Schlagwort-Archiv: Perfidee

image_print

Dorfwind

Es ist eine emotional geführte Debatte im Gemeinderatssaal des kleinen Dorfes Gratwein. Sie hat, zum wiederholten Mal, das Thema Josef Huber zum Inhalt.
Huber ist fünfunddreißig Jahre alt und der örtliche Großbauer und Sonderling in Personalunion. Im Alter von dreiunddreißig Jahren hatte er den Hof von seinem Vater geerbt, nachdem dieser bei einem Jagdunfall verstorben war. Auch das Gemeinderatsmandat hat er von seinem Vater übernommen, wie auch dessen ukrainische Geliebte.
Oswald Heiner ist der Bürgermeister Gratweins. In seiner Jugend war er ein berüchtigter und erfolgreicher Hühnerdieb, doch nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt fand er auf den rechten Weg zurück und heuerte bei der Raiffeisenbank an.

Heiner richtet das Wort an Huber: „Josef, so geht das nicht! Dein Misthaufen verpestet die Luft in unserem schönen Dorf. Wie oft müssen wir dich noch auffordern, ihn endlich abzudecken?“
Josef Huber nimmt einen Schluck aus der Bierflasche, die er während jeder Sitzung, nebst einer Schnapsflasche, neben seinem Stuhl auf dem Boden stehen hat, und lässt seine Faust auf den Tisch krachen.
„Wie oft, Heiner, soll ich dir noch sagen, dass mein Misthaufen nicht stinkt? Falls du seinen Geruch wahrnehmen kannst, hast du dich ihm von der falschen Seite angenähert. Im Gegenwind riecht eben alles anders.“

Edeltraud Knehs ist die Vizebürgermeisterin. Vor ihrer alkoholbedingten Zwangspensionierung war sie als Lehrerin an der örtlichen Volksschule tätig.
Auch sie meldet sich zu Wort: „Es ist schier unglaublich, dass wir in jeder Sitzung über Hubers Mist debattieren! Dieser Mensch“, sie zeigt mit dem Finger auf Josef, „bringt Schande über unsere Gemeinde, olfaktorische Schande!“

Josef nimmt einen Schluck Schnaps, räuspert sich und sagt: „Ich soll Schande über Gratwein bringen? Ich? Denke bloß an deine Tochter! Die bringt Schande über uns!“
„Was meinst du damit?“, gibt Knehs zurück.
„Jeder im Ort weiß doch, was sie macht, deine Tochter! Erst steht sie an der Bar des Grazer Lokals, in dem sie arbeitet, und wenn sie mit den Männern genug gesprochen hat, geht sie mit ihnen in den ersten Stock.“

Edeltraud Knehs wird kreidebleich, doch sie erwidert mit fester Stimme: „Meine Tochter macht nichts Illegales. Sag, wie geht es deiner Russin? Obwohl sie ganze zehn Jahre jünger ist als du, hat sie es schon weit gebracht, weiß Gott! Erst war sie deine Stiefmutter, und heute liegt sie neben dir!“
„Sie ist Ukrainerin!“, ruft Huber, der ansonsten an Edeltrauds Worten nichts richtigzustellen hat.

Schmunzelnd meint Oswald Heiner: „Lassen wir das. Das führt doch zu nichts.“
„Da hast du recht!“, pflichtet Huber ihm bei.
„Dein verstorbener Vater hatte den Plan, den Misthaufen abzudecken, Josef. Warum greifst du dieses Vorhaben nicht auf?“, fährt Heiner fort. „Dann müssten die Kinder, die auf dem Weg zur Schule an deinem Hof vorbeigehen müssen, nicht mehr fürchten, in den Gegenwind zu geraten und dann im Klassenzimmer wie die Hinterlassenschaften deiner Kühe und Ferkel zu riechen.“
„Mein Vater hatte viele Pläne“, gibt Huber lakonisch zurück.
„Das wissen wir, Josef“, sagt Edeltraud Knehs. „Zum Beispiel den, dich zu enterben!“
„Das wollte er nicht!“, brüllt Huber und setzt die Bierflasche an.
„Doch, das wollte er!“, ruft Knehs. „Jeder im Ort weiß, dass dein Vater sämtlichen Wirtsleuten gesagt hat, dass sie dich nicht mehr anschreiben lassen sollen. Dass es das letzte Mal war, dass er deine Trinkschulden übernimmt, das hat er auch gesagt. Und dass du ein Säufer bist, der sein ganzes Geld verprasst, auch das hat er gesagt.“
„Das stimmt nicht!“, ruft Huber.
„Doch, das stimmt. Es stimmt übrigens auch, dass er dir deinen Sportwagen weggenommen hat. Bevor du ihn um die Ecke gebracht hast.“

„Er ist bei einem Jagdunfall gestorben“, sagt Huber mit ruhiger Stimme. „Das hat auch die polizeiliche Untersuchung ergeben.“
„Das wurde festgestellt, ja, und zwar von deinem Vetter, der damals der Postenkommandant der Gratweiner Polizei war. Aber wie erklärst du dir, dass dein Vater zwei Einschusslöcher in der Brust hatte?“
„Woher soll ich wissen, was sich zugetragen hat?“
„Du warst an diesem Tag ebenfalls in eurem Jagdrevier. Ich habe dich nämlich gesehen, als ich Pilze sammeln war. Du hast eine einläufige Schrotflinte dabeigehabt. Plötzlich fielen zwei Schüsse, dann bist du aus dem Wald gelaufen.“
„Das ist eine Lüge, Edeltraud!“, ruft Josef.
„Nein, das stimmt. Sag, Josef, hast du deinen alten Herren beim ersten Schuss nicht richtig getroffen? Oder wolltest du sowieso auf Nummer sicher gehen und hast deshalb nachgeladen?“
„Das sind sehr schwere Anschuldigungen, Edeltraud“, sagt Oswald Heiner.
„Im ganzen Dorf weiß man doch, dass Josef Huber seinen Vater umgebracht hat, Oswald“, gibt Knehs zurück. „Gut, er wurde nicht belangt, und der Fall geschlossen, aber wir alle wissen, was sich wirklich abgespielt hat.“
„Das ist eine Lüge!“, wiederholt Huber.
„Zwei Dinge würden mich interessieren, Josef“, bohrt Knehs nach. „Hast du deinem Alten einen Tannenzweig in den Mund gesteckt, sozusagen als letzte Äsung? Und war es schwer, sich an deinen Vater anzuschleichen? Ich meine, deine übliche Schnapsfahne riecht man etliche Meter gegen den Wind. Hast du dich im Gegenwind angeschlichen?“

„Das reicht jetzt!“, ruft der Bürgermeister.
„Genau!“, pflichtet Huber ihm bei.
„Ja, lassen wir das”, sagt Edeltraud Knehs. „Wenden wir uns wieder den aktuellen Schwierigkeiten mit dem Gemeindebürger Huber zu. Also, Josef, was gedenkst du gegen den Ungeruch, der von deinem Hof ausgeht, zu unternehmen?“
„Gar nichts!“, ruft Huber trotzig.
„Das habe ich mir schon gedacht“, sagt er Bürgermeister. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass du uneinsichtig bist. Aus diesem Grund habe ich Vorkehrungen getroffen.“
Er nimmt eine Mappe aus seiner Aktentasche und überreicht sie Josef.
„Was ist das?“, fragt dieser.
„Das ist der beim Land Steiermark eingereichte und bereits bewilligte Plan zur Errichtung einer automatischen Gegenwindanlage, um den Gestank deines Misthaufens auf deinem Hof zu halten.“

Huber sieht sich den Plan an. Sein Blick wird immer ungläubiger, und er benötigt drei Züge aus der Schnapsflasche, bevor er seine Sprache wiederfindet.
„Das also wollt ihr mir antun“, stammelt er. „Ein riesiges Gebläse, das die Luft zurück auf meinen Hof bläst.“
„Die Luft und den Duft, den natürlich auch“, sagt Edeltraud Knehs süffisant.
„Die Sache hat aber einen Haken“, meint Josef.
„Welchen denn?“, fragt Oswald.
„Damit das Gebläse seine volle Wirkung entfalten kann, müsste es auf meinem Grundstück aufgestellt werden. Und das werde ich, wie ihr euch denken könnt, nicht gestatten!“
„Da liegst du falsch, Josef. Das Gebläse ist so stark, dass es neben dem Gehsteig positioniert werden kann, also auf dem Grundbesitz der Marktgemeinde“, sagt Edeltraud.
„Du wirst von diesem Wunderwerk der Technik begeistert sein, Josef“, sagt Heiner. „Es verfügt sogar über einen Sensor, der die Ventilatoren nur dann aktiviert, wenn der Wind aus der Richtung kommt, in der dein Misthaufen steht. Der Wind, den wir erzeugen, wird also dafür sorgen, dass du auf deinem Hof stets von guter Landluft umgeben bist.“

Da springt Josef Huber auf, leert seine Bierflasche, wirft sie an die Wand des Sitzungssaales, nimmt einen Schluck Schnaps und ruft: „Wenn ihr diesen Plan in die Tat umsetzt, verkaufe ich meinen Hof! Und nicht bloß das, ich verlasse Gratwein!“
„Dann sorge dafür, dass dein Misthaufen keinen Gestank verbreitet!“, ruft der Bürgermeister.
Josef verlässt den Saal und überlegt beim Hinausgehen, welche Dimensionen das Loch in seinem Wald haben müsste, der in einem Wasserschutzgebiet gelegen ist.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee |Inventarnummer: 19101

Der Tag, an dem er aus der Welt verschwand

Die Töne verloren sich.
Es wurde leise, immer leiser.
Die Vögel bewegten die Schnäbel, und es kam kein Laut.
Der Wind fuhr durch die Blätter, und es blieb völlig still.

Es schien wie immer.
Die Menschen, die Tiere, die Autos waren da,
aber was lebte, reagierte nicht auf ihn.
Hologramme waren sie, die sich jagten, unterhielten, liebten.

Und er war der, der ihnen dabei zusah.
Bis jemand kam, der eine Fernbedienung in der Hand hatte,
und ihn wegzappte.

Puzzle Express

Puzzle Express

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19071

Wir sind die Nachtfalter, die um das Licht kreisen

Die Sterne, die Planeten, die Milchstraße, Milliarden Galaxien, die Weiten des Alls. Wir auf der Erde erforschen unsere Umgebung. Vieles gibt es, was wir noch nicht kennen und nicht verstehen. Wundersam und fremd. Wir sind erst am Anfang.

Nein! Es ist alles eine große Lüge. Das Hubble-Teleskop, die Sonden, der Rote Planet, die Ringe des Saturns, die brodelnd heiße Venus. Es sind falsche Bilder, Daten, die es nicht gibt. Die Planeten sind am Himmelsgewölbe befestigt, die Sterne sind LEDs, die Sonne ist ein großer Ball, der vom Osten nach Westen wandert. Und ist es Nacht, wird das Licht ausgeschaltet.

Rote Sonne, Wunderbäume und Quallen

Rote Sonne, Wunderbäume und Quallen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19068

 

Guten Appetit, ihr Ratten - Teil II

„Wo ist die Liebe?“

Ich stand im kalten Treppenhaus und wartete, bis Linda die Tür aufmachte. Dann, als es endlich passierte, schlug ich ihr während unseres Gesprächs vor, zusammenzusein, aber sie schlug es aus.
Du lebst nicht!
Sie war kalt wie ein Fisch, anscheinend war ich pervers, weil ich sie liebte.
Ihr Gesicht war ganz blass, und ich fragte sie, was mit ihr los war.
„Ich habe meine Tage“, sagte sie ohne jegliche Scheu.
Sie sah mich nicht wie einen Mann an. Ihre Augen wie zwei Eisberge, und noch mehr Kälte in deren Tiefe. Mit Verachtung lachte ich über mich, weil ich so verzweifelt war, zu ihr zu kommen.
Ich wollte von ihrem Balkon springen oder sie runterschmeißen. Vielleicht würde sie auch mit mir springen wollen? Aber da sie mit mir nicht leben wollte, würde sie auf keinen Fall mit mir sterben wollen.
Diese Welt ist zu kalt, dass Liebe wachsen und blühen kann.

Einmal ging ich alleine zum Mittagsbuffet im Chinesischen Restaurant. Bevor ich meine Wohnung verließ, bildete ich mir ein, dass ich riesige Willenskräfte hatte, größer als das Haus, und als ich das Restaurant betrat, glaubte ich, dass ich seine Wände mit meiner persönlichen Energie zerstören könnte, aber plötzlich bemerkte ich, dass fast an allen Tischen schöne Mädchen saßen, die vermutlich zu einer Modelagentur gehörten. Nur in einer Ecke sah ich einen älteren Mann mit einer Zeitung. Weder war er an den Mädchen noch sie an ihm interessiert. Sie folgten mir mit ihren Blicken, und ich spürte, wie meine Kräfte wie ein müder Pimmel zusammenschrumpften. Kaum konnte ich einen Tisch in der anderen Ecke erreichen. Ich sah den Mann an, der mir mit seinem warmen Lächeln verständnisvoll zunickte. Er hatte schon die Ängste der Jugend durchlaufen.

Ich saß in der Ecke, wie eine gefangene Ratte, und wurde von der Existenz der Mädchen immer mehr unterdrückt. Dann musste ich unbedingt auf die Toilette. Ich machte Schritte, hatte aber den Eindruck, dass ich an der selben Stelle stehen blieb, wie in einem Albtraum. So schlabbrig waren meine Beine.
Mit kaltem Wasser wusch ich mir mein Gesicht und schaute mir mein bleiches Spiegelbild an. Der Typ im Spiegel tat mir leid, er war schwach, bedauernswert, ekelerregend.
Ich versuchte, mir wieder einzubilden, dass ich stark und allmächtig wäre. Tatsächlich verspürte ich die Energiewelle wieder, allerdings war sie mit dem Tsunami, mit dem ich meine Wohnung verlassen und alles auf meinem Weg verwüstet hatte, nicht zu vergleichen.

Ich nahm einen Teller und machte ihn mit verschiedenen Gerichten voll, aber als ich zu meinem Tisch kam, hatte ich ein Kloßgefühl in meinem Hals. Der Mann mit der Zeitung schaute mich besorgt an. Ich warf mich auf den Stuhl und versuchte mich zu zwingen, etwas zu essen, aber es wollte nicht runter. Ich fühlte mich wie eine Kuh, die immer wieder das Essen zerkaute.
Ich schaute die Mädchen absichtlich nicht an, trotzdem spürte ich ab und zu ihre Blicke.
Auf einmal wurde mir ganz übel, und mit aller Kraft rannte ich aus dem Gebäude, verfolgt von der chinesischen Kellnerin, die mit lustigem Akzent schrie.
„Bezahlen, bezahlen!“
Und das Schlimmste daran war das kollektive Lachen, das ich beim Flüchten hörte.

Ich habe das alles deswegen erzählt, weil ich das selbe Ritual vollbrachte, bevor ich heute rauskam, und mich jetzt wieder wie ein NICHTS fühlte.
Früher mochte ich keine belebten Orte, aber bei einigen Menschen ging es mir komfortabel. Heutzutage fiel es mir schon schwer, mich mit einem zu unterhalten. Wenn es so weitergeht, werde ich mich selbst beim Alleinesein als einer zu viel betrachten.
Ich verließ die Frau für immer und schweifte auf den Straßen rum, dabei versuchte ich mich an etwas zu erinnern, was mir keine Ruhe ließ.
Ich fand keine Liebe in den Menschen, deswegen suchte ich sie in Gegenständen, indem ich sie berührte. Verkehrsschilder und Laternen waren eisig, Bäume dagegen viel freundlicher.

Mein Vater dachte immer ans Geld. Er kaufte die Wohnung auf Kredit und jeden Monat sagte er, wieviel noch abzubezahlen wäre. Er verteilte sein ganzes Leben auf Raten. Immer diese gesichtslosen, schrecklichen Ziffern.
Vermutlich hatten er und meine Mutter absolut trockenen Sex. Mein Vater hatte vielleicht den Eindruck, dass er mit einem Schleifpapier kopulierte, und meine Mutter dachte wahrscheinlich, dass es gleich sei, ob sie mit ihm oder mit einer Luftpumpe schlief. Beide sind gleich tot, und ich wohne jetzt alleine in der Wohnung, in der sie so unglücklich waren.
Die Seelen im Gefrierfach.

Ich kannte einen Mann, der Frauen nie ins Gesicht schaute, stattdessen hatte er nur ihre Beine, Pos und Brüste im Kopf, deswegen war er immer alleine, weil das Gesicht der Mensch ist, aber er bevorzugte das Fleisch, das nicht lieben kann.
Eine Frau fragte mich:
„Willst du mein Sklave werden?“
Ich lutschte die Brüste einer Frau zu lange, und sie fragte mich:
„Hältst du mich etwa für deine Mutter?“
Sex – ein gescheiterter Versuch, in verlorene Sorglosigkeit zurückzukehren.

Ich hatte ein sehr niedliches Mädel und ich sagte zu ihr.
„Ich liebe es, wenn du mich mit deinen Lippen anlächelst.“
„Mit welchen?“
„Allen!“
Am Ende ging sie trotzdem, wie alle. Ich weiß nicht warum, sie vermutlich auch nicht. Da ist eine Kraft in der Luft, die uns auseinanderbringt. Moleküle der Zeit. Liebkosung des Todes zerstört alles in dieser Welt.

Mein Verhalten erschien den Leuten auf der Straße merkwürdig, und jetzt laufe ich weg von dem großen Polizisten. Ich laufe nicht, weil ich schuldig bin, sondern weil ich es möchte. Ich laufe fort von Menschen, die einander nicht zuhören und nicht sehen, von Menschen, die nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Ich laufe fort von mir, der Angst hat, sich zu bewegen, um etwas zu ändern, der Angst hat, laut zu atmen, um damit nicht jemanden zu stören, von mir, der von seiner Vergangenheit gequält, von der Gegenwart verwirrt und von der Zukunft erschreckt wird, von mir, der von den sinnlosen Träumen verfolgt wird oder der nicht genug Verstand besitzt, die verborgene Botschaft darin zu verstehen. Ich laufe fort von Fehlern, aus denen ich keine Lehre rausholen konnte, wobei ich mich weiterhin täusche, dass ich sie nie wieder begehen werde. Ich laufe weg von dem Nachbarn, der mich anlächelt, aber dem ich in Wirklichkeit egal bin, weg von der Dunkelheit, in der ich mich früher so gerne aufhielt.
Ich laufe schnell, und mir entgegenwehender Wind befreit mich stückweise von meiner alten Haut, die wie Herbstblätter langsam und in Kreisen auf den kalten Asphalt abfällt, und ich fühle mich wie Gott, der in allen Dingen und gleichzeitig frei ist.

Diese Straße, dieser Polizist, diese Geräusche, dieser Duft aus der Bäckerei, das alles bin ich, und auch mehr. In Wirklichkeit gehöre ich woandershin, ich bin nur auf der Durchreise hier, ein Gast für eine Weile, für einige Jahre, die wie Sekunden vergehen. Ich bin gekommen, um mir diese Absurdität anzusehen, um mich über diesen Schwachsinn, der sich in den Mantel der Wahrheit gekleidet hat, zu Tode zu lachen.
Ich strecke meine Arme zur Seite und laufe so. Von der Seite muss ich lächerlich aussehen. Ich sehe mich mit den Augen der Katze, die auf der Fensterbank sitzt und mich mit ihrem allessehenden Blick erstaunt anschaut. Ich sehe mich mit den Augen der alten Frau, die auf der Gartenbank sitzt und die Tauben mit dem trockenen Brot füttert, das sie vorhin selbst mit dem Tee zu essen versucht hatte, wobei fast ihre Zahnprothese zerbrochen wäre. Ich sehe mich mit den Augen des Polizisten, und ich muss von hinten noch lustiger aussehen, als ob ich kein Gesicht hätte. Zuletzt sehe ich mich mit den Augen der Krähe, die mich bemitleidet, weil sie weiß, dass ich nie fliegen werde – nie?

Alles ist ganz schnell geschehen. Entweder habe ich die Bremsen gehört oder ich habe mir danach eingebildet, sie gehört zu haben. Die Tatsache ist, dass ich von einem Auto angefahren wurde, und jetzt liege ich auf der Erde ganz alleine. Ich spüre überhaupt nichts, und ich denke, dass es ein schlechtes Zeichen ist. Ich betrachte die Welt aus der Sicht eines Wurmes. Vor Kurzem war ich wie der Schöpfer, aber jetzt hat sich meine echte Essenz enthüllt.
Ich erinnere mich, wie einer meiner Lehrer mir von einem überfahrenen und von Menschen umzingelten Hund erzählte, den er gesehen hatte. Es gibt keine größere Einsamkeit, dachte mein Lehrer, zu sterben, während um dich herum Müßiggänger wie Fliegen kreisen, denen es gleichgültig ist, was mit dir passiert. Sie sind woanders, in ihrer boshaftigen Freude, ihr Tag ist gelungen, weil sie jemanden sterben sehen konnten, und sie kehren glücklich nach Hause zurück mit dem Gedanken, dass sie immer noch atmen. Es ist egal, dass sie nichts daraus machen, Hauptsache, sie atmen und verpesten die Luft.
Hoffentlich werde ich nicht so umzingelt. Ich ziehe vor, alleine zu bleiben, für mich in Ruhe.
Die Autofahrerin ist eine sehr hübsche, junge Frau.
Sie ist so wunderschön und gütig, sie würde mich bestimmt lieben. Sie ist wie eine vergessene Melodie, Duft aus der Kindheit, Erinnerung an einen warmen Traum.
Ich entferne mich von ihr, als ob ich in eine unendliche Tiefe fallen würde, aber mit der Hoffnung, dass ich sie im nächsten Leben treffen und erkennen werde.

Ich war mit der Vorlesung fertig, aber mein Kollege schwieg.
„Na, was sagst du, hat sie dir gefallen?“
„Es gibt keine Achse, alles ist irgendwie oberflächlich und flüchtig erzählt. Allerdings denke ich, dass es etwas Großartiges werden kann. Du kannst über dieses Thema ein ganzes Buch schreiben. Es ist doch das ewige Problem der Menschheit. Die Kälte der Einsamkeit. Dafür musst du aber der Sache auf den Grund gehen, und das erfordert sowohl eine gewisse Lebenserfahrung als auch das Feingefühl zum Detail.“
Ich hörte ihm zu und wollte den Aschenbecher nach ihm schmeißen.
„Was verstehst du schon davon? Bist du etwa ein Literaturkritiker?“
„Warum bist du so sauer, du musst doch für konstruktive Kritik offen sein, nur so wirst du besser.“
Ich wollte nichts mehr hören, ich wollte weinen, und ich saß da und guckte mir die bunten Blätter der Bäume an und wusste überhaupt nicht, warum sie sich im Herbst so färbten. Trotzdem genoss ich ihre Schönheit, die mich beruhigte.

„Und warum springst du so hin und her von Perfekt zu Präteritum?“
Jetzt war er schon ein Grammatiklehrer, aber ich würdigte ihn keiner Antwort.
Nach einer Weile erzählte er mir von einem Jungen, der in England lebte und sein ganzes Leben lang die Menschen um sich herum vergiftete. Zuerst waren es seine Eltern und dann, als er „rehabilitiert“ und wieder auf freiem Fuß war, seine Kollegen.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie viel Hass in ihm von Anfang an stecken musste oder woher dieser kam. Woher kommen unsere Gefühle überhaupt, und was sind sie? Sind sie echt? Gehören sie uns, oder werden sie uns einfach von jemandem ohne unsere Erlaubnis angehängt?
Mein lieber Kollege merkte mir die Nachdenklichkeit an.
„An was denkst du?“
„An nichts, an ein unendliches, überall vorhandenes und alles umfassendes Nichts!“

Die sinnlosen Tage liefen an mir vorbei wie Bilder in einem Schnellzug-Fenster, bis ich eines Abends todmüde nach Hause kam und von meiner weinenden Mutter erfuhr, dass mein bester Freund, Sohn ihrer besten Freundin aus der Heimat, wegen eines Mädchens erstochen worden war.
Wir besuchten die Familie jedes Jahr, sie uns ein paarmal. Bei unseren Reisen blieb mein Vater immer zuhause. Er verließ Deutschland nicht so gern, er hatte eine gewisse Nervosität.
Mein bester Freund war ein Sportler, und er hatte immer gute Laune. Er war wirklich ein toller Kerl. Die Ferne war überhaupt kein Hindernis für unsere Freundschaft.
Ich stellte mir vor, wie ich seinen Mörder, der jetzt auf der Flucht war, fand und umbrachte. Ich war sehr zornig, und mein Zorn wuchs wegen meiner Machtlosigkeit.
Mein Hirn wiederholte ständig: ES GIBT IHN NICHT MEHR!

Am nächsten Tag musste ich wieder arbeiten, aber ich wollte nicht, dass jemand mir meine Traurigkeit, die so persönlich wie Genitalien sind, anmerkte, deswegen war es doppelt schwer für mich. Ich bin kein Exhibitionist. Ich versuchte, nicht an meinen armen Kumpel zu denken, ich schob ihn in die Peripherie meiner Gedanken und fühlte mich deswegen wie ein Verräter.
Ich putzte schon die Spülmaschine, als mein Kollege mir zwei Teller brachte, auf denen vor Kurzem Rumpsteaks gelegen hatten, und mir überzeugend erklärte, warum ich sie über Nacht nicht so lassen durfte. Also musste ich die bereits zum Glänzen gebrachte Maschine wieder benutzen und erneut putzen, aber bevor ich sie anmachte, sagte mein lieber Kollege:
„Ich hab dich verarscht, lass sie ruhig.“
Ich habe meine Prinzipien und wusch trotzdem ab.
Allerdings bei der zweiten Putzerei, während ich zur Hälfte in der geöffneten Maschine war, war ich so sauer, dass ich mir meinen Kopf gegen eine Kante stieß und er blutete. Wie immer ließ ich mein Problem unbemerkt bleiben und ging leise.

Während des Schlafens konnte ich meinem Kumpel nicht mehr weglaufen. Ich war in seiner Welt.
Ich versuchte ihn verzweifelt anzurufen, aber es gab keinen Summton, und als ich den Hörer auflegte und schon die Hoffnung auf die Verbindung völlig verloren hatte, fing das Telefon an zu leuchten. Ich nahm den Hörer ab und hörte ihn glücklich lachen, wie er es immer tat, und da wurde ich auch überglücklich, weil ich seine Stimme so vermisst hatte. Es war ein Wunder, ihn wieder hören zu können, und dafür war ich sehr dankbar, ich weiß nicht wem, einfach dankbar. Nachdem er sich satt gelacht hatte, fragte er mich mitfühlend:
„Wolltest du mich anrufen?“
„Ja, und wie.“
„Ich weiß, aber ich habe jetzt eine andere Nummer.“ Dann schwieg er.
„Wie lautet sie?“ Aber die Verbindung war zu Ende.

Ich wachte mit großen Schmerzen in der Brust auf, weil ich wusste, dass es nur ein Traum gewesen war und ich mit ihm nie wieder sprechen würde. Mit seinem Tod war auch ein Teil von mir gestorben, ein Teil, der in seinen Erinnerungen an mich existierte, ein Teil von mir, den nur er kannte.
Warum sind wir dem Tode geweiht? Warum?
Zu allem Überfluss stritten sich meine Eltern wieder – Gott sei Dank, dass ich gleich schuften durfte, weg von denen, einfach weg.
Mein Kopf war total blockiert, ich arbeitete maschinell, wie ein Roboter, ich verlor mich, ich war nirgends und nie.

Der Arbeitstag war vollendet, und bevor ich ging, fügte ich ziemlich viel Rattengift in die Suppeneimer, die für die morgige große Veranstaltung vorbereitet wurden.
Ich ging raus und stieg auf mein Fahrrad auf, um durch die frostige deutsche Nacht zu gleiten, dabei fand ich es sehr schade, dass die Bretzings meine Kreation nicht kosten durften.

2017

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19062

Guten Appetit, ihr Ratten - Teil I

Heute stritten sich meine Eltern wieder. Mein Vater stand, wie immer, mit dem Sabber im Mund, und beschimpfte meine Mutter, die sich, wie immer, nervend beweinte. Dabei war das ein Theaterstück, das ich mir leider öfter ansehen durfte. Sie stritten sich nie, wenn ich nicht zu Hause war. Sie brauchten einen Zuschauer, und diese ätzende Rolle hatte ich bekommen, ohne dass mich jemand gefragt hätte. Ich musste bloß schweigend dasitzen, oder -stehen, oder -liegen, kurz gesagt, einfach da sein, um alles mitzukriegen. Die beiden wollten mir eine Botschaft übermitteln, dass sie nämlich unglücklich waren, und ich wusste nach wie vor nicht, was ich damit anfangen sollte. Es war nicht meine Schuld, ich hatte in meinem Leben genug Fehler gemacht, aber dass ich in diese Familie geboren wurde, war keiner davon. Ich meine doch, aber nicht meiner. Darüber wurde ich vorher auch nicht informiert, zack in den dunklen Sack, und da war ich.

Es gab immer das selbe Muster, wie ihr Streit anfing. Zuerst provozierte meine Mutter meinen Vater – komisch, wenn ich sie so nenne, weil ich überhaupt keine seelische Verbindung zu ihnen verspüre. Die sind nur zwei Menschen, die mich mit ihren Problemen ständig belästigen, und ich kann nicht weglaufen. Ich brauche mein Bett, um zu schlafen, so sentimental bin ich nun mal.
Also meine Mutter wollte das Mittagessen kochen, und nahm zwei Packungen Putenfleisch aus dem Kühlschrank. Und als sie die aufmachte, wurde die Luft im Raum verpestet. Es roch schrecklich, ich dachte schon, dass ich mich übergeben müsste, so intensiv roch es nach dem Gammel. Selbst mein Vater, der sein hässlisches Gesicht im Badezimmer rasierte, witterte es sofort und kam mit dem Rasierschaum im Gesicht zu uns.
„Wer ist da gestorben?“
Eure Träume, wollte ich ihm antworten, schwieg aber lieber.
„Ist das unser Mittagessen?“, fragte er.
Meine Mutter nickte ganz blöd, nach ihrer persönlichen Art. Anders konnte sie nicht, das war die Form ihrer Existenz.
„Schmeiß es sofort weg!“
„Warum?“, fragte meine Mutter.
„Warum?!“, wiederholte mein Vater erstaunt.

Ich wollte lachen, aber blieb ruhig, ich konnte mich kontrollieren, und zwar sehr gut – ich blieb zumindest äußerlich kühl.
„Weil es wie ein Kadaver riecht, darum!“
Das ist es auch, hätte ich am liebsten gesagt.
„Ich denke, dass es noch essbar ist.“ Sagte meine „Mami“ und probierte ein Stück rohes, gammeliges Fleisch.
Mein Vater war schockiert. Jedenfalls spielte er den Schockierten, obwohl es mir unglaubwürdig schien, dass man sein ganzes Leben von ein und demselben Ding schockiert werden kann, aber er war schon in seiner Rolle, also es ging bereits los.
„Du Idiotin, schaust mich wie eine Ziege an, hörst du nicht, was ich sage? Schmeiß das weg, habe ich gesagt. Verstehst du denn nach so vielen Jahren immer noch kein Deutsch?“ Sie war eine Ausländerin.
„Doch.“
„Warum hast du das dann getan?“
„Weil es schade wäre.“
„Es ist kein Essen mehr du Idiotin, du Kaukasische Ziege, dein Platz ist an einer Klippe, nicht hier in meiner europäischen Küche, du, duuu, ich weiß nicht, was du bist, aber ich wünsche dir, dass du dich vergiftest und verreckst.“

Da fing meine Mutter an zu weinen, und ich ging zum Fenster, um rauszuschauen, aber da war nichts, nur eine leere, kalte Straße. Von diesen negativen Schwingungen wurde mir übel. Ich hatte einen ziemlich empfindlichen Magen. Das war schon immer so, aber ich wollte nicht, dass jemand es mir anmerkte. Ich schwörte, dass ich mich rächen würde.
Mein Vater beschimpfte sie noch gute zehn Minuten, und ich spürte schwarze Galle, die von der Decke und den Wänden runtertropfte. Alles war so verschmutzt und eklig. Wie konnte das Glück in einer Wohnung wie dieser überleben?
Ich wollte woanders sein, mit anderen Menschen, egal mit wem, aber nicht mit denen da, die mein Leben zerstörten. Das dürften sie eigentlich nicht, keiner darf das, besonders die Eltern nicht. Ich wollte von ihren Sado-Maso-Spielchen nichts mehr wissen, sie sollten mich einfach in Ruhe lassen.

Wenn ich eine Freundin hätte, würde ich zu ihr ziehen, aber ich hatte keine. Nach der Zankerei meiner Eltern war ich so gestresst, dass ich oft masturbierte, um mich ein wenig zu entspannen, aber es half mir nur kurz, danach fühlte ich mich noch schlimmer. Diesmal tat ich es nicht, ich blieb Gewinner des Tages, und so fing mein zweiwöchiger Urlaub an.
Ich hatte vor Kurzem eine Beschäftigung in einem Restaurant angenommen, die mich ziemlich kaputt machte. Einmal schälte ich die Äpfel und wurde gehetzt, infolgedessen ich meinen halben Nagel abschälte und mein Finger blutete. Ich musste dann den ganzen Arbeitstag Latexhandschuhe tragen, ansonsten tat es beim Geschirrabwasch höllisch weh, aber es half nicht ganz. Beim Blechabwasch gelangte das fettige, heiße Wasser trotzdem in die Wunde, deswegen musste ich immer wieder neues Pflaster draufkleben.
Als ich endlich nach Hause fahren durfte und mich im Umkleideraum befand, roch meine Hand wie Plastik. Außerdem hatte ich ständige Muskel- und Rückenschmerzen. Meine Füße taten vom vielen Stehen weh, und mein großer Zeh wurde dauernd taub.

Einer meiner Kollegen sah schon wie ein Untoter aus. Er arbeitete da seit einem Jahr, hatte einen vielversprechenden Buckel, ein grünes Gesicht und er war ganz schmächtig. Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn. Selbst wenn wir den ganzen Tag zusammen arbeiteten, tat er in den Pausen nichts außer zu rauchen oder Kaffee zu trinken, er aß überhaupt nicht. Im Gegensatz zu ihm fühlte ich mich wie ein unersättliches Schwein, weil ich mich richtig und möglichst regelmäßig ernährte.
Der Chef war davon nicht ganz begeistert, aber wir hatten eine Abmachung. Er war eine Nummer für sich. Ein meistens ruhiger Psychopath. Einmal warf er sogar mit Pfannen um sich. Danach wurde mir klar, dass vom Herd kommende Hitze so etwas bewirken kann.
Sehr oft beendete er seinen Auftritt mit folgenden Worten:
„Mach es richtig, sonst muss ich dich aufhängen!“
„Keine Folie im Essen, sonst bist du tot!“
„Kein Haar in der Suppe, sonst stirbst du!“
„Und zwar schnell, sonst war es das mit dir!“
„Mach nichts kaputt, sonst mach ich dich!“
Ich lächelte ihn an und dachte gleichzeitig an was völlig anderes, aber das wusste er nicht. Seine irren Augen schimmerten glücklich wegen etwas mir Unbekanntem, was mir egal war.

Er konnte zum Beispiel von etwas Uninteressantem ziemlich lange und wortreich erzählen und einen dann aufmerksam anschauen, als ob er Beifall oder totale Zustimmung erwartete. Seine Frau, meine Chefin, kam oft in die Küche, und sie flüsterten irgendwelche versauten Sachen, ich konnte nichts hören, spürte es aber in der Luft. Manchmal umarmte er sie und presste ihre Hinterbacke mit seiner dicken und kräftigen Hand ganz fest. Sie war eine Sadistin, die mich immer wieder alle Teller polieren ließ, dabei sagte sie,
„Du musst meine Teller wie ‚Ladies‘ behandeln, und sie ohne Gummi betasten, dann wirst du spüren, was ich meine.“

Meine freien Tage verbrachte ich im Schlaf und hatte Albträume, in denen ich unendliche Mengen Teller abwusch. Ab und zu zuckte ich in der Nacht, was ich vorher nie getan hatte. Noch eine Sache bedrückte mich schwer. Vor dem Urlaub hätte ich Rattengift verteilen müssen, was ich aber aufgrund meiner buddhistischen Weltanschauung nicht gemacht hatte, und jetzt hatte ich Angst, dass er es erfuhr. Deswegen entschied ich, das nach dem Urlaub als Erstes zu tun. Zwischen mir und den Ratten wählte ich mich aus.
Mein Chef hatte noch ein großes Haus in der Nähe der Stadt, wo ich der Gärtner war. Er brachte mich mit seinem Wagen dahin und verließ mich dort, ohne das Haus aufzuschließen. Im Falle der Notwendigkeit erleichterte ich mich im Gebüsch. Das Haus war riesig, wie das Feld, auf dem ich mit einem alten, roten Trecker den Rasen mähen musste, und zwar stundenlang, alleine, vielleicht beobachtet von Geistern, die sich im leeren Haus zu Tode langweilten. Ich hoffte es zumindest.
Eigentlich hatte er zwei Felder. Eines war frei, und es war viel leichter, auf dem zu arbeiten, aber das andere war voll von Apfel-, und Birnenbäumen, und ich musste da ziemlich vorsichtig sein, wenn ich keinen Schlag von einem Ast ins Gesicht abkriegen wollte.

Während ich mit dem Trecker die Muttererde im Kreis rasierte, dachte ich viel über den Sinn des Lebens, über Gott, meinen Platz in dieser Welt und den Tod nach, also alles, an was man so denkt, wenn man ganz alleine ist oder sich so fühlt, aber meine Gedanken drehten sich auch im Kreis, und es schien mir keinen Ausweg und keine Antwort zu geben.
Das letzte Mal, als ich dort war, regnete es stark, aber der Chef hielt es für lebenswichtig, dass ich den Rasen an dem grauen und nassen Tag mähte und brachte mich trotzdem dahin. Als Schutz gab er mir seine alten Jacken, die mir zu groß waren und die ich ständig umziehen musste, so schnell wurden sie durchgenässt.
Außerdem gab er mir blaue Müllsäcke, die ich wie ein Kondom überziehen sollte, und das tat ich auch, aber ich wurde trotzdem immer wieder nass. Dabei verlangte er noch, dass ich jede Ecke mit dem Rasentrimmer vom Unkraut befreie und das gereifte Obst vom Boden sammle. Am Ende pflückte ich etwa zwanzig Kisten Äpfel, aus denen er später Saft machte, wovon aber ich keinen Schluck probieren durfte.

Als er mich abholte, fragte er mich, wie es war.
„Nass“, antwortete ich ihm ganz kurz und deutlich.
„Ich hätte nie gedacht, dass du es so gut schaffst“, sagte er und schaute zufrieden um uns herum, während ich da ganz nass stand und nicht zu zittern versuchte. Danach brachte er mich ins Restaurant, wo ich trotz meiner nassen Klamotten noch eine Weile arbeiten durfte. Meine Kollegen waren empört, sie schüttelten den Kopf, aber es half mir überhaupt nicht – ganz im Gegenteil, ich mochte es nicht, wenn ich jemandem leid tat.
Nach drei Tagen fingen mein Urlaub und die Halzschmerzen an. In der ersten Woche war ich sehr krank und hatte keine Kräfte mehr. Ich dachte schon, dass er sein Versprechen so erfüllt hätte und es mit mir schon gelaufen wäre.
Meine Mutter schnitt eine Zwiebel, verstreute darauf Zucker und übergoss sie mit Honig. Die entstandene Flüssigkeit sollte ich vor dem Schlafen mit dem Esslöffel einnehmen, aber sie war so klebrig, dass ich kaum noch schlucken konnte, und es ließ mich einfach nicht einschlafen. Außerdem versuchte ich durch die Nase zu atmen, was in meinem Zustand unmöglich war. Ich stellte mir vor, dass mich jemand erwürgte, und musste mich im Bett aufsetzen. Ich hatte Panikattacken.

Bei der Arbeit durften wir den Namen Bretzing nicht erwähnen, weil diese Familie uns immer Schwierigkeiten machte. Zum Beispiel reservierten sie den Tisch nie früher als für 20 Uhr und hatten immer Verspätung, außerdem kamen ein paar mehr Bretzings als angemeldet, ich weiß nicht, wo sie die unterwegs aufgabelten, dann bevor sie ihre Drei-Gänge-Menüs bestellten, tranken sie zuerst unbedingt ihren Kaffee, und wenn es endlich mit dem Essen so weit war, verlangten sie längere Pausen zwischen den Gängen. Beim Hauptgang wollten sie stets den Nachservice haben, und zwar den kompletten, und es war noch nie vorgekommen, dass sie einen Cent Trinkgeld gegeben hatten.
Alle meine Kollegen hassten sie unbegrenzt, und ich auch, ohne sie je gesehen zu haben.
Ich musste mehrere Male am Mittagsbuffet als „Buffettante“, so nannte es mein Chef, stehen. Diese Aufgabe mochte ich sehr, weil ich dafür eine weiße Kochjacke und eine lange Schürze kriegte. In dem Outfit sah ich wie ein Karatemeister aus.
„Siehst wie ein Mensch aus“, sagte der Chef.
„Ja“, stimmte ich ihm zu, „endlich.“
Er nickte ganz befriedigt.

Beim Ausgeben des Essens musste ich immer lächeln und bekam Krämpfe im Gesicht. Die Menschen, die zum Buffet kamen, waren sehr verschieden. Manche waren mit allem zufrieden, manche wollten reden, manche wussten selber nicht, was sie essen mochten, manche wollten hören, dass ich sie bei uns gerne wiedersehen würde, wobei das überhaupt nicht stimmte, und manche waren einfach so pingelig, dass ich Verlangen spürte, sie mit der Kelle auf den Kopf zu schlagen.
Eine Frau, die von mir ein paar mehr Kroketten bekam, sagte mir sogar, dass ich wüsste, wie man eine Frau glücklich macht, und dieser Satz war mir besonders wichtig, weil ihn Linda auch hören konnte.

Linda war eine sehr große, schlanke und schöne Kellnerin, die ab und zu auch modelte. Sie hatte lange Beine, und ihre runden Hüften waren auf meiner Brusthöhe. Ich wollte unter ihren schwarzen Rock kriechen und mich da für immer verstecken. Ich wollte ihre Kniescheiben küssen, und an ihren Waden knabbern. Ich wollte ihre glatte Haut lecken und ihre Schenkel streicheln.
An dem Tag stand sie auch am Buffet neben mir, und ich konnte ihren Duft riechen. Sie roch immer sooo gut. Einmal fragte ich sie sogar, welches Parfum sie benutzte.
„Keins, es ist mein Natural“, sagte sie auf Englisch.
Später verstand ich, dass es ihre Haare waren.
Manchmal pfiff sie wie ein Kerl, zeigte gerne den Stinkerfinger und leckte Sahne von ihm.
Einst, als wir das Brot für die Gäste zusammen schnitten, fragte ich sie.
„Wollen wir etwas zusammen unternehmen?“
Sie sah mich einige Sekunden schweigend von oben an, und mir wurde irgendwie ungemütlich in meiner Haut.
„Was schwebt dir denn da vor?“, fragte sie mich.
„Wir könnten zum Beispiel beim Italiener Eis essen, ich lade dich ein.“
„Das hört sich zwar gut an, aber ich weiß nicht, wie ich das zeitlich schaffe.“
„Dann sag mir Bescheid, wenn du es kannst.“

Sie nickte und ging. Und ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Oh, wenn sie bloß gewusst hätte, dass ich ein weltberühmter Schriftsteller sein würde, der als Sklave der Gastronomie seine Erfahrungen sammelte.
Sie sah mich nicht, sie hatte einfach keine Ahnung, was für eine reiche Welt ich in mir trug, und es tat wirklich weh. Ich dachte, dass ich solche Empfindungen schon seit Jahren überwunden hätte, aber sie waren schon wieder da, und es gefiel mir ganz und gar nicht.
Ich musste ständig an Linda denken, selbst in einem Traum waren wir zusammen, und als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, dass es wirklich geschehen war. Dann erinnerte ich mich an meine echten Beziehungen und konnte sie von meinem Traum nicht unterscheiden.
Mein Verlangen nach ihr wurde unerträglich, und als ich sie beim Besteckpolieren sah, ging ich schnell auf sie zu und umarmte sie von hinten. Sie beschwerte sich beim Chef, und er rief mich zu sich ins Büro.
„Was machst du hier?“
„Arbeiten, nehme ich an.“
Ich sah mir die Wanduhr hinter ihm an. Ich könnte jetzt eigentlich mein Abendbrot vernaschen.
„Und was sollte deine heutige Aktion?“
„Ein Aussetzer, nehme ich an.“
„Ganz genau, und wenn sowas nochmal passiert, dann ...“
Ich ließ ihn nicht ausreden.
„Dann bin ich geliefert“, er erstarrte, “nehme ich an“, beendete ich meinen Satz.
Eine Weile sah er mich so an, dann lächelte er zufrieden. Anscheinend, weil ich seine Denkweise gut verstand.

Wir alle wünschen bloß, von unseren Mitmenschen verstanden zu werden.
Einmal sagte er zu mir, dass er sein Leben wegen der Hektik, in der er war, nicht genießen könne, und er tat mir leid, aber wenn er beim Tellereinrichten seine Finger gründlich leckte, hasste ich ihn und hörte auf, das Personalessen zu mir zu nehmen. Es war ein nobles Lokal, aber ich schätze, dass man da trotzdem was Falsches verzehren konnte.
Er erzählte mir noch, dass er und seine Frau früher ziemlich viel Alkohol getrunken hatten, und es gab die Zeit, als sie dachten, dass sie es nicht mehr schaffen würden. Seitdem waren sie trocken, aber mir war es egal, ich hatte einen sehr schwierigen Arbeitstag und wollte nur nach Hause.
Während der zweiten Urlaubswoche schrieb ich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Wo ist die Liebe?“, die ich Linda widmete, aber davon durfte keiner erfahren. Ich las sie meinem Arbeitskollegen in der Mittagspause vor.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19061

Wirtschaftstheorie

Immer, sagst du, sei der Markt gerecht
Das ist nicht schlecht, das ist nicht schlecht
Sieh da, dein Geld, es mehret sich von selber
Also sind die Armen Kälber, in Verfehlung dieser Gelder
Dass sie arm sind um der Mehrung solchen Geldes
Wem gefällt es? Wem gefällt es?
Zu dumm, die Welt, sie geht dabei in Stücke?
Dann, fürcht' ich, ist da eine Lücke
In deiner Wirtschaftstheorie
Ich gebe zu, das dacht ich nie!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 19004

Der poetische Funke

Blöder Funke, wird‘s gelingen?
Wirst du endlich überspringen?
Ich mein, von mir auf die da unten
Das ist doch eure Pflicht als Funken! 

Man sieht doch ständig dich bespringen
Die Publika bei Tanz und Singen
Selbst in der übelsten Spelunke
Funkelst du, elender Funke

Ja, und das tut richtig weh
Du sprangst sogar für Gabalier!
Nur bei mir willst du dich weigern?
Wohin denn soll ich mich noch steigern?

Ich schlag die Verse hart auf hart
Ich fleh dich an, ich lock dich zart
Bemüh mich redlich jeden Tag
Auch nächtens muh ich meine Plag

Bemih und mäh mich fürchterlich
Sturer Funke, rühre dich!
Doch du bleibst reserviert und kalt
So brauch ich, Schurke, denn Gewalt

Ich werde deine Trägheit reimen
Mir ein Gedicht zusammenleimen
Ein Gedicht, das Klage führt
Darüber, dass du ungerührt

Das Feuer wahrer Lyrik schmähst
Doch wenn wo wer den Bockssang bläst
Dich glitzernd über Häuptern sprengst
Dich an jedes Sternchen hängst

Dich an jeden Hengst randrängst
Wenn nur, gesteh‘s der Umsatz stimmt
Wenn nur, du Schuft, die Münze klingt
Oh, Trauer, tiefgesunk‘ner Funke
Du springst nur noch für Frosch und Unke

Ich klage, Winzling, dich gesetzlich
Die Strafe, Gauner, wird entsetzlich
Du wirst zum Schuldienst degradiert
Und wenn, was ja sehr oft passiert

Die sogenannte Einheit stockt
Das Kindsvolk rebelliert und bockt
Funke, wirst du zwangsgelockt
Und hast, ohne dich zu weigern
Die Lernlust radikal zu steigern

Und mit dir als Unt‘rrichtsmittel
Spart der Staat ein gutes Drittel

Solch Dasein wird dich bald ersticken
Kaum jemand wird dich mehr erblicken
Erstirbst du dann vor deiner Zeit
Herrscht finsterste Gerechtigkeit

Du zitterst, Funke? Du erblasst?
Mir scheint, dich hat die Angst erfasst?
Mir deucht, wir werden handelseins
Und springst zum Lied, und sei‘s auch meins?

Arg, du hast mich ausgelacht!
Um mich wird es dunkel, Nacht!
Dass du tatsächlich sitzt und harrst
Damit du mich nur länger narrst!

Warte nur, ich kriege dich!
Ich kriege und besiege dich!
Ich jag dich mit Moskitonetzen!
Ich werd dich mit Magneten hetzen!

Ich stell dir Fallen noch und nöcher
Und schieß an deiner Stelle Löcher
Mit Leuchtpistolen in den Bauch
Des Saals –
Funkelt auch!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 18145

 

Big brother is watching you

Von Jerewan nach Tbilisi

Wann ich studiert haben soll, ist mir rätselhaft. Ich war ständig auf Reisen. Aber sicher erinnere ich mich: Ich hatte ein Zimmer in der MGU, im 17. Stock des Westturmes, vorbehalten den imperialistischen Ausländern. Die Dissertation konnte warten. Ich konnte ja nicht wissen, ob ich jemals noch ins Reich des Bösen gelassen werden würde.
Reisejahre sind Lehrjahre, sagt man, auch, Reisen bildet.
Auf der Reise von Jerewan nach Tbilisi habe ich jedenfalls etwas gelernt, was auf keiner Universität der Welt unterrichtet wird, sofern sie nicht eine Uni des KGB ist. Ich bekam die erste Lektion im Erkennen von KGB-Agenten. Eine sehr praktische Lektion, eine Anwendung in natura sozusagen.

Ich hatte meine erste Rundreise durch das schöne Armenien mit einigen Tagen in der Hauptstadt Jerewan abgeschlossen. Ein paar Kollegen von der MGU habe ich zu Hause besucht, die grenzenlose Gastfreundschaft dieses Volkes kennengelernt, natürlich auch unter dem Nimbus eines raren Exemplars von westlichem Ausländer. Manche Gastgeber riefen die ganze Familie und die Nachbarschaft zusammen, um das Mondschaf zu bestaunen. Zugegeben, es war nicht allzu schwer mit mir: Ich war nicht unansehnlich, dreiundzwanzig Jahre alt mit blonder Mähne und Minirock, konnte Russisch, war neugierig und nicht schüchtern. Alles war freundlich und angenehm, nie zudringlich oder unhöflich. Höchstens das endlose Essen und Trinken, zu dem ich genötigt wurde, konnte zur Qual werden. Man wollte vor mir die Reichtümer des Landes mit seiner ältesten christlichen Kultur ausbreiten. Irgendjemand hatte immer einen Moskwitsch oder Lada, der mich zu Kirchen, Klöstern, auf Berge und zu Seen führte.

Und noch ein Kreuz oder Grabstele auf einem hohen Kaukasus-Berg mit den fantastischsten Aussichten, noch eine Schlucht, noch ein Wasserfall, noch ein einsamer Schäfer mit seiner Herde und dem besten Käse und Kefir. Schau, so wird man in Gesundheit 120. Bei einem solchen Hirten kaufte ich meinen ersten Teppich und begann damit einer lebenslangen Leidenschaft zu frönen. Ich schleppte ihn viele Jahre von Wohnung zu Wohnung, von Land zu Land, bis er einmal als von Motten zerfressener Staublappen von der Wand fiel. Das Sammeln habe ich deswegen nicht aufgeben, hasse diese Tiere aber aus tiefstem Herzen und will noch immer 120 werden, auch wenn ich keinen Zugang zu armenischem Käse und Kefir habe. Man kann nie alles sehen, auch in dem kleinsten Land nicht. Aber nach einer Woche kaufte ich eine Bahnfahrkarte nach Tbilisi und nahm Abschied. Es war der Nachtzug, das weiß ich mit Sicherheit, um Zeit zu sparen.

Bei der Abfahrt war es noch hell genug, dass ich die Landschaft bewundern konnte. Zuerst durch die Fenster des Abteils, später vom Gang aus. Im Coupé nahm ich flüchtig zwei Männer wahr, denen ich keine Beachtung schenkte, mit zu kleinen Hüten auf dem Kopf. Ich grüßte kurz mit dobri vetscher und stellte meinen Rucksack ab. Sie saßen stumm in zwei Ecken und verbarrikadierten sich hinter der Pravda und Izvestja. Ich wollte vor allem den Ararat nicht verpassen, an dem die Strecke vorbeigehen sollte. Vorerst fuhren wir aber durch eine üppig grüne Ebene, auf der weiße Pferde grasten, dazwischen hineingestreut die Jurten aus weißem Leder, eine Symphonie in Weiß und Grün, rosig angestrahlt von der untergehenden Sonne. Ich stehe am Gangfenster und es geht klick-klick-klick. Ich fotografiere, was das Zeug hält. Es ist meine erste Kamera, eine begehrte Leica aus der GDR, erstanden in Moskau auf dem Arbat.

Dann Hirten mit ihren ausladenden schwarzen Filzumhängen, die sie wie Zelte aussehen ließen, gestützt auf ihre gekrümmten Stäbe. Wieder klick-klick-klick. Später tauchten auch noch Schaf- und Ziegenherden auf, wieder alles in Weiß vor den grünen Weiden in der niedrigstehenden Sonne goldüberflutet. Ich bekam mein ultimatives Kaukasus-Erlebnis, von dem ich seit meiner Kindheit geträumt hatte. Herrlich, da tauchte rechts in der Ecke des Fensters schon der hohe Gipfel des biblischen Berges auf, links daneben sein kleiner Bruder. Ich werde die Saga umschreiben, die Arche Noah ist nicht auf dem Ararat gestrandet, sondern genau im Sattel zwischen den beiden Gipfeln zum Sitzen gekommen. Idealer geht’s nicht für so ein unlenkbares Schinakl. Sie hätte nie und nimmer auf der Spitze landen können.

Gerade als die Westsonne den Großen Ararat beginnt mit Gold zu bewerfen, spüre oder sehe ich aus dem Augenwinkel links neben mir eine Bewegung und höre ein schnarrendes Geräusch wie rrrrtttsch oder krrrtsch. Die zwei Männer aus meinem Abteil begrenzen mich ganz eng. Der linke hat meinen Fotoapparat geschnappt, geöffnet und den Film herausgezogen. Mit einer solchen Affengeschwindigkeit, dass ich es erst beim Schnarren bemerkte. Belichtet, alles weg. Der rechte hielt mir das braune, sich einrollende Filmband vor die Nase, es baumelte wie eine große Spirallocke. Und die Bemerkung: Wir haben Sie gewarnt, Towarischtsch inostranka, Genossin Ausländerin, aber Sie wollten ja nicht hören und nicht sehen. In Tbilisi werden wir Sie überprüfen, ob Sie eine Spionin sind.

Danach weiß ich nur noch, dass ich geheult habe und den heiligen Ararat - groß und klein, hoch oder niedrig, mit Gipfel oder Sattel, mit oder ohne Abendsonne - nicht genau gesehen habe.
Die südliche Grenze der sowjetischen Republiken Armenien und Georgien stößt fast zur Gänze an die Türkei, ein NATO-Land. Außengrenze zum imperialistischen Westen.
Ich naive Trottelin hatte in meiner Begeisterung für grüne Wiesen, weiße Pferde, Schafe und Ziegen, knorrige Hirten und romantische Lagerfeuer nebenbei natürlich jede Menge Telegrafenmasten, Schienen, Brücken, Bahnhöfe, Schranken, Übergänge, Wärterhäuschen, Wartebänke, Brunnen, Futterkrippen, Misthaufen, Heuschober, Sauställe und was weiß ich noch alles fotografiert.

Aber woran ich in meiner Naivität gar nicht gedacht hatte, war das, was man nicht sah: Die Grenzanlagen an einer Grenze, die noch schwerer bewacht war als die zwischen Nord- und Südkorea. Die Grenze zum absoluten Feind, der NATO. Auf der anderen Seite lag die Türkei. Was war da nicht alles unsichtbar aufeinander gerichtet? Unterirdische Raketenabschussrampen, Raketensilos, Truppenbunker, Minenfelder, Selbstschussanlagen, Horch- und Spähposten. Davon sollte wirklich nicht der Schatten eines Bildes überleben und in den Westen geraten, wenn auch nur in ein privates Fotoalbum.

Spionka. Das klang nicht gut, das war kein Spaß. Außerdem war an meinem Pass abzulesen, dass ich mich länger in Amerika und England aufgehalten hatte. Andererseits hatte ich meterlange Ausweise des Ausländerreferats der MGU, des Ovir, das nichts anbrennen lässt, einen sechsmal überprüft, ob man die 40-Kilometer-Sperre um Moskau überschreiten darf. Idiotisch, dass ich mir vor meiner ersten Reise ins Land des Arbeiter- und Bauernparadieses keinen neuen Pass ausstellen habe lassen. Späte Reue, aber wer kannte sich damals schon gut aus? Noch größere Idioten in der Wiener Uni und den Ministerien, die einem dazu nicht geraten hatten. Zum Glück hatte ich damals noch keinen israelischen Stempel.

Vor allem grübelte ich über die angebliche Warnung der Agenten nach. Was konnte das gewesen sein? Wir hatten doch nichts miteinander als meinem dobri vetscher- Guten Abend-Gruß und ihrem stummen Halb-Nicken. Was hatte ich übersehen? Das waren in etwa meine Gedanken die restliche Nacht hindurch in meinem unbequemen Sitz-Coupé, allein und in großer Hitze mit versiegelten Fenstern. Feindesgrenze.

Wie unbemerkt sie an mich herangetreten waren, okay, das lässt sich erklären mit meiner Kaukasus- und Ararat- Versunkenheit in die Bilder vor den Zugfenstern.
Warum hatte mich niemand von meinen russischen und armenischen Freunden gewarnt? Weil sie hier aufwuchsen und diese Verhältnisse für selbstverständlich hielten. Außerdem würde nie jemand ein politisches oder militärisches Thema anschneiden. Vieles Private sogar wurde nur bei laufendem Radio oder auf einer leeren Straße besprochen.

Das brutale Herausreißen des Films hatten sie wahrscheinlich auf ihrer KGB-Uni bis zum Umfallen trainiert. Vieles andere auch noch. So wie Oliver Twist angeleitet von Uriah Heep, die Diebstähle von Geldbörsen, Scheckbüchern, Monokeln, Tintenfüllern, Seidentaschentüchern und sogar von ganzen Regenschirmen, geübt an Puppen mit Glöckchen zur Perfektion, bis gar nichts mehr klingelte. Zauberer, Illusionisten. Im Zirkus und im Varieté zahlen wir Eintritt und glotzen auf sie in endlosem Vergnügen und Schaudern.
Den vernichteten Film konnte ich am leichtesten verschmerzen, wusste ich doch damals schon, dass ich mit einem eidetischen, das heißt, Bildgedächtnis ausgestattet war. Meine Augen sind Kameras mit großer und genauer Speicherkapazität im Hirn.

Wenn ich das heute aufschreibe, so wie jetzt, sind seit damals genau 46 Jahre vergangen. Ich habe nie wieder an diese Reise gedacht, bin nie wieder auf dieser Bahnlinie gefahren, und sehe trotzdem noch immer jedes grüne Gräschen, jedes weiße Pferd, Schaf, Ziege, Jurte, Schäfer mit dem mehrfach gekrümmtem Hirtenstab – ah, jetzt hab ich’s, wie Widderhörner – und die einzeln über die Kanten des Ararat kriechenden Strahlen, scharf gegen die untergehende Sonne abgezeichnet, auf der Hinterplatte gespeichert, sodass ich diese Bilder mit Worten auffinde.

Ich kann alles ablesen wie von einer laufenden Filmleinwand. Sogar vorwärts und rückwärts, stoppen bei einem Pferd oder einem Sonnenstrahl. Nur das Geräusch tut mir noch weh, nein, es ist ordinär, es beschämt und lässt Übelkeit aufsteigen.  Ich war doch keine Feindin, keine Spionin, sondern nur eine, … ja was denn? Eine Russisch-Studentin, die nur das Land kennenlernen und genießen wollte. Schwer, dieses Land zu lieben. Ich hielt lange daran fest und bekam viele Gründe dafür.

Die KGB-ler mit ihren Zeitungen, karierten Hemden, zu kurzen Hosen, braunen Socken, schlechten Schuhen und zu kleinen Hüten verschwanden ins Nirgendwo des Nachtzuges. Sie tauchten auch am nächsten Morgen in Tbilisi nicht mehr auf. Ich wartete eine Zeitlang in der Ankunftshalle und machte mich dann auf den Weg zu meinem Studienkollegen Gigi in der Altstadt. Eine wunderbare Woche in Georgien. Der Kaukasus hat mich erobert.

Die sogenannten Warnungen blieben mir lange noch ein Rätsel, bis ich mich einem Moskauer Freund anvertraute. Er klärte mich auf. Die Zeitungen, karierten Hemden, die lächerlichen, zu kleinen Hüte, vorgeschoben in einem bestimmten Winkel auf die Halbglatzen und alle anderen Attribute waren Codes von KGB-Agenten.
Jeder Russe wusste das, sah es, roch es. Aber man sprach nicht darüber. So lernt man auch ohne Uni. Auf Reisen.
Seit Putin ein bekanntes Gesicht wurde, erinnere ich mich wieder an den Zwischenfall im Zug zwischen Jerewan und Tbilisi, als könnte er in seiner KGB-Jugend dort geübt haben.

15.7.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 17153

Die Trampler

Dies ist das Jahrhundert der Checker und Fälscher
Doch ist das erst seit heute so?
Die Trampler, die Brenner, die Henker und Selcher
Die gab‘s auch schon vor Waterloo
Genauer gesagt, gibt es sie länger
Und ehrlich gesagt, wird mir banger und bänger
Denn ihr Durchsetzungsgeschick
Bricht jeder Hoffnung das Genick

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 17088

Der Poltergeister-Rap

Es ist tiefste Nacht und irgendwann hoffst du,
mit der Nacht kommt endlich die verdiente Ruh’.
Doch im Stockwerk vier, quasi über dir,
geht was ab nach strenger Marschmanier.
Um ein Uhr Früh, da kommt Herr Polterer erst heim,
und knallt die Tür so zu, die geht fast aus dem Leim.
Dann trampelt er die vielen Stiegen hoch
vergeblich sucht der Schlüssel nach dem Schlüsselloch.
Doch irgendwann geht auch die dümmste Türe auf,
dann nimmt das Schicksal seinen grausamen Verlauf.
Er nimmt die Zimmerflucht in schwerem Nagelschuh,
das ist das Ende deiner Nacht und ihrer wohlverdienten Ruh.
Auf seinen Hacken latscht er lautstark über das Parkett,
das regt mich furchtbar auf, ich find das überhaupt nicht nett.
Von den Erschütterungen wackeln Tisch und Licht,
doch einen Polterer, den stört das alles nicht.
Sogar die Gläser in dem Schrank vor mir die klirr’n,
davon lässt sich der Herr da oben nicht beirr’n.

Und nach so ‘ner ganz und gar beschiss’nen Nacht,
da bist du armes Schwein auf einmal aufgewacht.
Dich hat ein Wasserrauschen früh am Morgen aufgeweckt,
von diesem ist man völlig unerwartet hochgeschreckt,
der Wasserhahn knapp über dir im Badezimmer braust
und die Brotmaschine oben völlig losgelassen saust.
Schon sieben Stück, dann acht, nein neun, gar zehn,
wieviel Brot braucht ein Mensch denn schon zum Frühstücken?

Zwei drei vier… Ich will so sein wie du, ganz dubidu,
so rücksichtslos gemein wie du,
du siehst nur dich allein juhu
und alle andern sind dir scheißegal.
Ich will so sein wie du, ganz dubidu,
so rücksichtslos gemein wie du
du bist ja nicht allein juhu,
ich schwör’s, so werd ich auch bestimmt einmal!

Doch wenn du glaubst, der Typ wohnt da allein,
dann irrst du, denn die wohnen dort zu zwei’n.
Wenn man am Vormittag doch noch ein wenig schlafen könnt’,
ein frommer Wunsch, den dir dein Nachbar nicht vergönnt.
Vor Müdigkeit zittern die Hände,
dröhnen über dir die Wände
wenn Miss Polterer behende
Stühle schiebt schier ohne Ende.
Da wirst du selber ganz verrückt bei diesem Lärm dort oben!
Es werden quietschend Tisch und Sessel hin- und hergeschoben,
dort saugt der Stauber stundenlang ganz ungehemmt dahin,
so lange bis ich schließlich munter bin.

An manch so einem wunderschönen Sonn- und Feiertag,
wo ich nach wochenlanger Arbeit nur noch schlafen mag,
such ich in Panik rasch nach dicken Wattepfropfen,
die will ich mir in die geplagten Ohren stopfen,
seit sechs Uhr früh hört man von oben nichts als Schnitzelklopfen,
so an die vierzig Stück und manchmal mehr,
warum? Die Polterkinder kommen heut zum Essen her.

Hey, zwo drei vier… Ich will so sein wie du, ganz dubidu
so freundlich nur zum Schein wie du,
ich möcht’ so geh’n wie du, wie ein Elefant,
so schubidu, wirklich allerhand.
Du siehst sonst niemanden nur dich allein, juhu,
bist nicht auf dieser Welt allein, schuhu,
und alle andern sind dir scheißegal!
Passt auf, genauso werd’ ich auch einmal!

Punkt zwölf Uhr dreißig sind die Kinder endlich alle da,
und auch der Nachwuchs ist dabei, juhu und tralala,
so an die vierunddreißig ruhelose Beine,
ihr könnt euch sicher vorstell’n, was ich damit meine.
Denn diese Biester sind so zwischen sechs und elf,
da kann man nur noch beten, dass der liebe Gott dir helf.
Möge der Spuk da oben rasch zu Ende sein und dann
gewöhn dich dran, dass sicher keiner dort vernünftig gehen kann.
Die trampeln durch die Zimmer, rennen auf und ab,
wenn ich doch schlafen will. Das alles hält mich ordentlich auf Trab.
Das treiben sie so lange, bis bei dir die Decke bebt,
und wenn du meinst, dass etwas über deinem Bette schwebt
und zwar ganz dreist,
dann hast du Recht, es ist ein Geist, der Polter heißt.

Drum ist es für dich besser, du fährst lieber fort,
zum Schlafen such dir eben einen and’ren Ort,
denn wenn du dich beschwerst, dann kriegst du bloß zu hör’n
wir wollten dich beim besten Willen ganz gewiss nicht stör’n, (höhöhö)
oder hast du neulich gar etwas bemerkt? No na!
Weil gestern war’n seit langem wieder alle da.

Wirklich sehr witzig! Drum: Zwo drei vier.

Ich will so sein wie du, ganz dubidu
so freundlich nur zum Schein wie du,
ich möcht so geh’n wie du wie ein Elefant,
so unverschämt,
es ist allerhand!
Du siehst nur dich allein, juhu,
bist nicht auf dieser Welt allein, schuhu,
und alle andern sind dir scheißegal!
Und so, genauso werd’ ich auch einmal.

Einmal geht’s noch…

Ich möchte geh’n wie du, so schubidu,
und Türen schlagen so wie du,
so deppert und so laut wie du. Ein Nachbar kann
beinah so sein als wie ein ganzer Mann.
Ich schau im Almanach
der süßen Rache nach,
und mach mich schlau.
Knall euch ‘ne irre Soundmaschin‘
vom Boden bis zur Decke hin,
mit tausend Dezibel, so wie beim Festival
hol ich euch sicher schnell aus eurem Bau.
Ein Rolling-Stones-Konzert, das eure Ruhe stört,
um vieles lauter, als wenn eins von euren Enkeln plärrt.
Ich dreh die Boxen auf, und das so furchtbar laut,
dass es euch hoffentlich aus euren Socken haut.
Dann warte ich voll Sehnsucht bis zum Schluss,
aufs Ende des Getrampels mit Genuss.

Lasst mich so sein wie du, so schubidu,
so rücksichtslos gemein wie duuuh,
ich mach mit meiner Soundmaschin‘
von jetzt an jeden Sonntag hin
und blas euch damit gnadenlos aus eurem Schuh.
Und dann, verdammt noch mal, ist endlich Ruh!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 17046