Kategorie-Archiv: Martin Stankowski

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Im Wachs der Seele … Ludwig Thoma zum 100. Todestag am 26. August 2021

Obwohl buchstäblich landläufig, erscheint es falsch, Ludwig Thoma auf die Art seiner Klassiker wie «Lausbubengeschichten» (1905/07), den «Münchner im Himmel» (1911) oder «Jozef Filsers Briefwexel» (1912) zu beschränken. Zu solcher Eingrenzung trug maßgeblich die Rezeption der deutschen Wirtschaftswunderzeit mit ihrer (Sehn-)Sucht nach einer heilen Vergangenheit bei, die neben dem Verlagswesen – auch – in einem halben Dutzend Filmen wirksame Verbreitung fand. Aber natürlich gab Thoma solcher Interpretation reichlich Nahrung.

Thomas Werk erscheint – mir – wesentlich geprägt von einem Beobachterstatus. Dieser begründet sich, bei ihm stark ausgeprägt, in einer Mischung aus gewünschter Einbindung und eigensinnigem Nicht-Dazugehören. Zur Renitenz trugen wesentlich chaotische Lebensumstände bei, die erst in seinen mittleren Jahren dank literarischem Erfolg und dementsprechender finanzieller Absicherung in ein – äußerlich – ruhigeres Fahrwasser gelangten. Paradigmatisch steht dafür das unter eigener planerischer Beteiligung 1907 erbaute Haus »Auf der Tuften» in Rottach-Egern am Tegernsee: ein zutiefst traditionelles, halb bäuerliches (mit Bauernstube und «Kuchl»), halb bürgerliches Anwesen (mit Biedermeierzimmer) als Treffpunkt arrivierter Künstler (wie Slezak, Ganghofer, Richard Strauss).

Noch einmal zurück: Früh verlor er den Vater, einen Förster; seine Mutter, die ihren Lebensunterhalt in wechselnden Gastwirtschaften bestritt, sah für ihn eine klerikale Laufbahn vor, wohl kaum vom Jungen gewollt, was zu stets kurzfristigen Schulaufenthalten in halb Süddeutschland führte. Aus dem zunächst anhaltenden Wanderleben verblieb eine Unruhe, die in der jahrelangen unbefriedigenden Suche nach Zugehörigkeit, ob bei studentischen Corps, ob bei zahlreichen Frauenbekanntschaften, und nach beruflicher Basis, die immerhin in einigen Jahren Rechtsanwaltskanzlei in Dachau (1894–97) mündeten.
Der Wechsel nach München verlegte die Unrast in das Schriftstellerische. Er beginnt zum einen die im Umgang mit Landbevölkerung und Boheme erworbenen Erfahrungen umzusetzen in seinen Komödien und zahlreichen Kurzgeschichten. Zum anderen nimmt er die für ihn bornierte Gesellschaft aufs Korn; er wird zum entscheidenden Motor des Satiremagazins «Simplicissimus».

Einen offensichtlichen Wandel gebiert der Erste Weltkrieg. Thoma ist beileibe nicht der einzige freiwillige Kriegsbegeisterte unter Künstlern und Literaten, er überlebt, behält allerdings die deutschnationale Gesinnung bei, die ihn gepaart mit dem Erlebnis der kurzfristigen Münchner Räterepublik zum Antidemokraten macht, der im Miesbacher Provinzblatt einem rüden Antisemitismus Platz gibt. Wiederum zeigt sich das merkwürdig Ungebundene in, wie mir scheinen will, noch zunehmender Ambivalenz: Denn gleichzeitig betreibt er nach dem Ende seiner Ehe mit der Tänzerin «Marion» (1911) nunmehr ausgerechnet eine emotional aufwallende Beziehung zur aus jüdischem großem Haus stammenden Maidi Liebermann und behält in seinen Texten jetzt – vor allem – die halb beschönigende, halb reservierte Sicht auf die alte Heimat bei. Gibt er sich äußerlich als stämmiger bodenständiger Bajuware mit Schnauzbart, ländlicher Kleidung, Pfeife mit langem Rohr und Jagdleidenschaft, rutscht er psychisch in Depressionen und beginnt, an Magenkrebs zu leiden, an dem er 54-jährig stirbt.

Eine Art Zusammenfassung seiner literarischen Ambitionen – Im Wachs der Seele hat sich auch alles Äußere so abgedrückt, daß ich dadurch immer noch die treuesten Bilder von Menschen und Dingen geben konnte – und seines inneren Zustands bietet nach meinem Dafürhalten der Roman «Altaich» (1918). Der Untertitel «Eine heitere Sommergeschichte» wirkt fast provokant, denn es geht im Dachauer Umfeld um das Aufmotzen eines neuerdings durch Lokalbahn angebundenen stattlichen Dorfs zum Luftkurort. Während einer Saison treffen hier Auswärtige ein, Münchner(!) Beamte, Schweizer Poet, habsburgischer Offizier, Berliner Kaufmann mit Gattin und Tochter, eine halbseidene Dorfstämmige, ein überkandidelter Kunstgeschichtler, denen einige Dorfgranden und Hausdiener in derselben, nicht zuletzt sprachlichen Überzeichnung gegenübergestellt werden mit dem einzigen Antipol einer ehrbaren Müllerfamilie. Das Karikaturenhafte einer altbaierischen Verwurzelung gegenüber städtischem Milieu erinnert an die Simplicissimus-Zeiten, in dem solche Wesensarten bereits mit spitzer Feder aufgespießt wurden, nunmehr allerdings durch das gutmütig dramatische, rückwärtsgewandt-utopische Geschehen und durch eingewobene persönliche Erinnerungen wie jene an seinen Bruder gemildert.

Letztlich zieht Thoma selbst (s)ein Fazit: Leute, die meine Bücher beurteilen, sehen über ein paar lustigen Dingen nicht die Hauptsache, in der allein die Schwierigkeit und darum auch das Können liegt. Das ist, daß alle Menschen leben müssen, nach ihrem Typus denken und handeln.[1] Da winkt nicht nur der von ihm geschätzte Fontane, dessen «Jenny Treibel» er verehrte, von fern, diese Haltung rückt ebenfalls vieles heimattümelnd Ehemalige, vieles In-sich-Kreisende, auch mehrstimmige Ungeordnete, vieles etwas aufstoßende Durchsichtige in ein von uns Heutigen leidlich akzeptabel nachvollziehbares literarisches Licht. Dass er in einem Testament seine Nächsten reich bedachte, mag zudem über seinen schwierigen, nicht gerade geradlinigen Charakter hinweghelfen.

[1] Die beiden Zitate stammen aus Briefen an Maidi von Liebermann vom 8. 9. und 4. 10. 1919; in L. Th., Ausgewählte Briefe, München (Langen) 1927

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wurde veröffentlicht in: «Der Literarische Zaunkönig» Nr. 2/2021

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Friedrich Reinhold Dürrenmatt zum 100. Geburtstag am 5. Januar 2021

Alles ist ausgespielt.

Das Eingangszitat stammt aus «Die Physiker» und müsste für diesen Essay eigentlich mit einem großen Fragezeichen versehen werden[1]. In konträrer Attitude überlegte das St. Galler Tagblatt, «… warum er immer noch beunruhigt und inspiriert», zu Beginn der Gedenkwochen auf seiner November-App. Die publizistischen Würdigungen überschlagen sich, nicht nur zum 100. Geburtstag, sondern überdies zum 30. Todestag am vergangenen 14. Dezember. Macht es Sinn, diesem ernsthaften Potpourri noch etwas hinzuzufügen? Oder anders: Es kann wohl nur um eine persönliche Sicht gehen; deshalb zuerst meine Erinnerungen:

Als 13-/14-Jähriger spielte ich in einer Schulaufführung in «Romulus der Große» den oströmischen Kaiser Zeno, einen vor lauter Unsicherheit blasiert Auftretenden; ich beneidete die titelgebende Hauptperson (den Deutschlehrer), die sich bodenständig wie ungeordnet mit Landwirtschaftlichem abgeben durfte. Die hierher gehörende Anekdote ist einfach zu aussagekräftig: Romulus, der letzte weströmische Kaiser, setzt sich zum Morgenessen, was den Vorwurf eines schlechten Deutschs hervorrief, worauf Dürrenmatt während der Proben das beanstandete Wort beließ, jedoch hinzufügt was richtiges Latein ist, bestimme ich.
Ein anderes Mal hielt man ihm bei einer Rede in Deutschland entgegen, er solle doch Hochdeutsch sprechen, worauf er erwiderte: Ich kann nicht höher! (Auf Dürrenmatts Sprache ist noch zurückzukommen!) Und der nicht nur diese beiden Male, sondern zeit seines Lebens höchst pointiert-flexibel reagierende Autor hätte zweifellos seinen zustimmenden Spaß gehabt bei einer etwas später von mir erlebten Aufführung des Stücks auf Italienisch mit dem Gag, dass die einbrechenden Germanen ihr heimisches Idiom sprachen, das dann von einem der Ihren für Romulus simultan übersetzt wurde.

Zweitens: Nicht von ungefähr setzt sich meine Erinnerung fest am letzten öffentlichen Auftritt Dürrenmatts in der Schweiz am 22. November 1990: In einer Rede[2] verglich er sein Land mit einem sicheren Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben, sprich dasjenige ihrer Neutralität. Als frei gelten [nun einmal] für die Aussenwelt nur die Wärter, denn wären diese nicht frei, wären sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Aber: Wer [dergestalt] dialektisch lebt, kommt in psychologische Schwierigkeiten.
Das Remedium stellt die Anlage von Akten über diejenigen Insassen, welche sich doch nicht frei fühlen; Dürrenmatt spielt dabei ganz konkret auf den gerade aufgeflogenen «Fichenskandal» an[3]. Für ihn höchst bezeichnend seine sarkastisch-parodistische Folgerung: Aber da das Aktengebirge so gewaltig ist, kam die Gefängnisverwaltung zum Entschluss, dass es sich selber angelegt hat. Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich. […] So ist denn das Gefängnis in Verruf geraten. Es zweifelt an sich selber.

Der Inhalt wirkt auf seine Sichtweise: eine fast erbarmungslose Konsequenz und ein verbindlicher fast belletristischer Ton. (Anders als sein, immer wieder mit ihm im gleichen Atemzug genannter, landsmännischer Zeitgenosse Max Frisch, der es eher mit schlüssiger Härte und einem sachlichen Ton hielt.)
Dabei war das nur, einen guten Monat vor seinem Tod, sozusagen der (vor)letzte Trumpf und in gewisser Weise auch ein Rückblick. Bereits der doppelt im Zentrum stehende Satz Durch den Menschen wird alles paradox, verwandelt sich der Sinn in Widersinn, Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit, Freiheit in Unfreiheit, weil der Mensch selber ein Paradoxon ist, eine irrationale Rationalität beschreibt das Credo und, nehmen wir die Wendung von Handeln in Schuld hinzu, die von ihm immer wieder aufs Neue entdeckten Thematiken seines Werks.

Bei F.D. geht es zutiefst um die nicht aus dem Zusammenhang der gesamten Lebenssituation lösbare Situation des Einzelmenschen in Relation zur höchst komplex verstandenen individuellen Freiheit. Ein letztes Mal aus der Rede: Was sind wir Schweizer für Menschen? Vom Schicksal verschont zu werden ist weder Schande noch Ruhm, aber es ist ein Menetekel. Aus der ihn immer umtreibenden Frage des Wo stehen wir? ergibt sich eine Weltsicht, die, meine ich, durch die angepasst bürgerlichen Existenzen hindurch von Melancholie im wörtlichen Sinn der Schwarzgalligkeit – nachgerade dürrenmattisch ist natürlich der Sieg des Passiven[4] – mit depressiven Anklängen im Sinn von Verstimmtheit insbesondere über das Scheitern getragen wird. Daß ich immer wieder die schlimmstmögliche Wendung – für ihn sozusagen der einzig mögliche (Werk-)Schluss – darstelle, hat nichts mit Pessimismus zu tun, auch nichts mit einer fixen Idee. Die schlimmstmögliche Wendung ist das dramaturgisch Darstellbare[5] – und, so kann hinzugefügt werden, wohl neben der steten Reflexion über den Zufall, der die Rolle der Moral[6] und – nicht zuletzt durch seine eigene gesundheitliche Situation mitgetragen[7] – das Phänomenon des Leidens einschließt, eine seiner Konsequenzen aus der zwiespältig erlebten Herkunft aus einem Pfarrerhaus im Berner Umfeld.

Ein dritter persönlicher Einstieg ist für mich als gelernten Kunsthistoriker die (an sich nicht seltene) Doppelbegabung Dürrenmatts als Mann der Sprache und als Mann der Malerei resp. Zeichnung[8]. Insbesondere aufschlussreich ist dabei die eigene grundlegende Darstellung zum Thema in einer kurzen Publikation anlässlich einer Ausstellung mit begleitendem Band 1978[9]. Man hat seine Arbeiten mit ihren vielen Anspielungen seinerzeit als surrealistisch bezeichnet, dagegen wandte sich Dürrenmatt mit Verve: So sind denn auch die Assoziationen, aus denen sich meine Bilder zusammenbauen, Resultate meines persönlichen Denkabenteuers, nicht die einer allgemeinen Denkmethode. Ich male nicht surrealistische Bilder (…), ich male für mich verständliche Bilder: Ich male für mich. Darum bin ich kein Maler. Ich stelle mich der Zeit, und unserer Zeit kommt man nicht mit dem Wort allein bei.

Zweifellos lassen sich (den Umfang dieses Essays sprengend) aus den häufigen Bildmotiven wie Kreuzigung oder Turmbau oder Schwangerschaft oder Ratten Rückschlüsse auf dort nicht in dieser Form expressis verbis geäußerte Verbindungen im schriftstellerischen Werk herstellen, so wie ihrerseits die häufig karikaturenhaften Zeichnungen Hinweise auf einen Einstieg in die inhaltliche Materie geben mögen. So stellt denn mein Malen und Zeichnen eine Ergänzung meiner Schriftstellerei dar - für alles, das ich nur bildnerisch ausdrücken kann. So gibt es denn auch nur wenig rein ‚Illustratives‘ von mir. Auch beim Schreiben gehe ich nicht von einem Problem aus, sondern von Bildern, denn das Ursprüngliche ist stets das Bild, die Situation - die Welt.

Als mindestens ebenso wesentlich ergibt sich für mich eine andere Verbindung durch den Umstand, dass die Arbeiten mit Pinsel und Stift mit Unterbrechungen über eine lange Zeitspanne entstanden, vielfach nicht effektiv beendet wurden. In der Kunstwissenschaft finden sich reihenweise Überlegungen zum «non finito» mit den jeweiligen Untersuchungen über die Gründe (Absicht aus dem Werk heraus; aus der persönlichen Lage; den Zeitumständen verpflichtet? etc.).
Man verband Dürrenmatt gerne mit einem barocken Stil, nahm dabei allerdings primär seinen Lebenswandel aufs Korn[10], vergaß, wie ich meine, jedoch, in unserem Zusammenhang unbedingt passender, seine publizistische Relevanz für eine Originalität, die dem Original keinen letztgültigen Wert zuerkannte.

Stets blieb er, der Theaterpraktiker, Änderungen in seinen Dramen gegenüber offen, selbst partielle Neufassungen wie des «Romulus» sind nicht selten, gleichermaßen veränderte er viele Prosawerke namentlich in den abschließenden Textpassagen wie etwa im letzten Kapitel in «Grieche sucht Griechin», goss sie in beträchtlicher Anzahl in Hörspielform, in Filmtextbücher und zwei Mal sogar in Opernlibretti[11] um.
Als ein bezeichnendes pars pro toto darf die – noch? – Schullektüre «Die Panne» gelten: Die Erzählung entstand 1955 und fast parallel als Hörspiel, das, 1957 zum Fernsehspiel umfunktioniert, 1979 in eine Komödie umgewandelt wurde. Hinter dieser Großzügigkeit gegenüber Mehrfachfassungen standen praktische Überlegungen: Es wäre die Form des scheinbar fragmentarischen vielleicht doch die dichterischste[12] einerseits, andererseits, wohl entscheidender, die nicht nachlassende Chance, die kreativen Potentiale der Einfälle und Motive auszuloten.

Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke. Dieses Denken ist – der vierte Punkt, der mich jetzt als Schreibenden fasziniert – in einer kaum zu übertreffenden Weise unmittelbar mit der sprachlichen Formulierung verbunden. Trotz des Rückzugs in eine mit 31 Jahren selbst gebaute Idylle oberhalb des Neuenburger Sees erscheint Dürrenmatt als mündlicher Kommunikator ersten Ranges. Seine Korrespondenz erfolgt ab den 1950er Jahren kaum mehr schriftlich (umfangreich hingegen die Typographien seiner Sekretärin), die Länge seiner Telefonate ist legendär. Die Basis gilt auch in umgekehrter Hinsicht, Max Frisch urteilt über Dürrenmatt als Rekonvaleszenten nach Herzinfarkt im Unterengadin, er sei ein Herkules im Zuhören; es kommt auf den Partner an. Die Basis des gesprochenen Worts wirkt sich auf alle Texte aus, noch einmal Frisch: Dürrenmatt ist ein Erzähler von Geblüt, er braucht Zuhörer, die gewillt oder gezwungen sind, sich unterrichten zu lassen.[13]

Zweifellos kommt F.D.s grandioser Erfolg im Theater nach dem Durchbruch 1949 mit Romulus, namentlich 1956 mit «Der Besuch der alten Dame», eines in der Folge weltweit meistaufgeführten Stücke, und dem ebenso internationalen Ruhm erringenden «Die Physiker» 1962 somit keineswegs von ungefähr; seit 1954 übt er auch die Gegenseite des Verfassers als Regisseur anderer (älterer) und eigener Stücke, sogar, wenngleich eher unglücklich, als Mitarbeiter der Basler und Zürcher Bühnen[14], schrieb eine Zeitlang Theaterkritiken[15], verfasste theoretische Arbeiten wie die Theaterprobleme aus 1954.

Selbst seine vielen Prosawerke leben trotz aller für ihn (selbst in den «unendlichen» Szenenangaben in den Dramen) unerlässlicher prägnanter Charakterisierung der räumlichen Umstände von den durchdacht geführten Dialogen. Und er hielt darüber hinaus als glänzender Rhetoriker bei vielen Gelegenheiten, nicht zuletzt bei zahlreichen Preisverleihungen[16] und Ehrendoktoraten, der insbesondere einheimischen Kulturwelt ihren zeitgenössischen Spiegel vor, Reden, deren Texte er, der Gattungs-Ungebundene, für die Drucklegung in eine Essay-Form überarbeitete.
Sprache ist also gewissermaßen die Ursubstanz seines Seins. Je länger, desto persönlicher geriert sich die Ausdrucksweise über den freien Umgang mit Grammatik und Interpunktion bis, nach anfänglicher Zurückhaltung immer dezidierter im Antagonismus zu deutschen Lektoren[17], zum gezielten Einbau von Helvetismen, die später sogar im Duden Aufnahme fanden. Ich schreibe ein Deutsch, das auf dem Boden des Berndeutschen gewachsen ist[18], aber darin liegt mehr begründet als das gern eingesetzte Lokalkolorit: Gerade bei F.D. lebt das Dialektische ganz ursprünglich vom Beschreiben des Praktischen und von seiner Bildhaftigkeit – womit sich der Kreis zum Maler und Zeichner schließt.

Der erwähnte Höhenflug führte zwar nicht ikarusgleich zum Absturz, doch fiel Dürrenmatt nach Misserfolgen mehrfach in schwere Krisen, ein besonderer Verdruss erwuchs ihm  Anfang der 1970er Jahre. Kathartisch wecken sie neues Bewusstsein: [… meine Theaterarbeiten stehen im luftleeren Raum des Nichts-Einbringens, ich muss mich wahrscheinlich auf einige Zeit auf die Prosa stürzen und einige Romane schreiben um leben zu können.[19] Schriftstellerisch geht diese Rechnung so ganz nicht auf, seine Produktion in den verschiedensten literarischen Sparten läuft mit den ihm zur Natur gewordenen Spannungsbögen weiter auf sehr hohem Niveau.

Für Dürrenmatt – für den Distanz grundsätzlich eine Voraussetzung von Wahrnehmung war[20] bis hin zur Liebe zur Astronomie mit eigenem Teleskop – bleibt der, meines Erachtens, in der  zweiten Lebenshälfte ebenso kultivierte (denn Sie wissen ja, dass auch die Besten nur von wenigen verstanden werden[21]) wie ausgeklügelte Rückzug eine Form der Selbstbestimmung bis zum Punkt der Zensur für die private, stark familiär geprägte Sphäre[22]; offensichtlich gedachte er stets des Bilds, das er der Öffentlichkeit präsentieren wollte.

Eine besondere Reprise ergibt sich im letzten abgeschlossenen Werk, dem kurzen Roman «Durcheinandertal» 1989. Hier zieht der Autor in gedrängt aufeinander folgenden Rundumschlägen noch einmal alle Register, um im fiktiven Kosmos das Gewohnte auf den Kopf zu stellen, Negatives und Positives ins Gegenteilige umzukehren, um dann in apokalyptischem Furor die Welt in Flammen untergehen zu lassen (mit Ausnahme, wohl bezeichnenderweise, einer Schwangeren).

Wer nicht zum nicht zuletzt durch mannigfaches Rekurrieren auf Bibelworte provokanten Chaos greifen will[23], erhielte ein besonderes, in vieler Hinsicht autobiografisch geprägtes Weiterverfolgen im das halbe Leben umfassenden Unternehmen der «Stoffe». Die Vorgabe Die Geschichte meiner Schriftstellerei ist die Geschichte meiner Stoffe, Stoffe jedoch sind verwandelte Eindrücke 1964[24] wird unter Beizug von viel Unveröffentlichtem von 1969 bis zum Lebensende intensiviert. Hier erscheinen in den Titeln der Bände die Überschriften das Labyrinth, der Turmbau (nicht nur in der gewohnten Metapher, sondern zugleich als der Immer-wieder-Bau verstanden) sowie der Gedankenschlosser.

Das letztlich Unvollendete passt wie ein Fazit zu diesem Autor, für den die Zufälle so umfassend sind, dass es keine Zufälle geben kann …[25]

 

[1] Gut hätte wohl auch, aus demselben Stück, das Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden gepasst, aber das Zitat wurde zwischenzeitlich geradezu inflationär gebraucht.

[2] Zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an Václav Havel; die Rede lässt sich verschiedentlich auch im Internet nachlesen.

[3] Vor allem Bundes- und kantonale Polizeibehörden, aber auch privat organisierte Schnüffler hatten jahrzehntelang umfangreiche Registerkarten («Fichen») über Ausländer, für 30 Jahre indes auch allgemein der der «Subversion» Verdächtige, für die Staatsschützer namentlich «linke» Aktivisten, Politiker und Organisationen, angelegt; die Sache flog 1989 auf, führte zu massiven Protestkundgebungen und in der Folge zu einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung.

[4] M.F. an F.D. 27.3.1949 über «Romulus» (Kurzform des Stücks «Romulus derGrosse»); Max Frisch Friedrich Dürrenmatt Briefwechsel, hrsg. von Peter Rüedi, Zürich Diogenes 1998, S. 99

[5] Zitat aus: F.D. Werkausgabe Bd. 32, Literatur und Kunst, Zürich Diogenes 1998: «Persönliche Anmerkung zu meinen Bildern und Zeichnungen» (1978)

[6] expressis verbis in der Rede «Das Theater als moralische Anstalt» 1986

[7] 1943 Gelbsucht, 1950 Diabetes-Diagnose, 1969 Herzinfarkt, 1975 Spitalsaufenthalt

[8] Man hat etwa Vergleichbares erst jüngst im Zusammenhang mit den runden Jahrestagen zu Geburtstag und Literaturnobelpreisverleihung für Carl Spitteler herausgestellt resp. entdeckt; siehe dazu den Essay im «Der literarische Zaunkönig» 3/2020. Andere Mehrfachbegabung gelten etwa Sprache und Musik. Zu diesem Aspekt bei Dürrenmatt siehe auch die Website des Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Friedrich Dürrenmatt war als angehender Student hin- und hergerissen zwischen Malerei und Literatur. Schliesslich entschied er sich für den Beruf des Schriftstellers. Während seines ganzen Lebens hat Dürrenmatt immer auch gezeichnet und gemalt. Abgesehen von einigen Karikaturen und Buchillustrationen blieb sein Bildwerk jedoch lange unbekannt. Die Sammlung des umfasst rund 1000 Einzelbilder und verschiedene Hefte.

[9] Siehe oben Anm. 5; der Band Bilder und Zeichnungen zur Werkschau in der Galerie Daniel Keel; vorausgegangen 1976 eine Bilderpräsentation im Restaurant du Rocher in Neuchâtel; folgend eine Ausstellung Das zeichnerische Werk/L’Œeuvre graphique in Neuchâtel im Musée d’Art et d’Histoire 1985. Heute dauerhafte Ausstellung im Centre Dürrenmatt in einem Neubau Mario Bottas, siehe auch oben Anm. 8.

[10] Vom auserlesenen Weinkeller über üppige Essgewohnheiten bis zu teuren Karossen.

[11] 1971 «Der Besuch der alten Dame», Musik von Gottfried von Einem, Uraufführung an der Wiener Staatsoper; 1977 «Ein Engel kommt nach Babylon» für das Zürcher Opernhaus.

[12] So in einem Briefentwurf zu M.F.s 50. Geburtstag am 15,5.1961, Rüedi wie Anm. 4, S. 157

[13] Beide Zitate Rüedi wie Anm. 4, S. 77 resp. 133.

[14] Basel 1986-69, Zürich 1970-73

[15] für die Berner Zeitung «Die Nation» 1947 und die Zürcher «Weltwoche» 1951-53

[16] allein in Österreich: 1968 Grillparzer-Preis der Österr. Akademie der Wissenschaften; 1984 Österr. Staatspreis für Europäische Literatur

[17] Als »Justiz» 1985 im Stern vorabgedruckt wurde mit Bereinigung des Mundartlichen, ließ es Dürrenmatt sogar auf einen Prozess ankommen.

[18] in seinem Essay «Zu einem Sprachproblem»

[19] Letzter erhaltener Brief FD an MF 19.2.1951, Rüedi wie Anm. 4, S. 128, damit zwar vor dem internationalen Durchbruch, doch letztlich eine Art grundsätzlicher Einstellung markierende, die auch späterhin Relevanz behält.

[20] Rüedi wie Anm. 4, S. 87

[21] F.D. an M.F. 24.1.1947, Rüedi wie Anm. 4, S. 97

[22] F.D. war zweimal verheiratet, 1947 mit der Schauspielerin Lotti Geißler (gest. 1983), mit der er drei Kinder hatte; 1984 mit der Journalistin und Theaterfrau Charlotte Kerr.

[23] Eine Zusammenfassung zum Nachlesen auf Wikipedia / Dürrenmatt / 3.2. Prosa / Durcheinandertal.

[24] Rüedi wie Anm. 4, S. 217

[25] Im Diogenes Verlag erschien eine «textgenetische Edition» «aus dem Nachlass» in 5 Bänden resp. Auf 2208 Seiten am 26. Mai 2021.

 

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wurde veröffentlicht in: «Der Literarische Zaunkönig» Nr. 1/2021.

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Johann Heinrich Pestalozzi zum 275sten Geburtstag am 12. Januar 2021

Es ist ein großes Ding in der Welt, die Zeichen der Zeit richtig zu erkennen[1].

Alles ist bei Pestalozzi weitläufig, seine (wie bei vielen Erziehern) zahlreichen Lebensstationen, seine umfangreichen pädagogischen, philosophischen, politischen, sozialreformerischen Schriften, seine Ansprachen, Reden und, nicht zuletzt durch den europäischen Zulauf, seine Briefe: Grund genug, auch ihn selbst als Motor zu Wort kommen zu lassen.

Die Grundlagen

Johann Heinrich entstammt einer wichtigen Stadtzürcher Familie, jedoch aus wenig begütertem Zweig; seine Mutter musste als Witwe bei Verwandten in der Landschaft unterkommen. Was dem Bub nach eigenem Zeugnis eine Art Außenseiterdasein aufnötigte, das zu hoher Nervosität führte. Allerdings standen dem jungen Mann als Bürger alle den «Besseren» vorbehaltenen (unentgeltlichen) Schulen zur Verfügung; dem Abschluss schloss sich ein Jusstudium an. Parallel geriet er in den Kreis, der sich «Patrioten» nannte und gegenüber dem strengen Regiment des Stadtpatriarchats im Schutz der internationalen Berühmtheit des Lehrer-Leiters Johann Jakob Bodmer äußerst kritisch eingestellt war.

Bodmer betonte den Rang der freie(n) Einbildungskraft, die das Wirkliche und das Mögliche zum Schauplatz habe[2]. Naheliegend ergab sich eine Schwärmerei für Jean-Jacques Rousseau und dessen Ideal des natürlichen selbstgestalteten Lebens[3] und Aufforderung zum einfachen ruralen Dasein[4]. Pestalozzis Begeisterung führte nicht nur zu ersten Schriften («Agis», «Wünsche»), die sich mit den negativen Seiten patriarchalischen Regiments auseinandersetzten, vor allem ließ sie ihn das Studium abbrechen, um den Weg in die wahre ländliche Existenz einzuschlagen. Dazu sollte ihm ein Praktikum bei dem Reformer Johann Rudolf Tschifferli verhelfen, der als ein Vertreter der Helvetischen Ökonomischen Gesellschaft in der Reform der Landwirtschaft ein Mittel zur Hebung des gesamten volkswirtschaftlichen Nutzens sah.

Pestalozzi wollte dieser sogenannten Agrikultur nacheifern, zum einen, um selbständiger Unternehmer zu werden, zum anderen und nicht zuletzt aus Liebe zu der um acht Jahre älteren Anna Schulthess, einer Schönheit aus ebenfalls einflussreicher Familie, welche sich gegen die Heirat mit dem unansehnlichen armen Schlucker, der von hochfliegenden Plänen lebte, wehrte, aber letztlich wohl aufgrund eines intensiven, Zwischenträger benötigenden Briefwechsels[5], nichts ausrichtete. Die Gattin sollte ihm über 45 Jahre die beständige Unterstützung, über das Hauswesen hinaus für monetäre Hilfen und mannigfache Tätigkeiten im Hintergrund bleiben: ein unschätzbarer Hort in der jahrzehntelangen stürmischen Brandung.

Die erste Stufe

Birr, eine gut 4000 Einwohner zählende Gemeinde, breitet sich 25 km nordwestlich von Zürich in einer Ebene, dem Birrfeld, zwischen den Grenzhügeln zu Reuss und Aare und wie so häufig mit Reihenhaussiedlungen und dank der Industrialisierung gestaffelten Mehrfamilienblöcken aus. Ursprünglich habsburgisch, wurde es 1528 bernisch-reformiert und kam zu Lebzeiten Pestalozzis 1798 im Rahmen der nach dem Einmarsch der Franzosen gegründeten Helvetischen Republik zum Kanton Aargau.
Mit einer Mischung aus doppeltem familiärem Erbe und verschiedenen Darlehen erwarb Pestalozzi einige Jahre nach der Hochzeit 1767 etwa 600 Meter südöstlich des kleinen Ortskerns, heute inmitten des urbanen Weichbilds, etwa 20 Hektar wenig ertragreiches Land, um – Du lebst nicht für dich allein auf Erden[6] – seine sozialen Ideale der Hebung des Volkswohls zu leben.

Von Beginn an stand das auf Feldanbau gründende Unternehmen unter ungünstigem Stern, das Unverständnis der Bauern trug maßgeblich zu Misswirtschaft und Verschuldung bei. Nach mehrmaligem Versuch mit verschiedenen Anpflanzungen entschied sich der Philanthrop Pestalozzi 1775 zur Gründung einer «Erziehungsanstalt für arme Kinder» in dem von ihm erbauten, wohl programmatisch «Neuhof» benannten Landhaus: (…) auch der Allerelendeste ist fast unter allen Umständen fähig, zu einer alle Bedürfnisse der Menschheit befriedigenden Lebensart zu gelangen[7].
Dank dem Einsatz von Ehepaar und Angestellten erhielten bis zu 37 Kinder eine neue Lebensgrundlage: Händische Arbeit auf dem Acker, Spinnen und Weben paarten sich mit Schulunterricht und religiöser Erziehung. Der Verkauf der Produkte misslang neuerlich, 1779 musste die Einrichtung mangels finanzieller Grundlagen, selbst eine Art Crowdfunding-Versuch schlug fehl, schließen. Dem Wunschbild einer Vaterfigur unter bedürftigen Kindern blieb Pestalozzi indes bis zum Lebensende treu.

Jetzt stand er nur noch für die Familie ein, deren Unterhalt er als Kleinunternehmer zumal mit Stoffdruckerei halbwegs sichern konnte. Der vorangehende horrende Misserfolg allerdings stürzte ihn in eine starke psychische Identitätskrise. Er erkannte den Fehlschlag seiner Ideale und wandelte sich durch existentielle Tiefen hindurch zum die harte Realität in die Waagschale werfenden Denker. Litt er einerseits unter der Missachtung zahlreicher Zeitgenossen nachgerade aus dem Erzieherumfeld, gelang ihm gleichwohl zunehmend die Fühlungnahme zu auswärtigen Persönlichkeiten: Kontakte, die bis zum illusorischen Liebäugeln mit Anstellungen reichten[8], die er als Aufruf zu politischen Aktivitäten etwa in der Herausgabe des «Helvetischen Volksblatts», zu pädagogischen Bekundungen wie dem Engagement für eine Volksschule, zu Schriftenrezensionen verstand und die ihn zum Literaten formten.

Letzteres gelang vor allem dank Isaak Iselin, in Basel Gründer der «Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen», der zum väterlichen Freund und Förderer avancierte, insbesondere durch die Publikationen in den «Ephemeriden der Menschheit und Bibliothek der Sittenlehre» seinem geistigen Zögling in einer der führenden Zeitschriften ein Sprachrohr im deutschen Sprachraum vermittelte.

Die folgenden Jahrzehnte werden somit entscheidend für den unermüdlichen Schriftsteller Pestalozzi, der in rund 60 Texten sowohl theoretisch wie literarisch seine Erfahrungen verwertete. Als zentral darf 1780 «Die Abendstunde eines Einsiedlers» – in der gemäß Titel noch der Mensch, optimistisch, als harmoniebegabtes Ebenbild Gottes begriffen wird – gelten und insbesondere 1781/87 der Roman «Lienhard und Gertrud», bei dem bereits der erste Band Pestalozzis internationalen Ruhm begründet. Hier weitet sich der Blick vom Einzelmenschen auf das Dorfleben, in dem die Herrschsucht des Vorstehers durch den Einsatz der Hauptfiguren in eine wirtschaftlich-tugendsame Bahn gelenkt wird, mit Auswirkungen auf das gesamte Staatsgebilde.

Eine Konsequenz zieht der Autor 1783 in «Über Gesetzgebung und Kindermord» mit einem engagierten Appell, die subjektiven Beweggründe und ein Vermeiden des Racheaspekts in den Strafprozess einfließen zu lassen. 1797 folgen das Sammelwerk «Figuren zu meinem ABC-Buch oder zu den Anfangsgründen meines Denkens», 1803 in «Fabeln» umbenannt, also Geschichten aus dem Tier- und Pflanzenreich mit belehrendem Charakter, sowie «Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts», eine Philosophie der existentiellen menschlichen Ambivalenz zwischen sinnlichen resp. niederen und inneren resp. göttlichen Eigenschaften. Überdies engagierte sich Pestalozzi nach dem Motto Die Wahrheit ist eine Arznei, die angreift[9] redaktionell und in verschiedenen «Gesellschaften».

Zwischenphase mit Neubeginn

Hatte schon im Mai 1798 Pestalozzi schriftlich dem Direktorium (der neuen Zentralregierung) seine aktive Teilnahme für eine Verbesserung der Erziehung und der Schulen für das einfache Volk angeboten, ließ sich das Projekt erst nach langem Hin und Her in der Innerschweiz in dem von den Franzosen nach dem örtlichen Aufstand verwüsteten Stans als eine Art politische Wiedergutmachung realisieren. Am 14. Januar 1799 öffnete seine Anstalt, in der er 80 Kinder, mitten unter ihnen lebend, betreute. Er griff auf die Grundlagen des Neuhof zurück, die er jetzt weiter ausarbeitete.

Das Projekt scheiterte aus politischen und konfessionellen Gründen bereits im Juni; Pestalozzi, schwer getroffen, fasst während einer ihm ermöglichten Erholungskur im «Stanser Brief»[10] seine Bemühungen zusammen, ein Text, der rasch als bedeutende Kernaussage erkannt wurde. Meine Überzeugung war mit meinem Zweck eins. [...] Schulunterricht ohne Umfassung des ganzen Geistes, den die Menschenerziehung bedarf, und ohne auf das ganze Leben der häuslichen Verhältnisse gebaut, führt in meinen Augen nicht weiter als zu einer künstlichen Verschrumpfungsmethode unseres Geschlechts[...] Überhaupt achtete ich das Lernen als Wortsache in Rücksicht auf die Worte, die sie [die Kinder] lernen mußten, und selbst auf die Begriffe, die sie bezeichneten, für ziemlich unwichtig. Ich ging eigentlich darauf aus, das Lernen mit dem Arbeiten, die Unterrichts- mit der Industrieanstalt zu verbinden und beides ineinander zu schmelzen.

Die gleichsam parallele Erkenntnis, wie sehr ansonsten in der Regel Kinder der unteren Schichten nach einer sich selbst überlassenen Phase in einen rigide unnachgiebigen, quälend trockenen Schulalltag verbannt würden, führten ihn mit nunmehr 53 Jahren zum Entscheid, persönlich das gesellschaftlich verachtete Lehrerdasein in den Fokus seiner Bemühungen zu stellen. Die Chance bot sich ihm in Burgdorf, wo er im Schloss innert Monaten eine eigentliche Erziehungsanstalt aufbauen konnte. Hier entwickelte er mit nunmehr zahlreichen Mitarbeitern intensiv seinen erzieherischen Dreiklang von Kopf, Hand und Herz in der Praxis als umfassende Methode und literarisch durch zahlreiche Schriften, vor allem 1801 durch das grundlegende «Wie Gertrud ihre Kinder lehrt»[11]: Er wurde in seinem «Fach» weit herum berühmt; der Besuch von Burgdorf wuchs zum Must für die Bildungsreisen der europäischen Eliten.
Das «Aus» im Juli 1804 resultierte neuerlich aus politischen Verwerfungen: die Mediation von Napoleons Gnaden stellte die alten Herrschaften wieder her, Bern entzog die Unterstützung. Mit einem Zwischenstopp in Münchenbuchsee nahm Pestalozzi das Angebot des jungen Kantons Waadt an, in Yverdon (Iferten) sein Werk fortzuführen.

Yverdon

In dem burgartig angelegten Schloss lebten bis zu 250 Menschen, knapp die Hälfte Kinder (ab sieben) aus allen Schichten und Jugendliche (bis 15), Lehrpersonen und Pestalozzis Haushalt mit Frau und Angestellten, zu dem zeitweise ein Töchterinstitut stieß. Die finanzielle Basis blieb stets prekär, da oft auf Schulgeld verzichtet wurde und folglich viel ehrenamtliche Arbeit zu leisten war. Neben dem fachlich sehr breit aufgestellten Unterricht bis zu 60 Wochenstunden gehörte (kaum verwunderlich) wiederum das Erlernen vielfältiger handwerklicher Tätigkeiten dazu, ebenso Sport und ausgedehnte Wanderungen. Dabei ging es immer um die Förderung jedes einzelnen Eleven in seiner Eigenart, Vergleiche und Noten blieben verpönt.

Für diese Großfamilie amtete Pestalozzi weniger als Vorstand, sondern gern als solcherart apostrophierter «Vater», wenn nicht als Übervater, der tägliche zahlreiche Besucher, Eltern wie Fachkollegen wie interessierte Laien aus halb Europa, insbesondere aus Mitteldeutschland und Preußen, empfing, publizistisch die Situation analysierte und sich täglich an alle Insassen wandte, an Festtagen auch große Reden hielt. Er war der hingebungsvolle, selbstlose Spiritus Rector schlechthin, doch fehlte die wirklichkeitsnahe organisatorische Leitung. Dies und der mangelnde ökonomische Rückhalt führte zu zunehmenden, öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten von Mitarbeitern, was parallel zum Ansehensverlust zu einem stetigen Niedergang des Instituts führte, der im März 1825 in einer De-facto-Auflösung sein Ende fand[12].

«Schwanengesang»

Pestalozzi zog sich neuerlich auf den Neuhof in Birr zurück. Hier wollte er, nunmehr mit seinem Enkel, seine Arbeit wiederum auf die Armenfürsorge abstützen[13]. Wesentlich beherrschten seine letzten Jahre die ehrliche autobiographische Aufarbeitung seines Lebensgangs und die auch eine Selbstkritik im Bewusstsein Fehlen ist menschlich, aber in seinen Fehlern verharren ist etwas mehr[14] nicht scheuende, gleichwohl von seinen Überzeugungen getragene umfassende Darstellung seiner Erziehungsgrundsätze gleichsam im Rückblick, wenn nicht als eine Art Testament, wie der Titel «Schwanengesang» nahelegt. Denn der Mensch weiß unendlich viel, dessen er sich durchaus nicht klar bewußt ist.[15]
Nicht zuletzt massive schweizweit ausgetragene Anfeindungen vergällten seine letzten Tage; er starb kurz nach dem 81. Geburtstag.

Die Erscheinung

Ein schöner Mann (eine Anmerkung: Ganzfigurige Porträts des etwa 170 cm hohen Mannes scheint es kaum zu geben) war er zweifellos nicht: ein schmales bleiches Gesicht mit hoher Stirn, betont durch schulterlanges nach hinten gekämmtes, dunkles Haar, eine lange sich unten verbreiternde Nase, ein ausgeprägter schmallippiger Mund, betont durch starke Faltenzüge, runde, aber fallende Schultern. Intensiv jedoch wirken seine hellblauen Augen mit einem warmen, die Kontaktaufnahme suchenden Blick. Güte ist ein eherner Grundsatz: Mit dem Herzen wird das Herz geleitet[16], zumal gilt Der Mensch ist Mensch, er soll nichts tun ohne Vernunft, ohne Liebe[17].

Was bleibt

▪ Seine unzähligen Texte[18] verbleiben in der Sprache der Zeit, aber in der dadurch für unsere Zeit schwer nachvollziehbaren Weitschweifigkeit beeindruckt Pestalozzis Versuch, höchst anschaulich zu sein bis hin zu drastischen Formulierungen – Hundert Menschen schärfen ihre Säbel, Tausende ihre Messer, aber Zehntausende lassen ihren Verstand ungeschärft, weil sie ihn nicht üben[19] –, darin immer zu spüren der zutiefst von Mitmenschlichkeit getragene leidenschaftliche Gestus;
▪ das Betonen der Kindheit als eigene Lebensphase und als Basis für alles Weitere: Die Idee der Elementarbildung [...] ist nichts anders als die Idee der Naturgemäßheit in der Entfaltung und Ausbildung der Anlagen und Kräfte des Menschengeschlechts[20];
▪ die Erziehung als betont authentische Daseinsform: Pestalozzi lebte stets vor, was er fordert;
▪ daraus folgend in der (Schul-)Bildungsfrage das sich Abstützen auf eine Methode – ein ihm zentraler Begriff –, mit der Pestalozzi bis heute der gültige Anreger für eine ganzheitliche Prägung der Pädagogik bleibt;
▪ nicht zuletzt auch gesellschaftlich ein namhafter Verfechter des Menschenrechts: Ihr kennt kein Völkerrecht ohne ein Volksrecht und kein Volksrecht ohne ein Menschenrecht. Reiche vergehen und Staaten verschwinden, aber die Menschennatur bleibt und ihre Gesetze sind ewig[21].

[1] aus Fabeln, 1803. 94. Faule Eichen und junge Tannen, Zusatz

[2] in Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, 1740

[3] 1762, in demselben Jahr dt. Emile oder von der Erziehung: Bis zur eigenen Urteilsbildung gilt eine Art eigener Weg nach dem Motto try and error; für P. späterhin daraus wichtig die Rolle der Körpererziehung im Zusammenhang mit der Bildung der Intelligenz; 1762 Du Contrat Social, dt. Vom Gesellschaftsvertrag 1782 mit der für P. maßgeblichen Betonung des Gemeinwohls.

[4] insbesondere Julie ou La Nouvelle Héloise Briefroman ab 1756; dt. Julie oder die neue Héloise 1761/1771: die Geschichte eines einfachen Glücks inklusive zahlreicher Landschaftsbeschreibungen rund um den Genfer See; kurz zuvor auch die Komposition einer programmatischen einaktigen Oper Le devin du village.

[5] 485 sind ediert worden.

[6] aus Die Abendstunde eines Einsiedlers 1780

[7] aus Bruchstück aus der Geschichte der niedrigsten Menschheit 1778

[8] etwa gar am Kaiserhof in Wien

[9] so in Ein Schweizer-Blatt (Wochenschrift) 1782

[10] Er ist nicht im Original erhalten, aber wurde 1822, also noch zu Pestalozzis Lebzeiten, in der Cottaschen Gesamtausgabe seiner Schriften abgedruckt.

[11] Im Grundsatz stellt es eine intensive Ausführung dar von dem im «Stanser Brief» formulierten Mein Zweck dabei war, die Vereinfachung aller Lehrmittel so weit zu treiben, daß jeder gemeine Mensch leicht dahin zu bringen sein könne, seine Kinder zu lehren und allmählich die Schulen nach und nach für die ersten Elemente beinahe überflüssig zu machen.

[12] Trotz seines Endpunkts wirkte das Vorbild Yverdons erfolgreich weiter in (Mittel-)Europa. Es kann allerdings nicht übersehen werden, dass sich zeitgleich – nicht zuletzt in der Schweiz – eine andere Form der Ausbildung ausformte, die sich alternativ primär an der Schule als eigentliche institutionelle Organisation orientierte. Hier ist im etwa 45 km entfernten, allerdings in einem anderen «Stand» (heute Kanton) gelegenen Freiburg im Üechtland ausdrücklich Pater Gregor Girard OFM zu nennen nicht zuletzt mit Blick auf die Lehrerausbildung seinerseits Nachfolge weit über den Wirkungsort namentlich ins Französische hinaus.

[13] Heute ein Berufsbildungszentrum; aus dessen Website: Der Neuhof verfügt über breite und differenzierte Angebote im Wohnbereich, in der Berufsvorbereitung und der beruflichen Grundbildung. Er steht Jugendlichen offen, die straf- oder zivilrechtlich eingewiesen werden.

[14] in Meine Lebensschicksale als Vorsteher meiner Erziehungsinstitute in Burgdorf und Iferten 1826

[15] aus Schwanengesang 1826

[16] aus Drei Briefe an Niklaus Emanuel Tscharner über die Erziehung der armen Landjugend 1777

[17] aus Ansprachen bei den Morgen- und Abendandachten des Instituts 1810

[18] vielfach nachzulesen auf www.projekt-gutenberg.org und insbesondere auf der Website der deutschen Pestalozzigesellschaft www.heinrich-pestalozzi.de.

[19] aus Über die Idee der Elementarbildung. Eine Rede, gehalten vor der Gesellschaft der schweizerischen Erziehungsfreunde im Jahre 1809 (sog. Lenzburger Rede). Nochmals passt ein Hinweis auf Père Girard bzw. dessen preisgekröntes pädagogisches Hauptwerk «De l'enseignement regulier de la langue maternelle [...]» 1835/1844.

[20] aus Schwanengesang 1826

[21] aus An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes 1815

 

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wurde veröffentlicht in: «Der Literarische Zaunkönig» Nr. 2/2021.

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Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge zum 225sten Todestag am 6. Mai 2021

Sei, was du bist, immer ganz, und immer derselbe![1]

Lebte Knigge noch, er täte mir leid: ein talentierter, fleißiger Literat, dessen Bekanntheit trotz breiter Produktion auf ein einziges Werk reduziert wird, das die Welt zusätzlich grob missversteht. Außerdem wird sein Name inflationär als Kurzformel für verschiedenerlei Aperçus verwendet, somit letztlich diskreditiert. Dabei kündet, beeindruckend, dieses Werk von dreierlei: von grenzüberschreitender Bildung; von breit gespannter gesellschaftlicher Erfahrung, die ohne eigenes Wollen und Hinzutun nicht gelingen kann; von philanthropischem Geist, der effektiv das Ergehen der Mitmenschen in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt.

Entscheidendes für die heutige Reduktion gründet im 18. Jahrhundert, in dem er lebte.
Zu diesem gehört die Ausdruckweise, die, niederdeutsch, zwar bereits unser noch allgemein gebrauchtes Idiom verwendet, aber in der damals für einen Schriftsteller offenbar notwendigen Weitschweifigkeit uns Heutige langatmig redselig dünkt und gespreizt wirkt. Schon viele Titel muten umständlich an – wofür ein Beispiel genügen mag: Über Friedrich Wilhelm den Liebreichen und meine Unterredung mit ihm von Meywerk, eine Art Roman – und verleiten uns kaum mehr zum Lesen.
Auch die eigentlichen Texte dehnen sich lang, selbst die Reise nach Braunschweig entpuppt sich als weit ausholende, uns allzu wortreich anmutende Schilderung. Das uns bekannte «Was du nicht willst …» lautet dann bei ihm: Wie würde es dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man dir dies zumutete, gegen dich also handelte, von dir das forderte? - diesen Dienst, diese Verwendung diese langweilige Arbeit, diese Erklärung?[2]

Bei alledem gilt nicht zu vergessen: Knigges Lebensverhältnisse blieben für den Stand, dem  er angehörte, zwar angemessen in der Lebensform, nicht zuletzt bei wechselnden Kammerherr- und Beamten-Diensten, im Networking bis zu standesgemäßer Heirat, sozial engagiert, kulturell wach, doch blieb seine Lage generell reichlich prekär, durch den bescheidenen Adelstitel, durch die Akzeptanz des Erbes eines überschuldeten Guts, was ihm ökonomisch das Leben lang Mühsale aufnötigte, und nicht zuletzt durch das Bewusstsein eigener geistiger Kapazitäten.

Genauer hingesehen, hatte Knigge das Problem vieler vielfachbegabter Generalisten, die aus Not auswärtige Stellen, in diesem Fall und Jahrhundert an «fremden» Höfen, annehmen müssen. Fähig, sich rasch in «neue» Arbeitsgebiete einzuarbeiten – so in Hanau 1777 in den Kulturbetrieb, was zu eigenen achtbaren Kompositionen führte[3], so in Kassel 1791 in die Tabakregie –, weckte er unter den alteingesessenen Höflingen jede Menge Vorbehalte, die zu Intrigen und zum baldigen Ausscheiden aus dem Dienst führten.
Vermutlich Ähnliches widerfuhr ihm in den «Gesellschaften», der Beitritt zu den Freimaurern brachte ihm zwar Titel, aber kaum Aufstieg; die aktive Teilnahme am kurz zuvor gegründeten Illuminatenorden brachte ihn mit seinen aufklärerischen Ideen in die Bredouille, bald trat er wieder aus, um sich auch öffentlich gegen alle Geheimbünde zu stellen[4].

Zweifellos förderten diese missgünstigen, ihm zuwiderlaufenden äußeren Umstände in hohem Maß seine innere Selbständigkeit, während er finanziell von der Familie im weitesten Sinn abhängig blieb. Zum eigentlichen Remedium avancierte die Schreibarbeit im redlichen Erwerb[5]; er dürfte mithin als einer der ersten »freien Schriftsteller» gelten. Wenn er formuliert: Mache dir keine Langeweile! das heißt: Sei nie ganz müßig![6], so galt dies für ihn selbst nicht als lebensphilosophische Maxime, sondern als zwingende Notwendigkeit.
Dabei sah er den Zwang zum Schreiben nicht als Qualitätsgarant: Ich habe zu viel geschrieben, um immer gut zu schreiben[7], meinte er 1789. Nun, hierher gehören zum einen Übersetzertätigkeit[8], Rezensionen[9] wie Theaterkritiken[10]. Seine Romane sind, einmal mehr, einmal weniger, literarisch geformte Abhandlungen zu Fragen der Zeit, in denen wie in seinen Schriften zu Ethik und namentlich zur Politik immer wieder in satirischen Überzeichnungen die Auswüchse der ständischen Ordnung für Alltag und Gesellschaftsstruktur in aller Breite abgehandelt werden.

In seinen Analysen gibt Knigge sogar gezielte, die Errungenschaften der französischen Revolution gutheißende Erklärungen ab – ein modern anmutendes Beispiel: Neue Gesetze, welche die Freiheit gewisser Handlungen einschränken, können nur mit Wissen und Willen aller erwachsenen Bürger im Staate gegeben werden – und macht, indirekt, wenngleich letztlich wenig verklausuliert, in republikanischer Gesinnung die Hebung der nicht adligen Stände zu seinem Anliegen. Trotzdem gilt, Knigge verlor (zwangsweise?) seine Rezipienten nicht aus dem Blick, wobei allerdings das von ihm gewünschte Lesepublikum breit aufgestellt zu sein hatte. Als Freiherr musste er mit dem Adel rechnen, als Gesellschafter durfte er Gesinnungsgenossen nicht außer Acht lassen, sein eigentliches Augenmerk galt hingegen dem aufstrebenden Mittelstand, …

… den er letztlich bei der Abfassung des seinen hohen Bekanntheitsgrad begründenden «Über den Umgang mit Menschen» in den Fokus stellte. Ein grobes Missverständnis besteht darin, «den Knigge» als jenen den erhobenen Zeigefinger ersetzenden Benimmapostel zu verstehen. Oder, noch fataler, «Knigge» inflationär als Etikette für alles und jedes zu missbrauchen, ergo für das, was sich vermeintlich gehöre. Was im Buch hingegen richtig, wichtig, wenn nicht entscheidend ist, ist die Bereitschaft, sich im Alltag dezidiert auf die jeweiligen Personen als Typen einzustellen.
Gerade dieser Anstoß erlaubt Knigge den Durchblick auf das menschlich allzu Menschliche, mithin den Blickpunkt auf eine Welt, die beileibe noch nicht vergangen ist; so kümmert er sich, in heutiger Diktion, um die Alles-an-sich-Zieher, die Die-andern-Überfahrer, die Sich-Anbiedernden, die penetranten Schweiger, die narzisstisch Selbstgefälligen.

Seine kompetente Hilfestellung beruht nicht in strengen Verhaltensmaßregeln, sondern in unzählbaren mild engagierten Hinweisen auf die förderliche Art, sich in den verschiedenen Kreisen zu bewegen. Nicht von ungefähr befasst sich ein (kurzes) frühes Kapitel ausdrücklich mit dem Umgang mit sich selber, der in den Kerngedanken mündet: Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andere Dich respektieren sollen! Das bedeutet konkret: Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, das Bewußtsein Deiner Menschenwürde, das Gefühl […] irgend jemand nachzustehen![11] Aus dieser Grundlage resultiert ein «Benehmen» (wenn man es denn so nennen will), bei dem dieser esprit de conduite[12] ein kalkulierendes Beobachten der erlebten Verhaltensweisen fordert. Für eine Sicherheit der Feststellungen wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie [die Leute] Dir unbemerkt zu sein glauben[13], dabei ist dezidiert Achtsamkeit gefordert auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man feurigen Genies selten antrifft … um danach (im Nachsatz) selbständig – und wir können dazusetzen: selbstbestimmt – zu handeln[14].

Knigge hielt, beachtlich, persönlich seine Maximen durch bis zu seinem Typhus-Tod mit 44 Jahren in Bremen, aber er fand in seiner Tochter nicht nur eine Nachfolge als Lyrikerin, sondern auch seine erste Biographin.

Obwohl, noch einmal, Knigge kaum verhohlen den Mittelstand in den Blick nimmt, um ihn gesellschaftsfähig zu machen, lehnte das 19. Jahrhundert zahlreiche Textstellen ab, die man in Neuauflagen der politischen Passagen entkleidete und in kleinbürgerlicher Weise umgewandelte[15].

Uns Heutige aber muss Knigges Habitus in seiner überlegten, die Zeitumstände ebenso einbeziehenden wie zugleich transponierenden Umsicht beeindrucken. So mag der Schluß in seinem Hauptwerk als Schlusswort dieses Essays auch auf ihn selbst gemünzt sein: Aber das wünscht, und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, […] daß er Genuß aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe […]. Und wenn er ausdauert, […] so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studiert hat und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen.[16]

[1] aus: Über den Umgang mit Menschen, ausgewählt und eingeleitet von Iring Fetscher, Frankfurt/Main 1962, Fischer Bücher des Wissens 434, S. 44; die Ausgabe bildet wieder den entscheidenden Text Knigges dritter Fassung von 1790 ab.

[2] wie Anm. 1, S. 48

[3] Konzert für Fagott, Streicher und basso continuo 1776; in Hanau zwei Balletts nach 1777, später sechs Sonaten für Klavier 1781 und zwei Lieder Der stille Abend kömmt herbei und Ergreift das Werk, ihr guten Kinder.1785.

[4] Philo's endliche Antwort auf verschiedene Anforderungen und Fragen, meine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend, eine Abhandlung, 1788. Zuvor bereits Sechs Predigten gegen Despotismus, Dummheit, Aberglauben, Ungerechtigkeit, Untreue und Müßiggang 1783.

[5] Zitat aus der Allg. Dt. Bibliographie 16, 1882, Online-Version

[6] Wie Anm. 1, S. 42

[7] wie Anm. 1, S. 9

[8] wie – inhaltlich kaum zufällig – des Librettos (1786) von Mozarts Figaros Hochzeit; der Confessions (1781) von Rousseau 1786-90

[9] 1779–1797 für die renommierte «Bibliothek» Friedrich Nicolais in Berlin (Gesamtedition 2009)

[10] 1786-90 in Hannover

[11] wie Anm. 1, S. 59

[12] wie Anm. 1, passim

[13] wie Anm. 1, S. 55

[14] wie Anm. 1, S. 195

[15] Der Beitrag in der ADB 1882 (wie Anm. 5) überschüttet Knigge mit geradezu gehässigen Bemerkungen.

[16] wie Anm. 1, S. 196

Martin Stankowski
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Sebastian Brant zum 500sten Todestag am 10. Mai 2021

Vß sytten man gar bald verstat / Was einer jn sym hertzen hat[1]

Vielleicht ist es in diesem Fall ja falsch, ein Lebensdatum als Anlass der Würdigung zu wählen, denn das mit dem Mann verbundene Buch sticht bei weitem seinen Namen aus, weshalb der 11. Februar 1494 mit dem Erscheinen vom «Narrenschiff» primär festzuhalten sei? Diese Sicht ist indessen in mehrfacher Hinsicht fragwürdig. Sebastian Brants Werk stellt nicht einfach eine Singulärleistung dar, es beruht auf seinem intellektuellen Werdegang, seiner akademisch-politischen Stellung wie auf der Zusammenarbeit mit handwerklichen Spitzenunternehmern: So gesehen bildet es die Spitze eines Eisbergs.
Obwohl beileibe nicht (wie oft) inhaltlich das erste seiner Gattung, obwohl in der Disposition auf Bewährtes zurückgreifend, bringt es als Prototyp und Auslöser eines kaum zu überschätzenden Hypes die «Sache» buchstäblich vorbildlich auf den zentralen Punkt und gewährt dem rund 40-jährigen Medium des Buchdrucks formidable mediale Chancen. Was zum Verständnis uns – auch – eine gehörige Portion Kulturgeschichte abnötigt.

Relativ übersichtlich ist das geographische Lebensspektrum Brants: Sohn eines Gastwirts und Ratsherrn der Reichsstadt Strassburg, wechselt er 1475 zum Studium an die Universität Basel, erst 15 Jahre zuvor gestiftet von Papst Pius II. (der die Stadt vom Konzil 1431–48 her kannte). Ab dem Alter von etwa 25 Jahren lehrt er für 17 Jahre römisches und kanonisches Recht, macht Karriere bis zum Fakultätsdekan und, sympathisch weil für einmal ein nicht zölibatärer Gelehrter, heiratet 1485 in die besten Familien ein (und wird 7-facher Vater). Nicht nur homo honoratus, wirkt Brant (latinisiert in Titio) als In beiden rechten doctorem in seinen Fachgebieten als Koryphäe, nicht zuletzt basierend auf reicher Quellenkenntnis. Neben der Jurisprudenz lehrt er Poetik, schreibt lateinische Gedichte, übersetzt (etwa Catho […] getütschet 1498), wirkt als Lektor und programmatischer Herausgeber (etwa von Werken Petrarcas oder Augustinus) im intensiven Basler Buchdruckgeschehen.

Nicht zuletzt diese «Nebentätigkeiten» förderten parallel sein Bemühen, in populärwissenschaftlichen Abhandlungen auch Nichtfachleuten die sperrige Materie zugänglich zu machen, wozu indirekt auch ein 1490 aus den Vorlesungen hervorgegangenes vielbenutztes Handbuch zu rechnen ist. Diese einer breitgefächerten Reflexion offene Haltung wirkte sich überdies in diversen bis hin zu Flugblättern kürzeren Schriften aus, in denen er Stellung zu allgemeinen religiös-moralischen oder politischen Fragen und ebenfalls zum Tagesgeschehen (wie einem Meteoriteneinschlag im Elsass) nimmt. Kurzum: Vor uns steht ein in Lehre und (Stadt-)Gesellschaft hochgeschätzter Mann, der betriebsam-vielfältig das Leben kommentiert und mit Blick auf seine Aktivität den materiell-praktischen Gegebenheiten der Kommunikation großes Gewicht beimisst.

Aus diesem Kern entsteht in zwei Jahren das «Narrenschiff». Dessen Plot, in der Eingangsvignette verdichtet, besteht im sich Versammeln aller Schelme auf dem Schiff, das wegen des nahen Weltuntergangs nach Narragonien aufbricht. Die geballte Ladung vereinigt die in Selbstgefälligkeit und Stolz kumulierenden Schwächen und Fehler der menschlichen Gattung in ihren verschiedenen Ausprägungen. Der stets mitschwingende mittelalterliche Blick auf die Vergänglichkeit paart sich mit der Kritik an den sozialen Zeitumständen und wird durchwoben von der humanistischen Forderung nach Selbsterkenntnis.
Die Einsicht im Schlussabsatz zů nutz / heilsamer ler / ermanung / vnd eruolgung / der wißheit / vernunfft / vnd gůter sytten / Ouch zů verachtung / vnd stroff der narrheyt / blintheit / Irrsal / vnd dorheit / aller stådt / vnd geschlecht der menschen fördert der Rückgriff auf die vertraute Sprache, die die Fälle kaum etwas aussparenden Fehlverhaltens drastisch-sarkastisch nachvollziehbar zu schildern vermag. Gleichwohl ist das Buch rhetorisch geschickt aufgebaut und wird von Volksweisheit und Bildungsgut durchzogen. Kein abschätziger Blick also, sondern ein Abschätzen der menschlichen Schwächen, das im Motto Den narren spiegel ich diß nenn / Jn dem ein yeder narr sich kenn didaktisch in die Lehre mündet, dass es Vernunft braucht, die sich auf die göttliche Weisheit zu beziehen hat.

Als hätte man darauf gewartet, schlug das Buch wie eine Sensation ein, es gehörte in unterschiedlich aufgemachten Nachdrucken bis weit ins 18. Jh. zu den meistgelesenen deutschsprachigen Werken. Nicht nur folgt unmittelbar eine Vielzahl auch nicht autorisierter Auflagen (gegen die sich Brant in der Ausgabe von 1499 ausdrücklich verwahrt), ebenso führt die lateinische Nachdichtung Stultifera navis seines Schülers Jakob Locher zu zahllosen Übertragungen ins Französische, Englische, Niederländische. Der Erfolg gebiert eine Narren-Literaturgattung, die teils die Figur überführt in das einfache Gemüt bis zu Grimmelshausens Simplicissimus, teils den Ansatz transponiert in eine intellektuelle Ebene, bald schon bedeutend im «Lob der Torheit» 1511 des Erasmus von Rotterdam, der ersichtlich wegen der Nähe zum Druckergewerbe 1521 in derselben Stadt Wohnsitz nimmt.

Brants dementsprechender Hinweis Gedruckt zů Basel vff die Vasenaht / die man der narren kirchwich nennet bietet nicht nur die Möglichkeit kirchlich-religiöser Einordnung, sondern bezieht sich für mich direkt auf den Ort. Denn wenn es in der Vorrede All strassen / gassen / sindt voll narren heißt, bietet die Basler Fasnacht seit 1418 bis heute dieses Schauspiel; die Unkenntlichkeit durch die «Larven» ermöglicht(e) für drei Tage die ständeaufhebende (Narren-)Freiheit. Aber nicht nur als Ortsansässiger wählt der ausgewiesene «Lateiner» das gängige Deutsch. Die häufige Erklärung im belehrenden Charakter greift allein nicht; ich meine, der Band ist eben, erleichtert durch Reime, zum Vorlesen gedacht, damit für die Nutzer (durchaus in unserem Verständnis) ein Hörbuch. Aber es ist zugleich ein Bildband zum addierten Begreifen, indem Vorrede und den 112 Kapiteln je ein Holzschnitt mitsamt sinndeutendem Drei- oder Vierzeiler voransteht.

Die Darstellungen sind nicht zwingend originär entstanden, partiell nicht zwingend im Konnex und von verschiedenen Künstlern, unter denen die Mitautorschaft des jungen, stadtanwesenden Dürer kontrovers diskutiert wird. Wie auch immer, das Buch bildet in seinem Layout die beeindruckende Frucht zahlreicher Vorstufen und eine Art neugültiger Zusammenfassung des technisch und medial Möglichen.
Auch diesbezüglich entsteht eine nicht minder bedeutende Entwicklungslinie. Deren einer Zweig richtet sich auf die einfachere Gegenüberstellung von Text und Bild, das damit enigmatische Reste als unmittelbare Illustration auflöst und sich ebenso in populärer Breite verwerten ließ wie in immer perfekterem Druckverfahren – in dem, nicht zuletzt dank Brant, Basel zur Hochburg des Genres wuchs. Der zweite Zweig baut den Konnex zum Ensemble aus, dessen Teile als Darstellungsform der Eliten multifunktional ineinandergreifen. Hierher gehören die monumentalen publizistischen Bemühungen Kaiser Maximilians I., die kurz nach 1500 mit Macht einsetzen.

Deren Entwicklung ist trotz der gelehrten und künstlerisch versierten Berater am Hof wohl direkt mit unserem Mann verbunden, der politisch ganz auf der Linie des habsburgischen Selbstverständnisses lag, ja diesem in seiner Schrift «De origine et conversatione bonorum regum» 1495 und den direkt den Kaiser ansprechenden «Varia Carmina» 1498 den zentralen Gedanken des obersten Miles Christianus vertiefte. Ebenso engagierte, gewiss auf Basis seiner intimen Rechtskenntnisse, Brant sich direkt in den Fragen der Reichsreform mit ihren neuen institutionellen Tendenzen. Zu diesen gehörte der Versuch, die unbotmäßigen Eidgenossen in den Reichsverband zurückzuzwingen.
Der 1499 an mehrfachen Orten ausgefochtene «Schwabenkrieg» fand auch vor den Toren der Stadt am Rheinknie statt; die Niederlage des Reichsheers verstärkte die Absatzbewegung Basels, das 1501 der Eidgenossenschaft beitrat.

Und Brant verließ, seinen Überzeugungen treu, den Ort seines Wirkens, um, nach Straßburg zurückgekehrt, für die nächsten 20 Jahre hohe Ämter wie Ratssyndikus und Stadtschreiber anzunehmen, Aufgaben, die, scheint es, seine literarische Produktion schmälerten; der Praktiker bedachte in der Verantwortung für Archiv und Chronistik die politisch-rechtliche Relevanz der Dokumente. Seine eindeutige Haltung (passend zur heutigen Diskussion um den neuen Wert-Konservativen?) zahlte sich aus: Maximilian ernannte Brant aufgrund seiner Meriten zum kaiserlichen Rat, später zum Pfalzgrafen und berief ihn als Beisitzer in das noch «junge» Reichskammergericht (ab 1514 am Amtssitz im nahen Worms) – und führt letztlich zu Brants «Strassburger Antrittsbesuch» beim Nachfolger Karl V. 1520 in Gent.

[1]Alle Zitate sind entnommen dem Abdruck des «Narrenschiff» auf www.projekt-gutenberg.org und aus kurzen Ausschnitten auf www.getabstract.com.

Martin Stankowski
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Christian Otto Joseph Wolfgang Morgenstern zum 150sten

Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu – zeigen.[1]

Christian Otto Joseph Wolfgang Morgenstern zum 150sten Geburtstag am 6. Mai 2021

1

Ich gestehe es am besten gleich: Die Zeilen Er gehört zu jenen Käuzen, die oft unvermittelt nackt / Ehrfurcht vor dem Schönen packt packten mich als stimmige Charakterisierung meines Studentendaseins in der Kunstwissenschaft intensiv: nicht nur damals, sondern lange weiter wirkend mit dem Kauf der einschlägigen Gedichte Morgensterns, die mich in ihrer Prägnanz seither nicht mehr verließen – und diese letztere soll hier im Fokus stehen. Der Aha-Effekt dürfte um 1970 herum gewesen sein.
Das Datum ist insofern nicht ganz unwichtig, weil damals die kleinbürgerlichen verwaltungsaffinen Vorstellungen, von Morgenstern vor einem Haufen von Jahrzehnten zuvor aufs Korn genommen, trotz aller Nachkriegswunderwelt beileibe nicht ausgestorben waren. Somit mag den heutigen jungen Erwachsenen ein spezifischer Kern der Poeme Morgensterns nicht mehr recht zugänglich sein? Faszinieren, meine ich, könnten die heutigen Generationen immerhin gleichwohl die nonchalante Reimkunst und die (je nach Gusto des seinerzeitigen Bezugfelds entkleidete) aufmüpfige Diktion.
Womit sich die Frage stellte, was dann der Unterschied zu einem gut gelungenen Rap sei? Diese Anmerkungen vielleicht als eine Art Ehrenrettung meiner selbst? Nein, in mancher Beziehung bleibt Morgenstern zeitlos!

Als Nicht-Germanisten (siehe oben) sind mir endemische Analysekategorien nicht gegeben, wenngleich mich die Aufgabe, künstlerische Sachverhalte in Worte zu fassen (noch einmal siehe oben) fast das ganze Leben begleite(te)n. Also, da ist zum einen die Melodie: Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel, kaum ein «klassisches» Versmaß aber kongenial zu den wenig inhaltsschwangeren Worten leicht plätschernd fließend bis zum Abbruch als Zäsur Wisst ihr weshalb / das Mondkalb, um dann in hiatus-beladenem Rhythmus halbwegs wiederaufgenommen zu werden Das raffinier / te Tier / tat’s um des Reimes willen.

Der an sich (im ursprünglichen Sinn) blöde Spruch «Reim, oder ich fress dich» passt somit ganz und gar nicht: Morgenstern beherrschte das Wortfinden perfekt. Denn jedes (Wort) fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus (1909). Sprache ist für ihn in welcher Form auch immer Material zum (helvetisch stilgerecht ausgedrückt) Hintersinnen. Dabei lotet er die realitätsbezogenen Verbindungen aus: Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen (1896). Grammatikalisch wird es etwa beim Werwolf, dessen erste Silbe der Deklination anheimfällt. Das Ge-dicht (!) avanciert zum Setzen markanter Punkte, die – und das macht wesentlich die Qualität aus – gleichsam unwiderruflich als Markierung platziert werden, damit kaum verrückbar.

Der Versuch eines Weglassens endete wie die berühmte eine Dose im Dosenberg, die (zuunterst) herausgezogen den ganzen Aufbau zum Einsturz brächte. Vielleicht stimmt das aber auch nicht so recht, denn Morgenstern weiß stets den Beginn als perfekten Einstieg zu inszenieren und vor allem den Schluss als zusammenfassend illustrierenden Leitgedanken punktgenau zu platzieren, damit kernig hervorzuheben: daß ihm (dem Huhn auf dem Bahnhofsvorplatz) unsere Sympathie gehört / selbst an diesem Orte / wo es stört und regelrecht unvergesslich zu machen (als Palmströms berühmt gewordenes Ergebnis der Ursachenforschung) weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf. Somit gibt Morgenstern nicht einfach einen Endpunkt an, sondern bietet uns ein regelrechtes Finale, das nachebbt, echo-gleich, darin – und seine «subkutane» Größe begründend – meditativ.

2

Ich gestehe noch einmal, dieser Morgenstern ist mir in seinen Gedichten lebendig. Der philosophische, der zeichnende und malende, also letztlich zeitgebunden eben doch irgendwie «bürgerliche» Morgenstern wirkt da fast wie ein fremder Schatten. Vielleicht, weil ich ihn erst viel später wahrnahm. Fast musste ich mich zwingen, diesen Schemen als unbedingt zugehörig zu akzeptieren. Hierher gehört zum Verständnis zwingend die Geschichte eines nur knapp 43-jährigen Lebens, das geprägt wird von der wohl von der Mutter weitergegebenen Tuberkulose. Diese befällt ihn in Krankheitsschüben und führt zu ausgedehnten «Reisen» von Kurort zu Kurort, nach Versuchen in Nord- und Mitteldeutschland ab 1905 in den bayerischen, Tiroler und Schweizer Alpen, darunter nach Davos (das er als Patient ganz konträr zu dem «Nurbesucher» Thomas Mann erlebt) und mehrfach und ausgedehnter in das nahegelegene Arosa: stets, ohne einen gesundheitlichen Durchbruch zu erringen.

Aber bereits die späte Kindheits- und Jugendzeit kennt ein häufiges Aufbrechen, sieht ihn an wechselnden Orten, unter denen Breslau (beim Vater, dem Kunstprofessor, und im Studium der Nationalökonomie) eine etwas längere Phase abgibt, auf die ab 1894 Jahre in Berlin folgen. Wohl nicht zuletzt aufgrund einiger erster Arbeiten und kleinerer Veröffentlichungen wird er kurzzeitig Dramaturg, Mitarbeiter renommierter Zeitschriften und Lektor im Verlag Bruno Cassirers, wo er (den auf seine Weise höchst eigenwilligen) Robert Walser betreut; 1905 erscheint Morgensterns bis heute bekanntestes Werk, die «Galgenlieder», die dem Kinde im Menschen und dessen Bildnertrieb gewidmet sind; 1910 folgt der «Palmström».

Morgenstern konnte den widrigen Bedingungen seiner weltlichen Existenz nicht entgehen, eine seiner Schlussfolgerungen lautet: Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum Äußersten gehen (1909). Im Mental-Geistigen bedeutet ein erster Bezugspunkt das Sich-Beschäftigen mit Kierkegaard und, intensiv, mit Nietzsche. Darauf folgt ein anderthalb Jahre umfassendes Erforschen Norwegens, das er bereist, um sprachlich die richtige Grundlage für das Übersetzen mehrfacher Dramen Ibsens, Knut Hamsuns und der Werke des (Nobelpreisträgers 1903) Bjørnstjerne Bjørnson zu gewinnen. Währenddessen Morgenstern, alles andere als nebenbei, des Landes Natur nachhaltig aufnimmt und, im Band «Sommer» (1900), in kurzgefassten sensibel wie prägnant darstellenden Texten beschreibt – mit der Schlussfolgerung im letzten der 68 Gedichte Wie vieles ist denn Wort geworden / von all dem Glück, das mich durchdrang! / Von all den seligen Accorden / ach, nur ein schwacher, flacher Klang.

Eine dritte innere Entwicklung beginnt im Sich-Befassen mit dem Mittelalter; er überträgt Verse von Walther von der Vogelweide, liest Meister Eckhart und nachfolgend Jakob Böhme; es entstehen die Sammlungen «Einkehr» (1910) – darin etwa O Leben, Leben, lass mich nicht allein! / Dies Herz hier ist bereit zu jeder Last – und «Ich und Du» (1911) mit der Aufnahme strengerer Poetikformen, sprich Sonette und Ritornelle.

Die Auseinandersetzung mit religiös begründeter Weltanschauung, ja Mystik führt ihn zu Rudolf Steiner, der ihm als großer spiritueller Forscher (…) ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmet (1913) eine die Realität durchschreitende höhere Welt zu öffnen scheint. Seinen Wandel legt Morgenstern nachdrücklich in der langen Sammlung «Wir fanden einen Pfad» (1914) nieder, er formuliert etwa Denn zu fragen ist / nach den stillen Dingen, / und zu wagen ist, / will man Licht erringen.
Die Beziehung führt zur Mitgliedschaft in der «Theosophischen Gesellschaft» und zugleich zu einer persönlichen Freundschaft bis dahin, dass Steiner Morgensterns Aschenurne im Anthroposophischen Zentrum des «Goetheanums» in der Nordostschweiz beisetzt.

Der nicht aufhören wollende Wechsel von Ort zu Ort bringt – obwohl im Tiefsten nicht gewollt: Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige Sehnsucht nach praktischem Schaffen im Großen (1897) – kaum von ungefähr die stete, beständige, perfektionierte Kurzform der Gedankenäußerungen mit sich.
«Stufen. Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen» betitelt seine Witwe Margarete geb. Gosebruch 1918 die posthume Herausgabe des von ihrem Gatten verstreut Aufgeschriebenen mit dem Hinweis auf das Material für einen autobiographisch gedachten Roman; ein Germanist mag in den Texten auch andere formale Formate finden. Die Sammlung besticht in der Intensität der in knappe Zeilen gebrachten Überlegungen, die wie die Gedichte die verschiedenen (sich auch widersprechenden) Stimmungen, die konstruktiven Kritikansätze und die konzentrierten Überlegungen zu einem sich evolutiv entwickelnden eigenen Weltbild widerspiegeln.

3

Ich gestehe, noch weiß ich einiges auswendig zu rezitieren, wobei mir «Palmström» mit seinen subversiv nachdenklichen Passagen (Und er kommt zu dem Ergebnis / nur ein Traum war das Erlebnis; oder: Kein Fühlender wird ihn verdammen / wenn er ungeschneuzt entschreitet) einen schwer zu überbietenden Höhepunkt bedeutet. Zumal die genial auf den Punkt gebrachten Zeilen bleiben definitiv haften, wenn sie, wie ebenfalls in vielen anderen Gedichten, als ein geniales Einstimmen wirken Die Möwen sehen alle aus / als ob sie Emma hießen, oder sogar, wenn sie absonderlich scheinen, wie im «Gebet»: Die Rehlein beten zur Nacht, / hab acht! / Sie falten die kleinen Zehlein, / die Rehlein, da bleibt zwingend nachhallend das Laut-Malerische bestehen. Das Stichwort ist grundlegend: Ich bin Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein. – Und das will heraus ins Reich des Wortes (1894, Brief an Marie Goettling vom 2. Juni).

Darin gründet der andere Teil des Erbes, nunmehr seines Großvaters (bis hin zum Vornamen), der als ein wichtiger Vertreter einer realistischen Landschaftsmalerei gelten darf. Auch der andere Großvater mütterlicherseits (Schertel) und sein Vater oblagen vollberuflich dieser Kunstsparte. Die Konsequenz für den Jüngsten liegt zum einen allgemein im Bildnertrieb, zum anderen ganz konkret im niemals aufgegebenen sensibel-feinen Beobachten, das ihm – siehe oben zu den Aphorismen – die in ihrer Vielschichtigkeit dichte Fülle des menschlichen (Da-)Seins erschließt. Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein (1909), es gebiert in breiter Fülle kaum von anderen nachahmensfähige Ein-Sichten Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Keine Kunst ohne die Diskussion von Ästhetik, Morgenstern kommt dezidiert zur Ansicht Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns alles Außen vermittelt wird.
Die innere Größe des Menschen Morgenstern offenbart sich in der anschließenden Fortsetzung Oder auch: Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden. In dieser das ganze Leben umfassenden Haltung, in diesem dezidierten Habitus liegt denn letztlich auch der Sprachwitz des jüngeren Morgenstern, der die ihm in der Besichtigung der Realität den notwendig erscheinenden Wechsel in den Perspektiven als (wörtlich) Durchblicke durch das Gesehene und Erlebte generiert, mit begründet – womit sich der Kreis schließt.

[1] Die Zitate, wenn nicht den Gedichten entnommen, stammen mit einer angegebenen Ausnahme aus dem Band «Stufen» 1918.

Martin Stankowski
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Zustand, Erinnerung und Ausblick. Mein Nachdenken über Emily.

No Coward Soul Is Mine: diese Zeilen, nein das ganze Gedicht der anderen, früher geborenen Emily werde ich an meiner bevorstehenden Beerdigung in diesem frühlingsfreudigen Mai 1886 vortragen lassen. Man wird meinem letzten Wunsch entsprechen, obwohl er wohl bei den meisten von jenen, die mich zu kennen und an diesem Anlass nicht fehlen zu dürfen meinen, ein Stirnrunzeln auslöst, vielleicht ein unwilliges Lächeln hervorbringt. Solche gewaltig tönenden Worte letztlich über sie, die sich sensibel vor der Welt verbarg, in einer der Erinnerung geweihten Situation? Was soll in einem solchen Moment dieser in Worte gefasste Fremdkörper? Nein, der bestimmende Körper bin ich selbst, war ich selbst – wohl von zarter Gestalt, indessen unbeugsam in seinem Ausdruckswillen.

Wer kannte mich schon, die ich, wie man weiß, vornehmlich im Hause, ja im Zimmer lebte? Da sind, da waren der das Heim der Dickinsons in Amherst prägende politisch tätige Vater und die Geschwister, also mein Anwaltsbruder mit der prachtvollen Schwägerin, meiner Schulfreundin Susan, meine Schwester Lavinia, die nach wie vor um mich in unserer Wohnstatt lebt – sowie der eine oder die andere gute, freundliche, freundschaftliche, auch liebevoll mir geistig zugewandte Bekannte. Nun, ich schrieb einiges: Zahlreich sind meine Briefe, in denen ich dann nicht allzu viel von mir verbarg, fügte ich ihnen eines meiner Gedichte bei. Ansonsten schrieb ergiebig ich nur für mich: Es dürften weit mehr als tausend Blätter in etwa fünfzig Manuskriptheften sein, die bei mir auf dem, in dem Pult liegen; fast nichts demnach wurde veröffentlicht. Rechne ich meine Umgebung nicht: Wer hätte schon die Lyrik einer Frau wahrgenommen, gar gekauft: Soll ich hinter diesen Satz ein Ausrufe- oder ein Fragezeichen setzen?

Ich zog mich zurück von der Welt. Ich zog mich zurück in mich. Freilich bedeutete das keine Weltferne. Ich nahm teil am Geschehen, gerade der große grausame Bürgerkrieg beschäftigte mich tief: Nicht dass ich kämpferische Passagen verfasste, er wirkte hinein in meine rastlosen Gedanken über die Begrenztheit des Lebens und die Sache dessen Endes selbst – mit, nein: in der Hoffnung, es bleibe vom einzelnen Menschen etwas Greifbares für die Nachwelt zurück. Und: Der Liebe gleich, der stetig ich ebenfalls nachsann, von Mann und Frau, von Mann zu Frau und umgekehrt, einer Liebe, die sich über die Grenzen hinaus verströmen sollte, verlangt meine mich uneingeschränkt zum Berührtsein und Empfinden aufrufende Teilnahme kein feminin sittsames Betragen, kein weiblich zurückhaltendes Auftreten, keine stille Bescheidenheit. Eine derartige, aus den starren Gesellschaftsregeln resultierende Haltung mag für das sich Aufführen in und außerhalb des Hauses Geltung besitzen. Bei welchem Benehmen, sollte ich nicht auffallen respektive wollte ich nicht anecken, ich eine bestimmte Rolle einzunehmen, sprich: im vorgegebenen Rahmen zu spielen hatte – wodurch in solchem Vollzug das Angepasste buchstäblich sich veräußerlicht.

Die innere Haltung ist eine ganz andere Sache: Hier verblasst, bin ich, wenn ehrlich, ganz bei mir selbst, die bürgerliche, die puritanische, die kirchlich geprägte Sozietät, wird zu Schattierungen des Gefühlten, wenn nicht gar zu immer stärker verblassenden Schatten degradiert. Hier ist die ewig kindliche Emotion erlaubt, das ewig kindliche Fragen ja Nachfragen angebracht, das ewig kindliche Aufbegehren legitim: im steten Verlangen erneut, neu aufbrechen zu können: wie im buntfrohen Aufblühen die Natur, welche mir in ihrer auf Entdeckung wartenden Sinnhaftigkeit unendlich viel bedeutet; wie zu kaum bekannten, dunstig grünen oder graubraunen Ufern, welche das Empfinden bereithält; wie in die herrliche frühe Helle oder die sanfte abendliche Kühle eines Maientags, wie in die angesichts der ungebunden strahlenden Fülle des die Jahreszeiten zusammenfassenden Indian Summer ausschwingende Seele: Not knowing when the Dawn will come, / I open every Door, / Or has it Feathers, like a Bird, / Or Billows, like a Shore – Doch ich formulierte ebenso: It would never be Common – more – I said – / Difference – had begun – / Many a bitterness – had been – / But that old sort – was done – Mein geistlicher Freund, inzwischen weit entfernt, weil hinüber an den Pazifischen Ozean übersiedelt, und die meisten all der anderen hätten wohl in dieser verknappten Struktur, in diesen Auslassungen, im frei gelassenen Schluss kaum das zum Weiterspinnen Aufgegebene, nur eine zumindest zum Teil ins Stocken geratene, reduzierte Beobachtung empfunden: nicht aber den Ausdruck einer eindringlichen Suche nach klarer Festigkeit.

Und ich ahne, nein ich weiß es, auch in Zukunft werden, nach der mutmaßlichen Publikation meiner Texte, viele Leser dieses Gebaren einer emanzipierten Bestimmtheit nicht nur schwerlich begreifen, sondern zugleich im umgekehrten Sinn rätseln, welche Beziehung sich darin ausdrücken sollte, dabei namentlich werweißend, welcher Mann, welche Frau angesprochen sein möchte. Im Bewusstsein, wie sehr die Lyrik, wie sehr meine Poetik in der Verdichtung vieles in Andeutungen verborgen, Geheimnisvolles undeklariert lässt, wie sehr Empfindungen, selbst wenn in unmissverständlichen Ausdrücken vorgelegt, in einer Echowirkung zugleich verstärkt zurückkommend wie abgeschwächt verhallend aufscheinen – muss ich lächeln: Bleibt doch mein Formuliertes offen, so offen, dass ich oft und gerne auf das Geschriebene zurückgreife, um es zu ändern.

No Coward Soul Is Mine: Durch diese mir eigene Kraft einer ebenso vorwärtsdrängenden wie Ungewohntes aufwerfenden, vermeintlich hart anmutenden Verkürzung wird: „War ihr, unerkannt, ein wildes, gar ein geheimes rebellisches Wesen eigen?“,  man womöglich fragen, nimmt man sich dereinst meine Gedichte vor. Ja, bis hinüber zum Pazifik ist der Wilde Westen hinausgezogen, von dem mich eine mittlerweile veränderte Welt zu trennen scheint. War hier im Staate Massachusetts jemals ein Westen, den es lohnte zu bezwingen? Ich erlaube mir die Gegenfrage, was denn ein Säkulum sei? Hundert Jahre vor meiner Geburt entstand an diesem Ort im Indianerland die erste Siedlung in einer, wie wir heute sagen würden, romantischen Landschaft mit hohen Erhebungen, mit tiefen Farben und ausgreifender Sicht.
Ein Rundumblick, stieg ich, wenngleich selten, hinauf. Dann allemal meinte ich ihn zu schmecken – den Anhauch der Weite, welcher die natürlichen Gegebenheiten ebenso wie die menschlichen Eingriffe enthält, vom Rauch der Feuer dort draußen seit alters her bis zum Rauch der Industrie aus jüngster Zeit unter mir – jene Luft, welche berichtet von den Interventionen der letzten Generationen in der Nähe, doch zugleich von dem fernen Geschehen in der Zeit und im Raum eines vermeintlich freien Lands.
Der Atem der Vergangenheit ist nicht mehr direkt fassbar: Wo sind sie hin, die Indianer und die Siedler, die Späher und die Kämpfer ebenso wie die Aufbauenden und die Kultivierenden? Ja, in meinem Sehnen überwinde ich die Vergangenheit, spüre ich die Unendlichkeit, obgleich der Weg zu ihr durch die starken Umformungen erschwert, wenn nicht verbarrikadiert ist – wäre da nicht das stete kleinteilige Leben, das in seinem Tagwerk nachweist, wie Grenzen den Träumen gleich überwunden werden können: To make a prairie it takes a clover and one bee, / One clover, and a bee, / And revery. / The revery alone will do, / If bees are few –

Das eine ist die Prairie, ihr Gegenpol die See; ich kann sie, so ich wollte, erreichen im Atlantik, er liegt nicht allzu entfernt von hier. Ihn mir zu vergegenwärtigen, genügt derweil meine Erinnerung und meine Phantasie – ewig bewegt in ein rauschendes Hinaus, das sich mittels der Horizontlinie wieder zu uns zurückbeugt: Land, ho! Eternity! / Ashore at last! Nicht nur hierbei, in einer Rückkoppelung, mir seit unendlichen Kindheitstagen vertraut, fuhr ich fort: There is no Frigate like a Book / To take us Lands away

I dwell in Possibility / A fairer Hause than Prose: Selbst wenn ich letztlich doch nicht alles niederschrieb von den Stimmen, Tönen, Worten, denen ich in mir nachging – es soll, es wird von meinen be-, von meinen verarbeiteten Möglichkeiten gleichwohl etwas bleiben. Da ist sie, die Stimme des Ewigen von vor der Zeit bis über die Zeit hinaus, wie, um darauf zurückzukommen, unser Indian Summer in seiner Endlosigkeit über die Höhen und Täler das Wesen des Ganzen enthält, Kraft und Vergänglichkeit, Reichtum und Vergehen, Zusammenbruch der Farbfülle und Aufbruch zu erneuertem Leben. Er ist als die wichtige Alternative zum, ich sprach es an, von mir gleich stark empfundenen Frühlingserwachen seinerseits nur in seinem Erscheinen zu erkennen; da galt es dann: The low Grass loaded with the Dew – / The Twilight stood, as Strangers do – / With Hat in Hand, polite and new – / To stay as if, or go – Was ist fremd, was bleibt uns fremd? Was ist gewohnt, was steigt nur aus uns hervor? Was bleibt, was vergeht? We never know we go when we are going / We jest and shut the Door / Fate – following – behind us bolts it – / And we accost no more – Nicht nur das Schreiben, auch das Erkennen ist, ich begriff es wohl, ein einsamer Prozess.

Gleichwohl, allein fühlte ich mich niemals: Die Religion gab mir den sicheren Standort. Es ist nicht mehr genug Platz und Zeit, Genaueres auszuführen, die Thematik ist ohnehin schlussendlich unerhört persönlich, nur dem, der Einzelnen eigen. Jedoch ich wusste immer: Gott sah mich! Indes, welcher Gott? Ich komme auf mein Wunschgedicht zurück: O God within my breast / Almighty ever-present Deity / Life, that in me hast rest, / As I Undying Life, have power in Thee heißt es dort in der nächsten Strophe. Ja, diese zweite, nein: Diese erste Emily schrieb es mir vor einem Vierteljahrhundert bereits aus dem Herzen. So ist Er, obgleich nicht greifbar, mithin hier, findet Raum selbst in der Enge des Zimmers mit Bett und Pult, weil in meinem das Umfassende des Seins suchenden Gemüt. Ich formulierte die Erkenntnis stärker von einem scheinbaren Punkt außerhalb meiner Person: Prayer is the little implement / Through which men reach / Where presence is denied them. Wobei ich betonen möchte, Er neigte sich mir persönlich zu, zu mir, wandte sich nicht zuletzt zu mir auch als bewusst weiblich empfindendem Wesen.

Ach Emily Brontë, so vieles Weiteres verbindet uns, hingesehen oder besser: hingelesen. Wir benötigen keinen Wechsel: Der unaufhaltsame Wandel ist ja, wenngleich für uns auf fester Grundlage, stets um und in uns. Die Farbe deines dortigen Moors und meiner weiten Wälder. Die Verbundenheit mit dem in allem Kreatürlichen zu erspürenden Leben – das über sich hinausweist – im immerwährenden Kreislauf – der ewige heraufziehende Nebel – ich –

Martin Stankowski
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veröffentlicht in: Literarisches Österreich 2020/2  «Freiheit», S. 93-97

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Das ist ein weites Feld. Theodor Fontane zum 200. Geburtstag am 30. Dezember 2019

Das ist ein weites Feld.[1]

Auf den Feuilletonseiten großer Zeitungen, als gedruckte Publikationen, in den Fernseh-Angeboten mehren sich zwischenzeitlich Übersichten, Zeugnisse und Interpretationen Fontanescher Werke. Zumindest frühere Schulzeiten (wie die des Schreibenden) prägte die Pflichtlektüre einzelner Gedichte und ausgewählter Romane, etwa «Die Brück’ am Tay» einerseits oder «Effi Briest» andererseits. Für Fontane jedoch gilt mehr noch als für viele andere: Ein Ausschnitt, so groß er sein mag, wird diesem Mann nicht gerecht. Sein immenses Werk stellt dafür nur einen Teilgrund. Sein Werk ist unlösbar verbunden mit seinem Leben, mit seiner persönlichen Entwicklung ebenso wie mit seinem Umfeld. Dies beschrieb er nicht nur in Erinnerungen in Mitteilungen zu seinen Kinderjahren und namentlich in dem im Alter entstandenen «Von Zwanzig bis Dreißig» sogar selbst; nahezu unüberblickbar erscheint seine inhaltlich und sprachlich reiche Korrespondenz. Auch wenn den meisten unbekannt, es sei denn in aus ihr (wie aus Romanen) als Aphorismen gebotenen Einzelsätzen (wie Die Dinge beobachten gilt mir beinah mehr, als sie zu besitzen[2]), ist sie doch integraler Teil des großen, großartigen Opus – und allein durch sie wäre Fontane bereits ein bedeutender Schriftsteller. Sein Ganzes zu begreifen dürfte immer ein Versuch bleiben, der sich aber unbedingt lohnt.

Die Anfänge sehen recht bescheiden aus: In dritter Generation einer in das reformierte Preußen ausgewanderten Hugenottenfamilie ist ihm der Beruf seines Vaters vorgegeben: Er wird ebenfalls Apotheker, wenngleich seine finanziellen Verhältnisse niemals ausreichen werden, ein eigenes Geschäft zu erwerben. Phasen der Akzeptanz wechseln mit Strecken beruflichen Zweifels, für den Außenstehenden sichtbar in seinen bereits früh verfassten Gedichten. Auf Umwegen erreicht er, nach Aufenthalten an verschiedenen Orten, bereits mit 24 Jahren in Berlin die Mitgliedschaft im «Tunnel über der Spree» genannten Literaturklub gebildeter Autodidakten ganz unterschiedlicher sozialer Niveaus. Eine eigene Stellung schafft er sich mit Balladen von einer von ihm immer mehr vervollkommneten (kunstvollen) Schlichtheit des Ausdrucks, die speziell zu packen vermag. Vorbild ist England, dessen Kultur, die für ihn nicht vom Alltag zu trennen ist, er sich bei zweimaligen vielmonatigen Aufenthalten in London als eine Art preußischer Korrespondent intensiv widmet.

Auf einer Schottland-Reise wird er sich bewusst, wie stark Landschaftliches von Geschichte geprägt ist, eine Erkenntnis, die zum Auslöser wird, nun auch die Mark Brandenburg um Berlin zu erfassen: Die «Wanderungen» werden zu einer vielverzweigten, meist in seiner Freizeit unternommenen Erforschung und Notationsarbeit, die ihn über Jahrzehnte beschäftigen und in vielen Bänden ihren Ertrag finden wird; sie entwickeln sich naturgemäß in ihrer Schreibweise, bleiben jedoch allesamt geprägt von einer Mischung aus möglichst genauer Feldforschung, einer klaren thematischen Struktur und einer angenehmen Lesbarkeit. … nur grüne Fläche (…); mal auch ein Kahn, der über diesen oder jenen Arm der Oder hingleitet, dann und wann ein mit Heu beladenes Fuhrwerk oder ein Ziegeldach, dessen helles Rot wie ein Lichtpunkt auf dem Bilde steht.[3]

Genau diese Methodik aus sachlicher Präzision und guter sprachlicher Nachvollziehbarkeit legt er einer Art Parallele im Reporterdasein zugrunde: Sie erwächst ihm aus der gleichfalls langwierigen Berichterstattung über die Kriege 1864, 1866 und 1870/71, die er jedoch nicht während der Kampfhandlungen, sondern durch Sammlung von Zeugnissen und nachträglichen Besichtigungen vor Ort – Das Büchermachen aus Büchern ist nicht meine Sache[4] – nachvollzieht. Nunmehr hält er als Neuerung fest: (Meine) Kriegsbücher sind etwas anderes: Gruppierung des Stoffs im Ganzen wie im Einzelnen; Übersicht und Klarheit; und, maßgeblich prägend für das folgende belletristische Werk, lebensvolle Darstellung und Fülle der Details[5].

Selbst daraus erwächst zwar neuerlich kein finanzieller Erfolg, aber er wird – nicht zuletzt auch durch die Kunde seiner Wochen als französischer Gefangener – bekannter bis hin zum Antritt einer zweiten beamteten Stellung. Wie in den besten (seiner) Novellen folgt der bühnengerechte Wendepunkt: Er kündigt als immerhin Mittfünfziger nach wenigen Monaten, weil er einsieht, wie sehr seine menschlichen Qualitäten und seine beruflichen Fähigkeiten unter den letztlich eingebildet-bornierten Umständen leiden müssen. Zumal seit einiger Zeit schon gilt, uns vor Erniedrigung und Unwürdigkeit zu bewahren. Und nur darauf kommt es schließlich an. Independenz über alles. Alles andere ist zuletzt nur Larifari.[6]

Die Dramatik gilt nicht nur innerlich, sie hat, trotz, wie er vorrechnet, bleibender Ersparnisse für ein Jahr, erhebliche existentielle Auswirkungen auf die sechsköpfige Familie. Nur langsam fängt sich etwa seine Frau und lässt nach und nach die schweren Sorgen hinter sich. Dahinter dürfte kaum der vielfach von Fontane bekundete Entschluss gestanden sein, in Zukunft nur noch als Schriftsteller tätig zu sein, sondern vielmehr die von ihm akzeptierte praktische Konsequenz: Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser[7], konkret: hoher Fleiß, um des lieben Brotes halber am Trapez weiterzuturnen[8], was hieß im Beendigen der begonnenen «Serienwerke» inklusive verdichtetem Schriftverkehr mit Verlegern, Publizisten, Redaktionen von Zeitschriften und Wochenblättern, unermüdliche Theaterkritiken für die «Vossische Zeitung» (die über 19 Jahre anhalten), manchmal sogar umfangreichere Gelegenheits- oder Auftragsarbeiten wie Rezensionen und Essays. Und es folgen ab seinem sechzigsten Altersjahr die vielen Romane und Novellen in dichtester Folge.

Die Familie darbt nicht, verbleibt in der eher bescheidenen Wohnung mit Hausmädchen, die Kinder schließen jedes eine respektable Ausbildung ab, das Ehepaar verbringt Teile des Sommers auf dem Land (im Harz, Erzgebirge, in Schlesien oder Mecklenburg), später in Bad Kissingen. Man lebt aber ebenso wenig auf großem Fuß, muss sich finanziell stets nach der Decke strecken, was auch heißt, sich stärker aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Die äußere Schlichtheit verinnerlicht Fontane und schreibt in dieser Anfangszeit: … daß ich an meinem Schreibtisch auf die Dauer am besten und am glücklichsten sitze. Einfache Lebensverhältnisse sind allem andern vorzuziehen; der Geist ist dabei am freiesten.[9]

Die Umstände bringen überdies mit sich, dass die Familie ein Rückzugsort wird, in oder vielleicht besser aus dem heraus sich differenziert das gesamte sich Blick und Denken darbietende Geschehen kommentieren lässt. «Bevorzugt» wird dabei eindeutig die Gattin in einem oft spannungsreichen aber immer ebenbürtigen Austausch, schriftlich fixiert in den oft durchaus längeren Trennungsphasen der Gatten. Emilie, aus vergleichbaren Verhältnissen stammend, akzeptiert zum einen das Patriarchalische mit den daraus folgenden umfassenden Diensten von Kinderaufzucht bis Haushaltsvorstandschaft, ist aber andererseits bis hin zu den Secretair-Diensten (…) täglich[10] – sprich den Abschriften aller komplexen Manuskripte und insbesondere dem Reinschreiben kaum endender Korrekturarbeiten des Perfektion anstrebenden Autors – oder gelegentlicher gesellschaftlicher Besuche eng eingebunden in die literarische Entwicklung der Zeit und insbesondere das schriftstellerische Vorankommen ihres Mannes.

Zumindest indirekt vermag man sich den Briefen Fontanes entnehmen, wie sehr Emilie in ihre Kommentierungen eingehend Bücher Dritter einschloss und in den Bewertungen der Werke des Gatten wie wohl auch in privaten Dingen oft kein Blatt vor den Mund nahm – wobei der so Beanstandete wusste, wie sehr er dies als Quell vieler Anregungen brauchte. Eine ähnliche «fachlich» vertraute Stellung dürfte nur noch die Tochter Martha, genannt Mete, gewonnen haben. Mit ihr erörtert er ebenfalls Detailfragen (wie etwa, wie die Menschen in den Texten sprechen sollten[11]) und Fragen der Literatur als Kunstsparte. Wesentliches des in den Briefen zur Arbeit Erwähnten – Basis bleibt Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache[12] -– findet sein kreatives Echo in den publizierten Werken, während die politische und nicht zuletzt die «Welt der Texte» einen reichen Widerhall im Dialog nicht zuletzt mit den «außenstehenden» Briefpartnern erhält.

Selbst als die letzten Jahre des 80-Jährigen eine Art Durchbruch auf nationalem, ja internationalem Niveau bedeuten, bleibt er der höchst skeptische, das zutiefst Humane im Geschehen freilegende Geist und wird je älter je offener für neue Entwicklungen. Bei aller sezierenden pointierten Treffsicherheit, nicht zuletzt in seiner nach wie vor faszinierend reichen Ausdrucksweise, fehlen unbeugsam harte Urteile weitgehend, sondern sein Beobachterstatus erlaubt nur eine letztlich großzügige Haltung dem Leben gegenüber. Dies gebot womöglich seine gesundheitliche Labilität, die sich aus steter nervlicher Anspannung mit depressiven Anwandlungen speiste – und somit ein weiteres, auch aus vielen anderen Biografien bekanntes Schlaglicht auf das «Künstlerleben» eines wachen, sensiblen, schöpferischen Menschen wirft: der hier stark unter der jahrzehntelangen Nichtachtung litt und doch zugleich im grundehrlichen Wissen um seine schriftstellerische Qualität ein gleichsam nicht endendes bedeutendes Werk schuf, das erst mit Fontanes Tod im Alter von 88 Jahren sein natürliches Ende fand.

Kurz zuvor beendete er in erstaunlicher, bewundernswerter Geistesfrische (dokumentiert von Gesprächspartnern) voller Entwürfe, mit regstem Interesse für alles und jedes[13] einen nunmehr letzten umfangreichen Roman, «Der Stechlin». In ihm geschieht fast nichts an Aktion, es wechseln differenzierte Beobachtungen der räumlichen Umgebung und Dialoge einiger als Exponenten gewählter Personen. Und doch wird’s beim Lesen niemals langweilig, denn mit geistvollem Gespür, mit feiner Nuancierung und verständnisvoller Milde malt Fontane ein vielfältiges, sublim angelegtes Tableau seiner Jetztzeit der späten 1890er Jahre in der preußischen Gesellschaft … und zieht zugleich eine noch heute höchst beeindruckende, ja wunderbare Summe seiner eigenen Lebenserfahrungen.

[1] vor allem bekannt aus Effi Briest 1895, Kapitel 22 und 36
[2] an die Tochter Martha (Mete) 4.8.1883
[3] aus «Das Oderland» 1863, Blick von Freienwalde
[4] an die Gattin Emilie 12.4.1871
[5] an Otto Baumann 3.9.1872
[6] an Emilie 28.5.1875
[7] aus «Der Stechlin» 1898, 4. Kapitel
[8] an den Sohn Theodor 18.10.1886
[9] an Martha 21.9.1878
[10] so in einem Brief an Mathilde von Rohr 26.4.1874
[11] Brief vom 24.8.1882
[12] aus „Unwiederbringlich“ 1891, 13. Kapitel
[13] so Paul Schlenther Mitte Sept. 1898 anlässlich der Verlobung Marthas (nach O. Drude, Fontane. Ein Leben in Briefen, insel tb 540 Frankfurt/Main 1981, S. 480)

Martin Stankowski
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Zwischen Ernst und Sarkasmus. Anne Mary Evans / George Eliot zum 200sten Geburtstag am 22. November 2019

Und hätte sie nur diesen 1871 erschienenen Roman geschrieben, wäre ihr doch ein herausgehobener Platz im englischen Literaturgeschehen des 19. Jahrhunderts sicher. Sie besaß ihre Stellung bereits zu Lebzeiten, wenn auch naturgemäß nicht unwidersprochen, und sie behielt sie bis dato: Gerade dieses Buch soll erst vor wenigen Jahren von zahlreichen Anglisten zum besten seiner Epoche gerechnet worden sein.
Der Autorin eignende gesellschaftliche Unstimmigkeiten von mehrfacher Selbstbenennung bis zu einer «wilden Ehe», die als Makel ihren Ruf im puritanischen Umfeld erheblich beeinträchtigten, wirken aus heutiger Sicht kaum mehr kompromittierend. Und doch spielten diese Rankünen durchaus eine literarische Rolle, denn zum einen benutzt sie immer wieder von neuem ein männliches Pseudonym, vornehmlich den George Eliot, zum anderen verarbeitet sie aus einem deutlichen Beobachterinnenstatus heraus das Verhalten der bürgerlichen Sozietät in ihrem Werk.

Einen gedanklichen Hintergrund stellte ihre Beziehung (über Richard Owen) zu den «Freidenkern» dar, der zu ihrer Übersetzung von D.F. Strauß und L. Feuerbach ins Englische führte. Ihr geht indessen missionarischer Eifer ab: Bei einzelnen beschreibenden Passagen des Buchs weiß man nicht recht, inwieweit die Bewertungen nun effektiv im direkten wörtlichen Sinn gemeint sind oder doch nicht ganz so ernst: britischer Humor eben.

Das hier im Fokus stehende oder besser: liegende Opus hat es wahrlich in sich: Schon äußerlich beindrucken die gut 1100 Seiten (im «normalen» Buchformat). Über die ganze Länge wird eine übersichtliche Gruppe der Handelnden in kleinstädtischem Umkreis und begrenztem zeitlichen Rahmen weniger Jahre vorgestellt; Abweichungen (wie eine Romreise) erscheinen nur peripher, freilich als spezifisch figurenbezogen verifiziert. Obwohl die Vorgänge sich verweben, verwirren sie sich kaum und bleiben über die gesamte Abfolge übersichtlich.
Demgemäß legt die Autorin den höchsten Wert der Ausführungen auf die Entwicklungen ihrer Gestalten, in denen, mittels eines ungeachtet der laufenden Erzählung deutlich auktorialen Sich-Hineinversetzens, nachdrücklich die innere Haltung das Handeln bestimmt. Konsequent stehen diese Personen abwechslungsweise im Fokus der Erzählung, einzelne – nicht zuletzt Frauen – in ihrem im doppelten hintergründigen Sinnieren und somit als eigentliche Handlungsträger herausgehoben.

Wobei sich die Roman-Handlung primär auf die Beziehungswelten, zu Sachfragen ebenso wie zu den Mitmenschen, bezieht und in zahlreichen Dialogen zu Wort kommt. Hierin zeigt die Autorin, wie erheblich sie von den vorangehenden anderen spezifisch femininen Sichtweisen in der englischen Literatur beeinflusst ist, etwa von Jane Austens älteren antipodisch aufgebauten Entwicklungsromanen und namentlich der Brontë-Schwestern jüngeren romanhaften Zuspitzungen. Indem sie noch zu der Schwestern-Generation gehört (!), ist es kaum ein Zufall, wenn Anne Mary Evans beim Schreiben trotz des erheblichen zeitlichen Abstands sich in etwa die selbe Epoche vornimmt. Dadurch erweisen sich (im heutigen Rückblick aus Mitteleuropa) viele inhaltliche Abhandlungen als in hohem Maß für die 1830er Jahre zeitgebunden, so insbesondere der Dauerschatten der Parlamentswahl im Gezerre von Torys und Whigs sowie die Frage medizinischer Forschung jenseits akademischer Institutionen.

Dass die Personen nicht nur in Verhaltens-, Sprach- und, kaum vermeidbar, Kleidungsfragen, sondern letztlich in ständigen ständischen Beziehungs- und Zuordnungsfragen stark dem Milieu und Jahrzehnt verquickt verbleiben, erstaunt beim Lesen demnach weit weniger. Andererseits, und darin liegt ein spürbarer Unterschied, beurteilt A.M.E. resp. G.E. die damalige Gesellschaft eben aus der Distanz von vier Jahrzehnten: Wobei die Gegenwart der streng viktorianisch geprägten Epoche von der Autorin offenbar nur graduell verstanden wird.
Zumindest auf diese Weise erklärt sich (für mich) der Untertitel A Study in Provincial Life, «Studie» dabei als Tableau in der (notwendig?) ausschnittsweisen Komposition verstanden und den Sinn des Haupttitels erheblich beeinflussend: Middlemarch, eine fiktive Kleinstadt Mittelenglands, die das erwünschte Spektrum an Aktivitäten ermöglicht, während zugleich das leicht erreichbare London den direkten Bezugsspiegel erlaubt. Eigentlicher Hauptträger des Geschehens ist somit der Kern einer Mittelschicht mit «Ausfransungen» nach oben und unten, die trotz aller Aktualitäten sich auf dem Marsch in eine spätere Jetztzeit (siehe noch einmal das Datum der Publikation) befindet.

Aus diesem Blickwinkel erscheint des Volumens Umfang nicht zu groß, obwohl im Verlauf des Lesens manches zumindest für heutige Nichtengländer etwas langatmig scheint, während umgekehrt der Schluss als Ausblick auf das Werden der Hauptfiguren etwas arg abrupt wirkt. Beides hingegen ist beileibe nicht auf dieses Buch beschränkt, man nehme sich nur einmal Thomas Manns Zauberberg vor (für den er sich den Nobelpreis erhoffte).
Es scheint also aus sozialphilosophischer Sicht durchaus eine gewisse Ausführlichkeit nötig, soll die Study nicht in eine akademische Abhandlung abgleiten, sondern in einen lebensvollen Bericht in der allzu menschlichen Atmosphäre weniger Jahre münden und in einer einfühlsamen, die jeweiligen Handlungsweisen in ihrer Bindung an Zeit, Raum und persönlichen Eigenheiten in literarischer – gut und gerne lesbarer – Schilderung verbleiben. Überdies liegt in der ansatzweisen Vorwegnahme (um im Angelsächsischen zu bleiben) späterer Entwicklungen wie Henry James’ feingliedrig-feinsinniger Schilderungen oder Virginia Woolfs innerem Monolog ein weiterer hoher Wert von Anne Mary Evans Werk.

Rund ein Jahrzehnt zuvor, 1860, veröffentlichte sie – nach journalistischer und Rezensionstätigkeit und dem (eher späten) literarischen Beginn mit Kurzgeschichten in Zeitschriften – einen zweiten, bereits sehr umfangreichen und erfolgreichen Roman Die Mühle am Floss (Anm.: Floss ist weder Floß noch Schreibfehler, sondern der Fluss-Name). Er gilt ebenso als eines  d e r  klassischen Bücher Englands. Im Grunde genommen finden sich bereits die Charakteristika des Hauptwerks von A assoziative Gedankengänge über F fiktionale aber konkret erlebbare Handlungsstätten, G starke Gewichtung inneren bürgerlichen Empfindens bis Z durch eine frühere Handlungsepoche zeitbedingte äußere Einwirkungen.
Die Palette der Personen bleibt enger als in Middlemarch, handelt es sich doch im Grunde genommen um einen Familienverband, wird aber zugleich eingehender herausgearbeitet.

Der Ernst des in sieben Teilbüchern intensiv geschilderten Werdegangs vor allem aus der Sicht eines Geschwisterpaars – vom Leben im Wohlstand über den Nieder- bis zum Untergang (darin cum grano salis ein Vorläufer von Manns Buddenbrooks) – erweist sich in der durchdringenden Darstellung, der lebensphilosophischen Auslegung, in der minutiösen Wiedergabe der Reaktionen von allerhöchster Intensität. In die weibliche Hauptfigur Maggie soll viel Autobiographisches eingeflossen sein; womöglich deshalb sind der sarkastische Unterton und die spitzfindigen (manchmal kapriziösen, manchmal bissigen) Randbemerkungen gar nicht zu überlesen – nicht zuletzt auch, weil hier die Autorin noch da und dort als auktoriale Erzählerin in Ich-Form Kommentare zum Verhältnis von gestern und heute einschiebt.
Der in der und für die Entstehungszeit wohl gerade aus seiner facettenreichen Aufführung resultierende «packende» sozial aufbereitete Durchblick in einer Mischung von Darstellung der sich entwickelnden Gegebenheiten einer- und von steter eingehender Bewertung der Ereignisse andererseits erweist sich für eine nicht «irgendwie» enger mit Britannien verbundene Leserschaft allerdings als etwas überdetailreich-ausholend, und an dieser deutlichen Temporeduktion kann die, die Gesellschaft aufspießende spitze Feder nicht viel ändern.

In die Zwischenzeit (1860 – 1871) fallen in dichter Folge zahlreiche Romane, und es schließen sich bis 1876 (vier Jahre vor ihrem Tod) weitere an, sie erreichen die darstellerische Dichte, die zielorientierte Durchführung, die eingehende Erschließung der beiden hier vorgestellten Werke aber im Großen und Ganzen nicht unbedingt.

[Insbesondere liegen dem Essay zugrunde: G.E., Die Mühle am Floss, übersetzt von Eva-Maria König, Stuttgart 1983/2000 Reclam UB 2711; G.E., Middlemarch, übersetzt von Irmgard Nickel, Leipzig 1979/Köln 2010.]

Martin Stankowski
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