Schlagwort-Archiv: Von Mücke zu Elefant

Ich war einmal 

Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besaß ich ein prächtiges Gefieder, ein stolzes Gemüt und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein schöner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem großen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle wäre mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.

Es waren unerwünschte Gefühle, die regelmäßig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gefühlen, war wohl die Möwe Jonathan unter dem Geflügel – zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifersüchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.

Mich quälte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine Körner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vorüber. Obwohl ich Tag für Tag zuverlässig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen pünktlich mit meinem Hahnenschrei weckte – nie wurde ich gelobt, nie getätschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.

Eines Tages war mein Frust so groß, dass ich mich beim Hund über diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schließlich: „Mache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.“

Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen dermaßen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und übte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.

Schon am nächsten Morgen schaffte ich es, hundeähnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tatsächlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vorüberzugehen, und betrachtete mich verwundert.

„Hast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln“, prahlte ich vor dem Hund.

Am darauffolgenden Tag begrüßte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerreißend. Lange, lange beobachtete er mich kopfschüttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!

„Er kann es nicht fassen, mich so lange übersehen zu haben“, erklärte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. „Er beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.“

„Kikeriwau, Kikeriwau-wau!“, schrie ich meinem Herrn durchdringend am nächsten Tag entgegen, spreizte sämtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis und warf mich ihm schließlich zu Füßen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich berühre.

Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kräftigen Arme. Überglücklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.

‚Jetzt, endlich, jetzt streichelt er mich‘, dachte ich voll Freude.

Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.

 (Erstveröffentlichung: Anthologie Zwischendurchgeschichten, 2020)

 

Claudia Dvoracek-Iby

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Marmot Dumpling Two

Meine Frau, unser Sohn und ich haben uns ein Murmeltier angeschafft. Wir planen, durch es zu Internetmillionären zu werden. Wir haben es nach dem legendären YouTube-Star Knödel benannt, der alles mit sich machen ließ. Es heißt Murmeltier Knödel Zwo, auf Englisch Marmot Dumpling Two. Es ist ein sehr putziges Kerlchen, fünfundfünfzig Zentimeter hoch und fünfeinhalb Kilo schwer, mit großen Schneidezähnen. Ursprünglich stammt es aus dem Himalaya. Es ist ziemlich dick.

Als es zu uns kam, wussten wir nicht, was es isst. Als wir in der Küche Schnitzel mit Bratkartoffeln und grünem Salat aßen, interessierte es sich nicht für das Fleisch. Aha, es ist Vegetarier, dachte ich. Wir ließen es dann über Nacht in der Küche herumlaufen, damit es sich akklimatisiert. In den Käfig wollten wir es erst in der zweiten Nacht geben.

Am nächsten Morgen sah es meine Frau als Erste. Sie hatte Blumen hingestellt, die auch Knödel Zwos Auge erfreuen sollten. Aber es waren keine mehr da. Die leuchtenden Pfingstrosen, bunten Tulpen und die weiße Lilie, alle bis auf ein paar Stängel verschwunden! In Knödel Zwos Bauch gelandet.

Na, macht ja nichts, dachte ich, wenn wir Millionen verdienen werden, kommt es auf die paar Blumen auch nicht an.

Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit
Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit

 

Johannes Tosin
(Text und Foto)

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Die eierlegende Wollmilchsau

Der ganze Stall ruft lauthals: „Wow!“,
als die eierlegende Wollmilchsau
auf ihrer Tournee durch die Welt
besagten Stall mit Ruhm erhellt.

Die Schweine grunzen aufgeregt
Jedes Huhn vor Freud’ drei Eier legt.
Die Milchkühe muhen ehrfurchtsvoll,
die Schafe blöken: „Mäh – bist du toll!“

Da krabbelt was über die Wiese –
und die Wollmilchsau kriegt die Krise.
Eine Seidenraupe! – bislang unbekannt,
ward gekommen aus fernem Land.

Die Wollmilchsau blickt aufs Raupentier
und sagt „O Gott, wie ich mich blamier!
Ich dacht bis heut, ich sei vollkommen,
doch du hast mir mein Glück genommen.

O Raupe wie sehr ich dich beneide,
um deine einzigartige Seide!“

Bernd Watzka
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Das Gummibärchen

Zwei armselige Zentimeter bloß
ist mein Gummikörper „groß“.
Das ist,  bei meiner Ehr’,
ein Hundertstel vom echten Bär’!

Mich gibt’s in fünf Farben ohne Scheiß:
Gelb, Grün, Orange, Rot und Weiß.
Zuerst bemalen sie mich bunt
am Ende droht der finst’re Schlund.

Doch ich werd euch das Mahl vermiesen,
mein Zuckeranteil sei gepriesen.
Eure Zähne mach ich wund
Plage sie mit Zahnfleischschwund.

Eurem Herz-Kreislauf schade ich mehr,
viel mehr als es könnt ein echter Bär.
Ich fress euch nicht, ich mach euch dick
Chronische Fettsucht – euer Geschick!

Also lasst mich doch in Ruh
und Frieden habt ihr dann im Nu.
Nie wieder mach die Kinder froh
und Erwachsene ebenso!

Bernd Watzka
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Die Würmer von der „Farm der Tiere“

Orwells Schweine sind an der Macht;
was hat uns Würmern das gebracht?
Wir leben auch auf jener Farm
und hätten’s gern im Winter warm.

Also lasst uns rein ins Häuschen
wir sind ein delikates Schmäuschen.
Ich nehm euch nicht auf den Arm –
gerne landen wir in eurem Darm

und dann, ihr nimmersatten Eber,
schlängeln wir uns in eure Leber.
Unsere Wege sind verschlungen
Letztlich landen wir in den Lungen.

Grunzt nicht so blöd, das ist kein Witz:
So ergreifen wir von euch Besitz!
Wer hätt’s am Anfang des Gedichts gedacht:
Am End’ sind wir Würmer an der Macht.

Bernd Watzka
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Spider Man’s Spinne

Niemand hat auf mich gewartet:
ich bin ja, wie man sagt, entartet.
Die Comic-Literatur befand:
Ich sei nur eine Notiz am Rand.

Doch ich, die radioaktive Spinne,
schärfte Peter Parkers Sinne;
hab ihn im Labor gebissen
und der Normalität entrissen.

Was ich will, ich kann’s euch sagen:
Ihr werdet mich auf Händen tragen –
hier mein Angebot ohne Beschiss:
Fünfzig Euro für einen Biss!

Bernd Watzka
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Hitchcocks Vögel

Wollt ihr wissen, warum wir im Film
so böse sind, so unglaublich schlimm?
Stromleitungen frech besetzen,
Menschen töten oder schwer verletzen?

Manche meinen, wir sind ein Symbol
für verlorenes Menschenwohl.
Andere meinen, es geht um Ökologie:
Rache der Natur an Technologie.

Andere glauben, es geht fürwahr
um Kommunismus und Kriegsgefahr.
Alles falsch, ihr irrt euch wie immer.
Worum es geht – ist viel schlimmer.

Den Grund für unsere blutigen Taten,
ich werd ihn hier und jetzt verraten
(sonst werdet ihr ja nimmer froh):
Wir verübten die Angriffe – einfach so!

Bernd Watzka
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Der böse Wolf in der Ambulanz

Der böse Wolf kommt in die Ambulanz,
halb tot hofft er auf Resonanz:
„Ich hab Rotkäppchens Steine im Bauch –
Soforthilfe ist, was ich jetzt brauch!“

Ein Arzt untersucht den Bauch so drall
und zertrümmert die Steine mit Ultraschall.

Der Wolf fühlt sich leicht wie ein Falter
und tänzelt frohlockend zum Schalter.
„Hier die Rechnung. Die Kasse zahlt nicht!“
Der Wolf sieht die Summe – sein Augenlicht bricht.

Bernd Watzka
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Der Bundesadler

Ich bin Österreichs Wappentier,
Seeadler sagt man auch zu mir.
Ich halte zu meinem Missfallen,
Hammer und Sichel in den Krallen.

Die Kette dazwischen ist gesprengt,
ein Grafiker hat sie dort hingehängt.
Vorm Bauch ein Schild in Rotweißrot –
ich seh damit aus wie ein Idiot.

Am Kopf hab ich ein Mauerkrönchen,
kaum größer als ein Käferböhnchen.
Und weit gespreizt sind meine Schwingen;
ich bin vor Zorn kurz vorm Zerspringen!

Ich frag mich: Wie komm ich zur Ehre,
dass ich als Wappentier vermehre
den Ruhm von eurem kleinen Land?
Das ist eine Anmaßung allerhand.

Die Sache ist komplett missglückt
weil ihr euch mit fremden Federn schmückt.
Zuerst rottet ihr mich beinah aus;
dann komm ich aufs Wappen – o Graus!

Bernd Watzka
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