Schlagwort-Archiv: think it over

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Steine

Hunderte Male hast du das Feld bestellt,
und nie ist auch nur eine Frucht gewachsen.
Aber dafür Steine.
Die Kiesel sind ihre Samen,
die groß werden und größer.
Im Herbst erntest du sie.
Du musst, denn das Feld ist voll von ihnen.
Und weil es sonst nichts gibt,
hast du gelernt, sie zu essen.

Drei Steine

Drei Steine

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20089

Gestirn

Ein Staubkorn
auf einer Million Kilometern
dünner als das All
ist der Ort
an dem er lebt

Er geht durch die Tage und durch die Jahre
und trifft niemanden und nichts
Niemals ist da ein Körper
der ihn anzieht
und seine Bahn ändert

Drei goldfarbene Kugeln

Drei goldfarbene Kugeln

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20037

Frühling

Morgen ist Frühlingsbeginn,
aber das ist jetzt egal.
Es gibt keine Jahreszeiten mehr,
keinen heißen Sommer, keinen nebelverhangenen Herbst,
keinen weißen Winter und erst recht keinen aufblühenden Frühling.
Es gibt nur noch das Virus, das die Seuche macht,
die Ausgangssperre, der zukünftige Mangel.
Was, bitte, soll man da mit Frühling?

Sterne im 1. Stock, und die Rettung fährt mit Blaulicht vorbei

Sterne im 1. Stock, und die Rettung fährt mit Blaulicht vorbei

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20036

Unordnung

In meinem Kopf herrscht Unordnung. Die Gedanken entwickeln sich und schießen in verschiedene Richtungen. Manche brechen ab, dann ist es, als ob eine Feuerwerksrakete zu Boden plumpst – pubb. Andere entwickeln sich weiter, verzweigen sich oft, diese teilen sich wieder auf, wie ein Baum mit Ästen und Zweigen, viele Bäume mit noch mehr Ästen und sehr vielen Zweigen. Ich kann die meisten Gedanken nicht festhalten, sie prallen an die Innenseite meines Schädels und pupp, fallen zu Boden. Explodieren meine Gedanken, ist es ein farbenprächtiges Spektakel, wäre mein sichtbares Spektrum weiter, würde ich noch viele Farben mehr sehen. Puff, puff, puff in den Farben des Regenbogens und in vielen tausend Schattierungen dazwischen. Es ist eine schöne Unordnung. Nur wenn ich traurig bin, gleicht der Himmel in meinem Kopf dem einer Nacht. Und wenn ich träume, sehe ich die Farben vertauscht. Dann ist meine Liebe grün, und meine Hoffnung ist rot.

Lichterwand bevölkert

Lichterwand bevölkert

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19144

Herbstkind

Im wunderschönen Herbst
bin ich geboren
fühlte mich in dieser Zeit
niemals verloren

Diese Farben
Nuancen von Gelb und Rot, satt
Den Waldweg säumt jetzt
Blatt um Blatt

Es raschelt, riecht erdig
um mich herum
spüre Melancholie, ganz zart
macht mich stumm

Windstille
nur Mückenschwärme sind zu hören
Spinnwebenfäden
verfangen sich im Haar, sie stören

Wärmende Sonne
auf meinem Gesicht
vorm Haus die Linde
die zu mir spricht

Sanft reckt sie
ihre Zweige empor
Erinnerungen erscheinen
vom Jahr davor

Sehe ihn, den Ahornbaum
vorm Krankenzimmer
in unseren Gesichtern
schwindende Hoffnungsschimmer

Gefühle kommen hoch
etwas verschwommen
diese Zeit macht mich
nun so benommen

Pferdegewieher, Hundegebell
reißen mich aus den Träumen
zarte Windspiele ertönen
die den Holzbalken säumen

Vermisse dich so sehr
spüre den Schmerz
ein Herbstkind war ich
mit Leib und Herz

Ein Jahr zog ins Land
das Vergängliche ist gekommen,
Herbst! Wieso hast du mir
den Vater genommen?

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19138

Ihr wundersamen Wunder

Ihr wundersamen Wunder,
seid euch dessen gewiss,
dass nicht oft etwas Scheinendes wahr ist.

Blaue Sonne, rote Stunde.
Habt denn nicht gehört ihr,
was in aller Munde?

Dass im Märchenland es gebrannt,
lichterloh,
die ganze Nacht.
Bis alles gelegen in Schutt und Asche.

Wo wart ihr da?
Habt ihr euch versteckt?
Oder ging eure Reise
tausend Lichtjahre weit weg?

Hochhaus im Bau in Wien, nachts, mit falschen Farben

Hochhaus im Bau in Wien, nachts, mit falschen Farben

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19103

 

Freeze

Plötzlich machte die Sonne schlapp. Sie stürzte auf die Erde und schlug in ihr ein. Ihre Aktivität ließ sehr stark nach. Nach einer Woche war sie ausgebrannt. Sie lag wie in Ball in einem Krater von sechs Metern Durchmesser, ihrer ursprünglichen Größe – am Himmel hatte sie ja kleiner ausgesehen.

Die Menschen behalfen sich mit künstlichem Licht, was aber natürlich unzureichend war, die Erde war zu einem dunklen Planeten geworden.

Das weit größere Problem jedoch war das Heizen, es war nun astronomisch kalt, neue Heizkörper wurden aufgestellt und mit allen verfügbaren Brennstoffen befeuert. Doch die erzeugte Wärme war ungenügend.

Die Population sank rapide, die weniger gewordenen Menschen hatten nun wohl mehr Heizkörper zur Verfügung, aber auch das verzögerte das Sterben nur. Weniger als ein Jahr nach dem Einschlag der Sonne war der letzte Mensch nicht mehr am Leben.

Wer bin ich, der das hier schrieb? Ich bin ein Roboter und Chronist.

Der Sonnenuntergang an der Alten Donau

Der Sonnenuntergang an der Alten Donau

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19077

Würfel

Er suchte sich,
wie er war,
was er war,

in einem Würfel,
der in der Luft nicht hing,
nicht schwebte, aber sich befand,

dessen Wände durchsichtig waren,
von außen betrachtet,
und schwarz, von innen gesehen.

Nicht den Regen spürte er
und nicht die warme Sonne,
nicht den Wind.

Maschinengefertigter Boden
war unter seinen Füßen
und nichts, nur Luft, in seinen Händen.

Seine Gedanken, dachte er,
würden sich um den Erdball winden,
doch alle blieben sie in dem Würfel gefangen.

Vogel auf Würfel auf Stehern

Vogel auf Würfel auf Stehern

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19074

Was Marx wirklich sagte

Glücklich nahm ich das Paket in der Portiersloge der österreichischen Botschaft in Empfang und schleppte es in mein Studentenheim an der MGU (Moskovski Gosudarstvenni Universität imeni Lomonossowa), der Staatlichen Universität. Die österreichischen Stipendiaten hatten das Privileg, sich einmal im Monat ein Paket aus der Heimat schicken lassen zu dürfen, maximal 20 Kilogramm, streng überprüft von der Kurierleitung, der diplomatischen Poststelle des Außenministeriums.
Meine Kolleginnen Lisa und Susanne wünschten sich meist Lebensmittel und Hygieneartikel. Ich auch, aber diesmal hatte ich hauptsächlich Bücher bestellt. Meine Freundin Wjeta wünschte sich den in der Sowjetunion verbotenen Philosophen Nikolaj Hartmann, und mein Freund Paschka wollte Marx‘s Kapital I-III im Original lesen. Ich habe es beim Internationalen Buch im Wiener Trattnerhof erstanden, der Buchhandlung der KPÖ. Ich selbst kannte damals weder Nikolaj Hartmann, einen deutsch-russischen Neu-Kantianer, noch hatte ich Marx gelesen.

Ohne zu fragen erfüllte ich ihre Wünsche. Wjeta und Paschka konnten nicht Deutsch, und die Übersetzungsbemühungen gestalteten sich schwierig, waren aber eine gute Übung für mein mangelhaftes Russisch. Wjeta studierte ihren Hartmann nur heimlich, privat, mühsam, mit Wörterbuch. Aber Paschka machte aus seinem Marx eine große Geschichte.
Möglich, dass ich nicht allzu korrekt übersetzt habe. Man muss ja erst einmal den Inhalt verstehen, und davon war ich weit entfernt. Sie erklärten mir das Kapital, so verzerrt und stückweise, wie sie es vorgesetzt bekommen hatten und es angeblich die Sowjetunion umsetzte. Es war ein Dialog zwischen Stummen und Tauben. Paschka sammelte einige vertrauenswürdige Kollegen um sich, und wir hielten in seiner Wohnung Marx-Lese- und Diskussionszirkel ab. Das ging lange Zeit gut, weil seine Mutter als Telefonistin beim KGB arbeitete, also unverdächtig war.

Dabei war „Wohnung“ zu viel gesagt. Ljubow, eine kleine, magere und gekrümmte Frau, hatte ein großes Zimmer in einer Kommunalka mit einer Gemeinschaftsküche und einer Gemeinschaftstoilette. Es wohnten hier acht Familien auf einer ehemals herrschaftlichen Etage mit breiten Korridoren, in denen jetzt Gerümpel stand oder an den Wänden hing und die bis oben hinauf vollgestopft waren mit Vorräten.
Sie verglichen die Marx‘schen Aussagen des Originals mit den Zitaten in ihrem Lehrbuch in den Pflichtvorlesungen über den Dia-Mat. Und natürlich immer noch obligatorisch „Der kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU“, unverändert seit Stalins Zeiten, nur dass dieser nicht mehr vorkam.
Kein sowjetischer Student – und wahrscheinlich auch kein Dozent – bekam jemals ein Original von Marx und Engels in die Hand, sondern nur in die Vorträge eingestreute Schnipsel präsentiert, so wie sie gerade in die Sowjetideologie hineinpassten. Sie mussten den „Kurzen Lehrgang“ auswendig lernen, er wurde wortgenau abgeprüft. Papageien- und Sklavenunterricht.

Genau weiß ich nicht mehr, was Paschka so aufgebracht hat, was genau er an all den Lügen nicht mehr aushalten konnte. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Wirklichkeit. Wahrscheinlich die Urlüge über den Marxismus, wie sie Lenin über das ganze Land gebracht hat: der Aufbau des Sozialismus in einem Land. Dass Russland als Agrarland ohne Kapital, Industrie und nennenswertes Proletariat denkbar ungeeignet war für eine proletarische Revolution, dass die Bolschewiki den Marxismus eigentlich erfunden hatten, um in seinem Namen an die Macht zu kommen.
Und die Folgerung, dass der „Rote Oktober“ keine proletarische Revolution war, sondern ein bolschewistischer Putsch einer kleinen Kaderpartei – entgegen ihres Namens in der Minderheit. Der ganze große Mythos vom Roten Oktober – ein einziger Schwindel! Ich verstand damals noch sehr wenig von diesem Furor, der sich aus der Marx-Lektüre entwickelte. Aber diese Studenten diskutierten sehr ernsthaft. Es ging ihnen um vieles, um alles. Das Land, die Welt, den Frieden, das Proletariat, die Intelligenzija. Das waren für mich keine Begriffe, hatte keine Inhalte und riefen keine vergleichbaren Emotionen hervor. Ich fand das nur übertrieben, hysterisch und lächerlich. Falsche Romantik und Wodka-Gedusel.

Als sich Paschka in der Argumentation der Widersprüche und Verdrehungen sicher genug war, trat er damit in einer Vorlesung auf. Ich war dabei, erinnere mich aber nicht mehr, um welche Frage es ging. Er schwenkte den 1. Band und zeigte auf die bunt angestrichenen Zeilen. Es entstand ein Tumult. Bevor er verhaftet wurde, wurde das Kapital verhaftet. Nicht der vortragende Professor, sondern Kollegen stürzten sich aus den Sitzreihen auf ihn, entrissen ihm den blauen Band mit den großen Goldlettern am dunkelblauen Einband. Paschka kam nicht mehr zu Wort und wurde abgeführt. Später bekam er einen Prozess vor dem Studenten-Parteigericht der MGU. Es wurden ihm Disziplinlosigkeit, Insubordination und Rufschädigung der Universität vorgeworfen.
Das klingt bedrohlich, aber der Prozess ging glimpflich für ihn aus. Er wurde nicht von der Universität relegiert, es war 1971, immerhin schon 18 Jahre nach Stalins Tod. Das Urteil – er bekam ein zusätzliches Semester militärische Übungen aufgebrummt, verschärftes Regiment, knapp vor dem Gulag.

Das Buch erhielt er nicht zurück. Vielleicht studierten es die KP-Funktionäre oder es wanderte statt ihm ins Lager. Bei der nächsten Party in Paschkas Wohnung phantasierten wir alle möglichen Strafen für das Kapital: Es wurde in Ketten gelegt, ausgepeitscht, verbrannt, eingestampft, umgeschrieben, mit Psychopharmaka vollgestopft, musste sich selbst widerrufen und abschwören, im Bergwerk arbeiten und wurde nach der Ableistung der Gulag-Strafe für ewig aus allen Städten verbannt.

Wjeta wurde keine Hartmann-Philosophin, schmiss ihr Studium hin und malte Bilder. Paschka schloss das Studium ab, arbeitete aber nie als Psychologe, sondern am Bau. Er wanderte später mit einer Linzerin nach Österreich aus und gründete eine Familie, lernte Deutsch und liest noch immer Karl Marx. Am schönsten dabei finde ich, dass er sich ausgerechnet in Freistadt niedergelassen hat.

1.11.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 19042