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Mittelalter

Der Verkünder:   Verehrter Udo-Udo, du schürfst hier nach Gold. Ich muss dir leider mitteilen, dass Fürst Monimon das nicht länger gestattet.

Udo-Udo:              Warum denn? Ich mache doch nur meine Arbeit.

Der Verkünder:   Ich sage nur: Tourismusgebiet.

Udo-Udo:              Tourismusgebiet? Wir haben das Jahr 1056 Anno Domini, tiefstes Mittelalter, hier gibt es nur Wald, Steine und den See.

Der Verkünder:   Und was meinst du, wie es 950 Jahre später aussehen wird?

Udo-Udo:              Keine Ahnung. Gleich wie jetzt, nur mit weniger Bäumen vielleicht?

Der Verkünder:   Ganz und gar nicht, verehrter Udo-Udo, hier wird eines der Kerntourismusgebiete dieses Bundeslands liegen.

Udo-Udo:              Bundesland?

Der Verkünder:   Lassen wir das.

Strandbad Maiernigg am Wörthersee

Strandbad Maiernigg am Wörthersee

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19130

Dunkle Sphäre

Langsam verschwindet die Sonne,
sie wechselt mit dem Mond,
Die Nacht erfrischt mich
in der Ecke vom Balkon verschwinde ich
nur mehr Schatten werfe ich
Sehnsüchte verstecken sich hier gut
sie verlieren ihre Farbe
Mitternachtsblau steht ihnen
besonders diesen

Fensterläden der Balkontür unter mir schießen sich
jeden Tag denke ich daran,
Oft treffen sich Blicke in letzter Zeit
sie verbrennen
hinterlassen nur verbranntes Fleisch
Schwarz,
Seit Wochen verschlingt mich dieses Moor
sinnlos tauche ich umher
Perlen finde ich keine
nur ein Ungeheuer aus der Vergangenheit

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19128

Von den Spinnen und Steinen

Was sagst du da,
ich bin ja noch da,
Lebe noch,
Seit Tagen klopft der Regen
gegen Fensterscheiben,
Mein Leben will durch,
Riegel von Altbau-Fenstern,
fest verschlossen,
Spinnen kriegen von mir nicht genug,
in den Ecken hängen Netze,
auf der Suche
nach einem Besen
Mein kleiner Zen-Garten,
im Sand,
Blind taste ich
Verstecke,
Schätze suchen,
Phosphoreszierende Steine,
schwere Steine der Vergangenheit,
feststecken,
Kraft,
über die Wasseroberfläche geschleudert,
weit weg

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19116

 

Logbuch der Pinta

24. September 1492:

Noch immer kein Flaggschiff in Sicht. Seit Wochen durchqueren wir als Teil der Armada den Atlantik. Die Niña, navigiert von meinem Bruder, ist stets an unserer Seite. Meine Karavelle ist das schnellste der Schiffe. Als wir am Donnerstag, den 6. September von der Insel Gomera aus in See stachen, gab es noch eine heftige Debatte mit dem Flottenführer. Er hat mich zu überreden versucht, der Mannschaft stets viel weniger Seemeilen bekannt zu geben, als wir tatsächlich segelten, damit die Besatzung nicht den Mut verlieren würde, falls die Reise zu lange dauern sollte. Darauf wollte ich jedoch nicht eingehen. Die Santa Maria mit Flottenkommandant Don Cristóbal ward seither nicht mehr gesehen.
Täglich finden wir auf unserer Reise nun Hinweise auf Land. Gestern, gegen zehn Uhr morgens, ließ sich ein Pelikan auf den Hauptmast nieder. Diese Vögel pflegen sich nie mehr als 80 Seemeilen vom Lande zu entfernen. Vielleicht haben wir Indien bald erreicht.

Mein erster Offizier macht sich seine Gedanken wegen der Santa Maria.
„Was meinst du, Martin, wollte der Kapitän uns abhängen? Hat er bewusst eine andere, schnellere Route gewählt und uns eine alte Seekarte überlassen?“
„Warum sollte er das tun?“, frage ich etwas zweifelnd.
„Du hast die Rede des Herrscherpaares vor unserer Abfahrt gehört? Die Auszahlung eines lebenslänglichen Ruhegehaltes von 10 000 Maravedis an denjenigen, der zuerst Land entdeckt.“
Ich gehe nicht näher auf diese Gedanken ein und mache mich ans Navigieren. Weiß der Himmel, was Don Cristóbal ausheckt.

 

28. September 1492:

Endlich kreuzen wir mit der Santa Maria. Wir fahren mit Kurs West-zu-Nord und haben eine unstete Brise, kommen nicht vorwärts. Ich lasse mich heute mit einem Boot zur Santa Maria bringen. Kapitän Cristóbal erwartet mich bereits. Er hat ein argwöhnisches Grinsen aufgesetzt, als ich sein Schiff betrete.
„Mein lieber Martin! Na, wo warst du denn?“, begrüßt er mich. „Das frage ich dich, wenn es erlaubt ist“, entgegne ich und erweise mit einer höflichen, aber sehr kurzen Verbeugung meine Wertschätzung. Mein Bruder Vicente von der Niña steht bereits an seiner Seite und fragt:
„Könnten wir die Seekarten vergleichen, Don Cristóbal? Vielleicht klärt sich dann alles auf.“
„Meine geschätzten Kapitäne, wir vergleichen gar nichts. Wir segeln alle weiter in der Hoffnung, endlich Land zu sehen. Und seid euch gewiss – die Santa Maria wird als Flaggschiff die Aufgabe erfüllen! Von diesem Schiff aus wird auch Land entdeckt! Haben wir uns verstanden?“ Mit einer winkenden Geste gibt er uns zu erkennen, dass die Besprechung nun vorbei ist. Ich bin etwas verwirrt, um ehrlich zu sein.

 

1. Oktober 1492:

Wir sichten viel grünes Gras, es handelt sich um Gras, das in salzarmen Buchten wächst oder in Flussnähe, jedoch nicht am Meer. Auf die Pinta kam aus West-Nordwest wieder ein Pelikan angeflogen und setzte seinen Flug nach Südosten fort, woraus man entnehmen kann, dass er von in westnordwestlicher Richtung gelegenem Lande abgeflogen sein muss.
Die letzten Tage über herrschte Windstille, das Meer ist spiegelglatt, wie ein ruhiger Strom und die Luft weich und mild. Nun kommt aber endlich Wind auf, diesen habe ich unbedingt nötig gehabt, muss ich doch meine Mannschaft stets zur Weiterfahrt antreiben, da sie der Ansicht ist, dass in diesen Gewässern keine Winde gehen, die geeignet wären, die Schiffe nach Spanien zurückzubringen.

 

10. Oktober 1492:

Es ist ein Wunder geschehen! Bei Sonnenuntergang sehe ich vom Heck meiner Karavelle endlich Land! Ich rufe Don Cristóbal auf der Santa Maria zu, er möge mir die versprochene Belohnung zukommen lassen. Zuerst will er mir nicht glauben, aber als auch die Mannschaft der Niña meine Wahrnehmung bestätigt, wirft sich der Flottenführer auf die Knie, um Gott Dank zu sagen, meine Mannschaft betet zur gleichen Zeit das „Gloria in excelsis Deo“. Die dreißig Leute der Niña klettern sodann auf die Masten und Wanten und behaupten samt und sonders, Land vor sich zu sehen.

 

11. Oktober 1492:

Bei Sonnenaufgang hissen wir die Flagge am Großmasttop und feuern eine Bombarde als Signal ab, dass Land in Sicht gekommen sei. Der Flottenkommandant ordnet an, dass die drei Schiffe Seite an Seite fahren sollen. Weiters kommt die Anordnung, die westliche Kursrichtung aufzugeben und Kurs auf West-Südwest zu nehmen, was ich nicht verstehen kann.
Da meine Karavelle schneller ist und ich das Seite-an-Seite-fahren nicht halten kann, kommen wir zuerst nähe Landes.
Die ganze Besatzung der Armada singt laut und voller Ehrfurcht das „Salve Regina“. Wir holen alle Segel ein und fahren mit nur einem Großsegel. Dann legen wir bei und fahren mit Booten zu einer Insel, die in der Indianersprache „Guanahaní“ heißt.
Wir gehen an Land und erblicken in der Ferne nackte Eingeborene. Don Cristóbal Colón entfaltet die königliche Flagge und ruft:
„Im Namen des Königs und der Königin – ich, als Kapitän der Santa Maria, habe dieses Land entdeckt und ergreife Besitz hierüber!“ Ich staune nicht schlecht, war es doch nicht er, der zuerst Land entdeckte, sage aber nichts dazu, denn bald sammeln sich zahlreiche Inselbewohner um uns.

In den folgenden Wochen erkunden wir das Land und treffen uns immer wieder mit unterschiedlichen Anführern der Indianer, um uns auszutauschen. Es entstehen Freundschaften zwischen mir und den Häuptlingen, wo hingegen Don Cristóbal die Menschen herablassend behandelt. Ich bin auf der Suche nach Gewürzen, Seide und anderen Reichtümern, von denen er vor unserer Reise mir so ausgiebig vorgeschwärmt hatte. Immerhin bin ich nicht nur Kapitän der Pinta, sondern auch Kaufmann und Handelsherr.

 

18. November 1492:

Mein Unmut wächst von Tag zu Tag. Ich besegle unterschiedliche Inseln, derer hier zahlreich vorhanden sind, jedoch machen die Einheimischen ein Geheimnis daraus, wo sich denn nun Gold und andere Schätze befinden.

Don Cristóbal hat heute Abend zum Gespräch auf die Santa Maria eingeladen.
„Meine Herren! Ich hege einen Plan, den ich mit euch teilen möchte, da ich hierzu eure Hilfe benötige. Wir wurden die letzten Wochen nicht fündig an Schätzen und bin zu folgender Erkenntnis gelangt: Die Indianer gehen nackend umher, so wie Gott sie erschaffen, Männer wie Frauen. Sie sind Wilde und alle noch sehr jung, gut gewachsen, haben einen schön geformten Körper.“
„Worauf willst du hinaus?“, wende ich ein.
„Ich hege den Gedanken, einige dieser Eingeborenen nach Spanien mitzunehmen, habe mittlerweile schon welche ergreifen lassen und sie sollen dort unsere Sprache lernen und den christlichen Glauben annehmen. Die königlichen Hoheiten werden mir alsdann den Befehl erteilen, diese Leute im Namen Gottes wieder zurückzubringen und sie hier auf ihren eigenen Inseln als Sklaven zu halten und uns zu helfen, Kolonien zu erbauen.“
Der Kommandant redet sich zunehmend in Fahrt.
„Aber unsere Schiffe sind zu klein, um mit so vielen Indianern nach Spanien zu segeln. Wie soll das gehen?“, fragt nun mein Bruder.
„Wir lassen unsere halbe Besatzung hier, diese bauen unterdessen mit den Einheimischen gemeinsam Siedlungen und bereiten alles vor, bis wir unter Zusage unserer Hoheiten wieder nach Indien segeln. Vielleicht schon im nächsten Frühjahr. Dann müssen wir mit einer sehr großen Armada segeln, um Frauen, Männer, Kinder und Haustiere hierher zu bringen. Und wir verbreiten hier das Christentum. Mich dünkt, dass diese Wilden gar keine eigene Religion besitzen!“

Es herrscht betretene Stille! Ich kann es nicht fassen. Niemals war von solchen Plänen die Rede, als wir in See gestochen sind, um Indien zu suchen und Kostbarkeiten für den Seehandel in Gang zu bringen.
„Das ist Sklaverei und Menschenhandel! Davon war nie die Rede!“, antworte ich.
„Davon hast du keine Ahnung, Martin. Du bist ein einfacher Kaufmann und kannst wohl auch ein Schiff navigieren. Aber über Landeroberung weißt du gar nichts. Wir müssen unserer Krone zu großer Herrschaft verhelfen!“. Er scheint nun völlig von Sinnen, springt auf und läuft um den großen Tisch zu mir herüber, auf seiner hohen Stirn und auf der Adlernase sind Falten des Zornes ersichtlich.
„Ich bewundere deinen Entdeckerdrang und den Mut, in unbekannte Gewässer vorzustoßen, Don Cristóbal. Aber diese Vorhaben will ich nicht unterstützen. Dein religiöser Eifer wird in einer Katastrophe enden. Diese Menschen sind so völlig anders, sie sind glücklich mit ihrer einfachen Lebensweise. Lassen wir sie in Ruhe.“ Ich will gerade gehen, als er mich am Arm packt.
„Du verrätst das Land und die Krone? Du verweigerst die Ausbreitung des Christentums? Wahrhaftig? Verräter!“ Er faucht es mehr, als er es spricht.
Ohne ein weiteres Wort verlasse ich die Santa Maria, kehre auf mein Schiff zurück, lasse noch in dieser Nacht Anker lichten und trete die Heimreise an.

***

Brief meines Freundes Bartolomé de Las Casas, im Jahre 1525:

„Mein lieber Freund Martin,
du hast es geahnt und es ist wahrlich so gekommen. Die Verwüstung Westindiens durch Massenmorde, Ausbeutung und Vergewaltigungen war in vollem Gange. Eingeschleppte Krankheiten durch die Spanier, die schonungslos des Goldes wegen hierher kamen und nicht, wie geplant, wegen Landwirtschaft und Kolonialisierung, ließen die Einwohnerzahl sinken. Die Pläne von Kolumbus lösten eine Katastrophe aus. Er hat durch seine Haltung und sein Verhalten den Grundstein für eine der größten Katastrophen aller Zeiten gelegt. Die Ureinwohner wurden beraubt, unterdrückt, ausgebeutet und ausgerottet. Die Bevölkerungszahl Hispaniolas sank von 400.000 auf heute kaum noch 200. Ich bin ehrlich, wenn ich dir meine Auffassung hier in größter Trauer mitteile: Die Motive von Kolumbus standen und stehen in engem Zusammenhang mit den Interessen der hierher nachfolgenden Konquistadores: Es geht um Macht und Gold! Nichts anderes ist ihr Ansinnen! In Erwartung eines baldigen Wiedersehens!“
Dein Freund Bartolomé

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19114

Rosenkranz für die Freiheit

Jeder Montag begann mit dumpfem Grollen und Knirschen auf Kies, mit schweren Schritten und tiefen Männerstimmen. Davon wurden wir wach.
Da huschte die Tante Sefi ins Kinderzimmer und klatschte in die Hände
Kinder, aufwachen, aufstehen, Rosenkranzbeten!
Tante Sefi war die jüngste Schwester meines Vaters, ein ehe- und kinderloses Fräulein von der Post. Sie kümmerte sich um die größeren Kinder. Die Mutter war mit Haushalt und den Kleinen beschäftigt, der Vater während der Woche Gastarbeiter bei Wien. Er war ein Wochenendvater.

Es war noch dunkel, als uns Tante Sefi aus den Stockbetten stamperte. Wir knieten in Pyjama und Bademantel neben den Betten, die Hände vor der Brust gefaltet. Es war kalt, wir bibberten. Der einzige Ofen, der Meller-Dauerbrandkamin stand zwischen dem Eltern- und Kinderzimmer und war schon ausgekühlt. Tante Sefi stimmte mit ihrem Glockensopran den Rosenkranz an. Es wurde um einen halben Grad wärmer. Viele Vaterunser und GegrüßetseistduMaria und gebeneideitseideinLeib. Vermaledeit lernte ich erst später mit den Flüchen der Bierführer. Tante Sefi sang im Kirchenchor und in den Hochämtern die Soli der Deutschen Messe. Auch Orgel konnte sie spielen.

In aller Herrgottsfrüh fuhren Onkel Klaus und seine Bierführer Franzl und Toni nach Linz in die Brauerei zum Bierfassen. Vor dem Haus, unter unseren Fenstern, luden sie die leeren Fässer auf den Saurer-Lastwagen. Der Onkel betrieb eine Bierniederlage, von der aus er das Bier zu den Wirten im Unteren Mühlviertel lieferte. Ich fuhr gerne mit und war in allen Wirtshäusern zu Hause. Besonders in denen mit hölzernen Kegelbahnen. Sein Vater, mein Großvater, war der letzte Bierbrauer im Strudengau, in einem Gewirr von weitläufigen Gebäuden, die man seit sechshundert Jahren Bräuhaus nannte. Dazu gehörte eine Landwirtschaft mit einigen Feldern und Wiesen, viel Wald – ein ganzer Berg trug unseren Namen – dazu Obst- und Gemüsegärten. Wir hatten sogar eine eigene Kapelle auf dem Grundstück, errichtet zum Gedächtnis an Kaiser Franz Joseph, der auf der Brautfahrt mit Sisi fast gekentert wäre und 1854 den Haussteinfelsen in der Donau-Mitte wegen des gefährlichen Strudels sprengen ließ. Das stand oben in großen, goldenen Lettern zwischen dorischen Säulen.

Jeden Samstag ging ich mit meiner Großmutter zur Kapelle, sie zu putzen und mit Blumen neu zu schmücken. Heilige Handlungen. Ich fühlte mich damals dem Kaiserhaus sehr verbunden. Das Schönste aber waren die Ställe. Zwei Arbeitspferde, den Hansi und die Lies, auch Schweine und Hühner gab es. Alles für den Eigenbedarf der Großfamilie mit vier Generationen unter einem Dach. Dort bin ich geboren und die ersten zehn Jahre aufgewachsen. Das war Heimat. Nahe Menschen. Frieden und Freiheit. Der Geruch von Gras, Heu, Holz Moos, Harz, Erde und Donaualgen ist mir bis heute lieber als der von Konditoreien oder Parfümerien. Ich mochte die Geräusche der frühen Montage: das Rollen der mit Eisenringen beschlagenen Holzfässer über das Pflaster, das Knirschen im Kies des Vorplatzes, das Quietschen der metallenen Rutschen, zuletzt das dumpfe Aufkrachen auf der Ladefläche und das Rasseln der Ketten, wenn Toni die Planen festzurrte. Flaschen in Kisten kamen erst später auf. In meinen Ohren klang alles einladend und heimelig. Wir Kinder lebten recht frei, weil die Erwachsenen zu beschäftigt waren, um uns zu beaufsichtigen. Trotz aller Gefahren zwischen Donau und Bahn, Bächen und Wehren. Ich glaube, sie vertrauten uns, weil sie sich vertrauten. Daheim waren.

Einmal durfte ich in die Linzer Brauerei mitfahren, das aufregendste Erlebnis meiner Kindheit. Auf dem Schoß von Onkel Klaus, daneben Franzl und Toni im Führerhaus. Ich fühlte mich wie eine Welteneroberin. Die Reise in die Großstadt, die Hochöfen und Schlote der VOEST, gewaltig wie ein Gebirge, die riesigen Hallen der Brauerei, die endlosen Bierlager, in denen sogar Kräne und Eisenbahnen auf Schienen fuhren. Diese Gerüche. Das Linzer Lager war damals die am häufigsten getrunkene Marke. Der Weihnachtsbock mit dem grünen Schildchen kam vor dem Christkind. Biertrinkerin wurde ich trotzdem nicht.

Die endlos wiederholten Absätze des Rosenkranzes liebte ich nicht. Je nach Jahreszeit stimmte Tante Sefi geistliche Lieder an. Im Mai Meerstern ich dich grüße, im Advent Maria durch ein Dornwald ging, vor Ostern Oh Haupt voll Blut und Wunden. Ich bin sicher, dass wir die Worte nicht wirklich verstanden und vieles verballhornten. Meerschweinichdichgrüße. Alle Kinder waren musikalisch und sangen gerne Lieder. Am Ende brauste immer das Großer Gott, wir loben dich durch das Kinderzimmer. Es erlöste uns vom Einerlei des Rosenkranzmurmelns und der Kälte. Erst als wir den Motor des Saurers aufheulen hörten und die tiefe Hupe, wenn er aus dem Dorf hinausfuhr, wurden wir aus unserer knienden Lage erlöst.

Meine älteren Brüder und Cousins gingen schon zur Schule und kannten viele Belustigungen. Sie waren alle Ministranten, gingen zum Dimbach Fische oder Krebse ausgreifen und spielten auf der Strudener Au Fußball. Sie organisierten sich in Banden und spielten Krieg gegen die Buben von Struden. Was die zwei älteren Schwestern den ganzen Tag trieben, daran erinnere ich mich nicht. Nur einmal nahmen sie mich mit in ihre Handfertigkeitsstunde mit Stricken, Sticken und Häkeln in der Volksschule. Das stumme Sitzen mit einer oder zwei Nadeln entsprach nicht meinem Temperament. Nach kurzer Zeit schlich ich mich aus der Klasse ans Donauufer und schaute den Schiffen zu oder der Zille beim Kastenhofer. Wer von unserem Ufer hinüber wollte, musste laut Üüüüberfuuuhr! rufen.

Zumindest für mich kann ich sagen: Ich liebte alle kirchlichen Zeremonien. Waren sie doch in diesem zwischen Donauufer und Bergen zersplitterten 700-Seelen-Dorf die einzigen Ereignisse. Meine Familie – 1944 Ausgebombte aus Wien – lebte dort weit weg von Theatern, Kinos und Cafés. Die Auferstehungsfeiern in der Osternacht, wenn wir die Weidenkörbe mit dem G‘söchten – dem Geselchten, Kren, Osterstrudeln und Eiern zur Weihe in die Kirche tragen durften, die Prozession um die Kirche herum im Dunkeln und wenn es beim dreimaligen Lumen Christi es immer heller wurde, die Erneuerung des Taufgelöbnisses mit dem Abschwören des Teufels – das war Drama pur.
Auf dem Rückweg dann das Abenteuer, wie wir uns bemühten, das Osterfeuer brennend nach Hause zu bringen, hinter der schützenden Hand die steile Blomü – Blochmühlgasse hinunter, über das Viadukt des Dimbaches und übers Danzerbergl drüber.

Natürlich versuchten die Buben den Mädchen die Flamme auszublasen, damit sie Sieger würden. Im Sommer, wenn der Himmel mit Gewittern oder Hagel die Ernte bedrohte, zog eine Prozession mit Fahnen durch die Felder und Wiesen, um den Schaden, der vom Himmel kam, abzuwenden. Dieselbe Zeremonie, wenn es zu wenig Regen gab. Pfarrer, singendes Volk und Kinder. Tante Sefi, mit ihrem klingenden Sopran, schritt voran. In ihrem Dirndl und mit der aufgesteckten Gretlfrisur, die ihre goldenen Locken bändigte, erschien sie mir wie ein Engel. Sie hat einen guten Draht zum Himmel. Alles ist gut, es kann nichts passieren, wir haben Schutzengel.
Das Grundgefühl meiner Kindheit. Die Fragen zum KZ Mauthausen, zur Mühlviertler Hasenjagd und zum Schloss Hartheim hatte ich erst rund zwanzig Jahre später.

Wir hatten Ratschen und Trommeln dabei, mit Klöppeln, mit denen wir herzhaft schlugen, um die Wolken zu vertreiben. Auch Nikolaus und Krampus, die Kreuzwegstationen, die Maiandachten, Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse hatten ihre dramatischen Reize. Wir lebten im ewigen Kreislauf des Kirchenjahres. Diese Mischung aus heiliger Feierlichkeit, Spuk und Komik begeisterte mich schon in den frühen Kindertagen. Das war echtes, lebendes Theater. Ich war also gut auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik vorbereitet. Auch die heidnischen Bräuche wie das Winteraustreiben und die Sonnwendfeuer waren Höhepunkte im dörflichen Leben. Eine friedliche Heimatkultur.

Onkel Klaus und seine Bierführer hatten an den Montagen eine gefährliche Reise vor sich. Sie mussten über Grein, Perg und Mauthausen die Donau entlangfahren und bei Enns die Brücke queren. An der Zonengrenze standen sich die Sowjetarmee und die Amerikaner direkt gegenüber. Nur die Schranken trennten sie voneinander. Nirgendwo sonst war die Nachkriegssituation so greifbar. Nicht Krieg, aber auch kein Frieden. Es war der neuralgischste Punkt in ganz Österreich in den zehn Russenjahren, wie das hier hieß.
Damit die Männer frei hinüber- und zurückkamen, mussten die Kinder beten. Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelsreich.
Das Bild im Kinderkatechismus, wo Jesus im weißen, langen Nachthemd mit blonden Locken dasteht, links das rote Herz und die Hände weit ausbreitet, um die Kinder zu sich zu rufen, schaute ich besonders gern an. Es wurde erklärt, dass wir auserwählt sind, ganz nah bei ihm zu sein. Kinder können wegen ihrer Unschuld – sofern durch die Taufe von der Erbsünde befreit waren – auf direktem Wege Gottvater, seinen Sohn und dessen Mutter erreichen.

Nach den Erklärungen von Tante Sefi können die unschuldigen Kinder den Schutz und Segen Gottes runterbeten, herabflehen. Die komplizierte Diplomatie zwischen Himmel und Erde, das Verhandeln, Versprechen und Belohntwerden, können wir nicht durchschaut haben. Aber wir hatten eine Rolle, wurden beachtet und fühlten uns wichtig. Die Großen hatten große Angst vor den Russen. Außerdem war die Tschechei nicht weit weg, wo schreckliche Russen ihr Unwesen trieben. Mir hat sich das besonders eingeprägt, stand doch meine Geburt genau am 23. Februar 1948 mit dem kommunistischen Putsch in Prag unter keinem guten Stern. Immer wieder wurde mir erzählt, dass ich wegen der allgemeinen Aufregung einen Monat zu früh das Licht der Welt erblickt hatte. Das nördliche Donauufer gehörte zur Sowjetzone. Die Erwachsenen redeten davon, dass Menschen auf der Enns-Brücke verschwanden und nie wieder auftauchten. Einmal hatten sie sogar eine Frau entführt, eine Diplomatin, die erst nach vierzehn Jahren aus einem sibirischen Gulag freigelassen wurde.

Am späten Nachmittag sammelte Tante Sefi die Kinder in der Stube ein, aus all ihren Tätigkeiten zwischen dem Bräuhaus, der Donau, dem Gießen- und Dimbach. Manche wichen in die Wälder aus. Zu der Zeit, wenn die Mander, die Männer, aus Linz kommend die Enns-Brücke überqueren sollten, kam das zweite Rosenkranzbeten. Wenn sie uns damit auch aus den schönsten Spielen herausriss, war es doch weit weniger unangenehm als das im Morgengrauen, blühte uns doch ein freudiges Ereignis. Wenn die Bierführer mit Gotteshilfe und dank unserer Gebete die Rote Armee glücklich passiert hatten und sie mit vollen Fässern ins Bräuhaus zurückkehrten, gab Onkel Klaus den Erwachsenen ein Freibier aus. Das waren viele, lebten doch außer den Familienmitgliedern noch Knechte und Mägde im Bräuhaus. Dazu Sommergäste, Einlieger.

Wir Kinder bekamen ein Kracherl aus Bad Scharten und durften die Bier-Noagerl, die Neige, austrinken und den Schaum, den Fam, auflecken. Ich weiß noch gut, dass meine Finger noch zu kurz waren, um bis zum Boden zu gelangen. Am glücklichsten war immer Tante Sefi. Bei jeder Rückkehr war sie in ihrem Glauben gestärkt. Sie bespühte alle reichlich mit Weihwasser und lief dann zur Kirche in die Abendandacht, betete wieder den Rosenkranz, um sich beim lieben Gott für die Rettung der Mander zu bedanken.

Ich weiß nicht, ob sie jemals erfahren hat, worauf das Wunder auf der Enns-Brücke wirklich beruhte. Mir hat es Onkel Klaus, bei dem der Schalk immer locker saß, viele Jahre später anvertraut. Sobald sie mit dem Saurer am Ami-Posten ankamen, zeigten sie ihre Passierscheine vor und wurden schnell weitergeschickt. No problem. Go. Am sowjetischen Posten dauerte die Kontrolle länger, obwohl die Soldaten die Bierführer schon lange kannten. Während vorne am Führerhaus die Papiere immer wieder umgedreht wurden, machten sich zwei Soldaten hinten am Anhänger zu schaffen. Dort hatte Onkel Klaus ein 50-Liter-Fass für sie bereitgestellt, das sie sehr schnell in ihr Wachhäuschen rollten.

Ich nehme an, dass Onkel Klaus seine Schwester Sefi nie in ihrem Glauben an die göttliche Hilfe erschüttert hat. Sie ist hochbetagt und hochkatholisch verstorben. Soweit ich weiß, friedlich. Ich selbst kann mich bis heute nicht entscheiden, ob es das Linzer Lagerbier war oder unser Rosenkranzbeten. Jedenfalls sind die Männer in der Russen-Zeit immer unversehrt heimgekommen. Als im 55er Jahr die wirkliche Befreiung kam, wohnten wir bereits in Wien, sahen die Russen abziehen und hörten im Radio Österreich ist frei!

10.5.19

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19084

Schneeschmelze

Rosa lief mit der Öllampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorwärtszukommen.
„Schnell, Mädel, lauf zur Hebamme und bring sie her! S‘Nannerl bekommt ihr Kind!“ Mit diesen Worten hatte sie die alte Bäuerin mitten in der Nacht geweckt.

Die einzigen, knöchelhohen Paar Schuhe von Rosa waren abgetragen und löchrig, das dicke Leinenkleid hing nass und kalt an ihren schmalen Beinen, der Lodenmantel war fadenscheinig und wärmte nur wenig. Seit fünf Jahren war sie jetzt beim Seppenbauern als Dienstmagd angestellt, und in dieser Zeit, seit ihrem zwölften Lebensjahr, war sie nicht mehr richtig gewachsen. Sie sah auch nicht aus wie siebzehn, sie war klein, schmal und unterernährt. Rosa hatte jeden Tag Hunger, aber das interessierte niemanden.
„Sei froh, dass du ein Dach über dem Kopf hast und eine warme Suppe, bei deiner Großmutter wärst du längst verhungert!“, hatte sie die Altbäuerin mal geschimpft.

Endlich angekommen bei der Hebamme machten sich die zwei Frauen schnell auf den Rückweg zum Bauernhof, Rosa war keine Pause gegönnt. Gerade noch rechtzeitig zur Niederkunft kamen sie an. Für Rosa brach eine anstrengende Zeit an, sie musste die kommenden Wochen den Säugling hüten, damit sich die Jungbäuerin von der Geburt erholen konnte.

Um spätestens 21 Uhr fiel Rosa jeden Abend müde, abgekämpft und hungrig ins Bett, neben ihr schlief der Säugling in einem geflochtenen Korb. Sobald das Kind zu schreien anfing, brachte Rosa es zu Nannerl zum Stillen. Sie musste warten, bis es fertig getrunken hatte und nahm es wieder mit in ihre kleine Kammer. Es war eisig kalt, Rosa packte den Säugling ganz warm ein und achtete darauf, dass das Kind nicht fror. Um vier Uhr früh stand Rosa auf, heizte den Ofen in der Küche und der Stube und versorgte dann die Tiere am Hof. Der Wind pfiff um die Stallungen, Rosa zitterte am ganzen Leib. An den Kühen und Kälbern konnte sie sich wenigstens ein klein wenig wärmen, während sie den Stall ausmistete.
Nach der Stallarbeit gab es für alle ein kümmerliches Frühstück – lauwarme Milchsuppe mit etwas Brot. Die Dienstboten bekamen das alte, harte Brot von der Vorwoche, nur der Herrschaft war das frisch gebackene vorbehalten.

Nach diesen anstrengenden Wochen wurde Rosa krank. Sie hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sie hustete sich die Seele aus dem Leib. Der alte Knecht, Matthias, bemerkte Rosas glühende Wangen beim Frühstück und sprach die Altbäuerin an:
„Die Rosa gehört ins Bett und ein Arzt muss her. Seht euch das Mädel doch an? Die stirbt euch noch weg.“
„Das wäre ja noch schöner! Wer soll denn für die Arztkosten aufkommen? Die hat doch nichts Erspartes! Und bis Maria Lichtmess bleibt sie hier am Hof als Dienstmagd!“, keifte die Alte.
Der Seppenbauer funkelte Rosa streng an und spuckte abwertend auf die Holzdielen.
„Na, wo hast dich denn herumgetrieben, weil du plötzlich so krank bist?“, meinte er.
„Kann ich bitte heißen Tee haben und eine kräftige Suppe, Bauer? Dann werde ich sicher schnell wieder gesund“, flehte Rosa die Bauersleute an.
„Nichts da. Geh an die Arbeit. Wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich jeder eine Sonderbehandlung möchte?“ Die Bäuerin ging wieder zurück in die Küche an den Herd.

Matthias schüttelte den Kopf und nahm Rosa an der Hand.
„Komm, Rosa. Ich helfe dir.“ Am Vormittag musste Rosa immer die schweren Wasserkübel vom Brunnen in den Stall tragen und das Vieh tränken. Außerdem war noch das Getreide mit einem Dreschflegel zu schlagen, damit die Pferde am Hof Korn hatten.
Mit zittrigen Beinen und aus voller Brust hustend verrichtete sie ihre Arbeiten. Der Knecht half ihr, soweit es möglich war, denn er hatte selber noch einiges an Aufgaben zu erledigen.
Rosa konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie wollte am liebsten weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Bis Anfang Februar war sie verpflichtet am Hof. Erst dann bekam sie ihren Lohn vom letzten Jahr ausbezahlt. Wenn es die Bauersleute gut mit den Dienstboten meinten, gab es zusätzlich vielleicht noch Schuhe oder neue Kleidung. Sie hielt das bei den Seppenbauern aber für sehr unwahrscheinlich.

Die Bettwäsche in der Kammer waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. In den Räumen der Dienstboten herrschte im Winter immer eisige Kälte. Rosa hielt es nicht mehr aus, sie schleppte sich in den Stall, legte sich neben die Kälbchen ins Stroh und deckte sich mit alten Leinensäcken zu. Bald fiel sie in einen tiefen Schlaf.
Ganze vier Tage blieb sie so im Stall liegen, trank manchmal einen Schluck Milch aus dem Euter der Kühe und legte sich wieder hin. Niemand kümmerte sich um sie, aber zum Glück wurde sie auch nicht mehr aufgefordert, ihrer Arbeit nachzugehen.

Am fünften Tag ging sie verschmutzt, stinkend und abgemagert über den Hof zum Bauernhaus. Ein Pferdegespann fuhr gerade durch das Einfahrtstor und auf dem Kutschbock saß der Alois aus dem benachbarten Ort. Rosa kannte ihn schon länger, er holte sich immer Holz vom Seppenbauern. Er hatte sich vor einiger Zeit mit seiner Frau ein kleines Haus am Dorfrand gebaut, er war Hufschmied und verdiente sich damit mehr recht als schlecht den Unterhalt. Die meisten Bauern zahlten in Naturalien, er hatte wenigstens zu essen. Vor einigen Jahren war die Frau von Alois gestorben, an der Schwindsucht, wie es hieß.
„Rosa! Bist du das?“, rief er entsetzt. „In aller Herrgottsnamen, wie siehst du denn aus?“
„Ich war krank, Alois. Jetzt geht es mir aber wieder besser.“ Rosa war beschämt und schlüpfte schnell durch die Tür ins Haus.

Sie nahm einen Holzkübel, um Wasser zu holen. Der Brunnen lag außerhalb des Hofes, in der Nähe des Einfahrtstores. Aus dem Hofinneren hörte sie plötzlich laute Stimmen.
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die Rosa sieht ja schrecklich aus! Lässt du sie verhungern?“, hörte sie die Stimme von Alois.
„Das sind nicht deine Angelegenheiten! Die Rosa soll froh sein, dass sie bei uns ist. Ihre Großmutter kann sich nicht noch um ein weiteres Balg kümmern.“
„Am liebsten würde ich sie einpacken und mitnehmen. So kann das nicht weitergehen, Sepp! Soll ich dem Arzt sagen, er muss mal vorbeischauen? Dann wirst du aber dein blaues Wunder erleben!“
„Das Angeld ist bezahlt, die Rosa bleibt bis Lichtmess hier! Dann kannst du sie von mir aus holen, das unnütze Weibsbild.“

Rosa lief schnell in das Haus zurück, ehe sie jemand sah. Ihr Herz pochte! Konnte das wahr sein? Würde sie wirklich endlich wegkönnen von diesem Hof? Bis zweiten Februar waren es nur noch einige Tage, die hielt sie sicher noch aus.
Abends hörte sie dann die Bauersleute über Alois reden, sie lachten und machten Witze. Sie wollten es nicht glauben, dass der Mann so dumm sein konnte.
Pünktlich an Lichtmess begann die Schneeschmelze und an diesem Tag fuhr Alois auf den Hof.
Die Altbäuerin wartete an der Eingangstür und stemmte ihre Arme in die breite Taille.
„Na, Alois? Meinst du es wirklich ernst? Bist um die Rosa gekommen?“, fragte sie ihn mit scheinheiliger Stimme.
„Das ist richtig. Wo ist sie? Ich nehme sie gleich mit.“
„Ich verstehe gar nicht, was du dir an dem Mädel siehst, hässlich, wie sie ist. Und zur Arbeit taugt sie auch nicht“, fauchte die Alte weiter.

Rosa hatte ihr bestes Kleid angezogen, ihren kleinen Lederkoffer in der Hand und schlich sich an der Bäuerin vorbei.
„Rosa, hast du auch deinen Lohn vom letzten Jahr bekommen, wie es dir zusteht?“, fragte Alois leise.
„Ja. Es ist zwar nicht viel, aber immerhin kann ich heute den Hof verlassen.“ Rosa lächelte.
Geschickt kletterte sie auf den Kutschbock und beide fuhren sie vom Hof des Seppenbauern. Ein Jahr später heirateten sie. Alois war zwölf Jahre älter als Rosa und die Ehe blieb kinderlos.

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Der Schnee schmilzt unter meinen Stiefeln, das Februarlicht dringt sanft durch die knorrigen Äste der Pappeln am Friedhofsweg. Ich zünde eine Kerze an, wie alle Jahre an Maria Lichtmess. Auf dem Grabstein steht in geschwungener Schrift:
Maria Gruber 1901 – 1926
Alois Gruber 1899 – 1977
Rosa Gruber 1911 – 2000

Tante Rosa hat meinem Mann und mir damals das kleine Haus vererbt. In ihrer Schlafkammer habe ich in einer alten Holzkommode die Tagebücher gefunden. Sie hat erst später ihre Erlebnisse in dünne Hefte geschrieben. Die Kriegsjahre haben sie einigermaßen gut überstanden, die Pferde wurden gebraucht und mussten ja beschlagen werden, Alois hatte immer Arbeit. Rosa war an der Seite ihres Mannes glücklich gewesen. Sie war ihm eine gute Ehefrau.
Die Enkeltochter zupft an meinem Mantel: „Oma, wer ist denn hier begraben?“
„Hier liegt meine Tante Rosa, liebe Laura. Eine wundervolle Frau, die von Onkel Alois aus der Eiseskälte gerettet wurde.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19065

Völkerball oder 100 Jahre Frauenwahlrecht

Ein Ständchen mir selbst zum 71. Geburtstag
begonnen am 17.2., beendet am 23.2.19, 12 h 30

Vor langer Zeit, vor einer Ewigkeit von sechzig Jahren, lebte in einem Provinzstädtchen ein Mädchen, mit dem ich Vor- und Nachnamen gemeinsam habe. Aufgrund der ständigen Machinationen der Zeit und der unergründlichen Kombinationen des Erbgutes ähnle ich ihm nicht mehr. Doch wenn man ihr eine Photographie dieser schmächtigen, blondhaarigen, romantisch dreinblickenden Fremden zeigte, würde ihr die grausame Entstellung dieser jugendlichen Züge bewusst werden, die in diesem Gesicht Gestalt angenommen hat. Aber niemand hielt ihr ein Bild vor, und sie selbst vermied es, eines anzuschauen und sich mit dem zu konfrontieren, was sich unausweichlich zu dem dauerhaften Ich entwickelt hatte. Und zwar nicht aus Furcht oder Trauer, sondern einfach weil das Geheimnis des Vergehens der Zeit zu verwirrend geworden ist. Verging sie vor sechzig Jahren zu langsam, verfliegt sie mit den Jahren immer schneller.

Niemand weiß, wohin sie fliegt, verschwindet, sich aus dem Staub macht, bis nichts mehr übrig sein wird als Staub. Die Photographie würde sich ohnedies der für immer hoffnungsreichen, verlorenen Mischung aus möglicher Unschuld, wunderbarer Traumkraft und dumm-glückseliger Unerfahrenheit widersetzen. Was sich dagegen nicht löschen, niemals, nie wegstecken oder fälschen lässt, ist das innere Bild, zu dem manche auch Erinnerung sagen. Noch stärker als diese ist das in den Körper eingeschriebene Gefühl, in die Seele eingebrannt wie ein Brandmal auf der Pferdehinterbacke.

Dann, nach all diesen Jahren der Missachtung, sitzt die alte Frau am anderen Ende der Welt in der Bibliothek einer Universität und schreibt ihre Erinnerungen auf, fühlt den alten Bildern mit ihren Gefühlen nach. Diesmal hat sie junge Verbündete. Sie sind aus einer anderen Weltenecke in dieses sonnige Land am Palmenpazifik gekommen und haben grauenhafte Zeitläufte hinter sich. Sie erklären ihr, dass sie kein Recht habe, ihre Vergangenheit zu zensieren. Gerade weil sie aus dem Reich der Zensur und der Fälschungen stammen. Sie müsse das aufschreiben und die Welt damit konfrontieren. Sogar in ihre Muttersprache wollen sie die Geschichten übersetzen. Geld genug, sie arbeiten im Silicon Valley. Sie sei zwar nicht in der Lage, den Verlust der unwiederbringlichen Zeit rückgängig zu machen, aber durch ihre Äußerungen hindurch hörte sie eine unverkennbare Stimme, die einst in einer lang vergangenen Gegenwart, scheinbar aus dem Nichts heraus gekommen war. Die Erzählung begann mit den Worten: „Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau.“

Meine Turnlehrerin hieß Henriette und war eine lächerliche Frau. Mit ihren etwa 30 Jahren war sie für uns Zehnjährige uralt. Unser größtes Problem bestand aber darin, dass sie unbeschreiblich hässlich war und dazu noch ein Krüppel. Sie hatte für ihren kleinwüchsigen Körper einen viel zu großen Kopf und einen Buckel auf dem Rücken wie eine Schildkröte. Schwer kurzsichtig, Stielaugen hinter einer dicken Brille. Noch schlimmer war ihr Name. Es schüttelte uns vor Lachen und Abscheu, wenn wir nur an ihn dachten. Henriette. Hen-riette! Alle zehn- und elfjährigen Mädchen sind von Natur aus schön, ob sie es wissen oder nicht. Hässlichkeit und Abweichungen empfinden sie als eine Beleidigung, als eine Negierung ihrer Jugend und eine ungerechtfertigte Vorwegnahme ihrer möglichen Zukunft, von der sie nichts ahnen.

Ich weiß auch, wie unendlich grausam und ungerecht junge Menschen sein können, wahrscheinlich aus Rache für all die Demütigungen während des Kleinseins und das unendliche Warten auf das Erwachsenwerden. Aus dem zu kurzen, dicken, dafür aber faltigen Hals der Henriette drang eine Lispelstimme, die sich in ein pfeifendes Piepsen verwandelte, wenn sie sich besonders bemühte, Befehle zu geben. Es klang so, als wollte eine Zwergmaus brüllen. Der faltige, stummelige Hals schwoll an wie bei einem Ochsenfrosch, und auf den Wangen zeichneten sich rote Flecken ab.
Später sah ich einmal ein Bild des brasilianischen Giftfrosches und dachte, er sollte Henriette heißen. Mädels, aufstellen! Zu zweit in einer Reihe! Achtung, Abmarsch! Von ihrem Alter her könnte sie das beim BdM (Bund deutscher Mädchen) gelernt haben. Außerdem sagt man bei uns „Mädchen“, nicht wie im Dritten Reich „Mädels“. Wir wurden dreizehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich verwöhnt von seinen Relikten.

Zum Beispiel, unser Englisch-Lehrer, Herr Professor Wollmann, den liebten wir alle. Er hatte nur einen Arm, der leere Anzugsärmel steckte immer akkurat in der Tasche. Das linke Auge war aus Glas, größer und unbeweglich. Oft musste er den Unterricht unterbrechen, um über dem Waschbecken eine Pille einzunehmen, und sein Gesicht mit Wasser bespritzen. Oder er stürzte aus der Klasse und lief dann den Gang auf und ab. Stalingrad. Phantomschmerzen im linken, erfrorenen, amputierten, nicht mehr vorhandenen Arm. Vor allem in den Fingern sollen die Schmerzen unerträglich sein. Sie kamen immer besonders heftig beim Wetterwechsel. Mit Professor Wollmann nahmen abstrakte Worte wie Weltkrieg und Stalingrad eine konkrete Gestalt und Bedeutung an. Er war das Ideal eines Lehrers, wobei ich mich nicht mehr erinnern kann, wie er das anstellte, dass ich über Verehrung für ihn das Fach lieben lernte, ich lernte für ihn und wollte alles so gut können wie er.
So stiftete er mich an zu meiner Leidenschaft für alles Anglo-Amerikanische, was aber auch mit dem aufkommenden Zeitgeschmack zusammenfiel. Wir lernten von ihm feinstes British English, das oft an mir bewundert wurde. Vor allem in meinem ersten Jahr in New York genoss ich es, wenn ich für eine Engländerin gehalten wurde. Das war wie ein uralter Stammbaum und eine Adelung, quasi Mayflower.

In Zeichnen und Schönschreiben – das Fach gab es damals noch – hatten wir in der 1. Klasse den Prof. Stieglitz. Er war wirklich alt und wird mit seinem Aussehen eher ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Klein und hutzelig, eine Missgeburt, ein Zwerg mit Buckel, einem Zwicker und übergroßen Schuhen. Die buschigen Borstenbrauen über den Augen ließen ihn dem Vogel seines Namens gleichen. Er war ein Schüttler, aber ein Zeichengenie, ein Meister, ein Maestro. Nur wenn er zeichnete, hielten seine Gliedmaßen ruhig. Er soll sogar den jungen Schiele noch gekannt haben, sein Lehrer gewesen sein. Im Zeichensaal saß er vorne auf einem niedrigen Kinderstühlchen mit drei Treppenstufen, angetan mit einem weißen Malermantel, vor einer riesigen Staffelei. Er konnte wahnsinnig schnell zeichnen. Sein Bleistift fegte über das Papier wie ein Flederwisch. Er warf in Windeseile Konterfeis von bekannten Persönlichkeiten, Kollegen und uns allen, einzeln und in Gruppen, auf das Papier.

Ich habe aber bei ihm nichts gelernt. Aus einem bestimmten märchenhaften Grund. Aber er musste uns auch in Schönschreiben unterrichten. Und dazu gehörte damals noch die Kurrentschrift. Mit Redisfeder und Tusche. Sogar Gänsefedern ließ er uns schnitzen und Tinte selbst zubereiten. Ruhe, Disziplin, Eindeutigkeit – das war nichts für mich. Ich wollte kein Kopiermönch werden. Ich war eine flüchtige Schmiererin und liebte es, wenn alle Buchstaben und Zeichen raus- und durcheinanderflogen.
Ich fand, die sollten nicht so in Reih und Glied in militärischer Formation stehen, sondern frei sein. Prof. Stieglitz korrigierte und ermahnte mich, unermüdlich. Der komische Kauz war nicht bedrohlich, und trotzdem fürchtete ich ihn mehr als alle anderen Erwachsenen. Denn er sah dem „Bucklicht Männlein“ in unserem Familien-Liederbuch „Frau Musica“ zum Verwechseln ähnlich. Er war es. Ich kannte vierzehn Strophen mit den entsprechenden Abbildungen. Am Ende des Textes stand: Weitere Varianten in allen europäischen Sprachen und Mythen.

Henriette holte uns von der Klasse ab und geleitete die kleine Armee quer durch das Schulgebäude zum Turnsaal. Sie schien Kolonnenmärsche und zackigen Schritt zu genießen. Ich habe keine Ahnung, warum wir uns nicht selbst dort versammeln durften. Sie dröhnte mit ihrer Mäusestimme: Mädels, Riege bilden, von der Größten bis zur Kleinsten. Gerade stehen! Kinn vor, Brust heraus! Henriette hatte nie Turnkleidung an, sondern blieb in ihrem strengen, mäusegrauen Kostüm. Nur die Pumps wechselte sie zu Turnpatschen aus schwarzem Klott. So schritt sie die Mädchenriege ab wie ein General, und am Ende kam das Kommando: Locker stehen! Die Erlösung. Das war der Moment, den ich am meisten fürchtete, jeden Montag und Donnerstag am Nachmittag nach dem Unterricht.

Die Gitti W. war von Anfang an die Größte und blieb es bis zur Matura. Dann kamen die Bohnenstange Marietta H. und die schöne Susi R., beide Ingenieurstöchter aus der Zuckerfabrik, die blasse Edeltraud K. aus Sieghartskirchen, die Sportkanone Anni S. und die Ungarin Zuza G. aus dem Flüchtlingsheim Judenau. Dort lebten auch die Schwestern Marianne und Vera V., obwohl Heimkinder, waren sie ziemlich groß gewachsen, was mir damals ein Widerspruch zu sein schien. An die anderen dazwischen bis zu mir kann ich mich kaum mehr erinnern.
Die zwei Waltrauden K. und M. dürften im ersten Drittel der Riege gestanden sein. Bei der Traude K. war ich nie zu Hause, ich wusste nur, dass ihre Eltern das beliebte Gasthaus zum Schwarzen Adler am Hauptplatz führten. Bei der Waltraud M. war ich oft zu Besuch, heimlich, weil sie in der verrufenen Kaserne wohnte, einem Arme-Leute-Quartier, wo sonst nur die kinderreichen Zigeunerfamilien der Paganis und Burlezkis und andere heimatlose Gesellen hausten. Die M.s waren ein Drei-Frauen-Haushalt: eine alte, dicke, gehbehinderte Großmutter, eine junge, strahlende Mutter und ihre wunderschöne Tochter Waltraud, meine geheime Freundin.

Sie war in meinen Augen noch schöner als Schneewittchen, das Leib gewordene Märchen vom Schneewittchen, mit gutem Ausgang. Mir schien dies damals die ideale Familienkonstruktion und beneidete meine Freundin unendlich für ihre Vater- und Bruderlosigkeit. Mir schien, sie lebten die absolute Freiheit. Es gab unter ihnen nie Streit, immer nur offen ausgesprochene und gezeigte Liebe und Fürsorge. Schon die Großmutter hatte ihre Tochter unehelich bekommen.
Was muss sie zu ihrer Zeit durchgemacht haben, bis sie ihre Tochter studieren lassen konnte? Waltrauds Mutter war Gymnasiallehrerin für Turnen und Englisch, erhielt aber an unserer Schule nie eine Anstellung; sie musste in die Anonymität der Hauptstadt pendeln. Waltraud war eine gute Schülerin, ging aber nach der 4. Klasse von der Schule ab und verschwand vollständig aus unserem Leben.

Viel später habe ich das Gerücht gehört, dass sie mit fünfzehn ein Kind bekommen hat und mit dessen Vater in Italien lebt. Bei der Evi S., in ihrem großen Haus am Jahn-Park, war ich oft und gern. Ich erinnere mich an einen riesigen Kirschbaum, in dessen Krone wir von der Terrasse im zweiten Stock herumkletterten. Ich glaube mich zu erinnern und schäme mich dafür, dass ich die brave Evi benutzt habe, um die heimlichen Besuche in der Kaserne zu tarnen. Die Uschi P. und die Sissy M. müssen auch in der Gruppe der Größeren gewesen sein. Sissy war erst vor kurzem aus Wien zugezogen. Ich war nie bei ihr zu Hause, sie lebte mit einem aufregenden Pilotenvater und einer extravaganten Mutter auf dem Langenlebarner Fliegerhorst, doppelt exotisch und aufregend.

Nur am „Tag der Fahne“, dem 26. Oktober, bespielten wir das ausgestellte Kriegsgerät und bekamen in tiefen Blechschüsseln dampfende Suppe aus der Gulaschkanone. Wir stürzten uns auf sie, als müssten wir zu Hause hungern. Diese Heeressuppe gehört zu den absoluten Köstlichkeiten meiner Jugend, die ich merkwürdigerweise der Sissy und ihrem Vater zu verdanken glaubte. Ich war immer die Vorletzte, sogar die recht klein gewachsenen Ärztetöchter Helga M. aus Sieghartskirchen und die Christl S. aus Kirchberg am Wagram standen in der Riege vor mir, nach mir kam nur noch die Maria H. Was die Maria und ich gemeinsam hatten, war, dass wir nicht nur die Kleinsten waren, sondern auch die Schmächtigsten.

Maria hatte das Aussehen eines verhungernden Albinomäuschens mit Schnittlauchhaaren von der Farbe vertrockneten Strohs. Die kugelrunden Blauaugen und das Näschen schienen immer zu zittern, und man erwartete Schnurbarthaare an den Wangen. Ich war zwar klein und mager, hatte aber ein volles Gesicht mit Apfelbacken und Sommersprossen, rotblonde Locken, und an Armen und Beinen zeigten sich zumindest ansatzweise Muskeln. Das Großwerden erlebte ich im wahrsten Sinn des Wortes als langen Leidensweg, und in der Rückschau muss ich eingestehen, dass vieles an mir nie ganz groß oder erwachsen geworden ist. Da war sie wieder, die Lust, aus der Reihe zu tanzen.
Warum kam nie jemand auf die Idee, das Ganze einmal umzudrehen, die Kleinsten vorne, an der Spitze, und die Größten hinten, am Schwanz. Eine aufsteigende Riege, warum denn eigentlich nicht? Macht man ja bei den Zahlen auch. Oder gar kein Ordnungsprinzip, einfach nur eine Reihe bilden ohne irgendeine Hierarchie? Die Rebellin, die Anarchistin steckte in mir, angeboren, da kann ich nichts dafür, muss mit meinem Geburtsrang als Nummer 5 von 7 zu tun haben.

Henriette bestimmte zwei Mädchen, die Wählerinnen. Sie traten vor und riefen die Namen aus, dann wurden die roten und blauen Rundbänder an die Mannschaften verteilt. Die Wählerin war die begehrteste Position; die Mannschaft auswählen zu dürfen, war nicht nur spielentscheidend, sondern auch langfristig wichtig für das Standing in der Klassengesellschaft. Wer wen zu sich in die Mannschaft wählte, das war wichtiger als das Spielergebnis. Ob 21 zu 22 oder 17 zu 14, war meist schnell vergessen, schon zurück in der Garderobe sprach niemand mehr darüber. Aber wer als Letzte oder gar nicht gewählt wurde, diese Schmach klebte an einem für das ganze Schuljahr, für die gesamte Schulzeit. In meinem Fall vielleicht für das ganze Leben.
Am letzten oder vorletzten Platz in der Riege zu stehen, wie sich das anfühlt, weiß mein Körper noch immer, nur die fast unsichtbare Maria hinter mir und dann nichts mehr, die Leere. Maria zählte eigentlich nicht oder so wenig, dass ich mich immer als die Letzte fühlte. Sie kam aus Baumgarten bei Freundorf im Tullnerfeld, lebte angeblich mit einer Putzfrau als Mutter in einer Keusche, ohne Vater. Ich glaube, dass nie jemand bei ihr zu Hause war. Ich kann mich nicht erinnern, dass Maria und ich wegen unseres gemeinsamen Körperschicksals Komplizinnen im Unglück gewesen wären. Ich kann mich an kein einziges Wort mit ihr oder Gefühl für sie erinnern, da ist nichts, gar nichts.

Die schonungslose Anzeige der Beliebtheitswerte, bei der Auswahl öffentlich ausgesprochen und dargestellt, hing oft nicht von der Sportlichkeit ab, von der Treffsicherheit beim Abschießen, wie viele „Tote“ man der Mannschaft auch eingebracht haben mochte. Wir spielten schließlich Völkerball. Dreizehn Jahre nach dem letzten Krieg, erfunden aber im Ersten Weltkrieg. In der Auswahl zum Völkerball zeigte sich jedes Mal der soziale Rang, ein Schicksal, wie es kein unerbittlicheres gibt. Die Grete R. aus Zeiselmauer, zum Beispiel, war pummelig, stand immer irgendwo unbeweglich herum, jeder anderen Spielerin im Weg und schoss nie jemanden ab. Sie brachte keinen einzigen Toten ein, dafür war sie seltsamerweise kaum jemals Opfer. Sie bewegte sich so ungelenk, dass sie an ein sattes Walross erinnerte.

Beim Fest zum 50. Maturajubiläum erzählten wir einander, wie sehr wir unter den Turnstunden gelitten hätten. Grete musste eine von ihrer Mutter genähte Turnhose aus schwarzem Klott tragen, ein elefantöses Ungetüm. Das Umziehen war eine Qual für sie. Wie sehr sie meinen einteiligen, elastischen Turnanzug bewundert habe. Sie konnte ja nicht wissen, wie ich unter diesem Kleidungsstück gelitten habe. Ich war nach meinen zwei älteren Schwestern schon seine dritte Trägerin. Er war ausgeleiert wie ein alter Gartenschlauch, vor allem weil die nächstältere Schwester Liesel schon einige Jahre davor ausgeprägte Formen hatte. Dazu zeigte er meinen Körper in all seiner Magerkeit, mit all seinen Mängeln und Defiziten. Ein Krischpindel hieß das damals, Zniachtl war ein anderes uncharmantes Wort für so eine Figur.

Ich dagegen beneidete die Grete für ihre Schönheit: So muss Schneewittchen ausgesehen haben; ein Gesicht wie Milch und Honig, Haare wie die Kaiserin Sisi, zu einem armdicken Zopf geflochten. Meine daunendünnen Haare hätten bei ihr nicht einmal zu den Stirnfransen gereicht. Die Grete wurde immer als eine der Ersten gewählt. Sie war beliebt. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Sozialmechanik. Frau Professor Henriette M. erschien uns Zehnjährigen zwar als uralt, hässlich und lächerlich, aber sie war sicherlich nicht blöd. Sie registrierte alles, was sich zwischen uns abspielte und gab nie etwas an ihre Kollegen weiter. Das rechneten wir ihr hoch an.

Auch gegenüber unseren Eltern hielt sie uns den Rücken frei. Außerdem unterrichtete sie uns noch in Deutsch, war unsere Klassenvorständin und kannte ihre Schülerinnen besser als die Eltern ihre Kinder. Wir Schülerinnen wussten damals nichts voneinander, in welchen Nöten sich jede von uns befand. Dass Gitti an ihrer Größe litt, Gretl R. an ihrer Klotthose, die Anni S. an der Konkurrenz zu ihren älteren Schwestern, den berühmten Sportkanonen, die Christl an der angeblichen Genialität ihrer Brüder.
Aber so schlecht wie mir konnte es niemandem gehen, eine unlösbare und unentrinnbare Lage. Größer, stärker, schöner oder klüger konnte man vielleicht mit der Zeit werden, da gab es Hoffnung, aber den sozialen Rang konnte man nicht verbessern oder absichern. Denn mein Vater war Professor an dieser Schule. Und es gab fast niemanden, der ihn nicht zum Lehrer hatte. Er unterrichtete Deutsch und Latein, für Griechisch und Philosophie war er der einzige Lehrer. Dazu war er Schuladministrator und betrieb die Schulbibliothek.

Vom ersten Tag an der Schule wurde mir klar gemacht, dass ich keine Schülerin war wie die anderen, sondern ein „Lehrerkind“. Ob ich beim Völkerball ausgewählt wurde oder nicht, nie konnte ich eindeutig feststellen, was der Grund dafür war. Meine Sportlichkeit, weil ich trotz meiner Schmächtigkeit sehr schnell laufen und hoch springen konnte? Ich war eine gute Fängerin und eine gefürchtete Abschießerin, machte viele „Tote“ und war klein und wendig genug, um oft genug zu überleben. Wenn ich bei der Auswahl sitzen blieb, stieg bei mir der Verdacht auf, dass man mir nicht vollkommen vertraute, weil ich ein Lehrerkind war. Oder wurde ich gewählt, weil ich ein Lehrerkind war? Nie konnte ich meinen Rang innerhalb der Klasse genau vermessen und fixieren.

An diese Qual erinnere ich mich so genau wie an den gestrigen Tag. Das Herumschwimmen innerhalb der sozialen Strukturen führte natürlich zu allen möglichen und unmöglichen Reaktionen meinerseits. Charakterliche Verrenkungen, absurde Verhaltensweisen; eine feste Rolle und einen festen Platz zu finden, das gelang mir die gesamte Schulzeit nicht. Ich tappte und taumelte darin herum wie eine Ratte in einer Versuchsanlage. Am besten kam meine Rolle als Klassenkasperl an, als schlimme Schülerin, die gute Noten produzierte. Sicher brachte ich viel Spaß in den Unterricht und hatte eine gewisse Blitzableiterfunktion. Aber eben nur Funktion.

Machten sich die anderen auch so viele Gedanken wie ich? Ich weiß es bis heute nicht, nur Vermutungen. Aber dieses Gefühl, dass ich nie ganz sicher sein konnte, warum mich jemand in seine Mannschaft aufrief, irgendetwas Freundliches zu mir sagte oder zu sich nach Hause einlud, das ist bis heute präsent. Eigentlich war nicht Maria das ständig um sich schnuppernde Mäuschen, sondern ich. Genau daraus ergaben sich neue Zweifel, ob ich als Lehrerkind besser wegkam als andere.
Ich glaube mich zu erinnern, dass ich wirklich einigermaßen witzig war, selbstironisch und frech. In der familiären Kampfarena mit sechs Geschwistern habe ich mehr Erfahrungen sammeln können als andere Kinder. Aber das katholisch-biblische Familienleben war derart streng hierarchisch geordnet und von moralischen Leitlinien regiert, dass ich keine Sozialtaktik erlernen konnte. Etwa wurde das Durchschauen von bösen Absichten bei anderen durchkreuzt vom Dogma, man müsse immer das Gute im Menschen annehmen. Egoismus war eine Todsünde, und so konnte ich nie Strategien wie Ironie, Satire oder Zynismus erlernen.

Als einzigen Ausweg sah ich die Flucht aus der Hölle. Ab der 4. Klasse bettelte ich bei meinen Eltern um einen Schulwechsel. Bitte darf ich nach Krems oder Klosterneuburg gehen! Das gibt‘s nicht bei uns, das Aus-der-Reihe-Tanzen. Es gibt keine Extrawurst. Da blieben sie hart. Natürlich konnte ich auch nicht erklären, warum ich die Schule wechseln wollte. Sogar ein Internat hätte ich in Kauf genommen, aber das hätte extra Geld gekostet, das nicht vorhanden war. Eine andere Fluchtform fand ich in extremen Träumereien über Reisen in ferne Länder oder zumindest Lektüren darüber. Das Schreiben, die Leselust und das Reisen, das sind wahrscheinlich die besten und bleibendsten Relikte meiner verkorksten Jugend.

In unserer altersgemäßen Überheblichkeit verstanden wir damals nicht, dass Henriette zusätzlich zu ihrer Intelligenz auf Grund ihres Aussehens eine feine Psychologie entwickelt hatte. Zu ihrem und unserem Glück war sie trotz ihres harten Schicksals nicht in die Bösartigkeit abgedriftet, sondern hatte ein sensibles Instrumentarium ausgebildet. Es blieb uns ebenfalls verborgen, dass sie als 30-Jährige uns 10-Jährigen viel näher stand als unsere Eltern. Sehr viel später erfuhr ich, dass Frau Prof. Henriette verheiratet war und zwei Kinder hatte. Eigentlich muss sie ein glücklicher Mensch gewesen sein, mit der Karriere, die sie trotz aller Widrigkeiten gemacht hatte. Sie hatte studiert, einen Job, verdiente ihr eigenes Geld, war unabhängig. Die Welt stand ihr offen. Ihr Militarismus war wahrscheinlich antrainiert, als eine schützende Maske.

Ihre wahren menschlichen und intellektuellen Qualitäten stellten sich erst Jahre später heraus, im Deutsch-Unterricht. Sie war unsere Deutschlehrerin bis zur Matura, mit einer Unterbrechung, als wir ab der 5. Klasse mit den Buben zusammengelegt wurden. Aber ich brauchte noch Jahre, bis zu meinem Germanistik-Studium, das zu erkennen. Da erst dämmerte mir, dass ich meinen Kolleginnen an der Uni viel voraus hatte. Henriette hatte uns schon früh mit Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Franz Kafka, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger, Georg Heym, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler bekannt gemacht.
Wie sie es zustande brachte, uns sogar Grillparzer, Stifter und Schiller g‘schmackig zu machen, weiß ich nicht mehr. „Der arme Spielmann“ und „Brigitta“ haben mich zu Tränen gerührt. Es hat sich wie durch ein Wunder in einem Deutschheft der 8. Klasse ein Referat über „Don Carlos“ erhalten, in dem ich mich eindeutig als in den Helden verliebt geoutet habe. Es muss an ihr gelegen sein, dass ich nicht unter schallendem Gelächter von der Bühne vertrieben wurde, zumindest hat mein lächerlicher Auftritt kein erinnerbares Trauma hinterlassen.

Als ich es vor kurzem wieder nachlas, stellte ich fest, dass ich am 28.11.1965 ein respektables Stück Literaturinterpretation abgeliefert hatte. Dass in ihrem Unterricht Sappho im Mittelpunkt stand und nicht Ovid und dass Antigone meine Lieblingsheldin wurde und nicht Odysseus, auch das war Henriettes Werk. Natürlich weiß ich nicht, ob das meiner altersgemäßen oder ihrer Entwicklung von der BdM-Turnlehrerin zur Humanistin geschuldet ist. Sie weckte nicht nur unser Interesse für das Theater, sondern auch an der modernen Lyrik.
An einen Aufsatz über Brechts Gedicht „Die Wolke“ kann ich mich genau erinnern. Er wurde von Henriette in höchsten Tönen gelobt, und ich las ihn mit Genuss der Klasse vor. Henriette muss es gewesen sein, die an mir erkannte, dass ich schreiben konnte und Ansätze eines rhetorischen Talents hatte, dazu eine starke Neigung zur Bühne. So förderte sie mich bei den Redewettbewerben, bei denen ich regelmäßig einen vorderen Platz gewann. Nicht mehr Völkerball, sondern Schreiben und Vortragen, das waren nun die Disziplinen, in denen ich mich in der Riege vorne stehen sehen wollte. Henriette sei Dank!

Was blieb von der Henriette? Sicher war sie nicht die Einzige, die mir mit ihrem Literaturunterricht den Schlüssel zur Leselust und zur Welt der Bücher in die Hand gab: dass sie die Neugier, die Phantasie, die Inspiration und die menschliche Erfahrungswelt aufsperren und dass Lesen Genuss pur ist, schlauer und zufriedener macht. Sie vermittelte mir eine Einsicht, die mir in meinem ganzen Leben viel Nutzen und Vergnügen brachte: dass man sich immer ein eigenes Bild machen soll. Sicher gehörte sie auch zu jenen Lehrern, die Lust auf den Lehrberuf machten.
Und davon hatten wir zum Glück nicht wenige. Von den 19, die maturiert haben, wurden neun Lehrer.

San Francisco, Berkeley, 23.2.2019

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 19064

Rosenkranz für die Zonengrenze

Das Haus meiner Kindheit steht im Strudengau in Oberösterreich. Ich wurde dort geboren und wuchs im Bräuhaus von St. Nikola an der Donau auf. Nachdem die kleine Dorfbrauerei „Seyr Bier“ im Zuge des Krieges schließen musste, betrieb mein Onkel Klaus eine „Bierniederlage“, das lustigste Wort meiner Kindheit, warum ich wahrscheinlich keine Biertrinkerin geworden bin. Ein Lager, von dem das Bier an die Wirtshäuser des unteren und mittleren Mühlviertels geliefert, ausgeführt wurde.
Die Bierführer hießen ursprünglich Bierknechte, später Ausführer. In die Wirtshäuser von St. Nikola, Grein und Sarmingstein, Grein-Bad Kreuzen, Naarn, St. Thomas am Blasenstein und St. Oswald, Dorf und Steinbruch Gloxwald, Dimbach und Waldhausen bis nach Weins-Isperdorf und Ybbsitz. Und sicher noch in viel mehr, als ich mich erinnere.
Später kamen Kracherl wie Libella aus Scheibbs und Schartner Bombe aus Scharten dazu.

Das Bier bezog Onkel Klaus aus der Linzer Brauerei, Linzer Lager. Er und seine beiden Bierführer Bertl und Toni mussten jeden Montag von St. Nikola nach Linz fahren, Bier holen. Jedesmal eine gefährliche Reise. Denn sie ging über die Enns-Brücke, wo sich Sowjets und Amerikaner direkt gegenüberstanden, frontal, der Schlagbaum in der Mitte der Brücke. Die Demarkationslinie.
Wahrscheinlich das erste Fremdwort meiner Kindheit, und nicht das einfachste auszusprechen, geschweige denn zu verstehen. Niederösterreich war sowjetische Zone, Oberösterreich amerikanische. Die heißeste Zonengrenze. An diesem Punkt in der Mitte der Brücke war der Krieg nicht zu Ende, sondern es begann der neue, der Kalte Krieg. Wahrscheinlich der neuralgischste aller Grenzen im zehnjährigen Nachkriegs-Österreich.

In West- und Südösterreich konnten die Kinder sicher nichts zu Aufregendes zwischen den zahmen Engländern und Franzosen erleben. An der Enns verschwanden viele Menschen, manche für lange Jahre in sowjetischen Lagern, manche für immer. Sibirien, niemand sprach das Wort laut aus, aber es wehte immer kalt klirrend durch die Familien an Donau und Enns. Onkel Klaus hatte vier Kinder, der Bierführer Toni sechs, der Bräuer-Bertl neun, im tief-katholischen Mühlviertel nichts Ungewöhnliches. Auch wir sind sieben Geschwister. Der Kriegsdienstverweigerer Jägerstätter war ein Mühlviertler Mesner aus St. Radegund.

Die Männer brachen im Morgengrauen auf, mit dem Saurer samt Anhänger. Wir hatten sie schon länger, unten vor der Bierniederlage, poltern gehört, wie sie den Lastwagen mit den leeren Fässern beluden. Die Omama, ihre Schwester, die Ida-Tante, und ihre jüngste Tochter, meine Tante Sefi, schüttelten die Kinder aus den Betten, damit wir für die Zeit der Reise für die Männer, die Mauner, beteten. Alle versammelten sich im saalartigen Esszimmer, der Stumbm, alle Mitglieder der Großfamilie und die Bediensteten: Die Köchin Annerl, der Knecht Sepp, die Magd Berta, die Kranzer Liesi, eine sonderliche Nachbarin, Einlieger und Hausgäste schlossen sich an. Die fromme Omama gab das Programm vor: Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Gegrüßtseistdumaria und dann der Rosenkranz. Den hasste ich, denn er hörte nie auf, ein Kranz eben. Die noch frömmere Tante Sefi und ihre hochmusikalische Schwester, meine Tante Fritzi, stimmten die Lieder dazwischen an:
Meerstern wir dich grüßen, oh-ho Maarii-hia hilf! Ma-ari-hia, hielf uns allen, aus unserer tie-hiefsten Not.
Großer Gott, wir lo-hoben dich, prei-heisen deine Stärke.
Ein' große Burg ist unser Gott
(wahrscheinlich der Beitrag meiner ehemals protstantischen Mutter).

Lange sangen wir noch, weil wir die Worte nicht verstanden: Meerschwein, wir dich gießen. Großer Gott, wir lieben dich, Preiselbeeren deine Stärke. Ich war zu klein, um den Ernst der historischen Lage mitzukriegen. Aber ich liebte diese frühmorgendlichen Zusammenkünfte, empfand sie eigentlich als Fest, in Schlafanzügen und Bademänteln zu Hause, in der Stumbm, Gott preisen zu dürfen, als wäre er persönlich bei uns zu Gast gekommen. Stolz, in einer offenbar für die Erwachsenen sehr ernsten Angelegenheit beigezogen zu werden. Einmal waren wir, die Kinder, wichtig!
Den Grund dafür erfuhr ich erst viel später, als ich die Geschichte und den bäuerlichen Glauben verstehen lernte. Die unschuldigen Kinder waren die besseren Fürsprecher beim lieben Gott, bei Jesus, und vor allem bei der heiligen Jungfrau Maria, von der wir ja alle abstammten. Und wer weiß, bei welchen Heiligen, Seligen und Schutzengeln noch. Heerscharen. Wir hatten so viele wie die Inder Götter. Weil die Kindlein unschuldig, sauber, sind, dringen ihre Gebete, Anrufungen und Lieder direkt zu den angeflehten Beschützern vor.

Das war natürlich ein Widerspruch, weil wir sowohl von der unauslöschlichen Erbsünde als auch von unseren eigenen, täglichen Sünden wussten, für die wir zumindest ermahnt wurden. Sicher hatten alle, so wie ich, das Bild aus der Kinderbibel im Kopf. „Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Jesus steht da, in seinem weißen, über die Schultern drapierten Laken und wallendem, blonden Haar, mit einem Flammenherz, die Arme weit ausgebreitet. Ich fühlte mich immer so, als zeigte er genau auf mich, und mir wurde ganz warm dabei, im Bauch und noch tiefer.

Nach Augenribbeln und Gähnen kamen die frühmorgendlichen Gebets- und Liederorgien. Vor allem den dramatischen Punkt, wenn Tante Sefi den Kindern anzeigte, auf den Fleckerlteppichen auf die Knie zu gehen und uns dann Kerzen in die Hand drückte. Der Höhepunkt stand bevor. Das Schicksalsdrama. Die Omama schritt zum Weihwasserkessel an der Wand neben der Kredenz, tauchte den am Palmsonntag geweihten Palmwedel ein, der kein echter Palmwedel war, sondern ein Zweig vom Buchsbaum an der Gartenecke – eine frühe Enttäuschung/Betrug in meiner Kindheit – und besprühte alle reichlich. Danach drückte sie jedem Anwesenden ein in der Osternacht geweihtes Öl in Kreuzform auf die Stirn. Vergeltsgott, Gottvergelts. Das Öl aus Jerusalem, stellte ich einmal fest, war auch nicht das, wie es hieß, sondern Bratlschmalz von der zuletzt geschlachteten Sau Rosina.

Die Kinder waren für den Rest des Tages entlassen, bis die Stunde der Rückfahrt der Mauna über die teuflische Enns-Brücke anbrach. Die gleiche, aber etwas abgekürzte Zeremonie wie am Morgen. Mit großem Aufatmen. Die Gefahr war fast gebannt. Auch die grimmigsten sowjetischen Grenzer waren den Fässern mit frischem Linzer Lagerbier nicht abgeneigt. Onkel Klaus erzählte später lustig darüber, obwohl er viele Ängste ausgestanden haben muss, wie sie schon freudig erwartet wurden, und ohne Kontrollen und ihre I-Karte zu zeigen, passierten. Wie die Pawlow‘schen Hunde standen sie da, die Zungen heraußen.

Die Bierführer luden an dem sonst so gefürchteten Schlagbaum den Wegzoll ab und fuhren unbeschadet nach Hause. Die Mauner wurden jubelnd begrüßt und von der Omama reichlich mit Weihwasser bespritzt. Die größeren Kinder durften über die Latten ein Fässchen herunterrollen, Bertl und Toni standen mit ihren bodenlangen Lederschürzen stolz lächelnd daneben. Helden. Der Dankes-Rosenkranz dauerte dann immer besonders lang, der Hintern tat schon weh, die rot-schwarzen Kreuzerlstiche auf der Tischdecke verschlangen sich ineinander und führten verrückte Tänze auf, die Augen fielen zu. Aber zur Belohnung gab es ein Noagerl Bier, der letzte Rest von Tropfen und Schaum, der Foam, von uns Kindern mit den Fingern aufgeleckt aus den Gläsern der Männer. Das ist himmlisch, fand ich, und begann die unbekannten Russen auf der Brücke heimlich zu verehren.

Unsere Gebete oder das Linzer Lagerbier? Ich weiß bis heute nicht, was geschichtswirksamer war.

Wien, 13.9.18

Veronika Seyr
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Wir haben Venedig gebaut oder Die Eichen von Orenburg

Erinnern und Nachdenken nach dem Film The Death of Stalin

Von Orenburg habe ich schon in der Schule gehört, als wir im Russisch-Unterricht Puschkins Novelle Die Hauptmannstochter lasen. Geblieben ist eine ferne Erinnerung an eine tragische Liebesgeschichte aus der wilden Zeit des Pugatschow-Aufstandes von 1744. Später habe ich selbst meine Schüler mit dieser Geschichte traktiert, weil es keine klarere russische Sprache gibt als die Puschkins.

Selbst in diese Stadt im Südural bin ich erst Anfang 2000 gekommen, genau genommen am 26. Jänner. Von Moskau aus geflogen mit einer zweifelhaften Maschine der ORENAIR, in Begleitung des Russland-Deutschen Grigorij, im Gepäck fast eine Tonne mit Bücherkisten für die künftige Österreich-Bibliothek. Die Grenzstadt im Südural zeigte sich im prächtigsten Winter mit strahlendem Frischschnee und minus 20 Grad, mit Wind gefühlte 30. Steife Lippen und gefrorene Rotzglöckerl, sofort als ich aus der Maschine aussteige. Der Hauch vor dem Mund gefriert und umflirrt das Gesicht in feinen Flocken wie ein kleiner Schneesturm. Die Kristalle sitzen um meine Fellmütze wie ein Strahlenkranz und verhöhnen mit ihrer Schönheit den letzten Rest von Menschlichkeit. Die Luft ist kalt, klar und schneidend, die Lungen sind im Schockmodus und wollen, wenn sie könnten, sofort wieder ins vergleichsweise warme Moskau zurückfliegen. An das Rot und Blau meiner Nase und Wangen mag ich gar nicht denken.

Das ist das typische kontinentale Klima, neun Monate strenger Winter, drei Monate superheißer Sommer, ohne Übergänge von Frühling und Herbst. Ich bin tief, tief in der Provinz, und da freut man sich noch ehrlich über einen Besuch aus der Hauptstadt, auch wenn es so ein kleines Licht wie eine österreischische Kulturrätin ist. Ich werde wie ein Staatsgast empfangen, zernepfte, gefrorene Blumensträuße in Plastikhüllen mit überschwänglichen Maschen, überreicht von Schulkindern. Nur noch Fähnchen in Rot-Weiß-Rot fehlen. Die Gastkultur der Sowjetunion ist hier noch lebendig. Staatslimousinen, Abordnungen von Regional- und Stadtverwaltung, der Universität, der Bibliothek, des Regionalmuseums und der Vereinigung der Russland-Deutschen „Wiedergeburt“. Der Reihe nach werde ich in diese Institutionen geführt, als Erstes zur Bücherübergabe an die Uni.

Wir hatten für die Österreich-Bibliothek noch keine eigenen Räumlichkeiten und bekamen im Goethe-Institut eine Ecke zugewiesen, wie eine arme Verwandte am Katzentisch. Aber das störte nur mich. Die Menschen drängten herein in die warmen und überfüllten Räume. Alle waren begeistert von den Büchergeschenken, Kunstbänden, Videos, CDs und Zeitschriften, vor allem aber vom reichlichen Buffet. Dort trat ein alter Mann an mich heran und stellte sich als Österreicher vor. Österreichisches Deutsch in Anklängen, aber wackelig und mit Russisch durchsprenkelt. Er sei hier in einem Lager Kriegsgefangener gewesen und nach der Freilassung geblieben, habe eine Russin geheiratet, nun sei er Russe, aber in der Seele Österreicher geblieben. Im Kriegsgefangenenlager 369 „Tschkalow“ mussten Tausende Deutsche und Österreicher unter schrecklichen Bedingungen im Tagbau Salz schürfen. Sie starben wie die Fliegen, schlecht ernährt, schlecht gekleidet, standen sie in den Solelacken bei minus 40 Grad und in glühender Hitze mit Myriaden von Stechmücken.

Das Grenzgebiet zu Kasachstan gehört zu den unwirtlichsten, menschenfeindlichsten Landstrichen der Erde. Ich hörte zum ersten Mal, dass jemand freiwillig in der Sowjetunion geblieben sein soll, dass das überhaupt möglich gewesen ist. Ich nahm mir vor, Grigorij von der „Wiedergeburt“ danach zu fragen. Das Gedränge um mich war so groß, dass ich keine Gelegenheit mehr bekam, mich mit dem angeblichen Österreicher länger zu unterhalten.

Am nächsten Tag wurde ich unter die Fittiche eines anderen Mitarbeiters der „Wiedergeburt“ gestellt. Rustam, ein junger Kasache aus Orenburg, der Germanistik studiert, führt mich durch die im Schnee versunkene Stadt zu dem Obelisken am Rande der Stadt, der die Grenze zwischen Europa und Asien symbolisiert. Eine schmale Holzbrücke über den Or am Zusammenfluss mit dem Ural heißt großspurig „Europabrücke“. Der Ural ist hier im Süden kein Gebirge, nicht höher als das hohe Ufer des Flusses, ansonsten eine Ebene ohne Grenzen und Konturen. Es gehört zu den Besonderheiten Russlands, dass in seinen Ebenen nur eine unermessliche Leere den Raum zu füllen scheint.
Der Schnee erscheint gletscherblau beim Augenstreifen an der Oberfläche, zerfällt aber weiter oben in alle Farben des Spektrums, dazwischen ein kleiner Streifen leichten Nebels.
Das ist der Raum der sibirischen Schamanen. Ein Glücksmoment und gleichzeitig grausam die Erkenntnis, dass ich nicht einmal eine Ahnung von diesem Reich bekommen könnte. Neben mir schnaubt Rustam wie ein Pferd, stößt Atemwolken aus und scharrt mit den Füßen. Er treibt mich weiter. Er startet eine Fotografier-Orgie, Posen mit mir am Obelisken wie ich gleichzeitig Europa und Asien umarme und auf der Europabrücke, einmal da und dorthin blicke. In der Kälte gibt es keinen freien Willen. Dann zurückstiefeln in die Innenstadt, zum Doppeldenkmal von Puschkin und Wladimir W. Dalj, ein dänischer Volkskundler Dahl, die sich hier 1833 getroffen haben. Zwei Granitgiganten auf einem massiven Sockel.

Puschkin hielt sich kurz in Orenburg auf, um den Schauplatz des Pugatschow-Aufstandes in Augenschein zu nehmen. Viel studiert haben kann er nicht in den gerade eineinhalb Tagen, die er in Orenburg verweilte. Orenburg war 1833 eine primitive Soldatensiedlung, hatte keine Universität, keine Bibliothek, kein Archiv. Er wird wohl eine Spelunke mit Soldaten und Zigeunern gefunden haben, in der er seiner Leidenschaft für das nächtliche Kartenspiel nachgehen konnte. Mit den Nachfahren der Aufständischen. Der Sprachwissenschafter und Volkskundler Dalj lebte hier schon seit dem Dekabristenaufstand in der gütigen Verbannung des Zaren. Es gibt schlimmere Orte, eine Gnade, zumindest noch nicht ganz Sibirien, mit einem Fuß in Europa.

Wieder Fotografieren ohne Ende. Ich frage mich, für welches Album? Ich werde auf den verschneiten Schoß des Granit-Puschkin gesetzt und umarme nicht einmal die halbe Schulter von Dalj, Rustam, das Abbild des jungen Dschingis Khans, mit Fell-Uschanka zwischen uns. Ich mit Greta-Garbo-Sonnenbrille unter einem Bojarinnen-Hut aus Karakul im geschenkten Nerzmantel meiner Mutter. Unbesorgt um Tierfelle, die Menschenkörper wärmen, das ist hier kein Thema, darum kümmert sich hier niemand. Alle Tierfellschützer möcht ich mal hierherschicken. Sie sollten einmal anstatt auf der Kärntnerstraße hier demonstrieren und schmieren. Die menschliche Pelzkultur stammt exakt genau von hier. Die Orenburgskije Novosti bringen am nächsten Tag ein Interview und einen reich bebilderten Bericht über meinen Besuch. Ich bin eine Provinzberühmtheit für einen Tag.

Mehr Eiszapfen als Mensch, flehe ich Rustam an, mir weitere Denkmäler von Orenburger Honoratioren zu erlassen. Ich merke, er ist leicht beleidigt, zeigt es aber in asiatischer Gelassenheit nicht. Vorgesehen war noch das Tschkalow-Museum für den legendären Piloten, einen Helden der Sowjetunion, Vorgänger von Gagarin. Tschkalow, da klingelte etwas. Lager 369, hat mir der alte Mann in der Bibliothek zugefüstert. 369-tri-schest-devjat.
Rustam hält die Story des angeblichen Österreichers für ein Märchen. Was soll ich glauben. Wer weiß mehr. Rustam ist 22 Jahre alt und nicht einmal in Lokalgeschichte sattelfest, wie sich noch herausstellen sollte.

Nun war es Zeit für den Museumsbesuch in der Sowetskaja Straße.
Sie verdient im zehnten Jahr nach der Wende noch immer diesen Namen. Einzelne schüchterne Neuanfänge, die aber zwischen den Schneebergen und unter der Kälte nicht großartig daherkommen. Rund einen Kilometer lang, sieht man ihr nur mit viel Phantasie an, dass sie einmal eine Prachtstraße, ein klassizistisches Juwel in einer russischen Provinzstadt gewesen ist, unter Stalins hasserfüllter Abrissbirne aber schwer gelitten hat. So ließ er von 31 Kirchen 30 zerstören, darunter auch alle Moscheen und Tempel. Das Stadtmuseum hat überlebt, es ist in einem imposanten historistischen Palais untergebracht. In der Säulenhalle erwartet mich die Direktorin Galina Sergejewna.
Aus leidvoller Erfahrung fürchtete ich mich vor solchen Führungen: Man kann nicht ansehen, was einen interessiert, und üblicherweise breiten die russischen Museumsführerinnen ihre Schätze in einer unerträglichen Endlosigkeit und Detailliertheit aus. Bis zum letzten Haar von Teufels Großmutter musste man hinschauen, worauf hingedeutet wurde und immerzu bewundern und sich wundern über die vielen Superlative. Die Russen haben ein selbstironisches Sprichwort dafür: Und Russland ist die Heimat der Elefanten.

Genauso war es mit Galina Sergejewna, einer kartoffelrunden, mittelalterlichen Frau in blauer Postleruniform, mit Goldzahnlachen und Karottenhaaren. Sie begann bei der Urzeit mit Mammutknochen, Ascheresten aus der Bronzezeit und petrifizierten Bäumen aus der Gegend um Orenburg. Das waren damals sicher noch nicht Russen, aber die Kontinuität und der Anspruch müssen gewahrt werden. Das Regionalmuseum war im besten Sinne der sowjetischen Museologie aufgebaut, die Entwicklung geht geradlinig zu immer Höherem bis sie deterministisch im ersten Arbeiter- und Bauernstaat ihre Apotheose findet. Dann bekomme ich einen globalen Überblick über die Eichen. Eichen werden ja in aller Welt und zu allen Zeiten geschätzt für die Festigkeit ihres Holzes. Die von Orenburg waren so berühmt, dass die Dogen Venedig auf Pylonen aus Orenburger Eichen stellten. Wumm, das war wirklich neu für mich, und ich versuchte mir vorzustellen, wie der Transport der Eichen aus Orenburg in die Lagune wohl ausgesehen haben mag.

Wir haben Venedig gebaut, zeigt Galina Sergejewna ihr Goldzahnlachen und zwinkert dabei, und es steht noch immer auf ihnen. Wenn welche ausgetauscht werden müssen, kommen die Eichen dafür seit ewigen Zeiten aus dem Orenburger Gebiet.
Die Erkenntnis: Russland klittert zu seinen Gunsten die Geschichte, im Hintergrund immer Großmachtdenken und Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Westen, was man auch als ein auf den Kopf gestelltes Minderwertigkeitsgefühl ansehen kann. Ohne uns gäbe es Venedig nicht. So wie jetzt Erdöl und Erdgas.

Der Pugatschow-Aufstand 1774, eine grausame Bauernrebellion, die sich gegen Katharina die Große richtete, steht danach im Mittelpunkt der Ausführungen. Sie breitete sich von Orenburg aus und wütete fast bis vor die Tore Moskaus, die einzige bis zur Revolution, die den Zarenstaat in arge Schwierigkeiten brachte. Die Museumsdirektorin weist mich auf ein Dorf hin, das für die jüngste Verfilmung von Puschkins Hauptmannstochter künstlich aufgebaut wurde und das man gleich vor den Toren der Stadt besichtigen kann.
Rustam, bitte, da will ich hin, geht das? Gleich heute Nachmittag!
Ich bin begeistert.
Du weißt, ich habe eine lange, persönliche Geschichte mit der Hauptmannstochter.
Rustam windet sich.
Das ist nicht vorgesehen im Programm.
Dann ändern wir doch das Programm.

Nichts ist schlimmer, als wenn ein Gast das Programm umwirft. Das durfte bisher höchstens eine Bundespräsidentengattin, und da hat halb Moskau den Kopf geschüttelt.
Sie haben es mühsam zusammengebastelt, und da darf man nicht daran rütteln.
Russen sind nicht so flexibel, da könnte ja ein Missgeschick passieren, und sie, die Kleinen, die Unteren hätten dann den Scherben auf.

Ich kam drauf, dass noch ein anderes Hindernis gab. Vor den Toren der Stadt, das ist für uns eine Distanz in Gehweite oder schnell hin mit dem Auto, so etwas wie gleich um die Ecke, dort drüben, nicht weit. Das Raumverständnis in den Köpfen der Russen ist aber ganz anders gestaltet als bei uns kleinräumigen Europäern. Rustam rückte später damit heraus, dass dieses Filmdorf zwar im Gebiet Orenburg liege, aber circa 1000 Kiometer entfernt sei. Bei der unermesslichen Größe des Landes, die wiederum uns Eurpäern nicht in den Kopf geht, ist das eben gleich um die Ecke, nicht weit. Ein Lehrstück, aber das Filmdorf blieb für mich unerreichbar.

Der zweite Stock war ganz der Gründungsgeschichte der Stadt gewidmet. Als Grenzstadt von Peters Nachfolgern geplant, wurde sie später zum Bollwerk und Brückenkopf zur Eroberung Sibiriens, ursprünglich von Kosaken besiedelt. Den Zaren schwebte ein Sicherheitsgürtel gegen Tataren, Kasachen und Baschkiren – die Kleine Horde – vor. Ihre Weitsicht ging so weit, dass sie produktive Nationalitäten einluden: Wolga-Deutsche, Griechen, Armenier, Balten, Juden.
Nach der Anbindung an das Eisenbahnnetz konnten die reichen Bodenschätze ausgebeutet werden, und auch der Handel mit Vieh und Pelzen brachte der Stadt einigen Wohlstand. Nach dem Überfall der Deutschen wurden viele Industrieanlagen aus dem europäischen Russland hinter den Ural verlegt, auch nach Orenburg, und die Stadt verdoppelte ihre Einwohnerzahl. So kam auch der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach Orenburg und begann hier seine große Karriere. Noch mehr Verehrung wird aber dem ersten Kosmonauten Jurij Gagarin, dem größten Sohn dieser Stadt, entgegengebracht.
Ihm ist das ganze dritte Stockwerk gewidmet. Ich falle fast um vor Langeweile, aber der Shop bietet einige groteske Souvenirs, die ich in Massen einkaufe. So bin ich aufgestiegen von den Mammutzehen zu den Venedig-Eichen und über die Kosaken bis zum Kosmos.

Als Galina Sergejewna und Rustam ansetzten, mich ins nächste Museum zu schleppen – diesmal zu den berühmten Orenburger Spitzenschals aus Jungziegenwolle – begann ich um Gnade zu betteln. Wenn ich heute noch einmal etwas von der Jungziegenwollespitzenhäkelei höre, beginne ich zu schreien und greife anstatt zu puch (Hauch) zur puschka (Schießgewehr).
Nicht dass ich zu wenig aufnahmefähig wäre, aber die Art der russischen Präsentation erfordert mehr Geduld, als ich habe. Oder einen Saumagen.
Die Geschichte als Gemischtwarenladen oder Märchendorf, herauspicken, anmalen, lackieren, ausblenden, leugnen, retuschieren, bis alles ins Bild passt, wie es von oben gewünscht wird. Zum Beispiel die unter Putin in Mode gekommene Stalin-Renaissance. Die Geschichte des Landes dient ausschließlich dazu, sich an ihr zu erbauen, den Patriotismus zu stärken und den Platz in der Welt zu finden, ja sogar die eigene Identität des Individuums. Ein Russe fühlt sich gut, groß und stark, weil er sein Land als solches empfindet. Da haben Fragen und Kritik keinen Platz, die sind persönlichkeitsgefährdend und zersetzend. Das ist einer der größten Unterschiede zu uns, die wir gelernt haben, mit unserer Geschichte kritisch bis neutral umzugehen.

So ist es kein Wunder, dass die Filme Matilda über Zar Nikolaus II. und The Death of Stalin derzeit in Russland verboten sind. Wie ein Land seine Geschichte und Gegenwart reflektiert, ist sehr aussagekräftig. Humor und Satire waren in den kurzen Jahren des Tauwetters unter Chruschtschow weiter entwickelt als im heutigen Putin-Russland. Ja, sogar in dem Parabelroman Meister und Margerita von Michail Bulgakow schimmert die Kritik am stalinschen Totalitarismus durch.

Wieder einmal bekam ich einen Beweis dafür, dass ich keine gewachsene, gelernte Diplomatin war und nie werden würde, sondern die Journalistin in mir stärker war. Die Diplomatin ließ sich willig zur Schlachtbank führen, die Journalistin wollte mehr von dem, was sie interessierte – zwei vollkommen verschiedene Rollen. So fragte ich die Museumsdirektorin auch nicht nach dem 14. September 1954, denn das wäre hochgradig undiplomatisch gewesen. Wenn ich noch Journalistin gewesen wäre, hätte ich mir wahrscheinlich nicht verkneifen können anzumerken, dass so unbedeutende Altkulturen wie die ägyptische oder die keltische das Holz von Eichen, Eiben, Zypressen und Zedern zur Einäscherung der Toten verwendeten, als Zeichen ewiger Hoffnung auf die Auferstehung.
Und nicht zuletzt hätte ich schnippisch zugesetzt, dass der für Isaak ausersehene Scheiterhaufen aus Eichenstämmen bestand.

Mit Rustam dann in einem Café – neurussisch kofischop – auf der Sowjetskaja Straße neben einer neuerrichteten Baptisten-Kirche – die Amerikaner missionieren auf Teufel komm raus – traute ich mich, mit den brennenden Frage herauszurücken. Er hatte sich vorher schon als Umweltaktivist der noch zarten russischen Grünen geoutet. An diesem Morgen des 14. September 1954 um 9 Uhr 35 zündete die Armee am Truppenübungsplatz Totzkoje, 215 Kilometer (gleich um die Ecke, ganz nah!) von Orenburg entfernt, eine Atombombe, abgeworfen von einem Tu-4-Bomber mit der Stärke von 40 Kilotonnen. Hiroshima und Nagasaki mal zwei, ich weiß es nicht. In ihrem Wettlauf gingen die USA und die Sowjetunion in den Frühjahren der Atomkraft damit gleich unverantwortlich um.

Das ist die dritte Erkenntnis. Wie viele Menschen dabei umkamen oder verletzt wurden, ist bis jetzt streng gehütetes Staatsgeheimnis. Um Totzkoje leben aber noch immer Menschen. Aber Rustam, der neugetauft ist und sich in sozialen Fragen engagiert, weiß, dass die Zahl der Erkrankungen im Gebiet Orenburg zweimal höher ist als um Tschernobyl. 1954 – 1976 – 2000. Die zweite, noch akutere Gefahr, kommt daher, dass Orenburg nahe Kasachstan mit rund 2000 Kilometern unkontrollierbarer Grenze überschwemmt wird von Drogen aus Asien. Zusätzlich zum traditionellen Alkoholismus – entsetzliche soziale, gesundheitliche und kriminelle Probleme. Schmuggel, Bandenbildung, Waffen, alles was das drug trafficing so nach sich zieht. Die Miliz und der Grenzschutz sind korrupt und eben kein Schutz.

Ich möchte aber noch einmal in die Vergangenheit zurück und frage nach Sol-Iljezk.
Da strahlt Rustam:
Das ist wirklich nicht weit, nur 70 Kilometer, da könnten wir morgen hinfahren, das ginge sich aus, das lässt sich mit dem Auto machen.
Warum strahlt Rustam?
Er hat das Sanatorium Sol-Iljezk im Sinn, wo in Solebädern allerlei Leiden behandelt und auskuriert werden. Ähnlich wie am Toten Meer. Es ist eine der raren Touristenattraktionen in der ansonsten endlosen, öden, leeren Steppe.
Lieber Rustam, entschuldige, das Sanatorium mit den Salzlacken interessiert mich nicht.
Ich würde gerne wissen, ob etwas von dem GULAG Sol-Iljezk übriggeblieben ist.

Rustam blitzt mich aus seinen Tschingis-Khan-Augen an, zupft an seinem dünnen Schnurrbärtchen und schüttelt den Kopf.
Davon habe ich noch nie etwas gehört. Aber das waren primitive Holzbaracken, die sind längst versunken oder verrottet. Das meiste wird nach Stalins Tod einfach gestohlen worden sein. Warum fragst du? Was interessiert dich dort?

Aus Veröffentlichungen der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial weiß ich, dass der GULAG Sol-Iljezk eines der größten Durchgangslager war, wo die Opfer Stalins vor dem Weitertransport in die sibirischen Lager konzentriert wurden. Mehr als die Hälfte der Häftlinge überlebte Sol-Iljezk nicht, sie starben an Hunger, Kälte, Misshandlungen und vor allem an Typhus.
So auch Carola Neher 1942, die berühmte Berliner Schauspielerin, erste Frau von Klabund, Brecht-Freundin, als Polly Peachum der Dreigroschen-Oper im Pabst-Film ein gefeierter Star, spielt Shakespeare, Schnitzler, Brecht, in Wien einmal Klabund – die schönste Frau Deutschlands, ein neues Role Model in allen Illustrierten. Nach ihrer Flucht in die Sowjetunion 1934 gerät sie in die Fänge des NKWD. Denunziert aus KPD-Kreisen als trotzkistische Verschwörerin, versteht sie nicht einmal die Anklage. Ihr zweijähriger Sohn kommt in ein Kinderheim für Volksfeinde.
Sie wird sechs Jahre durch alle möglichen Gefängnisse und Lager geschleppt und stirbt 1942 in Sol-Iljezk an Typhus. Erst 30 Jahre später erfährt der Sohn über Memorial, wer seine Eltern waren; sie werden rehabilitiert, und mit Unterstützung von vielen deutschen Kulturschaffenden und Zeithistorikern gelingt ihm die Ausreise nach Deutschland. Willy Brandt hat sich persönlich bei Breschnew für Georg Becker eingesetzt.

Rustam kennt diese Geschichte nicht. In seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit dem Wiener Vormärz. In Orenburg redet man lieber über Mammutknochen und Ziegenwolle, Rostropowitsch und Gagarin.
Es dauerte noch bis zum 5. Februar 2017, bis es dem Moskauer Memorial gelang, an der Krasnoprudnaja Straße 5 eine Tafel in russischer Sprache anzubringen:
Letzte Wohnadresse der Schauspielerin Carola Neher

Sechs Worte, nicht mehr und nicht weniger. Die von Information freie, fast zynische Lakonik lässt auf einen mühsamen Kompromiss zwischen Memorial und der wieder Stalin verherrlichenden Historiografie schließen. Nicht viel mehr als „schmecks“ in sechs mageren, leeren, nichtssagenden Worten. Eine Augenauswischerei, die wütend macht. Wer war Carola Neher? Warum letzte Adresse? Wer hat sie von dort weggebracht? Wann und wohin? Wem soll das etwas sagen? Den Moskauer Passanten?
Carola Neher ist in der Sowjetunion außer in einem deutschen Arbeiterclub nie aufgetreten, nur wenige Exilanten wussten überhaupt von ihrer Anwesenheit, sie gehörte nicht zum inneren Kreis der KPD, sie war naiv und kaum politisiert, hatte schwer zu kämpfen mit dem eigenen Überleben und ihren kleinen Sohn Georg durchzubringen. Ihr Mann Anatol Becker, ein rumänischer Kommunist, wird ganz zu Anfang des Großen Terrors erschossen.

Als Bert Becht 1937 auf seiner Flucht in die USA durch Moskau kam, wusste er von Carola Nehers Verhaftung, setzte sich aber nicht für sie ein. Es ist ein Briefentwurf an Lion Feuchtwanger, der in Stalins Gunst stand, erhalten, den er aber nie abschickte. Diese Menge an Verrat und menschlicher Niedertracht in einer einzigen Biografie! Man muss wahrscheinlich akzeptieren, dass das in jedem Menschen angelegt ist, wenn er Möglichkeit dazu bekommt. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd. Nur erinnern hilft. Ein wenig.
Die Mitgefangenen Natalja Ginsburg und Margarete Buber-Neumann erwähnen Carola Neher in ihren Memoiren, setzen ihr ein Denkmal in der Sprache.
Berlin Hellersdorf hat seit 1992 eine Carola-Neher-Gedenktafel, München eine seit 2005 und seit 2017 eine Carola-Neher-Straße.
Es war der dritte Tag in Orenburg, der 28. Jänner, der an russischen Universitäten traditionell als der Tatjana-Tag begangen wird, ein Fest, bei dem sich die Universitäten selbst feiern.
Je nach Lehranstalt mit viel Musik, Literatur, Schauspiel, Tanz, Sport, Party – und Reden, vor allem Reden.

Ich war an der linguistischen Universität eingeladen, und kein Mensch hatte mich gewarnt, dass man mich als „ausländischen Gast aus unserer Hauptstadt“ auf die Bühne rufen würde.
Eine Ansprache halten. Oh Gott, die Russen können das so gut wie keine andere Nation.
Sie glauben ehrlich, einem die größte Ehre zu erweisen und bringen einen damit in schreckliche Verlegenheit. Also, was sollte ich sagen? Weil gerade zuvor ein Studentenchor ein Stück aus der Zauberflöte gesungen hatte, fiel mir Mozarts Geburtstag am 27. Jänner ein. Zu Tatjana fiel mir nichts ein, so gratulierte ich ihnen zum Festtag der Studentenpatronin. Ich bedauerte, dass es bei uns einen solchen Brauch nicht gibt. Und da hatte ich einen Blitzeinfall: Es geht natürlich nicht an, dass sich irgendein lebender Mensch mit Puschkin vergleicht, ich zu allerletzt. Aber einen Vorteil habe ich vor ihm. Er hielt sich nur eineinhalb Tage in Orenburg auf, ich dagegen bin schon den dritten Tag hier.
Tosender Applaus, die Studenten warfen Blumen auf die Bühne, hoben mich hoch und trugen mich auf ihren Schultern zu meinem Platz.

Wien, 10.3. - 2.4.18

Veronika Seyr
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