Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Gottesfürchtig

Ein Hörstück

Der Mann steht neben den Zuggleisen. Die ländliche Gegend ist von Nebel verhüllt. Es ist Nacht. Der Mann trägt einen Anorak. Die fast schon kahlen Bäume bieten kaum noch Schutz gegen den Regen.

 

Tracks

Tracks

Mann:
Gott, wo bist du? Ich rufe dich.

Gott:
Ich bin da, Mensch. Ich bin bei dir. Sprich, was ist dein Begehr?

Mann:
So oft habe ich an dich gedacht, Gott. So oft habe ich nach dir verlangt. Warum kommst du erst jetzt?

Gott:
Ich habe viel zu tun, war anderwärtig beschäftigt. Also nun, Mensch, wo du mich am notwendigsten hast, steh ich dir bei. Wie kann ich dir helfen?

Mann:
Ich habe zu dir gebetet, Gott. Weißt du denn nicht, wie es um mich bestellt ist?

Gott:
Doch, Mensch, du bist für mich ein offenes Buch, in dem ich lese. Aber ich will aus deinem Mund hören, was dich plagt.

Mann:
Ich seh keinen Sinn mehr in meinem diesseitigen Leben, Gott. Ich bin entschlossen, es zu beenden. Jetzt möchte ich dich fragen:  Was geschieht mit mir danach?

Gott:
Das werde ich dir nicht sagen, Mensch. Du wirst es erfahren, wenn es so weit ist. In meinen Akten steht, dass du dich stets hast bemüht. Das soll dir zum Wohle gereichen. Nur so viel verrate ich dir. Du hast noch viele Jahre auf Erden zu verweilen.

Mann:
Aber wozu denn, Gott? Ich habe keine Arbeit, meine Frau geht fremd, meine Kinder wollen nichts von mir wissen. Ich habe meine Schuldigkeit getan. Was gibt es denn, was ich noch vollbringen könnte?

Gott:
Lass Hilfe angedeihen den Bedürftigen, Mensch. Auch wenn sie nicht danken werden,  in deiner Lebensstatistik wird es positiv vermerkt.

Mensch:
Es mangelt mir an Kraft, Gott. Ich lebe in einer winzigen Kammer. Ich esse im Stehen. Meine      Träume handeln von Verderben und Tod. Die Hoffnungslosigkeit hat sich in mir breitgemacht. Und ich habe Angst vor jedem neuen Tag.

Gott:
Nun ja, Mensch, du hast doch etwas zu sagen, schreibe einen Roman.

Mann:
Danke für den Rat, Gott, doch auch dies hat keinen Zweck. Sollte ich die Worte finden, wer würde mein Buch denn lesen? Das schreibe ich doch für den Keller.

Gott:
Da fällt mir etwas anderes ein, Mensch. Vielleicht ist es dir gar nicht bewusst, doch dein Blick war alle Zeiten auf das Wesentliche gerichtet. Fotografiere. Schenke deinen Mitmenschen Bilder.

Mensch:
Fotos gibt es doch zuhauf, Gott. Heute hat doch jeder ein Smartphone und damit Internet. Wer wird denn da noch auf das, was mein Auge sieht, warten?

Von der Ferne hört man das Rauschen eines Zuges.

Gott:
Du bist ein schwieriges Geschöpf, Mensch. Was habe ich mir wohl gedacht, als ich dich erschuf? Du bist doch früher gerne in Ausstellungen gegangen. Wie sieht es denn mit Malen aus?

Mensch:
Ich kann den Pinsel nicht nach meinen Vorstellungen bewegen, Gott. Auch das ist nichts für mich. Nun ist es an der Zeit. Es naht der Endpunkt meiner Reise. Ich muss mich fertigmachen, Gott.

Der Zug kommt näher.

Gott:
So schwer es mir fällt, ich verstehe dich. Eines will ich dir noch sagen, Mensch, spitze deine Ohren: Es gibt mich gar nicht. Ich bin nur die Stimme in deinem Kopf.

Der Zug rauscht vorbei.

Stille.

Schritte.

Ein Auto wird gestartet.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19002

 

 

 

 

Eisblumen

Eisblumen wachsen über das Fenster.
Sie verzweigen sich und zeichnen Bilder.
Was immer du in ihnen siehst,
ist für dich wahr.

Es sind deine schlaflosen Träume,
auf Glas gesetzt.
Verworren und verschwommen,
doch ganz aus deiner selbst.

Erstarkt wieder die Sonne,
wird sie sie verschwinden machen.
Die Tage des Frostes sind schon gezählt.
Bald wird die Kälte gebrochen sein.

Die Eisblumen werden wiederkommen.
Als flüchtiger Kuss,
innig und voll von dem, was über uns steht.
Der Kuss, der nur von Herzen ist in klirrenden Winternächten.

Eisblumen

Eisblumen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 19001

Die Zeit fließt

Nicht Freund, nicht Feind ist die Zeit.
Sie ist das, was vergeht.
Wie der Fluss, der fließt.
Sekunden und Liter.
Die Zeit hat eine Richtung,
sie ist ein Vektor.
Für uns Menschen kann sie keine Fläche sein,
oder gar ein Raum.
Aber vielleicht für andere Wesen,
falls sie existieren.

Die Uhr des Benediktinermarktes in der Nacht in verkehrten Farben

Die Uhr des Benediktinermarktes in der Nacht in verkehrten Farben

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18167

Passagier

Du lebst dort, wo es keinen Anfang und kein Ende, wo es keine Zeit gibt und weder oben noch unten. Du bist an Bord eines Raumschiffs, welches das All durchmisst, in seiner Schwerelosigkeit, als Pilot und einziger Passagier. Schon so lange bist du auf der Reise, dass du vergessen hast, wie Wolken aussehen, wie Schnee sich anfühlt, wie es ist, zu schwimmen und zu tauchen. Im astronomischen Koordinatensystem sind dein Raumschiff und du nur ein Punkt. Worauf du dich ständig konzentrierst, ist: Kurs halten, seit 32 Jahren und 186 Tagen.

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18154

Die ZDF-Hitparade

Ich bin ein Gewohnheitstier. Spätestens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon früher ein, wenn ich meine Wäsche für morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. Ganz gern schalte ich ab 18:45 Uhr zur ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Es sind Aufzeichnungen. Er moderierte sie von 1969 bis 1984. Zu Beginn rief er stets: „Hier ist Berlin!“ Dieter Thomas machte viele Witzchen und sorgte für gute Laune. Heutzutage mutet die Show total retro an. Allein deshalb gefällt sie mir – weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich wurde 1970 geboren.

Gerade heute ist wieder solch ein Tag. Seit 19:10 Uhr sitze ich vor dem Fernseher. Es läuft die ZDF-Hitparade vom 5. November 1979. Dieter Thomas kündigt Luv´ an, das sind drei junge Damen in Uniformen aus sehr wenig Stoff. Das mittlere Mädchen ist blond, die beiden außen dunkelhaarig. Sie tanzen und singen zu ihrem Song „Ooh, Yes I Do“. Es ist typische 1970er-Jahre-Musik. Heute wäre das wohl Musik für ältere Herren, die gern junge hübsche Frauen betrachten und denen die Musik gleichgültig ist. Ich denke, damals war das noch etwas anders. Die Zielgruppe für diese Art von Kaugummi-Musik war breiter.

Plötzlich zeigt die Kamera zu den Zuschauern im Saal. Dieter Thomas Heck stellt sich neben eine Frau, die gegen Ende dreißig sein dürfte. Sie trägt einen roten Rollkragenpullover. Da sie außen sitzt, sieht man ihren karierten Rock, ihre Brille ist groß und rund. Schwarze Wallemähne, ein eher schmaler Mund, Perlenohrringe. Sie sieht aus wie ich! Sie sieht genauso aus wie ich zurzeit, abgesehen von der Kleidung und der Frisur. „Hat Ihnen das Lied gefallen?“, fragt Dieter Thomas. Er hält das Mikrofon unter ihren Mund. „Ja, sehr schön wirklich, ganz toll!“, sagt die Frau, die aussieht wie ich mit meiner Stimme und meiner Körperhaltung. „Wie ist Ihr Name, gnädige Frau?“, fragt Dieter Thomas weiter. Wieder hält er das Mikrofon knapp unter ihren Mund. „Hertha König.“ „Und Sie kommen aus …?“ „Kassel“, sagt die Frau ins Mikrofon. „Der Herr neben Ihnen ist Ihr Gatte, nicht?“, fragt Dieter Thomas wiederum und hält ihr das Mikrofon entgegen. „Nein, ich kenne ihn gar nicht. Ich bin alleine hier“, sagt die Frau. „Na, wenn Sie alleine hergekommen sind, bedeutet das noch nicht, dass Sie auch alleine nachhause gehen, wa?“, flachst Dieter Thomas.

Die Frau im Fernsehen lacht. Ich lache. Hertha König ist mein Name, mein Wohnort ist Kassel. Ich, in meinem derzeitigen Alter, bin die Frau im Fernsehen.

Wie kann das sein?

Lost in Space

Dieter Thomas Heck schmunzelt. Er geht auf die Kamera zu. Jetzt bleibt er stehen und kündigt Costa Cordalis an, der als Nächster auf die Bühne treten und dort sein Lied „Keine liebt wie du“ zum Besten geben wird. Ich schalte den Fernseher aus. Für Nachrichten habe ich jetzt keinen Kopf.

Nochmals: Wie kann das sein?

Ich suche nach einer Erklärung. Das nicht ich das in der ZDF-Hitparade gewesen sein kann, ist klar. Vielleicht, möglicherweise, eventuell war es eine Schwester von Mama, mit der sie sich zerstritten und deren Existenz sie mir deshalb vorenthalten hat. Das klingt doch gar nicht so unlogisch. Aber warum gab sie mir dann ihren Namen Hertha? Man gibt doch seinem Kind nicht den Namen von jemandem, den man nicht leiden kann. Das passt überhaupt nicht zusammen. Und wenn es einfach nur eine Frau war, die aussah, sich bewegte, sprach wie ich und in derselben Stadt wohnte? Es gibt ja die Theorie, dass jeder einen Doppelgänger habe. Gut, mag sein, aber gilt das auch generationenübergreifend?

Die einfachste Erklärung ist natürlich die, dass ich mich versehen habe, eingenickt bin beispielsweise und kurz geträumt habe. Ich kann es nicht herausfinden, da ich die Sendung ja nicht wie bei einer alten VHS-Videokassette zurückspulen kann, aber ich meine, das denke ich wirklich, dass ich von dieser Frau, die ich sein soll, nur geträumt habe, womöglich fantasiert, was auf einen schlechten Gemütszustand von mir schließen lassen würde, das wäre aber ebenso möglich,  jedenfalls habe ich diesen Vorfall nicht in Wirklichkeit gesehen.

Ich lege mich bald ins Bett, in mein Einzelbett, ich lebe alleine. Dort lese ich noch ein wenig, einen Weltbestseller. Der bringt mich auf andere Gedanken – nein, das stimmt nicht so ganz, diese Folge der ZDF-Hitparade hält mich immer noch gefangen.

Als ich dann eingeschlafen bin, träume ich etwas ganz anderes, keine Spur von einer Musikshow. Ich träume davon, wie ich durch den Wald gehe, einen Wald, den ich nicht kenne, schließlich erreiche ich einen Teich. Ich sehe in ihn, weil ich mein Spiegelbild sehen möchte, aber sein Wasser ist braun von Erde und wirft kein Bild zurück.

Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, der 9. November 2016, Mittwoch. Arbeit bei Charles Vögele, Mode verkaufen, eher versuchen, Mode zu verkaufen. Im Geschäft ist nicht so viel Frequenz. Die Marke gilt offensichtlich als angestaubt, fast kein – potenzieller – Kunde ist unter vierzig. Bald einmal muss wohl ein neuer Job her. Ich bin achtunddreißig. Das wird schon hinhauen, da mache ich mir nicht solche Sorgen, ich bin ja auch eine tüchtige Verkäuferin. Ein neuer Job wäre gar nicht schlecht, denn weniger als bei Charles Vögele kann man doch bestimmt nirgendwo verdienen.

Auch Donnerstag und Freitag sind ganz normale, unspektakuläre Tage. Diesen Samstag habe ich frei. Erst einmal bleibe ich so lange im Bett, bis ich völlig ausgeschlafen bin. Das ist ein guter Start in den Tag. Dann ein üppiges Frühstück mit Radio hr3. Danach ein Spaziergang im Novembernebel, etwas unfreundlich, bald wieder nachhause. Ich lese meinen Weltbestseller weiter. Dabei brauche ich nicht viel zu denken, das ist sehr entspannend. Nachmittags backe ich mir eine Tiefkühlpizza auf. Sie schmeckt ganz gut, besser als früher, die Lebensmittelindustrie hat Fortschritte gemacht. Dazu trinke ich ein Bier, das tue ich nicht oft. Und weil das erste so gut geschmeckt hat, trinke ich ein zweites, und ein drittes, dann ist aber aus. Eineinhalb Liter Bier ist eine hohe Dosis für eine zarte Frau wie mich, ich bin ganz schön angedüdelt. Ich lege mich ins Bett, alsbald schlafe ich ein.

Ich träume, dass ich im All schwebe. Ich trage keinen Raumanzug, trotzdem kann ich atmen, und die Temperatur liegt bei ungefähr dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Gestirne um mich innerhalb der Schwärze drehen sich langsam, und ich drehe mich im selben Tempo. Ich kann nichts greifen. Es gibt nichts zu tun. Ich bin lost in space.

Ich wache auf. Es ist bereits Nacht, draußen ist es dunkel, bis auf die Straßenbeleuchtung. Im Schlafzimmer ist es hell. Ein leise singender sphärischer Ton liegt in der Luft. Ich sehe nach, sowohl die Deckenlampe wie auch die Nachtkästchenlampe sind ausgeschaltet, also müsste es dunkel sein. Es ist aber hell. Ebenso in der Küche, im Wohnzimmer, im Vorzimmer, im WC und im Bad, es ist überall hell bei ausgeschalteten Lampen. Jetzt sehe ich, wie sich der Vorraum biegt, er wird niedriger, rundet sich, dehnt sich in der Länge. Er bildet einen Schlauch, dessen Wände wie Perlmutt schimmern.

Will ich zurück ins Wohnzimmer, Schlafzimmer oder in die Küche, muss ich durch diesen Schlauch klettern. Und das tue ich auch: Auf allen vieren krabble ich diesen Schlauch entlang. Der sphärische Ton ist verschwunden. Nach dem Ende des Schlauchs stehe ich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nun ist es ganz anders eingerichtet. Statt meines Einzelbetts steht dort eine Liege mit geschwungenem Kopfteil. In der Küche sind Prilblumen auf dem altertümlichen Kühlschrank und dem antiquierten Herd. Ein Flokati-Teppich bedeckt einen Teil des Bodens im Wohnzimmer, ein Kalender mit Palmen hängt an der Wand. Eine rote Markierung auf einer Kunststoffschiene zeigt den 4. Tag des Novembers im Jahr 1979.

Über den Stuhl aus gebogenem Holz im Schlafzimmer sind ein karierter Rock und ein roter Rollkragenpullover gehängt. Ich blicke in den ovalen Spiegel mit Goldfarbeinfassung, der vorhin nicht hier war. Ich sehe mich selbst, natürlich, mit schwarzer Wallemähne und einer großen, runden Brille.

Auf dem Sideboard im Wohnzimmer liegen zwei Perlenohrringe und eine Eintrittskarte für die ZDF-Hitparade am 5. November 1979, morgen, sowie ein Zettel, auf dem in meiner Schrift: „Abfahrt des Zuges nach Berlin um 12:21 Uhr“ steht.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18147

Theorien

Als Albert Einstein vor über hundert Jahren seine spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie begründet hatte, blieb alles, wie es war, denn diese beiden Theorien zeichneten das Bild der Wirklichkeit.

Anfang der 1979er Jahre entwickelte man die Stringtheorie, in der man annahm, dass das Universum nicht aus Teilchen, sondern aus Strings besteht. Die Strings sind Fäden ohne Ausdehnung, sie sind also eindimensional. Indem man die Stringtheorie aufstellte, wurde sie wirklich – in einer bemerkenswerten Weise: Alle Begebnisse ereignen sich auf einer Ebene. Was wir dreidimensional sehen, ist nicht ein tatsächlicher Körper, sondern nur dessen Hologramm. Sozusagen leben wir auf Fotografien. Ist das nicht außerordentlich verstörend?

Eine andere Theorie ist die des Multiversums. Ereignet sich etwas, wie das stets passiert, entsteht für jede Möglichkeit ein eigenes Universum, was eine gewaltige Anzahl an unterschiedlichen Universen ausmacht, die stets in exponentieller Geschwindigkeit wächst. Das Tröstende ist, dass es immer einen optimalen Ausgang einer Sache gibt, in dem sich irgendein Ich meiner selbst befindet. Dies ist jetzt Realität geworden.

Die Dunkle Energie, die existieren muss, damit die Theorien Sinn ergeben, und die für ein expandierendes Universum sorgt,  soll um null Komma 120 Nullen kleiner sein als errechnet. Würde man davon vier Nullen wegnehmen, was somit geschehen ist, ist die Expansionsgeschwindigkeit des Universums so hoch, dass sich keine Materie, wie wir sie kennen, gebildet hat. Die Dunkle Energie ist dann ja aber auch zehn hoch vier, 10 000 Mal, größer.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17122

Live

Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu lösen.

Sie lautet folgendermaßen:
„Ein Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die Hälfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie beträgt 9.700 Euro. Wie viel Lehrlingsentschädigung erhält die Tochter?“

Egon darf keine Notizen machen. Ja, es ist nicht so eine superknifflige Rechnung wie 2817, aber es geht auch nicht um eine Million Euro, sondern nur um 50.000. Er ist auch nicht in der Show eines anerkannten Fernsehsenders, sondern in der eines aufstrebenden YouTube-Kanals. Dafür ist es live. Die Show heißt: „Du schaffst es!“ Sie ist stark an die „Millionenshow“ angelehnt, allerdings sind die Fragen und Aufgaben und das Ambiente der Show, die Musik, das Publikum, für jüngere Leute ausgelegt. Sie ist jeden Samstag. Finanziert wird die Show über Werbung im Netz. Die Klickzahl ist hoch.

Egon hätte sich auch mit 25.000 Euro begnügen und aussteigen können. Die 50.000 sind der Hauptgewinn. Versagt er bei dieser letzten Aufgabe, fällt er auf 2.000 Euro zurück, die sind ihm sicher.

Egon ist ein junger Mann von einundzwanzig Jahren. Er ist ein kluger Kopf, aber er hat weder die Matura, noch eine Ausbildung beendet. Per se ist er damit Hilfsarbeiter. Seine Freundin Martha sitzt im Publikum zwischen jungen, bunten Leuten. Sie ist zwanzig. Sie hat Friseurin gelernt, aber auch nicht fertig. Die beiden leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf zweiunddreißig Quadratmetern. Sie haben praktisch nie Geld. Sie sparen, wo es irgend möglich ist, zum Beispiel im Winter beim Heizen – sie ziehen sich mehrere Pullover über. Sie sind wirklich abgefuckt. Zudem ist Martha ist einer speziellen Verfassung – sie ist schwanger, in der siebenten Woche, da ist noch alles möglich.

Sie wird immer wieder ins Bild gerückt. Wahrscheinlich erwartet man von ihr, dass ihr bange und sie gespannt ist, und jubelt, wenn Egon eine Frage richtig beantwortet hat. Dagegen wirkt Martha wie geistesabwesend, nicht bei der Sache, ruhig sitzt sie auf ihrem Platz, sie erfüllt nicht das Klischee der mitfiebernden Partnerin. Obwohl natürlich dieser Eindruck täuscht, sie ist zu hundert Prozent mit dabei, es ist nur Selbstschutz, sich geistig vom Geschehen zu entfernen, um nicht überzuschnappen geradezu, es geht ja schließlich um viel – oder sehr wenig.

Das Publikum sitzt rund um den Moderator und Egon, wie in einem griechischen Theater, die erste Reihe ist am Boden, danach wachsen die Reihen in die Höhe. Martha sitzt in der ersten Reihe. Traut sie Egon die richtige Lösung der Aufgabe zu? Sie weiß es selbst nicht recht, prinzipiell schon – Egon ist ein guter Mathematiker und schneller Kopfrechner –, dagegen spricht, dass er sichtbar nervös ist, zwanzig Sekunden bereits vergangen sind – der Countdown wird auf einem großen Display zwischen dem Moderator und Egon in grünen Ziffern angezeigt –, und dass manche Leute im Publikum Störgeräusche machen, zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Diese Leute sind doch sicherlich von den Machern der Show bezahlt, ärgert sich Martha, die Macher der Show, ja, Martha hat sie kennengelernt, drei junge Leute mit stets entspannten Gesichtszügen und ohne Geldsorgen – geht die Show schief, liegen sie halt wieder ihren Eltern auf der Tasche. Aber klar, das ist Kapitalismus, die drei zahlen lieber 2.000 Euro aus als 50.000.

Martha bemüht sich, Egon nicht anzusehen, da, falls er zurück zu ihr blicken sollte, ihn das aus seiner Konzentration reißen würde. Die an der Decke befestigten Scheinwerfer scheinen gerade auf den Boden. Nachdem eine Frage beantwortet wird, schwenken sie in die Mitte zu Moderator und Egon. Das soll einen dramatischen Effekt erzeugen – auch das ist von der „Millionenshow“ abgekupfert. Egon ist kribbelig, sein Rücken ist gerundet, er beugt sich nach vor, gleichzeitig ist er absolut fokussiert.

Er hat die Rechnung im Kopf aufgestellt. Er schreibt auf die Innenseite seiner Stirn wie auf ein Blatt Papier. Er hat noch fünfunddreißig Sekunden. Da es vier Personen sind, braucht man vier Gleichungen. Die Rechnung funktioniert wie folgt:

Einkommen des Sohnes = x
Einkommen des Vaters = x + 40/100 x = 5/5 x 2/5 x = 7/5 x
Einkommen der Mutter = 1/2 x
Einkommen der Tochter = 2/6 x = 1/3 x
x + 7/5 x + 1/2 x + 1/3 x = 9700 Euro

Egon hält den Kopf gesenkt. Kurz blickt er zum Moderator, der ihn feixend ansieht. Was will er damit? Ihm helfen sicherlich nicht, wenn, dann will er Egon aus dem Konzept bringen, eventuell möchte er auch das Publikum beziehungsweise die Zuseher im Internet unterhalten, witzig wirken halt. Noch dreißig Sekunden. Egon rechnet weiter:

Die Bruchzahlen auf einen gemeinsamen Nenner (30) bringen.
30/30 x + 42/30 x + 15/30 x + 10/30 x = 9700 Euro
Dann wird addiert.
97/30 x = 9700 Euro

Noch zwanzig Sekunden. Egon liegt im Plan. Die Rechnung erscheint ihm logisch. Er ist sich sicher, dass sie richtig ist. Wenn das mit dem Gewinn der 50.000 Euro hinhaut, ist die nähere Zukunft geritzt. Martha und er ziehen in eine komfortable Mietwohnung, in der es niemals kalt sein wird. Sie werden beide den B-Führerschein machen. Dann kaufen sie ein geräumiges Auto. Martha wird Mutter werden, er wird Vater werden. Und nächstes Jahr fahren sie im Sommer nach Ibiza, Party, Party – das muss sein. So ist das Ganze gedacht. Das Abschweifen hat fünf Sekunden gekostet, trotzdem ist noch genug Zeit. Egon führt die Rechnung fort:

Beide Seiten der Gleichung durch 97 teilen.
1/30 x = 100 Euro
Beide Seiten der Gleichung mit 30 multiplizieren.
x = 3000 Euro = Einkommen des Sohnes

Noch zehn Sekunden, in grünen Ziffern deutlich sichtbar auf dem großen Display. Egons Nervosität hat sich ziemlich gelegt. Im Stadium der Aktivität, des Rechnens, ist einfach kein Platz dafür. Martha leidet auf ihrem Platz. Sie kann nichts tun, kann Egon nicht helfen. Sie sieht auf ihren Bauch, es ist noch nichts zu sehen. Die Störgeräusche, sie sind jetzt lauter geworden, sie zischen in Marthas Ohren. Und jetzt nimmt sie auch Egon wahr. Zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Egon schließt die Rechnung ab, die Störgeräusche perlen an ihm ab wie Regen an einer Regenjacke:

Einkommen des Vaters = 3000 Euro + 1200 Euro = 4200 Euro
Einkommen der Mutter = 3000 Euro : 2 = 1500 Euro
Einkommen der Tochter = 3000 Euro : 3 = 1000 Euro

Noch fünf Sekunden. „Herr Binder, jetzt kommt es darauf an, sind Sie fertig? Wie lautet die Lösung?“, fragt der Moderator. Martha schaut starr auf das Metallgestell zwischen Egon und dem Moderator, es ist die Mitte. Die Störgeräusche sind noch lauter geworden. Hunderttausend Hornissen brummen. Egon nickt, noch vier Sekunden, er denkt nach, noch drei Sekunden. „Wie hoch ist das Einkommen der Mutter?“, das ist die Frage.

„1.500 Euro“, sagt er. Die Scheinwerfer schwenken zur Mitte. Der Moderator hebt die Arme in die Höhe, fast wie ein Priester. „1.500 Euro, sagen Sie, erhält die Tochter an Lehrlingsentschädigung?“ „Nein“, widerspricht Egon, „das ist das Einkommen der Mutter.“ „Es wurde nach der Höhe der Lehrlingsentschädigung der Tochter gefragt“, führt der Moderator fort. „Warten wir auf die Antwort.“ „1.000 Euro“, scheint als Antwort auf einer Anzeige auf.

Egon weiß sie. Er hat eine Verwechslung begangen. Doch eine Verwechslung ist auch ein Fehler. Martha hat den Mund offen und starrt den Moderator an, der demonstrativ und selbstgefällig Egon betrauert. Egon steigt mit 2.000 Euro aus dem Spiel aus. Das müsste für die Abtreibung reichen. Wahrscheinlich bleibt sogar ein bisschen was übrig.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 17121

 

Discokugel

Krogg und Popp waren mit ihrem Raumschiff unterwegs zu einem weit entfernten Planeten, der in einer anderen Galaxie lag. Er war klein und blau, die Instrumente auf ihrem Planeten hatten eine Atmosphäre und flüssiges Wasser erkannt. Auf seiner Oberfläche hatten sie Aktivität festgestellt, intelligentes Leben zweifellos, zu dem Zeitpunkt, als der Lichtstrahl ihren Heimatplaneten Bunker-339I traf. Krogg und Popp wurden daraufhin losgeschickt, um mit der außer-Bunker-339i-ischen Zivilisation Kontakt aufzunehmen. Ihr Raumschiff flog nicht schneller als das Licht, aber sie projizierten die Weltkarte auf eine Ebene, die sie falteten und mit dem Raumschiff quer durchstießen, durch diese Abkürzung holten sie das Licht bei Weitem ein.

Sie waren dem Planeten schon ziemlich nah, Aktivität war dort keine mehr vorhanden. Schade, dachten Krogg und Popp, die Zivilisation war erloschen. Jetzt erschien der blaue Planet auf ihrem Schirm. Sie näherten sich weiter, verringerten dann die Geschwindigkeit und tauchten in die Atmosphäre ein, sanken und landeten behutsam auf Gras.

Krogg und Popp stiegen aus ihrem Raumschiff. Die Luft war atembar, gut. Viel Natur, einige Asphaltgebilde. Sie gingen auf einem entlang. Es führte zu eingestürzten Häusern. Sie suchten nach Überresten der hier heimisch gewesenen Lebensform. Sie entdeckten nichts, dafür aber fanden sie etwas anderes – ein dickes Gerät mit einem Bildschirm, das auf einem quaderförmigen Teil mit der Aufschrift „Videorecorder“ stand, daneben waren große Band-Kassetten, auf denen „VHS“ stand.

Eine VHS-Band-Kassette passte genau in die rechteckige Öffnung des Videorecorders. Interessant. Krogg drückte auf je einen roten Knopf beim Videorekorder und dem anderen Gerät. Beide Apparaturen begannen zu arbeiten. Auf dem Bildschirm erschienen vier hübsche, langgliedrige Wesen in roten Gewändern, unten eng, oben weit, die sangen und tanzten: Sister Sledge – Lost in Music – 1979. Krogg und Popp waren begeistert, bald wippten sie mit. Es ging weiter mit: Donna Summer – Love to Love You Baby – 1975. Krogg und Popp probierte ein paar Tanzschritte aus. Es schien sich um Balzrituale zu handeln. Dann legten sie die nächste VHS-Band-Kassette ein: Saturday Night Fever – da passierte etwas: ein Film – Musik von Bee Gees – 1977, dieser weiße Anzug, diese Körperbeherrschung!

Krogg und Popp sahen sich noch weitere VHS-Band-Kassetten an. Sie lernten, dass dieser Planet „Erde“ genannt wurde, seine Bewohner „Menschen“, von denen die weiblichen „Frauen“ und die männlichen „Männer“ hießen. In einer Ecke sahen sie eine zerbrochene Kugel von dreißig Zentimeter Durchmesser, die mit kleinen Spiegeln beklebt war, die auf vielen Aufzeichnungen auftauchte.

So kam Disco auf den Planeten Bunker-339I. Seine Bewohner tanzten zu hundertzwanzig Beats per Minute in glitzernden Outfits, und über ihnen kreiste eine Discokugel.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16168