- Alter Mann im Frühjahr
- Eine andere Perspektive
- Die Blumen am Mittelmeer
- Fiesole
- Ein Leben im Turm
- Freundliches Universum
- Eine Gestalt aus dem Schatten
- Kinder aus Sternenstaub
- Das Lächeln des Delfins
- Rudern Richtung Syrakus
- Die Seele des Reisens
- Souvenirs in meinem alten Schulbuch
- Der Sturm beginnt
- Vom Lesen und vom Sterben
- Wind nach dem Sturm
- Die Wohlgerüche deines Gartens
- Das Wunder im Verborgenen
Archiv der Kategorie: Frank Joussen
Die Blumen am Mittelmeer
er war kein Botaniker
eher das Gegenteil
er konnte Gänseblümchen
nicht von Narzissen unterscheiden
aber als er das Arbeitszimmer ausräumte
in seinem Haus
das so alt und so erschöpft war
wie er selbst
fand er ein illustriertes Buch
„Die Blumen am Mittelmeer“
längst vergessen
aber freudig wiederentdecktnun in seiner winterlichen Pensionärs-Zelle
studiert er all die lateinischen
Bezeichnungen darin
um sie schnell wieder
zu vergessen auf seinem Frühlings-Flug
in den Süden
wo er lernen wird
sie anzuschauen, zu riechen,
wie verzaubert ganz sanft zu berühren
die Blumen am Mittelmeer
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26049
Rudern Richtung Syrakus
Um dich in deiner Winter-Stadt
daran zu erinnern,
wie es ist, jetzt hier zu sein,
musst du lediglich
aufhören zu denken,
deine Augen schließen,
fühlen, wie die Sonne
die Tropfen Meerwasser
auf deiner gebräunten Haut trocknet,
das Salzwasser auf deinen
Lippen schmecken,
die Sonne warm die Härchen
auf deinen Armen,
einst dunkel, jetzt blond,
kitzeln lassen,
bevor du deine Augen wieder öffnest,
deinen Oberkörper
zur linken Seite neigst,
um mit den Armen
das Paddel deines Kajaks wieder
in das azurblaue Mittelmeer
einzutauchen,
um Richtung Syrakus zu rudern.
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24048
Das Wunder im Verborgenen
Das Holz stark verwittert,
zwei Äste vom Dach herunterhängend,
und fast, Gott sei Dank nicht ganz,
die zwei stehenden Figuren berührend.
Ich weiß, wer ihr seid.
Ich weiß, wer da in eurer Mitte liegt –
in einer grob gezimmerten, vom Unkraut
beinah überwucherten Krippe;
auch wenn die anderen Radfahrer, Fußgänger,
E-Scooter-Sauser achtlos an euch vorübereilen.In einem Monat werden sie vielleicht,
in neue Mäntel gehüllt,
in frisch geputzten Autos
zu Krippenausstellungen fahren,
draußen mit wenig begeisterten Enkelkindern
durch die viel zu warme Winterluft stapfen,
drinnen zu feierlichen Weihnachtsklängen
die Kunstfertigkeit armer afrikanischer Holzschnitzer,
die exotischen Gewänder aus aller Welt,
die fremdartigen Gesichter asiatischer Figuren bewundern.Dann, in einem festlich geschmückten Café,
werden sie vielleicht zu den Enkelkindern sagen:
„Jetzt haben wir Weihnachten!“
Warum auch nicht?Für mich braucht es das alles nicht.
Für mich ist Weihnachten immer dann,
wenn wir Gottes Wirken erkennen
in der Unschuld eines Kindes,
in der Fürsorge seiner Eltern,
in einem noch so bescheidenen
Abbild des wahren Wunders
im Stall zu Bethlehem.
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25234
Souvenirs in meinem alten Schulbuch
Das einzige Schulbuch,
das ich aufbewahrt habe,
ist randvoll mit wohlbekannten
Geschichten, Gedichten,
teils lustig, teils spannend.
Beim Durchblättern rieseln
drei Klatschmohn- und zwei Kornblumenblüten
heraus, sorgsam gepresst,
sowie ein dunkelgrün verfärbtes
vierblättriges Kleeblatt. –
Unerwartete, willkommene Souvenirs,
die mich die gedruckten Seiten vergessen lassen:
Vor meinem geistigen Auge
erscheinen Schnappschüsse
meiner Jungen-Jahre in hellen Farben –
die Wildblumen lassen mich noch einmal
mit meinen Cousins und Cousinen spielen
im Weizenfeld hinter Großvaters Garten;
das vierblättrige Kleeblatt
wird wieder mit schmutzigen Händen
feierlich überreicht
von meiner Sandkastenliebe. –
Es hat mir Glück gebracht.
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25235
Die Seele des Reisens
ist eine tiefe
unergründliche Sehnsucht
einschließlich des nie
endenden Verlangens
das Bild einzufrieren
an dem du vorübergehst
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25196
Kinder aus Sternenstaub
hinabschauend auf die Lichternester
die unsere Städte sind
enthüllt der Satellitenblick
wir sind eine Rasse von vielen
aber es gibt auch viel Dunkelheit
im „Outback“ stehend
zwischen einem Meteoritenkrater
und dem Kings Canyon
lehren uns das Kreuz des Südens
und all seine funkelnden Freunde
wie unbedeutend wir
Kinder aus Sternenstaub sind
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25193
Das Lächeln des Delfins
um dein Lächeln zu verstehen
junge Holikin
Tochter von Holifin
muss ich den Riesenrochen kennen
und den Hieb seines Schwanzes
der direkt ins Herz trifft
wie das Messer
das den Abschiedsbrief
meiner Geliebten öffnet
auch muss ich die Haie
hier in der Bucht
von Monkey Mia sehen
und die Narben die sie
auf den Flossen deiner Mutter
hinterlassen haben
Tapferkeitsmedaillen
die sie nie wollte
für die ihr nicht
töten würdet
die euch aber
unterscheiden
von allen anderen
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25194
Eine Gestalt aus dem Schatten
nach einem kurzen Regenguss
musste die Außenluft
doch etwas kühler sein
erschöpft verließ ich das Krankenzimmer
um die gute Nacht zu begrüßen
auf das Dach des Nachbarhauses
stieg bedächtig eine mumienhaft
aussehende Gestalt
einen Schal über den Kopf gestülpt
in eine fadenscheinige Decke gehüllt
trat sie zögernd aus dem Schatten
oben auf der Treppe angelangt
wurde sie meiner Anwesenheit
auf dem Balkon gegenüber gewahr
sie lächelte mir zu und
warf mit einer einzigen Bewegung
Schal und Decke ab
sich als der Nachbarsjunge
von vielleicht acht neun Jahren entpuppend
ab da beachtete
er mich nicht weiter
sondern nahm graziös wie Gandhi
in Erwartung nächtlicher Kühle
im Lotussitz Platz
auf der Dachterrasse
seines Elternhauses
im südindischen Chennai
welches seine Großeltern
noch als Madras kannten
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25184
Eine andere Perspektive
eure Namen konnte ich mir nie merken
eure Gesichter werde ich nie vergessen
als ihr mit uns lachtet
und im Staub tanztet
ihr jungen Straßenkinder aus Madras
ihr lächeltet in unsere Gesichter
nanntet sie weiß wie Schnee und wunderschön
wir konnten nichts erwidern
konnten euch nicht sagen welchen Sinn
unser Besuch in eurem Slum hatte
Nicole erzählte sie wolle Lehrerin werden
vielleicht dachtet ihr sie werde zurückkommen
auf jeden Fall hieltet ihr sie lange fest
als wir wieder weg wollten
zurück in unsere Welt
völlig erledigt sind wir wieder im Hostel
auf Diät wegen der Hitze Indiens
während ihr die geschenkten Schulbücher
liegen lasst um zurückzukehren
auf die Straße
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25183


