Dorothea Nürnberg, herzwortweben

Wien bei Ibera/ European University Press 2017, 96 S. davon 85 Seiten Gedichte

Eine Rezension von Martin Stankowski
Ersterscheinung: PODIUM, Doppelheft 185/186, November 2017

Das schöne Cover-Foto der Autorin mag zuerst erstaunen: der zentrale Ausschnitt eines Kristalls, welcher – siehe Titel – so gar nichts vom weichen Textilen an sich hat. Und doch ist er wegweisend, beachtet man die Form der Gedichte: Es gibt es keine langen Zeilen, keine Sätze, sondern Worte untereinander und zusätzlich gegeneinander verschoben, ja in der konsequenten Kleinschreibung buchstäblich «verrückt» in einer vielfach gebrochenen Struktur, die in ihren Bestandteilen durchaus in verschiedene Richtungen zu verweisen scheint. Nur scheint: Denn anderseits nimmt Frau Nürnberg das Weben ebenfalls ganz im Wortsinn. Nicht zufällig stehen die Worte, sondern in einem immer wieder «durchschlagenden» Rapport, der in den klug ausgearbeiteten Abständen eigene, gleichsam geschichtete Muster aufbaut. In diesem Sinn stimmt wort schafft welt (28) ganz unmittelbar.

Das Ganze bliebe ein bereits großartiges l’art pour l’art (wie es das ja schon gegeben hat), verbände Frau Nürnberg nicht das Formale eng mit dem Inhaltlichen. Die Wort-Gestaltung «gebiert» ihre Sinnzusammenhänge, seien sie assoziativ – fragenmeer / im anker / der stille und dann wann flutet helle? (11), seien sie unmittelbar – geflügelte / worte / über /schwarzen / federn und dann absprung / ins gedicht (16). Die beiden Beispiele illustrieren den Kosmos, aus dem Frau Nürnberg schöpft: Es sind die ursprünglichen Prozesse in der Natur, in der aus der (heute so oft missachteten) Muße geborenen feinen Beobachtung. Zumal das Feine stets in das Feinsinnige übergeht: lautlos öffnen / träume ihr gefieder (46).
So wird das Psychologische ein wesentlicher Bestandteil, ist allerdings beim raschen Lesen kaum zu finden. Es bedarf, wie das die Lyrikerin da und dort eigens tut, des Nach-Sinnens. Eine deutliche «Hilfe» geben zum einen die Kapitel-Titel, zum anderen, im letzten Abschnitt, die Gedicht-Überschriften. Neben dieses Förmliche treten die vielen Bilder, die in diesem Prozess zu Metaphern mutieren und zum Bedenken ermutigen: über den Blick von außen und jenen von innen, über Frage und Antwort, Sein und Entstehen.
Daraus resultiert unter der Maßgabe des heutigen problematischen Welt-Zustands kein Himmelhochjauchzen, sondern eine etwas wehmütige Stimmung, ein verhaltenes Klagen, das manches Mal (gottlob) durchaus in ein leises Lachen umschlagen kann. Und zu der ein hoher Grad an nicht zuletzt klassischer Bildung gehört, die kulturgeschichtlich wie weltumspannend geografisch wie lebensphilosophisch einen weiten Bogen zu schlagen vermag. Diese Verwurzelung – «bloß» besonders ausgeprägt in edelsteingarten (79/80) – drängt auf den Prozess, äußere Umstände und Erlebtes in innere Welten umzutexten … was damit womöglich zur ernst genommenen, weil persönlichen Wandlung (herz!) in der Haltung zu Ökologie und sozialem Habitus beizutragen hilft.

Schließlich bleibt noch eine weitere Lesart, die lediglich auf den ersten Blick anders ist, indem sie von den gleichen Grundzügen getragen wird. Man gibt sich dabei sinnlich dem Rhythmus hin und vor allem dem Farbenreichtum, in Wort und Sprache. Beide müssen Frau Nürnberg ein wichtiges Anliegen sein, denn fast paradigmatisch erfüllt das längste Gedicht – farbrausch (85-89) – kongenial diesen Anspruch. Das wohl Essenzielle zeigt sich auch darin, dass sich diese Ansätze dann ebenfalls in den Romanen der Autorin wiederfinden lassen, nach diesem Buch möchte man sagen, leider etwas versteckt … Und es sind wahrscheinlich gerade diese lyrischen Eigenheiten, die speziell romanische Dichter/innen ansprechen, sogar regelrecht aufhorchen lassen (wie es denn Gedichten gebühren sollte!). Mir erscheint es, so gesehen, kaum erstaunlich, wenn bereits Übertragungen ins Französische und ins Kastilische (d.i. das südamerikanische Spanisch) vorliegen resp. bei renommierten Verlagen vorbereitet werden.

Ein ehrliches Zeugnis, ein persönliches Werk, ein überzeugendes Beispiel lebendiger Poesie.

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17188

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