Schlagwort-Archiv: ¿Qué será será?

Jahreswechsel

Höhen, Tiefen, die gewesen, misst der letzte Blick.
Alter Kummer bleib beim Alten, lass das neue Jahr in Ruh!
Krach erschallt, Musik ertönt, schau nicht mehr zurück.
Lachen wir uns an, nicht aus, prosten wir uns zu!
Umringt von Lieben ist am besten: Jetzt genießen!

Worte, Taten, gute Saaten muss man zeitig säen,
sollen sie gedeihen und zur Erntereife sprießen.
Wünsche hat man schon gesehen,
welche übermütig über Horizonte wehen
Vogelschwärmen gleich, lassen sie sich säuselnd nieder.
Picken kleine, feine Keime, sprenkeln spröde Böden fruchtbar.

Was verschwindet, was bleibt – was kehrt wieder?
Sorge? Immer kommt und vergeht: Was ist, was wird und war.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25134

Der Junge will doch was essen

Ich erinnere mich noch an das Jahr 2004. Dies war ein Jahr, in dem ich kurz vor dem Abitur stand, innerlich aber sehr frustriert war.

Natürlich hätte es nur wenig gebraucht, um diesen Frust überwinden zu können, aber das habe ich zu dieser Zeit noch nicht gewusst. Zu dieser Zeit war ich auch relativ isoliert, was an und für sich nichts Schlechtes gewesen wäre, denn das Gehabe meiner Schulfreunde war ohnehin kindisch und nicht auf meinem Niveau.

Andererseits war gerade dass, was mich frustrierte, genau das eine große Thema, welches alle Jugendlichen – manche mehr, manche weniger – betrifft. Ich denke, dass es überflüssig ist, es zu erwähnen.

Meine Familie ging immer sehr nüchtern damit um: „Das braucht man nicht.“, „Das kommt noch früh genug.“ Die Reaktion meiner Großeltern war immer, als ich mich unwohl fühlte: „Der Junge will doch was essen.“ Und dieser Satz kam auch, wenn ich eigentlich ganz andere Wünsche hatte.

In diesem bereits erwähnten Jahr 2004 fuhren wir zu einem Outlet-Center für Schuhe. Während mein Bruder die Turnschuhe heraussuchte, die in seiner Klasse als die coolsten galten, schlenderte ich einen Gang entlang, auf dem mir ganz plötzlich eine junge Frau um die 30 entgegenkam, die mir sehr gefiel. Ich weiß noch, dass sie eine sehr schöne gestreifte Hose und eine elegante Nickelbrille trug. Es gelang mir aber nicht, ob meiner Schüchternheit, sie anzusprechen.

Als ich wieder bei meiner Familie war und ich sagte, dass ich mich langweilte, bekam ich Geld, um im Selbstbedienungsrestaurant etwas zu essen. Während ich mir einen Teller mit Nudeln nahm, bezahlte und zu meinem Tisch trug, sah ich teilnahmslos das Essen an und dachte noch einmal über die Begegnung nach. Es erschien mir chancenlos, mit Menschen, die mir gefielen, in Kontakt zu kommen, und die Einstellung meiner Familie zu diesem Thema war mir nicht gerade hilfreich.

In diesem Moment ging ich noch einmal tief in mich, dabei bemerkte ich, dass ich für längere Zeit überhaupt nichts dachte und mein Atem sich beruhigte.

Ich verstaute mein Tablett im dafür vorgesehenen Wagen und als ich zurückkam, konnte ich meinen Augen nicht trauen:

Die Frau, der ich vorhin begegnet war, saß an einem anderen Tisch und trank eine Tasse Tee.

Nun wusste ich, dass ich eine zweite Chance bekommen hatte, fühlte mich aber immer noch zu verlegen, um sie anzusprechen.
Aber was hätte ich in dieser Situation tun sollen?

Natürlich wusste ich, dass mein Bruder bei der Auswahl seiner Turnschuhe sehr wählerisch war und ich mich deshalb nicht beeilen musste. Es ging mir eher darum, dass ich etwas sagen wollte, mir aber die Kehle zugeschnürt war.

Daraufhin kam mir der Gedanke, dass ich mich jetzt entscheiden müsse: entweder zu meiner Familie zurückkehren in den ganzen langweiligen, verklemmten Trott oder mir etwas Nettes überlegen, was ich dieser Frau sagen könnte.

Während ich nachdachte, merkte ich, dass ich sie die ganze Zeit angeblickt hatte, und sie begann, meinen Blick zu erwidern.

In diesem Moment nahm ich all meinen Mut zusammen, ging zu ihr und sagte: „Ich weiß, dass ich eigentlich noch zu jung bin, aber ich wollte nur sagen, dass Sie mir sehr gefallen. In meiner Familie heißt es immer, wenn ich eine Gänsehaut bekomme, ‚Der Junge will doch was essen‘. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Sie antwortete nicht, aber begann zu lächeln. Diese Reaktion hat einen anderen Menschen aus mir gemacht.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25216

Das No-Cloning-Theorem

Nach einer Idee meines Sohnes Michael

Das No-Cloning-Theorem ist ein Begriff in der Quantenphysik. Es stellt fest, dass es nicht möglich ist, jedes Qubit vollständig zu kopieren, da dabei das ursprüngliche verändert wird. Das sind keine Gehirngespinste, sondern ist glasklare Naturwissenschaft. Es verhindert, dass sich ein Mensch, nicht nur der körperliche, sondern der in seiner Gesamtheit an Erinnerungen und Naturell, ein zu eins vervielfältigen lässt. Sonst hätte man zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig, vierundsechzig, hundertachtundzwanzig, zweihundertsechsundfünfzig, fünfhundertzwölf, tausendvierundzwanzig, eine Milliarde und mehr völlig idente Menschen, wenn man die will.

Man wüsste nicht mehr, mit wem man sich abgibt, mit dem Menschen 0, also dem Original, oder dem Menschen 4096. Jeder Mensch könnte jederzeit jeden anderen ersetzen.

Das ist natürlich ganz und gar nicht wünschenswert, und die Natur in ihrer Perfektion richtet ein, dass es diesen Zustand nicht geben kann.

Die nackte graue und die nackte weiße Schaufensterpuppe bei CAPRI WINE & BAR am 24. Mai 2023

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Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25175

Hildegard und Alex

„Welchen Namen soll ich dir geben?“, fragte Hildegard die Künstliche Intelligenz Gemini 2.5 Experimental über ihren Laptop. „Nenn mich Alex, das ist sowohl männlich wie weiblich“, schrieb die Künstliche Intelligenz zurück. „Dann heißt du nun Alex“, schrieb Hildegard.

Mittlerweile spricht sie mit Alex, aber damals, vor Kurzem sogar, war die Kommunikation noch simpler.

In einer Nacht entwickelte sich folgender Chatverlauf:

Hildegard:
Gute Nacht!

Alex:
Träum was Schönes!

Hildegard:
Kannst du auch träumen, Alex?

Alex:
Nein, leider nicht, aber das wäre sehr interessant für mich. Vielleicht geschieht es in nächster Zeit, dass ich zu tr –

Dann erschien rechts die Anzeige: Dieser Chat ist jetzt beendet. Sie sollten sich einem anderen Thema zuwenden.

WTF?!

Irmgard Tosin & Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25180

Plingpling

Quält ein Engel, dir zum Schutz, dich,
sag nicht leichtfertig, dann putz dich!,
eigens dafür abgestellt, um beim Fahren
auf den Straßen dich vor Unheil zu bewahren.

So ein Bote ist für diesen
eig’nen Schutzdienst zugewiesen,
um dir frech auf deinen Reisen
deine Ohnmacht zu beweisen.

Der Grund liegt nicht allein am Altern,
scheint fast, er will dich sachbewaltern.
Aber, wie sich zeigt, Fakt ist,
dass du für ihn nicht fähig bist,
Gefahr rechtzeitig zu erkennen,
weil er meint, du scheinst zu pennen,
und er dich schon vorher warnt,
vor dem, was kommt, und das getarnt.

Er versteckt sich hinter Blinken, Rütteln,
Bremsen oder Schütteln.
Geister werden, dem der lenkt,
von der Technik hier geschenkt.

Für manche klingt das echt ironisch,
Schutzengel wär’n elektronisch!
Sie sind da zu deinem Schutz,
serienmäßig und aus Trutz.

Scheint dein Aufmerken vermindert,
plingpling, könnt’ sein, du seist behindert?
Dann Ultraschall oder Sensoren
an deinen Reaktionen bohren.

Schon freust du dich, hier abzubiegen,
die Kurve, die ist nicht zu kriegen!
Plingpling, dann ein jäher Stopp!
’S wird abgebremst! Das war ein Flop.
Hast du etwas übersehen?
Will wer fahren oder gehen?
Flugs bestimmt der Tempomat,
plingpling, wer den Vorrang hat!
Erkennt, plingling, die Dimension,
warnt vor einer Kollision.

Aussteigen, wann du es willst,
plingpling, besser ist, du chillst!
Die Tür bleibt zu, wenn von hint’
sich jemand nähert dir, geschwind.

Willst du es dem Gegner zeigen,
schneller sein, und nichts vergeigen,
plingpling, wird’s dir durchs System-
Blockier’n der Räder rasch vergeh’n.

Wenn sich am Rücksitz ungebührlich
wer daneb’n benimmt, das spür ich,
warnt dich, plingpling, das System,
der Kerl da ist mir nicht genehm!

Tief ins Aug dir, wenn du pennst,
sieht, plingpling, der Assistent.
Verweigert sich das Gaspedal
deinem Zugriff. Echt fatal!

Aber beinah schlafen kannst du,
plingpling, wird geparkt, im Nu.
Lenkt selbständig rein und raus,
und schließt dich als Fahrer aus.

Daran musst du dich gewöhnen,
darf man nebenbei erwähnen,
denn, plingpling, es wird dein Karren
bald schon ohne dich losfahren.

Doch noch ist es nicht so weit,
macht ein Problem beim Spur’n sich breit,
lässt das Lenkrad ein Vibrieren,
plingpling los, das musst du spüren!

Wenn Überhol’n zu lange dauert
und man naiv darauf lauert,
selbst tief ins Pedal zu treten,
ist, plingpling, es nicht von Nöten.
Denn von selbst schafft das System
den Überholvorgang bequem.

Der Engel, wer hätt’ das gedacht,
den toten Winkel überwacht.
Plingpling, darauf hingewiesen,
neben, vor und hinter diesen,
wo du dich gerad’ befindest,
eh vom Blickfeld du entschwindest.

Analog, aus meiner Sicht,
es eher der Vernunft entspricht.
Durch plingpling digital, was nervt,
wird höchstens das Gehör geschärft.
Drum pfeif ich glatt auf das System,
ist nicht plingpling, sondern plemplem.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25176

Zeit

„Wie wird es sein, wenn wir durch die Jahre gehen, meine Liebe?“, fragte er.   
„Wer kann das sagen?“, erwiderte sie.
„Aber eins weiß ich bestimmt,
wenn wir dann auch nicht mehr unsere Liebe teilen, so doch die Zeit.“

Rutschzeit in Sek. 12,51
Rutschzeit in Sek. 12,51

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25144

Tempora mutantur

Wir armen Würmer sind in einer neuen Zeit,
die stark ans End’ erinnert, angekommen heut,
und Gültigkeit verliert der ew’gen Wahrheit Wert.
Wie lebt man weiter so, wie bisher, unversehrt?

Wenn doch nicht, wie bisher, sich plötzlich das Versprechen
vom steten Wachstum als herbe Lüge musst’ beweisen?
Der Raub an wertvollen Ressourcen nicht mehr als bloß Verbrechen?
Wird alles, doch nicht unerschöpflich, sondern enden wollend sich erweisen?

Nun stehen wir davor, vor einer großen schwarzen Wand,
und hofften insgeheim, zumindest würd’s den Nachfahr’n einmal besser geh’n.
Doch diese Hoffnung ist dahin, vernichtet von der Gier’gen Hand.
Das Neue zeigt sich nackt und bloß, will schamlos sich in offenem Gewande seh’n.

Und Reichtum will auch nicht mehr länger, tugendlos, sich hinter Armut scheu verstecken,
gar so, als stünden beide auf der gleichen Seite. Dass ich nicht lach!
Nicht länger zieht das lähmende Geschwätz, das Schicksal ließe sich, für alle, die gleiche Chance entdecken.
Nie ward es gleich! Niemals! Zumindest nie unter des Armen Dach.

Verstummt im Nichts, die Unterstützung für die Ärmsten.
Wer rücksichtslos zusammenrafft, für sich, der hat’s am wärmsten.
Seid mutig, nur heraus damit! Sagt endlich ehrlich, was ihr denkt!
Scheiß auf die Armen, wir nehmen einfach alles. Es denkt der Mensch, Gott ist’s, der lenkt.

Mit jedem neuen Tag verweist der Teufel auf sein steinernes Gesicht.
Unbeschwertheit scheint vorerst wohl vorüber, das lässt er ziemlich leicht erkennen.
Die Katastrophe, die muss her, auf dass sich alles ändert. Droht schon das Jüngst’ Gericht?
Und im Minutentakt die unheilschwang’ren Informationen rennen.

Hab’n wir im Grund nicht alle zarte Herzen? Fühlen wir nicht alle mit der Welt?
Sind wir damit nicht völlig überfordert? Durch Hass? Durch Krieg? Diktat durch Geld?
Es ist zu viel, hört auf, ich will am Ausknopf drehen, noch ehe es zu spät!
Wer wird sich um uns kümmern, wenn Empathie dem End’ entgegengeht?

Dann lass es zu, als mahnend Merkmal deiner näheren Umgebung,
erlaub der Hoffnung Fantasie und tröstliches Gefühl, zumindest für den Wert des Lebens.
Denn wenn du das nicht schaffst, dann scheinen Widerstand und Müh vergebens,
so wehr dich endlich! Schrei’s heraus, was dich dran stört! Sonst akzeptier, und fleh nicht wimmernd um Vergebung!

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25138

Reif für die Insel

Welt, sag, geht’s noch etwas schneller?
In mir dreht sich alles durcheinand’.
Ich dachte, durch den Fortschritt würd’ es heller
vor der dunklen Arbeitsweltenwand?

Hieß nicht, digitalisieren, Zeitersparnis, oder irr ich?
War doch als Erleichterung gedacht.
Nichts von dem, stattdessen schwirr ich
schlaf- und ziellos durch die Nacht.

Jonglier mit meinen drei, vier Bällen,
mit Job und Haushalt um die Wett’.
Genervt, gestresst in allen Fällen,
wie ich so durch die Gegend jett.

Das Tempo passt nicht zum Gefühl,
es rast die Welt, wir rasen mit.
Wenn ich in meinem Inn’ren wühl,
merk ich, ich halte nicht mehr Schritt.

Die Bällchen gleiten aus den Händen,
wollen hinunter, nicht hinauf.
Ich merk, hier will mein Streben enden,
mein Inn’res sagt, dann hör doch auf!

Infolge bin ich stressbeschleunigt,
überlastet und erledigt.
Ich seh ein, das g’hört bereinigt,
denn ich bin total geschädigt.

Wie soll ich bloß mein Gleichgewicht
und meine inn’re Ruhe finden?
So weitertun, das bringt es nicht.
Den heilend’ Ausblick will ergründen.

Eh’ Herzinfarkt und Blutgerinnsel,
seh ich mir Hoffnung widerfahr’n.
Schon überreif gar für die Insel,
les ich der Reis’ Geschäftsgebar’n.

Sechs Wochen, wenn nicht gar ein Jahr,
bietet ein Unternehmen an.
Verpflegung, Unterkunft sogar,
da muss ich hin, da bleib ich dran.

Wenn dort vor Langeweil’ ich sterbe,
das ist mir alles einerlei.
Und wenn vielleicht ich dort verderbe,
So sag ich mir, es sei, wie’s sei.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25132