Das bisschen Mensch

Etwas war in ihm verloren gegangen. Eine Art Antwort auf alles, was ihm das Leben entgegengeworfen hatte. Es war nichts Konkretes gewesen, kein festgelegtes Mantra oder durchdachte Überzeugung, mehr ein Gefühl für die Dinge. Er hatte es immer in sich getragen, manchmal hatte es stärker, manchmal schwächer in ihm gehallt. Nun war es verschwunden.

Es hatte nichts damit zu tun, dass er unzufrieden war. Er war schon öfters unzufrieden gewesen, war traurig, war verletzt und ängstlich gewesen, hatte sich manchmal unzureichend und ungeliebt gefühlt. Aber nun gab es eben neben all diesen Regungen kein Gegengewicht, das ihn in Balance gehalten hätte.

Im Nachhinein dachte er, dass es so gewesen sein muss, als ob man etwas verliert, wenn man am Strand spazieren geht. So ganz nebenbei. Man ist mit dem Partner oder Hund beschäftigt, mit dem Tosen der Natur und all den Dingen, die einem durch den Kopf gehen. Eigentlich ist man ganz bei sich, aufmerksam, und trotzdem verliert man etwas. Vielleicht ist es ein Schlüssel, der aus der Hosentasche gerutscht ist. Vielleicht ein Haarband oder ein Feuerzeug. Man merkt es erst gar nicht, weil es so viele andere Sachen gibt, die einen umgeben. Wenn es etwas Wichtiges war, merkt man es hinterher, wahrscheinlich sogar sehr rasch. Manchmal hat man Glück und kann seine Schritte zurückverfolgen und findet es wieder, wenn es noch nicht von der Flut mitgerissen worden ist.

Er hatte kein Glück gehabt. Obwohl er seine Schritte zurückverfolgte, nachdachte, was schiefgelaufen war und wo es angefangen hatte, fand er es nicht wieder. Sein Hausarzt schrieb ihn krank, gab ihm Antidepressiva, empfahl ihm einen Psychotherapeuten und besprach die Möglichkeit einer Kur.

Am ersten Tag zuhause tat er das, was er immer tat, wenn er etwas verloren hatte: Er ging zusammen mit seinem Hund am Strand spazieren. Er vergrub seine Hände tief in den Jackentaschen, zog die Schultern hoch und stapfte los. Der schneidend kalte Wind trieb ihm die gewohnten Tränen in die Augen, und er sah nur verschwommen die brachliegende Weite vor sich. Meer, Himmel, Strand – alles grau, alles kalt und verlassen. Nur das bisschen Mensch mit seinem Hund.

Er bemerkte es erst, als er fast davorstand. Etwas Rotes mit etwas Weißem. Er bückte sich und hob den Turnschuh auf. Weinrotes Leder, abgewetzt und abgetragen. Die lose herabhängenden Schnürsenkel waren mehr beige als weiß, wie er nun sah. Reflexhaft sah er sich um. Doch natürlich war da niemand, bis auf seinen treuen Gefährten, der den Wellen nachjagte. Keine Fußspuren am Boden, kein zweiter Schuh.

Das Leder war innen wie außen trocken. Also war der Turnschuh weder vom Meer angespült worden noch konnte er länger als ein paar Stunden hier gelegen haben. Gestern Abend hatte es geregnet, danach nicht mehr. An der Sohle klebte etwas Sand.

Er blickte in die endlosen Wellen hinaus. Wie konnte man einen Schuh verlieren? Ging man einfach so mit nur einem Schuh weiter, gedankenverloren und ohne es zu merken? Oder hatte das Meer den Rest bereits verschluckt? Und wie viel Rest mochte da noch gewesen sein?

Inzwischen war ihm kalt geworden, er fühlte, wie seine Finger klamm wurden. Er stopfte den Turnschuh in eine Jackentasche und sah noch eine Weile aufs Meer hinaus. Dann pfiff er nach seinem Hund und trat den Rückweg an.

Zuhause setzte er Tee auf und rief die Küstenwache an, die im Winter nur Notbetrieb hatte. Zögerlich sprach er ihnen aufs Band, auch wenn er nicht genau wusste, was er eigentlich sagen wollte. Er berichtete von seinem Fund und der Tatsache, dass ihm das alles sehr merkwürdig vorkam. Es war schließlich nicht der gelegentliche Krempel, den das Meer anschwemmte, weil manche Leute ihren Dreck dort abluden. Es war auch keine Geldbörse, kein Ring oder Buch, nichts, was einem aus der Tasche fallen könnte. Es war ein Schuh.

Als er aufgelegt hatte, setzte er sich aufs Sofa und stellte den Turnschuh vor sich auf den Tisch. Er hatte etwas gefunden, auch wenn es nicht das war, wonach er gesucht hatte.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 20068

 

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