Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Frühling

Morgen ist Frühlingsbeginn,
aber das ist jetzt egal.
Es gibt keine Jahreszeiten mehr,
keinen heißen Sommer, keinen nebelverhangenen Herbst,
keinen weißen Winter und erst recht keinen aufblühenden Frühling.
Es gibt nur noch das Virus, das die Seuche macht,
die Ausgangssperre, der zukünftige Mangel.
Was, bitte, soll man da mit Frühling?

Sterne im 1. Stock, und die Rettung fährt mit Blaulicht vorbei

Sterne im 1. Stock, und die Rettung fährt mit Blaulicht vorbei

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20036

Tag zwei der Katastrophe

Heute ist Tag zwei der Katastrophe. Die Stadt ist verwaist. Es sind so wenige Menschen unterwegs, dass man einander oft grüßt, wie in einem Dorf. Jene, die umhergehen, sind viel besserer Stimmung als üblich. Vor allem sind weit mehr Kinder als normal draußen. Und sie lachen mehr. Manche erledigen Arbeiten, die sie sonst nie machen würden, beispielsweise einen Zaun von außen mit Dampfstrahler, Schwamm und Bürste säubern. Man kommt sich auch näher, Buben und Mädchen, Männer und Frauen. So gesehen ist die Katastrophe gar keine.

Die Polizistin und der Polizist bewachen am 17. März 2020 das Rathaus von Klagenfurt

Die Polizistin und der Polizist bewachen am 17. März 2020 das Rathaus von Klagenfurt

Der Alte Platz von Klagenfurt mit der Pestsäule am 17. März 2020

Der Alte Platz von Klagenfurt mit der Pestsäule am 17. März 2020

Johannes Tosin
(Text und Bilder)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 20035

Das Familienalbum

Ich besuche gerade meine alte Mutter. Es gibt selbstgebackenen Apfelkuchen mit Schlag und Kaffee noch aus der Filterkaffeemaschine in dünnwandigen, alten, kleinen Tassen. Der Apfelkuchen ist wirklich sehr schmackhaft. Auf meinem Teller liegt schon das zweite Stück.

Mutter zeigt mir Fotos aus dem Familienalbum. Auf jedem Foto bin ich zu sehen. Es fängt an mit Schwarzweißbildern von mir als Baby, auf dem Wickeltisch, im Kinderwagen, in der Babybadewanne. Dann folgt ein Foto von mir in der Gehschule, eines von mir mit einem Plüschhasen. Auf einem weiteren bin ich mit Lederhose und Hut mit einem Ziegenbock abgebildet. Ich erinnere mich, dass ich Angst vor ihm hatte. Der Ziegenbock stieß mich mit seinen Hörnern und wollte nicht von mir weggehen.

Das nächste Foto ist das erste Farbfoto, ab hier sind es ausschließlich Farbfotos. Es zeigt mich an einem Strand, ich habe eine blaue Badehose an und trage einen roten Plastikeimer, in dem viele Muscheln sind. Auf dem Foto daneben sitzt meine Mutter auf einem Metallstuhl. Sie hat blonde Haare, blaue Augen und eine etwas burschikose Figur. Auch ohne die dünne Bluse und den Minirock, die sie auf diesem Foto trägt, erkennt man, dass sie eine echte Schönheit ist. Ich stehe neben ihr und breite die Arme aus.

Auf dem dann folgenden Foto sieht man meinen Vater, er hat noch ganz schwarze Haare. Das war in Jugoslawien, sagt meine Mutter, wir sind auf einer Dienstreise mit Papa mitgefahren. Auf dieser Reise waren wir auch in Budapest, da aß ich in einem noblen Restaurant, von dem aus man die Kettenbrücke in der Nacht sah, sehr dünne Palatschinken mit Schokosauce. Weiters waren wir in Rumänien und Bulgarien, wo mir das Rila-Kloster mit seinem Zebramuster im Gedächtnis verblieben ist.
Später in Tschechien oder sonst wo, beim Ort bin ich mir nicht sicher, ging ich meiner Mutter fürchterlich auf die Nerven, weil ich einen roten Heliumballon haben wollte. Wir hielten uns in einem genau rechteckigen, lieblos angelegten Park auf, und nirgendwo war ein Ballonverkäufer. In Warschau kamen wir in der Nacht an, überall standen Soldaten, daran erinnere ich mich, es wirkte bedrohlich.

Auf einem der nächsten Farbfotos halte ich eine große Schultüte. Noch einmal Süßigkeiten, bevor der „Ernst des Lebens“ anfing, wie meine Eltern den Besuch der 1. Volksschulklasse nannten. Später zogen wir um, meine Eltern richteten die Wohnung ein, ein weiterer Umzug, dem wieder einer folgte. Städte, Dörfer, Großstadt, immer waren wir woanders, und ich war nirgendwo zu Haus.
Das letzte Foto zeigt mich mit Sakko und Kinderkrawatte inmitten von vielen Verwandten, es war meine Konfirmation. Ich war vierzehn und hatte Pickel im Gesicht. Nun ist das Familienalbum zu Ende.

Jetzt bemerke ich, dass im hinteren Teil des Raumes eine LED grün leuchtet. Auch aus meinem linken Auge leuchtet es grün. Beides tat es wahrscheinlich schon die ganze Zeit, aber vorhin fiel es mir wohl nicht auf, weil ich zu sehr mit den Fotos und meinen Erinnerungen beschäftigt war. Ich zoome die LED näher und sehe, dass sie an einem kleinen Metallkästchen befestigt ist. Zirka drei Zentimeter links von der grün leuchtenden LED befindet sich eine rote nicht leuchtende, mittig darunter ist ein Wippschalter, der auf Ein steht. Rechts an dem Metallkästchen ist ein Display, auf dem Kurven in Violett, Blau und Schwarz oszillieren, links davon ist ein Drehknopf befestigt.

Später werde ich erfahren, dass ich erst seit diesem Besuch bei meiner Mutter existiere, die nicht meine Mutter ist. Die Erinnerungen sind nicht meine, sondern stammen von Josef, dem Sohn der Frau, bei der ich zurzeit auf Besuch bin. Josef starb mit fünfzehn bei einem Autounfall. Seine Erinnerungen wurden mir induziert. Ich wurde nach seinem Bild gestaltet, in dem Alter, in dem Josef jetzt wäre, zweiundfünfzig. Mein Zweck ist es, den toten Sohn zu ersetzen. Unter meiner Haut aus Polyethylen bestehe ich aus einer leichten Aluminiumlegierung.
Ich bin nicht der, der ich dachte zu sein. Ich bin niemand, habe keinerlei Persönlichkeit, die über meinen Zweck hinausgeht. Ich bin nicht einmal ein Mensch.

Unterwegs im VW Jetta

Unterwegs im VW Jetta

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20024

 

 

 

(Foto: Unterwegs im VW Jetta.jpg von Johannes Tosin)

Kapitän

Ich sehe aus keinem Fenster. Fenster würden das Konstrukt des Raumschiffes schwächen. Ich sehe die Filme der Außenkameras über verschiedene Bildschirme. Nirgendwo da draußen ist Leben, und die Erde liegt Generationen hinter mir. Das Schiff fliegt autonom. Ich bin der Kapitän und einziger Passagier. 87 Jahre und 216 Tage lag ich im Kälteschlaf. Vor sechs Tagen bin ich erwacht. In drei Tagen wird das Schiff auf Petreios-13 landen. Das Ziel ist, dort Bodenschätze zu explorieren und dann abzubauen. Auf diesem Zwergplaneten werde ich Bergmann sein.

Der Astronaut

Der Astronaut

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20022

 

Signalwelt

Was sollte das sein, die „Ruf- und Standortdatenrückfassung“? Na was denn wohl? Dein Smartphone ersetzt den auf deinen Kopf geschraubten Peilsender, und es liefert nicht nur deine Position, sondern auch deine gefunkte Kommunikation mit dazu, wusste Zapp.

Ich lasse mich ja sogar freiwillig darauf ein, meine Freunde sollen wissen, wo ich unterwegs bin. Und ich liefere ihnen Statements, was ein Hotspot ist und wieso, wo die Drinks, die Mädels stimmen und besonders die Musik, und ich warne sie vor den No-Places-to-Go, jenen mit einem Chillingfaktor von subzero, unterhalb des antarktischen Eises.

Fotos, Texte, Videos, Soundfiles. Beim Schreiben muss es schnell gehen, mein Phone hat eine Qwertz-Tastatur. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist hoch. Die Zeit messe ich eher in Sekunden als in Minuten, bis die Inhalte auf meinem Account hochgeladen sind.

Und dann kommen die Antworten. Und das ist das richtig Geile! Eine gute Nacht war es, wenn ein neuer Freund dazugekommen ist, oder gleich mehrere.

Dann falle ich halb tot ins Bett - ein paar Stunden Schlaf, bis es wieder in die Arbeit geht - und bin so glücklich, wie ich es kann.

Meine Augen sind schon zu, da frage ich mich: Warum gibt es in meinem Netzwerk eigentlich nur Freunde? Wo bleiben denn die Feinde?

Und klar sehe ich nun, obwohl es hinter meinen Lidern dunkel ist: Dort in der Signalwelt gibt es sie nicht, wohl aber hier in der fleischlichen. Und mein ärgster Feind bin selbst ich mir.

Dann versinke ich im Traum.

Luna piena

Luna piena

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20014

Mensch und Katze

Mensch:               Hallo Katze, wollen wir ein bisschen spielen?

Katze (denkt):      Nein! Der Mensch soll mich in Frieden lassen. Ich fresse noch ein wenig Trockenfutter, dann halte ich ein Schläfchen auf meinem Ausrastesack neben dem Heizstrahler, wir haben schließlich Winter.

Mensch (denkt):  Katzen spielen doch immer so gern.

Katze (denkt):      Vielleicht in der Nacht, aber nicht tagsüber. Als Katze bin ich ja nachtaktiv.

Mensch:               Na, dann geh ich mal.

Katze (denkt:)      Tu das, Mensch.

Die Katze Lady Strange auf dem Grill

Die Katze Lady Strange auf dem Grill

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 20011

Going Back in Time

Meine Zeit läuft rückwärts.
Deshalb muss ich nicht anfangen,
sondern beenden, damit ich nach einiger Zeit damit beginnen kann.
Daher ist morgen für mich gestern.
Immer wird dabei meine am weitesten reichende Erinnerung gelöscht,
sodass ich am 21. Dezember nicht weiß, dass zuvor der 22. Dezember war.
Ich weiß auch nie, wie es weitergeht,
obwohl alles in meinem sich verjüngenden Leben vorgezeichnet ist.

Überreifes Weizenfeld mit Unkraut

Überreifes Weizenfeld mit Unkraut

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20010

Hulla-Bulla

Helen:  Hast du schon einen Osterurlaub gebucht, Darling?

Rachel: Nicht so richtig.

Helen:  Also nicht. Na ja, ich fliege am Ostersonntag First Class nach Hulla-Bulla auf Mimonesien.

Rachel: Wicked! Na, dann wünsche ich schon viel Spaß dabei. Nimmst du viel mit?

Helen:  Nö, dreißig Bikinis müssen reichen, zwanzig Sommerkleider, zehn Stolen, acht Hüte, fünfzehn Sonnenbrillen, bei den Schuhen weiß ich noch nicht so recht.

Rachel: Du wirst für Übergepäck zahlen müssen.

Helen:  Was soll’s? Das gehört dazu.

Rachel: Gut, gut, dein Wort in Heras Ohr.

Helen:  Weißt du was? Hulla-Bulla gibt’s gar nicht, Mimonesien auch nicht. Ich bleibe über Ostern zuhause.

Rachel: Hu – hu – hu – hu.

Helen:  Hi – hi – hi – hi.

Rotes Paddelboot und grünes Autotretboot

Rotes Paddelboot und grünes Autotretboot

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 20009