Kategorie-Archiv: Manuela Johanna Gutmeyr

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Wahrnehmen

Nicht alles was ich sehe siehst du auch so.
Ich sehe mich.
Du siehst mich.
Ich sehe dich.
Du siehst dich.
Ich sehe was ich wahr-nehme, was ich für meine Wahrheit halte.
Ich sehe meine eigene Geschichte.
Alles was ich gelebt und erlebt habe.
Meine gesammelten Erfahrungen.
Meine Erziehung.
Genauso wie du das Deine wahrnimmst, erlebst und lebst.
Mit deinen ganzen Erfahrungen.
Ich sehe dein Leben mit meinen Augen.
Du siehst mein Leben mit deinen Augen.
Ich versuche, dein Leben mit deinen Augen zu sehen.
Und versuche du, mein Leben mit meinen Augen zu sehen.
Dann kommen wir weg von Bewertungen.
Versuchen wir, die Augen zu schließen.
Versuchen wir, die eingeprägten Bilder zu verändern.
Versuchen wir, im Jetzt und Heute zu sein.
Versuchen wir, mit dem Herzen zu sehen.
Dann können wir liebevoll verwandeln.
Und ich sehe dann plötzlich ganz anders aus.
Du siehst plötzlich ganz anders aus.
Vielleicht kannst du mich erkennen, als das, was ich bin.
Vielleicht kann ich dich dann erkennen als das, was du wirklich bist.

Vielleicht ist das dann Freiheit.

An dieser Stelle sage ich Danke, an all die Menschen in meinem Leben, die einfach so sind wie sie sind.

Manuela Johanna Gutmeyr

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15019

Ein anderer mag in dir etwas auslösen

Ein anderer mag in dir etwas auslösen -  was du magst.
Er kann in dir etwas auslösen - was du nicht magst.
Nur du hast die Wahl.

Er mag dich verletzen.
Nur du setzt deine Grenzen.
Nur du sagst, wo dein Schmerz beginnt.
Nur du sagst, wo dein Schmerz aufhört.
Oder ob er überhaupt beginnt.

Er mag über dich denken und reden, was er mag.
Nur du entscheidest, ob du an dem Drama teilnehmen willst.
Er mag dich zum Davonlaufen auffordern.
Nur du entscheidest, in welche Richtung du laufen magst.
Oder ob du bleiben willst.

Er mag dich zum Weinen bringen.
Nur du entscheidest dich für deinen eigenen Schmerz.
Oder ob du deine Tränen zum Klären deiner Sichtweise benutzt.
Und ob du dein Denken wieder in deine dir eigene Richtung lenken magst.

Der andere mag sein wie er ist, mit all seinen Eigenheiten.
Nur du bestimmst, wie du sein magst.
Tu einfach was du magst.
Sei nicht wie die anderen.
Sei nicht wie dich die anderen haben wollen.

Lebe du dein Leben!

Manuela Johanna Gutmeyr

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15021

Alles in Ordnung ?!

Was für eine Frage! Kann denn alles in Ordnung sein??!!
Will ich denn Ordnung?? Oder ist sie mir zu anstrengend, zu kleinkariert, ist sie nur etwas für Omas, für penible Menschen, für Unkreative, für Langweiler, für strenge Menschen, für Leute, die keinen Platz haben, sei es in ihren Wohnungen, Häusern und in ihren Köpfen und Seelen?

Meine Freundin Ilse sagt: „Ich brauche mein Chaos, nur dort fühle ich mich wohl. Ordnung ist was für Faule!“ Sie bezeichnet sich als kreativ und frei.
Aber in unseren Gesprächen beklagt sie sich entweder darüber, etwas nicht zu finden, einfach verlegt zu haben. Sie sei nicht bei der Sache, wisse nicht, was sie anzuziehen hätte, finde das Passende nicht, hätte keinen Platz zum Malen, denn das Zimmer sei zu klein, jammert über ihre Angst, einen Mann zu finden, der sich dann auch noch breit machen könnte in ihren vier Wänden und und und.
Also – was ist sie nun, die Ordnung??

Ich riet ihr, nicht nur als Freundin, einmal mit ihren Kleiderschränken anzufangen und bot ihr an zu helfen, sozusagen als Therapie- und Lach-Stunde. Wir packten es an – im wahrsten Sinne des Wortes.
Wir teilten ein in Winter und Sommer. Und schon bei diesem ersten Sortieren fiel ihr auf, dass es da einige Dinge gab, die sie gar nicht mehr mochte, ihr nicht mehr gefielen, nicht weil sie aus der Mode waren, sondern einfach nicht mehr ihren Vorstellungen von dem entsprachen, wie sie sich kleiden wollte, nicht mehr dieses schreiende Gelb, es gefiel ihr der Pulli im warmen Maisgelb viel besser, und dabei fielen einige Dinge auf einen eigenen Haufen, den wir dann zum Kleidercontainer bringen wollten. Er wuchs und bekam den Namen Otto – und Otto wuchs!!
Meiner lieben Ilse wurde klar, hier sind Kleidungsstücke, die sie schon jahrelang nicht mehr getragen hatte und bei einigen kamen Erinnerungen hoch. Bei einigen Stücken, die sie in die Hände nahm, die geballte Erinnerung und mit ihr die Tränen.
Sie weinte und ich weinte mit…

Und genau dieses Weinen, diese Tränen bewirkten Erleichterung und reinigten und bereinigten vieles, was sich an Angst und Schmerz festgesetzt hatte.
Sie erkannte, dass ihr Festhalten an den Dingen, die sie im Grunde gar nicht mehr brauchte, eng machte.
Die Tränen reinigten sie von der Furcht, es käme nichts mehr nach. Es kommt nichts nach, wenn ich etwas weggebe.
Aber genau das Gegenteil tritt ein.
Dann hat das Neue eine Chance einzuziehen!
Wenn ich mich trenne, dann halte ich nicht mehr fest, wenn ich nicht festhalte, kann etwas in Bewegung kommen.
Ich gebe her, was ich nicht mehr brauche.
Auch dazu gehört viel Mut.
Wenn ich den Mut habe, Platz zu machen, dann entsteht vorerst Leere und diese Leere kann ich neu füllen. Ich machte Platz für Neues und für Besseres.

Wir machen eine Flasche Prosecco auf und stoßen auf Otto an. Er schaut uns gar nicht mehr so vorwurfsvoll an. Vielleicht macht er ja einem anderen Menschen Freude.
Und wir stoßen auf das Leben an – auf das Leben, das immer wieder neu gefüllt werden darf.
Und auf die Ordnung. Denn das Leben ist in Ordnung, so wie es ist.
Wir sind in Ordnung, genauso wie wir sind.

Manuela Johanna Gutmeyr

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15020