Lifetime

Ich habe immer viel gearbeitet, und ich habe immer gut gearbeitet. Als ich vierunddreißig war, betrug mein Maximal zu erreichendes Lebensalter hundertacht Jahre.

An so eine Zahl kommt kaum jemand heran, soviel ich weiß. Dieses Maximal zu erreichende Lebensalter ist die privateste Information, die es gibt. Ihre wahre Zahl gibt praktisch niemand preis. Es ist das späteste Lebensalter, an dessen Geburtstag man vernichtet wird. Man wird in einem Hochtemperaturofen verbrannt. Natürlich ist es möglich, dass man vorher eines natürlichen Todes stirbt. Arbeitet man demnach gewinnbringend, darf man länger leben – es ist der ideale logische Schluss.

Es ist der ideale logische Schluss, wenn es gut läuft. Das Maximal zu erreichende Lebensalter wird nach jedem Wendepunkt angepasst. Man erhält ganz altmodisch einen eingeschriebenen Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Meine Ziffer steht derzeit bei siebenundsechzig Jahren. Das ist kein besonders guter Wert. Sicherlich habe ich neben viel auch gut gearbeitet, doch leider erlitt ich bei meiner letzten Firma Schiffbruch – die Asien-Krise, und ich war Gebietsverkaufsleiter für Asien –, es war nicht meine Schuld, meine Arbeit war garantiert nicht schlecht – aber es kostete mich sechs Jahre an potenzieller Lebenszeit.

Jetzt soll ich für eine andere Firma einen Arsin-Filter entwickeln. Arsin ist AsH3. Am Anfang soll das Patent für die Funktionstüchtigkeit des Filters stehen. Ich bin schon ziemlich weit, da machen wir Tests im Reinraum des Werks, wo die Versuchsanlage steht. Die Arsen-Konzentration nach dem Filter bewegt sich im Parts-per-Million-Bereich. Diesmal allerdings messen wir Werte auch vor dem Filter. Sie sind nur geringfügig höher. Daraus folgt, dass wir nicht beweisen können, dass der Filter tatsächlich genug Arsen bindet.

Alles war umsonst. Natürlich verliere ich auch diesen Job. Ich sitze zuhause, alleine, ich lebe alleine, und rauche gerade, als der Postbote klingelt. Es ist der Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Ungeduldig reiße ich das Kuvert auf. Welche Zahl steht da? Da steht einundfünfzig.

Ich bin fünfzig. Im Brief ist die Telefonnummer meines Sachbearbeiters angegeben. Aber wozu soll ich ihn anrufen? Die Zahl ist korrekt ermittelt, eine Fehlberechnung ist ausgeschlossen. Er soll mich ja nur beruhigen. Dafür habe ich genügend Medikamente in meiner Hausapotheke. Ich nehme drei weiße, mittelgroße Tabletten ein.

Heute ist der dritte April. Einundfünfzig werde ich am zweiundzwanzigsten Februar des kommenden Jahres. Das bedeutet noch einen Frühling, einen Sommer und einen Winter für mich.

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim Rastplatz Herzogberg Süd

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim
Rastplatz Herzogberg Süd

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19134

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *