Kategorie-Archiv: Giorgi Ghambashidze

image_print

Das Mädchen ist fort - Teil III

Das andauernde Hupen weckte ihn auf und machte ihn wütend. Er war bereit, den Besitzer des Autos mit Blumentöpfen zu bewerfen. Selbst der ruhigste Mensch würde die Beherrschung verlieren, wenn er so aufgeweckt wird.
Saba ballte seine Fäuste und schlug das Bett mehrmals, dadurch ließ er die Wut raus, und er wollte niemanden mehr umbringen.

Die Augen machte er prinzipiell nicht auf. Der Straßenlärm machte ihm klar, dass der neue Tag angefangen hatte, der für viele Menschen der letzte sein würde. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber ohne Erfolg. Schließlich gab er seine Prinzipien auf, und sobald er die Augen aufmachte, sah er den mit gelben Buchstaben geschriebenen Namen an der Zimmerdecke. Am Anfang konnte er nicht verstehen, woher die Buchstaben kamen. Er rieb sich die Augen, und der Name verschwand. Um sich zu vergewissern, wiederholte er: „Katharine Ross, Katharine Ross, Katharine Ross …“

Er fuhr zum Filmverleih und holte sich alle Filme mit ihr.
Man kann vieles über einen Menschen erfahren, wenn man weiß, was ihm gefällt oder gefallen hat. Saba war bereit, mit allen Mitteln diese Information über Elene herauszufinden, und er hatte nicht viele Möglichkeiten dazu.
Die Verkäuferin lächelte ihn an, aber Saba bemerkte es nicht. Er hatte nur eine Sache im Kopf, er hatte nur einen Menschen im Kopf, um es richtiger auszudrücken. Plötzlich hatte er ein Déjà-vu.

Er guckte die Filme, ohne zu blinzeln. Katharine gefiel ihm am meisten in der Rolle, in der sie die Freundin von Dustin Hoffman darstellte. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen mit großer Aufmerksamkeit, und manche Szenen spulte er zurück, um ihre Schönheit nochmal zu genießen. Elene ähnelte ihr tatsächlich. Als Katharine im Film weinte, krümmte sich Sabas Herz und er versuchte, sie von der anderen Seite des Bildschirms zu beruhigen.
Er prägte sich jede Szene ein, aber in ihm kam der Durst, den er nur im Gespräch mit Elenes Mutter stillen konnte, wieder hervor. Saba war wie ein Abhängiger geworden, der versteht, dass er sich falsch benimmt, aber sich trotzdem nicht aufhalten kann, weil er keinen Willen mehr besitzt.

Er verbrachte den ganzen Tag vor dem Haupteingang, wo er auf die Frau wartete. Es fing an zu dämmern. Der Winter ist für die Depression wohl geeignet. Mit der Dämmerung stieg der Frost auf. Saba konnte nicht mehr regungslos sein, und er fing an, hin- und herzulaufen, wie ein Wächter, der etwas Wertvolles beschützt, allerdings war die Lage ein bisschen anders. Der Wächter bewacht den Schatz, der einem anderen gehört, und was Saba bewachte, gehörte nur ihm.
Er fror umsonst. Bevor er in den Wagen einstieg, erleichterte er seine Blase unter einem kleinen, dunklen Bogengang.

Er stellte sich zu Hause unter die heiße Dusche. Das beinahe kochende Wasser wusch die Anspannung ab. Im Badezimmer erschien Elene. Saba bemerkte sie am Anfang nicht, dann drehte er sich um, ließ die Duschbrause fallen und versteckte seine Genitalien. Elene lächelte. Saba fing an zu zittern, ging in die Hocke und fragte ganz leise.
„Wie lange bist du schon hier?“
„Das weißt du besser.“
Ihr nettes, kindisches Lächeln beruhigte ihn ein wenig.
„Kannst du dich bitte eine Sekunde umdrehen?“
Elene nickte ihm zu und drehte sich um, aber sie drehte sich im nächsten Augenblick wieder zurück. Saba war aufgestanden, und von der Plötzlichkeit wäre er fast gefallen. Elene lachte kurz und drehte sich nochmal um. Saba stellte die Dusche ab, wickelte sich in ein Badetuch und stieg aus der Duschkabine.

Elene konnte nicht ruhig stehen. Sie wartete nicht gern. In diesem Alter kocht das Blut in den Adern und lässt einem keine Ruhe. Saba las ihre Gedanken und sagte:
„Du darfst dich umdrehen.“ Er hatte kaum den Satz beendet, als Elene sich schon ganz umgedreht hatte und ihn mit funkelnden Augen anschaute. Saba konnte diesen Blick nicht ertragen und starrte das Shampoo an, danach fragte er:
„Wieso bist du gekommen?“
Elene berührte sein Gesicht und drehte seinen Kopf zu sich.
„Weil du mich gerufen hast.“
Saba stellte ihr viele Fragen, aber keine ihrer Antworten sagte ihm mehr, als er bereits wusste. Er bemerkte nicht, wie er einschlief. Als er am Morgen aufwachte, war Elene spurlos verschwunden.

An diesem Tag fühlte er sich besonders durcheinander. Die Realität, die er ohnehin nicht ganz wahrnahm, schien jetzt noch ferner und obskurer zu sein.
Er wusste nicht mehr, was Tatsache, und was Erfindung war, oder worin die Stabilität der Tatsache und die Verlogenheit der Erfindung lag.
Lange guckte er in die Tasse voller Kaffee. Der steigende Dampf wurde dünner, und letztlich verschwand er. Er trank die fast kalt gewordene Flüssigkeit mit großen Schlucken aus und ächzte, aber es war kein befreiender, erleichternder Seufzer. Er offenbarte bloß die Ermüdung und die Erwartung von zukünftigen Schwierigkeiten.

Er parkte den Wagen direkt vor dem Eingang, drehte die Musik im Radio auf volle Lautstärke, und mit der musikalischen Begleitung verfolgte er die Verwirklichung seines Plans weiter.
Er beobachtete sorgfältig alle Frauen, die aus dem Haus kamen, aber jedes Mal wurde er enttäuscht. Gleichzeitig ließ der Krampf im Hals nach. Er war wie ein Patient, der weiß, dass ihm eine unangenehme, aber notwendige Prozedur bevorsteht, dem dennoch jede gewonnene Minute illusorische Linderung verleiht.
Eine in Schwarz gekleidete Frau erschien und ging mit ruhigen Schritten die Straße entlang. Saba erkannte sie sofort, aber er saß weiter unbeweglich und spürte, wie sein Gesicht blass wurde. Die ganze gesammelte Bereitwilligkeit verdunstete in nur einer Sekunde, und ihr Platz wurde von der Lust des Fliehens eingenommen, aber Saba gab nicht auf. In ihm fing wieder der Kampf zwischen der Angst und dem Willen an. Schließlich gewann der Wille, und mit seiner Gesichtsfarbe kehrte sein Mut zurück.

Er stieg blitzschnell aus und holte die Frau ein. Es blieben ein paar Meter zwischen ihnen, als Saba sie hochachtungsvoll und gleichzeitig hörbar rief:
„Entschuldigen Sie.“
Die Frau blieb stehen, und in wenigen Sekunden drehte sie sich mit dem apathischen Gesichtsausdruck zu dem verwirrten Saba um. Ihre dunklen Augen mit den Ringen darunter konnten in seine Seele hineinsehen. Saba ertrug diese Stille nicht.
„Verzeihen Sie mir, ich weiß, dass ich mich sehr unkorrekt verhalte. Wahrscheinlich verdiene ich auch, gescholten zu werden, aber ich bin mir sicher, wenn Sie mir zuhören, dann werden Sie verstehen, dass in meiner Handlung nichts Übles liegt, sondern im Gegenteil, ich werde nur von guten Motiven bewegt.“

Die Frau stand schweigend da und hörte zu.
„Ich kannte Ihre Tochter nicht, und es macht mich wahnsinnig.“ Das Gesicht der Frau zuckte leicht.
„Aber ich möchte, dass Sie Folgendes wissen. Zwar bin ich nicht Ihr Vertrauter, aber es tut mir unendlich leid, was passiert ist. Noch mehr, ich habe das Gefühl, als ob ich mich verspätet und etwas sehr Wichtiges in meinem Leben verpasst hätte. Ich kann spüren, dass zwischen mir und ihr eine starke, geistige Verbindung entstanden ist.“ Saba hörte kurz mit dem Reden auf, dann fügte er ganz leise hinzu:
„Vielleicht erschien sie deswegen gestern bei mir.“

Nach diesen Worten begann ihr starres Gesicht sich schnell zu ändern. In ihm trat zuerst Ekel, dann Zorn auf, und sie schrie.
„Was fällt dir ein, du kranker Mensch? Verschwinde, sofort!“ Ihre strenge Stimme fing an, von drückenden Tränen zu zittern. Sie weinte auf offener Straße. Die Passanten hielten und glotzten die beiden an.
Saba versuchte sich ihr anzunähern, aber sie sagte strikt:
„Halt!“ Sie suchte nach einem Taschentuch.
Saba erinnerte sich, dass die ganze Packung in seinem Auto lag, und er lief schweigend, um sie zu holen. Von hinten hörte er einen Mann schreien: „Lasst ihn nicht los!“

Saba drehte sich um und sah auf ihn zu rennende Menschen. Er hatte die Wahl. Sich ins Auto zu setzen und fliehen, womit er ihre unklare Anschuldigung an sich bestätigen würde, oder sich mit dem ruhigen, unschuldigen Gesicht seinem Schicksal zu stellen. Er hatte keine Angst mehr. Er stand und wartete auf die wütende, verständnislose Masse, der er keineswegs seine bizarre, aber reine Liebe erklären konnte.
Etwa zehn Menschen hatten sein Fahrzeug umzingelt. Ein schmutzig gekleideter, dicker Mann mittleren Alters war besonders aktiv. Er stellte sich vor Saba, griff ihm in den Nacken und fragte.
„Was hast du angestellt?“
„Nichts“, antwortete er ruhig.
Der Mann kniff eines seiner Augen zu und starrte Saba wie ein erfahrener Psychologe an.
„Warum weint dieses Fräulein dann?“
„Ich hab nichts Schlimmes getan.“

Die Schaulustigen glotzten aus den Fenstern. Der Mann wollte noch etwas fragen, aber man hörte die Polizeisirene. Alle Anwesenden schauten in deren Richtung. Als Saba den Streifenwagen sah, dachte er: ‚Jetzt sind sie sofort an Ort, und Stelle, aber wenn man vergewaltigt, ausgeraubt oder abgeschlachtet wird, dann gähnen sie und stopfen sich mit den Backwaren aus, wie die Kühe mit dem Gras.‘
Der Mann schaute Saba nochmal ins Gesicht, und befriedigt sagte er: „Jetzt kriegst du Ärger.“
Die Polizisten stiegen aus, wie Helden. Einer ging zu der Frau, und der andere zu Saba. Saba stand kurz vor der Verhaftung, aber er spürte gar keine Angst, und der Grund war nur ihm bekannt.

Auf dieser Welt existiert immer noch ein Gefühl, das stärker ist als das Übel. Es ist egal, ob du dieses Gefühl für eine lebende Person oder für schon Verstorbene empfindest. Derjenige, der über dieses Gefühl verfügt, wird dadurch stärker als all die anderen, denn es trägt die größte Kraft in sich. Die meisten Menschen haben diese Empfindung vergessen, und sie sterben, ohne zu wissen, wie es mal war zu leben.
Saba hatte es seit seiner Kindheit in seinem Herzen, und weder chirurgische Instrumente noch irgendwelche fortgeschrittenen Medikamente wären imstande, es aus ihm auszutreiben.

Er sah die verweinte Frau an, die zwanzig Meter entfernt stand und dem Polizisten etwas erzählte. Plötzlich trafen sich ihre Augen. Die Frau hörte auf zu reden und sah ihn ununterbrochen an. Der Polizist, der zu ihm gekommen war, stellte ihm eine Frage, deren Inhalt oder Objekt für ihn unklar blieb, weil er nichts mehr vernahm. Viele Informationen wurden zwischen ihm und ihr mit dem Blick ausgetauscht. Danach sagte sie etwas zu dem Polizisten, ohne ihn anzusehen. Der unzufriedene Polizist kam mit langsamem Gang zu der schaulustigen Masse, stellte sich zu seinem Kollegen, und offenbar enttäuscht sagte er.
„Er ist ihr Verwandter.“
Der dicke und agile Mann rief aus:
„Ich hab gesehen, wie sie sich stritten, ihr habt es auch gesehen, oder?“, fragte er die anderen, und sie nickten ihm zu. Damit ähnelten sie den Marionetten, die gleich aussehen.
Saba konnte nicht verstehen, wie es sein konnte, dass all diese unterschiedlichen Menschen wegen eines Dranges zu einem Mechanismus wurden, der so ungerecht und verheerend arbeitete.
Der Polizist konnte die von dem Mann erwähnte Tatsache nicht als Delikt verwenden.
„Verwandte haben manchmal auch Konflikte.“

Beide Personen in ihren Uniformen drehten sich um und gingen zum blinkenden Wagen. Die Menschen lösten sich wie in der Hand angesammeltes Wasser auf. Die, die aus den Fenstern glotzten, hatten es auch verstanden, dass es nichts geben würde, wofür es sich lohnte, in der kaum erwärmten Wohnung zu erfrieren, und alle Fenster wurden synchron geschlossen.

Saba dachte, dass er während dieses ganzen Vorfalls nicht geatmet hatte. Langsam ging er zu der Frau, die auf ihn wartete. Saba hielt für alle Fälle Abstand und blieb ein paar Meter von ihr entfernt stehen, dann schaute er um sich herum, um zu wissen, ob jemand sie beobachtete.
„Danke“, sagte er leise.
Die Frau nickte ihm zu und wollte schon gehen, aber Saba sprach weiter.
„Einen Augenblick bitte.“ Mit den Worten kam der Dampf raus und verbreitete sich wie der Schall im Raum.
Die Frau hielt an und drehte sich verwundert um.
„Sagen Sie mir bitte, welche Blume sie am liebsten hatte?“
„Lilie“, sagte sie und ging.
Saba wiederholte es für sich und ging zu seinem Auto.

Es blieb wenig Zeit bis Silvester. Es herrschte ein schreckliches Getümmel in der Stadt. Überall waren bunte Geschäfte und lächelnde Menschen, die nichts um sich her außer diese grellen Farben bemerkten. Dieser geschmacklose, künstliche Regenbogen tat Sabas Augen weh. Sehr wohl sah er den Kontrast, den zwischen diesen geschmückten und auf das sinnlose Fest wartenden Menschen vorhandene düstere Personen erzeugten, die anstatt grundlosen Glücks tiefe Traurigkeit und Kummer erregten. Saba versuchte zu verstehen, woran diese Menschen dachten. Er wollte wenigstens fünf Minuten mit ihren Gedanken leben. Er stand und saugte ihre Apathie ein, wie eine Mücke das Blut.

Eigentlich ist es so, dass, wenn man an etwas leidet, man für das Leiden anderer Menschen empfindsamer wird, und dadurch vertieft man sein eigenes Leiden. Die Folge kann zweiseitig sein. Entweder man analysiert es und bekommt die Erlösung, oder diese Gedanken werden noch chaotischer und der psychische Zustand verschlimmert sich.
Saba dachte nicht an die Folgen und las unendliche Demütigung, Enttäuschung und Hunger ab. Am Ende kriegte er einen Schwächeanfall und ging zu seinem Wagen, der ihm als Unterkunft dienen sollte.

Der 31. Dezember endete. Das neue Jahr war geboren, das sich von den anderen genauso wenig unterschied wie die neugeborenen Kinder.
Saba traf es mit seinem liebsten Menschen. Er umarmte Elene und küsste sie zum ersten Mal. Alle feierten dieses Ereignis.
Im Zimmer duftete es nach Vanille, und für Saba, der vom Champagner ein wenig beschwipst war, kreiselte die ganze Welt sehr schnell, und er selbst erstarrte wie eine Statue, umarmt von dem schönsten Mädchen.
Als er aufwachte, war er schon wieder allein und er wusste nicht was wirklich, passiert war und wovon er geträumt hatte.
Er sah aus dem Fenster. Die Straße hatte ihre Stimme verloren, und man konnte nur die schwere Stille hören.
Morgen würde Saba zwei Menschen besuchen.

„Geben Sie mir bitte alle Lilien, die Sie haben“, sagte er zu der Blumenhändlerin.
Während sie die Blumen aus den Eimern nahm und die Wassertropfen abschüttelte, tauchte in Sabas Gedächtnis ein wichtiges Detail auf. Die Lieblingsblume seiner Mutter war auch die Lilie. Wie konnte er sich daran nicht erinnern, als Elenes Mutter sie erwähnte … In letzter Zeit träumte er ständig nur von Elene, deswegen gab es keinen Platz für die Mutter in seinen Gedanken. Er ließ sie in die Peripherie seines Sinns, woher sie ihn wahrscheinlich genau mit dieser Einzelheit an sich zu erinnern versuchte, und das war ihr endlich gelungen.
Am Friedhof lief er an Elenes bildlosem Grab schnell vorbei und ging direkt zu seiner Mutter. Er sprach lange mit ihr und schwor, dass so was nie mehr vorkommen würde, dabei fühlte er, wie schwierig es sein würde, seinen Schwur zu halten. Gleichzeitig verstand er, dass er verpflichtet war, es zu tun.
Die meisten Lilien ließ er bei der Mutter, und nach allerlei Entschuldigungen spürte er Erleichterung. Mit ruhigen Schritten und reinem Herzen ging er zu seinem Mädchen und legte die verbliebenen Lilien nieder.

Elene erschien neben ihm und bat ihn, sie loszulassen. Saba ging, ohne sie anzusehen, und jeder Schritt fiel ihm leichter. Am Auto angekommen, erlebte er die Freiheit, aber sie ähnelte der Freiheit des Häftlings nicht, wovon er seit vielen Jahren träumte, ganz und gar nicht! Dies war eine unerwartete Freiheit, denn Saba befand sich seit Kurzem nicht mehr als Gefangener in seinen Gedanken.
Er schaute den Friedhof noch einmal an, den er in der Zukunft öfter mal besuchen würde, aber das unsichtbare, unaussprechliche Gefühl verband ihn nicht mehr mit diesem Ort.
OKA-001 kehrte in die Stadt der Lebenden zurück, und sein Besitzer wurde zu einem von ihnen.

Der Mann schaut einen Grabstein an, von dem ein junges Mädchen ihr letztes Lächeln der jenseits gebliebenen Welt unendlich schenkt. Der Mann legt eine weiße Lilie auf die schwarze Erde und lächelt. Er hat Falten um die Augen. Er hält noch eine Lilie in seiner Hand und langsam geht er in die Tiefe des Friedhofs, wo er von seiner Mutter, die für immer ein Mädchen bleibt, erwartet wird.

2014

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18165

Das Mädchen ist fort - Teil II

Die Sonne hatte noch nicht vor aufzugehen. Die Stadt war leer. Unterwegs traf er nur ein Auto, dessen Besitzer, anscheinend betrunken von einem Restaurantbesuch, zu schnell nach Hause fuhr. Saba bemerkte ihn im Rückspiegel und wich ihm aus. Er hatte keine Zeit für einen Autounfall. Er parkte vor dem Haupteingang, aber das massive, schwarze Tor war mit einem Schloss verriegelt. Er dachte nach. Die Autoheizung arbeitete laut und blies ihm die heiße Luft ins Gesicht. Es fing an zu dämmern. Er stieg aus und ging zum Tor, dann vergewisserte er sich, dass ihn niemand beobachtete, und kletterte hinüber. Beim Runterspringen verfing sich seine Jacke und zerriss. Er schaute die verwundete Jacke, in der die Federn wie Blut zu sehen waren, unzufrieden an und ging weiter.

Auf Elenes Grab waren viele Blumen verstreut. Da lag auch ihr Foto im Rahmen. Das Mädchen auf dem Foto sah glücklich aus. Es hat noch sein ganzes Leben vor sich, hätte man denken können. Saba erinnerte sich sofort an seine Mutter, die ganz in der Nähe lag. Neben Elene war noch jemand begraben. Auf dem Grabstein stand Elisabed Gurgenidze 1938-2006.
‚Anscheinend ihre Großmutter‘, dachte Saba und flüsterte: „Und, wie hießest du?“
Er kam zum Grab von der Seite heran, beugte sich und hob das Foto auf, dessen Glas die Morgendämmerung reflektierte und Sabas Gesicht beleuchtete. Saba atmete beschwerlich aus und streichelte Elenes Gesicht mit dem Finger. In der Stille erklangen die Krähen, und er ließ fast das Foto fallen. Er suchte nach den Krähen, aber fand keine, dann legte er das Foto zurück und ging zu seiner Mutter, um ihr alles zu erzählen.
Sie hörte ihm aufmerksam zu und bewertete seine Empfindungen positiv. Das ließ ihn beruhigt nach Hause gehen.

Der Sonntag war gekommen. Saba zitterte wegen der Schlaflosigkeit. Er schlüpfte unter die Decke und schlief sofort ein.
Er stand zum zweiten Mal an dem Tag auf, schaute in den Spiegel und wunderte sich, denn seine Augen hatten sich verändert. Sie waren dunkler geworden und ein neuer Glanz trat von innen nach außen.
Solche Augen dringen sehr leicht in die Seelen anderer Menschen hinein, weil ihr Besitzer die Tiefe seiner Seele erreicht und durchlebt hat.
Die Veränderung gefiel ihm. Endlich konnten die anderen sehen, was er wirklich fühlte. Sie mussten es verstehen, aber wenn nicht, dann wenigstens spüren, dass nichts in diesem Leben oberflächlich und leicht sei.
Er legte den niederländischen Käse auf das Brot und schob es in den Backofen. Der Käse schmolz, und Saba genoss es. Heute musste er den Verwalter des Friedhofs treffen.

Der Verwalter stellte sich als älterer Mann mit vom Tabak verfärbtem Schnurrbart heraus. Er empfing Saba sehr herzlich, denn er dachte, dass Saba jemanden zu bestatten hatte, aber sobald er verstand, dass der junge Mann aus einem anderen Grund hier war, wurde er kalt. Saba ignorierte es und fragte nach dem Namen des gestern begrabenen Mädchens. Der Verwalter sah ihn argwöhnisch an, dann schlug er sein Notizbuch unzufrieden auf und murmelte nach kurzer Zeit.
„Elene Pataraia, 17 Jahre alt.“ Dann machte er das Notizbuch grob zu und schmiss es auf den Tisch.
Saba bedankte sich und verließ eilig das Verwaltungsgebäude.
Ein davorstehender Bettler bat ihn um nichts.
Saba saß lange in seinem Auto mit beschlagenen Scheiben und fuhr nicht los.
„Elene Pataraia, wie jung bist du von uns gegangen!“
Um ihn herum kamen und gingen die Leute.
Der Mensch stirbt nicht, er stirbt nur für die anderen.

Er stieg aus dem Wagen aus und ging wieder zum Verwalter. Seine erste Reaktion war wieder Unzufriedenheit, aber plötzlich erschien Mitleid in seinem Gesicht. Fürsorglich fragte er.
„Was ist passiert, mein Junge?“
„Ich bitte Sie, geben Sie mir die Telefonnummer ihrer Eltern.“
Der Mann tat es unverzüglich.
Saba wählte die Nummer nervös in einer Telefonzelle. Erst beim siebten Summton nahm eine Frau mit heiserer Stimme ab.
„Allo.“
Saba wagte es nicht, was zu sagen, und legte den Hörer langsam auf. Er wusste seit dem Tod seiner Mutter, dass die Angehörigen am neunten Tag nach der Bestattung zum Grab gehen, und entschied sich, auf diesen Tag zu warten. Bis dahin schloss er sich in seiner Wohnung ein.

Er erinnerte sich an das Leben in Deutschland und roch den Duft der Bäckereien. Er lächelte warm, wenn er an seine Tante dachte. Er würde ihr bis zum Ende seines Lebens für ihre Fürsorge dankbar sein. Sie fühlte sich schuldig, weil sie ihre Schwester alleine ließ, um ihr Wohlergehen einzurichten. Irgendwie stimmte es auch. Saba konnte in ihrem Blick Gewissensbisse sehen. Er erinnerte sich an seine Freundin Emma: ‚Wahrscheinlich trifft sie sich schon mit einem anderen, aber was sollte sie noch tun? Ich hoffe, sie wird glücklich sein.‘

Endlich war der Tag gekommen. Saba rasierte sich, zog sich elegant an und verließ die Wohnung. Das Tageslicht tat seinen Augen weh und er erreichte schwerlich seinen Wagen. Der Motor wollte nach der einwöchigen Pause nicht anspringen. Nach vielen Versuchen belebte Saba den Wagen wieder. Die Musik fing an zu spielen, und Saba schloss sich dem Stadtleben an, falls man so zum Friedhof fahren nennen kann.
Er wartete lange, bis er Elenes Angehörige sah. Er beobachtete sie aus der Ferne, dann entschied er sich, ihnen näher zu kommen, um zu hören, worüber die Trauernden sprachen.

Nebenan war ein Grab von einem alten Mann. Saba hockte sich vor das Grab und zog eine traurige Miene. Obwohl er den Mann namens Genadi, der seit 25 Jahren tot war, nicht kannte, konnte er dort sehr deutlich die Worte, die Elenes Mutter sprach, hören. Darin war so viel Schmerz, dass er beinahe anfing zu weinen. Er bemerkte eine auf dem Tannenast sitzende Krähe, die wie er lauschte.
„Sie wollte seit ihrer Kindheit eine Schauspielerin werden. Katharine Ross war ihr größtes Vorbild. Vielleicht, weil sie ihr so ähnlich sah. Seht, wie sie lächelt, als ob sie vor einer Kamera steht.“ Die Frau hörte auf zu reden, dann küsste und umarmte sie das Porträt.

Nach einer längeren Pause fing der Junge, den Saba für Elenes Bruder hielt, an zu reden an:
„Sie benahm sich immer so, als ob sie die Heldin eines Films wäre. Jedes ihrer Worte und jede ihrer Bewegungen war vollkommen.“
Nach dem Jungen fügte ihre Freundin hinzu:
„Sie spielte, aber dabei blieb sie ehrlich.“
Saba stellte sich die lebendige Elene, die energiegeladen und heiter war, vor, aber ihre Energie erschöpfte die anderen Menschen nicht, wie es üblich ist, sondern im Gegenteil, sie bewirkte Lebensfreude in ihnen.
Wer das Leben liebt, der liebt auch die Bewegung, weil das Leben selbst die Bewegung ist. Wenn wir uns regungslos stellen, womit werden wir uns dann von den Toten unterscheiden?

Saba spürte den Blick eines Mädchens, das ihn achtsam beobachtete, als ob sie genau wüsste, dass er täuschte. Saba fing an laut zu sprechen.
„Wieso hattest du es so eilig, Gena? Du hättest uns noch so viel erzählen können!“
Alle außer Elenes Mutter drehten den Kopf zu ihm. Saba verstand, dass seine Lage sich damit noch verschlimmerte. Er stand sofort auf und ging weg.
Beim Laufen versuchte er die Ruhe zu bewahren, um die entstandene Vermutung nicht zu bestätigen, aber seine Füße gehorchen nicht und liefen von allein.
Während er im Auto saß, sah er Elenes Mutter, die in ihren Händen das Porträt hielt. Seine erste Reaktion war die Reue, denn er dachte daran, das Bild zu stehlen, aber er schmiss diese unaufrichtige Idee sofort aus dem Sinn und fing an, Elenes Bildnis zu absorbieren. Wie ein durstiger Mensch saugte er unersättlich alle Einzelheiten ihres Gesichts auf, das bald verschwinden würde. Er schloss seine Augen, und es erschien ihm ganz deutlich aus der Dunkelheit, und nichts konnte es aus seinem Gedächtnis mehr löschen.

Saba wartete im Wagen, bis alles vorbei war, dann verfolgte er den schwarzen Geländewagen und merkte, dass sein Benehmen merkwürdig war. Einige Male wollte er den Wagen wenden, aber die Notwendigkeit einer solchen Handlung kam immer wieder zurück, und er fuhr weiter, obwohl er keine Ahnung hatte, was genau er verfolgte und was er zu tun hatte. Er folgte einfach seinem Trieb.
Der Geländewagen hielt an und in der Nähe von ihm OKA-001. Die Tür ging auf. Elenes Mutter stieg aus dem Wagen aus und ging in den Haupteingang eines fünfstöckigen Hauses. Der Geländewagen fuhr los und Saba folgte ihm wieder, dabei konnte er nicht verstehen, wieso der Fahrer nicht mit der Mutter ins Haus gegangen war. In diesem Moment ließ er die Möglichkeit zu, dass der Fahrer nicht ihr Sohn und folglich kein Bruder von Elene war. Wer war er dann?

Saba hatte neue Fragen und er war bereit, dem Wagen, in dem die Antwort saß, in die Hölle zu folgen, um sie zu kriegen.
Der Junge fing an, sehr schnell und gefährlich zu fahren. Anscheinend wollte er auch ins Jenseits.
In der Wirklichkeit verstand Saba sehr gut, wem er folgte, aber nur der Gedanke daran, dass Elene einen Freund hatte, schmerzte ihn. Abgesehen davon, dass er sich wie ein Verrückter benahm, tauchten bei ihm auch die Anzeichen vom Egoismus auf. Etwas veränderte ihn. Er fühlte es, aber er versuchte es nicht zu bekämpfen, denn es hatte keinen Sinn.

Von Mtatsminda[1] eröffnete sich eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt. Saba war seit vielen Jahren hier nicht mehr gewesen, aber für die Aussicht hatte er keine Zeit.
Er hielt direkt hinter dem geparkten Wagen an und entschied rücksichtslos, zum Jungen zu gehen, der immer noch im Wagen saß. Offensichtlich dachte er an dieselbe Person wie Saba. Das war das Einzige, was sie gemeinsam hatten. Gleichzeitig beneidete Saba diesen Jungen, denn er hatte Elene angefasst, geküsst und sie zum Schluss lebend betrachtet.

Saba stellte sich neben den Jungen, nur die Autoscheibe trennte sie. Am Anfang bemerkte der Junge ihn nicht. Saba wartete nicht lange und klopfte an die Scheibe. Der Junge erhob schnell seinen Kopf und schaute ihn verwirrt an, danach drehte er das Fenster runter.
„Du warst doch am Friedhof?“
Saba beantwortete seine Frage mit einer anderen Frage.
„Hat sie dich geliebt?“
Der schockierte Junge stieg aus. „Was?“
Saba machte dreist weiter: „Sag mir, wie sie war. Sag mir alles, was du über sie weißt!“
„Wie kannst du es wagen? Wer bist du überhaupt?“, erhob der Junge seine Stimme.
In diesem Moment bogen vier Jungs um die Ecke und kamen zum Wagen. Einer von denen rief aus.
„Alles in Ordnung, Rezi?“
Der Junge wiederholte seine Frage an Saba: „Wer bist du?“
Saba wandte seinen Blick vom Quartett an Rezi, der schon ziemlich sauer war. Saba verstand, dass er es übertrieben hatte, aber es gab keinen Weg zurück, und er packte Rezi am Kragen.
„Hat sie dich geliebt?“

In seinem Auto kam er zu sich, und er hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Das Letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein starker Schlag ins Gesicht und das Augenbrennen.
‚So was geschieht, wenn du gegen fünf kämpfst‘, dachte er und versuchte, den Kopf zu erheben. Die Jacke war vom Nasenbluten verschmiert. Er schmeckte den bitteren Geschmack des Blutes und versuchte, ihn runterzuschlucken, aber der blieb fest im Hals. Ringsum war niemand. Er wusste nicht, wie lange er in diesem Zustand gewesen war.
Wenn wir nichts zu verlieren haben, gewinnen wir auch nichts.

Zu Hause brachte eine Eiskompresse seiner Nase die normale Form zurück, obwohl sie vor dem Schlag auch nicht vollkommen gewesen war. Saba saß im Sessel und versuchte, sich an den Namen der Schauspielerin zu erinnern, die erwähnt worden war. Er schloss die Augen und bildete sich ein, dass die Dunkelheit eine Leinwand wäre, auf der der Name stehen würde. Er spannte seinen Verstand mehr und mehr an, bevor der Kopf begann, schrecklich weh zu tun. Um sich von diesem Schmerz zu befreien, floh er in einen tiefen Schlaf, den wir nach großem Stress als kleine Entschädigung bekommen, wie ein kleines, bedeutungsloses Geschenk für den Verlierer.

[1] Mtatsminda - Ein Bezirk in Tbilisi, der am Berg liegt.

 

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18164

Das Mädchen ist fort - Teil I

In der Stadt der Toten, die sie auch den Friedhof nennen, ist die Silhouette eines Mannes zu sehen, der auf dem schmalen Pfad zwischen den Gräbern wie ein Gespenst umherschleicht. Auf den Spitzen der Tannenbäume sitzende Krähen beobachten ihn. Sie wissen, was es bedeutet, hierher zu kommen. Sie beobachteten wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten, wie die Menschen hierher kamen, um ihre verstorbenen Angehörigen zu beweinen, und sehen so den Schmerz dieser Menschen. Obwohl sie diesen Ort verlassen und wegfliegen könnten, bleiben sie, weil es nirgendwo anders einen solchen Ort gibt, wo sie so viel Reue und Liebe zu sehen bekommen wie hier, in der Stadt der Toten, die sie den Friedhof nennen.
Der Mann hält vor einem Grab an, auf dessen Grabstein das Bildnis einer jungen, wunderschönen und lächelnden Frau eingraviert ist. Der Mann sieht nach oben und lässt Dampf aus dem Mund entweichen. Vielleicht verlässt die Seele genauso den Körper! Der Mann ist ziemlich warm angezogen, aber dem Frost gelingt es trotzdem, bis in dessen Knochen vorzudringen. Ihn überzieht eine Gänsehaut, aber nicht wegen der Kälte.
Eine der Krähen krächzt und fliegt weg, denn sie möchte sich  nicht in die Angelegenheiten eines anderen einmischen.

Im Flughafen sah er nur unbekannte Gesichter, die ihn nicht wahrnahmen, weil sie in ihren eigenen Gedanken gefangen waren. Es regnete. Der Regen erzählte ihm viele Geschichten, die er nicht verstand, trotzdem hörte er jedem Regentropfen aufmerksam zu.
Er nahm ein Taxi und teilte dem Fahrer die Adresse mit, die sich in seinem Kopf drehte und so fremd und seltsam für ihn klang, als ob er den Namen eines unbekannten Landes erwähnt hätte.
Als er sein Ziel erreicht hatte, öffnete er die Tür und ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen. Er bedeckte rasch mit dem Jackenkragen seine Nase. Der Gestank war so intensiv, dass ihm schwindelig wurde. Er setzte sich deshalb auf den Holzstuhl, der an der Wand stand. Der Stuhl quietschte und begrüßte so seinen zurückgekommenen Besitzer. Derr saß mit gesenktem Kopf da und sah den Fußboden an, der langsam durchsichtig wurde, bis er den schmutzigen Grund des Hauses sehen konnte.

Als die Mutter starb, blieb er hier ganz allein zurück. Das Institut besuchte er schon lange nicht mehr, weil er auf die an das Bett gefesselte Mutter aufpasste. Er hoffte, dass seine Liebe zu ihr die dunkle Zukunft verbessern würde. Er glaubte wirklich daran, und wie er es glaubte! Und jetzt nannte er sich einen Idioten, nur weil er vergeblich gehofft hatte.
Noch eine Sache bereute er sehr. Er war nicht dabei, als sie ihren letzten Atemzug gemacht hatte. Er konnte ihr letztes Wort nicht hören und ihren letzten Blick nicht fangen, einen Blick, der immer voller Liebe war. Die Mutter bedankte sich bei ihm für seine unendliche Hingabe. Sie war nicht undankbar, so wie die anderen, und das schmerzte ihn noch mehr. Er wollte nicht, dass die Kranke sich über so etwas Gedanken machte.
„Ruh dich einfach aus“, sagte er zu ihr und küsste sie auf ihre schwitzende, glühende Stirn.

Er fühlte mit seinen Lippen, wie sie brannte, und wie dieses innerliche Feuer ihre Seele langsam in Asche verwandelte. Nachts saß er vor ihrer Tür und betete. Er sah dabei den Himmel im Flurfenster. Der Schmerz schnürte dabei seinen Hals zu, und er wollte schreien, aber er wusste nicht, was! Er harrte aus. Jetzt brauchte eine andere Person seine Hilfe. Er aß zu wenig, nahm gemeinsam mit seiner Mutter ab und wurde so zusehends schwächer.
Eines Tages ging er dann zur Apotheke. Mit zerfetzten 5 Lari[1] wollte er ihr ein Antibiotikum kaufen. Die Pharmazeutin lächelte ihn warm an, aber der Junge bemerkte kein Lächeln.
Als er nach Hause kam, war das Zimmer seiner Mutter schon leer, drinnen lag nur noch ein verlassenes Gefäß. Seine Mutter war fort, dahin, wo ihr keiner folgen konnte.

Der Junge konnte es in der Wohnung kaum aushalten. Hier, wo alle Wände vom Leid weinten und dieses Weinen an sein Gehör gerichtet war. Wenn er geblieben wäre, wäre er gestorben und er bereute manchmal, dass er nicht geblieben war. Obwohl er jetzt keine Lebenslust mehr hatte, besaß er auch keinen Willen, um es zu beenden. Stattdessen übermannte ihn eine schreckliche Apathie. Selbst reden wollte er nicht und auch das Denken war das Einzige, was ihn noch mit seinem Körper verband. Dabei glaubte er, dass es allein sein Geist war, der zu denken vermochte.
Er schloss die Tür ab und flog zu seiner Tante nach Deutschland, die die Einzige war, die sein Leid teilte. Der warme Umgang der Tante und seiner Cousins brachten ihn ein wenig auf diese Welt zurück.

Er lernte ihre Sprache und ging erneut an die Universität. Er versuchte, nicht daran zu denken, was ihn am meisten quälte, aber als er verstand, dass er wie ein Feigling weggerannt war, fand er keine Ruhe mehr. Ab und zu tauchten Erinnerungen in ihm auf. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als er in die Augen der Mutter geschaut hatte, als ob er spürte, was auf sie zukam, und er ließ sie keine Sekunde allein. Die Mutter nahm ihn auf den Schoß und erklärte ihm, dass er mit Gleichaltrigen spielen sollte und seine Kindheit nicht in den vier Wänden verbringen dürfte.

Als er in die Pubertät kam, konnte seine Mutter ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, aber sie setzte sich vor ihn und sagte ihm, dass er Mädchen lieben und sich von ihnen lieben lassen sollte. Der Junge wusste, dass sie recht hatte, aber etwas störte ihn daran. Damals wusste er noch nicht, was genau das war, aber in wenigen Jahren bekam seine Angst den Namen „Der Krebs meiner Mutter“.
Die Zeit war gegen ihn. Anstatt die Vergangenheit zu vergessen, kehrte sie immer wieder zu ihm zurück. Er wachte fast jede Nacht schweißgebadet auf. Sein Herz raste, und die dunkle Leere drückte ihn nieder.

Er absolvierte seinen Uni-Abschluss und fing an zu arbeiten. Er lernte ein Mädchen kennen, das sich in ihn verliebte, aber weder ihre Tränen noch seine Tante konnten seine Entscheidung ändern. Wenn ein Mensch etwas ein für alle Mal entscheidet, dann ist kein anderer in der Lage, dies zu verhindern. Er verließ alles und kehrte nach fünf Jahren in die Stadt zurück, die ihn genauso anlockte wie der Tatort den Täter.
Wenn ein Mensch sich schlecht fühlt, bemerkt er die Dunkelheit um sich herum besser. Für glückliche Menschen besteht das Leben nur aus Sonne und lustigen Liedern, aber gibt es überhaupt wirklich glückliche Menschen auf dieser Welt? ‚Wenn ja, dann gibt es keine Gerechtigkeit‘, dachte der Junge und verbrachte den ganzen Abend in der kleinen Küche.

Am Morgen fing er dann an, an die Zukunft zu denken. Um präzise zu sein, er dachte an das, was er vorhatte. Er fand, dass es für ihn keine Zukunft mehr gab, und das Einzige, was er noch hatte, war die Fortsetzung der Vergangenheit, die nichts Gemeinsames mit der richtigen Zukunft haben konnte.
In Deutschland gab ihm seine Tante einfach alles. Natürlich versuchte sie, alles für den Sohn ihrer verstorbenen Schwester zu tun, und das konnte sie auch, denn sie war mit einem reichen Juden verheiratet. Wenigstens mit seiner Tante hatte er Glück.

Er wollte nur einen Ort besuchen, und so bald er mit dem Frühstück fertig war, zog er seine Jacke an, wickelte den Schal um seinen Hals, und ging raus. Diese Wohnung wurde zu einem großen Sarg für ihn.
Es fiel ihm schwer, die richtigen Blumen auszusuchen. Die Verkäuferin versuchte ihm am Anfang mit der Auswahl enthusiastisch zu helfen, aber seine Unsicherheit übertrug sich auf sie und ließ ihr Lächeln in eine schreckliche Müdigkeit verwandeln. Schließlich kaufte er die Feldblumen und ging den Friedhof von Saburtalo[2] entlang.
Je mehr er sich dem Grab näherte, desto langsamer schlug sein Herz. Wenn es so weitergehen würde, hätte er am Ort keinen Herzschlag mehr, und er wäre nicht anders als die Menschen, die früher wie er liefen, fühlten, litten und ihrem eigenen Herzklopfen als ferne, mystische Musik zuhörten und jetzt um ihn herumlagen.

Am Himmel spannte sich eine Dezemberwolke aus und ließ die Sonnenstahlen nicht zur Erde. Auf dem schmalen Pfad laufend, bemerkte er einige Männer, die eine Grube gruben, in der bald ein für ihn unbekannter Mensch beigesetzt werden sollte. Die Totengräber schauten ihn an. Es kam ihm so vor, als hätte einer gegrinst.
Er hielt vor dem bekannten Grab an. Fast nichts hatte sich in der Umgebung verändert. Bloß hier und da waren neue Gräber entstanden, wie die Häuser in der Stadt.
„Wie geht es dir, Mutter?“, fragte er. Der sich erhebende Dampf flog wie ein Vogel in den Himmel. Die Mutter lächelte ihn vom Grabstein an. Er setzte sich und erzählte ihr, was er all die Jahre so machte. Wie er lebte, wie er verreckte.
Wenn ein Mensch wenigstens einmal den Tod einatmet, wird er ihn nie wieder los.

Es wurde dunkel. Er erkannte das in den schwarzen Stein gravierte Gesicht nicht mehr. Sie hatten noch viele Begegnungen vor sich. Er stand auf und versprach ihr, dass er sie nie wieder alleine lassen würde. Er hatte vor zu gehen und machte einige Schritte, aber er drehte sich plötzlich um und fiel mit den Knien auf die Erde. Leise stieß er hervor:
„Vergib mir Mutter, dass ich dich verlassen habe! Vergib mir.“
Die leichte Brise wehte und streichelte sanft seine Haare. Er erhob seinen Kopf und schaute das Bildnis der Mutter noch einmal an.

Im Taxi dachte er an Mutters Foto, das aufgenommen worden war, als sie noch gesund gewesen war und ihr ganzes Leben vor sich gehabt hatte. Die Beleuchtung der Nachtstadt beruhigte seine Augen, und die leise Musik vom Radio machte ihn schläfrig. Er lehnte sich zurück und war fast eingeschlafen.
In der Nacht hatte er geträumt, dass er träumte.
Selbstverständlich würde er seine Mutter heute wieder besuchen. Er hatte nichts anderes in der Stadt zu tun, wo nicht nur die Toten, sondern auch die Lebendigen vergessen worden waren.
Während er im Bett lag, entschied er, ein Auto zu kaufen.

Es war ein kleines, rotes „OKA“. Er fühlte sich sofort gemütlich, als er einstieg.
Er stand vor der Autowäsche und beobachtete, wie sein „neuer“, alter Wagen, der das Autokennzeichen OKA-001 hatte, gewaschen wurde. Der junge Mann kriegte auch einige Wasserspritzer ab. Er stieg in den frisch gewaschenen Wagen und atmete dessen Duft tief ein. Im Handschuhfach entdeckte er eine Kassette. Am Anfang wollte er sie wegschmeißen, aber dann legte er sie ins Kassettenradio ein. Auf der Kassette befanden sich Lieder von „The Doors“. Mit „Riders on the Storm“ in den Ohren fuhr er schnell zu seiner Mutter.
Er erzählte ihr begeistert, was für ein tolles Auto er gekauft hatte.
„Mam, weißt du, wie niedlich es ist? Dazu verbraucht es sehr wenig Sprit, und damit ist es sehr einfach zu parken. Ich kann die Menschen in dieser Stadt nicht verstehen! Jeder zweite besitzt einen Geländewagen, wozu brauchen sie so viel Aufwendung und Unbehagen? Anscheinend glauben sie, dass sie desto größere Bürschchen werden, je größer ihr Auto ist.“

Nur darüber sprach er mit ihr und ging. Er hatte vor, in sein Auto einzusteigen, als er eine in seine Richtung kommende Prozession bemerkte. Ganz vorne lief ein Junge mit dem Porträt eines sehr hübschen Mädchens. Neben dem Jungen lief eine weinende Frau, gekleidet in Schwarz. Die Angehörigen versuchten vergebens, sie zu beruhigen.
In einem solchen Augenblick gibt es kein richtiges Wort. Dann existiert nur der Schmerz, der mit der Zeit vergeht, aber nie tut er es vollständig.
Da waren viele junge Menschen in der Prozession. Der junge Mann folgte ihr. Die Prozession bog in eine ihm bekannte Kurve ein, und bald hielt sie an. Es wurde still, nur das Weinen der Frau konnte er hören, und sein Herz schrumpfte. Er stellte sich auf eine kleine Erhöhung und sah, dass das Mädchen in diejenige Grube beigesetzt wurde, die er gestern zufällig gesehen hatte. Er konnte es nicht mehr ertragen und lief mit schnellen Schritten weg. Unterwegs stolperte er und wäre fast gefallen.

Den ganzen Weg nach Hause hatte er das Gesicht des Mädchens vor seinen Augen. Er hatte nie in seinem Leben so etwas Schönes gesehen, und er war voller Lust, alles über sie zu erfahren, aber ihm fiel auf, dass er schwärmte, und hörte damit auf.
Er betrat ein Sakhachapure[3]. Alle Tische waren besetzt, aber er hatte keine Lust, woandershin zu fahren, und entschied zu warten. Er lehnte sich an die Tür und wartete, bis an irgendeinem Tisch jemand bis zum Hals satt sein und mit einem eleganten Gang verschwinden würde. Er musste ziemlich lange warten. Ab und zu merkte er unzufriedene Blicke an seine Adresse. Endlich war ein unschönes Paar aufgestanden und bewegte sich Richtung Ausgang. Beim Rausgehen schaute und lächelte ihn die Frau an. Was ihren Kavalier anging, so starrte der ihn boshaft an und wollte ihn vermutlich schlagen. Der Junge ignorierte diese unangenehme Zu- und Abneigung und ging mit ruhigen Schritten zum frei gewordenen Tisch, den die Kellnerin schon tüchtig abwischte.
Er bestellte ein Acharuli[4] und eine Cola und erinnerte sich, dass, bevor er nach Deutschland gegangen war, es nur drei Lari gekostet hatte, und jetzt kostete es das Doppelte. „Na ja, das Land entwickelt sich“, dachte er und schmunzelte ironisch. In Deutschland aß er es ziemlich oft, aber das waren „deutsche Acharuli“.

Er fing wieder an, an das Mädchen zu denken. Woran war es so jung gestorben? Sie war ungefähr 17 gewesen. Was sind 17 Jahre im Vergleich zum Alter des Universums? Was sind 17 Jahre, um dieses komplizierte Leben wenigstens ein bisschen zu verstehen? Ihr Leben war wie ein Funke, der statt sich ins Feuer umzuwandeln von der Dunkelheit für immer verschluckt wurde. Das gebrachte Acharuli brachte ihn ins Sakhachapure zurück. Zerstreut bedankte er sich bei der Kellnerin und fing an zu essen, aber ihm war der Appetit vergangen. Jedes Stück kaute er widerwillig, und um es runterzubekommen, spülte er mit der Cola nach.

Plötzlich hielt ein junger Mann vor ihm und starrte ihn an. Der Sitzende schaute ihn an und fragte:
„Was ist los?“
„Du bist Saba Eradze, oder?“
„Ja, der bin ich“, antwortete er angespannt.
„Wir waren an der Uni in derselben Gruppe. Erkennst du mich nicht mehr?“
„Nein“, antwortete er sofort und kalt, aber natürlich erkannte er ihn wieder. Er war der Einzige aus der Gruppe, der zur Bestattung gekommen war. Es war Saba trotzdem unangenehm, dass er erkannt wurde.
„Ich bin‘s, Irakli“, fügte der verwirrte Junge hinzu.
Saba stand sofort auf, legte genügend Geld auf den Tisch und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Irakli stand da und guckte erstaunt, bis Saba aus der Tür verschwand.
Auf dem Rückweg bereute Saba, dass er seine Identität preisgegeben hatte.

In der Nacht träumte er vom gestorbenen Mädchen. Sie stand am leeren Strand, im farbigen Sommerkleid, das die vom Horizont wehende Böe flattern ließ. Saba sah um sich herum und ging zum Mädchen, das zum dunklen Meer schaute. Seine Schritte klangen mit lautem Nachhall, aber sie drehte sich trotzdem nicht zu ihm. Saba stellte sich neben das Mädchen und starrte sie an. Plötzlich nannte er sie mit dem Namen und wunderte sich selbst im Traum.
„Elene.“
Das Mädchen wendete den Blick zu ihm, und kaum erkennbar lächelte sie. Saba bekam Gänsehaut. Elene schaute wieder zum Meer, und nach kurzer Zeit sagte sie leise:
„Mir ist kalt.“

Saba wachte mit Schüttelfrost auf. Er legte die Hand an die Stirn, die glühte. Das Fieber sank bald.
Er saß in der Küche und wiederholte ihren Namen. Er wollte schnellstmöglich zum Friedhof fahren. Es war fünf Uhr morgens, aber er konnte es nicht mehr aushalten, zog sich hektisch an und fuhr los.

[1] Lari - Nationale Währung in Georgien.
[2] Saburtalo - Ein Bezirk in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, mit einem großen Friedhof.
[3] Sakhachapure - Eine Art Gaststätte, in der vor allem Khachapuri, ein georgisches Gericht aus Teig, gefüllt mit Käse, zubereitet wird.
[4] Acharuli - Bootformige Teigtasche mit georgischem Käse und einem Spiegelei in der Mitte.

 

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18163

Lebe wohl, Lakritz - Teil III

Es war ein langweiliger Abend. Ich stand mit geschlossenen Augen am geöffneten Fenster und atmete den frischen Duft des gemähten Rasens ein, der von Gretas Hintergarten kam. Der Duft brachte mir gesichtslose Erinnerungen. Auf einmal bekam ich Angst. Man vergisst so viel, dabei besteht das Leben zum größten Teil aus Erinnerungen. Der Mensch ist seine Erinnerungen, und wenn mich jemand fragen würde, wie alt ich bin, dann würde ich antworten: „So alt, wie viele von mir gelebte Sekunden ich noch in mir trage, denn mein Leben ist so lang, wie die Zeit, an die ich mich erinnere.“

Plötzlich hörte ich Lärm aus dem Hof und machte die Augen auf. Greta ging mit ihren mutmaßlichen Mitschülern zur Laube. Zwischen denen war ein rotznäsiger Junge, den sie offensichtlich mochte, doch der wusste sie gar nicht zu schätzen. Wahrscheinlich würde er ihr erster sein. Es ist immer so, immer! Jedes Mal, wenn ich mir eine hübsche Frau in den Pfoten eines Ungeheuers vorstellte, erwürgte mich jemand mit seinen unsichtbaren Händen.

Ich ging sofort in mein Zimmer und machte die Augen zu, verschränkte meine Hände hinter dem Kopf und bildete mir Folgendes ein: Ich sitze in einem sonnenartigen Ballon, der von meiner Energie wächst und dann explodiert. Die Explosion zerstört alles um mich herum, und ich stampfe durch die Asche meiner Einsamkeit.
„Exupery hat vor seinem letzten Flug gesagt, dass falls er abstürzen würde, er nichts bereuen würde“, sagte Lakritz.
Ich machte mir Sorgen, weil ich neue Emotion in seinen Augen sah. Er war ein unglücklicher Mensch geworden. „Mensch muss rechtzeitig und schön sterben“, fügte er hinzu.

Nach dem Film hielten wir vor dem Kino an. Er lächelte mich zum letzten Mal an und ging weg. Ich lief ihm nicht mehr nach, weil ich seine Entscheidung respektierte. Ich werde seine echte Geschichte nie rausfinden. Er wird für mich immer Lakritz bleiben.

Ich fiel aufs Bett und dachte: „Lakritz ist weg. Seine Rolle ist zu Ende. Er hat sie in seine Hand genommen. Er ist ein Regisseur geworden und hat seinen Film beendet. Was mich angeht, führe ich mein Leben weiter, ohne zu wissen wofür, übrigens wie die meisten Menschen auf dieser Welt.“

Stellen Sie sich vor, wie sehr ich mich wunderte, als ich ihn am nächsten Abend sah. Zuerst dachte ich, dass ich halluziniere, aber als er vor mir anhielt, roch ich seinen Duft, und ich war überzeugt, dass er es wirklich war.
Er las meine Gedanken.
„Es existiert nur das, was du anfassen kannst. Was du siehst, sind nur Bilder in deinem Kopf.“
Ich fasste seine Schulter an und spürte seine Atome.
„Ich war mir sicher, dass du nicht mehr kommst.“ Und ich fing an zu lachen, weil ich mich an meine dramatischen Gedanken erinnert hatte.
„Nein“,sagte er lächelnd, „Du dachtest nur, dass du dir sicher bist. Wärest du es, wäre ich jetzt nicht hier.“

Neben uns ging ein junges Mädchen vorbei, und es schaute mich aus irgendwelchem Grund schräg an.
„Erinnerst du dich an die Szene in „Arizona Dream“ in der Gallo von einem Flugzeug verfolgt wird und er schreit, dass er in einem Film ist?“
Ich nickte und wusste, was er jetzt sagen würde.
„Das Leben ist ein Film, und du entscheidest, wie es ausgeht. Hab keine Angst zu improvisieren! Mach alles, was immer du willst.“

Sein letzter Satz blieb in meinem Kopf zu stecken. Er klang wie ein Mantra: MACH ALLES, WAS IMMER DU WILLST!!!

Gewöhnlich tat ich nie, was ich wirklich wollte. Das heißt, dass ich mein Schicksal nicht im Griff hatte. Deswegen war ich so unglücklich. Um glücklich zu werden, ist es genug, die Ketten der Angst und Rücksicht zu zerreißen. In diesem Augenblick hatte ich eine geniale Idee, so glaubte ich wenigstens. Ich verstand, dass alles erreichbar ist. Ich musste nur den Arm ausstrecken. Bisher war ich stets mit gebeugten Armen gelaufen und jammerte nur, dass alles außer meiner Reichweite war.
Lakritz lächelte mich an. Er wusste bestimmt, was ich vor hatte, und ich wusste, dass er mir dabei unbedingt helfen würde.
Ich wusste bereits, dass Greta zum Fitnessstudio durch den Park ging und erst in der Dämmerung zurückkam, wenn fast niemand mehr in dem Park war.

Eines Tages parkten ich und Lakritz mit dem von ihm besorgten Lieferwagen vor dem Eingang. Greta ging in den Park rein. Wir folgten ihr unauffällig und blieben im Park. Lakritz setzte sich in meiner Nähe auf eine Parkbank. Währenddessen fütterte ich die Enten. Als sie das Brot in meiner Hand sahen, fingen sie an zu schnattern und schwammen gemeinsam zu mir. Ihre Füße waren nicht zu sehen, und man hätte den Eindruck bekommen können, dass sie mit dem Bauch auf der Wasseroberfläche glitten. Dem „Großen Fressen“ schlossen sich verschiedene Fische an und bissen ab und zu die Enten, die ihrerseits mit einem Klageruf wegschwammen, aber der Hunger war stärker, und sie kehrten immer wieder zurück.

Ich dachte, wir würden lange warten müssen, aber die Zeit verging sehr schnell. Lakritz pfiff nach mir, und als ich Greta in meine Richtung kommen sah, versteckte ich mich im Gebüsch, aber ich erinnerte mich sofort, dass ich derjenige war, der sie aufhalten musste, also kroch ich raus. Sie bemerkte mich bald und wurde ein wenig nervös. Ich lächelte sie an, und sie erwiderte es.
Sie hielt vor mir an und wartete darauf, dass ich etwas sagte. Ich kapierte, dass mein Plan alles ruinieren würde, weil sie offenbar ohnehin Interesse an mir hatte, aber es war leider schon zu spät. Lakritz schlich sich von hinten an sie und drückte ein mit Chloroform getränktes Tuch an ihr Gesicht.
Das Letzte, was ich in Gretas Augen sah, war Angst. Mir wurde schwindelig.
Wir brachten sie unbemerkt zum Lieferwagen. Wir hatten Glück, oder auch nicht.

Während wir aus der Stadt fuhren, bekam ich eine Panikattacke, aber sagte Lakritz nichts. Trotzdem bemerkte er es und lenkte mich ab.
„Welcher Film?“
Ich musste nachdenken, dann fiel mir eine Verfilmung ein, aber das Buch, wie es meistens ist, war viel besser.
„Der Sammler“, sagte ich.

Das ohnmächtige Mädchen fesselten wir in der Jägerhütte mit Lederriemen ans Bett. Die Taschenlampe beleuchtete diese Holzkonstruktion teilweise, und sie sah ziemlich mystisch aus. Draußen knisterten die Äste im Wind und raschelten die Blätter. Während ich der Symphonie des Nachtwaldes zuhörte, witterte ich den aufregenden Duft von Greta.
Ich saß auf dem Fußboden in der Ecke und beobachtete Lakritz, der seinerseits ziemlich lange Greta beobachtete und mir danach sein bekanntes Lächeln schickte.
„Und jetzt welcher?“
Ich hatte auf diese Spielchen keine Lust mehr, aber trotzdem antwortete ihm.
„Tanz der Teufel.“
Er war mit mir sehr zufrieden.
„Du hast einen guten Geschmack, sie ist entzückend.“
Es gefiel mir nicht, wie er über sie sprach, als ob er sie vernascht hätte.
„Es ist Zeit, die Praline zu enthüllen“, sagte er und zog Gretas Schuhe aus. Sie hatte kleine Welpen an ihren Söckchen. Sie war wirklich noch ein Kind!
Er zog ihr T-Shirt und auch die Leggings aus. Jetzt lag sie bloß in ihrer schwarzen Unterwäsche.
Mein Herzklopfen beschleunigte sich.

Er holte aus der Tasche eine Schere und beugte sich über sie. Mein Mund wurde ganz trocken. Er schnitt ihren BH in der Mitte durch und legte mit der Scherenspitze kleine, straffe Brüste frei. Greta stöhnte leise, verstört, und bewegte sich.
Er sah mich noch einmal an und setzte dazu an, ihren Slip an der Seite aufzuschneiden.
Ich stand so schnell auf, als ob der Boden mir einen Arschtritt verpasst hätte, rannte zu ihm und schleuderte ihn gegen die Wand.
Lakritz schaute mich enttäuscht an und versuchte etwas zu sagen, aber schaffte es nicht. Plötzlich realisierte ich, dass die Schere tief in seiner Brust steckte. Ich machte einen Schritt rückwärts und er sank zu Boden. Greta fing an, zu sich zu kommen. Ich befreite sie sofort und setzte mich wieder in die Ecke, dabei hielt ich die ganze Zeit mein Auge auf Lakritz, der abwechselnd mich und sie ansah. Sie setzte sich langsam auf und bedeckte ihre Brust.

„Zieh dich an, nimm die Taschenlampe und folge dem Weg nach unten“, sagte ich zu ihr.
Sie stand mit großer Mühe auf, stolperte einmal und rannte, wie sie nur konnte, los. Ihre Schritte wurden vom Lärm des Waldes verschlungen.
Ich blieb in der Dunkelheit und wartete, bis es heller wurde, dann versuchte ich vergeblich, Lakritzes erstarrte Augen zuzumachen. Ich nahm seine letzte Lakritzstange und steckte sie mir in den Mund, dann schaute ich zu dem BH, der auf dem Bett lag, und ging zu meinem bekannten Felsbrocken, aber die Kastanie war weg.

Später musste ich einige Tests machen, und der Staat hat mich in einer Irrenanstalt eingelocht. Die Ärzte behaupten, dass Lakritz nicht existiert, sie sind völlig verrückt!
Wie Lakritz sagte: „Manches ist echt, aber manches auch nicht.“ Demzufolge denke ich, dass diese hochgeehrten Ärzte nicht real sind.
Ich kann meiner Lage viele Filme zuordnen, aber ich werde es nicht tun!
Jetzt weiß ich, dass ich einen großen Fehler begangen habe. Man darf nicht einfach alles tun, was man will. Ich hätte auf Gretas Mutter hören sollen. Ich sollte warten, ich sollte ...

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18150

 

Lebe wohl, Lakritz - Teil II

Bevor ich nach Hause ging, brachte ich Greta anonym eine Rose. Das Bild vom Sonnenuntergang faszinierte mich wieder. Es erinnerte mich an etwas, aber am Anfang konnte ich nicht verstehen, an was genau. Erst als ich schon zu Hause war, erinnerte ich mich an einen konkreten Sommer, als mein Vater noch lebte. Ich war damals ziemlich klein, und wir waren alle zusammen im Urlaub am Meer, wo es sehr frisch war. Danach verließ mein Vater meine Mutter und wanderte in die USA aus, wo er als Säufer an Leberzirrhose starb.
Ich stellte mir oft vor, wie er sich zu Tode soff, wie Nicholas Cage in „Leaving Las Vegas“.
Jetzt stand ich vor dem Spiegel in meinem öden Zimmer, wo ich Lakritz nachzumachen versuchte, aber ich schaffte weder seine Gesichtsausdrücke noch seine Stimme. Er war wirklich unnachahmlich. Genau so, wie wir alle es sein sollten.

Am nächsten Tag gingen ich, meine Mutter, ihr Freund und unsere Nachbarn – eine ukrainische Mutter und ihre Tochter – in den Wald zum Picknick. Das Mädel war ein Jahr älter als ich, aber unsere Beziehung war absolut platonisch, sie war meiner Meinung nach frigide. Ihre Mutter hatte die Marschroute schon festgelegt, und als ich den Waldplan rausholte und einen besseren Pfad zeigte, brachte sie das sehr auf.
Wir liefen circa einen halben Kilometer gemeinsam, und sie jammerte die ganze Zeit über das Wetter, Politik, die steigenden Preise von Lebensmitteln und die Steine auf dem Weg, dem wir folgten.

„Beruhige dich, lass uns doch den Spaziergang genießen“, sagte meine Mutter zu ihr.
Das machte die ukrainische Mutter noch wütender. Sie drehte sich rasch um und ging zurück. Wir hielten an und schauten ihr nach, dann fragte meine Mutter:
„Hab ich was Falsches gesagt? Ich wollte sie bloß beruhigen.“
„Wenn mit einem etwas falsch ist, kannst du dafür nichts tun“, sagte ihre Tochter und lief einfach weiter. „Kommt und denkt nicht daran!“

Ich und der Freund meiner Mutter liefen ein wenig voraus, und die Frauen folgten uns. Das Mädel erzählte meiner Mutter etwas. Ich beschleunigte meine Schritte, aber meine Mutter rief sofort.
„Renn nicht so!“
Ich verlangsamte mein Tempo und hörte die Geschichte zwangsläufig mit. Das Mädel erzählte Folgendes.
„Mein Vater starb furchtbar. Er joggte gern im Morgengrauen. Eines Tages ist er nicht zurück gekommen. Wir haben eine Woche lang nach ihm gesucht, die Polizei hat ihn bewusstlos im Wald gefunden. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Als er zu sich kam, hat er erzählt, dass er von einem Auto angefahren worden war, und als der Fahrer gesehen hatte, wie schrecklich seine Beine verletzt waren, hatte er ihn ins Auto gesetzt, an einen abgelegenen Ort gefahren und ihn dort ausgesetzt. Der Vater behauptete, sich weder an den Fahrer noch an den Wagen erinnern zu können. Er starb innerhalb weniger Tage an Sepsis.

Ich stellte mir vor, wie grausam es sein musste, so zu sterben. Bestimmt fühlt sich eine Minute wie eine Stunde an. Niemand darf sagen, dass er sowas verdient hat. Das Leben kann manchmal, was Bestrafung oder Belohnung angeht, sehr ungerecht sein.
Unterwegs fiel mir eine Jägerhütte auf.
Wir picknickten zwischen großen Bäumen, deren Flachwurzeln sich sichtbar ausgebreitet hatten und mich an den „Kopflosen Reiter“ erinnerten. Ein in die feuchte Erde gesteckter Kopf zwinkerte mir zu.

Lakritz würde zu diesem Ort gut passen.

Gesättigt legte ich mich hin, schaute mir die höheren Baumspitzen an. Dann flog ich ganz langsam und dynamisch dahin. Als ich oben angelangt war, drehte ich mich um und fing an, zu mir zu schweben. Es war merkwürdig, sich so zu betrachten. Plötzlich verstand ich, dass ich jemand anderer sein könnte, weil mich nichts Unentbehrliches mit mir, meinem Leben oder den Menschen, die um mich herum saßen und über sinnlose Themen sprachen, verband. Deswegen suchte ich einen Grund, um zurückzukehren. Genauso könnte ich woandershin fliehen, etwas Interessanteres finden und es beobachten, versteckt wie ein Gott. Es würde mir unendliche Freiheit verleihen. Ich würde keinen Schmerz oder kein Verlangen spüren, sondern das Leiden und die Freude anderer Menschen sehen, Freude die ich von ihren Gesichtern ablesen und stehlen könnte.

Meine Mutter weckte mich auf und bat mich ein Foto zu machen. Sie und ihr Freund stellten eine Szene nach, in der er ein Maniac war, der mit offenen Armen meine Mutter verfolgte, die schreiend vergeblich zu entkommen versuchte.

Fast hätte ich es vergessen. Im Wald hatte ich eine Kastanie gefunden, die ich die ganze Zeit mit mir herumtrug. Bevor wir den Wald verließen, hatte ich sie auf einen Felsbrocken gelegt und mir gewünscht, dass wenn sie bei meinem nächsten Besuch immer noch hier liegen würde, alle meine Träume wahr werden würden.

Am Abend hatten ich und Lakritz vor, uns den neuen, verrückten Film von Leos Carax anzusehen.
„Alles was man tut, wird als Information im Weltall gespeichert und wenn es notwendig wird, gefunden.“ Sagte Lakritz unerwartet nach langem Schweigen und ich erinnerte mich an den gestrigen Abend, als ich er zu sein versuchte. Wie peinlich vor dem Schöpfer.
Der Hauptdarsteller schlüpft während des Tages in verschiedene Rollen, deswegen musste ich an die Menschen denken, die ein vielfältiges Leben zu führen versuchen, weil sie wissen, dass sie eines Tages sterben. Sie wollen ihr einziges Leben irgendwie fröhlicher machen. Alles was wir machen, machen wir aus Angst vor dem Tod; nur dann fühlen wir uns lebendig.
„Da steckt eine gewisse Panik drin,“ sagte Lakritz nachdenklich. „Immer mehr haben, wobei man nichts wirklich besitzt, immer überall sein, wobei man nirgendwo richtig ist.“

Als ich nach Hause kam, rief ich Greta an. Bei den ersten zwei Versuchen sagte mir eine künstliche Frauenstimme, dass diese Nummer nicht vergeben sei, aber ich versuchte es nochmal, tatsächlich hörte ich den Ton. Ich war sehr nervös. Ich fühlte mich wie ein verliebter Teenager. Ihre Mutter nahm den Hörer ab und sagte, dass Greta im Badezimmer sei, aber ich könne in fünf Minuten wieder anrufen. Ich tat es so. Mir antwortete wieder die Mutter, aber diesmal rief sie Greta zum Telefon.
„Hallo“, hörte ich eine tiefe Stimme.
Meine Stimme blieb weg, ziemlich verspätet sprach ich, wie ein schlechter Schauspieler, unplausibel und anspruchsvoll.
„Endlich reden wir“, sagte ich, mit mir unzufrieden eine Grimasse schneidend.
„Was?“, fragte sie und fing an hysterisch zu lachen.
Ihre Mutter mischte sich ins Gespräch ein und fragte mich, wer ich sei. Ich erklärte es ihr.
„Bringst du die Rosen?“
„Ja“,antwortete ich eingeschüchtert.
„Es wäre besser gewesen, sich von Anfang an vorzustellen. Sie hatte all diese Tage Angst, dass sie von einem Stalker verfolgt wird.“
„Nein, nein, ich bin auf keinen Fall ein Stalker“,  rechtfertigte ich mich so, als ob ich tatsächlich einer wäre.

„Wie alt bist du?“,  im Hintergrund hörte ich immer noch Gretas Lachen und ihre Mutter tat es eine Sekunde lang auch, aber sie riss sich sofort zusammen.
„Ich bin dreiundzwanzig.“
„Und sie ist erst vierzehn!“
„Ihr Alter wusste ich nicht, ich wusste nicht wie alt sie ist“, stammelte ich.
„Warte, bis sie erwachsen ist, mehr kann ich dir nicht sagen.“ Sie empfand offenbar Mitleid mit mir.
Ich entschuldigte mich bei ihr für die Störung und legte auf.

Ich hatte gedacht, dass ich Greta Freude machen würde, und sie hatte dabei um ihr Leben gefürchtet. Wenn sie nach Hause kam, bedankte sie sich wahrscheinlich jedes Mal bei Gott, dass sie immer noch lebte. So kann ein und dieselbe Handlung bei Menschen verschiedene Gefühle auslösen. Ich vermutete, dass sie zu jung war, aber ich belog mich selbst.
Ich hatte ihr Lachen noch immer im Ohr, als ob das Universum über meine Naivität lachte.

Im Fernseher lief „Verschollen“ und als Tom Hanks Wilson verlor, weinte ich mit ihm.

In der Nacht hatte ich einen Alptraum. Greta stand vor mir, und sagte etwas, aber als ich aufwachte, vergaß ich alle ihre Worte. Das Einzige, was ich aus dem Traum mitbrachte, war ihr Gesicht. Sie hatte in ihrem linken Auge zwei Pupillen. Mit einer schaute sie mich an und mit der zweiten jemanden anderen, den ich nicht sah.

Ich stand ohne jegliche Lust auf und wischte den Staub in der Wohnung. Meine Mutter machte Fitness im Wohnzimmer und bat mich, ihr ein Glas Wasser zu bringen, aber ich machte mein Ding ohne Eile weiter, und war in meinen Gedanken, so tief, dass ich ihre Bitte vergaß.
„Worum muss man dich bitten, damit du es machst? Du Hurensohn!“, schrie meine Mutter. „Damit meine ich deinen Vater“, fügte sie wesentlich leiser hinzu.
Seit dem Vortag frustriert, erwiderte ich grob:
„Ich bin nicht dein Hund!“ Sie drehte durch und schmiss die Hantel mit aller Wucht auf den Boden. Ich ging in mein Zimmer, wo ich mich mehrere Male ins Gesicht schlug.

Auf einmal fiel mir auf, dass das Fenster, das zum Hintergarten von Gretas Haus schaute, offen sein könnte, und sie alles mitgekriegt haben könnte! Aber ich blieb in meiner Hölle, weil es schon zu spät war.
„Was ist mit deinem Auge passiert? “, las ich die Frage im Lakritzes Blick.
„Ich habe mich mit meiner Mutter gestritten.“
„Wie traurig.“
Wir schwiegen, dann fing er an zu erzählen.
„Ein Fischer hat einen Hai vom Netz befreit, seitdem ist der Hai seinem Boot die ganze Zeit gefolgt, weil er dachte, dass er den Fischer damit beschützte, aber der Fischer konnte keine Fische mehr fangen.“
Ich war ahnungslos, wieso er mir das erzählt hatte.

Da ich nichts über Lakritz wusste, fing ich an zu fantasieren. Die folgenden Geschichten fielen mir ein:

Lakritz ist gerade fünf und verbringt seinen Sommer mit seiner Familie in den Bergen. Abends wird es kühler, und weil in der Nähe ein See liegt, gibt es viele Mücken, die seine Tante überall stechen, weil sie Diabetes und dementsprechend „süßes“ Blut hat. Sie sitzt auf dem Bett mit nackten, zerstochenen Brüsten und ruft den kleinen Lakritz zu sich. Er ist verwirrt, er hat Angst das Zimmer zu betreten, aber sie lockt ihn. Er geht mit kleinen, schwachen Schritten zu ihr. Er ist vor Angst erschöpft. Sie nimmt eine Watte, durchtränkt sie mit dem Spiritus und überreicht sie ihm. Im Zimmer riecht es sehr stark nach Spiritus und er kann an diesem, ohnehin stickigen Abend kaum noch atmen. Irgendwo bellt ein bissiger Hund. Bissig, weil er schon öfter mal an den Zauntüren gelesen hat, dass drinnen ein solcher Hund ist, und er glaubt, dass alle Hunde so sind. Die Motten kreisen um die erhitzte Glühlampe und fallen verbrannt auf den Fußboden. Dort liegen bereits einige. Er denkt, dass es nie enden wird.
„Nimm es“, sagt seine Tante.
Lakritz nimmt die Watte und bekommt ein unangenehmes Gefühl an den Fingerspitzen. Er weiß, wie schrecklich es ist, die Watte im Mund zu haben. Er ist schon beim Zahnarzt gewesen. Seine zarte Haut fängt an, vom Spiritus zu brennen. Anscheinend hat er sich seine Finger beim Spielen im Gras zerschnitten.
Tantes Brüste scheinen ihm riesig zu sein, besonders jetzt, da er so nah steht, und er versteht immer noch nicht, was sie von ihm will.
„Reib es ein“, sagt die Tante von oben herab, und er reibt mit der feuchten Watte eine und dann die andere Brust ein. Diese Prozedur dauert eine Ewigkeit für ihn, und als die Tante sagt, dass die Watte trocken geworden ist, und er sie wieder nassmachen soll, lässt er sie fallen und rennt mit seiner letzten Kraft aus dem Zimmer.
Seitdem hat er Angst vor dem anderen Geschlecht, und immer wenn erotische Momente entstehen, rennt er mit Übelkeit davon.

Lakritz besucht bereits die Schule und sein Großvater ist sehr stolz auf ihn. Er hilft ihm bei den Hausaufgaben und jubelt über all seine kleinen Erfolge, und wenn Lakritz im Hof Fußball spielt, guckt er manchmal nach oben zum Fenster, in dem er die Silhouette seines Großvaters hinter dem Vorhang sieht, eine Silhouette, die ihn beobachtet und liebt. In solchen Augenblicken versucht er, besser zu spielen, um ihn noch stolzer zu machen, und wenn Lakritz mit jemandem Zank hat, dann verleiht der unsichtbare Blick seines Großvaters ihm mehr Mut.
Er geht immer nach dem Spiel angenehm ermüdet nach Hause und spielt mit ihm auch, aber der Mann ist schon ziemlich alt, und er schafft es nicht mehr so lange zu spielen wie früher.
Eines Abends sitzt der Großvater im Sessel und sieht fern. Es geht ihm nicht besonders gut. Lakritz rennt um ihn herum und versucht ihn aufzumuntern, dabei zieht er Flüssigkeit in seine Nase zurück, weil er das Rennen nicht abbrechen möchte.

Plötzlich spürt er im Rachen einen metallischen Geschmack. Er hält an und berührt seine Nase. Seine Finger färben sich rot. Er rennt weinend ins Badezimmer und dreht den Wasserhahn auf. Das fließende Wasser verdünnt das Blut und es bekommt seltsame Formen, bevor es in die Abflusstiefe verschwindet. Er hat keine Angst mehr.
Wenige Tage später stirbt der Großvater an einem Aneurysma. Der traurige Lakritz kann zu Hause zwischen den flüsternden Menschen keinen Platz finden. Seine Mutter lässt ihn in den Hof, damit er sich ein wenig ablenkt. Er geht zum Laden, kauft Saft und Süßigkeiten und geht zu einem verlassenen Gebäude, wo er alleine sitzt und an den Tod denkt. Er kehrt erst nach Hause zurück als es schon dunkel ist.
Die verärgerte Mutter schreit ihn an. Er behauptet, er hätte die ganze Zeit irgendwo gesessen und geweint. Er tut ihr damit leid und sie umarmt ihn. Lakritz versteht, dass es nicht richtig ist zu lügen, aber es macht Leben einfacher.

Lakritz ist ein junger Mann, und er hat schon Vor- und Nachteile der Masturbation herausgefunden. Manchmal tut er es oft nacheinander und kann am nächsten Tag kaum laufen, weil ihm sein Hodensack wehtut. Manchmal holt er sich in der Gemeinschaft mit seinen Freunden einen runter, und sie machen blöde Wettbewerbe. Zum Beispiel, wer kommt schneller oder wer spritzt sein Sperma am weitesten.
Eines Tages ist er mit zwei Freunden hinter der Garage des Nachbarn und die zwei inspizieren sehr sorgfältig ihre Penisse. Das erscheint Lakritz seltsam, aber es interessiert ihn, was noch passieren wird. Plötzlich dreht einer der Jungs den anderen zu der Wand und führt seinen Pimmel in ihn ein. Lakritz ist erstaunt, aber er guckt weiter.
Unerwartet schreit eine Frau, die das Treiben aus ihrem Fenster bemerkt hat und jetzt entsetzt ist.
„Was macht ihr da?“ Im Fenster nebenan taucht ein Mann auf und schreit auch etwas, was er ruft, bleibt undeutlich.
Die zwei Jungs ziehen ihre Hosen schnell hoch und laufen in verschiedene Richtungen, aber Lakritz kann sich nicht bewegen. Er steht wie eingepflanzt am Tatort.
Obwohl er nichts gemacht hat, die Leute verurteilen ihn trotzdem. Selbst seine Familie glaubt ihm nicht ganz. Deswegen verlässt er eines Nachts sein Haus für immer.

Ich könnte unendlich über Lakritz fantasieren, aber ich hörte damit auf.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18149

Lebe wohl, Lakritz - Teil I

Zum ersten Mal sah ich Lakritz in meinem Lieblingskino namens „Der Strahl“. Draußen war es ein stickiger Sommerabend und ich war in den kühlen Kinosaal eingetaucht, wo „Gefühl und Verführung“ von Bertolucci lief, den ich bereits zweimal gesehen hatte und mit großem Vergnügen noch einmal sehen würde.
In diesem Kino wurden immer Filmklassiker oder neue Meisterwerke vorgeführt, deswegen war der ziemlich kleine Saal stets kaum zur Hälfte voll. Manchmal waren außer mir nur ein paar Leute hier, und da verstreut.

Ins Kino zu gehen war eines meiner intimsten Rituale, wofür ich mich emotional schon zu Hause vorbereitete. Der Tag fing immer sinnvoll an, wenn ich wusste, dass ich ins Kino gehen würde.
Manchmal fliehe ich dahin nach dem Stress, oder der Ermüdung, um mich wieder mit Lebensenergie aufzuladen.

Wie ich schon sagte, sah ich Lakritz an jenem Abend zum ersten Mal. Er saß einige Reihen vor mir, und ich sah seine schulterlangen Haare. Zwischen uns waren drei Jungs, die offensichtlich kein Interesse an dem Film hatten, sondern blöde Späße machten. Als Liv Tyler dem Künstler ihre Brüste zeigte, fingen die Jungs an, dreckige Kommentare abzulassen.
Ich ärgerte mich langsam. Ab und zu traf ich hier sinnlose Menschen, die kein Vergnügen am echten Kino fanden, und die anderen Zuschauer einfach störten. Ich tötete sie immer in meinem Kopf. Vermutlich hatte ich bereits über zehn davon in diesem dunklen Saal geschlachtet.

Ich könnte jemanden ermorden, aber nur wegen des Kinos!

Lakritz hatte sich schon einige Male mit unzufriedenem Gesichtsausdruck zu den bellenden Welpen umgedreht, und diesmal bat er sie, leiser zu sein, woraufhin die Jungs sich aufregten. Lakritz sagte ihnen noch etwas, was ich leider nicht verstand. Die Jungs forderten Lakritz auf, ihnen zu folgen. Er stand ganz ruhig auf, er war ziemlich groß. Er folgte dem Trio aus dem Saal. Ich wartete nicht lange und ging in einer Distanz auch hinaus. Draußen war es kühler geworden, und ich sah „Vanilla Sky“. Wenn ich einen solchen Himmel sah, wollte ich immer weinen, aber jetzt hatte ich keine Zeit dazu.

Ich sah deutlich Lakritzes Gesicht. Er war sehr hübsch, ein bisschen androgyn. Die schmale Nase und die sehr kantigen Wangenknochen wurden von warmen, braunen Augen gekrönt, in denen man sehr viel Leid ablesen konnte.
Er hinterließ nicht den Eindruck eines unglücklichen Menschen, aber man konnte merken, dass etwas ihm Sorgen bereitete, und ich erkannte mich in ihm. Ich hatte in mir auch diese süße Traurigkeit von unerfüllten Träumen, in denen die Hoffnung auf zukünftige Erfolge lebte, die half, diese Wehmut zu ertragen.

Plötzlich fiel mir etwas Rotes und Dünnes in seinem Mund auf. Ich schaute genauer hin und sah, dass es eine Lakritzstange war, wie ich sie in der Kindheit probiert und seitdem völlig vergessen hatte, obwohl sie mir sehr gut geschmeckt hatte.
Im chaotischen Alltag vergisst man sehr oft, was einem Freude gibt, dabei sind es genau solche Dinge, die uns von einem Tag zum nächsten helfen.
Während ich dies dachte, schlug einer der Jungs Lakritz mit der Faust an den Kiefer. Lakritz fiel auf den Boden, erhob aber sofort den Kopf und lächelte. Seine Lippe blutete, und er wischte das Blut sehr filmreif mit der Hand weg. Ich war einfach begeistert. Er suchte nach der Süßigkeit, die wie ihr Besitzer auf dem Boden lag, holte aus der Hosentasche eine neue Stange heraus, steckte sie in den Mund, schaute sich das Trio und dann mich zum ersten Mal an. Ich nickte ihm leicht zu und ging auf das Trio mit schwingenden Fäusten los. Lakritz stand sofort auf, und wir schlugen wie zwei tollwütige Löwen um uns. Die Jungs schrien und rannten weg, wie Hyänen.

Lakritz wischte den Dreck von seiner Kleidung schnell ab und bedankte sich bei mir.
„Wie heißt du?“, fragte ich ihn.
„Lakritze“, antwortete er, und wir gingen zurück ins Kino, wo ich mich zu ihm setzte.

Ab und zu sah ich ihn an. Er guckte begeistert zur Leinwand. Ich Unbedarfter hätte nie gedacht, dass es auf dieser Welt noch so einen ratlosen Kinomaniac wie mich gibt. Wie grenzenlos begrenzt sind wir!
„Zum ersten Mal?“, fragte ich ihn leise.
Er drehte sich zu mir und lächelte.
„Zum sechsten“, dann guckte er weiter.
Wäre das Leben ein Kinofilm, er wäre ein perfekter Charakter. Ein absoluter Lieblingsheld.

Als wir das Kino verließen, fragte ich ihn, ob er ab jetzt vorhätte, öfter hierher zu kommen. Er nickte mir zu und verabschiedete sich mit Handschlag, wie in einem Film der aus der Haft entlassene Alain Delon von einem Polizisten, und ich rief aus:
„Vier im roten Kreis.“
Er hielt an, drehte sich um und lächelte wieder „Bis morgen, mein Freund.“

Aus einem unbekannten Grund folgte ich ihm. Er lief ziemlich angespannt, als ob er spürte, dass ihn jemand verfolgte, aber er drehte sich nicht um. Unterwegs stolperte ich mehrere Male. Die Passanten schauten mich komisch an. Ich schätze, dass meine Aufregung mir auffallend wie eine kaukasische Nase im Gesicht stand. Bald bog er um die Ecke, und ich auch. Er stand da mit verschränkten Armen auf mich wartend.
„Du bist genau so ein lächerlicher Detektiv wie Jean-Pierre Léaud“, sagte er, und ich schämte mich wie ein kleines Mädchen, das aus Neugier etwas verbrochen hatte.
„Bis morgen“, wiederholte er und ging.
Ich stand da, bis er verschwand, und machte mich mit langsamen Schritten auf den Rückweg.

Ich folgte den nächtlichen Straßen, wobei ich verschiedene Geräusche und Düfte einfing. Die Nachtbeleuchtung fand ich sehr interessant. All die kleinen, farbigen Lichter gaben mir das Gefühl, in einer anderen Dimension,  jemand anderer zu sein, der keine Vergangeheit oder Zukunft, sondern nur diesen traumähnlichen Augenblick hat, in dem er für immer gefangen ist, und das Schönste oder das Schlimmste ist, dass er gar keinen Ausweg sucht, weil es ihm in dieser mystischen Geborgenheit, wie in den Armen eines schmerzlosen Todes gefällt. Das Wissen, dass man für nichts mehr verantwortlich ist, wirkt so befreiend und gleichzeitig zerstörend, denn es heißt nur, dass es dich nicht mehr richtig gibt, und alles was du tun musst, ist rumschweifen, bis ein Fremder deine Rolle endlich übernimmt.
Diese Atmosphäre wurde am besten in den amerikanischen und französischen Filmen der 70er-, 80er-Jahre dargestellt.
Die leuchtenden Fenster bargen, wie Galaxien, einzigartige Geheimnisse.

Gutes Kino ist wie Magie. Es hilft einem, in eine vergessene Vergangenheit zu gelangen. Meine Gedanken zwangen mich, an meine einzige Freundin zu denken. Jedes Mal wenn auf der Leinwand ein Mann und eine Frau sich streichelten, erinnerte ich mich an ihre Berührung. Während sie neben mir lag, hatte sie mich oft angesehen und mit ihrem Finger zart meine Lippen und meine Nase gestreichelt, als ob sie meine Gesichtslinien genießen würde. Ich konnte bis heute nicht verstehen, was sie an mir so geliebt hatte. Ich war ein ganz unauffälliger Bursche. Also wie es mir schien, sah sie jemanden anderen in mir, den sie selbst erschaffen hatte. Sie liebte ein Phantom.

Ein Mädchen, das mit ihrer Mutter und Schwester im Nebenhaus wohnte, erinnerte mich sehr an sie. Wir begegneten uns ziemlich oft, und ich mochte sie. Ich und Greta begrüßten uns beim Treffen nie, aber wir wollten uns offensichtlich kennenlernen.
Ich dachte ziemlich oft an sie, aber ich versuchte die sexuellen Fantasien loszuwerden, weil ich sie in meiner Vorstellung nicht entwürdigen wollte.
Ich spürte einen unerklärlichen Drang, etwas zu tun, und bevor ich zurück nach Hause ging, spazierte ich in einen Blumenladen, den die Verkäuferin schon zu machen wollte, um eine rote Rose zu kaufen.

Mit der Rose in der Hand schlich ich zu Gretas Briefkasten, wie ein Dieb, und sah mich um, um sicher zu gehen, dass mich keiner sah. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich entfernte alle Stacheln von der Rose und legte die Blume in den Briefkasten, an dem ich ein angeklebtes Bild eines Sonnenuntergangs bemerkte. Die Sonne berührte fast den Horizont, und ihr Strahl streckte sich über die Wasseroberfläche zum Kameraobjektiv. Ich wollte wissen, wer dieses Bild gemacht hatte. Es blitzte plötzlich am Himmel, und das freute mich sehr, weil ich sommerliches Unwetter liebte.
Bevor ich den Flur betrat, traf mich ein Regentropfen auf dem Kopf. Währenddessen stellte ich mir vor, wie die zur Schule gehende Greta sich morgen freuen würde, nachdem sie die Rose entdeckt hätte. Wen würde sie wohl als Rosen-Kavalier vermuten?

Am nächsten Tag waren ich und Lakritz im Café des Kinos. Am Nebentisch saß ein Junge. Er trug eine Sonnenbrille, der das linke Glas fehlte, genau so wie in der vorletzten Szene von „Bonnie und Clyde“, in der es Clydes Brille fehlte. Ich lächelte. Der Junge verstand wieso und war froh, weil jemand seine Absicht verstanden hatte.

Lakritz sah in die Ferne und erzählte mir.
„Ein junger Mann liebte Kino über alles. Er ging jeden Tag dahin und vergaß die Realität. Nur dort fühlte er sich glücklich. Eines Tages sah er auf der Leinwand die folgende Szene:
Ein junger Mann läuft eine von Laternen beleuchtete Straße entlang. Plötzlich bemerkt er rechts von ihm einen Mann, der an einer Ziegelwand lehnt, und langsam, mit tiefen Zügen raucht.
Der Mann hält vor dem Raucher ihn frech anstarrend an. Dem Raucher gefällt das nicht und er fragt grob:
„Was willst du?“
Der Mann geht zu ihm, ohne zu antworten, und schlägt ihn so stark an den Kiefer, dass er ohnmächtig umfällt. Die einsame Zigarette liegt auf dem Bürgersteig und qualmt weiter in der Hoffnung, aufgeraucht zu werden. Der Mann beobachtet den Ex-Raucher, dann schleppt er ihn wie einen Kartoffelsack in die Dunkelheit und kehrt zur Zigarette zurück, hebt sie auf, lehnt sich an die Wand und raucht.
Das warme Laternenlicht beleuchtet die Wand so gut, dass man seine Struktur, ohne sie anzufassen, spüren kann. Der Film ist zu Ende.

Der Mann dehnt sich, steht auf und verlässt den Raum. Draußen ist es dunkel geworden. Er läuft über die Straße. Plötzlich bemerkt er einen Mann, der sich rauchend an eine Ziegelwand gelehnt hat.
Der Mann hält vor dem Raucher an und starrt ihn an. Dem Raucher gefällt das nicht und er fragt: „Was ist los?“
Der Mann geht zu ihm ohne etwas zu sagen. Der Rest ist schon klar.“ Damit beendete Lakritz seine Geschichte und schwieg, aber nach kurzer Zeit sprach er weiter.
„Kinematographie ist eine große Waffe, um die Menschen zu beeinflussen. Das wusste Lenin auch, vom Dritten Reich ganz zu schweigen.“ Und er schaute wieder in die Ferne.

Ich beobachtete ihn. Ich wollte schon immer so groß, dünn, sinnlich und ein bisschen neurotisch sein, mit langen Fingern, wie ein Klavierspieler. Die Mädels schwärmen für solche Typen.
„Wohnst du hier?“, fragte ich ihn nach einiger Zeit.
„Nein“, antwortete er aus seinen tiefsten Gedanken heraus, ohne mich anzusehen, und ich dachte, dass Freunde nicht die jenigen sind, die von einander alles wissen, sondern die, die einander nicht dazu zwingen, etwas von sich zu erzählen. Ich vermutete, dass Lakritz wegen jemandem in der Stadt war, und dieser jemand ihn quälte.
„Ich hab irgendwo gelesen“, sagte ich, „dass wenn James Dean nicht gestorben wäre, er statt Marlon Brando in „Der Wilde“ den Anführer der Bikerbande gespielt hätte.“ Meine Worte brachten Lakritz zurück. Er sah mich an und zuckte mit den Schultern.

Ein paar Meter von uns entfernt standen zwei Mädels und glotzten Lakritz an. Eine davon war eine ziemlich schöne Brünette. Sie tratschten und lachten ohne Grund, wie es bei den jungen Mädchen üblich ist, wenn sie die Aufmerksamkeit eines Jungen gewinnen wollen, aber Lakritz beachtete sie nicht. Dabei wusste ich ganz sicher, dass er sie bemerkt hatte. Er war einfach nicht interessiert und holte eine neue Lakritzstange aus seiner Hemdtasche heraus.

„Willst du?“, bot er mir an, aber ich nahm sie nicht, weil es sein Requisit war.
Die Brünette kam auf uns zu, ihre weniger attraktive Freundin folgte ihr verlegen.
„Wie heißt du?“, fragte die Brünette Lakritz.
Er sah sie mit schläfrigen Augen an und antwortete, aber es war ihr nicht genug. Sie wollte herausfinden, ob es sein echter Name war.
„Manches ist echt, aber manches auch nicht“, antwortete er und lutschte die Stange.

Sie wurde unsicher und versuchte das Gespräch wieder aufzunehmen. Ihre Freundin bemerkte jetzt mich. Hatte ich Glück... Die Brünette stellte sich dicht zu Lakritz und erhob sich auf die Zehenspitzen.
„Darf ich abbeißen?“
Lakritz schüttelte den Kopf.
Die enttäuschte Brünette machte einen Schritt rückwärts und schwieg, aber die Stille dauerte nicht lange.
„Welches Parfum trägst du?“
„Unisex“, antwortete er ohne jegliches Interesse.

Der Film fing gleich an. Es wurde „Meine Nacht bei Maud“ von Rohmer vorgeführt. Die Mädels hatten sich zwischen uns gesetzt, das nervte. Die Brünette saß natürlich neben Lakritz, und ihre Freundin stellte mir dauernd Fragen über den Film.
„Und gefällt es dir jetzt?“ Sie war richtig empört.
Ich drehte mich kurz zu ihr, um ein kaltes Ja zu sagen.
In diesem Moment nannte Maud den Charakter von Trintignant einen Idioten, weil er nicht zu ihr kam.
„Du bist auch ein Idiot“,  hörte ich sie zu mir sagen. Sie schaute total aufgebracht nach vorne.

Endlich hatte sie aufgehört, mit mir zu reden. Ich freute mich, dass ich den Rest des Films ruhig sehen konnte, aber langsam bekam ich schlechtes Gewissen. Eine Frau erweckt dieses Gefühl in einem Mann sehr leicht.
Ich sah sie an und versuchte mit ihr zu kommunizieren.
„Für einen Mann ist es sehr schwer, auf eine solch schöne Frau zu verzichten. Es ist eine heldenhafte Tat.“
Sie schoss ein „Psst!“ nach mir, ohne mich anzusehen.

Plötzlich bemerkte ich, dass die Brünette ihren Kopf in Lakritzes Schoß rhythmisch rauf und runter bewegte, aber er guckte den Film ganz entspannt, als ob nichts passierte.
Für eine Sekunde sah ich meine „Begleiterin“ an, die aus den Augenwinkeln heraus ihre Freundin beobachtete und den Speichel laut runterschluckte.
Ich schaute wieder zu Lakritz rüber. Er bemerkte meinen Blick und lächelte mich an.
Die Brünette erhob ihren Kopf und fragte ihn.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts.“ Ganz locker antwortete er.
„Ich möchte auch etwas Steifes in meinem Mund haben“, sagte sie genervt.
Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen und sagte.
„Er ist ein Held.“

Die Brünette sah mich mit Ekel an, stand auf und schleppte ihre Freundin weg, die mir mit aller Kraft auf den Fuß trat.
Lakritz machte seinen Hosenladen zu und setzte sich zu mir.
„Fellatio in Filmen, du fängst an.“
Ich massierte meinen verletzten Fuß und überlegte mir, mit welchem Film ich anfangen sollte.
„Dead Man“, sagte ich endlich.
„Ken Park.“
„Intimacy.“
„The Brown Bunny.“
„Submarino.“
„Im Reich der Sinne.“
Den hatte ich auch nennen wollen, aber jetzt kam mir nichts mehr in den Sinn. Ich verlor.
„Porträt in der Dämmerung“, verpasste mir Lakritz den Gnadenschuss.

„Ist ja gut!“
Lakritz streichelte mir über den Kopf und sagte herablassend:
„Es gibt noch viele ...“

Als wir rauskamen, verabredeten wir uns für morgen, und unsere Wege trennten sich.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18148