Schlagwort-Archiv: think it over

image_print

Von Koinzidenzen und anderen Irrtümern, …

… die wir vielleicht zu wenig bedenken

Foto & Copyright: Christoph Kempter, lensflair.at

Foto & Copyright: Christoph Kempter, lensflair.at

Woran es wohl liegt, dass die Großhirnrinde 52 Rindenfelder hat? 52! So viele Wochen hat das Jahr. Erstaunlich, nicht? Ein Feld pro Woche (geistig) zu beackern, das müsste doch übers Jahr gesehen zu schaffen sein …

Und warum heißt die Amygdala auch Mandelkern, wo doch das Gehirn aussieht wie eine Walnuss? Außerdem: Weswegen sind Nüsse gut fürs Denken, wo doch „nuts“ vom Gegenteil zeugt?

Ist es nicht eigenartig, dass wir den Parasympathicus mehr mögen als den Sympathicus?

Und so geht es schleichend immer weiter, auch wenn es aus dem Ruder läuft. Je mehr wir unsere Gehirne strapazieren, desto mehr Verbindungen (ja, so funktionieren Netzwerke!) scheinen aufzutauchen: Dieser und jenes, solche und manches scheinen auf abenteuerliche Weise zusammenzuhängen. Wir verknüpfen, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Eingefügt wird in dieses zunehmend starre Gerüst des erhärteten Erdachten schließlich nur noch, was dem weiteren Zementieren der grauen Zellen dient.

Und wenn wir das einfach lassen? Wie wäre es damit: Geben wir doch unseren Gedanken wieder etwas mehr Raum. Hören wir auf, nach Verbindungen zu suchen, wo keine sind. Zumindest keine, die tatsächlich etwas miteinander zu tun haben.

Wir alle wünschen uns viel Freilauf fürs Gehirn. Aber nicht in das allerletzte Eck, bitte.

Und falls Sie sich fragen, was Ihnen diese Zeilen sagen wollen: gar nichts. Eins ist allerdings sicher: Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er ordentlich durch-dacht ist.

(Dieser Text ist eine leicht veränderte Version des redaktionellen Postings, das im Fasching 2022 erschienen ist.)

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 22080

 

 

Kleiner Rat

Neid und Hass, Hass und Neid
Dazu sind wir stets bereit

Wir woll’n uns so zwar nicht begreifen
Doch wenn wir doch ein wenig reifen

Wird er dünn, der schöne Schein
Ob er dein ist, oder mein

Was ist hier zu tun demnach?
(Ich mein davor und nicht danach)

Neid und Hass lern zu erkennen
(Diese sind nicht leicht zu trennen)

Hol sie nur in dir ans Licht
Sonst verstehst du beide nicht

Dann siehst du, was den and’ren rührt
Der dich sonst spazieren führt

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 22079

Den freundlichen Arrivierten

Den freundlichen Arrivierten,
die ganz deiner Meinung sind,
die alles schon kritisierten,
glaub ihnen nicht, mein Kind.

Sie öffnen dir zwar ihre Türen,
doch immer nur einen Spalt,
durch den sie mit dir diskutieren –
drinnen ist’s warm, doch dir wird es kalt.

Sie klagen dir ihre Sorgen,
als wärst du von ihnen einer.
Ach, willst du dir nur was borgen,
wird der Türspalt schon kleiner.

Frag nie, wie sie hochgekommen,
wie ihre Verdienste hießen:
Die Stimmung würde beklommen –
sie würden die Türen schließen.

Süß klingt es, ihr Bekanntnis
zum klassenlosen Ton.
Es hat damit kein Bewandtnis;
es lässt sich verkaufen, das schon.

Und reden sie auch im Gleichnis
verwegen, edel und hehr:
Lies nach im Inhaltsverzeichnis –
Siehe, es ist leer!

Sei ihnen nicht bös gesonnen:
Was brächte dir schon ihre Not?
Sie haben den Fahrstuhl genommen,
den ihnen ihr Elternhaus bot.

Sieh hin und lern es zu fassen:
Es ist noch die Fahrstuhltür!
Sie haben den Lift nie verlassen
Und riechen den Kot an dir.

Was könnten sie dir also bieten,
außer Knöpfen mit Zahlen?
Wer weiß, wo sie hingerieten,
entschiedest du ihre Wahlen?

Sie haben nur Knöpfe mit Zahlen –
die Liberalen.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 22052

Wir kippen den Effekt

Die Gräben sind unüberwindbar
Verzweiflung, ihre Brücken
Weit voneinander entfernt
Universelle Nähe
Sowohl als auch
Diener am Ende der Versuche.
Der Wille sucht seinen Plural
Erinnerung ihre Gerechtigkeit
Doch Richtung ist die alte
Die jugendlich verkleidet
Ab und zu vorbeischaut.
Du stehst mir gegenüber
Wir sehnen den Schwindel
Aller flachgelegten Horizonte
Steil, ob auf, ob ab
Die Eingeständnisse sammeln
Sich anders.

Die Gräben sind keine Gräben
Verzweiflung bleibt wo sie ist
Häuslich unterhaltsam
Jeder liebt ins Nichts
Entweder Oder
Individuell am Grenzentzug.
Die Freude sucht Fremde
Fantasie ihre unschläfrigen
Nutznischen
Trockene Bühnen im Leben.
Du stehst mir zur Seite
Wir kippen den Effekt
Jeder nie dagewesenen Furcht
Tief, ob tot oder lebendig
Die Anteilnahme sprüht
Vor vergesslichen Bildern
Bevor sie uns verlässt.

Stephan Tikatsch
blindkohlekopie | Gedichte | S.Tikatsch_2019

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 22020

Die Karriereleiter hoffentlich hinauf

„Ich komme morgen, Schatz.
Heute geht es sich leider nicht mehr aus.
Viel zu tun, weißt du, sehr viel zu tun,
genau, die Firma, mein Vorgesetzter, meine Karriere.
Damit ich endlich aufsteige vom mittleren ins obere Management.
So ist es, mein Liebes, mehr Kohle,
dafür aber auch viel mehr zu tun.
Und irgendwann, wenn ich es schaffe,
habe ich gar keine Zeit mehr, um zu dir zu kommen.
Dann würde ich sagen: „I’m so sorry, Sweetheart.
Ich liebe dich sehr, aber, it’s a pity,
die Firma braucht mich mehr.“

Faschingsverkleidete Schaufensterpuppen im April 2021

Faschingsverkleidete Schaufensterpuppen im April 2021

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 21109

Ideenfee

Es plagt Palmström eine Idee
Nein, vielmehr bloß ihr Schatten
Als wär’s der Schatten einer Fee
Auf des Verstandes Matten

Wenn Palmström nur den Schatten hätt’
Würd die Idee nicht bocken
Mit List geht er deshalb zu Bett
Ideenfee zu locken

Ein neuer Antrieb ist’s vielleicht
Es wälzt sich Palmström tüchtig
Mit einer Drehzahl unerreicht
Doch die Idee bleibt flüchtig

Geschickt weicht sie ihm immer aus
Daneben gehen die Hände
Er fährt aus seinen Decken raus
Und auch aus seinem Hemde

Die Dusche hat sich stets bewährt
Er duscht, bis wir uns freuen
Doch die Idee, die er begehrt
Sie scheint das Nass zu scheuen

Privatgeschäft, ob groß, ob klein
Muss ihn doch inspirieren
Zwei Stunden später sieht er ein
Da lässt sich nichts diktieren

Mein Hirn, ruft er, beginnt zu glüh’n!
Nichts hilft mich abzulenken!
Bloß einmal nur um nichts bemüh’n!
Bloß einmal nur nichts denken!

Da fällt ihm ein, was er gewollt:
Oh Fee, wie soll ich’s danken?
Eine Idee wie  lautres Gold:
Ein Tag ohne Gedanken!

Drauf sperrt er sich ins Atelier
Und baut eine Kabine
Es ist, oh Palmström, ach herrje!
Eine Gedankensaugmaschine!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20112

 

Südbahnweg

„Geht’s da zum Hotel Kärnten?“, fragte mich diese seltsame Frau am Südbahnweg in Krumpendorf am Wörthersee. Wieso seltsam? Der Tonfall, die Körperhaltung, eine eigenartige Person. „Mal nachdenken“, sagte ich. „Genau, hundertfünfzig Meter geradeaus, dann kommt links das Hotel Kärnten.“ „Bin ich noch richtig?“ fragte sie. „Ja, goldrichtig“, sagte ich.

Ein paar Tage später bemerkte ich, dass das Hotel Kärnten woanders liegt. Das ärgerte mich ein wenig, weil ich ungern falsche Auskünfte gebe.

Zirka zwei Wochen später sah ich diese Frau noch einmal am Südbahnweg, ich war gerade laufen. „Es ist noch nicht halb acht?“, fragte sie. Ich blieb stehen und sah auf mein Handy, 07:30 Uhr. Da bemerkte ich, dass sie eine Armbanduhr trug. Aber ich machte mir keine Gedanken.

Und noch ein paar Tage später sah ich sie wieder. Sie trug ein Einkaufssackerl, blieb vor einem Haus am Südbahnweg stehen und sperrte auf. Sie wohnt dort.

Ecke Schloßallee - Südbahnweg im nächtlichen Krumpendorf am Wörthersee

Ecke Schloßallee - Südbahnweg im nächtlichen Krumpendorf am Wörthersee

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20119

 

Steine

Hunderte Male hast du das Feld bestellt,
und nie ist auch nur eine Frucht gewachsen.
Aber dafür Steine.
Die Kiesel sind ihre Samen,
die groß werden und größer.
Im Herbst erntest du sie.
Du musst, denn das Feld ist voll von ihnen.
Und weil es sonst nichts gibt,
hast du gelernt, sie zu essen.

Drei Steine

Drei Steine

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20089

Gestirn

Ein Staubkorn
auf einer Million Kilometern
dünner als das All
ist der Ort
an dem er lebt

Er geht durch die Tage und durch die Jahre
und trifft niemanden und nichts
Niemals ist da ein Körper
der ihn anzieht
und seine Bahn ändert

Drei goldfarbene Kugeln

Drei goldfarbene Kugeln

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20037