Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Fräulein der Früchte

Fräulein der vielen Früchte.
Schmecken so anders wie süß.
Wenn ich einmal in sie reinbeiße,
kann ich nicht mehr von ihnen lassen.
Schon jetzt doch brauch ich dich so sehr
wie der Fisch das Meer,
wie die Wolke den Wind.

Drei Früchte

Drei Früchte

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19072

Der Tag, an dem er aus der Welt verschwand

Die Töne verloren sich.
Es wurde leise, immer leiser.
Die Vögel bewegten die Schnäbel, und es kam kein Laut.
Der Wind fuhr durch die Blätter, und es blieb völlig still.

Es schien wie immer.
Die Menschen, die Tiere, die Autos waren da,
aber was lebte, reagierte nicht auf ihn.
Hologramme waren sie, die sich jagten, unterhielten, liebten.

Und er war der, der ihnen dabei zusah.
Bis jemand kam, der eine Fernbedienung in der Hand hatte,
und ihn wegzappte.

Puzzle Express

Puzzle Express

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19071

Der Reisende in Menschenhaut

Das All hab ich durchquert,
dreizehn Milliarden Jahre lang,
das Licht neben mir,
schneller ging es nicht.

Auf diesem Planeten landete ich,
der die Farbe hat deiner Augen,
deshalb wählte ich ihn als Zufluchtsstation,
um zu essen, zu schlafen, zu rasten.
Dann sollte die Reise weitergehen.

Doch mein Antrieb war zu schwach,
ich durchstieß die Lufthülle nicht.
So musste ich bleiben
und mich bescheiden.
Vergessen den Wind, der mich nicht mehr trägt.

Fest ist hier die Erde, die mich an sich bindet.
Viele Menschen höre ich reden, aber ich versteh sie nicht.
Ich spaziere am Ufer des Sees,
und seh ich ins Wasser, dann denk ich an dich.

Der Walterskirchner See im Frühling

Der Walterskirchner See im Frühling

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19069

Wir sind die Nachtfalter, die um das Licht kreisen

Die Sterne, die Planeten, die Milchstraße, Milliarden Galaxien, die Weiten des Alls. Wir auf der Erde erforschen unsere Umgebung. Vieles gibt es, was wir noch nicht kennen und nicht verstehen. Wundersam und fremd. Wir sind erst am Anfang.

Nein! Es ist alles eine große Lüge. Das Hubble-Teleskop, die Sonden, der Rote Planet, die Ringe des Saturns, die brodelnd heiße Venus. Es sind falsche Bilder, Daten, die es nicht gibt. Die Planeten sind am Himmelsgewölbe befestigt, die Sterne sind LEDs, die Sonne ist ein großer Ball, der vom Osten nach Westen wandert. Und ist es Nacht, wird das Licht ausgeschaltet.

Rote Sonne, Wunderbäume und Quallen

Rote Sonne, Wunderbäume und Quallen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19068

 

Internet

Papua-Neuguinea. Die letzten Menschenfresser. Das Opfer ist ein weißer Mann. Er ist verschnürt und geknebelt. Gwob und Qualip legen los.

Gwob: Was meinst du, kochen oder braten?

Qualip: Besser kochen, würde ich sagen. Vielleicht hat er irgendwelche Bakterien. Kochen ist da sicherer.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Er ist so fett. Glaubst du, er passt überhaupt in den Topf?

Qualip: Ich denke schon. Aber wenn nicht, schneiden wir ihn halt zurecht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Gwob: Gesund sieht er nicht aus. Ich hoffe, uns wird nicht von ihm schlecht.

Qualip: Wir haben schon andere Kaliber verdrückt, und sie haben uns nicht geschadet. Denk doch an den mit den Eiterbeulen.

Gwob: Okay, du hast Recht. Sag mal, weißt du, wie er gefüttert wurde?

Qualip: Gegessen, er hat selbst gegessen.

Gwob: Und was?

Qualip: Naja, Fast Food hauptsächlich.

Gwob: Fast Food, wasisndas?

Qualip: Burger. Du weißt schon, Fleischlaibchen in Sesamwecken.

Gwob: Nein, ich weiß nicht. Aber woher weißt du das? Das möchte ich jetzt wissen.

Qualip: Na, Internet.

Gwob: Internet?

Qualip: Ja, auf dem Notebook mit der Kurbel von unserem letzten Opfer.

Fußball im Internet

Fußball im Internet

Gwob: Dem Missionar?

Qualip: Genau.

Gwob: Jetzt hör mal. Wir sind eines der letzten unentdeckten Naturvölker der Welt. Wir beten Waldgeister und die Sonnengöttin an. Wir haben keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und keine Ärzte. Wir haben nicht einmal eine Schrift. Und du hast Internet?

Qualip: So ist es. Sag mal, du hast doch auch schon Hunger. Machen wir uns an die Arbeit.

Gwob: Betäubung?

Qualip: Nein, wir brauchen unsere Kräuter selbst. Und Alkohol kennen wir ja nicht.

Grunzgeräusche des Opfers.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 19066

Post aus der Vergangenheit

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

 

Mein verehrter Herr Klarmüller,                 Klagenfurt, 1. September 1956

Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Sie heißen Robert Klarmüller, sind siebenundvierzig Jahre alt, verheiratet mit Ramona, die fünfundvierzig Jahre zählt. Sie haben drei gemeinsame Kinder, Wilhelm, sechzehn Jahre alt, Marlies, fünfzehn Jahre alt und Horst, neun Jahre alt. Sie arbeiten als Softwaretechniker bei der Firma Datinform. Zudem haben Sie seit neun Monaten eine Geliebte, die Jasmin heißt, Sie nennen sie Jello. Sie ist zweiunddreißig und natürlich hübsch, blond und blauäugig.
Über mich gibt es wenig zu sagen, außer dem, dass ich Hans Rosen heiße und in der Tritscherstraße 11 wohne. Sie können schon an dem Umstand sehen, dass ich Sie kenne, da ich über Ihre Situation Bescheid weiß.
Betrachten Sie mich als Ihren persönlichen Engel. Der Grund, dass ich Ihnen schreibe, ist, dass ich Ihnen dringend nahelege, die Beziehung zu Jasmin schnellstmöglich zu beenden. Sonst wird Ihre Ehefrau Sie verlassen, Herr Klarmüller. Sie werden sehen, es wird so sein.

Mit besten Grüßen
Hans Rosen

 

Der erste Gedanke, der Robert Klarmüller kam, als er den Brief gelesen hatte, war: Zum Glück habe ich heute die Post geholt, und nicht Ramona. Der zweite war: Was soll das? Diesen Brief muss ein Scherzbold verfasst haben. Und er muss achtundfünfzig Jahre unterwegs gewesen sein, denn heute ist der 2. September, aber des Jahres 2014. Ha-ha, lustig! Nein, nicht lustig. Das verwendete Papier ist allerdings kein handelsübliches Kopierpapier, sondern altmodisches oder exquisites Schreibpapier. Aber die Person muss genau über meine Lebensumstände Bescheid wissen. Vielleicht der Roloff aus der Firma, der zwei Schreibtische weiter sitzt. Ich kann ihn nicht leiden, und da so etwas auf Gegenseitigkeit beruht, kann er mich genauso wenig leiden. Ihm würde ich Boshaftigkeit als Grund für den Brief unterstellen.

Am nächsten Arbeitstag, morgens, passte Robert Klarmüller seinen Kollegen Sebastian Roloff beim Kaffeeautomaten ab. Er wusste, dass er stets, wenn immer möglich, um 10:30 Uhr dort eine kleine Pause einlegte. „Sag mal, Kollege Roloff, schreibst du noch Briefe?“, fragte Robert ihn unverwandt. „Wie, meinst du, aus dem Drucker ausgedruckt oder handschriftlich?“, entgegnete Sebastian Roloff. „Eher private Briefe“, sagte Robert. „Meinen letzten Brief muss ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben haben“, gab Sebastian Roloff zurück, „an meine damalige Freundin. Es hat aber nichts gebracht, sie war schon fort.“ Diese Aussage klang zu hundert Prozent ehrlich, befand Robert, und der Kollege hatte ihm einen privaten Einblick gewährt. Ach was, dachte Robert sofort, das ist doch ein alter Verkäufertrick! Nur war Kollege Roloff kein Verkäufer. Und genauso wenig war er Hans Rosen, der Autor jenes Briefes.

Als Robert mit seinem Auto nachhause fuhr und nachdem er sich über die Freisprecheinrichtung mit Jello unterhalten hatte und vereinbart wurde, sich übermorgen, am Freitagnachmittag zu sehen, überlegte Robert: Um wie viel anders verläuft jetzt mein Leben durch diesen Brief? Um sich die Antwort: „null Zentimeter“ zu geben.

Aber am Samstagnachmittag änderte sich etwas, Ramona sagte nur einen Satz: „Robbie, ich weiß Bescheid.“

Am Montag nach der Arbeit fischte Robert einen neuen, altertümlich beschrifteten, an ihn adressierten Brief aus dem Postkasten, der folgendermaßen lautete:

 

Mein verehrter Herr Klarmüller,                 Klagenfurt, 5. September 1956

ich fürchte, ich bin zu spät. Ich wollte Ihnen am Freitag ein Telegramm senden, da erfuhr ich, dass es in Ihrer Zeit keine Telegramme mehr gibt, dafür Mobiltelefone, mit denen man sogenannte SMSes, Texte, an andere Mobiltelefone senden kann, und neuerdings sogar WhatsUp-Messages, oder so ähnlich, als letzte technologische Ausbaustufe. Ich wollte Sie davor warnen, sich am Freitagnachmittag mit Ihrer Freundin Jasmin zu treffen. Wahrscheinlich wäre es aber soundso egal gewesen, ob Sie es getan hätten oder nicht, denn Ihre Gattin ist ja schon länger über diese Konstellation informiert.

Für den Fall, dass Sie immer noch denken, ich schriebe aus dem Blauen heraus, werde ich Ihnen ein Ereignis schildern, das am Donnerstag um 13:17 Uhr stattfinden wird: Alice, eine der Sekretärinnen, wird Ihnen eröffnen: „Robert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes Lagerwirtschaftsprogramm einstellen. Unser Herr Schmalfuss wird dir ein neues Projekt zuteilen. So lange, bitte, erfülle Verwaltungsaufgaben. So, das war es dann. Wir hoffen alle auf ein gutes Ende, Robert.“
Ihr Leben wird vom Unglück bestimmt werden. Sie wissen das, Herr Klarmüller. Was soll ich Ihnen raten? Helfe ich Ihnen aus einem Unglück heraus, trifft Sie ein anderes. Ich weiß leider nicht, wie ich Ihnen nun beistehen könnte, doch werde ich Sie begleiten. Sie werden wieder Post von mir erhalten.

Mit herzlichen Grüßen
Hans Rosen

 

Ja, es stimmte. Robert Klarmüller spürte die schiefe Ebene. Sie zog ihn nach unten. Wie weit?, fragte er sich. Er wusste keine Antwort. Was will dieser Herr Rosen von mir, falls es ihn denn gibt? Schrieb er nicht in seinem ersten Brief, gerade eine Woche her, er wolle mein Engel sein? Er hat wohl schwarzes Gefieder stattdessen, der Rabe Rosen.

Kunststoffrabe und sein Schatten

Kunststoffrabe und sein Schatten

Er scheint ein Unglücksbote zu sein. Dennoch, erst einmal warten und sehen, was am Donnerstag passieren wird.

Ramona war wegen der Sache mit Jello gar nicht betroffen. Als ob sie darauf gewartet hätte. Ihr ist es anscheinend recht, dass die Lovestory zwischen ihm und Jello weitergeht. Sie hofft wohl auf eine gute Scheidung mit hohen Alimentationszahlungen von ihm, nicht nur für die drei Kinder, sondern auch für sich. Das kann leicht sechzig Prozent seines Einkommens kosten, theoretisch, von seinem bisherigen Einkommen, was dahingehend die Zukunft bringt, wird sich erst zeigen.

Ich werde es Alice nicht leicht machen, dachte Robert am Donnerstag kurz nach 13 Uhr. Ich bleibe einfach sitzen, in diesem Café nahe der Firma. Er bestellte einen Latte macchiato. Er sah zur Tür. Um 13:16 Uhr öffnete Alice sie und trat ein. Sie setzte sich an Roberts Tischchen, um 13:17 Uhr begann sie zu eröffnen: „Robert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes …“

Das ist ganz, ganz schlecht, wusste Robert.

Den weiteren Arbeitstag verbrachte Robert damit, seine Ablage abzuarbeiten, einen Teil davon, damit er auch in den kommenden Tagen zu tun haben würde. „Warum hat mich Herr Schmalfuss nicht selbst über diesen Vorfall unterrichtet?“, fragte sich Robert. „Und wann erhalte ich mein neues Projekt, als Alleinverantwortlicher wie sonst oder nur als Mitarbeiter?“

Plötzlich kam ihm ein Gedanke: Was ist, wenn dieser Herr Rosen nicht der Verkünder wäre, sondern die Ereignisse einträten, weil er sie vorhersagte? War das nicht eine realistische Möglichkeit in der Unmöglichkeit, in der Robert sich befand?

Ich muss ihn ausfindig machen, sollte es ihn wirklich geben, überlegte Robert weiter, mittlerweile glaube er an seine Existenz, seine jetzige. Falls er meine Zukunft erzeugt, muss ich ihn dazu bringen, die Kette an fallenden Dominosteinen zu unterbrechen. Versuchen werde ich es.

Und zwar jetzt, sofort. Robert fuhr ein paar Minuten nach 17 Uhr von der Firma weg, das Navi wies ihm den Weg. Nach knapp zwanzig Minuten war er am Ziel, der Tritscherstraße 11, einem weißen, etwas heruntergekommenen Wohnblock aus den 1980er-Jahren vor und neben gleichartigen. Drei dieser Häuser standen durchgehend nebeneinander, Stiege 1, Stiege 2 und Stiege 3. Robert suchte den Hausbesorger. Bei Stiege 2 stand er auf einem Klingelschild, mitsamt „Groß“, seinem Namen. Robert läutete. Nach kurzer Zeit meldete sich ein heiserer Mann. „Können Sie mir vielleicht helfen, Herr Groß? Ich suche Herrn Hans Rosen.“ „Ist gut“, sagte Herr Groß durch die Gegensprechanlage, nehmen Sie den Lift in den 3. Stock. Ich bin dort in der ersten Wohnung links.“ In der Wohnung hielt sich eine große Familie auf, viele Kinder jeden Alters, sah Robert durch die halboffene Tür. Herr Groß war freundlich, bat Robert aber nicht in seine Wohnung. „Hier standen früher Einfamilienhäuser“, erzählte er. „Diese Wohnhäuser wurden 1983 erbaut. Der Name Hans Rosen ist mir kein Begriff. Ich empfehle Ihnen, sich in dem kleinen Haus auf der anderen Straßenseite bei Herrn Hering nach Herrn Rosen zu erkundigen. Seit ich Hausbesorger bin, seit 1991, lebt er dort. Möglicherweise kann er Ihnen helfen.“

Dieser Herr Hering bat Robert, in das Haus einzutreten, in dem er seit dem Tod seiner Frau vor sieben Jahren alleine lebte. Er bereitete auch Kaffee zu. Ja, er könne sich an Johann Rosen erinnern, der habe drüben auf der anderen Straßenseite ganz alleine gelebt. Herr Hering war Jahrgang 1940, Herr Rosen müsste 1912 auf die Welt gekommen sein. Er ging sehr nett mit den Kindern in der Gegend um, sagte Herr Hering, auch mit ihm, und ohne jede Art von sexueller Belästigung, wie Herr Hering wusste, auf keinen Fall bei ihm, aber auch nie kam ein Mädchen verstört aus Herrn Rosens Haus. „Können Sie sich an etwas besonderes bei Herrn Rosen erinnern?“, fragte Robert. „Ja“, sagte Herr Hering, „er schrieb und erhielt viele Briefe.“ Im Jahr 1980 verschlechterte sich Herrn Rosens Gesundheitszustand, im Jahr darauf zog er in ein Altersheim, das in der Gemeinde Neutau lag, welches es heute nicht mehr gibt. Alle Häuser auf der anderen Straßenseite wurden wahrscheinlich teuer vom Bauträger angekauft, jedenfalls wurden alle planiert und die neuen großen Wohnhäuser hochgezogen. Herr Hering besuchte Herrn Rosen gelegentlich, eher selten, in seinem Heim. Im Jahr 1985 starb er dann. „Vielen Dank, Herr Hering, Sie haben mir sehr geholfen“, bedankte sich Robert. „Habe ich das wirklich?“, fragte Herr Hering.

Hat er, dachte Robert. Als Erstes aber googelte er diesen Hans Rosen, fand aber nicht den richtigen und erst recht keine Telefonnummer. So besorgte er sich einen Grundbuchauszug, in dem stand, dass Hans Rosen am 7. November 1981 seine Liegenschaft in der Tritscherstraße 11 an die Firma „Heimathafen“, verkauft hatte, für die Hermann Salzwedel verantwortlich zeichnete. Durch das Standesamt von Neutau erfuhr Robert, dass Hans Rosen am 14. Februar 1985 gestorben war.

Also gab es keine Möglichkeit, diesen Herrn Rosen zu kontaktieren. Oder vielleicht doch, was wäre, wenn er ihm einfach einen Brief schriebe? Ein Brief an einen Toten, aber schrieb nicht auch dieser Tote ihm, weshalb eigentlich in neuer deutscher Rechtschreibung? Weil er wusste, dass sie im Jahr 2014 verwendet werden wird, war die logische Erklärung. Falls alles nicht nur ein Streich war, in den Alice eingeweiht war. Dennoch, Robert hatte nichts zu verlieren, sondern konnte nur gewinnen.

Mittlerweile war es Montag nach der Arbeit. Robert hatte bislang kein neues Projekt übertragen bekommen, und die Ablage war aufgeräumt. Ramona wollte die Trennung und verlangte, dass er auszog. Aber Jello mochte ihn nicht bei sich aufnehmen. Es waren schwarzes Wasser und dunkle Luft für Robert Klarmüller.

Er setzte sich mit ein paar Blättern A4-Papier ins Café „Zum fröhlichen Augustin“, in dem er es nett fand und sich öfters aufhielt. Er begann mit einem Werbegeschenkskugelschreiber seiner Firma zu schreiben:

 

Lieber Herr Rosen!                                                   Klagenfurt, 15.09.2014

Ich schreibe Ihnen, weil ich keine andere Möglichkeit sehe, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Oder könnten wir uns treffen, wäre das möglich?

Sylvia, die blonde wohlgeformte Kellnerin brachte Robert seinen bestellten Verlängerten. „Schreibst du einen Liebesbrief, Rob?“, fragte sie. „Einen Brief schon“, antwortete Robert, aber ohne Liebe.“ „Liebe ist doch das Wichtigste im Leben. Ohne sie ist doch alles traurig, meinst du nicht, Rob?“, fragte Sylvia weiter. „Ja schon, du hast ja Recht, Sylvia“, sagte Robert. Er fuhr fort zu schreiben:

Wissen Sie, Herr Rosen seitdem Sie in mein Leben getreten sind, was ja erst ein paar Tage her ist, hat es sich dramatisch verschlechtert. Ich frage nun, falls Sie mir etwas Gutes prophezeiten, träte das dann ein? Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen.

Mit besten Grüßen
Robert Klarmüller

 

Er gab den Brief am Dienstag während seiner Mittagspause bei der Hauptpost auf, die durchgehend offen hatte. Am Vormittag hatte ihn Herr Schmalfuss in sein Büro bestellt und ihm aufgetragen, er solle den Herren Schneider und Niederpichler bei ihren Projekten zur Hand gehen. Robert fasste das als positive Nachricht auf. Zwar waren beide jünger und kürzer in der Firma als er, aber wenigstens wäre er beschäftigt.

Auf der anderen Seite, die nun eine Front geworden ist, hatte Ramona den Kindern mitgeteilt, dass Papi und sie sich trennen würden, und er bis zum Monatsende ausziehen werde. Freilich könnte er sie immer besuchen kommen. Die Kinder nahmen das natürlich sehr schlecht auf. Als negatives Sahnehäubchen sagte Jello, sie „brauche eine Auszeit“.

Wäre Roberts Privatleben ein Raum, lägen da überall Scherben, und es wäre geradezu unmöglich, in keine zu treten. Bei seiner Arbeit hatte er noch eine Gnadenfrist.

Dienstag nachmittags, am Mittwoch und Donnerstag versuchte Robert, möglichst geschäftig in seiner Firma zu erscheinen, was sehr schwer für ihn war, denn der Schneider und der Niederpichler behandelte ihn wie einen Assistenten, als der er jetzt ja auch fungierte. Aber es gab keinen Ausweg, Robert musste mitmachen.

Als er am Donnerstag in seinem Noch-Zuhause eintraf, lag ein Brief für ihn auf dem Küchentisch. Robert las ihn auf der Wohnzimmercouch:

 

Mein lieber Herr Klarmüller,                       Klagenfurt, 17. September 1956

ich habe mich über Ihren Brief gefreut. Ich dachte schon, dass Sie mir irgendwann schreiben würden. Und jetzt so bald! Leider aber können wir uns nicht leibhaftig treffen, da ich ja tot bin. Wenn Sie jetzt fragen, weshalb ich denn schreiben kann, muss ich antworten: Ich weiß es nicht. Es geschieht automatisch. Ich kann Ihnen auch nichts Gutes vorhersagen, wenn das nicht eintreffen wird. Ich kann Ihnen und jedem anderen nur das mitteilen, was tatsächlich eintreten wird. Sie sind nicht mein einziger Adressat, mein lieber Herr Klarmüller. Manchen kann ich Wohltaten und Glücksfälle prognostizieren, bloß, wissen Sie, im gegenteiligen Fall, wenn es um eine Person schlecht bestellt ist, wie bei Ihnen, besteht mehr Handlungsbedarf. Daher wandte ich mich mit meinem ersten Brief an Sie und riet Ihnen dringend, Ihr Verhältnis mit Jasmin sofort zu beenden. Das taten Sie nicht.

Sie fragen sich bestimmt, wer oder was ich bin. Ich bin der Briefeschreiber aus der Vergangenheit. Ich kann Götterbote sein oder ein Engel, allerdings bin ich oft einer der Unterwelt. Ich bin nicht der Böse, der Böses tut, genauso wenig wie ich der Gute bin, der Gutes verteilt. Bereits in meinem zweiten Brief schrieb ich, dass ich Ihnen nicht mehr helfen könne, ebenso wenig aber vermag ich, Sie ins Unglück zu stürzen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen zu schreiben.

Diesmal gebe ich Ihnen keinen Einblick in die Zukunft. Das soll Ihnen das Gefühl vermitteln, sie selbständig gestalten zu können.

Ich empfehle mich, bis zum nächsten Mal

Hans Rosen

 

Diesmal keine Prophezeiung, damit fing Roberts Denkfaden an, und da bisher alle schlecht waren, ist das gut. Dieser Herr Rosen ist auch nicht perfekt, spann er den Faden weiter, schließlich wusste er zu Beginn nicht, dass  heutzutage keine Telegramme mehr üblich sind. Und überhaupt werde ich ihn für mich ab jetzt nur noch als „den Mann, der sich Hans Rosen nennt“, bezeichnen. Da es doch am wahrscheinlichsten ist, dass es in der Tritscherstraße 11 jemanden gibt, der einen Postkasten lautend auf Hans Rosen hat. Meines Wissens nach, Roberts Denkfaden war bald fertig gesponnen, ist das von außen an den Postkästen nicht ersichtlich, es genügt, wenn der Briefträger weiß, dass ein bestimmter Postkasten so bezeichnet ist.

Jetzt geht es wieder selbstbestimmt weiter, überlegte Robert. Er wollte diesen Gedanken nicht zerlegen, um ihn nicht zu schwächen, daher brach er ab.

Am nächsten Tag, Freitag, dem 19. September 2014, saß er nach der Arbeit in seinem Noch-Zuhause einfach herum. Er las Magazine, um sich zu beschäftigen, und trank einige Biere. Die Kinder stellten ihm Fragen, die er beantwortete, so gut er konnte. Ramona sagte kaum etwas zu ihm, verfolgte ihn aber mit den Augen. Abends dann richtete sie sich her. „Was machst du, Ramona?“, fragte er. „Ich treffe mich mit meinen Freundinnen“, sagte sie. „Aha“, sagte Robert.

Als sie fort war, schrieb er Jello eine WhatsApp-Nachricht. Es kam keine Antwort. Er rief sie an. Sie hob nicht ab, auch beim zweiten Mal nicht.

Ich werde mich zusammennehmen. Ich werde das Maximum aus jeder Sache herausholen, mit diesem Gedanken betrat Robert am Montag seine Firma, wo er dann eine Kleinigkeit für den Schneider und etwas Nebensächliches für den Niederpichler erledigte.

In weiterer Folge aber wurden diese Arbeiten immer unwichtiger und weniger. Robert wandte sich an seinen Vorgesetzten mit der Frage: „Soll ich auf Akquise gehen, Herr Schmalfuss?“, worauf er antwortete: „Nein, Sie haben das ja bislang nie getan, Herr Klarmüller.“ Robert verbiss sich die Frage: „Und was soll ich dann tun?“

In den nächsten Tagen wurden die Kollegen Robert gegenüber immer wortkarger. Manche brummten zur Begrüßung nur noch, andere oder dieselben standen da und sahen ihn an, ohne etwas zu sagen, manche grinsten blödsinnig. Und kann fingen die Witze an. Die Dämlichsten in Roberts Arbeitsbereich waren die Ersten, die sie erzählten.

Robert rechnete jeden Tag damit, dass ihm gekündigt würde. Vorerst geschah das aber nicht, weil die Verantwortlichen in der Firma wollten, dass Robert von sich aus kündigte und er damit seine Abfertigung verlieren würde. Er sollte weichgeklopft werden.

Am Samstag, dem 27. September, zog Robert mit dem Nötigsten in ein billiges Hotel. Er bezahlte zwanzig Euro pro Tag auf Monatsbasis. „Geht es vielleicht ein bisschen billiger?“, fragte er die Wirtin. „Bei mir nicht“, sagte sie.

Meine Situation könnte noch schlimmer sein, rief Robert sich in Erinnerung. Ich könnte Schulden bei einem Wucherer gemacht haben, sie nicht bedient haben können, und die Racketeers hätten mir deshalb für den Anfang den linken Daumen abgehackt. Oder ich könnte sterbenskrank sein.

Ramonas Freund hieß Lothar. Offiziell gab es ihn nicht, doch die Kinder hatten Robert von ihm erzählt. Es kann gut sein, dass dieses Verhältnis schon vor dem zwischen mir und Jello bestanden hatte, mutmaßte Robert.

Er legte einige Blätter A4-Papier auf das Pult in seinem Hotelzimmer und schrieb:

 

Lieber Herr Rosen!                                                   Klagenfurt, 16.10.2014

Ich kann Ihnen nichts Positives, was mit mir im Zusammenhang steht, berichten. Und es wird noch schlechter werden, das ist klar ersichtlich. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Ich habe nicht die geringste Idee, wie ich meinen Niedergang stoppen könnte.

Damit kommt der Grund dieses Schreibens von mir an Sie ins Spiel. Ich frage Sie ganz direkt, Herr Rosen: Können Sie mir noch eine Chance einräumen?

In Hoffnung lichtblickhafter Antwort

Robert Klarmüller

 

Am 22. Oktober überreichte die Wirtin den Brief mit folgendem Inhalt:

 

Mein lieber Herr Klarmüller,                       Klagenfurt, 20. Oktober 1956

es steht schlecht um Sie. Ich habe das mehr als nur befürchtet, ich habe es gewusst. Ich helfe Ihnen gerne, wenn ich nur wüsste, wie. Ich muss es schon zugeben: Ich hätte mich früher um Sie kümmern sollen. Leider habe ich das verabsäumt. Man ist ja meistens zu spät, ist es nicht so?

Sie bitten mich um eine Chance? Nun, eigentlich war der Absatz in meinem letzten Brief an Sie, in dem ich schrieb, dass ich Ihnen diesmal keinen Einblick in Ihre Zukunft geben würde, diese Chance.

Doch es wäre kleingeistig von mir, würde ich Sie nun ganz auf sich alleine gestellt lassen. Ich kann Ihnen mitteilen, dass es in Ihrem Lebensweg eine Gabelung geben wird. Sie können frei wählen, ob Sie dort nach links oder rechts gehen.

Diese Gabelung besteht darin, dass Sie sich zu Fuß auf einer Straße befinden und sich Ihnen ein Auto in schneller Fahrt nähert. Erfasst das Auto Sie, werden Sie sterben. Weichen Sie dem Auto aus, werden Sie zukünftig als Stadtstreicher leben.

Es liegt an Ihnen, ob Sie diesem Auto ausweichen wollen oder nicht, es ist leicht möglich. Im Falle, dass Sie als Stadtstreicher Ihr zukünftiges Leben verbringen wollen, werde ich Ihnen nicht sagen, wie lange dies sein wird, nur dass es ein elendiges sein wird, kann ich Ihnen sagen.

Ich teile Ihnen auch nicht den Zeitpunkt dieses Ereignisses mit. Sie werden wissen, wenn es so weit ist.

Dies ist das Ende unserer Kommunikation, mein lieber Herr Klarmüller.

Ich wünsche Ihnen alles Gute

Hans Rosen

 

Das war es dann also mit „dem Mann, der sich Hans Rosen nennt“, dachte Robert, als er den Brief gelesen hatte.

In der Firma wurde es immer schlimmer, wie es üblich ist für jemanden, der auf dem Abstellgleis steht. Er wurde häufiger und direkter verbal angegriffen. Stellte er eine Frage, blieb der Angesprochene üblicherweise stumm. Robert wurde gemieden, als wäre er radioaktiv. Relativ neutral blieb noch der Roloff, aber einer allein war zu wenig, und Freund war er auch keiner.

Ramona ließ nicht mehr von sich wissen, als dass sie bereits bei einer Scheidungsanwältin gewesen war. Marlies erzählte ihm, dass ihre Mama oft und lange mit jemandem telefoniere und dabei agiere wie sie selbst, ein Teenagermädchen eben. Marlies nannte keinen Namen, aber bestimmt war es dieser Lothar. Und Jello hatte inzwischen eine neue Telefonnummer.

Robert war der Fallschirmspringer, der seinen Fallschirm vergessen hatte. Der Boden wartete auf ihn.

All diese Unglücke fraßen Löcher in seinen Leib wie Ratten. Er konnte oft nicht schlafen, trank Dosenbier zur Beruhigung. Manchmal wurde er gegen zwei bis drei am Morgen munter, öffnete die erste Dose, die zweite, die dritte und so weiter. Dann putzte er die Zähne, rasierte sich und duschte, kleidete sich an und fuhr mit dem Auto in die Firma zum nächsten Kampf.

Derweil hatte er seinen Führerschein noch. Es kann eben immer noch schlechter werden, dachte er.

Der 31. Oktober 2014 war ein Freitag. Robert war alleine in der Stadt unterwegs, zog von Lokal zu Lokal. Er hoffte, eine Frau kennenzulernen, sich wenigstens mit einer unterhalten zu können. Es war halb elf in der Nacht.

Er ging an einer Kreuzung bei Grün über die Straße. Plötzlich schoss ein Auto auf ihn zu. Es war von der rechten Querstraße auf diese eingebogen, ebenfalls bei Grün. Seine Geschwindigkeit war viel zu hoch, die Musikanlage wummerte. Robert war dunkel angezogen.

Dies ist das Ereignis, dass mir Herr Rosen ankündigte, war Robert sofort klar. Lasse ich mich anfahren, ist alles vorüber, habe ich die ganze Mühsal überstanden. Ein Heldentod ist es zwar nicht gerade, aber jeder Tod ist besser als dieses Leben.

„Ich mache es!“, sagte sich Robert. Er blieb stehen. „Nein, doch nicht!“ Robert sprintete los. Das Auto fuhr ein paar Zentimeter hinter seinem Rücken vorbei.

„Und jetzt?“, fragte sich Robert. „Was ist jetzt mit Stadtstreicher?“

Er wusste aber in dem Moment nicht – er musste ja morgen die Miete für den Oktober, sechshundertzwanzig Euro, zahlen –, dass Ramona ihr gemeinsames Konto leergeräumt hatte, auf dem sich Ende September ungefähr vierzehntausendsechshundert Euro befunden hatten. Bei seinem Gehaltskonto hatte er noch einen Überziehungsrahmen von dreihundertachtzig Euro.

Überdies würde am Montag der Personalleiter, Herr Klingelmeier, Robert in sein Büro bestellen, wo auch Herr Watzlaff, der Besitzer und Geschäftsführer der Firma, warten würde. Der Personalleiter würde Robert die fristlose Kündigung vorlegen, was bedeutete, dass die Abfertigung für Robert hinfällig war, die ein halbes Jahresgehalt fast brutto für netto ausmachen würde, im Fall, dass die fristlose Kündigung zu Recht bestünde. Der Grund dafür war, dass Robert Daten mittels USB-Sticks aus dem Netzwerk der Firma kopiert und an Konkurrenzunternehmen verkauft hatte. Angeblich, natürlich stimmte dieser Vorwurf nicht, aber es gäbe Zeugen, erklärte ihm der Personalleiter. Selbstverständlich haben wir Ihr Oktobergehalt einbehalten, fuhr der Personalleiter fort. „Wir behalten uns vor, sie zu verklagen“, sagte der Besitzer, „und jetzt raus!“ „Im Schweinsgalopp“, setzte der Personalleiter fort, woraufhin beide lachten.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19067

 

 

Vogelfrau

Gehörst in keinen Käfig,
Vogelfrau,
dein Platz ist zwischen den Bäumen und den Wolken,
die Sonne hell in deinem Blick.

Der Himmel fällt ins weite Wasser.
Der Ozean umspannt den gebogenen Boden.
Wo ist oben, wo ist unten?
Der Traum das Leben, ohne ein Ende.

Du singst des Morgens,
pickst ein Korn vom Rasen der Luft,
steigst hoch,
kommst wieder mit Tropfen im Gefieder.

Anoushka (Foto von Shyline Aimely Tosin)

Anoushka (Foto von Shyline Aimely Tosin)

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19060

„Weird aktuell“

„Auf einer Skala von 1 bis 10, als wie seltsam würden Sie sich einschätzen?“, fragt die Beamtin in der Amtsstube. „10 ist am höchsten“, setzt sie nach. „Ich würde mir eine Vier geben“, sagt der Mann mittleren Alters. „Na, dann lassen Sie mal hören, was Sie so tun!“, fordert ihn die Beamtin auf. „Wissen Sie, es ist nämlich so“, beginnt der Mann ein wenig vorsichtig, „dass ich fliegen kann. Ich bin ein Vogel, ein Star. Wer, während ich in der Luft bin, auf dem Boden verbleibt, ist nur ein Automat, der funktioniert, wie er funktionieren soll, aber nicht mehr.“
Er blickt auf den Wandkalender, dann fährt er fort: „Wir haben heute den 7. Februar, in Wirklichkeit bin ich ja noch in Südafrika. Vor Ihnen sitzt bloß jener Automat, der Alfred Binder heißt.“ „Gut, Herr Binder, ich denke, ich werde Sie sogar auf eine Fünf hochstufen“, sagt die Beamtin, „was meinen Sie dazu?“ „Alfred Binder, Alfred Binder, Alfred Binder“, sagt die Figur, die kerzengerade vor ihr sitzt, „Alfred Binder, Alfred Binder, Alfred Binder.“ Aus ihren Augen strahlt gebündeltes Licht.

Lego-Roboter

Lego-Roboter

„Huch“, sagt die Beamtin. „Danke für den Besuch, Herr Binder, Sie können jetzt gehen.“ Nachdem die Figur weiterhin „Alfred Binder“ vor sich hinspricht und sie mit ihren Augen anleuchtet, ruft die Beamtin den Sicherheitsdienst. Zwei Uniformierte erscheinen und tragen Alfred Binder hinaus. Ein interessanter Fall, überlegt sie, Herr Doktor Krinkenmöller wird sich freuen. Dieser Herr Binder kann natürlich an einer zerrütteten Persönlichkeit leiden, aber vielleicht stimmt, was er behauptet, dass seine menschliche Gestalt tatsächlich nur ein Automat sei und er wirklich ein Vogel. Man kann nie wissen, man kann nie wissen, denkt die Beamtin, je länger ich diese Tätigkeit ausübe, desto weniger sicher bin ich mir, was der Wirklichkeit entspricht. Sie füllt das Formular fertig aus. „Ein satter Fünfer“, sagt sie sich, „das ist schon einmal gut.“ Doch weil sie sich nicht sicher ist, setzt sie ein Fragezeichen in Klammern neben die Ziffer. Dann legt sie das Formular in das rote Fach mit der Aufschrift „Weird aktuell“.

Jetzt klopft es an die Tür. „Herein!“, ruft die Beamtin. Eine schmale Frau, zirka Mitte dreißig, tritt etwas zögerlich ein. „Nehmen Sie bitte Platz, Frau ..?“ „Bittmann“, sagte die schmale Frau, die aschblonde kurze Haare hat und blaue Augen. „Frau Bittmann, ja“, sagt die Beamtin, „und der Vorname?“ „Kerstin“, sagt die Frau. Für sich nennt die Beamtin sie Mausfrau, Kerstin Mausfrau. Sie legt ein neues Formular vor sich und beschriftet es mit dem Datum und „Kerstin Bittmann“.
„Was haben Sie anzubieten, Frau Bittmann?“, fragt die Beamtin. „Anzubieten?“ „Ja, Frau Bittmann, Sie wissen ja, wir untersuchen hier Menschen, die Phänomene hervorrufen können, Zustände, die landläufig als nicht normal bezeichnet werden würden. Sie sagten mir telefonisch, Sie wären ein derartiger Mensch. Also, auf der Seltsamkeitsskala von 1 bis 10, 10 ist das Maximum, wo würden Sie sich einreihen, und was beherrschen Sie?“ „Ich würde mich in der Mitte sehen, demnach auf Fünf“, sagt Frau Bittmann. „Meine spezielle Fähigkeit besteht darin, dass ich mich unsichtbar machen kann, wenn ich will.“ „Gut, Frau Bittmann, dann zeigen Sie das mal!“, fordert die Beamtin sie auf. Plötzlich ist der Stuhl vor ihr leer.

Pink Child

Pink Child

„Umwerfend“, sagt sie, „das ist toll! Sie können sich mit allem, was Sie an sich tragen, unsichtbar machen, wie ich sehe, beziehungsweise eben nicht sehe“, stellt die Beamtin fest. „So ist es“, erklingt die nun ziemlich feste Stimme von Frau Bittmann. „Sie können jetzt zurückkommen“, sagt die Beamtin. Und Frau Bittmann zeigt sich wieder, auf dem Stuhl sitzend. Sie lächelt leicht. „Sehr beeindruckend, wirklich!“, lobt sie die Beamtin.

Kurz denkt sie nach. Verwenden nicht Illusionisten Spiegel, um eine Person scheinbar unsichtbar zu machen? „Sagen Sie, Frau Bittmann, haben Sie technische Hilfsmittel verwendet?“, fragt die Beamtin. Jetzt ist der Stuhl vor ihr wieder leer, einige Sekunden später sitzt Frau Bittmann wieder vor ihr. „Nein“, sagt sie. „Können Sie sich immer unsichtbar machen, wenn Sie wollen?“, fragt die Beamtin. „Grundsätzlich schon“, sagt Frau Bittmann, „außer wenn ich schwer krank bin.“ „Das ist sehr aufschlussreich“, sagt die Beamtin. „Ich stufe Sie, vorsichtig betrachtet sogar, auf eine Sechs ein.“
Sie notiert diese Zahl im Formular. „Wow!“, sagt Frau Bittmann. „Ja, das kann man so nennen“, sagt die Beamtin. „Wir sind jetzt fertig. Danke, dass Sie hier waren, Frau Bittmann.“ „Es hat mich sehr gefreut“, sagt Frau Bittmann.
Sie steht auf, verschwindet, man hört ihre Schritte, die Bürotür öffnet und schließt sich. Die Beamtin füllt das Formular fertig aus und legt es in das rote Fach mit der Aufschrift „Weird aktuell“. Ein Sechser, super wirklich!, überlegt sie, bislang der erste. Herr Doktor Krinkenmöller wird begeistert sein.

„So, ich werde jetzt schnell einmal eine Pause einlegen“, sagt die Beamtin zu sich selbst. Sie verlässt ihr Büro, sperrt mit dem Schlüssel ab und dreht das Schild an der Tür um, auf dem jetzt „Nicht besetzt“ steht. Draußen sitzt ein dünner junger Mann mit schulterlangen Haaren. Er sieht die Beamtin an. „Wollen Sie zu mir?“, fragt sie. „Ja, genau“, erwidert er. „Bitte gedulden Sie sich noch ein wenig. Ich bin in spätestens einer Viertelstunde zurück“, sagt die Beamtin. „Kein Problem“, sagt der junge Mann lässig. Sie holt sich vom Kaffeautomaten einen Cappuccino im Plastikbecher um 50 Cent und geht ins Freie, lehnt sich dort gegen das Aluminiumgeländer und zündet sich eine Zigarette an. Das tut gut, denkt sie, der einzige Vorteil, den das Rauchen hat, ist ja der, dass, wenn man Pause macht und eine Zigarette raucht, man dadurch wirklich merkt, dass man Pause hat. Leider lässt es aber auch meine Haut altern und pergamentartig wirken. Ich sehe wohl nicht jünger als, als ich bin.

Vandalismus

Vandalismus

Ihr Kollege Walter Kohlweg kommt auf sie zu, ebenso mit einer glimmenden Zigarette, die aber soeben erst angezündet wurde. „Hallo Elena“, sagt er. „Hallo Walter“, sagt sie. „Frau Elena Weber“ steht auf ihrer Bürotür, das ist ihr Name. „Elena, bist du‘s wirklich?“, fragt er. „Ja klar“, sagt sie, „ich bin aus Fleisch und Blut.“ Sie tapst auf seine linke Hand. „Du hast das gespürt, ja?“, fährt sie fort, „das bin ich.“ „Aber Elena, ich verstehe das nicht“, sagt ihr Kollege, „ich war gerade in deinem Büro, um eine Akte zu holen, die bei dir liegt. Du bist an deinem Schreibtisch gesessen, dann bist du aufgestanden und hast sie mir herausgesucht. Schau, hier ist sie.“
Er deutet auf die rote Akte in seiner linken Hand. „Nicht logisch zu erklärende Vorfälle, Teil 1“, steht auf ihr. „Das kann nicht sein, Walter“, sagt die Beamtin, „erstens habe ich die Tür von außen zugesperrt, und zweitens bin ich hier, wie du siehst.“ „Du hast die Tür zu deinem Büro zugesperrt?“, fragt ihr Kollege. „Ja, mit einem Schlüssel, schau, mit diesem hier“, sie fischt ihn aus ihrer Jackentasche. „Da stimmt etwas nicht, da stimmt etwas ganz und gar nicht, Elena. Sag, fühlst du dich gesund“, fragt Walter. „Ja natürlich, ich bin topfit. Was soll nicht stimmen, Walter?“, fragt sie. „Unsere Bürotüren werden nicht mit einem Schlüssel versperrt. Sie fallen im Türrahmen ins Schloss und bleiben zu. Geöffnet werden sie über eine Kamera, welche die Iris scannt. Wir sind schließlich ein fortschrittliches Institut“, erklärt Walter. „Oh“, sagt die Beamtin.

Sie ist verwirrt, aber gleich fängt sie sich wieder. „Das kann nicht sein“, sagt sie. „Doch es ist so“, sagt ihr Kollege, „vielleicht hast du heute nur einen schlechten Tag. Der Schlüssel ist wahrscheinlich für eine Tür bei dir zuhause. Du wirst es ja sehr bald selbst sehen, wenn du nämlich vor deiner Bürotür stehst. Aber das ist ja noch das weit Geringere, Elena, das andere ist, dass es dich doppelt gibt. Ich habe dich in deinem Büro und eineinhalb Minuten später hier draußen gesehen. Deine Zigarette brennt aber bestimmt schon seit mindestens drei Minuten. Ich irre mich ganz bestimmt nicht.“ „Das ist völlig unmöglich“, sagt die Beamtin. Walter hat doch früher ein heftiges Alkoholproblem gehabt, wenn ich mich recht erinnere, denkt sie. Jetzt hat er zwar keine Fahne, aber vielleicht trinkt er Industriealkohol mit Fruchtsaft vermischt, der ist geruchslos, Walter sieht sie skeptisch an. „Schau nicht so!“, würde sie am liebsten sagen, aber sie lässt es bleiben, um nicht einen möglichen Streit vom Zaun zu brechen. Sie raucht ihre Zigarette fertig und tötet sie in einem Aschenbecher aus. Ihr Kollege raucht noch. „Soll ich dich begleiten?“, fragt er. „Wozu denn?“, erwidert die Beamtin. „Gehen kann ich schon selber.“

Sie legt den kurzen Weg bis zu Ihrem Büro zurück. Draußen sitzt der junge Mann, wie zuvor. Aber ihre Bürotür ist nun aus Aluminium und nicht mehr aus Holz. Und es gibt kein Schlüsselloch, sondern eine Kamera. Zum Glück steht „Elena Weber“ noch an der Tür. Sie sieht in die Kamera. Ungefähr zwei Sekunden vergehen. „Zutritt gestattet“ scheint auf einem kleinen Display an der Tür auf. Es macht klack und die Tür öffnet sich von selbst. Die Beamtin tritt in ihr Büro. Sie sieht sich selbst, wie sie am Schreibtisch sitzt und etwas schreibt.

Schwein verkehrt

Schwein verkehrt

Sie hat keine Zwillingsschwester, was eine gängige Erklärung für dieses Ereignis wäre, es ist sie selbst. Es gibt sie, Elena Weber, die Beamtin, zweimal.
Jetzt schaut die Elena am Schreibtisch auf und erblickt die Elena, die im Raum steht und sie ansieht. In diesem Moment verschmelzen die beiden Elenas zu einer Person. Diese Person ist die Elena, die am Schreibtisch sitzt.
Das kann nicht sein, das ist total verrückt. Ich bin doch kein Chromosom. Ich bin ein Mensch, eine Frau, ich kann mich nicht teilen. Hoppla, ich rufe ja einen Fall hervor, wie wir ihn hier in diesem Institut untersuchen. Und dort bin ich ein Zehner. Doktor Krinkenmöller wird begeistert sein, wenn er davon hört, oder er würde begeistert sein, wenn er davon hörte.
Womöglich bilde ich mir doch alles nur ein. Dann würde ich in der Psychiatrie landen, in einer geschlossenen Abteilung, und das für lange Zeit, mit der Diagnose einer astreinen Schizophrenie. Nein, ich weiß wirklich nicht, ob ich das melden soll.
Und nun etwas anders: Nehmen wir an, es gibt mich wirklich doppelt, welche Person ist dann dominant?

Die Beamtin verlässt noch einmal das Büro. Der junge Mann sieht sie fragend an. „Sofort“, sagt sie, „ich bin gleich fertig.“ Sie lässt erneut ihre Iris scannen, klack, die Bürotür öffnet sich. Die zweite Elena sitzt am Schreibtisch. „Grüß Gott, Frau Weber“, begrüßt sie ihr zweites Ich, „falls Sie interessiert sind, ich kann Ihnen eine ganz spezielle Besonderheit vorstellen.“ Sie spricht bewusst laut, und am Schluss klatscht sie in die Hände. Jetzt schaut die am Schreibtisch sitzende Frau Weber auf und sieht die vor ihr stehende Frau Weber, ihre beiden Blicke treffen sich. In diesem Moment verschmelzen die beiden Frauen Weber, diesmal zur im Raum stehenden Frau Weber.
„Aha“, sagt die Beamtin zu sich selbst, „nun bin ich etwas schlauer, aber wie ich jetzt weiter vorgehen soll, weiß ich noch nicht, noch lange nicht. Fürs Erste werde ich weitermachen wie immer.“ Sie dreht sich um und öffnet ihre Bürotür. Sie sieht zu dem jungen Mann und sagt: „Grüß Gott, jetzt bin ich endlich fertig. Wollen Sie bitte eintreten?“

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 19059

Little Caesar

Little Caesar ist der Sohn des Caesars, deshalb nennt man ihn so. Er ist ein Teenager, und als solcher hat er natürlich viele Flausen im Kopf. Er trifft sich gerne mit seinen Freunden, er genießt es, auf dem Sklavenmarkt zu wandeln und sich hübsche weibliche Sklaven und starke, schwarze männliche anzusehen – kaufen und nachhause bringen darf er keine, sonst würde er Ärger mit seinem Vater kriegen –, und, wie viele Burschen seines Alters, trinkt er gerne Wein mit Wasser gemischt.

Jeden Tag wartet er darauf, dass er endlich einmal an einer Orgie teilnehmen darf, aber stets verbietet es sein Vater. Doch er ist immer voller Hoffnung und glüht schon tagsüber mit einer gefüllten Amphore vor, nach der ersten kommt die zweite und so weiter.

Little Caesar

Little Caesar

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 19058