Archiv der Kategorie: Frank Joussen

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Manch eine Hollywoodnacht

Ein Mann in abgetragener Winterkleidung
navigiert seinen Mobilitätsscooter
durch die Massen laut schwatzender Touristen.
Er missachtet alles, wofür sie hierhergekommen sind –
eine Million Flugmeilen reicher, eine Menge Dollars ärmer:
die Sterne auf dem Walk of Fame,
die bald gesegnet werden
von George Clooneys tatsächlichen Füßen
bei der Premiere seines neuesten Erfolgs.

Doch für den Mann im Mobilitätsscooter
ist der Walk of Fame kein heiliger Boden,
nur eine schnell zu überwindende Strecke
mit einer hässlichen gelben Decke
auf seinem Schoß.

Manch eine Hollywoodnacht
ist von Sternen übersät.
Manch eine Hollywoodnacht
ist gar nicht kalt.
Dieser Mann hier
mag das anders sehen,
vielleicht fühlt er sich
innerlich alt.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26074

 

Yin und Yang im Jahr 2099

Yins Tod war ein Unfall. Bedauernswert, aber leider nicht ganz zu vermeiden. Generalmajorin Yins Geheimhaltungscode war eventuell mit einer feindlichen Malware infiziert oder der ISR, der Interne-Sicherheits-Roboter, hatte ein falsches Signal erhalten. Fest steht, dass er dreimal auf Yin geschossen und sie lebensgefährlich verletzt hatte.

Die Generalmajorin war eine außerordentlich gute Ministerin für Intergalaktische Beziehungen gewesen, aber unersetzlich war in diesen Tagen natürlich niemand mehr. Die KI, die ihre Nachfolge antreten sollte, ‚stand‘ schon seit langem bereit.

Dennoch wurde Yins IT-Privatsekretär, Oberleutnant Philipp Dick, angewiesen, alle relevanten Informationen aus dem Gehirn der Generalmajorin zu extrahieren. Diese wurde so lange künstlich am Leben gehalten. Dick hatte seine Aufgabe fast erledigt, da bekam er unerwartet Besuch von Yins Adjutanten, Major Altmeier.

„Ehm, Philipp“, begann er zögernd, „kann ich dich kurz mal sprechen?“

„Ja, Moment! Lass mich gerade noch die letzten Geheimcodes aus dem Gehirn unserer Chefin runterladen. Dann können wir ihren Exitus freigeben.“

„Halt, stopp! Bevor du das tust, habe ich einen Vorschlag. Eine Bitte!“ Altmeier suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Dann setzte er noch einmal von vorn an: „Hast du mal an ihren Ehemann, den ehrenwerten Herrn Yang, gedacht? Der kommt nächste Woche von seiner einjährigen Marsexpedition zurück. Der Schock …“

„Ja, verstehe. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Ich dachte mir, dass du fix auch das private Gedächtnis runterladen könntest. Ich meine, einschließlich Empathie und das Empfinden von Zuneigung und so.“

Als Philipp schwieg, fuhr Altmeier fort: „Du könntest alles an unsere Roboterabteilung übergeben. Die würde dann Madame Yin nachbauen, sodass der Ehemann nichts merkt.“

Philipp schaute Altmeier nachdenklich an: „Und wer soll die Kosten dafür übernehmen?“

„Selbstverständlich ich“, antwortete Altmeier. „Ich habe Yin, ich meine der Generalmajorin viel zu verdanken.“

***

Gesagt, getan. Bei der Rückkehr von Flottenadmiral Yang stand der fertige Roboter am Rande der Landebahn. Nach erfolgtem Akklimatisierungsprogramm schloss Yang „seine“ Yin freudestrahlend in die Arme und fuhr mit ihr nach Hause. Dort lief aber alles aus dem Ruder. Geplant gewesen war, dass das Roboterpersonal die beiden mit maximaler Freundlichkeit bedienen und ihnen ein Candle Light Dinner herrichten sollte. Doch dann tauschten alle Roboter im Haus lediglich ein paar Daten aus. Denn ihnen war die Sache sonnenklar: Nicht nur Madame Yin, sondern auch ihr Ehemann war eine Fälschung. – Auch Flottenadmiral Yang war während seiner Marsmission verstorben und von seinen Freunden dort originalgetreu ersetzt worden.

***

Stattdessen bereiteten die Hausroboter für beide eine Trauerfeier vor. Zu dieser erschienen die wenigen verbliebenen menschlichen Freunde. Kein Satz der Ansprache, kein Wort der Gebete, die eine eigens dafür entwickelte KI zu diesem Anlass sprach, war fehl am Platz oder übertrieben. Breiten Raum nahmen die Lebensgeschichten des beruflich so erfolgreichen Ehepaars ein. Dennoch war keiner der Menschen gerührt. Sie bewegte im Fortgehen eine andere Frage. Der älteste Freund der beiden formulierte sie so: „Angenommen einer von beiden, also Yin oder Yang, wären noch menschlich gewesen: Wann hätte er oder sie die Täuschung bemerkt?“

 

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26059

 

 

Die Blumen am Mittelmeer

er war kein Botaniker
eher das Gegenteil
er konnte Gänseblümchen
nicht von Narzissen unterscheiden
aber als er das Arbeitszimmer ausräumte
in seinem Haus
das so alt und so erschöpft war
wie er selbst
fand er ein illustriertes Buch
„Die Blumen am Mittelmeer“
längst vergessen
aber freudig wiederentdeckt

nun in seiner winterlichen Pensionärs-Zelle
studiert er all die lateinischen
Bezeichnungen darin
um sie schnell wieder
zu vergessen auf seinem Frühlings-Flug
in den Süden
wo er lernen wird
sie anzuschauen, zu riechen,
wie verzaubert ganz sanft zu berühren
die Blumen am Mittelmeer

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26049

Rudern Richtung Syrakus

Um dich in deiner Winter-Stadt
daran zu erinnern,
wie es ist, jetzt hier zu sein,
musst du lediglich

aufhören zu denken,
deine Augen schließen,
fühlen, wie die Sonne
die Tropfen Meerwasser
auf deiner gebräunten Haut trocknet,
das Salzwasser auf deinen
Lippen schmecken,
die Sonne warm die Härchen
auf deinen Armen,
einst dunkel, jetzt blond,
kitzeln lassen,

bevor du deine Augen wieder öffnest,
deinen Oberkörper
zur linken Seite neigst,
um mit den Armen
das Paddel deines Kajaks wieder
in das azurblaue Mittelmeer
einzutauchen,
um Richtung Syrakus zu rudern.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24048

Das Wunder im Verborgenen

Das Holz stark verwittert,
zwei Äste vom Dach herunterhängend,
und fast, Gott sei Dank nicht ganz,
die zwei stehenden Figuren berührend.
Ich weiß, wer ihr seid.
Ich weiß, wer da in eurer Mitte liegt –
in einer grob gezimmerten, vom Unkraut
beinah überwucherten Krippe;
auch wenn die anderen Radfahrer, Fußgänger,
E-Scooter-Sauser achtlos an euch vorübereilen.

In einem Monat werden sie vielleicht,
in neue Mäntel gehüllt,
in frisch geputzten Autos
zu Krippenausstellungen fahren,
draußen mit wenig begeisterten Enkelkindern
durch die viel zu warme Winterluft stapfen,
drinnen zu feierlichen Weihnachtsklängen
die Kunstfertigkeit armer afrikanischer Holzschnitzer,
die exotischen Gewänder aus aller Welt,
die fremdartigen Gesichter asiatischer Figuren bewundern.

Dann, in einem festlich geschmückten Café,
werden sie vielleicht zu den Enkelkindern sagen:
„Jetzt haben wir Weihnachten!“
Warum auch nicht?

Für mich braucht es das alles nicht.
Für mich ist Weihnachten immer dann,
wenn wir Gottes Wirken erkennen
in der Unschuld eines Kindes,
in der Fürsorge seiner Eltern,
in einem noch so bescheidenen
Abbild des wahren Wunders
im Stall zu Bethlehem.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25234

Souvenirs in meinem alten Schulbuch

Das einzige Schulbuch,
das ich aufbewahrt habe,
ist randvoll mit wohlbekannten
Geschichten, Gedichten,
teils lustig, teils spannend.
Beim Durchblättern rieseln
drei Klatschmohn- und zwei Kornblumenblüten
heraus, sorgsam gepresst,
sowie ein dunkelgrün verfärbtes
vierblättriges Kleeblatt. –
Unerwartete, willkommene Souvenirs,
die mich die gedruckten Seiten vergessen lassen:
Vor meinem geistigen Auge
erscheinen Schnappschüsse
meiner Jungen-Jahre in hellen Farben –
die Wildblumen lassen mich noch einmal
mit meinen Cousins und Cousinen spielen
im Weizenfeld hinter Großvaters Garten;
das vierblättrige Kleeblatt
wird wieder mit schmutzigen Händen
feierlich überreicht
von meiner Sandkastenliebe. –
Es hat mir Glück gebracht.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25235

 

Kinder aus Sternenstaub

hinabschauend auf die Lichternester
die unsere Städte sind
enthüllt der Satellitenblick
wir sind eine Rasse von vielen
aber es gibt auch viel Dunkelheit

im „Outback“ stehend
zwischen einem Meteoritenkrater
und dem Kings Canyon
lehren uns das Kreuz des Südens
und all seine funkelnden Freunde
wie unbedeutend wir
Kinder aus Sternenstaub sind



Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25193