Requiem für eine Buchhandlung

Malota - Stern’s Nachfolger seit 1906

Die Straße ist die älteste Verbindungslinie aus der Stadt hinaus in den Süden. Und zwar immer schon. Zumindest seit den Römern. Ihre Verlängerung, die Triester Straße, führt auf direktestem Weg ans Meer, eben nach Triest und Venedig, einstmals österreichisch. Sie hat derzeit 3 Kirchen, 4 Apotheken, 9 Hotels und Pensionen, 4 Tiefgaragen, 3 Spar-Märkte, einen Drums-Bioladen, 8 Drogerie-Märkte, 3 Eissalons, 3 Änderungsschneidereien, 2 Schuhmacher, 7 Friseurläden, 2 Nagelstudios, einen Libro, 5 Blumenhandlungen und 3 Tankstellen, nicht gezählt sind die Geschäfte, Arztpraxen und Cafes.
Das Wortner ist als einziges Kaffeehaus übriggeblieben.
Ein echtes, altes Wiener Beisl kann man hier nicht mehr finden; einige aufgehübschte Kopien, wie die Wiener Wirtschaft, die Steirer Stuben oder Rudis Beisl versuchen etwas vom alten Flair zu retten, aber Asien ist eindeutig im Vormarsch. Kürzlich öffneten gleichzeitig und nebeneinander eine Konditorei für Allergiker und ein Restaurant für Veganer. Gut besucht, also, wir liegen im Trend.

Das alles ist noch nichts Besonderes, aber meine Straße hat ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist gesäumt von der längsten Lindenallee der Stadt. Und die wird man nicht so leicht ausrotten können, hoffe ich, auch wenn die Autofahrer tagtäglich daran arbeiten. Die Kastanien im Prater mögen berühmter sein und prächtiger blühen, sich spektakulär rote, weiße und rosa Kerzen aufsetzen, aber leider, Leute, sie riechen nicht! Sie sind nur ein Augenwunder und daher doch ein bisserl was von falsch. Drei Wochen von Ende Mai an – je nach Wetter – leben die Wiedner an ihrer Hauptstraße in einer süßen, betörenden Duftwolke, die sich in dieser viel zu kurzen Zeit sogar gegen den Autoverkehrsdampf durchsetzt. Sogar zu mir in den Hof dringt sie herein und füllt die Zimmer. Das macht ihnen keine Hauptstraße nach, außer vielleicht die in Drösing im Weinviertel. Aber das ist etwas anderes. Das Dorf ist so klein, dass man sogar die Rosen in den Gärten riechen kann.

Wegen der Nähe zum Ring haben sich in der Wiedner Vorstadt besonders viele Künstler niedergelassen, derer auf vielen Tafeln mit Goldbuchstaben gedacht wird. Das Gluck-Haus, das von Dvorak und Sibelius und vieler anderer weniger Bekannten. Vergessenen, Enteigneten, Arisierten, Ermordeten. Tina Walzer und Stefan Templ führen in ihrem Buch „Unser Wien - Arisierung auf Österreichisch“ viele Adressen dieser Verbrechen in Wieden auf. Die Familien Grünbaum, Steiner, Spitzer, Rieger, Heger, Künstler, Ärzte, Architekten, alle Kunstsammler und Förderer. Soweit ich weiß, wurde nicht ein einziges Haus, keine einzige Kunstsammlung restituiert. Die größte von Fritz und Lilly Grünbaum, 800 Werke, unter ihnen 150 Schiele-Bilder, sind im Leopold-Museum als Staatsbesitz jetzt unser aller Besitz. Fritz wurde in Dachau ermordet, Lilly, eine Nichte von Theodor Herzl, in Maly Trostinec zusammen mit ihrer Freundin Karoline Klauber, die sie ein Jahr lang in Wien versteckt hatte.

Die Wiehau hat vieles, aber keine einzige Buchhandlung mehr. Vor fünf Jahren schloss der Reichmann und wurde zu einer Apotheke. Gut, kann man sagen, Medikamente und medizinische Hilfe braucht jeder. Die Apotheke ist jetzt einer von den vielen modernen, gesichtslosen Gesundheitstempeln, wo einem die Pharmakonzerne das Geld aus der Tasche ziehen. Die Reichmann’sche Buchhandlung zählte wahrscheinlich zu den schönsten der Welt. Sie war groß und dunkel wie Hoggart’s Castle, die Bücher standen nicht auf Regalbrettern, sondern in sechs Meter hohen Holzschränken, wahrscheinlich aus Eiche, über die Jahrzehnte bis ins Schwarze gedunkelt. Die Bücherreihen wirkten nicht einfach aufgestellt und eingereiht, sondern wie ein Schatz, geborgen in ihren Gehäusen. Die reichen geschnitzten und gedrechselten Verzierungen an den Vorderseiten zeugten von der Ehrfurcht und der Liebe zu den Büchern als Pretiosen.
Herr Reichmann und seine Angestellten erklommen auf Holzleitern schwindelnde Höhen, um ein Buch zu suchen, oder sie verschwanden in unermesslichen Hinterräumen, sie wussten es immer genau und zielsicher zu finden. Hatten sie alle diese Bücher gelesen und dann in den Schränken unvergesslich verstaut? Sie wussten auch immer über alles Bescheid, Neuigkeiten und Wiederentdeckungen, Raritäten und Sensationen, gute Tipps und anregende Gespräche. Allein schon deshalb musste man diesen Ort und seine Bewohner lieben. Nicht nur der letzte Herr Reichmann, sondern auch seine jungen Adepten sahen aus, als würden sie dort wohnen und im Dämmerlicht ihren Büchern entsteigen: gräulich und blass im Gesicht. Das kann aber eine Sinnestäuschung gewesen sein, denn das helle Tageslicht drang nie in diese Räume. In den letzten Tagen vor der Schließung erzählte mir Herr Reichmann, dass die Schränke gerettet wurden, verkauft an einen Schlossbesitzer. Zumindest wurden sie nicht vernichtet, vielleicht zieren sie schon irgendwo ein Ritterrestaurant.

Zwei Häuser weiter, wo 108 Jahre die Stern’sche Buchhandlung & Nachfolger zu Hause war, hat vor Kurzem ein „Hannibal“ aufgemacht. Hannibal, fragen Sie, wer ist das? Der mit den Elefanten über die Alpen? Ich wusste es auch nicht, bis mir als einer Anrainerin ein Eröffnungsgutschein ins Haus flatterte, zehn Euro Rabatt, wenn ich fünfzig Euro ausgebe. Eine Kette für Interior-Design. Anstatt Bücher nun also Kerzen, Servietten, Kissen und Teetassen. Der Besucherandrang ist so groß, dass es fast kein Durchkommen gibt. Diese Menschenmassen hätte ich dem letzten Pächter der Buchhandlung, Herrn Martin Greiner, gewünscht. Er musste sich dem Druck von Thalia, Amazon, Kindle und Konsorten beugen.

Seit fast 44 Jahren wohne ich in diesem Bezirk, auf der Wieden, und der Malota gehörte zum Leben so selbstverständlich dazu wie die gegenüberliegende Paulaner Kirche mit ihren weithin hallenden Glocken oder der Habig – Hof auf Nummer 15-17. Den berühmten Herrenausstatter darin gibt es schon lange nicht mehr. Er bleibt verewigt in der ersten Szene des Romans „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, wo der alte Trotta seinen Sohn, den frisch gebackenen Leutnant, standesgemäß einkleiden lässt. In diesem Milieu ging man selbstverständlich zum Habig auf der Wieden, wie schon der Vater und der Großvater, der Held von Solferino. Das ehemalige Geschäftslokal, eine reich ausgestattete tempelartige Säulenhalle mit Goldstuck an der Decke und Wandmalereien bis zum Marmorboden, ist zum Glück erhalten geblieben, leidet aber an ständig wechselnden Benutzern, derzeit eine Computer-Firma. Der Vorteil, sie hat die historischen Fenster ausgetauscht gegen eine große, transparente Glasfront. Architektonisch ein Verbrechen, aber die Passanten bekommen erstmals Einblicke in die Tiefen des Habig-Hofes. Ein paar Häuser weiter das ehemalige Paulaner-Kloster mit drei Höfen an der Ecke Floragasse, es ist schon lange ein Wohnhaus, so wie ich gleich nebenan im ehemaligen Ursulinenkloster wohne.

Ich habe mich in vier Jahrzehnten bemüht, ALLE Bücher beim Malota oder beim Reichmann zu kaufen, dort zu bestellen, wenn etwas nicht lagernd war, auch wenn es die Bücher in der Innenstadt sicher gegeben hätte, nie zu einer Großkette zu gehen und absolut NIE zu einem Internet-Riesen, ich schwöre das unter Eid! Trotzdem konnte ich die beiden Buchhandlungen nicht retten. Jedes Mal, wenn ich mich vor dem Hannibal durch die Menschentrauben am Gehsteig kämpfe, überlege ich, ob ich daran schuld bin, dass es keine Buchhandlung auf der Wiehau mehr gibt. Was ist daran so schlimm? Die Fleischhauer in Wieden sind schon viel früher ausgestorben.

Ich habe mein Gewissen erforscht und festgestellt: Es wäre über meine Möglichkeiten gegangen, allein den Malota zu retten, so viele Bücher hätte ich nicht kaufen können, ich hätte die ganze Buchhandlung kaufen müssen. Mein letzter Versuch, etwas gegen das Büchersterben zu tun, bestand darin, meinen literarischen Salon aus meinem Wohnzimmer in das Hinterzimmer der Buchhandlung zu verlegen. Vier Autorenlesungen habe ich veranstaltet, die letzte am 9. April 2014 mit meinem eigenen Buch. Ich brachte bis zu dreißig Besucher in die Buchhandlung, die gerne einem lebenden Schriftsteller zuhörten, mit ihm diskutierten und einen Blick in seine Werkstatt warfen. Auch das von mir nachher servierte Buffet war recht beliebt, und der Chef musste uns regelmäßig vor die Tür jagen. Der Malota war ein eher unauffälliges Lokal, nüchterne, etwas angestaubte Eleganz, es barg aber ein paar Geheimnisse. Wenn man den Verkaufsraum mit einfachen Bücherregalen und Schautischen durchquerte, öffnete sich nach einem engen Korridor ein großer Saal, ausgestattet mit Mobiliar, das sich in jedem englischen Herrenclub gut ausgemacht hätte. Ausladende Fauteuils, heimelige Stehlampen, Beistelltischchen für Pfeifen und Whiskeyglas, in der Mitte ein großer, massiver Tisch mit antiquarischen Prachtausgaben und Kunstbänden. Besser einladen zum Bleiben und Schmökern kann man nicht, das hat der letzte Geschäftsführer Martin Greiner gut erkannt.

Da ich offenbar bei ihm nicht schlecht angeschrieben war, öffnete er mir in einem hinteren Winkel ein Türchen und führte mich in den Keller, das Bücherlager. Über eine enge Wendeltreppe gelangte man in ein Labyrinth von Gängen und Räumen, die Säle hatten Tonnengewölbe aus Ziegel, die aussahen, als hätten sich hier die Wiedner schon zur Zeit der Türkenbelagerung zurückgezogen. Kann aber nicht sein, denn das Haus war nachweislich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut worden, wusste der Kunsthistoriker Greiner. Schade, denn die Vorstellung, dass sich die Wiener hier an den Büchern vergnügt hätten, während draußen die Armeen von Jan Sobieski und des Großwesirs Kara Mustafa Pascha aufeinanderprallten, ist allzu verführerisch. Verteidiger der Stadt war Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der nicht weit von dort seinen Gassennamen hat.
Der „goldene Apfel“, wie die Osmanen Wien nannten, war zum Greifen nahe, bis die Wiener Unterstützung aus Polen, Venedig und dem Kirchenstaat bekamen. Als die Belagerten nach zwei Monaten am 21. September 1683 aus ihren Kellern wieder nach oben kamen, hatte das osmanische Heer schon Reißaus genommen und wurde von Sobieskis Truppen bis nach Belgrad verfolgt. Und alles hatten die Wiedner mit Hilfe der Bücher gut überstanden. Der Historiker hat einen nüchterneren Blick und zeigt mir die Ziegel im Tonnengewölbe, die eindeutig die Jahreszahl 1898 und den Doppeladler der Wienerberger Kaiserziegel tragen. Ob der „Hannibal“ dieses Refugium benutzt und wie, konnte ich bis heute nicht herausfinden.

Irgendetwas hält mich davon ab, einzutreten und dort Teelichter statt Bücher zu kaufen.
Jetzt am Ende gebe ich freiwillig zu, dass ich etwas geschummelt habe. Es gibt doch noch zwei Buchhandlungen, eine versteckt hinter der Eule an der Technik und eine Reise- Buchhandlung, in denen ich noch nie war und die ich wahrscheinlich auch nie betreten werde, so unbuchhändlerisch uneinladend wirken sie. In etwa so einem Abstand wie das Espresso Hawaii in Simmering entfernt ist von einem Ringstraßencafe.
Nach dem Verlust von Reichmann und Malota bin ich tränenden Auges um eine Ecke weiter gezogen zur Buchhandlung Anna Jeller auf der Margarethenstraße und wurde getröstet.
Bei allem Schmerz – hier habe ich wieder eine Buchheimat gefunden.

8.6.17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 17133

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