Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Die Frau vom Fluss

Sie wollte nur kurz vorbeikommen.
Aber zu viele Schilder.
Sie hatte sich verirrt.
Es blieb ihr nichts übrig,
sie musste bleiben.

Ihren Fluss im Zweimorgenland
würde sie nicht wiedersehen.
Unsicher war sie zwischen den Menschen,
die anders waren als sie.

Sie war traurig und wurde bitter.
Dem, der sie liebgewonnen hatte,
sagte sie Worte, die ihn
schnitten wie Farn.

Das gelbe Vorsicht!-Schild schwebt über dem Stiegenhaus mit dem roten Geländer

Das gelbe Vorsicht!-Schild schwebt über dem Stiegenhaus mit dem roten Geländer

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19136

Lifetime

Ich habe immer viel gearbeitet, und ich habe immer gut gearbeitet. Als ich vierunddreißig war, betrug mein Maximal zu erreichendes Lebensalter hundertacht Jahre.

An so eine Zahl kommt kaum jemand heran, soviel ich weiß. Dieses Maximal zu erreichende Lebensalter ist die privateste Information, die es gibt. Ihre wahre Zahl gibt praktisch niemand preis. Es ist das späteste Lebensalter, an dessen Geburtstag man vernichtet wird. Man wird in einem Hochtemperaturofen verbrannt. Natürlich ist es möglich, dass man vorher eines natürlichen Todes stirbt. Arbeitet man demnach gewinnbringend, darf man länger leben – es ist der ideale logische Schluss.

Es ist der ideale logische Schluss, wenn es gut läuft. Das Maximal zu erreichende Lebensalter wird nach jedem Wendepunkt angepasst. Man erhält ganz altmodisch einen eingeschriebenen Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Meine Ziffer steht derzeit bei siebenundsechzig Jahren. Das ist kein besonders guter Wert. Sicherlich habe ich neben viel auch gut gearbeitet, doch leider erlitt ich bei meiner letzten Firma Schiffbruch – die Asien-Krise, und ich war Gebietsverkaufsleiter für Asien –, es war nicht meine Schuld, meine Arbeit war garantiert nicht schlecht – aber es kostete mich sechs Jahre an potenzieller Lebenszeit.

Jetzt soll ich für eine andere Firma einen Arsin-Filter entwickeln. Arsin ist AsH3. Am Anfang soll das Patent für die Funktionstüchtigkeit des Filters stehen. Ich bin schon ziemlich weit, da machen wir Tests im Reinraum des Werks, wo die Versuchsanlage steht. Die Arsen-Konzentration nach dem Filter bewegt sich im Parts-per-Million-Bereich. Diesmal allerdings messen wir Werte auch vor dem Filter. Sie sind nur geringfügig höher. Daraus folgt, dass wir nicht beweisen können, dass der Filter tatsächlich genug Arsen bindet.

Alles war umsonst. Natürlich verliere ich auch diesen Job. Ich sitze zuhause, alleine, ich lebe alleine, und rauche gerade, als der Postbote klingelt. Es ist der Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Ungeduldig reiße ich das Kuvert auf. Welche Zahl steht da? Da steht einundfünfzig.

Ich bin fünfzig. Im Brief ist die Telefonnummer meines Sachbearbeiters angegeben. Aber wozu soll ich ihn anrufen? Die Zahl ist korrekt ermittelt, eine Fehlberechnung ist ausgeschlossen. Er soll mich ja nur beruhigen. Dafür habe ich genügend Medikamente in meiner Hausapotheke. Ich nehme drei weiße, mittelgroße Tabletten ein.

Heute ist der dritte April. Einundfünfzig werde ich am zweiundzwanzigsten Februar des kommenden Jahres. Das bedeutet noch einen Frühling, einen Sommer und einen Winter für mich.

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim Rastplatz Herzogberg Süd

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim
Rastplatz Herzogberg Süd

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19134

Krähen

Draußen krächzen die Krähen.
Ich sitze im beleuchteten Zimmer im ersten Stock.
Sie sollten mich mitnehmen.
Was will ich denn noch hier?

Und da, auf einmal, wächst mir ein Schnabel.
Die Frau fragt mich etwas, aber ich krächze als Antwort nur.
Ich öffne das Fenster auch ohne Hände und fliege hinaus.
Mir ist nicht kalt, denn ich habe ein wärmendes Federkleid.

Die Metallkrähe

Die Metallkrähe

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19133

Tausendfüßler

Ein Tausendfüßler!
Jo mei, ich bin Schuster,
das ist meine Rettung.
Fünfhundert modische Schühchen links,
fünfhundert davon rechts.
Von so einem Auftrag träumt man in jedem Gewerbe.
„Bitteschön lieber Herr Myriapoda,
bitte halten Sie die Füßchen ein Momentchen still.
Ich werde jetzt Ihren Leisten nehmen.“

ELEKTRO SCHUHE

ELEKTRO SCHUHE

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19132

Ferien

Ferien sind
ein anderer Raum
mit einer Fototapete
an der Wand.

Ferien mach ich
ein paar 1000mal im Jahr.
Polynesien.
Auf meiner eigenen Insel.

Das gelbe Tretboot und das weiße Segelboot auf dem dunklen Wörthersee

Das gelbe Tretboot und das weiße Segelboot auf dem dunklen Wörthersee

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 19131

In der Zukunft

Ich lebe in der Zukunft. Ich sitze in meiner Bude und schaue fern. Ein scheiß Programm überall, wohin ich auch zappe. Da, plötzlich, das Bild flackert, die Glühbirne in der Deckenlampe wird schwächer, ratsch!, das Bild ist ausgefallen, schwarz der Fernseher.

Es ist doch immer dasselbe. Der Strom ist am Ausgehen. Ich muss wieder ins Rad. Wenn ich eineinhalb Stunden laufe, ist der Akku voll genug für alles wirklich Notwendige und für den Western ab 22:15 Uhr. Trotzdem habe ich mir die Zukunft in der Vergangenheit besser vorgestellt.

Der Röhrenfernseher im Gras

Der Röhrenfernseher im Gras

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19112

In der Fertigung

In der Fertigung ist gerade Pause. Facharbeiter Heinz Schwitzer isst ein Wurstbrot und trinkt einen Traubensaft aus der Dose. Roboter Nelson sitzt auf einem Metallbehälter.

Heinz Schwitzer:
Da, Nelson, willst du auch etwas davon?
Er hält ihm Wurstbrot und Getränkedose entgegen.

Nelson:
Sehr lustig! Aber weißt du was, Heinz? Ich als Roboter bin euch Menschen jetzt etwas nähergekommen, seit letztem Monat beziehe ich ein Gehalt.

Heinz Schwitzer:
Ach, das ist aber interessant. Was machst du denn mit dem Geld?

Nelson:
Weiß ich noch nicht. Das liegt auf meinem Konto.

Heinz Schwitzer:
Wie bitte, du hast ein Konto?

Nelson:
Ja, warum denn nicht? Das hast du ja auch.

Heinz Schwitzer:
Na ja, wie dem auch sei. Machen wir einen Themenwechsel: Ich freue mich schon auf den Sommer. Camping in Istrien mit meiner Family.

Nelson:
Klingt gut. Ich überlege mir, nach Sardinien zu fahren.

Heinz Schwitzer:
Was tust du auf Sardinien? Ich denke, im Sommer werden du und deine Kollegen generalüberholt.

Nelson:
Das dauert ja nur eine Woche, außerdem verkürzt es nicht meinen Urlaubsanspruch von vierzig Tagen.

Heinz Schwitzer:
Und wie gedenkst du, dort deinen Urlaub zu verbringen, Nelson?

Nelson:
Ich werde mir dort eine Fabrik suchen, in der ich arbeiten kann, während mein italienischer Kollege Urlaub hat.

Heinz Schwitzer:
Aber dein Urlaub hat ja gar keinen Sinn, wenn du wieder nur in ihm arbeitest!

Nelson:
Doch, schon: andere Technik, andere Kollegen, andere Gegend. Für mich gibt es ja nur die Arbeit. Das wäre die maximal mögliche Abwechslung für mich.

ABB-Fertigungsroboter

ABB-Fertigungsroboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19107

Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersee im Winter

Der Wörthersee im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108