Kategorie-Archiv: Martin Stankowski

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Zustand, Erinnerung und Ausblick. Mein Nachdenken über Emily.

No Coward Soul Is Mine: diese Zeilen, nein das ganze Gedicht der anderen, früher geborenen Emily werde ich an meiner bevorstehenden Beerdigung in diesem frühlingsfreudigen Mai 1886 vortragen lassen. Man wird meinem letzten Wunsch entsprechen, obwohl er wohl bei den meisten von jenen, die mich zu kennen und an diesem Anlass nicht fehlen zu dürfen meinen, ein Stirnrunzeln auslöst, vielleicht ein unwilliges Lächeln hervorbringt. Solche gewaltig tönenden Worte letztlich über sie, die sich sensibel vor der Welt verbarg, in einer der Erinnerung geweihten Situation? Was soll in einem solchen Moment dieser in Worte gefasste Fremdkörper? Nein, der bestimmende Körper bin ich selbst, war ich selbst – wohl von zarter Gestalt, indessen unbeugsam in seinem Ausdruckswillen.

Wer kannte mich schon, die ich, wie man weiß, vornehmlich im Hause, ja im Zimmer lebte? Da sind, da waren der das Heim der Dickinsons in Amherst prägende politisch tätige Vater und die Geschwister, also mein Anwaltsbruder mit der prachtvollen Schwägerin, meiner Schulfreundin Susan, meine Schwester Lavinia, die nach wie vor um mich in unserer Wohnstatt lebt – sowie der eine oder die andere gute, freundliche, freundschaftliche, auch liebevoll mir geistig zugewandte Bekannte. Nun, ich schrieb einiges: Zahlreich sind meine Briefe, in denen ich dann nicht allzu viel von mir verbarg, fügte ich ihnen eines meiner Gedichte bei. Ansonsten schrieb ergiebig ich nur für mich: Es dürften weit mehr als tausend Blätter in etwa fünfzig Manuskriptheften sein, die bei mir auf dem, in dem Pult liegen; fast nichts demnach wurde veröffentlicht. Rechne ich meine Umgebung nicht: Wer hätte schon die Lyrik einer Frau wahrgenommen, gar gekauft: Soll ich hinter diesen Satz ein Ausrufe- oder ein Fragezeichen setzen?

Ich zog mich zurück von der Welt. Ich zog mich zurück in mich. Freilich bedeutete das keine Weltferne. Ich nahm teil am Geschehen, gerade der große grausame Bürgerkrieg beschäftigte mich tief: Nicht dass ich kämpferische Passagen verfasste, er wirkte hinein in meine rastlosen Gedanken über die Begrenztheit des Lebens und die Sache dessen Endes selbst – mit, nein: in der Hoffnung, es bleibe vom einzelnen Menschen etwas Greifbares für die Nachwelt zurück. Und: Der Liebe gleich, der stetig ich ebenfalls nachsann, von Mann und Frau, von Mann zu Frau und umgekehrt, einer Liebe, die sich über die Grenzen hinaus verströmen sollte, verlangt meine mich uneingeschränkt zum Berührtsein und Empfinden aufrufende Teilnahme kein feminin sittsames Betragen, kein weiblich zurückhaltendes Auftreten, keine stille Bescheidenheit. Eine derartige, aus den starren Gesellschaftsregeln resultierende Haltung mag für das sich Aufführen in und außerhalb des Hauses Geltung besitzen. Bei welchem Benehmen, sollte ich nicht auffallen respektive wollte ich nicht anecken, ich eine bestimmte Rolle einzunehmen, sprich: im vorgegebenen Rahmen zu spielen hatte – wodurch in solchem Vollzug das Angepasste buchstäblich sich veräußerlicht.

Die innere Haltung ist eine ganz andere Sache: Hier verblasst, bin ich, wenn ehrlich, ganz bei mir selbst, die bürgerliche, die puritanische, die kirchlich geprägte Sozietät, wird zu Schattierungen des Gefühlten, wenn nicht gar zu immer stärker verblassenden Schatten degradiert. Hier ist die ewig kindliche Emotion erlaubt, das ewig kindliche Fragen ja Nachfragen angebracht, das ewig kindliche Aufbegehren legitim: im steten Verlangen erneut, neu aufbrechen zu können: wie im buntfrohen Aufblühen die Natur, welche mir in ihrer auf Entdeckung wartenden Sinnhaftigkeit unendlich viel bedeutet; wie zu kaum bekannten, dunstig grünen oder graubraunen Ufern, welche das Empfinden bereithält; wie in die herrliche frühe Helle oder die sanfte abendliche Kühle eines Maientags, wie in die angesichts der ungebunden strahlenden Fülle des die Jahreszeiten zusammenfassenden Indian Summer ausschwingende Seele: Not knowing when the Dawn will come, / I open every Door, / Or has it Feathers, like a Bird, / Or Billows, like a Shore – Doch ich formulierte ebenso: It would never be Common – more – I said – / Difference – had begun – / Many a bitterness – had been – / But that old sort – was done – Mein geistlicher Freund, inzwischen weit entfernt, weil hinüber an den Pazifischen Ozean übersiedelt, und die meisten all der anderen hätten wohl in dieser verknappten Struktur, in diesen Auslassungen, im frei gelassenen Schluss kaum das zum Weiterspinnen Aufgegebene, nur eine zumindest zum Teil ins Stocken geratene, reduzierte Beobachtung empfunden: nicht aber den Ausdruck einer eindringlichen Suche nach klarer Festigkeit.

Und ich ahne, nein ich weiß es, auch in Zukunft werden, nach der mutmaßlichen Publikation meiner Texte, viele Leser dieses Gebaren einer emanzipierten Bestimmtheit nicht nur schwerlich begreifen, sondern zugleich im umgekehrten Sinn rätseln, welche Beziehung sich darin ausdrücken sollte, dabei namentlich werweißend, welcher Mann, welche Frau angesprochen sein möchte. Im Bewusstsein, wie sehr die Lyrik, wie sehr meine Poetik in der Verdichtung vieles in Andeutungen verborgen, Geheimnisvolles undeklariert lässt, wie sehr Empfindungen, selbst wenn in unmissverständlichen Ausdrücken vorgelegt, in einer Echowirkung zugleich verstärkt zurückkommend wie abgeschwächt verhallend aufscheinen – muss ich lächeln: Bleibt doch mein Formuliertes offen, so offen, dass ich oft und gerne auf das Geschriebene zurückgreife, um es zu ändern.

No Coward Soul Is Mine: Durch diese mir eigene Kraft einer ebenso vorwärtsdrängenden wie Ungewohntes aufwerfenden, vermeintlich hart anmutenden Verkürzung wird: „War ihr, unerkannt, ein wildes, gar ein geheimes rebellisches Wesen eigen?“,  man womöglich fragen, nimmt man sich dereinst meine Gedichte vor. Ja, bis hinüber zum Pazifik ist der Wilde Westen hinausgezogen, von dem mich eine mittlerweile veränderte Welt zu trennen scheint. War hier im Staate Massachusetts jemals ein Westen, den es lohnte zu bezwingen? Ich erlaube mir die Gegenfrage, was denn ein Säkulum sei? Hundert Jahre vor meiner Geburt entstand an diesem Ort im Indianerland die erste Siedlung in einer, wie wir heute sagen würden, romantischen Landschaft mit hohen Erhebungen, mit tiefen Farben und ausgreifender Sicht.
Ein Rundumblick, stieg ich, wenngleich selten, hinauf. Dann allemal meinte ich ihn zu schmecken – den Anhauch der Weite, welcher die natürlichen Gegebenheiten ebenso wie die menschlichen Eingriffe enthält, vom Rauch der Feuer dort draußen seit alters her bis zum Rauch der Industrie aus jüngster Zeit unter mir – jene Luft, welche berichtet von den Interventionen der letzten Generationen in der Nähe, doch zugleich von dem fernen Geschehen in der Zeit und im Raum eines vermeintlich freien Lands.
Der Atem der Vergangenheit ist nicht mehr direkt fassbar: Wo sind sie hin, die Indianer und die Siedler, die Späher und die Kämpfer ebenso wie die Aufbauenden und die Kultivierenden? Ja, in meinem Sehnen überwinde ich die Vergangenheit, spüre ich die Unendlichkeit, obgleich der Weg zu ihr durch die starken Umformungen erschwert, wenn nicht verbarrikadiert ist – wäre da nicht das stete kleinteilige Leben, das in seinem Tagwerk nachweist, wie Grenzen den Träumen gleich überwunden werden können: To make a prairie it takes a clover and one bee, / One clover, and a bee, / And revery. / The revery alone will do, / If bees are few –

Das eine ist die Prairie, ihr Gegenpol die See; ich kann sie, so ich wollte, erreichen im Atlantik, er liegt nicht allzu entfernt von hier. Ihn mir zu vergegenwärtigen, genügt derweil meine Erinnerung und meine Phantasie – ewig bewegt in ein rauschendes Hinaus, das sich mittels der Horizontlinie wieder zu uns zurückbeugt: Land, ho! Eternity! / Ashore at last! Nicht nur hierbei, in einer Rückkoppelung, mir seit unendlichen Kindheitstagen vertraut, fuhr ich fort: There is no Frigate like a Book / To take us Lands away

I dwell in Possibility / A fairer Hause than Prose: Selbst wenn ich letztlich doch nicht alles niederschrieb von den Stimmen, Tönen, Worten, denen ich in mir nachging – es soll, es wird von meinen be-, von meinen verarbeiteten Möglichkeiten gleichwohl etwas bleiben. Da ist sie, die Stimme des Ewigen von vor der Zeit bis über die Zeit hinaus, wie, um darauf zurückzukommen, unser Indian Summer in seiner Endlosigkeit über die Höhen und Täler das Wesen des Ganzen enthält, Kraft und Vergänglichkeit, Reichtum und Vergehen, Zusammenbruch der Farbfülle und Aufbruch zu erneuertem Leben. Er ist als die wichtige Alternative zum, ich sprach es an, von mir gleich stark empfundenen Frühlingserwachen seinerseits nur in seinem Erscheinen zu erkennen; da galt es dann: The low Grass loaded with the Dew – / The Twilight stood, as Strangers do – / With Hat in Hand, polite and new – / To stay as if, or go – Was ist fremd, was bleibt uns fremd? Was ist gewohnt, was steigt nur aus uns hervor? Was bleibt, was vergeht? We never know we go when we are going / We jest and shut the Door / Fate – following – behind us bolts it – / And we accost no more – Nicht nur das Schreiben, auch das Erkennen ist, ich begriff es wohl, ein einsamer Prozess.

Gleichwohl, allein fühlte ich mich niemals: Die Religion gab mir den sicheren Standort. Es ist nicht mehr genug Platz und Zeit, Genaueres auszuführen, die Thematik ist ohnehin schlussendlich unerhört persönlich, nur dem, der Einzelnen eigen. Jedoch ich wusste immer: Gott sah mich! Indes, welcher Gott? Ich komme auf mein Wunschgedicht zurück: O God within my breast / Almighty ever-present Deity / Life, that in me hast rest, / As I Undying Life, have power in Thee heißt es dort in der nächsten Strophe. Ja, diese zweite, nein: Diese erste Emily schrieb es mir vor einem Vierteljahrhundert bereits aus dem Herzen. So ist Er, obgleich nicht greifbar, mithin hier, findet Raum selbst in der Enge des Zimmers mit Bett und Pult, weil in meinem das Umfassende des Seins suchenden Gemüt. Ich formulierte die Erkenntnis stärker von einem scheinbaren Punkt außerhalb meiner Person: Prayer is the little implement / Through which men reach / Where presence is denied them. Wobei ich betonen möchte, Er neigte sich mir persönlich zu, zu mir, wandte sich nicht zuletzt zu mir auch als bewusst weiblich empfindendem Wesen.

Ach Emily Brontë, so vieles Weiteres verbindet uns, hingesehen oder besser: hingelesen. Wir benötigen keinen Wechsel: Der unaufhaltsame Wandel ist ja, wenngleich für uns auf fester Grundlage, stets um und in uns. Die Farbe deines dortigen Moors und meiner weiten Wälder. Die Verbundenheit mit dem in allem Kreatürlichen zu erspürenden Leben – das über sich hinausweist – im immerwährenden Kreislauf – der ewige heraufziehende Nebel – ich –

Martin Stankowski
www.stankowski.info

veröffentlicht in: Literarisches Österreich 2020/2  «Freiheit», S. 93-97

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 20018

Das ist ein weites Feld. Theodor Fontane zum 200. Geburtstag am 30. Dezember 2019

Das ist ein weites Feld.[1]

Auf den Feuilletonseiten großer Zeitungen, als gedruckte Publikationen, in den Fernseh-Angeboten mehren sich zwischenzeitlich Übersichten, Zeugnisse und Interpretationen Fontanescher Werke. Zumindest frühere Schulzeiten (wie die des Schreibenden) prägte die Pflichtlektüre einzelner Gedichte und ausgewählter Romane, etwa «Die Brück’ am Tay» einerseits oder «Effi Briest» andererseits. Für Fontane jedoch gilt mehr noch als für viele andere: Ein Ausschnitt, so groß er sein mag, wird diesem Mann nicht gerecht. Sein immenses Werk stellt dafür nur einen Teilgrund. Sein Werk ist unlösbar verbunden mit seinem Leben, mit seiner persönlichen Entwicklung ebenso wie mit seinem Umfeld. Dies beschrieb er nicht nur in Erinnerungen in Mitteilungen zu seinen Kinderjahren und namentlich in dem im Alter entstandenen «Von Zwanzig bis Dreißig» sogar selbst; nahezu unüberblickbar erscheint seine inhaltlich und sprachlich reiche Korrespondenz. Auch wenn den meisten unbekannt, es sei denn in aus ihr (wie aus Romanen) als Aphorismen gebotenen Einzelsätzen (wie Die Dinge beobachten gilt mir beinah mehr, als sie zu besitzen[2]), ist sie doch integraler Teil des großen, großartigen Opus – und allein durch sie wäre Fontane bereits ein bedeutender Schriftsteller. Sein Ganzes zu begreifen dürfte immer ein Versuch bleiben, der sich aber unbedingt lohnt.

Die Anfänge sehen recht bescheiden aus: In dritter Generation einer in das reformierte Preußen ausgewanderten Hugenottenfamilie ist ihm der Beruf seines Vaters vorgegeben: Er wird ebenfalls Apotheker, wenngleich seine finanziellen Verhältnisse niemals ausreichen werden, ein eigenes Geschäft zu erwerben. Phasen der Akzeptanz wechseln mit Strecken beruflichen Zweifels, für den Außenstehenden sichtbar in seinen bereits früh verfassten Gedichten. Auf Umwegen erreicht er, nach Aufenthalten an verschiedenen Orten, bereits mit 24 Jahren in Berlin die Mitgliedschaft im «Tunnel über der Spree» genannten Literaturklub gebildeter Autodidakten ganz unterschiedlicher sozialer Niveaus. Eine eigene Stellung schafft er sich mit Balladen von einer von ihm immer mehr vervollkommneten (kunstvollen) Schlichtheit des Ausdrucks, die speziell zu packen vermag. Vorbild ist England, dessen Kultur, die für ihn nicht vom Alltag zu trennen ist, er sich bei zweimaligen vielmonatigen Aufenthalten in London als eine Art preußischer Korrespondent intensiv widmet.

Auf einer Schottland-Reise wird er sich bewusst, wie stark Landschaftliches von Geschichte geprägt ist, eine Erkenntnis, die zum Auslöser wird, nun auch die Mark Brandenburg um Berlin zu erfassen: Die «Wanderungen» werden zu einer vielverzweigten, meist in seiner Freizeit unternommenen Erforschung und Notationsarbeit, die ihn über Jahrzehnte beschäftigen und in vielen Bänden ihren Ertrag finden wird; sie entwickeln sich naturgemäß in ihrer Schreibweise, bleiben jedoch allesamt geprägt von einer Mischung aus möglichst genauer Feldforschung, einer klaren thematischen Struktur und einer angenehmen Lesbarkeit. … nur grüne Fläche (…); mal auch ein Kahn, der über diesen oder jenen Arm der Oder hingleitet, dann und wann ein mit Heu beladenes Fuhrwerk oder ein Ziegeldach, dessen helles Rot wie ein Lichtpunkt auf dem Bilde steht.[3]

Genau diese Methodik aus sachlicher Präzision und guter sprachlicher Nachvollziehbarkeit legt er einer Art Parallele im Reporterdasein zugrunde: Sie erwächst ihm aus der gleichfalls langwierigen Berichterstattung über die Kriege 1864, 1866 und 1870/71, die er jedoch nicht während der Kampfhandlungen, sondern durch Sammlung von Zeugnissen und nachträglichen Besichtigungen vor Ort – Das Büchermachen aus Büchern ist nicht meine Sache[4] – nachvollzieht. Nunmehr hält er als Neuerung fest: (Meine) Kriegsbücher sind etwas anderes: Gruppierung des Stoffs im Ganzen wie im Einzelnen; Übersicht und Klarheit; und, maßgeblich prägend für das folgende belletristische Werk, lebensvolle Darstellung und Fülle der Details[5].

Selbst daraus erwächst zwar neuerlich kein finanzieller Erfolg, aber er wird – nicht zuletzt auch durch die Kunde seiner Wochen als französischer Gefangener – bekannter bis hin zum Antritt einer zweiten beamteten Stellung. Wie in den besten (seiner) Novellen folgt der bühnengerechte Wendepunkt: Er kündigt als immerhin Mittfünfziger nach wenigen Monaten, weil er einsieht, wie sehr seine menschlichen Qualitäten und seine beruflichen Fähigkeiten unter den letztlich eingebildet-bornierten Umständen leiden müssen. Zumal seit einiger Zeit schon gilt, uns vor Erniedrigung und Unwürdigkeit zu bewahren. Und nur darauf kommt es schließlich an. Independenz über alles. Alles andere ist zuletzt nur Larifari.[6]

Die Dramatik gilt nicht nur innerlich, sie hat, trotz, wie er vorrechnet, bleibender Ersparnisse für ein Jahr, erhebliche existentielle Auswirkungen auf die sechsköpfige Familie. Nur langsam fängt sich etwa seine Frau und lässt nach und nach die schweren Sorgen hinter sich. Dahinter dürfte kaum der vielfach von Fontane bekundete Entschluss gestanden sein, in Zukunft nur noch als Schriftsteller tätig zu sein, sondern vielmehr die von ihm akzeptierte praktische Konsequenz: Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser[7], konkret: hoher Fleiß, um des lieben Brotes halber am Trapez weiterzuturnen[8], was hieß im Beendigen der begonnenen «Serienwerke» inklusive verdichtetem Schriftverkehr mit Verlegern, Publizisten, Redaktionen von Zeitschriften und Wochenblättern, unermüdliche Theaterkritiken für die «Vossische Zeitung» (die über 19 Jahre anhalten), manchmal sogar umfangreichere Gelegenheits- oder Auftragsarbeiten wie Rezensionen und Essays. Und es folgen ab seinem sechzigsten Altersjahr die vielen Romane und Novellen in dichtester Folge.

Die Familie darbt nicht, verbleibt in der eher bescheidenen Wohnung mit Hausmädchen, die Kinder schließen jedes eine respektable Ausbildung ab, das Ehepaar verbringt Teile des Sommers auf dem Land (im Harz, Erzgebirge, in Schlesien oder Mecklenburg), später in Bad Kissingen. Man lebt aber ebenso wenig auf großem Fuß, muss sich finanziell stets nach der Decke strecken, was auch heißt, sich stärker aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Die äußere Schlichtheit verinnerlicht Fontane und schreibt in dieser Anfangszeit: … daß ich an meinem Schreibtisch auf die Dauer am besten und am glücklichsten sitze. Einfache Lebensverhältnisse sind allem andern vorzuziehen; der Geist ist dabei am freiesten.[9]

Die Umstände bringen überdies mit sich, dass die Familie ein Rückzugsort wird, in oder vielleicht besser aus dem heraus sich differenziert das gesamte sich Blick und Denken darbietende Geschehen kommentieren lässt. «Bevorzugt» wird dabei eindeutig die Gattin in einem oft spannungsreichen aber immer ebenbürtigen Austausch, schriftlich fixiert in den oft durchaus längeren Trennungsphasen der Gatten. Emilie, aus vergleichbaren Verhältnissen stammend, akzeptiert zum einen das Patriarchalische mit den daraus folgenden umfassenden Diensten von Kinderaufzucht bis Haushaltsvorstandschaft, ist aber andererseits bis hin zu den Secretair-Diensten (…) täglich[10] – sprich den Abschriften aller komplexen Manuskripte und insbesondere dem Reinschreiben kaum endender Korrekturarbeiten des Perfektion anstrebenden Autors – oder gelegentlicher gesellschaftlicher Besuche eng eingebunden in die literarische Entwicklung der Zeit und insbesondere das schriftstellerische Vorankommen ihres Mannes.

Zumindest indirekt vermag man sich den Briefen Fontanes entnehmen, wie sehr Emilie in ihre Kommentierungen eingehend Bücher Dritter einschloss und in den Bewertungen der Werke des Gatten wie wohl auch in privaten Dingen oft kein Blatt vor den Mund nahm – wobei der so Beanstandete wusste, wie sehr er dies als Quell vieler Anregungen brauchte. Eine ähnliche «fachlich» vertraute Stellung dürfte nur noch die Tochter Martha, genannt Mete, gewonnen haben. Mit ihr erörtert er ebenfalls Detailfragen (wie etwa, wie die Menschen in den Texten sprechen sollten[11]) und Fragen der Literatur als Kunstsparte. Wesentliches des in den Briefen zur Arbeit Erwähnten – Basis bleibt Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache[12] -– findet sein kreatives Echo in den publizierten Werken, während die politische und nicht zuletzt die «Welt der Texte» einen reichen Widerhall im Dialog nicht zuletzt mit den «außenstehenden» Briefpartnern erhält.

Selbst als die letzten Jahre des 80-Jährigen eine Art Durchbruch auf nationalem, ja internationalem Niveau bedeuten, bleibt er der höchst skeptische, das zutiefst Humane im Geschehen freilegende Geist und wird je älter je offener für neue Entwicklungen. Bei aller sezierenden pointierten Treffsicherheit, nicht zuletzt in seiner nach wie vor faszinierend reichen Ausdrucksweise, fehlen unbeugsam harte Urteile weitgehend, sondern sein Beobachterstatus erlaubt nur eine letztlich großzügige Haltung dem Leben gegenüber. Dies gebot womöglich seine gesundheitliche Labilität, die sich aus steter nervlicher Anspannung mit depressiven Anwandlungen speiste – und somit ein weiteres, auch aus vielen anderen Biografien bekanntes Schlaglicht auf das «Künstlerleben» eines wachen, sensiblen, schöpferischen Menschen wirft: der hier stark unter der jahrzehntelangen Nichtachtung litt und doch zugleich im grundehrlichen Wissen um seine schriftstellerische Qualität ein gleichsam nicht endendes bedeutendes Werk schuf, das erst mit Fontanes Tod im Alter von 88 Jahren sein natürliches Ende fand.

Kurz zuvor beendete er in erstaunlicher, bewundernswerter Geistesfrische (dokumentiert von Gesprächspartnern) voller Entwürfe, mit regstem Interesse für alles und jedes[13] einen nunmehr letzten umfangreichen Roman, «Der Stechlin». In ihm geschieht fast nichts an Aktion, es wechseln differenzierte Beobachtungen der räumlichen Umgebung und Dialoge einiger als Exponenten gewählter Personen. Und doch wird’s beim Lesen niemals langweilig, denn mit geistvollem Gespür, mit feiner Nuancierung und verständnisvoller Milde malt Fontane ein vielfältiges, sublim angelegtes Tableau seiner Jetztzeit der späten 1890er Jahre in der preußischen Gesellschaft … und zieht zugleich eine noch heute höchst beeindruckende, ja wunderbare Summe seiner eigenen Lebenserfahrungen.

[1] vor allem bekannt aus Effi Briest 1895, Kapitel 22 und 36
[2] an die Tochter Martha (Mete) 4.8.1883
[3] aus «Das Oderland» 1863, Blick von Freienwalde
[4] an die Gattin Emilie 12.4.1871
[5] an Otto Baumann 3.9.1872
[6] an Emilie 28.5.1875
[7] aus «Der Stechlin» 1898, 4. Kapitel
[8] an den Sohn Theodor 18.10.1886
[9] an Martha 21.9.1878
[10] so in einem Brief an Mathilde von Rohr 26.4.1874
[11] Brief vom 24.8.1882
[12] aus „Unwiederbringlich“ 1891, 13. Kapitel
[13] so Paul Schlenther Mitte Sept. 1898 anlässlich der Verlobung Marthas (nach O. Drude, Fontane. Ein Leben in Briefen, insel tb 540 Frankfurt/Main 1981, S. 480)

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 20017

Zwischen Ernst und Sarkasmus. Anne Mary Evans / George Eliot zum 200sten Geburtstag am 22. November 2019

Und hätte sie nur diesen 1871 erschienenen Roman geschrieben, wäre ihr doch ein herausgehobener Platz im englischen Literaturgeschehen des 19. Jahrhunderts sicher. Sie besaß ihre Stellung bereits zu Lebzeiten, wenn auch naturgemäß nicht unwidersprochen, und sie behielt sie bis dato: Gerade dieses Buch soll erst vor wenigen Jahren von zahlreichen Anglisten zum besten seiner Epoche gerechnet worden sein.
Der Autorin eignende gesellschaftliche Unstimmigkeiten von mehrfacher Selbstbenennung bis zu einer «wilden Ehe», die als Makel ihren Ruf im puritanischen Umfeld erheblich beeinträchtigten, wirken aus heutiger Sicht kaum mehr kompromittierend. Und doch spielten diese Rankünen durchaus eine literarische Rolle, denn zum einen benutzt sie immer wieder von neuem ein männliches Pseudonym, vornehmlich den George Eliot, zum anderen verarbeitet sie aus einem deutlichen Beobachterinnenstatus heraus das Verhalten der bürgerlichen Sozietät in ihrem Werk.

Einen gedanklichen Hintergrund stellte ihre Beziehung (über Richard Owen) zu den «Freidenkern» dar, der zu ihrer Übersetzung von D.F. Strauß und L. Feuerbach ins Englische führte. Ihr geht indessen missionarischer Eifer ab: Bei einzelnen beschreibenden Passagen des Buchs weiß man nicht recht, inwieweit die Bewertungen nun effektiv im direkten wörtlichen Sinn gemeint sind oder doch nicht ganz so ernst: britischer Humor eben.

Das hier im Fokus stehende oder besser: liegende Opus hat es wahrlich in sich: Schon äußerlich beindrucken die gut 1100 Seiten (im «normalen» Buchformat). Über die ganze Länge wird eine übersichtliche Gruppe der Handelnden in kleinstädtischem Umkreis und begrenztem zeitlichen Rahmen weniger Jahre vorgestellt; Abweichungen (wie eine Romreise) erscheinen nur peripher, freilich als spezifisch figurenbezogen verifiziert. Obwohl die Vorgänge sich verweben, verwirren sie sich kaum und bleiben über die gesamte Abfolge übersichtlich.
Demgemäß legt die Autorin den höchsten Wert der Ausführungen auf die Entwicklungen ihrer Gestalten, in denen, mittels eines ungeachtet der laufenden Erzählung deutlich auktorialen Sich-Hineinversetzens, nachdrücklich die innere Haltung das Handeln bestimmt. Konsequent stehen diese Personen abwechslungsweise im Fokus der Erzählung, einzelne – nicht zuletzt Frauen – in ihrem im doppelten hintergründigen Sinnieren und somit als eigentliche Handlungsträger herausgehoben.

Wobei sich die Roman-Handlung primär auf die Beziehungswelten, zu Sachfragen ebenso wie zu den Mitmenschen, bezieht und in zahlreichen Dialogen zu Wort kommt. Hierin zeigt die Autorin, wie erheblich sie von den vorangehenden anderen spezifisch femininen Sichtweisen in der englischen Literatur beeinflusst ist, etwa von Jane Austens älteren antipodisch aufgebauten Entwicklungsromanen und namentlich der Brontë-Schwestern jüngeren romanhaften Zuspitzungen. Indem sie noch zu der Schwestern-Generation gehört (!), ist es kaum ein Zufall, wenn Anne Mary Evans beim Schreiben trotz des erheblichen zeitlichen Abstands sich in etwa die selbe Epoche vornimmt. Dadurch erweisen sich (im heutigen Rückblick aus Mitteleuropa) viele inhaltliche Abhandlungen als in hohem Maß für die 1830er Jahre zeitgebunden, so insbesondere der Dauerschatten der Parlamentswahl im Gezerre von Torys und Whigs sowie die Frage medizinischer Forschung jenseits akademischer Institutionen.

Dass die Personen nicht nur in Verhaltens-, Sprach- und, kaum vermeidbar, Kleidungsfragen, sondern letztlich in ständigen ständischen Beziehungs- und Zuordnungsfragen stark dem Milieu und Jahrzehnt verquickt verbleiben, erstaunt beim Lesen demnach weit weniger. Andererseits, und darin liegt ein spürbarer Unterschied, beurteilt A.M.E. resp. G.E. die damalige Gesellschaft eben aus der Distanz von vier Jahrzehnten: Wobei die Gegenwart der streng viktorianisch geprägten Epoche von der Autorin offenbar nur graduell verstanden wird.
Zumindest auf diese Weise erklärt sich (für mich) der Untertitel A Study in Provincial Life, «Studie» dabei als Tableau in der (notwendig?) ausschnittsweisen Komposition verstanden und den Sinn des Haupttitels erheblich beeinflussend: Middlemarch, eine fiktive Kleinstadt Mittelenglands, die das erwünschte Spektrum an Aktivitäten ermöglicht, während zugleich das leicht erreichbare London den direkten Bezugsspiegel erlaubt. Eigentlicher Hauptträger des Geschehens ist somit der Kern einer Mittelschicht mit «Ausfransungen» nach oben und unten, die trotz aller Aktualitäten sich auf dem Marsch in eine spätere Jetztzeit (siehe noch einmal das Datum der Publikation) befindet.

Aus diesem Blickwinkel erscheint des Volumens Umfang nicht zu groß, obwohl im Verlauf des Lesens manches zumindest für heutige Nichtengländer etwas langatmig scheint, während umgekehrt der Schluss als Ausblick auf das Werden der Hauptfiguren etwas arg abrupt wirkt. Beides hingegen ist beileibe nicht auf dieses Buch beschränkt, man nehme sich nur einmal Thomas Manns Zauberberg vor (für den er sich den Nobelpreis erhoffte).
Es scheint also aus sozialphilosophischer Sicht durchaus eine gewisse Ausführlichkeit nötig, soll die Study nicht in eine akademische Abhandlung abgleiten, sondern in einen lebensvollen Bericht in der allzu menschlichen Atmosphäre weniger Jahre münden und in einer einfühlsamen, die jeweiligen Handlungsweisen in ihrer Bindung an Zeit, Raum und persönlichen Eigenheiten in literarischer – gut und gerne lesbarer – Schilderung verbleiben. Überdies liegt in der ansatzweisen Vorwegnahme (um im Angelsächsischen zu bleiben) späterer Entwicklungen wie Henry James’ feingliedrig-feinsinniger Schilderungen oder Virginia Woolfs innerem Monolog ein weiterer hoher Wert von Anne Mary Evans Werk.

Rund ein Jahrzehnt zuvor, 1860, veröffentlichte sie – nach journalistischer und Rezensionstätigkeit und dem (eher späten) literarischen Beginn mit Kurzgeschichten in Zeitschriften – einen zweiten, bereits sehr umfangreichen und erfolgreichen Roman Die Mühle am Floss (Anm.: Floss ist weder Floß noch Schreibfehler, sondern der Fluss-Name). Er gilt ebenso als eines  d e r  klassischen Bücher Englands. Im Grunde genommen finden sich bereits die Charakteristika des Hauptwerks von A assoziative Gedankengänge über F fiktionale aber konkret erlebbare Handlungsstätten, G starke Gewichtung inneren bürgerlichen Empfindens bis Z durch eine frühere Handlungsepoche zeitbedingte äußere Einwirkungen.
Die Palette der Personen bleibt enger als in Middlemarch, handelt es sich doch im Grunde genommen um einen Familienverband, wird aber zugleich eingehender herausgearbeitet.

Der Ernst des in sieben Teilbüchern intensiv geschilderten Werdegangs vor allem aus der Sicht eines Geschwisterpaars – vom Leben im Wohlstand über den Nieder- bis zum Untergang (darin cum grano salis ein Vorläufer von Manns Buddenbrooks) – erweist sich in der durchdringenden Darstellung, der lebensphilosophischen Auslegung, in der minutiösen Wiedergabe der Reaktionen von allerhöchster Intensität. In die weibliche Hauptfigur Maggie soll viel Autobiographisches eingeflossen sein; womöglich deshalb sind der sarkastische Unterton und die spitzfindigen (manchmal kapriziösen, manchmal bissigen) Randbemerkungen gar nicht zu überlesen – nicht zuletzt auch, weil hier die Autorin noch da und dort als auktoriale Erzählerin in Ich-Form Kommentare zum Verhältnis von gestern und heute einschiebt.
Der in der und für die Entstehungszeit wohl gerade aus seiner facettenreichen Aufführung resultierende «packende» sozial aufbereitete Durchblick in einer Mischung von Darstellung der sich entwickelnden Gegebenheiten einer- und von steter eingehender Bewertung der Ereignisse andererseits erweist sich für eine nicht «irgendwie» enger mit Britannien verbundene Leserschaft allerdings als etwas überdetailreich-ausholend, und an dieser deutlichen Temporeduktion kann die, die Gesellschaft aufspießende spitze Feder nicht viel ändern.

In die Zwischenzeit (1860 – 1871) fallen in dichter Folge zahlreiche Romane, und es schließen sich bis 1876 (vier Jahre vor ihrem Tod) weitere an, sie erreichen die darstellerische Dichte, die zielorientierte Durchführung, die eingehende Erschließung der beiden hier vorgestellten Werke aber im Großen und Ganzen nicht unbedingt.

[Insbesondere liegen dem Essay zugrunde: G.E., Die Mühle am Floss, übersetzt von Eva-Maria König, Stuttgart 1983/2000 Reclam UB 2711; G.E., Middlemarch, übersetzt von Irmgard Nickel, Leipzig 1979/Köln 2010.]

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 19109

But something whispers to my mind … Emily Brontë (1818-1848) zum 200sten Geburtstag am 30. Juli

Es sind wohl für eine «gerechte» Beurteilung keine guten Voraussetzungen, wenn man – oder besser, hier: frau – gerade einmal 30 Jahre lebt und nur einen großen Roman hinterlässt. (Wobei es, gemäß Verlegerbrief, ein knapp beendetes zweites Manuskript gab, das jedoch nie aufgefunden wurde.) Bekannt ist überdies ein 1846 gedruckter Sammelband unter dem (männlichen) Pseudonym Currer, Ellis, and Acton Bell mit Gedichten auch zweier Schwestern, die eine älter, die andere jünger.

Die drei Brontë-Schwestern empfanden sich mit dem vorwiegend malenden Bruder nicht zuletzt durch die äußeren Lebensumstände – von den identischen Verhältnissen im elterlichen Pfarrhaus im Norden Englands (Yorkshire) mit einem ebenfalls als Verfasser tätigen Reverend-Vater und einer einfühlsamen Tante als Mutterersatz über eine lang anhaltende, an Holzfiguren sich entzündende Phantasiewelt bis zum Sitzen für (Gruppen-)Bildnisse – zumindest bis nach der Pubertät als eine enge Gemeinschaft. So wie, stets aufs Neue herausgearbeitet, dies Gemeinsame auch späterhin in ihren literarischen Werken im Vordergrund gestanden haben soll.

Was sich aber, sieht oder besser: liest man genauer hin, inhaltlich als etwas arg summarisch und, nimmt man einige Äußerungen (gerade der ältesten über die mittlere, eben Emily) hinzu, durchaus als etwas arg eingeschränkt herausstellt. Gleichwohl blieb inklusive des frühen, rasch aufeinander folgenden Ablebens fast aller Geschwister reichlich Stoff für mehr oder minder einfühlsame Hypothesen, die nicht zuletzt zwischen 1943 und 2016 in phantasievollen Filmen einen Niederschlag fanden, und an mehr oder minder gehaltvollen Thesen, deren Wahrheitsgehalt offen, wenn nicht fragwürdig bleibt. Noch bewunderte Virginia Woolf die Leistungen, die aus nicht mehr Lebenserfahrung entstanden, als das Haus eines achtbaren Geistlichen betreten durfte. Solchen Standpunkten lässt sich auch dank wachsendem Dokumentationsmaterial widersprechen, in diesem Fall etwa, indem sich eine erhebliche Bildung außer Haus und der Auslandsaufenthalt in einem Erziehungsheim in Brüssel mit nachfolgendem Plan einer eigenen Schule festhalten lässt.

Besonders bekannt wurden, bei uns, zwei ihrer Bücher, Jane Eyre von Charlotte und Wuthering Heights von Emily, jeweils eine Mischung aus frühromantischer Empfindung und gesellschaftlicher Realistik. Bei Wuthering Heights, 1847 wieder als von Ellis Bell verfasst und erst posthum 1850 unter eigenem Namen herausgegeben, in mehrfacher deutscher Übersetzung als (Die) Sturmhöhe erschienen, ist der Titel trotz der Bezeichnung eines zentralen Ansitzes Programmansage: Es geht zutiefst um leidenschaftliche Gefühle und ihre nicht ausbleibenden Auswirkungen. Ein Mitglied der Gentry bringt von einer Reise ein Waisenkind mit, das trotz ungebärdigen Wesens zum bevorzugten Sohn wird, in den sich, vollkommen erwidert, die Tochter des Hauses vernarrt. Was in der Familie zu erheblichem Missvergnügen und, nach des Oberhaupts Tod, zu starken Gegenmaßnahmen, zur Trennung und zur bitteren indes örtlich nahen Verheiratung von Catherine führt.
Das Unglück nimmt seinen Lauf, als der Findling Heathcliff nach einigen Jahren als gemachter Mann zurückkehrt und sich nun in schockierender Weise als Rabauke ohne Manieren manisch-obsessiv dem finanziellen und menschlichen Ruin aller vor Ort Verbliebenen widmet, in den er die nachfolgende Generation mit einbezieht. Nach dem Triumph im allseitigen Elend lebt er nur noch im Bann seiner heißen, bereits bald verstorbenen Liebe bis hin in den Untergang im (shakespearehaften) Wahn. Was jedoch ein knapp geschildertes, deshalb umso überraschenderes glückliches Ende in dem allein überlebenden jungen Paar ermöglicht.
Berichtet wird, in schriftstellerischer Hinsicht zugleich spannend wie bewunderungswürdig, aus einer zweifachen Perspektive: einer Rahmengeschichte und der sämtliche Ereignisse abhandelnden Erzählung durch die Haushälterin, infolge der mehrfach in die Gegenwart mündenden Erinnerung trotz der (scheinbaren) Kontinuität eine vielfache Verschränkung von Personen, Ereignissen, Reaktionen und feinnervig durchleuchteten Beweggründen.

Zu diesem Roman gehört unbedingt die Rezeptionsgeschichte dazu, weil sie seinen Wert mitbestimmt. Da sind die Zeitgenossen, die zwischen Faszination und Bedenken schwanken; der Mode entsprechende, starke, die gesamte Handlung bestimmende und sensitiv entfaltete Gefühle stehen dem Herausarbeiten einer in ihrem Wirken geradezu abstoßenden, wie die Kritik monierte, amoralischen Hauptperson mit vielfältig konkretisiertem negativen Heldengestus gegenüber. Kritische Äußerungen Charlottes – die die Schwester als eigensinnig bis leicht tyrannisch (bzw. a solitude-loving raven, no gentle dove) beschrieb – führten gemeinsam mit dem Blick auf die zweifellos in das Geschehen unmittelbar miteinbezogene autobiographische Landschaft, einer feuchten stürmisch-windigen Moorgegend, zu die Mystifizierung nur anheizenden Versuchen, des Romans Hauptfigur mit der Autorin enger zu verbinden.

Die Gewalt der sich allein am Fortgang der Geschichte ausrichtenden psychologischen Studie, in der theoretisierende Erklärungen fehlen, allenfalls dann und wann durch leicht altklug anmutende Bemerkungen ersetzt, blieb in der kompromisslosen Darstellung erst späteren Lesern zugänglich. Sodass der Roman schließlich als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der vorviktorianischen Epoche, gar als Teil der englischen «Klassik» bewertet wurde und wird.

Die feministischen Würdigungen konnten – vor dem Hintergrund einer weiteren schwesterlichen Charakterisierung, die Emily stärker als ein Mann, einfacher als ein Kind empfand – nicht ausbleiben; noch einmal Virginia Woolf: Nur Jane Austen und (…) Emily Brontë (…) schrieben wie Frauen schreiben, nicht wie Männer schreiben, (…) setzen nur sie allein sich völlig über die unaufhörlichen Ermahnungen des ewigen Pädagogen hinweg – schreibe dies, denke jenes. (…) Man muß etwas von einer Aufrührerin haben, um sich zu sagen: (…) Die Literatur steht allen offen. Nicht zuletzt von dieser Warte aus folgten über die Jahrzehnte – bis hin zu Elfriede Jelinek – mehr oder minder freie Adaptionen des Stoffs und wiederum zahlreiche Verfilmungen, zuletzt in Irland 2011 durch die Regisseurin Andrea Arnold, und zusätzlich der Song von Kate Bush 1978 mit mindestens sechs späteren Adaptionen.

Versuchen wir bei all diesen Transkriptionen, Umformungen, Umwandlungen uns aufgrund einiger Porträts durch ihren Bruder ein Bild Emilys aus anderer Perspektive zu machen. Da ist die häufige abgebildete, traditionelle Büste im Profil: ein schmales Gesicht mit auffallend hoher Stirn, geradlinig langer, keineswegs überlanger Nase, abgesetztem schmallippigen Mund, weich zum Hals überleitendem Kinn, das volle dunkle Haar kompakt auf die rasch sich senkenden Schultern herabfallend – und, im weißlichen, nur stellenweise «Farbe» annehmenden Inkarnat-Ton des Pastells speziell auffallend die dunkelbraunen Augen unter geraden kurzen Brauen, insbesondere Träger des Ausdrucks: in die Welt blickend, studierend-nachdenklich und zugleich ebenso stark auf das Innere der Person bezogen. Ein früheres Bild, zusammen mit den Schwestern, erfasst, fast frontal, eher mädchenhafte Züge, die «halbe» Strenge verliert sich, der Mund wirkt weicher und der Augenausdruck heller, die etwas größer angegebene Figur bleibt schmal, wodurch, wenn Emily in einem dritten Beispiel ein Buch mit langgliedrigen Händen vor die Brust hält, die Kontur fast silhouettenhaft geschlossen wirkt.

Auch wenn, im deutschsprachigen Raum, der eine, jedoch umwälzende Roman sicherlich die Bedeutung Emily Brontës «ausmacht», erscheinen ihr literarisches Gewicht und ihr literarischer Verdienst in den angloamerikanischen Ländern mindestens gleich groß bezüglich ihrer Gedichte, die, sehe ich es richtig, bei nur wenigen Übersetzungen hierzulande eher unbekannt blieben. 74 an der Zahl, naturgemäß in verschiedener Kürze oder Länge, schrieb man ihr zu, ein sehr respektables Opus also, partiell bis 1850 von Charlotte, 1908 als Gesamtedition herausgegeben.
Emily empfand sehr stark ihre inspiration, für sie eine die Phantasie übersteigende Vorstellungskraft, die sie sogar personalisiert zu sehen vermochte. Der Inhalt der Poems orientiert sich erneut oft an der heimatlichen landschaftlichen Umgebung: I know not how it falls on me, / This summer evening, hushed and lone; / Yet the faint wind comes soothingly / With something of an olden tone. Hochsensibel erfasste Stimmungen rufen auf zu Meditationen über das Leben, in denen die Lyrikerin insbesondere die Endlichkeit besingt. It will not shine again: / Its sad course is done; / I have seen the last ray wane / Of the cold, bright sun. Sie ist stets präsent wie – auch – die Romanfiguren früh, was heißt etwa im eigenen Alter der Autorin, die Erde wieder verlassen.

Was macht das (mein) Dasein aus? Emily Brontë gibt in ihrer Biografie und in ihrem Werk eine überraschend(e) klare Antwort: Der Wert besteht darin, das jeweils individuelle Leben in seinem singulären Lauf anzunehmen. Damit ist kein Laissez-faire, kein simples Es-drauf-ankommen-Lassen gemeint, sondern ein Akzeptieren, was «es» mit sich bringt und dieses «es» nicht nur ernst zu nehmen, sondern in der Annahme voll auszuloten, mehr noch: ein volles Auskosten.
In dieser Fülle relativiert sich die Zeit: Nicht ein möglichst langes Leben (wie heute häufig bis hin zu den Anti-Aging-Versprechen) ist anzustreben, sondern ein zutiefst, genauer: in der Tiefe erfülltes Leben. There is not room for Death / Nor atom that his might could render void / Since thou art Being and Breath / And what thou art may never be destroyed. Erfüllt bedeutet dabei buchstäblich in der gesamten Bandbreite, die es bereithält, in der wach erlebten Spannweite von innen und außen, von Himmel und Erde, von Gefühlen und Realität(en). Dazu gehört Mut: No Coward Soul is Mine, heißt der Anfang ihres wohl letzten Gedichts.

Just in den Tagen, in denen dieser Essay entstand, macht eine neue Studie in Fachkreisen Aufsehen, die dank vieler Belege mit der These aufräumt, die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit sei mit dem Alter von 30 Jahren abgeschlossen. Wenn sich die nunmehr (gemäß Poppers Methodik) falsifizierte These gleichwohl bis dato als gültig «hielt», wirft das immerhin ein, wenn man will: sehr positives, Schlaglicht auf Emilys Erdenleben, zu dessen Länge auch diejenige anderer Künstler (allen voran Schubert mit knapp 32 Jahren) hinzugedacht werden muss. Und, rufe ich mir die zahlreichen Äußerungen von und über Emily auf, zeigt sich das eindeutige Bild eines Menschen mit hohem Selbstbewusstsein, genauer: einer Frau, die sich in beeindruckendem Maß des eigen-artigen Selbst bewusst war. Das gilt ungebrochen bis zu ihren letzten Tagen, als eine Krankheit ausbricht, die mit der Verunreinigung des Wassers in unmittelbarer Friedhofsnähe in Verbindung gebracht oder/und als Tuberkulose diagnostiziert wurde.

Entscheidend bleibt Emilys Verweigerung von Arzt und Medizin. In diesem Sinn lautet die erste Strophe des genannten Gedichts: No Coward Soul is Mine / No trembler in the world's storm-troubled sphere / I see Heaven's glories shine / And Faith shines equal arming me from Fear … Und nicht von ungefähr wünschte sich die große amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson diese Zeilen bei ihrer Beerdigung 1886, ebenfalls ein Hinweis auf die starke Wirkung, die bis heute anhält: Das Pfarrhaus in Haworth ist ein aus aller Welt vielbesuchtes Museum der Brontë-Schwestern.

(Verwendet wurden Die Sturmhöhe, übersetzt von Grete Rambach, Frankfurt/Main 1975 insel tb 141 und verschiedene Gedichteditionen, auch im Internet verfügbar. Die Zitate Virginia Woolfs stammen aus: Ein eigenes Zimmer, übersetzt von Heidi Zernig, Fischer tb 50906, Frankfurt/Main 2005, S. 70 und 74/75; das engl. Original 1929.)

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 18119

Dorothea Nürnberg, herzwortweben

Wien bei Ibera/ European University Press 2017, 96 S. davon 85 Seiten Gedichte

Eine Rezension von Martin Stankowski
Ersterscheinung: PODIUM, Doppelheft 185/186, November 2017

Das schöne Cover-Foto der Autorin mag zuerst erstaunen: der zentrale Ausschnitt eines Kristalls, welcher – siehe Titel – so gar nichts vom weichen Textilen an sich hat. Und doch ist er wegweisend, beachtet man die Form der Gedichte: Es gibt es keine langen Zeilen, keine Sätze, sondern Worte untereinander und zusätzlich gegeneinander verschoben, ja in der konsequenten Kleinschreibung buchstäblich «verrückt» in einer vielfach gebrochenen Struktur, die in ihren Bestandteilen durchaus in verschiedene Richtungen zu verweisen scheint. Nur scheint: Denn anderseits nimmt Frau Nürnberg das Weben ebenfalls ganz im Wortsinn. Nicht zufällig stehen die Worte, sondern in einem immer wieder «durchschlagenden» Rapport, der in den klug ausgearbeiteten Abständen eigene, gleichsam geschichtete Muster aufbaut. In diesem Sinn stimmt wort schafft welt (28) ganz unmittelbar.

Das Ganze bliebe ein bereits großartiges l’art pour l’art (wie es das ja schon gegeben hat), verbände Frau Nürnberg nicht das Formale eng mit dem Inhaltlichen. Die Wort-Gestaltung «gebiert» ihre Sinnzusammenhänge, seien sie assoziativ – fragenmeer / im anker / der stille und dann wann flutet helle? (11), seien sie unmittelbar – geflügelte / worte / über /schwarzen / federn und dann absprung / ins gedicht (16). Die beiden Beispiele illustrieren den Kosmos, aus dem Frau Nürnberg schöpft: Es sind die ursprünglichen Prozesse in der Natur, in der aus der (heute so oft missachteten) Muße geborenen feinen Beobachtung. Zumal das Feine stets in das Feinsinnige übergeht: lautlos öffnen / träume ihr gefieder (46).
So wird das Psychologische ein wesentlicher Bestandteil, ist allerdings beim raschen Lesen kaum zu finden. Es bedarf, wie das die Lyrikerin da und dort eigens tut, des Nach-Sinnens. Eine deutliche «Hilfe» geben zum einen die Kapitel-Titel, zum anderen, im letzten Abschnitt, die Gedicht-Überschriften. Neben dieses Förmliche treten die vielen Bilder, die in diesem Prozess zu Metaphern mutieren und zum Bedenken ermutigen: über den Blick von außen und jenen von innen, über Frage und Antwort, Sein und Entstehen.
Daraus resultiert unter der Maßgabe des heutigen problematischen Welt-Zustands kein Himmelhochjauchzen, sondern eine etwas wehmütige Stimmung, ein verhaltenes Klagen, das manches Mal (gottlob) durchaus in ein leises Lachen umschlagen kann. Und zu der ein hoher Grad an nicht zuletzt klassischer Bildung gehört, die kulturgeschichtlich wie weltumspannend geografisch wie lebensphilosophisch einen weiten Bogen zu schlagen vermag. Diese Verwurzelung – «bloß» besonders ausgeprägt in edelsteingarten (79/80) – drängt auf den Prozess, äußere Umstände und Erlebtes in innere Welten umzutexten … was damit womöglich zur ernst genommenen, weil persönlichen Wandlung (herz!) in der Haltung zu Ökologie und sozialem Habitus beizutragen hilft.

Schließlich bleibt noch eine weitere Lesart, die lediglich auf den ersten Blick anders ist, indem sie von den gleichen Grundzügen getragen wird. Man gibt sich dabei sinnlich dem Rhythmus hin und vor allem dem Farbenreichtum, in Wort und Sprache. Beide müssen Frau Nürnberg ein wichtiges Anliegen sein, denn fast paradigmatisch erfüllt das längste Gedicht – farbrausch (85-89) – kongenial diesen Anspruch. Das wohl Essenzielle zeigt sich auch darin, dass sich diese Ansätze dann ebenfalls in den Romanen der Autorin wiederfinden lassen, nach diesem Buch möchte man sagen, leider etwas versteckt … Und es sind wahrscheinlich gerade diese lyrischen Eigenheiten, die speziell romanische Dichter/innen ansprechen, sogar regelrecht aufhorchen lassen (wie es denn Gedichten gebühren sollte!). Mir erscheint es, so gesehen, kaum erstaunlich, wenn bereits Übertragungen ins Französische und ins Kastilische (d.i. das südamerikanische Spanisch) vorliegen resp. bei renommierten Verlagen vorbereitet werden.

Ein ehrliches Zeugnis, ein persönliches Werk, ein überzeugendes Beispiel lebendiger Poesie.

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17188

Anders

Eigentlich bin ich gar nicht anders. Ich spreche die gleiche Sprache, ich schreibe dasselbe Idiom. (Ein deutscher Lektor etwa wollte mir Stiege in „Treppe“, Matura in „Abitur“, und „Da schau her“ in „Sieh einer an“ verbessern.) Ich esse sogar leidenschaftlich gern die drei landesspezifischen Knödelsorten. Ich blinzele nicht einmal oder ziehe eine Augenbraue hoch, wenn es als Beilage Sauerkraut gibt. (Schließlich gehört dieses, sogar in der Namensgebung, zum Elsässer Nationalgericht, wobei choucroute für Hiesige womöglich feinschmeckerischer tönt.) Selbst als durchaus gerne Weintrinker schmeckt mir der Most ausgezeichnet. Es ist allerdings nicht ganz einfach, eine dem Wein äquivalente Qualität aufzutreiben. Vor allem, wenn man kein Auto hat.

Aha, da ist es jetzt womöglich: Ich bin mangels eigenem Wagen anders. Ich wohne fünfzehn Kilometer vor der Stadt und bin allein auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Werkstags in Schulzeiten mag, dank leicht erhöhter Fahrplanfrequenzen, eine solche Reduktion der Mobilität akzeptabel sein. Lange Wartepausen infolge fataler Anschlusszeiten lassen sich immerhin am Bahnhof mit einem Buch aus der Tasche überbrücken. Die Teilnahme an abendlicher Bildung gleich welcher Art entwickelte sich indessen unweigerlich zu einer Vielstunden-Expedition. Ich nehme also nirgends teil, ob an Aufführung in Oper respektive Theater oder an Seminar mit Wissensangebot oder Lesung mit Diskussionsrunde. Ich lerne niemanden in der Szene kennen, und mich kennt man auch nicht, sehe ich von meiner freilich klugen Frau und ein paar Freunden ab. Dadurch bin ich wohl unbeachtet, aber kaum absonderlich, oder? Ich könnte ein Taxi nehmen, das leider käme zu teuer. Ob ich mit einem beschränkten Portemonnaie-Inhalt anders bin als viele andere, wage ich zu bezweifeln.

Somit behaupte ich, ich bin keine Anomalie. Ich sehe ganz gewöhnlich aus, selbst für mein Alter, falle also nicht auf. Vielleicht merkt jemand auf, wenn ich spreche. Da meint der (!) eine oder andere, mich als Piefke beschimpfen zu müssen. Nun, erstens weiß er wohl nicht, woher der Ausdruck kommt (ich bin kein Militärmusiker), und zweitens stimmt diese Bezeichnung noch nicht einmal für meine Person. Es gibt in Europa ja weitere, andere Regionen, in denen man so etwas wie „Deutsch“ spricht. Und eben daher … Nun ja, ein paar romanische Elemente schwingen aufgrund meiner Herkunft in meinen Sätzen häufiger mit. Ein sprachliches Phänomen. Es trifft aber (seit dem berühmten renversement des alliances von Maria Theresia und Graf Kaunitz) nicht zuletzt für den Osten des Lands mit einigen Wendungen wie dem Trottoir oder dem Plafond ebenfalls zu. Sie, diese fremdsprachlichen Einsprengsel, sind folglich kaum anormal, sondern allenfalls ein wenig befremdend.
Item, als Fremden kann man mich wirklich nicht bezeichnen, höchstens als den Benutzer der dementsprechend benannten Zimmer in den Ferienorten.

Ansonsten habe ich immerhin eine nur mir eigene Biografie. Einerseits hat diese Biografie jede, jeder und ist demzufolge (und gottlob) keine quantité négligeable, ist jedoch damit noch lange nicht anders. Sie oder Er kann inklusive der oder, soll umgekehrt argumentiert werden, ungeachtet der Biografie als ein Mensch wie alle anderen bezeichnet werden. Zudem bin ich für die Ärzte keineswegs ein spezieller Fall, für den Psychologen oder Soziologen höchstens unverwechselbar, indem ich spezifische Eigenarten besitze. Was hingegen keineswegs von vornherein gleichbedeutend ist mit einzigartig. Somit darf ich behaupten, ich sei (indirekte Rede oder Konjunktiv?) eine Individualität, indessen bin ich damit allenfalls graduell anders als andere. Obwohl „man“ Kleider von der Stange trägt, obwohl „man“ die Musikwahl keineswegs als ausgefallen empfindet (von Bach bis Keith Jarrett), obwohl „man“ im Internet zugänglich ist, obwohl „man“ das Auto von Typ und Farbe modisch wählte. Doch halt, das Auto fehlt bei mir ja jetzt.

Zugegeben, es gibt in dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, keinen Lift, ich muss also zu Fuß in die dritte Etage. Dieses Hinaufsteigen empfinden zahlreiche Zeitgenossen, wie ich immer wieder von Neuem vernehme, nicht als normal. Gleichwohl weisen, sogar die hiesigen, Architekten darauf hin, Treppensteigen ist gesund für vieles, geradezu allzu vieles. Bin ich demnach, weil ich trotz meines fortgeschrittenen Alters einigermaßen gesund bin, bereits anders? Das mag insofern gelten, weil ich kein modisches Anti-Aging betreibe, sondern schlicht das bin, was ich vermag.

Meine Geltung im sozialen Raum beruht für manchen bedauerlicherweise auf meinem Namen, der nicht germanisch ist. Durch ihn bin ich, gerade in Österreich, jedoch nicht effektiv anders als eine Vielzahl der Landeskinder. Wer weiß: Vielleicht färbt der Name doch irgendwie ab? Weil er nicht farbig klingt, passt er unter Umständen in ein Schwarz-Weiß-Schema. Aber wenn ich mit jemandem rede, müsste doch eigentlich nicht unbedingt der Name am Beginn stehen. Ja das Sprechen …

Womit ich mit einem Déja-vu wieder beim Anfang meiner Überlegungen bin …

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17159

 

Ordnung im Chaos. Luigi Pirandello (1867-1936) zum 150. Geburtstag am 28. Juni

Ein durchgeistigter Kopf mit hoher Stirn, großen, dunklen, wachen, zugleich gedankenvollen Augen, gerader Nase im schmalen Gesicht, verlängert durch Kinn- und Spitzbart, so präsentiert er sich auf dem am häufigsten reproduzierten Porträtbild aus der Alterszeit. Ein Mann mit Durchblick und doch ein Mann der Nachdenklichkeit, sehr aufmerksam und doch sinnend, vornehm und doch «allem» zugetan. Nein, diese Eigenschaften legt nicht nur das Foto nahe, sie vermitteln ebenfalls seine Biographie und ziehen sich zutiefst durch sein ganzes Werk.

Bekannt ist der Mann, wenn noch überhaupt in unseren Breiten, vor allem als Dramatiker. Sein Ruf kommt nicht von ungefähr; nicht zuletzt entwickelte er sich mehr und mehr zum Praktiker, der sogar 1924 eine eigene Theatertruppe gründete, mit der er für mehrere Jahre auf Welttourneen ging. Und der bereits früh, 1892, in seiner Bonner (!) Dissertation Laute und Lautentwicklung der heimischen Mundart untersuchte. Das Stück «Sechs Personen suchen einen Autor» (1921) steht allerdings als fast einziges pars pro toto für ein umfangreiches, bereits zehn Jahre zuvor beginnendes dramatisches Schaffen. Das sogar bald Max Reinhardt als Regisseur nördlich der Alpen fand. Drama, das nimmt Pirandello sehr wörtlich: Jedes Scheinbild, jedes Geschöpf der Kunst muss sein Drama haben, um zu existieren, schreibt er in einer langen Vorrede, das heißt ein Drama, dessen handelnde Person es ist und durch das es zur handelnden Person wird. Wenn jetzt nur in der Phantasie entstandene Figuren auf die Bühne kommen, entwickeln sie ein Eigenleben, eine «unmögliche» Situation. Deshalb kann es keine logische Entwicklung, […] keinen Zusammenhang der Geschehnisse geben. Die Folge ist ein organische(s) und natürliche(s) Chaos, das aber alles andere als konfus dargestellt wird, sondern im Gegenteil sehr verständlich, einfach und geordnet. (Dazu sei eine Anmerkung erlaubt: Ein Augenzwinkern des Schicksals ließ Pirandello in einem Ortsteil des sizilianischen Agrigent namens Càvuso, Chaos, das Licht der Welt erblicken.) Eine andere Version legte Pirandello zeitgleich mit Heinrich IV. (1922) vor, im Erkennen vergangener Wirklichkeiten, die wie ein […] Traum zurückgeblieben sind, ein buchstäbliches Spiel mit gleichzeitiger heutiger Identität und mittelalterlicher Konkordanz – auf derselben Bühnenebene, fast zwangsweise eine Tragikomödie[1].

Der Ruhm allein als Dramatiker ist schade, denn sein erzählerisches Werk ist nicht nur sehr umfangreich sondern ebenso bedeutend. Pirandello wollte eigentlich für jeden Tag im Jahr (also 365 Mal) eine Novelle vorlegen; ganz hat es nicht gereicht … Es gibt (auch im Taschenbuchformat) einige gute Zusammenstellungen in deutscher Übersetzung, die die Breite seines Schaffens und damit seiner spezifischen Annäherungsweise an komplexe humane Stoffe darlegen.

Schon sein erstes Werk (1904), ein Fortsetzungsroman, lässt im Titel aufhorchen: Il fù bzw. Der gewesene Mattia Pascal[2]. Ein auf einer, heute würde man sagen: virtuellen, Ebene, Gestorbener berichtet über sein aktuelles Dasein: Sein und Schein verwirren sich (auch ohne Bühne). Bis zum Schluss seines Schaffens gelingt es Pirandello meisterlich, das jeweilige Geschehen der Erzählungen ganz konkret «auf der Kippe» zu lassen. Es kann sozusagen alles anders kommen, ohne dass sich wirklich etwas (äußerlich) ändert. Oder umgekehrt, es ändert sich (äußerlich) nichts und zugleich hat sich die Grundlage des Lebens verschoben. Solche Entwicklungsgänge erscheinen kaum einmal als schwer oder gar als schrecklich, denn es sind die «nur» kleinen Verschiebungen, die eine hohe Wirkung entfalten. Niemand ist gefeit vor derartigem Schicksal. Nein, zuerst: Ein eigentliches Schicksal ist es nicht, denn niemand greift da ein, gar autoritär oder mit Macht. Ausgerechnet in dem zunächst als unverrückbar Gekennzeichneten ist die folgende abweichende Wende bereits angelegt. Eben darum kann es jeden treffen, den armen Schlucker wie den bedächtigen Anwalt, die ehrbare Witwe wie den braven Angestellten, den würdigen Professor wie den glücklichen Besitzenden. Wenn die kleinen, die einfachen Leute dasselbe Recht auf die ihnen eigene Existenz haben wie die Studierten und die Betuchten, gewinnt die vom Verfasser stets sorgsam erarbeitete Haltung (der Habitus) der Personen als ihr Erscheinungsbild zeichenhaft die Kenntnis innerer Zustände. Auf, in dieser allen gleichen Ebene wird viel sicher Geglaubtes fragwürdig, vom täglichen Kleinkram über das Heldentum bis zu «der» Wahrheit.

Gerade in dieser, eben nicht nur atmosphärischen, sondern wegweisenden vielschichtig lebensphilosophischen (Schreib-)Weise überwindet Pirandello – der, nach Journalistentätigkeit seit 1892, als Professor für italienische Literaturgeschichte in Rom 1897-1922 die Szene bestens kannte – auch im Erzählerischen den in Italien nach wie vor tonangebenden und betont bodenständig argumentierenden Verismo (den Realismus, am bekanntesten wohl jener von Giovanni Verga). Jetzt erhalten wir Lesenden von ihm subtile psychologisch-inhaltliche Charakterisierungen, doch gerade so knapp, um noch folgen zu können, gerade so sprunghaft, um gebannt die Lücken selbst zu füllen, gerade so kurz angebunden, um mehr erfahren zu wollen, gerade so facettiert, um effektiv betroffen zu sein. Namen sind da kein Zufall, sie führen weiter in die Tiefe, ebenso – und nicht selten – die Titel, etwa und insbesondere «Angst vor dem Glück», «Wenn man das Spiel verstanden hat» oder «Die Pein dieses Lebens».

Wer wie eine Art Kernaussage eine außerordentlich konzentrierte und doch zutiefst literarische (!) Version kennenlernen möchte, der/dem sei die relativ späte Kurzgeschichte «Antwort» empfohlen (Risposta, aus Sciale Nero, 1922[3]). Hier wird das für Pirandello entscheidende Tableau der menschlichen Fragestellungen – Was bin ich wirklich? Was ist demnach richtig? – fast tabellarisch (die Fakten) geordnet und zugleich höchst kunstvoll in der Verschränkung des Verhältnisses von vier Personen abgehandelt in der Argumentationskette eines Ich-Erzählers, in dem unschwer der Autor als Interpret erkennbar wird. Glaub mir, mein Freund, dein Fall (das Versetztwerden durch die vermeintliche Geliebte mit zwei anderen Männern) ist uralt. Neu und originell ist daran nichts als meine Methode und die Erklärung, die ich dir liefern werde. Der vertrackte Ausgangspunkt: Eine andere ist Signorina Anita gewiss. Nicht nur das; sie ist noch viele und viele andere […]; obwohl ein jeder von uns die Illusion hat, die wahre Signorina Anita sei lediglich diejenige, die er kennt; und obwohl auch sie selbst, ja, vor allem sie selbst, die Illusion hat, nur eine und immer dieselbe für alle zu sein. Und was ist, in der Zusammenfassung, das überraschend wichtigste Indiz: Siehst du, mein Freund, es hat schon einen Grund, dass du mir nie von dem Stupsnäschen der Signorina Anita erzählt hast! Dieses Näschen gehört nicht dir. Dieses Näschen gehörte nicht deiner Anita. Dir gehörten die Nachtaugen, ihr leidenschaftliches Herz, ihre ausgesuchte Intelligenz. Aber nicht das verwegene Näschen mit den fleischigen Flügeln […]. Dies Näschen wollte sich rächen […].

Pirandello hätte durchaus von eigenen vielschichtig verflochtenen Lebenssituationen berichten können, namentlich über sein (widersprüchliches) Verhältnis zur italienischen Politik, nicht zuletzt zum regierenden Faschismus, oder über die psychische Krankheit seiner Frau, die 1919 eine Hospitalisierung notwendig machte, oder über die Auswirkungen seines Literatur-Nobelpreises 1934. Voraussichtlich galt bei ihm, nein, für ihn dieselbe achtbare Basis wie für seine Erzählungen: Kein persönliches Geschick ist sehr schwer zu ertragen oder gar bejammernswert, sondern in allen chaotischen Zuständen regiert letztlich immer eine ihnen immanente Ordnung. Welche ihrerseits in dem eleganten, eingängigen und feinen Schreibstil des Autors ihre sozusagen definitive Fassung erhält. Und so prägt – Ach, niemand von uns kann das, was er aus innerem Antrieb tut, richtig übersehen[4] –  gerade eine grundlegende Ambivalenz in unnachahmlicher Weise ein großes, bedeutendes literarisches Schaffen.

[1] Beide Zitate aus L.P., Sechs Personen suchen einen Autor / Heinrich IV, Fischer TB 592, Frankfurt/Main 1964.
[2] Auf «spiegel-projekt gutenberg» im Internet zu lesen.
[3]  Zitiert nach L.P., Novellen für ein Jahr, Fischer TB 1336, Frankfurt/Main 1973, S. 7-16; etwa gleichzeitig wird von L.P. dieselbe Meinung im Stück «6 Personen», in «Heinrich IV.» und auch in zahlreichen Geschichten ausgedrückt.
[4] Heinrich IV. im 1. Akt.

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17164

Ins Stocken kommen 2 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich

„Schläfst du?“
„Nein.“
„Denkst du?“
„Nein.“
„Träumst du?“
„Mmm.“
„Was träumst du?“
„Ich schlafe doch noch nicht.“
„Warum sagst du dann Mmm? Das klingt nach ja.“
„Mmm.“
„Träumst du wenigstens von mir?“
„Wie soll ich das, meine Liebe, wenn mich deine Knie stören.“
„Magst lieber meinen Busen, Schatz?“
„Dann schlafe ich wohl erst recht nicht!“
„Wär’ das denn so schlimm?“
„Ich muss aber morgen arbeiten.“
„Dabei dauert es bis morgen noch soooo lang.“
„Das meinst du, weil du nur Hausfrauenarbeit machst.“
„Du bist gemein! Jetzt kann dafür ich nicht mehr schlafen.“
„Dann träum was Schönes.“
„Nein, jetzt muss ich denken!“

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17161

Ins Stocken kommen 1 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich

„Ich liebe dich!“
„Wie schön.“
„Wirklich!“
„Wie schöner.“
„Das ist doch kein richtiges Deutsch.“
„Aber es stimmt.“
„Stimmte das, wär’s ja noch schöner – so viel verstehe ich schon von unserer Sprache. Ach, man sollte Italienisch können, klingt gleich viel romantischer: Ti amo!“
„Verstehe ich nicht.“
„Du verstehst nicht, dass ich dich liebe? Du bist zum Verzweifeln.“
„Ich verstehe kein Italienisch.“
„Du bist halt eine Schweizer Krämerseele ohne Verständnis für Tiefe.“
„Das ist falsch! Wer rettete dich aus dem Wasser?“
„Das war nicht tief, ich konnte damals nur noch nicht schwimmen. Und romantisch war’s auch nicht, wie du mich am Hals hieltest.“

Martin Stankowski
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www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17160