Kategorie-Archiv: Cornelia Hell

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Sie

Leuchten. Ein helles Leuchten in den sanften, großen, grün-grauen Augen der jungen Frau. Die Stille in ihre Einzelteile zerschreien. Warmer Frühlingswind auf nackten Schultern in einer sternenklaren Nacht, das lange schwarze Haar umspielt sanft das zierliche Gesicht. Rosenduft vermengt sich mit dem Nachtwind wie ein Paar beim Liebesakt; die Nacht ist klar und der Vollmond blickt auf sie herab, wie ein gütiger, liebender Großvater. Ein kräftiger, lebensbejahender Schrei, wie der von Ronja Räubertochter zu Frühlingsbeginn. Ein Tanz durch die Straßen der alten Stadt, ehe sie sich in Ermangelung einer nahegelegenen Bank auf die Straße setzt und an die von den Jahren gezeichnete Steinmauer gelehnt den Vollmond betrachtet. Sehnsucht kann sie nicht aufhalten – im Gegenteil: Sie ist der beste Antriebsstoff. Langsam fühlt sie, wie ihr die zwei Flaschen Rotwein, die sie zusammen geleert haben, zu Kopfe steigen. Sie schließt die Augen und beginnt, alles wahrzunehmen, sich zu erinnern, Revue passieren zu lassen. Eben jene wenigen Monate, die alles verändert hatten.

Nach so vielen gemeinsamen Jahren war das Ende schleichend gekommen. So schleichend, dass es lange von niemandem realisiert worden war. Von den Freunden nicht, von ihr nicht und auch von den anderen nicht. In den Tagen, die auf ihre Mitteilung folgten, hatte sie sich gefühlt, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggerissen, ihre Welt war wie aus Watte gewesen. Sie fragte sich, ob es nicht Anzeichen gegeben hatte, die früher hätten erkannt werden können. Vielleicht die immer weniger werdende Zeit, die die beiden miteinander verbracht hatten; die Kinder waren aus dem Haus und somit auch der letzte Kitt, der diese Beziehung noch zusammengehalten hatte. Trotz aller dünnen Erklärungen, dass jeder mit Projekten beschäftigt war, die es durchzuführen galt, und der allgemeinen Aussage, dass danach schon wieder alles besser werden würde. Sie waren nicht das erste Paar, das mit dieser dünnen Aussage versuchte, die bitteren Tatsachen vom Tisch zu wischen. Oder ob es daran lag, dass die beiden sich über Jahrzehnte vorgemacht hatten, dass sie zusammenpassen würden und dass Beziehungen nun einmal auch bedeuten, dass man sich zusammenrauft, Kompromisse schließt und all das Zeug, das man aus gutmeinenden Mündern zu hören bekommt, wenn man über Beziehungsprobleme spricht? Daran, dass keiner nachgeben wollte, weil ein Scheitern bedeuten würde, zu verlieren und auf der Beziehungsebene zu versagen, obwohl man doch in allen anderen Lebensbereichen überdurchschnittlich erfolgreich war? Dass die Kämpfe mit den Großeltern der Kinder umsonst gewesen sein sollten, als sich diese – vielleicht in weiser Voraussicht, aber dennoch erfolglos – gegen ihre Beziehung gestellt hatten? Oder an der Angst, sich dem eigenen Scheitern stellen zu müssen und der Tatsache, dass keiner von ihnen je den Mut gehabt hatte zu gehen? Was auch immer es war, nun war das Ende nicht mehr zu leugnen, sondern starrte sie unverhohlen an wie ein zum Kampf bereiter Wachhund.

Es war ein kalter Abend im Februar gewesen, als sie es endlich über sich gebracht hatten, ihren Kindern mitzuteilen, dass sie sich scheiden lassen würden. Eine Woche vor dem ersten Gerichtstermin. Der Schnee war beinahe einen halben Meter hoch gewesen und die Luft schneidend kalt. Ein nass-grauer Tag, der kälteste seit Langem. Ein guter Tag für fassungsloses, erschüttertes Schweigen. Vierzig Jahre Ehe – sie hatten am zwanzigsten Geburtstag der Mutter geheiratet – sollten nun am Scheiterhaufen verbrannt werden.

Clarissa hatte die Neuigkeit ihrer Eltern am härtesten getroffen, während ihre beiden Brüder sehr gefasst auf die Nachricht reagiert hatten. Vermutlich hatten sie eher damit gerechnet als das Nesthäkchen der Familie, das gerade mit dem Studienabschluss und einem neuen Lebensabschnitt beschäftigt war. Nachdem ihre Eltern ihnen die Neuigkeit mitgeteilt hatten, war sie wieder zurück nach Wien in ihre Wohnung gefahren, um ihr Gedankenkarussell wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Wäre es jedoch bei diesem einen Ereignis geblieben, hätte es ihr nicht so sehr den Boden unter den Füßen weggerissen. Als sie an jenem grauen Tag wieder in ihr eigenes Heim zurückgekommen war, war endgültig klar gewesen, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde. Denn wenn die Dinge einmal aus den Fugen geraten, dann tun sie das für gewöhnlich gleich auf der ganzen Linie.

Im ersten Moment kam es ihr so vor, als sei alles wie immer: Er hatte – natürlich – keinen Handgriff in der Wohnung verrichtet; wie immer, wenn sie einige Tage weg war. Es wäre ja auch zu unbequem gewesen, das eigene Chaos wieder aufzuräumen. Und doch konnte sie sich das Gefühl nicht erklären, das sie nach einigen Minuten beschlich. Sie sah sich um, fand aber nichts, das einem mit seiner Offensichtlichkeit ins Auge sprang. Sie fühlte sich fremd in ihrer eigenen Wohnung, als wäre sie ein vergessener Handschuh oder Regenschirm, der nach einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden liegen geblieben und noch nicht zurückgegeben worden war. Als sie ihn an jenem Abend ansah, fühlte sie eine Leere in sich; ihr war, als würde sie vor einem Fremden stehen, mit dem sie zufällig auf der Straße zusammengestoßen war. Für ihn war alles wie gehabt, er schien keinen besonders großen Anteil an dem zu nehmen, was sie ihm während der Zugfahrt am Handy erzählt hatte. War es das also, was von fünf gemeinsamen Jahren übrig blieb: Ein auf null reduziertes Mitgefühl? Den ganzen Abend war sie wie eine mechanisch aufgezogene Puppe durch die Wohnung gelaufen, hatte in keinem der großen Zimmer der Altbauwohnung, die sie von ihren Großeltern geerbt hatte, Ruhe gefunden. Schließlich hatte sie sich, wie immer, wenn sie mit der Welt im Unreinen war, mit ihrem Laptop auf ihren großen Ohrensessel, den sie von ihrem Großvater geerbt hatte, in der Bibliothek zurückgezogen. Der Mailordner enthielt nur einige Informationen zu ihrer Sponsion und einige Absagen auf Bewerbungen, welche sie Wochen zuvor, nach ihrer erfolgreichen Diplomprüfung, abgeschickt hatte. Ihr Blick war durch das größte Zimmer der Wohnung geschweift, in welchem sie ihre Bibliothek eingerichtet hatte. Bücher hatten eine beruhigende Wirkung auf sie, schon seit Kindheitstagen.

Clarissa starrte schon eine Weile aus dem Fenster und beobachtete den Regen, als es an der Tür läutete. Als sie öffnete und, wenn auch nur für wenige Sekunden, die Enttäuschung in den Augen ihrer Nachbarin aufflackern sah, fühlte sie – wider Erwarten – weder Wut noch Verletzung, sondern lediglich Erleichterung durch die gewonnene Klarheit. Es waren keine Worte nötig, um zu verstehen. Die Frau hatte nicht damit gerechnet, Clarissa an der Türe anzutreffen, da sie eigentlich noch bei ihren Eltern hätte sein sollen. Sie betrachtete die ihr gegenüberstehende Frau einen kurzen Moment – gegensätzlicher könnten sie beide nicht sein: auf der einen Seite sie selbst mit den langen, schwarzen Haaren, den grün-grauen Augen, einem zierlichen, meist ungeschminkten Gesicht. Auf der anderen Seite ihre neue Nachbarin mit den hellblonden Haaren, dem kantigen und zu stark geschminkten Gesicht und einem sehr körperbetonten Kleidungsstil. Sie wusste, dass Andrei sich immer gewünscht hatte, dass sie ihr Äußeres in eben diesem Stil veränderte. Auch sein Blick sprach Bände, als er zur Tür gekommen war, um nachzusehen, wer geläutet hatte. Als sie die Türe hinter den beiden geschlossen hatte, war sie nicht – wie erwartet – in Tränen, sondern in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil ihr die Gesamtsituation so bizarr vorgekommen war. Ihre Großeltern waren ein halbes Jahr zuvor verstorben, die Scheidung ihrer Eltern und nun das. An jenem Abend war sie nicht imstande, ihre Gefühlslage klar zu definieren – zu viel war in zu kurzer Zeit auf sie eingestürzt. Sie fragte sich nicht, ob sie es früher hätte bemerken müssen – es hätte doch ohnehin zu nichts geführt.

In den Wochen darauf war sie für die Außenwelt kaum erreichbar gewesen. Sie hatte ihre Benutzerkonten bei Facebook und Instagram gelöscht, um dieser surrealen und schnelllebigen Welt zu entkommen, der sie ohnehin kaum etwas hatte abgewinnen können. Diese grell inszenierten, allen Trends nachlaufenden Leben, die ständig verfügbar sowie nonstop und dauergrinsend glücklich waren, hatten sie schon immer abgestoßen; ebenso wie die sinnlosen Freundschaftsanfragen von Menschen, denen man in der Realität aus dem Weg ging. Auch ihre Email-Accounts hatte sie auf einen einzigen reduziert und das Handy, wenn es an war, auf lautlos gestellt. Alle Ereignisse dieser Zeit zogen an ihr vorbei wie ein Film, in dem sie eine Statistenrolle spielte: Andreis endgültiger Auszug, ihre Sponsion, die Geburt ihres Neffen ... Während sie noch ihrer Arbeit in einer kleinen Buchhandlung nachging, schrieb sie mechanisch Bewerbungen – jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie sich am Ende des Tages nicht mehr daran erinnern konnte, wo sie sich beworben hatte. An ihren freien Tagen streifte sie stundenlangen ohne Ziel durch die Stadt, völlig in Gedanken und Sorgen ihre Zukunft betreffend. Bis zu jenem Montagnachmittag.

Clarissa war auf dem Heimweg gewesen und hatte aus einem Bauchgefühl heraus ihr Handy aus der Jackentasche gefischt. In diesem Moment sah sie den eingehenden Anruf: eine Nummer mit italienischer Vorwahl. Nach einem halbstündigen Gespräch hatte sie einen Termin für ein erstes, ausführliches Interview auf Skype in der darauffolgenden Woche. Und so hatte sich dann eines nach dem anderen ergeben: Nach diesem Interview war sie kurze Zeit später für ein persönliches Gespräch in der österreichischen Botschaft nach Rom geflogen und war mit einer neuen Arbeitsstelle im Gepäck wieder nach Wien gekommen. Und danach fügte sich alles zusammen wie in einem Puzzle: Bereits kurz nach ihrer Rückkehr hatte sie einen Mieter für ihre Wohnung und mit Hilfe einer Freundin für sich eine Wohnung in Rom gefunden. Drei Wochen später war sie wieder nach Rom geflogen; eine Woche bevor sie ihren Dienst antreten würde. So hatte sie noch genug Zeit, um sich ein wenig einzuleben und zurechtzufinden.

An diesem Freitag, dem letzten arbeitsfreien Freitag für lange Zeit, ist sie mit ihrer Freundin und deren Kollegen unterwegs. Bis Valerio und sie irgendwann alleine mit zwei Flaschen Rotwein am Tisch sitzen. Sie lacht aus vollem Herzen, bis ihr die Luft wegbleibt und es Zeit ist, sich auf den Heimweg zu machen. Nachdem sie sich verabschiedet haben, legt sie den Rest des Weges alleine zurück, nur mit der Musik aus ihren Kopfhörern. Sie sehnt sich nach einem Hafen, in dem sie ankommen kann, ist voller Vorfreude auf das neue Leben. Sie kommt am Campo Cestio vorbei, dem Friedhof für nicht-katholische Ausländer in Rom, der ganz in der Nähe ihrer kleinen, vorläufigen Wohnung liegt. Sie setzt sich auf den Boden, blickt – mit dem Rücken an die Mauer gelegt – auf den sternenklaren Nachthimmel über ihr. Sie lächelt: Um zu leuchten braucht es vieles – vor allem aber den Mut dazu.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17144

Das Haus, in dem ich wohnte

2016. Drei Jahre ist es nun schon her, dass ich zuletzt hier war. Nicht, dass mir Familie nichts bedeutet. Ich stehe meiner nur nicht besonders nahe. Anlass meines letzten Besuches im August 2013 war die Hochzeit meiner jüngsten Cousine Audra, ein Jahr nachdem unsere älteste Cousine Lara geheiratet hatte. Jetzt stehe ich selbst kurz davor, in den Hafen der Ehe einzulaufen (wie klischeehaft sich das doch anhört), Karriere zu machen und vielleicht sogar Kinder zu bekommen. Nicht, dass die Idee an sich schlecht ist, aber ausgerechnet der traurige Anlass, dass mein geliebter Großvater gestorben ist, gibt mir die Gelegenheit, noch einmal über die letzten Jahre und meine Zukunft nachzudenken. Darüber, ob ich das alles eigentlich wirklich will.

Der Blick über das Feld vor dem Haus meiner Großeltern scheint unendlich weit zu sein. Und die einzigen Geräusche, die ich wahrnehme, sind das Zwitschern von Vögeln, die seit Jahrzehnten ihr Nest in der Dachrinne haben, gelegentlich vorbeifahrende Autos, das Bellen der Hunde aus den nachbarlichen Gärten und das Rauschen der Äste der im Garten stehenden Bäume, wenn der Wind von Zeit zu Zeit stärker weht. Bei den Vögeln könnte es sich um Nachtschwalben handeln. Ganz sicher bin ich aber nicht. Störche, Spatzen und Amseln gehören zu den wenigen Vögeln, die ich mit Sicherheit erkenne; jedenfalls, wenn ich sie sehe. Ich frage mich, ob die Nachbarn noch immer den struppigen, sandfarbenen und kniehohen Mischlingshund haben, den ich vor einigen Jahren gesehen habe. Am Land ist es ja nicht unüblich, dass die unterschiedlichsten Hunde miteinander Nachkommen produzieren. Wie schon sehr oft in meiner Kindheit stehe ich am Schlafzimmerfenster meiner Großeltern und lasse die Aussicht auf mich wirken. Es wird wohl bald regnen. Und niemand wird mich hier stören, denn nur ich habe die Schlüssel zum Haus meines Großvaters, die ich kurz nach meiner Ankunft ausgehändigt bekommen habe. Ich sollte bald den Brief lesen, den er mir geschrieben hat, ein paar Tage, bevor er von uns gegangen ist. Aber solange ich den Brief nicht öffne, ist es noch nicht ganz real, dass mein Senelis, mein Großväterchen, gestorben ist.

Ich bin also wieder im Haus meiner Kindheit. Meine Großeltern haben in einem Backsteinhaus an der Hauptstraße gelebt. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt eine weite Wiese. Schon damals habe ich mich immer gefragt, wohin der Feldweg auf der gegenüberliegenden Wiese führt. Aber als Kind habe ich mich nie getraut zu fragen, geschweige denn, den Weg zur Gänze entlangzulaufen. Unzählige Sommer habe ich hier verbracht. Tytuvėnai ist ein kleines Dorf in Litauen. Überschaubar, wie kleine Dörfer eben so sind. Abgesehen vom Friedhof. Diesen Ort habe ich immer schon gemieden; schon nach dem Tod meiner Großmutter. Ebenso wie in Kirchen habe ich auch auf Friedhöfen immer ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Deshalb habe ich auch der Beerdigung meines Großvaters heute Mittag nicht beigewohnt. Ich werde erst morgen hingehen, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Noch weniger als leere Friedhöfe mag ich Friedhöfe, die voll trauernder Lebender sind. Ich bevorzuge die einsame Art zu trauern. Das habe ich schon als Kind so gemacht: Ich habe mich zurückgezogen, bis ich für mich wieder Klarheit geschaffen hatte. Das Haus ist so still, jetzt, wo meine Großeltern beide nicht mehr sind. So sehr hätte ich mir gewünscht, gerade jetzt noch einmal mit meinem Großvater sprechen zu können.

Tytuvėnai ist ein Ort für sich. Irgendwie war mir dieses Dorf schon immer unheimlich, von Jahr zu Jahr mehr. Und dennoch ist es meine Heimat; der Ort, nach welchem ich Heimweh habe; auch von Jahr zu Jahr mehr. Die Hauptstraße, an der das Haus meiner Großeltern steht, führt durch das Dorfzentrum. Ringsherum gibt es nicht viel. Egal in welche Richtung man fährt, es dauert lange, bis man zum nächsten Dorf, geschweige denn zur nächsten Stadt kommt. Viel zu sehen gibt es also nicht: Störche, Wiesen und eine der schönsten Kirchen Europas, die früher Teil eines Bernhardiner-Klosters war. Noch dazu sind die Leute besonders abergläubisch: Meine Mutter erinnert mich heute noch immer daran, dass man in der Nacht vom 1. auf den 2. November nicht ausgehen soll, da dies die Nacht der Toten sei. Einmal soll angeblich eine Frau unter mysteriösen Umständen umgekommen sein, nachdem sie kurz nach dem Tod ihres Mannes in eben jener Nacht unterwegs war. Und das ist nur eine der Geschichten, an die sich meine Mutter erinnert. Meine Tanten würden noch mehr Geschichten kennen, sagt sie immer. Einmal hat mir meine Mutter auch von einem Mädchenmörder erzählt, der, wie sich herausgestellt hat, der Hausmeister der örtlichen Schule gewesen war. Sie hat mir erzählt, dass er sie eines Abends, als sie mit Freundinnen verabredet war, auf einen Tee eingeladen hat. Und was hätte sie sich damals dabei denken sollen? Und wer wäre ich geworden, wäre meiner Mutter damals etwas passiert? Nicht auszudenken.

In Tytuvėnai gibt es zwei Seen: Bridvaišis und Gilius. Der See Gilius von einem Wald umgeben. Und dieser Wald hört genau an der Friedhofsmauer auf. Jedes Mal, wenn ich mit meinen Cousinen und meinem Cousin nach den sommerlichen Tanzabenden zum Haus meines Onkels durch den Wald gegangen bin, habe ich Todesängste ausgestanden. Es war immer so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Ständig war das Knacken des Unterholzes zu hören. Besonders schlimm war das letzte Stück des Weges entlang der Friedhofsmauer. Ich hatte stets das Gefühl, jeden Augenblick müsse ein Axtmörder auftauchen. Oder ein lebender Toter, der noch eine Rechnung mit der Welt offen hatte.

Irgendwie habe ich erwartet, dass sich etwas geändert hat, seit ich vor drei Jahren zuletzt hier war. Aber offenbar haben die Uhrzeiger hier vergessen, dass sie dazu bestimmt sind, sich weiterzudrehen. Nicht einmal der Groll meiner Verwandten hat sich gelegt. Sie nehmen es mir noch immer übel, dass ich nie zurückgekehrt bin. Nicht einmal zu Hochzeiten, bis auf zwei. Auf dem Dachboden meines Großvaters habe ich schon als Teenager alte Briefe meiner Großeltern gefunden. Aus ihnen geht hervor, dass mein Großvater wegen meiner Großmutter eine andere Frau verlassen hat – am Tag der Hochzeit. Diese pikante Geschichte haben sie uns vorenthalten, glaube ich. Ob meine Verwandten davon gewusst haben? Ich habe jedenfalls nie jemanden darauf angesprochen. Auch habe ich meinem Großvater nie gesagt, dass ich von der Existenz dieser Briefe wusste. Ich weiß aber nach der Lektüre dieser Briefe besser als alle anderen aus meiner Familie, dass sich meine Großeltern sehr geliebt haben. Sie haben es jeden Tag gelebt und auch ihre Vorgeschichte zeigt es. Aus den Briefen geht auch hervor, dass die Eltern meiner Großmutter gegen die Beziehung waren, weshalb die beiden sich eines Nachts still und heimlich abgesetzt haben. Der älteste Bruder meiner Mutter ist unehelich auf die Welt gekommen, da meine Großeltern lange nicht an eine Heirat gedacht haben. Beide hatten einige Jahre in einem großen Hotel gearbeitet, ehe sie nach Tytuvėnai gezogen waren, um eine eigene Frühstückspension zu eröffnen. Ich glaube, meine Großmutter hat sehr darunter gelitten, dass die Dinge gelaufen sind, wie sie nun einmal gelaufen sind, auch wenn sie ihren Mann, ihre Kinder und Enkelkinder über alles geliebt hat. Sicherlich wollte sie auch nur das Beste für uns, ihre Wut auf das Leben hat sie jedoch nie verbergen können. Und besonders die auf mich nicht. Alle Enkelkinder hat sie heiraten sehen, nur mich nicht. Dabei hat sie eine Heirat immer als das allerwichtigste Ereignis im Leben eines Menschen erachtet; warum auch immer sie das so gesehen hat. Leon, mein Verlobter, spricht schon seit einem Jahr davon, dass wir endlich einen Hochzeitstermin festlegen sollen, wo wir doch schon lange verlobt sind. Eigentlich sollte ich doch glücklich sein, dass es ihm mit der Hochzeit nicht schnell genug gehen kann. Ich war doch auch einmal eines dieser Mädchen, die von einer romantischen Märchenhochzeit geträumt haben. Und jetzt finde ich mehr Gründe gegen als für eine Ehe. Ich meine, wozu noch heiraten? Vieles kann man heutzutage ohnehin schon mit Vollmachten und Verfügungen regeln. Und ob der gemeinsame Nachname wirklich die sicherste Basis für eine Beziehung ist?

Leon und ich sind schon seit beinahe neun Jahren zusammen. Und obwohl man uns von außen betrachtet als glückliches Paar bezeichnen würde, habe ich schon seit einer Weile meine Zweifel an dieser Beziehung. Um genau zu sein, seit unserer Verlobung vor einem Jahr. Vielleicht, weil der Gedanke an die Ehe für mich etwas Zwanghaftes, Fesselndes und Einengendes hat. Oft frage ich mich, ob manche Paare ohne Trauschein nicht besser aufgehoben wären. Mein Großvater hat Leon sehr gemocht und einer Hochzeit schon lange seinen Segen gegeben. Und nie hätte ich ihm sagen können, dass ich an der Ehe zweifle. An der Ehe im Allgemeinen und an der mit Leon im Besonderen. Ja, Leon ist ein toller Schwiegersohn, meine Eltern vergöttern ihn; wie übrigens meine ganze Familie. Er lässt sich nicht einmal den Frust über mein Hinauszögern der Eheschließung anmerken. Er ist einfach da und tut alles für mich, akzeptiert alles. Solange ich bei ihm bin. Das scheint sein größtes Glück zu sein. Und was ist mein größtes Glück?

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 16031

Ausschnittsweise

Lara ist Sozialarbeiterin und lebt schon eine ganze Weile alleine. Manchmal vermisst sie das laute und bunte Familienleben, dessen Teil sie nur noch ist, wenn sie gelegentlich ihre Eltern und ihre Geschwister besucht. Zuhause wird noch immer Litauisch gesprochen; sonst verwendet Lara ihre Zweitsprache nie, die sie fließend beherrscht. Selbst mit Bekannten aus Litauen spricht sie nur Deutsch, auch wenn sie auf Litauisch angesprochen wird. Ihre ältere Schwester Audra und ihr Mann Aidis hingegen sprechen hauptsächlich Litauisch und haben nur litauische Freunde, während Lara in jeder Hinsicht Abstand zu ihrem Geburtsland hält. Auch zur weiteren Verwandtschaft wahrt sie Distanz, sie sieht diese nur bei größeren Feiern wie Hochzeiten. Auf Diskussionen diesbezüglich lässt sie schon lange nicht mehr ein. Auch von ihrer Bisexualität weiß ihre Familie nichts. Nicht, weil Lara sich dafür schämt, sondern weil sie ihr Innerstes schützen will. Ihr haben die Diskussionen nach ihrem Kirchenaustritt schon gereicht.

Lara war schon als Kind ehrgeizig, eigensinnig und unangepasst. Während andere Mädchen miteinander und mit ihren Puppen gespielt hatten, hatte sie sich lieber mit Büchern, dem Familienhund Sam und ihrem besten Freund Görkem, dem türkischen Nachbarsjungen, beschäftigt. Diese Freundschaft ist die längste und stabilste in Laras Leben. Sie ist sich ihrer starken Wirkung nach außen nicht bewusst, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sie gerne in einer Beziehung – und noch lieber verheiratet – sehen würde.

Leyla wusste schon als Schülerin, dass sie Jugendsozialarbeiterin werden wollte. Vielleicht, weil ihr schon früh klar war, dass es engagierte und couragierte Erwachsene braucht, um eine mündige und verantwortungsgbewusste nächste Generation aufzuziehen. Vielleicht war es auch die couragierte Betreuerin im Jugendzentrum. Seit kurzem lebt sie in ihrer ersten eigenen Wohnung, die voll von Büchern und Fotos ist. Die meisten Fotos zeigen sie und ihre beste Freundin Sara, die ursprünglich aus Kairo stammt. Leyla ist die einzige Frau in ihrer Familie, die kein Kopftuch trägt, und ihr Auszug hat zum endgültigen Bruch mit ihrer konservativen Famile geführt. Irgendwann war ihr die permanente Einbindung in das Familienkollektiv, die keinen Raum für persönliche Entfaltung ließ, zu viel geworden. Selten sieht sie einige Familienmitglieder am Brunnenmarkt, wenn sie dort einkauft oder sich mit Sara zum Frühstück trifft. Schon als kleines Mädchen hat sie sich nie den Mund verbieten lassen. Wie oft hat ihr Bruder sie mit der flachen Hand auf den Mund geschlagen? Sie erinnert sich noch gut daran, wie oft ihr Vater ihr vorgehalten hat, dass es bei ihrer Schönheit leicht wäre, einen Ehemann für sie zu finden, würde sie sich mehr auf ihre Pflichten als Frau konzentrieren, anstatt sich ihren Verstand mit Büchern zu vernebeln. Sie hatte irgendwann gelernt, taktisch zu schweigen, bis sie in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Auch wenn sie das laute Familienleben jetzt manchmal vermisst, ist sie doch glücklich über ihre eigene Wohnung. So sehr sie ihre Arbeit im Jugendzentrum liebt, an einem freien Tag ist sie froh, wenn sie es sich mit einem Buch auf der Couch bequem machen oder spazieren gehen kann. Die gleiche Strecke, die Lara immer zum Joggen nimmt.

Lara und Leyla haben sich sicher schon oft gesehen; in der kleinen türkischen Bäckerei, am Donaukanal oder an der Straßenbahnhaltestelle. Und unbewusst haben sie sich sicher schon wahrgenommen. Die große, blonde Lara, deren blaue Augen immer eine klare Präsenz ausstrahlen und deren markantes, aber doch zierliches Gesicht stets einen Hauch von Konzentration aufweist. Und Leyla mit ihren schokoladebraunen Locken, ihren bernsteinbraunen Augen, die sie wohl von ihrer Großmutter geerbt hat, ihrer sanften, wohlgeformten Figur und ihrer geerdeten Ausstrahlung. Aber vielleicht verhält es sich auch nur so, dass man einen richtigen Menschen erst zum richtigen Zeitpunkt wahrnimmt. Und dann kann man nur versuchen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. An diesem Tag sind Lara und Leyla schon seit vierzehn Stunden auf den Beinen. Die kleine türkische Bäckerei an der Ecke hat bis Mitternacht geöffnet; Spätentschlossene wie sie können so um 23.30 Uhr noch Milch und Brot für den nächsten Tag besorgen. Lara ist müde nach diesem langen Tag und nimmt den Geschmack der Zigarette in ihrer rechten Hand kaum wahr.

Neben ihr, ebenfalls an der Theke, steht Leyla, die lieber Abstand genommen hat von den zwielichtigen Gestalten, die an einem kleinen Tisch Tee trinken. „Auch keine Milch mehr?“, Leyla lächelt Lara an und streicht sich sanft eine schokoladenbraune Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nein“, Lara schüttelt den Kopf und erwidert das Lächeln, „aber das ist nicht tragisch, auf mich wartet niemand!“ „Auf mich auch nicht! Es ist leichter, wenn einem das eigene Leben ganz alleine gehört.“ Lara nickt zustimmend.

Celal, der Besitzer der kleinen Bäckerei, ist schon seit über dreißig Jahren in Wien. Als Zwanzigjähriger hat er Istanbul verlassen, der Liebe wegen, die sich noch immer bewährt. Er kennt die beiden jungen Frauen gut, sie kommen oft – getrennt voneinander – zu ihm in die Bäckerei. Manchmal bleiben sie sogar, um ein Gläschen türkischen Tee mit ihm zu trinken und sich zu unterhalten. Lara ist die Tochter eines alten Freundes von ihm, den ebenfalls die Liebe vor vielen Jahren nach Wien geführt hat; allerdings aus Litauen, und der mit seiner Frau in der Wohnung neben Celal und seiner Frau lebt. Leyla ist die Tochter eines Freundes von ihm aus Istanbul. Er weiß auch von dem Bruch innerhalb Leylas Familie; ihr Vater Ahmet fragt oft nach seiner Tochter. Auch jetzt beobachtet er die beiden, wie sie so zusammenstehen und sich unterhalten, als wäre es eines von vielen, schon vorangegangenen Treffen.

Schon aus Gewohnheit bietet ihnen Celal einen Tee an. Und die kleinen, traditionellen Teegläser scheinen das Bild zu komplettieren. Es ist, als wären sie für die beiden Mädchen gemacht worden. An diesem Abend verlässt Celal seine Bäckerei erst um halb zwei, eineinhalb Stunden später als üblich. Hier zeigt sich die Festigung einer Liebe, die schon einige Jahrzehnte hinter sich hat. Celal weiß, dass seine Frau, wie jeden Abend, schon schläft, wenn er kommt. Er weiß auch, dass sie ihre Zeit nicht mehr mit Eifersucht verschwenden wird, wenn er die Wohnung betritt und sie fast automatisch aufwacht und aufsteht, um ihm einen Tee zu kochen. Sie werden über den Tag sprechen, wie er vergangen ist und wie jede Nacht Arm in Arm einschlafen. Und vielleicht ist gerade das der Segen eines ruhigen, zufriedenen und vor allem überschaubaren Lebens. Eben deshalb beneidet er die beiden jungen Frauen auch nicht. Ihre Generation ist eine sehr gehetzte, eine, die beschädigte Dinge lieber austauscht, als zu versuchen, den Defekt zu beheben. Doch er grollt nicht. Er weiß, dass sich in jeder Zeit das Positive und das Negative die Waage halten.

Es ist spät – oder früh, je nachdem, wie man vier Uhr morgens empfindet –, als die beiden Frauen die Bar neben der nahegelegenen U-Bahnstation verlassen. „Wie heißt du eigentlich?“ In all den Stunden ist ausgerechnet diese Frage nicht gefallen. „Leyla“, wieder erscheint ihr sanftes Lächeln. „Ich bin Lara“, ihre Stimme ist rauchig, „wollen wir noch zu mir gehen?“ Hand in Hand. Und doch schon viel intimer. Sehr viel intimer. Stunden später sind ihre Stimmen schon beinahe brüchig und können dem Gedankenaustausch kaum noch standhalten.

„Weißt du eigentlich, wie wunderschön du bist?“, langsam streicht Lara Leyla eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Suchend, mit geschlossenen Augen berührt sie die warme Hand, erwidert die Geste, zieht ihr Gegenüber bestimmt heran. Und es ist der erste Kuss, der alles Weitere entscheidet. Sie verbringen die Nacht zusammen.

Vielleicht können sich Frauen wirklich besser in andere Frauen hineinversetzen, wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht. Oder vielleicht ist es aber auch nur so, dass zwischen den beiden Frauen die Chemie gerade stimmt. Oft schon haben sich die beiden im Morgengrauen aus fremden Wohnungen geschlichen, um peinliches Schweigen oder – noch schlimmer – die Frage nach der Telefonnummer zu vermeiden. Was in diesem Fall anders ist? Es ist keine dieser klassischen Geschichten. Und nichts Pathetisches.

Es ist ein Samstagmorgen, der einen dazu verleitet, einen langen Spaziergang zu machen, obwohl er neblig und verhangen ist. So sitzen sie im Café Central in der Herrengasse, sprechen über ihre Studienzeit, wundern sich, warum sie sich nie begegnet sind, obwohl sie beide oft hier waren. So oft, dass die Kellner beide Frauen noch immer mit dem Vornamen begrüßen. Es ist sogar der gleiche Lieblingsplatz in einer kleinen, versteckten Ecke, wo sie für sich sind. Noch immer Hand in Hand spazieren sie von der U1-Station Donauinsel bis zur U6-Station Neue Donau und wieder zurück. Vier- oder fünfmal, bis sie schließlich in die U6 einsteigen und wieder zu Lara fahren. Weil es irgendwie schon wieder spät geworden ist. Jedenfalls spät genug, um sich noch mit einer Tasse heißen Tee einen Film anzusehen und auf den Sonntag zu warten.

Schweigend liegen sie nebeneinander, ohne etwas anderes wahrzunehmen. Mit geschlossenen Augen und einander streichelnd. Lara genießt es, Leylas Hand auf ihrer Brust zu spüren. Zu spüren, wie die Hand abwärts wandert, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Sie zieht Leyla heftig an sich, küsst sie.

Ob es Liebe ist? Das bleibt abzuwarten, es hat doch gerade erst angefangen.

Celal hat die beiden an diesem Tag vorbeigehen gesehen, Hand in Hand. Ob ihn dieses Bild überrascht hat? Nicht sonderlich, über die Jahre hat er viel gesehen. Und seine Einstellung war schon immer sehr liberal. Ob ihm die beiden zusammen gefallen haben? Ja, wenn auch aus ästhetischen Gründen, nicht aufgrund sexueller Phantasien. Solche Bilder reizen ihn nicht mehr in dem Ausmaß, wie sie es in seiner Jugend getan haben. Er muss vor allem an Aphrodite denken, über die er als Junge sehr viel gelesen hat, weil sie ihm von allen Göttinnen die liebste war.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16024

Mitternacht

Es ist Mitternacht und Rauch hängt in der Luft. Es regnet. Ich liebe das rhythmische Klopfen der Regentropfen an den Fensterscheiben. Gott sei Dank hat es erst vor einer halben Stunde begonnen zu regnen. Heute Morgen bin ich von Istanbul nach Wien geflogen, um alte Freunde zu besuchen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich seit zwanzig Jahren nicht mehr hier war. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich es vermisst hätte. Ich hätte auch keine Zeit dazu gehabt. Nicht mit einer Familie, einem eigenen Buchladen und einem eigenen Café. Als ich Wien im Alter von 28 Jahren verlassen habe, war mir schon klar, dass ich nur noch zu Besuch kommen würde.

Serdar und ich haben uns bei meinem ersten Besuch in Istanbul kennengelernt. Ich war Sprachschülerin und Touristin und Serdar hatte seine Familie besucht, da er damals in Wien studierte und sie nur während der Sommermonate sah. Mittlerweile sind wir seit vierundzwanzig Jahren zusammen; meine Mutter hat uns nicht einmal ein halbes Jahr gegeben. Ich weiß nicht, was sie zu meinem jetzigen Leben sagen würde, da ich seit zwanzig Jahren kein Wort mehr mit ihr gewechselt habe. Ich darf nicht sagen, dass sie nichts für mich getan hat, das wäre gelogen. Aber die Einsicht, dass man für einen Menschen niemals gut? genug sein wird, egal was man macht, schmerzt. Vor allem, wenn einem die eigene Mutter ohne Unterlass zu verstehen gibt, dass man nicht gut genug ist und es wohl auch nie sein wird. Ich hoffe, dass ich meinen Kindern dieses Gefühl nie gegeben habe.

Ich weiß nicht weshalb, aber wieder österreichischen Boden zu betreten, hat mich mehr als erwartet aufgewühlt. Ich sehe die junge Frau, die ich damals war, aus großer Distanz. Den Tag habe ich mit Evelyn, meiner langjährigen und besten Freundin verbracht. Obwohl ich schon so lange nicht mehr hier lebe, ist unsere Freundschaft auch nach so vielen Jahren noch sehr eng und vertraut. Ich habe versucht, meine einstige Heimatstadt mit den Augen der jungen Frau zu sehen, die ich war, als ich weggezogen bin. Doch wir haben uns beide zu sehr verändert, die Stadt und ich; obwohl manche Gegenden noch genauso sind, wie ich sie in Erinnerung habe. Evelyn ist mir nicht böse, dass ich im Motel One am Westbahnhof übernachte. Sie und ihr Mann bewohnen zwar eine wunderschöne und große Wohnung, doch mich macht es verrückt, in fremden Wohnungen zu übernachten. Schon als kleines Mädchen mochte ich es nicht, bei Freundinnen zu übernachten oder mir, wenn sie bei mir übernachteten, ein Bett mit ihnen zu teilen. Als ich mit Serdar zusammengekommen bin, hat es sehr lange gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe, mit ihm in einem Bett zu schlafen. Auch nach so vielen Jahren passiert es noch, dass ich die eine oder andere Nacht in meinem eigenen Zimmer verbringe. Nun ja, jede Beziehung hat ihre Arrangements.

Offiziell verbringe ich den Abend mit einigen alten Freunden. Tatsächlich aber wollte ich allein sein, um einer alten Geschichte nachzugehen. Ich hatte vor sechsundzwanzig Jahren, noch eine ganze Weile vor Serdar, eine Romanze mit einem türkischen Kurden, dessen Eltern eine Shisha-Bar am Lerchenfelder Gürtel betrieben, genau gegenüber von der U6-Station Thaliastraße. Café Derwisch. Und nun hatte es mich interessiert, was daraus geworden war.

Zu meiner Überraschung hat sich kaum etwas verändert. T. führt das Lokal weiter. Und offenbar hat er eine affektierte und zu stark geschminkte, schlecht blondierte Frau mit einem zu kurzen Minirock geheiratet. Seinen Sohn kann er nicht verleugnen, er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. T. wirkt sehr angespannt, offenbar hat er es – wie ich es übrigens schon vermutet habe – nicht geschafft, eigene Entscheidungen für sein Leben zu treffen. Als ich vor einer halben Stunde gekommen bin, war das Lokal sehr voll. Ich habe zum Glück einen kleinen Nischenplatz für mich und mein Buch gefunden und eine Kanne schwarzen Tee mit Milch bestellt. Abends mein liebstes Getränk. Ich liebe den Geruch von Wasserpfeifentabak. Wenn Serdar und ich nach Bodrum fahren, wo wir ein Ferienhaus haben, rauchen wir oft eine Shisha. Am liebsten habe ich den Trauben- und den Melonentabak. Und obwohl ich erst seit einigen Stunden wieder in Wien bin, vermisse ich die Türkei und unseren Lebensstil schon. Aber ich bin ja nur eine Woche hier.
Erst jetzt fällt mir auf, dass T. mich anstarrt. Wie lange schon? Ob ihm dämmert, wer ich bin? Wir waren schon ziemliche Hitzköpfe damals. Vermutlich würde ich alles noch einmal so machen; schließlich habe ich mich über all diese Irrwege selbst gefunden. Ich habe noch immer die silberne Kette mit dem schützenden Auge, die er mir einmal geschenkt hat. Irgendwann werde ich sie meiner Tochter Elif schenken.

T. bringt mir eine zweite Kanne Tee. Ich erwidere seinen Blick. Er stellt die Tasse vor mir ab, schüttelt ungläubig den Kopf und setzt sich wieder zu seiner Schwester und seiner Frau an den Tisch. Nicht, dass er aufhören würde zu starren, aber zumindest sind jetzt einige Köpfe zwischen uns. Da fällt es mir nicht so auf. Nun ja, ein besonders entschlossener Mensch war er noch nie.
Als ich wieder auf die Uhr sehe, ist es schon kurz vor vier. Zeit zu zahlen; auf der Eingangstür steht, dass das Lokal am Wochenende bis vier geöffnet hat. Nicht einmal das hat sich geändert. Ich packe meine Sachen und gehe zur Bar, um zu bezahlen. Nur an einem Tisch sitzen noch drei junge Männer, die aber schon bezahlt haben. Bald werden sie ausgetrunken haben und gehen.
„Du bist zurück“, stellt er sachlich fest. Ich nicke schweigend. „Bleibst du?“ „Warum sollte ich?“, antworte ich mit einer Gegenfrage, „ich ziehe Istanbul vor. Und bis zur Pension muss ich meine beiden Läden noch führen, jetzt nochmal einen anderen Job anzufangen wäre unlustig.“ „Hm“, er verzieht die Lippen. Ich lege den abgezählten Rechnungsbetrag auf die Bar und gehe. Vor der Tür kann ich mir ein lautes Auflachen nicht verkneifen. Es ist interessant, was die Jahre aus einem Menschen machen; ober eben nicht machen. Ich habe am Ende alles so hinbekommen, wie ich es mir immer gewünscht habe. Aber wie muss es für ihn sein, immer auf der Stelle zu treten?
Gerade als ich die Straße überqueren will, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Natürlich ist er mir nachgekommen. Das war nicht anders zu erwarten. Er hat sich kein Stück verändert. „Wieso tust du das?“, er wirkt noch angespannter als vorhin im Lokal, „warum? Ich habe dir immer gesagt, dass du der einzige Mensch bist, der alles umwerfen kann. Auch wenn ich gerade dir gegenüber immer der unfähigste Idiot war!“ „Tja“, ich zucke mit den Schultern, „nach zwanzig Jahren war es Zeit für einen Besuch. Du hast doch immer gesagt, dass es dir egal ist, ob ich komme oder nicht, weil das Derwisch ja ein öffentliches Lokal ist.“ Auch wenn es gemein ist, kann ich mir einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen. Ist es gemein zu sagen, dass manche Leute es nicht anders verdient haben? Er gestikuliert, will die Arme heben, hält aber in der Mitte der Bewegung inne. „Sei nicht so unfair, du siehst doch selbst, dass dir nichts Besseres nachgefolgt ist.“ Ich muss lachen. „Und? Du hattest genug Chancen, es richtig zu machen!“ Mit diesen Worten lasse ich ihn stehen.

Ich gehe zu Fuß zum Westbahnhof; mit der U-Bahn wären es auch nur zwei Stationen. Was der Rezeptionist wohl denkt, als er mich um diese Zeit heimkommen sieht? Dem Namen nach ist er Türke, ebenso wie der Barkeeper, der noch Dienst hat. Ich höre die beiden schon, als ich die Lobby betrete; sie sind sich sicher, dass um diese Uhrzeit niemand mehr hier ist, der sie hören und verstehen könnte, weshalb sie sich, ohne besonders auf ihre Lautstärke zu achten, über gewisse weibliche Gäste unterhalten. Um besser schlafen zu können, bitte ich den Barkeeper auf Deutsch um ein Glas warmer Milch; in meinem Kopf sind die Sprachen sehr mit einem Kontext verbunden. Deutsch in Wien, Türkisch in meinem Lebensumfeld und Litauisch mit meiner Familie. Und mit allen Sprachen ist ein anderer Teil meiner Identität und Persönlichkeit verbunden. Sprache ist Identität, aber nicht jeder Mehrsprachige fühlt sich in allen Identitäten gleichermaßen wohl. Eine wird immer vorgezogen.

Die Überraschung der beiden Männer, als ich sie in fehlerfreiem Türkisch zurechtweise, nachdem sie sich über mich unterhalten haben, ist dementsprechend groß. Und typischerweise werden sie plötzlich sehr kleinlaut. Diese Erfahrung mache ich im Ausland nicht zum ersten Mal. Und natürlich folgen auf die erste Überraschung die üblichen Fragen nach Herkunft, Familie, dem Ehemann (die beiden Männer sind konservativer, als es ihr Äußeres vermuten lassen würde) und der Dauer des Aufenthaltes. Auch auf diese Fragen habe ich meine vorgefertigten Antworten, da ich kein Fan neugieriger Menschen bin. Wenn man mit mehreren sprachlichen Identitäten aufwächst oder neue im Laufe des Lebens erwirbt, wird man immer mit der Neugierde der Menschen zu dem Hintergrund konfrontiert. Das ist wohl die Natur der meisten Menschen. Und natürlich erzählen sie mir viel über sich. Mehr, als ich eigentlich wissen wollte, aber schlafen kann ich ohnehin nicht, weil ich noch aufgewühlt bin von meinem Besuch in Wien und von allen meinen Erinnerungen.

Einen Tag vor meiner Abreise bin ich noch einmal im Derwisch; diesmal mit Evelyn. Es ist Freitagabend und relativ voll. Ich erzähle Evelyn von unserer skurrilen Unterhaltung eine Woche zuvor. Sie hat genauso viel Spaß daran wie ich. Wie früher albern wir herum, trinken ein bisschen über den Durst und erinnern uns zurück. Sie verspricht mir auch, zur Verlobungsfeier meines jüngsten Sohnes Celal zu kommen. Irgendwann brechen wir auf, damit ich vor der Abreise noch ein wenig schlafen kann, da es mir nicht möglich ist, in Flugzeugen zu schlafen. Ebenso wenig in Zügen oder Autos, weil Geräusche und Bewegung mich beim Einschlafprozess stören.

Als ich auf die Uhr sehe, ist es Mitternacht. Vor vielen Jahren haben wir uns auch immer um Mitternacht getroffen.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 16023

 

Skarabäus

Ein Skarabäus nach dem anderen läuft über meinen Bauch. Ich spüre sie an meinen Beinen hochlaufen; versuche, ruhig zu atmen und nicht zu schreien. Ein Skarabäus steht für ein langes und fruchtbares Leben, hat deine Mutter immer gesagt. Die Luft riecht nach Regen; es wäre eine Erleichterung nach der Hitze der vergangenen Wochen, gäbe es jetzt ein heftiges Gewitter. Ich rieche Flieder, Rosen und Zitrusfrüchte sowie einen Hauch Lavendel. Es ist der Garten deiner Eltern, ich stehe im Arkadenhof. In seiner Mitte wachsen Lavendel, Flieder und ein Zitronenbaum. Die Auffahrt wird von Wildrosen umzäunt. Ein leichter Wind bringt eine frische Meeresbrise mit sich.
Für gewöhnlich setze ich mich zum Brunnen und lasse mir von deiner Großmutter aus dem Kaffeesatz lesen. Sie sagt mir immer ein langes Leben voraus; auf meine Frage, ob es auch ein glückliches wird, lächelt sie nur wissend. Die Enden des schwarzen Schals, den sie sich locker über die Haare gelegt hat, wehen sanft im Wind. Trotz ihrer neunzig Jahre ist ihr Gesicht noch immer schön und ausdrucksstark. Der Blick ihrer noch immer tiefschwarzen Augen bestechend klar; manchmal ist es unmöglich, dem Blick dieser Augen standzuhalten. Langsam legt sich jetzt der Geruch von gebratenem Fisch über den Garten.
Ich glaube, deine Mutter bereitet den Fisch zu, den dein Vater gefangen hat. Ich habe sie immer um ihre Kochkünste beneidet. Und um ihre Schönheit, obwohl du immer gesagt hast, ich stünde ihr um nichts nach. Trotz dreier geborener Kinder war sie schlank wie ein junges Mädchen und ihre Haut erinnert an Nougat. Das hüftlange, pechschwarze Haar hatte sie meist im Nacken verknotet und ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten Lebenslust und Energie aus. Und immer hatte sie ein türkisfarbenes Skarabäusamulett um den Hals; ein Erbstück ihrer Ururgroßmutter. Kurz vor ihrem Tod hat sie es mir geschenkt.
Ich gehe durch den großen Garten; mein Lieblingsplatz ist unter einer alten Zeder, wo ich im warmen Gras sitzend lese und träume. Dein Vater hat mir einmal erklärt, dass es sich bei dieser Zeder um eine Libanonzeder handelt; nun, die Botanik hat noch nie zu meinen Spezialgebieten gehört, weshalb ich leider seine Ausführungen zu den einzelnen Pflanzen im Garten schon wieder vergessen habe. Während ich durch den Garten gehe, höre ich Vögel zwitschern, das Meer rauschen und sehe Schmetterlinge fliegen. Ich bleibe stehen, schließe meine Augen und bin ganz bei mir. Erst als ich meine Augen wieder öffne, realisiere ich, dass ich am Ende der Auffahrt stehe und vor mir nur das weite Meer sehe, das mit dem Horizont zu verschmelzen scheint. Vom Hafen sind Möwen zu hören und das Rauschen des Wassers.

Es ist ein Traum; ein Traum gegen das Vergessen. Nur langsam realisiere ich, wo ich bin. Leise, um meinen Mann nicht zu wecken, gehe ich hinaus auf den Balkon unseres Hotelzimmers. Nach jahrelangen Individualreisen machen wir nun zum ersten Mal einen Pauschalurlaub in einem Club in Bodrum. Ins Haus deiner Eltern kann ich nicht fahren; die Erinnerung würde mich umbringen. Obwohl ich weiß, dass ich deinem Bruder Ali immer ein willkommener Gast bin; auch mit meinem neuen Mann. Ich habe auf September bestanden, weil es schon die Nachsaison ist. Ich bin es im Alltag gewohnt, von vielen Menschen umringt zu sein. Ich habe es doch noch geschafft, eine große Familie zu gründen, aber von Zeit zu Zeit bin ich froh, wenn ich nur Stille um mich habe.

Ich träume oft vom orientalischen Garten deiner Eltern; der Traum ist nie bedeutungslos. Trägt deine Großmutter einen weißen Schal, ist etwas Gutes zu erwarten, der schwarze Schal hingegen steht für schlechte Neuigkeiten. Und an deinem Todestag sehe ich immer deine Mutter; nur du lässt dich nie blicken. Heute Nacht aber war mein Traum menschenleer und ich frage mich, ob du mich nun endgültig verlässt. Auch wenn du seit zwanzig Jahren tot bist, fehlst du mir noch oft. Ist es denn fair, den einen Menschen schon mit Ende zwanzig zu verlieren? Du bist als Schatten immer bei mir. Du warst bei mir, als ich geheiratet habe, als ich meine Kinder geboren habe, einfach in jedem Moment meines Lebens. Und auch wenn ich dich in meinen Träumen nie sehe, spüre ich doch deine Gegenwart. Doch heute hast du mich einfach im Stich gelassen. Du hast mir nur scheinbar endlos viele Skarabäen geschickt, denn genau wie deine Mutter hast du an ihre glückbringende Wirkung geglaubt.

„Ist es wieder dieser Traum?“ Herbert – mein Mann – umarmt mich von hinten. Ich drehe mich nur um und lehne meinen Kopf an seine Brust. „Ja.“ Auch wenn er nichts sagt, weiß ich, dass er tief verletzt ist und sich einmal mehr wünscht, dass du nicht mehr gegenwärtig wärst. Auch über uns bist du immer wie ein Schatten gelegen. Manchmal drückend präsent und manchmal scheinbar unauffindbar. Und ich kann ihn verstehen. Er kennt die Details unserer Geschichte und weiß, wie sehr dein Tod mich gebrochen hat. Für ihn ist es so, als würde ich dich nicht loslassen wollen. Und es tut mir so unendlich leid, dass ich es ihm nicht begreiflich machen kann, dass es mir selbst nicht ganz klar ist, warum du mich noch immer so verfolgst. Es tut mir weh zu wissen, dass Herbert sich manchmal von mir nicht geliebt fühlt.

2004 bin ich mit achtzehn Jahren nach Wien gekommen und ins Studentenheim gezogen. Du hast im Zimmer gegenüber gewohnt und es hat nicht einmal zwei Stunden gedauert, bis wir uns ineinander verliebt hatten. Şeftalem hast du mich genannt, mein Pfirisch. Weil ich Pfirsiche liebe und şeftale mein liebstes Wort auf Türkisch ist. Noch immer erinnere ich mich daran, was für ein lebensfroher und begeisterungsfähiger Mensch du warst. Und ehrgeizig; alles musstest du zu einem Ende bringen. So hast du es geschafft, vier Sprachen fließend zu sprechen, dein Studium in Bestzeit abzuschließen und dich neben allem auch noch sozial zu engagieren.
Am meisten aber habe ich deine Aufmerksamkeit geliebt. Jeden Samstag bist du in aller Frühe zum Brunnenmarkt gegangen, um mir frisches Obst und einen Strauß Blumen zu besorgen; „Damit du dich geliebt fühlst“, hast du immer gesagt.
Nie hast du mich abends unbegleitet nach Hause gehen lassen, weil du nicht wolltest, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit alleine draußen bin; du wusstest, dass ich es nicht mochte. Aber sicherlich auch, um deine zeitweilige Eifersucht zu beruhigen. Ich weiß, dass dich der Gedanke, es könnte zum Bruch zwischen uns kommen, wahnsinnig gemacht hat.

Am liebsten aber erinnere ich mich an unseren ersten gemeinsamen Urlaub. Du hast so lange gespart, bis du mich für eine Woche nach Grado einladen konntest, weil ich dir einmal erzählt hatte, dass ich als Kind oft mit meiner Familie dort gewesen war und mich danach sehnte, wieder einmal dorthin zu fahren. Du hast sogar das Appartementhotel ausfindig gemacht, in dem ich früher mit meinen Eltern übernachtet hatte. Die Villa Giulia, ziemlich im Stadtzentrum, nahe am Hafen. Den Schmetterling aus Muranoglas habe ich heute noch; du hast ihn mir am letzten Tag auf meinen leeren Frühstücksteller gelegt, weil ich ihn am Vorabend so lange im Schaufenster betrachtet hatte. „Weil mein Glück dein Lächeln ist“, hast du gesagt und meine Hand geküsst, „komm, lass uns zum Strand gehen, bevor wir fahren, mein Engel. Jetzt ist es noch ruhig und beinahe menschenleer, so wie du es liebst!“ Du hattest mich schnell durchschaut und wusstest, dass mir trotz meines kommunikativen Wesens die Stille am liebsten war.

Manchmal sehe ich mich in meinem Traum unter dem Zitronenbaum im Garten deiner Eltern sitzen, lesend; an deinem Platz aber liegt nur die Zeitung, die du immer gelesen hast. Immer wieder frage ich mich, warum ich dich nie sehe; ich vergesse, wie du aussahst. Dann kann ich nur die alten Fotos zu Hilfe nehmen. Minze und Zitronenmelisse hat deine Mutter in ihrem Kräutergarten angebaut und die frischen Blätter für Tee verwendet. Manchmal sehe ich uns, sie und mich, im Traum in den frühen Morgenstunden im Garten sitzen und frischen Tee trinken. Es war der einzige Tee, der eine belebendere Wirkung auf mich hatte als der türkische Kaffee, den ich sonst immer trinke.

Vor allem deine Mutter hat mich damals so herzlich aufgenommen, als ich deine Familie kennengelernt habe. Besonders fasziniert war sie von meinen langen dunkelblonden Haaren und den dunkelgrünen Augen. Allerdings hat sie mir immer vorgehalten, zu blass zu sein und immer dafür gesorgt, dass ich mich viel in der Sonne aufhalte, um eine gesunde Bräune zu bekommen. Ihr überraschender Tod aufgrund einer Hirnblutung hat dich sehr mitgenommen. Auch wenn es für Außenstehende so gewirkt hat, als wärst du gefasst gewesen, hast du Höllenqualen gelitten. Du warst stundenlang im Boxverein, um dich abzureagieren; einmal habe ich dich ein ganzes Wochenende lang nicht gesehen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis du wieder ganz bei dir warst. Ich kann es verstehen. Sie war einer der ungewöhnlichsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Du hast mir oft gesagt, dass ich für dich die einzige Frau bin, die sich mit ihr messen kann. Für mich war das das größte Kompliment von dir.

2004 bis 2014, das waren unsere zehn Jahre. Bald nachdem du mich deinen Eltern vorgestellt hast, sind wir zusammengezogen. Unsere erste kleine Wohnung – wir waren damals gerade mit der Uni fertig – war in der Liechtensteinstraße im neunten Bezirk. Sehr praktisch gelegen eigentlich; sehr nahe an zwei U-Bahn-Linien und zwei Straßenbahnlinien. Sie war gerade groß genug für uns beide; WC, Bad, Küche und ein kleines Wohnzimmer, das uns auch als Schlafzimmer diente. Aber es hat für den Anfang gereicht. Als wir dann begonnen haben, besser zu verdienen, haben wir uns mit der Unterstützung deiner Eltern eine wunderschöne Altbaueigentumswohnung gekauft, die groß genug war für uns und die Familie, die wir eines Tages gründen wollten. Beim ersten Besuch deiner Eltern in unserem neuen Heim hast du mich endlich gefragt, ob ich dich heiraten will. Wen denn sonst, wenn nicht dich?

Und dann kam dieser eine Abend, einige Wochen nach unserer Hochzeit. Du warst auf Geschäftsreise gewesen und wolltest mit dem Taxi vom Flughafen nach Hause fahren; wie immer wolltest du nicht, dass ich dich abhole, weil dein Flieger erst spät gelandet war und dir der Gedanke nicht behagt hat, dass ich so spät alleine durch die Stadt fahre. Als es läutete, dachte ich noch, du hättest vielleicht deinen Schlüssel vergessen. Und dann standen zwei Polizeibeamte vor mir. Dein Taxi wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen; du seist noch an der Unfallstelle verstorben.
Mehr weiß ich nicht mehr; ich erinnere mich nur noch daran, im Krankenhaus aufgewacht zu sein. Mein Bruder Paul saß an meinem Bett, zusammen mit Herbert, seinem besten Freund, den ich ebenfalls seit Kindheitstagen kannte. An diesem Abend wollte ich dir sagen, dass du Vater werden würdest; aber das Kind habe ich in dieser Nacht verloren. Es war, als hätte ich dich somit zweimal verloren. Ein schier unerträglicher Gedanke. Monatelang hatte ich jeden Morgen das Gefühl, dass du neben mir liegst und jedes Mal wieder war es ein Schock, dass deine Seite des Bettes leer war.
Bald danach bin ich ausgezogen. Zu Paul, der im Haus meiner Eltern lebte. Da er selbst gerade alleine lebte, war er froh, mich bei sich zu haben, weil das Haus ihm immer so unerträglich still und leer vorkam. Irgendwann haben Herbert und ich zusammengefunden; er war nach deinem Tod ein ruhender Pol. Er hat mich oft im Arm gehalten, wenn ich stundenlang geweint habe und nur wortlos mein Haar gestreichelt. Es hat gedauert, aber eines Tages habe ich gewusst, dass seine beständige Liebe genau das war, was ich für einen Neuanfang brauchte. Dein Vater und dein Bruder haben mir ihren Segen gegeben und waren sogar bei unserer Hochzeit. Sie sind auch nach noch so vielen Jahren Teil meiner Familie und das wird sich nie ändern. Für sie wohl auch nicht, glaube ich.

Herbert bringt mir ein Glas Wasser. Ich leere es und gehe ins Meer schwimmen; vielleicht hilft es gegen die Unruhe. Als ich zurückkomme, finde ich das Skarabäusamulett nicht mehr.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 16022