Sebastian Brant zum 500sten Todestag am 10. Mai 2021

Vß sytten man gar bald verstat / Was einer jn sym hertzen hat[1]

Vielleicht ist es in diesem Fall ja falsch, ein Lebensdatum als Anlass der Würdigung zu wählen, denn das mit dem Mann verbundene Buch sticht bei weitem seinen Namen aus, weshalb der 11. Februar 1494 mit dem Erscheinen vom «Narrenschiff» primär festzuhalten sei? Diese Sicht ist indessen in mehrfacher Hinsicht fragwürdig. Sebastian Brants Werk stellt nicht einfach eine Singulärleistung dar, es beruht auf seinem intellektuellen Werdegang, seiner akademisch-politischen Stellung wie auf der Zusammenarbeit mit handwerklichen Spitzenunternehmern: So gesehen bildet es die Spitze eines Eisbergs.
Obwohl beileibe nicht (wie oft) inhaltlich das erste seiner Gattung, obwohl in der Disposition auf Bewährtes zurückgreifend, bringt es als Prototyp und Auslöser eines kaum zu überschätzenden Hypes die «Sache» buchstäblich vorbildlich auf den zentralen Punkt und gewährt dem rund 40-jährigen Medium des Buchdrucks formidable mediale Chancen. Was zum Verständnis uns – auch – eine gehörige Portion Kulturgeschichte abnötigt.

Relativ übersichtlich ist das geographische Lebensspektrum Brants: Sohn eines Gastwirts und Ratsherrn der Reichsstadt Strassburg, wechselt er 1475 zum Studium an die Universität Basel, erst 15 Jahre zuvor gestiftet von Papst Pius II. (der die Stadt vom Konzil 1431–48 her kannte). Ab dem Alter von etwa 25 Jahren lehrt er für 17 Jahre römisches und kanonisches Recht, macht Karriere bis zum Fakultätsdekan und, sympathisch weil für einmal ein nicht zölibatärer Gelehrter, heiratet 1485 in die besten Familien ein (und wird 7-facher Vater). Nicht nur homo honoratus, wirkt Brant (latinisiert in Titio) als In beiden rechten doctorem in seinen Fachgebieten als Koryphäe, nicht zuletzt basierend auf reicher Quellenkenntnis. Neben der Jurisprudenz lehrt er Poetik, schreibt lateinische Gedichte, übersetzt (etwa Catho […] getütschet 1498), wirkt als Lektor und programmatischer Herausgeber (etwa von Werken Petrarcas oder Augustinus) im intensiven Basler Buchdruckgeschehen.

Nicht zuletzt diese «Nebentätigkeiten» förderten parallel sein Bemühen, in populärwissenschaftlichen Abhandlungen auch Nichtfachleuten die sperrige Materie zugänglich zu machen, wozu indirekt auch ein 1490 aus den Vorlesungen hervorgegangenes vielbenutztes Handbuch zu rechnen ist. Diese einer breitgefächerten Reflexion offene Haltung wirkte sich überdies in diversen bis hin zu Flugblättern kürzeren Schriften aus, in denen er Stellung zu allgemeinen religiös-moralischen oder politischen Fragen und ebenfalls zum Tagesgeschehen (wie einem Meteoriteneinschlag im Elsass) nimmt. Kurzum: Vor uns steht ein in Lehre und (Stadt-)Gesellschaft hochgeschätzter Mann, der betriebsam-vielfältig das Leben kommentiert und mit Blick auf seine Aktivität den materiell-praktischen Gegebenheiten der Kommunikation großes Gewicht beimisst.

Aus diesem Kern entsteht in zwei Jahren das «Narrenschiff». Dessen Plot, in der Eingangsvignette verdichtet, besteht im sich Versammeln aller Schelme auf dem Schiff, das wegen des nahen Weltuntergangs nach Narragonien aufbricht. Die geballte Ladung vereinigt die in Selbstgefälligkeit und Stolz kumulierenden Schwächen und Fehler der menschlichen Gattung in ihren verschiedenen Ausprägungen. Der stets mitschwingende mittelalterliche Blick auf die Vergänglichkeit paart sich mit der Kritik an den sozialen Zeitumständen und wird durchwoben von der humanistischen Forderung nach Selbsterkenntnis.
Die Einsicht im Schlussabsatz zů nutz / heilsamer ler / ermanung / vnd eruolgung / der wißheit / vernunfft / vnd gůter sytten / Ouch zů verachtung / vnd stroff der narrheyt / blintheit / Irrsal / vnd dorheit / aller stådt / vnd geschlecht der menschen fördert der Rückgriff auf die vertraute Sprache, die die Fälle kaum etwas aussparenden Fehlverhaltens drastisch-sarkastisch nachvollziehbar zu schildern vermag. Gleichwohl ist das Buch rhetorisch geschickt aufgebaut und wird von Volksweisheit und Bildungsgut durchzogen. Kein abschätziger Blick also, sondern ein Abschätzen der menschlichen Schwächen, das im Motto Den narren spiegel ich diß nenn / Jn dem ein yeder narr sich kenn didaktisch in die Lehre mündet, dass es Vernunft braucht, die sich auf die göttliche Weisheit zu beziehen hat.

Als hätte man darauf gewartet, schlug das Buch wie eine Sensation ein, es gehörte in unterschiedlich aufgemachten Nachdrucken bis weit ins 18. Jh. zu den meistgelesenen deutschsprachigen Werken. Nicht nur folgt unmittelbar eine Vielzahl auch nicht autorisierter Auflagen (gegen die sich Brant in der Ausgabe von 1499 ausdrücklich verwahrt), ebenso führt die lateinische Nachdichtung Stultifera navis seines Schülers Jakob Locher zu zahllosen Übertragungen ins Französische, Englische, Niederländische. Der Erfolg gebiert eine Narren-Literaturgattung, die teils die Figur überführt in das einfache Gemüt bis zu Grimmelshausens Simplicissimus, teils den Ansatz transponiert in eine intellektuelle Ebene, bald schon bedeutend im «Lob der Torheit» 1511 des Erasmus von Rotterdam, der ersichtlich wegen der Nähe zum Druckergewerbe 1521 in derselben Stadt Wohnsitz nimmt.

Brants dementsprechender Hinweis Gedruckt zů Basel vff die Vasenaht / die man der narren kirchwich nennet bietet nicht nur die Möglichkeit kirchlich-religiöser Einordnung, sondern bezieht sich für mich direkt auf den Ort. Denn wenn es in der Vorrede All strassen / gassen / sindt voll narren heißt, bietet die Basler Fasnacht seit 1418 bis heute dieses Schauspiel; die Unkenntlichkeit durch die «Larven» ermöglicht(e) für drei Tage die ständeaufhebende (Narren-)Freiheit. Aber nicht nur als Ortsansässiger wählt der ausgewiesene «Lateiner» das gängige Deutsch. Die häufige Erklärung im belehrenden Charakter greift allein nicht; ich meine, der Band ist eben, erleichtert durch Reime, zum Vorlesen gedacht, damit für die Nutzer (durchaus in unserem Verständnis) ein Hörbuch. Aber es ist zugleich ein Bildband zum addierten Begreifen, indem Vorrede und den 112 Kapiteln je ein Holzschnitt mitsamt sinndeutendem Drei- oder Vierzeiler voransteht.

Die Darstellungen sind nicht zwingend originär entstanden, partiell nicht zwingend im Konnex und von verschiedenen Künstlern, unter denen die Mitautorschaft des jungen, stadtanwesenden Dürer kontrovers diskutiert wird. Wie auch immer, das Buch bildet in seinem Layout die beeindruckende Frucht zahlreicher Vorstufen und eine Art neugültiger Zusammenfassung des technisch und medial Möglichen.
Auch diesbezüglich entsteht eine nicht minder bedeutende Entwicklungslinie. Deren einer Zweig richtet sich auf die einfachere Gegenüberstellung von Text und Bild, das damit enigmatische Reste als unmittelbare Illustration auflöst und sich ebenso in populärer Breite verwerten ließ wie in immer perfekterem Druckverfahren – in dem, nicht zuletzt dank Brant, Basel zur Hochburg des Genres wuchs. Der zweite Zweig baut den Konnex zum Ensemble aus, dessen Teile als Darstellungsform der Eliten multifunktional ineinandergreifen. Hierher gehören die monumentalen publizistischen Bemühungen Kaiser Maximilians I., die kurz nach 1500 mit Macht einsetzen.

Deren Entwicklung ist trotz der gelehrten und künstlerisch versierten Berater am Hof wohl direkt mit unserem Mann verbunden, der politisch ganz auf der Linie des habsburgischen Selbstverständnisses lag, ja diesem in seiner Schrift «De origine et conversatione bonorum regum» 1495 und den direkt den Kaiser ansprechenden «Varia Carmina» 1498 den zentralen Gedanken des obersten Miles Christianus vertiefte. Ebenso engagierte, gewiss auf Basis seiner intimen Rechtskenntnisse, Brant sich direkt in den Fragen der Reichsreform mit ihren neuen institutionellen Tendenzen. Zu diesen gehörte der Versuch, die unbotmäßigen Eidgenossen in den Reichsverband zurückzuzwingen.
Der 1499 an mehrfachen Orten ausgefochtene «Schwabenkrieg» fand auch vor den Toren der Stadt am Rheinknie statt; die Niederlage des Reichsheers verstärkte die Absatzbewegung Basels, das 1501 der Eidgenossenschaft beitrat.

Und Brant verließ, seinen Überzeugungen treu, den Ort seines Wirkens, um, nach Straßburg zurückgekehrt, für die nächsten 20 Jahre hohe Ämter wie Ratssyndikus und Stadtschreiber anzunehmen, Aufgaben, die, scheint es, seine literarische Produktion schmälerten; der Praktiker bedachte in der Verantwortung für Archiv und Chronistik die politisch-rechtliche Relevanz der Dokumente. Seine eindeutige Haltung (passend zur heutigen Diskussion um den neuen Wert-Konservativen?) zahlte sich aus: Maximilian ernannte Brant aufgrund seiner Meriten zum kaiserlichen Rat, später zum Pfalzgrafen und berief ihn als Beisitzer in das noch «junge» Reichskammergericht (ab 1514 am Amtssitz im nahen Worms) – und führt letztlich zu Brants «Strassburger Antrittsbesuch» beim Nachfolger Karl V. 1520 in Gent.

[1]Alle Zitate sind entnommen dem Abdruck des «Narrenschiff» auf www.projekt-gutenberg.org und aus kurzen Ausschnitten auf www.getabstract.com.

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wird demnächst veröffentlicht in: Literarisches Österreich

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 21096

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