Lebe wohl, Lakritz - Teil I

Zum ersten Mal sah ich Lakritz in meinem Lieblingskino namens „Der Strahl“. Draußen war es ein stickiger Sommerabend und ich war in den kühlen Kinosaal eingetaucht, wo „Gefühl und Verführung“ von Bertolucci lief, den ich bereits zweimal gesehen hatte und mit großem Vergnügen noch einmal sehen würde.
In diesem Kino wurden immer Filmklassiker oder neue Meisterwerke vorgeführt, deswegen war der ziemlich kleine Saal stets kaum zur Hälfte voll. Manchmal waren außer mir nur ein paar Leute hier, und da verstreut.

Ins Kino zu gehen war eines meiner intimsten Rituale, wofür ich mich emotional schon zu Hause vorbereitete. Der Tag fing immer sinnvoll an, wenn ich wusste, dass ich ins Kino gehen würde.
Manchmal fliehe ich dahin nach dem Stress, oder der Ermüdung, um mich wieder mit Lebensenergie aufzuladen.

Wie ich schon sagte, sah ich Lakritz an jenem Abend zum ersten Mal. Er saß einige Reihen vor mir, und ich sah seine schulterlangen Haare. Zwischen uns waren drei Jungs, die offensichtlich kein Interesse an dem Film hatten, sondern blöde Späße machten. Als Liv Tyler dem Künstler ihre Brüste zeigte, fingen die Jungs an, dreckige Kommentare abzulassen.
Ich ärgerte mich langsam. Ab und zu traf ich hier sinnlose Menschen, die kein Vergnügen am echten Kino fanden, und die anderen Zuschauer einfach störten. Ich tötete sie immer in meinem Kopf. Vermutlich hatte ich bereits über zehn davon in diesem dunklen Saal geschlachtet.

Ich könnte jemanden ermorden, aber nur wegen des Kinos!

Lakritz hatte sich schon einige Male mit unzufriedenem Gesichtsausdruck zu den bellenden Welpen umgedreht, und diesmal bat er sie, leiser zu sein, woraufhin die Jungs sich aufregten. Lakritz sagte ihnen noch etwas, was ich leider nicht verstand. Die Jungs forderten Lakritz auf, ihnen zu folgen. Er stand ganz ruhig auf, er war ziemlich groß. Er folgte dem Trio aus dem Saal. Ich wartete nicht lange und ging in einer Distanz auch hinaus. Draußen war es kühler geworden, und ich sah „Vanilla Sky“. Wenn ich einen solchen Himmel sah, wollte ich immer weinen, aber jetzt hatte ich keine Zeit dazu.

Ich sah deutlich Lakritzes Gesicht. Er war sehr hübsch, ein bisschen androgyn. Die schmale Nase und die sehr kantigen Wangenknochen wurden von warmen, braunen Augen gekrönt, in denen man sehr viel Leid ablesen konnte.
Er hinterließ nicht den Eindruck eines unglücklichen Menschen, aber man konnte merken, dass etwas ihm Sorgen bereitete, und ich erkannte mich in ihm. Ich hatte in mir auch diese süße Traurigkeit von unerfüllten Träumen, in denen die Hoffnung auf zukünftige Erfolge lebte, die half, diese Wehmut zu ertragen.

Plötzlich fiel mir etwas Rotes und Dünnes in seinem Mund auf. Ich schaute genauer hin und sah, dass es eine Lakritzstange war, wie ich sie in der Kindheit probiert und seitdem völlig vergessen hatte, obwohl sie mir sehr gut geschmeckt hatte.
Im chaotischen Alltag vergisst man sehr oft, was einem Freude gibt, dabei sind es genau solche Dinge, die uns von einem Tag zum nächsten helfen.
Während ich dies dachte, schlug einer der Jungs Lakritz mit der Faust an den Kiefer. Lakritz fiel auf den Boden, erhob aber sofort den Kopf und lächelte. Seine Lippe blutete, und er wischte das Blut sehr filmreif mit der Hand weg. Ich war einfach begeistert. Er suchte nach der Süßigkeit, die wie ihr Besitzer auf dem Boden lag, holte aus der Hosentasche eine neue Stange heraus, steckte sie in den Mund, schaute sich das Trio und dann mich zum ersten Mal an. Ich nickte ihm leicht zu und ging auf das Trio mit schwingenden Fäusten los. Lakritz stand sofort auf, und wir schlugen wie zwei tollwütige Löwen um uns. Die Jungs schrien und rannten weg, wie Hyänen.

Lakritz wischte den Dreck von seiner Kleidung schnell ab und bedankte sich bei mir.
„Wie heißt du?“, fragte ich ihn.
„Lakritze“, antwortete er, und wir gingen zurück ins Kino, wo ich mich zu ihm setzte.

Ab und zu sah ich ihn an. Er guckte begeistert zur Leinwand. Ich Unbedarfter hätte nie gedacht, dass es auf dieser Welt noch so einen ratlosen Kinomaniac wie mich gibt. Wie grenzenlos begrenzt sind wir!
„Zum ersten Mal?“, fragte ich ihn leise.
Er drehte sich zu mir und lächelte.
„Zum sechsten“, dann guckte er weiter.
Wäre das Leben ein Kinofilm, er wäre ein perfekter Charakter. Ein absoluter Lieblingsheld.

Als wir das Kino verließen, fragte ich ihn, ob er ab jetzt vorhätte, öfter hierher zu kommen. Er nickte mir zu und verabschiedete sich mit Handschlag, wie in einem Film der aus der Haft entlassene Alain Delon von einem Polizisten, und ich rief aus:
„Vier im roten Kreis.“
Er hielt an, drehte sich um und lächelte wieder „Bis morgen, mein Freund.“

Aus einem unbekannten Grund folgte ich ihm. Er lief ziemlich angespannt, als ob er spürte, dass ihn jemand verfolgte, aber er drehte sich nicht um. Unterwegs stolperte ich mehrere Male. Die Passanten schauten mich komisch an. Ich schätze, dass meine Aufregung mir auffallend wie eine kaukasische Nase im Gesicht stand. Bald bog er um die Ecke, und ich auch. Er stand da mit verschränkten Armen auf mich wartend.
„Du bist genau so ein lächerlicher Detektiv wie Jean-Pierre Léaud“, sagte er, und ich schämte mich wie ein kleines Mädchen, das aus Neugier etwas verbrochen hatte.
„Bis morgen“, wiederholte er und ging.
Ich stand da, bis er verschwand, und machte mich mit langsamen Schritten auf den Rückweg.

Ich folgte den nächtlichen Straßen, wobei ich verschiedene Geräusche und Düfte einfing. Die Nachtbeleuchtung fand ich sehr interessant. All die kleinen, farbigen Lichter gaben mir das Gefühl, in einer anderen Dimension,  jemand anderer zu sein, der keine Vergangeheit oder Zukunft, sondern nur diesen traumähnlichen Augenblick hat, in dem er für immer gefangen ist, und das Schönste oder das Schlimmste ist, dass er gar keinen Ausweg sucht, weil es ihm in dieser mystischen Geborgenheit, wie in den Armen eines schmerzlosen Todes gefällt. Das Wissen, dass man für nichts mehr verantwortlich ist, wirkt so befreiend und gleichzeitig zerstörend, denn es heißt nur, dass es dich nicht mehr richtig gibt, und alles was du tun musst, ist rumschweifen, bis ein Fremder deine Rolle endlich übernimmt.
Diese Atmosphäre wurde am besten in den amerikanischen und französischen Filmen der 70er-, 80er-Jahre dargestellt.
Die leuchtenden Fenster bargen, wie Galaxien, einzigartige Geheimnisse.

Gutes Kino ist wie Magie. Es hilft einem, in eine vergessene Vergangenheit zu gelangen. Meine Gedanken zwangen mich, an meine einzige Freundin zu denken. Jedes Mal wenn auf der Leinwand ein Mann und eine Frau sich streichelten, erinnerte ich mich an ihre Berührung. Während sie neben mir lag, hatte sie mich oft angesehen und mit ihrem Finger zart meine Lippen und meine Nase gestreichelt, als ob sie meine Gesichtslinien genießen würde. Ich konnte bis heute nicht verstehen, was sie an mir so geliebt hatte. Ich war ein ganz unauffälliger Bursche. Also wie es mir schien, sah sie jemanden anderen in mir, den sie selbst erschaffen hatte. Sie liebte ein Phantom.

Ein Mädchen, das mit ihrer Mutter und Schwester im Nebenhaus wohnte, erinnerte mich sehr an sie. Wir begegneten uns ziemlich oft, und ich mochte sie. Ich und Greta begrüßten uns beim Treffen nie, aber wir wollten uns offensichtlich kennenlernen.
Ich dachte ziemlich oft an sie, aber ich versuchte die sexuellen Fantasien loszuwerden, weil ich sie in meiner Vorstellung nicht entwürdigen wollte.
Ich spürte einen unerklärlichen Drang, etwas zu tun, und bevor ich zurück nach Hause ging, spazierte ich in einen Blumenladen, den die Verkäuferin schon zu machen wollte, um eine rote Rose zu kaufen.

Mit der Rose in der Hand schlich ich zu Gretas Briefkasten, wie ein Dieb, und sah mich um, um sicher zu gehen, dass mich keiner sah. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich entfernte alle Stacheln von der Rose und legte die Blume in den Briefkasten, an dem ich ein angeklebtes Bild eines Sonnenuntergangs bemerkte. Die Sonne berührte fast den Horizont, und ihr Strahl streckte sich über die Wasseroberfläche zum Kameraobjektiv. Ich wollte wissen, wer dieses Bild gemacht hatte. Es blitzte plötzlich am Himmel, und das freute mich sehr, weil ich sommerliches Unwetter liebte.
Bevor ich den Flur betrat, traf mich ein Regentropfen auf dem Kopf. Währenddessen stellte ich mir vor, wie die zur Schule gehende Greta sich morgen freuen würde, nachdem sie die Rose entdeckt hätte. Wen würde sie wohl als Rosen-Kavalier vermuten?

Am nächsten Tag waren ich und Lakritz im Café des Kinos. Am Nebentisch saß ein Junge. Er trug eine Sonnenbrille, der das linke Glas fehlte, genau so wie in der vorletzten Szene von „Bonnie und Clyde“, in der es Clydes Brille fehlte. Ich lächelte. Der Junge verstand wieso und war froh, weil jemand seine Absicht verstanden hatte.

Lakritz sah in die Ferne und erzählte mir.
„Ein junger Mann liebte Kino über alles. Er ging jeden Tag dahin und vergaß die Realität. Nur dort fühlte er sich glücklich. Eines Tages sah er auf der Leinwand die folgende Szene:
Ein junger Mann läuft eine von Laternen beleuchtete Straße entlang. Plötzlich bemerkt er rechts von ihm einen Mann, der an einer Ziegelwand lehnt, und langsam, mit tiefen Zügen raucht.
Der Mann hält vor dem Raucher ihn frech anstarrend an. Dem Raucher gefällt das nicht und er fragt grob:
„Was willst du?“
Der Mann geht zu ihm, ohne zu antworten, und schlägt ihn so stark an den Kiefer, dass er ohnmächtig umfällt. Die einsame Zigarette liegt auf dem Bürgersteig und qualmt weiter in der Hoffnung, aufgeraucht zu werden. Der Mann beobachtet den Ex-Raucher, dann schleppt er ihn wie einen Kartoffelsack in die Dunkelheit und kehrt zur Zigarette zurück, hebt sie auf, lehnt sich an die Wand und raucht.
Das warme Laternenlicht beleuchtet die Wand so gut, dass man seine Struktur, ohne sie anzufassen, spüren kann. Der Film ist zu Ende.

Der Mann dehnt sich, steht auf und verlässt den Raum. Draußen ist es dunkel geworden. Er läuft über die Straße. Plötzlich bemerkt er einen Mann, der sich rauchend an eine Ziegelwand gelehnt hat.
Der Mann hält vor dem Raucher an und starrt ihn an. Dem Raucher gefällt das nicht und er fragt: „Was ist los?“
Der Mann geht zu ihm ohne etwas zu sagen. Der Rest ist schon klar.“ Damit beendete Lakritz seine Geschichte und schwieg, aber nach kurzer Zeit sprach er weiter.
„Kinematographie ist eine große Waffe, um die Menschen zu beeinflussen. Das wusste Lenin auch, vom Dritten Reich ganz zu schweigen.“ Und er schaute wieder in die Ferne.

Ich beobachtete ihn. Ich wollte schon immer so groß, dünn, sinnlich und ein bisschen neurotisch sein, mit langen Fingern, wie ein Klavierspieler. Die Mädels schwärmen für solche Typen.
„Wohnst du hier?“, fragte ich ihn nach einiger Zeit.
„Nein“, antwortete er aus seinen tiefsten Gedanken heraus, ohne mich anzusehen, und ich dachte, dass Freunde nicht die jenigen sind, die von einander alles wissen, sondern die, die einander nicht dazu zwingen, etwas von sich zu erzählen. Ich vermutete, dass Lakritz wegen jemandem in der Stadt war, und dieser jemand ihn quälte.
„Ich hab irgendwo gelesen“, sagte ich, „dass wenn James Dean nicht gestorben wäre, er statt Marlon Brando in „Der Wilde“ den Anführer der Bikerbande gespielt hätte.“ Meine Worte brachten Lakritz zurück. Er sah mich an und zuckte mit den Schultern.

Ein paar Meter von uns entfernt standen zwei Mädels und glotzten Lakritz an. Eine davon war eine ziemlich schöne Brünette. Sie tratschten und lachten ohne Grund, wie es bei den jungen Mädchen üblich ist, wenn sie die Aufmerksamkeit eines Jungen gewinnen wollen, aber Lakritz beachtete sie nicht. Dabei wusste ich ganz sicher, dass er sie bemerkt hatte. Er war einfach nicht interessiert und holte eine neue Lakritzstange aus seiner Hemdtasche heraus.

„Willst du?“, bot er mir an, aber ich nahm sie nicht, weil es sein Requisit war.
Die Brünette kam auf uns zu, ihre weniger attraktive Freundin folgte ihr verlegen.
„Wie heißt du?“, fragte die Brünette Lakritz.
Er sah sie mit schläfrigen Augen an und antwortete, aber es war ihr nicht genug. Sie wollte herausfinden, ob es sein echter Name war.
„Manches ist echt, aber manches auch nicht“, antwortete er und lutschte die Stange.

Sie wurde unsicher und versuchte das Gespräch wieder aufzunehmen. Ihre Freundin bemerkte jetzt mich. Hatte ich Glück... Die Brünette stellte sich dicht zu Lakritz und erhob sich auf die Zehenspitzen.
„Darf ich abbeißen?“
Lakritz schüttelte den Kopf.
Die enttäuschte Brünette machte einen Schritt rückwärts und schwieg, aber die Stille dauerte nicht lange.
„Welches Parfum trägst du?“
„Unisex“, antwortete er ohne jegliches Interesse.

Der Film fing gleich an. Es wurde „Meine Nacht bei Maud“ von Rohmer vorgeführt. Die Mädels hatten sich zwischen uns gesetzt, das nervte. Die Brünette saß natürlich neben Lakritz, und ihre Freundin stellte mir dauernd Fragen über den Film.
„Und gefällt es dir jetzt?“ Sie war richtig empört.
Ich drehte mich kurz zu ihr, um ein kaltes Ja zu sagen.
In diesem Moment nannte Maud den Charakter von Trintignant einen Idioten, weil er nicht zu ihr kam.
„Du bist auch ein Idiot“,  hörte ich sie zu mir sagen. Sie schaute total aufgebracht nach vorne.

Endlich hatte sie aufgehört, mit mir zu reden. Ich freute mich, dass ich den Rest des Films ruhig sehen konnte, aber langsam bekam ich schlechtes Gewissen. Eine Frau erweckt dieses Gefühl in einem Mann sehr leicht.
Ich sah sie an und versuchte mit ihr zu kommunizieren.
„Für einen Mann ist es sehr schwer, auf eine solch schöne Frau zu verzichten. Es ist eine heldenhafte Tat.“
Sie schoss ein „Psst!“ nach mir, ohne mich anzusehen.

Plötzlich bemerkte ich, dass die Brünette ihren Kopf in Lakritzes Schoß rhythmisch rauf und runter bewegte, aber er guckte den Film ganz entspannt, als ob nichts passierte.
Für eine Sekunde sah ich meine „Begleiterin“ an, die aus den Augenwinkeln heraus ihre Freundin beobachtete und den Speichel laut runterschluckte.
Ich schaute wieder zu Lakritz rüber. Er bemerkte meinen Blick und lächelte mich an.
Die Brünette erhob ihren Kopf und fragte ihn.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts.“ Ganz locker antwortete er.
„Ich möchte auch etwas Steifes in meinem Mund haben“, sagte sie genervt.
Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen und sagte.
„Er ist ein Held.“

Die Brünette sah mich mit Ekel an, stand auf und schleppte ihre Freundin weg, die mir mit aller Kraft auf den Fuß trat.
Lakritz machte seinen Hosenladen zu und setzte sich zu mir.
„Fellatio in Filmen, du fängst an.“
Ich massierte meinen verletzten Fuß und überlegte mir, mit welchem Film ich anfangen sollte.
„Dead Man“, sagte ich endlich.
„Ken Park.“
„Intimacy.“
„The Brown Bunny.“
„Submarino.“
„Im Reich der Sinne.“
Den hatte ich auch nennen wollen, aber jetzt kam mir nichts mehr in den Sinn. Ich verlor.
„Porträt in der Dämmerung“, verpasste mir Lakritz den Gnadenschuss.

„Ist ja gut!“
Lakritz streichelte mir über den Kopf und sagte herablassend:
„Es gibt noch viele ...“

Als wir rauskamen, verabredeten wir uns für morgen, und unsere Wege trennten sich.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18148

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *