Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Little Caesar

Little Caesar ist der Sohn des Caesars, deshalb nennt man ihn so. Er ist ein Teenager, und als solcher hat er natürlich viele Flausen im Kopf. Er trifft sich gerne mit seinen Freunden, er genießt es, auf dem Sklavenmarkt zu wandeln und sich hübsche weibliche Sklaven und starke, schwarze männliche anzusehen – kaufen und nachhause bringen darf er keine, sonst würde er Ärger mit seinem Vater kriegen –, und, wie viele Burschen seines Alters, trinkt er gerne Wein mit Wasser gemischt.

Jeden Tag wartet er darauf, dass er endlich einmal an einer Orgie teilnehmen darf, aber stets verbietet es sein Vater. Doch er ist immer voller Hoffnung und glüht schon tagsüber mit einer gefüllten Amphore vor, nach der ersten kommt die zweite und so weiter.

Little Caesar

Little Caesar

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 19058

The Stars are Falling

Es ist Nacht,
keine Wolken.
Er sieht in den Himmel.
Die Sterne sind näher als sonst.

Fünf Minuten später sind sie noch näher
und darum größer.
Nach weiteren fünf Minuten haben sie sich
noch stärker angenähert,
jetzt sind sie ziemlich groß.

Und in nochmals fünf Minuten fallen sie auf die Erde.
Wie Regen, nur nicht von Wasser, sondern von Sternen.
Überall liegen sie verstreut, unzählig viele,
aber das sieht der Mann erst am kommenden Morgen,
wenn es wieder hell ist,
die Sonne ist zum Glück am Himmel verblieben.

Golden Star

Golden Star

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 19057

Farben im Kopf

Ich klappe meinen Kopf auseinander
und gebe Erdbeeren, tote Käfer, Gras und einen Teil des Himmels
in ihn hinein.
Die Erdbeeren sind rot, die Käfer schwarz, das Gras grün und der Himmel blau.
Fehlt da nicht etwas?
Genau, etwas fehlt: Gelb.
Ich breche einige Sonnenstrahlen ab und lege sie in meinen Kopf.
Dann klappe ich ihn wieder zu.

Das Frauengesicht mit den Haaren aus Farben

Das Frauengesicht mit den Haaren aus Farben

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: dada & gaga | Inventarnummer: 19055

Der äußere Rand

Das Gewohnte wird fremd.
Die Nachbarn tragen neue Gesichter.
Ihre Häuser haben sich verändert.
Die Bäume wachsen in den Himmel.
Sie kratzen an den Wolken.
Regen fällt aus einer anderen Welt.

Aussicht vom Loiblpass aus an einem Regentag im Herbst

Aussicht vom Loiblpass aus an einem Regentag im Herbst

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 19049

Die fremde Welt

Sie wacht auf
und sofort registriert sie,
dass sie nicht mehr weiß, wer sie ist.
Neben ihr liegt ein fremder Mann,
die WC-Spülung betätigt ein fremdes Kind –
sie stellt erst später fest, dass es ein Kind ist.
Das Schlafzimmer ist ihr unbekannt,
das Haus, der Garten, die beiden Autos.
Himmel, Erde, Feuer und Wasser hat sie niemals zuvor gesehen.
Was soll‘s?, denkt sie, ich nehme all das an.
Hat mich Gott vielleicht hineingestellt in diese fremde Welt?

Bergsilhouetten

Bergsilhouetten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19046

Hair Remastered

Kleine Kinder mögen es nicht, wenn man ihnen die Haare oder die Finger- und Zehennägel schneidet. „Weil ihnen damit etwas weggenommen wird. Natürlich wollen sie das nicht“, hat eine Freundin von mir den Grund dafür erklärt. Vielleicht ist es eher so, dass die Kinderchen nicht stillhalten wollen, denke ich mir.

„Komm Luis, wir fahren zum Friseur“, sagt seine Mutter, die Fanny heißt. „Nein, ich will nicht!“, ruft der Siebenjährige. „Ich will so bleiben, wie ich bin.“ „Das geht nicht. Du bist ein Bub. Du kannst keine langen Haare haben“, sagt Fanny. „Auf dem alten Foto im Wohnzimmer hat auch ein Verwandter von uns lange Haare“, sagt Luis. „Ja, das war dein Ururgroßvater. Er war damals ungefähr so alt wie du jetzt. Das Foto ist hundert Jahre alt“, sagt Fanny. „Er hat auch einen Hut mit einer Feder auf, und neben ihm sitzt wahrscheinlich seine Mama“, sagt Luis. „Stimmt“, sagt Fanny. „Du Mama“, sagt Luis, „wir können doch auch so ein Foto von uns machen lassen, wenn ich erst richtig lange Haare habe.“ „Gar keine schlechte Idee, Luis“, sagt Fanny. „Das Foto können wir auch machen, wenn du kurze Haare hast.“ „Warum hat denn mein Ururopa als Kind lange Haare gehabt?“, fragt Luis. „Ja weißt du, früher war das öfter so“, sagt Fanny. „Jetzt wird das auch wieder so sein“, sagt Luis, „und zwar bei mir.“ „Also kein Friseur, Luis?“, fragt Fanny. „Nein, kein Friseur!“, bekräftigt er.

„Mit deinen langen Haaren kannst du dann in der Schule auf das Mädchen-WC gehen“, sagt Fanny. Sie will Luis dabei sticheln. „Das tu ich jetzt schon“, sagt er. „Was, nein, das kannst du doch nicht tun!“, sagt Fanny. „Das mach ich ja nur, wenn mir niemand zusieht“, sagt Luis. Was soll seine Mutter nun entgegnen? Sie überlegt. Es ist für einen Buben verboten, das Mädchen-WC zu betreten? Luis weiß das ja, und er macht es trotzdem. Aber irgendetwas muss sie ja jetzt sagen, also sagt sie: „Du weißt, dass das Ärger geben kann, nicht Luis? Wenn das eine Lehrerin oder die Direktorin bemerkt, können sie dich von der Schule verweisen.“ Luis sieht sie nur an.
Gut, jetzt habe ich mich geäußert, denkt Fanny, das war sozusagen das Pflichtprogramm. Mein Bub soll ja in größtmöglicher Freiheit aufwachsen, nicht nur er natürlich, auch Kay. Luis‘ Schwester Kay ist elf.

Man soll Kinder nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Man muss ihnen viele verschiedene Möglichkeiten anbieten, und sie entscheiden selbst, welchen Weg sie einschlagen wollen. Außer es geht bei den Kindern grandios schief. Wenn sie Crash-Kids werden, muss man eingreifen, aber sonst nicht. Jedes Kind hat seine Anlagen und seine Vorlieben. Sollen sie selbst herausfinden, wie weit sie damit kommen, vorerst einmal. Von mir aus kann Luis ja gerne lange Haare tragen. Es würde im bestimmt gut stehen. Auch sein Vater hatte lange Haare, als wir uns kennenlernten. Nur steht Luis dann unter genauerer Beobachtung und muss sich womöglich öfter behaupten. Mit dem Friseur wollte ich es ihm ja nur leichtmachen.
Luis hat ja schon als Vierjähriger den kleinen Mädchen die Puppenwagen weggenommen und durch die Gegend geschoben. Manche Nachbarn haben sich darüber lustig gemacht. Die, welche am hämischsten und lautesten lachten, hatten die unglücklichsten Kinder. Luis dagegen war total happy, wenn er einen Puppenwagen schob.

Johnny spaziert alleine am Ostufer des Wörthersees. Er ist auf Tour, er geht weite Strecken. Heute ist so ein Tag. Er ist mit Fanny verheiratet und der Vater von Kay und Luis. Johnny passiert den kleinen Spielplatz, der zur Villa Lido, einem Restaurant, gehört. Nicht ein einziges Kind ist dort.

Keine Kinder

Keine Kinder

Und das heute, am frühen Nachmittag eines Sonntags. Man kann aber als Entschuldigung hernehmen, dass noch Schnee liegt.

Da sieht Johnny einen kleinen Buben auf einem Laufrad, dessen Vorderreifen im Schlamm steckt. Johnny geht hin, hebt den Vorderreifen auf, und der Bub läuft los. Er heißt Luca, so ruft ihn jetzt seine Mutter.
Kleine Kinder beobachten anders als Erwachsene, denkt Johnny. Sie schaffen es, sehr gut abzuschätzen, wer ihnen wohlgesinnt ist. Erwachsene schätzen Johnny wegen seines meist – ungewollt – düsteren Gesichtsausdrucks oft als bedrohlich ein. Kleine Kinder dagegen betrachten ihn länger, verdrehen dabei den Kopf, sehen ihn also aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und dabei kommen sie praktisch immer zu dem Schluss: „Dieser Mann ist nett. Er mag mich.“ Manche Kinder sagen dann freche Sachen zu ihm. Johnny lässt ihnen den Spaß. Kinder sollen sich wohlfühlen, ist seine Ansicht, später wird es hart genug für sie werden. Johnny bleibt diesen Kindern so im Gedächtnis. Er wird ein positiver Teil ihrer Kindheitserinnerungen sein, wenn sie erst groß sind.

Man muss die Kinder lassen, wie sie wollen. Sie machen schon das Richtige. Und man muss sich für sie interessieren. „Zeig mir, was euch gefällt!“, muss man sagen. Die Kinder werden dann erklären, wobei sie sehr stark in Details gehen werden. Und sie werden sich freuen, dass jemand über ihre Interessen Bescheid wissen will. Will man Kinder verderben, muss man sie gängeln und einschnüren, Schule und Erfolg und „Denkt an die Zukunft!“. Wer ständig an die Zukunft denken soll, ist nicht mehr in der Gegenwart daheim, ist es nicht so? Das ist eine Erziehung über Druck und Zwang und wirkt garantiert bei Kindern als Kreativitätskiller. Als Künstler tätig zu sein, wird dann nicht mehr möglich sein.
Ich habe noch etliche Kilometer vor mir, überlegt Johnny. Ich tue das ja freiwillig. Würde mich jemand dazu anweisen, wäre die lange Geherei wahrscheinlich eine Qual. So ist sie ein Spaß für mich.
Morgen kommt Kays neue Freundin zu uns. Sie wird in Kays Zimmer schlafen. Sie besuchen gemeinsam die 1-a-Klasse des Ingeborg-Bachmann-Gymnasiums. Sie soll so ein superfreies Mädchen sein. Die Mädchen in der Klasse bewundern sie. Sie singt und spielt Klavier, später möchte sie Frontfrau in einer Band sein. Außerdem ist sie eine tolle Volleyballspielerin. Ihr Name ist Andi. Mal sehen, wie es werden wird.

Als Johnny am Montag von der Arbeit nachhause kommt, nimmt ihn seine Frau gleich beiseite. „Die Mädchen sind in Kays Zimmer. Alles ist in Ordnung“, sagt sie. „Du Schatz, hast du nicht auch gedacht, dass die Andi Andrea heißt?“ „Ja, eigentlich schon“, erwidert Johnny. „Sie heißt aber Lisa“, fährt Fanny fort. „Ihr ist der Name aber zu kleinmädchenhaft, deshalb will sie Andi gerufen werden.“  „Daran ist ja nichts auszusetzen, findest du nicht auch, Liebling?“, fragt Johnny. „Naja, sie hat auch raspelkurze Haare“, sagt Fanny. „Sie möchte halt wahrscheinlich ein Bub sein“, antwortet Johnny, „das ist doch nicht weiter schlimm, finde ich.“ „Die Andi schminkt ich aber, sehr gut und auffällig“, sagt Fanny. „Ich werde nicht schlau aus dem Mädchen.“
Leise singt sie die erste Strophe des Songs Aquarius aus dem Musical Hair: “When the moon is in the Seventh House and Jupiter aligns with Mars, then peace will guide the planets and love will steer the stars.”

Es ist schön hier, Kay ist ein liebes Mädchen, denkt Andi, als sie im für sie in Kays Zimmer gestellten Gästebett liegt. Ihr kleiner Bruder ist recht lustig. Ihre Mama wirkt sehr bemüht. Sie sollte sich mehr stylen, dann würde sie noch besser aussehen.
Beim Abendessen saß der Vater am Kopfende des Tisches und fragte mich doch glatt nach meinem Berufswunsch. Ich sagte: „Pilotin“, worauf er fragte: „Warum nicht Stewardess?“ „Weil Pilotin besser ist“, sagte ich da.
Das war so etwas von retro, wie 1972.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19036

Systeme

Wenn es so weit ist, dann ist es so weit,
dann hat das Warten sein Ende gefunden.
Dein Warten, nicht meins, ich verzögerte,
ich ließ es nicht zu.
Du wolltest wohl, und ich ja wohl auch,
aber ich trachtete, mich nicht zu verschenken,
oder mich allzu billig herzugeben, du weißt, was ich meine.
Lust haben ist zu wenig,
das reicht für eine Nacht und nicht für mehr.
Nur das Körperliche ist nicht erfüllend,
dafür kann man jemand Beliebigen nehmen,
nehmen, benutzen und vergessen.

Wir aber nahmen uns vor, alle Seiten des Kreises zu entdecken.
Du schriebst mir einmal, ich sei dein Tor in eine fremde Welt.
Warum bist du dann nicht durch es gegangen?
Weil du alles andere drüben hättest zurücklassen müssen,
und das war eine ganze Menge, dazu warst du nicht bereit,
mir ist das schon klar.
Du hättest bedingungslos sein müssen,
wie ein Trapezkünstler ohne Netz, Sicherheit macht langweilig,
Lebensversicherung, Wohlstandsbäuchlein.
Das Leben ist kein Spiel und erst recht keine Rechenaufgabe.
Weil die Zeit sich nur Richtung Zukunft bewegt,
gibt es jeden Moment nur einmal und damit keine zweite Chance.

Meine Lage war anders als deine, ich hatte nicht viel,
also auch nur wenig zu verlieren.
Ich hätte es riskiert, doch was hat das zu bedeuten?
Bei einem Spiel mit geringem Einsatz ist man leicht mutig.
Ich wartete, ich wartete, du hieltest mich hin,
ich war geduldig, ich kann mir nichts vorwerfen,
ich wartete, wie lange?, ein Jahr.
Wer bis in alle Ewigkeit wartet, ist verblendet oder hat keine andere Möglichkeit,
das war in meinem Fall nicht so, ich hörte auf zu warten,
stand auf und ging davon.

Hinter dem Fenster bewegt der Wind die Schneeflocken, das ist schön.
Ich erinnere mich, wir waren die Schneeflocken, die im Sommer tanzten.
Was ist wahr, und was ist nicht echt?
Was falsch ist, hat nur Oberfläche und keinen Kern.
Wenn der Film aus ist, kehrt man in die Wirklichkeit zurück.
Du gefielst mir, und ich mochte, was du zu mir sagtest,
ich sei dein Meer, in dem du schwämmest,
ich sei der Wald, aus dem du nicht mehr herausfändest,
so sei es, und wie es sei, so sei es dir recht.

Will man etwas glauben, dann glaubt man das gern.
Die Lüge ist meist angenehmer und immer prachtvoller als die Wirklichkeit.
Man kann sie auf sich perlen lassen wie Wasser aus den vielen Öffnungen in einem Duschkopf,
und man fühlt sich gut dabei.
Aber danach, liebes Mädchen, trockne dich ab
und denk nicht mehr an das Wasser, das dich in die Irre führen wollte.
Manchmal war ich gefroren, da machte sich ein Funksignal von dir
auf den Weg zu mir, es war warm, und als es mich erreichte, taute ich auf.
Nie sollte es sein wie zuvor, immer anders sollte es sein und neu,
das war das Ziel, etwas das erste Mal sehen, niemand war hier zuvor.

In Love Colours are Bright

In Love Colours are Bright

Es gibt keine Garantie, dass etwas funktioniert,
auch wenn die Bedingungen optimal sind, die Beteiligten ihre ganze Kraft einsetzen,
einen Preis holt man nicht ab, man muss ihn sich verdienen.
Oft spielt einem das Gedächtnis einen Streich, es macht den Mann schöner,
die Dissonanzen werden weggelassen, bloß die getroffenen Töne bleiben,
der Bettler mag im Rückblick reich erscheinen.
Die gespitzten Sinne sehen den Feind bedrohlicher und den Freund verlässlicher,
die Gedanken springen, statt zu gehen.
Der Zauberer, dem man nicht glaubt, ist nur noch ein Trickser.
So viel passiert jede Minute auf dieser Welt, muss ich zu allem eine Meinung haben?
Nein, muss ich nicht, weil mich das meiste nicht betrifft.
Aber doch ist man der Taucher in der Brühe des Einerlei, wenn man abgestumpft ist,
wenn die Reize einen nicht mehr erreichen.
Das ist schlecht, drum sei aufmerksam.

Warst du bei mir, versuchte ich, nie die Augen zu schließen,
weil ich dich immer sehen wollte.
Als du fort warst, machte ich sie gern zu, denn dann erschienst du mir,
es war nicht dunkel.
Kennst du das?, ist man glücklich, möchte man die Zeit bewahren,
man formt die Hände zu einem Gefäß, die die flüssigen Tage halten,
man kann die Hände aber sonst nicht gebrauchen, das darf nicht sein,
man bewegt sie wieder, und die Zeit rinnt weiter.
Ich bemühe mich, die Sonne zu sein und nicht der Regen,
ich lache, und weine nicht, und wenn ich auch weine, dann sieht man das nicht.
Wir bildeten uns ein, wir passten zusammen wie zwei Puzzleteile,
gemeinsam seien wir ein Puzzle, das nur aus zwei Teilen besteht.
Der andere allein ist einem genug, man denkt das oft im Überschwang,
vielleicht stimmt das ganz am Anfang, aber schon drei Schritte später tut es das nicht mehr.

Stets zu gewinnen ist wohl etwas, was sich fast jeder wünscht,
doch in Wirklichkeit ist es erschöpfend, weil man dann schon alles hat,
und es nichts mehr zu gewinnen gibt, das wunschlose Glück ist kein Glück,
sondern ein Unglück.
Die Systeme sind kompliziert, Strömungen und Temperaturen,
miteinander verbunden, die perfekte Symbiose, perfekt bedeutet,
dass man es nicht besser machen kann, das mag trügerisch ein,
in der Natur aber ist es wahr, ein Abbild ist immer schlechter als das ursprüngliche Bild,
der Flug der Libelle kann Wolken verschieben, so ist es,
und wenn man es noch zehnmal wiederholt, wird es dadurch nicht wahrer.
Als ich dir erstmals begegnete, fand ich, du seiest so allein wie ein Gestirn im Nachthimmel,
so weit weg von allem, ein Stern, der sich selbst am Leben erhält, ein Mond,
ein Planet ohne Vegetation.

Ich hatte immer Angst vor der Dunkelheit, und dann bist du gekommen,
als Komet im ewigschwarzen All, und ich dachte: Endlich wieder Licht!
Ja, es stimmt, du hast mich erhellt.
Und ich, habe ich dich dafür verhext? Ein wenig jedenfalls? Ich gab mir solche Mühe.
Zu Beginn strengt man sich an, ich bin die Richtige für dich,
ich bin der, den du gesucht hast,
erst in der Alltäglichkeit lernt man den andren tatsächlich kennen.
Man wird zu Stück und Gegenstück,
oder man trennt sich irgendwann, ist Minuspol und Minuspol.
Bei uns war es anders, mein Liebling, mein Schatz,
wir sind kurz nach dem Start stehengeblieben, es gab kein Ineinanderfließen,
Mund und Auge, aber keine Haut, dadurch blieb es spannend,
ein Getränk mit immer prickelnd Kohlensäure.

Und jetzt bist du bei mir,
als Person, nicht als Geist oder Satz oder Bild.
Ich spüre deine Hand auf meinem Rücken,
und ich tue nichts dagegen.
Schließlich doch sage ich ja.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19035

Die schwarzen Schafe

Raimund stapft durch den Schnee. Fast bis zu den Knien sinkt er ein. Er denkt gar nicht, dass es mühsam ist voranzukommen, denn das ist es doch so oft in diesen Wintern, auf 1400 Metern Seehöhe, bei jetzt bis zu anderthalb Metern hohen Schneedecken und nächtens minus zwanzig Grad Celsius. Nun muss keine Feldarbeit verrichtet, aber die Geräte müssen gewartet werden und die Zäune repariert, zudem stehen manche Baumschlägerungen an. Raimund hält Schafe, die allesamt schwarz sind, einige Lämmer sind dabei, denen er das Fläschchen geben muss. Es ist auch im Winter genug Arbeit.
Im Frühling müssen die Felder vorbereitet werden, im Sommer wird geerntet – dann wird Raimund Knecht Ferdi zur Hand gehen, doch ist es so, dass es im Winter die Arbeit für zwei Menschen ist und im Sommer die für vier.

Es ist eine einsame Gegend, in der Raimunds Landwirtschaft liegt. Wandertouristen sind begeistert von ihrer Schönheit und Urwüchsigkeit. Ist man hier Bewohner, sieht man eher die Mühe. Der Schmerz in den Muskeln ist vorrangig gegenüber einer wundervollen Fernsicht.

Und was bleibt denn, was bleibt denn von mir?, überlegt Raimund, während er durch den tiefen, flockigen Schnee stapft. Am flüchtigsten sind diese meine Fußspuren, die erstarkende Sonne wird sie in wenigen Tagen auslöschen, falls sie nicht der Wind schon früher verwehen wird.

Bestelle ich meine Felder nicht mehr, werden sie von Unkraut und Gras überwuchert werden. Das dauert vielleicht drei Jahre, dann wird die Natur sich wieder durchgesetzt haben.
Und das Haus gebaut aus Stein und Holz? Es dauert länger, bis es zerstört ist, aber dennoch: Nach zehn Jahren kann man nicht mehr darin wohnen, dann wird der Stein brüchig und das Holz morsch – in zwanzig Jahren muss das Haus abgerissen werden.

„Von mir, von mir selbst, was bleibt von mir?“, fragt sich Raimund. Meine Frau heißt Annemarie, unsere Tochter Charlotte ist drei, und unser Sohn Ludwig ist fünfzehn Monate alt. Von mir bleiben meine Kinder. Was noch von mir bleibt, ist die Erinnerung, die Menschen an mich haben. Wenn sie nach meinem Tod sagen: „Ach, der Raimund, der war ein bisserl ein Ernster“, oder: „Weißt noch, der Raimund mit seinen Schafen?“ „Ja natürlich, wie könnte man den vergessen?“

Das schwarze Plüschschaf

Das schwarze Plüschschaf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19006