Mit klarem Blick und spitzer Feder. Jane Austen (1775-1817) zum 200. Todestag am 18. Juli

Obschon man nur sehr wenig über Jane Austen weiß, meint man sie gut zu kennen.

Es gibt zahlreiche Informationsmöglichkeiten über sie, darunter neuere Bücher, die angestrengt versuchen, alles annähernd sicher Qualifizierbare und nur irgendwie Erhaschbare aufzuführen: Weil streng nachvollziehbare Unterlagen und Abbildungen fast vollständig fehlen, behilft man sich mit ihrer häuslichen Umgebung, den Kenntnissen des Englands im frühen 19. Jahrhundert und namentlich mit dessen Sozialstruktur. Denn diese spielt zweifellos zum Verständnis eine enorme Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass «Englands Lieblingsautorin» (NZZ 1.4.2017) bereits kurz nach ihrem Ableben von der Familie vereinnahmt wurde, beginnend mit den Erinnerungen ihres Bruders Thomas und einer zunehmenden Mystifizierung «der lieben Tante Jane».

Und es gibt jede Menge von Verfilmungen, 1938 beginnend und nicht endend bis in die letzte Zeit, namentlich 14 Mal ihres bekanntesten Romans (Stolz und Vorurteil), gleich in mehreren Varianten: als moderne Version mit der Möglichkeit, dank einer Schiebtür zwischen dem heutigen London und der buchstäblich vergangenen Welt zu wechseln, oder umgekehrt ganz als Eintauchen in die Atmosphäre von 1810 auf dem englischen Land.
Die Bildsprache unterstützt, nimmt man sich die Geschichte anschließend (noch einmal) vor, den Eindruck, Jane Austen schreibe «Historische Romane», die aus viel Angelesenem und Studiertem einen möglichst spannenden, möglichst echt wirkenden Plot generiert. Das ist heute höchst modern, gab es aber ausgerechnet bereits in ihrer Epoche: Zeit seines – und ihres! – Lebens berühmt etwa der Autor Walter Scott, der das neue Genre zu einem einflussreichen literarischen Zweig entwickelte … und der gleichwohl Jane Austens literarische Sicht der Welt sehr bewunderte.

Der Eindruck eines gleichsam heraufgeförderten Inhalts trügt natürlich, noch dazu in allerhöchstem Maß: Jane Austen ist schlichtweg authentisch, nein, mehr als das: absolut echt. Sie springt zwar auf den Zug des außerordentlich populären Sittenromans auf, krempelt ihn jedoch gehörig um. Trotz der nach wie vor beibehaltenen Position der auktorialen Erzählerin identifiziert sie sich mit einer weiblichen Hauptperson. Diese bestimmt damit letztlich die Perspektive, mit ihr tauchen wir als Lesende vollkommen in ihr «Universum» ein. Das heißt ebenso: Jane Austen rekonstruiert nicht, sie erklärt nicht. Sie schildert aus zutiefst eigener Erfahrung und schöpft aus kontinuierlich sprudelnder Quelle.

Praktisch alle Romanhandlungen spielen in der «Gentry», jener sich selbst als eigene soziale Gruppierung verstehende Schicht aus niederem Adel und Landbesitzern, der sie selber angehörte. Gerade deshalb beeindruckt es, dass sie niemals berichtet. Sie erzählt aus dem inneren Zirkel heraus, innerhalb der (selbst in den Übersetzungen nachvollziehbaren) Grenzen eines gesellschaftlichen Habitus. Die Enge sprengt sie mit sprühender Gestaltungskraft, mit einem scharf klärenden Blick hinter die Kulissen des Scheins ebenso wie mit der notwendigen dichterischen Freiheit, nicht zuletzt ebendarum zugleich voller Bezüge und Charakterisierungen. Das beginnt bei der Landschaft Mittelenglands mit ihren weitläufigen Hügeln, Forsten und Buschwerk und freien Flächen mit Ausblicken.
Das geht weiter über die intensive Schilderung der Wohnorte, oft schlossartige Anwesen. Eine gewisse Rolle als Bezugspunkt wird der Stadt Bath verliehen (die damals einen enormen Entwicklungsschub erlebte), aber eben nicht als urbanes Gebilde, sondern rein als gesellschaftlicher Treffpunkt. Das reicht bis zur Formung des Alltags mit steten Wanderungen querfeldein (die den Geist auslüften lassen), mit der beständigen Sorge um eine «gute» Verheiratung (bei Müttern und Töchtern), mit dem nie aufhörenden Schreiben von Handzetteln und natürlich Briefen (auf deren Gebiet Jane Austen eine vielgeübte Meisterin war), mit der steten Suche nach Höhepunkten (namentlich in gesellschaftlichen Anlässen wie Bällen und Reisen).

Auf den ersten Blick mag solche Wiederholung etwas langatmig, vielleicht sogar langweilig wirken. Doch der Schein täuscht: Das Gleiche ist bei Jane Austen niemals dasselbe. Somit ging ihr erstens der Stoff nie aus. In ihrer kurzen, für die Zeitumstände allerdings nicht ungewöhnlich kurzen, Lebenszeit erschienen in dichter Folge fünf groß angelegte Romane. Zu ihnen treten zahlreiche weitere Arbeiten, die allerdings nicht den gleichen nachhaltigen Bekanntheitsgrad gewinnen konnten. Zweitens beschreibt sie in der Qualifizierung und Führung ihrer Figuren das Wirken des Äußeren in den inneren menschlichen Schichten.
Aus dieser höchst subtilen literarischen Leistung resultiert ein farbiges, genauer: farblich changierendes Tableau menschlicher Zustände, eine Psychologie (ante definitionem sozusagen) eines nur scheinbar, weil durch strenge soziale Regeln, in sich geschlossenen Personenkreises.
Und, was die Feministinnen unter den Lesenden freuen wird, jeweils zutiefst aus der Sicht einer sich jedem Tag neu stellenden, stets gründlichen Überlegungen über die eigenen Erfahrungen offenen jungen Frau.

Diese Ausgangslage eröffnet die Chance zum ehrlichen Reflektieren all der großen und der kleinen Dinge des Alltags (Allow me to feel no more than I profess), weckt ein sensibel-einfühlsames Verhalten und gibt Anlass zu ironisch-geistvoller Kommentierung. Dazu zwei Beispiele: In «Stolz und Vorurteil» erreicht nach einigen Wirren die Heldin Elizabeth ausgerechnet durch ihre bis zur Kompromisslosigkeit reichende Verwurzelung im eigenen Selbst eine kaum für möglich erachtete soziale Karriere. In Jane Austens letztem, dreibändigen Werk schildert sie schließlich mit «Emma» (Woodhouse) eine bis zur Verweigerung der Heirat bestrickend selbständige Persönlichkeit und beginnt, zu neuen Ufern aufzubrechen. Sie war sich dessen voll bewusst, wenn sie schrieb: Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner außer mir besonders mögen wird. Die andere Seite ist das Zurücktreten hinter ihre Werke; sie publiziert anonym «by a lady», wird jedoch trotzdem zunehmend als Autorin bekannt – und öffnet damit eine Gasse, etwa für die Brontë-Schwestern der nachfolgenden Schriftstellerinnengeneration.

Man meint sie gut zu kennen: Aber man lese! Man lese nicht zwingend die kaum noch überblickbare Sekundärliteratur über sie, sondern vielmehr und unbedingt – mit stets wartenden Neuentdeckungen – ihre eigenen Werke.

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17130

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