Schlagwort-Archiv: Von Mücke zu Elefant

image_print

Ein Ohr taucht auf

Ein Ohr taucht auf – außen weiß mit drei kleinen schwarzen Punkten, innen weißer Flaum auf rosa Grund, ein zweites schiebt sich in mein Blickfeld. Und schon schnellt eine weiße Pfote vor, tastet das Leintuch des Bettes mit hektischen Bewegungen ab, prüft sozusagen, ob die Luft rein und das Bett frei von Feinden ist. Dann ertönt ein zirpendes Girren als Startsignal und mit einem eleganten Sprung landet ein weißes Wollknäuel auf dem Bett, auf dem ich, in ein spannendes Buch vertieft, liege, das ich aber beim ersten Auftauchen des weißen Ohres am Rande meines Gesichtsfeldes weggelegt habe. Geschmeidigen Schrittes stolziert mein Kater auf mich zu, springt auf meinen Bauch, zupft mit einigen nervösen Bewegungen an der Decke um das Vorhandensein etwaiger Feinde auszuschließen, dreht sich noch ein paar Mal im Kreis, um die beste Position ausfindig zu machen, und lässt sich dann schnurrend auf meinen Bauch nieder. Ich kraule sein weißes, buschiges Fell zwischen den Ohren und unter seiner Kehle, wo er es am liebsten mag – das Schnurren wird lauter und intensiver. Wir genießen beide diese gemeinsame Schmusestunde. Doch plötzlich schiebt er meine streichelnde Hand energisch mit seiner Pfote weg, steht steifbeinig auf, streckt sich, indem er kurz katzenbuckelt, und springt so rasch, wie er aufgetaucht ist, vom Bett.

Waltraud Zechmeister
www.waltraud-zechmeister.at

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19054

 

 

Zwei fabelhafte Philosophen

Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fröhliches Vogelgezwitscher war in den Bäumen neben dem Pferdestall zu hören. An der Raufe standen einige Pferde und mümmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die lästigen Fliegen. Die Ruhe auf dem Hof war an diesem Samstag ungewöhnlich, denn üblicherweise waren um diese Zeit schon einige Pferdebesitzer hier und gingen ihrem Hobby nach.

Zwei Pferde in der Herde fielen besonders auf: ein Wallach mit glänzend rötlichbraunem Fell, die gleichfarbige Mähne und das Schweifhaar mit feinen, goldenen Strähnen durchzogen, sehr athletisch gebaut, muskulös, mit kleinen Hufen, sein Name war Ben. Neben ihm stand ein Falbe, ebenfalls Wallach, elfenbeinfarbiges Fellkleid, brauner Aalstrich, Mähne und Schweifhaar waren dunkelbraun, einzelne blonde Strähnen hatten sich ganz keck darin verirrt. Sein Körperbau war eher kräftig, er wirkte viel schwerfälliger als Ben und hatte große Hufe. Sein Name war Johnny.

Johnny drehte sich zu Ben: „Ist dir schon aufgefallen, dass unsere Menschen gerade so wenig Zeit für uns haben?“„Ja, natürlich ist mir das aufgefallen. Die haben gerade auch andere Sorgen.“ Ben knabberte weiter am Heu.
„Aha? Welche denn?“, fragte Johnny. Ben schnaubte tief durch und zog die Nüstern zusammen: „Tönt doch aus allen Dingern, mit denen die Menschen auf den Hof kutschieren, auch über das Flimmerteil in der Reiterschenke, das man durch die offenen Fenster hört und aus den kleinen, dünnen, bunten Geräten, die die Menschen ständig in der Hand halten, da läuft auch immer irgendeine Warnung.“
Johnny hob den feudalen Kopf vom Heu, hörte zu kauen auf und starrte Ben an.
„Warnung? Wovor?“

Die anderen Pferde verzogen sich in den Schatten, ließen Ben, den Chef der Herde, und seinen Freund Johnny allein mit ihren Gesprächen.
„Sag, passt du überhaupt nicht auf, wenn die Menschen sich unterhalten? Gibt doch seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr?“, rügte Ben seinen Kumpel.
„Also ehrlich, die Menschen reden doch so viel. Wozu soll ich da noch hinhören?“, meinte Johnny und widmete sich wieder ausgiebig dem Futter.

Später zog plötzlich ein kräftiger Wind auf und nahm noch gleich ein paar Wolken aus dem Irgendwo mit, die, wütend wirkend, über den Himmel wirbelten. Abrupt hörte das Vogelgezwitscher auf und nun trotteten die Pferde, die zuvor dösend im Schatten gestanden waren, wieder zurück an die Futterstelle. Ben hob seine zarte Pferdenase gegen den Himmel, seine Ohren, wie Antennen, in ständigem Wechsel nach vor und zurück gewandt, seine Mähne wehte mit den anderen Pferdefrisuren um die Wette.
„Bald ist es so weit. Ich kann es ahnen“, meinte er schließlich.

Johnny zog seinen Kopf aus der Raufe, ging ein paar ausholende Schritte an den Zaun und hob ebenfalls, wenn auch bedeutend langsamer, die Nüstern in die Höhe.
„Hm … ich bemerke nichts. Du flunkerst.“ Er wandte sich wieder ab und stolperte über einen kleinen Ast, welcher zum Knabbern für die Pferde am Boden lag.
„Autsch! Verflixt!“ Verärgert über seine Tollpatschigkeit schüttelte er den Kopf, hob das imposante Hinterteil und kickte mit einem Bein kurz Richtung Ast aus. Das war aber auch schon alles, was er an Energie verschwendete.

Ein Traktor fuhr auf den Hof, ein junger Mann sprang aus dem Führerhaus und lief schnurstracks Richtung Wohnhaus.
„Jetzt sag schon, Ben. Was ist das nun für eine Warnung, die die Menschen so aus dem Gleichgewicht geraten lässt?“
„Ein Komet wird, Berechnungen zufolge, auf die Erde krachen. Ungefähr einen halben Tagesritt von hier entfernt soll er einschlagen. Die Menschen fürchten sich“, erklärte Ben endlich seinem Freund.
„Oh, das ist natürlich blöd für die Menschen. Wobei so ein Komet ja nur eine Naturerscheinung ist“, brummelte Johnny.

Der Wind wurde immer stärker, aber die Pferde schenkten dem Wettergeschehen keine Aufmerksamkeit. Einzig Ben beobachtete sehr genau die Vorkommnisse am Horizont.
„Wann sollte es denn eigentlich so weit sein? Wo ist der Komet gerade?“, fragte Johnny.
„Nach dem Wind zu urteilen, kann es nicht mehr lange dauern. Er müsste gerade dort sein, wo der Ozean die Erde berührt.“
Johnny trottete, nun doch etwas interessierter an der Sache, mit vom Wind zerzauster Mähne gemütlich zu Ben.
„Wird etwas Schlimmes passieren, Ben? Nein, oder? Das würde ich spüren“, sagte Johnny.
„Es wird ein Schuss vor den Bug sein, der Komet wird die Menschen vielleicht etwas erschrecken. Weiter nichts.“
„Und sie haben schon seit Wochen die Hosen gestrichen voll!“, prustete Johnny los und entblößte sein beeindruckendes Pferdegebiss. Ben und die anderen Pferde taten es ihm gleich und wieherten vergnügt in den Wind hinein.

„Meine Menschenfrau sitzt manchmal auf mir, starrt in ihr buntes, kleines Gerät in der Hand, nimmt mich gar nicht wahr. Sie ist nicht geerdet, nicht in ihrer Mitte, manchmal ist sie verspannt und so weit weg in Gedanken, dass mir ganz elend wird. Sie atmet nicht vollständig durch, sie atmet oberflächlich. Wieso ist das so, Ben?“,  fragte Johnny nun nachdenklich.
„Es sind nur Menschen, Johnny. Viele Sommer ziehen ins Land, und sie haben Stress, sie sind getrieben. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, wie wir es tun. Sie machen sich Gedanken, was morgen sein wird, und es ist ihnen nicht egal, was gestern war. Auch können sie dem Druck nicht weichen, wie wir das gelernt haben, für uns ist das überlebenswichtig“, klärte Ben ihn auf.
„Stress? Druck?“
„Ja, Johnny. Sie stehen unter Druck. Sie spüren sich nicht mehr wirklich. Aber du stehst beispielsweise auch unter Stress, wenn die Heuraufe leer ist und du kein Futter mehr hast.“ Mit einem Grinsen sieht er Johnny an.
„Das ist aber auch berechtigter Stress! Himmel, unvorstellbar, eine leere Futterraufe“, entgegnete er.
„Weißt du, Johnny, wir haben trotzdem Glück. Unsere Menschen sind gut zu uns. Sie legen ihr Herz in ihre Hände, in allem, was sie mit uns machen. Wir hätten es schlimmer erwischen können.“
„Das ist wahr, Ben. Aber ich bin trotzdem froh, ein Pferd zu sein. Im Hier und Jetzt leben, das hat schon was!“, Johnny marschierte wieder zum Heu.

Sonntag, 13.05.2018
Berlin: Komet Benjamin hat die Bundeshauptstadt gestern Mittag erreicht.  Die Stadt war menschenleer. Wie berichtet, wurde angenommen, der Komet könne direkt ins Zentrum der Stadt einschlagen und große Verwüstung anrichten. Zum Glück hat nur das goldene Schweifende des Kometen die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes gestreift. Das Stahlskelett der Kuppel mit 800 Tonnen krachte in den darunterliegenden Saal, der Boden ist übersät mit Glasscherben. Es wird einige Wochen dauern, bis der Bundestag wieder Sitzungen abhalten kann. Mit den Aufräumarbeiten wird morgen begonnen.
Komet Benjamin machte nur einen Kurzbesuch, neuen Berechnungen zufolge wird er erst in 78 Jahren wieder die Erdumlaufbahn passieren.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19047

Kaviar im Pelz - Die Abenteuer einer Kakerlake im Kreml

Ob es das Etui war oder die Brille, weiß ich nicht mehr so genau. Beide lagen auf dem Nachttischchen der Juri-Andropov-Suite des Hotels „Präsident“ und gehörten Hofrat Professor Doktor B.S., einem der Preisträger des „Ordens für verdiente Kulturarbeit“.
Ich erinnere mich nur noch daran, dass mich die verschmierten, kunstledernen Wischtücher ebenso anzogen wie die verführerisch nach Ohrenschmalz duftenden Brillenbügel, sodass mir die Wahl schwer fiel, worauf ich mich zuerst stürzen sollte. „Das Präsident“ – wie seine Bewohner nicht ohne Stolz sagen, ist erst seit wenigen Generationen meine Heimstatt und trotz meiner Anwesenheit eine der nobelsten Adressen in der Hauptstadt.

Vorher war ich im Hotel Lux, im Metropol und im National abgestiegen. Das Präsident ist ein protziger Ziegelbau zwischen dem Lenin-Prospekt und der Steinernen Brücke über die Moskwa und wurde im poststalinistischen Stil mit byzantinischen Elementen als ZK-Hotel der KPdSU erbaut. Nach einer moderaten Modernisierung durch den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Russlands ist es in „Das Präsident“ umbenannt worden. Alle 579 Zimmer tragen die Namen unbestrittener Persönlichkeiten des sowjetischen Lebens, angefangen bei Michail Kalinin, auch wenn nicht alle wirkliche Präsidenten waren, sondern anderweitig verdiente Persönlichkeiten wie die Schriftsteller Maxim Gorki, Pasternak und Scholochov, die Generäle Schukow, Suslow und Frunze, die ZK-Vorsitzenden Chruschtschov und Breschnew, Kosmonaut Jurij Gagarin und Raketenbauer Koroljov oder mein derzeitiger Gastgeber Jurij Andropov, der KGB-Chef und nachher der letzte Gensek vor Gorbatschov.
Viele wirklich wichtige Namen der letzten 80 Jahre sind natürlich nicht vertreten, weil sich das demokratische Russland noch nicht – oder nicht mehr – über deren ewige Bedeutsamkeit für die Weltgeschichte einigen konnte. So werden Besucher vergeblich nach einer Josef-Stalin-Suite, einer Trozky-, Kirov- Bucharin-, Kamenov-, Berija- oder Ordschonikidse-Suite suchen, auch wenn viele gerne einmal eine romantische Nacht unter dem Namen Molotov verbracht hätten, dessen Cocktails früher zu Berühmtheit gelangt waren.

Die Armee der staatlich beeideten Kammerjäger, hier Sanitätsbrigaden genannt, hat versucht, mich und meine Sippschaft auszurotten und aus dem Präsident zu vertreiben. Aber wir sind so alt und widerstandsfähig, dass uns die chemischen Keulen nichts anhaben können, weder das sowjetische Gegenstück zu DDT noch das neueste japanische Modell der euphemistisch genannten „Cockroach-Motels“.
Die KGB-geschulten Schädlingsbekämpfungsmeister haben schon längst die chemischen Keulen und den nach Lotosblüten und Mandelholz duftenden Mikrofilm in diesen bunten Papphäuschen gegen in Wodka getränktes Rattengift ausgetauscht – das bewährte Hausmittel, mit dem sie sich gegenseitig umzubringen versuchen, was uns Ureinwohnern dieses Landes aber gar nicht so unangenehm war. Schließlich erzählt man sich in unserer Verwandtschaft, dass unsere Familienmitglieder sogar die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll heil überstanden haben sollen.

Als der zukünftige Ordensträger B.S. im Andropov-Badezimmer – übrigens kaum kleiner als ein Pferdestall – das Licht andrehte, verzog ich mich schnell unter das Vileda-Wischtuch und konnte gerade noch an seiner Unterseite den grünen Aufdruck „Melitta-Kleemann-Optik-Wien“ – MKOW – erkennen. Licht an, das bedeutete Alarmstufe rot für unsereins, auch wenn Badezimmer und Toiletten nie zu meinen Lieblingsrevieren gehört hatten. Ich machte mir einfach nichts aus Nivea, Pitralon, Axe oder Schwarzkopf-Produkten der Ausländer, schon gar nicht aus Vim, Chloral, Meister Proper und Danchlor, die jetzt die neurussischen Sanitätsbeamten vermehrt gegen uns einsetzten.
All das befand sich in gefährlicher Nähe zu unserem einzigen wirklichen Feind, dem fließenden Wasser von Dusche und Wasserklosett. Ich wollte zwischen MKOW und Ohrenschmalzbügeln abwarten, bis der Zimmerkellner das zweite Frühstück servierte, und mir einige Brösel eines französischen Croissants oder eines altrussischen Pirogen einverleiben, auch wenn mir, ehrlich gestanden, die harte Kruste eines ordinären Schwarzbrotes immer noch am besten schmeckte.

Ich bin in meinem Geschmack sehr konservativ und bodenständig. Bei den vielen Neumodischkeiten bin ich manchmal zutiefst überzeugt, dass meine Stammesgenossen und ich die letzten Hüter der wahren russischen Tradition innerhalb und außerhalb des Präsident sind. Ihnen darf ich es ja gestehen, dass mir die direkten Abfälle, die menschlichen, noch immer am liebsten sind: Schnipsel von Nagelbetten, Fußsohlenharthaut, Schuppen, Nasenpopel oder Fingernägel zum Beispiel. Da weiß ich, dass wir unverbrüchlich zusammengehören: die Menschen und die Kakerlaken. Zu meinem Leidwesen werden sie aber immer seltener, da die neueste Generation von wasserdampfbetriebenen Klopfstaubsaugern sehr leistungsstark ist und kaum mehr etwas von diesen Köstlichkeiten übrig lässt.

Dove-Duschgel-, Gilette-Rasierschaum-,  und Axe-Behandlung waren vollbracht, da zog der feine Duft von Colgate-Zahnpasta durch meine Nüstern. Die liebe ich von allen Rückständen am meisten und hoffte, dass ich davon einiges wiederfinden würde. Der Juri-Andropov-Suite-Bewohner, der zukünftige Preisträger des allrussischen Ordens für verdiente Kulturarbeiter, Hofrat Professor Dr. Sigmund Berger, warf sich in die Schale eines guten schwarzen Smokings (Bekleidungsvorschrift der Einladung in den Kreml) und verabredete sich telefonisch mit seinem Kollegen L. H., der einen Korridor-Kilometer weiter in der Tschernenko-Suite residierte. Sie beschlossen, den Weg zum Kreml zu Fuß zurückzulegen, obwohl das Ordenskomitee eine nostalgische Flotte von schwarzen Zil- und Tschaika-Limousinen bereitgestellt hatte.

Die Professoren S.B. und L.H. gehörten zur unverbesserlichen Sorte von Russland-Romantikern, die auch noch im 7. Jahr des 21. Jahrhunderts nichts von ihrer seligen Studentenzeit der 60er Jahre aufgeben wollten, als sie uns Tag und Nacht in ihren Zimmerlöchern der MGU jagten, ihre respektablen, mit österreichischem Semperitgummi besohlten Hausschlapfen, ihre Oljoschin-, Kaverin- oder Majakovskij-Bücher nach uns schleuderten oder trotz eigener Gefährdung DDT- und Strychnin-Pulverstraßen in die Zimmerecken und um die Bettenfüße streuten.
Wenn sie nur gewusst hätten, welche köstlichen Nachspeisen sie uns damit bereiteten, hätten sie nicht all die Schmuggelmühen auf sich genommen, denn der illegale Import dieser westlich-imperialistischen Chemikalien in die Sowjetunion war strengstens verboten. Aber noch viel mehr lachten wir über die Castro- und Ho-Chi-Minh-Sandalen oder gar die Tito- Opanken aus Stroh, mit denen die jeweiligen Austauschstudenten uns zu jagen versuchten. Meistens fraßen wir diese Naturprodukte zur Gänze auf, Zuckerrohr, Bananen-, Reis- oder Haferstroh, wir fraßen uns bis ins Delirium. Herz, wenn wir eines hätten, was willst du mehr!

Ich erinnere mich noch gut an die Dissertation von S.B. – im Jahre 1967 residierte ich noch an der MGU – in der ich immer wieder etwas Frugales für mich fand. Zwischen den geistreichen Ausführungen zu Kaverins „Nord-Ost-Passage“ fand ich Krümel von österreichischem Kletzenbrot und Milka-Schokolade. In L.H.‘s Dissertation über den literarischen Vergleich der „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ mit dem „Nachtasyl“ Gorkis ergötzte ich mich an seinen großzügigen Nasenpopeln und Haarschuppen. Übrigens war das Kellerloch mein absoluter Lieblingstext von F.M. Dostojevskij, das bei unseren Historikern als die biologische und geistige Urheimat bezeichnet wird.
Es war das ein Roman über uns, die uralten, autochthonen Bewohner des Landes, ungeliebt, verfolgt, gejagt, verbannt, und doch unausrottbar wie die Altgläubigen. Die beiden Studenten plagten sich mit verschiedenen Deutungen zwischen bürgerlicher und sozialistischer Literatur, aber auf die naheliegendste kamen sie nicht, weil sie uns nicht zuhörten, sondern mit ihren Schlapfen nach uns warfen, wo immer wir auftauchten. Unbelehrbar, wie alle liebenden Russlandreisenden. Dabei ist alles auf der Hand gelegen, um nicht zu sagen auf den Fühlern.

Eine besonders unangenehme Erinnerung habe ich an Sigmund Bergers damalige Freundin Traude, die schöne Tochter eines Weinbauern. Sie hielt nichts von DDT, Strychnin oder anderen Hausmitteln, sondern setzte einen Weinviertler Flaschenwaschel als Hauptwaffe gegen uns ins Gefecht. Noch die Spitzen des Weinreisigs waren so sauer, dass ich persönlich eine Chlor-Spülung vorgezogen hätte. Offiziell beschäftigte sich die Traude mit ihrer Dissertation über einen Vergleich der Lyrik von Anna Achmatowa und Marina Zvetajeva. Die blieb leider unvollendet, sie hat sich mehr der Ausrottung meiner Sippe gewidmet als ihrer Dissertation.
Ich muss zugeben, dass Traudes Wirken in der MGU meine Familie fast zum Umziehen bewogen hätte. Aber ich bin immer noch da, und sie heiratete kurz danach einen lokalen ÖVP-Funktionär, gebar ihm vier Kinder, wurde eine perfekte Mutterhausfrau und hat ihr ausgezeichnetes Russisch nie wieder angewendet. Sicher hat sie ihren Weinflaschen-Waschel gegen ihres- und meinesgleichen auch bei sich zu Hause angewendet, wenn es da meinesgleichen gibt.

Jetzt wanderten die zukünftigen Preisträger des Kreml-Ordens für verdiente Kulturarbeiter – beide in ihren frischen Sechzigern – über den Kamennij Most dem Kreml zu und schwelgten in Jugend-Erinnerungen an der MGU, mit Kaverin, mit Oleschin, mit Majakovskij und dem guten, alten Dostojevskij. Die Erinnerungen an die schöne Weinbauerstocher Traude und ihren Weinflaschenwaschel bekamen einen besonderen Platz in der Mitte der Brücke, als die Freunde gleichzeitig zwei 5-Kopekenmünzen in die Moskva fallen ließen, eigentlich nur auf das Eis, denn die Moskva ist jetzt zugefroren.
Das alles sehe ich durch die Ritze des Brillenfutterals in der äußeren Manteltasche meines persönlichen Preisträgers, gut gebettet in die fetten Tüchlein der WKOWW. Es stiegen noch die kleine, süße Natascha und die rassige Tanja aus der Geschichte heraus und belebten Geist, Herz und Glieder.
Ach, wie schön war es doch in der Jugendzeit mit den Russinnen! Unkompliziert, skrupellos wie sie waren, kamen sie immer schnell zur Sache und trieben es sehr wild mit den kleinbürgerlichen Söhnen des kapitalistischen Westens. Nie stellten die Nataschas und Tanjas Fragen, waren anspruchslos und dankbar. So glauben es die beiden bis heute. Nur ich weiß, dass sie KGB-Spitzel waren und alles feinsäuberlich der Abteilung 9 ihres Arbeitgebers in dieser ehrenwerten Organisation berichteten.

Wir drei waren auf dem Weg in den Kreml.
Rechts das Baltschuk- Kempinski-Hotel, links die halbabgerissene Ruine des Hotels Moskva. Ich zitterte, wenn er jetzt das Etui herausgenommen hätte, um die neue Baustelle näher zu betrachten, wäre ich auf die Eisschollen gefallen und hätte mich um eine neue Heimstatt kümmern müssen: Gottlob erwärmten meinem Preisträger die Studentenzeitreminiszenzen so sehr das Herz, dass mir in meinem Futteral in der linken Brusttasche fast heiß wurde. Fast am Alexander-Garten angekommen, brauste an uns der Präsidentenkonvoi vorbei und durch die 9 Meter dicken Tormauern in den Kreml hinein.

An der Ecke des Manege-Platzes könnten wir durch das Troizkij-Tor in den Kreml einbiegen. Aber meine Preisträger entscheiden sich für einen Spaziergang die Tverskaja hoch bis zum Puschkin-Platz, wo schräg gegenüber seiner Statue mit dem geneigten Kopf der erste McDonald's -Palast Moskaus sehr viel mehr thront als der verehrte Dichterfürst.
Wohl eingedenk der Bankette, die Kaiser Franz Josef I. in der Hofburg abhielt, bei denen fast alle Gäste hungrig weggingen, füllten sie sich die Mägen mit einem Doppeldecker-Hamburger und Pommes.
Da es ja ihre erste Einladung in den Kreml war, konnten sie nicht wissen, dass der Präsident die gegenteilige Taktik verfolgte: seine Gäste mit einem Überangebot einzuschüchtern und mundtot zu machen. Zurück zum Manegen-Platz, zum Denkmal der Heroenstädte mit Wachwechsel, ewiger Flamme und fotografierenden Hochzeitspaaren erreichen sie, vorbeihastend am Leninmausoleum, das Spasski-Tor.

Hier, bei der ersten Wachta innerhalb der Kreml-Mauern, wurde es für mich zum ersten Mal wirklich kritisch. Die Professoren mussten den diensthabenden Soldaten die Einladung vorweisen, sich mit ihren Pässen identifizieren und alle Taschen leeren. Mein Preisträger legte sein Brillenfutteral auf den Tisch, ein Soldat öffnete so rasch, dass mich der kalte Windhauch glatt herausgeweht hätte, wäre ich nicht tief in einer Falte des Wischtuches gelegen. Nur ein paar Meter weiter im Kontrollraum der Kreml-Miliz die gleiche Prozedur, nur dass die Preisträger hier auch noch ihre Mobil-Telefone abgeben mussten, was mir jetzt schon gleichgültig war.
Einen Schock erlebte ich noch, als an der dritten Kontrollstelle, die von FSB-Beamten in Zivil gehalten wurde, sich mein Professor – wahrscheinlich war er schon leicht genervt von den vielen Kontrollen – so ungeschickt anstellte, dass er zusammen mit der Einladung auch das Brillenetui auf den Boden fallen ließ. Er hob es schnell wieder auf, weil die Geheimdienstler die Gästelisten durchsahen und den S.B. nicht sofort finden konnten, meinte er, ihnen behilflich sein zu müssen und setzte dazu seine Brille auf. Zu meinem Glück, ohne sie zu putzen oder einen Blick ins Innere zu werfen. Nun, da diese Hürden überwunden waren, fragte ich mich, ob mein Wirt die Brille in der Garderobe lassen oder in den Bankett-Saal mitnehmen würde.

Meine Vorfahren lebten seit Tschingis Khans Zeiten in den Kellern, Küchen und Garderoben des Kremls, aber unsere Familienchronik berichtet nichts darüber, dass es je ein Kakerlak in den Katherinen-Saal geschafft hatte. Viele glaubten noch immer das Ammenmärchen, dass Erdöl, Gas, Diamanten und Gold der Untergrundmotor der russischen Kultur seien. Sie leugneten beharrlich, dass mein Geschlecht es war und ist, das den Boden immer wieder neu aufbereitet. Mit mir und meinesgleichen stand das Reich an einer Zeitenwende, vergleichbar nur mit Jurij Gagarins Eroberung des Weltalls. Wir sind so unausrottbar und widerständig, dass uns die Goldene Horde, die Opritschniks, die Ochrana, die alten ZK-Vorsitzenden und die neuen Präsidenten so wenig anhaben konnten wie die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll.

Im Hotel Präsident hatte ich zuletzt 5 Frauen, jede von ihnen bringt mindestens 200 Kinder auf die Welt, und wenn sie nicht erjagt, vergast, verklopfstaubsaugert oder unter Absätzen zertreten werden, habe ich allein pro Jahr 1000 Nachkommen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 200 Jahren zählt allein meine Nachkommenschaft – hochgerechnet wohlgemerkt – 20 000 Mitglieder.
Und jetzt stand ich am Sprung in eine neue Dimension – ich würde der Erste meiner Sippe sein, der einem regierenden Präsidenten in seine grünen Augen blicken würde. Das Glück dieses Tages verließ mich nicht: Mein Preisträger entnahm seiner Mantelbrusttasche das Etui und steckte es – nein, nicht nach innen, sondern in die außenliegende Tasche seines Smokings, sodass ich durch den Spalt an der Rückkante eine gute Sicht auf die neue Umgebung hatte.

Die internationalen Kulturarbeiter – überblicksmäßig etwa 500 – wurden nun von einer Schar goldbetresster, himmelblauer Uniformträger in eine lange Wandelhalle gewiesen, die Fensterfront mit dicken Wolkenstores verhangen, von der Decke alle 10 Meter ein Luster, die Wände mit Fresken, Goldgirlanden und Stuck dekoriert. Während des Wartens sehe ich halbnackte Göttinnen, Nymphen und Musen, die sich an Bächlein, in Hainen und Tempeln tummeln. Aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt in Endlosschleife die Freude, schöner Götterfunken, bis ein voller Gong ertönt, so tief, als würde Gott zur Erschaffung der Welt gerufen.
Es war nicht Gottvater, sah ich, als die Flügeltüren aufgingen und den Blick auf den Katharinen-Saal freigaben. Was heißt hier Blick: Die frische Goldpracht blendete derart meine lichtempfindlichen Augen, dass ich sie erst einmal wieder schließen musste. Den meisten Preisträgern erging es genauso. Wie Hampelmänner rissen sie ihre Arme hoch und bedeckten ihre Augen. Wegen der kollektiven Blendung kam es zu einem Gedränge vor den Saaltüren, das aufzulösen den Kremllakaien durch geschicktes Manövrieren schnell gelang. Meine Artgenossen und ich sind von Alter und Kontinuität her die wahren Stadthistoriker und natürlich auch mit der Kreml-Geschichte bestens vertraut.
Der Katharinen-Saal ist ein klassizistisches Gesamtkunstwerk in Blattgold, Schwanenweiß und Lindgrün. Das Riesen-Oval mit seiner hohen Kuppel atmet die Weite des Imperiums und die Nähe der alten und neuen Zaren. Vor den haushohen Spiegelwänden stehen mit Edelsteinintarsien verzierte Tische, darauf goldene Kandelaber und Standuhren.

Wenn ich nicht der lebende Gegenbeweis wäre, würde ich behaupten, dass sich in eine solche Pracht noch nie ein Kakerlak verirrt hatte. Geschichte schrieben hier andere. Molotov lud am 14. April 1955 zum großen Bankett und teilte der österreichischen Staatsvertrags-Delegation mit, was als „April-Wunder“ erinnert wird und das Glück auf den Gesichtern von Schärf, Raab, Figl und Kreisky für immer in die Spiegel eingekerbt hat.
Als hier im August 1990 der deutsch-sowjetische Vertrag unterzeichnet wurde, meinte Willi Brandt sogar, den „Mantelsaum Gottes“ durch den Saal rauschen zu hören; und Helmut Schmidt war und blieb der einzige Mensch, der es je wagte, hier eine Zigarette anzuzünden. Gorbatschow gab an dieser Stelle den Weg zur deutschen Einheit frei und Kohl dankte für das „Wunder von Moskau“.
Lenin, Stalin und alle Nachfolger machten sich wenig aus den Prunksälen im Kreml, bis Jelzin sie aus dem Dornröschenschlaf weckte. Er vergab an die Schweizer Firma MABETEX Millionen-Aufträge für die Restaurierung und blieb mit dem Schwarzgeld, das dabei für ihn selbst und seine Familie geflossen sein soll, jahrelang in den Schlagzeilen.

Unter den Lustern mit den Ausmaßen von Weltumrundungsballons standen in langen Reihen gedeckte Tische, nummeriert von 1 bis 50, ein Tisch an der Stirnseite mit der Nummer 0 war mit der russischen Fahne geschmückt – das war der Präsidententisch. Die blaulivrierten und goldbetressten Lakaien wiesen die Preisträger ihren Tischen zu, meiner bekam einen Platz an der Nummer 1, in Hörweite des Präsidentensessels. Wieder ertönte der strenge Gong mit dem Nachhall wie aus den Tiefen des Universums.
Aber nur unsereins weiß noch, dass er den Geheimnissen der altmongolischen Metalllegierungen entspringt.
Jetzt betritt mit raschen und federnden Schritten der Präsident den Katharinen-Saal und nickt zur Begrüßung ernst-huldvoll nach allen Seiten. Tosender Applaus steigt auf, endet aber abrupt, als sich Vladimir Vladimirowitsch auf seinem Platz niederlässt, seine Sitznachbarn sind der amtierende Kulturminister, der Erziehungs- , Atom- und der Außenhandelsminister, ein greiser Raketenkonstrukteur, ein noch älterer tschuktschischer Volksschriftsteller und die drei jungendlichen Gewinner der Russisch-Olympiade.

Ich kann mich glücklich schätzen, meine Sicht auf den Präsidententisch ist nicht schlechter als aus der Zarenloge im Bolshoj. Da im Ordenszuerkennungsdokument alle Verdienste der Geehrten aufgezählt werden, hält sich der Präsident bei keinem einzeln auf. Alle 500 haben sich die Verbreitung der russischen Kultur im In- und Ausland verdient gemacht, sodass sie ab jetzt den Titel „verdienter Kulturarbeiter“ tragen dürfen. Die meisten sind Lehrer, Professoren, Übersetzer, Wissenschafter, Chorleiter, Organisatoren, Museumsdirektoren, Verleger, Schriftsteller, aber auch Sportler, Schilehrer und Fitnesstrainer. Eingedenk der Vorgeschichte des Präsidenten als Geheimdienstoffizier haben sich seine Redenschreiber an das schöne Wort von Stalin über die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ (1935) erinnert und ihm für die Ausgezeichneten die „Ingenieure der Sprache“ ins Redemanuskript geschrieben.
Es geht nichts über eine ungebrochene Tradition, das kann ich am besten verstehen und goutieren. Gleich folgt noch eine Adelung: „Mensch – das klingt stolz“ sagte Gorki 1929 über den neuen Sowjetmenschen. Nicht ganz nachvollziehbar ist der unvermittelte Sprung zu Blaise Pascal (1655), der den Menschen als „ein denkendes Schilfrohr“ bezeichnete. Dieses Zitat sollte wohl des Präsidenten kritische und aufgeklärte Gesinnung zum Ausdruck bringen.

Mein Professor wurde ausgezeichnet für seine Bemühungen um die Ausbildung der österreichischen Hotellerie und Gastronomie im Sinne des umfassenden Wohlbefindens der russischen Touristen. Er verfasste Russisch-Lehrgänge für Kellner und Stubenmädchen, für Köche und Speisekartenverfasser, für Schilehrer, Chauffeure, Reisebüroangestellte und Verkäuferinnen, für Bürgermeister und Polizisten. Und umgekehrt bekamen die russischen Gäste in ihren Unterkünften einen „Kurzen Lehrgang der österreichischen Gastlichkeit“, ein „Kleines Russisch-Tirolerisches Wörterbuch“ und einen Führer „Alles zwischen Bar und Piste“, die „Kleine Geschichte des Wilden Kaisers“, „Kultur in Kitzbühel“, um nur einige zu nennen.

Die Titel waren so zahlreich, dass sie die des seit 1950 schreibenden tschuktschischen Schriftstellers bei Weitem überflügelten. Ich persönlich hielt den Chirurgen Gawril Ilisarov für die interessanteste Persönlichkeit an unserm Tisch. Er hieß auch der „Knochenbrecher von Kurgan“. Der kleine, weißhaarige Greis wurde von seinem unscheinbaren, bürokratischen Assistenten Andrej Popkov begleitet. Professor Ilisarov war während des Afghanistan-Krieges zu Berühmtheit gelangt, als er durch ein von ihm entwickeltes Verfahren zerbrochene und zersplitterte Knochen wieder einrichtete und damit Amputationen vermeiden konnte. Nach dem sehr langwierigen und schmerzhaften Heilungsprozess stellte sich heraus, dass seine Patienten gewachsen waren. Internationalen Ruhm gewann er, als er einem kleinwüchsigen arabischen Offizier, der sich kränkte, bei Paraden immer in den hinteren Reihen stehen zu müssen, mit einer Operation zu 10 Zentimeter längeren Beinen verhalf. Seither sind die „Beine von Kurgan“ der heißeste Schrei unter jungen Frauen, die sich durch Beinverlängerungen einen Traumjob als Model oder bessere Heiratschancen erwarten.

Wie ein Klappmesser im dunkelblauen Armani-Anzug, knapp wie ein Hackenknallen, setzt sich der Präsident nach seiner Ansprache auf den für ihn bereitgestellten, ein wenig nur höheren und ein bisschen reicher verzierten Stuhl (nein, nicht Thron!), worauf die 500 Preisträger auf ihren Plätzen einknickten. Vor ihnen stand eine Reihe von 6 angefüllten Gläsern, von rechts außen an Wodka, Wasser, Sekt, Saft, Weißwein und Rotwein, nach links je ein leeres für Bier, Whisky und Kognak. Jeden schirmte eine solche Gläserbarrikade vom Nachbarn und Gegenüber ab, dazwischen auf goldglänzenden Untersätzen eine Pyramide von Tellern und Schüsseln, deren weißes Porzellan mit lindgrünen Bordüren die Farben des Katharinen-Saales wieder aufnahm.
Mit einer gänzlich unprofessoralen Geste riss nun mein Preisträger das Wischtuch aus dem Etui und fuhr sich damit über die Augen. Nur mit der in Jahrhunderten antrainierter Akrobatik konnte ich mich gerade noch in der Ritze zwischen Metall und Velours-Füllung halten. Wenn so etwas wie ein Herz in mir gewesen wäre, hätte es jetzt einen Stillstand erlitten. Den Kreml-Gästen ging es nicht viel anders: Sie waren von der Gegenwart des Präsidenten so gelähmt, dass sie anfangs zu nichts anderem imstande waren, als zwischen ihren Fingern Brotstücke hin- und herzuwälzen, wobei auch einige Krümel in mein Versteck fielen.
Jetzt begannen die Lakaien in endlosen Reihen die Gerichte aufzutragen: Die Speisenfolge war so lang wie die Liste der Verdienste.

Goldfarbene Pirogen gefüllt mit Pilzen, Kraut und Fleisch, Schinken- und Käsetörtchen standen schon auf dem Tisch, von den 6 Schinken- und Wurstsorten, den 5 Salaten, den 4 Suppen (Gurken, Löwenzahn, Brennnessel und Farn) ging es weiter zu den Rindfleisch- und Heringssülzchen, Pilzgelee, Entenleber, Fluss- und Meereskrebsen, Fische geräuchert, gesalzen, luftgetrocknet und roh unter Bergen von Gemüse und Kräutern, Muscheln, Räucherlachs, roter Kaviar, Riesengarnelen von den Kurilen. Ich habe bekanntlich ein schlechtes Verhältnis zum Wasser und war daher an der Fischfolge nicht interessiert.
Aber eine Speise erregte doch meine Aufmerksamkeit: der „Kaviar im Pelz“, eine neue Kreation der Kreml-Köche. In eisgekühlten, von Kälte beschlagenen Kristallschalen liegen Berge von glänzendem Kaviar, dekoriert mit Strömen goldgelber Sauce hollandaise und mit roten Paprikaschoten, grünen Gurkenscheiben, orangen Karotten und gelben Zitronen dekoriert und mit einem Ring aus Hühnereihälften gekrönt.
Jede Schüssel ein Meiserwerk in perfekter Proportion, Form- und Farbgestaltung. Das schwarze Gold stammt von 3 Fischarten: vom Beluga, Ossjotr und Sevruga – Besseres hat Russland nicht zu bieten. Wenn die Preisträger in der Gegenwart des Präsidenten gewagt hätten auszuatmen, wäre jetzt ein Stöhnen und Raunen durch den Katharinen-Saal gegangen, auch eine Art „Mantelsaum Gottes.“

Der Kaviar im Pelz wurde gerahmt von Fischen aus allen Teilen Russlands, aus Flüssen, Seen und Meeren: Forelle, Thunfisch, Hecht, Karpfen, Zander, Wels, Lachs, Hering, Stör, gebraten, gebacken, in Buttersauce, unter Mandeln oder in Aspik. Mir war gerade ein großer Brocken von russischem Schwarzbrot in die Ritze gefallen, über den ich mich sofort hermachte, als ich meinen Professor etwas sagen hörte.
Ohne Anflug von Schüchternheit und gesund respektlos, wie mir scheint, grüßt er zum Präsidenten hinüber, gratuliert ihm zu den eben gewonnenen Parlamentswahlen und wünscht ihm und seiner Familie Gesundheit. Dieser nickt zurück, klappt die grünen Schildkröten- Augen auf und zu und antwortet laut und deutlich: „Danke, das Gleiche Ihnen!“

Die 9 Tischnachbarn des Präsidenten und die 9 meines Professors erstarrten, fielen vor Schreck fast in Ohnmacht und ließen ihr Essbesteck zwischen Teller und Mund stehen. Das schien meinen Ordensträger noch mehr anzufeuern, dass er sich an die ihm am nächsten Sitzenden wandte: eine alte Lehrerin, die seit 40 Jahren den Kindern der in Novaja Zemlja stationierten Militärangehörigen russische Sprache und Kultur näherbrachte, einen walisischen Gelehrten, der die 2000 Seiten von Tolstojs „Krieg und Frieden“ in seine Muttersprache übersetzt hatte (4000 Seiten in 6 Bänden) und einen russischen Biochemiker, der aus den Fäkalien der Kamtschatka-Rotkragenmöven ein vom Staat anerkanntes lebensverlängerndes Elixier entwickelt hatte.
Er müsse zugeben, dass es ihm hier im Kreml sehr viel besser schmecke als bei McDonald's , sagte er gar nicht leise in die Runde, sodass es auch an den Nachbartischen gehört werden kann. Eine Majestätsbeleidigung, ein Sakrileg, die russischen Kulturarbeiter verfielen in Angst- und Schüttellähmung, der altehrwürdige Kamtschatka-Möwenforscher verschluckte sich und konnte mit Narsan-Mineralwasser gerade noch vor dem Erstickungstod bewahrt werden.
Auch der Präsident hatte den Satz aufgeschnappt, er hob sein Glas auf meinen Preisträger und sagte wohlgelaunt in seine Richtung: „Ponjal, ich habe verstanden, danke Ihnen für das Kompliment.“

Nun marschierten die Kellner in langen Reihen herein und balancierten riesige Platten mit den Fleischgerichten auf ihren Schultern: Wiener und Milaner Schnitzel, Huhn, Ente, Truthahn, Fasan, Kalbsmedaillons in weißrussischen Herrenpilzen, Rehrücken in Rotkraut mit moldawischen Edelkastanien, Rinderfilet mit geschmorten Schalotten und Kartoffelkroketten, Beef Stroganoff mit kirgisischem Himalaya-Reis, ukrainische Sarma unter einem Gletscher von Sauerrahm, buttertriefende Kiewer Koteletts, kaukasischer Lammrücken im Speckmantel, georgischer Schaschlik auf Knoblauchbutterbett und sibirisches Bärentatzengulasch in Schamanensauce.
Ungefähr beim 13. Gericht hörte ich mit dem Zählen auf, weil auch mein Preisträger die Annahme von weiteren Speisen verweigerte. Dabei ging es noch weiter mit den Desserts, die ich aus meinem Schlitz nicht genau ausmachen konnte: schätzungsweise 15 Eis- und Sorbet-Sorten, Fruchtsalate, Beerenmischungen aus dem ganzen großen Reich, Kuchen und Torten, deren Namen ich leider nicht alle kenne. Nur so viel konnte ich erkennen: Esterhazy- und Sachertorte, Stefanie- und Kardinalschnitten, Schokoladerehrücken, Mohnguglhupf und geeiste Kaiserschnitte, dazwischen noch sehr viele Fantasietorten mit fetten Cremen und buntem Zuckerguss – aber leider reichten weder meine Sichtweite noch meine Küchenkenntnisse weiter.

Seien Sie versichert, es waren sehr, sehr viel mehr Dessert-Kreationen, die aus den Küchenverliesen des Kreml angeschleppt wurden. Dazu natürlich noch Kaffee, Tee, Kognak und Whisky und all das überflüssige Zeug. Über-flüssig, Sie wissen ja schon, dass ich eine tiefe Abneigung gegen alles Wasser, aus dem Wasser stammende und mit Wasser sich verbindende habe: Danchlor, Klopfdampfstaubsauger, Kaviar, Fische, Salate, Getränke und das Eis. Die Kreml-Strategen wussten sehr gut, wie man gleicherweise Freund und Feind ausschaltete. Warum ist noch niemandem der Gedanke gekommen, diese Methode einmal gegen mich und meine Verwandtschaft einzusetzen?

Übrigens bin ich noch am selben Tag umgezogen. Nein, nicht etwa in den Kreml, wo, wie Sie ja schon wissen, es mir nur begrenzt gefiel und ich daher nicht meine langfristige Zukunftsperspektive sehen konnte, sondern ich ergriff die erstbeste Gelegenheit zur Übersiedlung in eine andere renommierte Moskauer Lokalität. Die kam für mich völlig unerwartet und wie ein Geschenk des Himmels: Mein Trägerwirt, der frisch gebackene verdiente Volkskulturarbeiter der Russischen Föderation S. B. begab sich nach dem Bankett in die kremelnahe Starokonjuschennij-Gasse, an deren Nummer 1 sich die österreichische Botschaft befindet.

Ich persönlich habe ja keinerlei Beziehung zu diesem Ort, nicht einmal eine negative, wenn man wie ich weiß, dass diese Gasse sich mit der nach einer nahen Aufbahrungshalle benannten “Totengasse“ kreuzte und in unserer Geschichte einen prominenten literarischen Konnex hat. Graf Lev Nikolajewitsch Tolstoj siedelte an dieser Adresse das entscheidende, dramatische Ereignis in den 1200 Seiten der Liebe zwischen Natascha Rostowa und Fürst Andrej Bolkonskij an. Die junge, schöne, aber sehr naive und gefühlsverwirrte Natascha weilte gerade bei ihrer Tante zu Besuch, als sie plante, sich von dem betrügerischen Filou Denissov von dieser Adresse entführen zu lassen, um ihn geheim zu heiraten. S. B. aber hatte über sein vielleicht vorhandenes literarisches Interesse oder sogar Wissen hinaus eine Beziehung zur Mjortvych-Gasse.
Er wollte seiner jüngeren Schwester einen Besuch abstatten, die damals gerade das ÖKF leitete, als Kulturrätin dem „Österreichischen Kulturforum“ vorstand.

Als ältester lebender Stadthistoriker wusste ich natürlich sehr gut, dass die Österreicher eine der schönsten Jugendstil-Villen der Moskauer Altstadt bewohnten. Ein weitläufiges, cremefarbenes Gebäude mit einer dorischen Säulenapsis an der runden Ecke, in deren klassizistischem Kapitell neun schöne Musen ihren leicht beschürzten Reigen tanzten, den Blicken nur einigermaßen entzogen durch eine imposante Gruppe von 7 sibirischen Blautannen, die sich entgegen die schwierigen Luft- und Bodenbedingungen in der Moskauer Erde so gut eingewurzelt hatten, dass sie nun schon mit ihren Wipfeln nach dem zweiten Stockwerk griffen.
Die hohen Fenster, die festen Mauern und die schmiedeeisernen Zäune trotzten schon lange mit altmodischem Beharren den in dieses Viertel gesetzten Ziegelbauten für ZK-Mitglieder wie eine alte hölzerne Segel-Fregatte einem Panzerkreuzer; ein Kampfplatz, eine permanente Herausforderung und Demütigung. Dieses und ein paar andere Baujuwelen waren seit den brutalen Breschnew-Jahren eingekreist von 8-, 10- und 12-stöckigen Büro-Ziegel- und Plattentürmen, die die niedrigen Villen und Palais des 19. Jahrhunderts wie aus dem Himmel mit Krätze erstickten, abtöteten und auffrassen.

Die Gehsteige waren auch hier im ausgeprägtesten Botschaftsviertel krumm, mit zahlreichen Fallen übersät wie tiefen Löchern, hervorragenden Regenrinnen und niedrigen Vordächern; Und überhaupt die Stufen – das ist ein eigenes Kapitel, ach was könnte ich alles darüber erzählen, als Tarakan mit meinen sehr beweglichen 6 Beinen bin ich ja nicht direkt auf gerade, regelmäßige Stufen und Treppen angewiesen, aber abgesehen von unseren ewigen Konkurrenten, den Menschen: Sie brauchen sie viel eher als wir für die schnelle und ungehinderte Fortbewegung. Forthin stellte ich mir die Frage, sind die Europäer höher gewachsen oder gehen die Russen nur mit eingezogenem Kopf herum, haben die Häuserbauer hier keinen Meterstab oder sind sie beim Ausmessen immer nur besoffen? Fragen über Fragen, wer stellt sie sich schon?

Das sage ich nur als ein alter, wissender und neutraler Stadthistoriker, meine persönliche Passion ist eher egoistischer Natur: Wo kann ich ankommen, überleben und mich fortpflanzen.
Sehr schnell erkannte mein Blick aus dem Futteral – oder hatte ich das schon früher gewusst? – die österreichische Botschaft Ecke Starokonjuschennij – Mjortvych pereulok hatte eine in Moskau seltene Eigenheit: Sie verfügte über ein tiefes Kellergeschoß. Das sah ich sofort, als wir dort ankamen. Ob das eine Eigenheit der besonderen russischen Kultur am Beginn des 19. Jahrhunderts war oder der österreichischen Architektur geschuldet ist, leider, ich muss Sie enttäuschen, ich weiß es einfach nicht.
Aber der Anblick dieses tief gelegenen, mit verliesgleichen Fenstern ausgestattete Untergeschoß ließ mein Herz – hätte ich eines – höherschlagen. Die zausigen Fliederbüsche entlang der Längsfront des österreichischen Palais beeindruckten mich nicht sonderlich, wirkten eher bedrückend auf mich, weil ich doch aus Erfahrung wusste, dass Flieder unserem Geschlecht nicht gut bekommt, die Büsche sind Gift für uns. Flieder, Lilac und Sirenj, aber das weiß niemand, nur mit Flieder könnte man uns bekämpfen und ausrotten. Zum Glück wissen sie nicht, dass Flieder für unsereins tödliches Gift sind. Nicht DDT, nicht ihre Dampfklopfstaubsauger, sondern einfach nur Flieder.

Mit einigem Schrecken musste ich feststellen, dass es die sieben hohen, sibirischen Blautannen vor dem runden Salon nicht mehr gab. Einfach umgeschnitten, ratzeputz weg, wie nackt und kahl glotzte jetzt das neoklassizistische Halbrund auf die plötzlich dumm gewordene Kreuzung von Starokonjuschennij und Mjortvych. Geradezu obszön, abscheulich diese Halbkaryatiden unter ihren spätkorinthischen Kapitellen, fand ich, sieht das denn niemand außer mir?

Wo haben die Menschen nur ihre Augen und Fühler? Ist alles so schnell verlorengegangen, was unsere Stadt groß und berühmt gemacht hat? Unter uns haben wir dafür nur einen Ausdruck: nekulturno! Der neue Botschafter und seine sehr kultivierte Frau meinten, dass die sibirischen Riesen zu wenig Licht auf ihre Empfänge fallen ließen, dafür im Garten umso mehr Mist; als ob Tannennadeln Mist sein könnten. Herrgott, woher kamen denn diese Barbaren, dass sie sibirisches Moos, Flechten und Nadeln für Unrat hielten? Sie hatten keine Ahnung davon, dass es Jahrzehnte gedauert hatte, bevor sich diese Fremdlinge in der kargen Moskauer Erde verwurzelten und über die platten Karyatiden hinweg in die lichten Höhen des 2. Stockwerks wuchsen, wo wir unsere Freundinnen vom Übersetzerbüro beheimatet wussten. Eine große Enttäuschung, ein tiefer Schmerz, dieser Anblick.
Auf die Baumstümpfe wird dieser Botschafter im nächsten Frühjahr Gipsstatuen der neun Musen (zwei Postamente werden baumstammmäßig in Beton nachgebildet) stellen lassen, die er im Sonderangebot eines ihm befreundeten Kärntner Baumarktes auf Republikskosten bezogen hat und um ebensolche nach Moskau transportieren ließ.

Was die Botschaft aber für mich noch immer attraktiv machte, war die Küche im Keller, oder genauer: die Königin der Köchinnen in der Küche im Keller. Galina hat den Ruf, dass sie uns, die Tarakany, die Kakerlaken, die Küchenschaben von Herzen liebt, dass sie sie hielt so wie andere ihre Haustiere: Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Ratten oder Wellensittiche. Und nicht wie die übrigen Menschen es mit ihren Kühen, Schweinen, Schafen, Hasen, Gänsen und Hühnern machten: pflegen, füttern, streicheln oder sogar mit ihnen in ihrer Sprache sprechen. Aber wenn ihnen die richtige Zeit gekommen zu sein scheint, wenn sie gerade rund, fett oder richtig mager sind, dann peng, wumm, schlachten sie ihre lieben Tierchen, nehmen sie aus, zerteilen sie in alle verwertbaren Teile, füllen sie verwurstet in Gedärme, hängen sie in Räucherkammern, tieffrieren sie als Hälften, Schenkel, Rücken oder Steaks. Das Beste essen sie frisch, vor allem die zentralen Teile wie Herz, Hirn, Nieren und Leber lieben sie aufzubrutzeln oder in rohem carne.

Galina war da ganz anders. Wo andere der Ekel packte, da schaute sie erst recht hin. Sie hätschelte und verwöhnte uns aus vollem Herzen, stellte kleine Schüsselchen mit Brotkrumen, Milch, Käse und Honig in dunklen Winkeln auf, versteckte und beschützte uns vor wütenden Putzfrauen, Sanitärbrigaden und primitiven Aushilfsköchinnen, die zwar nicht kochen konnten, aber so taten, als hätten sie es dafür umso mehr mit der Reinlichkeit. Mochten sie auch selbst noch so schmutzig und unordentlich sein, hielten sie uns doch für die allgegenwärtigen, sichtbaren und unausrottbaren Ausgeburten des Schmutzes, der Unordnung, ja für das, was Russland wirklich ausmachte.

Ich konnte ihnen das nicht einmal übelnehmen, meine ich ja selbst, dass wir das Älteste, Tiefste und Echteste und Beständigste sind, was Russland je hervorgebracht hat. Wo sind denn die heldenhaften Rjurikiden, die Kiever Rus, die Romanows oder Bolschewiki? Alle versunken und verloschen im Ozean der Geschichte, nur mein Geschlecht bleibt und bereitet von unten immer wieder frischen Boden auf.

Warum konnte sich Galina gegen alle anderen durchsetzen und ihrer Tatakay-Leidenschaft frönen? Sie war nicht nur groß und dick und hatte einen Bartflaum auf der Oberlippe – wegen ihrer lauten, tiefen Stimme für den Kasernenhof wurde sie von allen Generalscha genannt – sie konnte auch wirklich gut kochen, die war nicht nur firm in der russischen Küche, hatte früher bei den Deutschen und den Schweizern gearbeitet, kannte sich also auch in der französischen und italienischen Küche aus, und was die Österreicher betraf, so lernte sie sehr schnell die Schnitzel-, Gulasch-, Apfelstrudel- und Vanillekipferlrezepte, dass der Salat mit einer Prise Zucker mariniert wurde, der Liptauer nur mit mildem Paprika zubereitet werden darf, der Gugelhupf Rosinen enthalten muss, die Sachertorte nur mit hausgemachter Marillenmarmelade gefüllt wird und noch ein paar Besonderheiten, über die die Botschafter-Gattin streng wachte.

In Galinas Reich war ich gut aufgehoben, es war eine standesgemäße Bleibe für den ältesten Stadthistoriker und sicher wie Abrahams Schoß. Denn russische Köchinnen ändern ihre Leidenschaften nicht oft. Was mich am meisten für sie einnahm, war aber, dass es bei ihr nicht nur das russische Schwarzbrot gab, sondern auch viele Arten von österreichischen Bäckereiprodukten, die einmal in der Woche frisch eingeflogen wurden.

Ein rascher Blick durch meine Sehspalte im Brillenetui ließ mich kurz zögern: Der Botschafter hatte offenbar auch den Innenwänden ein neues Aussehen verpasst, indem er sie mit einem lindgrünen – woanders würde man es vielleicht Pistaziengrün nennen – Ölanstrich versehen ließ. Es war nicht ganz so schlimm wie das klassische Erbsengrün der russischen Schulen, Spitäler, Ministerien, Kasernen und Gefängnisse, aber doch trieb mir die Erinnerung an diese Orte einen kalten Schauder über den Rücken, als mein Preisträger mit mir den Korridor zum Kulturforum in den zweiten Zwischenstock hochschritt.

Es war klar wie Wodka: An diesen glatten, kalten, ölbestrichenen Wänden würde nicht einmal ich, der beste Fassadenkletterer Moskaus, Halt finden. Ich musste auf schnellstem Wege in den Keller unter die Fittiche der Generalscha Galina gelangen. Auf dem Boden des Kulturforums nahm ich sehr schnell die Kabelkanäle für Strom, Telefon, Internet, Interkom und sonstige Elektronik wahr, durch die unsereins gefahrlos in alle Stockwerke des Gebäudes gelangen konnte. Wie sehr liebte ich doch die moderne Technik, mit der uns kein Stiefel, keine in- oder ausländische Giftkeule, kein Dampfklopfstaubsauger und kein Weinviertler Flaschenwaschel etwas anhaben konnten.

So sitze ich also jetzt im hintersten Winkel der diplomatischen Speisekammer und schreibe beim dämmrigen Licht der Kühltruhenkontrolllämpchen meine Aufzeichnungen auf, meinen glorreichen Weg vom Hotel Präsident über den Kreml ins russische Herz Österreichs. Links von mir die Regale mit heimischem Ziegelbrot, rechts von mir österreichisches Schwarzbrot, Kanten von Kärntner Speck, Tiroler Hartwürste, Rundkanister mit Mautner-Markhof‘scher Majonnaise, Waldviertler Honig und feinster Teebutter.
Neben Galina ist die Botschafter-Gattin Ursula meine zweite Göttin: Ihrer Sparsamkeit ist es gedankt, dass sie auch noch die letzten Brösel von Weihnachtsgebäck, Osterkuchen, Tortenböden, Canapés und Kaisersemmeln in Blechdosen aufbewahrt. Wäre ich gläubig, müsste ich meinen, dass es ein Himmelreich auf Erden gibt.
Aber auch W.W. Putin muss ich hochleben lassen: Hätte er nicht in S. B. den verdienten Kulturarbeiter erkannt und ausgezeichnet, wäre ich wahrscheinlich nie ins Paradies gelangt. Jetzt muss ich nur noch eine Artgenossin finden, und Russlands Zukunft wird auf immer gesichert sein.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 19039

Killer-Kühe (wäre der Titel in der Kronenzeitung)

Eine idyllische Mai-Wanderung mit Hindernissen

Anfangs widerstrebend, folge ich schließlich ihrem Vorschlag, nicht den Wasserfallweg zu nehmen, sondern über die Schoberkapelle ins Tal zurückzukehren. Isabella ist immer offen für alles, aber doch standfest und durchsetzungsstark. Zwei Argumente überzeugen mich:
Schau dir die dicke, schwarze Wolkenmütze über dem Schneeberg an. Da steckt viel Regen drin. Am Wasserfallweg kriegen wir sicher etwas davon ab und keine Aussicht. Außerdem bist du den so oft gegangen wie ich, und die andere Richtung kennst du noch nicht.
Bitte, aber an der Kapelle will ich eine Zigarette rauchen, im Rucksack hab ich meinen Kaffee dazu.

Das ist für mich der Übergenuss nach dem Mittagessen auf der Maumau-Wiese: Blunzengröstl mit Sauerkraut in der Pfanne.
Mensch, was willst du mehr?

Wir wandern eine flache Frühlingswiese hinauf und setzen uns vor der Kapelle aufs Bankerl.
Neben uns steht ein hölzerner Trog, in den aus einem Baumstamm Wasser plätschert.
Wir füllen unsere Trinkflaschen, herrliches Wasser, schmeckt nach Kräutern. Boggie bekommt sein Schälchen. Dann lagert er sich zu unseren Füßen und steckt den Kopf zwischen die Pfoten. Lange lassen wir den Blick schweifen, stumm. Der Ausblick auf die sanften Wiesenwellen verschlägt uns jedes Wort. Atmen wir überhaupt noch? Die Sonne ist über den Grat zurückgekommen, und die dunklen Wolken bleiben drüben stehen.

Meine Manie, Dinge beim Namen zu nennen, setzt sich durch. Ein leichter Wind bewegt die kniehohen Gräser, dazwischen Margeriten, gelber Hahnenfuß und Bocksbart, vereinzelt eine Trollblume und roter Feldmohn, Glockenblumen und Schafgarben, große und kleine Spieren in Weiß und Rosa, Wollgräser mit ihren wehenden Wattebäuschchen, das Zittergras tut das Seine im Wetteifer mit dem Wildhafer, niedriger die Wiesenorchideen von weiß über lila bis kardinalrot, darunter noch der blitzblaue Ehrenpreis, vermischt mit Wegwarte und Klee in allen Farben und Formen. Fifty Shades of Green. Die Wiesenhänge scheinen in Wellen zu wogen wie ein sanftes Meer, lautlos anbrandend an die Waldränder mit den rundlichen Bergrücken darüber. In der Mulde und am Hang gegenüber lagern Kühe, semmelblonde Flecken im Dunkelgrün. Ab und zu huscht ein Schatten über die Hänge, wenn eine Wolke vorübersegelt.

Die einzeln oder in kleinen Gruppen stehenden Tannen, Fichten, Lärchen und Föhren bilden dunkle Monumente im grünen Farbenmeer. Einzelne vom Schneeberg herziehende Wolken schicken Schatten über die Landschaft. Ist Isabella ebenso seekrank wie ich?
Schwindelig, selig so wie ich zwischen den blinzelnden Augen?
Ich glaube, solche Augenblicke nennt man Glück.
Was für ein schönes Wort, Augenblick, das hat nur das Deutsche.
Meinst du? Egal. Glück, das gibt‘s eh nur einen Augenblick.
... ist ein Vogerl ...
Schau, was sind das für große Vögel da oben? Könnten Falken sein.
Nein, nur Krähen.

Meine Stimme ist wie verschluckt und krächzt, aber ich versuche einen Kommentar:
Welcher Maler hat das gemalt? Ich erinnere mich an Matisse.
Isabella meint, es war Degas.
Nein, das war der mit den jungen Tänzerinnen.
Pissarro?
Das war doch der Tüpferlmaler, ein Pointillist.
Am ehesten Monet.
Wir einigen uns auf seine Wiesen an den Seine-Ufern.

Als wir aufbrechen, studieren wir die Wegweiser. Einer zeigt ins Tal und sagt Puchberg 1 1/2 Stunden. Das geht, dann sind wir um fünf in Puchberg. Wir haben beide vergessen, den Fahrplan für die Rückfahrt zu studieren.
In sanften Kurven schlängelt sich ein weißer Kiesweg mit einem Grasstreifen in der Mitte das flache Tälchen hinaus. Ich bin einverstanden, denn meine linke Hüfte macht sich langsam bemerkbar und will keine Steigung mehr, weder rauf noch runter. Die Orthopädin hat erst vor Kurzem festgestellt – altersgemäß abgenützt, aber noch keine Rede von Operation. Geht noch mit einer Spritzenkur. Am Boden dieser Senke sehen wir einen Bauernhof mit einem langgezogenen Stall. Kontemplativ bewundere ich die noch grasüberwachsenen Trittwege der Kühe, die sich die Hänge entlangziehen. Später im Sommer werden sie ausgetreten sein und aussehen wie erdige Narben in der Landschaft.

Ich erzähle von meiner Mutter, einer Salzburgerin, die beim Spiel immer gesagt hat, wenn es um das Lieblingstier ging, sie wollte eine Pinzgauerkuh auf der Alm sein. Dieser Frieden, diese Schönheit, dieses sanfte Gemüt und die seelenvollen Augen. Unter solchen launigen Gesprächen geht es abwärts.
Wir lachen, weil sich vor dem Stall schon drei Kühe angestellt haben, eine kleine Schlange zwischen den Gittern, die sie zur Melkstelle leiten.
Das sind die Streber, die immer die Ersten sein wollen. Ich hau mich ab, weil mich das an mich erinnert. Immer im Wettbewerb, immer die Erste.
Isabella lacht mit mir. Sie kennt das nicht, sie hat nur eine sehr viel jüngere Schwester.

Wir biegen auf das Sträßchen ein, auf dem jetzt immer mehr Kühe zum Hof zurückkehren. Es werden immer mehr, die von unten herauf aus dem Tal auftauchen. Es wird eng.
Ich weiß nicht, wer das Signal gegeben hat. Fluchtinstinkt. Irgendwann werde ich ihr von meinem Talent erzählen, Lebensgefahr in einem Frühstadium zu erspüren. Immer mehr Zeitungsberichte im Kopf von aggressiven Kühen. Sogar Todesfälle. Der kleine Boggie wurde vor einem Jahr auf einer Salzburger Alm von Kühen verfolgt, das hat sie mir erzählt. Aber jetzt trägt sie ihn schon seit geraumer Zeit, und dieser kleine Wiffzack hat keinen Mucks von sich gegeben. Also, was irritiert die Kühe? Zweibeiner ganz allgemein? Haben sie genug von den Menschen? Wollen sie sich rächen dafür, was wir ihnen seit Jahrtausenden angetan haben?

Konferenz der Tiere von Kästner, aber die waren trotz 1933 friedlich.
Ist schon lang Zeit, dass sich die Tiere rächen, aber warum diese Mordlust bei unserem Anblick? Das ist ungerecht. Natürlich meinen wir, dass wir die Ausnahme sind. Ich bin im Alltag Vegetarierin mit zwei Ausnahmen: Auf der Maumauwiese muss ich immer Blunzen essen und auf der Redlingerhütte Schweinsbraten. Isabella ist sogar glukosefreie Veganerin, Boggie kriegt Trockenfutter, keine Ahnung, ob und wie viel Fleisch darin ist. Isabellas Anorak ist feuerrot, mein Rucksack knallorange, überlege ich. Das sind doch keine Stiere, außerdem eh nur eine blöde Legende. Stiere sind farbenblind. Kühe auch.
Aber sie waren doch schon am Nachhauseweg, wenige Meter vom Stall entfernt, dort würden gemolken werden, fressen, liegen, wiederkäuen bis zum Morgen, wieder auf die grüne Wiese. Was hat sie umgestimmt, aus ihrem Kuhtritt gebracht? Isabella meint, es sei der Pickup gewesen, der sich durch sie ziemlich unsensibel durchgebohrt hat. Ich habe ihn vom Bauernhof losfahren gesehen und kurz die Hoffnung gehabt, er holt uns zur Rettung.
Alles Überlegungen für die Zeit nach der Rettung.

Auf jeden Fall fühle ich mich von den immer dichter anrückenden Kühen bedroht und weiche auf die Wiese nach links aus. Zuerst einmal unter einem Elektrozaun durchschlüpfen.
Rauf, rauf, nur rauf. Ich rase die Wiese hinauf, stolpernd, strauchelnd, zurück und vor. Hohes Gras, hier hat noch niemand gegrast. Schwer die Schritte, die Beine immer wieder hoch hinauf, und immer wieder Schlingen, Grasbüschel, die abreißen, Schnitte an den Handflächen und Fingern. Irgendwie bekomme ich mit, dass Isabella mit Boggie hinter mir ist. Sie schreit etwas, aber ich höre nur noch mein Blut in den Ohren pochen.

Wieder schreit sie etwas, ich verstehe sie nicht, bin nur orientiert auf eine dicke Fichte weiter oben am Hang. Dahinter will ich Schutz suchen. Endlich erreicht, verschnaufe ich etwas, das Herz will aus dem Hals herausspringen, tief gebeugt keuche ich, hunderttausend Zigaretten melden sich zurück, kchkchkch, ich kann nicht sprechen. Isabella kommt dazu, das Hündchen unterm Arm. Winzig klein, der Zwergpinscher, aber immerhin fünf Kilo. Ungefähr noch einmal ein Rucksack.
Kurz meinen wir, dass wir‘s geschafft haben, gerettet sind. Da sehen wir, dass die ganze Herde weiter den Wiesenhang heranzieht, angeführt von einer großen Pinzgauerin. Ich bücke mich, ein, zwei drei, atmen, ruhig, kann kaum durchatmen, richte mich auf und sehe den Führerkuhkopf gleich hinter dem Fichtenstamm. Sie beutelt den Kopf und brüllt. Was für ein Brüllen – ein Mordbrüllen. Weiter, rauf, es rasselt in meiner Brust. Gleich zerspringt sie.

Es wird immer steiler, ich schaue nicht mehr zurück, sondern nur nach oben. Da ist ein Zaun, ein einziger Draht, das heißt, ein Elektrozaun. Dort muss ich hin. Hasten, stolpern, hoch die Beine aus dem tiefen, schweren Gras, es hat ja gestern und die ganze Nacht geregnet, der Boden tief, Schlingen halten mich im hohen Gras, aber immer nach oben, weiter, weiter. Isabella schreit etwas von hinten, ich verstehe nichts und kümmere mich nicht darum. Da sehe ich am oberen Ende des Hanges eine Schneise in den Wald hineinführen und stürze auf einen Wiesenweg.
Ich hab keine Luft mehr und drehe mich um. Wir streiten aus der Ferne mit Gesten, sie zeigt runter, ich rauf, in den Wald. Kühe gehen nicht in den Wald, was wollen Kühe im Wald? Ich haste weiter, vorbei an einem Jägerstand – wäre das ein Schutz? Nein, die Hütte ist aus leichten Brettern und morsch, sie sitzt nur knapp über dem Boden, die Tür hängt schief, das wäre kein Schutz, ein leichtes Spiel für sie, wenn sie uns niedertrampeln wollen. Weiter, weiter nach oben, es ist steil, ich greife nach den Gräsern, es sind Brennesseln, auch um die nackten Wadeln. Gut gegen Rheumatismus. Sogar jetzt noch funktionieren die Sprüche.

Ich bin am Ende, komme zum Stillstand und falle auf den Bauch. Ich spähe über eine Wiesenkuppe: darunter ein steiler, mit Felsen und Baumstümpfen durchspickter, fast senkrechter Abhang. Die Pumpe rast. Ich liege vornüber gebeugt im Gras. Da höre ich wieder Isabella.
Veronika, nicht weiter! Komm zurück.
Nein, weiter, durch den Wald, wir umgehen sie oben und kehren nach unten zurück.
Wir schreien und deuten, ich stampfe auf und sie gestikuliert.
Mit langsamen Schritten gehe ich hinunter auf sie zu. Auf den Wurzeln einer alten Lärche lasse ich mich nieder, wir schreien einander an, beide ohne Atem.

Da ich in meiner Flucht fast immer nach oben geschaut hatte, hatte ich nicht wahrgenommen, was sich unten abspielte. Isabella aber hat gesehen, dass unser Straßerl nach rechts eine Abbiegung hat, und die Kuhherde nach links abgebogen ist. Jetzt stand sie genau unter der Wand und strömte gemächlich in den Wald hinein. Ist es denn möglich, dass sie uns verfolgen und auflauern?
Siehst du nicht, dort bei dem Holzstoß. Da sind sie nach links gegangen und sperren die Umgehung ab. Schau, sie stehen alle dort unten. Wir müssen zurück, runter und nach rechts, sie auf unserer Straße umgehen.
Ich lege mich wieder flach auf den Bauch und starre hinunter.
Isabella hat richtig gesehen.

Wie kann das sein? Als wären sie alle uns unten gefolgt. Wir oben, sie unten, parallel.
Eine kompakte Herde, halb auf dem Weg, halb im Wald, die Köpfe nach oben gereckt.
Nein, sehen können sie uns nicht. Aber vielleicht riechen? Was wissen wir schon? Nichts. Aber warum überhaupt?
Eine Brücke, ein Holzstoß mit frisch geschlagenen Stämmen, ein Brunnen, eine Abzweigung, das Straßerl nach rechts, der Viehsteig nach links.
Ich folge meinem Napoleon den Hang hinunter. Wir biegen auf unseren rotmarkierten Weg ein, dort stehen noch immer die ersten drei Kühe, lassen den Holzstoß links liegen, biegen nach rechts und überqueren die kleine Bücke. Zügig gehen wir bergab, Isabella voran, Boggilein strampelt voraus. Wir haben‘s geschafft. Gehen-atmen-gehen-atmen. Da bleibt sie stehen.

Siehst du das?
Nein, was?
Ich stehe noch in der Sonne, das Tal wird enger und dunkler.
Da sind sie wieder.
Wie viele?
Zwei oder drei, wir gehen ruhig vorbei.
Nein, ich gehe nicht vorbei. Nie wieder gehe ich an Kühen ruhig vorbei, schreie ich, jetzt schon sehr hysterisch.
Da sehe ich eine andere und noch eine auf dem schmalen Weg stehen.
Und noch mehr und mehr quellen heraus aus dem Schatten.
Isabella sieht jetzt auch, dass wir nicht an ihnen vorbeikommen, weil sie es auf uns abgesehen haben. Sie sperren uns in breiter Front den Weg ab und verteilen sich schon im Wald. Eine Mörderbande.
Ich stürze mich das Tälchen rechts runter.
Isabella schreit, nein, rechts den Hang rauf!
Nein, runter, zum Bach, dort ist ein Zaun. Wir müssen hinter den Zaun.

Entlang der Kuhtritte in der aufgeweichten Erde taumele ich den Hang hinunter, manchmal am Hosenboden, um unter dem dreifachen Stacheldrahtzaun durchzurutschen, löse den Rucksack vom Rücken, er kollert den Abhang runter und bleibt am Bachrand liegen, die Wasserflasche fliegt noch weiter runter. Aber ich bin durch, den Rucksack wieder auf dem Rücken, fische die Wasserflasche heraus und wate durch den Bach.
Das ist nur ein Tälchen, der gegenüberliegende Hang aber doch nicht zu erklimmen, denn fast senkrecht und weiche Erde.

Erst laufe ich das Bacherl nach oben, die Wände noch steiler, dann runter, die Herde noch näher, und irgendwo macht der Zaun einen rechten Winkel und endet knapp vor dem Bacherl.
Klar, die Kühe haben Zugang zum Wasser. Wieder rauf, und da finde ich eine Stelle, an der einige Fichtenbäumchen wachsen. Links das erste, weiter hoch, ein steiler Schritt, meine lästige Hüfte streikt, auweh, ich bleibe in einer Schlinge hängen, mein Fußgelenk ist gefesselt, die Hüfte sperrt, ich kann nicht mehr, tut höllisch weh.

Aber dann erblicke ich oberhalb von mir ein Bäumchen, an dem ich mich hochziehen kann, wieder ein bissl höher, am Bauch, die Kuh muht hinter mir. Grad sehe ich Boggie noch neben mir, er jappelt und kämpft sich hinauf, sehe aus dem Augenwinkel, dass dieser Abschnitt zu hoch ist für seine kurzen Beinchen. Zwergpinscher. Ich sehe ihn zurückkollern, bin aber ohne Gnade für ihn, weil ich gerade mein linkes Fußgelenk aus der Fessel befreien muss. Ich strample, schaue um mich und grapsche nach oben zu einem festen Halt. Nichts da, nur dürres Reisig, ein morscher Ast bricht an einem Fichtenstamm ab.

Weiter rechts oben krieg ich ein festes Buchenstämmchen zu fassen und ziehe mich nach oben. Da erhasche ich einen Blick auf die Leitkuh hinter dem Zaun und höre sie ganz nahe hinter mir unkühisch brüllen, ein tiefes, raues Aufheulen, aber noch hinter dem Stacheldraht, wie sie sich kopfschüttelnd darüber empört, dass wir ihnen entwischt sind. Ich ziehe mich den letzten Meter nach oben und komme zwischen riesigen Huflattichblättern an einem Straßenrand zu liegen. Im Kies schürfe ich mir die Ellbogen auf.

Bäuchlings liegend sehe ich, wie knapp hinter mir Isabella heraufkriecht.
Nimm die Buche, Isi, kürze ich aus Atemmangel ab. Sie mag das gar nicht.
Ja, Veronika. Wenn sie mich auch noch abkürzt, krieg ich den nächsten Anfall.
Wieder auf den Beinen, rase ich, ohne mir eine Pause zu gönnen, die Straße hinunter und halte nicht an, bis ich einen Schranken sehe. Er ist an der Seite arretiert, ich schaukle ihn, bis ich ihn aus der Verankerung gebracht und quer über die Straße gezogen habe.
Währenddessen schreit Isabella immer noch nach Boggie, winkt mich zu sich herauf, ich schüttle den Kopf, habe nur den Schranken im Sinn, bin versessen auf die Idee, er soll uns retten, die Kühe abhalten.

Isi steht auf der Straße, wachelt mit den Armen und deutet mir herauf. Boggie ist nicht da, Boggie, Boggie komm! Hierher! Petziputziii!
Aber da ist er schon, krabbelt knapp unterhalb von Isabella den Straßenrand hoch und beutelt sich so heftig, dass es ihn umwirft. Er ist waschelnass, offenbar ist er den Bach hinunter gelaufen, hat eine Furt und einen erklimmbaren Abhang gefunden.
Dieses Geschöpf hat sich selbst gerettet! Boggie ist so unfassbar klug, die Gefahr erkannt zu haben! Oder einfach nur genügend instinktbegabt und lebenslustig.
Ohne Worte feiern wir ihn, ich stürme aber weiter den Weg das Tal hinunter, ohne innezuhalten. Wie schon oben auf der steilen Wiese ist mein Impuls, mich zu retten, um die anderen retten zu können. Meine Bergsteiger-DNA. Epigenetik, wird Isabella später sagen, zu mir und Boggie.
Aber warum haben die Kühe ihre verloren?

Isabella ruft irgendetwas hinter mir her, aber ich rase wie aufgezogen, weg, weg, weiter, weiter, den Weg runter, weg aus der Gefahr, bis ich keine Spuren von Kuhhufen sehe. Trotzdem kann ich nicht aufhören, die Blicke nach links und rechts schweifen zu lassen und nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau zu halten:
Welchen Baumstamm könnte ich hochklettern, welcher Hang wäre zu steil für Kühe und für mich machbar, an welches Brückengeländer könnte ich mich außen klammern? Wäre das Trafohäuschen zwischen zwei Pfosten genügend Schutz? Oder unter dem unrechtmäßig im Wald geparkten Auto? Wie käme ich da wieder weg, wenn sie mich umringen würden?
Das Tälchen wird einmal weiter, dann wieder enger, aber immer lieblicher, schafft es an einer Stelle zu einer Schlucht mit kleinem Wasserfall, das Bächlein rauscht und gluckert, gesäumt von Sumpfdotterblumen, Vergissmeinnicht, Heckenrosen und Prachtspieren. Idylle pur. Wie heißt das Bacherl, das Tal?

Langsam kehre ich ins Leben zurück, werde ruhiger, gehe langsamer, ordne meinen Atem und meinen Blutkreislauf, beide Hände auf dem Sonnengeflecht. Aber erst an den ersten Häusern von Puchberg mit Metallzäunen, Gartentoren und festen Mauern halte ich an und warte auf Isabella. Sie, um einige Jahre jünger als ich, immer schon Nichtraucherin und spitzenmäßig durchtrainiert, stellt ohne Neid fest:
Bumsti, du kannst aber rennen!
Danke, ich weiß, viel davongerannt, aber noch nie im Leben vor Kühen!
Oh Gott, was ist mit den seelenvollen Kühen meiner Mutter passiert? Der Inbegriff von Schönheit und Frieden?

Wir haben auf der Flucht eineinhalb Stunden verloren, hetzen zum Bahnhof und stellen fest, dass unser Zug in sieben Minuten ankommen soll. Wir halten uns für Glückskinder, sinken in die Sitze der Zwergenbahn und atmen selig durch. Gerade sehen wir noch in der untergehenden Sonne, dass der Schneeberg seinen Wolkenhut gelüpft hat.

Erlebt am 26.5., aufgeschrieben am 27.5.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18137

Lady Sharona

Da geht eine Edle spazieren
Beachte ihren Gang
Den Rhythmus in ihren Vieren
Stört nur Vogelgesang

Sharona trägt sie als Namen
Und stolzer nur ihren Schweif
Nur allernobelste Damen
Tragen so jung sich so reif

Sie hat eine Kiste gesichtet
Schon wird sie heftig studiert
Bis sie gänzlich zernichtet
Daliegt – ganz analysiert

Sie wählte mit hohem Sinn
Für sich und ihr Gesinde
Das Stadtpalais ‚Zur Spinnerin‘
Treffliche Wahl, wie ich finde

Und befahl dort einen Garten
Auf dem Flachdach zu errichten
Kann den Frühling kaum erwarten
Opern dort zu dichten

Vor allem ihr Rezitativ
Im klassisch-maunzischen Stil
Da ist sie konservativ
Doch sagt es den ihren gar viel

Sie übt sich täglich im Gesang
Ihrer gesetzten Noten
Doch hindert sie daran
Bewegungsdrang ihrer Pfoten

Das ist ein Leiden ihres Geschlechts
Schon von alters her
Es zieht sie mal links, dann wieder nach rechts
Und schadet der Würde sehr

Man sah sie leider schon springen
Auf Tische und Kommoden
Mit Krachen und mit Klingen
Fiel manch Vase zu Boden

In schwindelerregender Höhe
Turnt sie auf schmalsten Geländern
Man denke sich eine Böe –
Doch ach, wir können‘s nicht ändern:

Was ließe sich eine Dame
Von uns Plebejern schon sagen
Ihr Geschlecht bot noch nie eine zahme
Dame in Jugendjahren

Dem braven Gesinde stand oft
Das Haar schon steil zu Berge
Es zittert dann und hofft
Dass es mit ihr noch werde

Wir hoffen‘s mit ihnen geschwinde
Und sind überzeugt voll und ganz
Dass Lady Sharona bald finde
Höchste Katzeneleganz

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18113

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kamele

Ich saß mit Jakob in der kleinen Küche. Es war Sonntagabend im frühen Herbst. Wir hockten auf zu hohen Stühlen am niedrigen runden Tischchen, in die Ecke gedrängt. Über das Tischchen war die wunderschön handbestickte und etwas fleckige Decke gebreitet, die ich im Sommer mit Nadja in Berlin am Flohmarkt gekauft hatte. Ich saß mit angewinkelten Beinen, eingezwängt zwischen Speisekammertür, Spülmaschine, Tisch und Fensterbrett im Rücken. Jakob saß etwas komfortabler. Er hatte Beinfreiheit und war nur von drei Seiten beengt, wobei der kolossale kirschrote Bosch Kühlschrank zu seiner Rechten einen mächtigen, sanft surrenden Schutzwall bildete. Wir tranken Kaffee.

Jakob sollte aus Regensburg kommen, weil wir das Esszimmer haben ausweißeln lassen. – Robert, der Maler, hatte mit den Mäandern, die ich als Umrahmung für den Durchgang zur Küche wollte, seine liebe Not. Er gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er nie mehr einen derartigen Auftrag annehmen werde. – Blödes Muster! – Keine Kundschaft außer mir will diese greißliche Bordüre an der Wand haben. Zur Besänftigung der hinuntergeschluckten Flüche serviere ich ihm einen Kaffee nach dem anderen, was die Situation nur geringfügig entschärft, bis er schließlich auch keinen Kaffee mehr mag und immer einsilbiger wird. Das mit den Mäandern will und will einfach nicht hinhauen. Er macht wortlos fertig, packt um Punkt fünf sein Zeugs zusammen und räumt das Feld. Ich sehe es ihm an, er denkt: Auf Nimmerwiedersehn! Ich kann es ihm nicht übel nehmen.
Ein paar Tage später kam die Sigrid, seine Chefin, übermalte die windschiefen Mäander und zauberte rechtförmige darüber. Wir waren uns einig, dass Robert diese Schmach nie erfahren soll. – Jetzt gleicht mein Eingang zur Küche einem griechischen Tempel. Vielleicht hätte ich doch auf Roberts Einschätzung der Lage hören sollen.

Diese Vorgeschichte erzähle ich nur nebenbei. Robert hat es auch verdient, einmal in einer Geschichte vorzukommen. Und ich entschuldige mich bei der Gelegenheit auch für den ekelhaften Auftrag und den vielen starken Kaffee!

Jetzt kehre ich aber zu Jakob und mir in der Küche zurück. Aus diversen, hier nicht näher zu erklärenden Gründen hat es Jakob erst am frühen Nachmittag geschafft, nach Hause zu fahren. Die Hauptarbeit, das Einräumen des Esszimmers, war bereits erledigt, und so reichte es aus, dass Jakob eine symbolische Tat vollbrachte, beim Kanapee mit anpackte, und sich anschließend kaffeetrinkend davon und von manch anderen Strapazen des Studentenlebens erholte.
Gleichzeitig pflegte er eine gehobene Unterhaltung mit mir. Die zentralen Themen AfD, Conti, einen wirklich nur ganz kurzen Exkurs zu den geschriebenen Klausuren in den verschiedenen Studiengebieten. Schließlich bereicherte Jakob unsere gepflegte Konversation wesentlich, indem er mir seine neue App vorstellte. Die Kamel App! – Das traf natürlich sofort mein Interesse, und ich vergaß blitzschnell alle Fragen das Studium betreffend. – Wie hat man sich nun so eine Kamel App vorzustellen? Sie bietet dem Nutzer die Möglichkeit, den Wert einer Person durch die Eingabe bestimmter Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Haarlänge und Haarfarbe, Brustumfang, Bildungsgrad, Alter usw. zu ermitteln. Interessanterweise ist die dafür verwendete Währung weder Euro, Rubel, Schekel noch Dollar, sondern Kamel. Zugegeben für unsere Region ungewöhnlich, aber im Sinne der Globalisierung durchaus innovativ und zukunftsträchtig.

Warum sollte man sich eigentlich nicht – angesichts der fortschreitenden Inflation – auf altbewährte und zudem wertbeständige Tauschgüter zurückbesinnen. Kamele gefallen mir, obwohl ich ehrlich gesagt abgesehen vom Tierpark noch kaum ein lebendiges zu Gesicht bekommen habe. Auch auf der Israelreise habe ich vom Bus aus in der Ferne Kamele erahnen können, und einmal bei einer Tankstelle eins von der Nähe bestaunt. Es stand dort als beliebtes Fotoobjekt für Touristen bereit.
Ich schämte mich aber angesichts meiner Körperfülle, vom zierlichen Kameltreiber auf den Rücken des armen Tieres gewuchtet zu werden. Deshalb lehnte ich das Angebot ab, mich auf dem schmucken Kamel sitzend fotografieren zu lassen. Das war damals dumm von mir. Wie schön wäre es doch jetzt, so ein Foto neben dem Bosch Kühlschrank hängen zu haben. – Eine verpasste Gelegenheit!

Nun aber wieder zurück zur Kamel App. Jakob erzählt mir, dass seine Freundin Aysun laut App einem Gegenwert von 83, in Worten dreiundachtzig, Kamelen entspricht. Ich bin beeindruckt und spüre meinen eigenen Wert sinken.

„Woher nehmen?“, frage ich. „Ja mei, die muss der Papa auftreiben!“ Oh mei, das wird schwierig. Alles könnte der Papa auftreiben: Kaffeemaschinen, Kühlschränke, Küchenherde, original Schreibtischlampen und Telefonapparate im Nazi-Design, vielleicht sogar eine Waschmaschine, aber ein Kamel? – Das erscheint mir unmöglich. Aber wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Schließlich will Aysun gefreit werden. Ich halte meine Augen offen.

PS: Mein Wert beläuft sich laut App übrigens trotz meines fortgeschrittenen Alters immer noch auf stattliche 53 Kamele. Ich möchte nicht versäumen, abschließend noch darauf hinzuweisen.

PS: Am Weihnachtsfeiertag hat übrigens eine Neuberechnung vor Zeugen ergeben, dass sich bei der ersten Kalkulation ein Fehler eingeschlichen haben muss. Der Wert von Aysun beträgt nach eingehender Prüfung 73 Kamele. Auch sehr beachtlich!

Weihnachten 2017

 Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18012

Der Mann mit dem Spatzenkäfig

Köhler passierte das gusseiserne Tor in der alten Stadtmauer und trat in den Rosengarten; in der Hand trug er einen Vogelbauer. Die Luft war frisch, und er spürte die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Er setzte sich auf die Bank neben dem Steinbrunnen, wo er jeden Morgen saß, und öffnete das Türchen. Nicco tschilpte und blickte ihn fragend an.

„Flieg nur“, ermunterte ihn Köhler und lehnte sich zurück. Er schob sich den Hut aus der Stirn. Der Brunnen plätscherte.

Nicco hüpfte aus dem Käfig und nahm zwischen den Beeten ein ausgiebiges Staubbad. Köhler lächelte. Wenn es dem kleinen Dreckspatz nur gut ging. Er sah seine Frau, wie sie an einer pfirsichfarbenen Rosenblüte roch; wunderbar lieblich war ihr Duft. In seiner Brust brannte es.

Der Spatz war zum offenen Fenster hereingeflogen, als Köhler am Bett seiner Frau gesessen und ihre kälter werdende Hand gehalten hatte. Er war auf seiner Schulter gelandet und seither bei ihm geblieben. Drei Jahre waren vergangen, und jeder Tag war ein Geschenk seines kleinen Freundes gewesen. Köhler hatte ihn Nicco getauft, da er zu Paganinis Geigenmusik zwitscherte; jeden Abend hörten sie sich eine Schallplatte an.

Nicco flog auf und schaukelte auf dem Ast eines leuchtendroten Ahorns. Zwischen den Zweigen schimmerte der Fluss in einem silbrigen Licht, das unter der Brücke hindurchfloss wie durch ein Tor zur Ewigkeit. Wenn nur der Spatz immer wieder zu ihm zurückkam; es war sein einziger Wunsch.

Um den Vogelbauer herum ließ sich ein Grüppchen Spatzen nieder und beäugte neugierig die hölzerne Konstruktion; jeder von ihnen war anders gezeichnet. Der Frechste sprang als Erster hinein und wühlte im Futternapf, dann wechselten sie sich ab. Köhler ließ sie gewähren, er hatte noch genug Sonnenblumenkerne zu Hause. Es war ein lebendiges Treiben, und bald war kein Körnchen mehr übrig.

Nicco landete auf dem Brunnen und trank von dem kühlen Wasser. Plötzlich machten die Spatzen ein Gezeter, doch er beachtete sie nicht. Als hätte er ihren Zorn provoziert, stürzten sie sich auf ihn. Köhler wollte die Angreifer vertreiben, doch ein stechender Schmerz raubte ihm den Atem. Er fasste sich ans Herz. Der kleine Vogel wehrte sich tapfer, obgleich er keine Chance hatte. Sie schrien, johlten und kreischten. Kalter Schweiß trat auf Köhlers Stirn, sein Herz stolperte wie ein elender Heimkehrer aus dem Krieg, und die bezwingende Enge in seiner Brust versetzte ihn in panische Angst. Mit aller Kraft kämpfte er dagegen an, bis der Lärm um ihn herum abebbte und sich in der Stille flirrende Geigenklänge und eine grenzenlose Leichtigkeit ausbreiteten. Unvermittelt stand ein strahlender Paganini im Gehrock vor ihm; er nahm die Geige vom Kinn und verneigte sich. Das Letzte, was Köhler sah, war ein zerzauster Spatz, der sich auf seine Hand setzte. Er schmiegte sich in die Kuhle seiner Handfläche und schloss für immer die Augen.

Angela Kreuz

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18011