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Schneeschmelze

Rosa lief mit der Öllampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorwärtszukommen.
„Schnell, Mädel, lauf zur Hebamme und bring sie her! S‘Nannerl bekommt ihr Kind!“ Mit diesen Worten hatte sie die alte Bäuerin mitten in der Nacht geweckt.

Die einzigen, knöchelhohen Paar Schuhe von Rosa waren abgetragen und löchrig, das dicke Leinenkleid hing nass und kalt an ihren schmalen Beinen, der Lodenmantel war fadenscheinig und wärmte nur wenig. Seit fünf Jahren war sie jetzt beim Seppenbauern als Dienstmagd angestellt, und in dieser Zeit, seit ihrem zwölften Lebensjahr, war sie nicht mehr richtig gewachsen. Sie sah auch nicht aus wie siebzehn, sie war klein, schmal und unterernährt. Rosa hatte jeden Tag Hunger, aber das interessierte niemanden.
„Sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast und eine warme Suppe, bei deiner Großmutter wärst du längst verhungert!“, hatte sie die Altbäuerin mal geschimpft.

Endlich angekommen bei der Hebamme machten sich die zwei Frauen schnell auf den Rückweg zum Bauernhof, Rosa war keine Pause gegönnt. Gerade noch rechtzeitig zur Niederkunft kamen sie an. Für Rosa brach eine anstrengende Zeit an, sie musste die kommenden Wochen den Säugling hüten, damit sich die Jungbäuerin von der Geburt erholen konnte.

Um spätestens 21 Uhr fiel Rosa jeden Abend müde, abgekämpft und hungrig ins Bett, neben ihr schlief der Säugling in einem geflochtenen Korb. Sobald das Kind zu schreien anfing, brachte Rosa es zu Nannerl zum Stillen. Sie musste warten, bis es fertig getrunken hatte und nahm es wieder mit in ihre kleine Kammer. Es war eisig kalt, Rosa packte den Säugling ganz warm ein und achtete darauf, dass das Kind nicht fror. Um vier Uhr früh stand Rosa auf, heizte den Ofen in der Küche und der Stube und versorgte dann die Tiere am Hof. Der Wind pfiff um die Stallungen, Rosa zitterte am ganzen Leib. An den Kühen und Kälbern konnte sie sich wenigstens ein klein wenig wärmen, während sie den Stall ausmistete.
Nach der Stallarbeit gab es für alle ein kümmerliches Frühstück – lauwarme Milchsuppe mit etwas Brot. Die Dienstboten bekamen das alte, harte Brot von der Vorwoche, nur der Herrschaft war das frisch gebackene vorbehalten.

Nach diesen anstrengenden Wochen wurde Rosa krank. Sie hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sie hustete sich die Seele aus dem Leib. Der alte Knecht, Matthias, bemerkte Rosas glühende Wangen beim Frühstück und sprach die Altbäuerin an:
„Die Rosa gehört ins Bett und ein Arzt muss her. Seht euch das Mädel doch an? Die stirbt euch noch weg.“
„Das wäre ja noch schöner! Wer soll denn für die Arztkosten aufkommen? Die hat doch nichts Erspartes! Und bis Maria Lichtmess bleibt sie hier am Hof als Dienstmagd!“, keifte die Alte.
Der Seppenbauer funkelte Rosa streng an und spuckte abwertend auf die Holzdielen.
„Na, wo hast dich denn herumgetrieben, weil du plötzlich so krank bist?“, meinte er.
„Kann ich bitte heißen Tee haben und eine kräftige Suppe, Bauer? Dann werde ich sicher schnell wieder gesund“, flehte Rosa die Bauersleute an.
„Nichts da. Geh an die Arbeit. Wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich jeder eine Sonderbehandlung möchte?“ Die Bäuerin ging wieder zurück in die Küche an den Herd.

Matthias schüttelte den Kopf und nahm Rosa an der Hand.
„Komm, Rosa. Ich helfe dir.“ Am Vormittag musste Rosa immer die schweren Wasserkübel vom Brunnen in den Stall tragen und das Vieh tränken. Außerdem war noch das Getreide mit einem Dreschflegel zu schlagen, damit die Pferde am Hof Korn hatten.
Mit zittrigen Beinen und aus voller Brust hustend verrichtete sie ihre Arbeiten. Der Knecht half ihr, soweit es möglich war, denn er hatte selber noch einiges an Aufgaben zu erledigen.
Rosa konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie wollte am liebsten weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Bis Anfang Februar war sie verpflichtet am Hof. Erst dann bekam sie ihren Lohn vom letzten Jahr ausbezahlt. Wenn es die Bauersleute gut mit den Dienstboten meinten, gab es zusätzlich vielleicht noch Schuhe oder neue Kleidung. Sie hielt das bei den Seppenbauern aber für sehr unwahrscheinlich.

Die Bettwäsche in der Kammer waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. In den Räumen der Dienstboten herrschte im Winter immer eisige Kälte. Rosa hielt es nicht mehr aus, sie schleppte sich in den Stall, legte sich neben die Kälbchen ins Stroh und deckte sich mit alten Leinensäcken zu. Bald fiel sie in einen tiefen Schlaf.
Ganze vier Tage blieb sie so im Stall liegen, trank manchmal einen Schluck Milch aus dem Euter der Kühe und legte sich wieder hin. Niemand kümmerte sich um sie, aber zum Glück wurde sie auch nicht mehr aufgefordert, ihrer Arbeit nachzugehen.

Am fünften Tag ging sie verschmutzt, stinkend und abgemagert über den Hof zum Bauernhaus. Ein Pferdegespann fuhr gerade durch das Einfahrtstor und auf dem Kutschbock saß der Alois aus dem benachbarten Ort. Rosa kannte ihn schon länger, er holte sich immer Holz vom Seppenbauern. Er hatte sich vor einiger Zeit mit seiner Frau ein kleines Haus am Dorfrand gebaut, er war Hufschmied und verdiente sich damit mehr recht als schlecht den Unterhalt. Die meisten Bauern zahlten in Naturalien, er hatte wenigstens zu essen. Vor einigen Jahren war die Frau von Alois gestorben, an der Schwindsucht, wie es hieß.
„Rosa! Bist du das?“, rief er entsetzt. „In aller Herrgottsnamen, wie siehst du denn aus?“
„Ich war krank, Alois. Jetzt geht es mir aber wieder besser.“ Rosa war beschämt und schlüpfte schnell durch die Tür ins Haus.

Sie nahm einen Holzkübel, um Wasser zu holen. Der Brunnen lag außerhalb des Hofes, in der Nähe des Einfahrtstores. Aus dem Hofinneren hörte sie plötzlich laute Stimmen.
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die Rosa sieht ja schrecklich aus! Lässt du sie verhungern?“, hörte sie die Stimme von Alois.
„Das sind nicht deine Angelegenheiten! Die Rosa soll froh sein, dass sie bei uns ist. Ihre Großmutter kann sich nicht noch um ein weiteres Balg kümmern.“
„Am liebsten würde ich sie einpacken und mitnehmen. So kann das nicht weitergehen, Sepp! Soll ich dem Arzt sagen, er muss mal vorbeischauen? Dann wirst du aber dein blaues Wunder erleben!“
„Das Angeld ist bezahlt, die Rosa bleibt bis Lichtmess hier! Dann kannst du sie von mir aus holen, das unnütze Weibsbild.“

Rosa lief schnell in das Haus zurück, ehe sie jemand sah. Ihr Herz pochte! Konnte das wahr sein? Würde sie wirklich endlich wegkönnen von diesem Hof? Bis zweiten Februar waren es nur noch einige Tage, die hielt sie sicher noch aus.
Abends hörte sie dann die Bauersleute über Alois reden, sie lachten und machten Witze. Sie wollten es nicht glauben, dass der Mann so dumm sein konnte.
Pünktlich an Lichtmess begann die Schneeschmelze und an diesem Tag fuhr Alois auf den Hof.
Die Altbäuerin wartete an der Eingangstür und stemmte ihre Arme in die breite Taille.
„Na, Alois? Meinst du es wirklich ernst? Bist um die Rosa gekommen?“, fragte sie ihn mit scheinheiliger Stimme.
„Das ist richtig. Wo ist sie? Ich nehme sie gleich mit.“
„Ich verstehe gar nicht, was du dir an dem Mädel siehst, hässlich, wie sie ist. Und zur Arbeit taugt sie auch nicht“, fauchte die Alte weiter.

Rosa hatte ihr bestes Kleid angezogen, ihren kleinen Lederkoffer in der Hand und schlich sich an der Bäuerin vorbei.
„Rosa, hast du auch deinen Lohn vom letzten Jahr bekommen, wie es dir zusteht?“, fragte Alois leise.
„Ja. Es ist zwar nicht viel, aber immerhin kann ich heute den Hof verlassen.“ Rosa lächelte.
Geschickt kletterte sie auf den Kutschbock und beide fuhren sie vom Hof des Seppenbauern. Ein Jahr später heirateten sie. Alois war zwölf Jahre älter als Rosa und die Ehe blieb kinderlos.

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Der Schnee schmilzt unter meinen Stiefeln, das Februarlicht dringt sanft durch die knorrigen Äste der Pappeln am Friedhofsweg. Ich zünde eine Kerze an, wie alle Jahre an Maria Lichtmess. Auf dem Grabstein steht in geschwungener Schrift:
Maria Gruber 1901 – 1926
Alois Gruber 1899 – 1977
Rosa Gruber 1911 – 2000

Tante Rosa hat meinem Mann und mir damals das kleine Haus vererbt. In ihrer Schlafkammer habe ich in einer alten Holzkommode die Tagebücher gefunden. Sie hat erst später ihre Erlebnisse in dünne Hefte geschrieben. Die Kriegsjahre haben sie einigermaßen gut überstanden, die Pferde wurden gebraucht und mussten ja beschlagen werden, Alois hatte immer Arbeit. Rosa war an der Seite ihres Mannes glücklich gewesen. Sie war ihm eine gute Ehefrau.
Die Enkeltochter zupft an meinem Mantel: „Oma, wer ist denn hier begraben?“
„Hier liegt meine Tante Rosa, liebe Laura. Eine wundervolle Frau, die von Onkel Alois aus der Eiseskälte gerettet wurde.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19065

Völkerball oder 100 Jahre Frauenwahlrecht

Ein Ständchen mir selbst zum 71. Geburtstag
begonnen am 17.2., beendet am 23.2.19, 12 h 30

Vor langer Zeit, vor einer Ewigkeit von sechzig Jahren, lebte in einem Provinzstädtchen ein Mädchen, mit dem ich Vor- und Nachnamen gemeinsam habe. Aufgrund der ständigen Machinationen der Zeit und der unergründlichen Kombinationen des Erbgutes ähnle ich ihm nicht mehr. Doch wenn man ihr eine Photographie dieser schmächtigen, blondhaarigen, romantisch dreinblickenden Fremden zeigte, würde ihr die grausame Entstellung dieser jugendlichen Züge bewusst werden, die in diesem Gesicht Gestalt angenommen hat. Aber niemand hielt ihr ein Bild vor, und sie selbst vermied es, eines anzuschauen und sich mit dem zu konfrontieren, was sich unausweichlich zu dem dauerhaften Ich entwickelt hatte. Und zwar nicht aus Furcht oder Trauer, sondern einfach weil das Geheimnis des Vergehens der Zeit zu verwirrend geworden ist. Verging sie vor sechzig Jahren zu langsam, verfliegt sie mit den Jahren immer schneller.

Niemand weiß, wohin sie fliegt, verschwindet, sich aus dem Staub macht, bis nichts mehr übrig sein wird als Staub. Die Photographie würde sich ohnedies der für immer hoffnungsreichen, verlorenen Mischung aus möglicher Unschuld, wunderbarer Traumkraft und dumm-glückseliger Unerfahrenheit widersetzen. Was sich dagegen nicht löschen, niemals, nie wegstecken oder fälschen lässt, ist das innere Bild, zu dem manche auch Erinnerung sagen. Noch stärker als diese ist das in den Körper eingeschriebene Gefühl, in die Seele eingebrannt wie ein Brandmal auf der Pferdehinterbacke.

Dann, nach all diesen Jahren der Missachtung, sitzt die alte Frau am anderen Ende der Welt in der Bibliothek einer Universität und schreibt ihre Erinnerungen auf, fühlt den alten Bildern mit ihren Gefühlen nach. Diesmal hat sie junge Verbündete. Sie sind aus einer anderen Weltenecke in dieses sonnige Land am Palmenpazifik gekommen und haben grauenhafte Zeitläufte hinter sich. Sie erklären ihr, dass sie kein Recht habe, ihre Vergangenheit zu zensieren. Gerade weil sie aus dem Reich der Zensur und der Fälschungen stammen. Sie müsse das aufschreiben und die Welt damit konfrontieren. Sogar in ihre Muttersprache wollen sie die Geschichten übersetzen. Geld genug, sie arbeiten im Silicon Valley. Sie sei zwar nicht in der Lage, den Verlust der unwiederbringlichen Zeit rückgängig zu machen, aber durch ihre Äußerungen hindurch hörte sie eine unverkennbare Stimme, die einst in einer lang vergangenen Gegenwart, scheinbar aus dem Nichts heraus gekommen war. Die Erzählung begann mit den Worten: „Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau.“

Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau. Mit ihren etwa 30 Jahren war sie für uns Zehnjährige uralt. Unser größtes Problem bestand aber darin, dass sie unbeschreiblich hässlich war und dazu noch ein Krüppel. Sie hatte für ihren kleinwüchsigen Körper einen viel zu großen Kopf und einen Buckel auf dem Rücken wie eine Schildkröte. Schwer kurzsichtig, Stielaugen hinter einer dicken Brille. Noch schlimmer war ihr Name. Es schüttelte uns vor Lachen und Abscheu, wenn wir nur an ihn dachten. Henriette. Hen-riette! Alle zehn- und elfjährigen Mädchen sind von Natur aus schön, ob sie es wissen oder nicht. Hässlichkeit und Abweichungen empfinden sie als eine Beleidigung, als eine Negierung ihrer Jugend und eine ungerechtfertigte Vorwegnahme ihrer möglichen Zukunft, von der sie nichts ahnen.

Ich weiß auch, wie unendlich grausam und ungerecht junge Menschen sein können, wahrscheinlich aus Rache für all die Demütigungen während des Kleinseins und das unendliche Warten auf das Erwachsenwerden. Aus dem zu kurzen, dicken, dafür aber faltigen Hals der Henriette drang eine Lispelstimme, die sich in ein pfeifendes Piepsen verwandelte, wenn sie sich besonders bemühte, Befehle zu geben. Es klang so, als wollte eine Zwergmaus brüllen. Der faltige, stummelige Hals schwoll an wie bei einem Ochsenfrosch, und auf den Wangen zeichneten sich rote Flecken ab.
Später sah ich einmal ein Bild des brasilianischen Giftfrosches und dachte, er sollte Henriette heißen. Mädels, aufstellen! Zu zweit in einer Reihe! Achtung, Abmarsch! Von ihrem Alter her könnte sie das beim BdM (Bund deutscher Mädchen) gelernt haben. Außerdem sagt man bei uns „Mädchen“, nicht wie im Dritten Reich „Mädels“. Wir wurden dreizehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich verwöhnt von seinen Relikten.

Zum Beispiel, unser Englisch-Lehrer, Herr Professor Wollmann, den liebten wir alle. Er hatte nur einen Arm, der leere Anzugsärmel steckte immer akkurat in der Tasche. Das linke Auge war aus Glas, größer und unbeweglich. Oft musste er den Unterricht unterbrechen, um über dem Waschbecken eine Pille einzunehmen, und sein Gesicht mit Wasser bespritzen. Oder er stürzte aus der Klasse und lief dann den Gang auf und ab. Stalingrad. Phantomschmerzen im linken, erfrorenen, amputierten, nicht mehr vorhandenen Arm. Vor allem in den Fingern sollen die Schmerzen unerträglich sein. Sie kamen immer besonders heftig beim Wetterwechsel. Mit Professor Wollmann nahmen abstrakte Worte wie Weltkrieg und Stalingrad eine konkrete Gestalt und Bedeutung an. Er war das Ideal eines Lehrers, wobei ich mich nicht mehr erinnern kann, wie er das anstellte, dass ich über Verehrung für ihn das Fach lieben lernte, ich lernte für ihn und wollte alles so gut können wie er.
So stiftete er mich an zu meiner Leidenschaft für alles Anglo-Amerikanische, was aber auch mit dem aufkommenden Zeitgeschmack zusammenfiel. Wir lernten von ihm feinstes British English, das oft an mir bewundert wurde. Vor allem in meinem ersten Jahr in New York genoss ich es, wenn ich für eine Engländerin gehalten wurde. Das war wie ein uralter Stammbaum und eine Adelung, quasi Mayflower.

In Zeichnen und Schönschreiben – das Fach gab es damals noch – hatten wir in der 1. Klasse den Prof. Stieglitz. Er war wirklich alt und wird mit seinem Aussehen eher ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Klein und hutzelig, eine Missgeburt, ein Zwerg mit Buckel, einem Zwicker und übergroßen Schuhen. Die buschigen Borstenbrauen über den Augen ließen ihn dem Vogel seines Namens gleichen. Er war ein Schüttler, aber ein Zeichengenie, ein Meister, ein Maestro. Nur wenn er zeichnete, hielten seine Gliedmaßen ruhig. Er soll sogar den jungen Schiele noch gekannt haben, sein Lehrer gewesen sein. Im Zeichensaal saß er vorne auf einem niedrigen Kinderstühlchen mit drei Treppenstufen, angetan mit einem weißen Malermantel, vor einer riesigen Staffelei. Er konnte wahnsinnig schnell zeichnen. Sein Bleistift fegte über das Papier wie ein Flederwisch. Er warf in Windeseile Konterfeis von bekannten Persönlichkeiten, Kollegen und uns allen, einzeln und in Gruppen, auf das Papier.

Ich habe aber bei ihm nichts gelernt. Aus einem bestimmten märchenhaften Grund. Aber er musste uns auch in Schönschreiben unterrichten. Und dazu gehörte damals noch die Kurrentschrift. Mit Redisfeder und Tusche. Sogar Gänsefedern ließ er uns schnitzen und Tinte selbst zubereiten. Ruhe, Disziplin, Eindeutigkeit – das war nichts für mich. Ich wollte kein Kopiermönch werden. Ich war eine flüchtige Schmiererin und liebte es, wenn alle Buchstaben und Zeichen raus- und durcheinanderflogen.
Ich fand, die sollten nicht so in Reih und Glied in militärischer Formation stehen, sondern frei sein. Prof. Stieglitz korrigierte und ermahnte mich, unermüdlich. Der komische Kauz war nicht bedrohlich, und trotzdem fürchtete ich ihn mehr als alle anderen Erwachsenen. Denn er sah dem „Bucklicht Männlein“ in unserem Familien-Liederbuch „Frau Musica“ zum Verwechseln ähnlich. Er war es. Ich kannte vierzehn Strophen mit den entsprechenden Abbildungen. Am Ende des Textes stand: Weitere Varianten in allen europäischen Sprachen und Mythen.

Henriette holte uns von der Klasse ab und geleitete die kleine Armee quer durch das Schulgebäude zum Turnsaal. Sie schien Kolonnenmärsche und zackigen Schritt zu genießen. Ich habe keine Ahnung, warum wir uns nicht selbst dort versammeln durften. Sie dröhnte mit ihrer Mäusestimme: Mädels, Riege bilden, von der Größten bis zur Kleinsten. Gerade stehen! Kinn vor, Brust heraus! Henriette hatte nie Turnkleidung an, sondern blieb in ihrem strengen, mäusegrauen Kostüm. Nur die Pumps wechselte sie zu Turnpatschen aus schwarzem Klott. So schritt sie die Mädchenriege ab wie ein General, und am Ende kam das Kommando: Locker stehen! Die Erlösung. Das war der Moment, den ich am meisten fürchtete, jeden Montag und Donnerstag am Nachmittag nach dem Unterricht.

Die Gitti W. war von Anfang an die Größte und blieb es bis zur Matura. Dann kamen die Bohnenstange Marietta H. und die schöne Susi R., beide Ingenieurstöchter aus der Zuckerfabrik, die blasse Edeltraud K. aus Sieghartskirchen, die Sportkanone Anni S. und die Ungarin Zuza G. aus dem Flüchtlingsheim Judenau. Dort lebten auch die Schwestern Marianne und Vera V., obwohl Heimkinder, waren sie ziemlich groß gewachsen, was mir damals ein Widerspruch zu sein schien. An die anderen dazwischen bis zu mir kann ich mich kaum mehr erinnern.
Die zwei Waltrauden K. und M. dürften im ersten Drittel der Riege gestanden sein. Bei der Traude K. war ich nie zu Hause, ich wusste nur, dass ihre Eltern das beliebte Gasthaus zum Schwarzen Adler am Hauptplatz führten. Bei der Waltraud M. war ich oft zu Besuch, heimlich, weil sie in der verrufenen Kaserne wohnte, einem Arme-Leute-Quartier, wo sonst nur die kinderreichen Zigeunerfamilien der Paganis und Burlezkis und andere heimatlose Gesellen hausten. Die M.s waren ein Drei-Frauen-Haushalt: eine alte, dicke, gehbehinderte Großmutter, eine junge, strahlende Mutter und ihre wunderschöne Tochter Waltraud, meine geheime Freundin.

Sie war in meinen Augen noch schöner als Schneewittchen, das Leib gewordene Märchen vom Schneewittchen, mit gutem Ausgang. Mir schien dies damals die ideale Familienkonstruktion und beneidete meine Freundin unendlich für ihre Vater- und Bruderlosigkeit. Mir schien, sie lebten die absolute Freiheit. Es gab unter ihnen nie Streit, immer nur offen ausgesprochene und gezeigte Liebe und Fürsorge. Schon die Großmutter hatte ihre Tochter unehelich bekommen.
Was muss sie zu ihrer Zeit durchgemacht haben, bis sie ihre Tochter studieren lassen konnte? Waltrauds Mutter war Gymnasiallehrerin für Turnen und Englisch, erhielt aber an unserer Schule nie eine Anstellung; sie musste in die Anonymität der Hauptstadt pendeln. Waltraud war eine gute Schülerin, ging aber nach der 4. Klasse von der Schule ab und verschwand vollständig aus unserem Leben.

Viel später habe ich das Gerücht gehört, dass sie mit fünfzehn ein Kind bekommen hat und mit dessen Vater in Italien lebt. Bei der Evi S., in ihrem großen Haus am Jahn-Park, war ich oft und gern. Ich erinnere mich an einen riesigen Kirschbaum, in dessen Krone wir von der Terrasse im zweiten Stock herumkletterten. Ich glaube mich zu erinnern und schäme mich dafür, dass ich die brave Evi benutzt habe, um die heimlichen Besuche in der Kaserne zu tarnen. Die Uschi P. und die Sissy M. müssen auch in der Gruppe der Größeren gewesen sein. Sissy war erst vor kurzem aus Wien zugezogen. Ich war nie bei ihr zu Hause, sie lebte mit einem aufregenden Pilotenvater und einer extravaganten Mutter auf dem Langenlebarner Fliegerhorst, doppelt exotisch und aufregend.

Nur am „Tag der Fahne“, dem 26. Oktober, bespielten wir das ausgestellte Kriegsgerät und bekamen in tiefen Blechschüsseln dampfende Suppe aus der Gulaschkanone. Wir stürzten uns auf sie, als müssten wir zu Hause hungern. Diese Heeressuppe gehört zu den absoluten Köstlichkeiten meiner Jugend, die ich merkwürdigerweise der Sissy und ihrem Vater zu verdanken glaubte. Ich war immer die Vorletzte, sogar die recht klein gewachsenen Ärztetöchter Helga M. aus Sieghartskirchen und die Christl S. aus Kirchberg am Wagram standen in der Riege vor mir, nach mir kam nur noch die Maria H. Was die Maria und ich gemeinsam hatten, war, dass wir nicht nur die Kleinsten waren, sondern auch die Schmächtigsten.

Maria hatte das Aussehen eines verhungernden Albinomäuschens mit Schnittlauchhaaren von der Farbe vertrockneten Strohs. Die kugelrunden Blauaugen und das Näschen schienen immer zu zittern, und man erwartete Schnurbarthaare an den Wangen. Ich war zwar klein und mager, hatte aber ein volles Gesicht mit Apfelbacken und Sommersprossen, rotblonde Locken, und an Armen und Beinen zeigten sich zumindest ansatzweise Muskeln. Das Großwerden erlebte ich im wahrsten Sinn des Wortes als langen Leidensweg, und in der Rückschau muss ich eingestehen, dass vieles an mir nie ganz groß oder erwachsen geworden ist. Da war sie wieder, die Lust, aus der Reihe zu tanzen.
Warum kam nie jemand auf die Idee, das Ganze einmal umzudrehen, die Kleinsten vorne, an der Spitze, und die Größten hinten, am Schwanz. Eine aufsteigende Riege, warum denn eigentlich nicht? Macht man ja bei den Zahlen auch. Oder gar kein Ordnungsprinzip, einfach nur eine Reihe bilden ohne irgendeine Hierarchie? Die Rebellin, die Anarchistin steckte in mir, angeboren, da kann ich nichts dafür, muss mit meinem Geburtsrang als Nummer 5 von 7 zu tun haben.

Henriette bestimmte zwei Mädchen, die Wählerinnen. Sie traten vor und riefen die Namen aus, dann wurden die roten und blauen Rundbänder an die Mannschaften verteilt. Die Wählerin war die begehrteste Position; die Mannschaft auswählen zu dürfen, war nicht nur spielentscheidend, sondern auch langfristig wichtig für das Standing in der Klassengesellschaft. Wer wen zu sich in die Mannschaft wählte, das war wichtiger als das Spielergebnis. Ob 21 zu 22 oder 17 zu 14, war meist schnell vergessen, schon zurück in der Garderobe sprach niemand mehr darüber. Aber wer als Letzte oder gar nicht gewählt wurde, diese Schmach klebte an einem für das ganze Schuljahr, für die gesamte Schulzeit. In meinem Fall vielleicht für das ganze Leben.
Am letzten oder vorletzten Platz in der Riege zu stehen, wie sich das anfühlt, weiß mein Körper noch immer, nur die fast unsichtbare Maria hinter mir und dann nichts mehr, die Leere. Maria zählte eigentlich nicht oder so wenig, dass ich mich immer als die Letzte fühlte. Sie kam aus Baumgarten bei Freundorf im Tullnerfeld, lebte angeblich mit einer Putzfrau als Mutter in einer Keusche, ohne Vater. Ich glaube, dass nie jemand bei ihr zu Hause war. Ich kann mich nicht erinnern, dass Maria und ich wegen unseres gemeinsamen Körperschicksals Komplizinnen im Unglück gewesen wären. Ich kann mich an kein einziges Wort mit ihr oder Gefühl für sie erinnern, da ist nichts, gar nichts.

Die schonungslose Anzeige der Beliebtheitswerte, bei der Auswahl öffentlich ausgesprochen und dargestellt, hing oft nicht von der Sportlichkeit ab, von der Treffsicherheit beim Abschießen, wie viele „Tote“ man der Mannschaft auch eingebracht haben mochte. Wir spielten schließlich Völkerball. Dreizehn Jahre nach dem letzten Krieg, erfunden aber im Ersten Weltkrieg. In der Auswahl zum Völkerball zeigte sich jedes Mal der soziale Rang, ein Schicksal, wie es kein unerbittlicheres gibt. Die Grete R. aus Zeiselmauer, zum Beispiel, war pummelig, stand immer irgendwo unbeweglich herum, jeder anderen Spielerin im Weg und schoss nie jemanden ab. Sie brachte keinen einzigen Toten ein, dafür war sie seltsamerweise kaum jemals Opfer. Sie bewegte sich so ungelenk, dass sie an ein sattes Walross erinnerte.

Beim Fest zum 50. Maturajubiläum erzählten wir einander, wie sehr wir unter den Turnstunden gelitten hätten. Grete musste eine von ihrer Mutter genähte Turnhose aus schwarzem Klott tragen, ein elefantöses Ungetüm. Das Umziehen war eine Qual für sie. Wie sehr sie meinen einteiligen, elastischen Turnanzug bewundert habe. Sie konnte ja nicht wissen, wie ich unter diesem Kleidungsstück gelitten habe. Ich war nach meinen zwei älteren Schwestern schon seine dritte Trägerin. Er war ausgeleiert wie ein alter Gartenschlauch, vor allem weil die nächstältere Schwester Liesel schon einige Jahre davor ausgeprägte Formen hatte. Dazu zeigte er meinen Körper in all seiner Magerkeit, mit all seinen Mängeln und Defiziten. Ein Krischpindel hieß das damals, Zniachtl war ein anderes uncharmantes Wort für so eine Figur.

Ich dagegen beneidete die Grete für ihre Schönheit: So muss Schneewittchen ausgesehen haben; ein Gesicht wie Milch und Honig, Haare wie die Kaiserin Sisi, zu einem armdicken Zopf geflochten. Meine daunendünnen Haare hätten bei ihr nicht einmal zu den Stirnfransen gereicht. Die Grete wurde immer als eine der Ersten gewählt. Sie war beliebt. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Sozialmechanik. Frau Professor Henriette M. erschien uns Zehnjährigen zwar als uralt, hässlich und lächerlich, aber sie war sicherlich nicht blöd. Sie registrierte alles, was sich zwischen uns abspielte und gab nie etwas an ihre Kollegen weiter. Das rechneten wir ihr hoch an.

Auch gegenüber unseren Eltern hielt sie uns den Rücken frei. Außerdem unterrichtete sie uns noch in Deutsch, war unsere Klassenvorständin und kannte ihre Schülerinnen besser als die Eltern ihre Kinder. Wir Schülerinnen wussten damals nichts voneinander, in welchen Nöten sich jede von uns befand. Dass Gitti an ihrer Größe litt, Gretl R. an ihrer Klotthose, die Anni S. an der Konkurrenz zu ihren älteren Schwestern, den berühmten Sportkanonen, die Christl an der angeblichen Genialität ihrer Brüder.
Aber so schlecht wie mir konnte es niemandem gehen, eine unlösbare und unentrinnbare Lage. Größer, stärker, schöner oder klüger konnte man vielleicht mit der Zeit werden, da gab es Hoffnung, aber den sozialen Rang konnte man nicht verbessern oder absichern. Denn mein Vater war Professor an dieser Schule. Und es gab fast niemanden, der ihn nicht zum Lehrer hatte. Er unterrichtete Deutsch und Latein, für Griechisch und Philosophie war er der einzige Lehrer. Dazu war er Schuladministrator und betrieb die Schulbibliothek.

Vom ersten Tag an der Schule wurde mir klar gemacht, dass ich keine Schülerin war wie die anderen, sondern ein „Lehrerkind“. Ob ich beim Völkerball ausgewählt wurde oder nicht, nie konnte ich eindeutig feststellen, was der Grund dafür war. Meine Sportlichkeit, weil ich trotz meiner Schmächtigkeit sehr schnell laufen und hoch springen konnte? Ich war eine gute Fängerin und eine gefürchtete Abschießerin, machte viele „Tote“ und war klein und wendig genug, um oft genug zu überleben. Wenn ich bei der Auswahl sitzen blieb, stieg bei mir der Verdacht auf, dass man mir nicht vollkommen vertraute, weil ich ein Lehrerkind war. Oder wurde ich gewählt, weil ich ein Lehrerkind war? Nie konnte ich meinen Rang innerhalb der Klasse genau vermessen und fixieren.

An diese Qual erinnere ich mich so genau wie an den gestrigen Tag. Das Herumschwimmen innerhalb der sozialen Strukturen führte natürlich zu allen möglichen und unmöglichen Reaktionen meinerseits. Charakterliche Verrenkungen, absurde Verhaltensweisen; eine feste Rolle und einen festen Platz zu finden, das gelang mir die gesamte Schulzeit nicht. Ich tappte und taumelte darin herum wie eine Ratte in einer Versuchsanlage. Am besten kam meine Rolle als Klassenkasperl an, als schlimme Schülerin, die gute Noten produzierte. Sicher brachte ich viel Spaß in den Unterricht und hatte eine gewisse Blitzableiterfunktion. Aber eben nur Funktion.

Machten sich die anderen auch so viele Gedanken wie ich? Ich weiß es bis heute nicht, nur Vermutungen. Aber dieses Gefühl, dass ich nie ganz sicher sein konnte, warum mich jemand in seine Mannschaft aufrief, irgendetwas Freundliches zu mir sagte oder zu sich nach Hause einlud, das ist bis heute präsent. Eigentlich war nicht Maria das ständig um sich schnuppernde Mäuschen, sondern ich. Genau daraus ergaben sich neue Zweifel, ob ich als Lehrerkind besser wegkam als andere.
Ich glaube mich zu erinnern, dass ich wirklich einigermaßen witzig war, selbstironisch und frech. In der familiären Kampfarena mit sechs Geschwistern habe ich mehr Erfahrungen sammeln können als andere Kinder. Aber das katholisch-biblische Familienleben war derart streng hierarchisch geordnet und von moralischen Leitlinien regiert, dass ich keine Sozialtaktik erlernen konnte. Etwa wurde das Durchschauen von bösen Absichten bei anderen durchkreuzt vom Dogma, man müsse immer das Gute im Menschen annehmen. Egoismus war eine Todsünde, und so konnte ich nie Strategien wie Ironie, Satire oder Zynismus erlernen.

Als einzigen Ausweg sah ich die Flucht aus der Hölle. Ab der 4. Klasse bettelte ich bei meinen Eltern um einen Schulwechsel. Bitte darf ich nach Krems oder Klosterneuburg gehen! Das gibt‘s nicht bei uns, das Aus-der-Reihe-Tanzen. Es gibt keine Extrawurst. Da blieben sie hart. Natürlich konnte ich auch nicht erklären, warum ich die Schule wechseln wollte. Sogar ein Internat hätte ich in Kauf genommen, aber das hätte extra Geld gekostet, das nicht vorhanden war. Eine andere Fluchtform fand ich in extremen Träumereien über Reisen in ferne Länder oder zumindest Lektüren darüber. Das Schreiben, die Leselust und das Reisen, das sind wahrscheinlich die besten und bleibendsten Relikte meiner verkorksten Jugend.

In unserer altersgemäßen Überheblichkeit verstanden wir damals nicht, dass Henriette zusätzlich zu ihrer Intelligenz auf Grund ihres Aussehens eine feine Psychologie entwickelt hatte. Zu ihrem und unserem Glück war sie trotz ihres harten Schicksals nicht in die Bösartigkeit abgedriftet, sondern hatte ein sensibles Instrumentarium ausgebildet. Es blieb uns ebenfalls verborgen, dass sie als 30-Jährige uns 10-Jährigen viel näher stand als unsere Eltern. Sehr viel später erfuhr ich, dass Frau Prof. Henriette verheiratet war und zwei Kinder hatte. Eigentlich muss sie ein glücklicher Mensch gewesen sein, mit der Karriere, die sie trotz aller Widrigkeiten gemacht hatte. Sie hatte studiert, einen Job, verdiente ihr eigenes Geld, war unabhängig. Die Welt stand ihr offen. Ihr Militarismus war wahrscheinlich antrainiert, als eine schützende Maske.

Ihre wahren menschlichen und intellektuellen Qualitäten stellten sich erst Jahre später heraus, im Deutsch-Unterricht. Sie war unsere Deutschlehrerin bis zur Matura, mit einer Unterbrechung, als wir ab der 5. Klasse mit den Buben zusammengelegt wurden. Aber ich brauchte noch Jahre, bis zu meinem Germanistik-Studium, das zu erkennen. Da erst dämmerte mir, dass ich meinen Kolleginnen an der Uni viel voraus hatte. Henriette hatte uns schon früh mit Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Franz Kafka, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger, Georg Heym, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler bekannt gemacht.
Wie sie es zustande brachte, uns sogar Grillparzer, Stifter und Schiller g‘schmackig zu machen, weiß ich nicht mehr. „Der arme Spielmann“ und „Brigitta“ haben mich zu Tränen gerührt. Es hat sich wie durch ein Wunder in einem Deutschheft der 8. Klasse ein Referat über „Don Carlos“ erhalten, in dem ich mich eindeutig als in den Helden verliebt geoutet habe. Es muss an ihr gelegen sein, dass ich nicht unter schallendem Gelächter von der Bühne vertrieben wurde, zumindest hat mein lächerlicher Auftritt kein erinnerbares Trauma hinterlassen.

Als ich es vor kurzem wieder nachlas, stellte ich fest, dass ich am 28.11.1965 ein respektables Stück Literaturinterpretation abgeliefert hatte. Dass in ihrem Unterricht Sappho im Mittelpunkt stand und nicht Ovid und dass Antigone meine Lieblingsheldin wurde und nicht Odysseus, auch das war Henriettes Werk. Natürlich weiß ich nicht, ob das meiner altersgemäßen oder ihrer Entwicklung von der BdM-Turnlehrerin zur Humanistin geschuldet ist. Sie weckte nicht nur unser Interesse für das Theater, sondern auch an der modernen Lyrik.
An einen Aufsatz über Brechts Gedicht „Die Wolke“ kann ich mich genau erinnern. Er wurde von Henriette in höchsten Tönen gelobt, und ich las ihn mit Genuss der Klasse vor. Henriette muss es gewesen sein, die an mir erkannte, dass ich schreiben konnte und Ansätze eines rhetorischen Talents hatte, dazu eine starke Neigung zur Bühne. So förderte sie mich bei den Redewettbewerben, bei denen ich regelmäßig einen vorderen Platz gewann. Nicht mehr Völkerball, sondern Schreiben und Vortragen, das waren nun die Disziplinen, in denen ich mich in der Riege vorne stehen sehen wollte. Henriette sei Dank!

Was blieb von der Henriette? Sicher war sie nicht die Einzige, die mir mit ihrem Literaturunterricht den Schlüssel zur Leselust und zur Welt der Bücher in die Hand gab: dass sie die Neugier, die Phantasie, die Inspiration und die menschliche Erfahrungswelt aufsperren und dass Lesen Genuss pur ist, schlauer und zufriedener macht. Sie vermittelte mir eine Einsicht, die mir in meinem ganzen Leben viel Nutzen und Vergnügen brachte: dass man sich immer ein eigenes Bild machen soll. Sicher gehörte sie auch zu jenen Lehrern, die Lust auf den Lehrberuf machten.
Und davon hatten wir zum Glück nicht wenige. Von den 19, die maturiert haben, wurden neun Lehrer.

San Francisco, Berkeley, 23.2.2019

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19064

Rosenkranz für die Zonengrenze

Das Haus meiner Kindheit steht im Strudengau in Oberösterreich. Ich wurde dort geboren und wuchs im Bräuhaus von St. Nikola an der Donau auf. Nachdem die kleine Dorfbrauerei „Seyr Bier“ im Zuge des Krieges schließen musste, betrieb mein Onkel Klaus eine „Bierniederlage“, das lustigste Wort meiner Kindheit, warum ich wahrscheinlich keine Biertrinkerin geworden bin. Ein Lager, von dem das Bier an die Wirtshäuser des unteren und mittleren Mühlviertels geliefert, ausgeführt wurde.
Die Bierführer hießen ursprünglich Bierknechte, später Ausführer. In die Wirtshäuser von St. Nikola, Grein und Sarmingstein, Grein-Bad Kreuzen, Naarn, St. Thomas am Blasenstein und St. Oswald, Dorf und Steinbruch Gloxwald, Dimbach und Waldhausen bis nach Weins-Isperdorf und Ybbsitz. Und sicher noch in viel mehr, als ich mich erinnere.
Später kamen Kracherl wie Libella aus Scheibbs und Schartner Bombe aus Scharten dazu.

Das Bier bezog Onkel Klaus aus der Linzer Brauerei, Linzer Lager. Er und seine beiden Bierführer Bertl und Toni mussten jeden Montag von St. Nikola nach Linz fahren, Bier holen. Jedesmal eine gefährliche Reise. Denn sie ging über die Enns-Brücke, wo sich Sowjets und Amerikaner direkt gegenüberstanden, frontal, der Schlagbaum in der Mitte der Brücke. Die Demarkationslinie.
Wahrscheinlich das erste Fremdwort meiner Kindheit, und nicht das einfachste auszusprechen, geschweige denn zu verstehen. Niederösterreich war sowjetische Zone, Oberösterreich amerikanische. Die heißeste Zonengrenze. An diesem Punkt in der Mitte der Brücke war der Krieg nicht zu Ende, sondern es begann der neue, der Kalte Krieg. Wahrscheinlich der neuralgischste aller Grenzen im zehnjährigen Nachkriegs-Österreich.

In West- und Südösterreich konnten die Kinder sicher nichts zu Aufregendes zwischen den zahmen Engländern und Franzosen erleben. An der Enns verschwanden viele Menschen, manche für lange Jahre in sowjetischen Lagern, manche für immer. Sibirien, niemand sprach das Wort laut aus, aber es wehte immer kalt klirrend durch die Familien an Donau und Enns. Onkel Klaus hatte vier Kinder, der Bierführer Toni sechs, der Bräuer-Bertl neun, im tief-katholischen Mühlviertel nichts Ungewöhnliches. Auch wir sind sieben Geschwister. Der Kriegsdienstverweigerer Jägerstätter war ein Mühlviertler Mesner aus St. Radegund.

Die Männer brachen im Morgengrauen auf, mit dem Saurer samt Anhänger. Wir hatten sie schon länger, unten vor der Bierniederlage, poltern gehört, wie sie den Lastwagen mit den leeren Fässern beluden. Die Omama, ihre Schwester, die Ida-Tante, und ihre jüngste Tochter, meine Tante Sefi, schüttelten die Kinder aus den Betten, damit wir für die Zeit der Reise für die Männer, die Mauner, beteten. Alle versammelten sich im saalartigen Esszimmer, der Stumbm, alle Mitglieder der Großfamilie und die Bediensteten: Die Köchin Annerl, der Knecht Sepp, die Magd Berta, die Kranzer Liesi, eine sonderliche Nachbarin, Einlieger und Hausgäste schlossen sich an. Die fromme Omama gab das Programm vor: Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Gegrüßtseistdumaria und dann der Rosenkranz. Den hasste ich, denn er hörte nie auf, ein Kranz eben. Die noch frömmere Tante Sefi und ihre hochmusikalische Schwester, meine Tante Fritzi, stimmten die Lieder dazwischen an:
Meerstern wir dich grüßen, oh-ho Maarii-hia hilf! Ma-ari-hia, hielf uns allen, aus unserer tie-hiefsten Not.
Großer Gott, wir lo-hoben dich, prei-heisen deine Stärke.
Ein' große Burg ist unser Gott
(wahrscheinlich der Beitrag meiner ehemals protstantischen Mutter).

Lange sangen wir noch, weil wir die Worte nicht verstanden: Meerschwein, wir dich gießen. Großer Gott, wir lieben dich, Preiselbeeren deine Stärke. Ich war zu klein, um den Ernst der historischen Lage mitzukriegen. Aber ich liebte diese frühmorgendlichen Zusammenkünfte, empfand sie eigentlich als Fest, in Schlafanzügen und Bademänteln zu Hause, in der Stumbm, Gott preisen zu dürfen, als wäre er persönlich bei uns zu Gast gekommen. Stolz, in einer offenbar für die Erwachsenen sehr ernsten Angelegenheit beigezogen zu werden. Einmal waren wir, die Kinder, wichtig!
Den Grund dafür erfuhr ich erst viel später, als ich die Geschichte und den bäuerlichen Glauben verstehen lernte. Die unschuldigen Kinder waren die besseren Fürsprecher beim lieben Gott, bei Jesus, und vor allem bei der heiligen Jungfrau Maria, von der wir ja alle abstammten. Und wer weiß, bei welchen Heiligen, Seligen und Schutzengeln noch. Heerscharen. Wir hatten so viele wie die Inder Götter. Weil die Kindlein unschuldig, sauber, sind, dringen ihre Gebete, Anrufungen und Lieder direkt zu den angeflehten Beschützern vor.

Das war natürlich ein Widerspruch, weil wir sowohl von der unauslöschlichen Erbsünde als auch von unseren eigenen, täglichen Sünden wussten, für die wir zumindest ermahnt wurden. Sicher hatten alle, so wie ich, das Bild aus der Kinderbibel im Kopf. „Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Jesus steht da, in seinem weißen, über die Schultern drapierten Laken und wallendem, blonden Haar, mit einem Flammenherz, die Arme weit ausgebreitet. Ich fühlte mich immer so, als zeigte er genau auf mich, und mir wurde ganz warm dabei, im Bauch und noch tiefer.

Nach Augenribbeln und Gähnen kamen die frühmorgendlichen Gebets- und Liederorgien. Vor allem den dramatischen Punkt, wenn Tante Sefi den Kindern anzeigte, auf den Fleckerlteppichen auf die Knie zu gehen und uns dann Kerzen in die Hand drückte. Der Höhepunkt stand bevor. Das Schicksalsdrama. Die Omama schritt zum Weihwasserkessel an der Wand neben der Kredenz, tauchte den am Palmsonntag geweihten Palmwedel ein, der kein echter Palmwedel war, sondern ein Zweig vom Buchsbaum an der Gartenecke – eine frühe Enttäuschung/Betrug in meiner Kindheit – und besprühte alle reichlich. Danach drückte sie jedem Anwesenden ein in der Osternacht geweihtes Öl in Kreuzform auf die Stirn. Vergeltsgott, Gottvergelts. Das Öl aus Jerusalem, stellte ich einmal fest, war auch nicht das, wie es hieß, sondern Bratlschmalz von der zuletzt geschlachteten Sau Rosina.

Die Kinder waren für den Rest des Tages entlassen, bis die Stunde der Rückfahrt der Mauna über die teuflische Enns-Brücke anbrach. Die gleiche, aber etwas abgekürzte Zeremonie wie am Morgen. Mit großem Aufatmen. Die Gefahr war fast gebannt. Auch die grimmigsten sowjetischen Grenzer waren den Fässern mit frischem Linzer Lagerbier nicht abgeneigt. Onkel Klaus erzählte später lustig darüber, obwohl er viele Ängste ausgestanden haben muss, wie sie schon freudig erwartet wurden, und ohne Kontrollen und ihre I-Karte zu zeigen, passierten. Wie die Pawlow‘schen Hunde standen sie da, die Zungen heraußen.

Die Bierführer luden an dem sonst so gefürchteten Schlagbaum den Wegzoll ab und fuhren unbeschadet nach Hause. Die Mauner wurden jubelnd begrüßt und von der Omama reichlich mit Weihwasser bespritzt. Die größeren Kinder durften über die Latten ein Fässchen herunterrollen, Bertl und Toni standen mit ihren bodenlangen Lederschürzen stolz lächelnd daneben. Helden. Der Dankes-Rosenkranz dauerte dann immer besonders lang, der Hintern tat schon weh, die rot-schwarzen Kreuzerlstiche auf der Tischdecke verschlangen sich ineinander und führten verrückte Tänze auf, die Augen fielen zu. Aber zur Belohnung gab es ein Noagerl Bier, der letzte Rest von Tropfen und Schaum, der Foam, von uns Kindern mit den Fingern aufgeleckt aus den Gläsern der Männer. Das ist himmlisch, fand ich, und begann die unbekannten Russen auf der Brücke heimlich zu verehren.

Unsere Gebete oder das Linzer Lagerbier? Ich weiß bis heute nicht, was geschichtswirksamer war.

Wien, 13.9.18

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19038

Wir haben Venedig gebaut oder Die Eichen von Orenburg

Erinnern und Nachdenken nach dem Film The Death of Stalin

Von Orenburg habe ich schon in der Schule gehört, als wir im Russisch-Unterricht Puschkins Novelle Die Hauptmannstochter lasen. Geblieben ist eine ferne Erinnerung an eine tragische Liebesgeschichte aus der wilden Zeit des Pugatschow-Aufstandes von 1744. Später habe ich selbst meine Schüler mit dieser Geschichte traktiert, weil es keine klarere russische Sprache gibt als die Puschkins.

Selbst in diese Stadt im Südural bin ich erst Anfang 2000 gekommen, genau genommen am 26. Jänner. Von Moskau aus geflogen mit einer zweifelhaften Maschine der ORENAIR, in Begleitung des Russland-Deutschen Grigorij, im Gepäck fast eine Tonne mit Bücherkisten für die künftige Österreich-Bibliothek. Die Grenzstadt im Südural zeigte sich im prächtigsten Winter mit strahlendem Frischschnee und minus 20 Grad, mit Wind gefühlte 30. Steife Lippen und gefrorene Rotzglöckerl, sofort als ich aus der Maschine aussteige. Der Hauch vor dem Mund gefriert und umflirrt das Gesicht in feinen Flocken wie ein kleiner Schneesturm. Die Kristalle sitzen um meine Fellmütze wie ein Strahlenkranz und verhöhnen mit ihrer Schönheit den letzten Rest von Menschlichkeit. Die Luft ist kalt, klar und schneidend, die Lungen sind im Schockmodus und wollen, wenn sie könnten, sofort wieder ins vergleichsweise warme Moskau zurückfliegen. An das Rot und Blau meiner Nase und Wangen mag ich gar nicht denken.

Das ist das typische kontinentale Klima, neun Monate strenger Winter, drei Monate superheißer Sommer, ohne Übergänge von Frühling und Herbst. Ich bin tief, tief in der Provinz, und da freut man sich noch ehrlich über einen Besuch aus der Hauptstadt, auch wenn es so ein kleines Licht wie eine österreischische Kulturrätin ist. Ich werde wie ein Staatsgast empfangen, zernepfte, gefrorene Blumensträuße in Plastikhüllen mit überschwänglichen Maschen, überreicht von Schulkindern. Nur noch Fähnchen in Rot-Weiß-Rot fehlen. Die Gastkultur der Sowjetunion ist hier noch lebendig. Staatslimousinen, Abordnungen von Regional- und Stadtverwaltung, der Universität, der Bibliothek, des Regionalmuseums und der Vereinigung der Russland-Deutschen „Wiedergeburt“. Der Reihe nach werde ich in diese Institutionen geführt, als Erstes zur Bücherübergabe an die Uni.

Wir hatten für die Österreich-Bibliothek noch keine eigenen Räumlichkeiten und bekamen im Goethe-Institut eine Ecke zugewiesen, wie eine arme Verwandte am Katzentisch. Aber das störte nur mich. Die Menschen drängten herein in die warmen und überfüllten Räume. Alle waren begeistert von den Büchergeschenken, Kunstbänden, Videos, CDs und Zeitschriften, vor allem aber vom reichlichen Buffet. Dort trat ein alter Mann an mich heran und stellte sich als Österreicher vor. Österreichisches Deutsch in Anklängen, aber wackelig und mit Russisch durchsprenkelt. Er sei hier in einem Lager Kriegsgefangener gewesen und nach der Freilassung geblieben, habe eine Russin geheiratet, nun sei er Russe, aber in der Seele Österreicher geblieben. Im Kriegsgefangenenlager 369 „Tschkalow“ mussten Tausende Deutsche und Österreicher unter schrecklichen Bedingungen im Tagbau Salz schürfen. Sie starben wie die Fliegen, schlecht ernährt, schlecht gekleidet, standen sie in den Solelacken bei minus 40 Grad und in glühender Hitze mit Myriaden von Stechmücken.

Das Grenzgebiet zu Kasachstan gehört zu den unwirtlichsten, menschenfeindlichsten Landstrichen der Erde. Ich hörte zum ersten Mal, dass jemand freiwillig in der Sowjetunion geblieben sein soll, dass das überhaupt möglich gewesen ist. Ich nahm mir vor, Grigorij von der „Wiedergeburt“ danach zu fragen. Das Gedränge um mich war so groß, dass ich keine Gelegenheit mehr bekam, mich mit dem angeblichen Österreicher länger zu unterhalten.

Am nächsten Tag wurde ich unter die Fittiche eines anderen Mitarbeiters der „Wiedergeburt“ gestellt. Rustam, ein junger Kasache aus Orenburg, der Germanistik studiert, führt mich durch die im Schnee versunkene Stadt zu dem Obelisken am Rande der Stadt, der die Grenze zwischen Europa und Asien symbolisiert. Eine schmale Holzbrücke über den Or am Zusammenfluss mit dem Ural heißt großspurig „Europabrücke“. Der Ural ist hier im Süden kein Gebirge, nicht höher als das hohe Ufer des Flusses, ansonsten eine Ebene ohne Grenzen und Konturen. Es gehört zu den Besonderheiten Russlands, dass in seinen Ebenen nur eine unermessliche Leere den Raum zu füllen scheint.
Der Schnee erscheint gletscherblau beim Augenstreifen an der Oberfläche, zerfällt aber weiter oben in alle Farben des Spektrums, dazwischen ein kleiner Streifen leichten Nebels.
Das ist der Raum der sibirischen Schamanen. Ein Glücksmoment und gleichzeitig grausam die Erkenntnis, dass ich nicht einmal eine Ahnung von diesem Reich bekommen könnte. Neben mir schnaubt Rustam wie ein Pferd, stößt Atemwolken aus und scharrt mit den Füßen. Er treibt mich weiter. Er startet eine Fotografier-Orgie, Posen mit mir am Obelisken wie ich gleichzeitig Europa und Asien umarme und auf der Europabrücke, einmal da und dorthin blicke. In der Kälte gibt es keinen freien Willen. Dann zurückstiefeln in die Innenstadt, zum Doppeldenkmal von Puschkin und Wladimir W. Dalj, ein dänischer Volkskundler Dahl, die sich hier 1833 getroffen haben. Zwei Granitgiganten auf einem massiven Sockel.

Puschkin hielt sich kurz in Orenburg auf, um den Schauplatz des Pugatschow-Aufstandes in Augenschein zu nehmen. Viel studiert haben kann er nicht in den gerade eineinhalb Tagen, die er in Orenburg verweilte. Orenburg war 1833 eine primitive Soldatensiedlung, hatte keine Universität, keine Bibliothek, kein Archiv. Er wird wohl eine Spelunke mit Soldaten und Zigeunern gefunden haben, in der er seiner Leidenschaft für das nächtliche Kartenspiel nachgehen konnte. Mit den Nachfahren der Aufständischen. Der Sprachwissenschafter und Volkskundler Dalj lebte hier schon seit dem Dekabristenaufstand in der gütigen Verbannung des Zaren. Es gibt schlimmere Orte, eine Gnade, zumindest noch nicht ganz Sibirien, mit einem Fuß in Europa.

Wieder Fotografieren ohne Ende. Ich frage mich, für welches Album? Ich werde auf den verschneiten Schoß des Granit-Puschkin gesetzt und umarme nicht einmal die halbe Schulter von Dalj, Rustam, das Abbild des jungen Dschingis Khans, mit Fell-Uschanka zwischen uns. Ich mit Greta-Garbo-Sonnenbrille unter einem Bojarinnen-Hut aus Karakul im geschenkten Nerzmantel meiner Mutter. Unbesorgt um Tierfelle, die Menschenkörper wärmen, das ist hier kein Thema, darum kümmert sich hier niemand. Alle Tierfellschützer möcht ich mal hierherschicken. Sie sollten einmal anstatt auf der Kärntnerstraße hier demonstrieren und schmieren. Die menschliche Pelzkultur stammt exakt genau von hier. Die Orenburgskije Novosti bringen am nächsten Tag ein Interview und einen reich bebilderten Bericht über meinen Besuch. Ich bin eine Provinzberühmtheit für einen Tag.

Mehr Eiszapfen als Mensch, flehe ich Rustam an, mir weitere Denkmäler von Orenburger Honoratioren zu erlassen. Ich merke, er ist leicht beleidigt, zeigt es aber in asiatischer Gelassenheit nicht. Vorgesehen war noch das Tschkalow-Museum für den legendären Piloten, einen Helden der Sowjetunion, Vorgänger von Gagarin. Tschkalow, da klingelte etwas. Lager 369, hat mir der alte Mann in der Bibliothek zugefüstert. 369-tri-schest-devjat.
Rustam hält die Story des angeblichen Österreichers für ein Märchen. Was soll ich glauben. Wer weiß mehr. Rustam ist 22 Jahre alt und nicht einmal in Lokalgeschichte sattelfest, wie sich noch herausstellen sollte.

Nun war es Zeit für den Museumsbesuch in der Sowetskaja Straße.
Sie verdient im zehnten Jahr nach der Wende noch immer diesen Namen. Einzelne schüchterne Neuanfänge, die aber zwischen den Schneebergen und unter der Kälte nicht großartig daherkommen. Rund einen Kilometer lang, sieht man ihr nur mit viel Phantasie an, dass sie einmal eine Prachtstraße, ein klassizistisches Juwel in einer russischen Provinzstadt gewesen ist, unter Stalins hasserfüllter Abrissbirne aber schwer gelitten hat. So ließ er von 31 Kirchen 30 zerstören, darunter auch alle Moscheen und Tempel. Das Stadtmuseum hat überlebt, es ist in einem imposanten historistischen Palais untergebracht. In der Säulenhalle erwartet mich die Direktorin Galina Sergejewna.
Aus leidvoller Erfahrung fürchtete ich mich vor solchen Führungen: Man kann nicht ansehen, was einen interessiert, und üblicherweise breiten die russischen Museumsführerinnen ihre Schätze in einer unerträglichen Endlosigkeit und Detailliertheit aus. Bis zum letzten Haar von Teufels Großmutter musste man hinschauen, worauf hingedeutet wurde und immerzu bewundern und sich wundern über die vielen Superlative. Die Russen haben ein selbstironisches Sprichwort dafür: Und Russland ist die Heimat der Elefanten.

Genauso war es mit Galina Sergejewna, einer kartoffelrunden, mittelalterlichen Frau in blauer Postleruniform, mit Goldzahnlachen und Karottenhaaren. Sie begann bei der Urzeit mit Mammutknochen, Ascheresten aus der Bronzezeit und petrifizierten Bäumen aus der Gegend um Orenburg. Das waren damals sicher noch nicht Russen, aber die Kontinuität und der Anspruch müssen gewahrt werden. Das Regionalmuseum war im besten Sinne der sowjetischen Museologie aufgebaut, die Entwicklung geht geradlinig zu immer Höherem bis sie deterministisch im ersten Arbeiter- und Bauernstaat ihre Apotheose findet. Dann bekomme ich einen globalen Überblick über die Eichen. Eichen werden ja in aller Welt und zu allen Zeiten geschätzt für die Festigkeit ihres Holzes. Die von Orenburg waren so berühmt, dass die Dogen Venedig auf Pylonen aus Orenburger Eichen stellten. Wumm, das war wirklich neu für mich, und ich versuchte mir vorzustellen, wie der Transport der Eichen aus Orenburg in die Lagune wohl ausgesehen haben mag.

Wir haben Venedig gebaut, zeigt Galina Sergejewna ihr Goldzahnlachen und zwinkert dabei, und es steht noch immer auf ihnen. Wenn welche ausgetauscht werden müssen, kommen die Eichen dafür seit ewigen Zeiten aus dem Orenburger Gebiet.
Die Erkenntnis: Russland klittert zu seinen Gunsten die Geschichte, im Hintergrund immer Großmachtdenken und Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Westen, was man auch als ein auf den Kopf gestelltes Minderwertigkeitsgefühl ansehen kann. Ohne uns gäbe es Venedig nicht. So wie jetzt Erdöl und Erdgas.

Der Pugatschow-Aufstand 1774, eine grausame Bauernrebellion, die sich gegen Katharina die Große richtete, steht danach im Mittelpunkt der Ausführungen. Sie breitete sich von Orenburg aus und wütete fast bis vor die Tore Moskaus, die einzige bis zur Revolution, die den Zarenstaat in arge Schwierigkeiten brachte. Die Museumsdirektorin weist mich auf ein Dorf hin, das für die jüngste Verfilmung von Puschkins Hauptmannstochter künstlich aufgebaut wurde und das man gleich vor den Toren der Stadt besichtigen kann.
Rustam, bitte, da will ich hin, geht das? Gleich heute Nachmittag!
Ich bin begeistert.
Du weißt, ich habe eine lange, persönliche Geschichte mit der Hauptmannstochter.
Rustam windet sich.
Das ist nicht vorgesehen im Programm.
Dann ändern wir doch das Programm.

Nichts ist schlimmer, als wenn ein Gast das Programm umwirft. Das durfte bisher höchstens eine Bundespräsidentengattin, und da hat halb Moskau den Kopf geschüttelt.
Sie haben es mühsam zusammengebastelt, und da darf man nicht daran rütteln.
Russen sind nicht so flexibel, da könnte ja ein Missgeschick passieren, und sie, die Kleinen, die Unteren hätten dann den Scherben auf.

Ich kam drauf, dass noch ein anderes Hindernis gab. Vor den Toren der Stadt, das ist für uns eine Distanz in Gehweite oder schnell hin mit dem Auto, so etwas wie gleich um die Ecke, dort drüben, nicht weit. Das Raumverständnis in den Köpfen der Russen ist aber ganz anders gestaltet als bei uns kleinräumigen Europäern. Rustam rückte später damit heraus, dass dieses Filmdorf zwar im Gebiet Orenburg liege, aber circa 1000 Kiometer entfernt sei. Bei der unermesslichen Größe des Landes, die wiederum uns Eurpäern nicht in den Kopf geht, ist das eben gleich um die Ecke, nicht weit. Ein Lehrstück, aber das Filmdorf blieb für mich unerreichbar.

Der zweite Stock war ganz der Gründungsgeschichte der Stadt gewidmet. Als Grenzstadt von Peters Nachfolgern geplant, wurde sie später zum Bollwerk und Brückenkopf zur Eroberung Sibiriens, ursprünglich von Kosaken besiedelt. Den Zaren schwebte ein Sicherheitsgürtel gegen Tataren, Kasachen und Baschkiren – die Kleine Horde – vor. Ihre Weitsicht ging so weit, dass sie produktive Nationalitäten einluden: Wolga-Deutsche, Griechen, Armenier, Balten, Juden.
Nach der Anbindung an das Eisenbahnnetz konnten die reichen Bodenschätze ausgebeutet werden, und auch der Handel mit Vieh und Pelzen brachte der Stadt einigen Wohlstand. Nach dem Überfall der Deutschen wurden viele Industrieanlagen aus dem europäischen Russland hinter den Ural verlegt, auch nach Orenburg, und die Stadt verdoppelte ihre Einwohnerzahl. So kam auch der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach Orenburg und begann hier seine große Karriere. Noch mehr Verehrung wird aber dem ersten Kosmonauten Jurij Gagarin, dem größten Sohn dieser Stadt, entgegengebracht.
Ihm ist das ganze dritte Stockwerk gewidmet. Ich falle fast um vor Langeweile, aber der Shop bietet einige groteske Souvenirs, die ich in Massen einkaufe. So bin ich aufgestiegen von den Mammutzehen zu den Venedig-Eichen und über die Kosaken bis zum Kosmos.

Als Galina Sergejewna und Rustam ansetzten, mich ins nächste Museum zu schleppen – diesmal zu den berühmten Orenburger Spitzenschals aus Jungziegenwolle – begann ich um Gnade zu betteln. Wenn ich heute noch einmal etwas von der Jungziegenwollespitzenhäkelei höre, beginne ich zu schreien und greife anstatt zu puch (Hauch) zur puschka (Schießgewehr).
Nicht dass ich zu wenig aufnahmefähig wäre, aber die Art der russischen Präsentation erfordert mehr Geduld, als ich habe. Oder einen Saumagen.
Die Geschichte als Gemischtwarenladen oder Märchendorf, herauspicken, anmalen, lackieren, ausblenden, leugnen, retuschieren, bis alles ins Bild passt, wie es von oben gewünscht wird. Zum Beispiel die unter Putin in Mode gekommene Stalin-Renaissance. Die Geschichte des Landes dient ausschließlich dazu, sich an ihr zu erbauen, den Patriotismus zu stärken und den Platz in der Welt zu finden, ja sogar die eigene Identität des Individuums. Ein Russe fühlt sich gut, groß und stark, weil er sein Land als solches empfindet. Da haben Fragen und Kritik keinen Platz, die sind persönlichkeitsgefährdend und zersetzend. Das ist einer der größten Unterschiede zu uns, die wir gelernt haben, mit unserer Geschichte kritisch bis neutral umzugehen.

So ist es kein Wunder, dass die Filme Matilda über Zar Nikolaus II. und The Death of Stalin derzeit in Russland verboten sind. Wie ein Land seine Geschichte und Gegenwart reflektiert, ist sehr aussagekräftig. Humor und Satire waren in den kurzen Jahren des Tauwetters unter Chruschtschow weiter entwickelt als im heutigen Putin-Russland. Ja, sogar in dem Parabelroman Meister und Margerita von Michail Bulgakow schimmert die Kritik am stalinschen Totalitarismus durch.

Wieder einmal bekam ich einen Beweis dafür, dass ich keine gewachsene, gelernte Diplomatin war und nie werden würde, sondern die Journalistin in mir stärker war. Die Diplomatin ließ sich willig zur Schlachtbank führen, die Journalistin wollte mehr von dem, was sie interessierte – zwei vollkommen verschiedene Rollen. So fragte ich die Museumsdirektorin auch nicht nach dem 14. September 1954, denn das wäre hochgradig undiplomatisch gewesen. Wenn ich noch Journalistin gewesen wäre, hätte ich mir wahrscheinlich nicht verkneifen können anzumerken, dass so unbedeutende Altkulturen wie die ägyptische oder die keltische das Holz von Eichen, Eiben, Zypressen und Zedern zur Einäscherung der Toten verwendeten, als Zeichen ewiger Hoffnung auf die Auferstehung.
Und nicht zuletzt hätte ich schnippisch zugesetzt, dass der für Isaak ausersehene Scheiterhaufen aus Eichenstämmen bestand.

Mit Rustam dann in einem Café – neurussisch kofischop – auf der Sowjetskaja Straße neben einer neuerrichteten Baptisten-Kirche – die Amerikaner missionieren auf Teufel komm raus – traute ich mich, mit den brennenden Frage herauszurücken. Er hatte sich vorher schon als Umweltaktivist der noch zarten russischen Grünen geoutet. An diesem Morgen des 14. September 1954 um 9 Uhr 35 zündete die Armee am Truppenübungsplatz Totzkoje, 215 Kilometer (gleich um die Ecke, ganz nah!) von Orenburg entfernt, eine Atombombe, abgeworfen von einem Tu-4-Bomber mit der Stärke von 40 Kilotonnen. Hiroshima und Nagasaki mal zwei, ich weiß es nicht. In ihrem Wettlauf gingen die USA und die Sowjetunion in den Frühjahren der Atomkraft damit gleich unverantwortlich um.

Das ist die dritte Erkenntnis. Wie viele Menschen dabei umkamen oder verletzt wurden, ist bis jetzt streng gehütetes Staatsgeheimnis. Um Totzkoje leben aber noch immer Menschen. Aber Rustam, der neugetauft ist und sich in sozialen Fragen engagiert, weiß, dass die Zahl der Erkrankungen im Gebiet Orenburg zweimal höher ist als um Tschernobyl. 1954 – 1976 – 2000. Die zweite, noch akutere Gefahr, kommt daher, dass Orenburg nahe Kasachstan mit rund 2000 Kilometern unkontrollierbarer Grenze überschwemmt wird von Drogen aus Asien. Zusätzlich zum traditionellen Alkoholismus – entsetzliche soziale, gesundheitliche und kriminelle Probleme. Schmuggel, Bandenbildung, Waffen, alles was das drug trafficing so nach sich zieht. Die Miliz und der Grenzschutz sind korrupt und eben kein Schutz.

Ich möchte aber noch einmal in die Vergangenheit zurück und frage nach Sol-Iljezk.
Da strahlt Rustam:
Das ist wirklich nicht weit, nur 70 Kilometer, da könnten wir morgen hinfahren, das ginge sich aus, das lässt sich mit dem Auto machen.
Warum strahlt Rustam?
Er hat das Sanatorium Sol-Iljezk im Sinn, wo in Solebädern allerlei Leiden behandelt und auskuriert werden. Ähnlich wie am Toten Meer. Es ist eine der raren Touristenattraktionen in der ansonsten endlosen, öden, leeren Steppe.
Lieber Rustam, entschuldige, das Sanatorium mit den Salzlacken interessiert mich nicht.
Ich würde gerne wissen, ob etwas von dem GULAG Sol-Iljezk übriggeblieben ist.

Rustam blitzt mich aus seinen Tschingis-Khan-Augen an, zupft an seinem dünnen Schnurrbärtchen und schüttelt den Kopf.
Davon habe ich noch nie etwas gehört. Aber das waren primitive Holzbaracken, die sind längst versunken oder verrottet. Das meiste wird nach Stalins Tod einfach gestohlen worden sein. Warum fragst du? Was interessiert dich dort?

Aus Veröffentlichungen der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial weiß ich, dass der GULAG Sol-Iljezk eines der größten Durchgangslager war, wo die Opfer Stalins vor dem Weitertransport in die sibirischen Lager konzentriert wurden. Mehr als die Hälfte der Häftlinge überlebte Sol-Iljezk nicht, sie starben an Hunger, Kälte, Misshandlungen und vor allem an Typhus.
So auch Carola Neher 1942, die berühmte Berliner Schauspielerin, erste Frau von Klabund, Brecht-Freundin, als Polly Peachum der Dreigroschen-Oper im Pabst-Film ein gefeierter Star, spielt Shakespeare, Schnitzler, Brecht, in Wien einmal Klabund – die schönste Frau Deutschlands, ein neues Role Model in allen Illustrierten. Nach ihrer Flucht in die Sowjetunion 1934 gerät sie in die Fänge des NKWD. Denunziert aus KPD-Kreisen als trotzkistische Verschwörerin, versteht sie nicht einmal die Anklage. Ihr zweijähriger Sohn kommt in ein Kinderheim für Volksfeinde.
Sie wird sechs Jahre durch alle möglichen Gefängnisse und Lager geschleppt und stirbt 1942 in Sol-Iljezk an Typhus. Erst 30 Jahre später erfährt der Sohn über Memorial, wer seine Eltern waren; sie werden rehabilitiert, und mit Unterstützung von vielen deutschen Kulturschaffenden und Zeithistorikern gelingt ihm die Ausreise nach Deutschland. Willy Brandt hat sich persönlich bei Breschnew für Georg Becker eingesetzt.

Rustam kennt diese Geschichte nicht. In seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit dem Wiener Vormärz. In Orenburg redet man lieber über Mammutknochen und Ziegenwolle, Rostropowitsch und Gagarin.
Es dauerte noch bis zum 5. Februar 2017, bis es dem Moskauer Memorial gelang, an der Krasnoprudnaja Straße 5 eine Tafel in russischer Sprache anzubringen:
Letzte Wohnadresse der Schauspielerin Carola Neher

Sechs Worte, nicht mehr und nicht weniger. Die von Information freie, fast zynische Lakonik lässt auf einen mühsamen Kompromiss zwischen Memorial und der wieder Stalin verherrlichenden Historiografie schließen. Nicht viel mehr als „schmecks“ in sechs mageren, leeren, nichtssagenden Worten. Eine Augenauswischerei, die wütend macht. Wer war Carola Neher? Warum letzte Adresse? Wer hat sie von dort weggebracht? Wann und wohin? Wem soll das etwas sagen? Den Moskauer Passanten?
Carola Neher ist in der Sowjetunion außer in einem deutschen Arbeiterclub nie aufgetreten, nur wenige Exilanten wussten überhaupt von ihrer Anwesenheit, sie gehörte nicht zum inneren Kreis der KPD, sie war naiv und kaum politisiert, hatte schwer zu kämpfen mit dem eigenen Überleben und ihren kleinen Sohn Georg durchzubringen. Ihr Mann Anatol Becker, ein rumänischer Kommunist, wird ganz zu Anfang des Großen Terrors erschossen.

Als Bert Becht 1937 auf seiner Flucht in die USA durch Moskau kam, wusste er von Carola Nehers Verhaftung, setzte sich aber nicht für sie ein. Es ist ein Briefentwurf an Lion Feuchtwanger, der in Stalins Gunst stand, erhalten, den er aber nie abschickte. Diese Menge an Verrat und menschlicher Niedertracht in einer einzigen Biografie! Man muss wahrscheinlich akzeptieren, dass das in jedem Menschen angelegt ist, wenn er Möglichkeit dazu bekommt. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd. Nur erinnern hilft. Ein wenig.
Die Mitgefangenen Natalja Ginsburg und Margarete Buber-Neumann erwähnen Carola Neher in ihren Memoiren, setzen ihr ein Denkmal in der Sprache.
Berlin Hellersdorf hat seit 1992 eine Carola-Neher-Gedenktafel, München eine seit 2005 und seit 2017 eine Carola-Neher-Straße.
Es war der dritte Tag in Orenburg, der 28. Jänner, der an russischen Universitäten traditionell als der Tatjana-Tag begangen wird, ein Fest, bei dem sich die Universitäten selbst feiern.
Je nach Lehranstalt mit viel Musik, Literatur, Schauspiel, Tanz, Sport, Party – und Reden, vor allem Reden.

Ich war an der linguistischen Universität eingeladen, und kein Mensch hatte mich gewarnt, dass man mich als „ausländischen Gast aus unserer Hauptstadt“ auf die Bühne rufen würde.
Eine Ansprache halten. Oh Gott, die Russen können das so gut wie keine andere Nation.
Sie glauben ehrlich, einem die größte Ehre zu erweisen und bringen einen damit in schreckliche Verlegenheit. Also, was sollte ich sagen? Weil gerade zuvor ein Studentenchor ein Stück aus der Zauberflöte gesungen hatte, fiel mir Mozarts Geburtstag am 27. Jänner ein. Zu Tatjana fiel mir nichts ein, so gratulierte ich ihnen zum Festtag der Studentenpatronin. Ich bedauerte, dass es bei uns einen solchen Brauch nicht gibt. Und da hatte ich einen Blitzeinfall: Es geht natürlich nicht an, dass sich irgendein lebender Mensch mit Puschkin vergleicht, ich zu allerletzt. Aber einen Vorteil habe ich vor ihm. Er hielt sich nur eineinhalb Tage in Orenburg auf, ich dagegen bin schon den dritten Tag hier.
Tosender Applaus, die Studenten warfen Blumen auf die Bühne, hoben mich hoch und trugen mich auf ihren Schultern zu meinem Platz.

Wien, 10.3. - 2.4.18

Veronika Seyr
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Ein Sommer in Kirchstetten

(vor 45 Jahren, Juni - September 1972, Brodsky bei Auden)

Da steht er und blinzelt unsicher ins Licht am Ende des Ganges. Es ist sommerlich heiß an diesem 5. Juni 1972 in Schwechat. Der Mann trägt einen schweren Wintermantel und auf dem Kopf eine flache Lenin-Kappe. Er ist 1,80 groß, untersetzt, breiter Hals, hohe Stirn, rotblondes Haar, starkes Kinn, ein Gesicht voller Sommersprossen, ein Gesicht, das dominiert wird von großen, tief liegenden Augen. Ein Blick schwer mit der Last des Beobachters, der nicht wegschauen kann. Er hat vor Kurzem seinen 32. Geburtstag gefeiert, gleichzeitig war es ein Abschied für immer.

Ein Mann mit tief gefurchtem Gesicht erwartet ihn und holt den Koffer vom Fließband; es ist ein Köfferchen aus Pappe, nicht schwer, von einem groben Strick zusammengehalten. Gab es einen Handschlag? Eine Umarmung eher nicht. Ein Nicken. Sie kennen sich nicht, erkennen einander aber doch, weil jeder vom anderen ein Foto über dem Schreibtisch hängen hat, der eine in Leningrad, der andere in New York. Beide haben die Gedichte des anderen gelesen und bewundert. Der Schulabbrecher Brodsky hat sich selbst Englisch (und Polnisch wegen Mickiewicz, er hat den sowjetischen Übersetzungen nicht getraut) beigebracht und seine Gedichte ins Englische übertragen. Auden erzählt vom berückend archaischen Englisch seines Gastes, so als hätte er die Sprache der Neuen Welt mit dem Alten Testament erlernt. Auden, seit seinem achtzehnten Lebensjahr mit dem Dichter Christopher Isherwood liiert, ist ein geübter Menschenretter. 1935 hat er, der geborene Brite, Erika Mann geheiratet, damit sie mit einem britischen Pass aus Nazi-Deutschland fliehen konnte.

Wystan Hugh Auden holt Jossif Brodsky von der Aeroflot-Maschine aus Moskau ab. Im Koffer ist nichts als ein bisschen Kleidung, seine Manuskripte hat man ihm am Moskauer Flughafen abgenommen, in der Tasche fünfzig Dollar, die Freunde für ihn gesammelt haben. Mehr hat man dem Ausgestoßenen nicht gelassen. Der junge Dichter aus Leningrad ist eben der Staatsbürgerschaft beraubt und des Landes verwiesen worden, als Erster in einer langen Reihe von missliebigen Intellektuellen und Dissidenten. 1973 Sinjawski/Terz und Etkind, 1974 Solschenizyn und Nekrassow, 1976 Amalrik, 1977 Venzlova, 1978 Sinowjew, 1980 Wojnowitsch, 1981 Axjonow und so weiter und so fort noch bis zu Zeiten Gorbatschows.

Brodsky war 1964 in Leningrad der Prozess gemacht worden; er sei ein „dekadenter bourgeoiser Formalist“, stellte ihn, der erst ein einziges Gedicht von sich abgedruckt gesehen hatte, in eine Reihe mit den ebenso unnützen James Joyce, Marcel Proust und Franz Kafka. Die Schreiberlinge des KGB kannten sich offenbar sehr gut aus. Wie sie sei er eine „Literatur-Drohne“, ein „Sozialparasit, der kategorisch jede gesellschaftlich nützliche Arbeit verweigere, seinen Eltern und dem sowjetischen Staat auf der Tasche liege“, so hetzte die Zeitung „Vetschernij Leningrad“ am 29. November 1963 gegen den Dichter. „Für Brodsky hat Leningrad keinen Platz!“
Neu war gegenüber den Stalin‘schen Prozessen, dass er öffentlich geführt wurde und der Angeklagte sich selbst verteidigen konnte.

Richter: Was ist Ihre Beschäftigung?
Brodsky: Ich bin Dichter.
Richter: Wer hat Sie als Dichter anerkannt? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, sich Dichter zu nennen?
Brodsky: Niemand. Wer hat mir das Recht gegeben, dem Menschengeschlecht anzugehören?
Richter: Haben Sie dafür ein Studium absolviert?
Brodsky: Wofür?
Richter: Um Dichter zu werden. Warum haben Sie keine höhere Bildung angestrebt, um etwas zu lernen, um sich vorzubereiten?
Brodsky: Ich glaube nicht, dass Dichten etwas mit Lernen zu tun hat.
Richter: Womit dann?

Brodsky: Ich denke, es ist … eine Gottesgabe.

Dreiundzwanzig Jahre später sollte der „asoziale Parasit“ den Nobelpreis für Literatur erhalten, gerade als Ronald Reagan Gorbatschow the imperia of the evil besuchte.
Er wurde zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, obwohl sich Anna Achmatowa, Schostakowitsch, der Dichter Marschak und der Wissenschaftler Tschukowskij für ihn eingesetzt hatten. Noch nie hat es so etwas gegeben, außer Achmatowa sind dies drei Leninpreisträger. Nach dem Sturz von Chruschtschow und seinem kurzen „Tauwetter“ kehrte die Sowjetunion unter Breschnew und KGB-Chef Andropow zur harten Linie in der Kulturpolitik zurück.
Brodsky wurde zuerst in einem Gefängnis eingekerkert, dann musste er in einem Arbeitslager bei Archangelsk schuften, danach in Sibirien bei minus 50 Grad Bäume fällen und Steine schleppen. Aber der größte Unterschied zu Stalins Opfern war, dass die Außenwelt von ihnen wusste. Die Zeit des Samisdat, der Untergrundpresse, war angebrochen und ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Proteste im In- und Ausland hatten Erfolg, nach achtzehn Monaten wurde Brodsky freigelassen und durfte nach Leningrad zurückkehren. In der Verbannung hatte er eine neue Einsicht gewonnen:

„Wenn wir beispielsweise an all jene denken, die in Stalins Lagern und Gefängnissen umgekommen sind, wenn wir an diese Millionen toten Seelen denken – wo ließen sich da angemessene Gefühle finden?
Können der eigene Zorn, Kummer und Abscheu dieser schwindelerregenden Zahl angemessen sein?“

Was ist zu tun?
„Der Dichter hat nur eine Pflicht, gut zu schreiben, seiner Sprache so zu dienen, wie es seine Sprache verlangt. Poesie ist die sublimierte Form von Sprache. Und es stimmt nicht, wenn Adorno sagt, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich ist. Die Menschen, die in Hitlers Gaskammern gingen, hätten Adorno nicht zugestimmt. Adorno spricht über die Schuld der Überlebenden. Ich glaube, das Opfer votiert für die Existenz der Poesie.“

Auden stopft den russischen Emigranten in seinen VW-Käfer und fährt mit ihm über die Westautobahn in sein Sommerdomizil im niederösterreichischen Dorf Kirchstetten. Im Laufe des Sommers vermittelt er ihn als Professor für Poesie an die Universität Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan, später auch an der Columbia University in New York.
„Ich wollte nicht in Westeuropa bleiben“, sagt Brodsky.
„Wenn schon das Neue, dann wollte ich in das für mich absolut Unbekannte.“

Wer aber war der Regisseur, der den Zeitplan so einrichtete, dass in der Kirche von Kirchstetten gerade das Pfingstfest gefeiert wurde, das Fest, an dem einander die Völker in tausend Sprachen verstanden?

„Komm, Schöpfer Geist“, plärr‘ ich, während Herr Bayer
unsere kargen Spenden sammelt und Pfarrer Lustkandl
still mit dem Opfer fortschreitet. (...)
Im Zwiebelturm oben
läuten die Glocken zur Wandlung, rufen
Österreich, sich zu verwandeln: ob sich die Welt gebessert,
ist zweifelhaft, doch glauben wir, sie könnt‘ es;“

schreibt Auden in dem Pfingstsonntags- Gedicht (Whitsunday in Kirchstetten).

Auden geht mit seinem fremden Gast den schmalen Pfad aus dem Dorf hinaus zum Wald, wo sie durch den Zaun in einen Garten blicken, wo ein anderer Dichter, der Selbstmörder von 1945, begraben liegt,
„wie ein geliebter alter Familienhund.“ (Für Josef Weinheber)
„Jetzt, Nachbarn Tür an Tür, wären
Wir vielleicht Freunde geworden,
Die eine gemeinsame Umwelt
Und die Liebe zum Wort teilten.
Bei einem goldfarbenen Kremser
Hätten wir lange Gespräche
Über Syntax, Kommas und
Versemachen geführt. (…)
Doch hier fühle ich mich zuhause
Wie du einst: dieselben
Geschöpfe stimmen wieder
dieselben sorgenfreien Lieder an.
Schaue ich über unser Tal,
Wo, dem Blick entzogen,
Der Sichelbach westwärts eilt,
Um mit der Perschling sich zu vereinen -
Ein menschlich bescheidenes Bild
Und sanft in den Konturen -,
Bin ich mir bedeutender Nachbarn bewusst,
Die ich verehre: der Berge,
Die hinter mir aufragen, vor mir
des prächtigen Flusses.
Doch möchte auch dich ich ehren,
Kollege und Nachbar,
denn selbst mein englisches Ohr
Entdeckt in deinem Deutsch
Die Meisterschaft und den Tonfall
Eines, dem er vergönnt war,
Das Spiel der Bratschen
Auf umzäuntem Rasen zu hören,
Und dem es spät oblag, den

Abgrund zu nennen.
(im englischen Original auf Deutsch)

Es wird nicht schwer gewesen sein, dem Gast die tragische Verstrickung des nachbarlichen Dichters in die totalitäre Macht und die Zeiten voller Schrecken deutlich zu machen.
Sorgenfreie Lieder anstimmen konnte Brodsky sicher nicht.
Der Dichter war aus seiner Heimat und Sprachheimat verstoßen worden, staatenlos, eine ungewisse Zukunft vor sich, einzig auf einen Dichterfreund angewiesen, hatte seine alten Eltern, seine Frau Marina und ihren Sohn Andrej zurücklassen müssen. Er hatte keine Wahl gehabt, so wie Auden, der ein hintertupfinges Bauerndorf zu seiner zweiten Heimat auserkoren hat, ein geruhsames Pendeln zwischen New York, Oxford und Kirchstetten. Wie mag er das seinem Gast erklärt haben?

Doch hier fühle ich mich zuhause
Wie du einst: dieselben
Kurzlebigen Geschöpfe stimmen wieder
Die sorgenfreien Lieder an,
Obstgärten bleiben dem Regime treu,
das sie kennen, von des Aprils
Rasch aufblühenden Farben
Bis hin zum ungestümen Herbst,
Wenn bei jedem stammelnden Windstoß
Äpfel auf den Boden schlagen.

(Für Josef Weinheber)

Auden konnte es nicht wissen, aber nur ein Dichter kann es ahnen oder prophezeien; der Atheist aus Leningrad wird sich erst im Exil intensiv mit dem Alten Testament beschäftigen.
In der stillen Mortonstreet in Greenwich Village hängt an der Wand über dem Sofa ein Druck mit dem biblischen Motiv, wie Josef dem Pharao seine Träume erklärt. Josef wird von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft und weissagt dem Pharao die fetten und mageren Jahre, sodass sich das Land entsprechend vorbereiten kann. Josef sagt am Ende zu seinen Brüdern, denen er sich zu erkennen gibt:
‚Ihr gedachtet mir Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet.‘
Brodsky bekennt: „Ich votiere für die Bibel und insbesondere für den Propheten Jeremias.“
Auch Else Lasker-Schüler hat die Bibel als Spiegel gesehen. Sie nannte sich Prinz Jussuf, sah öfters im Traum König David und führte Zwiegespräche.

Über einen anderen Bezug erzählt seine Mutter: „Während der Bombenangriffe auf Leningrad suchten wir immer Zuflucht in einer Kirche. Jossif schlief dann immer in einer Kiste, in der sonst die Bittschriften der Gläubigen lagen. Mit vier Jahren hat er lesen gelernt, und mit fünf hat er mir Puschkin vorgelesen.“
Haben sie sich über Politik unterhalten? Hat Auden seinen jungen Kollegen nach dem Gulag gefragt, nach den Unterschieden zwischen Ost und West, nach Solschenizyn? Man kann es nur vermuten, aber eher verneinen. Es werden wie mit dem Nachbarn eher das Komma, die Syntax und die Verse beim goldfarbenen Kremser gewesen sein.
Hoffen heißt die Zukunft dementieren und sich als Einzelner in der Gegenwart zu bewähren.
„Ich weiß, dass ich vor dem Abgrund steh.
Und mein
Bewusstsein kreist gleich einem Schaufelrad
um seine Achse, die unbiegsam ist.
Keine Einsamkeit nämlich schmerzt mehr
als die Erinnerung an Wunder.
Grad so kehrt ins Gefängnis zurück, wer darin schon gewesen,
und die Tauben – zur Arche.“

Ja, so ist es. Amen.

Meinungen über den Westen und Vergleiche mit dem Osten hat Brodsky erst später geäußert, und immer vorsichtig. Der Kommunismus ist nach der Ansicht des Dichters im Exil mehr Menschen auf dem Gewissen als das aus dem Christentum erwachsene kapitalistische System.
„Sogar das, was die Nazis getan haben, ist im Vergleich mit dem, was Stalin und seine Erben praktiziert haben, ein Kindergarten.“
Was hätte sein Gegenüber wohl dazu gesagt?
Vielleicht hätte er ihm die Geschichte erzählt, als er mit sieben in der Bibliothek seiner Leningrader Schule ein Anmeldeformular ausfüllen musste. Eine Spalte fragte nach der Nationalität.
„Ich wusste ganz genau, dass ich Jude war, aber ich sagte der Bibliothekarin, ich wüsste meine Nationalität nicht. Mit einem süffisanten Spottgesicht schickte sie mich nach Hause zu meinen Eltern, die wüssten‘s schon.
Die wahre Geschichte des menschlichen Bewusstseins beginnt mit der ersten Lüge. Meine erste Lüge hatte unmittelbar mit meiner Identität zu tun, kein schlechter Anfang.“

Oder von seinem Vater. Brodskys Vater war Fotograf. Er diente im Großen Vaterländischen Krieg in der Marine. 1949 musste er sie verlassen, Stalin zettelte eine neue Judenverfolgung an, als er jüdische Ärzte als Verschwörer aburteilen ließ. Mit dem Antisemitismus konnte man auch nach Hitler noch etwas machen.

Vielleicht hat ihm der Gastgeber von seinem Faktotum, der resoluten wie verlässlichen Haushälterin Emma Eiermann erzählt oder die Elegie vorgelesen, die er ihr gewidmet hat.

Du warst inbegriffen in das Haus,
du und dein Bruder Josef,
Sudetendeutsche,
zu heimatlosen Bettlern geworden, als die Tschechen
an die Reihe kamen, brutal zu sein.

Und vom Landarzt Dr. Walter Birk, der nach 45 Jahren in den Ruhestand ging.
Wenn der Sommer hereinplumpst, werden die Spatzen
piepsen im breiten Kastaniengeäst
nah deinem Haus, doch keiner wird fragen
„Ist Dr. Birk da, dass er mich höre?“

Ganz sicher hat er es nicht versäumt, dem Gast den Friedhof neben der Kirche zu zeigen, mit einer Bank am oberen Ende unter einer Linde, wo er zu sitzen und über in die reiche Bauernlandschaft zu schauen pflegte. Diesen Platz liebte er besonders, nannte ihn seine „heimatliche Insel“, der Brite aus York. Nicht wissend, dass er ein Jahr später die Äpfel nicht mehr auf dem Boden aufschlagen hören, sondern hier unter einem schmalen Blumenbeet und einem schmiedeeisernen Kreuz seine ewige Ruhe finden würde.
Brodsky verbrachte seine Uni-Ferien in Rom und Venedig. Seit 21 Jahren liegt Brodsky auf dem Friedhof San Michele in der Lagune. So hat jeder seine Insel bekommen.

9.8.17

  • Gedichte und Übersetzungen entnommen aus „Gedichte – Poems“, Hrsg. Wolfgang Kraus, Europa-Verlag, Wien 1973
  • Brodsky-Zitate aus: Jürgen Serke. Die verbannten Dichter. Albrecht Kraus Verlag, Hamburg 1982

Veronika Seyr
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Ich bin halt ein Kriegskind

Als älterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach.

Nein, das wird keine rührselige Lebensgeschichte – die hat schließlich jeder. Aber schön langsam ist auch die Gruppe der „Zeitzeugen“, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausdünnen – und ich will die menschlichen (psychischen, soziologischen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Zeit beschreiben, damit deren Kenntnis nicht verloren geht, bzw. damit man diese unsere Generation besser versteht.

Erstaunlicherweise haben wir es gut gehabt – nicht in den ersten paar Lebensjahren, aber dann. Mein 1969 geborener Sohn hat einmal gesagt, er beneidet mich um „meine“ Zeit. Und tatsächlich: Wir haben – beginnend mit den 50er-Jahren – einen jahrzehntelangen Aufstieg erlebt. Es schien geradezu sicher, dass wir keinen Krieg mehr erleben werden, dass es mit der Wirtschaft und damit unserer sozialer Sicherheit, den Gehältern und Lebensumständen immer bergauf gehen, das Leben immer besser werden wird. Überall gab es steigende Konjunktur, Wirtschaftswachstum, neue Erfindungen, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen (kürzere Arbeitszeit, mehr Urlaub, mehr Einkommen) etc. Immer mehr gute Straßen, leistbare Autos, vielfältigere Freizeitmöglichkeiten, immer üppigere Angebote von preiswerten Fernreisen und so weiter.

Aber in den ersten Nachkriegsjahren war großer Mangel an Geld und Brennmaterial. Unser Vater war als gelernter Zimmermaler und Anstreicher im Winter meist arbeitslos und arbeitete daher wochenweise bei Abbruchfirmen – so hatte er Zugang zu Bauholz-Abfällen und damit konnten wir nachmittags unseren Zimmerofen einheizen Die Kinder von Hausparteien mit kalten Wohnungen sind deshalb zu uns spielen gekommen.

Wir Kinder haben uns von April bis Oktober auf der fast autoleeren Straße getroffen und dort sowie in den umstehenden Bombenruinen gespielt – was von unseren Eltern wegen Einsturzgefahr nicht gerne gesehen wurde. Aber in unserem Bezirk ist Gott sei Dank nichts passiert. Unsere Straßen-Spiele wie „Vater, Vater, leih mir d‘Scher“, „Räuber und Gendarm“, „Tempelhupfen“, mit billigen Tonkugerln „anmäuerln“, wenn es einen Ball gab, auch Völkerball, oder Fußball mit einem „Fetzenlaberl“ (einem aus Stoffresten zusammengeknoteten Stoffball) und vieles andere kennen unsere Enkelkinder nicht mehr. Ein oft von den Vätern selbst gebastelter Trittroller war schon Luxus, ebenso ein „Diabolo“ für die Mädchen, und ein abgeschnittenes Stück Wäscheleine ergab eine Springschnur. Bei Schlechtwetter bzw. im Winter gab es viele Kartenspiele, Schwarzer Peter, DKT oder „Mensch ärgere Dich nicht“, wo immer in einer Wohnung Platz für einige Kinder war.

Viel gefährlicher war es am naheliegenden Donaukanal, in dem zu baden mir und meinen Geschwistern wegen der Strömung strengstens verboten war – aber wir konnten ja Gott sei Dank noch nicht schwimmen und begnügten uns damit, ins seichte Ufer-Wasser zu steigen, um nach angetriebenem Gesträuch zu fischen, aus dessen Astgabeln sich die begehrten Steinschleudern herstellen ließen. Im Winter rodelten wir auf abenteuerlichen „Brettlhupfern“ (primitiv zusammengeschweißte Kufen und einige Sitzbretter darüber) die „schräge Wiese“ zum Kanal hinunter – und auch das war gefährlich, weil man bei zu viel „Schuss“ leicht über das vereiste Ufer hinaus in den Kanal rutschen und ertrinken konnte – was wirklich jemandem einmal passierte.

Das alles klingt heute ein wenig seltsam – aber was hätten wir Kinder denn sonst unternehmen können? Es gab weder Fernsehen noch Computer-Spiele, teure Sportarten konnten sich unsere Eltern nicht leisten, sogar richtiges Spielzeug oder für die Mädchen schöne Puppen war in den ersten Nachkriegsjahren Mangelware, und eine kostspielige Kinokarte war höchstens einmal monatlich erschwinglich. Unsere Eltern in der Vorstadt waren froh, uns halbwegs sattzukriegen und uns mit Schuhwerk und der notwendigsten Kleidung versorgen zu können – dies oftmals aus zweiter Hand, wenn man das Glück hatte, eine Mutter etwas größerer Kinder zu kennen, die nichts dafür verlangte.

Unser Vater hatte Bekannte „am Land“ im südlichen Niederösterreich, und dort malte er den Bauern die Stuben aus und brachte dafür Lebensmittel, meistens Erdäpfel und Schmalz, per Autobus nach Hause. Natürlich war auch in Wien – wenn es wieder wärmer war – fallweise ein Pfusch die Rettung unserer Haushaltskassa.

Überhaupt war in dieser Notzeit der sparsamste Umgang mit allen möglichen Ressourcen angesagt. Da wurde kein Stück Holz, kein Fetzen Papier, kein Lappen Stoff, der noch irgendeinen Nutzen abgeworfen hätte, zum Abfall geworfen. So wurden zum Beispiel von einem unbrauchbar gewordenen Herrenhemd zuerst die Knöpfe abgeschnitten und aufgehoben und der Stoff zu Putzlappen zerschnitten. Die eben auf den Markt kommenden Reißverschlüsse wurden beim „Ausmustern“ von Hosen sorgsam abgetrennt und für Reparaturen wiederverwendet. Zu Weihnachten wurde das bunte Papier der Geschenke sorgsam abgewickelt und für nächstes Jahr aufgehoben. Man war in dieser Zeit mit wenig zufrieden und schon der bescheidenste „Wohlstand“ (zum Beispiel ein Stück Fleisch am Sonntag und ein Pudding als Nachtisch) waren pures Glück. Denn viele andere hatten damals auch nicht mehr!

Dazu passt eine Urlaubsanekdote aus Zypern:

Vor einigen Jahren waren wir in den Bungalows eines schönen Garten-Hotels untergebracht. Im zentralen großen Speisesaal mit reichhaltigem Buffet war freie Platzwahl. Meine Frau und ich saßen am ersten Abend an einem Fenster-Tisch, als uns eine ebenfalls ältere Dame fragte, ob für sie noch Platz wäre, und sie wurde von uns freundlich eingeladen. Mit der Mittelschullehrerin in Ruhestand war angenehm zu plaudern, und wir blieben nach dem Essen noch eine Weile sitzen. Da fiel mir auf unserem Tisch etwas auf – und ich fragte die Dame, ob sie noch ein Kriegsjahrgang sei. Nach einer Schrecksekunde (denn es verriet doch das Alter) nickte sie: Gerade noch, sie wäre im Jänner 45 geboren – ob man ihr denn das ansehe. Ich lachte und deutete auf unsere beiden abgegessenen Teller in der Tischmitte – nein, das hätte es mir verraten! Da sah sie genauer hin und lachte ebenfalls: Im Gegensatz zu den Tellern der anderen Gäste waren mein und ihr Teller nicht nur ratzekahl leer – auch den Saft hatten wir noch mit Brot aufgetunkt. „Ja – ich verstehe“, meinte sie, auch sie hätte noch gelernt, dass immer genug zu essen zu haben nicht selbstverständlich sei, und dass Lebensmittel nicht in den Mistkübel gehörten. Worüber sich die Generationen nach uns kaum Gedanken machen.

In der Seele Gespeichertes:

Zu allererst ist noch für viele von „uns Kriegskindern“ die persönliche „Bedürfnislosigkeit“ typisch: Wer in dieser kargen Zeit aufgewachsen ist und aus der Situation heraus gelernt hat / gewohnt war, mit einfachen und wenigen Dingen auszukommen, steht dem heutigen Überangebot und der sinnlosen Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen oft verständnislos gegenüber. Was sollen, wozu braucht man alle paar Jahre neue Sachen, Möbel. Geräte, Kleidung, Auto und so weiter – und die noch gebrauchsfähigen, tadellos funktionierenden werden „entsorgt“! Zugegeben, bei der Kleidung sind die Männer noch sparsamer – sie sind ja die einzigen Menschen (so die spöttische Anmerkung einer Dame), welche abgetragenen Kleidungsstücken nachtrauern. Der Autor hat seinen zehnjährigen abgewetzten Hubertusmantel nur ungern in den Humana-Container gestopft und noch zwei Jahre lang vermisst; er ist auch mit dem neuen nicht zufrieden, weil er nicht so bequem wie der alte ist.

Auch bei der Nahrung – das heißt Einkaufen, Kochen, Essen und „Reste-Verwertung“ – sind die Kriegskinder eigen. Da gab es immer einfache, selbst gekochte Gerichte, nur am Sonntag mit Dessert, und alle „Überbleibsel“ wurden am nächsten oder übernächsten Tag wiederverwertet, die vom Sonntag übrigen Knödel wurden mit (oft nur einem einzigen) Ei angeröstet, aus den Nudeln vom Vortag wurde ein Nudelsalat, das Gemüse mit einer abgebratenen Knackwurst wieder aufgetischt und vieles mehr.

Apropos „Restlverwertung“: Viele Gleichaltrige vermissen heute noch den guten „Grenadiermarsch“, ein Pfannengericht aus Teigwaren oder Knödelresten, mit frisch gekochten/übriggebliebenen Erdäpfeln und fallweise auch mit etwas Zwiebeln gemischt und angeröstet – dazu Salat der Saison. Das wird heute fallweise in eleganten Restaurants als ganz besonderes Tellergericht serviert.
Wer gewohnt war, am Samstag (später am Freitag nachmittags) persönlich auf den nächsten Markt zu gehen, beim Standler, Fleischhauer und Bäcker einzukaufen und dieses Angebot an naturbelassenen Lebensmitteln mit allen Sinnen aufzunehmen, kann sich später mit Tiefkühl- und Fabriksnahrung nicht abfinden. Ich vermisse heute noch das bunte Bild der Marktstände, die Rufe der Händlerinnen, die Kommentare der einkaufenden Hausfrauen, die Geruchsmischung von Kaffeeröster, Sauerkräutler und Fischhändler und vor allem den herrlichen Duft nach warmem Leberkäse und geselchten Würsten beim Fleischhauer und den ebenso angenehmen Duft nach Brot, Semmeln und Feinbackware beim Bäckerei-Stand.

Da war der Gang mit der Einkaufstasche durch die Gassen des Wohnviertels, mit dem Grüßen und ein paar Worte mit den Nachbarn Wechseln schon eine angenehme Selbstverständlichkeit, das Beobachten der unmittelbaren Umgebung, der Blick in die Auslagen der damals noch existierenden Geschäfte, der politische Kurzkommentar des Trafikanten beim Zeitungskauf gewohnt und unentbehrlich – man hat nicht auf die Schnelle eingekauft, man hat gelebt und erlebt, wurde wahrgenommen und war Teil seines Bezirkes!

Ein kleiner Rest dieser damals noch deutlich langsamer laufenden Zeit ist bei uns im Weinviertel oder generell „am Land“ oft noch zu spüren und macht einen Teil der hiesigen Lebensqualität aus.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18143

 

Gelöscht

Und wieder und wieder,
versuche ich dich von meiner
Festplatte zu löschen.

Und wieder und wieder
finde ich dein Backup
irgendwo.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummerr: 18106

 

Schattenspiele

Jede Nacht starre ich an die Wand
und verfolge die Spiele der zerbrochenen Schatten.
Im Licht des Kerzenscheins,
erzählen sie von einer besseren Zeit.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18069

 

Sieben Jahre Pech

So lang ist es her.
Und ich will die Scherben
immer noch nicht aufheben,
um zu sehen,
was in mir alles zerbrochen ist.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 18068

 

Puschkins Hase

Es war der 23. Dezember 2000, als sich eine Gruppe von Menschen am Leningrader Bahnhof (hieß wirklich noch so!), Bahnsteig 2, vor dem Waggon 17 versammelte, alle dick vermummt, denn es hatte in diesem Tagen um die zehn Grad minus. Außer Andrej Bitow kannte ich niemanden persönlich, und diesen nur flüchtig und aus einer Situation, die ich am liebsten aus dem Gedächtnis streichen wollte. Ich hatte das Unglück, einmal bei einem Dinner in der Botschaft neben ihm platziert worden zu sein. Ganz am Ende der Tafel, fast schon am Katzentisch. So konnte man seine Stellung in der Hierarchie unzweideutig ermessen. Der Schriftsteller und die Kulturrätin der Botschaft unermesslich weit weg vom Gastgeber und seinem Hauptgast, dem Wirtschaftsminister, die einander in der Mitte gegenüber saßen, jeweils flankiert von ihren Dolmetschern, dann abgestuft je nach Wichtigkeit die anderen Geladenen.

Der mir oder ich ihm zugeteilte Schriftsteller hatte offenbar beschlossen, grimmig und beharrlich zu schweigen, vielleicht, weil er das immer so hielt bei solchen Einladungen oder weil er gerade mit einem Schnupfen kämpfte. Die lange, schmale Nase rann ununterbrochen, Tröpfchen im schütteren Schnurrbart, ein Taschentuch wischte über die hängenden Lider. In einem schrumpeligen Anzug eine vornüber gebeugte Person, viel zu klein für den ausladenden Botschaftsstuhl.

Oder war es umgekehrt, machte ihn erst der Stuhl so klein? Er aß nichts außer der Suppe und trank nur Wasser; vielleicht hat er ein Magengeschwür oder es ist ihm einfach Kascha und Borschtsch lieber als das hochgezüchtete Diplomaten-Essen. Ich unternahm vieles, um ihm etwas zu entlocken, mit dem man Konversation machen konnte und kam mir bald vor wie der Hofnarr in der Runde. Ich prallte an ihm ab wie an der Hütte der Baba Jaga. Neben hundert anderen Vermutungen und Annahmen wird es wahrscheinlich eine ungünstige Eigenschaft an mir gewesen sein, die ihn abgestoßen hat. Die übergroße Ehrfurcht vor großen Menschen, die kindliche Verehrung von Dichtern, die mir den letzten Grips raubte, sodass ich neben ihm ziemlich dumm gewirkt haben musste und ihm die Vorurteile gegen Westler und Diplomaten im Besonderen prächtig bestätigt haben werde. Vielleicht auch gegen Frauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war nie verheiratet, als Familie gibt es bekannterweise nur einen Bruder. Ich war damals noch nicht lange genug Diplomatin, um meine Ressentiments gegen diesen eigenartigen Beruf abgelegt zu haben. Wie und warum sollte ich mit jemandem reden, der das offensichtlich nicht wollte? Der feindselig gegen mich eingestellt war und ich mich auch nicht für ihn interessierte?

Als Journalistin musste ich oft mit Menschen reden und sie ausfragen, obwohl sie mich nicht interessierten oder ich von vornherein wusste, dass sie mich anlogen, vor allem Politiker. Da war ich professionell genug unterwegs, weil ich ein Resultat brauchte. Aber bei einem Schriftsteller verrammelte und verriegelte sich aus einem verqueren Ehrgefühl heraus mein Hirn, sodass mir nicht einmal mehr einfiel, was ich von ihm gelesen hatte. Dabei hatte ich einiges gelesen, konnte mich aber nur vage erinnern, Reiseberichte aus Armenien und Georgien zum Beispiel. Und wie wäre es mit Puschkins „Gefangener im Kaukasus“ gewesen oder mit Tolstojs „Hadschi Murat“? Das war so eine unglückselige Situation, in die man manchmal völlig unschuldig hineingerät.
Es war offenbar ein Gast ausgefallen, und da kam der Botschafter auf die unglorreiche Idee, die Kulturrätin neben den Dichter zu setzen. Da kann nichts passieren, weil nicht wichtig genug. Ich erfuhr davon erst eine Stunde vor dem Dinner und konnte mich nicht vorbereiten, wie ich das sonst tat.
Jammerschade! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich seit der Reise nach Pskow weiß, hätten wir uns vielleicht befreundet oder uns zumindest in einer gleichen Leidenschaft ausgetauscht.

Aber zurück zum Bahnsteig 2, Waggon 17 am 23. Dezember um 18 Uhr.

Bitow ist in Moskau eine bekannte Figur, ein viel gelesener Autor, Träger vieler in- und ausländischer Ehrungen, eine integre Persönlichkeit, häufig im Fernsehen zu sehen, der sicher oft gegrüßt wird wie ein Bekannter oder sogar Freund, weil man seine Bücher schätzt. Im Westen würde man ihn einen Literaturpapst nennen. Also sprach ich ihn auf das Botschaftsessen an, scherzhaft, flapsig, ob er sich davon erholt habe. Er versuchte höflich zu sein und setzte ein Lächeln auf, das zwischen unwissend und gezwungen lag, man kann auch dümmlich sagen. Also hatte er keine Ahnung, wer ich war und war dankbar dafür. Den Mantel des Vergessens darüber breiten und schweigen.

Aber das kann auch wiederum daran liegen, dass man auf einem zugigen Bahnsteig an einem dunklen, kalten Dezemberabend anders aussieht als unter den gleißenden Lustern eines Speisesaals. Seit dem unseligen Dinner waren einige Monate vergangen, und ich habe meine Schmach wettzumachen und das Trauma aufzuarbeiten versucht, indem ich alles Erreichbare von Bitow las und mich von meinen Moskauer Literaturfreunden unterrichten ließ. Der russische James Joyce, der beste lebende Stilist, der ehrlichste Erzähler, der genaueste Chronist der sowjetischen Seele, den wir haben, ein postsowjetischer Melancholiker – kein Superlativ wurde ausgelassen. Das war nicht immer so.

Er war einer der Schriftsteller der Tauwetter-Periode mit vielen Erzählungen, Romanen, Almanachen und Essays, erhielt nach dem Sturz Chruschtschows Publikationsverbot, wurde aber nicht ausgewiesen wie viele seiner Freunde und Kollegen. Erst unter Gorbatschows Glasnost und Perestroika durfte er ab 1986 wieder veröffentlichen. Das Puschkinhaus, Georgisches Album, Armenische Lektionen, Der Symmetrielehrer, Der Geschmack, alles schon in den 70er Jahren geschrieben und seither neu aufgelegt und übersetzt, und einiges davon in sehr guten Übersetzungen im Suhrkamp-Verlag.

Da traf es sich gut, dass ich von meinem Freund Mischa Shulman, einem Puschkin-Forscher, erfuhr, dass es um Weihnachten eine Pilgerreise nach Michailowskoje geben sollte, zu dem Landgut der Familie Puschkin, auf das Zar Alexander I. den Dichter von 1824 bis 1826 verbannt hatte.
Der Nachtzug ging um 18 Uhr 30 ab und sollte um 7 Uhr 30 in Pskow ankommen.
Der inoffizielle Club der Puschkinisten mit Bitow an der Spitze hatte dazu aufgerufen, 28 Menschen hatten sich eingestellt. Das war ziemlich genau ein Waggon mit zwei Zweier- und sechs Vierer-Abteilen. Es war kein Schnellzug wie der Rote Pfeil nach St. Petersburg, sondern wir bummelten gemächlich durch das flache Land nach Nord-Westen Richtung Pskow. Misha bedauerte, dass er nicht mitkommen konnte – seine Frau erwartete das zweite Kind – so war ich ganz allein unter lauter russischen Puschkin-Kennern und Liebhabern.

Trotz des Datums war es für die Russen keine Weihnachtsreise, sondern ein ungerades Jubiläum, das die Puschkinisten begehen wollten: 175 Jahre seit dem denkwürdigen Tag, als Puschkin einen Ausbruchsversuch aus seinem Verbannungsort machte, sich nach dem alten Kalender am 11. Dezember 1825 in eine Kutsche warf und die Richtung St. Petersburg einschlug. Alles unerträglich, schnell weg, nur weg von hier, ohne jede Vorbereitung und Unterstützung, ohne Genehmigung, eine Verzweiflungstat, aufs Äußerste erregt durch das Ausbleiben aller Nachrichten der Freunde in der Hauptstadt und von allerlei Vorgefühlen geplagt. Der Diener, der ihn begleiten sollte, erkrankte, dann der zweite, der ihn ersetzen sollte. Er fährt trotzdem los.

Da passierte es: Auf der Straße zum Landgut Trigorskoje, wo er sich von der Nachbarsfamilie Wulf-Ossipow verabschieden wollte, stürzte aus dem Gebüsch ein Hase heraus und kreuzte den Weg. Puschkin zögerte keine Sekunde und kehrte um. Kurz vor seinem Landgut sprang ein anderer Hase mit zurückgelegten Ohren und vorgestreckten Pfoten vor ihm in die Höhe. Er raste unentschlossen durch das Haus. Doch der Wagen stand bereit, und er konnte nicht mehr zurück. Der zweite Aufbruch. Als ihm ein schwarz gekleideter Mönch auf der verschneiten Straße entgegenkam, ließ er wieder den Kutscher wenden. Das war zu viel für sein abergläubisches Gemüt. Er fühlte, dass er vergeblich gegen einen höheren Willen ankämpfte.

Im unendlichen Universum des russischen Aberglaubens gehört der Hase zu den Schicksalskündern. Nebenbei gilt der Rammler im Volksmund auch noch als ein Symbol für die verwerfliche, ungezügelte Sexualität. Niemand, vom Kutscher bis zum Zaren, wagt es, nicht auf ihn zu achten. In Puschkins Fall hat der Hasen-Mythos sich scheinbar als Wahrheit herausgestellt.

Wenn der Hase nicht über den Weg gehoppelt wäre, hätte Puschkin nach zwei Tagen Kutschenfahrt St. Petersburg erreicht, wäre gerade rechtzeitig zum Aufstand der sogenannten Dekabristen gekommen. In seiner Abgeschiedenheit wusste er nichts von dieser Adelsverschwörung und war nicht beteiligt, hätte aber sicher aufgrund der Inhalte und der freundschaftlichen Verbindungen mit vielen der Akteure sympathisiert.

Seit dem Sieg über Napoleon brodelte es in Russland. Viele Armeeangehörige waren in Frankreich mit europäischen Verhältnissen in Berührung gekommen und forderten bürgerliche Freiheiten. Sie nützten das kurze Interregnum in der Nachfolge zwischen den Romanow-Brüdern Konstantin und Nikolaus. Mehrere hunderte Adelige, Offiziere und Schriftsteller gewannen Teile der Armee für ihren dilettantischen Umsturzversuch, verlangten eine Verfassung und die Einrichtung einer Volksvertretung. Es sollte noch fast einhundert Jahre dauern, bis es dazu kam.
Alexanders Nachfolger, Nikolaus I., ließ fünf Männer als Rädelsführer hinrichten, 120 in die sibirische Verbannung schicken, ganze Familien zogen mit ihnen, niemand außer der Gräfin Wolkonskaja kehrte zurück, nach vierzig Jahren. Fast alle Angeklagten berufen sich bei ihren Freiheitsideen auf Puschkins Gedichte und Epigramme. Keine guten Aussichten für den Dichter, der nun schon seit zwei Jahren in Briefen an den Zaren um Begnadigung aus seinem Gefängnis in der russischen Einöde bettelt. Niemand von seinen hochgestellten Freunden wagt es, sich beim Zaren für ihn einzusetzen. Er hatte immer einen äußerst heißen Charakter, sagen alle, aber diesmal, nachdem er vier Monate keine Briefe aus St. Petersburg und Moskau erhalten hatte, konnte er nicht mehr stillhalten. Ausbrechen, komme, was da wolle.

Wer war es, zwei Hasen und ein Mönch oder die Vorsehung, die Puschkin davor gerettet haben, hingerichtet oder zumindest in die sibirische Verbannung transportiert zu werden? Die Welt hätte keinen Großdichter Puschkin bekommen, denn erst in der Abgeschiedenheit von Michailowskoje bildete sich sein Talent zur vollen Blüte heraus. Er begann den Eugen Onegin, den Boris Godunow zu schreiben, er hörte das Russisch der Landbevölkerung und entwickelte die Sprache zu einer Volkssprache, wie sie bis heute gültig ist. So schrecklich die Jahre in Michailowskoje für ihn persönlich waren, sie stellten sich als Glücksfall für die Geschichte der russischen Literatur heraus. Er reifte zu dem großen Dichter heran, der bis zu diesem Tag als Genie und Nationalheiligtum verehrt wird.

So befand ich mich zusammen mit 27 Verehrern auf einer Pilgerreise, um den Hasen zu feiern, der Puschkin gerettet hatte. Im Speisewaggon, wohin sich die Gesellschaft verlagert hat, wird mächtig vorgefeiert. Andrej Bitow ist der König der Puschkinisten. Er spricht nicht viel, lacht viel, hört zu, hebt das Wodka-Glas, ohne zu trinken, an Nahrung nimmt er nur die Beilagen zu sich, Schwarzbrot, eingelegte Zwiebel, Pilze und Gurken. Da erfuhr ich, dass er magenkrank ist und einen Herzinfarkt hinter sich hat. Die Stimmung erreicht ihren ersten Höhepunkt, als sich herausstellt, dass einer der Pilger ein blinder Passagier ist, der im Russischen Häschen, zaitschik, genannt wird.
Der Schwarzfahrer, ein junger Literatur-Student, heißt Sasha Swarz, er ist der gefeierte Held dieser Nacht im Zug nach Pskow. Er hat eine Gitarre, singt recht gut, keine Puschkin-Gedichte, sondern alte Hits von Wissotzki und Okudschawa, alle singen mit, können alle Strophen auswendig. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, muss ich meine Mundstarre der Bewunderung vor so viel Gemeinsamkeit überwinden, mit Lippenbewegungen und Wangentätscheln. Einiges kann ich doch auch schon lange mitsingen, mitklatschen und mitschunkeln. Ein Tisch wird freigeräumt für den Tanz oben.

Mir gelingt es, mich nicht als Ausländerin zu verraten, damit hätte sich die Atmosphäre sofort geändert. Viel ist nicht anders geworden, seit von Sigmund von Herberstein an die ersten Westler ins Moskowitische Reich gekommen sind und es beschrieben haben. So komme ich in den Genuss eines Tarnkappenblicks. Schon gar nicht habe ich mich freiwillig vor Andrej Bitow zu erkennen gegeben. Er bleibt bis zuletzt ohne Verdacht.

Irgendwann kann ich mit der unendlichen russischen Feierenergie nicht mehr mithalten und ziehe mich in mein Abteil zurück. Das hätte als Einziges verräterisch sein können. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Uhr im Restaurantwagen, die weit nach zwei zeigt und ein Schild mit der Aufschrift: Nach Mitternacht wird kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Denkmal für das Verhältnis zur Obrigkeit: Wir tun so, als machten wir, was ihr wollt, tun aber, was uns gefällt. Ich bleibe unentdeckt, zusammen mit meiner alten, ganz einsamen Schande. Im unteren Bett meines Zweier-Abteils, knapp vor dem Augenschließen, fliegt noch der Gedanke vorbei, ob die Russen nur zu dezent sind, mich zu überführen. Die meisten anderen, glaube ich, haben in dieser Nacht nicht viel Schlaf abbekommen.

Ankunft im Dämmer des Morgens am 24. Dezember im tief verschneiten Pskow. Welch ein Wunder, tatsächlich steht der bestellte Autobus mit Chauffeur bereit, der die Gruppe in zwei Stunden die 120 Kilometer nach Michailowskoje schaukelt, wovon die meisten Passagiere nur im Schlaf etwas mitbekommen, obwohl es ohne Heizung bitterkalt ist. Ebenen in Schnee und Nebel, kaum Erhebungen, wenig Abwechslungen von Dörfern und Wäldern, eine russische Unlandschaft im Nordwesten. Flüsse und Seen sind zugefroren und verschneit, ohne Tafeln wären sie nicht auszumachen.

Dabei fahren wir durch die größte russische Seenplatte, auf der sich vor 800 Jahren Russlands Schicksal entschieden hat. In der Schlacht auf dem Peipus-See vernichtete Alexander Newski die Armee des Deutschen Ritterordens und sicherte Pskow für die Republik Nowgorod, später für das Fürstentum Moskau. Das also war der Ausblick, den Puschkin hatte, als er hier zwei lange Winter festsaß. Das musste auch für stabilere Seelen, als er eine hatte, schwer sein. Mir ging es schon in diesen zweieinhalb Stunden nicht gut.
Vom Landgut Michailowskoje ist nach zwei deutschen Besatzungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nichts übrig geblieben, was wir nun langsam zu sehen bekommen, ist nachgebaut. Von den einst berühmten 200-jährigen Eichen- und Lindenalleen stehen nur noch einzelne alte Riesen, ein Tor, eine Brücke, ein niedriger, langgezogener Herrensitz aus Holz mit einer kleinen, überdachten Vortreppe, angeblich alles originaltreue Kopien. Der Vorplatz ist vom Schnee geräumt und dient als Parkplatz, zurzeit noch leer. Im Bus wird es langsam lebendig, und die vermummten Gestalten krabbeln ins Freie.

Ich hatte mitbekommen, dass als Erstes eine Zeremonie vorgesehen war: Es sollte ein Denkmal für Puschkins Hasen aufgestellt werden.
Die Metallskulptur hatten die Puschkinisten im Gepäck, allerdings war der als Fundament vorgesehene Holzpfahl nirgends zu finden. Da hatte nur ein Teil der Organisation geklappt. Die Pilger wussten sich zu helfen und schleppten aus einem Nebengebäude einen Balken heran, den man kurzerhand zu dem Werstpfahl erklärte, mit denen im zaristischen Reich die Staatsstraßen gesäumt waren.
Einige Männer bearbeiteten den Pfosten mit Äxten, schlugen ihn provisorisch in den Boden und setzten den Metallhasen auf ein oben angebrachtes Querbrett. Danach einige Reden von Andrej Bitow, Lew Schlosberg und einem eingetrockneten Redakteur der Literaturnaja Gazeta. Viele große Worte, wenig in Erinnerung. Die Museumsmitarbeiter bewirten die Besucher mit Brot und Salz, erwärmende Getränke sind vorbereitet, für den Hasen gibt es Gebinde aus Karotten und Kohl. Bitow hängt sie ihm unter Gelächter und Applaus um den Hals, der Schwarzfahrer Sasha Swarz schmückt den improvisierten Werstpfahl mit Kränzen aus Tannenreisig.

Die Bedeutung von Puschkin als Zentralgestirn der russischen Literatur und Kultur insgesamt ist in der nicht Russisch sprechenden Welt nie ganz angekommen. Im Gegensatz zu Tolstoj, Dostojewski oder Tschechow ist er nicht heimisch, kein Europäer und kein Weltenbürger geworden. Ist das so, und wenn ja, warum?
„Puschkin stellt in der russischen Literatur ein Zentrum dar, wie es keine andere (nationale) Literatur aufzuweisen hat. (Hallo, was ist mit Shakespeare?) Er ist der Abschluss der vorhergehenden und zugleich der Beginn und das einzige Fundament aller späteren Dichtung.
Er ist der Brennpunkt, in dem sich alle von den Vorgängern ausgesandten Strahlen treffen, und zugleich die Sonne, deren Licht die ganze spätere russische Literatur bis auf unsere Tage durchdringt. Die Literatur wäre ohne ihn ebens
o undenkbar wie die russische Sprache und Nation.“

Ganz so verzückt wie der Artikel des sowjetischen Literaturwissenschaftlers Alexander Eliasberg 1924 fielen die Reden der Puschkinisten nicht aus. Bitow und Schlosberg schnitten eher ironische Töne an, mit denen sie sich über die übermäßige Puschkin-Verehrung zu Sowjetzeiten lustig machten. Der karotten- und tannenbekränzte Hase auf dem Werstpfahl zeigte am besten den Wandel, ohne die Größe Puschkin auch nur um ein Jota zu verkleinern. Dass Puschkin im Ausland nie eingemeindet und zum gemeinsamen Besitz wurde, gerade darin sieht Bitow einen Vorzug der Russen.
Das ist eben ein Geheimnis, das ganz allein den Russen gehört, erklärt Bitow augenzwinkernd. Oder war es nur die beißende Kälte, die die Tränen in die Augen zwingt? Puschkin gilt allen anderen höchstens als Tschaikowskis Libretto-Schreiber, die Dramen von Eugen Onegin, Boris Godunow und Pique Dame kennt und schätzt man anderswo höchstens als Opern, ganz zu schweigen vom unübersetzbaren Genuss an seinen Versen. Wenige Dichter sind mehr untersucht und weniger verstanden worden.
Kaum ein Dichterleben ist so dramatisch verlaufen wie das seine. Das Geheimnis, das Leben und Tod Puschkins umgibt, hat sich hartnäckig der Nachforschung entzogen, räumt auch Bitow ein und entschuldigt damit den unverständigen Rest der Welt außerhalb Russlands. Danke!

Die Puschkin-Anbetung war nicht Religionsersatz wie der Personenkult um Stalin, sondern sie war Religion. Bitow greift weit aus. Weil die Russen ein areligiöses, heidnisches Volk sind, neigen sie zu solchen Verirrungen. Sie kennen keinen wirklichen Glauben, kennen den Wortlaut der Bibel nicht, sind in diesem Sinne nicht gottgläubig, sondern beten die Ikonen und das rote Öllämpchen an, den Weihrauch und die Wachskerzen. Die sind viel handlicher als die Evangelien. Das ist Götzendienst, Popanz. Der lässt sich so leicht mit sich rumtragen, verehren, küssen, ist gemütlich und tröstlich. Denn wehe, man würde die Bibel lesen und ernst nehmen, das ist zu viel für die Menschen.
Die Russen lieben den Verstand nicht, nicht die Vernunft, nur Zauber und Spintisiererei. Niemand geht so streng ins Gericht mit den Russen wie Bitow.
In diesem Sinne seien die meisten russischen Dichter falsch verstanden worden, zuallererst Puschkin und Gogol, die er als Rationalisten und Realisten bezeichnet, andersrum wieder bei Dostojewski und Tolstoj.
Darum haben sie ihre zusammengepappten Religionen, ihre Ideologien und Nationalismen, seien es Puschkin oder Ikonen, das Volk oder Politiker. Als grausame Religionskriege rasen sie über den Erdball.

In dieser Gesellschaft von Puschkin-Liebhabern schleicht sich bei mir eine Ahnung ein, dass Puschkin dort anfängt, wo mein Verständnis aufhört, und dass Puschkin lebt und leben wird. Die kaum nachvollziehbare Innigkeit der Dichter-Verehrung wird aber eine russische Spezialität bleiben.
Trotz Bitows kritischer Anmerkungen geht der Personenkult munter weiter:
feierliche Anbetung bei der obligaten Führung durch den Landsitz. Es wird aus Puschkins verzweifelten Briefen dieser Zeit vorgelesen, das dramatische Gedicht Graf Nulin vorgetragen, das er in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1825 in seiner verrauchten Bude geschrieben hat. Beim Vortrag seiner Gedichte sprechen viele laut mit, was mich an unsere Gottesdienste erinnert.
Das Mittagessen gab es im angrenzenden Freiluftmuseum Bugrowo, dem nachgebauten Dorf, in dem die Leibeigenen der Puschkins gelebt haben. Puschkin war oft dort, hat ihnen bei ihrem Leben zugesehen, ihnen zugehört, ihre Sprache studiert, sich aber an der Leibeigenschaft nie gestoßen. Zumindest gibt es nichts Schriftliches darüber.

Nach zwei Stunden Zurückrumpeln über schlecht geräumte Landstraßen blieb noch ein bisschen Zeit. Der aus Pskow stammende Journalist und Aktivist der liberalen Jabloko-Partei Lew Schlosberg leitete zum Abschluss vom Bus aus eine kurze Führung durch die Stadt, die gerade ein noch älteres Jubiläum begeht: 1000 Jahre seit ihrer Gründung durch Altslawen und Waräger. Zu sehen ist nicht viel, alles tief verschneit und im Nebel, in der Nachmittagsdämmerung nur die gigantischen Mauern und Türme des Kreml, von den vielen Kirchen nur verschwommene Konturen.
Viel, sehr viel müsste hier zu sehen und zu erfahren sein. Immerhin so viel, dass bei mir der feste Vorsatz bleibt, zu einer menschenfreundlicheren Zeit nach Pskow zurückzukommen. Lew Schlosberg sagt nichts über die jüngere Vergangenheit der Stadt, weil die jeder Russe von der Grundschule an kennt. Ich habe sie nach meiner Rückkehr nachgelesen.

Sie können das auch: Wikipedia Pskow (dt. Pleskau)

17.9.17

Veronika Seyr
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