Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Die ZDF-Hitparade

Ich bin ein Gewohnheitstier. Spätestens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon früher ein, wenn ich meine Wäsche für morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. Ganz gern schalte ich ab 18:45 Uhr zur ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Es sind Aufzeichnungen. Er moderierte sie von 1969 bis 1984. Zu Beginn rief er stets: „Hier ist Berlin!“ Dieter Thomas machte viele Witzchen und sorgte für gute Laune. Heutzutage mutet die Show total retro an. Allein deshalb gefällt sie mir – weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich wurde 1970 geboren.

Gerade heute ist wieder solch ein Tag. Seit 19:10 Uhr sitze ich vor dem Fernseher. Es läuft die ZDF-Hitparade vom 5. November 1979. Dieter Thomas kündigt Luv´ an, das sind drei junge Damen in Uniformen aus sehr wenig Stoff. Das mittlere Mädchen ist blond, die beiden außen dunkelhaarig. Sie tanzen und singen zu ihrem Song „Ooh, Yes I Do“. Es ist typische 1970er-Jahre-Musik. Heute wäre das wohl Musik für ältere Herren, die gern junge hübsche Frauen betrachten und denen die Musik gleichgültig ist. Ich denke, damals war das noch etwas anders. Die Zielgruppe für diese Art von Kaugummi-Musik war breiter.

Plötzlich zeigt die Kamera zu den Zuschauern im Saal. Dieter Thomas Heck stellt sich neben eine Frau, die gegen Ende dreißig sein dürfte. Sie trägt einen roten Rollkragenpullover. Da sie außen sitzt, sieht man ihren karierten Rock, ihre Brille ist groß und rund. Schwarze Wallemähne, ein eher schmaler Mund, Perlenohrringe. Sie sieht aus wie ich! Sie sieht genauso aus wie ich zurzeit, abgesehen von der Kleidung und der Frisur. „Hat Ihnen das Lied gefallen?“, fragt Dieter Thomas. Er hält das Mikrofon unter ihren Mund. „Ja, sehr schön wirklich, ganz toll!“, sagt die Frau, die aussieht wie ich mit meiner Stimme und meiner Körperhaltung. „Wie ist Ihr Name, gnädige Frau?“, fragt Dieter Thomas weiter. Wieder hält er das Mikrofon knapp unter ihren Mund. „Hertha König.“ „Und Sie kommen aus …?“ „Kassel“, sagt die Frau ins Mikrofon. „Der Herr neben Ihnen ist Ihr Gatte, nicht?“, fragt Dieter Thomas wiederum und hält ihr das Mikrofon entgegen. „Nein, ich kenne ihn gar nicht. Ich bin alleine hier“, sagt die Frau. „Na, wenn Sie alleine hergekommen sind, bedeutet das noch nicht, dass Sie auch alleine nachhause gehen, wa?“, flachst Dieter Thomas.

Die Frau im Fernsehen lacht. Ich lache. Hertha König ist mein Name, mein Wohnort ist Kassel. Ich, in meinem derzeitigen Alter, bin die Frau im Fernsehen.

Wie kann das sein?

Lost in Space

Dieter Thomas Heck schmunzelt. Er geht auf die Kamera zu. Jetzt bleibt er stehen und kündigt Costa Cordalis an, der als Nächster auf die Bühne treten und dort sein Lied „Keine liebt wie du“ zum Besten geben wird. Ich schalte den Fernseher aus. Für Nachrichten habe ich jetzt keinen Kopf.

Nochmals: Wie kann das sein?

Ich suche nach einer Erklärung. Das nicht ich das in der ZDF-Hitparade gewesen sein kann, ist klar. Vielleicht, möglicherweise, eventuell war es eine Schwester von Mama, mit der sie sich zerstritten und deren Existenz sie mir deshalb vorenthalten hat. Das klingt doch gar nicht so unlogisch. Aber warum gab sie mir dann ihren Namen Hertha? Man gibt doch seinem Kind nicht den Namen von jemandem, den man nicht leiden kann. Das passt überhaupt nicht zusammen. Und wenn es einfach nur eine Frau war, die aussah, sich bewegte, sprach wie ich und in derselben Stadt wohnte? Es gibt ja die Theorie, dass jeder einen Doppelgänger habe. Gut, mag sein, aber gilt das auch generationenübergreifend?

Die einfachste Erklärung ist natürlich die, dass ich mich versehen habe, eingenickt bin beispielsweise und kurz geträumt habe. Ich kann es nicht herausfinden, da ich die Sendung ja nicht wie bei einer alten VHS-Videokassette zurückspulen kann, aber ich meine, das denke ich wirklich, dass ich von dieser Frau, die ich sein soll, nur geträumt habe, womöglich fantasiert, was auf einen schlechten Gemütszustand von mir schließen lassen würde, das wäre aber ebenso möglich,  jedenfalls habe ich diesen Vorfall nicht in Wirklichkeit gesehen.

Ich lege mich bald ins Bett, in mein Einzelbett, ich lebe alleine. Dort lese ich noch ein wenig, einen Weltbestseller. Der bringt mich auf andere Gedanken – nein, das stimmt nicht so ganz, diese Folge der ZDF-Hitparade hält mich immer noch gefangen.

Als ich dann eingeschlafen bin, träume ich etwas ganz anderes, keine Spur von einer Musikshow. Ich träume davon, wie ich durch den Wald gehe, einen Wald, den ich nicht kenne, schließlich erreiche ich einen Teich. Ich sehe in ihn, weil ich mein Spiegelbild sehen möchte, aber sein Wasser ist braun von Erde und wirft kein Bild zurück.

Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, der 9. November 2016, Mittwoch. Arbeit bei Charles Vögele, Mode verkaufen, eher versuchen, Mode zu verkaufen. Im Geschäft ist nicht so viel Frequenz. Die Marke gilt offensichtlich als angestaubt, fast kein – potenzieller – Kunde ist unter vierzig. Bald einmal muss wohl ein neuer Job her. Ich bin achtunddreißig. Das wird schon hinhauen, da mache ich mir nicht solche Sorgen, ich bin ja auch eine tüchtige Verkäuferin. Ein neuer Job wäre gar nicht schlecht, denn weniger als bei Charles Vögele kann man doch bestimmt nirgendwo verdienen.

Auch Donnerstag und Freitag sind ganz normale, unspektakuläre Tage. Diesen Samstag habe ich frei. Erst einmal bleibe ich so lange im Bett, bis ich völlig ausgeschlafen bin. Das ist ein guter Start in den Tag. Dann ein üppiges Frühstück mit Radio hr3. Danach ein Spaziergang im Novembernebel, etwas unfreundlich, bald wieder nachhause. Ich lese meinen Weltbestseller weiter. Dabei brauche ich nicht viel zu denken, das ist sehr entspannend. Nachmittags backe ich mir eine Tiefkühlpizza auf. Sie schmeckt ganz gut, besser als früher, die Lebensmittelindustrie hat Fortschritte gemacht. Dazu trinke ich ein Bier, das tue ich nicht oft. Und weil das erste so gut geschmeckt hat, trinke ich ein zweites, und ein drittes, dann ist aber aus. Eineinhalb Liter Bier ist eine hohe Dosis für eine zarte Frau wie mich, ich bin ganz schön angedüdelt. Ich lege mich ins Bett, alsbald schlafe ich ein.

Ich träume, dass ich im All schwebe. Ich trage keinen Raumanzug, trotzdem kann ich atmen, und die Temperatur liegt bei ungefähr dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Gestirne um mich innerhalb der Schwärze drehen sich langsam, und ich drehe mich im selben Tempo. Ich kann nichts greifen. Es gibt nichts zu tun. Ich bin lost in space.

Ich wache auf. Es ist bereits Nacht, draußen ist es dunkel, bis auf die Straßenbeleuchtung. Im Schlafzimmer ist es hell. Ein leise singender sphärischer Ton liegt in der Luft. Ich sehe nach, sowohl die Deckenlampe wie auch die Nachtkästchenlampe sind ausgeschaltet, also müsste es dunkel sein. Es ist aber hell. Ebenso in der Küche, im Wohnzimmer, im Vorzimmer, im WC und im Bad, es ist überall hell bei ausgeschalteten Lampen. Jetzt sehe ich, wie sich der Vorraum biegt, er wird niedriger, rundet sich, dehnt sich in der Länge. Er bildet einen Schlauch, dessen Wände wie Perlmutt schimmern.

Will ich zurück ins Wohnzimmer, Schlafzimmer oder in die Küche, muss ich durch diesen Schlauch klettern. Und das tue ich auch: Auf allen vieren krabble ich diesen Schlauch entlang. Der sphärische Ton ist verschwunden. Nach dem Ende des Schlauchs stehe ich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nun ist es ganz anders eingerichtet. Statt meines Einzelbetts steht dort eine Liege mit geschwungenem Kopfteil. In der Küche sind Prilblumen auf dem altertümlichen Kühlschrank und dem antiquierten Herd. Ein Flokati-Teppich bedeckt einen Teil des Bodens im Wohnzimmer, ein Kalender mit Palmen hängt an der Wand. Eine rote Markierung auf einer Kunststoffschiene zeigt den 4. Tag des Novembers im Jahr 1979.

Über den Stuhl aus gebogenem Holz im Schlafzimmer sind ein karierter Rock und ein roter Rollkragenpullover gehängt. Ich blicke in den ovalen Spiegel mit Goldfarbeinfassung, der vorhin nicht hier war. Ich sehe mich selbst, natürlich, mit schwarzer Wallemähne und einer großen, runden Brille.

Auf dem Sideboard im Wohnzimmer liegen zwei Perlenohrringe und eine Eintrittskarte für die ZDF-Hitparade am 5. November 1979, morgen, sowie ein Zettel, auf dem in meiner Schrift: „Abfahrt des Zuges nach Berlin um 12:21 Uhr“ steht.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18147

Theorien

Als Albert Einstein vor über hundert Jahren seine spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie begründet hatte, blieb alles, wie es war, denn diese beiden Theorien zeichneten das Bild der Wirklichkeit.

Anfang der 1979er Jahre entwickelte man die Stringtheorie, in der man annahm, dass das Universum nicht aus Teilchen, sondern aus Strings besteht. Die Strings sind Fäden ohne Ausdehnung, sie sind also eindimensional. Indem man die Stringtheorie aufstellte, wurde sie wirklich – in einer bemerkenswerten Weise: Alle Begebnisse ereignen sich auf einer Ebene. Was wir dreidimensional sehen, ist nicht ein tatsächlicher Körper, sondern nur dessen Hologramm. Sozusagen leben wir auf Fotografien. Ist das nicht außerordentlich verstörend?

Eine andere Theorie ist die des Multiversums. Ereignet sich etwas, wie das stets passiert, entsteht für jede Möglichkeit ein eigenes Universum, was eine gewaltige Anzahl an unterschiedlichen Universen ausmacht, die stets in exponentieller Geschwindigkeit wächst. Das Tröstende ist, dass es immer einen optimalen Ausgang einer Sache gibt, in dem sich irgendein Ich meiner selbst befindet. Dies ist jetzt Realität geworden.

Die Dunkle Energie, die existieren muss, damit die Theorien Sinn ergeben, und die für ein expandierendes Universum sorgt,  soll um null Komma 120 Nullen kleiner sein als errechnet. Würde man davon vier Nullen wegnehmen, was somit geschehen ist, ist die Expansionsgeschwindigkeit des Universums so hoch, dass sich keine Materie, wie wir sie kennen, gebildet hat. Die Dunkle Energie ist dann ja aber auch zehn hoch vier, 10 000 Mal, größer.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17122

Live

Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu lösen.

Sie lautet folgendermaßen:
„Ein Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die Hälfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie beträgt 9.700 Euro. Wie viel Lehrlingsentschädigung erhält die Tochter?“

Egon darf keine Notizen machen. Ja, es ist nicht so eine superknifflige Rechnung wie 2817, aber es geht auch nicht um eine Million Euro, sondern nur um 50.000. Er ist auch nicht in der Show eines anerkannten Fernsehsenders, sondern in der eines aufstrebenden YouTube-Kanals. Dafür ist es live. Die Show heißt: „Du schaffst es!“ Sie ist stark an die „Millionenshow“ angelehnt, allerdings sind die Fragen und Aufgaben und das Ambiente der Show, die Musik, das Publikum, für jüngere Leute ausgelegt. Sie ist jeden Samstag. Finanziert wird die Show über Werbung im Netz. Die Klickzahl ist hoch.

Egon hätte sich auch mit 25.000 Euro begnügen und aussteigen können. Die 50.000 sind der Hauptgewinn. Versagt er bei dieser letzten Aufgabe, fällt er auf 2.000 Euro zurück, die sind ihm sicher.

Egon ist ein junger Mann von einundzwanzig Jahren. Er ist ein kluger Kopf, aber er hat weder die Matura, noch eine Ausbildung beendet. Per se ist er damit Hilfsarbeiter. Seine Freundin Martha sitzt im Publikum zwischen jungen, bunten Leuten. Sie ist zwanzig. Sie hat Friseurin gelernt, aber auch nicht fertig. Die beiden leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf zweiunddreißig Quadratmetern. Sie haben praktisch nie Geld. Sie sparen, wo es irgend möglich ist, zum Beispiel im Winter beim Heizen – sie ziehen sich mehrere Pullover über. Sie sind wirklich abgefuckt. Zudem ist Martha ist einer speziellen Verfassung – sie ist schwanger, in der siebenten Woche, da ist noch alles möglich.

Sie wird immer wieder ins Bild gerückt. Wahrscheinlich erwartet man von ihr, dass ihr bange und sie gespannt ist, und jubelt, wenn Egon eine Frage richtig beantwortet hat. Dagegen wirkt Martha wie geistesabwesend, nicht bei der Sache, ruhig sitzt sie auf ihrem Platz, sie erfüllt nicht das Klischee der mitfiebernden Partnerin. Obwohl natürlich dieser Eindruck täuscht, sie ist zu hundert Prozent mit dabei, es ist nur Selbstschutz, sich geistig vom Geschehen zu entfernen, um nicht überzuschnappen geradezu, es geht ja schließlich um viel – oder sehr wenig.

Das Publikum sitzt rund um den Moderator und Egon, wie in einem griechischen Theater, die erste Reihe ist am Boden, danach wachsen die Reihen in die Höhe. Martha sitzt in der ersten Reihe. Traut sie Egon die richtige Lösung der Aufgabe zu? Sie weiß es selbst nicht recht, prinzipiell schon – Egon ist ein guter Mathematiker und schneller Kopfrechner –, dagegen spricht, dass er sichtbar nervös ist, zwanzig Sekunden bereits vergangen sind – der Countdown wird auf einem großen Display zwischen dem Moderator und Egon in grünen Ziffern angezeigt –, und dass manche Leute im Publikum Störgeräusche machen, zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Diese Leute sind doch sicherlich von den Machern der Show bezahlt, ärgert sich Martha, die Macher der Show, ja, Martha hat sie kennengelernt, drei junge Leute mit stets entspannten Gesichtszügen und ohne Geldsorgen – geht die Show schief, liegen sie halt wieder ihren Eltern auf der Tasche. Aber klar, das ist Kapitalismus, die drei zahlen lieber 2.000 Euro aus als 50.000.

Martha bemüht sich, Egon nicht anzusehen, da, falls er zurück zu ihr blicken sollte, ihn das aus seiner Konzentration reißen würde. Die an der Decke befestigten Scheinwerfer scheinen gerade auf den Boden. Nachdem eine Frage beantwortet wird, schwenken sie in die Mitte zu Moderator und Egon. Das soll einen dramatischen Effekt erzeugen – auch das ist von der „Millionenshow“ abgekupfert. Egon ist kribbelig, sein Rücken ist gerundet, er beugt sich nach vor, gleichzeitig ist er absolut fokussiert.

Er hat die Rechnung im Kopf aufgestellt. Er schreibt auf die Innenseite seiner Stirn wie auf ein Blatt Papier. Er hat noch fünfunddreißig Sekunden. Da es vier Personen sind, braucht man vier Gleichungen. Die Rechnung funktioniert wie folgt:

Einkommen des Sohnes = x
Einkommen des Vaters = x + 40/100 x = 5/5 x 2/5 x = 7/5 x
Einkommen der Mutter = 1/2 x
Einkommen der Tochter = 2/6 x = 1/3 x
x + 7/5 x + 1/2 x + 1/3 x = 9700 Euro

Egon hält den Kopf gesenkt. Kurz blickt er zum Moderator, der ihn feixend ansieht. Was will er damit? Ihm helfen sicherlich nicht, wenn, dann will er Egon aus dem Konzept bringen, eventuell möchte er auch das Publikum beziehungsweise die Zuseher im Internet unterhalten, witzig wirken halt. Noch dreißig Sekunden. Egon rechnet weiter:

Die Bruchzahlen auf einen gemeinsamen Nenner (30) bringen.
30/30 x + 42/30 x + 15/30 x + 10/30 x = 9700 Euro
Dann wird addiert.
97/30 x = 9700 Euro

Noch zwanzig Sekunden. Egon liegt im Plan. Die Rechnung erscheint ihm logisch. Er ist sich sicher, dass sie richtig ist. Wenn das mit dem Gewinn der 50.000 Euro hinhaut, ist die nähere Zukunft geritzt. Martha und er ziehen in eine komfortable Mietwohnung, in der es niemals kalt sein wird. Sie werden beide den B-Führerschein machen. Dann kaufen sie ein geräumiges Auto. Martha wird Mutter werden, er wird Vater werden. Und nächstes Jahr fahren sie im Sommer nach Ibiza, Party, Party – das muss sein. So ist das Ganze gedacht. Das Abschweifen hat fünf Sekunden gekostet, trotzdem ist noch genug Zeit. Egon führt die Rechnung fort:

Beide Seiten der Gleichung durch 97 teilen.
1/30 x = 100 Euro
Beide Seiten der Gleichung mit 30 multiplizieren.
x = 3000 Euro = Einkommen des Sohnes

Noch zehn Sekunden, in grünen Ziffern deutlich sichtbar auf dem großen Display. Egons Nervosität hat sich ziemlich gelegt. Im Stadium der Aktivität, des Rechnens, ist einfach kein Platz dafür. Martha leidet auf ihrem Platz. Sie kann nichts tun, kann Egon nicht helfen. Sie sieht auf ihren Bauch, es ist noch nichts zu sehen. Die Störgeräusche, sie sind jetzt lauter geworden, sie zischen in Marthas Ohren. Und jetzt nimmt sie auch Egon wahr. Zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Egon schließt die Rechnung ab, die Störgeräusche perlen an ihm ab wie Regen an einer Regenjacke:

Einkommen des Vaters = 3000 Euro + 1200 Euro = 4200 Euro
Einkommen der Mutter = 3000 Euro : 2 = 1500 Euro
Einkommen der Tochter = 3000 Euro : 3 = 1000 Euro

Noch fünf Sekunden. „Herr Binder, jetzt kommt es darauf an, sind Sie fertig? Wie lautet die Lösung?“, fragt der Moderator. Martha schaut starr auf das Metallgestell zwischen Egon und dem Moderator, es ist die Mitte. Die Störgeräusche sind noch lauter geworden. Hunderttausend Hornissen brummen. Egon nickt, noch vier Sekunden, er denkt nach, noch drei Sekunden. „Wie hoch ist das Einkommen der Mutter?“, das ist die Frage.

„1.500 Euro“, sagt er. Die Scheinwerfer schwenken zur Mitte. Der Moderator hebt die Arme in die Höhe, fast wie ein Priester. „1.500 Euro, sagen Sie, erhält die Tochter an Lehrlingsentschädigung?“ „Nein“, widerspricht Egon, „das ist das Einkommen der Mutter.“ „Es wurde nach der Höhe der Lehrlingsentschädigung der Tochter gefragt“, führt der Moderator fort. „Warten wir auf die Antwort.“ „1.000 Euro“, scheint als Antwort auf einer Anzeige auf.

Egon weiß sie. Er hat eine Verwechslung begangen. Doch eine Verwechslung ist auch ein Fehler. Martha hat den Mund offen und starrt den Moderator an, der demonstrativ und selbstgefällig Egon betrauert. Egon steigt mit 2.000 Euro aus dem Spiel aus. Das müsste für die Abtreibung reichen. Wahrscheinlich bleibt sogar ein bisschen was übrig.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17121

 

Discokugel

Krogg und Popp waren mit ihrem Raumschiff unterwegs zu einem weit entfernten Planeten, der in einer anderen Galaxie lag. Er war klein und blau, die Instrumente auf ihrem Planeten hatten eine Atmosphäre und flüssiges Wasser erkannt. Auf seiner Oberfläche hatten sie Aktivität festgestellt, intelligentes Leben zweifellos, zu dem Zeitpunkt, als der Lichtstrahl ihren Heimatplaneten Bunker-339I traf. Krogg und Popp wurden daraufhin losgeschickt, um mit der außer-Bunker-339i-ischen Zivilisation Kontakt aufzunehmen. Ihr Raumschiff flog nicht schneller als das Licht, aber sie projizierten die Weltkarte auf eine Ebene, die sie falteten und mit dem Raumschiff quer durchstießen, durch diese Abkürzung holten sie das Licht bei Weitem ein.

Sie waren dem Planeten schon ziemlich nah, Aktivität war dort keine mehr vorhanden. Schade, dachten Krogg und Popp, die Zivilisation war erloschen. Jetzt erschien der blaue Planet auf ihrem Schirm. Sie näherten sich weiter, verringerten dann die Geschwindigkeit und tauchten in die Atmosphäre ein, sanken und landeten behutsam auf Gras.

Krogg und Popp stiegen aus ihrem Raumschiff. Die Luft war atembar, gut. Viel Natur, einige Asphaltgebilde. Sie gingen auf einem entlang. Es führte zu eingestürzten Häusern. Sie suchten nach Überresten der hier heimisch gewesenen Lebensform. Sie entdeckten nichts, dafür aber fanden sie etwas anderes – ein dickes Gerät mit einem Bildschirm, das auf einem quaderförmigen Teil mit der Aufschrift „Videorecorder“ stand, daneben waren große Band-Kassetten, auf denen „VHS“ stand.

Eine VHS-Band-Kassette passte genau in die rechteckige Öffnung des Videorecorders. Interessant. Krogg drückte auf je einen roten Knopf beim Videorekorder und dem anderen Gerät. Beide Apparaturen begannen zu arbeiten. Auf dem Bildschirm erschienen vier hübsche, langgliedrige Wesen in roten Gewändern, unten eng, oben weit, die sangen und tanzten: Sister Sledge – Lost in Music – 1979. Krogg und Popp waren begeistert, bald wippten sie mit. Es ging weiter mit: Donna Summer – Love to Love You Baby – 1975. Krogg und Popp probierte ein paar Tanzschritte aus. Es schien sich um Balzrituale zu handeln. Dann legten sie die nächste VHS-Band-Kassette ein: Saturday Night Fever – da passierte etwas: ein Film – Musik von Bee Gees – 1977, dieser weiße Anzug, diese Körperbeherrschung!

Krogg und Popp sahen sich noch weitere VHS-Band-Kassetten an. Sie lernten, dass dieser Planet „Erde“ genannt wurde, seine Bewohner „Menschen“, von denen die weiblichen „Frauen“ und die männlichen „Männer“ hießen. In einer Ecke sahen sie eine zerbrochene Kugel von dreißig Zentimeter Durchmesser, die mit kleinen Spiegeln beklebt war, die auf vielen Aufzeichnungen auftauchte.

So kam Disco auf den Planeten Bunker-339I. Seine Bewohner tanzten zu hundertzwanzig Beats per Minute in glitzernden Outfits, und über ihnen kreiste eine Discokugel.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16168

 

Roboter träumen

Eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, stand schon seit Langem im  Forderungskatalog vieler Wissenschaftler. Es erwies sich als weit schwieriger als gedacht. Die Rechenleistung stieg geradezu exponenziell, aber das reichte nicht. Ein Roboter, der alle Möglichkeiten durchrechnete, blieb ein tumber Rechenapparat. Er war nicht intelligent. Der Schwerpunkt lag woanders. Der Mensch war einem Roboter deshalb voraus, weil er Wichtiges von Unwichtigem trennen konnte, daraufhin Prioritäten setzte, weil er Eindrücke mit gemachten Erfahrungen verglich, und weil er lernte. Er war mit Filtern ausgestattet, die er einsetzte. Und er wusste, was für ihn notwendig war. Ein Mann brauchte 0,3 Sekunden, um herauszufinden, ob er eine Frau hübsch fand. So schnell war kein Roboter.
Selbst wenn ein Supercomputer an seiner Stelle in dem Mann gerechnet hätte, wäre er langsamer gewesen. Was den Menschen intelligent machte, war, dass er ein weiterentwickeltes Tier war. Er tat alles, um zu überleben oder zumindest seine Gene weiterzugeben. Das war das Tierische an ihm. Und zudem hatte er denken gelernt. Es war die Kombination aus Instinkt und Gedankenkraft, die ihn blitzschnell richtige Schlüsse ziehen ließ. Und es war auch das, dass er immer nur einen Teil seines Gehirns, den zur Problemlösung spezialisierten, nützte und den Rest damit schonte. Und, worauf die Wissenschaftler schließlich kamen, was vielleicht den Durchbruch einleitete, der Mensch träumte. Er verband damit verschiedene Bewusstseinsebenen.

Mit dem Stur-Chips-parallel-Schalten und ein paar Programme Einspeisen war es nicht getan. Die Wissenschaftlerteams bestanden dann zu größeren Teilen aus Psychologen und Neurologen. „Das künstlich intelligente Wesen muss ein Egoist sein“, wurde zum geflügelten Satz.

Erste Ergebnisse zeigten sich. Manche Roboter begannen zu denken, auf einfache Weise, schwerfällig und langsam, aber doch. Es waren an das Menschliche angelehnte Denkmuster. Dann lernten die Roboter. Man gab ihnen drei Aktivitätszustände, ein, aus und Standby, die durch einen Schieberegler eingestellt wurden. Im Standby-Modus sollte es für die Roboter möglich sein zu träumen. Das funktionierte auch, denn einige Roboter erzählten danach von schlimmen Alpträumen. In weiterer Folge entfiel der Schieberegler, und die Roboter wählten selbständig ihren Zustand. Die Roboter wurden intelligent. Bei Intelligenztests hätten sie wohl noch schlecht abgeschnitten, aber trotzdem: Die Aufgabe, künstliche Intelligenz zu erschaffen, war erfüllt.

Zu Intelligenz gehört auch ein gewisses sich entwickelt habendes Bewusstsein. Das äußerte sich so, dass einige Roboter bockig reagierten, wenn ihnen etwas nicht passte. So interessierte sich das Militär für ein paar Exemplare. Die Roboter verweigerten mit der Begründung: „Wer intelligent ist, geht nicht zum Heer.“

Oder der Roboter, den ein Wissenschaftler zum Abendessen mit zu sich nach Hause nahm. Er saß mit der Familie zu Tisch, er schüttete das Essen einfach in einen Hohlraum in seinem Inneren, er betrieb Konversation, aber als die Tochter des Wissenschaftlers zu ihrem Papa sagte, der Roboter habe da einen Rostfleck, war er beleidigt und wurde patzig.

Das waren noch die einfachen Fälle. Die intelligenten Roboter wurden zuverlässige Gehilfen, die man mit Nachsicht und Respekt behandeln musste. Kam man ihnen herablassend oder unfreundlich, stellten sie die Arbeit ein und schmollten, manche beschwerten sich auch. Aber nach einiger Zeit renkte sich das wieder ein.

Es kam aber noch etwas ganz anderes auf: Wer mit Geist behaftet war, konnte auch eine Störung dessen haben. Geist bedingte ebenso Geisteskrankheiten.
Neue Berufszweige entstanden: Roboter-Psychologen, Roboter-Psychiater, Roboter-Psychotherapeuten. Und eine neue Einrichtung, die der Roboterpsychiatrie.
In einer solchen traf man den Kehrroboter mit den vielen Bürsten an seiner Unterseite, der größenwahnsinnig geworden war. Er bildete sich ein, er wäre Astrophysiker. Aus einem Pappendeckel hatte er sich ein Fernrohr zusammengerollt und beobachtete damit, wenn die anderen Roboter in seinem Zimmer schliefen, den Sternenhimmel.
Oder man lernte den Roboter mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kennen, der ständig vor spiegelnden Flächen stand, in denen er sich selbst bewunderte.
Und viele andere Roboter waren noch dort, denen man half und sie überwachte.

Die Zukunft hatte schon angefangen und war noch lange nicht zu Ende.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 17014

Willi

Z63 war ein Haushaltsroboter, ein Importprodukt aus Japan im mittleren Preissegment. Seine Besitzer, die Familie Fischer, ein Ehepaar lebensdurchschnittlichen halben Alters mit der sich in der Backfisch-Phase befindlichen Tochter Franziska, kurz Franzi, hatte bei seinem Kauf über den Großhandel Wert auf Effizienz bei möglichst geringen Betriebskosten gelegt.
Er funktionierte mittels Strom aus seiner eigenen kinetischen Energie, den er in einem in seinem Gehäuse integrierten Akku speicherte. Zusätzlich war er mit Photovoltaik-Zellen ausgestattet, den Akku konnte man ebenfalls einfach, aber teuer, über eine Steckdose aufladen, auch war eine Batterie im Lieferumfang enthalten gewesen, er musste jedes halbe Jahr zum Roboter-Doktor, der zentralen Wartungsstelle, seine Software wurde über eine Funkverbindung mit der Herstellerfirma ständig upgedated, die Ausgaben für Schmiermittel waren zu vernachlässigen.

Als der Instandsetzungs-Techniker ihn aus der Cellophanhülle geschält und von den Porocell-Kügelchen befreit, ihn schließlich mithilfe eines Hebelzuges aus der Transportkiste gehoben hatte, die erworbenen Programme in sein Rechenzentrum überspielt, seine Augen justiert, die Ohren eingerichtet, die Nase kalibriert und die Stimme, sie durfte nicht blechern klingen, das war den Fischers die Zuzahlung wert, dem gewünschten Klang angepasst und seine Motorik, im Groben zuerst, dann im Kleinen, getestet und verbessert worden war, „Schrubbe den Boden!“, hatte der Befehl an ihn gelautet, und er war dabei gewesen, ihn ganz ordentlich zu erfüllen, wohl war er ein recht einfacher Kerl, doch er verfügte, den Aufpreis dafür hatten die Fischers nach einiger Überlegung in Kauf genommen, über einen Gefühlserkennungs-Chip, der anhand von Blicken, Mimik, Sprache, Körperhaltung nach einem patentierten Algorithmus die Stimmungslage von ihm beobachteten Personen korrekt wiedergab, als der Instandsetzungs-Techniker also seiner Arbeit nachgekommen und Z63 auf dem Boden gekauert war mit einem Wischtuch in seinen Greifwerkzeugen, die aussahen wie menschliche Hände mit einem Chromüberzug, hatte Franzi, damals war sie erst sieben gewesen, das Zimmer betreten, eine Weile lang hatte sie den Roboter betrachtet, hatte Gefallen gefunden an seinen auf den Metallschädel gemalten schwarzen Haaren und dem dünnen Bärtchen über seiner Sprecheinheit; seine nur aus dunkelblauer Farbe bestehende Butler-Uniform, ihre Eltern hatte nämlich an seinem Äußeren gespart, war ihr lustig erschienen, zusehends waren seine ruckartigen Bewegungen fließender geworden, da hatte sie den Techniker gefragt: „Hat er schon einen Namen?“ „Nein“, hatte der Techniker zurückgegeben, „seine Typenbezeichnung ist Z63, aber das steht nur für seine Betriebsreihe, das ist kein richtiger Name.“ „Er soll Willi heißen“, hatte Franzi da gesagt. Der Roboter hatte sie aus braunen Kulleraugen-Optikinstrumenten angesehen, er hatte registriert: „Ich – heiße – Willi.“

Weiters wurde Willi von Gerlinde, Franzis Mutter, eingeschult. Er erwies sich als aufnahmebereit und lernwillig, nach kurzer Zeit schon erfüllte er nahezu fehlerlos selbstständig alle im Haushalt anfallenden Aufgaben, Geschirr spülen, saubermachen, Wäsche waschen, zum Trocknen aufhängen und bügeln, Ordnung in das Chaos von Franzis Zimmer bringen, aber auch in so manch andere, so bettete er in Holgers und Gerlindes Schlafzimmer täglich auf, denn Gerlinde hasste Brösel im Bett, beliebte darin jedoch Kekse zu essen, und, ganz wichtig auch, die den Haushalt betreffenden Einkäufe erledigen, Lebensmittel und Non-Food-Artikel, dafür hatte er einen Chip zwischen den Metallteilen von linkem Unterarm und Greifwerkzeug, der mit Digits, ein Digit entsprach einem Euro, aufgeladen war, zur Zahlung, meist im nahegelegenen Supermarkt, der so ziemlich alles führte, was die Fischers andauernd benötigten, legte Willi diesen seinen Gehäuseteil, der dem Pulsmess- oder –aufschlitzbereich des Menschen entsprach, über den Scanner der Kassa, die ein weiblicher Roboter bediente, und die Digits für die Waren auf dem Förderband wurden abgebucht.

Nur bei einer Sache haperte es: beim Kochen. Klar, dafür gab es ja auch eigene Kochroboter, und die wollten verkauft werden. Wohl war es aber möglich, Willi mit einem Geschmackssinn aufzurüsten, derzeit konnte er sich nur die genauen Mengen an verwendeten Gewürzen für das jeweilige Gericht merken, doch die von ihm zubereiteten Speisen schmeckten für Menschengaumen lasch, als Koch war Willi schlicht nicht geeignet, das zusätzliche Feature eines Geschmackssinnes jedoch war einfach zu teuer, also kochten weiterhin Gerlinde, Franzi nur manchmal Kleinigkeiten und ab und zu Holger selbst. War der gelegentlich bedrückt, weil er wieder mal seine Produkte nicht an den Mann oder die Frau gebracht hatte, er arbeitete als freier Handelsvertreter, schlug Willi einen heiteren Tonfall an, fragte ihn, was es denn gäbe, blieb Holger verschlossen, holte er ihm ein passendes Buch aus einem der Regale, denn Holger las gerne.

Hatte Franzi Kummer, weil ihre Schulkameradinnen ihr Kaugummi ins Haar geschmiert hatten oder sie als blöde Kuh tituliert, oder sie sich in einen Jungen verguckt hatte, der nichts von ihr wissen wollte, oder sonst irgendwas in der Art, munterte Willi sie mit flotten Sprüchen auf oder sie spielten „Schwarzer Peter“, wobei Willi absichtlich verlor. Wenn Gerlinde sich eingehend im Spiegel betrachtete, wusste Willi schon: Sie hat ein neues weißes Haar oder eine frische Falte gefunden, oder wenn sie unglücklich von der Waage stieg, war es Zeit für ihn zu handeln. „Wenn ich ein Mensch wär, hätt ich gern so eine schöne Frau wie dich“, sagte er dann, und Gerlinde zwang sich ein Lächeln ab, und das half, wie Willi lernte.

Die Jahre vergingen. Es waren derer gute. Die Fischers lehnten stets das Angebot der Herstellerfirma ab, Willi um einen moderaten Aufpreis gegen das jeweilige Nachfolgermodell, alle zwei Jahre bestand dazu Gelegenheit, einzutauschen. Vieles war inzwischen möglich, Roboter aus Analogfleisch und mit roter Betriebsflüssigkeit, Roboter mit Menschengesichtern. Nein, sagten die Fischers, Willi sollte bleiben. Die Überweisungen von Holgers Patronatsfirmen wurden höherstellig, Gerlindes letzte Modelinie traf den Puls der Zeit. Und Franzi schrieb Gedichte und schwärmte für Boy-Groups, ohne dass ihre Schulnoten sehr darunter litten. Die Welt der Fischers war wie ein farbenfrohes Puzzle, in dem kein einziges Teilchen fehlte.

Dann kam der Tag des Lichtblitzes. Als er durch das Haus zog, fielen die drei Fischers nieder, wo sie gerade gewesen waren, Gerlinde kochend in der Küche, Holger Fußball fernsehend im Wohnzimmer, Franzi sich schminkend im unteren Bad, und bewegten sich nicht mehr, seitdem niemals mehr. Willi kannte den Begriff tot nicht, er selbst blieb frei von Schaden, nur seine Optikinstrumente waren etwas überlastet, sie waren für ihn lediglich temporär außer Funktion. Doch er hatte seine vielfältigen Arbeiten zu erledigen, daraufhin war er programmiert, also fuhr er fort, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Seinen Riechmodus blendete er bald aus, denn unangenehme Gerüche verbreiteten sich, nicht nur hier im Haus, sondern überall dort, wo Willi hingelangte, und mit dem Zustand einer lediglich vorübergenenden Außer-Betrieb-Setzung der Fischers sowie all der anderen Menschen war er sich nicht mehr so sicher, denn ihr Bild in seinem Erinnerungsmodul glich nicht mehr dem, was seine Optik tatsächlich aufnahm. Die Funkverbindung zwischen ihm und seiner fast am anderen Ende des Erdballs gelegenen Herstellerfirma war nun gekappt. Willi kaufte weiterhin ein, Lebensmittel, Kosmetikprodukte, Rasierer. Nachdem die Lebensmittel ungenießbar geworden waren, packte er sie in die Mülltonne, die von Roboterkollegen alle vierzehn Tage entleert wurde. Auch nachdem seine Digits aufgebraucht waren, ließ ihn die Roboterkassiererin weiter seine Einkäufe erledigen. In erster Linie war sie wohl mit einem elektronischen Geldzähl-Mechanismus ausgerüstet, doch verfügte sie anscheinend auch über eine Kombinationsgabe, die ihr sagte: „Er als Roboter erfüllt ja nur seine Pflicht, und die Menschen können uns nicht mehr kontrollieren. Also, was soll´s?“

Gleichzeitig fielen Beleuchtung und Strom aus, nicht nur im Haus, auch auf den Straßen, in den Geschäften und allen öffentlichen Plätzen. Das Fehlen von künstlichem Licht störte Willi nicht so sehr, denn er hatte, wie praktisch jeder Roboter, Restlichtverstärker in seinen Optikinstrumenten integriert. Dass er nicht mehr auf den Strom aus der Steckdose zurückgreifen konnte, war für ihn schon problematischer, darum hieß er jetzt erst recht: sich fit halten, er brauchte möglichst viel Bewegung. Das Haus war klinisch sauber, alle Zimmer penibel aufgeräumt, die Non-Food-Artikel stapelten sich, okay, der Garten verwilderte, doch da konnte er nichts tun, er war weder zum Rasenmähen noch zum Heckenschneiden oder Blumensetzen programmtechnisch instruiert.

Was blieb? Joggen. Wille drehte von nun an tagtäglich seine Runden, vorbei oft genug an Sexrobotern in Miniröcken und Netzstrümpfen, die, so vermutete er, wahrscheinlich auch mittels kinetischer Energie in Gang gehalten wurden und jetzt in Ermangelung von Menschen auf andere Roboter zurückzugreifen versuchten. Nun ja, er konnte mit ihnen nichts anfangen, er war dafür nicht ausgestattet. Dann brach die Wasserversorgung zusammen. Im Haus war Willi das einzige Wesen, das noch Schmutz produzierte, doch wenn aus den Wasserhähnen nicht mal mehr Tropfen kamen, wie sollte er den wenigen wegkriegen? Die Reinigungsroboter konnten die Straßen nicht länger abspülen, weder die Fassaden der Häuser noch ihre Fenster und auch die Böden der Geschäfte waren nicht mehr sauberzukriegen. Schmutz und Staub wuchsen allerorten, und zudem waren die armen Roboterburschen nun völlig nutzlos geworden, sie hingen auf den Straßen rum und verbreiteten schlechte Laune. An den Schaltstellen saßen halt doch ausschließlich Menschen, und ohne sie ging stufenweise alles den Bach runter, es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Sprit ausginge, die Lagerstände waren zwar noch recht hoch, nur neues Erdöl wurde nicht mehr gefördert.

In der darauffolgenden Woche stand für Willi wieder Besuch beim Roboter-Doktor an. Die „Doktoren“ waren selbst Roboter. Da er ja seit einiger Zeit über keine Digits mehr verfügte, hatten sie sich das letzte Mal eingelassen, ihn für an ihm durchgeführte Servicearbeiten ihre großflächige Werkshalle reinigen zu lassen, bis sie hintennach wie poliert ausgesehen hatte, doch das war leider nicht mehr möglich, zudem verlangte sein Gehäuse diesmal nach einer Öl-Dampfstrahlreinigung, die kostete einiges extra, Schmiermittel hätte er sich noch gerne im Vorrat besorgt, mit den zwielichtigen Typen vom Roboter-Schwarzmarkt gab er sich nicht gerne ab, würden sich die Docs damit zufriedengeben, dass er alle ihre Arbeitsgeräte akribisch schlichtete, so dass sie auch leicht aufzufinden waren, er konnte sogar ein eigenes Ordnungsprogramm dafür entwerfen, das war ja schließlich seine Bestimmung, als Maschine? Willi fürchtete um seine zukünftige Gesundheit. Fürchten? Das war doch ein Gefühl. Willi konnte wohl fremde Gefühle deuten, aber selbst keine entwickeln, womöglich jedoch hatten die komplizierten Strickmuster verschiedenster Launen auf eine seltsame Weise irgendwie auf ihn abgefärbt. Trotzdem: Roboter bleibt Roboter und Mensch bleibt, oder war, Mensch. Das war Willi klar.

Es hilft ja doch nichts, folgerte seine Rechenzentrale, ich muss einkaufen gehen, wofür denn gibt es mich sonst? In dem Supermarkt in seiner Nähe hatten die Regale begonnen, sich zu lichten, nichtsdestotrotz trieb er die standardisierten Lebensmittel alle auf, Shampoo, zwei verschiedenfärbige Nagellacke, Tampons, Rasierer, Rasiercreme, nur eines ging ab: Seife, nicht ein einziges Stückchen, gleich welcher Marke, war ausgestellt. Willi fragte die gesetzte Roboterkassiererin, ob es denn eine Möglichkeit gäbe, vielleicht doch drei, zwei, wenigstens ein einziges Stück Seife hier im Laden aufzutreiben. „Sieh doch bitte selbst im Lager nach, Willi. Das ist hinter der großen grauen Schiebetür ganz am unteren Ende“, sie wies in die Richtung, „daneben ist eine Klingel. Wenn du sie läutest, wird dir jemand öffnen.“
Willi bedankte sich artig. Er ging zum Lagereingang und betätigte die Klingel. Ring ring. Es dauerte nur kurz, da schob sich die schwere Tür etwa eineinhalb Meter zur Seite. Und eine Roboterdame stand vor ihm, blonde aufgemalte Locken, blaue Iriden der Optikinstrumente, rot umrandete Sprecheinheit, in der aus Farbe bestehenden dunkelgrauen Uniform eines Lagerhaltungsroboters, Susi stand auf dem Namenskärtchen über der linken Brust ihres Gehäuses, die schon recht abgeschabt war, wie auch bei ihm, wie er wusste, unverkennbar ein Z63, in weiblicher Ausführung. „Sie wünschen, mein Herr?“, fragte sie in einer hellen, sanften, einer menschlichen zum Verwechseln ähnlicher Stimme. Üblicherweise hätte Willi so etwas in der Art von: „Grüß Gott, gnädige Frau, ich würde etwas Seife benötigen“ von sich gegeben, doch nun starrte er sie nur an und sagte: „Seife.“

Woraufhin Susi lachte, nur mit Lauten natürlich. „Du würdest mich doch jetzt sicherlich gerne zu dir nach Hause einladen, stimmt´s?“, erwiderte sie und legte ihr rechtes Greifwerkzeug gegen Willis metallenen linken Oberarm. Auch sie verfügte über einen Gefühlerkennungs-Chip, ungewöhnlich eigentlich für einen Lagerhaltungsroboter, erkannte Willi, doch ihrer Aussage spitzte sich auf etwas Übles zu. „Ich kenne dich“, fügte Susi hinzu, „du heißt Willi und wohnst in dem schmucken Häuschen der ehemaligen Fischers dort drüben, seit vielen Jahren schon sehe ich dich kommen und gehen. Ich lebe hier in der Lagerhalle. Seit ich Denkteppiche knüpfen kann, habe ich sie niemals verlassen. Früher wollte ich immer nur raus, doch jetzt will ich und kann ich es nicht mehr.“ Sie konnte durch stromdurchflossene Leiter sogar eigene Empfindungen konstruieren, und eben darum war sie enttäuscht und in weiterer Folge abgestumpft.
Willi verstand dies, und auch das: Er war zu spät. „Also keine Seife“, fragte er. „Seife doch“, entgegnete sie, „aber nicht mehr.“ Sie ging und kam zurück mit vier Stück. „Du hast nun alles, was wir hier noch hatten“, sagte sie und umfasste seine flache mit ihrer Hand, wie Chrom glänzend beide. „Das ist Roboterliebe“, fuhr sie fort. „Zu mehr sind wir nicht gemacht.“

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17003

Die Kuppel

Das Knacksen des Informationsverkünders lenkte XX.645s Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Meldung, als wenn eine Stimme sich räusperte, bevor sie sich erhob. „Gepriesen sei der Fortschritt, Ihr neugeborenen Menschen. Heute um fünf Uhr sechsunddreißig erblickte Nummer 100.000 in der zentralen Geburtenanstalt erstmals das Licht der Kuppel.“

XX.645, der sich selbst „Gi“ nannte, blickte auf die Uhr an der Kunststoffwand. Er wusste, was in fünf Minuten kommen würde.

Er hing noch dem Traum nach, in dem er an der Oberfläche gelebt hatte. Er wusste nicht, wie es dort aussah, es gab keine Aufzeichnungen darüber. Er kannte nur Begriffe wie „Sonne“ und „Berg“. Im Traum hatte er sich selbst eine Landschaft zusammengestellt. An der Oberfläche soll die Landschaft früher natürlich geformt und gewachsen gewesen sein. Hier, unter der Kuppel, war sie künstlich erzeugt. Jetzt rückte der Minutenzeiger der Uhr in die vertikale Position und bildete die Verlängerung des Stundenzeigers. Jetzt kam es:

Der Informationsverkünder knackste, und die Stimme begann: „Guten Morgen, Ihr neugeborenen Menschen, es ist sechs Uhr. Bitte erhebt Euch und bereitet Euch für den Tag vor.“

Nun wurde die Unterkunft beleuchtet. Das Licht blieb gedämpft. Gi stand auf und setzte sich an den Kunststofftisch. Hier bestanden so gut wie alle Teile der Inneneinrichtung aus Kunststoff. Die Wissenschaftler der neugeborenen Menschen hatten erdölproduzierende Bakterien erschaffen können, und mithilfe des Erdöls erzeugten die Techniker Kunststoff, den sie in Formen pressten.

Die Unterkunft bestand aus nur einem Raum und Bad und WC. Zwei Wände des Raums waren von grünen Pflanzen bewachsen, die für ausreichen Sauerstoff sorgten. Die Bewässerung erfolgte in einem kleinen Wassertrog. Gi ging zur Kühlzelle mit der durchsichtigen Front. Er nahm sich „Beerenvielfalt“ heraus und schenkte sich einen Beinahe-Orangensaft in ein Glas ein. Die Nahrung wurde hier unter der Kuppel erzeugt, gemeinsam mit der Entsorgung war das einer der drei großen Industriezweige, die beiden anderen waren Beleuchtung und Luftfilterung. Gi arbeitete als Monteur in der Luftfilterung.

Er brauchte nur einen Löffel, um zu essen. Die „Beerenvielfalt“ war ein lilafarbener Brei. Gi wusste nicht, wie Beeren und Orangen in Wirklichkeit schmeckten, er hatte sie nie gegessen. Also schmeckten sie wohl so wie gerade jetzt. Er hatte noch Zeit. Er sinnierte. Was wäre das Beste, was wäre das Schlechteste? Er fängt mit dem Schlechtesten an. Am schlechtesten wäre das feine weiße Pulver, das von oben kommt. Gleich nachdem es auf der Haut ist, entzündet es sich von selbst. Das ist der Selbstzerstörungsmechanismus, der in der Kuppel eingebaut ist. Wenn die neugeborenen Menschen sich so negativ entwickeln, dass keine Umkehr mehr möglich ist, tritt er in Kraft. So wurde es ihnen erzählt.

Was am besten wäre? Was sehr schön wäre, wäre eine Partnerin, eine, mit der er sich fortpflanzen dürfte. Dafür müssten beide X in seiner Bezeichnung durch Zahlen ersetzt werden. Dazu müsste er zweimal vom Rat der Acht belobigt werden. Der Rat der Acht herrscht über die neugeborenen Menschen unter der Kuppel. Seine Mitglieder zeigen sich nicht öffentlich. Niemand weiß, wie sie aussehen. Eine Belobigung oder ein Urteil oder etwas anderes wird dem Betroffenen über einen Mittler überbracht. Eine Belobigung ist schon nicht leicht, zwei Belobigungen sind sehr schwierig zu erreichen. Aber es ist ein Ziel, eine Partnerin, ein Kind, für das es sich zu leben lohnt.

Das Ziel, dass der Rat der Acht ausgegeben hat, ist, dass die neugeborenen Menschen wieder die Oberfläche besiedeln sollen. Dieses Ziel wurde schon vor langer Zeit ausgegeben, und es wird noch einige Generationen dauern, bis es so weit sein wird.

Ich sollte jetzt damit aufhören, Gedanken nachzuhängen, sagte sich Gi, sonst bekomme ich noch seltsame Ideen. Er ging sich duschen. Danach zog er eine weiße Unterhose und einen weißen Overall an, die unter einer Öffnung in der Kunststoffwand lagen. Schmutzige Wäsche gab man in eine Öffnung darunter, sie wurde mittels Druckluft zur Wäschestelle transportiert, wo sie gewaschen wurde. Gleichzeitig wurde saubere Wäsche auf dieselbe Weise zu dieser Unterkunft befördert. Es gab nun nichts mehr, was Gi in seiner Unterkunft hielt. Er verließ sie, ging den Flur entlang und die Stiege hinunter. Einige andere taten dasselbe. Sie waren alle weiß.

Im Freien, was außerhalb von Gebäuden bedeutete, hatte Gi die Wahl zwischen einem Förderband, das ihn, mit Umsteigen, zu seinem Arbeitsplatz brachte, oder dem Zufußgehen. Ich gehe heute zu Fuß, entschied er. Hier auf der Straße waren zwischen all den Weißgekleideten manche wenige in Schwarz, sie traten mindestens zu zweit auf. Das waren die Wärter, sie hatten Namen mit einer hintangestellten Zahl an derselben Stelle im Brustbereich, wo die Weißgekleideten ihre Nummern mit vorangestellten Xen hatten. Sie lebten am Rand der Kuppel, es hieß, sie hätten mehr Komfort. Sie waren die Ordnungsmacht. Sie bestraften mit dem Schockstab, an dem sie die Stromstärke von sehr leicht bis tödlich einstellen konnten.

Gi hatte mit Ihnen niemals Probleme gehabt, im Gegenteil, letzte Woche hatte er ihnen eine Beobachtung gemeldet. Im alten Lagerhaus im Osten, das wie alle Gebäude aus Stahl war, der korrodierte, dessen Farbe von blaugrau zu rostbraun gewechselt hatte, und dessen Festigkeit nachließ, hatte er einige Flugblätter gefunden. „Glaubt nicht, was Ihr seht!“ und „Lehnt Euch gegen Euer Sklaventum auf!“ stand auf ihnen. Jeweils ein Flugblatt gab er als Beweisstück ab.

Es war hell. Draußen war es immer hell. Dadurch sollten Verbrechen vermieden werden. Es gab keine Insekten oder Vögel oder sonstigen Tiere. Die einzigen Lebewesen waren Menschen, viele weiße, jetzt zwei schwarze, die auf Gi zusteuerten. Unwillkürlich bekam er Angst. Die letzten Stöße vom Schockstab, von denen ich Zeuge war, waren doch sehr heftig, dachte er. Die Weißen krampften. Beim allerletzten Mal bewegte sich der Weiße nicht mehr. Gi ging langsamer.

Die Wärter gingen forsch auf ihn zu. Als sie vor ihm waren, streckte einer die Hand aus. „Stehenbleiben!“, hieß das. „Neugeborener Mensch XX.645?“, fragte der Wärter, auf dessen Schild „Paul 72“ stand. „Ja“, sagte Gi unsicher. „Wir beglückwünschen Sie zu Ihrer Beobachtung“, sagte der Wärter „Kurt 43“. Wir konnten die Schuldigen ausfindig machen. Der Rat der Acht hat daher entschieden, Sie zu belobigen, wobei ich nun als Mittler fungiere. Sie haben allen neugeborenen Menschen eine Wohltat erwiesen.“ An Ort und Stelle ersetzte Paul 72 das X an der Zehntausenderstelle durch 9. „Danke“, sagte X9.645 nur. Die Wärter entfernten sich.

Jetzt war es doch ein bisschen spät geworden. Gi bestieg ein Förderband, er war seinem größten Wunsch nun ein großes Stück nähergekommen. Er musste nur noch die Augen offenhalten, es lag doch einiges im Ärgeren, als man dachte. Er stieg auf ein querlaufendes Förderband um. Eine solche Beobachtung noch, die zu den Tätern führt … Gi war auf dem Weg zur Arbeit und inmitten dieses Gedankens, da bemerkte er feines weißes Pulver an seinen Händen, das er zwischen den Fingern zerrieb. Es war auch auf seinen Haaren, seinen Schultern, den Schuhen. Es kam von oben und bedeckte jede Fläche.

Als er „Warum?“ schrie, brannten er und alles um ihn herum bereits.

Michael & Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16166

 

Stecker

Eine Satellitenschüssel mit Stangen und Messinstrumenten, das soll alles sein? Die Außerirdischen wundern sich. Sie sehen genauer nach. Irgendwo auf dem Ding steht „Voyager 1“ drauf, und dann finden sie noch etwas: eine Schallplatte in einer Hülle, die an der Außenseite des seltsamen Gefährts angebracht ist. Die Schallplatte ist aus Gold, zumindest damit bezogen. Nicht schlecht, denkt Gonfff und wiegt sie in seinen dreifingerigen Greifern, für ein gestrandetes Objekt, alle Achtung! „The Sounds of Earth“ steht in ihrer Mitte. „Scheint ein interessanter Planet zu sein“, sagt sein Kollege Wymkzz. „Wir haben ohnehin schon bald keine Vorräte mehr.“ „Schau mal“, meint Gonfff und deutet auf die Symbole, die in die metallene Hülle eingeritzt sind, „das stellt wohl ihre wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften dar. Simpel, nicht?“ „Hohoho, das erinnert mich an meine Kindergartenzeit“, entgegnet Wymkzz. „Da hast du Recht. Mir geht es auch so“, fährt Gonfff fort. „Aber sieh doch hier“, er zeigt auf die schematische Darstellung der Erdensonne innerhalb von vierzehn Pulsaren. „Das dürfte der Lageplan dieses Planeten sein.“ „Und das hier“, sagt Wymkzz, „soll wohl eine Skizze des Plattenspielers sein. Als ob wir hier keine Plattenspieler kennen würden, tzz tzz.“ „Das ist aber ein spezieller“, merkt Gonfff an. „Sieh doch mal nach, ob im Inneren dieses Gefährts noch etwas ist.“

Wymkzz öffnet das Türchen der Kapsel. Gotcha! Was ist in ihr drinnen? Ein Plattenspieler, der Plattenspieler für diese spezielle Schallplatte, Marke: Thorens. Mit einem NEMA-5-Stecker, der in den USA üblich ist, oder war – falls es diese nicht mehr gibt.

„Der passt nicht in unsere Steckdosen!“, jammert Wymkzz. „Diese Idioten, Kretins, geistige Mehlwürmer“, regt sich Gonfff auf, „haben nicht einmal an einen Universalstecker gedacht! Weißt du was, mein lieber Wymkzz, ich denke, wir bleiben lieber zuhause.“

Vor Ärger haben sich die halbmeterlangen Stacheln auf seinem Rücken aufgerichtet. Die beiden Außerirdischen trotten enttäuscht von Voyager 1 davon. Sie hinterlassen Fußabdrücke in den Größen 265 und 271.

Vangeli & Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16165

Biological Solutions

Als ich noch ein Mensch war, war ich nicht frei. Jetzt, als Gehirn in einer Nährlösung schwimmend, bin ich es. Der Körper war eine Fessel, die ich abgestreift habe. Ich war Matt Brunner, offiziell starb ich und wurde unter diesem Namen beerdigt. Matt Brunner steht auf dem Namensschild des Glasquaders, der mich beherbergt, den wichtigsten Teil von mir. Ich denke, und ich kombiniere, und ich erinnere mich, also bin ich am Leben. So sehe ich es. Daher bin ich Matt Brunner, immer noch.

Ich verunfallte mit dem Auto. Es war im Herbst. Die vom Nebel feuchten zu Boden gefallenen Blätter waren ein glitschiger Belag auf der Straße. Es war dunkel, ich achtete nur auf das, was vor mir war. Da kam ein Auto auf mich zu. Das Licht seiner Scheinwerfer war hell, es kam rasch näher, die Straße war schmal. Ich wollte mein Auto zum Stehen bringen und auf der äußerst rechten Seite warten, bis das entgegenkommende Auto vorbei wäre, also bremste ich, automatisch. Das Auto rutschte weiter, das Heck brach aus, es drehte sich nach rechts. Es kam von der Straße ab und prallte frontal gegen einen Baum.
In meinen letzten Minuten sah ich noch den Fahrer des anderen Autos, der es stehen gelassen hatte, auf mich zulaufen, die Fahrertür öffnen. Er sprach mit mir, aber ich hörte nicht mehr. Mein Brustkorb war eingedrückt, Arterien waren gerissen, das Herz schlug nicht mehr, meine Lunge war zusammengefallen, die Beine gebrochen, die Arme blutend und gekrümmt. Hätte ich doch lieber ein wenig mehr ausgegeben und mir einen Volvo gekauft, dachte ich in den Sekunden nach dem Aufprall, zwischen hier und dort, im Sterben. Nur mein Gesicht, mein Kopf war gänzlich unverletzt.

Um mich wurde es schwarz. Da war kein helles Licht, da war kein Tunnel, da war gar nichts. Und dieses Nichts zeigte sich durch Schwärze. Plötzlich sah ich wieder. Ich sah mein zerstörtes Auto, ich sah den Fahrer des Autos, der mir entgegengekommen war, das Auto stand auf der Gegenfahrbahn, ich sah einen Arzt und einen Sanitäter, ich sah den Rettungswagen, nein, es war kein richtiger Rettungswagen, er war nicht weiß, sondern orange, und statt dem roten Kreuz war da ein blaues Kreuz in einem blauen Kreis, und ich sah mich selbst – meinen kopflosen Torso, denn mein Kopf befand sich in einer Tasche mit einer Flüssigkeit. Die Tasche war transparent, und meine Augen erfüllten noch ihre Funktion.
Man brachte das, worauf ich nun reduziert war, zu einer Firma, die sowohl über Krankenhausräume, vor allem Operationssäle, als auch über Laborräume verfügte. Die Firma heißt „Biological Solutions“. Dort nahmen sie mein Gehirn aus dem Kopf und legten es in ein Reagenzgefäß, wo es in künstlichem Blut schwebte und bis heute schwebt. Warum sie nicht meinen ganzen Kopf einlegten? Ich weiß nicht, vielleicht ist es medizinisch nicht möglich, oder es erschien ihnen als gruselig.

Mein Körper schied dahin, mein Geist war noch am Leben, könnte man vereinfacht sagen, außer Acht lassend, dass das Gehirn auch ein Teil des Körpers ist.
Ich war nun aller Sinne beraubt. Das Einzige, was ich konnte, war denken. Ich vermutete, dass ich träumte. Es war ein Traum, der kein Ende nahm. Dann mischten sich Bilder von dem Unfall hinein. Sie wirkten real, weil ich mich an Schmerz erinnerte. Dieser Unfall schien sich wirklich ereignet zu haben, und ich wurde schwer bei ihm verletzt. Demnach wäre es wahrscheinlich gewesen, dass ich jetzt im Koma läge, meinte ich, oder dass ich locked-in sei. Welche andere Erklärung hätte es denn gegeben, wenn nichts in mich eindränge, und ich mich nicht äußern konnte? Wer zieht denn in Erwägung, dass er nur noch ein Gehirn ist?

Jedenfalls war es jetzt so, dass ich keine Aufgaben mehr erfüllen musste. Wer krank ist, braucht nicht zur Arbeit zu gehen. Die Abläufe funktionieren auch ohne ihn – vielleicht anfangs auch nicht, weil man sich zu sehr auf ihn verlassen hat, aber mit der Zeit findet man neue Wege, baut andere Zahnräder statt seinem ein, und das Uhrwerk läuft wieder. Was hatte ich mich doch immer abgestrampelt!, Arbeit, Frau und zwei Kinder und zudem, nicht zu vergessen, das Haus, bei dem ständig Reparaturen anstanden, die ich entweder selbst erledigen konnte, was mir Zeit und Mühe abverlangte, oder Fachleute rufen musste, was Geld kostete und oft genug auch Ärger nach sich zog, weil sie schlampig arbeiteten. Stets war ich beschäftigt, und stets war ich bemüht gewesen, aber so gut wie nie kam ein „Das hast du aber gut gemacht“, auch nur ein „Danke“ war selten. Am ehesten hätte noch der Kater etwas Derartiges gesagt, nachdem ich ihm besonders feines Fressen gegeben hätte, aber er kann ja nicht reden.

Alles hatte ich als junger Mann getan, um Abwechslung zu haben, einige Zeit lang jeden Jahreswechsel in einem anderen Land gefeiert, neue Jobs in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen angenommen, dabei oft umgezogen, neue Bekanntschaften geschlossen und gelernt, ständig dazugelernt.
Nun war ich für einen Jobwechsel eher zu alt, mit meiner Frau war ich finanziell und emotional engmaschig verknüpft, für die Kinder war ich der zweite, notwendige Elternteil. Ich war eine lebende Brieftasche geworden, Mr. Alltag.
Das war jetzt schwarzseherisch, die hellsichtige Perspektive war die, dass ich meine Frau und die Kinder liebe, an dem Haus Freude habe, und meine Arbeit – nein, ich machte sie nicht besonders gerne, weil ich sie schon zu genau kannte, aber sie war recht gut bezahlt.

Aus all dem war ich herausgefallen. Es fühlte sich sehr ungewohnt und seltsam an. Wie? Nun ja, da ich nichts konnte, hatte ich keine Verpflichtungen mehr und war somit völlig frei. Allerdings nach einer Art der Freiheit wie die einer in der Luft schwebenden Kugel, die sich in jede Richtung bewegen kann, es aber nicht vermag.
Denken ist masselos, also ist es nicht der Schwerkraft unterworfen. Denken war meine einzige Beschäftigung. Ich konnte auch die Ergebnisse nicht ausdrücken. Natürlich ging ich auch durch mein altes Leben, überlegte, wie ich es hätte besser machen können oder reagierte im Geist anders, wodurch mein Weg ein anderer geworden wäre. Das war dann doch quälend und wurde mit Fortdauer zwanghaft. Ich schaffte es, das zu verringern. Es abzustellen war nicht möglich, aber ich kam damit klar, es kleinzuhalten.

Wo ich gelandet war, war das Nirgendwo. Ich begann, mir Landschaften auszudenken, in denen ich mich bewegte, Frauen, die an meiner Seite waren, ich spielte in Gedanken mit meinen Kindern, die ich erst erschaffen hatte. Mir standen alle Möglichkeiten zur Verfügung. Mochte ich eine Person plötzlich nicht mehr, war sie weg.
Klingt das anmaßend? Ich war der Gott in meinem eigenen Universum. Auch wenn es das nicht tut, ist die Aussage nicht ganz schlüssig, denn Gott erschuf tatsächlich – falls man an ihn glaubt, ich aber nur mit Gedankenmörtel und Gedankenband.
Ich war das Kind mit Schaufel, Kübel und Rechen, das eine Unmenge an Geistessand zur Verfügung hatte und damit baute, was immer es wollte. Mutter, Vater und Geschwisterchen waren jenseits meiner Sicht, niemand beaufsichtigte mich, ich spielte dort am Ufer des stillen Sees.

Und dann passierte es.
Ich sah ein Gehirn in einem Reagenzgefäß, das in einem Laborraum stand. In einer Seitenwand des Gefäßes war ein Loch, durch das zwei Kabel gezogen waren, die an das Gehirn angeschlossen waren. Dadurch, dass eine Biene flog, erkannte ich, dass es ein Video war. An der Unterseite der bewegten Bilder war ein Insert: „Dies ist das Gehirn von Matt Brunner, der am 3. November 2017 starb. Sein Gehirn hingegen ist lebensfähig und wird hier aufbewahrt.“ Auch stand mein Name auf einem Schildchen, das an dem Reagenzgefäß befestigt war.
Das waren meine künstlichen Augen, zwei Kameras für räumliches Sehen, die optische Signale zu meinem Gehirn transportierten, in diesem Fall über Kabel, die sozusagen als Sehnerven fungierten, es wäre aber auch über Funk möglich gewesen, wobei meine künstliche Augen an jedem beliebigen Ort positioniert gewesen sein könnten. Die Leistung bestand darin, dass mein Gehirn diese Signale in Bilder umwandelte. Dafür musste „Biological Solutions“ an meinem Gehirn herumexperimentiert haben.
Das war die Lage, in der ich mich befand. Körperlos. Schock war es keiner, dazu war zu viel Zeit vergangen, aber ein angenehmes Gefühl war es auch nicht. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass es möglich ist, ein Gehirn alleine am Leben zu halten. Jetzt wusste ich es.

Ich bin nun am Anfang meiner Erzählung. Jetzt geht es weiter. Sofort nachdem ich mich selbst und die roten Kabel sah, dämmerte mir: Die wollen doch etwas von mir! Wie weit ist der Weg von der Freiheit bis zur Sklaverei?
Sie hatten mir eine Digitaluhr mit Datumsanzeige in mein Blickfeld gestellt. Es war 11:37 am 7. Februar 2018. Mein zeitloser Zustand war damit zu Ende.
Meine künstlichen Augen hatten Lider. Das war eine wichtige Funktion, ich konnte mich somit von der Wirklichkeit zurückziehen. Ich machte häufig davon Gebrauch. Forscher, die in weißen Mänteln umhergingen und sich an Apparaten zu schaffen machten, das war es, was geschah. Manchmal winkten sie mir zu. Ich kam mir vor wie ein Idiot.

Eines Vormittags schlug ich die Augen auf, das heißt, ich klappte die metallenen Lider hoch, da hörte ich. Ich hörte Schritte, ich hörte, wie hantiert wurde, ich hörte Stimmen – die der Forscher. Was ich sah lief synchron mit dem, was ich hörte. Und was ich sonst noch sah, waren zwei weitere Kabel, diesmal blaue, die von zwei ohrmuschelähnlich geformten Mikrophonen über eine Öffnung auf der anderen Seite des Reagenzgefäßes wie bei den Augen-Kabeln in mein Gehirn ragten. Akustische Impulse, künstliche Ohren, und die Fähigkeit meines Gehirns, hören zu können, worin das Know-how von „Biological Solutions“ gesteckt haben musste. Die künstlichen Ohren konnte ich nicht mehr nach Belieben verschließen, leider nicht.
Mein Leben wurde nun naturgemäß sehr viel stressbehafteter. Ich war wieder Reizen ausgesetzt. Sie hatten inzwischen meine künstlichen Augen auf Kalottenlagern befestigt. Hörte ich ein Geräusch, konnte ich ihm mit meinen Augen folgen. Ich kam wieder zurück. Ich bewegte mich von innen nach außen. Ruhig war es jetzt nur noch, wenn nachts im Labor nicht gearbeitet wurde, dann war das künstliche Licht gelöscht, und es war relativ still – wobei die relative Stille immer noch laut gegenüber der völligen ist. Aber auch wenn ich es gewollt hätte, ich konnte nicht beeinflussen, was sie mit mir taten.
Ich ahnte schon, was als Nächstes kommen würde.

Ein Forscher redete mit mir. Er zeigte mir Musterfarben aus einem Katalog. Er blätterte ihn vor mir durch und assoziierte die Farben mit eigenen Erlebnissen. „In diesem Blau waren die Augen meiner Freundin in der 8. Klasse.“ Die letzte Farbe war Schwarz. Da fragte mich der Forscher: „Sagen Sie, Matt, was ist denn Ihre Lieblingsfarbe?“ Ich dachte nach und sagte: „Rosarot.“ Ich sagte es wirklich. Das Wort „Rosarot“ hallte durch den Laborraum.
Der Forscher plauderte weiter mit mir. Er erzählte, dass er fünf Jahre auf Malta gewesen und dort sehr viel gesurft sei, einmal mit ein paar Freunden rund um die Hauptinsel, Delfine habe es dort gegeben, die ihn auf seinem Brett begleitet hätten. Der Forscher wusste, dass ich auch gesurft war. Ich stellte Fragen, in ganzen Sätzen, schließlich erzählte ich auch.
Und ich lauschte meiner künstlichen Stimme. Sie war meiner eigenen nachempfunden – sie hatten wohl über Tonaufzeichnungen von ihr verfügt. Sie schwang weniger, doch sonst war sie ihr wirklich ähnlich.
Da ich nun kommunikationsbereit war, wurde von mir auch verlangt, dass ich Gespräche führte. Immer wieder fragten mich Forscher etwas, Nebensächlichkeiten fast immer, und ich antwortete ihnen.

Die Sinne des Riechens und Schmeckens stellten sie nicht wieder her. Die Gerüche im Labor waren wahrscheinlich eher unangenehm, und zu essen brauchte ich nicht mehr.
Um das Fühlen zu simulieren, stellten sie einen Drucksensor auf. Dessen Kabel zu meinem Gehirn, zu mir, war gelb. Wenn jemand ihn berührte, spürte ich das. Dann war das, als ob ich berührt wurde, ich wusste aber nicht wo, das war nicht definiert. Ich teilte das einem Forscher mit, und der sagte: „Okay, wir werden es so einstellen, dass es die Innenfläche Ihrer rechten Hand ist.“ Und das taten sie dann auch. Ich spürte über meine rechte Phantomhand.
Eine Pistolenkugel, die einmal abgefeuert wurde, kann man so leicht nicht stoppen. Ich war diese Kugel. Ich war unterwegs.

So stehen schließlich meine Frau und die Kinder vor mir. Schlimm genug, dass meine Frau „Daphne“ heißt, die Buben heißen auch noch „Max“ und „Moritz“, klingt nach Lehrer Lämpel oder nach Vollkornweckerln – was mag uns da wohl eingefallen sein? Aber natürlich sind das Oberflächlichkeiten, sie sind die Menschen, die mir am meisten wert sind, und sie sind jetzt hier. Ich blinzle heftig. Meine Frau erzählt, dass sie ganz gut klargekommen sei. „Hallo Papa, wie geht´s dir?“, fragt mich Max und „Ist dir nicht langweilig, Papa?“, Moritz, der Jüngere.
„Du hast tolle Fortschritte gemacht“, sagt Daphne nun. „Dr. Feldmann ist sehr zufrieden mit dir.“ Dr. Feldmann?, denke ich, ich kenne den gar nicht. „Er sagt“, fährt Daphne fort, „dass wir dich bald nach Hause nehmen können. Er hat einen künstlichen Körper für dich konstruiert.“

Jetzt weiß ich, was es ist, woran die Forscher in letzter Zeit so emsig arbeiteten, dieses Gestell aus Magnesium und Kunststoff: Es ist mein künstlicher Körper.
Ich werde zu einem Cyborg.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee |Inventarnummer: 16164