Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersere im Winter

Der Wörthersere im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108

Ihr wundersamen Wunder

Ihr wundersamen Wunder,
seid euch dessen gewiss,
dass nicht oft etwas Scheinendes wahr ist.

Blaue Sonne, rote Stunde.
Habt denn nicht gehört ihr,
was in aller Munde?

Dass im Märchenland es gebrannt,
lichterloh,
die ganze Nacht.
Bis alles gelegen in Schutt und Asche.

Wo wart ihr da?
Habt ihr euch versteckt?
Oder ging eure Reise
tausend Lichtjahre weit weg?

Hochhaus im Bau in Wien, nachts, mit falschen Farben

Hochhaus im Bau in Wien, nachts, mit falschen Farben

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19103

 

Ohrmarken

Heute besuchen wir wieder Opa. Im Altersheim. Ja, ich habe kein gutes Gewissen dabei, aber was hätten wir tun sollen? Ich arbeite viel, meine Frau arbeitet auch und erledigt die meiste Hausarbeit, die Kinder versorgen wir gemeinsam. Es ist zu wenig Zeit da, um sich rund um die Uhr um Opa zu kümmern. So musste er ins Heim, schade irgendwie, aber irgendwie auch nicht, denn es geht ihm ganz gut dort, hat es den Anschein.

Er hat halt diese Ohrmarken, diese gelben, die man von der Mutterkuhhaltung kennt, EU-Vorschrift, sonst gibt es keine Förderungen, für Opa gibt es fünfzehn Prozent der Unterhaltskosten, eine Ohrmarke pro Ohr. Darauf steht ein beliebiger Buchstabe am Anfang, bei Opa ist es ein K, dann sein Geburtsdatum, 110639, danach ein weiterer Buchstabe ohne Bedeutung, ein U bei Opa, und dann kommt ein Code, der aus drei Buchstaben besteht, bei Opa steht XIV, das bedeutet, was Opa nicht weiß, „Klonen verboten!“.

Ohrmarke

Ohrmarke

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19102

Der Raumfahrer

Im Licht aus Erinnerungen der Strahl der Zeit.
Heute ist gestern und gestern ist morgen.
Ins All geschossen und sich dort verloren.
Zu weit entfernt ist erdiger Boden.

Vielleicht gibt es ja einen Planeten,
auf dem er landen kann irgendwann.
Atmen fremde Luft über Gewächsen spiegelndrot.
Als Einziger seiner Art.

Als Mensch außerhalb der Erden Sicht.
Gegangen und nie mehr wiedergekommen.
Nun ihn wärmend eine unbekannte Sonne.
Ihre Strahlen lösen seine gefrorene Haut.

Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke

Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19098

 

 

(Foto: Faschingsgeschmückte weiße gelochte Kassettendecke.jpg von Johannes Tosin)

Sohn Marius

„Mama, da ist ein Brief vom Finanzamt“, sagt Sohn Marius. Er hat gerade die Post geholt. „Mach ihn auf“, sagt die Mutter, „und lies vor.“ Sohn Marius reißt das Kuvert auf. Er liest das Schreiben vorerst leise. „Mama, das ist ganz seltsam“, sagt er, „da steht: Sie haben zu Unrecht für zweiundzwanzig Jahre und zwei Monate Familienbeihilfe für Ihren Sohn Marius Peternell bezogen, da dieser nicht existiert. Wir bitten Sie“, Sohn Marius nennt einen enormen Betrag „auf“, er nennt das Konto, „zurückzuzahlen.“

„Was bedeutet das, Mama?“, will er fragen, aber bevor er den Satz zu Ende gesprochen hat, löste sich Sohn Marius auf, und das Schreiben fiel zu Boden.

Angebissener Zebra-Donut

Angebissener Zebra-Donut

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 19097

Gedanken

Mit der Zeit lernte ich zu verstehen. Anfangs bekam der Patient, üblicherweise ein Student, der als Proband fungiert, ein Kontrastmittel gespritzt, zwanzig bis dreißig Minuten später legte man ihn in einen Gehirnscanner, und ich beobachtete seine Gehirnaktivität. Es begann mit einem großen Durcheinander, einem Wirrwarr von unterschiedlichen Gedanken, einem chaotischen Zustand. Allerdings, was man ja auch annimmt, liefen diese Gedanken nacheinander ab. Viele Gedanken bewirkten einen weiteren, andere hörten auf. Aber woran dachte der Patient?

Die Gedanken in Sprache umzuwandeln gelang nicht, da der Patient ja nicht in Buchstaben dachte. Er dachte in Bildern, und verschiedene Bilder hintereinandergeschaltet ergaben einen Film. Es gelang mir wirklich, diese Bilder zu visualisieren. Sogar auf meinem Smartphone konnte ich sie anzeigen lassen. Auf das Kontrastmittel konnte mittlerweile verzichtet werden, und der Gehirnscanner wurde zu einem Ring verkleinert, den der Patient aufsetzte – es sah dann aus, als ob er einen Heiligenschein hätte.

Inzwischen konnte ich mithilfe dieser Apparatur die Gedanken vieler Menschen ansehen, aber niemals testete ich sie an meiner Freundin, aus Angst, dass ich in ihren Gedanken gar nicht vorkommen würde.

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19090

Spielmann

„Du kannst lesen und schreiben?“, sagt der Ritter und Edelmann im Jahr 937 im Königreich Burgund zu einem Kollegen. „Hahaha, das ist doch weibisch! Und vom Schachspiel verstehst du nichts? Mein Freund“, fährt er fort, „du scheinst von weit her zu kommen, wo ganz andere Sitten und Gebräuche gelten als bei uns. Du musizierst und singst, sagst du? Dann bist du ein Spielmann und kein Ritter. Mein Freund, ich kann mich nur wundern, wie seltsam es zugeht in deinem Land.“

Die 4 Schachspieler im Europapark

Die 4 Schachspieler im Europapark

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 19091

Prof. Dr. Lino

Soeben wurde eine Creme mit neuer Rezeptur im Labor hergestellt. Professor Doktor Lino prüft sie auf Streichfähigkeit. „Scheint in Ordnung zu sein“, sagt er zu einem Laborassistenten. „Sie riecht auch gut“, sagt er zu sich selbst, aber nicht mehr zum Assistenten, denn man soll die Leute nicht zu sehr loben.
Prof. Dr. Lino ist etwas im Stress, in einer dreiviertel Stunde muss er im Universitätskrankenhaus die Visite durchführen, vorher noch muss er sich über die Patienten informieren – wie ist die Vorgeschichte, welches Produkt wurde eingesetzt, wie sieht das Ergebnis aus?
Danach muss er noch einen Besuch bei betuchten Patienten im Privatkrankenhaus abhalten. Prof. Dr. Lino hat immer viel zu tun.

Es ist nur zu hoffen, dass niemand jemals Prof. Dr. Lino darüber aufklärt, dass er nur eine Werbefigur ist, und zwar für die Firma Linola, die spezielle Cremen, die Linolsäure enthalten, für die Anwendung bei trockener Haut und Juckreiz fabriziert und vertreibt.

Das ist Prof. Dr. Lino

Professor Doktor Lino

Professor Doktor Lino

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19087