Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

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Signalwelt

Was sollte das sein, die „Ruf- und Standortdatenrückfassung“? Na was denn wohl? Dein Smartphone ersetzt den auf deinen Kopf geschraubten Peilsender, und es liefert nicht nur deine Position, sondern auch deine gefunkte Kommunikation mit dazu, wusste Zapp.

Ich lasse mich ja sogar freiwillig darauf ein, meine Freunde sollen wissen, wo ich unterwegs bin. Und ich liefere ihnen Statements, was ein Hotspot ist und wieso, wo die Drinks, die Mädels stimmen und besonders die Musik, und ich warne sie vor den No-Places-to-Go, jenen mit einem Chillingfaktor von subzero, unterhalb des antarktischen Eises.

Fotos, Texte, Videos, Soundfiles. Beim Schreiben muss es schnell gehen, mein Phone hat eine Qwertz-Tastatur. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist hoch. Die Zeit messe ich eher in Sekunden als in Minuten, bis die Inhalte auf meinem Account hochgeladen sind.

Und dann kommen die Antworten. Und das ist das richtig Geile! Eine gute Nacht war es, wenn ein neuer Freund dazugekommen ist, oder gleich mehrere.

Dann falle ich halb tot ins Bett - ein paar Stunden Schlaf, bis es wieder in die Arbeit geht - und bin so glücklich, wie ich es kann.

Meine Augen sind schon zu, da frage ich mich: Warum gibt es in meinem Netzwerk eigentlich nur Freunde? Wo bleiben denn die Feinde?

Und klar sehe ich nun, obwohl es hinter meinen Lidern dunkel ist: Dort in der Signalwelt gibt es sie nicht, wohl aber hier in der fleischlichen. Und mein ärgster Feind bin selbst ich mir.

Dann versinke ich im Traum.

Luna piena

Luna piena

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20014

Mensch und Katze

Mensch:               Hallo Katze, wollen wir ein bisschen spielen?

Katze (denkt):      Nein! Der Mensch soll mich in Frieden lassen. Ich fresse noch ein wenig Trockenfutter, dann halte ich ein Schläfchen auf meinem Ausrastesack neben dem Heizstrahler, wir haben schließlich Winter.

Mensch (denkt):  Katzen spielen doch immer so gern.

Katze (denkt):      Vielleicht in der Nacht, aber nicht tagsüber. Als Katze bin ich ja nachtaktiv.

Mensch:               Na, dann geh ich mal.

Katze (denkt:)      Tu das, Mensch.

Die Katze Lady Strange auf dem Grill

Die Katze Lady Strange auf dem Grill

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 20011

„Ich bin ein Teil von euch“

Ich spaziere durch mein Nachbardorf. Ich sehe ein junges Paar mit einem weißen Hund in einem orangen Regenmantel, und in mir steigt das Gefühl hoch: „Ich bin ein Teil von euch.“ Ich sage das nicht, aber es ist angenehm, das zu spüren. Auch in der Landeshauptstadt denke ich bei jedem: „Ich bin ein Teil von dir.“ Ebenso bin ich in der Bundeshauptstadt ein Teil von jedem. Ich bin auf keinen Fall alleingelassen worden. Und überhaupt überall auf der Welt fühle ich bei jedem, den ich treffe, ein Teil von ihm zu sein. Weil ich ein Mensch bin und auf der Erde lebe.

Der weiße Hund mit dem orangen Regenmantel

Der weiße Hund mit dem orangen Regenmantel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 19142

Umweltproblem

Wir haben auf unserer Erde keine Automobile. Dieser Blödsinn hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Wir haben Kutschen, die von Pferden gezogen werden, und damit ein echtes Umweltproblem – nämlich die Pferdeäpfel zum Ersten, und zum Zweiten etwas, was die Pferde mit unseren abartig vielen Kühen teilen – sie furzen. Dadurch steigt wirklich viel Methan in die Atmosphäre und erweitert die Ozonlöcher über Antarktis und Arktis in bedenklichem Maß.

GATX-Waggon – feuergefährlich, zerstört die Umwelt

GATX-Waggon – feuergefährlich, zerstört die Umwelt

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 20003

Unordnung

In meinem Kopf herrscht Unordnung. Die Gedanken entwickeln sich und schießen in verschiedene Richtungen. Manche brechen ab, dann ist es, als ob eine Feuerwerksrakete zu Boden plumpst – pubb. Andere entwickeln sich weiter, verzweigen sich oft, diese teilen sich wieder auf, wie ein Baum mit Ästen und Zweigen, viele Bäume mit noch mehr Ästen und sehr vielen Zweigen. Ich kann die meisten Gedanken nicht festhalten, sie prallen an die Innenseite meines Schädels und pupp, fallen zu Boden. Explodieren meine Gedanken, ist es ein farbenprächtiges Spektakel, wäre mein sichtbares Spektrum weiter, würde ich noch viele Farben mehr sehen. Puff, puff, puff in den Farben des Regenbogens und in vielen tausend Schattierungen dazwischen. Es ist eine schöne Unordnung. Nur wenn ich traurig bin, gleicht der Himmel in meinem Kopf dem einer Nacht. Und wenn ich träume, sehe ich die Farben vertauscht. Dann ist meine Liebe grün, und meine Hoffnung ist rot.

Lichterwand bevölkert

Lichterwand bevölkert

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19144

The Sick Earth

Die Erde liegt krank darnieder, zu viele Verletzungen über die ganzen Jahre. Sie fühlt sich schwach, sie fühlt sich schlecht. Ein Arzt und eine Krankenschwester behandeln sie. „Seit Milliarden Jahren ist sie schon auf der Welt und wurde dabei erschöpfter und erschöpfter. Wie schaffte sie das nur über so lange Zeit, ohne zusammenzubrechen?“, fragt der Arzt die Schwester. „Sie scheint zäh zu sein“, antwortet die Schwester. Ja gut, aber wenn jemand einen aggressiven Krebs in einem finalen Stadium hat, nützt ihm das auch nichts mehr, wenn er zäh ist, denkt der Arzt. Das schon, natürlich, denkt er weiter, die Erde scheint eben keine unheilbare Krankheit zu haben. Sie war lange in einem ungesunden Umfeld. Ihr wurde viel entnommen, von ihrer Haut und aus ihrem Inneren, aber sie ist in keiner unmittelbar lebensbedrohlichen Situation, vieles kann nachwachsen, in ihrem Inneren kann sich einiges nachbilden. Sie hat durchaus eine gute Chance, wieder auf die Beine zu kommen, nach einiger Zeit wieder auf die Beine zu kommen.

„Mir ist so heiß, Herr Doktor“, sagt die Erde. Sie hat Fieber, zeigt das Thermometer an. „Tja“, sagt der Arzt, „die Temperatur an Ihrer Oberfläche steigt kontinuierlich an. In den meisten Fällen ist das schlecht. Theoretisch könnte die Temperatur wieder sinken, aber das würde gemeinsame Anstrengungen verlangen und eine gewisse Zeit dauern.“
Die Erde liegt kraftlos im Krankenbett. Sie kann sich selbst nicht helfen, weder hier auf der Krankenstation noch im Freien, bei sich zuhause. Wie soll sie verhindern, dass sie angebohrt wird, ihre Wälder abgeholzt, Giftmüll vergraben, Grundwasser, Flusswasser, Seewasser immer stärker belastet werden und Tag für Tag neue Arten aussterben, ein Vorgang, der nicht reversibel ist?

Die Erde hat keine Handhabe. Vielleicht gibt es manche, die hören, wie sie sagt: „Schont mich, Leute, schont mich, ewig mache ich das nicht mehr mit. Was heißt ewig? Hundert Jahre können da schon eine lange Zeitspanne sein. Habt ihr denn eine zweite Erde zur Verfügung, auf der ihr leben könnt?“ Natürlich ist derzeit keine zweite Erde bekannt. Würde man eine finden, wäre die Reise zu ihr ein Flug über tausende Generationen. Momentan gibt es keine Möglichkeit, auch nur einen winzigen Teil der Menschheit umzusiedeln. Sie ist auf diese Erde angewiesen, jeder Einzelne ist das.

Die Erde weiß nicht, ob sie sich darüber freuen oder traurig sein soll, was ihr der Arzt soeben mitteilte. „Ja, Herr Doktor“, sagt sie, „dann machen Sie mich doch bitte gesund.“ „Sehen Sie, Frau Erde“, gibt der Arzt zurück, „es ist keine Operation nötig, Sie leiden an keiner viralen Erkrankung. Tabletten hätten keine Wirkung. Sie haben viele Verletzungen erlitten, die aber von selbst ausheilen. In erster Linie sind sie erschöpft. Sie müssen sich ausruhen, dann werden Sie wieder zu Kräften kommen, ich würde sagen fünfzig Jahre.“ „Fünfzig Jahre?“, fragt die Erde nach. „Fünfzig Jahre, ja genau“, erwidert der Arzt, „danach sind Sie eine neue Erde.“

Und die Erde atmet ein und aus, was einen heftigen Wind erzeugt. Später, als sie alleine ist, beginnt sie zu singen, das hört man als Vogelgezwitscher. Manchmal auch weint sie, dann regnet es auf die Erde.

Hinter der Sattnitz liegt das Klinikum Klagenfurt

Hinter der Sattnitz liegt das Klinikum Klagenfurt

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19126

Die sich entfaltende Rose

Gedankenfetzen.
Wenn ich nur einen Faden hätte,
sie zu einem Anzug zu vernähen,
der mir passen würde!

Erinnerungsbruchstücke.
Wenn ich nur Mörtel hätte,
um mir aus ihnen ein Haus zu bauen,
in dem es sich behaglich wohnen ließe!

Rastlose Hast.
Wenn ich doch nur Einhalt gebieten könnte
meinen Beinen, die sich bewegen wollen,
meinem Gehirn, das nur in Scherben denken kann!

Nein, es gelingt mir nicht.
Der Stein ist am Rollen.
In den Abgrund so tief.
Und ich spüre gar keine Angst.

Stillleben mit roten Rosen

Stillleben mit roten Rosen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20004

Aus Glas

Aus Glas ist mein Körper.
Ich breche, wenn ich falle, aber ich falle nicht.
An seiner Oberfläche ist mein Körper beschrieben, von mir,
wie Tätowierungen in der Haut.

Quaderförmiges Hochhaus mit gläsernen Balkonen

Quaderförmiges Hochhaus mit gläsernen Balkonen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 19125