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Prädikat mit Auszeichnung

Im europäischen Osten, Ende der 1960er.
Eine streng frisierte Frau sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem ein hoher Stapel mit Schriftstücken wartet. Sie trägt ein schlichtes, dennoch nicht elegantes Kostüm in einem grauen Beige oder einem beigen Grau und beugt sich ein wenig nach vor, um den klobigen Telefonhörer in die linke Hand zu nehmen, während die rechte sich noch schnell mit einem dunkelblauen Füller ein paar Notizen auf einem schneeweißen Blatt Papier macht. Danach wählt der rechte Zeigefinger mehrere Ziffern hintereinander. Die Wahlscheibe dreht sich jedes Mal mit einem mechanischen Geräusch wieder an den Ausgangspunkt zurück;  ein letztes „Klick“, bevor die Frau zu sprechen beginnt.

„Magda hier. Ich habe hier eine Menge Mitteilsames vor mir liegen, aber noch keine Starterlaubnis für meine Arbeit bekommen. Wenn ich in eurem Sinne bis Ende der Woche damit fertig sein soll, und das nehme ich stark an, dann sollte eure Abteilung in die Gänge kommen und mir einen Boten schicken mit den notwendigen Anweisungen.“

Gemurmel am anderen Ende der Leitung.

„Gut, dann fange ich ausnahmsweise ohne die schriftliche Genehmigung an. Ich verlasse mich auf dich, dass ich sie heute Vormittag noch bekomme. Bis dahin!“

Das andere Ende der Leitung spricht drei bis fünf Worte. Magda legt auf.

Sie nimmt sich den ersten Bogen Papier, beginnt eine wackelige Handschrift zu entziffern und seufzt. Jede Menge Arbeit. Je länger die Insassen hier verweilen, desto mehr haben sie zu erzählen. Und umso mehr ist sie gefordert.

Die Originaldokumente sind bereits kopiert, ein aufwändiger Vorgang, der Mitarbeitern der Sicherheitsstufe 5 vorbehalten ist. So findet sich das Blatt in Kopie direkt unter dem jeweiligen Brief, der für die Lieben daheim bestimmt ist. Sie arbeitet auf dem Original. Sie ist sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst.

Das Übliche. Verhöre werden nicht beim Namen genannt, denn die Briefschreiber sind gewieft genug zu wissen, dass ihre Mitteilungen nicht einfach ungelesen nach außen wandern. Es wird umschrieben, was das Zeug hält. Auch die Unschuld wird stets betont, immer sei man treu den Interessen des Staates gefolgt, alles ein Missverständnis und werde sich ehebaldigst aufklären. Wie eine Beschwörungsformel, die Magda bereits zur Genüge kennt, in Kopie abgelegt zu Tausenden in ordentlichen, strotzenden Sammelmappen.

Magda tilgt sie nun alle, die Beschreibungen der Unterbringung und Personen, die mit der Inhaftiertenbetreuung beschäftigt sind. Sie stellt ohne große Verwunderung fest, dass ein bestimmter Mitarbeiter, Einheimischer hier aus der Stadt, neuerlich als menschlich sehr zugänglich beschrieben wird. Sie nimmt davon Notiz, sozusagen, bevor der schwarze Balken diesem Lob wie der angedeuteten Beschwerde ein Ende macht.

Die Zensorin blickt auf den vierseitigen Brief, ihr vollendetes Werk. Immer eine gerade Anzahl von dicht beschriebenen Seiten übrigens, denn Papier ist hier ein besonders wertvolles Gut.
Sie ist zufrieden. Nicht nur hat sie sämtliche offensichtlichen Übertretungen ausgemerzt, auch die verklausuliertesten Andeutungen sind ihr nicht entgangen. ‚Du weißt doch noch, Tante Anitas Katze? So fühle ich mich gerade.‘ Was immer Tante Anitas Katze zugestoßen sein mag, es wird nichts Gutes gewesen sein. Weg damit.

Doch dessen nicht genug. Sie kann auch die Passagen, in denen inhaltlich nichts Beanstandenswertes vorkommt, nicht einfach so lassen, wie sie sind. Rechtschreibung und Grammatik sind wichtig. Wenn jemand nicht weiß, wie man schreibt, soll er’s lassen. Ihre Meinung.

So landen auch Stellen, in denen es darum geht, wie groß die Vorfreude aufs Wiedersehen mit der Familie ist, unter Balken. Eigentlich schon egal, denn Briefe aus ihrem Büro ähneln eher einem schwarzen Meer mit einigen Einsprengseln. Was jemand mit so einem Schreiben anfangen soll, war ihr immer schon schleierhaft.

Es klopft. Der Bote mit der schriftlichen Genehmigung; das ist erfreulich rasch gegangen. Er überreicht ihr aber nicht nur das vereinbarte einzelne Dokument, sondern auch ein zweites amtliches Schriftstück in einem Kuvert.  Sie kommt seiner schüchternen Bitte um Gegenzeichnung des Erhalts für beides rasch nach, denn sie ist mehr als neugierig auf das Unangekündigte. Das Kuvert bedeutet: bedeutsam. Der Bote entfernt sich dezent.

Die Genehmigung wandert nach kurzem Kontrollblick sofort in die richtige Mappe.
Sie reißt das Kuvert auf.

 

„Sehr geehrte Frau Dr. T.,

in Anbetracht hervorragender Leistungen in der Zensurbehörde und außerordentlich gewissenhafter Durchführung der Ihnen zugeordneten Aufgaben teilen wir Ihnen mit, dass Sie ab 5. Juno  als neue Leiterin der Zensurbehörde als Nachfolge von Herrn M. vorgemerkt sind. Wir bitten Sie höflichst, sich mit allen notwendigen Unterlagen zur weiteren Vorgehensweise am  25.05. cr. um 9 Uhr 15 in der Abteilung 12, Zimmer 34 einzufinden.

Mit vorzüglichsten Grüßen

Hässliches Gekrakel

Dr. Z., Vorsitzender des Komitees für Datenbearbeitung“

 

Frau Dr. Magda T. lächelt zum ersten Mal an diesem Tag und streicht mit der Hand über das glatte Papier, bevor sie es vorübergehend links hinten neben dem Stapel ablegt. Sie greift nach dem nächsten Brief.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18136

Schreibend

Um zu schreiben, so dachte er, muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Dass dies Arbeit erfordern könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Henrik hatte mit seinen 59 Jahren von Camus bis Kehlmann alles gelesen und hatte die letzten Jahrzehnte damit verbracht, eine beachtliche Sammlung von Erstausgaben der klassischen Literatur anzulegen. Sein besonderer Stolz war eine signierte Erstauflage von Madame Bovary, die er in Paris bei einem Stand auf der Porte de Clignancourt zu einem Spottpreis von dreißig Francs ersteigern hatte können.

Seiner Frau hatte Henrik angekündigt, einen Roman zu schreiben. Einen Roman, von dem man leben könne. Also sprich, ein außerordentliches Epos, das sowohl Kritiker als auch das Lesepublikum in nachhaltige Begeisterung versetzen sollte. Sechs Wochen, hatte seine Frau gesagt. Du hast sechs Wochen. Nimm dir Urlaub. Nach sechs Wochen würde sich die Sache schon weisen.

Die erste Woche verging wie im Flug, er schlief lange, so lange, wie er es seit dreißig Jahren nicht mehr getan hatte. Dann frühstückte er ausgiebig, las die Zeitung und marschierte mit breitem Sonnenhut, einem Stapel Papier und seiner Federschachtel unterm Arm in den Garten. Dort in der Laube, umgeben vom Duft der Rosen und des wilden Weines, ja, dort sollte er seinen Roman beginnen.

Schriftsteller wollte er immer schon werden. Seit er ein kleiner Bub gewesen war und die ersten Zeilen der Wild-West-Romane seines Bruders gelesen hatte. Schreiben, so, dass die staubige, menschenleere Weite der Prärie vor dem geistigen Auge auftaucht, so, dass man die Schüsse knallen hört und die Cowboys und Indianer bluten sieht. Doch weder sein Vater noch seine Mutter waren begeistert. Schriftsteller, das war kein Beruf. Das war kein Leben.

Dennoch begann Klein Henrik alles aufzuschreiben, was ihm in den Sinn kam. Er kritzelte bis spät in die Nacht auf dem alten Zeitungspapier, das eigentlich schon zum Verheizen hinterm Ofen gelegen hatte. Wenn die Mutter es fand, las sie es und lobte ihn für sein „schönes Talent“, aber es landete dennoch jedes Mal in den unerbittlichen Flammen des Kachelofens.

Als er in der Schule durch seinen immer verträumten Blick aus dem Fenster auffiel, empfahl man den Eltern, dem Jungen jegliche Ablenkung zu entreißen. Seine Bücher wurden in einer Kiste auf den Dachboden verbannt, seine Bleistifte wurden in Mutters Kleiderschrank Nacht für Nacht versperrt und in der Früh zurück in den Rucksack gesteckt und jeder gelesene Zeitungsabschnitt wurde sofort verbrannt, damit keinerlei Ideen in dem Kopf des Jungen nisten könnten. Die einzigen Bücher, die ihm geblieben waren, waren die Schulbücher. Ein Stapel unscheinbarer, lustleerer Ansammlungen von quälend langweiligen Vorstellungen, wie das Leben zu lernen und zu leben war. Leidend büffelte er Mathematik und Chemie, er hasste Zahlen. Sie waren unschön, unromantisch und farblos. Er hatte nie einen hässlicheren Klang gehört als das Wort Substitution.

Im Gymnasium schrieb er die schönsten Texte, wurde gelobt und durfte sogar einmal ein Gedicht vor der versammelten Schulgemeinde nach der Weihnachtsmette vortragen. Gut, sagten seine Eltern. Du kannst schreiben, das wird dir beim Studium helfen. Also studierte Henrik Jura. Er schrieb lange Gesetzestexte, formulierte Klagen, konzipierte Briefe und hatte in seiner Karriere abertausende Aktenblätter ausgefüllt.

Er hatte während seines Studiums, bei der ersten Stelle am Gericht und bis er dann endlich seine eigene Kanzlei eröffnet hatte, kein einziges Mal allein zur Freude seiner Schriftstellerseele geschrieben. Erst als er Mitte dreißig war, schrieb er ein paar Leserbriefe und Kommentare an verschiedene Zeitungen, deren Veröffentlichung ihn immer in Höchstlaune versetzte.

Dann, einem lang verdrängten Trieb folgend, begann er wieder zu lesen. Und die ersten Bücher waren wie Tropfen auf einen heißen Stein. Es waren Bücher seiner Frau gewesen, die er immer am Nachttisch vorfand und zu denen er aus reiner Neugierde gegriffen hatte. Geschichten voller Herzeleid und flacher Charaktere, die zu erforschen zu blass waren.

Dennoch las er sie, saugte die Worte auf wie ein Verdurstender das Wasser in der Wüste. Danach las er alles, wofür er nie Zeit gehabt hatte. Ein, zwei Bücher in der Woche lesend bis spät in die Nacht. Jeden Samstag ging er in die Bibliothek, durchstreifte die Gänge, wie ein Raubtier auf der Suche nach seiner nächsten Beute.

Nun, endlich. Mit 59 Jahren sollte er seinen ersten Roman schreiben. Und was für einen noch dazu! Er saß nun mit ausgestreckten Beinen unterm Blätterdach der lieblichen Gartenlaube und sinnierte. Es fiel ihm ein, dass sein Großvater immer mit Pfeife sinniert hatte und wie sehr ihn das immer beeindruckt hatte. Also fuhr er in die Stadt und kaufte sich Tabak und Pfeife.

Als die erste Woche vorbei war, hatte er kein einziges Wort geschrieben. Doch anstatt zu verzweifeln, fühlte er sich so befreit wie noch nie. Er summte, kochte seiner Frau Abendessen und putzte sogar die Fenster, mähte den Rasen und pflanzte Blumen ins Balkongitter.

Nach der zweiten Woche fragte ihn seine Frau, ob sie denn schon etwas lesen dürfe. Henrik schüttelte den Kopf. Es sei noch zu abstrakt, die Ideen seien noch luftleer, und er hätte noch keinen konkreten Handlungsbogen.

Als er bei der Hälfte der vereinbarten sechs Wochen angekommen war, wurde Henrik unruhig. So, sagte er sich, setzt dich hin und schreib. Also setzte er sich hin. Also schrieb er. Er schrieb übers Wetter, über den Garten, über seine Frau. Dokumentarisch. Wie ein Jurist zählte er Vor- und Nachteile auf und schilderte detailgetreue Verläufe von Ereignissen. Das war keine Schriftstellerei. Das war Beamtendeutsch. Wütend zerriss Henrik jeden Abend, was er geschrieben hatte, und verbrannte es im Griller.

Zu dieser Zeit begann er intensiv zu träumen. Charaktere und Ideen flogen wirr in seinem Kopf herum, doch als er aufwachte verblassten sie. All die ungeschriebenen Worte, all die Geschichten und Abenteuer, die ihm als Junge so leicht aus der Feder gekommen waren, schienen jetzt versiegelt und vergraben unter den Jahren seines Lebens.

Während die fünfte Woche anbrach, weinte Henrik sich in den Schlaf. Hatte er es verlernt? War das, was er immer aus tiefster Seele geliebt, ja, was sein innerstes Wesen ausgemacht hatte, ihm nun für immer abhandengekommen?

Panik stieg in ihm hoch, und er las bis spät in die Nacht, begann seine Lieblingsromane, verwarf sie wieder, griff zu neuen Büchern, suchend nach Ideen, nach Inspiration, bis er erschöpft in seinem Ohrensessel und umgeben von knisterndem Papier einschlief.

Er verfluchte seine Eltern, seine Frau und sich selbst. Wie hatte er es zulassen können, dass er sein Leben der niedrigen Laufbahn eines Juristen widmete und nicht der eines Schöpfers, eines Fantasten und Verseschmiedes?

Ende der sechsten Woche resignierte Henrik. Geknickt saß er vor einem Stapel unbeschriebenen Papiers und gestand sich sein Versagen ein. Er würde seiner Frau alles erzählen, er würde am Montag wieder in die Kanzlei gehen und bis zum Ruhestand als braver Diener des Staates sein Bestes geben. Vielleicht in der Pension dann, wenn er wirklich Zeit hätte. Ja, tröstete er sich, dann würde er seine Glanzstunde als Autor haben.

Henrik ging durch den Garten, atmete die süße Schwere der Abendluft ein und atmete tief aus. Er betrachtete den Mond und die ersten aufglimmenden Sterne und empfand eine allumfassende Seelenruhe. Dann schritt er gemächlich hinein, setzte sich an den Küchentisch und schrieb bis zum Morgengrauen.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18121

Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen

Ich habe viele Stühle in meinem Haus, viel mehr, als meine Familie braucht. Immer schon habe ich herrenlose Stühle aufgelesen, die auf Dachböden, in Kellern oder Garagen ihr vorläufiges Ende gefunden hatten. In mir regt sich bis heute das Mitleid, wenn ich einen ausrangierten Stuhl sehe. Er tut mir unendlich leid und ich nehme ihn mit, repariere ihn oder lasse ihn reparieren und gebe ihm ein neues Zuhause. Auch ein Stuhl braucht ein Zuhause! Einen liebevoll geschreinerten Stuhl setzt man nicht aus, wenn seine Bauart aus der Mode gekommen ist, wenn die geflochtene Sitzfläche zerrissen ist, wenn die Lehne abfällt. – Nein, das tut man nicht. Ich habe also eine kleine Sammlung von verschiedenen Stühlen. Zu jedem einzelnen kann ich eine Geschichte erzählen und die Geschichte betrifft nur die kurze Zeit, die ich mit dem jeweiligen Stuhl verbringe. Jeder Stuhl könnte also selber auch noch eine viel längere Geschichte erzählen, wenn die Stummheit nicht zum Wesen der Stühle gehörte.
Ein guter Stuhl muss leicht sein, sodass er jederzeit hochgehoben und an einen anderen Platz gestellt werden kann. Die Qualität eines Stuhles erkennt man an seiner Leichtigkeit.

Wenn ein Gast kommt, gehört es zur guten Sitte, ihm einen Stuhl, einen Sitzplatz anzubieten, sodass er verweilen und sich erholen kann. Bei den Juden ist es am Sederabend Brauch, ein Gedeck zu viel aufzulegen und einen zusätzlichen Stuhl an den Tisch zu stellen, damit der Prophet Elija, sollte er vorbeikommen, einkehren kann. Jederzeit kann der Messias kommen, wir kennen weder Zeit noch Stunde, aber wir wollen doch gerüstet sein.
Auch ich will gerüstet sein, wenn ein Fremder kommt und um Einlass bittet. So ist die Geschichte mit den Stühlen für mich auf ganz besondere Weise lebendig geworden. – Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen, so lautet ein Sprichwort. – Ich habe viele Stühle, auf denen sich das Glück niederlassen kann. Aber das ist wahrscheinlich zu aufdringlich für das Glück, und es geht lieber vorbei. Auch das Glück mag es, wenn es sich nicht entscheiden muss, wenn gleich der richtige Platz gefunden ist. Zu viele Stühle sind ein Gottversuchen.

Beim Sperrmüll habe ich einmal einen ausgesetzten Stuhl gefunden. Die Sitzfläche – aus Bast geflochten – war zerrissen. Offensichtlich ist ein Rüpel oder gar ein Brackel mit dem Fuß daraufgestiegen.  Als die filigrane Sitzfläche unter der Last stöhnte und ächzte, nachgab und riss, zeigte sich eine klaffende Wunde. Der Stuhl wurde ausrangiert, auf die Straße gestellt. –Herzlos! Gott sei Dank hat mich mein Weg daran vorbeigeführt, mein mitleidiges Herz hat sich sofort geregt und ich habe dem siechen Stuhl Obdach gegeben. – Monate später fand ich einen Korbmacher, der sich noch auf die Kunst des Flechtens versteht. Er hat meinen maladen Stuhl repariert. – Wohlgemerkt für teures Geld!
Ein andermal bin ich an einem Tag, an dem Sperrmüll gesammelt wurde, auf einen kleinen Sessel aufmerksam geworden, der mich gedauert hat, und ich habe ihn vor der Müllpresse bewahrt. Jetzt hat er in meinem Haushalt eine neue Heimat gefunden und jeder Gast nimmt gern auf ihm Platz.

Nun hat es sich ereignet, dass seit geraumer Zeit ein junger Mann, der im Jahr 2015 seine Heimat Afghanistan verlassen hat, in mein Haus kommt. Er möchte Deutsch besser lernen und wir sprechen und lesen miteinander. Ich mühe mich, Wörter wie Rückbank, Ersatzreifen, Aufgabe oder noch viel schwieriger Schicksal und Paradies zu erklären. Wir kommen auch auf Himmel und Hölle zu sprechen, auf Gott und Teufel. –  Mir wird wieder einmal klar, wie schwer es ist, eine fremde Sprache zu lernen. Es geht ja nicht nur um die Worte. Hinter jedem Begriff verbirgt sich eine Geschichte und jedes Volk erzählt sich andere Geschichten, weil es in anderen historischen Gegebenheiten lebt. Will oder muss man also in einem fremden Land heimisch werden, so muss man sich mit den Worten vertraut machen, deren Herkunft auch sehr kompliziert ist. Wer denkt zum Beispiel daran, dass der Ausdruck: „Ich halte mich bedeckt“ mit „der Decke“ und „zudecken“ zusammenhängt. Während ich mich mühe, derartige Zusammenhänge zu erklären und auch zu zeigen, was sich hinter manchen Worten verbirgt, lerne ich selber die Tiefe und Schönheit meiner Muttersprache erneut kennen. Gleichzeitig fange ich an zu erahnen, wie in einer mir völlig fremden Sprache wie Paschtu manches ausgedrückt wird und welch anderer Erfahrungshintergrund dem zugrunde liegt.

Der junge Mann, von dem ich hier erzähle, hat den auch für unsere Ohren schön klingenden Namen Khushal. Schon bei einem unserer ersten Treffen erzählte er mir, dass seine Mutter diesen Namen von einer anderen Frau, deren Sohn so hieß, gestohlen hat. Es ist ein besonderer Name.
„Meine Mutter hat wirklich Probleme mit dieser Frau bekommen, weil sie einfach den Namen von ihrem Sohn geklaut hat.“ – Manchmal kann man einfach keine Kompromisse eingehen!
Wenn man einen Namen bekommen hat, kann man ihn nicht mehr wegnehmen. Wenn er einmal gegeben ist, bleibt er. Die andere Frau mochte schimpfen und zetern, der schöne Name Khushal hat einen zweiter Träger bekommen. Ich weiß nicht, was aus dem ersten Khushal geworden ist, den zweiten habe ich kennengelernt. Er erzählt mir von seiner Heimat und ich bin von meiner Unwissenheit erschüttert.

Khushal sagt: Ich habe keine Angst, ich bin im Krieg gewachsen.
Als ich ihm erzähle, dass meine Söhne als Kinder Auseinandersetzungen gescheut haben, sich nicht mit anderen geprügelt haben, lieber nachgegeben haben, da entgegnet mir Khushal, dass ein afghanischer Mann nie sagt, dass er schwach ist. Ein Mann ist stark und muss kämpfen. – Als aber am Bahnsteig einmal ein großer Hund neben uns Platz nimmt, beobachtet Khushal ganz genau die Augen und Bewegungen dieses Tieres und geht auf die andere Seite, hinter mich.

Auf verschlungenen und abenteuerlichen Wegen ist Khushal tausende Kilometer im Alter von fünfzehn Jahren nach Europa gewandert und in einem Land angekommen, von dem er nur den französischen Namen Almani kannte. Er ist ohne Eltern, Geschwister und Verwandte hier und dieses unbekannte Land hält erneut viele Probleme für ihn bereit. Hätte er zu Hause davon gewusst, wie schwierig es ist, als Asylbewerber anerkannt zu werden und einen Pass zu bekommen, so hätte er vermutlich die Strapazen der Reise nicht auf sich genommen. Oft zweifelt er, ob die Entscheidung zu gehen, richtig war. – Ich sage: Jetzt bist du hier! Das ist dein Schicksal.
Khushal stimmt mir zu: Allah hat meinen Weg auf meine Stirn geschrieben. – Was auf meine Stirn geschrieben ist, das kommt. – Emah patandi jelikuli harasi, so habe ich die Worte verstanden.
Ja genau, so ist es. Wer kann sich seinen Lebensweg schon aussuchen?
Jetzt sitzen wir hier zusammen und ich lasse mir erzählen, was Khushal auf der Flucht alles erlebt hat.

Im Kofferraum eines Autos war er versteckt, so eng eingezwängt, dass er jegliches Gefühl für Raum und Zeit verlor. Im Bus ist er durch Intuition einer Verhaftung entgangen, indem er sich einfach wieder hingesetzt hat und nicht der Weisung des Polizisten gefolgt und ausgestiegen ist. – Glück gehabt! Hundertmal!
Ohne Pass hat er eine „boarder“ nach der anderen überschritten, im Dschungel, wie Khushal den Wald nennt, hat er tagsüber an Bäume gelehnt versucht zu schlafen oder zu dösen.
Angespannt hat er auf einen verabredeten Pfiff gehorcht und ist unter Tränen, wie er mir gesteht, aufs Geratewohl losgeschlichen, in der Hoffnung, den Treffpunkt zu finden. Er hat ihn gefunden. Sein Schutzengel, Malaike, wie er sagt, hat die schützenden Flügel über ihn gehalten. – Tausendmal!

Im Sommer 2015 ist Khushal in Passau gelandet oder gestrandet. Als unbegleiteter Jugendlicher ist er zuerst nach Geiselhöring, dann nach Mallersdorf ins Wohnheim gekommen. Er geht in die Schule, lernt Deutsch und Mathematik und Staatsbürgerkunde. Was ist eine Demokratie, welche Versicherungen gibt es, wie viele Bundesländer hat die Bundesrepublik, von wie vielen Ländern ist Deutschland umgeben oder eingeschlossen? Fragen über Fragen, auf die ich auch nicht immer gleich eine Antwort habe. Nichts ist einfach, auch nicht in Deutschland. Besonders die Bürokratie.
Khushal hat seine Freude am Kickboxen entdeckt. Er trainiert eifrig und möchte darin richtig gut werden. – Disziplin, Kraft und Geschicklichkeit sind wichtig, damit man im Wirrwarr nicht so leicht die Nerven verliert. Es bieten sich viele Gelegenheiten, zu straucheln, schwach zu werden, aufzugeben, davonlaufen zu wollen, aber wohin?

Wir sind uns in der Schule begegnet und einmal hat mich Khushal vorsichtig gefragt: „Haben Sie bisschen Zeit? Ich möchte Deutsch lernen mit Sie.“ Wer hätte gedacht, wie schwer das ist. Bin ich froh, dass ich mich in meiner Muttersprache verständigen kann.

Khushal kommt nun regelmäßig in mein Haus und setzt sich auf einen freien Stuhl. Inzwischen weiß ich auch, dass man in seiner Heimat auf Kissen am Boden sitzt, auf einem schönen weichen Teppich, aus dem Iran. Dort ist immer Platz für einen Gast.
Wir trinken Tee oder Cola, backen zusammen Bulani, wie in Paschtu das Brot genannt wird, lesen zusammen ein Buch und sprechen über dieses und jenes.
Ich erzähle ihm von meinen Kindern, von Sebastian, der ein Haus baut und dessen Freundin ein Reitpferd hat, von Jonas, der wieder aus Berlin zurückgekehrt ist, und davon, dass Jakob eine türkische Freundin hat, die – im Spaß, hoffe ich – von ihm 83 Kamele als Brautpreis fordert.

Khushal setzt sich auf einen freien Stuhl, isst mit meiner Familie am Tisch. Oh, vieles wird nicht nach seinem Geschmack sein, vieles wird ihm seltsam vorkommen. So ist das in der Fremde!
Er erzählt mir von der großen Enttäuschung, der Abschiebung. Ich möchte ihn trösten und erfahre die Schwäche und Machtlosigkeit meiner Worte. Was soll ich sagen? Ich bin hilflos. Es wird weitergehen, es wird gut werden. Ich helfe dir. Aber wie?

Khushal bedeutet in unserer Sprache Glück. Wie weise deine Mutter deinen Namen gewählt hat. Khushal bedeutet Glück!

November 2017

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 18033

 

Der Dichter

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„Zu viel Nebel“, sprach der Hebel.
„Viel zu dicht für Wortgeschlicht.
Denn beim Nebel“, sagt der Hebel,
„finde ich die Reime nicht.“

Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens

Zeichnung und Text von
Yvonne Richter
www.yvonne-richter.de
www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter
www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18017

Der Morgen

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Ein junger frischer Morgen
wollt es der Nacht besorgen.
Die schloss jedoch die Tür
und rief: “Mir graut vor dir!“
Der Morgen einsam floh
und graute anderswo.

Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens

Zeichnung und Text von
Yvonne Richter
www.yvonne-richter.de
www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter
www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei| Inventarnummer: 18022

 

Schatten

Viele sagen etwas,
sprechen von der Dystopie,
viele Sätze bauen Spannungen,
Ich nehme sie,
blicke aus dem Fenster,
Die Nachmittagssonne lädt Solarzellen auf,
drei blaue Lichter,
Hundert Prozent,
ich warte noch im Schatten

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17177

Ins Stocken kommen 2 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich

„Schläfst du?“
„Nein.“
„Denkst du?“
„Nein.“
„Träumst du?“
„Mmm.“
„Was träumst du?“
„Ich schlafe doch noch nicht.“
„Warum sagst du dann Mmm? Das klingt nach ja.“
„Mmm.“
„Träumst du wenigstens von mir?“
„Wie soll ich das, meine Liebe, wenn mich deine Knie stören.“
„Magst lieber meinen Busen, Schatz?“
„Dann schlafe ich wohl erst recht nicht!“
„Wär’ das denn so schlimm?“
„Ich muss aber morgen arbeiten.“
„Dabei dauert es bis morgen noch soooo lang.“
„Das meinst du, weil du nur Hausfrauenarbeit machst.“
„Du bist gemein! Jetzt kann dafür ich nicht mehr schlafen.“
„Dann träum was Schönes.“
„Nein, jetzt muss ich denken!“

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17161

Ins Stocken kommen 1 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich

„Ich liebe dich!“
„Wie schön.“
„Wirklich!“
„Wie schöner.“
„Das ist doch kein richtiges Deutsch.“
„Aber es stimmt.“
„Stimmte das, wär’s ja noch schöner – so viel verstehe ich schon von unserer Sprache. Ach, man sollte Italienisch können, klingt gleich viel romantischer: Ti amo!“
„Verstehe ich nicht.“
„Du verstehst nicht, dass ich dich liebe? Du bist zum Verzweifeln.“
„Ich verstehe kein Italienisch.“
„Du bist halt eine Schweizer Krämerseele ohne Verständnis für Tiefe.“
„Das ist falsch! Wer rettete dich aus dem Wasser?“
„Das war nicht tief, ich konnte damals nur noch nicht schwimmen. Und romantisch war’s auch nicht, wie du mich am Hals hieltest.“

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17160

 

 

Sieben an der Zahl

Vorgeschmack

Das Zitat zum Morgenkaffee – unbeirrbar prangt es uns entgegen, in der Zeitung, im sozialen Medium unserer Wahl oder auf dem Kalenderblatt; und plump meist sein Versuch, uns gute Laune abzuringen für einen Tag, den das Schicksal für uns bereits mit dem Erwachen als gescheitert abgekanzelt hat; oder uns moralisch zu besseren Menschen belehren will, uns, deren graue Seelen abzuholen selbst dem Teufel zuwider ist – meist geschrieben von Dichtern und Denkern, die uns schon zu Schulranzenzeiten verhasst waren, und von denen wir nicht einmal Traum daran denken, jemals wieder ein Buch zu öffnen, geschweige ein Wort darin zu lesen.

Und dennoch, es gibt sie, diese Sätze, die uns innehalten, uns im Lesefluss innestocken lassen, deren abgrundtief hintersinniger Schalk uns ein Lächeln auf die Lippen treibt, ein Lächeln, das uns in atemberaubender Geschwindigkeit aus der Tiefe der Seele entgegenspringt, schneller als unser Verstand begreift, dass er diesen Satz verstehen will, und ihn andererseits auch nicht verstehen kann, unfähig, ihn in sein Archiv der tausend Schubladen zu pressen, denn immer wieder wird dieser Satz schräg und frech zwischen all den Karteikarten der Rechteckigkeit hervorlugen.

Sieben an der Zahl, die Sätze, aus der sich diese Collage zusammenstellt – mit völliger Absicht aus jedem Zusammenhang gerissen, in Unformen und Unordnung gebracht, mit Vor- und Nachgeschichtchen umgarnt, mit Sicherheit abseits jeder ursprünglichen Intention des jeweiligen Dichters, will sagen: mit einer kräftigen Prise Dada im Nacken …

 

EINS – Sich die Zeit genommen, um die Zeit totzuschlagen

Und die Anzahl der Dosen billigen Bieres verrät es, dass die beiden Nachtschwärmer, die vor dem Würstelstand im Nirgendwo einer Wiener Vorstadt gestrandet sind, nichts unversucht lassen werden, auch zu Morgengrauenschwärmern zu werden – denn allen Grund besitzen sie dazu:

"Kum, gemma endlich."
"Kimma net."
"Wiesodn?"
"Wir woatn auf Godot."
"Ah jo!"

– Samuel Beckett: „En attendant Godot“

[‚Komm, gehen wir.‘ – ‚Wir können nicht.‘ – ‚Warum nicht?‘ – ‚Wir warten auf Godot.‘ – ‚Ach ja.‘]

 

ZWEI – Vor dem eigenen Türhüter in Ungnade gefallen

Und hatte es sich also doch ausgezahlt, dass er in diesem Straßennuttenviertel Roms einige Zeit lang seine Runden gedreht hatte, denn die puttana, die jetzt an dem offenen Seitenfenster seines abgeschabten Fiat Punto lehnte und die er zuvor noch nie wahrgenommen hatte, hatte es ihm angetan, und es waren nicht ihre überbordenden Brüste, die ihr viel zu schmales Top zu sprengen drohten; ihre Stimme war es, die gesenkt zu einem sirenenhaften Flüstern ihn ganz liebestoll werden lassen sollte:

"Ma lei non sa cos'è un uomo medio? È un mostro, un pericoloso delinquente, conformista, colonialista, razzista, schiavista, qualunquista."

– Pier Paolo Pasolini: „La ricotta“

[„Sie wissen wohl nicht, was ein mittelmäßiger Mensch ist? Ein Monster ist er, ein höchst gefährlicher Verbrecher: ein Konformist, Kolonialist, Rassist, Nazist, ein Was-auch-immer-er-ist.“]

Und am nächsten Tag, bei hellem Tageslicht, ist er der Ausgewechselte, adrett im von seiner Frau sorgfältig gebügelten himmelblauen Hemd, und auch seine Krawatte zeigt sich in aller Senkrechtigkeit, während er in der Mittagspause in seiner Stammtrattoria nach dem Menü verlangt, das Liebesspiel der gestrigen, hitzig verschwitzten Nacht längst verdrängt; aber der Satz spukt ihm noch im Geiste um, und so wiederholt er ihn angesichts seines Stammkellners, den er mittlerweile zum Freund wähnt – und der nach kurzem Nachdenken ein verständnisvolles Kopfnicken von sich gibt:

„Sì, sì, signore, allora che prende da bere?“

[„Aber natürlich, mein Herr, und was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“]

 

DREI – Der Mut zum kurzgefassten Augenblick

Klein-Toni war es, der den begehrtesten Platz für sich hatte erhaschen können, der mit Ellbogen und Haareziehen sich gegenüber all den anderen Kindern auf dem Spielplatz hatte durchsetzen können und nun auf dem Schoß des Mannes sitzen durfte, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Der vielleicht etwas streng roch und auch etwas zu viel schwitzte, in seinem abgeschabten Anzug und der schlecht gebunden Krawatte, aber eine Süßigkeit nach der anderen aus der Tasche zu ziehen wusste, und so manchen Luftballon. Und Geschichten zu erzählen wusste, spannender als all die Kindergartentanten, die wie üblich in einer langgezogenen Kaffee-, Zigaretten- und Tratschpause abhandengekommen waren – und in Bann gezogen hörte Klein-Toni dem fremden, märchenonkelhaften Mann weiter und weiter seiner Geschichte zu:

"Oder wie ein Blinder, der durchbohrende Blicke wirft. Oder wie ein Reiter im vollen Galopp ohne Pferd."

– Alfred Polgar: „Exzentriks“

 

VIER – Die Hand gestreckt zum Sternengriff

Und schon leicht glasig die Augen des etwas aus der Zeit geworfenen kommunistischen Politfunktionärs, schmutzigglasig wie das Glas billigen Rotweins, das er als Salut an diesem Stammtisch einer speckigen Taverne in einem Arbeiterviertel Roms hebt, umringt von seinen letzten Getreuen, alle bereits in einem Alter, in dem sie Arbeitslosigkeit gegen eine schmale Rente getauscht haben, zu wenig zum Leben und erst recht zu wenig zum Sterben – aber sein glühendes Manifest hebt die Gemüter, lässt den alten Kampfgeist aufleuchten, wenigstens für ein Salute! lang:

"Se vogliamo che tutto rimanga com'è, bisogna che tutto cambi. Mi sono spiegato?"

– Tomasi di Lampedusa: „Il gattopardo“

[„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird es notwendig sein, dass alles sich ändert. – habe ich mich klar ausgedrückt?“]

 

FÜNF – Das Elternhaus zur Autobahnauffahrt geglättet

Und viel Zeit gibt er sich für die Antwort, so viel Zeit, dass es fast schon skandalös wirkt, dieser unberechenbare Künstler, der immer für einen Skandal gut ist, wenn es ihn wieder einmal danach gelüstet, in einer dieser Talkshows aufzutreten, weil er das Geld gut gebrauchen kann. Und den Schweiß unter den Achseln vermeint man dem Talkmaster ansehen, abriechen zu können, den Ausdruck seiner Angst, dass seine wohlbedachte Frage in falsche Antwortbahnen gerät – aber heute hat der ansonsten unberechenbare Künstler einen seiner stillen Tage, wirkt in Nachdenklichkeit versunken, nahezu versöhnlich seine Worte, mit der er die ihm gestellte Frage nicht im Geringsten beantwortet:

"Es wäre ja auch undenkbar, dass aus dem kleinbürgerlichen Provinzloch Linz, das seit Keplers Zeiten ein tatsächlich zum Himmel schreiendes Provinzloch geblieben ist, das eine Oper hat, in der die Leute nicht singen können, ein Schauspiel, in dem die Leute nicht spielen können, Maler, die nicht malen, und Schriftsteller, die nicht schreiben können, auf einmal ein Genie hervorgegangen wäre, als welches doch Stifter allgemein bezeichnet wird."

– Thomas Bernhard: „Alte Meister“

 

SECHS – Beipackzettel zur Schachtel Aspirin

Es war das letzte von Medeas Kindern, der Jüngste, der mit den besonders vollen Locken und den fein geschwungenen Lippen, dem sie den zuckersüß warmen Gifttrank verabreicht hatte, dessen Kopf sie nun an ihrer Brust wiegte und mit folgendem Nachtlied in seinen ewigen Schlaf sinken lassen sollte:

"La morte è la curva della strada, morire è solo non essere visti."

– Antonio Tabucchi: „Isabel. Una mandala.“

[„Der Tod ist die Kurve in der Straße; zu sterben heißt nichts anderes, als nicht mehr gesehen zu werden.“]

Generalpause – zwei, drei Takte schweigt alles vor sich hin.

Der Flügelschlag einer auffliegenden Taubenhorde ist es, der wieder Töne in die Landschaft der Sinneswahrnehmungen bringt, auf dieser eintönigen Piazza, auf der ein paar abgeschabte Kaffeehaustische stehen – und an einem von diesen sitzen die beiden Idioten, zwischen denen sich folgender völlig sinnentleerte Gedankenaustausch zum obigen Satz entspinnt, während sie mit den Löffeln klirrend den Zucker in ihre Espressotassen einrühren:

„Non più?“
„Non più.“
„Davvero, no?“
„No.“
„Sei sicuro?“
„Stai zitto – deficiente!“

[‚Mehr nicht?‘ – ‚Nicht mehr.‘ – ‚Wirklich nicht?‘ – ‚Nein.‘ – ‚Bist du dir sicher?‘ – ‚Halt die Klappe, du Trottel!‘]

 

SIEBEN –  Als würde Paris mich interessieren

Und ich sah es ihr an, dass ich sie nicht mehr halten konnte, hier in meinem geliebten Wien, in dieser Stadt, die sie so zu hassen gelernt hatte, in der ihr so viel Abneigung widerfahren war. Ich sah es ihrem Augenglühen an, dass es sie in andere Breiten trieb, zurück nach Barcelona, zurück nach Marseille, oder selbst nach Havanna, alles Städte, in denen sie auch nicht vermocht hatte, jemals heimisch zu werden. Aber einen Stempel wollte ich ihr setzen, in ihrem Gedächtnis, für die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten, hier, wo wir uns gegenseitig abgelitten und abgerieben hatten, bis uns die Wunden zum Lecken zu tief geschnitten geworden waren. Und so brachte ich diesen letzten Toast aus, mit dem Glas Champagner in der Hand, mit dem ich gegen ihres stieß, auf unser gegenseitiges Addio. Und dass sie mich verstanden hatte, konnte ich an ihrem gleichzeitigen Weinen der Versöhnlichkeit und dem Aufschluchzen ihres Lachens ausmalen, und an dem letzten feinen Kuss, den sie mir gab – dass sie ihn in all seiner Fülle verstanden hatte, meinen letzten feinen Satz:

"Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

– Robert Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“

 

Ausklang

Genug der Worte, Schluss mit den Worten, müde bin ich ihrer – wohl an der Zeit, sich die Zeit zu gönnen, sich dem Schweigen hinzugeben, beim Morgenspaziergang durch einen ausladenden Park …

Harald Schoder
derewigreisende.net

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