Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge zum 225sten Todestag am 6. Mai 2021

Sei, was du bist, immer ganz, und immer derselbe![1]

Lebte Knigge noch, er täte mir leid: ein talentierter, fleißiger Literat, dessen Bekanntheit trotz breiter Produktion auf ein einziges Werk reduziert wird, das die Welt zusätzlich grob missversteht. Außerdem wird sein Name inflationär als Kurzformel für verschiedenerlei Aperçus verwendet, somit letztlich diskreditiert. Dabei kündet, beeindruckend, dieses Werk von dreierlei: von grenzüberschreitender Bildung; von breit gespannter gesellschaftlicher Erfahrung, die ohne eigenes Wollen und Hinzutun nicht gelingen kann; von philanthropischem Geist, der effektiv das Ergehen der Mitmenschen in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt.

Entscheidendes für die heutige Reduktion gründet im 18. Jahrhundert, in dem er lebte.
Zu diesem gehört die Ausdruckweise, die, niederdeutsch, zwar bereits unser noch allgemein gebrauchtes Idiom verwendet, aber in der damals für einen Schriftsteller offenbar notwendigen Weitschweifigkeit uns Heutige langatmig redselig dünkt und gespreizt wirkt. Schon viele Titel muten umständlich an – wofür ein Beispiel genügen mag: Über Friedrich Wilhelm den Liebreichen und meine Unterredung mit ihm von Meywerk, eine Art Roman – und verleiten uns kaum mehr zum Lesen.
Auch die eigentlichen Texte dehnen sich lang, selbst die Reise nach Braunschweig entpuppt sich als weit ausholende, uns allzu wortreich anmutende Schilderung. Das uns bekannte «Was du nicht willst …» lautet dann bei ihm: Wie würde es dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man dir dies zumutete, gegen dich also handelte, von dir das forderte? - diesen Dienst, diese Verwendung diese langweilige Arbeit, diese Erklärung?[2]

Bei alledem gilt nicht zu vergessen: Knigges Lebensverhältnisse blieben für den Stand, dem  er angehörte, zwar angemessen in der Lebensform, nicht zuletzt bei wechselnden Kammerherr- und Beamten-Diensten, im Networking bis zu standesgemäßer Heirat, sozial engagiert, kulturell wach, doch blieb seine Lage generell reichlich prekär, durch den bescheidenen Adelstitel, durch die Akzeptanz des Erbes eines überschuldeten Guts, was ihm ökonomisch das Leben lang Mühsale aufnötigte, und nicht zuletzt durch das Bewusstsein eigener geistiger Kapazitäten.

Genauer hingesehen, hatte Knigge das Problem vieler vielfachbegabter Generalisten, die aus Not auswärtige Stellen, in diesem Fall und Jahrhundert an «fremden» Höfen, annehmen müssen. Fähig, sich rasch in «neue» Arbeitsgebiete einzuarbeiten – so in Hanau 1777 in den Kulturbetrieb, was zu eigenen achtbaren Kompositionen führte[3], so in Kassel 1791 in die Tabakregie –, weckte er unter den alteingesessenen Höflingen jede Menge Vorbehalte, die zu Intrigen und zum baldigen Ausscheiden aus dem Dienst führten.
Vermutlich Ähnliches widerfuhr ihm in den «Gesellschaften», der Beitritt zu den Freimaurern brachte ihm zwar Titel, aber kaum Aufstieg; die aktive Teilnahme am kurz zuvor gegründeten Illuminatenorden brachte ihn mit seinen aufklärerischen Ideen in die Bredouille, bald trat er wieder aus, um sich auch öffentlich gegen alle Geheimbünde zu stellen[4].

Zweifellos förderten diese missgünstigen, ihm zuwiderlaufenden äußeren Umstände in hohem Maß seine innere Selbständigkeit, während er finanziell von der Familie im weitesten Sinn abhängig blieb. Zum eigentlichen Remedium avancierte die Schreibarbeit im redlichen Erwerb[5]; er dürfte mithin als einer der ersten »freien Schriftsteller» gelten. Wenn er formuliert: Mache dir keine Langeweile! das heißt: Sei nie ganz müßig![6], so galt dies für ihn selbst nicht als lebensphilosophische Maxime, sondern als zwingende Notwendigkeit.
Dabei sah er den Zwang zum Schreiben nicht als Qualitätsgarant: Ich habe zu viel geschrieben, um immer gut zu schreiben[7], meinte er 1789. Nun, hierher gehören zum einen Übersetzertätigkeit[8], Rezensionen[9] wie Theaterkritiken[10]. Seine Romane sind, einmal mehr, einmal weniger, literarisch geformte Abhandlungen zu Fragen der Zeit, in denen wie in seinen Schriften zu Ethik und namentlich zur Politik immer wieder in satirischen Überzeichnungen die Auswüchse der ständischen Ordnung für Alltag und Gesellschaftsstruktur in aller Breite abgehandelt werden.

In seinen Analysen gibt Knigge sogar gezielte, die Errungenschaften der französischen Revolution gutheißende Erklärungen ab – ein modern anmutendes Beispiel: Neue Gesetze, welche die Freiheit gewisser Handlungen einschränken, können nur mit Wissen und Willen aller erwachsenen Bürger im Staate gegeben werden – und macht, indirekt, wenngleich letztlich wenig verklausuliert, in republikanischer Gesinnung die Hebung der nicht adligen Stände zu seinem Anliegen. Trotzdem gilt, Knigge verlor (zwangsweise?) seine Rezipienten nicht aus dem Blick, wobei allerdings das von ihm gewünschte Lesepublikum breit aufgestellt zu sein hatte. Als Freiherr musste er mit dem Adel rechnen, als Gesellschafter durfte er Gesinnungsgenossen nicht außer Acht lassen, sein eigentliches Augenmerk galt hingegen dem aufstrebenden Mittelstand, …

… den er letztlich bei der Abfassung des seinen hohen Bekanntheitsgrad begründenden «Über den Umgang mit Menschen» in den Fokus stellte. Ein grobes Missverständnis besteht darin, «den Knigge» als jenen den erhobenen Zeigefinger ersetzenden Benimmapostel zu verstehen. Oder, noch fataler, «Knigge» inflationär als Etikette für alles und jedes zu missbrauchen, ergo für das, was sich vermeintlich gehöre. Was im Buch hingegen richtig, wichtig, wenn nicht entscheidend ist, ist die Bereitschaft, sich im Alltag dezidiert auf die jeweiligen Personen als Typen einzustellen.
Gerade dieser Anstoß erlaubt Knigge den Durchblick auf das menschlich allzu Menschliche, mithin den Blickpunkt auf eine Welt, die beileibe noch nicht vergangen ist; so kümmert er sich, in heutiger Diktion, um die Alles-an-sich-Zieher, die Die-andern-Überfahrer, die Sich-Anbiedernden, die penetranten Schweiger, die narzisstisch Selbstgefälligen.

Seine kompetente Hilfestellung beruht nicht in strengen Verhaltensmaßregeln, sondern in unzählbaren mild engagierten Hinweisen auf die förderliche Art, sich in den verschiedenen Kreisen zu bewegen. Nicht von ungefähr befasst sich ein (kurzes) frühes Kapitel ausdrücklich mit dem Umgang mit sich selber, der in den Kerngedanken mündet: Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andere Dich respektieren sollen! Das bedeutet konkret: Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, das Bewußtsein Deiner Menschenwürde, das Gefühl […] irgend jemand nachzustehen![11] Aus dieser Grundlage resultiert ein «Benehmen» (wenn man es denn so nennen will), bei dem dieser esprit de conduite[12] ein kalkulierendes Beobachten der erlebten Verhaltensweisen fordert. Für eine Sicherheit der Feststellungen wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie [die Leute] Dir unbemerkt zu sein glauben[13], dabei ist dezidiert Achtsamkeit gefordert auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man feurigen Genies selten antrifft … um danach (im Nachsatz) selbständig – und wir können dazusetzen: selbstbestimmt – zu handeln[14].

Knigge hielt, beachtlich, persönlich seine Maximen durch bis zu seinem Typhus-Tod mit 44 Jahren in Bremen, aber er fand in seiner Tochter nicht nur eine Nachfolge als Lyrikerin, sondern auch seine erste Biographin.

Obwohl, noch einmal, Knigge kaum verhohlen den Mittelstand in den Blick nimmt, um ihn gesellschaftsfähig zu machen, lehnte das 19. Jahrhundert zahlreiche Textstellen ab, die man in Neuauflagen der politischen Passagen entkleidete und in kleinbürgerlicher Weise umgewandelte[15].

Uns Heutige aber muss Knigges Habitus in seiner überlegten, die Zeitumstände ebenso einbeziehenden wie zugleich transponierenden Umsicht beeindrucken. So mag der Schluß in seinem Hauptwerk als Schlusswort dieses Essays auch auf ihn selbst gemünzt sein: Aber das wünscht, und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, […] daß er Genuß aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe […]. Und wenn er ausdauert, […] so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studiert hat und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen.[16]

[1] aus: Über den Umgang mit Menschen, ausgewählt und eingeleitet von Iring Fetscher, Frankfurt/Main 1962, Fischer Bücher des Wissens 434, S. 44; die Ausgabe bildet wieder den entscheidenden Text Knigges dritter Fassung von 1790 ab.

[2] wie Anm. 1, S. 48

[3] Konzert für Fagott, Streicher und basso continuo 1776; in Hanau zwei Balletts nach 1777, später sechs Sonaten für Klavier 1781 und zwei Lieder Der stille Abend kömmt herbei und Ergreift das Werk, ihr guten Kinder.1785.

[4] Philo's endliche Antwort auf verschiedene Anforderungen und Fragen, meine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend, eine Abhandlung, 1788. Zuvor bereits Sechs Predigten gegen Despotismus, Dummheit, Aberglauben, Ungerechtigkeit, Untreue und Müßiggang 1783.

[5] Zitat aus der Allg. Dt. Bibliographie 16, 1882, Online-Version

[6] Wie Anm. 1, S. 42

[7] wie Anm. 1, S. 9

[8] wie – inhaltlich kaum zufällig – des Librettos (1786) von Mozarts Figaros Hochzeit; der Confessions (1781) von Rousseau 1786-90

[9] 1779–1797 für die renommierte «Bibliothek» Friedrich Nicolais in Berlin (Gesamtedition 2009)

[10] 1786-90 in Hannover

[11] wie Anm. 1, S. 59

[12] wie Anm. 1, passim

[13] wie Anm. 1, S. 55

[14] wie Anm. 1, S. 195

[15] Der Beitrag in der ADB 1882 (wie Anm. 5) überschüttet Knigge mit geradezu gehässigen Bemerkungen.

[16] wie Anm. 1, S. 196

Martin Stankowski
www.stankowski.info

Der Text wird demnächst veröffentlicht in: Literarisches Österreich

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 21095

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *