Kategorie-Archiv: Nene Stark

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Der neue Koloss vs. Die Mutter der Verbannten

Der dreiste Gigant von griechischem Ruhm
kreischt mit lauter Stimme von seinem Thron:

Behaltet sie dort, eure Müden, eure Armen,
eure Schicksale und menschlichen Dramen,
eure geknechteten Massen,
werden nicht mehr hereingelassen!

Wenn sie frei zu atmen begehren,
werden wir sie mit Mauern abwehren.
Aufgrund des elenden Unrats eurer gedrängten Küsten
werden wir nun unser Militär aufrüsten!

Doch dort, mit stummen Lippen brüllend,
den luftüberspannten Hafen füllend,
hallt ein „Willkommen“ in die Welt,
wo warmer Glanz auf dunkeln Boden fällt.

Denn da steht ein Spruch in Stein geschrieben:
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen
Hoch halt ich mein Licht am gold‘nen Tor!

Denn noch steht die Liebe allem anderen vor.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  17128

 

 

Von Mäusen und Menschen – und Geschwistern

Vor Kurzem fiel mir auf einem Bücherflohmarkt eine alte Ausgabe des Klassikers Of mice and men von John Steinbeck in die Hände. Vorsichtig blätterte ich in den vergilbten Seiten, die einst eine ungeliebte Englischhausaufgabe dargestellt hatten.

Als Sechzehnjährige lehnte ich solche Pflichtaufgaben natürlich schon im Vorhinein ab, so wie alles andere, das von Nichtgleichaltrigen an mich herangetragen wurde.
Aufgrund dieser inneren Sperre fand ich nur schleppend den Zugang zu dieser Novelle, die mein Lebensverständnis für immer auf den Kopf stellen sollte.
Zögernd begann ich zu lesen …

Die einsame, bildgewaltige Landschaft des amerikanischen Southwestern im Hochsommer erschien nach den ersten Zeilen vor meinem geistigen Auge. Träge und schläfrig kämpfte ich mich durch die Seiten, so wie die Protagonisten durch das staubige, heiße Kalifornien der 30er Jahre.
Plötzlich wurde ich jedoch von einem unsichtbaren Sog in das Buch hineingezogen, und die Erkenntnis einer emotionalen und geistigen Parallele zu meiner Realität traf mich unvorbereitet und mit der vollen Brandbreite von Gefühlen: Verwirrung, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Verständnis und Sehnsucht.

Ich hatte noch nie so mit einem Charakter mitgelebt, mitgeliebt und mitgelitten wie damals, als ich als europäischer Teenager Einblicke in das raue Leben eines amerikanischen, vom Leben gezeichneten Wanderarbeiters in den 1930ern bekommen hatte.
Ich fühlte mich verstanden. Endlich.
Beschämt und gleichzeitig erleichtert nahm ich wahr, dass auch andere mit der Verantwortung, die ihnen das Leben aufgetragen hatte, nicht zurechtkamen, ja, sich sogar dagegen wehrten, und trotzdem alles taten, um dieser Verantwortung letzten Endes gerecht zu werden.

Die Novelle fußt auf dem Thema des great american dream und der Hilflosigkeit der Charaktere, ihn aufgrund äußerer Umstände zu erfüllen. Sie erzählt von der großen Depression der 30er Jahre, von Rassismus und Standeszugehörigkeit, von der Einsamkeit der Landschaft und der Seele, und vom Unverständnis der anderen Menschen.
Für mich allerdings symbolisiert sie vor allem die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir: gezeichnet von Hilflosigkeit, Überforderung und von Ablehnung – und doch hauptsächlich getragen von bedingungsloser Zuneigung.

Er war wie einer der Protagonisten - Lenny: groß, unendlich stark und geistig zurückgeblieben. Ich, nur ein Jahr jünger, war wie George, der für Lenny die Verantwortung übernommen hatte, weil er sich dazu verpflichtet gefühlt hatte.  So wie er fühlte ich den Drang, mich für meinen Bruder zu rechtfertigen, ihn zu verteidigen, ihn zu beschützen und vor allem Bösen zu verstecken.

God a'mighty, if I was alone I could live so easy – Gott allmächtiger, wenn ich allein wäre, wäre das Leben so viel leichter …
George traute sich, das zu sagen, was ich nie auszusprechen gewagt habe. Was ich so viele Male meiner Familie ins Gesicht schmettern wollte und nie, niemals getan habe oder tun werde.
Diesen einen Satz immer wieder und wieder zu lesen, ließ mich begreifen, dass auch ich das Recht hatte, wütend und frustriert über meine selbstauferlegte Verantwortung  zu sein. Es war, als ob eine jahrelange Last endlich von mir fiel, und mit ihr flossen die Tränen der Erleichterung in Sturzbächen hinunter.

Auch fand ich die Antwort, warum ich mir stets auf die Zunge gebissen, mich immer zurückgehalten habe, wenn die Frustration über meine eigene Hilflosigkeit überzukochen drohte, und ich alles und jeden um mich herum in ein schwarzes, tiefes Loch ziehen wollte:
Try to understand each other, if you understand each other you will be kind to each other Versucht euch zu verstehen, denn sobald ihr euch gegenseitig versteht, werdet ihr liebevoll miteinander umgehen.

Ich las das dünne Drama an einem Abend durch, und es ließ mich völlig aufgerieben zurück.
Steinbeck war vor gut achtzig Jahren ein Werk gelungen, das meine Welt als Teenager völlig aus den Angeln gehoben hat und bis heute eines meiner liebsten Bücher ist.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17087

Hundert Jahre Unsterblichkeit

Als Alois Peter 122 Jahre zählte, war die Kraft, die ihn über unmenschlich lange Zeit jugendlich gehalten hatte, am Schwinden und ließ ihn des Morgens kaum aus dem Bett kommen.
Von Tag zu Tag wurde er immer schwächer und lag schließlich da, hingerafft von Alter und Krankheit, weder fähig zu sprechen noch zu essen, und doch nicht willens, sein Leben auszuhauchen.
Man ließ den Pfarrer rufen, der jedoch nach der siebten Nacht in Folge dem Kranken die letzte Salbung verwehrte, mit der Begründung, den Mann in den Tod zu geleiten, liege nun nur mehr in Gottes Hand, er habe seine Schuldigkeit getan.
Selbst im hohen Fieber konnte Alois Peter sein Leben nicht loslassen. Er fantasierte von grässlichen Grimassen und den eiskalten Fingern des Gevatters Tod, die ihn umschmeichelten, aber nie zu fassen bekamen. Er steigerte sich in ruhelose Angst hinein, die ihn immer wieder schreiend aufschrecken ließ und der Familie am Hof schlaflose Nächte bereitete.
Doch kein Weinen, Flehen, Beten und Betteln am Bett des Kranken verschaffte der gebeutelten Familie die Ruhe eines friedlichen Todes.

Karmella, die Jüngste am Hof, gerade sechs geworden, kam eines Abends in die Kammer gestolpert und schreckte aus den fantastischen Tagträumen ihrer kindlichen Welt auf, als sie ihren Ururgroßvater murmelnd auf seiner Liegestätte fand. Sie setzte sich zu ihm, nahm seine eiskalte Hand in ihre warme und blieb sitzen, bis die Schatten im Zimmer immer länger wurden.
Nun geschah es, dass Alois solchen Komfort, solchen Trost in dieser Berührung fand, dass er für kurze Zeit alle Dämonen aus der Umnebelung seines Hirns verjagen und mit klarem Verstand eine Entscheidung treffen konnte: So wollte er nicht mehr leben. Er tat seinen letzten Atemzug und schied dahin.

Sein Tod sollte der letzte für lange Zeit in diesem Dorf sein, denn mit seinem Dahinscheiden ging der Fluch der Unsterblichkeit auf dessen Bewohner über.
Keiner starb mehr, wenn er es nicht aus eigenem Willen tat, und weder Unfälle noch Krankheiten konnten dem kleinen Dorf etwas anhaben. Die Kinder wurden geboren, und die Alten wurden immer älter.
Als dann moderne Schmerzmittel in Form einer eigenen kleinen Dorfapotheke Einzug hielten, wurde das Altsein sogar noch angenehmer und Krankheiten erträglicher. Es schien ein unglaubliches Glück damit einherzugehen.

Die Kirche verlor zunehmend an Einfluss und wurde jeden Sonntagmorgen immer leerer, bis nur noch ein taubstummer Einsiedler bei schlechtem Wetter in ihr Zuflucht fand.
Der Pfarrer suchte Frauen und Männer auf, um mit ihnen über Gott zu reden. Doch Gott existierte nicht in einer Gesellschaft von Unsterblichen, und so traf er nur auf Unverständnis und Spott. Nach fünf Jahren ohne ein Begräbnis oder eine Taufe gab er es schließlich auf und widmete sich ganz seinem Kräutergarten. Zu Hochzeiten wurde er nur mehr formhalber eingeladen. Niemand legte mehr Wert auf den Segen Gottes, denn man fühlte sich emanzipiert, ja, befreit von der Illusion eines allmächtigen Wesens, das seinen einzigen irdischen Beweis, nämlich den des unwillkürlichen Dahinraffens von Menschenleben, eingebüßt hatte.

Nach  zwanzig Jahren gab es den ersten freiwilligen Tod. Eine Urururenkelin Alois‘ hatte sich in den Tod gestürzt. Ein Unglück, das nur eine kurze Phase der Trauer und Besinnung in das Dorf brachte.
Ein Einlenken hielt man für nötig, als der junge Müller im Dorf seinen Arm im Mühlrad zerquetschte, weil sich dort etwas verfangen hatte. Besinnungslos vor Schmerzen griff er zur Axt und schlug sich den Unterarm ab. Er verlor viel Blut, und als man endlich in der Lage war, die Wunde zu stillen, zog er sich eine Blutvergiftung zu. Er brüllte tagelang vor Schmerzen, und jeder im Dorf konnte es kaum mehr ertragen. So pumpten sie ihn mit Schmerztabletten voll, und als das nichts mehr half, redeten sie auf ihn ein, doch endlich das Leben auszuhauchen.
Als dies wieder nichts half,  fügte man ihm zusätzliche Schmerzen zu, um ihn am Weiterleben zu hindern. Sie brachen ihm ein Bein und legten glühendheiße Kohlestücke auf seinen nackten Bauch.
Man zerrte den fast vergessenen Pfarrer herbei, um ihn zu zwingen, den letzten Beistand zu leisten. Doch der besah sich den Verletzten nur und lächelte traurig. „Seine Knochen könnt ihr ihm brechen, doch seinen Willen nicht.“
Und so war es dann auch. Denn die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu der unendlichen Angst vor dem Unbekannten nach dem Leben. Der Müller fürchtete sich vor dem Tode, weil er ihn nicht kannte, denn er war geboren worden, nachdem Alois seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
So lebte er in unbeschreiblichem Leid, verbannt von der Dorfgemeinschaft in einer Hütte am Waldesrand, wo niemand seine Schreie hören konnte.

Es dauerte hundert Jahre, bis der Fluch der Unsterblichkeit aufgehoben wurde. Mittlerweile gab es endloses Leid und Krankheit in dem kleinen Dorf und alle Schmerzmittel der Welt halfen nichts mehr dagegen. Und eine neue Unbekannte hatte sich im Laufe der Zeit in die Herzen der Menschen eingeschlichen: die Langeweile.
Wer nicht mit dem Stillen seines eigenen Leides und seiner Krankheit beschäftigt war, hatte nichts zu tun. Genuss und Lebensfreude waren einer immer gleichbleibenden Monotonie von Abläufen gewichen. Die Alten hockten in ihren Häusern, die Jungen bestellten die Arbeit am Hof. Es war ein sinnloses Dahinvegetieren.

Nun kam es, dass ausgerechnet Karmella, Alois‘ Ururgroßenkelin, die ihm in den Tod verholfen hatte, hundert Jahre nach seinem Tod wieder in ihr Heimatdorf zurückkehrte. Sie war mit siebzehn ausgezogen, hatte die Welt bereist und viele Seiten des Leben und Sterbens kennengelernt.
Sie war mit ihren hundertsechs Jahren körperlich und seelisch gesund geblieben und glich in ihrer Lebenskraft ihrem Ururgroßvater bevor dieser in seine schreckliche Welt des Schmerzes versunken war.
Mit Entsetzen betrat sie das ehemals kleine, idyllische Dorf, in dem nun keiner mehr seinen Frieden fand. Sie weinte bitterlich, als sie ihre Mutter wiedersah. Uralt saß diese im Schaukelstuhl, die Haut mit Flechten überzogen, bis auf die Knochen abgemagert und im Wahn vor sich hinredend. Sie musste schon Jahrzehnte hier sitzen, alleingelassen, und mit dem Stuhl verwachsen.

In der darauffolgenden Nacht träumten alle Bewohner den selben Traum und erwachten, bevor die Sonne aufging.
Karmella stand auf, ging zur Türe hinaus in Richtung Westen. Und während hinter ihr die Sonne langsam einen neuen Tag ankündigte, versammelten sich mehrere Dorfbewohner wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, um Karmella herum. Der wahnsinnige Lebensdurst und die Angst waren aus ihren Augen gewichen und die Ruhe in ihren Seelen eingekehrt.
Wer wollte, begleitete Karmella an diesem Morgen in den Wald hinein. Sie sollten nie wieder zurückkehren.

Kurz danach erlagen die ersten Bewohner ihrer Krankheit oder ihrem Alter. Sie wurden bestattet und betrauert, es gab nach langer Zeit wieder Kirchengeläut und Nachtwachen. Und das Entsetzen vor dem plötzlich zurückkehrenden Tod wich nach kürzester Zeit wieder dem Alltag und der Menschlichkeit.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17021

Entrisch

Wenn man von Linz aus Richtung Norden fährt, an Gallneukirchen vorbei, durch Neumarkt und schließlich Freistadt links liegen lässt, kommt man in eine Gegend, in der es nicht mehr viel gibt.
Irgendwo dort, noch vor der tschechischen Grenze, im absoluten Niemandsland vor, hinter oder zwischen Mühlviertel und Waldviertel, gab es ein kleines Bauernhaus, versteckt hinter Tannen und in meiner Erinnerung eine stundenlange Autofahrt von jeglicher Zivilisation entfernt.
„Ab jetzt wird’s entrisch“, ließ mein Vater verlautbaren, sobald wir Linz verlassen hatten.
Und als wir endlich aus dem stickigen Auto herauskamen, hatte sich meine Mutter aufgrund der kurvigen Straßen schon zum wiederholten Mal erbrochen und mein Vater hatte es jedes Mal sarkastisch kommentiert. Doch meine Mutter hinters Steuer zu lassen, wäre ihm nie eingefallen.

Für ein verträumtes Mädchen wie mich war dieser Ort ein geschütztes Fleckchen Paradies, wo ich stundenlang ungestört durch die hochstehenden Felder wandern und über plätschernde Bäche hüpfen konnte. Die umgefallene Kiefer hinterm Haus barg ein faszinierendes Sammelsurium von Käfern, Würmern und anderem Getier, das ich mit dem kalten, naturwissenschaftlichen Interesse eines Kindes beobachtete, quälte und schließlich tötete.
Immer wenn wir ankamen, stand meine Großmutter in der Tür und winkte. Sie hatte schon Knödelsuppe zugestellt, das ganze Haus roch danach. Die alte Frau hatte ein fast zahnloses Grinsen und eine riesige Nase, sodass sie mir zunächst mächtig Angst einflößte. In meiner unbegrenzten, kindlichen Vorstellungskraft verglich ich sie beim ersten Treffen mit der bösen Hexe aus Hänsel und Gretel.

Meine Eltern schliefen in der „guten Stube“ auf einem breiten Kanapee. Meine Großmutter schlief die Treppe hoch in einem winzigen Kämmerchen, und für mich war ein kleines Klappbett in der Küche beim warmen Holzofen vorgesehen.
Völlig selbstverständlich ließen mich meine Eltern bei einer mir fast Unbekannten und fuhren am nächsten Tag selbst weiter Richtung Wien, um „Kultur zu tanken“, wie es meine Mutter ausdrückte. Nach etwa drei Wochen holten sie mich ab, und die quälend lange Autofahrt zurück verschlief ich meist, vollgesogen mit glücklichen Sommererinnerungen.

Meine Großmutter ließ mich meinen Erkundungen und Spielen draußen vorm Haus ungestört nachgehen, rief mich nur zum Essen ins Haus und deckte mich am Abend mit einem hastig gemurmelten Gebet und einem klebrigen Kuss auf die Stirn zu.
Kopfschüttelnd wehrte meine sonst auch so wortkarge Großmutter fast jeden meiner Gesprächsversuche ab und murmelte nur leise vor sich hin. Manchmal hörte ich sie jammern, wenn ihr das Knie wehtat. Ein paar Mal nahm sie mich in den Arm, wenn ich hingefallen war oder ich weinend Sehnsucht nach meinen Eltern bekam. Dann roch sie nach Seife und Milch.

Ich gewöhnte mich schnell an die verschrobene Alte und an meinen neu erweckten Freiheitsdrang, dem ich während der tristen Tage in der Volksschule kaum nachgehen konnte.
Insgesamt waren es wohl einige wenige glückliche Wochen in den darauffolgenden Sommern, in denen ich zwar nicht verhätschelt wurde, an denen es mir aber auch an nichts fehlte.
Das Frühstück bestand meist aus Brot mit Marmelade und einem Glas Milch. Mittags gab es oft Wurst, Käse und Butter zum Brot und am Abend eine kräftige, fettige Suppe mit Kartoffelknödeln darin. Manchmal erhaschte ich ein Stück vertrockneten Kuchen oder gedörrtes Obst.

Es gab einen Mann, dessen Gesicht von der Sonne genauso zerknittert war wie das meiner Großmutter, der kam zweimal in der Woche mit seinem knatternden Traktor vorbei und brachte Kisten voll Lebensmittel und Zeitungen und holte Pfandflaschen und selbstgemachte Marmelade ab.
Er hatte ein freundliches Gesicht, trotz der vielen Fältchen, und er hatte noch alle Zähne im Mund, was mir sehr an ihm gefiel.

Meine Großmutter kochte, buk Brot, pflegte den Gemüsegarten hinterm Haus, kehrte, hackte Holz und wusch die Wäsche im Trog, da sie keine Waschmaschine hatte. Generell hatte sie nur einen Stromgenerator, mit dem sie am Abend das schwache Licht in der Stube und ab und zu das Radio betrieb.
Bei all ihren Tätigkeiten beobachtete ich sie fasziniert. „Kind“, brachte sie dann manchmal plötzlich zwischen all dem Schweigen heraus. „Hilf mit oder geh.“ Manchmal half ich ihr, manchmal trollte ich mich, und beides ließ sie unkommentiert.
Was mir an sozialen Kontakten fehlte, machte ich schnell durch meine fantastischen Abenteuer wett.

Die Kaninchen, die meine Großmutter in einem kleinen Gehege züchtete, waren schwer zu fangen, aber manchmal erwischte ich eines und dann drückte ich vor lauter Zuneigung die kleinen, ängstlichen Nager fast zu Tode.
Ein paar Hühner und ein arroganter Gockel rannten frei rund ums Haus, und einige scheue Katzen schlichen manchmal beim eingefallenen Stall herum, um Mäuse zu fangen. Auch an zwei Ziegen kann ich mich erinnern, die schon zu alt waren, um sie zu melken.

Irgendwann im letzten Sommer dort begann das Schlafwandeln. Ich wachte in der Nacht auf und war aus dem Bett gefallen oder stand in der Mitte des Raumes und zitterte am ganzen Leib.
Meine Eltern waren erst vor ein paar Tagen weiter nach Wien gefahren, und ich vermisste sie.
Irgendetwas schien in diesem Sommer anders zu sein. Das Haus war kühler, dunkler geworden, meine Großmutter jammerte noch mehr vor sich hin, und ihr sonst so akkurater Dutt war nachlässig nach hinten geflochten, sodass ihre grauen Haare in wüsten Büscheln abstanden.
Auch brachte sie vieles durcheinander. Sie vergaß die Wäsche im Trog, versalzte die Marmelade völlig und begann mich nach einiger Zeit des Diebstahls zu beschuldigen.
Ich hätte Kuchen, Eier, Milch oder sogar Geld gestohlen. Ich konnte fühlen, wie sie mich misstrauisch beobachtete, wenn ich bei ihr am Tisch saß, und ich begann sie zu meiden. Sie schimpfte mich wegen Kleinigkeiten, die ihr früher egal gewesen waren, oder die sie einfach in ihrer stoischen Gelassenheit zur Kenntnis genommen hatte.

In den Nächten hörte ich sie auf den knarzenden Holzdielen herumwandeln, flüstern. Ich bekam Gänsehaut, als ich ihr Gemurmel verstehen konnte.
Es war das „Ave Maria“, zehnfach, nein, hundertfach hintereinander gewispert. Ohne Unterlass. Ohne Luftholen.
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unsres Todes.

Meine letzte Nacht in jenem Haus verbrachte ich unruhig. Mitten in der Nacht schreckte ich aus dem Schlaf hoch und zitterte furchtbar.
Still war es auf einmal; kein Knarzen, kein Flüstern.
Wie in Trance stand ich auf und wankte zum Treppenabsatz. Meine Großmutter stand oben, die elektrische Laterne in der einen Hand, den Rosenkranz in der anderen und starrte mich stumm an. Ich starrte zurück. Auf einmal lächelte sie mild. „Komm, liebes Kind. Es tut mir leid. Bring mich ins Bett, ich will schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.“
Ängstlich wankte ich zu ihr hinauf. Sie streckte mir ihre Hand entgegen, und ich ergriff diese zögernd. Im Schein der Lampe betrachtete sie mich. Ihr Lächeln gefror und verwandelte sich plötzlich in blankes Entsetzen.
„Du bist nicht mein Kind!“, schrie sie mich an und stieß mich die dunkle Treppe hinunter. Ich stolperte kopfüber hinunter und knallte mit Kopf und Arm hart gegen den Flur. Nie werde ich diese Nacht vergessen. Ihre aufgerissenen, starren Augen, ihr wirres Haar und ihre kreischende Stimme haben mir noch jahrelang im Schlaf Angst eingejagt.

Damals habe ich mich aufgerappelt und bin gerannt, den Flur entlang, aus dem Haus in die schwarze Nacht. Nur der Mond schien über die Felder.
Ich rannte über Bäche und Felder zum Heuschober am Waldrand, dort brach ich weinend zusammen und verbrachte den Rest der Nacht in ruheloser Angst. Verstört wachte ich im Morgengrauen auf und hatte fürchterliche Armschmerzen. Ich kroch aus dem Heuschober und lief den Schotterweg entlang bis zum nächsten Bauernhaus.
Die Bäuerin hatte mich rennen sehen, sie war gerade aus dem Stall herausgekommen und musste bei meinem Anblick fürchterlich erschrocken sein.
Ein Arzt wurde verständigt, der auch am Nachmittag kam. Ich müsse ins Krankenhaus. Ich hätte hohes Fieber und außerdem lauter blaue Flecken am ganzen Körper. Darauf begann ich hysterisch zu weinen und so wurde beschlossen, damit auf meine Eltern zu warten.
Diese waren bereits informiert worden und hatten sich sofort auf den Weg gemacht. Einigermaßen verständlich konnte ich die Verwandtschaft nennen, bei der sie in Wien untergekommen waren, und der Bauer konnte durch die Vermittlung rasch ihre Nummer erfahren.
Sie holten mich, und meine Mutter trug mich die ganze Zeit über bis ins Auto. Dort angekommen zwängte sie sich mit mir auf den Rücksitz und streichelte mich die ganze Fahrt über bis ins Krankenhaus.

Das Haus und das Land meiner Großmutter wurden vermutlich verkauft - ich habe nie mehr einen Fuß in diese Gegend gesetzt.
Meine Großmutter selbst wurde in ein Heim gebracht, aus dem sie bei jeder Gelegenheit ausbrach. Verwirrt und unglücklich verbrachte sie ihre letzten Jahre auf Erden.
Meine Eltern besuchten sie ein paar Mal, zwangen mich aber nie mitzugehen, und so tat ich das auch nicht.
Bis zum heutigen Tage habe ich, wenn ich die Augen schließe, noch ihr erstarrtes Gesicht vor Augen und ihr endlos gewispertes „Ave Maria“ in den Ohren.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 16159

Landmord

Schauplatz: Eine alte Bauernstube, gemütlich, trotzdem modern eingerichtet. Am Tisch sitzen drei Frauen und spielen Karten und trinken Schnaps.
Lisa, die junge Ärztin, die auf Urlaub hier ist. Greti, die alte Bäuerin und deren ältere Schwester, Inge.
Zeitpunkt: Ende November, es dämmert draußen.

„Mein Gott, Greti, das ist ja fast schon zwanzig Jahre her!“, meint Inge.
Greti nimmt einen Schluck. „Achtzehn waren's im Sommer.“
„Was ist damals passiert?“, fragt nun Lisa.
„Es war eine Schweinerei. Damals war ja das große Bierzelt, es wurde ausgiebig gefeiert, dass die Maibaumjagd so erfolgreich gewesen war. Der Josef war kürzlich erst Bürgermeister geworden. So ein junger, ehrgeiziger Spund. Ältester eines Tischlers und einer Bäckerstochter. Beides liebe Menschen, aber der Josef ... ein Sauhund dermaßen!“

„Greti!“, ruft ihre Schwester aus und zuckt unwillkürlich zusammen.
„Ist doch wahr! Jedenfalls war die Theresa auch da. Und auch sie hat getrunken, obwohl sie kaum sechzehn war. Und sie war halt auch so eine Lebensfrohe, hat mit allen geschäkert und gelacht. Natürlich hat das Mädl auch einige Köpf verdreht!“ Ihre Stimme brach ab.
„Und dann?“ Lisa streichelt ihr mitfühlend über den Arm.
„Dann … naja. Sie hat halt um elf zu Hause sein müssen. Da waren wir ganz streng, weil ja nächster Morgen und dann um fünf in den Stall. Und sie macht sich eben um halb elf auf den Weg. Ist ja nicht weit. Vielleicht eine gute halbe Stunde zu Fuß.“ Wieder versagt ihr die Stimme.

„Ist der Josef ihr dann nach?“
Greti schüttelt den Kopf. „Nein, der Ludwig aber. Das ist der Bruder von ihm. Er hat der Theresa aufgelauert. Zuerst hat sie es lustig gefunden. Hat gelacht und ihn wahrscheinlich auch geneckt. Er wollt halt mehr von ihr, und sie hat sich gewehrt. Dann hat er sein Jagdmesser gezogen und hat ihr in das Bein gestochen. Er hat gemeint, wenn sie sich wehren würde, würde er das nächste Mal in ihren Hals stechen. Dann hat er ...“
Kurzes Schweigen.
„Hat er sie vergewaltigt?“, fragt Lisa.

Gerti schluckt und ihre Kopfbewegung ist nur ganz leicht, aber eindeutig ein Nicken. „Sie kam nach Hause, weinte und wollte nichts erzählen. Ich hab mir halt gedacht Liebeskummer. So wie alle Mädchen halt. Die Wunde hab ich erst am nächsten Tag gesehen, obwohl sie sie gut versteckt und schon eingebunden hat. Aber ich hab im Mülleimer so Baumwollfetzen mit Blut gefunden und dann hat sie mir alles erzählt. Geweint hat sie und erzählt. Das hat  einige Stunden gedauert, bis ich wirklich alles erfahren habe. Ich hab es förmlich aus ihr herauszwingen müssen. Ich bin natürlich sofort zum Ludwig, hab Sturm geläutet. Doch aufgemacht  hat der Josef. Gelächelt hat er, wie er's jetzt auf den Wahlplakaten tut, und hereingebeten hat er mich. Der Ludwig saß am Küchentisch, das weiß ich noch ganz genau. Den Kopf zwischen den Händen hat er den Tisch angestarrt. Wohl mehr Kater als Reue. Auch der alte, pensionierte Gemeindegendarm saß da, und  irgend so ein Anwalt vom Josef und auch der hat gelächelt. Da bin ich wütend geworden und hab geschrien, du hast die Theresa vergewaltigt!

Nana, hat der Josef gesagt, nana, wer wird denn hier gleich wüste Anschuldigungen den Raum stellen? Der Ludwig und ich sehen das ein bisschen anders.
Setzt dich hin, Greti, hat der Gemeindegendarm dann gesagt. Lass uns in Ruhe drüber reden.
Zu einem Vergewaltiger setz ich mich nicht an einen Tisch, hab ich gerufen.
Aber gesetzt hab ich mich dann schon irgendwann.
Und der Josef hat mir gedroht. Bei ihm klingt das zwar dann nicht als ob er drohen würde, weil er die ganze Zeit lächelt, aber man merkt es trotzdem gleich, wenn er einem droht. Er meinte, wenn ich es zur Anzeige bringen möchte, könnte ich das tun, aber erstens hätten wir keine Beweise, und jeder im Dorf wüsste, dass die Theresa keine heilige Jungfrau sei, im Gegenteil. Der Ludwig hat sie zwar ein bisschen härter angefasst, aber jeder würde glauben, die Theresa hätte ihm etwas anhängen wollen, weil sie ja schon früher ein Geschichterl rennen gehabt haben. Zweitens sollte ich daran denken, dass grad meine Familie sich nicht erlauben konnte, dass grad die oberen Instanzen näher hinschauen.
Der Ludwig hat nichts gesagt. Der hat mich nicht mal angeschaut.“

„Wieso hat er denn das mit den oberen Instanzen gesagt?“, warf Lisa dazwischen ein.
„Naja, der Großvater hat zu seiner Zeit eben nebenbei was dazu verdient. Und bei der Steuer war er nicht grad ehrlich. Aber alle im Dorf haben‘s gewusst und niemand hat sich drum geschert! Jedenfalls, ich bin dann aufgestanden und hab gesagt, dass mir das alles egal wäre. Und ich würde trotzdem zur Polizei gehen mit der Theresa. Und einen elendigen Sauhund hab ich den Ludwig genannt.
Der Josef hat mich angeschaut, ganz konzentriert und hat gesagt:
Rede zuerst mit deinem Mann darüber.

Wie ich nach Hause gekommen bin, wollte ich sofort mit der Theresa zur Polizei nach Rohrbach fahren. Doch mein Vater hat schon auf mich gewartet, er hat mich in die Stube geholt und mir erzählt, dass er mit dem Josef telefoniert habe. Es wäre ein dummer Bubenstreich gewesen. Dem Ludwig täte es leid, er will sich auch bei der Theresa entschuldigen.
Ich hab mich dann noch furchtbar aufgeregt, aber der Vater ist stur geblieben und irgendwie hab ich immer auf ihn gehört. Dieses Mal auch. Er hat gemeint, schau, das Beste für Theresa ist doch, wenn sie es so schnell wie möglich vergisst. Wenn sie weiter leben und nach vorn schauen kann. Wenn wir das alles wieder aufwirbeln, wird es umso schwerer für sie sein.

Und deshalb bin ich dann auch gar nicht zur Polizei gefahren. Ich hab dann am Abend noch die Theresa gefragt, ob sie zur Polizei gehen will. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätt das nicht tun sollen. Ich hätt sie einfach ins Auto packen und fahren sollen. Die Theresa war natürlich noch völlig im Schock und wollte partout nicht weg. Am nächsten Tag ist der Josef dann da gewesen. Ich hab das gar nicht gewusst, weil ich am Montag immer in die Stadt fahre. Nach der Schule war er da und hat der Theresa Blumen vorbeigebracht. Ich weiß nicht, was er zu ihr gesagt hat, sie wollte es mir auch nicht erzählen. Aber seitdem hat sie sich geweigert, von der Nacht zu sprechen. Sie hat nur immer so komisch gelächelt und den Kopf schief gelegt. Alles halb so wild, hat sie gesagt. Und später dann: Das ist doch schon so lang her.  Und ein Jahr später hat sie sich umgebracht.“

Betretenes Schweigen am Tisch. Inge füllt noch Schnaps in die leeren Gläser.
„Greti, jetzt schneit‘s bald!“, sagt sie noch, und Greti nickt.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16157

 

 

Eine Frage der Konzentration

Normalerweise würden die dopaminhaltigen Zellausläufer den Botenstoff freigeben, wenn sie an der Kontaktstelle zum nächsten Neuron ein Signal ihrer Zelle übertragen sollen. Dann durchquert das Dopamin dort den schmalen synaptischen Spalt zu dem Neuron, wo es an ein passendes Rezeptormolekül andockt, und das Neuron empfängt das Signal. Später schafft ein Transportsystem das Dopamin wieder zurück in den Zellausläufer zur Wiederverwendung. Suchtmittel verstärken oder simulieren, jede auf ihre Weise, die Dopaminwirkung. Bald, besonders bei wiederholtem Gebrauch der Substanz, beginnt sich das Belohnungssystem an den Zustand anzupassen. Das leitet die Sucht ein…

Er zwang sich, munter zu bleiben, einen aufrechten, interessierten Eindruck zu machen, während er der sonoren Stimme des Professors lauschte. Die Jahre in der Politik hatten ihn gelehrt, seine inneren Regungen selbst vor dem aufmerksamsten Betrachter zu verbergen. Sein Blick wanderte von dem aufgeschlagenen Folder in seiner Hand zu seinen gepflegten Fingernägeln. Auch das Kauen darauf hatte er sich abgewöhnt. Während er als junger Student noch vor jeder Rede, ja vor jeder noch so kleinen Prüfung seinen Stress so abgebaut hatte, ließ er nun seinen gesamten Frust beim wöchentlichen Tennisspiel mit dem CEO eines internationalen Großhandelskonzerns raus.

Der Raum war warm und durch die hohen Fenster schien die Vormittagssonne direkt auf die Köpfe der Journalisten, Polizisten und Politiker, die nun schon seit geschlagenen zwei Stunden Vorträge über sich ergehen lassen mussten. Eine Pause war erst nach dem nächsten Vortrag vorgesehen, das reichhaltige Buffet war noch nicht angerührt.
Während er sich die Krawatte richtete, warf er einen verstohlenen Blick nach rechts. Der Nachteil, in der ersten Reihe zu sitzen, war es, die Leute nicht beobachten zu können, sondern selbst beobachtet zu werden.

Zwei Stühle weiter saß das Mariechen, wie er sie im Stillen nannte. Für ihn war sie nicht mehr als eine Randnotiz, eine blondgefärbte Frau Mitte dreißig, die trotz ihres Ehrgeizes und ihres Intellekts wie eine unbeholfene Schülerin wirkte und wegen ihres fehlenden Charismas und ihrer diplomatischen Inkompetenz kaum Freunde außerhalb und innerhalb ihrer Partei hatte. Ihren derzeitigen Status hatte sie Unstimmigkeiten, die zu der Schwächung ihrer Partei geführt hatten, zu verdanken. Nur als Notlösung und um den Schein der Einigkeit zu wahren, war sie schließlich auf diese Position gehoben worden.
Lange würde sie allerdings nicht in den vordersten Reihen mitspielen können, und weil ihr dies durchaus bewusst war, hatte sie mit allen Mitteln versucht, diese letzte große Aktion durchzuboxen.

Wenn Rauschgifte das Belohnungssystem mit Dopamin überschwemmen, steigt die Empfindlichkeit von Nucleus accumbens und ATV gegenüber Glutamat. Die erhöhte Sensitivität auf Glutamat könnte jene neuronalen Bahnen stärken, die Erinnerungen an den Drogenkonsum mit Lustgefühlen verknüpfen.

Dieses Projekt war auf ihrem Mist gewachsen. Es war ihrem Streben und Einsatz zu verdanken, dass genügend finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden konnten, um den Drogenkampf, den sich ihre Partei ja schon seit Jahren auf das Banner geschrieben hatte, nun endlich in breiter Front durchzuführen.
Das dachte sie jedenfalls. Doch ihr Einsatz war nur ein kleiner Teil des Erfolges gewesen.
Eine Zuwendung, ein kooperatives Entgegenwirken seinerseits, hatte ihr diese Möglichkeit überhaupt erst eröffnet. Dafür konnte er nun in anderen Gebieten mit wenig Gegenwind, ja sogar mit vollständiger Windflaute rechnen. Quid pro quo.

Genauso hatte er es vor ein paar Monaten mit den umweltschützenden Idioten, die es immerhin seit zwanzig Jahren in das Parlament schaffen, gehalten. Um ihr Ansehen bei den elf Prozent der Bevölkerung, die sie ihre Wähler nennen, wahren zu können, brauchten sie einen Erfolg, den sie sich allein auf die Kappe schreiben konnten. Den bekamen sie in Sachen Verkehrspolitik. Nun mussten sie vor ihm zu Kreuze kriechen.

… delta-FosB entsteht nach Drogenkonsum in Neuronen des Nucleus accumbens und einigen anderen Hirnregionen und bleibt dort einige Wochen bis Monate aktiv. Dadurch reichert es sich bei wiederholter Drogengabe allmählich an, nimmt also bei chronischem Missbrauch immer mehr zu.

Dieser Tag war einer Reihe von Veranstaltungen gewidmet, um Journalisten und die Öffentlichkeit zu informieren. Gefolgt von polizeiinternen Fortbildungen, dem Ausbau einer Drogenberatungsstelle in der Innenstadt, Vorträgen in Schulen und sogar Kindergärten landesweit und finanzieller Unterstützung der Forschung und der Exekutive. Umfassende Razzien in verrufenen Stadtgebieten würden schnell Titelseiten füllen.
Ja, Mariechen hatte alle Register gezogen, um das Projekt an die Leute zu bringen. Auch seinem Ruf würde es nicht schaden, dass er seine Unterstützung für die Aktion öffentlich bekanntgemacht hatte.

Das Gehirn versucht, der unnatürlichen Überschwemmung mit Dopamin entgegenzuwirken. Dabei hilft das Protein CREB mit, das als ein so genannter Transkriptionsfaktor die Aktivität bestimmter Gene reguliert. Nun stimuliert CREB die Synthese bestimmter Proteine, welche das Belohnungssystem drosseln.

Er hatte sehr lange seine schützende Hand über ein Szenelokal in der Innenstadt gehalten, so lange es ihm möglich war und die Öffentlichkeit nichts davon wusste. Ein alter Schulfreund hatte die Bude bereits in den neunziger Jahren eröffnet und schnell wurde hinter vorgehaltener Hand bekannt, dass man dort alle möglichen Substanzen bekommen würde. Etliche Petitionen gegen das Lokal waren im Laufe der Jahre im Sand verlaufen. Mit der Polizei wurde ein natürlich inoffizielles Abkommen geschlossen: Ihr schaut nicht weg, aber ihr schaut auch nicht zu genau hin. Dies war natürlich auch zu ihrem Vorteil, da sie nun die Drogenszene an einem überschaubaren Ort mehr oder weniger überwachen konnten.

Mit der neuen Offensive gegen Drogen würde sich nun das Lokal zerschlagen und mit ihr die Szene. Das würde im Endeffekt die Arbeit der Polizisten nicht leichter machen, doch die breite Öffentlichkeit hatte hysterisch nach mehr Sicherheit im Nachtleben geschrien, und Mariechen hatte ihre Chance gewittert.

Das System liefert nun nicht mehr von selbst genug Dopamin. Der Körper verlangt nach der Droge, es entsteht Abhängigkeit. CREB wird bei Drogenverzicht schon nach ein paar Tagen wieder inaktiviert. In Zukunft ist der Organismus für den Suchtstoff überempfindlich.

Er für seinen Teil war ein rechtschaffender Bürger und deshalb natürlich auch Befürworter der neuen Regelungen. Er galt als liebender Familienvater, treusorgender Hundeliebhaber, konservativer Kirchgänger und ab und zu auch Biertrinker am Stammtisch im Heimatort. Und wenn er allein war und Frau und Kinder im Bett oder aus dem Haus, nahm er sich sein Cannabis und rauchte. Das half auch gegen das Fingernägelkauen.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 16043

Dunkles Land

Mathis - schon sein Name verhieß die wohl konservativste Sexfantasie aller Frauen: ein heißer, französischer Sommerflirt.
Auf einer Interrailreise mit Freundinnen traf ich ihn und hatte mich vom ersten Moment an unsterblich in seine großen, dunklen Augen verliebt. Er war mit seinen Kumpels gerade Richtung Italien unterwegs, und wir hatten eine Rundreise in Frankreich geplant. Er war aufregend, schön und der erste Mann, bei dem ich mich selbst auch so gefühlt hatte.
Wir teilten uns Schlafsack und Frühstück, beschlossen schließlich wagemutig, unsere Freunde per Zug weiterziehen zu lassen und zu zweit noch einige Wochen am Meer zu verbringen.
Die klischeehafte Vorstellung eines französischen Sommerflirts versetzte mich in einen Glücksrausch, der nur dadurch gesteigert wurde, dass die Realität genau jener Vorstellung entsprach. Die Wochen vergingen im Liebesrausch und waren voller klebrig-süßer Erinnerungen.

Nach einer emotionalen Trennung, bei der ich von dem Moment an, als Mathis mich zum Flughafen Marseille brachte, nur Rotz und Wasser geheult hatte, begann der Alltag meines Studiums im nebeligen Wien.
Ich sehnte mich so sehr nach der Wärme, der Sonne und seinen Berührungen, dass ich mich in einer Art Trancezustand befand, aus der ich nur für die täglichen Skypeanrufe von Mathis, die oft bis tief in die Nacht dauerten, erwachte.
Die Trance hielt an und überdeckte für lange Zeit alles, was um mich herum und in der Welt geschah. Fast hungernd nach Liebe wartete ich sehnsüchtig auf Mathis, der mich Mitte Oktober für einige Tage in Wien besuchte. So verliebt wie ich war, merkte ich trotzdem, dass sich etwas verändert hatte. Die zwanglosen Plaudereien und die tiefgründigen Gespräche hatten schleichend einen bitteren Beigeschmack bekommen, denn trotz unserer jugendlich naiven Offenheit vermieden wir ein Thema, bei dem wir uns beide wohl zu unsicher waren, wie der andere darüber dachte.
Als Mathis zurückflog, fand ich mich wieder in der Rolle der unglücklich Leidenden, die ich über die Wochen perfektioniert hatte. Meine Mitbewohnerin Marie reagierte auf mein Leiden jedoch nicht mehr wie am Anfang des Herbstes mitfühlend liebevoll sondern abweisend und kurz angebunden. Ihre kaltschnäuzigen Reaktionen brachten mich zum Grübeln. Vielleicht lag es daran, dass sie keinen Freund hatte. Ich beschloss, dieser Version meinen Glauben zu schenken und Maries schlechte Meinung bezüglich Mathis auf ihre Eifersucht zurückzuführen. So erwähnte ich Mathis kaum mehr in ihrer Gegenwart.
Wie sehr ich mich täuschte, erfuhr ich erst Wochen später.

Nun kam für mich die Zeit der Ereignisse, die bereits unaufhaltsam über Europa hereinbrachen, für die mein verklärter Verstand allerdings kein Interesse aufbringen konnte.
Marie war schon vor einiger Zeit sehr aktiv geworden, sie hatte beim Roten Kreuz als freiwillige Mitarbeiterin bei der Koordination und der Verpflegung von Flüchtlingen mitgeholfen. Ich begriff das Ausmaß dieser humanitären Katastrophe erst, als sie Freunde zu uns eingeladen hatte, die davon berichteten, dass sie im Sommer bereits gestrandete Flüchtlingsboote auf Lesbos gesichtet hatten und nun gerade aus Slowenien zurückkamen, wo sie gewesen waren, um Hilfsorganisationen zu unterstützen.
Alle schienen in Bewegung, alle schienen zu wissen, dass sie etwas tun sollten und sie taten es, ohne dabei ihre moralische Überlegenheit zur Schau zu tragen. Es war ein bereits begonnener Prozess, und obwohl dessen Ende kaum absehbar war, hatten sich alle mit Enthusiasmus und nie vermuteter Energie daran beteiligt. Ich kam mir vor wie der letzte Idiot und der größte Egoist.
Schließlich fand auch ich, dem Schicksal einer vom Leben gelangweilten und zugleich verwöhnten Göre entkommend, eine Aufgabe, die mich vollends ausfüllte und zugleich auch von Mathis ablenkte. Ich half eine Zeit lang am Wochenende in Nickelsdorf mit und gab, als es mein Studium nicht mehr erlaubte, Deutschnachhilfestunden für minderjährige Flüchtlinge.

Meine hitzigen Gefühle für Mathis nahmen stetig ab, und das Skypen war nun längst nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Im Gegenteil: Häufig hielten wir uns beide kurz angebunden und riefen uns vielleicht jeden zweiten, dritten Tag an.
Als die Terroranschläge Paris erschütterten, rief ich Mathis sofort an, er war schockiert, doch er war in Sicherheit. Hilflos und zugleich wortkarg wehrte er jedes meiner Angebote ab, ihn zu besuchen.
Es sei zu gefährlich, es sei momentan einfach das Chaos. Es sei dunkel im Land geworden.

Letztendlich kam der Dezember und mit ihm erstmals eine Erschöpfung in den Augen meiner Freunde. Marie hatte kaum Zeit gefunden, neben ihren Job in der Bibliothek und ihrer Freiwilligenarbeit für ihr Studium zu lernen und auch ich hatte einen Zustand der Erschöpfung erreicht.
Als ich Mathis wieder einmal am Abend hörte, war ich gereizt und präsentierte mich nicht, wie sonst, von meiner besten Seite.
Von meinem erwachten Interesse am Geschehen der Welt lenkte ich unser Gespräch weg von den üblichen Belanglosigkeiten hin zu einem brisanteren Thema: Frankreich und die Regionalwahlen.
Im Hintergrund der Terroranschläge verstand ich die allgemeine Unruhe und das Misstrauen, allerdings fand ich es keine Rechtfertigung für die Wahl einer rechtskonservativen Partei.
Zum ersten Mal stritten wir uns heftig, diskutierten laut, wovor wir beide so lange die Augen verschlossen hatten: unsere unterschiedlichen politischen Ansichten.
Ihm war die Front National zu „weich“, er forderte ein Frankreich, das nur für Franzosen war und nun spürte ich auch seine Verachtung gegenüber meinem erwachten Mitgefühl und meiner freiwilligen Arbeit.
„Euch wird das alles einmal über den Kopf wachsen, ihr werdet noch sehen, was euch eure scheiß liberale Einstellung gebracht hat!“
Seine Worte hallen mir noch immer nach, und ich weiß noch immer nicht, wo sich Europa hin entwickeln wird. Aber ich weiß, dass die Sehnsucht nach Mathis, meiner großen Sommerliebe, nicht mehr andauern wird.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  16015

 

Dunkelwald

Totenstille dort im Dunkelwald,
während irgendwo ein Schrei verhallt.
Die Luft so schwer – zum Atmen kaum,
das Käuzchen träumt den bösen Traum.

Totenstille dort im Dunkelwald,
wo die Nacht mit schwarzen Farben malt.
Des Mondes dunkle Seite scheint,
der Baumgeist seinen Tod beweint.

Totenstille dort im Dunkelwald,
Der Alp steigt auf als Schreckgestalt.
Doch das Licht des Morgens bricht ja schon -
war alles Mär, alles Fiktion?

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude| Inventarnummer: 15102

Damals

Vor einiger Zeit habe ich meine Jugend weggepackt, in eine Plastikbox von IKEA. Aus der alten Kommode und den Kästen holte ich meine Tagebücher und Kalender, mein Fotoalbum aus der Schulzeit und unzählige Konzertbänder. Auch einige während einer gewagten Mutprobe geklaute Mercedessterne befanden sich darunter. Deckel drauf und auf den elterlichen Dachboden damit.
Heute habe ich die Kiste in einem Anflug von Sentimentalität herabgeholt und geöffnet.

Mein Kalender offenbart die erste unglückliche Liebe. Ich blättere ihn durch und stoße auf eine genaue Dokumentation meiner schwankenden Gefühlslagen.
Es gibt Tage mit roten Herzen und Tage mit schwarzer Schrift, deren Zeilen gefüllt sind mit Texten von Nirvana, Cheap Sex und Pearl Jam - ein bisschen Herzschmerz und ganz viel Hass. So, wie sich ein Teenagerleben eben anfühlt.
Zwischen diesen Tagen sind Zitate von Gandhi, Martin Luther King und Marilyn Monroe angeführt und dick unterstrichen -  begründet auf halbseidenem Wissen über diese Menschen und dem ewigen Suchen nach Vorbildern, die den Eltern möglichst wenig gleichen sollen.
Ich schaue auf diese Zeit mit Wehmut und einem mitleidigen Lächeln zurück. Es ist das dümmliche Lächeln einer jungen erwachsenen Frau, die ihre Erinnerungen an die damalige Zerrissenheit der Seele mit romantischen Schwärmereien überspielt.
Doch ahne ich die Schatten und die tiefen Abgründe, auch wenn sie in meinem Gedächtnis nur verschwommen sichtbar werden. Ich sehe auf diesen Seiten unendliche Verzweiflung und Tiefe, aber auch Oberflächlichkeit und Ignoranz.
Damals. So bittersüß dieses Wort. Ich seufze unwillkürlich und ärgere mich über meine unglaublich klischeehafte Reaktion.
Kaum zu glauben, dass es gerade mal sieben, acht Jahre her sein soll. Es fühlt sich an, als hätte das Leben seit damals Generationen übersprungen bis zu diesem Zeitpunkt, an dem ich mich nun befinde.
Ich kann mich nicht mehr verstehen, ich erkenne mich auch nicht wieder in den E-Mail- Auszügen oder Gedankengängen des Tagebuchs. Es ist alles zu weit weg – heute habe ich meine Anflüge von Kleptomanie in Bezug auf Mercedessterne und auch die an Bipolarität grenzenden Phasen überwunden -  ich bin mir fremd geworden.

Plötzlich stocke ich bei einer Seite des Kalenders, lese noch einmal und lache auf. Ich reiße die Seite heraus und lege sie neben die Box. Dann ordne ich alles ein und räume die Schachtel zurück auf den Dachboden.
Die herausgerissene Seite scanne ich ein und poste sie meiner ehemals besten Freundin auf die digitale Facebook Pinnwand. Binnen Sekunden wird sie geliked und kommentiert.

Das Original hängt an meiner Kühlschranktür. Jedes Mal, wenn ich vorbei gehe, muss ich lächeln.
In blauer Schulmädchenschrift meiner besten Freundin steht, unter der Angabe einer Buchseite und  der Nummer 4c (vermutlich eine verhasste Mathematikhausübung), eines der berühmten Lieblingszitate unseres liebenswürdigen, aber chaotischen und ältlichen Lateinlehrers mit Halbglatze geschrieben: „Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus!“
Und mein jüngeres Ich schrieb wohlwollend darunter: „Yo, bitch! Let’s do that!“

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 14059