Lebe wohl, Lakritz - Teil III

Es war ein langweiliger Abend. Ich stand mit geschlossenen Augen am geöffneten Fenster und atmete den frischen Duft des gemähten Rasens ein, der von Gretas Hintergarten kam. Der Duft brachte mir gesichtslose Erinnerungen. Auf einmal bekam ich Angst. Man vergisst so viel, dabei besteht das Leben zum größten Teil aus Erinnerungen. Der Mensch ist seine Erinnerungen, und wenn mich jemand fragen würde, wie alt ich bin, dann würde ich antworten: „So alt, wie viele von mir gelebte Sekunden ich noch in mir trage, denn mein Leben ist so lang, wie die Zeit, an die ich mich erinnere.“

Plötzlich hörte ich Lärm aus dem Hof und machte die Augen auf. Greta ging mit ihren mutmaßlichen Mitschülern zur Laube. Zwischen denen war ein rotznäsiger Junge, den sie offensichtlich mochte, doch der wusste sie gar nicht zu schätzen. Wahrscheinlich würde er ihr erster sein. Es ist immer so, immer! Jedes Mal, wenn ich mir eine hübsche Frau in den Pfoten eines Ungeheuers vorstellte, erwürgte mich jemand mit seinen unsichtbaren Händen.

Ich ging sofort in mein Zimmer und machte die Augen zu, verschränkte meine Hände hinter dem Kopf und bildete mir Folgendes ein: Ich sitze in einem sonnenartigen Ballon, der von meiner Energie wächst und dann explodiert. Die Explosion zerstört alles um mich herum, und ich stampfe durch die Asche meiner Einsamkeit.
„Exupery hat vor seinem letzten Flug gesagt, dass falls er abstürzen würde, er nichts bereuen würde“, sagte Lakritz.
Ich machte mir Sorgen, weil ich neue Emotion in seinen Augen sah. Er war ein unglücklicher Mensch geworden. „Mensch muss rechtzeitig und schön sterben“, fügte er hinzu.

Nach dem Film hielten wir vor dem Kino an. Er lächelte mich zum letzten Mal an und ging weg. Ich lief ihm nicht mehr nach, weil ich seine Entscheidung respektierte. Ich werde seine echte Geschichte nie rausfinden. Er wird für mich immer Lakritz bleiben.

Ich fiel aufs Bett und dachte: „Lakritz ist weg. Seine Rolle ist zu Ende. Er hat sie in seine Hand genommen. Er ist ein Regisseur geworden und hat seinen Film beendet. Was mich angeht, führe ich mein Leben weiter, ohne zu wissen wofür, übrigens wie die meisten Menschen auf dieser Welt.“

Stellen Sie sich vor, wie sehr ich mich wunderte, als ich ihn am nächsten Abend sah. Zuerst dachte ich, dass ich halluziniere, aber als er vor mir anhielt, roch ich seinen Duft, und ich war überzeugt, dass er es wirklich war.
Er las meine Gedanken.
„Es existiert nur das, was du anfassen kannst. Was du siehst, sind nur Bilder in deinem Kopf.“
Ich fasste seine Schulter an und spürte seine Atome.
„Ich war mir sicher, dass du nicht mehr kommst.“ Und ich fing an zu lachen, weil ich mich an meine dramatischen Gedanken erinnert hatte.
„Nein“,sagte er lächelnd, „Du dachtest nur, dass du dir sicher bist. Wärest du es, wäre ich jetzt nicht hier.“

Neben uns ging ein junges Mädchen vorbei, und es schaute mich aus irgendwelchem Grund schräg an.
„Erinnerst du dich an die Szene in „Arizona Dream“ in der Gallo von einem Flugzeug verfolgt wird und er schreit, dass er in einem Film ist?“
Ich nickte und wusste, was er jetzt sagen würde.
„Das Leben ist ein Film, und du entscheidest, wie es ausgeht. Hab keine Angst zu improvisieren! Mach alles, was immer du willst.“

Sein letzter Satz blieb in meinem Kopf zu stecken. Er klang wie ein Mantra: MACH ALLES, WAS IMMER DU WILLST!!!

Gewöhnlich tat ich nie, was ich wirklich wollte. Das heißt, dass ich mein Schicksal nicht im Griff hatte. Deswegen war ich so unglücklich. Um glücklich zu werden, ist es genug, die Ketten der Angst und Rücksicht zu zerreißen. In diesem Augenblick hatte ich eine geniale Idee, so glaubte ich wenigstens. Ich verstand, dass alles erreichbar ist. Ich musste nur den Arm ausstrecken. Bisher war ich stets mit gebeugten Armen gelaufen und jammerte nur, dass alles außer meiner Reichweite war.
Lakritz lächelte mich an. Er wusste bestimmt, was ich vor hatte, und ich wusste, dass er mir dabei unbedingt helfen würde.
Ich wusste bereits, dass Greta zum Fitnessstudio durch den Park ging und erst in der Dämmerung zurückkam, wenn fast niemand mehr in dem Park war.

Eines Tages parkten ich und Lakritz mit dem von ihm besorgten Lieferwagen vor dem Eingang. Greta ging in den Park rein. Wir folgten ihr unauffällig und blieben im Park. Lakritz setzte sich in meiner Nähe auf eine Parkbank. Währenddessen fütterte ich die Enten. Als sie das Brot in meiner Hand sahen, fingen sie an zu schnattern und schwammen gemeinsam zu mir. Ihre Füße waren nicht zu sehen, und man hätte den Eindruck bekommen können, dass sie mit dem Bauch auf der Wasseroberfläche glitten. Dem „Großen Fressen“ schlossen sich verschiedene Fische an und bissen ab und zu die Enten, die ihrerseits mit einem Klageruf wegschwammen, aber der Hunger war stärker, und sie kehrten immer wieder zurück.

Ich dachte, wir würden lange warten müssen, aber die Zeit verging sehr schnell. Lakritz pfiff nach mir, und als ich Greta in meine Richtung kommen sah, versteckte ich mich im Gebüsch, aber ich erinnerte mich sofort, dass ich derjenige war, der sie aufhalten musste, also kroch ich raus. Sie bemerkte mich bald und wurde ein wenig nervös. Ich lächelte sie an, und sie erwiderte es.
Sie hielt vor mir an und wartete darauf, dass ich etwas sagte. Ich kapierte, dass mein Plan alles ruinieren würde, weil sie offenbar ohnehin Interesse an mir hatte, aber es war leider schon zu spät. Lakritz schlich sich von hinten an sie und drückte ein mit Chloroform getränktes Tuch an ihr Gesicht.
Das Letzte, was ich in Gretas Augen sah, war Angst. Mir wurde schwindelig.
Wir brachten sie unbemerkt zum Lieferwagen. Wir hatten Glück, oder auch nicht.

Während wir aus der Stadt fuhren, bekam ich eine Panikattacke, aber sagte Lakritz nichts. Trotzdem bemerkte er es und lenkte mich ab.
„Welcher Film?“
Ich musste nachdenken, dann fiel mir eine Verfilmung ein, aber das Buch, wie es meistens ist, war viel besser.
„Der Sammler“, sagte ich.

Das ohnmächtige Mädchen fesselten wir in der Jägerhütte mit Lederriemen ans Bett. Die Taschenlampe beleuchtete diese Holzkonstruktion teilweise, und sie sah ziemlich mystisch aus. Draußen knisterten die Äste im Wind und raschelten die Blätter. Während ich der Symphonie des Nachtwaldes zuhörte, witterte ich den aufregenden Duft von Greta.
Ich saß auf dem Fußboden in der Ecke und beobachtete Lakritz, der seinerseits ziemlich lange Greta beobachtete und mir danach sein bekanntes Lächeln schickte.
„Und jetzt welcher?“
Ich hatte auf diese Spielchen keine Lust mehr, aber trotzdem antwortete ihm.
„Tanz der Teufel.“
Er war mit mir sehr zufrieden.
„Du hast einen guten Geschmack, sie ist entzückend.“
Es gefiel mir nicht, wie er über sie sprach, als ob er sie vernascht hätte.
„Es ist Zeit, die Praline zu enthüllen“, sagte er und zog Gretas Schuhe aus. Sie hatte kleine Welpen an ihren Söckchen. Sie war wirklich noch ein Kind!
Er zog ihr T-Shirt und auch die Leggings aus. Jetzt lag sie bloß in ihrer schwarzen Unterwäsche.
Mein Herzklopfen beschleunigte sich.

Er holte aus der Tasche eine Schere und beugte sich über sie. Mein Mund wurde ganz trocken. Er schnitt ihren BH in der Mitte durch und legte mit der Scherenspitze kleine, straffe Brüste frei. Greta stöhnte leise, verstört, und bewegte sich.
Er sah mich noch einmal an und setzte dazu an, ihren Slip an der Seite aufzuschneiden.
Ich stand so schnell auf, als ob der Boden mir einen Arschtritt verpasst hätte, rannte zu ihm und schleuderte ihn gegen die Wand.
Lakritz schaute mich enttäuscht an und versuchte etwas zu sagen, aber schaffte es nicht. Plötzlich realisierte ich, dass die Schere tief in seiner Brust steckte. Ich machte einen Schritt rückwärts und er sank zu Boden. Greta fing an, zu sich zu kommen. Ich befreite sie sofort und setzte mich wieder in die Ecke, dabei hielt ich die ganze Zeit mein Auge auf Lakritz, der abwechselnd mich und sie ansah. Sie setzte sich langsam auf und bedeckte ihre Brust.

„Zieh dich an, nimm die Taschenlampe und folge dem Weg nach unten“, sagte ich zu ihr.
Sie stand mit großer Mühe auf, stolperte einmal und rannte, wie sie nur konnte, los. Ihre Schritte wurden vom Lärm des Waldes verschlungen.
Ich blieb in der Dunkelheit und wartete, bis es heller wurde, dann versuchte ich vergeblich, Lakritzes erstarrte Augen zuzumachen. Ich nahm seine letzte Lakritzstange und steckte sie mir in den Mund, dann schaute ich zu dem BH, der auf dem Bett lag, und ging zu meinem bekannten Felsbrocken, aber die Kastanie war weg.

Später musste ich einige Tests machen, und der Staat hat mich in einer Irrenanstalt eingelocht. Die Ärzte behaupten, dass Lakritz nicht existiert, sie sind völlig verrückt!
Wie Lakritz sagte: „Manches ist echt, aber manches auch nicht.“ Demzufolge denke ich, dass diese hochgeehrten Ärzte nicht real sind.
Ich kann meiner Lage viele Filme zuordnen, aber ich werde es nicht tun!
Jetzt weiß ich, dass ich einen großen Fehler begangen habe. Man darf nicht einfach alles tun, was man will. Ich hätte auf Gretas Mutter hören sollen. Ich sollte warten, ich sollte ...

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18150

 

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