Wortglauberei

Der Eierschlauch auf der Autobahn

Es begab sich auf der Heimfahrt von einer einwöchigen Sommerfrische, die zu diesem Zeitpunkt bereits, anstatt der vom Navigationsgerät veranschlagten vier, sechseinhalb Stunden gedauert hatte. Dieser Zeitverlust hatte sich ergeben durch kurze Rauch- und WC-Pausen, einige Baustellen und nicht zuletzt einen fast zweistündigen Stau. „In einer Stunde sind wir zu Hause“,  konnte ich den Kindern […]

0 comments

Worte fallen mir in die Hand

Wieder einmal habe ich darauf vergessen, die Frucht rechtzeitig vom Baum zu pflücken. Nun fällt sie mir in die Hand, und während ich sie so betrachte, fleht sie mich an, ich möge sie zu Papier bringen. Um ein Haar wäre sie auf den Boden gefallen und verwest, allerlei Tierchen hätten sich daran gütlich getan und […]

0 comments

Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen

Ich habe viele Stühle in meinem Haus, viel mehr, als meine Familie braucht. Immer schon habe ich herrenlose Stühle aufgelesen, die auf Dachböden, in Kellern oder Garagen ihr vorläufiges Ende gefunden hatten. In mir regt sich bis heute das Mitleid, wenn ich einen ausrangierten Stuhl sehe. Er tut mir unendlich leid und ich nehme ihn […]

0 comments

Mikro

Ich kenne eine, bei der ist alles Mikro. Es ist wichtig zu wissen, dass es sich um eine Frau handelt, die sich so ausdrückt. Sie spricht vom Mikrowadlbeißer und von den Mikroerdbeeren, vom Mikroofen, den man nicht mit der Mikrowelle verwechseln sollte, und von der Mikroschere, vom Mikroauto und vom Mikroflaschl, vom Mikroholzlöffel, den sie […]

0 comments

Lass die Luft raus

Lange Zeit habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass man die Luft irgendwo rauslassen muss. Die Luft sieht man ja nicht und wenn sie weg ist, fällt es gar nicht auf. So dachte ich. Ich glaube, zum ersten Mal bemerkte ich das Fehlen von Luft im Radlschlauch. Es ist ganz übel, weil man […]

0 comments

Verfluchte Tage oder It’s war, baby!

„Dieses verwünschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.“ Diese Sätze schrieb Ivan Bunin am 1. Jänner 1918 in sein Tagebuch, noch in Moskau, aber bald danach floh er vor der bolschewistischen Revolution über Odessa nach Paris und kehrte nie wieder zurück. „Verfluchte Tage“ nannte der Nobelpreisträger von […]

0 comments

Aufgeschnappt oder: Wie Werbung wirkt

Drei Frauen im Gasthaus, am Nebentisch ins Gespräch vertieft. Eine der drei möchte schließlich die Kontaktdaten ihrer Freundin korrekt ins Handy eintippen. Mittendrunter stutzt sie und fragt: "Wie schreibt man denn Schacklien?" Jacqueline antwortet: "Mit Jö." Carmen Rosina www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 20028  

0 comments

Mimi

Mimi geht in den Garten. Mimi ist vor dem Haus. Mimi geht in das Haus. Johannes Tosin (Text und Foto) www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 20025

0 comments

Generalisierung

Vergangenheit, eines Tages, Mein Mund war verschlossen Wörter versteckten sich hängen geblieben im Nichts Sekunden, Fragen werden nicht beantwortet Salven abgefeuert von Schwärze geblendet Muskeln gehorchen nicht Kontrolle wurde verschenkt Hände schlagen ins Leere durchgeschüttelt liege ich da müde Nach den Spike-Wave-Komplexen, aus dem Delta meiner Theta-Träume bin ich ganz bei dir Florian Pfeffer www.verdichtet.at […]

0 comments

Abgerissene Worte

Komische Sprache, meine Blicke, Deine Augen sahen es in meinen, Nacht umgab mich, Gedanken verlor der Körper, Verwirrt spreche ich zu viel, Zwischen, mein Lieblingswort, kein klares Wasser gefunden Du meine Liebe, eingeschlossen in Gedanken, ein eigenes Leben, blind verlieren, doch deine ausstrahlende Wärme, umhüllt mich, Ich habe vergessen dich zu fragen, wer du eigentlich […]

0 comments

Hin und Her

Ich wünsche mir eine Schaukel in meinem Garten, ein schlichtes Holzbrett an Seilen. Eine Schaukel ist ein Hängesitz, mit dem man hin- und herschaukeln kann. Das Schwungholen erfolgt durch Streck- und Beugebewegungen mit den Armen und Beinen oder durch Abstoßen von einem festen Punkt. Man lacht über meinen Wunsch und missbilligt das Schaukeln als Kinderkram. […]

0 comments

Sohn Marius

„Mama, da ist ein Brief vom Finanzamt“, sagt Sohn Marius. Er hat gerade die Post geholt. „Mach ihn auf“, sagt die Mutter, „und lies vor.“ Sohn Marius reißt das Kuvert auf. Er liest das Schreiben vorerst leise. „Mama, das ist ganz seltsam“, sagt er, „da steht: Sie haben zu Unrecht für zweiundzwanzig Jahre und zwei […]

0 comments

Staub

Ich lese, jeden Tag, ein Buch, jedoch sammelt sich Staub Mein Herz sucht nach dem Swiffer Florian Pfeffer www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 19033

0 comments

Bibliothek

Köpfe sind starr, Gespräche verlaufen im Flüsterton Eine starke Konzentration schwebt in der Luft, erstarrte Menschen, Blätter sind die Meduse Dort draußen rasen Füße und Autos Eine unsichtbare Macht, in dieser Oase, verlangsamt die Zeit, dreht die Lautstärke zurück Es sind starke Hände, greifen aus den Bänden Gewaltige Mächte sind hier am Werke Florian Pfeffer […]

0 comments

Kaltes Papier

Ein Stempel, zwei Stempel, viele Stempel, schleiche mich auf das Papier, es wechselt Hände, Sie brauchen einheitliche Farbe, dazu kommen Kürzel, Finger tippen Massenhaft verwandeln sie sich, wie Raupen in Kokons, elektronisch flimmern sie Kopien sammeln sich, zwischen Plastik, ein Gewächshaus voller Bäume, es überschwemmt finstere Regale Florian Pfeffer www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: […]

0 comments

Die Macht der Worte

Ob Sie wollen oder nicht Ich schreib jetzt ein Gedicht Und Sie steh‘n von Anfang an Mit Haut und Haar in meinem Bann Sie sind Wachs in meinen Händen Warum sollt‘ ich das Gedicht schon enden Sie merken, wie Ihr Selbst zerbricht Wie aus ihm ein andrer spricht Ihr Wollen und Ihr Denken Beginne ich […]

0 comments

Prädikat mit Auszeichnung

Im europäischen Osten, Ende der 1960er. Eine streng frisierte Frau sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem ein hoher Stapel mit Schriftstücken wartet. Sie trägt ein schlichtes, dennoch nicht elegantes Kostüm in einem grauen Beige oder einem beigen Grau und beugt sich ein wenig nach vor, um den klobigen Telefonhörer in die linke Hand zu nehmen, […]

0 comments

Schreibend

Um zu schreiben, so dachte er, muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Dass dies Arbeit erfordern könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Henrik hatte mit seinen 59 Jahren von Camus bis Kehlmann alles gelesen und hatte die letzten Jahrzehnte damit verbracht, eine beachtliche Sammlung von Erstausgaben der klassischen […]

0 comments

Lektion

Ich weiß, Ihr lieben Dichter Ihr habt mich längst so weit gebracht „Alles andre Irrgelichter! Auf deine Füße habe Acht!“ Nun steh ich auf meinen Füßen Und muss für alles andere büßen. Bernd Remsing http://fm4.orf.at/stories/1704846/ www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18117

0 comments

Der Morgen

Ein junger frischer Morgen wollt es der Nacht besorgen. Die schloss jedoch die Tür und rief: “Mir graut vor dir!“ Der Morgen einsam floh und graute anderswo. Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens Zeichnung und Text von Yvonne Richter www.yvonne-richter.de www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/ www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei| Inventarnummer: 18022  

0 comments

Der Dichter

„Zu viel Nebel“, sprach der Hebel. „Viel zu dicht für Wortgeschlicht. Denn beim Nebel“, sagt der Hebel, „finde ich die Reime nicht.“ Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens Zeichnung und Text von Yvonne Richter www.yvonne-richter.de www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/ www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 18017

0 comments

Schatten

Viele sagen etwas, sprechen von der Dystopie, viele Sätze bauen Spannungen, Ich nehme sie, blicke aus dem Fenster, Die Nachmittagssonne lädt Solarzellen auf, drei blaue Lichter, Hundert Prozent, ich warte noch im Schatten Florian Pfeffer www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17177

0 comments

Ins Stocken kommen 2 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich „Schläfst du?“ „Nein.“ „Denkst du?“ „Nein.“ „Träumst du?“ „Mmm.“ „Was träumst du?“ „Ich schlafe doch noch nicht.“ „Warum sagst du dann Mmm? Das klingt nach ja.“ „Mmm.“ „Träumst du wenigstens von mir?“ „Wie soll ich das, meine Liebe, wenn mich deine Knie stören.“ „Magst lieber meinen Busen, […]

0 comments

Ins Stocken kommen 1 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich „Ich liebe dich!“ „Wie schön.“ „Wirklich!“ „Wie schöner.“ „Das ist doch kein richtiges Deutsch.“ „Aber es stimmt.“ „Stimmte das, wär’s ja noch schöner – so viel verstehe ich schon von unserer Sprache. Ach, man sollte Italienisch können, klingt gleich viel romantischer: Ti amo!“ „Verstehe ich nicht.“ „Du […]

0 comments

Sieben an der Zahl

Vorgeschmack Das Zitat zum Morgenkaffee – unbeirrbar prangt es uns entgegen, in der Zeitung, im sozialen Medium unserer Wahl oder auf dem Kalenderblatt; und plump meist sein Versuch, uns gute Laune abzuringen für einen Tag, den das Schicksal für uns bereits mit dem Erwachen als gescheitert abgekanzelt hat; oder uns moralisch zu besseren Menschen belehren […]

0 comments

Konfrontation im Salzamt

1 Der Mann war unbemerkt in den Raum gekommen. Er hatte die Eingangstüre geräuschlos geöffnet und wieder geschlossen. Er stand eine Minute regungslos im Raum, dann wandte er sich um, kam an meinen Tisch und sagte: „Ist niemand hier?“ Damit meinte er, dass keine Kellnerin hinter der Bar stand und Dienst versah, und ihm dies […]

0 comments

Geschwurbelt

Die Sonne geht schon früh unter in diesen Tagen, ihr Licht hat auch nur wenig Kraft, gerade einmal genug, um den luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang leuchten zu lassen. Ein Leuchten, das die beiden alten Herren wieder anzieht, sie hier ihren Tee hier trinken lässt. Es sind die Farben des Frühlings und […]

0 comments

Mein Weg zum Schreiben

Ich bin Schriftsteller, nicht Künstler, denn ich erachte die Schriftstellerei nicht als Kunst, vielmehr stehe ich auf dem Standpunkt, dass sie eine Notwendigkeit für den schreibenden Menschen darstellt, beispielsweise um seinen Standort kundzutun, um mitzuteilen, wo er innerlich zu verorten ist, oder um sich, wie man sagt, Dinge von der Seele zu schreiben. Ich bin […]

0 comments

Katzennärrin

Heute hat meine Katze „danke“ gesagt. Laut und deutlich. Sie hatte geniest, so einen hübschen, niedlichen Katzennieser von sich gegeben, bei dem einem immer ganz warm ums tierliebe Herz wird. Daraufhin ich natürlich: Gesundheit! Und da sind wir nun. Da haben wir wohl beide nicht aufgepasst, sie noch weniger als ich. Wie weitertun? Sollen wir […]

0 comments

Ich muss es auch erst lernen

Wie es sich für jedes Lehrbuch gehört, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst möchte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrbücher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das […]

0 comments

Das rückbezügliche Fürwort

Es war einst ein rückbezügliches Fürwort, das lebte glücklich mit allen anderen Wörtern in einem dicken, großen, bunten Buch namens Leben. Es herrschte völlige Harmonie, jedes Wort kannte seinen Platz. Auch das rückbezügliche Fürwort war ziemlich zufrieden. Dennoch nagte stets das Bewusstsein an ihm, in ständiger Abhängigkeit anderer Wörter zu leben, ohne selbst eine eigenständige […]

0 comments

Wortfluss

Es fließt, Wort für Wort, wie ein Bach, im Gleichklang, unaufhaltsam, aneinandergekettet wie eine lange Kette von Lauten, die einander ergänzen, die sich wiegen, wie die Wellen und manchmal über Steine springen, aber nur ein kleiner Sprung in eine andere Furche, um dort weiterzufließen in einem anderen Licht in einem anderen Tonfall, um beim nächsten […]

0 comments

Unwörter für Hoffende

"Leider" ist ein böses Wort, kaum hörst du's, ist die Hoffnung fort. - Leider! Beinah genauso schlimm ist "fast". Es heißt, es hätt' beinah gepasst. - Fast. - Leider! Und auch "bestimmt" klingt etwas schal im Hinweis auf ein nächstes Mal, wo's passt. - Bestimmt! - Fast. - Leider! Michaela Harrer-Schütt www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei […]

0 comments
image_print