Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Vanikoro

Die Seiten zeigen eine Insel.
Dabei ist eine Karte.
Vanikoro.
Fünfundzwanzig Namen für Wind gibt es hier
und vermutlich ebenso viele für die Strömungen im Meer.
Wo die Sicht zu Ende ist, ist es auch die Welt.

Das bunte Windrad auf dem Holzgebäude im Wind

Das bunte Windrad auf dem Holzgebäude im Wind

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 20102

Sommermorgenland

Als der Läufer sein Haus verließ,
waren die Scheiben der Autos noch beschlagen.
Die Sonne kroch hinter den Bäumen hervor.
Dunst lag auf den kleinen Bergen hinter dem See.
Der Aussichtsturm wartete, von Touristen bestiegen zu werden,
und die Kirche auf die sonntäglich Betenden.

Blick vom Strandbad Klagenfurt im Dezember zum Pyramidenkogel über den Wolken

Blick vom Strandbad Klagenfurt im Dezember zum Pyramidenkogel über den Wolken

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20099

Große junge Liebe

Gestern fuhr ich mit meinem Auto durch Lendorf. Da lief ein Mädchen vor mir richtig schnell über die Straße. „Ist alles in Ordnung mit ihr?“, fragte ich mich. Ein paar Sekunden später sah ich, wie ein Bursche und sie sich eng umschlungen hielten.

Sie hatte ihn gesehen und lief los, auf ihn zu, bis seine Arme sie auffingen, und ihre Arme ihn umfassten. Wahrscheinlich drehten sie sich dann, weil die kinetische Energie so hoch war. Nachdem das meiste davon abgebaut war, hielten sie einander am Fleck stehend fest.

Das ist große junge Liebe.

Der Baum mit vielen Herzen

Der Baum mit vielen Herzen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 20085

Die Heilung

Nachdem er den Papst getroffen
und sie sich umarmt hatten,
war er geheilt
von Raffgier und Missgunst und Zorn.
Er hätte in jenem Moment sterben können,
und sein Leben wäre ein erfülltes gewesen.

Metallskulptur zu Allerheiligen in der Nacht

Metallskulptur zu Allerheiligen in der Nacht

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 20059

Schwarzweiß

Er fuhr in der U-Bahn, kurz nach sieben, er hatte einen Sitzplatz. Er spielte auf seinem Handy herum, immer die gleiche Szenerie hinter den Waggonfenstern. Die meisten Leute fuhren zur Arbeit, so wie er, manche hatte das Nachtleben in den Morgen entlassen, kein Augenkontakt, das ist nicht üblich in der Großstadt. Er stand mit seinem Aktenkoffer in der Hand auf, bevor die Bahn bremste. Er stieg aus. Über eine Rolltreppe wechselte er in die obere Etage, rechts stehen, Jugendliche drängelten von hinten, he!, der Mann wich von links nach rechts aus, jetzt erkannte man ihn nicht mehr als Provinzler. Die Anzeige auf dem Bahnsteig zeigte, dass die Bahn dieser Linie in zwei Minuten einfahren würde. Von rechts, wusste er. Er war Ernst Reinhardt, 32 Jahre alt, Büroangestellter, ledig, keine Kinder.

Eine junge Frau in Schwarz, mit einem Nietengürtel, blickte in seine Richtung und setzte sich in Bewegung. Er war das Zentrum ihrer Augen. Ernst bemerkte die Frau. Er sah sie auf sich zugehen. Gleichzeitig sah er sie auf dem Gehweg neben einer belebten Straße stehen und sich lebhaft mit einem jungen Mann unterhalten. Der Mann packte ihren rechten Unterarm, worauf sie ihm einige Geldscheine aushändigte. Diese Szene war in Schwarzweiß. Dieselbe Frau, die sich ihm real und in Farbe näherte, befand sich irgendwie in seinem rechten Gesichtsfeld, das schwarzweiße Erlebnis geschah irgendwie links, Ernst konnte es nicht näher definieren, die Zeit war zu knapp. „Haben Sie eine Zigarette?“ Bleich, aber jetzt nur in Farbe stand sie vor ihm, das zweite Bild war verschwunden. „Tut mir leid, ich rauche nicht.“ Sagte sie gedämpft „Arschgesicht“ beim Weggehen vor sich her?

Ein seltsames Erlebnis, so etwas war Ernst noch nie passiert. Seine Augen wiesen keine organischen Fehler auf. Er sah ja klar und deutlich und in allen Farben, was da war. Nur gerade vorhin war es, als sähe er dieselbe Person in einer anderen Zeit, wohl in der Vergangenheit, zuerst sein Geld hergeben müssen und dann nichts mehr für eine Zigarette zu haben, dargestellt in Schwarzweiß. Weil sie etwas von ihm wollte, dadurch teilte sich sein Blick. Eigentlich eine gute Schutzfunktion, aber sie kann sicher auch sehr anstrengend werden. Sie müsste den Grad der möglichen Bedrohung erkennen, das wäre wichtig. Als Politiker wird man ja sonst verrückt. Na ja, dachte Ernst, vielleicht war es auch nur eine einmalige Sache. Seine U-Bahn fuhr gerade ein. Sitzplatz war keiner frei, diesmal musste er, sich an einer Stange festhaltend, stehen. Rumpelrumpelrumpel. Zrrrr, die Räder kreischten, die Geschwindigkeit abbauend. Zisch, die Schiebetür ging auf. Ein paar Meter noch im Menschenstrom, die Oberfläche erreicht. Frische Luft und ein wenig Sonne. Über den Platz zum Firmengebäude aus Beton und Stahl und Glas. Die beiden Empfangsdamen saßen hinter einer transparenten Trennwand, die rechte, korpulentere, Ernst kannte ihren Namen nicht, aber sie kannte seinen, „Herr Reinhardt“, rief sie und winkte mit der rechten Hand.

Plötzlich war es wieder da, dieses Schwarzweißbild vor dem linken Auge. Die korpulente Empfangsdame wurde angerufen, „Schlütter“, meldet sich auf ihrem Headset der Chef der Personalabteilung, „schicken Sie bitte den Reinhardt unverzüglich, nachdem sie ihn gesehen haben, zu mir.“ „Wird erledigt, Herr Doktor.“ „Herr Reinhardt“, rief sie, farbig nun für beide Augen, Herr Dr.“ „Schlütterli“, unterbrach Ernst, „will mich dringend sprechen. Ich weiß schon.“

„Aber woher?“, erkundigte sich die Empfangsdame. „So eben.“

„Unsere Firma hat Probleme, wie Sie wissen, Herr Reinhardt, und Sie sind als einer der Letzten zu uns gestoßen“, eröffnete ihm Schlütterli, scheinbar beschäftigt Figuren auf einen Block kritzelnd. Ja natürlich, es war ja schon klar gewesen, als die dicke Gute-Morgen-Frau ihn gerufen hatte, die Rückblende war nur noch die Bestätigung gewesen. Und wie gerade soeben sein linkes Auge in Schwarzweiß gesehen hatte, wie der Geschäftsführer Schütterli robust und unmissverständlich niedergemacht hatte- „Misten Sie aus in Ihrem Menschenmaterial. Die Kosten müssen runter! -, das war der Grund, der Auslöser, das brachte ihm Hintergrundwissen, mit dem er aber nichts anfangen konnte und das seine Situation nicht verbesserte: Er hatte gerade seinen Job verloren.

Schlecht also, ja, aber nicht abgrundtief, höllennah.

Er war ein guter Mann im produktiven Alter, er lebte in einer Großstadt, er würde bald etwas Neues finden. Bis dahin sollten das Arbeitslosengeld und die Ersparnisse für alle anfallenden Kosten langen. Und er hatte diese neue Eigenschaft gewonnen, von der er jedoch nicht wusste, wie er sie sich zunutze machen konnte.

Er kaufte sich Bier und etwas zu essen in einem Supermarkt. Die Waren lagen auf dem Förderband. Bei dem Sackerl mit den Clementinen fehlte der Barcode. Die Kassiererin blickte leicht verzwickt, als sie die volle Bierkiste sah. „Einen Moment bitte, ich muss den Preis herausfinden“, sagte sie und ging in die Obst- und Gemüseabteilung. Und Ernst sah in Schwarzweiß auf seinem linken Auge, wie der Mann der Kassiererin sie in einer Wohnung schlug, zuerst mit der flachen Hand ins Gesicht, mit der Faust in den Bauch, er riss sie an den Haaren, er trat sie, mit glänzenden Säuferaugen und in einem kaum verständlichen Singsang brüllend, dann wollte er sie nehmen, sie wehrte sich, sie ließ ihn nicht, dann schlug er ihr mit der Faust ins Gesicht, mehrmals, mit viel Kraft, daraufhin ließ sie ihn. Inzwischen war die Kassiererin wieder in Farbe zur Kassa zurückgekehrt und rechnete die Waren ab. Nur noch diese eine Kassiererin war hier. Sie war sehr stark geschminkt, was nicht zu ihrem biederen Typ zu passen schien.

Zuhause betrank er sich. Eigentlich aß er nur, um eine gute Unterlage zu haben und so noch mehr trinken zu können. Zwölf Tage war er noch in der Firma angestellt, aber ab sofort freigestellt, dann ginge es raus in die freie Wildbahn, Arbeitsmarkservice, Bewerbungen schreiben, anrufen, Vorstellungsgespräche, alte Kontakte reaktivieren. Er könnte eigentlich unverzüglich mit alldem anfangen, aber, nein, er wollte, und er hatte es sich auch verdient, jetzt einmal eine Pause machen, „den Akku aufladen“ wie es so kindskopfschön technisch heißt.

Dann lief es doch nicht so glatt. Beim Arbeitsmarktservice waren nur schlechtbezahlte Stellen zu haben, und auch die waren sofort vergeben. Bewerbungen schrieb er fleißig, fasste telefonisch nach, aber er wurde selten eingeladen, und dann war er einer von Dutzenden, die diesen Job wollten und brauchten. Er kam nicht zum Zug. Seine alten Bekannten sahen in ihm keinen Vorteil mehr, vertrösteten ihn oder ließen ihn gleich links liegen und widmeten sich lieber ihren Familien. Auch wurde sein linkes in die Vergangenheit sehendes Auge immer seltener aktiv, da er eben nur noch wenig zu bieten hatte und darum kaum noch jemand etwas von ihm wollte.

Er sah viel fern, Spielfilme, Dokumentationen, aber auch Spieleshows, Soaps, und Kindersendungen, je mehr Zeit verstrich, desto mehr Blödsinn schaute er, Tag und Nacht, sein Schlaf- und Wachrhythmus war zerbrochen. Wozu er eigentlich noch ein Handy hatte, wusste er gar nicht. Niemand rief ihn mehr an. Im Fernseher waren wenigstens Menschen. Fernsehen gegen die Einsamkeit.

Gerade lief so eine Gerichtsshow, die einem Drehbuch folgte, mitten am Nachmittag. Ernst hatte die Vorhänge zugezogen, damit der Bildschirmkontrast stärker war. Er rauchte eine Zigarette, er hatte damit wieder angefangen. Plötzlich verstand er die Handlung nicht mehr. Er bemühte sich genau zuzuhören. Die Sätze der Akteure ergaben keinen Sinn. Ihm war schwindlig geworden. Die Zigarette war nur noch Asche. Er drehte ganz langsam den Kopf, was sehr mühsam war. Da sah er sein Gesicht im Spiegel, alle Farbe war aus ihm gewichen. Es war das Gesicht eines Toten, der noch lebte.

Er hatte einen Schlaganfall erlitten. Der Scan in seinem Gehirn zeigte große weiße Flecken, das waren die zerstörten Areale, es war wie auf einer uralten Weltkarte, wo so viele Gebiete noch Terra incognita waren. Sein Sprachzentrum war betroffen, er kniff die Augen zusammen und ließ die wichtigsten Gedanken zusammenströmen, um einfache Worte zu formen, selten reichte es für kurze Sätze, und auch seine Motorik war angeschlagen, seine Beine an ihm wirkten wie Prothesen. Er wurde als zu fünfundneunzig Prozent behindert eingestuft. Alles Schöne lag hinter ihm. Und das mit 32.

Wenn er jetzt durch die Stadt stakste wie auf viel zu kurzen Stelzen, sah sein linkes Auge nur noch schwarzweiß, wenn ihn eine Bettlerin um einen Euro bat. Die allermeiste Zeit war alles in Farbe und so, wie es war. Lange Wege zu Fuß strengten ihn an, er saß oft auf Parkbänken, Lokale waren ihm zu teuer. Gerne schaute er den Enten in den Teichen zu und beobachtete, wie im Herbst immer mehr Blätter auf dem Boden lagen. Er lernte seine Stadt sehr genau kennen, achtete auf kleine Dinge. Besonders mochte er die alten Viertel der kleinen Leute, wo die oft baufälligen Häuser nicht abgerissen worden waren, weil es unrentabel war, dort neu zu bauen.

Langsam ging er durch eine Seitengasse zwischen Mietshäusern mit abblätterndem Putz, verwitterten Fensterrahmen und teils gebrochenen Scheiben. Der Abend brach gerade an. Nach zweihundert Metern war eine Straßenbahnhaltestelle. Von dort würde er seinen Heimweg beginnen. Vor dem Eingangstor eines Hauses stand eine blonde, leicht füllige Frau mit einem Gesicht, das früher wahrscheinlich recht schön gewesen war. Sie fixierte Ernst. Er sah sie, rechts in Farbe und links in ihrer schwarzweißen Vergangenheit. Sie war dort nicht alleine, sie war viel jünger, und ein Baby war bei ihr, ihr Baby. Das Baby war krank, das Baby lag im Sterben, die Frau weinte. „Haben Sie Kind?“, artikulierte Ernst mühevoll die Worte. „Nein, nicht mehr, leider“, antwortete die Frau.

„Ich kann helfen“, sagte Ernst schnaubend. Und jetzt sahen beide seiner Augen schwarzweiß. Er lag mit seiner Statur in einem Kinderbett, er war krank, schwer krank, er würde sterben. Daneben hielt die Frau ihr Baby, das Baby lachte vierzähnig und versuchte, die Nase der Mutter zu fassen. Und die Mutter lachte ebenfalls.

Der Gerüstbauer

Der Gerüstbauer

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 20258

Metronom

Außer Rand & Band. Wie ist das, wenn man sich selbst nicht mehr kennt, der Tag die Nacht ist und die Nacht die Nacht bleibt? Schmal ist das Band, eng ist der Rahmen. Du verlierst dich, du wanderst um die Welt und bleibst gleichzeitig am selben Fleck. Weiter ist die Sonne entfernt als acht Minuten der Reise des Lichts, viel weiter, sie liegt an der Hülle des Universums. Kalt ist es, aber du frierst nicht. Weshalb nicht? Dein Herz ist aus Eis, du bist gemacht aus Schnee. Gefroren sind deine Augen. Was du siehst, hat keine Farben, nur schwarz und weiß und das dazwischen. Nach dem Ende kommt der Anfang, wiederholt, ohne Pause, immerzu. Der Kreis in sich geschlossen, die Bahn, die du beschreibst. Die Anziehungskraft hält dich, gefangen. Das Metronom ist kaputt, das schlägt deinen Takt, es rast, es hält an. Zu langsam ist es oder zu schnell, aus seiner Mitte gerückt. Worte willst du finden, doch krächzt du wie ein Rabe, hast verlernt die Menschensprache.

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20057

Der graue Mann

Ich bin der graue Mann.
Mir sind die Farben ausgegangen.
Als roter Mann war ich früher wütend,
als gelber ein Sonnenschein.
Grün war ich wie der Dschungel, blau wie das Wasser
und weiß wie der Schnee.
Als grauer Mann bin ich nichts mehr von alledem.
Ich habe keine spezifischen Eigenschaften mehr.
Nun bin ich der Mann, der übersehen wird.
Gehe ich auf dem Gehweg, bin ich jetzt ein Teil von ihm.

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20043

 

Nackt

Nackt.
So wie du bist.
Schön oder auch nicht.
Nichts verstecken, nichts kaschieren,
Push-up-Bra gestrichen.
Du stehst vor dir im Spiegel.
Gefällst du dir, unbedingt?
Nein doch sicherlich,
denn sonst wärst du ja keine Frau.
Denk doch, Honigsüße, perfekt sind nur die Götter.
Und auch die nur in der Imagination.
In Wirklichkeit hat auch Venus
Reiterhosen und Orangenhaut.

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 20042