Stalins Lieblingsgeschichte von Tschechow. „Duschetschka“, Schätzchen

Alle Biografen erzählen dieselben Geschichten. Manchmal scheint es, als würden sie voneinander abschreiben. Die Geschichte über eine Geschichte, und zwar die Lieblingsgeschichte von Stalin, ist aber in keiner Biografie enthalten, sondern in den Memoiren von Trotzki.
Wer ihm „Schätzchen“ erzählt hat oder wann er es gelesen hat, darüber ist nichts zu erfahren, auch von ihm selbst nicht. Er hat nie darüber gesprochen, auch seine Mutter nie nach Moskau geholt und sie nie in Georgien besucht.

Über Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilis Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Stalin mochte sich nicht an diese Zeit im georgischen Gebirgsdorf Gori erinnern. Sie war düster und trostlos. Der ewig schlagende und trinkende Vater, ein Flickschuster, Armut, die hilflose, aber liebevolle Mutter, der die zwei älteren Kinder wegstarben. Nach der Trennung bringt sie den verwachsenen und von den Pocken schwer gezeichneten Siebenjährigen in einem kirchlichen Internat unter, auch kein fröhlicher Ort. Mit siebzehn wird er Straßenräuber zwischen Tiflis und Baku.

Die Biografie Stalins vor der Oktoberrevolution lässt sich zusammenfassen zu sieben Verhaftungen und fünf Fluchten aus den Gefängnissen und Verbannungsorten des Zaren.
Er traf Lenin zum ersten Mal auf der Parteikonferenz von Tammersfors (1905), nahm auch an den Parteitagen in Stockholm (1906) und London (1907) teil. Schon damals fühlte er sich unter den wendigen Intellektuellen vom Schlage Trotzkis, Plechanows, Axelrods, Lenins und Martows nicht wohl. Von dorther soll sein ewiger Hass auf die Intellektuellen und Künstler stammen.
Dazwischen war er für „bewaffnete Expropriationen“ zugunsten der Parteikasse zuständig. In Südrussland und im Kaukasus überfiel er zusammen mit gewöhnlichen Räuberbanden Banken und Geldtransporte. Die Beute war für die Finanzierung der Exilgenossen und ihrer Zeitungen bestimmt. Dschugaschwili galt als gerissen, berechnend, gefühllos und verschlossen. Über allem stand das Charakteristikum der Grobheit. Er hatte sich damals als Parteinamen „Koba“ (türkisch: Der Unbeugsame) zugelegt, eine Anspielung auf einen Helden in dem georgischen Epos „Der Vatermörder“.
Im Jahr 1913 schickte ihn die Partei nach Wien, damit er einen Bericht über die Nationalitätenpolitik der Donaumonarchie verfasste. Warum man den ideologisch unauffälligen, von jeglichen theoretischen Kenntnissen freien Genossen schickte? Gesichert ist es nicht, aber seine Zugehörigkeit zu einer Minderheit wird wohl den Ausschlag gegeben haben. Diese Schrift „Marxismus und nationale Frage“ unterschrieb er erstmals mit „Stalin“, der Stählerne. Der Revolutionär Lew Borissowitsch Rosenfeld begnügte sich mit „Kamenew“, der Steinerne. Maxim Peschkow nannte sich „Der Bittere“, Gorki, und Uljanow „Lenin“, harmlos nach dem sibirischen Fluss Lena. Lenin schätzt den Bericht positiv ein, aber das motivierte Stalin nicht, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Er wohnte während der drei Monate in Wien in der Pension Schönbrunn, ging jeden Tag für seine Studien in die Nationalbibliothek, machte lange Spaziergänge durch die Stadt und selten auch Besuche bei in Wien lebenden Genossen. Einer davon war Lew Bronstein, der schon sechs Jahre mit Frau und Kindern in Wien wohnte.
Befreundet war Stalin mit niemandem. Es gibt keinen Menschen, dem er sich lebenslang nahe gefühlt hätte. Mit einer Ausnahme – seiner Tochter Swetlana, aber auch das nur, so lange sie klein war. Als sie gegen seinen Willen heiratete, verstieß er sie. Sein berechnender Charakter, seine Gefühllosigkeit und seine moralische Taubheit erlaubten es nicht, Freunde zu haben. Er ließ nicht einmal seinen ältesten Sohn, ein Gefangener der Nazis, austauschen, wie es die Deutschen vorschlugen. Wassili starb in den Fängen der Deutschen.

Eine köstliche Vorstellung, dass Josef Dschugaschwili, damals noch Koba, Adolf Schickelgruber-Hitler, Josip Bros-Tito und Lew Bronstein-Trotzki sich in diesem Jahr über den Weg laufen hätten können. Alle vier hielten sich zur selben Zeit in Wien auf und schrieben darüber, dass sie nach Schönbrunn kamen, um vom Straßenspalier aus einen Blick auf den greisen Kaiser bei seiner Ausfahrt zu werfen. Welche Sternenkonstellation.

Wenn wir nicht die direkte Erinnerung von Trotzki hätten, würde niemand diese Episode mit dem „Schätzchen“ kennen. Einmal waren in der ärmlichen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hütteldorf-Hacking mehrere russische Emigrantenfamilien zusammengekommen. Stalin hielt sich von den Erwachsenen fern und beschäftigte sich mit den Kindern, schreibt Trotzki in seinen Memoiren.
Er machte allerhand Späße mit ihnen und erzählte wortwörtlich aus dem Gedächtnis die Geschichte vom „Schätzchen“, duschetschka, auch als Herzchen oder Seelchen übersetzt. Eine der grausamsten Kurzgeschichten von Cechow. Sie ist das Gegenteil von einer Geschichte für Kinder, sondern die über ein böses Mädchen, das später nur von ihrem noch böseren Stiefsohn übertroffen wird. Teufelin gebiert einen noch größeren Teufel. Das gefiel Stalin, und er nannte das „Schätzchen“ seine Lieblingsgeschichte. Diese Erzählung wird als besonders abgründig empfunden, weil Cechow sie in unschuldigem und süßlichem Ton erzählt und sie gerade dadurch Horror auslöst. Möglich, dass die feinen Kinder der russischen Intellektuellen ihn gar nicht verstanden. Stalin hatte eine raue, nuschelnde Stimme mit feuchter Zunge und schwerem georgischem Akzent. Grob, so wird seine Sprache später noch oft beschrieben werden.

Lenin nennt in seinem Testament als Hauptargument gegen Stalins Führerfähigkeit seine „Grobheit“. Er hatte offenbar Vergnügen daran, die Kinder zu erschrecken.
Irgendwann wurde jemand von den Erwachsenen aufmerksam, weil ein Kind zu weinen begann. Stalin unterstrich die Erzählung noch durch wilde Gesten und Grimassen. Er führte ein wahres Höllenspektakel auf. Dabei sah er schon ohne dies furchterregend aus mit den Pockennarben im Gesicht, grünen Augen, dichten, langgezogenen Augenbrauen, gerader, niedriger Stirn, dem Schnurrbart und dem überdimensionalen schwarzen Haarschopf. Das große Muttermal auf der linken Ohrmuschel war verdeckt, ebenso die am linken Fuß zusammengewachsenen zweite und dritte Zehe. So teuflisch sah der aus, der sich später die große Sonne nennen ließ, zu der alle kleinen aufsahen.

Trotzki betont bei allem Abscheu vor der Person Stalins sein phänomenales Gedächtnis. In den zehn Jahren, die er in geistlichen Schulen zugebracht hat, lernte er ganze Passagen des Alten und Neuen Testaments, dazu Messen, Litaneien, Choräle und Gebete auswendig. Man kann natürlich vermuten, dass Trotzkis Erinnerungen gefärbt sind von dem Schicksal, das ihm Stalin bereitet hat. Aber diese Episode wird bestätigt in den Memoiren des Ehepaares Sofronitzki, Menschewiken, die damals ebenfalls bei den Trotzkis zu Besuch waren. Sie blieben im Ausland und entgingen damit der Rache Lenins und Stalins.

8.7.17

Veronika Seyr
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Ersterscheinen in der Märzausgabe 2004 von "Literatur und Kritik"

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