Schlagwort-Archiv: let it grow

Rehe im Weizenfeld

Große, braune Augen,
Sinnbild für Schönheit und Unschuld,
blicken mich an, nur einen Augenblick lang.
Dann flieht das Reh, springt grazil
über goldene Ähren,
die sich sanft
in der Sommerbrise wiegen.

Stunden vorher,
kurz nach Anbruch der Morgendämmerung,
zog mein Sohn los mit seinen Drohnen,
um Rehkitze zu suchen,
um letztlich drei zu finden,
die sich im Weizenfeld versteckt hatten,
all diese Schönheit, all diese Unschuld
vor dem Mähdrescher zu retten.

Wohingegen ich nicht mehr tun kann,
als all das aufzuschreiben,
um diese Bilder zu bewahren.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26171

Meine Blume

Es steht in den Himmel geschrieben.
Von Flugzeugen gezeichnet.
Schwimmende Wolken,
die sich anhäufen, regnen.

Tausend Tropfen braucht meine Saat zum Keimen.

Sich verflüchtigende Wolken,
die der Sonne Platz machen.

Tausend Strahlen braucht meine Blume zum Wachsen.

Die Saat keimte, meine Blume gedieh.
Erst der Herbstwind zerpflückte sie.

Tausend Schneeflocken deckten ihren wertlosen Stängel zu.

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Gräser mit Haaren und die alte Pusteblume am 21. September 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26173

Der Vater sitzt da

Als ich so sieben Jahre alt war und in der zweiten Volksschulklasse, fragte ich einmal meinen Vater, wieso er mit überkreuzten Beinen dasitze. „Es ist bequem“, antwortete er, „aber das darf man erst, wenn man erwachsen ist.“

Ich dachte, seltsam, doch ich glaubte ihm, natürlich glaubte ich ihm. Glaubt man seinem Vater nicht alles, wenn man ein noch junges Kind ist?

Die Frau mit dem Turban sitzt mit überkreuzten Beinen im Fenster

Die Frau mit dem Turban sitzt mit überkreuzten Beinen im Fenster

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26108

Die Blumen am Mittelmeer

er war kein Botaniker
eher das Gegenteil
er konnte Gänseblümchen
nicht von Narzissen unterscheiden
aber als er das Arbeitszimmer ausräumte
in seinem Haus
das so alt und so erschöpft war
wie er selbst
fand er ein illustriertes Buch
„Die Blumen am Mittelmeer“
längst vergessen
aber freudig wiederentdeckt

nun in seiner winterlichen Pensionärs-Zelle
studiert er all die lateinischen
Bezeichnungen darin
um sie schnell wieder
zu vergessen auf seinem Frühlings-Flug
in den Süden
wo er lernen wird
sie anzuschauen, zu riechen,
wie verzaubert ganz sanft zu berühren
die Blumen am Mittelmeer

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26049

Rapunzel

Im finstern Wald,
da wohnt ein altes Weib
mit einem schönen Garten.
Und wenn’s im Frühjahr nicht zu kalt,
hat sie dort Zwiebel und Salat.
Sonst braucht man von ihr nichts erwarten.
Das eine sag ich euch.

Einmal, da stiehlt der Nachbar ihr
ein wenig von dem grünen Zeuch.
Sein Pech, die Alte war schon munter,
als in den Beeten er herumgezischt,
mit einem Messer.
Da hat sie ihn erwischt.
Hätt’ er’s im Geschäft gekauft,
wär’s für ihn besser.

Die Alte aber, und ich will nicht lügen,
fordert für diese Tat das erste Kind,
sollt’ er mit seiner Frau einmal eins kriegen.

Die Wahrheit lässt sich nicht verbiegen,
warum nicht gar!
Das Schicksal will’s,
schon übers Jahr geschieht’s,
dass diese eine Tochter kriegen.

Die Zeit verrinnt, der Alten Wille
ward durchgesetzt.
In ihrem Garten wächst jetzt Dille.
Die Eltern waren bass entsetzt.

Die Greisin sperrt das junge Wurm,
weil’s ihr zu schön,
in einen Turm.

Da kam, nach einer guten Weil,
ein Prinz vorbei.
Der hört das Mädchen singen,
und denkt, der müsst ich mal ein Blümchen bringen.

Da sieht er, wie ’ne alte Frau,
emporklettert an diesem Bau,
hinauf zu jener schönen Maid,
so flink und rasch, es is’ ’ne Freud.
Und wisst ihr auch, wie dies geschah?
Entlang an ihrem langen Haar!

Der Prinz, kaum ist er noch zu halten,
und, wie er’s gehört hat von der Alten,
he, du, ich will dich ja nicht drängen,
ruft er hinauf,
lass doch dein Haar mal runterhängen.

Nur leider bleibt die Zeit nicht stecken,
ich sag euch, es ist zum Verrecken!
Nix da, mir zieht’s die Augen ausernand’,
schon winkt sie ab mit einer Hand.
Heut wird’s nichts mehr, ich bitt’ dich, geh!
Und was du willst, das weiß ich eh!

Das ist wirklich unerträglich!
Hinaufklettern scheint echt unmöglich.
Doch was ihn so irre stiert,
die hat sich glatt die Haar rasiert!

Und zu sich selber sagt der Prinz,
du bist verrückt, du spinnst!
Dann jammert er, zum Herzerweichen,
da bleibt mir nur noch eins, mich schleichen.
Und sein Blick erhebt vom Boden
sich enttäuscht zu ihr nach oben.
Mit der Glatze und dem Schopf!
Was bin ich für ein armer Tropf!
Jetzt ist wirklich alles hin,
Das gibt’s ja nicht! ’Ne Punkerin!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow| Inventarnummer: 25120

Freundliches Universum

für Ansgar, einen Neuankömmling

Kann nicht nah genug sein
bei meiner Sonne,
meiner einzigen Sonne;
war immer ein Teil von ihr,
lebte durch sie;
sie ist alles an
Wärme, was ich will,
die Nahrung, die ich brauche,
ihr Puls der Rhythmus,
nach dem ich lebe

manchmal spüre ich,
dass es auch andere Planeten gibt,
die meine Sonne umkreisen;
sie tragen mich, bedecken mich,
reiben ihre raue Haut an mir,
der größte von ihnen
nennt mich seine Sonne
seinen Sohn, seinen Zweiten;
sie lehren mich zu greifen,
sie geben mir Geräusche
und Gerüche,

die von weit außerhalb
meiner eigenen kleinen Galaxie kommen
mit undeutlichen Botschaften:
Trotz all dieser Weite,
dieser Kälte, dieser Leere,
des schrillen Lärms, des harten Lichts,
des Nicht-verbunden-Seins
kann dieses Universum
sich immer noch als
ein rundum freundliches entpuppen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 25050

Rosarot ist seine Lieblingsfarbe

                 Ich laufe. Auf dem Gehsteig der anderen Seite steht ein Kleinkind mit rosaroter Hose
und Haube. Es ist Winter. Es sieht mir zu. Dann läuft es ein paar Meter, bleibt stehen
und sieht mir wieder zu. Es grinst breit.

Ich:          Ja hallo, du bist aber ein sehr lustiges Mädchen.

Mutter:    Er ist ein Bub. Lustig ist er, das stimmt.

Ich:          Aha, ich dachte nur wegen Rosarot.

Mutter:    Rosarot ist seine Lieblingsfarbe, deswegen.

Ich:          Na, das macht ja nichts. Interessiert er sich für Bagger oder Fußball?

Mutter:    Nein, er spielt gerne mit Puppen und macht ihnen schöne Frisuren.

Ich:          Ich verstehe, dann passt Rosarot doch gut zu ihm.

Mutter:    Ganz bestimmt ist das so.

Ich:          Er kann ja Pfarrer werden.

Mutter:    Er kann alles werden.

Die rosarote Maus, zusammengebundene Stäbe und die große Kluppe

Die rosarote Maus, zusammengebundene Stäbe und die große Kluppe

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 25004