Archiv der Kategorie: Michael Bauer

Bisher auf verdichtet.at zu finden

1972er Cortina

Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bläue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist.

In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. Zu meiner Überraschung holte er mich mit einem relativ ungewöhnlichen Gefährt ab. „Das ist ein 1972er Cortina, ein Fahrzeug, wie es nur damals gebaut werden konnte. Amerikanisches Styling, englischer Motor, italienischer Name. Anfangs machte ich mir nichts aus Autos, aber später, so um das Jahr 2016, wuchs meine Nostalgie für die 1970er Jahre“, sagte er. Ich entgegnete ihm, dass ich das merkwürdig fände, da er zu dieser Zeit noch gar nicht geboren war, überlegte aber, ob ich selbst schon einmal für etwas Nostalgie empfunden hätte. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir ein, dass ich alte Filme aus den USA sehr mochte. Und das auch erst nach einer Zeit, in der ich – um es mit Pathos zu sagen – das Sehen gelernt hatte.“

Robert, der inzwischen das Fahrzeug gestartet hatte, um mit mir einen Ausflug zu machen, hörte mir gerade nur zu, ohne mich zu unterbrechen. Während ich um Worte für meinen nächsten Satz rang, fiel mir auf, dass das Interieur des Wagens den Zeitgeist verkörperte, der mir an den Filmen so gut gefiel: das etwas betulich Biedere, das einem andererseits auch das Gefühl von Geborgenheit und heiler Welt gab.

„Das Sehen lernen“, setzte ich meinen letzten Gedanken fort, „ist etwas, was sich bei mir mit der Zeit ergeben hat. Etwa mit der andächtigen Betrachtung des Himmels während einer Kaffeepause oder auch dem Fotografieren scheinbar belangloser Gegenstände wie dem eines Serviettenspenders in einer Eisdiele.“

„Das ist ein Sehen, das übrigens durch die amerikanische Kultur konditioniert worden ist“, sagte Robert, „wir alle denken, wenn wir von Sonnenuntergängen sprechen, an Bilder aus amerikanischen Western oder wenn wir – um deinen Gedanken wieder aufzunehmen – Serviettenspender sehen, an die Arbeiten der Fotorealisten. Ich möchte dem gerne hinzufügen, dass wir für solche Bilder umso empfänglicher sind, wenn wir einen gewissen Hunger danach verspüren.“ „Das klingt ja interessant“, unterbrach ich ihn. „Könntest du vielleicht einmal ein Beispiel dafür nennen?“ „Beispiele dafür wären ein Western am Freitagabend nach einer erschöpfenden Arbeitswoche oder die langersehnte Mittagspause in einem Diner. So etwas macht uns achtsamer für die kleinen, aber essentiellen Dinge des Lebens.“ „So wie im Zen?“, entgegnete ich. „Ja, so ähnlich könnte man es beschreiben.“

„Weißt du übrigens noch etwas?“, fuhr er fort. „Ja, lass es mich hören“, erwiderte ich.
„Als dieses Fahrzeug, in dem wir uns jetzt fortbewegen, präsentiert wurde, war das amerikanisierte Styling noch etwas Ungewöhnliches. Und weißt du, was der Hersteller getan hat?“, fragte mich Robert. „Etwa das Aussehen wieder europäisiert?“, mutmaßte ich. „Nein, die haben sich etwas viel Klügeres einfallen lassen. Nämlich eine Werbekampagne mit dem Slogan ‚The closer you look, the better it looks‘, so dass – um es mit deinen Worten zu sagen – die Kunden das Sehen gelernt haben.“

Für den Rest der Fahrt schwiegen wir uns an und genossen die Fahrt in Roberts 1972er Cortina. Dann fiel mir ein weiterer Gedanke ein, was ich mit den beschriebenen Gegenständen verbinde.

„Weißt du …“, begann ich zaghaft, „Weißt du, was mir von damals noch in Erinnerung geblieben ist? Als ich im Frühjahr 2007 in einem kleinen American Diner saß, öffnete sich für einen Moment die Tür zu den Räumen des Personals und heraus kam eine junge, freundliche Bedienung, die mir sehr gefiel und die mich anlächelte. Aber ich wusste leider nicht, wie ich mit ihr in Kontakt treten konnte.“

„Das ist immer schwierig, gerade wenn es sich um das Verhältnis zwischen einem Gast und einer Bedienung handelt. Die gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln sind da in der Regel zu abgedroschen und eine romantische Bemerkung wäre fast wieder zu aufdringlich.“ Robert konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, dann setzte er zur Antwort an: „Aber sicher wirst du noch einen Weg finden, dieser Situation von damals einen Sinn zu geben. Übrigens, wir sind gleich am Ziel, bei einem kleinen Adventmarkt in einem Dorf.“

Als wir ankamen, war alles verschneit, aber Robert hatte es nicht schwer, einen Parkplatz zu finden. Wir stiegen aus und mich überraschte das satte, mechanische Geräusch, das das Schließen der Türen verursachte.

„Das sah jetzt aus wie in einem Film“, rief uns jemand zu, der vor einer Glühweinhütte stand. „Ein sehr schönes Kompliment“, entgegnete ihm Robert. „Wie sind Sie denn darauf gekommen?“, fuhr er interessiert fort. „Ich dachte an den Wagen. So etwas sieht man heute nur noch in Filmen. Und mit einem modernen Fahrzeug wirkt das Ganze so unspektakulär“, bekam er zur Antwort. Da setzte ich mit einem Gedanken ein, den ich schon auf der ganzen Fahrt gesponnen hatte. „Wenn es für Sie wie im Film gewesen ist. Könnten Sie uns dann wenigstens erzählen, wie dieser Film ausgeht?“ Von diesem Moment an begann die Person zu fabulieren.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 26147

 

Caro Michele

Sowohl der Autor der Aufzeichnungen als auch die Aufzeichnungen selbst sind selbstverständlich erdacht. So stellt er sich vor, er wäre vor genau zwanzig Jahren in einem Italienischkurs gesessen, der ihn zwar nach einiger Zeit gelangweilt hätte, rückblickend aber doch eine der wichtigsten Momente seines Lebens gewesen ist.

Eine kleine Nebensächlichkeit durchbrach diese Langeweile: eine Kursteilnehmerin, die alleine in der letzten Reihe saß, und zu der ich immer wieder hinüberblickte.

So weit die Banalität. Das kann natürlich vielen geschehen, dass du irgendwo hinkommst, nichts Besseres mit dir anzufangen weißt und dann dein Blick schweift und irgendwo hängenbleibt.

Aus irgendeinem Grund saß ich dann einmal in der ersten Reihe. Das war zunächst auch nichts Besonderes. Aber dann geschah das Unerwartete. Die andere Teilnehmerin setzte sich unmittelbar neben mich, bat mich, für sie das nächste Mal mitzuschreiben, und gab mir zum Schluss auch ihre E-Mail-Adresse.

Hier könnte die Erzählung zu Ende sein und eventuell ihr Happy End gefunden haben. Das tat sie aber nicht. Stattdessen versuche ich zu erzählen, wie es weitergegangen ist:

Ich schrieb ihr eine pflichtgemäße E-Mail mit den Hausaufgaben der letzten Stunde. Sie antwortete mir und bedankte sich. Da mir der Kurs nicht sonderlich gefiel und ich Angst vor dem Nichtbestehen der Klausur hatte, meldete ich mich ab.

Und hier beginnt die Spurensuche: Warum fühlte ich mich nun auf einmal so pflichtbewusst, dass ich ihr nichts Privates geschrieben und die Adresse sogar gleich danach in meinem Postfach gelöscht hatte?
Der erste Grund war natürlich, dass ich mich ertappt gefühlt hatte und für den Fall gegenseitigen Interesses nicht vorbereitet gewesen war.

Der zweite Grund war natürlich das Fachliche: Schnell habe ich gemerkt, dass ich am Italienischen keine so große Lust empfand und ich zudem annahm, dass sich die andere Teilnehmerin brennend dafür interessierte. Ihr etwas vorzuspielen, empfand ich als unehrlich.

Der dritte Grund ist gleichzeitig der schwierigste. Beim besten Willen verstand ich nicht, was mich damals blockiert hatte. Nenne man es Schicksal oder Vorsehung oder was-auch-immer.

Nun präsentiert sich der Autor selbst und seine Anschauungsweise und möchte gewissermaßen die Gründe verständlich machen, warum er in unserer Mitte aufgetreten ist und hat auftreten müssen. Er meint, es sei letztendlich Sache der Lesenden, der Geschichte einen Schluss zu verleihen.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26131

Ilusión realista

Es war am Anfang keine Herzensentscheidung. Als ich im Sommer 2006 den Spanischkurs besuchte, war ich zunächst frustriert. Doch dann fiel mir eine junge Frau auf, die immer rechts von mir in der hintersten Reihe Platz nahm und dort allein saß. Es wurde für mich zu einer geliebten Beschäftigung, mich immer nach ihr umzudrehen und ihr heimlich beim Lernen zuzusehen.

Wochen vergingen und ich fühlte zunehmend Frust wegen des Kurses, der immer sehr früh begann, und wegen der anderen Teilnehmenden, die auf mich unsympathisch wirkten.

Unerfüllt blieb mein Verlangen nach der jungen Frau in der letzten Reihe.

(Eines Tages fasste ich aber den Entschluss, sie anzusprechen und etwas über meine Interessen zu erzählen. So erzählte ich ihr, dass ich anstelle von Spanisch lieber Griechisch gelernt hätte. Etwas, was mich an dieser Sprache immer faszinierte, war ihre Andersartigkeit. So ist das Wort „Wein“ in den meisten Sprachen dasselbe, beispielsweise „wine“ oder „vino“. Auf Griechisch heißt es hingegen „κρασί“ (Krasí).

Daraufhin entgegnete sie, dass es sie sehr neugierig mache und sie sich gerne tiefer darüber austauschen möchte. Ich bot ihr ein  Treffen an. Da ich bereits das Thema „Wein“ angesprochen hatte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Spaziergang in den Weinbergen außerhalb der Stadt vor. Ich machte den Vorschlage, dass wir uns am Freitagnachmittag am Bahnhof treffen und dann ein Stück mit dem Zug hinausfahren könnten. Als sie dann am Bahnhofsvorplatz ankam, war ich außer mir vor Freude. Sie strahlte noch denselben Charme aus, mit dem sie mich im Sprachkurs verzaubert hatte.

Unsere Gespräche während der Bahnfahrt gingen von ihrer Erfahrung in ihrem früheren Pädagogikstudium hin zu der fotorealistischen Kunst in den USA am Ende der 1960er-Jahre. Sie fand es interessant, dass mir diese neue Art, realistisch zu malen, gefiel denn sie ziehe gegenständliche und realistische Darstellungen den abstrakten und expressiven vor. Sie begeistere sich – so sagte sie mir – für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts – allen voran Vermeer van Delft.

Ich unterbrach sie und erzählte die Anekdote, dass ein antiker Autor von einem Maler berichtete, der Trauben so realistisch malen konnte, dass ein Vogel sich auf dem Bild niederließ und versuchte, die gemalten Trauben anzupicken. So wurde es jedenfalls überliefert.

Sie entgegnete mir, dass sie dieses Beispiel interessant fände, aber ein solcher Ansatz für die Malerei ihr noch nicht weit genug gehen würde. In den Werken der alten Meister sehe sie vielmehr eine ‚Aufbruchstimmung der Menschheit‘, wie sie es ausdrückte.

Abrupt war mit dem Halt des Zuges an dem kleinen Bahnhof des Weinbauernortes unser Gespräch zu Ende und es wäre für mich sicher nicht mehr ratsam gewesen, wieder den Faden aufzunehmen.

Wir beide stiegen aus und schauten uns etwas um, dann schlugen wir den Weg zu den Weinbergen ein. Meine Begleiterin merkte an, wie anmutig sie die Landschaft finde und wie sanft sich die Weinberge an den Hügel schmiegten, ähnlich einer Himmelsleiter.

Unser neues Gesprächsthema waren Reisen, was uns die erste Meinungsverschiedenheit bescherte. Meine Meinung war es, dass es sich lohnte, eher ungewöhnliche Reiseziele zu besuchen, und ich untermauerte meine These mit Ländern wie Bosnien-Herzegowina oder Tadschikistan, die nur wenige andere Menschen bereisten. Es sei daher ein großer Vorteil, dort gewesen zu sein.

Sie aber behauptete, dass es wichtiger sei, kulturelle Schätze gesehen zu haben, dies seien bedeutende Bauwerke und Kunstmuseen. Gleichzeitig sagte sie mir, dass es einen großen Unterschied zwischen Weinländern und Bierländern gäbe, wobei sie die Weinländer bevorzuge. Daraufhin wollte ich eine Begründung dafür wissen, sie sagte mir nur, der Unterschied sei die Leichtigkeit, mit der die Dinge des Lebens betrachtet würden.

Wir genossen beide noch die Aussicht und sie gestand mir, dass es das erste Mal überhaupt gewesen sei, dass sie einen Weinberg zu Gesicht bekam. Der Eindruck sei noch erhabener, als sie es sich vorgestellt hatte.

Wir setzen unsere Gespräche noch mit ein paar Belanglosigkeiten fort, die die Lesenden nicht interessieren dürften, danach fuhren wir mit einem alten Regionalzug, der ein paar Minuten Verspätung hatte, in unsere Universitätsstadt zurück.

Als wir uns am späten Nachmittag am Bahnhofsvorplatz verabschiedeten, fragte ich sie, wie es ihr gefallen habe, und sie entgegnete, dass es wie beim Wein sei, den man nur einmal wirklich genießen könne. Dies stimmte mich traurig und ich verlor jede Hoffnung.

Die Spanischstunde fing wieder früh an. Ich schaffte es gerade, mich in den Übungsraum zu schleppen, rechts von mir in der hintersten Reihe saß sie wieder. Auf den Unterrichtsstoff konzentrierte ich mich leidlich und blickte wieder heimlich ein paar Mal zu ihr herüber. Endlich war die Stunde vorbei und die anderen Studierenden verließen den Raum. Nur sie blieb sitzen und ich schaute wie gebannt zu ihr herüber. Sie öffnete ihre Jausenbox, entnahm eine Rispe mit roten Weintrauben und verschlang sie alle auf einmal.

Bei ihrem Anblick hoffte ich auf ein Wiedersehen im Griechischkurs im nächsten Semester.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26040

Der Junge will doch was essen

Ich erinnere mich noch an das Jahr 2004. Dies war ein Jahr, in dem ich kurz vor dem Abitur stand, innerlich aber sehr frustriert war.

Natürlich hätte es nur wenig gebraucht, um diesen Frust überwinden zu können, aber das habe ich zu dieser Zeit noch nicht gewusst. Zu dieser Zeit war ich auch relativ isoliert, was an und für sich nichts Schlechtes gewesen wäre, denn das Gehabe meiner Schulfreunde war ohnehin kindisch und nicht auf meinem Niveau.

Andererseits war gerade dass, was mich frustrierte, genau das eine große Thema, welches alle Jugendlichen – manche mehr, manche weniger – betrifft. Ich denke, dass es überflüssig ist, es zu erwähnen.

Meine Familie ging immer sehr nüchtern damit um: „Das braucht man nicht.“, „Das kommt noch früh genug.“ Die Reaktion meiner Großeltern war immer, als ich mich unwohl fühlte: „Der Junge will doch was essen.“ Und dieser Satz kam auch, wenn ich eigentlich ganz andere Wünsche hatte.

In diesem bereits erwähnten Jahr 2004 fuhren wir zu einem Outlet-Center für Schuhe. Während mein Bruder die Turnschuhe heraussuchte, die in seiner Klasse als die coolsten galten, schlenderte ich einen Gang entlang, auf dem mir ganz plötzlich eine junge Frau um die 30 entgegenkam, die mir sehr gefiel. Ich weiß noch, dass sie eine sehr schöne gestreifte Hose und eine elegante Nickelbrille trug. Es gelang mir aber nicht, ob meiner Schüchternheit, sie anzusprechen.

Als ich wieder bei meiner Familie war und ich sagte, dass ich mich langweilte, bekam ich Geld, um im Selbstbedienungsrestaurant etwas zu essen. Während ich mir einen Teller mit Nudeln nahm, bezahlte und zu meinem Tisch trug, sah ich teilnahmslos das Essen an und dachte noch einmal über die Begegnung nach. Es erschien mir chancenlos, mit Menschen, die mir gefielen, in Kontakt zu kommen, und die Einstellung meiner Familie zu diesem Thema war mir nicht gerade hilfreich.

In diesem Moment ging ich noch einmal tief in mich, dabei bemerkte ich, dass ich für längere Zeit überhaupt nichts dachte und mein Atem sich beruhigte.

Ich verstaute mein Tablett im dafür vorgesehenen Wagen und als ich zurückkam, konnte ich meinen Augen nicht trauen:

Die Frau, der ich vorhin begegnet war, saß an einem anderen Tisch und trank eine Tasse Tee.

Nun wusste ich, dass ich eine zweite Chance bekommen hatte, fühlte mich aber immer noch zu verlegen, um sie anzusprechen.
Aber was hätte ich in dieser Situation tun sollen?

Natürlich wusste ich, dass mein Bruder bei der Auswahl seiner Turnschuhe sehr wählerisch war und ich mich deshalb nicht beeilen musste. Es ging mir eher darum, dass ich etwas sagen wollte, mir aber die Kehle zugeschnürt war.

Daraufhin kam mir der Gedanke, dass ich mich jetzt entscheiden müsse: entweder zu meiner Familie zurückkehren in den ganzen langweiligen, verklemmten Trott oder mir etwas Nettes überlegen, was ich dieser Frau sagen könnte.

Während ich nachdachte, merkte ich, dass ich sie die ganze Zeit angeblickt hatte, und sie begann, meinen Blick zu erwidern.

In diesem Moment nahm ich all meinen Mut zusammen, ging zu ihr und sagte: „Ich weiß, dass ich eigentlich noch zu jung bin, aber ich wollte nur sagen, dass Sie mir sehr gefallen. In meiner Familie heißt es immer, wenn ich eine Gänsehaut bekomme, ‚Der Junge will doch was essen‘. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Sie antwortete nicht, aber begann zu lächeln. Diese Reaktion hat einen anderen Menschen aus mir gemacht.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25216

Die Zeit vor der Zeit

Ich gestehe: In der Welt bin ich früher nicht sehr herumgekommen. Nicht nur, dass ich keine Möglichkeit dazu hatte, sondern auch, dass mich Reisen im Kopf mehr befriedigten.
Dazu bedurfte es nicht einmal eines Weltatlas.

In Berichten im Fernsehen, in Filmausschnitten, in Blogs erkannte ich das Lebensgefühl der Hippie-Generation: Frei sein, high sein, überall dabeisein. Was aber leider schon Vergangenheitsform für mich hatte.

Damals wollten alle nach Indien. Und wenn nicht dorthin, so doch wenigstens nach Istanbul oder nach Portugal. Es bedurfte nicht immer eines eigenen Fahrzeugs, manchmal reichte auch das Interrailticket oder der Autostopp. Wonach strebten sie damals? Nach Exotik? Nach Begegnungen? Nach Der-Weg-ist-das-Ziel-Erfahrungen?

Die Welt hat sich gedreht. Aber wäre es möglich, dies zu wiederholen?

Reisen ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir reisen immer weiter, immer öfter. Und welchen Sinn hat das dann noch, wenn wir das Reisen in unsere Innenwelt verlernen?

In meinem Kopf ging ich den alten Reiseberichten noch einmal nach. Und mein Plan war drauf und dran zu gelingen: Ich recherchierte Reisewege und informierte mich über verschiedene Länder. Und ich bekam eine Vorstellung von den Eindrücken, von den Worten, die auf diesen Reisen gewechselt wurden.

Bruchstückhaft holte ich diese Erfahrung später mit eigenen Reisen an die damaligen Orte, nun aber in der Jetztzeit, nach.

Ich bestaunte den Torre de Belém. Und den Weißen Turm. Ich badete im Atlantik und überquerte den Bosporus.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25233

Die „feinen Leute“

„Was die alles weiß!“, sagte mein Bruder über seine ehemalige Lehrerin, „die hat uns die ganzen Kirchen gezeigt.“ „Und wie sie Latein übersetzt hat – wie ein Maschinengewehr. Das nenne ich Bildung. Alte humanistische Schule.“

„Zuerst dachte ich“, fuhr mein Bruder fort, „dass das Treffen bei ihr zuhause langweilig werden würde. Aber da habe ich mich gründlich geirrt. In jedem ihrer Bücher eine Notiz. Und zum Essen gab es nur Schinken. Da weiß man nämlich, was drin ist.“ „Ach“, seufzte mein Bruder, „das sind wirklich feine Leute.“

Als ich dies hörte, war ich zunächst skeptisch, ließ mich aber nach und nach von seiner Begeisterung anstecken. Da ich auch Schüler dieser besagten Lehrerin gewesen bin, kam ich auf den Gedanken, ihr eine E-Mail zu schreiben. Ich malte mir schon aus, was für ein fruchtbarer Austausch entstehen könnte, deshalb machte ich eine Anfrage an ihrer jetzigen Schule. Und in der Tat: Nach ein paar Minuten kam eine herzliche Antwort, dass sie sich sehr freue, von mir zu hören. Also schrieb ich ihr eine kurze Nachricht. Eine weitere Antwort ließ aber auf sich warten und blieb schließlich gänzlich aus.

Ja, ja. Die „feinen Leute“, dachte ich mir.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25190

Zwei belanglose Geschichten

Eins

Manchmal denke ich noch an damals, es muss ein Sommertag gewesen sein, zu Beginn der 2010er Jahre. Ich stieg in Heiligenstadt in die U4 und sah, dass eine junge Frau links von mir Platz nahm. Von ihr ist mir in Erinnerung geblieben, dass sie sich gleich auf die erste freie Bank hinter der Tür setzte und dass ihre Wangen rot waren. Ob ich sie damals angesprochen habe, weiß ich nicht, und wenn ja, dann sicher nur etwas Belangloses. Ich könnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob es eine Touristin oder eine Wienerin gewesen ist. Sie wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen, wenn nicht ihr Kleidungsstil dem einer guten Bekannten ähnlich gewesen wäre. Wohin sie fuhr, weiß ich leider nicht.

 

Zwei

An einem warmen Sommertag kam ich aus dem vierten Bezirk zurück. An einer Ampel sah ich eine junge Frau in Plateausandalen, die über die Straße ging. Dabei waren die Bässe aus einem vor der Ampel stehenden Auto zu hören. Die junge Frau schien im Rhythmus dieser Musik über die Straße zu gehen und stieg in die U4 in der Kettenbrückengasse ein. Ich weiß nicht, warum ich ein solches Glück hatte, aber sie stieg gemeinsam mit mir an der Haltestelle Friedensbrücke aus. Als sie die Station verließ, ging sie wieder bei einer Ampel über die Straße. Diesmal fehlte mir die Musik. Aber ich spürte ein kleines Glücksgefühl, sie in einem anderen Bezirk noch einmal sehen zu dürfen.

Ich bin mir bewusst, dass es so viele Menschen gibt, die nur an einem einzigen Tag die U4 benützen. Und ich weiß auch, wie flüchtig die Begegnungen der Menschen zueinander in der U-Bahn sind. Rückblickend hätte ich gerne den beiden Frauen etwas Nettes gesagt, aber ein ungeschriebenes Gesetz hält die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Distanz.

Natürlich weiß ich auch nicht, ob es den beiden Frauen gefallen hätte, angesprochen zu werden.

Gerne hätte ich ihnen aber die Wertschätzung zuteilwerden lassen, die sie verdient haben.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 25122

 

 

 

 

 

 

Le vrai amour³

Eins

Kurz vor Weihnachten überquerte ich in der Stadt eine Ampelkreuzung. Zwischen den teuren Geländeautos stand ein alter japanischer Kleinwagen. Das Fahrzeug war sehr gepflegt und hatte keine Beule. Am Kennzeichen sah ich, dass es den weiten Weg aus Bukarest zurückgelegt hatte.
Als ich einen Blick durch die Windschutzscheibe erhaschte, sah ich ein Ehepaar, einen Mann am Fahrersitz und eine Frau am Beifahrersitz. Beide waren gut gekleidet, die Frau trug einen Hut und einen eleganten Mantel.
Wie armselig kamen mir danach die großen SUV vor.

Zwei

In einer Radiosendung rief eine Frau zum Thema „Unangenehme Erlebnisse“ an. Sie erzählte selbstbewusst, dass sie bei einem Spaziergang mit ihrem Mann Durchfall bekam. Sie sah eine Sporthalle, zu der sie ging. Als sie eintreten wollte, bemerkte sie, dass die Tür abgeschlossen war. Da sie nicht wollte, dass es in die Hose geht, setzte sie sich an die Hauswand. Als der Radiomoderator einwarf: „Hatten Sie keine Angst, das Ihrem Mann zu erzählen? Hat er geschimpft?“, entgegnete sie: „Ach was, ich habe einen sehr lieben Mann. Er gab mir einen Kuss und scherzte, ich hätte auch ein Gen von einem Hund.“

Drei

Die Klassenbeste bekam in einer Lateinschularbeit in der Oberstufe einmal „Ungenügend“. Mich verwunderte das sehr und ich fühlte mich – wenn ich ehrlich sein darf – auch etwas erleichtert. Ein paar Tage später erzählte sie davon, wie ihre Eltern reagiert hatten. Ich wusste, dass es an meiner Schule gute Schüler gab, die schon bei einer Eins minus in Tränen ausbrachen. Die Reaktion der Eltern war folgende: Der Vater der Schülerin holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und die Familie stieß an. Dabei sagte er: „Wenn meine Tochter einmal ein Ungenügend hat, muss das gefeiert werden.“

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25112

Blockade

Es war damals im Sommer 2006. Ich hatte mich für den Spanischkurs an der Uni entschieden, obwohl meine Motivation dafür noch zu unterschwellig gewesen war. Schnell war auch die erste Stunde vorbei und wir wurden uns gegenseitig vorgestellt. Bei meinen nächsten Besuchen des ordentlich früh beginnenden Kurses sah ich auf der Bank rechts hinter mir eine Studentin, die mir sehr gefiel und zu der ich oft hinüberblickte. Damals hatte ich aber noch nicht den Mut, sie anzusprechen. Es vergingen ein, zwei Monate und die Spanischstunden waren mehr oder weniger dieselben.

Als der Kurs Mitte Mai früh anfing, setzte sich diese junge Frau unvermittelt neben mich, sagte, dass sie nicht in die nächste Stunde kommen könne und ich für sie dann mitschreiben solle. Mit dem Bleistift schrieb sie ihre E-Mail-Adresse auf mein Blatt und verabschiedete sich.

Was dann geschah, weiß ich leider nicht mehr so genau. Ich erinnere mich daran, dass ich ihr eine E-Mail, in der die Hausaufgaben standen, schickte, aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was danach geschah.

Auf jeden Fall hätte ich diese junge Frau kennenlernen wollen, aber irgendetwas hielt mich davon ab, sie zu kontaktieren. Da ich mich in dem Kurs unwohl gefühlt hatte, meldete ich mich kurze Zeit danach ab. Ich sah die Studentin noch einmal an einem Abend vor dem Wohnheim, aber meine Blockade verschwand nicht.
Und dann denkst du dir: Wenn du schon einmal die E-Mail-Adresse hast – warum hast du ihr nicht geschrieben? War es Angst vor Zurückweisung? Schüchternheit? Auch heute weiß ich keine Antwort mehr.

Jahre vergingen, und obwohl ich mich später wieder an sie erinnerte, habe ich ihr nicht geschrieben.

Erst nach neun Jahren wieder eine schüchterne E-Mail. Ich erinnere mich noch daran, dass ich danach im Fernsehen eine Folge „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“ sah, als ich gespannt auf eine Antwort wartete.
Aber die Antwort blieb aus.

Später versuchte ich es erneut mit E-Mails, die nun ausführlicher geworden sind. Aber auch sie wurden nicht beantwortet.

Was ich zwischenzeitlich auch noch bemerkte, war, dass sich vieles von dem wiederholte, was ich neun Jahre davor erlebt hatte. Ich wusste, dass ich die Hobbys von damals nach dieser Zeit wieder aufnehmen musste, aber in einer besseren, intellektuelleren Form. Ein Beispiel waren die Western, die ich spät abends im Fernsehen sah und die mir guttaten. Am besten gefielen mir die klassischen US-Western, aber auch einige Italowestern. Ich nahm die Stimmung nun bewusster wahr, und auch die Landschaft und die Sonnenuntergänge, die ich mit denen aus der italienischen Landschaftsmalerei verglich.

Auch das Reisen nahm ich nach einer mehrjährigen Unterbrechung wieder auf. Wie beim Film nahm ich auch im Urlaub Eindrücke viel besser wahr und konnte mehr über die anderen Länder erfahren.

Aber am allermeisten hoffte ich darauf, dass sie sich bei mir melden würde und ich die Jahre, die mir verlorengegangen sind, mit ihr nochmals erleben könnte.
Also entwarf ich ein Szenario, in dem ich ihr etwas über mich und meine Motivation für den Spanischkurs schreiben wollte. Ich könnte auch anführen, dass es mir damals nicht so gut gefallen hat und dass ich – auch etwas überstürzt – den Kurs gewechselt habe. Danach würde ich ihr einen Rat geben, nämlich sich für Kultur zu interessieren, wenn sie es nicht ohnehin schon täte, und ihr von meinen Leseerfahrungen erzählen. Außerdem wollte ich ihr von meinen Vorlieben für Reiseländer – dies waren inzwischen der Ferne Osten und Griechenland geworden – berichten.

Und auf einmal merkte ich, dass sich inzwischen in mir etwas verändert hatte. Ich war viel achtsamer geworden. Es überraschte mich, dass mir diese Bekannte einmal unvermittelt zurückschrieb und dabei anmerkte, dass sie sich nicht mehr genau an diese Zeit erinnern könne, es aber schön sei, dass ich ihr so viele positive Gedanken entgegenbrachte. Sie könnte sich gut vorstellen, dass wir uns einmal in einer Eisdiele treffen.

Nach neun Jahren endlich wieder ein Treffen. Ich wusste gar noch nicht genau, worüber ich mit ihr hätte sprechen können, und für den Fall, dass ich in Verlegenheit geriete, überlegte ich schon vorher einige Stichworte. Es waren die bereits erwähnten Themen, aber ich wollte sie auch noch überraschen.

Das Treffen verlief noch schöner, als ich es erwartet hatte. Es überraschte mich doch sehr, dass sie so nachdenklich war und mir recht gab, dass es besser sei, Bücher zu lesen, auch wenn deren Handlung frei erfunden sei, als nur Tratsch weiterzugeben oder Stammtischgespräche über Politik zu führen. Sie erzählte außerdem, dass auch sie sich in dem Spanischkurs nicht wohlgefühlt und ihn im darauffolgenden Semester abgebrochen hatte. Die Jahre darauf waren vom Berufseinstieg geprägt – sehr viel Stress –, aber es gab auch schöne Momente, wie Urlaube.

Auch ich wollte noch darauf eingehen, was ich in den letzten neun Jahren getan hatte, und fasste zusammen, was ich gelernt hatte: „Es ist am wichtigsten, bewusster – auch auf die kleinen, zunächst unscheinbaren Dinge – zuzugehen. Wir lernen bald, nur das Große, Erhabene zu ehren, und wir schätzen andere, alltägliche Erfahrungen, die wir für trivial oder unbedeutend halten, klein und das möchte ich an einem Beispiel zeigen: Wie sehr gefielen mir die Spaziergänge im Hain, die Abende bei einem Film vor dem Fernseher oder auch nur ein Besuch in einem Café, aber vor neun Jahren habe ich das noch nicht so wahrgenommen und wollte lieber etwas Großes erleben. Eine Expedition, möglicherweise. Heute wäre ich glücklich, ich könnte einen Vormittag in der Kleinstadt flanieren und dabei ein paar Kuriositäten in den Schaufenstern entdecken oder mit einigen Menschen ins Gespräch kommen.“ Dabei unterbrach mich meine Gesprächspartnerin und sagte: „Genauso ging es mir auch. Aber ich habe relativ früh schon Erfahrungen gemacht, die mich glücklich gemacht haben – in meiner Arbeit als Pädagogin oder bei Spieleabenden. Da habe ich wirklich einige sehr schöne Stunden erlebt.“

„Eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass sich doch vieles im Laufe der Jahre zum Besseren entwickelt hat. Es war doch meistens übertrieben, zu denken, dass mir doch nichts gelingt, wenn es nur etwas Zeit gebraucht hat, dass sich die Dinge geklärt haben.“  Sie erwiderte: „Das stimmt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so gut deutsch spreche, aber mit der Zeit ist dies von alleine gekommen.“

„Ein Drittes wäre die Nostalgie. Wenn ich alte deutsche Filme aus den 1970er Jahren sehe, empfinde ich eine Sehnsucht nach der Mode und dem Design und möchte gerne wieder in einer Zeit leben, in der ich noch nicht geboren war. Aber es gibt ja zum Glück Schallplattenläden, die diese Sehnsucht etwas stillen können.“ „Oder Vintage-Läden“, warf sie ein. „Dort habe ich selbst schon einige schöne Sachen gefunden.“

Inzwischen fühlte ich dasselbe Behagen, das ich damals gespürt habe. Ich merkte, dass unser Gespräch nun zu einem Ende kommen würde, deshalb kam ich zu meiner Überraschung: „Da ich damals sehr schüchtern gewesen bin, dich aber immer toll fand, möchte ich mit dir etwas unternehmen, sozusagen etwas nachholen, was ich vor neun Jahren mit dir gerne getan hätte.“ „Und was wäre dies?“, fragte sie aufgeregt. „Ich hätte gerne mit dir einen Ausflug in eine andere Stadt gemacht. In keine Großstadt, sondern in eine der Nachbarstädte. Wenn ich mich damals mehr getraut hätte, wäre ich gerne mit dir nach Aschaffenburg gefahren, wir hätten die Stadt besichtigt und es uns in einem Park gemütlich gemacht. Bist du damit einverstanden, dass wir das nach neun Jahren nachholen?“

„Einverstanden!“, sagte sie, dabei spürte ich in ihrem Gesicht so etwas wie Herzenswärme.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25078