arbeiter begannen, vor dem Haus und vor meinem Fenster mit Stein- und Stahlschneidern zu operieren, beschloss ich, ins Gartenhaus zu übersiedeln. Da holte mich der kurze, aber heftige Wintereinbruch mit Schneestürmen und minus 5 bei mir oben am Berg ein und trieb mich zurück in die Stadtwohnung. Dort hatte sich inzwischen ein zweiter Bautrupp über die Hinterhofwerkstatt hergemacht, wieder mit Presslufthämmern und Dachdeckern mit der entsprechenden Lärmkulisse.
Eine wahre Corona-Symphonie. Ich lag einige Tage im Delirium einer kapitalen Grippe (Wintereinbruch!), brachte die Polizei – dein Freund und Helfer – nicht mehr ins Spiel und wartete ergeben auf das Ende, und wenn’s meins wäre.

Eines Tages wachte ich auf und musste wieder an Gregor Samsa denken. Denn in den Fenstern erschienen grün gekleidete Männer, die an Seilen in den Bäumen turnten – Baumschneider.
Eine Gärtnerei Ziegler aus Pottenbrunn machte sich aus einem für mich nicht ersichtlichen Grund über die voll in Blüte und Saft stehenden Kastanien und Ahorne her und schnitt wie wild in den Kronen herum. Welche Idioten machen so etwas denn im Frühling? Wen haben diese Bäume gestört? Und so grob, mitten in die Äste hinein gesägt, dass die jetzt abstehen wie Gebeine in einem geplünderten Skelett.
Nachdem die großen Äste am Boden lagen, setzten die Motorsägen ein, zur Zerkleinerung. Dann rückten die Laubsauger an. Bevor ich ins Delirium fiel, konnte ich noch ein kurzes Bedauern empfinden, dass meine Mordlust nie zur Reife gekommen ist. Was hat das Ungeziefer gemacht, als er im Treppenhaus und im Vorzimmer der K.’schen Wohnung die Untermieter und Gläubiger poltern und streiten hörte? Gregor verzog sich unters Sofa und stellte sich aufs Sterben ein.
Schade, dass ich nicht in der Lage war, dieses Triple-Konzert auf Tonträgern festzuhalten. Ich hätte es sonst beim Festival Wien Modern vorgeführt, als Andenken an Corona. Benannt hätte ich es „Die Wiener Bauordnung in Zeiten von Corona“.

Meine Bilanz: Am wenigsten fehlten mir die neu gerahmten Bilder, die Textilien und die Art- Deco-Lampe. Hab sie alle bis jetzt nicht abgeholt. Ich schwöre es, zum Gartencenter fuhr ich erst eine Woche nach der Wiedereröffnung, aber wirklich nur deswegen, weil meine Rosen in der Trockenheit dringend einen Dünger brauchten. Ein paar Lavendelstöcke mussten auch mit. Schließlich gartle ich am Rosenhang im Rosental. Nomen est omen, ich kann nichts dafür. Möbel, Geschirr und Textilien, seien es Klamotten oder Teppiche, brauche ich für die nächsten drei Leben keine mehr. Dafür habe ich viel aussortiert und zur Carla am Mittersteig und zur Volkshilfe in der Laxenburgerstraße gebracht. Die Schneiderin hat übrigens ihre Produktion auf Gesichtsmasken aus bunter Baumwolle umgestellt.

Das Fehlen der Druckerpatrone und der Batterie für die Kamera ist lästig, aber man kann durchaus ohne sie leben, wobei mir noch dazu das Druckerpapier ausgegangen und der Libro geschlossen ist. Dass das legendäre Haushaltswarengeschäft „Zur goldenen Kugel“ wieder aufgesperrt hat, freut mich ganz besonders, weil allein die offenen Türen, die Ständer und Wühlkisten entlang dem Gehsteig, das menschliche Gewurl davor, einen Hauch von Normalität verströmen. Die Cafés links und rechts davon und gegenüber müssen noch im Dorncorönchenschlaf warten.
Das dürften viele Menschen so empfinden, denn das Gedränge drinnen in der goldenen Kugel wäre auch in Vor-Corona-Zeiten beängstigend gewesen. Baby-Elefanten gehen sich da nicht aus. Viele Sonderangebote, von Blumenerde, Grassamen und Kakteendünger bis zu Riess-Töpfen, Plastikdosen, Grillbesteck und -kohle. Hoffentlich überleben sie das! Das Erste bei mir war ein Großeinkauf von Gemüse- und Blumensamen, schließlich ist Pflanzzeit, und der ganze Sommer im einsamen Rückzugsort vor den Toren Wiens hängt davon ab. Decamerone lässt grüßen. Die Geschichten dazu werden am Abend in den PC gehämmert.

Schön und interessant, wie man in einer Ausnahmezeit die wahre Hierarchie der Dinge und der Bedürfnisse, seine Laster und Tugenden, seinen Verzicht und Luxus vor Augen geführt bekommt.

Wien, 4.5.20

Veronika Seyr
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Corona-Tagebuch: Maskenball und Taxifahrer

2. Mai 20, der Tag nach der Befreiung

Wer einen Garten hat, ist meist ein Besessener. Ich dilettiere nur, aber die Leidenschaft ist sicher nicht kleiner. Noch dazu, wenn es März ist und die Frühjahrsarbeit wartet. Schließlich hängt der Rest des Jahres davon ab, die Schönheit, die Freude, der Ertrag. In diesem Jahr ohne Winter habe ich schon früher begonnen. Das erste waren Aufräumarbeiten, bei mir vor allem der Kampf gegen die „Nadelhölle“, die mir eine sehr hohe und alte Föhre auf meinem Grundstück bereitet. Der fast immer wehende Westwind schüttelt dazu noch viele Bockerl und Äste vom Baum. Da kam Corona in unser Leben und die staatlich verordnete Ausgangssperre für die „Risikogruppe“, zu der ich altersmäßig eingeteilt wurde. Niemand hat gefragt, wie alt ich mich fühle, wie gesund oder krank ich wirklich bin, ob Krankheit oder Beeinträchtigung zu einem erhöhten Risikofaktor führen – für mich selbst oder andere.
Weil ich gesund bin und keine Vorerkrankung aufweise, habe ich mich keinen einzigen Tag eingeschränkt. Im Rucksack führte ich als Camouflage immer Lebensmittel und Medikamente mit mir, sollte ich polizeilich kontrolliert werden. Also waren schon zwei der vier Ausnahmebedingungen erfüllt: Lebensmittel einkaufen und zur Apotheke gehen dürfen. Vermummt bin ich schon lange vor Covid-19 herumgelaufen, weil ich eine unerkannte Allergie habe, allgemein Rhinitis genannt, mit der die Nase dauerrinnt.

So war das Aufkommen der Masken und die Maskenpflicht geradezu eine Erlösung für mich (Motto: Always look on the bright side of life). Die Schals um Nase und Mund rutschten immer und waren entsetzlich heiß und feucht mit dem Ballen von Taschentüchern darin. Oft dachte ich nach, wie man so etwas wie bei den Teekannen für die Nase machen könnte, einen Tropfenfänger, dieses Schaumgummiröllchen, das bei Tante Paula mit einem Gummiband um den Teekannenschnabel angebracht wurde. Aber meine Nase hat nun einmal nicht die Anatomie eines Teekannenausgusses.

Als zweiten Vorteil der Maskenpflicht empfand ich, dass ich nicht mehr allein mit verhülltem Gesicht herumlief. Meine albanische Änderungsschneiderin von nebenan, Miranda Martini – sie heißt wirklich so oder es steht zumindest so auf ihrem Geschäftsschild – stellte sich schnell auf die Produktion von Masken um und bot eine bunte Auswahl von Baumwollmodellen in ihrer Auslage an. Sie hat sie auf einem Baumast aufgehängt – die Osterdekoration dieses denkwürdigen Jahres. Ich kaufte gleich zehn Stück zu je 10 € und hatte die originellsten nicht nur selbst im Gesicht, sondern als Ostergeschenke parat. Natürlich nicht selbst übergeben oder im Osternest versteckt, sondern mit der Post verschickt.

Jaja, die Masken, das wird noch einmal ein Thema für Soziologen und Modehistoriker werden, der Maskenball von 2020. Da ich viel mit den Öffis fahre, sehe ich mir die Modelle gerne an. Abgesehen von den einfachen, türkisen (niemand denkt dabei an die Kanzlerpartei) Supermarktmasken aus China, gibt es viel Individualität zu bemerken. Von den alten Palästinensertüchern bis zu Rapid-Schals, von Alpenvereins-Blümchentüchern bis zu den schwarzen Rocker- und Bikermasken – fast nichts kommt nicht vor. Einige Totenkopfmasken habe ich schon gesehen oder den zugenähten Mund von Hannibal Lecter. Dazu Mickey Mouse, Spiderman und Hexenzähne, als sei der abgesagte Fasching in den März und den April verrutscht. Exotisch wirkt auf mich der Anblick von Kopftuchfrauen, besonders wenn sie Brillen tragen, über der Maske noch Kopfhörer aufhaben und aus den Ohren Kabel baumeln, Riesenameisen nicht unähnlich. Einmal sah ich in der U-Bahn einen Typ mit einer Gasmaske.

Natürlich gibt es auch die kleine Gruppe der Vermeider, die in den Öffis die Masken zusammengeschoben unter dem Kinn tragen. Erinnert mich an die Einführung der Gurtenpflicht – wann war das? –, als manche Autofahrer pro forma den Gurt nur lose um den Oberkörper gelegt hatten. Als die polizeilichen Kontrollen in der U-Bahn besonders intensiv wurden – das Osterwochenende – stieg ich vollständig auf Taxi um. Begünstigt durch die Gemeinde Wien – Wahl steht bevor –, die an die Teilnehmer der Risikogruppe kostenlose Gutscheine für 50 € ausgab. Mein Nachbar, 85 und Autofahrer, gab mir seine dazu. E-Mail geschrieben und nach vier Tagen zugeschickt bekommen. 20 5-€-Gutscheine, blassgelb, die irgendwie an Lebensmittelkupons aus historischen Dokumentationen erinnern.
Als diese verbraucht waren, beschloss ich, das leidende Taxi-Gewerbe privat zu unterstützen und ließ mich mercedesmäßig zu meinem Garten hinausschaukeln. Außerdem hatte ich immer viel Gepäck dabei: Übersiedlung in die Hütte nach dem Winter, neu gekaufte Pflanzen, Blumenerde, Rasensamen, Schneckenkorn, Konserven, Klopapier.

So kam ich als leidenschaftliche Öffifahrerin in kurzer Zeit mit dem bunten Völkchen der Taxifahrer in Kontakt.
Am Ostermontag, einen Tag vor der Einführung der verpflichtenden Maske, trug einer keine. Ich hielt die Türe auf und bellte hinein: Maske, bitte!
Er: Erst morgen.
Typ Pakistani, er tippte mit seinem Finger wortlos gegen die Stirn, der Vogel, zumindest so viel Wienerisch hat er schon gelernt.
Ich: Okay, dann fahre ich nicht mit Ihnen.
Schlug die Tür zu und holte meine Bagage wieder aus seinem Kofferraum heraus und ging zum hinter ihm stehenden Wagen. Der war leider kein Mercedes, sondern ein klappriger Japaner. Auch dieser Driver trug keine Maske. Also zum dritten, ein geräumiger VW, geht auch. Der hatte die Maske unterm Kinn und die Sonnenbrille über der Stirn. Auf der bunten Gratiszeitung, die er neben sich liegen hatte, stand in Riesenlettern „Ab morgen – Österreich maskiert!“ Ein paar Tage später traf ich wieder auf den Pakistani, jetzt hatte er schon eine Maske auf.

Eine andere Taxi-Fahrt von Hütteldorf zu mir nach Hause brachte mir hohen Gewinn.
Ein junger, asiatisch aussehender Mann konnte relativ gut Deutsch, und wir kamen ins Gespräch. Ich frage immer ausländische Taxifahrer nach ihrer Herkunft, mir wurscht, ob political correct oder nicht, ich bin neugierig. Einmal Journalistin, immer Journalistin. Und meistens freuen sie sich, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, das ist meine subjektive Beobachtung.
Das Gespräch begann mit meinem Garten, wo ich gerade ein paar Heidelbeersträucher gepflanzt hatte.
Ah, Heidelbeeren, die macht meine Frau auch immer, gut für Blut und noch viel mehr.
Er kicherte und griff sich zwischen die Beine.
Er bezeichnete sich als Ainu. Zufällig wusste ich, was die Ainu sind. Doch zufällig ist nichts, aber ich wusste, dass die Ainu die Urbevölkerung der nördlichsten Insel Japans Hokkaido sind und auch der Kurilen. Dass der Zweite Weltkrieg zwischen Russland und Japan wegen der Kurilen offiziell noch immer nicht beendet ist. Noch dazu hatte ich kurz davor auf arte eine Doku über „Japans wilde Inseln“ gesehen, Hokkaido im Mittelpunkt. Als ich auch noch die Erinnerungen und die Bilder auspackte, die Fernseh-Bilder von den in warmen Naturbecken planschenden Makaken, den japanischen Schneeaffen, die einander lausen und kosen, und auch noch von den aus Sibirien einfliegenden Kranichen und ihren Brauttänzen erzählen konnte, da ließ er das Lenkrad los und klatschte vor Freude in die Hände, dass er fast die scharfe Linkskurve beim Amtshaus in der Schönbrunnerstraße zur Pilgrambrücke nicht geschafft hätte.

Wegen des Kurilen-Problems zwischen Russland und Japan habe ich mich mit den Ainu beschäftigt und wusste, dass sie nach der sowjetischen Besetzung versklavt und fast völlig ausgerottet wurden. Als ich ihm meine Erinnerungen an die TV-Bilder schilderte, war er so begeistert von seinem Fahrgast, dass er kein Geld verlangen wollte und mich zu sich, seiner Frau und zu Heidelbeersaft einlud. Aber ich entstieg seinem Gefährt an der Waaggasse und zahlte ihm dagegen den doppelten Fuhrpreis. Scheiß drauf, das muss auch noch drin sein in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Er war schließlich der erste Ainu meines Lebens.
Er hat mir noch gesagt, dass er vier Stunden am Platz gestanden ist ohne einen einzigen Fahrgast. Jetzt fährt er nach Hause.

Wieder eine Fahrt zurück ins Zentrum. Zwar kein Mercedes, dafür aber ein junger Mann, Wiener Türke mit Maske. Er spricht perfekt Wienerisch, schätze Ottakring.
Eigentlich hat er Architektur studiert. Warum nicht weiter? Familie, geheiratet, gleich Kind, brauchte Geld. Aber er will immer noch Architekt werden, vielleicht aber auch erst mein Sohn, lacht er. Die Art und Weise, wie er das Lenkrad berührte, unmerklich mit den Fingerkuppen lenkte, als würde er einen Kinderkopf streicheln, da sah ich ihn mit Bleistift , Zirkel und Lineal, den Architekten.
Worüber wir zu reden angefangen haben, weiß ich nicht mehr so genau, ich glaube, ich lobte ihn für seine gute und intelligente Fahrweise, geschmeidig und flott, ohne dass er jemals die Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 überschritten hätte. Alle Kanaldeckel und Schienen überfuhr er ohne Erschütterungen. Ich hatte ja nun schon genügend Driver auf meinen Wegen dahin und dorthin erlebt, aber dieser war genial. Er schaffte die Strecke nicht nur in viel kürzerer Zeit, schlängelte sich elegant durch den mäßigen Verkehr wie ein Fisch im Schwarm, sondern schaffte es auch noch auf den Niedrigstpreis von 15,20 €, während die anderen immer um die 20 verlangten.

Ein Fahrer aus Sri Lanka mit Sikkh-Turban, der in Simmering wohnt, war noch nie so weit im Westen von Wien.
Gar nicht sattsehen konnte ich mich an seinem Aussehen. Er trug einen himmelblauen Turban und eine gelbe Jacke, wie sie Krone-Verkäufer anhaben, ein Paradiesvogel. Das Gesicht war fast vollständig zugewachsen mit einem graumelierten Bart, der ihm weit auf die Brust reichte. Vor Mund und Nase hatte er vorschriftsmäßig die Maske gespannt, die musste aber zwergnasemäßig groß sein, weil aus den Falten ein Riesenhöcker ragte. Sein Bart war so breit, dass die Nase erweiterte Flügel zu haben schien.
Aber je weiter wir ins Rosental fuhren, desto unruhiger wurde er.

Sind wir wirklich noch in Wien?
Er hatte Angst, der Tarif ins Bundesland ist anders.
Ja, das ist Penzing, Hütteldorf, 14. Bezirk, das Rosental.
Er manipulierte an seinem GPS am Mini-Bildschirm herum und fand das Rosental nicht.
Seines sagt ihm Rosentalstraße, ich sage Rosentalgasse.
Ich immer nur Simmering und Donaustadt.
Ich bemühe mich: Linzerstraße, Rosental, Dehnepark, Satzberg und links steil hinauf ein paar Kurven in eine Gartensiedlung.
Nicht Niederösterreich? Immer Wien?
Ja, immer Wien, 14. Bezirk, der ist so grün.

Als ich am Rosenhang seinem Gefährt entstieg und er mir mit dem Gepäck half, schaute er sich um, all die blühenden Obstbäume, der Flieder, die Forsythien in den Gärten, hellgrüne Hügel, die schmucken Häuschen, Villen und Pools, er drehte sich mehrmals um sich selbst und kam aus dem Staunen nicht heraus.
Ist teuer hier?
Ich weiß nicht, ich miete.
Glück gehabt.
Dabei hat er nicht einmal die dramatischen Felsenklippen und den Silbersee am Satzberg gesehen, nicht den „Vatikan des Wienerwaldes“, die über dem Waldrand thronende goldene Kuppel der Otto-Wagner-Kirche, die ihn vielleicht an eine Pagode seiner Heimat erinnert hätte.
Ja, wirklich Glück gehabt, denke ich, als ich mein Gepäck zu meiner Hütte schleppe.

Die gesprächigste Fahrt machte ich mit einem Bosnier, als der er sich sofort vorstellte.
Odakle ste?
Da riss es ihn herum, als hätte ihn jemand ins Genick geschlagen.
Er klappte den Rückspiegel herunter und holte einige Fotos hervor.
Das ist mein Haus in Velika Kladuscha.
Ein großes, dreistöckiges, noch unverputztes Haus mit rotem Ziegeldach zwischen grünen Hügeln, im Tal ein Fluss, das ist die Una, dort gibt es viele Fische, wunderbare Wälder, er kommt ins Schwärmen, Heimat eben.
Das Haus hab ich selbst gebaut. Jetzt leben nur meine Eltern dort. Aber ich komme oft auf Besuch, muss noch weiterbauen. Frage mich, nur für wen? Werden seine Kinder dorthin zurückkehren und dort leben wollen?
Er sprach fast perfektes Deutsch. Knapp nach Ausbruch des Krieges 1991 ist er nach Deutschland gegangen und hat am Bau gearbeitet, erzählt er, später nach Wien und ist schon lange Fahrer bei 40 100.

Ich erzähle ihm, dass ich Erinnerungen an Velika Kladuscha habe, ein Großdorf gleich hinter der kroatisch-bosnischen Grenze. Der Krieg war noch nicht voll ausgebrochen, aber Velika Kladuscha hatte sich schon in drei Zonen geteilt. Am Dorfrand, von Norden kommend, hatten sich kroatische Einheiten festgesetzt, die Mitte mit Burg und Moschee wurde von Bosniaken gehalten, der südliche Rand von den Serben. Wir mussten dreimal verhandeln, um weiter nach Sarajewo zu kommen. Später kam noch eine vierte Front dazu, die Truppen von Fikret Abdic, dem früheren Direktor des mächtigen Konzers „Agrokomerz“.

Mein Fahrer schnaubte. Ja, alle waren verrückt, damals. Ich wollte da nicht mitmachen und bin abgehauen. Alle sind Lügner, alle betrügen einander und die ganze Welt. Glauben Sie nie etwas, was Ihnen ein Jugo sagt. Ihm auch nicht? Wie oft habe ich solche Schutzbehauptungen schon gehört. So richtet sich jeder seine Vergangenheit zurecht, damit er irgendwie weiterleben kann. Vom Alter und der Statur her könnte er ein Kämpfer gewesen sein, auf welcher Seite auch immer.
Das war meine bisher letzte Fahrt ins Rosental hinaus, mit einem Taxi, da wir aus der Quarantäne entlassen worden sind. Zumindest meine Kulturstudien werde ich vermissen.

Wien, 2. Mai 20

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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