Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Theorien

Als Albert Einstein vor über hundert Jahren seine spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie begründet hatte, blieb alles, wie es war, denn diese beiden Theorien zeichneten das Bild der Wirklichkeit.

Anfang der 1979er Jahre entwickelte man die Stringtheorie, in der man annahm, dass das Universum nicht aus Teilchen, sondern aus Strings besteht. Die Strings sind Fäden ohne Ausdehnung, sie sind also eindimensional. Indem man die Stringtheorie aufstellte, wurde sie wirklich – in einer bemerkenswerten Weise: Alle Begebnisse ereignen sich auf einer Ebene. Was wir dreidimensional sehen, ist nicht ein tatsächlicher Körper, sondern nur dessen Hologramm. Sozusagen leben wir auf Fotografien. Ist das nicht außerordentlich verstörend?

Eine andere Theorie ist die des Multiversums. Ereignet sich etwas, wie das stets passiert, entsteht für jede Möglichkeit ein eigenes Universum, was eine gewaltige Anzahl an unterschiedlichen Universen ausmacht, die stets in exponentieller Geschwindigkeit wächst. Das Tröstende ist, dass es immer einen optimalen Ausgang einer Sache gibt, in dem sich irgendein Ich meiner selbst befindet. Dies ist jetzt Realität geworden.

Die Dunkle Energie, die existieren muss, damit die Theorien Sinn ergeben, und die für ein expandierendes Universum sorgt,  soll um null Komma 120 Nullen kleiner sein als errechnet. Würde man davon vier Nullen wegnehmen, was somit geschehen ist, ist die Expansionsgeschwindigkeit des Universums so hoch, dass sich keine Materie, wie wir sie kennen, gebildet hat. Die Dunkle Energie ist dann ja aber auch zehn hoch vier, 10 000 Mal, größer.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17122

Live

Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu lösen.

Sie lautet folgendermaßen:
„Ein Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die Hälfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie beträgt 9.700 Euro. Wie viel Lehrlingsentschädigung erhält die Tochter?“

Egon darf keine Notizen machen. Ja, es ist nicht so eine superknifflige Rechnung wie 2817, aber es geht auch nicht um eine Million Euro, sondern nur um 50.000. Er ist auch nicht in der Show eines anerkannten Fernsehsenders, sondern in der eines aufstrebenden YouTube-Kanals. Dafür ist es live. Die Show heißt: „Du schaffst es!“ Sie ist stark an die „Millionenshow“ angelehnt, allerdings sind die Fragen und Aufgaben und das Ambiente der Show, die Musik, das Publikum, für jüngere Leute ausgelegt. Sie ist jeden Samstag. Finanziert wird die Show über Werbung im Netz. Die Klickzahl ist hoch.

Egon hätte sich auch mit 25.000 Euro begnügen und aussteigen können. Die 50.000 sind der Hauptgewinn. Versagt er bei dieser letzten Aufgabe, fällt er auf 2.000 Euro zurück, die sind ihm sicher.

Egon ist ein junger Mann von einundzwanzig Jahren. Er ist ein kluger Kopf, aber er hat weder die Matura, noch eine Ausbildung beendet. Per se ist er damit Hilfsarbeiter. Seine Freundin Martha sitzt im Publikum zwischen jungen, bunten Leuten. Sie ist zwanzig. Sie hat Friseurin gelernt, aber auch nicht fertig. Die beiden leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf zweiunddreißig Quadratmetern. Sie haben praktisch nie Geld. Sie sparen, wo es irgend möglich ist, zum Beispiel im Winter beim Heizen – sie ziehen sich mehrere Pullover über. Sie sind wirklich abgefuckt. Zudem ist Martha ist einer speziellen Verfassung – sie ist schwanger, in der siebenten Woche, da ist noch alles möglich.

Sie wird immer wieder ins Bild gerückt. Wahrscheinlich erwartet man von ihr, dass ihr bange und sie gespannt ist, und jubelt, wenn Egon eine Frage richtig beantwortet hat. Dagegen wirkt Martha wie geistesabwesend, nicht bei der Sache, ruhig sitzt sie auf ihrem Platz, sie erfüllt nicht das Klischee der mitfiebernden Partnerin. Obwohl natürlich dieser Eindruck täuscht, sie ist zu hundert Prozent mit dabei, es ist nur Selbstschutz, sich geistig vom Geschehen zu entfernen, um nicht überzuschnappen geradezu, es geht ja schließlich um viel – oder sehr wenig.

Das Publikum sitzt rund um den Moderator und Egon, wie in einem griechischen Theater, die erste Reihe ist am Boden, danach wachsen die Reihen in die Höhe. Martha sitzt in der ersten Reihe. Traut sie Egon die richtige Lösung der Aufgabe zu? Sie weiß es selbst nicht recht, prinzipiell schon – Egon ist ein guter Mathematiker und schneller Kopfrechner –, dagegen spricht, dass er sichtbar nervös ist, zwanzig Sekunden bereits vergangen sind – der Countdown wird auf einem großen Display zwischen dem Moderator und Egon in grünen Ziffern angezeigt –, und dass manche Leute im Publikum Störgeräusche machen, zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Diese Leute sind doch sicherlich von den Machern der Show bezahlt, ärgert sich Martha, die Macher der Show, ja, Martha hat sie kennengelernt, drei junge Leute mit stets entspannten Gesichtszügen und ohne Geldsorgen – geht die Show schief, liegen sie halt wieder ihren Eltern auf der Tasche. Aber klar, das ist Kapitalismus, die drei zahlen lieber 2.000 Euro aus als 50.000.

Martha bemüht sich, Egon nicht anzusehen, da, falls er zurück zu ihr blicken sollte, ihn das aus seiner Konzentration reißen würde. Die an der Decke befestigten Scheinwerfer scheinen gerade auf den Boden. Nachdem eine Frage beantwortet wird, schwenken sie in die Mitte zu Moderator und Egon. Das soll einen dramatischen Effekt erzeugen – auch das ist von der „Millionenshow“ abgekupfert. Egon ist kribbelig, sein Rücken ist gerundet, er beugt sich nach vor, gleichzeitig ist er absolut fokussiert.

Er hat die Rechnung im Kopf aufgestellt. Er schreibt auf die Innenseite seiner Stirn wie auf ein Blatt Papier. Er hat noch fünfunddreißig Sekunden. Da es vier Personen sind, braucht man vier Gleichungen. Die Rechnung funktioniert wie folgt:

Einkommen des Sohnes = x
Einkommen des Vaters = x + 40/100 x = 5/5 x 2/5 x = 7/5 x
Einkommen der Mutter = 1/2 x
Einkommen der Tochter = 2/6 x = 1/3 x
x + 7/5 x + 1/2 x + 1/3 x = 9700 Euro

Egon hält den Kopf gesenkt. Kurz blickt er zum Moderator, der ihn feixend ansieht. Was will er damit? Ihm helfen sicherlich nicht, wenn, dann will er Egon aus dem Konzept bringen, eventuell möchte er auch das Publikum beziehungsweise die Zuseher im Internet unterhalten, witzig wirken halt. Noch dreißig Sekunden. Egon rechnet weiter:

Die Bruchzahlen auf einen gemeinsamen Nenner (30) bringen.
30/30 x + 42/30 x + 15/30 x + 10/30 x = 9700 Euro
Dann wird addiert.
97/30 x = 9700 Euro

Noch zwanzig Sekunden. Egon liegt im Plan. Die Rechnung erscheint ihm logisch. Er ist sich sicher, dass sie richtig ist. Wenn das mit dem Gewinn der 50.000 Euro hinhaut, ist die nähere Zukunft geritzt. Martha und er ziehen in eine komfortable Mietwohnung, in der es niemals kalt sein wird. Sie werden beide den B-Führerschein machen. Dann kaufen sie ein geräumiges Auto. Martha wird Mutter werden, er wird Vater werden. Und nächstes Jahr fahren sie im Sommer nach Ibiza, Party, Party – das muss sein. So ist das Ganze gedacht. Das Abschweifen hat fünf Sekunden gekostet, trotzdem ist noch genug Zeit. Egon führt die Rechnung fort:

Beide Seiten der Gleichung durch 97 teilen.
1/30 x = 100 Euro
Beide Seiten der Gleichung mit 30 multiplizieren.
x = 3000 Euro = Einkommen des Sohnes

Noch zehn Sekunden, in grünen Ziffern deutlich sichtbar auf dem großen Display. Egons Nervosität hat sich ziemlich gelegt. Im Stadium der Aktivität, des Rechnens, ist einfach kein Platz dafür. Martha leidet auf ihrem Platz. Sie kann nichts tun, kann Egon nicht helfen. Sie sieht auf ihren Bauch, es ist noch nichts zu sehen. Die Störgeräusche, sie sind jetzt lauter geworden, sie zischen in Marthas Ohren. Und jetzt nimmt sie auch Egon wahr. Zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Egon schließt die Rechnung ab, die Störgeräusche perlen an ihm ab wie Regen an einer Regenjacke:

Einkommen des Vaters = 3000 Euro + 1200 Euro = 4200 Euro
Einkommen der Mutter = 3000 Euro : 2 = 1500 Euro
Einkommen der Tochter = 3000 Euro : 3 = 1000 Euro

Noch fünf Sekunden. „Herr Binder, jetzt kommt es darauf an, sind Sie fertig? Wie lautet die Lösung?“, fragt der Moderator. Martha schaut starr auf das Metallgestell zwischen Egon und dem Moderator, es ist die Mitte. Die Störgeräusche sind noch lauter geworden. Hunderttausend Hornissen brummen. Egon nickt, noch vier Sekunden, er denkt nach, noch drei Sekunden. „Wie hoch ist das Einkommen der Mutter?“, das ist die Frage.

„1.500 Euro“, sagt er. Die Scheinwerfer schwenken zur Mitte. Der Moderator hebt die Arme in die Höhe, fast wie ein Priester. „1.500 Euro, sagen Sie, erhält die Tochter an Lehrlingsentschädigung?“ „Nein“, widerspricht Egon, „das ist das Einkommen der Mutter.“ „Es wurde nach der Höhe der Lehrlingsentschädigung der Tochter gefragt“, führt der Moderator fort. „Warten wir auf die Antwort.“ „1.000 Euro“, scheint als Antwort auf einer Anzeige auf.

Egon weiß sie. Er hat eine Verwechslung begangen. Doch eine Verwechslung ist auch ein Fehler. Martha hat den Mund offen und starrt den Moderator an, der demonstrativ und selbstgefällig Egon betrauert. Egon steigt mit 2.000 Euro aus dem Spiel aus. Das müsste für die Abtreibung reichen. Wahrscheinlich bleibt sogar ein bisschen was übrig.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17121

 

Discokugel

Krogg und Popp waren mit ihrem Raumschiff unterwegs zu einem weit entfernten Planeten, der in einer anderen Galaxie lag. Er war klein und blau, die Instrumente auf ihrem Planeten hatten eine Atmosphäre und flüssiges Wasser erkannt. Auf seiner Oberfläche hatten sie Aktivität festgestellt, intelligentes Leben zweifellos, zu dem Zeitpunkt, als der Lichtstrahl ihren Heimatplaneten Bunker-339I traf. Krogg und Popp wurden daraufhin losgeschickt, um mit der außer-Bunker-339i-ischen Zivilisation Kontakt aufzunehmen. Ihr Raumschiff flog nicht schneller als das Licht, aber sie projizierten die Weltkarte auf eine Ebene, die sie falteten und mit dem Raumschiff quer durchstießen, durch diese Abkürzung holten sie das Licht bei Weitem ein.

Sie waren dem Planeten schon ziemlich nah, Aktivität war dort keine mehr vorhanden. Schade, dachten Krogg und Popp, die Zivilisation war erloschen. Jetzt erschien der blaue Planet auf ihrem Schirm. Sie näherten sich weiter, verringerten dann die Geschwindigkeit und tauchten in die Atmosphäre ein, sanken und landeten behutsam auf Gras.

Krogg und Popp stiegen aus ihrem Raumschiff. Die Luft war atembar, gut. Viel Natur, einige Asphaltgebilde. Sie gingen auf einem entlang. Es führte zu eingestürzten Häusern. Sie suchten nach Überresten der hier heimisch gewesenen Lebensform. Sie entdeckten nichts, dafür aber fanden sie etwas anderes – ein dickes Gerät mit einem Bildschirm, das auf einem quaderförmigen Teil mit der Aufschrift „Videorecorder“ stand, daneben waren große Band-Kassetten, auf denen „VHS“ stand.

Eine VHS-Band-Kassette passte genau in die rechteckige Öffnung des Videorecorders. Interessant. Krogg drückte auf je einen roten Knopf beim Videorekorder und dem anderen Gerät. Beide Apparaturen begannen zu arbeiten. Auf dem Bildschirm erschienen vier hübsche, langgliedrige Wesen in roten Gewändern, unten eng, oben weit, die sangen und tanzten: Sister Sledge – Lost in Music – 1979. Krogg und Popp waren begeistert, bald wippten sie mit. Es ging weiter mit: Donna Summer – Love to Love You Baby – 1975. Krogg und Popp probierte ein paar Tanzschritte aus. Es schien sich um Balzrituale zu handeln. Dann legten sie die nächste VHS-Band-Kassette ein: Saturday Night Fever – da passierte etwas: ein Film – Musik von Bee Gees – 1977, dieser weiße Anzug, diese Körperbeherrschung!

Krogg und Popp sahen sich noch weitere VHS-Band-Kassetten an. Sie lernten, dass dieser Planet „Erde“ genannt wurde, seine Bewohner „Menschen“, von denen die weiblichen „Frauen“ und die männlichen „Männer“ hießen. In einer Ecke sahen sie eine zerbrochene Kugel von dreißig Zentimeter Durchmesser, die mit kleinen Spiegeln beklebt war, die auf vielen Aufzeichnungen auftauchte.

So kam Disco auf den Planeten Bunker-339I. Seine Bewohner tanzten zu hundertzwanzig Beats per Minute in glitzernden Outfits, und über ihnen kreiste eine Discokugel.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16168

 

Roboter träumen

Eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, stand schon seit Langem im  Forderungskatalog vieler Wissenschaftler. Es erwies sich als weit schwieriger als gedacht. Die Rechenleistung stieg geradezu exponenziell, aber das reichte nicht. Ein Roboter, der alle Möglichkeiten durchrechnete, blieb ein tumber Rechenapparat. Er war nicht intelligent. Der Schwerpunkt lag woanders. Der Mensch war einem Roboter deshalb voraus, weil er Wichtiges von Unwichtigem trennen konnte, daraufhin Prioritäten setzte, weil er Eindrücke mit gemachten Erfahrungen verglich, und weil er lernte. Er war mit Filtern ausgestattet, die er einsetzte. Und er wusste, was für ihn notwendig war. Ein Mann brauchte 0,3 Sekunden, um herauszufinden, ob er eine Frau hübsch fand. So schnell war kein Roboter.
Selbst wenn ein Supercomputer an seiner Stelle in dem Mann gerechnet hätte, wäre er langsamer gewesen. Was den Menschen intelligent machte, war, dass er ein weiterentwickeltes Tier war. Er tat alles, um zu überleben oder zumindest seine Gene weiterzugeben. Das war das Tierische an ihm. Und zudem hatte er denken gelernt. Es war die Kombination aus Instinkt und Gedankenkraft, die ihn blitzschnell richtige Schlüsse ziehen ließ. Und es war auch das, dass er immer nur einen Teil seines Gehirns, den zur Problemlösung spezialisierten, nützte und den Rest damit schonte. Und, worauf die Wissenschaftler schließlich kamen, was vielleicht den Durchbruch einleitete, der Mensch träumte. Er verband damit verschiedene Bewusstseinsebenen.

Mit dem Stur-Chips-parallel-Schalten und ein paar Programme Einspeisen war es nicht getan. Die Wissenschaftlerteams bestanden dann zu größeren Teilen aus Psychologen und Neurologen. „Das künstlich intelligente Wesen muss ein Egoist sein“, wurde zum geflügelten Satz.

Erste Ergebnisse zeigten sich. Manche Roboter begannen zu denken, auf einfache Weise, schwerfällig und langsam, aber doch. Es waren an das Menschliche angelehnte Denkmuster. Dann lernten die Roboter. Man gab ihnen drei Aktivitätszustände, ein, aus und Standby, die durch einen Schieberegler eingestellt wurden. Im Standby-Modus sollte es für die Roboter möglich sein zu träumen. Das funktionierte auch, denn einige Roboter erzählten danach von schlimmen Alpträumen. In weiterer Folge entfiel der Schieberegler, und die Roboter wählten selbständig ihren Zustand. Die Roboter wurden intelligent. Bei Intelligenztests hätten sie wohl noch schlecht abgeschnitten, aber trotzdem: Die Aufgabe, künstliche Intelligenz zu erschaffen, war erfüllt.

Zu Intelligenz gehört auch ein gewisses sich entwickelt habendes Bewusstsein. Das äußerte sich so, dass einige Roboter bockig reagierten, wenn ihnen etwas nicht passte. So interessierte sich das Militär für ein paar Exemplare. Die Roboter verweigerten mit der Begründung: „Wer intelligent ist, geht nicht zum Heer.“

Oder der Roboter, den ein Wissenschaftler zum Abendessen mit zu sich nach Hause nahm. Er saß mit der Familie zu Tisch, er schüttete das Essen einfach in einen Hohlraum in seinem Inneren, er betrieb Konversation, aber als die Tochter des Wissenschaftlers zu ihrem Papa sagte, der Roboter habe da einen Rostfleck, war er beleidigt und wurde patzig.

Das waren noch die einfachen Fälle. Die intelligenten Roboter wurden zuverlässige Gehilfen, die man mit Nachsicht und Respekt behandeln musste. Kam man ihnen herablassend oder unfreundlich, stellten sie die Arbeit ein und schmollten, manche beschwerten sich auch. Aber nach einiger Zeit renkte sich das wieder ein.

Es kam aber noch etwas ganz anderes auf: Wer mit Geist behaftet war, konnte auch eine Störung dessen haben. Geist bedingte ebenso Geisteskrankheiten.
Neue Berufszweige entstanden: Roboter-Psychologen, Roboter-Psychiater, Roboter-Psychotherapeuten. Und eine neue Einrichtung, die der Roboterpsychiatrie.
In einer solchen traf man den Kehrroboter mit den vielen Bürsten an seiner Unterseite, der größenwahnsinnig geworden war. Er bildete sich ein, er wäre Astrophysiker. Aus einem Pappendeckel hatte er sich ein Fernrohr zusammengerollt und beobachtete damit, wenn die anderen Roboter in seinem Zimmer schliefen, den Sternenhimmel.
Oder man lernte den Roboter mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kennen, der ständig vor spiegelnden Flächen stand, in denen er sich selbst bewunderte.
Und viele andere Roboter waren noch dort, denen man half und sie überwachte.

Die Zukunft hatte schon angefangen und war noch lange nicht zu Ende.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 17014

Willi

Z63 war ein Haushaltsroboter, ein Importprodukt aus Japan im mittleren Preissegment. Seine Besitzer, die Familie Fischer, ein Ehepaar lebensdurchschnittlichen halben Alters mit der sich in der Backfisch-Phase befindlichen Tochter Franziska, kurz Franzi, hatte bei seinem Kauf über den Großhandel Wert auf Effizienz bei möglichst geringen Betriebskosten gelegt.
Er funktionierte mittels Strom aus seiner eigenen kinetischen Energie, den er in einem in seinem Gehäuse integrierten Akku speicherte. Zusätzlich war er mit Photovoltaik-Zellen ausgestattet, den Akku konnte man ebenfalls einfach, aber teuer, über eine Steckdose aufladen, auch war eine Batterie im Lieferumfang enthalten gewesen, er musste jedes halbe Jahr zum Roboter-Doktor, der zentralen Wartungsstelle, seine Software wurde über eine Funkverbindung mit der Herstellerfirma ständig upgedated, die Ausgaben für Schmiermittel waren zu vernachlässigen.

Als der Instandsetzungs-Techniker ihn aus der Cellophanhülle geschält und von den Porocell-Kügelchen befreit, ihn schließlich mithilfe eines Hebelzuges aus der Transportkiste gehoben hatte, die erworbenen Programme in sein Rechenzentrum überspielt, seine Augen justiert, die Ohren eingerichtet, die Nase kalibriert und die Stimme, sie durfte nicht blechern klingen, das war den Fischers die Zuzahlung wert, dem gewünschten Klang angepasst und seine Motorik, im Groben zuerst, dann im Kleinen, getestet und verbessert worden war, „Schrubbe den Boden!“, hatte der Befehl an ihn gelautet, und er war dabei gewesen, ihn ganz ordentlich zu erfüllen, wohl war er ein recht einfacher Kerl, doch er verfügte, den Aufpreis dafür hatten die Fischers nach einiger Überlegung in Kauf genommen, über einen Gefühlserkennungs-Chip, der anhand von Blicken, Mimik, Sprache, Körperhaltung nach einem patentierten Algorithmus die Stimmungslage von ihm beobachteten Personen korrekt wiedergab, als der Instandsetzungs-Techniker also seiner Arbeit nachgekommen und Z63 auf dem Boden gekauert war mit einem Wischtuch in seinen Greifwerkzeugen, die aussahen wie menschliche Hände mit einem Chromüberzug, hatte Franzi, damals war sie erst sieben gewesen, das Zimmer betreten, eine Weile lang hatte sie den Roboter betrachtet, hatte Gefallen gefunden an seinen auf den Metallschädel gemalten schwarzen Haaren und dem dünnen Bärtchen über seiner Sprecheinheit; seine nur aus dunkelblauer Farbe bestehende Butler-Uniform, ihre Eltern hatte nämlich an seinem Äußeren gespart, war ihr lustig erschienen, zusehends waren seine ruckartigen Bewegungen fließender geworden, da hatte sie den Techniker gefragt: „Hat er schon einen Namen?“ „Nein“, hatte der Techniker zurückgegeben, „seine Typenbezeichnung ist Z63, aber das steht nur für seine Betriebsreihe, das ist kein richtiger Name.“ „Er soll Willi heißen“, hatte Franzi da gesagt. Der Roboter hatte sie aus braunen Kulleraugen-Optikinstrumenten angesehen, er hatte registriert: „Ich – heiße – Willi.“

Weiters wurde Willi von Gerlinde, Franzis Mutter, eingeschult. Er erwies sich als aufnahmebereit und lernwillig, nach kurzer Zeit schon erfüllte er nahezu fehlerlos selbstständig alle im Haushalt anfallenden Aufgaben, Geschirr spülen, saubermachen, Wäsche waschen, zum Trocknen aufhängen und bügeln, Ordnung in das Chaos von Franzis Zimmer bringen, aber auch in so manch andere, so bettete er in Holgers und Gerlindes Schlafzimmer täglich auf, denn Gerlinde hasste Brösel im Bett, beliebte darin jedoch Kekse zu essen, und, ganz wichtig auch, die den Haushalt betreffenden Einkäufe erledigen, Lebensmittel und Non-Food-Artikel, dafür hatte er einen Chip zwischen den Metallteilen von linkem Unterarm und Greifwerkzeug, der mit Digits, ein Digit entsprach einem Euro, aufgeladen war, zur Zahlung, meist im nahegelegenen Supermarkt, der so ziemlich alles führte, was die Fischers andauernd benötigten, legte Willi diesen seinen Gehäuseteil, der dem Pulsmess- oder –aufschlitzbereich des Menschen entsprach, über den Scanner der Kassa, die ein weiblicher Roboter bediente, und die Digits für die Waren auf dem Förderband wurden abgebucht.

Nur bei einer Sache haperte es: beim Kochen. Klar, dafür gab es ja auch eigene Kochroboter, und die wollten verkauft werden. Wohl war es aber möglich, Willi mit einem Geschmackssinn aufzurüsten, derzeit konnte er sich nur die genauen Mengen an verwendeten Gewürzen für das jeweilige Gericht merken, doch die von ihm zubereiteten Speisen schmeckten für Menschengaumen lasch, als Koch war Willi schlicht nicht geeignet, das zusätzliche Feature eines Geschmackssinnes jedoch war einfach zu teuer, also kochten weiterhin Gerlinde, Franzi nur manchmal Kleinigkeiten und ab und zu Holger selbst. War der gelegentlich bedrückt, weil er wieder mal seine Produkte nicht an den Mann oder die Frau gebracht hatte, er arbeitete als freier Handelsvertreter, schlug Willi einen heiteren Tonfall an, fragte ihn, was es denn gäbe, blieb Holger verschlossen, holte er ihm ein passendes Buch aus einem der Regale, denn Holger las gerne.

Hatte Franzi Kummer, weil ihre Schulkameradinnen ihr Kaugummi ins Haar geschmiert hatten oder sie als blöde Kuh tituliert, oder sie sich in einen Jungen verguckt hatte, der nichts von ihr wissen wollte, oder sonst irgendwas in der Art, munterte Willi sie mit flotten Sprüchen auf oder sie spielten „Schwarzer Peter“, wobei Willi absichtlich verlor. Wenn Gerlinde sich eingehend im Spiegel betrachtete, wusste Willi schon: Sie hat ein neues weißes Haar oder eine frische Falte gefunden, oder wenn sie unglücklich von der Waage stieg, war es Zeit für ihn zu handeln. „Wenn ich ein Mensch wär, hätt ich gern so eine schöne Frau wie dich“, sagte er dann, und Gerlinde zwang sich ein Lächeln ab, und das half, wie Willi lernte.

Die Jahre vergingen. Es waren derer gute. Die Fischers lehnten stets das Angebot der Herstellerfirma ab, Willi um einen moderaten Aufpreis gegen das jeweilige Nachfolgermodell, alle zwei Jahre bestand dazu Gelegenheit, einzutauschen. Vieles war inzwischen möglich, Roboter aus Analogfleisch und mit roter Betriebsflüssigkeit, Roboter mit Menschengesichtern. Nein, sagten die Fischers, Willi sollte bleiben. Die Überweisungen von Holgers Patronatsfirmen wurden höherstellig, Gerlindes letzte Modelinie traf den Puls der Zeit. Und Franzi schrieb Gedichte und schwärmte für Boy-Groups, ohne dass ihre Schulnoten sehr darunter litten. Die Welt der Fischers war wie ein farbenfrohes Puzzle, in dem kein einziges Teilchen fehlte.

Dann kam der Tag des Lichtblitzes. Als er durch das Haus zog, fielen die drei Fischers nieder, wo sie gerade gewesen waren, Gerlinde kochend in der Küche, Holger Fußball fernsehend im Wohnzimmer, Franzi sich schminkend im unteren Bad, und bewegten sich nicht mehr, seitdem niemals mehr. Willi kannte den Begriff tot nicht, er selbst blieb frei von Schaden, nur seine Optikinstrumente waren etwas überlastet, sie waren für ihn lediglich temporär außer Funktion. Doch er hatte seine vielfältigen Arbeiten zu erledigen, daraufhin war er programmiert, also fuhr er fort, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Seinen Riechmodus blendete er bald aus, denn unangenehme Gerüche verbreiteten sich, nicht nur hier im Haus, sondern überall dort, wo Willi hingelangte, und mit dem Zustand einer lediglich vorübergenenden Außer-Betrieb-Setzung der Fischers sowie all der anderen Menschen war er sich nicht mehr so sicher, denn ihr Bild in seinem Erinnerungsmodul glich nicht mehr dem, was seine Optik tatsächlich aufnahm. Die Funkverbindung zwischen ihm und seiner fast am anderen Ende des Erdballs gelegenen Herstellerfirma war nun gekappt. Willi kaufte weiterhin ein, Lebensmittel, Kosmetikprodukte, Rasierer. Nachdem die Lebensmittel ungenießbar geworden waren, packte er sie in die Mülltonne, die von Roboterkollegen alle vierzehn Tage entleert wurde. Auch nachdem seine Digits aufgebraucht waren, ließ ihn die Roboterkassiererin weiter seine Einkäufe erledigen. In erster Linie war sie wohl mit einem elektronischen Geldzähl-Mechanismus ausgerüstet, doch verfügte sie anscheinend auch über eine Kombinationsgabe, die ihr sagte: „Er als Roboter erfüllt ja nur seine Pflicht, und die Menschen können uns nicht mehr kontrollieren. Also, was soll´s?“

Gleichzeitig fielen Beleuchtung und Strom aus, nicht nur im Haus, auch auf den Straßen, in den Geschäften und allen öffentlichen Plätzen. Das Fehlen von künstlichem Licht störte Willi nicht so sehr, denn er hatte, wie praktisch jeder Roboter, Restlichtverstärker in seinen Optikinstrumenten integriert. Dass er nicht mehr auf den Strom aus der Steckdose zurückgreifen konnte, war für ihn schon problematischer, darum hieß er jetzt erst recht: sich fit halten, er brauchte möglichst viel Bewegung. Das Haus war klinisch sauber, alle Zimmer penibel aufgeräumt, die Non-Food-Artikel stapelten sich, okay, der Garten verwilderte, doch da konnte er nichts tun, er war weder zum Rasenmähen noch zum Heckenschneiden oder Blumensetzen programmtechnisch instruiert.

Was blieb? Joggen. Wille drehte von nun an tagtäglich seine Runden, vorbei oft genug an Sexrobotern in Miniröcken und Netzstrümpfen, die, so vermutete er, wahrscheinlich auch mittels kinetischer Energie in Gang gehalten wurden und jetzt in Ermangelung von Menschen auf andere Roboter zurückzugreifen versuchten. Nun ja, er konnte mit ihnen nichts anfangen, er war dafür nicht ausgestattet. Dann brach die Wasserversorgung zusammen. Im Haus war Willi das einzige Wesen, das noch Schmutz produzierte, doch wenn aus den Wasserhähnen nicht mal mehr Tropfen kamen, wie sollte er den wenigen wegkriegen? Die Reinigungsroboter konnten die Straßen nicht länger abspülen, weder die Fassaden der Häuser noch ihre Fenster und auch die Böden der Geschäfte waren nicht mehr sauberzukriegen. Schmutz und Staub wuchsen allerorten, und zudem waren die armen Roboterburschen nun völlig nutzlos geworden, sie hingen auf den Straßen rum und verbreiteten schlechte Laune. An den Schaltstellen saßen halt doch ausschließlich Menschen, und ohne sie ging stufenweise alles den Bach runter, es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Sprit ausginge, die Lagerstände waren zwar noch recht hoch, nur neues Erdöl wurde nicht mehr gefördert.

In der darauffolgenden Woche stand für Willi wieder Besuch beim Roboter-Doktor an. Die „Doktoren“ waren selbst Roboter. Da er ja seit einiger Zeit über keine Digits mehr verfügte, hatten sie sich das letzte Mal eingelassen, ihn für an ihm durchgeführte Servicearbeiten ihre großflächige Werkshalle reinigen zu lassen, bis sie hintennach wie poliert ausgesehen hatte, doch das war leider nicht mehr möglich, zudem verlangte sein Gehäuse diesmal nach einer Öl-Dampfstrahlreinigung, die kostete einiges extra, Schmiermittel hätte er sich noch gerne im Vorrat besorgt, mit den zwielichtigen Typen vom Roboter-Schwarzmarkt gab er sich nicht gerne ab, würden sich die Docs damit zufriedengeben, dass er alle ihre Arbeitsgeräte akribisch schlichtete, so dass sie auch leicht aufzufinden waren, er konnte sogar ein eigenes Ordnungsprogramm dafür entwerfen, das war ja schließlich seine Bestimmung, als Maschine? Willi fürchtete um seine zukünftige Gesundheit. Fürchten? Das war doch ein Gefühl. Willi konnte wohl fremde Gefühle deuten, aber selbst keine entwickeln, womöglich jedoch hatten die komplizierten Strickmuster verschiedenster Launen auf eine seltsame Weise irgendwie auf ihn abgefärbt. Trotzdem: Roboter bleibt Roboter und Mensch bleibt, oder war, Mensch. Das war Willi klar.

Es hilft ja doch nichts, folgerte seine Rechenzentrale, ich muss einkaufen gehen, wofür denn gibt es mich sonst? In dem Supermarkt in seiner Nähe hatten die Regale begonnen, sich zu lichten, nichtsdestotrotz trieb er die standardisierten Lebensmittel alle auf, Shampoo, zwei verschiedenfärbige Nagellacke, Tampons, Rasierer, Rasiercreme, nur eines ging ab: Seife, nicht ein einziges Stückchen, gleich welcher Marke, war ausgestellt. Willi fragte die gesetzte Roboterkassiererin, ob es denn eine Möglichkeit gäbe, vielleicht doch drei, zwei, wenigstens ein einziges Stück Seife hier im Laden aufzutreiben. „Sieh doch bitte selbst im Lager nach, Willi. Das ist hinter der großen grauen Schiebetür ganz am unteren Ende“, sie wies in die Richtung, „daneben ist eine Klingel. Wenn du sie läutest, wird dir jemand öffnen.“
Willi bedankte sich artig. Er ging zum Lagereingang und betätigte die Klingel. Ring ring. Es dauerte nur kurz, da schob sich die schwere Tür etwa eineinhalb Meter zur Seite. Und eine Roboterdame stand vor ihm, blonde aufgemalte Locken, blaue Iriden der Optikinstrumente, rot umrandete Sprecheinheit, in der aus Farbe bestehenden dunkelgrauen Uniform eines Lagerhaltungsroboters, Susi stand auf dem Namenskärtchen über der linken Brust ihres Gehäuses, die schon recht abgeschabt war, wie auch bei ihm, wie er wusste, unverkennbar ein Z63, in weiblicher Ausführung. „Sie wünschen, mein Herr?“, fragte sie in einer hellen, sanften, einer menschlichen zum Verwechseln ähnlicher Stimme. Üblicherweise hätte Willi so etwas in der Art von: „Grüß Gott, gnädige Frau, ich würde etwas Seife benötigen“ von sich gegeben, doch nun starrte er sie nur an und sagte: „Seife.“

Woraufhin Susi lachte, nur mit Lauten natürlich. „Du würdest mich doch jetzt sicherlich gerne zu dir nach Hause einladen, stimmt´s?“, erwiderte sie und legte ihr rechtes Greifwerkzeug gegen Willis metallenen linken Oberarm. Auch sie verfügte über einen Gefühlerkennungs-Chip, ungewöhnlich eigentlich für einen Lagerhaltungsroboter, erkannte Willi, doch ihrer Aussage spitzte sich auf etwas Übles zu. „Ich kenne dich“, fügte Susi hinzu, „du heißt Willi und wohnst in dem schmucken Häuschen der ehemaligen Fischers dort drüben, seit vielen Jahren schon sehe ich dich kommen und gehen. Ich lebe hier in der Lagerhalle. Seit ich Denkteppiche knüpfen kann, habe ich sie niemals verlassen. Früher wollte ich immer nur raus, doch jetzt will ich und kann ich es nicht mehr.“ Sie konnte durch stromdurchflossene Leiter sogar eigene Empfindungen konstruieren, und eben darum war sie enttäuscht und in weiterer Folge abgestumpft.
Willi verstand dies, und auch das: Er war zu spät. „Also keine Seife“, fragte er. „Seife doch“, entgegnete sie, „aber nicht mehr.“ Sie ging und kam zurück mit vier Stück. „Du hast nun alles, was wir hier noch hatten“, sagte sie und umfasste seine flache mit ihrer Hand, wie Chrom glänzend beide. „Das ist Roboterliebe“, fuhr sie fort. „Zu mehr sind wir nicht gemacht.“

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17003

Die Kuppel

Das Knacksen des Informationsverkünders lenkte XX.645s Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Meldung, als wenn eine Stimme sich räusperte, bevor sie sich erhob. „Gepriesen sei der Fortschritt, Ihr neugeborenen Menschen. Heute um fünf Uhr sechsunddreißig erblickte Nummer 100.000 in der zentralen Geburtenanstalt erstmals das Licht der Kuppel.“

XX.645, der sich selbst „Gi“ nannte, blickte auf die Uhr an der Kunststoffwand. Er wusste, was in fünf Minuten kommen würde.

Er hing noch dem Traum nach, in dem er an der Oberfläche gelebt hatte. Er wusste nicht, wie es dort aussah, es gab keine Aufzeichnungen darüber. Er kannte nur Begriffe wie „Sonne“ und „Berg“. Im Traum hatte er sich selbst eine Landschaft zusammengestellt. An der Oberfläche soll die Landschaft früher natürlich geformt und gewachsen gewesen sein. Hier, unter der Kuppel, war sie künstlich erzeugt. Jetzt rückte der Minutenzeiger der Uhr in die vertikale Position und bildete die Verlängerung des Stundenzeigers. Jetzt kam es:

Der Informationsverkünder knackste, und die Stimme begann: „Guten Morgen, Ihr neugeborenen Menschen, es ist sechs Uhr. Bitte erhebt Euch und bereitet Euch für den Tag vor.“

Nun wurde die Unterkunft beleuchtet. Das Licht blieb gedämpft. Gi stand auf und setzte sich an den Kunststofftisch. Hier bestanden so gut wie alle Teile der Inneneinrichtung aus Kunststoff. Die Wissenschaftler der neugeborenen Menschen hatten erdölproduzierende Bakterien erschaffen können, und mithilfe des Erdöls erzeugten die Techniker Kunststoff, den sie in Formen pressten.

Die Unterkunft bestand aus nur einem Raum und Bad und WC. Zwei Wände des Raums waren von grünen Pflanzen bewachsen, die für ausreichen Sauerstoff sorgten. Die Bewässerung erfolgte in einem kleinen Wassertrog. Gi ging zur Kühlzelle mit der durchsichtigen Front. Er nahm sich „Beerenvielfalt“ heraus und schenkte sich einen Beinahe-Orangensaft in ein Glas ein. Die Nahrung wurde hier unter der Kuppel erzeugt, gemeinsam mit der Entsorgung war das einer der drei großen Industriezweige, die beiden anderen waren Beleuchtung und Luftfilterung. Gi arbeitete als Monteur in der Luftfilterung.

Er brauchte nur einen Löffel, um zu essen. Die „Beerenvielfalt“ war ein lilafarbener Brei. Gi wusste nicht, wie Beeren und Orangen in Wirklichkeit schmeckten, er hatte sie nie gegessen. Also schmeckten sie wohl so wie gerade jetzt. Er hatte noch Zeit. Er sinnierte. Was wäre das Beste, was wäre das Schlechteste? Er fängt mit dem Schlechtesten an. Am schlechtesten wäre das feine weiße Pulver, das von oben kommt. Gleich nachdem es auf der Haut ist, entzündet es sich von selbst. Das ist der Selbstzerstörungsmechanismus, der in der Kuppel eingebaut ist. Wenn die neugeborenen Menschen sich so negativ entwickeln, dass keine Umkehr mehr möglich ist, tritt er in Kraft. So wurde es ihnen erzählt.

Was am besten wäre? Was sehr schön wäre, wäre eine Partnerin, eine, mit der er sich fortpflanzen dürfte. Dafür müssten beide X in seiner Bezeichnung durch Zahlen ersetzt werden. Dazu müsste er zweimal vom Rat der Acht belobigt werden. Der Rat der Acht herrscht über die neugeborenen Menschen unter der Kuppel. Seine Mitglieder zeigen sich nicht öffentlich. Niemand weiß, wie sie aussehen. Eine Belobigung oder ein Urteil oder etwas anderes wird dem Betroffenen über einen Mittler überbracht. Eine Belobigung ist schon nicht leicht, zwei Belobigungen sind sehr schwierig zu erreichen. Aber es ist ein Ziel, eine Partnerin, ein Kind, für das es sich zu leben lohnt.

Das Ziel, dass der Rat der Acht ausgegeben hat, ist, dass die neugeborenen Menschen wieder die Oberfläche besiedeln sollen. Dieses Ziel wurde schon vor langer Zeit ausgegeben, und es wird noch einige Generationen dauern, bis es so weit sein wird.

Ich sollte jetzt damit aufhören, Gedanken nachzuhängen, sagte sich Gi, sonst bekomme ich noch seltsame Ideen. Er ging sich duschen. Danach zog er eine weiße Unterhose und einen weißen Overall an, die unter einer Öffnung in der Kunststoffwand lagen. Schmutzige Wäsche gab man in eine Öffnung darunter, sie wurde mittels Druckluft zur Wäschestelle transportiert, wo sie gewaschen wurde. Gleichzeitig wurde saubere Wäsche auf dieselbe Weise zu dieser Unterkunft befördert. Es gab nun nichts mehr, was Gi in seiner Unterkunft hielt. Er verließ sie, ging den Flur entlang und die Stiege hinunter. Einige andere taten dasselbe. Sie waren alle weiß.

Im Freien, was außerhalb von Gebäuden bedeutete, hatte Gi die Wahl zwischen einem Förderband, das ihn, mit Umsteigen, zu seinem Arbeitsplatz brachte, oder dem Zufußgehen. Ich gehe heute zu Fuß, entschied er. Hier auf der Straße waren zwischen all den Weißgekleideten manche wenige in Schwarz, sie traten mindestens zu zweit auf. Das waren die Wärter, sie hatten Namen mit einer hintangestellten Zahl an derselben Stelle im Brustbereich, wo die Weißgekleideten ihre Nummern mit vorangestellten Xen hatten. Sie lebten am Rand der Kuppel, es hieß, sie hätten mehr Komfort. Sie waren die Ordnungsmacht. Sie bestraften mit dem Schockstab, an dem sie die Stromstärke von sehr leicht bis tödlich einstellen konnten.

Gi hatte mit Ihnen niemals Probleme gehabt, im Gegenteil, letzte Woche hatte er ihnen eine Beobachtung gemeldet. Im alten Lagerhaus im Osten, das wie alle Gebäude aus Stahl war, der korrodierte, dessen Farbe von blaugrau zu rostbraun gewechselt hatte, und dessen Festigkeit nachließ, hatte er einige Flugblätter gefunden. „Glaubt nicht, was Ihr seht!“ und „Lehnt Euch gegen Euer Sklaventum auf!“ stand auf ihnen. Jeweils ein Flugblatt gab er als Beweisstück ab.

Es war hell. Draußen war es immer hell. Dadurch sollten Verbrechen vermieden werden. Es gab keine Insekten oder Vögel oder sonstigen Tiere. Die einzigen Lebewesen waren Menschen, viele weiße, jetzt zwei schwarze, die auf Gi zusteuerten. Unwillkürlich bekam er Angst. Die letzten Stöße vom Schockstab, von denen ich Zeuge war, waren doch sehr heftig, dachte er. Die Weißen krampften. Beim allerletzten Mal bewegte sich der Weiße nicht mehr. Gi ging langsamer.

Die Wärter gingen forsch auf ihn zu. Als sie vor ihm waren, streckte einer die Hand aus. „Stehenbleiben!“, hieß das. „Neugeborener Mensch XX.645?“, fragte der Wärter, auf dessen Schild „Paul 72“ stand. „Ja“, sagte Gi unsicher. „Wir beglückwünschen Sie zu Ihrer Beobachtung“, sagte der Wärter „Kurt 43“. Wir konnten die Schuldigen ausfindig machen. Der Rat der Acht hat daher entschieden, Sie zu belobigen, wobei ich nun als Mittler fungiere. Sie haben allen neugeborenen Menschen eine Wohltat erwiesen.“ An Ort und Stelle ersetzte Paul 72 das X an der Zehntausenderstelle durch 9. „Danke“, sagte X9.645 nur. Die Wärter entfernten sich.

Jetzt war es doch ein bisschen spät geworden. Gi bestieg ein Förderband, er war seinem größten Wunsch nun ein großes Stück nähergekommen. Er musste nur noch die Augen offenhalten, es lag doch einiges im Ärgeren, als man dachte. Er stieg auf ein querlaufendes Förderband um. Eine solche Beobachtung noch, die zu den Tätern führt … Gi war auf dem Weg zur Arbeit und inmitten dieses Gedankens, da bemerkte er feines weißes Pulver an seinen Händen, das er zwischen den Fingern zerrieb. Es war auch auf seinen Haaren, seinen Schultern, den Schuhen. Es kam von oben und bedeckte jede Fläche.

Als er „Warum?“ schrie, brannten er und alles um ihn herum bereits.

Michael & Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16166

 

Stecker

Eine Satellitenschüssel mit Stangen und Messinstrumenten, das soll alles sein? Die Außerirdischen wundern sich. Sie sehen genauer nach. Irgendwo auf dem Ding steht „Voyager 1“ drauf, und dann finden sie noch etwas: eine Schallplatte in einer Hülle, die an der Außenseite des seltsamen Gefährts angebracht ist. Die Schallplatte ist aus Gold, zumindest damit bezogen. Nicht schlecht, denkt Gonfff und wiegt sie in seinen dreifingerigen Greifern, für ein gestrandetes Objekt, alle Achtung! „The Sounds of Earth“ steht in ihrer Mitte. „Scheint ein interessanter Planet zu sein“, sagt sein Kollege Wymkzz. „Wir haben ohnehin schon bald keine Vorräte mehr.“ „Schau mal“, meint Gonfff und deutet auf die Symbole, die in die metallene Hülle eingeritzt sind, „das stellt wohl ihre wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften dar. Simpel, nicht?“ „Hohoho, das erinnert mich an meine Kindergartenzeit“, entgegnet Wymkzz. „Da hast du Recht. Mir geht es auch so“, fährt Gonfff fort. „Aber sieh doch hier“, er zeigt auf die schematische Darstellung der Erdensonne innerhalb von vierzehn Pulsaren. „Das dürfte der Lageplan dieses Planeten sein.“ „Und das hier“, sagt Wymkzz, „soll wohl eine Skizze des Plattenspielers sein. Als ob wir hier keine Plattenspieler kennen würden, tzz tzz.“ „Das ist aber ein spezieller“, merkt Gonfff an. „Sieh doch mal nach, ob im Inneren dieses Gefährts noch etwas ist.“

Wymkzz öffnet das Türchen der Kapsel. Gotcha! Was ist in ihr drinnen? Ein Plattenspieler, der Plattenspieler für diese spezielle Schallplatte, Marke: Thorens. Mit einem NEMA-5-Stecker, der in den USA üblich ist, oder war – falls es diese nicht mehr gibt.

„Der passt nicht in unsere Steckdosen!“, jammert Wymkzz. „Diese Idioten, Kretins, geistige Mehlwürmer“, regt sich Gonfff auf, „haben nicht einmal an einen Universalstecker gedacht! Weißt du was, mein lieber Wymkzz, ich denke, wir bleiben lieber zuhause.“

Vor Ärger haben sich die halbmeterlangen Stacheln auf seinem Rücken aufgerichtet. Die beiden Außerirdischen trotten enttäuscht von Voyager 1 davon. Sie hinterlassen Fußabdrücke in den Größen 265 und 271.

Vangeli & Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16165

Biological Solutions

Als ich noch ein Mensch war, war ich nicht frei. Jetzt, als Gehirn in einer Nährlösung schwimmend, bin ich es. Der Körper war eine Fessel, die ich abgestreift habe. Ich war Matt Brunner, offiziell starb ich und wurde unter diesem Namen beerdigt. Matt Brunner steht auf dem Namensschild des Glasquaders, der mich beherbergt, den wichtigsten Teil von mir. Ich denke, und ich kombiniere, und ich erinnere mich, also bin ich am Leben. So sehe ich es. Daher bin ich Matt Brunner, immer noch.

Ich verunfallte mit dem Auto. Es war im Herbst. Die vom Nebel feuchten zu Boden gefallenen Blätter waren ein glitschiger Belag auf der Straße. Es war dunkel, ich achtete nur auf das, was vor mir war. Da kam ein Auto auf mich zu. Das Licht seiner Scheinwerfer war hell, es kam rasch näher, die Straße war schmal. Ich wollte mein Auto zum Stehen bringen und auf der äußerst rechten Seite warten, bis das entgegenkommende Auto vorbei wäre, also bremste ich, automatisch. Das Auto rutschte weiter, das Heck brach aus, es drehte sich nach rechts. Es kam von der Straße ab und prallte frontal gegen einen Baum.
In meinen letzten Minuten sah ich noch den Fahrer des anderen Autos, der es stehen gelassen hatte, auf mich zulaufen, die Fahrertür öffnen. Er sprach mit mir, aber ich hörte nicht mehr. Mein Brustkorb war eingedrückt, Arterien waren gerissen, das Herz schlug nicht mehr, meine Lunge war zusammengefallen, die Beine gebrochen, die Arme blutend und gekrümmt. Hätte ich doch lieber ein wenig mehr ausgegeben und mir einen Volvo gekauft, dachte ich in den Sekunden nach dem Aufprall, zwischen hier und dort, im Sterben. Nur mein Gesicht, mein Kopf war gänzlich unverletzt.

Um mich wurde es schwarz. Da war kein helles Licht, da war kein Tunnel, da war gar nichts. Und dieses Nichts zeigte sich durch Schwärze. Plötzlich sah ich wieder. Ich sah mein zerstörtes Auto, ich sah den Fahrer des Autos, der mir entgegengekommen war, das Auto stand auf der Gegenfahrbahn, ich sah einen Arzt und einen Sanitäter, ich sah den Rettungswagen, nein, es war kein richtiger Rettungswagen, er war nicht weiß, sondern orange, und statt dem roten Kreuz war da ein blaues Kreuz in einem blauen Kreis, und ich sah mich selbst – meinen kopflosen Torso, denn mein Kopf befand sich in einer Tasche mit einer Flüssigkeit. Die Tasche war transparent, und meine Augen erfüllten noch ihre Funktion.
Man brachte das, worauf ich nun reduziert war, zu einer Firma, die sowohl über Krankenhausräume, vor allem Operationssäle, als auch über Laborräume verfügte. Die Firma heißt „Biological Solutions“. Dort nahmen sie mein Gehirn aus dem Kopf und legten es in ein Reagenzgefäß, wo es in künstlichem Blut schwebte und bis heute schwebt. Warum sie nicht meinen ganzen Kopf einlegten? Ich weiß nicht, vielleicht ist es medizinisch nicht möglich, oder es erschien ihnen als gruselig.

Mein Körper schied dahin, mein Geist war noch am Leben, könnte man vereinfacht sagen, außer Acht lassend, dass das Gehirn auch ein Teil des Körpers ist.
Ich war nun aller Sinne beraubt. Das Einzige, was ich konnte, war denken. Ich vermutete, dass ich träumte. Es war ein Traum, der kein Ende nahm. Dann mischten sich Bilder von dem Unfall hinein. Sie wirkten real, weil ich mich an Schmerz erinnerte. Dieser Unfall schien sich wirklich ereignet zu haben, und ich wurde schwer bei ihm verletzt. Demnach wäre es wahrscheinlich gewesen, dass ich jetzt im Koma läge, meinte ich, oder dass ich locked-in sei. Welche andere Erklärung hätte es denn gegeben, wenn nichts in mich eindränge, und ich mich nicht äußern konnte? Wer zieht denn in Erwägung, dass er nur noch ein Gehirn ist?

Jedenfalls war es jetzt so, dass ich keine Aufgaben mehr erfüllen musste. Wer krank ist, braucht nicht zur Arbeit zu gehen. Die Abläufe funktionieren auch ohne ihn – vielleicht anfangs auch nicht, weil man sich zu sehr auf ihn verlassen hat, aber mit der Zeit findet man neue Wege, baut andere Zahnräder statt seinem ein, und das Uhrwerk läuft wieder. Was hatte ich mich doch immer abgestrampelt!, Arbeit, Frau und zwei Kinder und zudem, nicht zu vergessen, das Haus, bei dem ständig Reparaturen anstanden, die ich entweder selbst erledigen konnte, was mir Zeit und Mühe abverlangte, oder Fachleute rufen musste, was Geld kostete und oft genug auch Ärger nach sich zog, weil sie schlampig arbeiteten. Stets war ich beschäftigt, und stets war ich bemüht gewesen, aber so gut wie nie kam ein „Das hast du aber gut gemacht“, auch nur ein „Danke“ war selten. Am ehesten hätte noch der Kater etwas Derartiges gesagt, nachdem ich ihm besonders feines Fressen gegeben hätte, aber er kann ja nicht reden.

Alles hatte ich als junger Mann getan, um Abwechslung zu haben, einige Zeit lang jeden Jahreswechsel in einem anderen Land gefeiert, neue Jobs in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen angenommen, dabei oft umgezogen, neue Bekanntschaften geschlossen und gelernt, ständig dazugelernt.
Nun war ich für einen Jobwechsel eher zu alt, mit meiner Frau war ich finanziell und emotional engmaschig verknüpft, für die Kinder war ich der zweite, notwendige Elternteil. Ich war eine lebende Brieftasche geworden, Mr. Alltag.
Das war jetzt schwarzseherisch, die hellsichtige Perspektive war die, dass ich meine Frau und die Kinder liebe, an dem Haus Freude habe, und meine Arbeit – nein, ich machte sie nicht besonders gerne, weil ich sie schon zu genau kannte, aber sie war recht gut bezahlt.

Aus all dem war ich herausgefallen. Es fühlte sich sehr ungewohnt und seltsam an. Wie? Nun ja, da ich nichts konnte, hatte ich keine Verpflichtungen mehr und war somit völlig frei. Allerdings nach einer Art der Freiheit wie die einer in der Luft schwebenden Kugel, die sich in jede Richtung bewegen kann, es aber nicht vermag.
Denken ist masselos, also ist es nicht der Schwerkraft unterworfen. Denken war meine einzige Beschäftigung. Ich konnte auch die Ergebnisse nicht ausdrücken. Natürlich ging ich auch durch mein altes Leben, überlegte, wie ich es hätte besser machen können oder reagierte im Geist anders, wodurch mein Weg ein anderer geworden wäre. Das war dann doch quälend und wurde mit Fortdauer zwanghaft. Ich schaffte es, das zu verringern. Es abzustellen war nicht möglich, aber ich kam damit klar, es kleinzuhalten.

Wo ich gelandet war, war das Nirgendwo. Ich begann, mir Landschaften auszudenken, in denen ich mich bewegte, Frauen, die an meiner Seite waren, ich spielte in Gedanken mit meinen Kindern, die ich erst erschaffen hatte. Mir standen alle Möglichkeiten zur Verfügung. Mochte ich eine Person plötzlich nicht mehr, war sie weg.
Klingt das anmaßend? Ich war der Gott in meinem eigenen Universum. Auch wenn es das nicht tut, ist die Aussage nicht ganz schlüssig, denn Gott erschuf tatsächlich – falls man an ihn glaubt, ich aber nur mit Gedankenmörtel und Gedankenband.
Ich war das Kind mit Schaufel, Kübel und Rechen, das eine Unmenge an Geistessand zur Verfügung hatte und damit baute, was immer es wollte. Mutter, Vater und Geschwisterchen waren jenseits meiner Sicht, niemand beaufsichtigte mich, ich spielte dort am Ufer des stillen Sees.

Und dann passierte es.
Ich sah ein Gehirn in einem Reagenzgefäß, das in einem Laborraum stand. In einer Seitenwand des Gefäßes war ein Loch, durch das zwei Kabel gezogen waren, die an das Gehirn angeschlossen waren. Dadurch, dass eine Biene flog, erkannte ich, dass es ein Video war. An der Unterseite der bewegten Bilder war ein Insert: „Dies ist das Gehirn von Matt Brunner, der am 3. November 2017 starb. Sein Gehirn hingegen ist lebensfähig und wird hier aufbewahrt.“ Auch stand mein Name auf einem Schildchen, das an dem Reagenzgefäß befestigt war.
Das waren meine künstlichen Augen, zwei Kameras für räumliches Sehen, die optische Signale zu meinem Gehirn transportierten, in diesem Fall über Kabel, die sozusagen als Sehnerven fungierten, es wäre aber auch über Funk möglich gewesen, wobei meine künstliche Augen an jedem beliebigen Ort positioniert gewesen sein könnten. Die Leistung bestand darin, dass mein Gehirn diese Signale in Bilder umwandelte. Dafür musste „Biological Solutions“ an meinem Gehirn herumexperimentiert haben.
Das war die Lage, in der ich mich befand. Körperlos. Schock war es keiner, dazu war zu viel Zeit vergangen, aber ein angenehmes Gefühl war es auch nicht. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass es möglich ist, ein Gehirn alleine am Leben zu halten. Jetzt wusste ich es.

Ich bin nun am Anfang meiner Erzählung. Jetzt geht es weiter. Sofort nachdem ich mich selbst und die roten Kabel sah, dämmerte mir: Die wollen doch etwas von mir! Wie weit ist der Weg von der Freiheit bis zur Sklaverei?
Sie hatten mir eine Digitaluhr mit Datumsanzeige in mein Blickfeld gestellt. Es war 11:37 am 7. Februar 2018. Mein zeitloser Zustand war damit zu Ende.
Meine künstlichen Augen hatten Lider. Das war eine wichtige Funktion, ich konnte mich somit von der Wirklichkeit zurückziehen. Ich machte häufig davon Gebrauch. Forscher, die in weißen Mänteln umhergingen und sich an Apparaten zu schaffen machten, das war es, was geschah. Manchmal winkten sie mir zu. Ich kam mir vor wie ein Idiot.

Eines Vormittags schlug ich die Augen auf, das heißt, ich klappte die metallenen Lider hoch, da hörte ich. Ich hörte Schritte, ich hörte, wie hantiert wurde, ich hörte Stimmen – die der Forscher. Was ich sah lief synchron mit dem, was ich hörte. Und was ich sonst noch sah, waren zwei weitere Kabel, diesmal blaue, die von zwei ohrmuschelähnlich geformten Mikrophonen über eine Öffnung auf der anderen Seite des Reagenzgefäßes wie bei den Augen-Kabeln in mein Gehirn ragten. Akustische Impulse, künstliche Ohren, und die Fähigkeit meines Gehirns, hören zu können, worin das Know-how von „Biological Solutions“ gesteckt haben musste. Die künstlichen Ohren konnte ich nicht mehr nach Belieben verschließen, leider nicht.
Mein Leben wurde nun naturgemäß sehr viel stressbehafteter. Ich war wieder Reizen ausgesetzt. Sie hatten inzwischen meine künstlichen Augen auf Kalottenlagern befestigt. Hörte ich ein Geräusch, konnte ich ihm mit meinen Augen folgen. Ich kam wieder zurück. Ich bewegte mich von innen nach außen. Ruhig war es jetzt nur noch, wenn nachts im Labor nicht gearbeitet wurde, dann war das künstliche Licht gelöscht, und es war relativ still – wobei die relative Stille immer noch laut gegenüber der völligen ist. Aber auch wenn ich es gewollt hätte, ich konnte nicht beeinflussen, was sie mit mir taten.
Ich ahnte schon, was als Nächstes kommen würde.

Ein Forscher redete mit mir. Er zeigte mir Musterfarben aus einem Katalog. Er blätterte ihn vor mir durch und assoziierte die Farben mit eigenen Erlebnissen. „In diesem Blau waren die Augen meiner Freundin in der 8. Klasse.“ Die letzte Farbe war Schwarz. Da fragte mich der Forscher: „Sagen Sie, Matt, was ist denn Ihre Lieblingsfarbe?“ Ich dachte nach und sagte: „Rosarot.“ Ich sagte es wirklich. Das Wort „Rosarot“ hallte durch den Laborraum.
Der Forscher plauderte weiter mit mir. Er erzählte, dass er fünf Jahre auf Malta gewesen und dort sehr viel gesurft sei, einmal mit ein paar Freunden rund um die Hauptinsel, Delfine habe es dort gegeben, die ihn auf seinem Brett begleitet hätten. Der Forscher wusste, dass ich auch gesurft war. Ich stellte Fragen, in ganzen Sätzen, schließlich erzählte ich auch.
Und ich lauschte meiner künstlichen Stimme. Sie war meiner eigenen nachempfunden – sie hatten wohl über Tonaufzeichnungen von ihr verfügt. Sie schwang weniger, doch sonst war sie ihr wirklich ähnlich.
Da ich nun kommunikationsbereit war, wurde von mir auch verlangt, dass ich Gespräche führte. Immer wieder fragten mich Forscher etwas, Nebensächlichkeiten fast immer, und ich antwortete ihnen.

Die Sinne des Riechens und Schmeckens stellten sie nicht wieder her. Die Gerüche im Labor waren wahrscheinlich eher unangenehm, und zu essen brauchte ich nicht mehr.
Um das Fühlen zu simulieren, stellten sie einen Drucksensor auf. Dessen Kabel zu meinem Gehirn, zu mir, war gelb. Wenn jemand ihn berührte, spürte ich das. Dann war das, als ob ich berührt wurde, ich wusste aber nicht wo, das war nicht definiert. Ich teilte das einem Forscher mit, und der sagte: „Okay, wir werden es so einstellen, dass es die Innenfläche Ihrer rechten Hand ist.“ Und das taten sie dann auch. Ich spürte über meine rechte Phantomhand.
Eine Pistolenkugel, die einmal abgefeuert wurde, kann man so leicht nicht stoppen. Ich war diese Kugel. Ich war unterwegs.

So stehen schließlich meine Frau und die Kinder vor mir. Schlimm genug, dass meine Frau „Daphne“ heißt, die Buben heißen auch noch „Max“ und „Moritz“, klingt nach Lehrer Lämpel oder nach Vollkornweckerln – was mag uns da wohl eingefallen sein? Aber natürlich sind das Oberflächlichkeiten, sie sind die Menschen, die mir am meisten wert sind, und sie sind jetzt hier. Ich blinzle heftig. Meine Frau erzählt, dass sie ganz gut klargekommen sei. „Hallo Papa, wie geht´s dir?“, fragt mich Max und „Ist dir nicht langweilig, Papa?“, Moritz, der Jüngere.
„Du hast tolle Fortschritte gemacht“, sagt Daphne nun. „Dr. Feldmann ist sehr zufrieden mit dir.“ Dr. Feldmann?, denke ich, ich kenne den gar nicht. „Er sagt“, fährt Daphne fort, „dass wir dich bald nach Hause nehmen können. Er hat einen künstlichen Körper für dich konstruiert.“

Jetzt weiß ich, was es ist, woran die Forscher in letzter Zeit so emsig arbeiteten, dieses Gestell aus Magnesium und Kunststoff: Es ist mein künstlicher Körper.
Ich werde zu einem Cyborg.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee |Inventarnummer: 16164

2192 n. Chr.

Ich hatte schon lange niemanden dort unten, deshalb fiel es mir von Anfang an leicht, die Santa Maria als mein Zuhause zu bezeichnen. Meine Besatzung tut sich damit schwerer. Wer ich bin? Ich bin der Kapitän dieses Schiffes. Die Santa Maria fasst viertausend Menschen, ihre Begleitschiffe Niña und Pinta fassen je dreitausend. Mir obliegt der Oberbefehl. Wir hatten das schon einmal, vor siebenhundert Jahren. Damals reisten die Schiffe durch den Ozean, heute kreuzen sie durch das All. Wir sind die letzten zehntausend Menschen. Wir verließen die sterbende Erde vor siebzehn Jahren. Wir suchen einen neuen Lebensraum, einen bewohnbaren Planeten. Mein Name ist Christóbal Colón. Es ist mein nom de guerre. Wir kämpfen um unser Leben.

Alles, was wir hier auf den Schiffen verwenden, wird rezykliert, Luft, Wasser, Nahrung durch Körperausscheidungsprodukte. Wir erreichen eine Rate von 99,9 %. Also bleibt ein kleiner Schwund, der unsere Zeit als Schiffsreisende endlich macht. Längst schon gibt es Sparmaßnahmen, es darf höchstens ein Mal wöchentlich geduscht werden, die Essensrationen werden laufend hinuntergesetzt, sogar atmen soll man bedächtig. Trotzdem bleiben uns längstens drei weitere Jahre, wenn man großzügig rechnet, dann müssen wir einen Platz gefunden haben.

Ich bin einer der wenigen, der alleine lebt, die meisten leben in Partnerschaften, viele mit Kindern in Familien. Das will ich nicht, ich will mich auf keine andere Person einstellen müssen, ich bin der Kommandant, Liebe würde mich bloß verwirren, meinen Geist biegsam machen und meine Hand langsam, meine Funktion ist zu wichtig, um mich auf etwas einzulassen, das mich ablenken würde. Ich habe eine geräumige Kajüte, viele elektronische Bücher, das reicht mir. Über eine Familie kann ich nachdenken, wenn wir am Ziel sind.

Gerne hätten wir auf einem der Schiffe einen Zoo eingerichtet, als eine Art moderne Arche Noah, aber wir mussten uns auf einige wenige Kleintiere beschränken. Hätten wir Elefanten, Nilpferde, gar Wale mitgenommen, hätten wir viele Menschen auf der Erde zurücklassen müssen. Beim Fliegen, beim Bewegen durch Luft oder durch annäherndes Vakuum geht es um das zu transportierende Gewicht, immer geht es in der Fortbewegung um das Gewicht. Ohnedies blieben viele zurück. Die zehntausend Reisenden wurden durch ein Auswahlverfahren ermittelt. Mir aber ist nicht bekannt, aufgrund welcher Parameter entschieden wurde. Ich würde es auch gar nicht wissen wollen. Behinderte gibt es hier keine. Krankheiten brechen nicht oft aus. Psychische Instabilitäten sind selten. Die Enttäuschung, wenn ein Planet nicht geeignet ist und auch nicht in absehbarer Zeit urbar gemacht werden kann, ist normal, und auch die teils tiefe Hoffnungslosigkeit hinterher. Es wurde wohl nach Darwins Prinzip the survival of the fittest entschieden. Auch wenn das hart klingt: Schwache kann man auf den Schiffen nicht gebrauchen. Das aber sind nur Vermutungen meinerseits, nie sah ich ein offizielles Schreiben, nie wurde mir etwas mitgeteilt. So kann ich sagen: Ich weiß es nicht. Stark Vermuten bleibt Vermuten und ist noch nicht Wissen.

Uns allen war klar, dass es nicht leicht werden, aber nicht, dass es so schwer werden würde. Noch auf der Erde, als sie mehr und mehr verfiel, nachdem man dieses Projekt als einzig mögliche Rettung der Menschheit, das klingt groß, aber das ist es auch, beschlossen hatte, legte man besonderes Augenmerk auf zwei Dinge: erstens einen möglichst schnellen Antrieb zu entwickeln, der aber gleichzeitig auch fein justierbar zu sein hatte, zweitens nach bewohnbaren oder bewohnbar zu machenden Planeten Ausschau zu halten.

Für den Antrieb fand man nach einigen Versuchen eine elegante Lösung. Sie basiert auf dem zerstörerischen oder besser gesagt auslöschenden Effekt, wenn Materie und Anti-Materie zusammentreffen. Die Wissenschaftler nahmen das Licht und das Gegenteil davon, die Schwärze des Weltalls. Ein Photon plus ein Anti-Photon müsste eine gewaltige Explosion ergeben. Man experimentierte damit. Die Explosion war nahezu nicht zu bändigen, das Wort nahezu aber relativiert das Ergebnis, nach gewaltigen Schäden an Labors bekam man die Wucht der Explosion langsam in den Griff. Der Antrieb auf den Schiffen sind also je zwei Photonen-Anti-Photonen-Triebwerke. Sie sind jeweils an den hintersten Enden der Schiffe eingebaut. Als Treibstoff dienen winzige Würfel, in denen Licht eingeschlossen ist. Leider ist auch die Lichtgeschwindigkeit die für uns maximal erreichbare. Für das Weltall ist das langsam, ein Schneckentempo geradezu.

Bei der Suche nach einem verwendbaren Planeten gab es wenig Neues. Die Astronomie war ziemlich vernachlässigt worden, weil sie teuer war und das Ergebnis unbefriedigend. Man hatte sich auf diese unsere Erde konzentriert, man holte aus ihr raus, was in ihr drin war, und baute darauf, die Schäden an ihr mithilfe der Technik später zu reparieren – was sich als nicht möglich erwies. Als man erkannt hatte, dass es zu spät war und man die Erde würde verlassen müssen, floss viel, viel Geld in die Sternenforschung. Mit einem passenden Antrieb funktionierte es, obwohl die Zeit schon knapp war, aber bei der Planetenerkennung und -auswertung musste man mit bereits bekannten Methoden vorliebnehmen. Die meisten Planeten wurden nicht direkt detektiert, sondern wenn sie zwischen einem Stern und dem Teleskop vorbeizogen, durch Verringerung der Strahlungsintensität des Sterns. Mittels Spektralanalyse untersuchte man den Planeten auf für menschliches Leben wichtige chemische Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Silizium. Entscheidend waren das Vorhandensein von Wasser in flüssiger Form, was aus der Ferne aber nicht feststellbar war, und das Vorhandensein einer Atmosphäre um der Planeten, das konnte man messen, auch seine Oberflächentemperatur ließ sich ermitteln. Man fand viele Planeten, fast alle musste man ausschließen, ganz wenige blieben ein Fragezeichen. Die meisten Planeten mit für Menschen fraglicher Lebensmöglichkeit, die in unserer Reichweite liegen, die der Teleskope ist viel weiter als die unserer Schiffe, haben wir bereits angeflogen, mit negativem Resultat.

Die Wissenschaftler haben auch an der Möglichkeit gearbeitet, einen Planeten bewohnbar zu machen – eine Atmosphäre zu schaffen, Elemente umzuwandeln, Sauerstoff zu „züchten“, das heißt zu vervielfältigen, den Boden zu verfestigen und anderes mehr. Anfangen würde es mit einem Habitat für einige wenige, sobald genügend Ressourcen da wären, sollte es in eine Kolonie übergehen, in ein Land und so weiter, träumen darf man. Wir haben dafür Geräte an Bord, aber noch kein Planet war geeignet, sie einzusetzen.

Wir sind nicht bei null. Es ist schlimmer, wir haben siebzehn Jahre hinter uns und maximal drei vor uns. Die Zahl der Reisenden ist seit dem Start auch gestiegen, da die Rate der Geburten die der Verstorbenen überstieg. Nur wenige von höherem Alter verließen die Erde, in erster Linie waren das Menschen mit ganz besonderen Fähigkeiten, Wissenschaftler, Ingenieure, Fachärzte, ein paar Künstler, die herausragend sind in ihrem Metier, oder waren, falls sie inzwischen tot sind. Und sie sind tot, manche von den geschätztesten Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Musikern. Viel ist nicht mehr übrig an lebenden Kunstschaffenden. Natürlich wurden vorzugsweise Jüngere mitgenommen, bis zum mittleren Alter, kann man sagen, bis zum Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Viele von ihnen sind Handwerker, einige Bauern. Es ist eine theoretisch ausgewogene Gesellschaft, in der jeder seinen Platz und seinen Wert hat und in der Lage ist, sie besser zu machen. Nur ist es so, dass durch die gestiegene Personenzahl auf jedem Schiff mehr Leute sind als vorgesehen. Das System liefert mir die Daten: Auf der Santa Maria sind es zweiundneunzig zu viel, auf der Niña sechsundachtzig und auf der Pinta neunzehn. Noch sind diese Zahlen nicht dramatisch, aber damit sie es auch nicht werden, haben wir vor drei Monaten eine Lebendgeburtenbeschränkung eingeführt. Pro Paar sind zwei Kinder erlaubt, konstante Population also. Bringt eine Frau mehr Kinder auf die Welt, muss entweder das Kind oder jemand anstelle des Kindes aus der Welt scheiden. Das sind harte Maßnahmen, ich weiß, aber es geht um das Überleben der Menschheit, mehr ist ja gar nicht möglich. Solche Fälle sind vorgekommen, in keinem einzigen Fall wurde dem Kind das Leben genommen, in zwei Fällen ging der Vater anstelle des Kindes, in allen anderen Fällen die Mutter, Großmütter oder Großväter waren nicht zugegen.

Manche der während der Reise geborenen Kinder sind schon Teenager. Sie vermissen die Erde nicht, weil sie sie nicht kennen. Das jeweilige Schiff ist ihr sich bewegendes Haus. Wenn sie sich Aufzeichnungen von der Erde ansehen, ist ihnen völlig fremd, was da gezeigt wird. Sie können damit nichts anfangen. Es ist ein ihnen unbekannter Lebensraum. So wie Kinder früher im Zirkus die Raubtiere bestaunten, lassen die Kinder auf den Schiffen die Bilder der alten Erde auf sich wirken. Sie sind fremd, sie leben ganz woanders, hier sind sie nur zu Besuch.

Die Kinder, natürlich sind die Kinder die Zukunft, dieser Spruch gilt immer. Sie werden von Lehrern und Professoren unterrichtet. Wir haben auf den Schiffen das gesamte Wissen der Erde, auf Datenträgern, um Platz zu sparen. Die Kinder können an den Systemeingabegeräten auf jede erdenkliche Information zurückgreifen. Sie sind unbefangen, haben keine Angst vor Neuem, sondern Interesse. Anderseits sind sie nur die Schiffe gewöhnt, sie sind nie auf Lehm gegangen, kennen keinen Himmel, Wasser schon, wir haben Pools an Bord, den Kindern wird Schwimmen beigebracht, sie kennen aber keine Sonne, die lebensspendend am Himmel steht. Wir sind uns nicht sicher, ob sie auf einem Planeten zurechtkommen würden, da besteht eine gewisse Unsicherheit.

Es gibt einen Grund dafür, dass die Zahl der Geburten auf der Pinta denen der anderen beiden Schiffen hinterherhinkt: Wir nutzen einen Teil von ihr als Gefängnis. Wir riegelten dort einen großen Trakt ab und befestigten ihn. Wir verwahren fast nur Männer, hauptsächlich wegen Streitigkeiten um Frauen, die zu Kämpfen ausgeartet waren. Diebstähle sind selten, Geld ist bei uns keines im Umlauf. Es gibt hier schon ein kollektives Bewusstsein, eine gemeinsame Heilssuche. Und eine mittlerweile etablierte starke Security, die bei Vergehen hart durchgreift – man darf es mit dem Idealismus nicht übertreiben.

Wer aufmuckt, macht einen Außeneinsatz ohne Raumanzug. Nein, das ist nur ein Witz. Gerade wenn das menschliche Leben zahlenmäßig so beschränkt ist wie hier, hat man mehr Respekt vor ihm. Noch nie seit Beginn der Reise wurde ein Todesurteil ausgesprochen. Es gab fünf Morde, zwei davon heimtückische, woraufhin wir die Täter auf der Pinta isolierten. Für die Gemeinschaft wäre es sogar das Beste, sie loszuwerden, sie zu töten, aber das wollen wir nicht. Wir sind eine Zivilisation. Wir wollen nicht verrohen.

Ein ständiger Begleiter, ein sehr ungeliebter, ist uns die Langeweile. Man kämpft gegen sie an, man tut etwas, irgendetwas, aber doch weiß jeder, dass das meiste nicht besonders sinnhaft ist. Für viele Besatzungsmitglieder vergeht die Zeit großteils ungenutzt. Ich habe schon etwas zu tun, und viel Verantwortung, trotzdem ringe ich mit der dauernden Langeweile, oder sie sitzt neben mir auf dem Boden, wie auch immer.

Es finden ja keine Schlachten mit Schiffen von Außerirdischen statt, das gibt es nur im Kino. Wir gehen nicht auf Planeten durch üppige Landschaften von Pflanzenlebewesen. Es gibt überhaupt keine Außerirdischen, bis jetzt. Nirgendwo haben wir außerirdisches Leben gefunden. Gar nichts, nicht einmal schwammartige Lebewesen, nicht einmal Einzeller. Es muss nicht nur der Ort passen, sondern auch die Zeit. Auf manchen Planeten war möglicherweise früher Leben, wenn auch nur in sehr einfacher Form. Man kommt ins Philosophieren, hier auf dem Schiff, weil man die Zeit dazu hat, und weil man keinen Ausweg sieht. Man kann nur weitermachen, und die Chancen sinken und sinken. Mit jeder Planetenmessung, jedem Besuch auf einem verringert sich unsere Überlebenswahrscheinlichkeit.

In welchem Zustand jetzt die Erde ist? Was sich auf ihr tut? Wir wissen es nicht. Es gibt keinen Funkverkehr mit ihr, absichtlich nicht. Wir richten unsere Diagnoseinstrumente nicht nach ihr aus. Ihre Atmosphäre war bei unserer Abreise schon sehr durchlässig, die Temperaturen an der Oberfläche stark gestiegen. Vielleicht sind die Meere schon kochend verdunstet. Mag sein, dass sich in Höhlen noch manche alte Menschen verstecken, besonders wahrscheinlich ist das nicht. Die letzten Überlebenden auf ihr werden wohl Küchenschaben sein, oder waren Küchenschaben. Wie gesagt, uns ist nicht bekannt, ob sie noch Leben beherbergt. Tut sie es heute noch, dann morgen nicht mehr, prosaisch gesprochen.

Und auch unsere Zeit an Bord ist beschränkt, ich habe es schon angemerkt. 0,1 % Schwund mag nach nicht viel klingen, aber für uns ist er fatal, schicksalshaft, das kann man wirklich so sagen, er beschließt unseren Aufenthalt auf den Schiffen. Manche der Planeten wirkten anfangs verheißungsvoll, doch immer hat irgendetwas nicht gepasst. Sie waren zu groß, sie würden keine künstlich erzeugte Atmosphäre halten können, sie waren gasförmig, die Temperatur war weit zu hoch oder nahe dem absoluten Nullpunkt. Und auch die Idee, einen Planeten zu formen und vorerst nur einige wenige Menschen auf ihm auszusetzen, ist bloß in der Theorie gut, und womöglich nicht einmal das. Die Schiffe müssten warten, damit könnten andere Planeten nicht untersucht werden. Sozusagen wären wir gezwungen, alles auf eine Karte zu setzen. Nur war es ohnedies folgendermaßen, dass in Betracht gekommene Planeten so weit davon entfernt waren, sie lebenswert machen zu können, dass es viel mehr Energie gekostet hätte, als wir zur Verfügung haben.

Ja, das ist die Lage. Wir können nur hoffen, dass einer der zukünftigen Planeten bewohnbar  oder in absehbarer Zeit bewohnbar zu machen ist. Natürlich sind viele hier an Bord nervös. Manche sagen, es war ein Fehler, die Erde überhaupt verlassen zu haben. Vor ungefähr zehn Jahren war eine Bewegung entstanden, die verlangte, dass die Schiffe zurück zur Erde fliegen hätten sollen. Weniger die Kapitäne der Niña und Pinta und ich als die älteren Wissenschaftler brachten es zuwege, die zahlreichen Mitglieder dieser Bewegung davon zu überzeugen, dass es weit unsicherer war, die Erde anzusteuern als weiterzureisen. Wir sind, logischerweise, weitergereist, und haben nun nichts anzubieten. Jetzt ist eine Rückkehr unmöglich, unsere Ressourcen würden nicht reichen. Niemand fordert sie jetzt mehr. Doch darum geht es nicht, sondern darum, dass diese Menschen uns, der Führungscrew, ihr Vertrauen geschenkt haben, und wir konnten es nicht einlösen.

Die Krankenversorgung ist sehr gut bei uns. Auf den zwei kleinen Schiffen ist jeweils eine Sanitätsanstalt, und auf der Santa Maria befindet sich ein Spital. Auf der Niña und Pinta sind je zwei Operationssäle, auf der Santa Maria vier. Wir verfügen über spezialisierte Ärzte, Anästhesisten, Chirurgen. Wir haben auch einige Pharmakologen an Bord. Falls uns bestimmte Medikamente ausgehen sollten, können sie neue herstellen. Wir sind auf Unwägbarkeiten gut vorbereitet, ich denke, das kann man so sagen. Bei uns wird niemand an Skorbut leiden, wie bei der Entdeckungsfahrt meines Namensvetters vor siebenhundert Jahren.

Was damals die Wellen waren, sind nun die Sonnenstürme. Damals navigierte man mit den Sternen, wir fliegen heute durch die Sterne. Nur traf Señor Colón in alter Zeit auf Eingeborene. Wir sind bislang auf niemand Lebenden getroffen, aber das Buch ist ja noch nicht zu Ende geschrieben. Wir hoffen noch. Wir glauben noch an unser Überleben. Wirklich? Ja, selbstverständlich. Wir müssen daran glauben, sonst ist alles aus.

Der Glaube, ja, das ist so eine Sache. Glaube an die eigene Stärke ist gut, ist vorteilhaft. Der Glaube als Religion wird hier auf den Schiffen nicht öffentlich zelebriert. Es gibt keine Gottesdienste irgendwelcher Art. Wohl einige sind gläubig, manche glauben nicht, doch damit es keine Streitereien unter den verschiedenen Glaubensrichtungen gibt, hielten wir es für richtig, dass sich die Menschen nur privat mit ihrem Glauben, ihrer Religion auseinandersetzen. Wir sind vorsichtig gegenüber selbsternannten Erweckungspredigern, die aufkommen könnten.  Religion kann ein Minenfeld sein. Wir haben nur noch diese eine Reise zur Verfügung, wir dürfen nichts riskieren, alles, was gefährlich werden könnte, wird ausgeschlossen.

Ich verbringe viel Zeit in meiner Kajüte. Wohl bin ich als Kapitän auch Pilot meines Schiffs, aber es gibt einen Co-Piloten, und überdies fliegt das Schiff ja automatisch. Der Navigator, ein Steuerungsexperte und ich programmieren den Kurs, stets für mindestens eine Woche im Voraus. Klarerweise kann sich immer etwas ändern, aber wenn das nicht zu erwarten ist, soundso vertritt mich mein Co-Pilot, ziehe ich mich gerne in meine Kajüte zurück und lese. Besonders gern lese ich Sachtexte, in letzter Zeit habe ich sehr viel über das Mittelalter gelesen. Die Bauern waren die Beine des gemeinschaftlichen Körpers, und sie wurden als Einfaltspinsel verunglimpft. Die Adeligen, der Klerus, sie wären verhungert ohne sie, und das war dafür der Dank. Oder die prächtige Königin von Frankreich und England, Eleonore von Aquitanien, die alles für Pomp und Prunk ausgeben hat: Sah sie wirklich so gut aus wie berichtet, hatte sie blonde Haare? Inzwischen bin ich schon ein kleiner Mediävist. Auch in anderen Themen bin ich sehr beschlagen. Ich las und lese von der untergegangenen Welt. Alles das liegt hinter mir, liegt hinter uns. Schade, schade, wirklich schade. Ich bin ein rational denkender Mensch, doch wo ich sehe, was alles war, was es alles gegeben hat, tut es mir leid, ja wirklich, es tut mir sehr leid.

Ich bin beileibe nicht der Einzige an Bord, der sich Tagträumen ergibt. Viele, sehr viele tun das, vor allem die, die oft allein sind. Was bleibt ihnen denn übrig? Die Wirklichkeit kann grausam enden. Jeder hier weiß das. Aber soll man deshalb dauernd daran denken? Nein, man lenkt sich ab, man sucht Schönes. Auch wenn man nicht dazu neigt, könnte man sonst verrückt werden, oder so hart wie Stein, unfähig, noch etwas zu spüren, auch wenn es nötig wäre.

Stopp! Ich habe jetzt einen Planeten groß auf dem Schirm, den wir begutachten werden. In Kürze werden seine Daten eintreffen. Sind die günstig, werden wir einen Landungsroboter zu ihm losschicken. Wir haben nun eine neue Perspektive. Ich muss jetzt aufhören. Ich werde mich an anderer Stelle wieder melden.

 

Ich bin wieder hier. Es ist jetzt ungefähr zweieinhalb Jahre später. Ich kann es auch genau beziffern. Was sagt das System? Es ist zwei Jahre, fünf Monate und einundzwanzig Tage später. Die Situation hat sich verschlechtert, arg verschlechtert. Es war alles umsonst. „Durch den Fluss meiner Augen / sehe ich das Salz der Tränen. / Planeten über jeder Zahl / und nirgendwo ist möglich Leben“, würde ich schreiben, wenn ich Dichter wäre, aber ich bin kein Dichter, ich bin Kapitän, Pilot, Techniker. Ich entscheide nach dem Kopf, und nicht nach dem Herzen. Kein Planet war auch nur im Entferntesten geeignet, auf ihm in seinem Status quo zu leben oder ihn besiedelbar zu machen. Es sind kaum noch Planeten übrig, der Schwund hat noch zugenommen, auf derzeit 0,15 %. Wir haben nicht länger als höchstens eineinhalb Monate auf den Schiffen zu leben. Einige haben freiwillig ihr Leben beendet. Es ist furchtbar.

Doch der Schrecken muss ein Ende haben. Die Führungscrew, die Wissenschaftler und Ärzte sind zu Rate gesessen. Der nächste Planet, den wir in acht Tagen antreffen werden, ist sehr groß, hat festen Boden, ist also massereich, statt einer Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre wogt Methan, eine schützende atmosphärische Schicht zu erzeugen wird nicht möglich sein. Dieser Planet ist trotzdem noch der, der am ehesten bewohnbar ist. Einen besseren werden wir nicht mehr finden.

Da es uns daher nicht möglich ist, einen Planeten bewohnbar zu machen, haben wir keine andere Wahl, als uns dem Planeten anzupassen. Für diesen Planeten, wir haben ihn Beta 19 getauft, heißt das: viel stärkere, breitere und kürzere Beine, vier statt zwei Lungenflügel, ein Metabolismus, der Methan statt Sauerstoff verarbeitet, eine panzerartige Haut als relativer Schutz vor Gamma-Strahlen, stark vergrößerte Augen, da die Sonne im Drehpunkt weit weg ist, es ist eine dunkle Welt. Unsere Chirurgen stehen bereit, um mit der Umwandlung zu beginnen.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17001